Vollversion (7.42 MB) - Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen

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Forschungsjournal NSB, Jp. 15, Heft 4, 2002 49

Christopher Rootes

Besonderheiten der Umweltbewegungen

Umweltproteste in Deutschland im EU-Vergleich

In der Diskussion über die ,Neuen sozialen Bewegungen'

wurde viele Jahre von einem Land

aus generalisiert: von Deutschland. Einem Verständnis

gerade der Besonderheiten von Bewegungen

in anderen Ländern, aber auch der deutschen,

stand diese Generalisierung im Wege. Um

die Spezifik der Bewegungen zu verstehen und

dann in ihrer Entstehung zu erklären, braucht es

eine ländervergleichende Perspektive.

Im Folgenden gehe ich kurz auf den Forschungsstand

ein, um dann anhand von Daten

aus einer ländervergleichenden Studie die Entwicklung

von Umweltprotesten, ihre Radikalität

und Themen sowie die Protestnetzwerke in

sieben europäischen Ländern vorzustellen. Abschießend

wird die Frage der Lokalisierung

von Protesten und die Bedeutung der nationalen

Kontexte diskutiert. Bei der Suche nach

Erklärungen gilt mein Interesse sowohl der jeweiligen

Situation als auch möglichen methodischen

Problemen. 1

1 Stand der Forschung

Bisher sind systematisch vergleichende Studien

der Umweltbewegungen Westeuropas erstaunlich

selten. Russell Dalton betrachtet in

seiner bekannten Studie „The Green Rainbow"

(1994) ausschließlich Bewegungsorganisationen.

Formale Organisationen sind zwar ein

wichtiger Bestandteil einer Bewegung, machen

allerdings keineswegs die gesamte Bewegung

aus. Die Aktivitäten von Umweltbewegungen

werden zu einem wesentlichen Teil von Aktivisten

getragen, die nur locker organisiert sind,

gerade wenn es um lokale und nicht nationale

Mobilisierungen geht. Der Sammelband von

Rootes (1999) umfasst Beiträge aus mehreren

Ländern Europas sowie aus den USA, zum

Teil auch mit Blick auf Umweltproteste.

Allerdings ist die Untersuchungsanlage der

Beiträge unterschiedlich, weshalb es sich nicht

im strengen Sinne um eine vergleichende Studie

handelt.

Um die wissenschaftliche Diskussion über

Umweltbewegungen weiterzuentwickeln, wurde

das TEA-Projekt [Transformation of Environmental

Activism) ins Leben gerufen: eine

Untersuchung der Umweltbewegungen aus sieben

westeuropäischen Ländern (Deutschland,

Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien,

Schweden und Spanien) sowie dem Baskenland.

Mit den späten 1980er und den 1990er

Jahren stand der Zeitraum im Fokus, in dem

Umweltschutz zu einem etablierten Politikfeld

wurde. Um den Charakter dieser nun erwachsen

gewordenen Bewegung zu erfassen, wurden

drei Teilstudien durchgeführt: eine quantitative

Untersuchung von Zeitungsberichten zu

Umweltprotesten, eine quantitative und qualitative

Befragung von Umweltorganisationen

und Fallstudien zu lokalen Umweltaktivitäten.

Verschiedene Autoren haben für die frühen

1990er Jahre einen Niedergang der Umweltbewegungen

Westeuropas angenommen. Eyerman

und Jamison (1991) vermuteten, dass die

Umweltbewegung sich institutionalisiert und

ihren systemkritischen Anspruch aufgegeben

habe. Jordan und Maloney (1997) konstatierten

eine Veränderung von Umweltorganisationen

zu „Protest-Unternehmen", die vor allem

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