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The European: Sie sind dieses Jahr Vater von

Zwillingen geworden. Wünschen Sie sich da

manchmal, das flächendeckende System der französischen

„crèches“ (Krippen) gäbe es auch in

Deutschland?

Wickert: Ich finde es unglaublich, dass die Deutschen

nicht auf die Idee kommen, dieses Erfolgsrezept

zu übernehmen. Aber das liegt daran, dass

wir immer noch ein absolut veraltetes Mutterdenken

haben, ein bürgerliches Mutterideal. Und das

wird gegen Frauen ausgespielt, die arbeiten gehen.

Wir Deutschen sind da maßlos altmodisch.

Frankreich ist Ihre zweite Heimat. Sie haben erstmals

von 1956 bis 1959 dort gelebt, Ihr Vater arbeite

für die deutsche Nato-Vertretung in Paris.

Waren die alten Ressentiments gegen Deutschland

damals noch spürbar?

Gar keine Frage. Ich bin als 13-Jähriger nach Frankreich

gekommen. 1955 haben wir in der Normandie

Urlaub gemacht und da waren dann eines Morgens

Hakenkreuze an die Mauer des Hauses gemalt, in

dem wir wohnten. Als Kind wusste ich gar nicht,

was das bedeutete, meine Eltern haben den Vorfall

heruntergespielt. Solche Ressentiments waren ja

aber auch kein Wunder: Die alliierte Landung war

erst knapp zehn, elf Jahre her. Interessanterweise

bezeichnen die Deutschen dieses Ereignis immer

noch mit dem Nazi-Wort „Invasion“. Das war keine

Invasion, sondern die Befreiung Frankreichs!

Die alten Ressentiments haben Frankreich und

Deutschland irgendwann hinter sich gelassen.

2013 jährt sich die Unterzeichnung des deutschfranzösischen

Freundschaftsvertrags, des Elysée-

Vertrags, zum 50. Mal. 1963 waren Sie 21 Jahre alt.

War der Vertrag damals überhaupt ein Thema?

Ein großes sogar. In den Monaten vor der Unterzeichnung

gab es zum Beispiel den Besuch von

Adenauer in der Kathedrale von Reims – der war

besonders wichtig, weil die Kathedrale ja im Ersten

Weltkrieg durch deutsche Luftangriffe schwer

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