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2 Forschungsjournal NSB, Jg. 15, Heft 4, 2002

Etablierte Herausforderer?

Akteure und Diskurse der Umweltpolitik

Was waren das noch für Zeiten, als die Umweltbewegung

für Furore sorgte. Große Mobilisierungen

und die ,Ökos' als fest Größe im Straßenbild

waren offensichtliche Anzeichen für

die Stärke der Bewegung. Da bleibt heute das

Resümee weit verhaltener. Immer wieder wird

das Fehlen großer Umweltproteste konstatiert

und radikaler Protest ist in den Augen vieler

fast ausgestorben. Mit geradezu stoischer Ruhe

werden die Szenarien der Klimakatastrophe

aufgenommen und dann weitgehend ignoriert.

Die Dynamik einer Bewegung, die vernachlässigte

Themen auf die politische Tagesordnung

setzt und Lösungen einfordert, scheint in weiter

Feme zu liegen. Die Umweltbewegung, so

ein verbreiteter Eindruck, ist zu einem zahnlosen

Tiger geworden.

Doch ist dies nur die eine Seite der Medaille.

Systematische Betrachtungen lassen Zweifel

aufkommen an dieser pessimistischen Sicht.

So sind Umweltproteste keineswegs verschwunden

(Rucht/Roose 2001, Rootes in diesem

Heft). Der Widerstand gegen die Atommülltransporte

schienen wie ein „Comeback

der Umweltbewegung" (Kolb 1997). Die Mitgliederschaft

der großen Umweltverbände ist

in den 1990er Jahren nicht etwa geschrumpft,

sondern deutlich angestiegen (Roose/Rucht in

diesem Heft). Diese Befunde wecken zumindest

Zweifel an den Krisendiagnosen. Die Betrachtung

der zivilgesellschaftlichen Akteure im

Umweltbereich in Deutschland ergibt ein differenzierteres

Bild. Ein genauer Blick auf die

Organisationen und Verbände der Umweltbewegung

macht deutlich, dass sie keineswegs

verschwunden sind. Vielmehr sind sie Teil der

,normalen' Landschaft von Interessenvertretern

geworden. Sie sind in Beratungsgremien

vertreten und melden sich routinemäßig zu

Wort, wenn es um die ökologische Beurteilung

von Politik geht. Anders als in den frühen

Jahren der Bewegung sind Proteste nicht mehr

notwendige Bedingung, um öffentlich Gehör

zu finden. 1

Gleichzeitig haben die Proteste

vielfach ihr überraschendes, zum Teil auch

skandalöses Moment verloren, womit die Schere

zwischen öffentlichem Eindruck und wissenschaftlichem

Befund der Protesthäufigkeit

erklärt werden kann. Die Vertreterinnen der

Umweltbewegung sind von herausfordernden

Außenseitern zu etablierten Herausforderern

geworden.

Der Blick allein auf Umweltverbände und die

Umweltbewegung reicht aber nicht aus, um die

Dynamik der letzten Jahre zu erfassen. Eine

Reihe weiterer Entwicklungen haben die politische

Behandlung der Umweltprobleme

grundlegend verändert. Es gilt, diese Gesamtdynamik

von Diskursen und Akteuren der

Umweltpolitik zu berücksichtigen. Erst eine

solche Gesamtschau ermöglicht eine Einschätzung

der politischen Bedeutung des Umweltthemas.

In diesem Feld können dann die Umweltorganistionen

und die Umweltbewegung

in ihrer Rolle neu bewertet werden.

An dieser Stelle sollen zwei zentrale Dimensionen

dieser Veränderungen aufgegriffen werden:

die Entwicklungen einer Umweltdiskussion

auf globaler Ebene mit der Ausstrahlung

insbesondere der Konferenz von Rio de Janeiro

1992 und die Veränderungen der politischen

Landschaft auf europäischer und nationaler

Ebene.

1 Umwelt und die globale Dimension

Zu den wesentlichen Entwicklungen der letzten

Jahre, die auch für die Umweltpolitik von

entscheidender Bedeutung waren, gehört das

Phänomen der Globalisierung. Dass Umweltprobleme

in vielen Fällen über das Lokale

hinausreichen und an nationalen Grenzen nicht

halt machen, ist keine neue Erkenntnis. Doch

mit der Konferenz von Rio de Janeiro 1992 ist

die globale Ebene als Diskussionsforum und

möglicher Regulationszusammenhang sieht-

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