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ie Frage, wer denn bei europäischen Ent-

D scheidungen der Gewinner, wer der Verlierer

ist, greift zu kurz. Ebenso die Frage nach dem

stärkeren oder dem schwächeren Partner in der

deutsch-französischen Zusammenarbeit. Ein solcher

Denkansatz ist nicht geeignet, die Dynamik

der Partnerschaft zu erfassen, die seit ihrem Beginn

auf drei Fundamenten beruht: Erstens auf

der gemeinsamen Verantwortung für den Zusammenhalt

und die Fortentwicklung der Europäischen

Union. Zweitens auf einer realen oder

zumindest gefühlten „gleichen Augenhöhe“ zwischen

beiden Partnern sowie drittens auf dem Bewusstsein,

dass weder Deutschland noch Frankreich

allein einen „Führungsanspruch“ in Europa

erheben kann, sondern dass beide auf den Partner

angewiesen sind, um die EU voranzubringen.

Zusammen

gewachsen


Gewinner und Verlierer: Solches Schubladendenken ist bei den

deutsch-französischen Beziehungen unangebracht. Die Schwäche

des einen ist nicht automatisch die Stärke des anderen.

von HENRIK UTERWEDDE

Dabei geht es nicht darum, FRANKREICH VERSUCHT, VON

die Ungleichgewichte zwi- DEUTSCHLAND ZU LERNEN

schen beiden Partnern zu

leugnen. Diese hat es seit 1963 gegeben. Schon

damals war die exportstarke, dynamische (west-)

deutsche Wirtschaft im Begriff, zur führenden

Ökonomie Europas aufzusteigen, während Frankreich

noch mitten in einem Modernisierungsprozess

steckte, 1958 mühsam seine Staatsfinanzen

in Ordnung gebracht und eine Währungsreform

durchgeführt hatte. Demgegenüber konnte Frankreich

in Europa – dank seiner Atombomben, seinem

Status als alliierte Siegermacht und seinem

ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat – mit Recht

eine Art Führungsrolle in der Außen- und Sicherheitspolitik

beanspruchen. Insofern haben sich

hier unterschiedliche Stärken und Schwächen in

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