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deutsch-französischen Beziehungen den Stellenwert

einräumen würde, den das bilaterale Verhältnis

in den vergangenen vierzig Jahren im europäischen

Integrationsprozess gehabt hatte. So gab

es in der Außenpolitik die Auseinandersetzungen

um die Mittelmeerunion, die Episode um die Auflösung

der Roma-Lager wie auch die aktive Mittelmeerpolitik,

die zu Beginn der Amtszeit Sarkozys

in der Hofierung Gaddafis mündete. Aber auch Entscheidungen

in Berlin – wie beispielsweise die einseitige

schnelle Wende in der Atompolitik nach dem

GAU von Fukushima – haben immer wieder zu Irritationen

im deutsch-französischen Verhältnis geführt.

Dennoch gab es mehr Gemeinsamkeiten

denn Gegensätze zwischen den beiden Rheinnachbarn,

auch in der Amtszeit von Sarkozy und Merkel.

DEUTSCHLAND Nach einem schwierigen Anfang

UNTER ZUGZWANG haben Sarkozy und Merkel zu einer

engen Kooperation gefunden, die

besonders wichtige Ergebnisse in Bezug auf die

Lösung der Euro-Schuldenkrise hervorbrachte.

Ohne Zweifel nahm das Duo Merkel-Sarkozy im

Entscheidungsprozess der EU 2011/12 eine Sonderstellung

ein, den einige politische Beobachter

in nicht wenigen Medien durch den Begriff „Merkozy“

zu charakterisieren versuchten. Die Krisenpolitik

der Union wurde ohne Zweifel in Paris und

Berlin vorbereitet – dabei bildete der Elysée-Vertrag

oft die Hülse – sodass die Entwicklung der

EU in Richtung intergouvernementale Integration

verlief, in der der Europäische Rat eine immer

stärkere Position bekommt.

Die Führungsarbeit des Duos war auch gerechtfertigt,

da eine Erwartungshaltung der anderen

Partner, wenn auch nicht immer offen, existiert(e)

und zum anderen Deutschland und Frankreich

aufgrund früherer Kompromisse bei der Schaffung

der Währungsunion für diese Führung prädestiniert

sind. Hinzu kommt, dass Deutschland

und Frankreich zusammen ein wirtschaftliches

Schwergewicht in der Eurozone repräsentieren

– Deutschland stellt 27 Prozent und Frankreich 20

Prozent des BIP in der Eurozone – und von daher

auch das Interesse in diesen Staaten an der Lösung

der Probleme am größten ist.

Nachhaltige, aufeinander abgestimmte Wachstumsstrategien

würden nicht nur den beiden durch

intensiven Handel verflochtenen Ländern ökonomisch

von Vorteil sein, sondern könnten ebenso

der gesamten Eurozone wichtige Impulse zur weiteren

Stabilisierung ihrer ökonomischen Strukturen

verleihen. Auch unter Sarkozys Nachfolger

François Hollande wird die deutsch-französische

Zusammenarbeit weiterhin ein strukturelles Element

des europäischen Integrationsprozesses bleiben,

wenngleich Hollande – nicht zuletzt aus

innenpolitischen Gründen – mit eigenen Vorstellungen

den deutschen Partner öfter unter Zugzwang

zu setzen droht.

von WICHARD WOYKE

www.theeuropean.de/wichard-woyke

DER POLITIKWISSENSCHAFTLER UND EMERITIERTE

PROFESSOR LEHRTE POLITIKWISSENSCHAFT UND

EUROPÄISCHE GESCHICHTE AN DEN UNIVERSI-

TÄTEN MÜNSTER, BOCHUM, KÖLN UND SAARBRÜ-

CKEN, SOWIE IM AUSLAND U.A. AM IEP LILLE UND

DEN UNIVERSITÄTEN KLAUSENBURG (RUMÄNI-

EN) UND WASHINGTON (USA). VON 2010 BIS 2011

WAR ER HERDER-PROFESSOR AN DER ANDRASSY

UNIVERSITÄT BUDAPEST. WOYKES FORSCHUNGS-

SCHWERPUNKTE UMFASSEN U.A. DIE EUROPÄI-

SCHE INTEGRATION SOWIE DIE DEUTSCH-FRAN-

ZÖSISCHEN BEZIEHUNGEN. 2004 ERSCHIEN

„DEUTSCH-FRANZÖSISCHE BEZIEHUNGEN SEIT

DER WIEDERVEREINIGUNG“.

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