Vollversion (6.59 MB) - Forschungsjournal Soziale Bewegungen

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FORSCHUNGSJOURNAL NSB, JG. 9, HEI I -1, 19%

Welche Wirkungen haben soziale Bewegungen?

Auf diese Frage gibt es keine einfachen

Antworten. Die Frauenbewegung hat sicherlich

nicht nur im Sprachgebrauch deutliche

Spuren hinterlassen. Fragen nach Gleichbehandlung

und Quote gehören trotz eines nur

graduellen Wandels der Realitäten heute zum

Alltag in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Die Anti-Atomkraftbewegung ist zwar ihrem

Ziel, der Abschaltung aller AKW, bisher nicht

sehr viel näher gekommen. Aber keiner der

Beteuerungen der Atomlobby, Atomkraftwerke

seien sicher, wird nach Tschnerobyl noch

vorbehaltlos Glauben geschenkt. Die Umweltbewegung

war in der Beeinflussung der

öffentlichen Meinung vielleicht am erfolgreichsten.

Die Einführung von Katalysator,

Entschwefelungsanlagen, Trennmüll und

vielem mehr ist letztlich ihrem Engagement

zu verdanken

Die Bilanzierung von Wirkungen sozialer

Bewegungen ist schwer zu bewerkstelligen.

Zum einen sind soziale Bewegungen - wie

auch die Politikfelder, in denen sie tätig sind

- schwer eingrenzbar. Weltweite Problemzusammenhänge

entziehen sich einer rein

nationalen Bewertung und selbst im nationalen

Rahmen treffen wir auf Probleme der

Datenlage. Zum anderen müssen vermittelnde

Faktoren und Ebenen von Wirkungszusammenhängen

berücksichtigt werden: etwa

die Ebenen individueller Einstellungen, der

öffentlichen Meinung, des institutionellen

Wandels und der materiellen Politikfolgen

(für die Umweltbewegung siehe den Beitrag

von Dieter Rucht in diesem Heft).

Insgesamt ist feststellbar, daß der Institutionalisierungsgrad

der Protestthemen und

Protestbewegungen merklich zugenommen

hat. Nicht nur die Parteien, sondern auch die

Unternehmen haben sich auf die Protestkultur

eingestellt und sind sensibel geworden,

wenn auch nicht ohne Eigeninteresse: Immerhin

geht es um eine neue Klientel, die es

gesondert anzusprechen und zu bedienen

gilt, will man sie für sich gewinnen. Überdies

haben zwanzig Jahre Protesterfahrung nicht

nur Frustrierung, sondern auch Qualifizierung

mit sich gebracht, so daß viele Aktivisten

in Bewegungsorganisationen und verwandten

Verbänden ihren 'Job' sehr viel

professioneller abwickeln als früher. Von

daher stellt sich nicht nur gesamtgesellschaftlich,

sondern auch für die neuen sozialen

Bewegungen die Frage einer Zwischenbilanz:

Sind die neuen sozialen Bewegungen

heute noch immer die von damals, oder

haben sie sich verändert? Kontinuität oder

Transformation? Am Beispiel der Umweltbewegung

wollen wir nach Wirkungen der

neuen sozialen Bewegungen und ihrem Formwandel

im Spannungsfeld von Kontinuität

und Transformation fragen.

Globalisierungsdebatten und Standortfragen,

Massenarbeitslosigkeit und soziale

Probleme haben in der öffentlichen Meinung

der 90er Jahre ökologische Themen von den

Spitzenplätzen verdrängt. Doch dürfte eine

nachhaltige ökologische Sensibilisierung

der öffentlichen Meinung in den entwickelten

Industriegesellschaften (zur japanischen

Umweltbewegung siehe Willy Viehöver in

diesem Heft) wie auch einer internationalen

Öffentlichkeit (siehe die UNO-Konferenz in

Rio 1992) bei einer Bilanzierung zu den

wichtigsten Erfolgen der Umweltbewegungen

zählen. Hat sich mit der Etablierung eines

ökologischen Deutungsrahmens öffentlicher

Problembeschreibung die Mobilisierungskraft

der Ökologiebewegung erschöpft oder

gar erledigt?'

In der Bundesrepublik sprechen eine anhaltend

hohe Zahl von Protestereignissen und

die dabei beobachtbare Prominenz von