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Besonderheiten der Umweltbewegungen 51

3 Radikalität von Protest

Angesichts der Thesen über eine Institutionalisierung

und Entradikalisierung der deutschen

Umweltbewegung (u.a. Brand 1999, Blühdom

1995) überrascht es, dass insgesamt die Proteste

in Deutschland häufiger konfrontativ und

sogar gewalttätig sind als in allen anderen untersuchten

Ländern. Die gewalttätigen Proteste

nahmen sogar gegen Ende des Untersuchungszeitraumes

zu. Allerdings ist trotz der

Faszination der Massenmedien für Konfrontation

und Gewalt die große Mehrheit der berichteten

Proteste moderat oder konventionell.

Konfrontative und gewalttätige Proteste machen

in Deutschland und Großbritannien etwa

ein Drittel der national berichteten Proteste aus.

Der Anteil liegt in Griechenland bei 25 Prozent,

in Frankreich, Italien, Schweden und Spanien

bei unter 20 Prozent. In Italien nahmen

konfrontative Proteste im Untersuchungszeitraum

deutlich ab.

Während insgesamt kein Trend hin zu einer Radikalisierung

zu beobachten ist, lohnt ein genauerer

Blick auf Großbritannien und Deutschland.

Im Vereinigten Königreich haben zwar in den

1990er Jahren konfrontative Proteste dramatisch

zugenommen, allerdings blieben gewaltsame Aktionen

selten und beschränkten sich weitgehend

auf das Thema Tierrechte, die innerhalb der britischen

Umweltbewegung eine weitgehend isolierte

Fraktion begründen (Rootes 2000). In

Deutschland dagegen gab es über die gesamte

Dekade einen etwa konstanten Anteil an konfrontativen

Protesten. Sachbeschädigungen und

Proteste, die eine Verletzung von Personen in

Kauf nehmen, wurden dagegen ab 1994 häufiger,

wenn auch auf niedrigem Niveau. Zwischen

1994 und 1997 war insgesamt der Umweltprotest

in Deutschland wesentlich konfrontativer, zum

Teil auch gewalttätiger als während seiner Hochzeit

1988/1989. Dabei war das dominante Thema

über die gesamte Zeit gleich: Atomenergie.

4 Protestthemen:

nationale Besonderheiten

Die Prominenz der Atomenergie als Protestthema

ist eine deutsche Besonderheit; in keinem

anderen Land war es das dominante Thema.

In der Mehrzahl der Umweltproteste in

Deutschland ging es um Atomenergie und dieses

Thema wird von fast allen Kräften der Bewegung

mit getragen. Nur 1993 machten Anti­

Atom-Proteste weniger als ein Drittel der gesamten

Umweltproteste aus. Selbst in den Jahren

mit den wenigsten Anti-Atom-Protesten war

das Thema in Deutschland von größerer Bedeutung

als in jedem anderen Land Westeuropas.

In Frankreich, wo die Auseinandersetzung

um Atomenergie in den 1970er Jahren von großer

Bedeutung war, hatten im Untersuchungszeitraum

kaum mehr als 20 Prozent der Proteste

dieses Thema und der Anteil ging ab 1994

noch weiter zurück. In Großbritannien drehten

sich weniger als 5 Prozent der Proteste um

Atomenergie, fast ausschließlich getragen

durch Greenpeace. Als in Deutschland eine Protestwelle

gegen Atommülltransporte entstand,

waren Anti-Atom-Proteste in den anderen Ländern

praktisch verschwunden.

Auch in den anderen Ländern weisen die Themen

der Umweltproteste Besonderheiten auf.

In Spanien war Wasser ein wichtiges Thema;

Großbritannien und Schweden waren die einzigen

Länder, in denen Tierrechte einen nennenswerten

Anteil der Proteste ausmachten.

Umweltverschmutzungen wurden in allen Ländern

thematisiert, allerdings nahm ihre relative

Bedeutung in Italien und Großbritannien leicht

ab, in Deutschland, Griechenland und Schweden

war der Rückgang noch deutlicher. Die

Regierungen in den Ländern der EU haben in

den letzten Jahren die Bedeutung dieses Problems

erkannt und nachdem selbst die zögerlichsten

eine Umweltgesetzgebung implementiert

haben, dürften die offensichtlichsten For-

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