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Deutschland für

Fortgeschrittene


Frankreichs Medien bedienen heute noch

S

Feindbilder aus der Vergangenheit. Dabei hat

die Wirklichkeit sie schon längst überholt.

pieglein, Spieglein an der Wand, sag’ mir,

wer ist der Größte im Europaland? Augsteins

„Spiegel“ wusste stets: die Grande Nation. Napoleon,

de Gaulle, Mitterrand … Und dann kamen die Krise

und Sarkozy. Das Blatt wendete sich, Frankreich

war plötzlich Juniorpartner im „Merkozy“-Land.

Die ARD brachte es zu Silvester auf den Punkt:

Sarkozy als Butler in „Dinner for One“ mit aktueller

Schlusspointe: „Same procedure …“ – aber bitte

„ohne Eurobonds“! Ein Jahr ist vergangen, Silvester

auch. Wer ist der Größte in „Merkhollande“?

Same procedure? Mit aller Sicherheit. Medien

brauchen Klischees, vertraute Bilder, ein einfaches

Weltbild, weil sich Einschaltquoten und Verkaufszahlen

damit am besten steigern lassen. Der Nutzer

verlangt ja selbst nach einer überschaubaren

und vertrauten Weltvorstellung. Je komplexer das

Geschehen, desto schemenhafter die Berichterstattung

und desto eher bleibt auch das Selbstvertrauen

erhalten. Satire, Karikaturen können damit

der Katharsis-Funktion der Berichterstattung sehr

behilflich sein – auch, weil sie beharrliche Denkmuster

schützen und so helfen, über die eigenen

Schwächen hinwegzutäuschen.

Stereotype lassen sich vor allem traumhaft instrumentalisieren.

In Deutschland ist das bisher

weniger der Fall. Man vergnügt sich dort mit dem

wild um sich fuchtelnden Louis de Funès oder gefällt

sich in dem Gewand eines Citoyen. Anders in

Frankreich: „Das Auto“, der stets höfliche Derrick

oder Angela Merkel, die „mächtigste Frau Europas“,

von ISABELLE BOURGEOIS

werden hier glühend verehrt. Aber Deutschland?

Der Begriff weckt zwiespältige Gefühle. In der

Bevölkerung vermischen sich kollektive Erinnerung

an Occupation und Résistance, sorgsam durch

Film, Dokumentarisches und Louis de Funès gepflegt

– wobei dem TV-Sender Arte ein entscheidender

Part zukommt. Auf der anderen Seite erlebte

Qualität und Verlässlichkeit, sei es durch den

Kauf eines Hochdruckreinigers oder den Alltag

im Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach

Deutschland. Je jünger die Franzosen, desto positiver

ist ihre Einstellung. Normalität halt.

Im Mediengeschehen und in der Politik gelten

andere Auffassungen. Diese sind in Frankreich

extrem ambivalent und werden gezielt eingesetzt.

Sieht man von der im diplomatischen Ritual fest

verankerten deutsch-französischen Beziehung ab,

schwanken die Einstellungen vom einen Extrem

– nachahmenswertes Vorbild – zum anderen – abschreckendes

Beispiel –, wobei Letzteres entscheidend

für die öffentliche Meinung ist. Dies ist insbesondere

dann der Fall, wenn es um Europa geht.

Als zum Beispiel 1992 das Refe- DEUTSCHER

rendum zum Maastricht-Vertrag STECHSCHRITT AUF

bevorstand, wurde der terrestri- DEM BILDSCHIRM

sche Start des deutsch-französischen

Kulturprogramms Arte um ein halbes Jahr

verzögert, um nicht durch deutschen Stechschritt

auf dem Bildschirm ein ohnehin schwaches „Oui“

zu gefährden. Seit dem „Non“ beim Referendum

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