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1973

Sehnsucht

nach Europa


Die Rückkehr Russlands nach Europa ist zwar ins Stocken

geraten, der Wunsch der russischen „Westler“ nach einem

Platz im gemeinsamen europäischen Haus aber ungebrochen.

reflektierte der Starpublizist der polnischen

Exilzeitschrift „Kultura“,

Juliusz Mieroszewski, über die künftige polnische

Ostpolitik: Solange Russland ein Imperium

bleibe, habe Polen keine Chance, seine Unabhängigkeit

wiederzuerlangen. Zugleich warnte

er seine Landsleute aber davor, eine eventuelle

Schwäche Russlands in der Stunde des unvermeidlichen

Zerfalls des Sowjetreiches für die Verwirklichung

ihrer eigenen imperialen Träume im

Osten auszunutzen. Polen müsse sich endgültig

mit dem Verlust von Lemberg und Wilna abfinden

und das Streben der Völker der Region nach Eigenständigkeit

in jeder denkbaren Form unterstützen.

Was Mieroszewski 1973 verblüffte, war, dass die

damalige Weltmacht UdSSR den von ihr völlig abhängigen

polnischen Vasallen als eine potentielle

Imperialmacht, als einen Konkurrenten um die

Hegemonie in Osteuropa betrachtete.

Die Tatsache, dass Russland die polnische Unterstützung

für die Orangene Revolution 2004 in

der Ukraine für einen Affront ohnegleichen hielt,

dass ein neueingeführter russischer Feiertag an

die Vertreibung der polnischen Truppen aus Moskau

1612 erinnert, zeigt, wie vorausschauend Mieroszewski

war.

ZWECK Polen wird im heutigen Moskau als Rivale

HEILIGT empfunden, in einem viel stärkeren Aus-

MITTEL

maß als Deutschland – das mächtigste Mitglied

der EU. Dies hat nicht zuletzt mit den

Umständen zu tun, die zur deutschen Einheit führten.

Die Gorbatschow-Euphorie hat in Deutschland

zwar inzwischen nachgelassen, die Russlandpolitik

Berlins wird jedoch immer noch durch die

von LEONID LUKS

Dankbarkeit für die damalige Bereitschaft Moskaus

geprägt, den im Kreml deponierten Schlüssel

zur deutschen Einheit herauszugeben. Dies bedeutet

aber nicht eine deutsch-russische Allianz wie

in den Zeiten Rapallos, wie man in Warschau befürchtet

und in Moskau hofft. Damals handelte die

deutsche Führung nach der für das nationalistische

Zeitalter typischen Maxime, die Verteidigung

der nationalen Interessen dürfe sich keinen übergeordneten

Werten unterordnen. Der Zweck – die

Revision der Bestimmungen des Versailler Vertrages

– heiligte die Mittel, was ein Bündnis mit der

bolschewistischen Diktatur bedeutete.

Nach den verheerenden Erfahrungen des Zweiten

Weltkrieges aber ist eine vergleichbare Denkweise

im westlichen Teil des Kontinents kaum vorstellbar.

Man hat eingesehen, dass die für das 19.

Jahrhundert typische Vergötterung von Nationalstaat

und nationalen Interessen in den Abgrund

führen muss. Diese Erkenntnis lag dem europäischen

Integrationsprozess zugrunde. Auch auf

die russischen „Westler“ übte der europäische Gedanke

zur Zeit der Gorbatschowschen Perestrojka

eine außerordentliche Anziehungskraft aus.

Es wäre völlig verfehlt, diese europäische Sehnsucht

eines Teils der russischen Eliten als „romantische

Schwärmerei“ abzutun, hatte sie doch ganz

konkrete politische Folgen. Die friedlichen Revolutionen

von 1989, die Überwindung der deutschen

und der europäischen Spaltung, wären ohne

das Streben der russischen Reformer nach einer

„Rückkehr nach Europa“ und ohne den Verzicht der

Gorbatschow-Equipe auf die Breschnew-Doktrin –

die der Idee des „gemeinsamen europäischen Hauses“

eklatant widersprach – undenkbar gewesen.

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