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Tellement

allemande

—Es ist gut bestellt um das deutsch-französische

Verhältnis. Statt „deutschem Einmarsch“ sehen

jugendliche Franzosen beim Blick über den Rhein

heute Berlin, Techno und schnelle Autos.

von ROMY STRASSENBURG

erlinoise de l’Est“, Ostberlinerin. Wer mich

B in Frankreich nach meiner Nationalität fragt,

bekommt das automatisch zu hören. Die Kombination

„Kindheit in der DDR“ und „derzeit angesagteste

europäische Metropole“ macht offensichtlich

Eindruck. Auch scheint es mir vielsagender, irgendwie

geheimnisvoller als die naheliegende Antwort

„Deutsche“. Wahrscheinlich habe ich Angst,

so zu enden wie meine Kollegin, eine stets krittelnde,

beflissene Landsmännin. Über sie heißt es

im französischen Kollegenkreis nicht selten: „Elle

est tellement allemande!“ – „Sie ist so deutsch!“

Reise zurück in die Republik, nicht in die französische,

nein, die deutsche demokratische. Dort

wurde ich am 1. September 1989 an der Polytechnischen

Oberschule in der Allee der Kosmonauten

eingeschult, quasi auf den Champs-Elysées

von Berlin-Marzahn.

KLASSENREISE IN DIE Dass ich 20 Jahre später in Paris

VOGESEN UND NICHT leben und arbeiten würde, wäre

MEHR IN DEN KAUKASUS

meinen Eltern kaum in den Sinn

gekommen. Heute mögen sie sich

mitunter fragen: Wozu dieser nunmehr vier Jahre

dauernde Selbstfindungstrip am Seineufer? Haben

wir nicht schon genug mit unserer eigenen deutschdeutschen

Identitätssuche zu tun? Vielleicht aber

hängen das deutsch-deutsche und das deutschfranzösische

Mentalitätenwirrwarr zusammen?

Einerseits beschäftigen wir letzten Pioniere

uns neuerdings oft mit der Frage, was denn die

„Dritte Generation Ost“ auszeichnet. In den ersten

Wendejahren fiel es uns – aber mehr noch unseren

Eltern – merklich schwer, mit der eigenen Vergangenheit

Frieden zu schließen. Im bundesrepublikanischen

Geschichts- und Politikunterricht

erzählte man uns indes von einer geglückten Friedensschließung.

Da fielen Namen wie Konrad Adenauer,

Charles de Gaulle, Valéry Giscard d’Estaing,

Helmut Schmidt und François Mitterrand.

Auf jeden Fall konnte man schwerlich übersehen,

dass da in den letzten 40 Jahren irgendwas

im Busch gewesen sein musste zwischen den

beiden Rheinufern. Man hat dann an fast allen

Ost-Schulen den Russischunterricht abgeschafft,

Französisch wurde zur zweiten Fremdsprache.

Jetzt war auch den letzten Ossi-Kindern klargeworden,

dass unsere Briefpartner nicht mehr Aljoscha,

sondern Jacques oder Louis heißen würden

und die Klassenreise nicht in den Kaukasus, sondern

in die Vogesen gehen würde.

Zu dieser Zeit bereiste ich mit meinen Eltern all

jene europäischen Länder, die noch kurz davor unerreichbar

gewesen waren. Mit diesem aufregenden,

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