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The European: Herr Außenminister, was verbinden

Sie mit Frankreich?

Westerwelle: Ich kenne Frankreich seit meiner

Schulzeit. Ich war 14 oder 15 und mit Freunden in

der Bretagne zelten. An ein Erlebnis von damals

erinnere ich mich noch sehr genau: Wir gingen

in einen kleinen Tante-Emma-Laden. Ich war mit

meinen blonden Haaren, den blauen Augen und

schlechtem Französisch auf Meilen als Deutscher

erkennbar. Die Ladenbesitzerin, eine ältere Dame,

sah uns und verschwand im Hinterzimmer. Wir

hörten sie weinen. Ihre Tochter kam dann heraus

und sagte zu uns: „Jungs, das hat nichts mit euch

zu tun. Die Deutschen haben im Weltkrieg ihren

Mann, meinen Vater, getötet.“ So schön viele weitere

Aufenthalte in Frankreich waren, solch ein Erlebnis

prägt einen.

Spiegelt sich in dieser privaten Erfahrung die

Besonderheit der deutsch-französischen Freundschaft?

Jeder ist ein Kind seiner Zeit und wird durch seine

Generation geprägt. Das Kriegsende war erst 16

Jahre her, als ich geboren wurde, die deutsche

Einheit noch fast 30 Jahre weit weg. Ich bin also

aufgewachsen in einem Europa, in dem Frieden

und Aussöhnung keine Selbstverständlichkeiten

waren – sie sind es übrigens auch heute nicht. Ich

bin groß geworden mit dem Deutsch-französischen

Jugendwerk, mit Brieffreundschaften und

Klassenfahrten nach Avignon. Und mit der Erfahrung

– aus dem Rheinland kommend –, dass

das Reisen in Europa ziemlich beschwerlich sein

konnte: stundenlange Staus an den Kontrollpunkten,

allerlei unangenehme Momente beim Passieren

der Grenze, das Wechseln der Währung.

Wir feiern nun, im Januar, den 50. Geburtstag

des Elysée-Vertrags, der erst die Aussöhnung und

dann die Freundschaft zwischen den beiden Ländern

begründete. Ist Frankreich noch immer der

wichtigste Partner Deutschlands?

Die Freundschaft zwischen Deutschland und

Frankreich hat jedenfalls allen anderen Freundschaften

in Europa etwas voraus: ihre tiefe gesellschaftliche

Verwurzelung. Ich habe das Format

des sogenannten „Weimarer Dreiecks“, das

Polen mit einschließt, absichtlich wiederbelebt.

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