eine aussTellung über sTreeT arT und MenschenrechTe in ägypTen

amnesty.at

eine aussTellung über sTreeT arT und MenschenrechTe in ägypTen

TiTel

Text

© Amnesty International

Wände des

WidersTands

eine aussTellung über

sTreeT arT und MenschenrechTe

in ägypTen


MiT Farbe und pinsel

gegen Tränengas

die „revoluTion

des 25. Januar“

Am 25. Januar 2011 begannen in Ägypten Massendemonstrationen gegen Präsident

Hosni Mubarak. Polizei und regierungstreue Schlägertrupps gingen mit massiver

Gewalt gegen die überwiegend friedlichen Proteste vor. Doch schon 18 Tage später trat

Mubarak zurück. Mehr als 840 Menschen waren während des Aufstands ums Leben

gekommen. Der Beginn der Proteste gab den Ereignissen ihren Namen: Die „Revolution

des 25. Januar“.

Auf Mubarak folgte eine 17-monatige Militärherrschaft: Der Oberste Militärrat unter

Leitung von Mohamed Hussein Tantawi übernahm die Macht. Obwohl er versprach,

die Menschenrechte zu achten, wurden Protestierende weiterhin verprügelt und

erschossen. Tausende wurden von Militärgerichten in unfairen Schnellverfahren

zu langen Haftstrafen verurteilt.

Doch die Ägypter ließen sich ihre erkämpfte Freiheit nicht mehr nehmen.

Sie forderten weiter ihre Rechte einund zwar nicht nur mit Sprechchören, Bannern

oder in den sozialen Netzwerken des Internets. Aktivisten und Künstler griffen auch

zu einem Medium, das jeder sieht und versteht: Graffiti. Die Mauern der ägyptischen

Städte wurden zu Wänden des Widerstands.

„Mit Farbe und Pinsel gegen Tränengasgranaten“ steht an einer Wand in Kairo.

Der Satz könnte eine Art Leitmotiv der jungen ägyptischen Graffiti-Aktivisten sein.

Mit der Sprühdose kritisieren sie die Polizeigewalt, fordern die Freilassung Gefan-

gener, erheben die bei Protesten Getöteten zu Märtyrern und bekannte Aktivisten

zu Helden. Sie fordern gleiche Rechte für Frauen und ein Ende der Militärgerichts-

verfahren gegen Zivilisten. Sie kommentieren Wahlkämpfe und das aktuelle

politische Geschehen.

„Wir nutzen Graffitis als eine Art ‚Ersatzmedium“, da die eigentlichen Medien

kontrolliert werden und nicht alles sagen können“, sagt Ammaar Mustapha Ali, Street-

Artist und Assistent an der Kunsthochschule in Kairo. „Deshalb sagen wir es so,

dass es die Menschen reizt, darauf zu reagieren und die Wahrheit zu erfahren.“

Dafür greifen sie zu den unterschiedlichsten Stilmitteln: Kunstvolle Wandgemälde

sind umgeben von schnell gesprühten Sprüchen, schlichte, per Schablone gesprühte

„Stencils“ stehen neben Malereien mit altägyptischen Motiven.

Quellen der aussTellung

Soraja Morajef: Blog „Suzeinthecity“, http://suzeeinthecity.wordpress.com.

Ralf Rebmann: Interview mit Soraja Morajef für das Amnesty Journal im Januar 2013.

Amnesty International: Interviews mit ägyptischen Graffiti-Künstlern im Oktober 2012.

Samuli Schielke / Jessica Winegar: „The Writing on the Walls of Egypt“, Winter 2012, www.merip.org.

Katharina Pfannkuch: „Street Art in Kairo – Die Wand gehört dem Widerstand“, 24.9.2012, www.spiegel.de.

Mona Sarkis: Revolutionsgraffiti in Ägypten und Syrien. Wenn Wände schreien, 20.12.2012, www.nzz.ch.

Bahia Shehab: „Tausendmal Nein“, Juni 2012, www.ted.com.

FoTos

Die Fotos dieser Ausstellung entstanden zwischen März und Dezember 2012.

Die Aufnahmen wurden teilweise mit Handy-Kameras gemacht, daher ist die Bildqualität sehr unterschiedlich.

Bildrechte: Amnesty International, falls nicht anders angegeben.

hinWeis

Die in den Texten und Bildern gemachten und wiedergegebenen Aussagen der Künstler

und Aktivisten entsprechen nicht in jedem Fall der Meinung von Amnesty International.

Alle Angaben Stand Februar 2013.

KünsTler mittleres Bild: Omar Fathy „Picasso“, linkes und rechtes Bild: unbekannt

TexTe linkes Bild: „Freiheit für die Gefangenen“, mittleres Bild: „Straße der Augen der Freiheit“,

rechtes Bild: oben: „ehre dem Märtyrer“, auf gelber Sprühdose: „Entferne es und ich werde es wieder malen“.

die „sTrasse der augen

der FreiheiT“

Das Herz der Kairoer Street Art-Szene schlägt in der Mohamed-Mahmoud-Straße.

Sie geht vom Tahrir-Platz ab, dem Zentrum der ägyptischen „Revolution des 25.

Januar“. Die Straße war mehrfach Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen

zwischen Demonstrierenden und Sicherheitskräften. Im November 2011 wurden

dort bei Protesten 51 Menschen getötet. Polizisten zielten teilweise mit Schrot-

flinten direkt auf die Augen der Protestierenden. Bei einigen Ägyptern heißt die

Mohamed-Mahmoud-Straße daher heute „Straße der Augen der Freiheit“.

Im Februar 2012 protestierten dort Tausende gegen den Tod von mehr als

70 Fußballfans, die in der Stadt Port Said bei Krawallen zwischen rivalisierenden

Fußballfans ums Leben gekommen waren. Der Polizei wurde vorgeworfen, sie habe

die Täter gewähren lassen. Inmitten von Tränengaswolken malte eine Gruppe von

Künstlern die Toten von Port Said auf die Mauer der American University of Cairo.

„Die Künstler wechselten zwischen dem Malen der gerade begrabenen Märtyrer und

dem Demonstrieren in der ersten Reihe der Proteste hin und her“, beschreibt

die Bloggerin Soraja Morajef die Entstehung der sogenannten „Wand der Märtyrer“.

Sie verfolgt das revolutionäre und künstlerische Treiben auf den Wänden Ägyptens

seit 2011 akribisch und veröffentlicht regelmäßig neue Fotos.

„EntfErnE Es und ich wErdE

Es wiEdEr malEn!“

Street Art gab es in Ägypten auch schon vor der „Revolution des 25. Januar“.

Doch mussten die Künstler früher im Untergrund arbeiten. Hier und da tauchte

ein Graffiti in den Straßen von Kairo auf. Doch war es meist schnell übermalt.

Heute stellen Männer und Frauen am helllichten Tag ihre Leitern auf und fangen

an zu sprühen oder zu pinseln. Es ist aber immer noch gefährlich. Daher arbeiten

die Künstler meist in Gruppen und warnen sich, wenn Ärger droht.

Auch viele ihrer Werke sind nur sehr kurz im Originalzustand zu sehen.

Unliebsame Kritik an Politikern wird von den Behörden oder von Anhängern der

Kritisierten übertüncht. „Wenn sie entfernt werden, bedeutet das, dass unsere

Arbeit beachtet wird und eine Reaktion provoziert“, sagt Mohamed, der seinen

Nachnamen nicht nennen möchte. „Das ist das, was wir wollen. Es motiviert uns,

weiterzumachen.“ Unter manchen Graffitis ist zu lesen: „Entferne es und ich

werde es wieder malen!“.

Viele Motive dieser Ausstellung sind daher gar nicht mehr auf der Straße zu

sehen. Dafür entstehen ständig neue. So legt sich eine Schicht von Bildern und

Botschaften über die nächste. „Ich denke, man kann die jüngste Geschichte

meines Landes durch diese Graffitis lesen, als eine Chronologie von Protesten,

Triumphen und Niederlagen, Sterben und Feiern“, schreibt Soraja Morajef.

„Die Wände von Kairos Straßen sind jetzt von vielen Schichten Graffitis

und Postern, Schmutz und Rauch bedeckt. Das Studium dieser Schichten ist

wie das Lesen eines Buches über all das, was diese Mauern erlebt haben.“


TiTel

Text

© Amnesty International

„0h regiMe, das angsT

vor pinsel und sTiFT haT“

Unter der Szene steht weiß auf rotem Grund: „Oh Regime, das Angst

vor Pinsel und Stift hat, du warst ungerecht und trittst diejenigen,

die Unrecht erlitten haben. / Wärst du den rechten Weg gegangen, hättest

du keine Angst vor dem Gezeichneten. / Am Ende kämpfst du gegen Wände,

versuchst besser als Striche und Farben zu sein. / Aber innerlich bist du

ein Feigling; du kannst das Zerstörte niemals wieder aufbauen.“

KünsTler Omar Fathy „Picasso“

TexT rechts oben: „Verein der revolutionären Künstler“.


das neue ägypTen

in alTen bildern

Alaa Awad, Dozent für Wandmalerei an der Hochschule für

Bildende Künste in Luxor, kam nach den Fußballkrawallen von

Port Said im Februar 2012 nach Kairo. Er ergänzte die „Wand

der Märtyrer“ in der Mohamed-Mahmoud-Straße mit einer

Begräbnisszene, für die er altägyptische Motive benutzte und

teilweise neu interpretierte.

Die Szene der „Klageweiber“, die trauern und sich die Haare

raufen, kopiert Darstellungen aus antiken ägyptischen Gräbern

(oberes Bild). Alaa Awad sagte, er wolle damit seine Trauer

über die Toten von Port Said zum Ausdruck bringen. Der Ba-

Vogel – halb Tier, halb Mensch – steht vermutlich für die Seele

der Verstorbenen. Der Panther stellt für Awad die Wut des

Volkes dar.

Im Herbst 2012 malte Alaa Awad das altägyptische Motiv

„Der Pharao erschlägt seine Feinde“ (unteres Bild). Neben dem

Bild steht: „Ich bin der Hüter des östlichen Tores, die Feinde

sollen nicht zurückkehren.“ In der altägyptischen Tradition

waren die „Feinde“ in solchen Darstellungen die Bewohner des

östlichen Mittelmeerraums. Wen Alaa Awad hier mit dem

Pharao und den Feinden meint, bleibt offen.

KünsTler Alaa Awad

bildrechTe Bild oben: Thomas Claes, Bild unten: Dorien Marres


TiTel

Text

„Wir sind alle

Khaled said“

Khaled Said wurde zu einer Symbolfigur der Proteste gegen

Hosni Mubarak. Der Blogger saß im Juni 2010 in einem Internet-

Café in Alexandria, als zwei Polizisten in Zivil hereinstürmten

und ihn ergriffen. Sie stießen ihn auf die Straße und prügelten so

lange auf ihn ein, bis er starb. Der 28-Jährige hatte wenige Tage

zuvor ein Video ins Internet gestellt, das zeigte, wie Polizisten

nach einer Drogenrazzia das beschlagnahmte Rauschgift unter

sich aufteilten.

© Amnesty International

Der Tod von Khaled Said war einer der Auslöser der Proteste

gegen Mubarak ein halbes Jahr später. Junge ägyptische Akti-

visten machten den Blogger zu einer Ikone des Widerstands.

Über die Facebook-Seite „We are all Khaled Said“ wurden

die ersten Massendemonstrationen im Januar 2011 organisiert.

Khaled Saids Porträt wird immer wieder an die Wände gemalt

oder gesprüht.

Im Oktober 2011 verurteilte ein Gericht die beiden Polizisten

wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft. Ägyptische Aktivisten

kritisierten das Urteil als viel zu milde.

KünsTler unbekannt

TexT unter dem Porträt steht: „Khaled Said – zwei Jahre und noch immer gibt es keine Gerechtigkeit“.


das „no Walls“-proJeKT

Im Februar 2012 ließ der Oberste Militärrat in den sieben

Seitenstraßen der Mohamed-Mahmoud-Straße Wände aus Betonelementen

errichten, um das Innenministerium vor Demonstrationen

zu schützen. Am 9. März 2012 reagierte eine Gruppe von

Aktivisten und Künstlern darauf mit dem „No Walls“-Projekt:

Sie durchbrachen die Wände virtuell mit gemalten Ausblicken

und positiven Zukunftsfantasien.

Ende 2012 waren einige der Wände erneut mehrfach übermalt.

Auf der Mauer mit dem großen Smiley stand wenig später in

riesigen Buchstaben auf Englisch: „THE WALL WILL FALL“.

Auf einer anderen Betonmauer malte der Künstler Mostafa Tefa

das Porträt von Essam Ali Atta (Bild unten rechts). Der 23-Jährige

war 2011 von einem Militärgericht zu einer zweijährigen Haft-

strafe verurteilt worden. Berichten zufolge wurde er in der Haft

gefoltert und starb an den Folgen. Nach Angaben des Innen-

ministeriums starb Atta an einer „Drogenvergiftung“, was laut

Generalstaatsanwaltschaft durch eine Autopsie bestätigt wurde.

Das Untersuchungsverfahren wurde eingestellt. Auf Druck ägyp-

tischer Menschenrechtler wurde das Verfahren im September

2012 wieder aufgenommen, nachdem ein forensischer Experte

Zweifel an der offiziellen Todesursache geäußert hatte.

KünsTler des „no Wall“-proJeKTs Salma al-Tarzi, Mohamed al-Moshir, Hossam Shukrallah,

Hanaa al-Degham, El-Zeft, Amr Nazeer, Laila Maged, Ammar Abo-Bakr, Mostafa Tefa

TexTe Bild rechts unten, neben dem Porträt von Essam Ali Atta steht:

links: „Es muss einen Tag geben, an dem für das Unrecht bezahlt wird.“,

rechts: „Weiß für jeden, dem Unrecht widerfahren ist. Schwarz für jeden, der Unrecht tut.“.

bildrechTe linkes Bild oben und Bild rechts unten: Dorien Marres, alle anderen: Thomas Claes


„broT, FreiheiT und

soziale gerechTigKeiT“

Als die Ägypter im Januar und Februar 2011 massenhaft

gegen Mubarak demonstrierten, ging es nicht nur um den Sturz

einer autokratischen Regierung und demokratische Reformen.

Viele arme Ägypter erhofften sich auch eine Verbesserung ihrer

Lebensverhältnisse, die sich durch den stetigen Anstieg der

Lebensmittel- und Energiepreise immer weiter verschlechtert

hatten. „Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“, lautete der

Slogan der Proteste. Dass diese Hoffnungen enttäuscht wurden,

zeigt das Graffiti aus dem Herbst 2012: „Wo ist das Brot?“.

Die Künstlerin Hanaa El Degham verewigte das tägliche Leiden

der Ägypter auf einer Wand in der Mohamed-Mahmoud-Straße.

Ihr unvollendetes Werk thematisiert die schwierige Beschaffung

von Gasflaschen, die zum Kochen für die Ägypter unentbehrlich sind.

Trotz staatlicher Subventionen sind sie sehr teuer, und die Preise

steigen stetig. An den Verkaufsstellen kommt es oft zu Range-

leien. Zwischen den Figuren kleben aktuelle Zeitungskommentare.

Auf einer Gasflasche steht das Wort „Wandel“ (nicht im Bild).

KünsTlerin Hauptbild: Hanaa El Degham, kleine Bilder: unbekannt

TexTe linkes Bild: „Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit!“, rechtes Bild: „Wo ist das Brot?“.

bildrechTe Thomas Claes


ägypTen unTer

KonTrolle der arMee

„nieder MiT der

MiliTärherrschaFT!“

Am 11. Februar 2011 trat Präsident Mubarak zurück. Die Führung des Landes übernahm

der Oberste Militärrat unter Mohamed Hussein Tantawi. Politische Gefangene

wurden freigelassen, bislang verbotene politische Parteien konnten sich offiziell

registrieren lassen, und es bildeten sich unabhängige Gewerkschaften.

Doch der anfängliche Jubel über den Sturz des langjährigen Machthabers verebbte

schnell, denn der Oberste Militärrat ging mit brutaler Gewalt gegen neuerliche Proteste

vor. Dabei wurden mehr als 120 Menschen getötet. Tausende Zivilisten wurden von

Militärgerichten in unfairen Schnellverfahren verurteilt. Nach 17 Monaten Militärherrschaft

übergab der Oberste Militärrat im Juni 2012 die Führung des Landes an eine

zivile Regierung. Doch die Armee sicherte sich weiterhin ihren Einfluss und entzog sich

der gerichtlichen Kontrolle.

Die Frustration und Ernüchterung der Menschen spiegelten sich im Spott der

Sprayer. Ihre Graffitis zeigen, wie die Generäle den Umbruch ausbremsen. Sie kritisieren

die Nähe des Obersten Militärrats zur alten Mubarak-Regierung und die dominante

Rolle der Armee in der Politik. An den Wänden Kairos war häufig zu lesen: „Nieder mit

der Militärherrschaft!“ und „Nein zum Militärrat!“.

Ein schlichtes schwarz-weißes „Stencil“ zeigt einen zweigeteilten Redner hinter

einem Pult mit dem ägyptischen Wappen. Er trägt den Anzug eines Zivilisten, doch

die Mütze eines Militärs. Anstelle des Gesichts steht das Datum „30. Juni“ (2012),

der Tag an dem der gewählte Präsident Mohamed Mursi sein Amt antrat. Die Bot-

schaft ist klar: Wer auch immer Präsident wird, das Militär hat weiterhin den Hut auf.

KünsTler unbekannt

TexTe linkes Bild oben: „Nieder mit der Militärherrschaft!“,

Bild unten: „Ich glaube an Gott, aber ich habe meinen Glauben an den Obersten Militärrat verloren.“.

bildrechTe alle Bilder: Dorien Marres

gerechTigKeiT

Für die opFer von polizei-

und MiliTärgeWalT!

Amnesty International dokumentiert kontinuierlich und umfassend

die Gewalt von Polizei und Militär in Ägypten. Unter der Übergangsregierung

des Obersten Militärrats kamen mehr als 120 Menschen bei Protesten

ums Leben. Tausende wurden schwer verletzt, viele erblindeten.

Frauen wurden Opfer gezielter sexueller Gewalt. Seit der Amtsübernahme

von Präsident Mohamed Mursi im Juni 2012 starben mehrere Dutzend

Ägypter im Zuge politischer Gewalt.

Bisher wurden jedoch nur einige wenige einfache Soldaten und Sicherheitskräfte

vor Gericht zur Rechenschaft gezogen. Die meisten Verantwort-

lichen und Täter genießen weiter Straffreiheit. Amnesty fordert, dass alle

Fälle von Polizei- und Militärgewalt umfassend aufgeklärt, die Verantwortlichen

vor zivilen Gerichten angeklagt und Opfer und Angehörige entschädigt

werden. Zudem muss der ägyptische Sicherheitsapparat grundlegend

reformiert und in Menschenrechtsfragen geschult werden.

Ein weiteres Ziel ist das Ende unfairer Militärgerichtsverfahren:

Zwischen Februar und August 2011 wurde mehr als 12.000 Zivilisten auf

diesem Wege der Prozess gemacht. Sie wurden teilweise in wenigen

Minuten zu langen Haftstrafen oder in Einzelfällen sogar zum Tode verurteilt,

darunter auch einige Minderjährige. Amnesty International lehnt

die Verurteilung von Zivilpersonen durch Militärgerichte ab, da dies

das Recht auf ein faires und öffentliches Verfahren verletzt.

Sowohl in Ägypten als auch weltweit gab es Proteste gegen die Militärge-

richtsverfahren gegen Zivilisten. Mit ersten Erfolgen: Die Zahl der Verfahren

nahm spürbar ab. Präsident Mursi ließ alle Gefangenen überprüfen,

die im Zusammenhang mit den Demonstrationen inhaftiert worden waren.

Tausende Menschen wurden daraufhin freigelassen.

Anfang 2013 befanden sich jedoch weiterhin etwa 1.000 Zivilisten im

Gefängnis, die in unfairen Verfahren von Militärgerichten verurteilt worden

waren. Zudem erlaubt die im Dezember 2012 angenommene Verfassung

weiterhin Militärgerichtsverfahren für Zivilpersonen. Der entsprechende

Artikel wurde in letzter Minute auf Druck der Armee geändert.

Amnesty International fordert, Militärgerichtsverfahren gegen Zivilisten

grundsätzlich zu beenden, alle betroffenen Personen entweder freizulassen

oder für ein faires Verfahren vor zivilen Gerichten zu sorgen.


„parKen verboTen,

ausser an den grenzen

des vaTerlandes.“

So steht es auf dem unteren Bild. Der Mann auf dem Panzer im oberen Bild

ist Mohamed Hussein Tantawi, der als Vorsitzender des Obersten Militärrats

(Englisch: Supreme Council of the Armed Forces – SCAF) nach dem Rücktritt

von Präsident Hosni Mubarak die Macht übernahm.

KünsTler Bild oben: vermutlich Abu Ghada, Bild unten: unbekannt

TexT Bild unten: rechts über dem Panzer steht: „Abu Ghada, der Bruder der Märtyrer“.

bildrechTe Bild unten: Dorien Marres


„die revoluTion

gehT WeiTer“

Das Doppelporträt in der Mohamed-Mahmoud-Straße zeigt

die Gesichtshälften von Hosni Mubarak und seinem Nachfolger

Mohamed Hussein Tantawi. Darüber steht: „Die Revolution

geht weiter“. Darunter ist zu lesen: „Wer Befehle gegeben hat,

ist nicht gestorben“. Der Satz ist ein Wortspiel mit dem arabi-

schen Sprichwort: „Wer Kinder gezeugt hat, ist nicht gestorben“.

Gemeint ist, dass Tantawi die Politik seines Vorgängers fortsetzt.

Das Doppelporträt wurde im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen

2012 um die Gesichter der beiden Kandidaten Ahmed Schafik

und Amr Moussa erweitert. Schafik war während der „Revolution

des 25. Januar“ kurzzeitig Ministerpräsident unter Mubarak,

Moussa war bis 2001 Außenminister Ägyptens und danach

Generalsekretär der Arabischen Liga.

Im Mai 2012 überstrichen städtische Angestellte das Porträt,

doch schon am nächsten Tag hatten der Künstler Omar Fathy –

genannt „Picasso“ – und seine Freunde es erneut gemalt.

Im Herbst 2012 malte Picasso das gleiche Motiv an die Mauern

des Präsidentenpalasts. Diesmal ist das Gesicht hinter Mubarak

und Tantawi der neue Präsident Mohamed Mursi. Nichts hat

sich geändert, sagen die Künstler.

KünsTler Omar Fathy „Picasso“

TexTe Bild oben: rechts und links neben dem Doppelporträt: „Vereint euch oder sterbt –

Ägypten ist den Amtsverzicht wert“, links unter der Waage: „Das Recht – wer ist sein Herr?“,

linkes Bild unten: rechts oben unter der Faust: „Verein der revolutionären Künstler“.

bildrechTe alle Bilder: Dorien Marres


„siehsT du eTWas?“

Der Zahnarzt Ahmed Harara zählt für viele Ägypter zu den Helden der „Revo-

lution des 25. Januar“. Während der Proteste am sogenannten „Tag des Zorns“,

dem 28. Januar 2011, wurde er auf einem Auge von Schrotkugeln getroffen

und erblindete. Der 31-Jährige sagte Amnesty: „Als die Polizei auf uns schoss,

hatten wir unsere Hände erhoben und riefen: ‚friedlich, friedlich!’“.

Am 20. November 2011 nahm er an einer Demonstration in der Mohamed-

Mahmoud-Straße teil, als Polizisten direkt auf die Augen der Protestierenden

zielten. Dabei wurde Hararas anderes Auge getroffen und der Sehnerv zerstört.

Dennoch demonstriert er weiter: „Wir haben keine Angst, getötet, verletzt

oder gefoltert zu werden. Angst gibt es nicht mehr. Die Menschen wollen in

Würde leben. Deshalb werden wir nicht aufhören.“ Wegen der Vorfälle im

November 2011 wurde nur ein Polizist angeklagt. Er war dabei gefilmt worden,

wie er direkt auf die Augen der Demonstrierenden zielte.

Hararas Porträt mit der Augenklappe wurde mehrfach an Kairos Wände gemalt.

Das Porträt des Vorsitzenden des Obersten Militärrats Tantawi mit der Augen-

klappe ist offenbar eine Reaktion darauf. Darunter steht: „Siehst du etwas?“.

Das kalligraphische Graffiti von Bahia Shehab ist ebenfalls eine Reaktion

auf Hararas Schicksal. Die Kunsthistorikerin beschäftigte sich schon vor der

„Revolution des 25. Januar“ mit kalligraphischen Schreibweisen des arabischen

Wortes „Nein“. In einem Vortrag im Juni 2012 berichtet sie, wie sie im Herbst

2011 begann, an die Wände zu sprühen, wogegen sich ihr „Nein“ alles richtet:

z.B. „Nein zu einem neuen Pharao“ oder „Nein zum Notstandsgesetz“.

Hier möchte sie „Nein zur Zerstörung von Heldenaugen“ sagen.

KünsTler Hauptbild: unbekannt, linkes Bild: unbekannt, rechtes Bild: Bahia Shehab

TexTe Hauptbild: auf der Augenbinde steht: „28. Januar“, rund um den Kopf steht immer „Harara“,

kleines Bild rechts: über dem großen Zeichen für „Nein“ steht: „Gruß an den Helden Ahmed Harara“,

darunter: „Gegen privilegierte Schichten“.


„Wir Werden es

nichT vergessen“

Im Dezember 2011 entblößten und misshandelten ägyptische Soldaten eine

Demonstrantin in der Nähe des Tahrir-Platzes. Die Aufnahmen vom „Mädchen

im blauen BH“ lösten in Ägypten und weltweit Entsetzen über die Brutalität

der Armee aus. Ein Graffiti auf einer Mauer an der Mohamed-Mahmoud-Straße

hat die Szene festgehalten. Später versah jemand die Soldaten mit Teufels-

hörnern und -schwänzen und verdeckte den blauen BH.

Auch Bahia Shehab griff die Szene in ihrem „Stencil“ auf: „Nein zum Ausziehen

von Menschen“, heißt es da. Auf dem Fußabdruck darunter steht: „Lang lebe

die friedliche Revolution“. In einem Vortrag im Juni 2012 sagte die Künstlerin:

„Der blaue BH soll uns an unsere Schande als Nation erinnern – dass wir zulassen,

dass eine verschleierte Frau auf der Straße ausgezogen und geschlagen wird.“

Es gab jedoch eine, die nicht tatenlos zusah. Azza Suleiman versuchte der

jungen Frau zu helfen, als diese entblößt am Boden lag. Daraufhin schlugen

die Sicherheitskräfte Azza Suleiman ebenfalls zusammen. Sie lag tagelang

im Koma und leidet bis heute unter Gedächtnisstörungen. Doch sie wehrte sich

und reichte Klage wegen Körperverletzung ein. Amnesty International

unterstützt Azza Suleiman in ihrem Kampf um Aufklärung.

KünsTler Bild oben und kleines Bild: unbekannt, Bild unten: Bahia Shehab

TexT Bild oben und kleines Bild: über dem Graffiti steht: „Wir werden es nicht vergessen,

oh Mutter aller Mädchen“ (ägyptische Bezeichnung für „Führerin aller Mädchen“).

bildrechTe Bild unten: Thomas Claes, kleines Bild: Dorien Marres


MiT „JungFräulichKeiTs-

TesTs“ geFolTerT

Polizisten und Soldaten gingen bei Demonstrationen häufig

mit brutaler Gewalt gezielt gegen Frauen vor. Viele wurden misshandelt

und erlitten sexuelle Gewalt, doch nur wenige sprachen

öffentlich darüber. Eine, die es wagte, ist Samira Ibrahim.

Die 25-Jährige wurde im März 2011 zusammen mit 17 weiteren

Frauen festgenommen und in ein Militärgefängnis gebracht.

Sie wurden mit Schlägen und Elektroschocks gequält. Einige

Frauen wurden von einem Militärarzt zwangsweise sogenannten

„Jungfräulichkeitstests“ unterzogen. Man drohte ihnen, sie

würden wegen Prostitution angeklagt, sollte sich herausstellen,

dass sie „nicht mehr jungfräulich“ seien. Statt verschämt zu

schweigen, klagte Samira Ibrahim gegen den brutalen Eingriff.

Ein Gericht in Kairo gab ihr nach langem Kampf Recht und

entschied, erzwungene „Jungfräulichkeitstests“ seien rechts-

widrig. Der Militärarzt wurde jedoch im März 2012 von

einem Militärgericht freigesprochen.

Die Reaktion der Graffiti-Künstler ließ nicht lange auf sich

warten: Einen Tag nach dem Freispruch prangte Ibrahims Konter-

fei an einer Wand. Mit ernstem und entschlossenem Blick

schaut sie über eine Gruppe von Soldaten hinweg, die alle die

Gesichtszüge des freigesprochenen Arztes tragen.

KünsTler unbekannt

bildrechTe Bild unten: Dorien Marres


TiTel

Text

© Amnesty International

drei Jahre geFängnis

Für einen blog

Maikel Nabil war 2010 der erste Kriegsdienstverweigerer

in Ägypten. Während und nach der „Revolution des 25. Januar“

setzte sich der Blogger im Internet für die Einhaltung der

Menschenrechte ein. Nach dem Sturz Mubaraks bekam er

die ganze Härte der neuen Militärregierung zu spüren.

In seinem Blog prangerte er die exzessive Gewalt des Militärs

gegen Demonstrierende an. Sein Resümee: „Die Revolution

hat es geschafft, den Diktator loszuwerden, aber nicht

die Diktatur“. Maikel Nabil wurde verhaftet und von einem

Militärgericht in einem unfairen Schnellverfahren zu

drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Nach einem Hungerstreik und weltweiten Protesten wurde

er schließlich im Januar 2012 begnadigt. Amnesty International

hatte sich für seine Freilassung eingesetzt, zahlreiche Eil-

aktionen gestartet und die ägyptische Regierung immer

wieder aufgerufen, den Blogger aus der Haft zu entlassen.

Inzwischen studiert Maikel Nabil in Deutschland.

KünsTler unbekannt

TexTe direkt über Maikel Nabils Porträt steht: „Freiheit für Maikel Nabil“,

darüber: „Nein zu Militärgerichtsverfahren für Zivilisten. Freiheit für Ali El-Halib“.

bildrechTe Dorien Marres


die „Wand der MärTyrer“

Während der „Revolution des 25. Januar“ spielten Fußballfans – die soge-

nannten „Ultras“ – eine besondere Rolle. Vor allem die Fans des Kairoer Vereins

Al-Ahly standen bei den Demonstrationen Anfang 2011 an vorderster Front.

Sie hatten Erfahrungen, was Straßenkämpfe mit der Polizei anging, und

verteidigten den Tahrir-Platz im Januar und Februar 2011 gegen die Angriffe

regierungstreuer Kräfte.

Dabei kam ihnen zugute, dass sie bereits unter Mubarak gut organisiert waren.

Denn das Fußballstadion war neben der Moschee der einzige öffentliche Ort,

an dem die Menschen ihrem Unmut Ausdruck verleihen konnten.

Ihre Macht demonstrierten die Ultras von Al-Ahly 2012, als sie die Wiederauf-

nahme des Spielbetriebs der ägyptischen Fußballliga verhinderten. Sie verlangten,

vorher müsse die Stadionkatastrophe von Port Said aufgeklärt werden. Bei gewaltsamen

Zusammenstößen rivalisierender Fußballfans waren am 2. Februar 2012

mehr als 70 Anhänger von Al-Ahly ums Leben gekommen. Den Sicherheitskräften

wurde vorgeworfen, nichts unternommen zu haben, um die Gewalt zu verhindern.

Alle Bilder: Künstler unbekannt

Kurz danach verewigte der Künstler Ammar Abo-Bakr die Toten auf einer Mauer

in der Mohamed-Mahmoud-Straße. Die Flügel symbolisieren für die Graffiti-

Künstler den „Märtyrertod“. Anders als viele andere regierungskritische Wand-

gemälde blieb die sogenannte „Wand der Märtyrer“ lange erhalten. Als sie

im September 2012 doch übermalt wurde, führte das zu einem öffentlichen

Aufschrei. Der Ministerpräsident sah sich gezwungen, öffentlich zu erklären,

die Übermalung sei nicht von der Regierung angeordnet worden.

Ende Januar 2013 wurden zunächst 21 Männer wegen der tödlichen Krawalle

von Port Said von einem Gericht in Kairo zum Tode verurteilt. Amnesty kritisierte

die Verhängung der Todesstrafe als eine Verletzung des Rechts auf Leben.

Der Richterspruch löste gewaltsame Proteste von Unterstützern der Verur-

teilten aus, bei denen mehr als 30 Menschen starben.

KünsTler Ammar Abo-Bakr & Freunde

TexTe rechtes Bild oben: Auf dem T-Shirt ist das Logo der Al-Ahly-Fans zu sehen.

bildrechTe Bild Mitte und unten: Thomas Claes, linkes und rechtes Bild oben: Dorien Marres


nichTs isT nur

Für Männer da

FrauendisKriMinierung

geseTzlich veranKerT

Bei den Demonstrationen gegen Hosni Mubarak standen Frauen im Kampf um

Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit in der ersten Reihe. Sie erhofften sich auch

ein Ägypten ohne Frauendiskriminierung, die sowohl gesetzlich verankert als auch

gesellschaftlich tief verwurzelt ist.

. Das ägyptische Strafrecht schützt Frauen nicht wirksam vor Gewalt in der Familie

oder Vergewaltigung in der Ehe.

. Während Männer ihre Frauen einfach „verstoßen“ können, müssen Frauen für eine

Scheidung vor Gericht gehen.

. Frauen erhalten nur die Hälfte des Erbes, das einem Mann zusteht.

Vor allem in ländlichen Gebieten können Frauen ihren Erbanspruch in den seltensten

Fällen durchsetzen.

. Weibliche Genitalverstümmelung ist zwar seit 2008 verboten, wird aber noch

immer durchgeführt und bleibt straffrei, wenn „medizinische Gründe“ angeführt

werden können.

. Abtreibung ist in allen Fällen verboten, selbst bei Vergewaltigung oder wenn

das Leben der Frau bedroht ist.

Bisher wurden die Hoffnungen der ägyptischen Aktivistinnen enttäuscht. Von der

politischen Neugestaltung des Landes waren Frauen größtenteils ausgeschlossen.

Bei den ersten freien Parlamentswahlen im Dezember 2011 und Januar 2012

erhielten Frauen nur zwölf der 508 Sitze. In der zweiten Verfassunggebenden

Versammlung waren von 100 Mitgliedern nur sieben weiblich. Präsident Mursi

berief gerade mal zwei Frauen in sein Kabinett und hielt sein Versprechen nicht,

eine Frau zur Vizepräsidentin zu machen.

KünsTler Nooneswa

TexTe linkes Bild: „Sortier mich nicht in Schubladen!“, rechtes Bild: „Mädchen und Jungen sind gleich“,

Bild unten: „Nichts ist nur für Männer da“.

bildrechTe linkes Bild: Thomas Claes, rechtes Bild und Bild unten: Dorien Marres

„darF eine Frau so eTWas

auF der sTrasse Machen?“

Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechten finden sich

auch in den Graffitis wieder, zum Beispiel in den Arbeiten des Künstlerkollektivs

Nooneswa: „Mädchen und Jungen sind gleich“ oder „Nichts ist nur für Männer

da“ steht unter ihren Motiven mit ägyptischen Filmstars. Ihr Motiv „Sortier mich

nicht in Schubladen!“ wurde inzwischen von feministischen Aktivistinnen in

Tunesien aufgegriffen.

Unter den Graffiti-Künstlern sind nur wenige Frauen. Sie haben es oft

schwerer als ihre männlichen Kollegen. So berichtet die Künstlerin Laila Majid:

„Es gab bisher zwei Reaktionen der Leute: Entweder haben sie Angst, wenn sie

ein Mädchen auf einer Leiter sehen, das die Wand anmalt. Sie verstehen es nicht,

sagen nichts, gucken mir einfach zu und machen Fotos. Oder sie werden aggressiv

und sagen Dinge wie: „Darf eine Frau so etwas auf der Straße machen?

Das ist doch keine Kunst“.

FrauenrechTe

sTärKen!

1981 ratifizierte Ägypten die internationale Frauenrechtskonvention.

Die Regierung ist damit verpflichtet, die Gleichstellung von Mann und Frau

zu garantieren. Doch derzeit ist das Land noch weit davon entfernt.

Besonders beunruhigend ist, dass die im Dezember 2012 angenommene

Verfassung Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht ausdrücklich

untersagt. Stattdessen soll der Staat ein ausgewogenes Verhältnis

zwischen den familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichen Aufgaben

der Frau herstellen. Die Scharia wird als Grundlage der Rechtsprechung

und Gesetzgebung definiert, was zur Einschränkung von Frauenrechten

genutzt werden könnte.

Amnesty International fordert daher von der ägyptischen Regierung,

sicherzustellen, dass Frauen gleichberechtigt an der politischen Gestaltung

des Landes teilnehmen können. Ägypterinnen müssen alle öffentlichen

Ämter besetzen dürfen. Alle Gesetze, die Frauen diskriminieren, müssen

abgeschafft oder entsprechend internationaler Normen geändert werden.

Frauen müssen vor Gewalt und sexueller Belästigung geschützt werden.


TiTel

Text

© Amnesty International

„nein zu sexueller

beläsTigung“

Sexuelle Belästigung ist in Ägypten weit verbreitet. Bei einer Umfrage des

„Egyptian Center for Women’s Rights“ im Jahr 2008 gaben 83 Prozent der

Frauen an, schon einmal physisch oder verbal belästigt worden zu sein.

Doch sozialer Druck führt dazu, dass nur sehr wenige Frauen Anzeige erstatten.

Diejenigen, die es tun, erhalten nur selten Unterstützung durch Polizei und

Justiz. Oft wird ihnen sogar eine Mitschuld an der Belästigung unterstellt.

Mit dem Umsturz und dem Reformprozess verbanden viele Ägypterinnen

auch die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Ächtung sexueller Belästigung.

Doch das Gegenteil trat ein. Aktivistinnen der „Egyptian Initiative for Personal

Rights“ berichteten im Herbst 2012, dass die Übergriffe zunehmend auf-

dringlicher und gewalttätiger werden. Im Juni 2012 attackierten Männer in

Zivil einen Protestmarsch gegen sexuelle Belästigung in Kairo; die Teilnehmer-

innen der Demonstration wurden tätlich angegriffen und sexuell belästigt.

Zu drastischen Vorfällen kam es Ende Januar 2013 auf dem Tahrir-Platz.

Bei Protesten anlässlich des 2. Jahrestags der „Revolution des 25. Januar“

sahen sich Frauen plötzlich von zahlreichen Männern eingekreist. Sie rissen

den Frauen die Kleider vom Leib, begrapschten und belästigten sie.

Ägyptische Menschenrechtsorganisationen bildeten daraufhin Notwehr-

Teams, die den Opfern helfen und die Täter ergreifen sollen.

Die Erklärungsversuche für die zunehmenden Übergriffe sind vielfältig:

Gewalt gegen Frauen wird fast nie bestraft, Kriminelle nutzen die instabile

politische Lage aus, und für die Politiker und Behörden hat das Thema

keinerlei Priorität. Außerdem werden Frauen auf diese Weise systematisch

von öffentlichen Plätzen und Protesten ferngehalten.

KünsTlerin Mira Shihadeh

TexT unter der Spraydose steht: „Nein zu sexueller Belästigung“.


„Wenn du in geFahr bisT,

WirsT du sehen, dass ich

dich schüTze“

Das steht sinngemäß auf dem „Stencil“ (oberes Bild). Frauen demonstrierten

von Anfang an Seite an Seite mit den Männern. Graffiti-Künstler würdigten

die wichtige Rolle der Aktivistinnen in ihren Werken.

KünsTler Bild oben: unbekannt, Bild unten: Alaa Awad

bildrechTe Dorien Marres


„ohne euch

häTTen Wir es nieMals

so WeiT gebrachT.“

Der Künstler El-Zeft schreibt über seine Nofretete mit der Gasmaske:

„Ein Tribut an alle Frauen, die an unserer geliebten Revolution teilnehmen.

Ohne euch hätten wir es niemals so weit gebracht.“ Neben der Nofretete

steht auf der Wand: „Mit Farbe und Pinsel gegen Tränengas-Granaten“.

KünsTler El-Zeft

TexT Die Sprühdose ist die Signatur des Künstlers, darin steht sein Name „El Zeft“. Das heißt wörtlich „Teer“

und bedeutet in der ägyptischen Umgangssprache so viel wie „Zeug“ oder „Scheiß“.


neuer präsidenT,

neues ägypTen?

der sTreiT uM

die verFassung

Die ersten Monate nach dem Amtsantritt von Präsident Mohamed Mursi im Juni 2012

waren von politischem Streit über die zukünftige Verfassung geprägt. Die liberalen,

säkularen und christlichen Mitglieder der Verfassunggebenden Versammlung legten

nach und nach ihr Mandat nieder. Übrig blieben die Vertreter der Muslimbrüder

und der Salafisten.

Im Dezember 2012 stand eine gerichtliche Entscheidung über die Rechtmäßigkeit

der Versammlung an. Um ihrer Auflösung zuvorzukommen, verfügte Präsident Mursi

Ende November per Dekret, seine Entscheidungen seien ab sofort nicht mehr ge-

richtlich anfechtbar. Gleichzeitig erklärte er die Verfassunggebende Versammlung

faktisch für unauflösbar. Außerdem erließ er ein Gesetz zum „Schutz der Revo-

lution“, das es unter anderem ermöglichte, Menschen für Kritik an der Regierung

bis zu sechs Monate in Untersuchungshaft zu halten.

KünsTler unbekannt

TexTe linkes Bild: Über dem Porträt steht: „Nein zum Pharao!“, darunter: „rechtswidrig“ (das wurde jedem

nachgerufen, der zum alten System zählte. Es bedeutet unter anderem „schlecht“ und „nicht mehr gut“.).

Bild unten: links und rechts neben Gikas Porträt steht in Rot und Schwarz: „Öffne die Türen des Schweigens und

schreie mit einer Stimme“, im Hintergrund abwechselnd: „Nein zur Verfassung“ und „Nein zu den Muslimbrüdern“.

bildrechTe alle Bilder: Dorien Marres

ein neuer „pharao“?

Die Dekrete Mursis und der überhastete und von islamistischen Kräften domi-

nierte Verfassungsprozess lösten in ganz Ägypten Proteste aus. Sie wurden durch

die ersten Todesopfer seit Mursis Amtsantritt weiter angefacht. Darunter war

der 17-jährige Gaber Salah, genannt „Gika“. Er starb am 20. November 2012 durch

einen Kopfschuss in der Mohamed-Mahmoud-Straße. Gemeinsam mit Tausenden

anderen wollte er der 51 Menschen gedenken, die ein Jahr zuvor bei Protesten

gegen den Obersten Militärrat in dieser Straße ums Leben gekommen waren.

Sein schreiendes Porträt malten Aktivisten an die Wand des Präsidentenpalasts

und auf viele andere Mauern Kairos. Der Graffiti-Künstler Mohamed Issam Gouda

sagte Amnesty: „Für mich hat Mursi mit dem Tod Gikas seine Legitimität verloren“.

Auf den Mauern des Präsidentenpalasts wurde nun Mursi – wie zuvor Hosni

Mubarak – als neuer Pharao kritisiert, der sich selbst weitreichende Sondervollmachten

verlieh.

Zwar lenkte Mursi Anfang Dezember ein und hob seine Verfügungen teilweise

wieder auf. Aber der Verfassungsentwurf wurde am 30. November 2012 in einer

nächtlichen Sitzung der Verfassunggebenden Versammlung durchgepeitscht.

Trotz heftiger Kritik ließ Mursi bereits im Dezember per Referendum über die

Verfassung abstimmen. Sie wurde mit 63,8 Prozent der Stimmen angenommen,

die Wahlbeteiligung lag jedoch nur bei 33 Prozent.

MenschenrechTe

in die verFassung!

Amnesty International kritisiert an der neuen ägyptischen Verfassung

unter anderem folgende Punkte:

Die Grundsätze von Gleichheit und Freiheit von Diskriminierung gelten

nur für ägyptische Staatsbürger. Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten

sind nicht geschützt. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts,

der Religion oder Herkunft ist nicht ausdrücklich verboten.

Folter und andere Misshandlungen sind verboten. Doch da die Prinzipien

des Scharia-Rechts die Grundlage der Rechtsprechung bilden, könnten

Körperstrafen auf diesem Weg gerechtfertigt werden.

Die Beleidigung und Diffamierung von Propheten sowie jeglicher Person

ist verboten. Dies kann weiterhin genutzt werden, um Diffamierung als

Straftatbestand zu definieren und so die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Die Verfassung beschränkt die Religionsfreiheit auf Islam,

Judentum und Christentum. Andere Religionen sind nicht geschützt.

Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind kaum festge-

schrieben, obwohl das Thema soziale Gerechtigkeit bei den Protesten

eine große Rolle spielte.

Kinderrechte sind in der Verfassung nicht geschützt.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine