hinter den vorhängen

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Am nächsten Morgen bietet sich ein seltsames Bild: Die Ruhe vor dem Sturm. Die Männer, Angehörige

wie Freier, sind allesamt verschwunden – vielleicht mit Ausnahme des Besitzers der Teestube und eines

alten Mannes, der Zigaretten und Kekse verkauft. Die Gassen und Höfe sind voller Frauen, die in ruhig

gefasster Anspannung auf das, was da kommen soll, warten. Ein paar schön geschminkte junge Mädchen

sind an den Vorhängen postiert, als hielten sie Ausschau nach Kunden. Doch die Kunden haben

heute anderes im Sinn, und so haben sie eher Wachposten bezogen, als dass sie zum Hereinkommen

animieren wollten.

Die Frauen haben drei Dinge in ihren Büstenhaltern: Geld, Kondome und Mobiltelefone. Immer wieder

greifen sie an diesem Tag unter ihre Sarees nach ihren Telefonen, die in allen Neonfarben leuchten,

wenn man sie benützt. Da und dort erklingt auch die Melodie eines Bollywood-Hits, von „Star Wars“,

der „Schönen blauen Donau“ oder „Mission Impossible“.

Man will wissen, was los ist, ob die Fundamentalisten sich schon versammelt haben, ob sie bewaffnet

sind, und ob die Polizei sie beschützen werde.

Die Polizei marschiert schließlich auf und riegelt den Häuserblock ab. So ruhig war es hier unter Tags

schon lange nicht mehr. Keine Rikscha, kein Lastwagen, kein CDG-Babytaxi, kein Mensch. Die Rollläden

werden zugezogen, als die schwer bewaffneten und mit kugelsicheren Westen und Beinschützern bekleideten

Männer vor den Vorhängen Aufstellung nehmen. Und auch hinter den Vorhängen greift man zur

Waffe. Jedes Mädchen und jede Frau nimmt sich einen Holzprügel, eine Stange oder ein Boti - ein

sichelförmiges Küchenmesser, das man sonst hockend zwischen die Füße geklemmt hält, um damit

Zwiebel, Chili, Ingwer, Kartoffeln, Fisch oder Fleisch zu schneiden. Heute will keine damit kochen.

Als die Nachricht kommt, dass die Fundamentalisten sich sammeln, wird es laut in Kandapotte

Potitalow. Wild schwingen die aufgebrachten Prostituierten ihre Waffen und schwören einander, kämpfen

zu wollen bis zum Tod. Man werde sich von hier nicht vertreiben lassen, aus seinem Zuhause, man

werde das Feld nicht räumen. Irgendwo in einer Hütte liegt eine Frau mit ihrem neu geborenen Kind

und weint leise vor sich hin. Wie soll es weitergehen?

Die Fundamentalisten rennen inzwischen zu Tausenden aufgebracht schreiend und Slogans skandierend

durch die Strassen der Stadt. Ein Mann auf einer mit einem Lautsprecher bestückten Rikscha fährt

mitten drinnen und heizt die Stimmung an. Eine Versammlung, die versucht, gegen die Aussiedelung der

Prostituierten Stimmung zu machen, wird zerschlagen. Dies geschieht in rasender Geschwindigkeit und

mit brutaler Gewalt. Die Männer klettern über Zäune und zerschlagen Sessel und Tische, um die Beine

als Waffen zu benützen. Sie prügeln auf Menschen ein. Die größte Strafe Gottes für den Menschen ist

die Religion.

Und im Haus Gottes, der Moschee, versuchen einige Politiker und Journalisten, die Verantwortlichen der

Muslime zur Vernunft zu bewegen. Es wird diskutiert, geschrieen, argumentiert, skandiert und gebetet.

Draußen tobt noch immer die Demonstration. In der Bordellsiedlung ist es ruhig geworden. Die Frauen

sitzen mit angespannten Gesichtern und mit ihren einfachen Waffen in der Hand dort, wo sie sonst die

Freier locken, und warten. Erst als die ersten Geschlagenen und Verwundeten von draußen zurückkehren,

wogt wieder eine Welle der Entrüstung durch die Gassen. Klagelaute mischen sich mit Kampfgeschrei.

Dazwischen läuten die Mobiltelefone.

Aus Dhaka sind die Bordelle schon vor Jahren unter dem Druck der Fundamentalisten ausgesiedelt

worden, in anderen Städten steht ähnliches bevor; in Tangail wird es an diesem Tag noch verschoben.

Am Abend kehrt Ruhe ein, und nur eine Stunde danach herrscht ganz normaler, ja sogar besonders starker

Betrieb. Schließlich hat man auf die Dienste der Mädchen und Frauen eine Nacht und einen Tag

verzichten müssen.

So scheinbar verzichtbar ist das, was hinter den Vorhängen passiert – so verzichtbar, dass ein Mann

dafür seinen ganzen Lohn einsetzt, hunderte Kilometer reist, seinen Gott vergisst, sich einsperren lässt

und sein Leben riskiert – es zieht den Freier hinter die Vorhänge, wie es die Prostituierte ins normale

Leben zieht.

Der unsichtbare Vorhang ist dabei unüberwindbar.

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