II. Vaticanum – Fünfzig Jahre danach - FreiDok

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Angst vor Neuem, sondern ein Gott, der dazu aufruft, den Schritt in das Leben der

Freiheit zu riskieren.

Hermann Krings, weiß Gott eines unreflektierten Modernismus unverdächtig, hat

aber bereits im Jahr 1972 angemerkt: „Angst bringt Enge und kommt auch von En-

ge, und ihre Folge ist die Abkapselung. Die Angst der Kirche und das Ghetto, in

das sie gegangen ist, gehören zusammen.“ 1 Krings hatte im gleichen Atemzug der

auf Tradition erpichten Kirche ein katastrophales Zeugnis ausgestellt. Krings sieht

sich veranlasst, „von einem Traditionsabbruch der Kirche in der Neuzeit zu spre-

chen“ und stellt sich die Frage, „ob heute Theologie und Kirche trotz dieses ihres

Traditionsabbruches, das heißt: ohne eine Freiheitstradition“, in der Lage sei, „nun

auf einmal Freiheit als ihre Chance zu realisieren“ (S. 47). Wolle Kirche eine „le-

bendige Gemeinde“ sein, so ginge dies nur, wenn sie „den Anschluss an diese

Tradition“ finde und Freiheit ist ihre biblisch begonnene Tradition. Die Theologie

hat zumindest in Teilen Freiheit als ihr Prinzip realisiert.

Ob dieses Prinzip auch im Lehramt anerkannt ist, daran sind erhebliche Zweifel

anzumelden. Die Dauerkonflikte im Katholizismus lassen sich jedenfalls so begreif-

lich machen, dass das Volk Gottes auf breiter Basis längst in der Moderne ange-

kommen ist eine Kirche der Freiheit sein will und ist. Mit Protestantisierung hat

diese Praxis vor Ort nichts zu tun. Sondern mit biblisch provozierter Aufklärungs-

praxis, mit der Sehnsucht nach einem freiheitsachtsamen Gott, der die Lust am

Leben gutheißt und gerade deshalb Gerechtigkeit will, mit dem Glauben an die

unendliche Würde der menschlichen Freiheit. Und auch nur so wird die Kirche ih-

rem Weltauftrag nachkommen können. In den Worten von Hermann Krings: „Die

Kirche könnte in Zukunft ein Ferment des freien und sinnvolleren Lebens sein und

dadurch nicht nur ihrem eigenen Sinn und Auftrag in der Gesellschaft und Welt

wieder besser genügen, sondern zugleich für die Gesellschaft ein Angebot sein,

dessen diese dringend bedarf und das vielleicht allein von einer Kirche der Freiheit

gemacht werden kann“ (S. 73). Wie gesagt, Krings hat diese Worte bereits 1972

gesprochen und sie mahnend gemeint. An Aktualität haben sie nichts verloren.

1 Hermann KRINGS antwortet Eberhard SIMONS: Freiheit als Chance. Kirche und Theologie

unter dem Anspruch der Neuzeit. Düsseldorf : Patmos, 1972 (Das theologische

Interview. 29), S. 29. Folgende Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Publikation.

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