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KULTUR HEUTE

18.01.2013

Baumeister Solness am Dresdner Staatsschauspiel (Bild: David Baltzer)

Richtfest der Liebe

Burghart Klaußner inszeniert Henrik Ibsens "Baumeister

Solness" in Dresden

Von Hartmut Krug

An der Seite von Kate Winslet war Burghart Klaußner in dem Film "Der Vorleser" zu

sehen und in Michael Hanekes vielfach preisgekröntem Film "Das weiße Band". Nun

hat der Schauspieler die Rolle gewechselt und inszeniert als Regisseur am

Staatsschauspiel in Dresden.

Vorn ein bühnenbreites leeres Zimmer mit einem großen Schreibtisch, dahinter mit einer

Schiebetüren-Fensterflucht das Architektenbüro: Hier sind die Mitarbeiter jederzeit für den

Baumeister Halvard Solness da. Wie die junge Buchhalterin Kaja, die dem Baumeister

irgendwie schwärmerisch verfallen ist und von Christine-Marie Günthers als neurotisch

verheulte junge Frau gespielt wird, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlt. Halvard nutzt

ihre Gefühle nur aus und behält sie bei sich, um ihren Verlobten Ragnar nicht zu verlieren.

Den braucht er als Zeichner, fürchtet ihn aber zugleich wegen seiner Begabung und lässt ihn

nicht an architektonische Arbeiten.

Dieser Baumeister Solness ist in Burghart Klaußners Inszenierung kein Mann mit Aura. Was

uns Ibsens selten gespieltes Stück gleich sehr nahe bringt. Solness hat nichts Genialisches an

sich, sondern wirkt wie ein mittelmäßiger, schlecht gelaunter, egoistischer Machtmensch. Er

hat sich mit kräftigen Ellenbogen beruflich durchgesetzt und seinen früheren Chef, der jetzt

bei ihm angestellt ist, verdrängt. Holger Hübner spielt ihn als wahres Ekel, das seine

Handlungen mit einem "Ich bin eben so" begründet. Was schlimm genug ist für die

Menschen, mit denen er zu tun hat. Aber auch nicht schön für ihn. Denn er leidet, wie alle

Figuren in Ibsens Stück, an Traumata und Verdrängungen und kämpft einen unentwegten

Selbstbehauptungskampf auf der Suche nach sich selbst.


Wenn dann die junge Hilde kommt, der er einst vor zehn Jahren bei einem Richtfest imponiert

hatte, und ein Versprechen einfordert, erinnert er sich zunächst nicht an sie. Dabei ist er dem

Kind damals sehr nahe gekommen, vielleicht auch körperlich zu nahe, was die Inszenierung

aber in der Schwebe lässt. Auch Hilde, obwohl Ines Marie Westernströer sie sehr forsch und

fordernd gibt, ist ein zutiefst unsicherer Mensch. Und auch sie ist vor allem an sich selbst und

der Bewältigung ihres Traumas interessiert, wenn sie den Baumeister anfeuert:

"Ich will Sie groß sehen. Groß mit einem Kranz in der Hand. Hoch oben auf einem Turm."

Natürlich ist Ibsens Stück "Baumeister Solness" auch eine Männerfantasie: Eine junge Frau

kommt zum alten Mann und will etwas von ihm, - was auch immer. Und dieser harte

Erfolgsmensch, längst in beruflicher Routine versackt, fühlt sich bedroht von der

nachdrängenden Jugend.

Klaußner peppt dieses so bedächtig tief gründelnde Stück nicht aktualisierend auf, sondern

nimmt es in seiner altmodischen Verblasenheit ernst. Es gibt keine Videos, keine Musik,

keine äußerlichen Illustrationen, keine Überhöhungen, sondern nur klares, einfaches

Schauspielerspiel mit viel Spannung in und zwischen den Figuren. Klaußners ungemein

präzise Dialogregie, ja selbst die zuweilen etwas arg konventionell wirkenden Arrangements

wirken bei diesem Stück durchaus angemessen.

Der Regisseur erklärt die Figuren nicht psychologisch, sondern vor allem durch

Körperhaltungen und Kleidung. Auch Heiner Gimmlers Übersetzung macht den sonst so

staubig wirkenden Text lebendig. Und so glauben wir den Figuren, weil ihre Sätze in gewisser

Weise wirken, als stünden sie neben den Figuren. Niemand wird hier psychologisch genau

erklärt oder durchleuchtet, sondern in seiner forschenden Unsicherheit belassen. Und so

überzeugt, wie sich Christine Hoppes in längst toter Ehe lebende, versponnene Frau Solness

am Doktor und an ihrem Pflichtgefühl festhält.

Um Erotik geht es hier nicht, auch nicht zwischen Hilde und dem Baumeister. Sie sind kein

Paar, sondern gegenseitige Katalysatoren. Die Darstellerin der Hilde kommt anfangs kindlich

jungenshaft in Kniebundhosen und Wanderstiefeln daher. Später zieht sie sich um, wird

weiblich, ohne erotisch zu werden. Sehr überzeugend ist sie in dieser Inszenierung, weil sie

nicht als wirklich reale Figur gezeigt wird, sondern eher wie ein Konstrukt und ein Alp, der

auf Solness sitzt:

Hilde: "Unbekümmert müsste man sein, Wagemut müsste man haben. Baumeister, Sie

schulden mir ein Königreich. Und zu einem Königreich gehört ein Schloss, oder?

Halvard: Gewiß.

Hilde: Dann bauen sie es für mich.

Halvard: Jetzt, sofort?

Hilde: Jetzt auf der Stelle. Die zehn Jahre sind um.

Natürlich wagt der alte Baumeister noch einmal für das Richtfest den Aufstieg auf seinen

neuen Turm, und natürlich stürzt er ab.

Nur zwei Stunden dauert Burghardt Klaußners konzentrierter und unprätentiöser, aber

durchaus robuster Zugriff auf Ibsens Stück, das damit in eine gegenwärtige Alltäglichkeit

geholt wird.

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