9783833309090 Der Sternengarten.indd - Katrin Burseg

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Prolog

Amsterdam. Zuversichtlich und stolz erhoben sich

die Häuser der Schönen in ihrem Rücken. Dächer,

Türme und Flaggen kündeten vom Selbstbewusstsein

der reichen Stadt. Paläste, Kirchen und

der Grachtengürtel aus schimmernden Kanälen

schmückten das Bild der Kapitale. Und die Handelsmetropole

wuchs – überall stachen Winden

und Kräne wie Fabelwesen in den schiefergrauen

Himmel.

Sophie spürte ein Zittern, das durch ihren Körper

fuhr, und sie atmete schwer. So weit also war

sie gekommen! Doch das war erst der Anfang. Die

Reise würde sie noch weiter führen, über das Meer,

durch die Wüste, in den Sonnenaufgang hin ein, bis

nach Persien. Bis nach Isfahan.

Isfahan – die Perle der Welt! Sie hörte seine

Stimme, Liebe und Zuneigung schwangen da rin.

Die Sehnsucht ließ sie zusammenzucken, sie stolperte,

suchte einen Halt. Ihr Blick fiel auf die Teekisten,

die sich auf dem Kai stapelten. Seufzend

setzte sie sich auf eine davon und zog den schweren

Beutel auf ihren Schoß. Das Buch war da rin, ihre

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Aufzeichnungen und Notizen über das Gottorfer

Mirakel, das geheime Wissen über das noch junge

Wunderwerk. Auf den Wassern des IJ schwamm das

Mittagslicht, von den Reflexionen des Meeresarmes

geblendet schloss sie für einen Moment die Augen.

»Unterwegs?« Die fremde Stimme klang freundlich,

fast besorgt. Ein Schatten fiel auf sie herab.

Sophie öffnete die Augen. Ein älterer Herr stand

vor ihr, auf einen geschnitzten Gehstock gestützt.

Der schon sprichwörtliche Reichtum der Amsterdamer

Kaufleute kleidete ihn in ein teures Gewand,

Fuchsfell säumte den Kragen. Unter dem dichten,

grauen Bart lugte ein Pfeifchen hervor, der Seewind

trug den Rauch davon. Er sah sie unverwandt an.

Sein neugieriger Blick ließ für einen Moment den

jungen Burschen aufleben, der er einst gewesen

war.

»Ja, Mijnheer.« Sie nickte zaghaft und zeigte auf

das Handelsschiff der Kompanie, das rechts vor ihnen

lag. Ungeduldig flatterte die rot-weiß-blaue

Flagge am Heck des Seglers. »Morgen legen wir

ab …«

»Hunger?« Aus einem Beutel, der an seinem Gürtel

hing, zog der Alte ein Stückchen Kuchen hervor.

Er zwinkerte listig. Der Duft nach Zimt, Anis und

Piment stieg ihr in die Nase.

»Danke.« Sie zitterte, als sie nach dem braunen

Kuchen griff. Sanft legte er die Süßigkeit in ihre

Hände, dann ließ er sich umständlich an ihrer Seite

nieder.

»Isfahan also«, brummte er und deutete wieder

auf den Segler, der sich an den Festmacherleinen

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auf und ab bewegte. »Bin auch zur See gefahren,

als ich noch jünger war. Für die Kompanie … Damals

habe ich Gottes wunderbare Welt gesehen.

Aber Isfahan …« Er zog an seiner Pfeife. »Was

für eine Pracht! Die Moscheen, der kaiserliche

Platz, der große Schah Abbas nannte ihn Naqsch-e

Dschahān – den Plan der Welt.«

Der Plan der Welt. Sophie nickte, sie hatte davon

gehört. Er hatte ihr davon erzählt, von der gewaltigen

Moschee des Schahs, von ihrer weiten Kuppel,

den farbigen Fayencen und Mosaiken, die sie

schmückten. Die Ornamente zeigten Blumenmotive,

Pflanzenranken und Kalligrafien heiliger

Texte. Und dann die Farben: Türkis, Kobalt, Lapislazuli

und Ocker wechselten einander ab. Die glänzende

Oberfläche der Kuppel spielte mit den auf sie

fallenden Sonnenstrahlen. Der Schmuck, die Farben,

das flirrende Licht erzeugten einen Rausch.

Wie Musik – so hatte er es ihr beschrieben. Er hatte

die Sehnsucht nach Isfahan nie ganz verloren.

»Es ist wie ein Blick in das Paradies.« Die Stimme

des Alten klang wehmütig, er zog noch heftiger an

seiner Pfeife. »Der Mensch wird da ran erinnert,

dass er Kostbares in seinem Inneren trägt.«

Sophie schwieg, eine Böe zerrte an ihren Kleidern,

tollkühn und lachend segelten die Möwen

mit dem Wind. Wieder schloss sie die Augen. Dann,

wie eine mächtige Welle, rollten Bilder über sie hinweg.

Plötzlich sah sie den Sternenglobus vor sich,

das Gottorfer Wunderwerk, seinen himmlischen

Glanz. Nie zuvor war ein Projekt derartigen Ausmaßes

gewagt worden. Als seien sie etwas Lebendi-

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ges, zogen Sterne ihre Kreise da rin. In ihrem Kopf

hörte sie das Wispern der Zeit. Wie in einem Buch

blätterte sie in ihren Erinnerungen und suchte nach

dem Beginn dieser merkwürdigen Reise, die ihr Leben

bislang gewesen war.

Schleswig. Das war ihr Fixpunkt, jetzt sah sie ihre

Heimatstadt vor sich, die vom Frost überzogene

Silhouette. Ja, dachte sie, so hatte alles angefangen,

damals, zu einer anderen Zeit. Ein Kind war geboren

worden in jener entsetzlichen Winternacht, von

der man heute noch sprach. Ein Sturm aus Nordost

hatte Schnee vor sich hergetrieben, der die Felder

mit einer Kruste aus Eiskristallen überzog. Und

auf der Schlossinsel in der Schlei hatte sich ein Ungetüm

gegen die Kälte gestemmt: Schloss Gottorf,

mit vier Flügeln und drei Geschossen, Trutzburg

und Hauptsitz der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf,

war dem Schneesturm trotzig begegnet.

Silbernes Licht drang aus den Fenstern, Eisblumen

rankten auf den bleigefassten Scheiben und

von den Traufen des Gemäuers wuchsen Zapfen

aus Eis in die Nacht – funkelnd, wie Lanzen aus geschliffenem

Glas.

Noch mehr Bilder strömten auf Sophie ein. Und

nun, während sie am Ufer des Ijsselmeeres saß, ihre

Augen wieder öffnete und über das Wasser blickte,

musste sie da ran zurückdenken. Sie konnte sich

nicht gegen die Erinnerungen wehren. Und sie

wollte auch nicht allein sein mit diesen Bildern.

»Wollen Sie eine Geschichte hören, Mijnheer?«,

flüsterte sie und drehte sich zu dem Alten. Sie sah

seinen wachen Blick, die Güte da rin. Ohne seine

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Antwort abzuwarten, begann Sophie zu sprechen.

Sie erzählte von der Geburt des Kindes und von

seinen fürstlichen Eltern. Von den Astrologen, die

dem Neugeborenen Glück prophezeit hatten und

von dem prunkvollen Tauffest, das der Welt die Bedeutung

des Hauses und des kleinen Fürstentums

vor Augen führen sollte.

»Eisstückchen trieben auf dem heiligen Wasser,

als man den Täufling über die bronzene Schüssel

hielt«, sagte sie und sah dabei das Schimmern der

Kerzen und die Pracht des Schleswiger Doms vor

sich. »Hofprediger Jacob Fabricius zitterte in seinem

dünnen Ornat, trotzdem ließ er es sich nicht

nehmen, das Taufwasser einen Moment in der

Hand anzuwärmen, bevor er das Köpfchen des jungen

Herzogs damit benetzte und das Sakrament der

Taufe vollzog. Der fürstliche Erbe erhielt den Taufnamen

Friedrich – ein ebenso großer wie vielversprechender

Name, der sowohl bei den Gottorfer

Herzögen als auch im Königshaus der dänischen

Verwandten beliebt war.«

Auch das Volk, das dem Spektakel vor dem Dom

gefolgt war, hatte dem Täufling und seinen fürstlichen

Eltern fröstelnd Respekt gezollt. Als sich ein

Sonnenstrahl durch die schwere, eisgraue Wolkendecke

verirrt und die Kutsche der herzoglichen Familie

für wenige Sekunden golden überzogen hatte,

war ein Raunen durch die Menge gegangen. Gott

habe ihnen in einem unbedachten Moment einen

Engel auf die Erde hi nabgesandt, hatten die

Leute ehrfürchtig geflüstert und der Frost hatte ihre

Worte in flüchtigen Wolkenbildern davongetragen.

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»Der junge Herzog Friedrich wuchs in dem Bewusstsein

auf, dass Familie und Untertanen Großes

von ihm erwarteten«, fuhr Sophie fort. Sie sah,

dass der Alte ihren Worten fasziniert lauschte. »Der

Junge war wissbegierig und hell, schon früh begann

die religiöse Erziehung des Kindes, danach folgten

die antiken Autoren, die lateinische und griechische

Sprache. Das Wissen des Altertums, die

sieben freien Künste, stand ebenso auf dem fürstlichen

Stundenplan wie die Theologie, die Königin

aller Wissenschaften. Wie es Sitte war, schickte Herzog

Johann Adolf seine beiden ältesten Söhne auch

auf eine Reise ins Ausland, um dort ihre Erziehung

zu vollenden.«

Die Reisegesellschaft war im Mai anno 1615 gen

Süden aufgebrochen, über Frankfurt, Worms und

Speyer reisten die Fürstensöhne nach Straßburg

und Paris. Nie waren die beiden jungen Kavaliere

freier gewesen, nie hatten sie sich glücklicher gefühlt,

doch ein Brief aus dem Norden hatte ihr seliges

Dasein jäh beendet. Denn auf Schloss Gottorf

war der erst einundvierzigjährige Herzog Johann

Adolf verstorben. Sobald der junge Herzog die

Nachricht empfangen hatte, legte er Trauerkleidung

an und erteilte seinen ersten Befehl. Die Zeit

der sorglosen Tagträumereien war beendet. Unter

seinem Kommando machte die Reisegesellschaft

sich auf den Rückweg nach Schleswig.

»Im Dezember 1618 erkannten die Ritter Herzog

Friedrich ohne vo rangegangene Wahl als ihren

neuen Landesherrn an und huldigten ihm«,

fuhr Sophie fort. »Friedrich III., der Erbe von Nor-

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wegen, Herzog von Schleswig, Holstein, Stormarn

und Dithmarschen, Graf von Oldenburg und Delmenhorst,

war bereit, die Welt mit Gottes Hilfe zu

erobern.«

Sophie holte tief Luft, sie zitterte im Wind. Frierend

schlang sie das wollene Tuch fester um ihren

Körper.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Komm Meisje …«,

sagte er und fasste sie sanft am Arm. »Komm heute

Nacht mit zu mir. In meiner Stube gibt es einen

Ofen. Und noch mehr Kuchen und heißen Wein.

Und dann erzählst du mir, wie du in diese Geschichte

geraten bist.«

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