Jahresbericht 2012 - Pinocchio

pinocchio.zh.ch

Jahresbericht 2012 - Pinocchio

KasPar

Foto: Fabian Biasio

9

Die Polizei meldete den 10-jährigen Jungen auf Wunsch der

Mutter bei uns an. Sie lebte schon seit geraumer Zeit alleine

mit dem Jungen. Kaspar sah seinen Vater üblicherweise

14-täglich für ein Wochenende. Bei einer Übergabe kam es

zu einer verbalen Auseinandersetzung mit anschliessender

Tätlichkeit seitens des Vaters auf die Mutter. Kaspar verbrachte

anschliessend das Wochenende beim Vater und begann wieder

einzunässen, was die Mutter beunruhigte und den Jungen

beschämte. Es wurde bald klar, dass die Dynamik zwischen

den Eltern, obwohl schon seit Jahren getrennt, noch immer

sehr konflikthaft war, sodass sie kaum Verständnis füreinander

aufbrachten. Auch den Umgang und die Erziehung von

Kaspar stellten sie beim anderen in Frage. Da die Eltern nicht

miteinander sprechen konnten, lief vieles über den Jungen,

was ihn bedrückte und belastete. Er realisierte auch, dass

die Eltern ihn belogen, beispielsweise, dass sie sagten, sie

hätten nie angerufen. Kaspar erkannte aber auf dem Display

des Telefonapparates die Nummer. Das erschütterte ihn und

machte ihn traurig.

Bei unserer ersten Begegnung setzte er sich zielstrebig auf

einen Stuhl, ich stellte mich vor und erzählte ihm in groben

Zügen, was ich über das Vorgefallene wusste. Es schien, als

hätte Kaspar nur darauf gewartet, endlich jemandem von

seiner Not erzählen zu dürfen. Kaspar schilderte eindrücklich,

was ihn beschäftigte. Er könne weder mit dem Vater noch mit

der Mutter reden, weil er dann Partei für jemanden sei. Sie

würden das immer gegenseitig ausnützen, sodass er sich hüte,

noch irgendetwas zu erzählen. Es sei für ihn «voll okay», was

die Eltern an den Wochenenden mit ihm unternehmen würden,

nur die Eltern hätten ständig das Gefühl, der andere mache

das Falsche mit ihm. Er hätte einfach am liebsten Frieden!

Kaspar verschloss sich zusehends und geriet dadurch unter

einen starken seelischen Druck, der sich bei ihm über das Einnässen

einen starken Ausdruck verschaffte. Auch fühle er sich

schlecht, gehemmt und schuldig, wenn er den Eindruck habe,

er sage bei der Mutter etwas Negatives über den Vater oder

umgekehrt. Der Druck, dem der Junge zwischen den Eltern

ausgesetzt war, war enorm. Kaspar äusserte den Wunsch, noch

weiter kommen zu dürfen, solange bis «es besser geworden

wäre». Auf die Frage, wie er denn eine Veränderung bemerken

würde, gab er eine Reihe von Antworten, beispielsweise

die, dass die Eltern ihn nicht mehr belügen würden und ihn

nicht ständig über den anderen ausfragten. Das konnte ich

Kaspar freilich nicht versprechen. Er vermochte die Sitzungen

aber zusehends als Freiraum zu nutzen. Er erzählte, was ihn

bedrückte, war aber immer sehr darauf bedacht, dass ich

seinen Eltern nichts «Falsches» sagte, «dann käme er wieder

dran». Kaspar lernte den Raum, den er sonst nicht hatte,

allmählich vorsichtig zu nutzen – darin lag seine Entwicklungschance.

Melitta Steiner

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine