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meins

2 Inhaltliches

LebensEcht

FernSicht

ErkenntnisReich

ZeitGeist

StaatsKunst

KörperKultur

FeinSinn

08 Die reife Frau

10 Der perfekte Schlaf

12 Den Kriminologen auf der Spur

15 Mein Praktikum in Spanien

16 NightWash (Interview)

18 Studi-Jobs

24 Tears of Palestine

25 Auslandsstudium?

26 2 Interviews zum Auslandsstudium

28 Drei Wochen Tokio

30 Hochzeit auf senegalesisch

36 Die Spritztour ist vorbei

38 Rudi Dutschke - Ein Attentat

40 Das Bärtierchen - einfach bärenstark

46 Radio on!

48 Graffiti ohne Schmutz

51 Sonderschule der Ästhetik: Labersack

51 Widerstand wogegen?

55 Faszination Dalai Lama

58 American Football in Köln

60 Capoeira - Kampftanz der die Sinne anspricht

Inhalt

{

Es ist irgendwas nach halb vier Uhr

morgens, es regnet in Strömen und mir

tut der Kiefer weh. Mag daran liegen,

dass ich gerade aufs Maul bekommen

habe. Dass der Typ mich nicht schlimmer

verdroschen hat, hab ich seinem Kumpel

zu verdanken, der ihn zurückgehalten

und an seine Bewährung erinnert hat.

Noch mal Glück gehabt, an Gegenwehr

wäre ohnehin nicht zu denken gewesen.

Kann ja kaum geradeaus laufen.

Am UFA-Palast lehne ich mich an die

Hauswand und kotze herzhaft in den

Eingangsbereich. Das verbessert meine

Laune aber nur unerheblich. Es ist

erbärmlich kalt, ich bin klatschnass, und

ich fürchte, ich war gerade im Roxy.

Was für ein Scheiß-Abend. Ich bin

sturzbetrunken und hatte überhaupt

keinen Spaß. Bin restlos bedient, will nur

noch ins Bett. Das Problem ist nur, wie

ich dahin komme. Die letzte Bahn ist mir

vor der Nase weggefahren und ich habe

wenig Lust eine Stunde im Regen zu

stehen. Außerdem dreht sich der

Bürgersteig, wenn ich anhalte. Also lieber

weiterlaufen, suche ich mir eben

irgendwo eine andere Bahn.

{


Gereonswall

Gummersbacher Straße

Kalker Hauptstraße

Fotografin

Sara Angasa

Türen meiner Heimat

Konrad-Adenauer-Ufer


LebensEcht


Die reife Frau

Ein Erlebnisbericht

LebensEcht

Neulich traf ich mich, bei einem Besuch in

der Heimat, mit meinem alten Freund Sebastian.

Wir kennen uns noch aus Schultagen

und haben gemeinsam das eine oder andere

„Gebiet“ erforscht. Bei unserem gemütlichen

Plausch, der wie so oft bis tief in die Abendstunden

ging, erzählten wir uns all die Details,

die wir vom anderen verpasst hatten.

Und ich merkte bald, dass ich von Sebastian

so einiges verpasst hatte!

Neben seinen bekannten Hobbys erzählte

er mir von einer ganz neuen Vorliebe. Mein

lieber Sebastian, der Traum aller Schwiegermütter

(da höflich, unterhaltsam, nicht aufdringlich

etc.) hat ein ausgeprägtes Faible für

ältere Frauen! Na gut, nicht die aus dem Altenheim,

aber immerhin geht der Gute, selbst

gerade mal 24, mit Frauen aus, die Mitte 40

sind. Er nennt sie reif und gerät regelrecht ins

Schwärmen, als er mir von seinem jüngsten

Abenteuer erzählt. Er war Tango Tanzen mit

der Mutter eines Kommilitonen. Und die

hat ihn im Anschluss nach allen Regeln der

Kunst vernascht. Jetzt treffen sich die beiden

häufiger, wenn sie gerade mal ne Stunde Zeit

hat, zwischen der Arbeit und dem Weg zur

Schule, von der sie ihre Jüngste abholt.

Aber ich will natürlich alles wissen. Wann

er das erste Mal etwas mit einer „Mutti“ hatte,

wie er sie auch liebevoll nennt. Die erste

„reifere“ Frau war die Mutter einer seiner

Nachhilfeschülerinnen (er war 21 und sie 40).

Man kann jedoch nicht sagen, die Initiative

sei von ihm ausgegangen, um genau zu sein,

war sie es, die ihn verführte. Sie war geschieden,

also waren beide Singles und dem

Ganzen stand somit nichts im Wege. Sie

hatte ihn an einem Nachmittag zur Nachhilfe

kommen lassen, doch kaum war die zu Ende,

hatte die Schwester von Mutti 1.0 (Sebastian

gab ihnen Nummern um mir die Orientierung

zu erleichtern) die Kleine abgeholt und die

beiden waren gänzlich allein. Die Affäre ging

dann über 1 Jahr, bevor das ganze ein etwas

unschönes Ende nahm, als die Kleine ihre

Mutti vor ihm knieend erwischte…

Darauf folgten weitere Bekanntschaften

mit älteren Frauen. Sebastian wurde schnell

klar, dass diese Geschichten keine Ausrutscher

waren; es entwickelte sich zu einer

Vorliebe. Beziehungen zu einer gleichaltrigen

Frau hatte er seit dem nicht mehr. Nicht ohne

guten Grund, wie Sebastian findet. Denn

die Vorzüge von reifen Frauen liegen auf der

Hand, wie ich dann auch einsehen musste.

Sie haben mehr Erfahrung, sie sind unabhängig,

stehen mit beiden Beinen im Leben und

sind wahrhaft „starke“ Frauen. Was mein lieber

Sebastian besonders herausstellt, sind

die interessanten Gespräche die man mit

ihnen führen kann. Nicht zu vergessen der

wesentlich bessere Sex. Sebastian nennt mir

ein weiteres, wirklich gutes Argument, dass

darauf hoffen lässt, dass den Machos dieser

Welt womöglich doch so etwas wie ein Herz

in der Brust pocht:

„Ein weiterer entscheidender Punkt ist,

dass ich meine große Liebe verloren habe.

Seitdem vergleiche ich jede Frau, die ich

kennen lerne, mit ihr und wenn ich schon

mein Herz nicht verschenken kann und will,

warum dann nicht wenigstens guten Sex haben.“

Und den hat man, laut Sebastian, eben

mit reifen Frauen. „Ich weiß nicht wie weit

meine Erfahrungswerte zu verallgemeinern

sind, aber Frauen in meinem Alter sind wohl

eher ein bisschen verklemmt, haben nicht

den Mut, oder, oder, oder. Auf jeden Fall hat

mich eine Frau in meinem Alter noch nie an

den Eiern gepackt und gesagt: „Jetzt zeig

ich dir mal wo es lang geht!“

Kriterien für eine sexuell anziehende

Frau sind für Sebastian nicht 90/60/90 und

Wasserstoff blond, sondern eben auch die

inneren Werte. Eine Frau, mit der er kein Gespräch

führen kann, kommt ihm nicht unter

die Decke. Also eine Einstellung, die gegen

das gängige Klischee vom Aufreisser-Macho

geht. Keine schnelle Nummer, mit einem

möglichsten naiven Dummchen, sondern

echt geforderter Anspruch. Aber es geht

und das sagt mir Sebastian ganz deutlich,

schlicht und ergreifend um Sex. Nur Eben

nicht nach der platten Art und nicht bloße

Triebbefriedigung. Ich hoffe, dass die Welt

mehr solche Männer in sich birgt, die zeigen,

dass der Mann zwar Schwanz gesteuert ist,

das aber trotzdem mit Niveau verbinden

kann.

Und so wie es aussieht, scheint dieses

Prinzip Neider im Macho Kreis zu haben.

Denn Sebastian berichtet mir von seinen

„Jungs“ (die ich selbst noch all zu gut kenne

und bezeugen kann, wie viel sich die werten

Herren auf ihre Quoten von flachgelegten

Frauen einbilden) denen der Neid aus den

Augen tritt, wenn er von seinem Sex Leben

erzählt. Obwohl man diesen Herren wohl

nicht zu erklären braucht, dass ein gutes

Gespräch vor dem Sex wunderbar entspannend

wirkt und einem den Gegenüber

vertrauter macht, so dass frau viel leichter

alle Hemmungen fallen lässt und Ihn auch

irgendwann mal mit einem Hauch von Nichts

bekleidet empfängt, sich ohne Worte auf die

Knie sinken lässt und gerne tut, was Mann so

gerne hat.

Ilka Büllner

LebensEcht


Der perfekte Schlaf

„Mein Gott, was ist denn mit dir los? Hast du schlecht geschlafen? Du bist

wieder unausstehlich!“ Oder, auch sehr schön: „Du siehst schrecklich aus!“.

LebensEcht

Foto: Maiko Henning

Diese Fragen hört jeder hin und wieder und möchte dem Fragenden in einer entsprechenden

Lautstärke entgegnen: „WENN DU ES SCHON MERKST, DANN FRAG MICH DOCH NICHT

AUCH NOCH DANACH!!!“ Gleichwohl könnte man sich in dieser Situation die Amboss-Szene

aus den Road Runner und Coyote Cartoons ins Gedächtnis rufen, um an die Stelle des Coyoten

dann den Hobby-Psychologen zu setzen: Ein zumindest relativ friedlicher Weg seiner Wut

über diese Pseudo-Freuds Luft zu verschaffen. Doch trotz dieser nicht wirklich charmanten Art

auf den Schlafmangel der letzten Nacht aufmerksam gemacht zu werden, ist gerade dieser

dann doch nicht von der Hand zu weisen.

Ein unerholsamer Schlaf macht sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar, äußert sich zum Beispiel

durch schlechte Laune, einem fahlen Teint, dunklen Augenringen und Kopf-, Nacken-

oder Rückenschmerzen. Diese Beschwerden werden gerne auf falsche Gewohnheiten wie zu

schweres Essen vor dem Schlafen, zu hohe Temperaturen im Schlafzimmer oder einfach ein

falsches Kopfkissen geschoben.

Das all diese Faktoren zu der Qualität des Schlafes beitragen steht außer Frage, ihre Behebung

ist aber auch verhältnismäßig simpel:

1. Kühle Raumtemperatur

2. Kein zu spätes Abendessen

3. Besser ein kleines, den Wirbeln angepasstes Kopfkissen

4. Leichte körperliche Bewegung vor dem Schlafen gehen

Wer nun jubelt (um evolutionstheoretischer Stereotypie gerecht zu werden bin ich an dieser

Stelle sicher, dass einige Männer dabei sind) und glaubt das Geheimrezept für einen erholsamen

Schlaf endlich für sich entdeckt zu haben, liegt leider nur zum Teil richtig, diese Tricks

gelten nämlich nur für Frauen, die allein schlafen.

Die Schlaf-Studie „Geschlechtsunterschiede der inneren Uhr auf Umgebungsreize“, der

Universität Wien unter Leitung des Verhaltensbiologen John Dittami hat neue Erkenntnisse in

Sachen Schlafverhalten von Paaren zu Tage gebracht. Es hat sich gezeigt, dass Frauen besser

schlafen, wenn ihr Partner nicht neben ihnen liegt. Männer hingegen können sich besser ausruhen,

wenn ihre Partnerin mit ihnen das Bett teilt. Ursachen hierfür liegen in der evolutionären

Entwicklung vom Urmensch bis zum modernen Menschen; Männer sind immer noch an das

Schlafen in der Gruppe gewöhnt, sie fühlen sich somit in der Nähe ihrer Partnerin wohl und

geschützt. Frauen hingegen reagieren während ihrer Nachtruhe viel empfindlicher auf Umgebungsreize,

dies wird auf die Mutter-Kind-Beziehung und somit auf den Beschützer-Instinkt der

Frau zurückgeführt. Der weibliche Schlaf ist so in der Gegenwart anderer Personen leichter und

damit nicht so erholsam, da Frauen in dieser Situation auf Gefahren der Umwelt achten.

Zum Schluss noch ein kleines Zitat um unsere männlichen Leser aus der Stereotypie heraus

zu holen und sie wieder in einem Atemzug mit den sich nicht minder über die vier genannten

Schlaftricks freuenden Leserinnen zu nennen:„Sex wirkt sich sowohl bei Frauen als auch

bei Männern positiv auf den Schlaf aus“, so der leitende Forscher John Dittami.

LebensEcht


Den Kriminologen

auf der Spur...

Wenn es um Terrorismus und kriminelle Börsengeschäfte, Drogenmissbrauch und Stalking geht, werden

Kriminologen hellhörig- denn solchen Verbrechen wollen sie vorbeugen. Die angehenden Kriminologen

der Uni Köln befassen sich mit den Erscheinungen, den Ursachen, der Bekämpfung und vor allem der

Prävention des Verbrechens. Doch wie kann man sich das vorstellen? Prof. Dr. Michael Walter, die Studen-

tin Candice und Frederik, ein Hiwi bringen uns diesen Studiengang mal etwas näher.

12 LebensEcht

Meins: Wenn Sie Ihr Studium vergleichen mit

der heutigen Situation, was hat sich da verändert?

Prof. Dr. Michael Walter: Verändert haben

sich nach meinem Eindruck weniger die Studentinnen

und Studenten. Sie stehen aber

vor einer deutlich anderen Situation. Uns ging

es damals – ich studierte von 1963 bis 1967

- vergleichsweise besser. Heute wird vielfach

Druck gemacht, schnell und effizient zu studieren.

Außerdem sind die Berufsaussichten

nicht mehr so rosig, wie sie damals waren.

Meins: In welchen Maße sollten Studenten

den Stoff, den Sie in Ihren Seminaren vermitteln

vor- bzw. nacharbeiten? Und was sind

eigentlich wichtige Voraussetzungen für ein

Kriminologiestudium?

Prof. Dr. Michael Walter: Viele finden Kriminologie

„spannend“, sie wissen aber oft nicht so

genau, worum es dabei eigentlich geht. Die

Kriminologie kann als eine empirische, erfahrungswissenschaftlich

ausgerichtete Wissenschaft

vom Strafrecht betrachtet werden.

Sie fragt nicht danach, wie etwas sein soll,

sondern wie sich die Dinge faktisch darstellen,

was das Strafrecht in der Realität bewirkt

– oder eben nicht bewirkt. Insofern geht es

auch um die Wahrnehmung von Brüchen und

Illusionen, nicht stets um eine heile Welt. Vorausgesetzt

werden neben den intellektuellen

Fähigkeiten die weiteren, sich auf Konflikte

einzulassen und kritische Distanz zu halten.

Kriminologen arbeiten regelmäßig mit Vertretern

anderer Disziplinen zusammen, müssen

von daher auch „zuhören“ können und offen

sein. Um den Einstieg in das Feld zu erleichtern,

haben wir am Institut gerade eine kleine

Schrift erarbeitet, die auch eine Auswahl geeigneter

Literatur benennt.

Meins: Wie sehen die Berufsaussichten für

Kriminologen aus?

Prof. Dr. Michael Walter: Die Berufsaussichten

sind besser, als die meisten glauben. Das

Spektrum reicht von der Tätigkeit bei Medien

bis hin zu Planungsabteilungen bei der Polizei

oder in Ministerien. Kriminologen werden

ferner für Evaluationen von spezifischen Programmen

(z.B. zur Behandlung von Sexual-

delinquenten) benötigt. Für weitere Spezialisierungen

besteht die Möglichkeit, nach

abgeschlossenem Studium kriminologische

Postgraduierten- und Masterstudiengänge

an verschiedenen Universitäten in und außerhalb

Europas zu besuchen.

Meins: Hatten Sie schon vor Beginn Ihres

Studiums vor, eine akademische Laufbahn

einzuschlagen, oder hat sich diese berufliche

Perspektive erst während Ihres Studiums gezeigt?

Prof. Dr. Michael Walter: Die Idee, eine „akademische

Laufbahn“ einzuschlagen, kam

mir erst, nachdem mir eine Assistentenstelle

angeboten worden war. Ich wählte den kriminologischen

Bereich, weil er mich zugleich

mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen in

Kontakt brachte und das Geistesleben bunter

werden ließ.

Meins: Welchen Ratschlag würden Sie Studenten

mit auf den Weg geben, um ihr Studium

zu absolvieren?

Prof. Dr. Michael Walter: Als ich anfing zu studieren,

freute ich mich über die gewonnene

Freiheit und auf ein lebendiges Studentenleben.

Doch von allen Seiten gab man mir gut

gemeinte Ratschläge mit auf den Weg. Zum

Teil widersprachen die sich noch, wodurch

zusätzliche Verwirrung geschaffen wurde. Ich

glaube, die jungen Leute sollten ihren eigenen

Weg suchen, selbst wenn sich manches aus

der Sicht ex post als Umweg erweisen wird.

Ein Ratschlag von mir wäre am ehesten noch

der, darauf zu achten, welche Tätigkeiten

Erfüllung und Freude versprechen – um just

hier mit neuem Schwung fortzufahren. Am

besten sind wir ja doch dann, wenn uns die

Arbeit froh stimmen kann!

Meins: Warum gerade dieser Studiengang?

Was zeichnet ihn aus?

Candice Farzan: Ich habe Kriminologie als

Studiengang gewählt, weil ich es am interessantesten

finde. Dabei geht es darum mitzudenken

und nicht alles so zu nehmen, wie

es angeblich ist. Durch richtige Erkenntnisse

der Ursachen wird ebenfalls eine passende

Prävention ermittelt, um ein Gebiet von der

Wurzel an zu behandeln. Dieser Studiengang

verbindet Politik, Pädagogik, Psychologie,

Soziologie, Recht und vieles mehr. Schließlich

haben wir alle im Alltag ständig mit dieser

Thematik zu tun.

Meins: Ist es so, wie du es dir vorgestellt

hast?

Candice Farzan: Ich habe keine Sekunde bereut,

mich für Kriminologie entschieden zu

haben, außer dass ich jetzt für meine Examensprüfung

weniger Interesse an anderen

Bereichen in mir sehe. Ich hatte es mir trockener

vorgestellt, aber dank Prof. Dr. Walter,

der sein Fach nicht nur unterrichtet, sondern

mehr die Studenten mitwirken lässt und die

Leidenschaft zum Fach in Ihnen erweckt,

wirkt es absolut nicht trocken und vor allem

verspüre ich in diesem Fachbereich keinen

Lernzwang, sondern mehr Spaß. So habe ich

mich auch während der Schwerpunktarbeit

sehr gerne in die Arbeit gestürzt und mich dadurch

leider weniger eingegrenzt. Ich könnte

noch wochenlang forschen und schreiben.

Meins: Wie muss man sich eine Woche im

Leben eines Kriminologiestudenten vorstellen?

Candice Farzan: Die Woche eines Kriminologiestudenten

ist, denke ich, weniger vom

Studienfach abhängig. Also wie jede Studentin

habe auch ich Zeit zu arbeiten, um mein

Studium zu finanzieren und lerne. Wobei ich

leider persönlich nicht immer an Vorlesungen

teilnehmen kann, was ich gerne tun würde,

weil die Vorlesungen wirklich interessant

sind. Aber es ist nicht einfach, ohne Unterstützung

zu studieren. Ich denke bzw. habe

auch zum Teil die Erfahrung gemacht, dass

die Vorlesungen ein stressiges Lernen erübrigen.

Vieles wird einem so angeeignet, dass

die Logik allein viele Antworten vorgibt. Die

richtige Denkweise ist meiner Meinung nach

wichtiger als allein auswendig gelernte Fakten.

Als Kriminologiestudentin achtest du

aber natürlich auch im Alltag sehr auf Geschehnisse,

die du auf dein Fach beziehen

kannst. Also eine Woche mit Arbeit, Büchern

und ab und zu auch Freunde und Familie,


wenn dafür noch Zeit bleibt, wobei man auch

dann ungewollt ständig alles aus einer anderen

Sicht betrachtet als die anderen es tun.

Es gibt oft Diskussionen mit Fachfremden.

Meins: Findest du diesen Studiengang intellektuell

oder emotional anstrengend?

Candice Farzan: Ich finde Kriminologie intellektuell

insofern anstrengend, dass sehr genau

gearbeitet werden muss. Viele Statistiken

zeigen, wie falsch „normale“ Menschen über

Tatsachen denken. Es geht darum, sich nicht

beeinflussen zu lassen und bei Fakten zu

bleiben, wobei dies mehr durch Emotionen

verhindert wird. Es werden die Ursachen

vermutet, gesehen oder festgestellt und

es ist wie in der Philosophie sehr schwierig

eine passende genaue Prävention zu finden

bzw. sicher zu sein, dass die ermittelten Ursachen

tatsächlich richtig sind. Die eigenen

Erfahrungen versuchen oft mit einzufließen

und einen zu manipulieren. Also finde ich es

anstrengender sich von den Emotionen zu

differenzieren.

Meins: Was kann man als Kriminologe eigentlich

alles machen?

Candice Farzan: Vor allem kritisieren!!! (lacht)

Als Kriminologe geht es an erster Stelle darum,

Ursachen und hierauf gezielte Lösungswege

zu finden, um die Kriminalität zu verringern.

Es geht hier um eine objektive Position

zwischen Kriminalität und Bestrafung. Da Kriminalität

fast in allen Lebensbereichen vorzufinden

ist, kann der Kriminologe also überall

eingesetzt werden.

Meins: Hast du eine Vorstellung, welche

Richtung du einschlagen wirst und wie dein

Beruf im Alltag aussehen wird?

Candice Farzan: Ich würde gerne politisch

aktiv werden, was schon immer mein Ziel

war.

Meins: Warum wolltest Du Kriminologie studieren?

Frederik: Nun ja, nach dem Jura-Grundstudium

beginnt bei uns im Regelfall sofort die

Examensvorbereitung, daneben verlangt die

Prüfungsordnung die Ableistung eines soge-

nannten Schwerpunktbereichs. Darin werden

3 Klausuren und eine Seminararbeit geschrieben.

Der Schwerpunktbereich 14 Kriminologie,

Jugendkriminalrecht und Strafvollzug ist

dabei einer von insgesamt 15 angebotenen

Schwerpunktbereichen. Die Kriminologie

ist somit zumindest an der Uni Köln kein eigenständiger

Studiengang. Daneben gibt es

noch Aufbau- oder Masterstudiengänge im

Bereich Kriminologie.

Nach dem Abschluss meines Grundstudiums

stand ich wie jeder andere natürlich auch vor

der Frage, welcher Bereich wohl der beste

und interessanteste sei. Dass das Fach Kriminologie

spannend ist, kann sich wohl jeder

vorstellen. Daneben muss ich zugeben,

dass ich mir auch vorstellen konnte, mal 2

Semester etwas zu studieren, was nicht ausschließlich

mit Jura zu tun hat. Und da die

Kriminologie eine Bezugswissenschaft zu

den Bereichen Soziologie, Psychologie und

Kriminalpolitik darstellt, hatte ich meine Wahl

relativ schnell getroffen.

Meins: Was zeichnet Deinen Studiengang

aus?

Frederik: Teilweise gilt natürlich das, was ich

oben schon gesagt habe. Im Bereich Kriminologie

spielt die Rechtswissenschaft natürlich

eine große, aber nicht die einzige entscheidende

Rolle. Grundsätzlich lernt man

in der Rechtswissenschaft ein Rechtsgebiet

von Innen kennen. Der zentrale Ansatzpunkt

dieser Wissenschaft ist aber die Untersuchung

der Wirksamkeit kriminalrechtlicher

Eingriffe, wie zum Beispiel die Schaffung

eines neuen „Stalking-Straftatbestandes“.

Dabei ist natürlich erforderlich, dass man

nicht nur die Binnensystematik eines Rechtsgebietes

erforscht, sondern vielmehr wird

das Rechtsgebiet als Ganzes auf sein Funktionieren

untersucht und gegebenenfalls Ansatzpunkte

entwickelt, um unerwünschten

Entwicklungen entgegenzuwirken.

Meins: Wie bist Du zu Deinem Job als studentische

Hilfskraft gekommen?

Frederik: Ich habe mich einfach beworben

und dann hat es geklappt. Mittlerweile arbeite

ich schon 2 Jahre am Institut. Eine sol-

che Erfahrung kann ich eigentlich nur jedem

empfehlen. Da man den universitären Alltag

wirklich auch mal von der anderen Seite kennenlernt.

Meins: Strebst du als Hiwi denn selbst eine

akademische Laufbahn an?

Frederik: Das kann ich heute noch nicht sagen.

Bei uns hängen die Berufschancen in

erster Linie von unserer Examensnote ab. Da

ich mich zurzeit auf mein Examen vorbereite,

mache ich mir über solche Fragen noch keine

Gedanken. Allerdings könnte ich mir eine

Promotion auf diesem Gebiet sehr gut vorstellen.

Insgesamt kann man aber sagen, dass die

Jobangebote für Kriminologen beispielsweise

im Verhältnis zu Arbeitsrechtlern ziemlich

rar sind.

Meins: Du sitzt als studentische Hilfskraft ja

quasi zwischen den Stühlen und kennst beide

Seiten. Findest du, dass die Dozenten zu

viel Druck auf die Studierenden ausüben?

Oder würdest du Studenten gar als faul bezeichnen?

Frederik: Ich glaube, so etwas kann man nicht

verallgemeinern. Professoren sind auch nur

Menschen und da hat der eine halt höhere

Anforderungen als der andere. Das Spektrum

ist nach meinen Erfahrungen hier manchmal

etwas zu breit. Allerdings würde ich auch

Studenten nicht generell als faul bezeichnen.

Der eine motiviert sich eben besser als der

andere und dass man bei gutem Wetter lieber

in der Sonne sitzt als im Hörsaal, ist wohl bei

jedem so.

Abschließend würde ich sagen, dass deutsche

Hochschulabschlüsse international

noch ein sehr gutes Ansehen genießen.

Damit das auch so bleibt, müssen natürlich

gewisse Standards, was den Prüfungsstoff

angeht, eingehalten werden.

Veronika Czerniewicz

Mein Praktikum

in Spanien

Ich studiere nun im 6. Fachsemester Romanistik

Spanisch. Man sollte meinen, dass

ich meine Zweitsprache perfekt beherrsche.

Doch leider weit gefehlt. „Man lernt seine

Zweitsprache immer nur zu 90% so gut wie

seine Muttersprache“, hört man oft. Na ja,

auch diesen Qualitätsstandard habe ich in

meinem Studium bislang noch nicht erreichen

können. Zu einem gewissen Grad liegt

es sicherlich auch daran, dass in den Hauptseminaren

der Romanistik spanische Literatur

in deutscher Sprache analysiert und interpretiert

wird – das jedoch nur nebenbei. Kommt

der Berg also nicht zum Propheten, muss

der Prophet wohl selber los. Daher habe ich

mich dazu entschlossen im kommenden

Sommer ein Praktikum in Spanien zu absolvieren.

Um in diesem durch so viele Urlaube

eigentlich bekannten und doch so fremden

Land nicht völlig allein dazustehen, habe ich

mich an eine Vermittlungsagentur gewandt,

die mir vor Ort eine ständige Betreuung gewährleistet.

Gegen eine faire Organisationsgebühr

hat mir eine sehr nette Vermittlerin

zu meinem Traumpraktikum verholfen, wobei

sie meine Wünsche bezüglich Zeit und Ort so

weit wie möglich berücksichtigte.

Nun fliege ich bald für 9 Wochen nach Alicante

um zunächst mein Spanisch in einer

Sprachschule zu intensivieren und um dann

mein Praktikum in einer kleinen spanischen

Zeitung namens Modalacant anzufangen.

Sicher für viele ein Traum...ja, für mich eigentlich

auch. Einen Sommer in Spanien verbindet

man direkt mit der Sonnenseite des Lebens

– Meer, Strand, Unbefangenheit, viele

feierwillige Menschen.

Doch hinter der Vorfreude auf die neuen

Menschen, die mir begegnen werden, auf die

vielseitigen Erlebnisse, die sich sicherlich für

immer in mein Gedächtnis einprägen werden

und auf die weitere Zeile in meinem Lebenslauf,

verbirgt sich eine gewisse Nervosität und

Angst vor dieser Zeit. Was ist, wenn ich mich

mit meiner Zimmerbewohnerin, meiner Chefin

und meinen Arbeitskollegen überhaupt

nicht arrangieren kann? Wenn die sprachliche

Barriere doch größer ist als gedacht und ich

mich überhaupt nicht verständigen und mitteilen

kann, weil die Spanier doch eh viel zu

schnell reden? Wenn ich meine Sprachkenntnisse

überhaupt nicht vertiefen kann, weil

doch nur deutsche oder englische Touristen

auf mich warten? Wenn ich entdecke, dass

dieses Praktikum mich überhaupt nicht weiterbringt,

meine Aufgaben dem Kopieren und

Kaffeekochen gewidmet sind und sich die

allgemein bekannte Auffassung, das Praktikanten

doch nur ausgenutzt werden, bewahrheitet?

Wenn das Heimweh immer größer

und das Antreffen einer Bezugsperson immer

unwahrscheinlicher wird?

Bislang sind all diese Fragen noch unbeantwortet.

Daher könnt ihr voller Spannung die

nächste Ausgabe des Meins-Magazins erwarten,

in der ich euch berichten werde, in

wie weit meine Ängste (un)begründet waren.

Agathe Miskiewicz

Falls ihr an einer Vermittlung eines Praktikums oder einer Sprachschule interessiert sein, kann ich euch

die Seite www.praktikumsvermittlung.de nur ans Herz legen. Dort findet ihr sogar einen Preis-Kalkulator,

mit dem ihr vorab die Kosten um das Praktikum berechnen könnt.

14 LebensEcht LebensEcht

15


Zusammen mit dem Fernsehsender Comedy Central entdeckte die Stand-Up-Comedy-Show

"NightWash" das Licht der Welt. Dachte ich zumindest. Doch erst mit meinem Interview mit dem

Moderator und Erfinder der Show Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser kam die Erkenntnis eines Irrtums

meinerseits und die Anerkennung für die harte Arbeit, die sich hinter dem Namen NightWash

verbirgt. Foto: Alexander Graeff

NightWash

Interview mit "Knacki", dem Erfinder der Show.

Was die wenigsten wissen: Klaus-Jürgen

Deuser steht schon seit mehr als 25 Jahren,

seit dem Ende seiner Schulzeit, auf der

Bühne. Mit seinem „viel visuelleren, viel dramatischeren

und viel absurderen“ Ensemble

Die Niegelungen“ tourte Deuser zehn Jahre

durch die Republik, meist sogar ausverkauft.

Doch 1994, mit dem Beginn der Comedy

im Fernsehen, nahte das Ende der Niegelungen.

Den Aufbau eines Thesenpapiers durch

sein BWL-Studium noch im Kopf, entwirft

Deuser ein Konzept für mögliche Innovationen

in der deutschen Comedy-Szene. Die

Förderung junger Talente und das Herantreten

an ein jüngeres Publikum ist Deusers

Lösungsvorschlag. Bei einem Spaziergang

durch Chelseas Straßen stößt er auf den

passenden Lösungsweg: in einem Waschsalon

steht ein alter Mann, der den wenigen auf

ihn gerichteten Augenpaaren seine eigenen

Gedichte vorliest: NightWash ist geboren.

Geplant waren anfangs nur zwei Auftritte.

Doch nun hatten die Zuschauer Blut geleckt,

so dass sich seit den ersten Auftritten im

Juni 2000 an dem Konzept „der Mutter aller

Shows“ auch nichts geändert hat. Routiniert

wie immer führt Deuser als roter Faden durch

die Show, sorgt als Gastgeber für die Grundatmosphäre

und stellt uns kostenlos fünf bis

sieben der neuesten Comedians vor. Diese

unterhalten den proppevollen, eher von Studenten

besetzten Waschsalon von der Fensterbank

aus. Deuser bezieht gerne das Publikum

mit ein und die Witze, die auf Kosten

der Studenten fallen, heizen die eh schon

ausgelassene Stimmung noch mehr an.

Bei der Auswahl der Comedians kommt

es nicht nur darauf an, Witze erzählen zu

können. Deuser ist die professionelle Einstellung

besonders wichtig: „Wenn man die-

se Entscheidung, ob man Comedian oder

doch eher Bankkaufmann werden soll, noch

nicht getroffen hat, ist man bei mir falsch.

Man muss sagen können, man, das ist mein

Lebenstraum. Es geht nicht darum, dass die

Bühne eine Selbsttherapie ist, sondern ein

Job, der darin besteht, die Leute zum Lachen

zu bringen.“

Bis heute soll der Waschsalon den neuen

Künstlern als Experimentierbühne dienen.

Deuser mag dabei vor allem kleine, kurze

Witze, die an eine gewisse Grenze gehen

und trotzdem eine bestimmte Hintergründigkeit

beinhalten, dem Zuschauer eine neue

Sichtweise liefern und zum Weiterdenken

anregen. Es gibt jedoch auch Grenzen, die

Deuser nicht übertreten würde, vor allem

wenn es sich dabei um Themen mit rassistischem

Hintergrund handelt. Auch bei der

„Geschlechtersache“ ist Deuser empfindlich:

„Wir müssen aufpassen, dass wir das, was

wir uns in Deutschland an Freiheit erkämpft

haben, nicht ständig kaputt machen.“

Und woher weiß ich nun, ob ein Witz gut

ist? Das Geheimnis des Comedians liegt im

Lesen des Publikums, „denn es gibt kaum

eine Kunstform, die so abhängig ist vom Publikum.“

Ein Theaterstück, ein Lied, ein Film

– die Generalprobe oder das Können der

Künstler entscheidet über den Erfolg. „Doch

ein Gag ist erst gut, wenn die Leute lachen.“

Das Geheimnis wird also erst durch „spielen,

spielen, spielen“ gelüftet!

Mit seinem innovativen Konzept für die

deutsche Comedy-Szene investierte Deuser

auch in seine Zukunft. Heute leitet er seine

eigene Firma und möchte das NightWash-

Clubsystem in 20 weiteren Städten aufbauen.

Außerdem geht er mit vier ausgewählten Comedians

aus dem Waschsalon auf Deutschland-Tour,

die seine, wie er sagt, „größte

Baustelle“ darstellt. Und die weiteren Ziele

für NightWash? „Ich will einfach 10 Jahre im

Fernsehen durchhalten, ein Top-Programm

in ausverkauften Hallen und Theatern liefern

und jedes Jahr 1-2 Künstlern die Chance geben

groß raus zukommen.“

Agathe Miskiewicz

Die Daten für die NightWash-Tour findet ihr unter www.nightwash.de. Auch Deusers eigene Homepage

ist einen Besuch wert: www.kj-deuser.de. Die Termine für die kostenlosen Waschsalon-Shows sind streng

geheim. Entweder greift ihr auf den NightWash-Newsletter zurück oder ihr haltet in den Kölner Straßen

die Ohren auf. Grund: „der Waschsalon bricht sonst aus allen Nähten!“

LebensEcht


Studi-Jobs:

Mal was anderes als das

übliche Tablett-Tragen

Um während des Studiums nicht all sein Geld für Bücher, Reader und Kopierkarten herzugeben

und um noch einen Anteil am sozialen Miteinander zu haben, üben die meisten Studenten mehr

oder weniger aufregende Nebenjobs aus. Hier denkt man zunächst an die gängigen Schüler-/Studen-

tenjobs wie Kassierer, Verkäufer oder Kellner. Ob diese Aushilfsstellen auf 12h-Basis die Erfüllung

schlechthin sind, liegt im Auge des Betrachters, doch es geht auch anders. Im Folgenden haben vier

Studenten sich und ihre Nebenjobs, die jeweiligen Vor- und Nachteile, sowie die Gründe, warum sie

sich für diesen Job entschieden haben, vorgestellt.

Joachim, 28 Jahre,

Rechtsreferendar, Aushilfe in Kaffeerösterei:

„Während meines Studium habe ich drei Jahre lang in einer Kaffeerösterei in Aachen gearbeitet.

Dort war ich drei Mal die Woche von 8:00h bis 12:30h und habe 7,50Euro/h verdient. Mit

den Kollegen habe ich mich super verstanden, der einzige Nachteil war das Arbeiten im Sommer.

Die Röstmaschinen erhitzen auf 130°C und ich musste jeden Vormittag 600kg Rohkaffee

verarbeiten. Als ich dann aufgehört habe, habe ich meine Stelle an einen Freund weitergegeben,

so hab ich sie auch bekommen. Der Job als Kaffeeröster war mein Lieblings-Studi-Job,

es war immer interessant, da wir mit vielen verschiedenen Kaffeesorten aus der ganzen Welt

gearbeitet haben und jeden Monat große Lieferungen bekommen haben, gleichzeitig war es

aber auch entspannend, jedoch nie langweilig. Meine anderen Nebenjobs wie z.B. Partyservice,

Promotion oder auch Bauarbeit waren mir mit der Zeit zu anstrengend und zu nervig.“

Ein Nebenjob kann also nach verschieden Kriterien ausgewählt werden; angenehme Arbeitszeit,

gute Bezahlung, angenehmes Umfeld oder Vorbereitung auf das spätere berufliche Leben.

Allen gemein ist dennoch, dass es so gut wie überall gute und schlechte Seiten gibt und man in

dieser Einschätzung realistisch bleiben soll…sonst würde es ja auch nicht Arbeit heißen.

Alesia, 27 Jahre,

Literaturwissenschaftlerin, Komparsendarstellerin:

Christoph, 26 Jahre,

Sprachwissenschaftler, Versandkraft in Großbäckerei:

„Vor 2 Jahren habe ich eine Komparsenrolle in der Sat1-Serie „Freunde für immer - das Leben

ist rund“ unter der Regie von Sönke Wortmann gespielt. Ich habe die Annonce in der Zeitung

gelesen und wollte es einfach mal ausprobieren, obwohl es nicht mein Traum ist Schauspielerin

zu werden. Nachdem ich dann bei dem Casting war, bekam ich einen Anruf und wurde direkt

ans Set eingeladen um einen von mehreren Kinogästen zu spielen. Bevor es dann aber richtig

los ging, hat sich der Regisseur dafür entschieden mir eine andere Rolle als Pflegerin in einer

separaten Szene zu geben, das war dann eine „größere Rolle“. Der Tag am Set hat Spaß gemacht,

trotzdem würde ich nicht noch mal eine Rolle ohne Text übernehmen, da man für eine

Tagespauschale von 50 Euro fast den ganzen Tag mit Warten verbringen muss.“

„Ich arbeite seit zwei Jahren in der Versandabteilung einer Großbäckerei in Köln, dort arbeite

ich meist in der Nachtschicht von 23:30h bis 9:00h. Mir macht dieser Job sehr viel Spaß, da

er ein guter Ausgleich zu dem Uni-Stress und meiner Stelle als Hiwi ist. Da ich diese Stelle

über einen Freund, der gleichzeitig der Sohn vom Chef ist, bekommen habe, war mein Start

bei den Kollegen nicht optimal. Aber nach einer Zeit haben sie dann gemerkt, dass sich der

Studi doch Mühe gibt und, trotz der mit Blasen übersäten Hände, immer noch pünktlich zur

Schicht kommt. Die Bezahlung ist auch sehr gut; 10 Euro/h und ein Nachtzuschlag (00h-5:00

12,50Euro/h). Der Nachteil ist allerdings, dass der eigene Rhythmus völlig durcheinander gerät,

wenn man mehrere Tage am Stück die Nachtschichten macht.“

Julia, 22 Jahre,

Medienwissenschaftlerin, Studentische Aushilfe in TV-Redaktion:

„Ich fange im Mai als Studentische Aushilfe bei einer TV-Redaktion in Köln an, im Moment arbeite

ich dort zur Probe. Ich könnte mir keinen besseren Nebenjob vorstellen, da Redakteurin

mein Traumberuf ist und es keinen besseren Einstieg gibt. Ab Mai werde ich dann 16h/Woche

arbeiten und 9Euro/h verdienen. Meine Aufgabe ist die Unterstützung der verschiedenen

Arbeitsgruppen innerhalb der Redaktion, so helfe ich z.B. dem Recherche-Team. Da ich vor

einigen Monaten ein Praktikum in derselben Redaktion gemacht habe, wurde ich von den Kollegen

super aufgenommen, eigentlich gibt es wirklich nichts, was mir nicht gefällt!“

18 LebensEcht LebensEcht

19


„Ming Jung macht Krebs-Jungen glücklich!“

So titelte vor einiger Zeit ein vor allem im

Kölner Raum ansässiges Boulevard-Blatt.

Ming Jung, das sei dem geneigten, sich

nach Aufklärung verzehrenden Leser als

kleines Hintergrundinformatiönchen galant

in den Schoß gelegt, war ein kurz zuvor im

Kölner Zoo geborener indischer Elefant,

dem eine findige Bürgerin dieser Stadt zu

diesem, seine asiatischen Wurzeln betonenden

und gleichsam heimeliges Lokalkolorit

versprühenden, Namen verhalf.

Sollte es nun einen oder gar mehrere

geneigte Leser geben, die mich verdächtigen,

der Beglückung kleiner Jungen negativ

gegenüber zu stehen oder meine Bewertung

derselben vom Gesundheitszustand (oder

dem Sternzeichen) ebendieser Jünglinge

abhängig zu machen? Möge das Schicksal

Ihnen diese infamen Unterstellungen mit

Salz anstelle von Zucker vergelten, auf dass

Sie das damit versetzte Heißgetränk voller

Ekel auf eben diese von mir dargelegten

Zeilen speien mögen!

Und dennoch, ich vermute mich mit an

Gewissheit grenzender Zuversicht in zahlreicher

Gesellschaft, wenn ich kund tue,

dass solcherlei Formulierungen mein Gemüt

auf die unbehaglichste Weise in Aufruhr

versetzen. Sie erzeugen ein vom Nacken

herabziehendes Frösteln in mir, vergleichbar

mit jenem Gefühl, welches den Benutzer

einer Duschkabine ereilt, wenn er die Erkenntnis

über deren mangelnde Sauberkeit

und die von seinem Vorgänger zurückgelassenen

Schaumreste erst in dem Augenblick

gewinnt, da er den unbeschuhten Fuß in besagte

Kabine setzt. Die Instrumentalisierung

gerade erst in diese Welt hinein geborener

Individuen zur Aufstachelung sensationslüsterner

Großstadtbürger, handele es sich

nun (ganz gleich, ob bei den Individuen

oder den Großstadtbürgern) um schwerkranke

Menschenkinder oder fernöstliche

Pachyderme, hat meiner unmaßgeblichen

Meinung nach vollständig zu unterbleiben!

Doch gerade als ich mich einer weiteren

Schilderung der Ungemache, in die man als

arglos umher flanierender Stadtbürger durch

das Spiel des Zufalls zu geraten, geradezu

Public Transport Highlife

vs. Großwild-Festilität

zu schlittern gefährdet ist, widmen will, ereilt

mich eine andere unheilsschwangere Eingebung:

Trifft man, insbesondere scheinbar als

Einwohner Kölns, auf jemanden aus Hamburg

oder gar Berlin, so wird man seine Geduld

keiner großen Anstrengung unterziehen

müssen, ehe einem ebendieser jemand mit

erheblichem Engagement versichert, Köln

sei so großstädtisch eben nicht, vielmehr

solle man mal die jeweilige Heimatstadt seines

Gegenübers besuchen, dort sei nämlich

„wirklich was los“. Von einem Münchner

vernahm ich solche Reden im Verlaufe

meines irdischen Daseins bislang nicht,

doch ich will auch dieses arme Völkchen

meinen ungerecht pauschalen Vorurteilen

unterwerfen und einfach mal behaupten,

dass sie ganz ähnlich verfahren. Ist man an

diesem scheinbar obligatorischen Punkt des

Gesprächs angekommen, müsste eigentlich

die späte Stunde der oben angesprochenen

Geduld schlagen, aber „Moment mal“ sagt

die Geduld, „so geht’s nich, erst brauch

einen keiner und dann plötzlich, nee, also so

geht’s nich!“ Und so kommt es dann, dass

man eben keine versöhnlichen, beschwichtigenden

Worte findet, die zu einer Erwiderung

sich eigneten, sondern dem heimatliche

Verbundenheit empfindenden Seelenteil

zu gehorchen und eine hitzige Diskussion zu

führen verdammt ist, was aber so schlimm

auch wieder nicht ist, da die meisten

Menschen es geradezu übel nehmen,

zumindest aber Verständnislosigkeit oder

Unzufriedenheit zeigen, wenn ein Gespräch

nicht den gewohnten Gang nimmt. So

sagt man sich. Später aber, und mit dieser

zugegebenermaßen sehr späten Wendung

hin zur conclusio aus den obigen Vorbemerkungen,

sei hoffentlich das Wohlwollen des

geneigten, aber ungeduldig mit den Füßen

scharrenden Lesers zurückgewonnen, da

ereilen einen dann doch Zweifel, ob man

denn überhaupt berufen sei, ausgerechnet

über Urbanität etwas zu Papier zu bringen,

hört man im Geiste doch schon das

schallende Gelächter all der Hamburger,

Berliner und ganz bestimmt auch Münchner,

die höhnisch brüllend einem Provinzialität,

Kleinbürgertum und Mangel an Esprit und

savoir vivre vorwerfen. Für sich betrachtet

mag das nichts sein, wodurch sich der

Aschenbecher mit Nervositätszigaretten

oder die Augenpartie mit Schlaflosigkeitsringen

füllen. Wird man dann jedoch von einem

Hannoveraner damit konfrontiert, dass, wie

einem selbst wohlbekannt, die Nutzung

des öffentlichen Verkehrsnetzes in Köln zu

gewissen Uhrzeiten infolge des Betriebsschlusses

nicht möglich sei, dass aber, und

damit sei die deprimierende Neuigkeit aus

dem metaphorischen Sack gelassen, man

in Hannover durchaus nächtelang mit Bus

und Bahn durch die Gegend fahren könne,

verschlechtert sich der Gemütszustand

zusehends. Dies sind die Stunden, in denen

das Kolumnistenherz auch mal einen kleinen

Elefanten nötig hätte...

Aber was nützt alles Hadern und alle

Seelenpein, irgendwann will das muntere

Geschreibsel ja auch mal zu einem Schluss

geführt sein, und was müsste man für ein

Scheusal von Schreiber sein, würde man

den Leser mit solch trostlosen, desperaten

Worten verabschieden! Nein, zu solcherlei

Subjekten will man sich nicht gezählt wissen

oder gezählt vermuten, und deshalb muss

noch irgendein freundlicher, hoffnungsvoller

Gedanke gefunden sein, eh man den Griffel

niederlegt. Letztendlich ist ja auch das

öffentliche Personennahverkehrssystem

einer Stadt kein allzu exakter Gradmesser

für Urbanität, ein gewagtes Statement,

zugegeben, aber der geneigte Leser möge

in Betracht ziehen, dass einerseits Saarbrücken

durchaus über eine Straßenbahn

verfügt, Paris andererseits wesentlich

rigidere Regelungen bezüglich der Betriebszeiten

seines U-Bahnnetzes trifft als Köln.

Ich habe zwar noch nie davon gehört, dass

irgendjemand Urbanität anhand der Zahl

von Elefantengeburten gemessen hätte,

aber wenn dereinst spätere Generationen

ein feineres Gespür für derlei sozio-ökonomische

Zusammenhänge entwickelt haben

werden, werden sie sich endlich der oben

skizzierten lokalpatriotisch eingefärbter

Dispute enthalten können.

Holger Reinemann

Gefühlte 160 Zeichen

Die SMS ist größter Ertragsbringer für die Netzbetreiber, obwohl sie nur ein

Tausendstel an Dateninhalt einer Gesprächsminute beinhält. Der finanzielle

Aufwand ist also unverhältnismäßig in Anbetracht der Menge an Daten, die

wir per SMS übermitteln können.

Warum neigen wir, obwohl wir Zugriff auf direktere Kommunikationsmöglichkeiten

haben also zu einem schriftlichen Medium? Ist es die Kürze, die

uns besticht? (Bsp: OK/ :-) )

Die Unverfänglichkeit, da wir uns bei dem Versenden schlechter (Kurz-)

Nachrichten nicht direkt mit den Gefühlen des Adressaten konfrontiert

sehen? (Bsp: Lass uns Freunde bleiben./ Ich kann heute leider doch nicht,

da mein Wellensittich Geburtstag hat.../ Wir haben uns leider für jemand

Anders entschieden. Viel Glück noch bei der WG-Suche!)

Oder weil man seinen Gefühlen einfach freien Lauf lassen kann? (Bsp: Ich

befürchte, dass ich mich in dich verliebe./ Aber du weißt doch, dass ich

mit deiner besten Freundin zusammen bin./ Wenn du das nochmal machst,

kannst du dir ‘ne andere besten Freundin suchen!!!!)

Eins ist sicher: bei all zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen hält sich

bei einem Umfang von 160 Zeichen sowohl der finanzielle Verlust als auch

das Ausmaß an seelischen Konsequenzen eher in Grenzen als bei einem

Gespräch in Echtzeit (Bsp: Also dann noch viel Spaß in Japan!)! Und auch

T9 (a.k.a. Text on 9 keys) kann Schlimmeres verhindern (Bsp: Du bist so

eine blöde Landsmmdran!).

In diesem Sinne: Weiterhin gefühlvolles tippen!

Iris Sygulla


FernSicht

Foto: Niels Walker

22

FernSicht

FernSicht

23


24

Tears of Palestine

Auszug eines Reiseberichts aus Israel

Meine Freundin und ich sind

früh aufgestanden, um uns den

Tag mal wieder so voll wie möglich

zu packen. Zugegeben, wir

machen das auf Reisen gerne.

Die Busstation von Ramallah, der Hauptstadt

des Westjordanlandes, liegt direkt

neben dem Markt. Einige bärtige und nichtbärtige

Männer schreien sich schon morgens

die Seele aus dem Halse. Schulkinder

sind unterwegs. Sie stieren meiner Freundin

hinterher, als ob es die erste blonde Frau

in ihrem Leben ist. Es ist Ramadan und ich

kann sie hier nicht wie in Israel schützend

in den Arm nehmen. Schließlich versucht

man an Ramadan etwas Respekt zu zeigen.

Nicht einmal Rauchen auf der Straße...

Der Bus schlängelt sich durch steiles

Gelände und passiert viele kleine Dörfer,

denen die Erschöpfung der letzten 50

Jahre gewaltsamer Auseinandersetzungen

anzusehen ist. Früher waren es 30 Minuten

von Ramallah bis nach Bethlehem,

mittlerweile dauert die Reise anderthalb

Stunden. Gerade in diesem Abschnitt gibt

es besonders viele israelische Siedlungen,

die ein zügiges Vorankommen unmöglich

machen. Die Siedlungen, die wir passieren,

liegen abgeschnitten durch Mauer oder

Zaun, strategisch günstig auf den höchsten

Bergen. „Sicherheitsgründe“, lassen wir uns

sagen.

Wir kommen an und die latente, von den

Kurven ausgelöste Übelkeit nimmt langsam

ab. Bethlehem ist schön. Die Geburtskirche

Jesu und die Altstadt sind ein optisches

Fest. Touristenkarawanen wuseln umher

FernSicht

und kaufen Andenken. Es ist lieblich hier,

ganz reizend - eine schöne Welt. Ich frage

Maren, warum Bethlehem eigentlich im

Besitz der palästinensischen Autonomieverwaltung

ist. „Das sind christliche Heiligtümer“,

antwortet sie mir trocken.

Etwas stört die heilige Atmosphäre. Die

Wände der mittelalterlich anmutenden Gemäuer

sind geziert von Plakaten, auf denen

junge Männer mit großen, sehr großen

Pistolen posieren. Wir fragen uns, was das

denn wohl zu bedeuten hat. Später sollen

wir mehr wissen.

Bethlehem ist eine dieser Städte, die mittlerweile

zu 60% von Betonmauer umgeben ist.

Die anderen 40% sind noch im Bau. Multi-

Level-Approach nennt sich das. Neben der

Umzäunung der 1949 vereinbarten Grünen

Linie entlang des kompletten Westjordanlandes,

ragen die Mauern mittlerweile weit

nach „Palästina“ hinein, um die israelischen

Siedlungen vor Attentaten zu schützen und

vermeintliche Selbstmordattentäter schon

im Vorfeld dingfest zu machen. Multi-Level-

Approach - ein Kampf an vielen Fronten

also.

Ein kleines Restaurant ist Anlaufpunkt

unseres Mittagessens. Der Besitzer ist, wie

fast alle Palästinenser bis dato, sehr freundlich.

Mitte zwanzig und ohne typischen

Arafatschal. Vielmehr erinnert er meine

abendländisch geprägten Augen an einen

deutschen Obstverkäufer. Wir kommen ins

Gespräch und ich zeige ihm die Fotos der

starken Jungs mit ihren Pistolen auf meiner

Digitalkamera. „Ach, das sind Märtyrer, hier,

der ist von der Hamas und der dort gehörte

der Fatah an, und der hier ist bei einem

Angriff der israelischen Armee umgekommen.“

Er winkt mir zu, ich folge ihm, etwas

erschrocken von seiner Antwort. Er zeigt mir

ein großes umrahmtes Foto von einem kleinen

Jungen. Dies sei sein Bruder, erklärt er.

Beim Spielen vor der Kirche hätten

ihn Spezialeinheiten der israelischen

Armee erschossen, aus

Zufall, er war eben zur falschen

Zeit am falschen Ort.

Ungeübt im Umgang mit solchen emotionalen

Momenten schaue ich ihm nur tief in

die Augen und sage: „That’s not very nice.“

Meine Frage nach seiner Einstellung zu den

posierenden Märtyrern hat sich damit wohl

erledigt. Wir verabschieden uns nochmals

herzlich, zahlen und gehen.

Wir gehen zu Fuß in Richtung des Checkpoints

nach Israel. Zurück ins gelobte Land,

Foto: Nicolas Martin

oder vielleicht einfach ins gelobtere Land? Aus dem Nichts taucht sie auf: die Mauer. Ein

acht Meter hohes Konstrukt, um das vermeintlich Gute und Böse voneinander zu trennen.

Hier wird der urbane Charakter dieses Sicherheitswalls besonders ersichtlich. Abgeschnittene

Straßen, Häuser umzingelt von Mauern, spielende Kinder auf dem bisschen Grün das

bleibt und viele Wachtürme, die den Feind schon von Weitem erspähen. Wir schauen uns um.

Ich mache wie immer Fotos, als ein alter Mann uns anlächelt. Ich lächele zurück, er kommt

auf uns zu. Er hat kalte blaue Augen. Nicht lange hält er inne, bevor er erzählt, dass sie ihm

seinen ganzen Grund und Boden gestohlen haben. Dort sei es, direkt auf der anderen Seite

der Mauer und jetzt ließen sie ihn nicht mal die Grenze passieren. Die blauen Augen rasen,

meine Kehle schnürt sich zu und ich merke, wie mich der Kummer überkommt. „Not very

nice“, höre ich mich sagen und weiß, dass dies wohl abermals das Dämlichste ist, was man

sagen kann. „Not very nice“, wiederholt der blauäugige Herr böse und fährt mich an: „Einfach

so genommen und keiner hat mir geholfen, keiner.“ Er dreht sich um und geht. Ich bleibe

zutiefst erschüttert zurück. Meine Freundin setzt sich hin und weint. Ich geselle mich zu ihr

und nun kann auch ich meine Trauer nicht mehr halten. Es sind nicht viele Tränen. Dennoch,

diese Eindrücke werfen meine sonst so dominante Rationalität über den Haufen. Ich verfluche

die Israelis mit ihrer Sicherheits- und Siedlungspolitik. „Mensch, haben die nichts aus ihrer

eigenen Geschichte gelernt?“, denke ich und schäme mich sogleich ob meiner Gedanken.

Nach längerem Durchatmen machen wir uns auf zum Checkpoint. Wir sagen nichts, doch ich

merke, auch meiner Freundin fällt es schwer zurück nach Israel zu gehen. Es ist ein weiter,

von Metallgittern abgeschirmter Weg, den wir zurücklegen müssen, bis wir die Sicherheitskontrolle

erreichen. Wir kommen an und stehen vor dem Sicherheitspersonal. Das sonst

schon so verinnerlichte „Shalom“ bleibt in meinem Halse stecken. Stattdessen entgleitet mir

nur noch ein stummes „Hello“.

Von: Nicolas Martin und Maren Linden

Auslandsstudium?

ERASMUS, eine europäische Perspektive

Erasmus ist Teil des Bildungsprogramms

Sokrates, das 1987 von der Europäischen

Union (EU) ins Leben gerufen wurde, um

im Zuge der europäischen Integration die

Mobilität und den Austausch von Studierenden

und DozentInnen zu erleichtern.

Beteiligt an dem Programm sind alle 27 EU-

Mitgliedsländer sowie Island, Liechtenstein,

Norwegen und die Türkei.

Den Studierenden wird hierbei ein grenzüberschreitender

Austausch durch einen

monatlichen Mobilitätszuschuss, dem

Erlass von Studiengebühren sowie dem

Ausbau von Netzwerkstrukturen zwischen

den Universitäten erleichtert. Die Netzwerke

vereinfachen die Anerkennung der im

Ausland erbrachten Studienleistungen und

fördern die europäische Kooperation. Unter

anderem wurde deshalb auch das European

Credit Point System eingeführt, das die

Vergleichbarkeit der Studienleistungen der

Studierenden der verschiedenen Länder

ermöglichen soll. Die Universität zu Köln

kooperiert derzeit fächerübergreifend mit

ca. 250 verschiedenen Partneruniversitäten.

Eine Übersicht über die Kölner Partneruniversitäten

findet ihr unter: http://verwaltung.

uni-koeln.de/international/content/e99/

e1287/e2072/AufstellungKoord.Internet_ger.

pdf

Seit 2007 werden nun auch innerhalb des

Erasmusprogramms, auf Grundlage des EU-

Foto: Nicolas Martin

Bildungsprogramms Lebenslanges Lernen,

Auslandspraktika gefördert. Informationen

der Kölner Uni und der FH Köln über die

verschiedenen Möglichkeiten mit Erasmus

im Ausland zu studieren oder Praktika zu

absolvieren, findet ihr unter:

http://verwaltung.uni-koeln.de/international/content/auslandsstudium/erasmus/

index_ger.html

http://www.international-office.fh-koeln.de/

outgoings/erasmus/index.php

Die Lokale Erasmusinitiative Köln findet ihr

unter: http://www.aegee-koeln.de/

Janina Heuser

FernSicht

25


Foto: Janina Heuser

Meins: Warum hast du dir gerade Granada

als Studienort ausgesucht?

R: Köln ist schon eine Großstadt, ich wollte

gerne in einer kleineren Stadt studieren.

Granada hat viel zu bieten, die Landschaft,

die Berge, das Meer...

M: Was macht Granada für dich aus?

R: Die Vielfalt der Landschaft und das maurische

Erbe, das leider zu stark touristisch

erschlossen ist. Man spürt die Vermischung

der Kulturen auf eine sehr angenehme Art

und Weise. Man merkt, dass man am Rand

Europas lebt, an der Grenze zu Afrika.

M: Was ist typisch für die Menschen dort?

R: Granada ist eine Studentenstadt, in der

1/3 der Bevölkerung beruflich mit der Uni

verbunden sind. Die Studierenden kommen

26

FernSicht

aus ganz Spanien. Außerdem ist Granada

Erasmusmetropole, das spürt man eindeutig.

Außerdem gibt es eine große Alternative

Szene.

M: Wie und wo hast du Kontakt zu den

Einheimischen aufgebaut?

R: Ich habe mit einem Spanier zusammengewohnt.

In der Uni hatte ich hauptsächlich

Kontakt mit meiner Erasmusclique, da die

Studenten dort sehr jung sind.

M: Welche bürokratischen Schwierigkeiten

hattest du und welche Tipps kannst du an

deine NachfolgerInnen weitergeben?

R: Die Uni erscheint wie ein einziges, von

einem Computer gesteuertes System, auf

das selbst die Lehrkräfte keinen Einfluss

haben. Wenn ein Kurs voll ist, kann keiner

mehr rein, selbst wenn der Dozent das be-

Rebekka (25)

war von Februar 2007 bis

August 2007 mit Erasmus in

Granada, Spanien.

Juan und Rebekka wollten in

die Fremde, berichten über

ihre Eindrücke und geben

Tipps für ihre NachfolgerInnen.

fürworten würde. Ich kann nur raten, gegen

jede Regel zu verstoßen und im Nachhinein

versuchen, sie legitimieren lassen.

M: Was hast du am meisten vermisst? Was

sollte man unbedingt hierhin mitbringen?

R: Am meisten meine Federbettdecke.

Außerdem gibt es in Granada keine vernünftigen

Buchhandlungen.

M: Was hast du von deinem Auslandsaufenthalt

mit nach Hause genommen?

R: Granada war für mich ganz viel Flamenco.

Mein Mitbewohner war Flamencogitarrist,

da habe ich ein Ohr für diese wunderschöne

Musik entwickelt. Außerdem eröffnet

mir natürlich die Sprache die Tür zu einem

weiten Kulturkreis.

Foto: Nicolas Martin

Juan (21)

kommt aus Madrid, Spanien

und ist seit September 2007

mit Erasmus in Köln, um zu

studieren und ein neues Land

kennen zu lernen.

Meins: Warum hast du dir gerade Köln als

Studienort ausgesucht?

Juan: Ich wollte nach Deutschland kommen,

um eine neue Sprache zu lernen und

ein neues Land kennen zu lernen. England

kenne ich schon. Ich habe in Spanien die

Leute gefragt, welche Stadt in Deutschland

sie mir empfehlen, sie haben mir Köln ans

Herz gelegt.

M: Was macht Köln für dich aus? Was ist für

dich typisch für Köln?

J: Die Offenheit der Menschen hier. Als

ich in Berlin war, ist mir das insbesondere

aufgefallen.

M: Wie und wo hast du Kontakt zu den

Menschen aufgebaut?

J: Die Uni hat eine Einführungswoche mit

vielen Partys organisiert, die Erasmuspartys,

da habe ich die meisten meiner Freunde

kennengelernt. Außerdem habe ich einmal

die Woche Deutschunterricht, da treffe ich

viele Leute. Es ist schwieriger, Deutsche

kennen zu lernen. Sie haben meistens

schon einen festen Freundeskreis.

M: Welche bürokratischen Schwierigkeiten

hattest du und welche Tipps kannst du

deinen Nachfolger/innen geben?

J: Bürokratische Probleme hatte ich hauptsächlich

in Spanien, als ich mich beworben

habe. Hier musste ich dann alles von Null

an organisieren, ein Bankkonto eröffnen,

Wohnung suchen...Ich empfehle unbedingt

mit Deutschen zusammenzuwohnen,

außerdem sollte man sich in Deutschland an

die Regeln halten. Nicht so wie in Spanien.

Sonst funktioniert gar nichts.

M: Was hast du am meisten vermisst? Was

sollte man unbedingt einpacken?

J: Das Wetter in Spanien. In Deutschland ist

es nicht so gut. Jetzt ist es schon besser,

aber vorher.... Und Essen! Chorizo und

Schinken.

M: Was wirst du von deinem Auslandsaufenthalt

mit nach Hause nehmen?

J: Viele gute internationale Freunde und die

Reiseerfahrungen, die ich hier gesammelt

habe!

Janina Heuser

FernSicht

27


Drei Wochen Tokio,

ein Kuriositätenbericht an die Heimat

Hallo zusammen!

Ich wohne in Yoyogi und erkunde

Tokio mit der U-Bahn. Was

U-Bahn fahren hier bedeutet,

lerne ich sofort am Montagmorgen:

Die U-Bahn ist erst dann

voll, wenn sie zu 180% ausgelastet

ist. Das ist in etwa so,

als wenn man seine Hand zum

Niesen nicht mehr hochheben

kann, weil sie zwischen meinem

eigenen Körper und deren der

anderen Fahrgäste festklemmt.

„Wie widerlich!“ wird sich manch einer von

euch denken, das ist aber kein Problem, da

Japaner ihre Nase ständig unter Kontrolle

haben, nicht niesen und sich auch nicht

schnäuzen müssen. Überhaupt schnäuzt

man sich hier nicht, man zieht hoch. Und

wenn es sein muss, dann eben dauerhaft.

Das klingt in etwa so, als wäre man in einem

Raum und überall pfeift leise etwas Luft

durch die Ritzen. Wenn es denn dann gar

nicht mehr geht, kommt der Mundschutz

– nicht weil man dann schneller gesund

wird, sondern damit sich die anderen um

einen herum (180% Zugauslastung!) nicht

anstecken. Löblich. Aber auch die letzte

Möglichkeit, wie mir scheint. Als Europäer

genießt man jedoch in der U-Bahn einen

Sonderstatus, der allein durch Wuchs

bedingt, ist. Zwar sind die U-Bahntüren

teilweise sehr niedrig, dafür habe ich in der

U-Bahn aber den totalen Überblick und steche

als Lockenkopf aus einem wogenden

Meer japanischer Köpfe heraus. Nach

den ersten zwei Tagen hier habe ich mein

Cappy abgelegt, da ich doch gegen zu viele

Türen und Decken gerannt bin. Japaner sind

eben kleiner.

Die Stadt ist – na klar- hektisch, aber auf

erstaunlich ruhige Weise. Es ist zwar überall

brechend voll, aber die Menschen sind

geradezu stoisch und derartig gelassen,

dass es mir schon fast Angst bereitet. In der

U-Bahn wird grundsätzlich nicht telefoniert

und alles erscheint ruhig und gesittet – wäre

da nicht die allgegenwärtige Werbung, die

sich von allen Seiten her aufdrängt. An jeder

Straßenecke bekommt man Taschentücher

und Fächer (es herrschen 80% Luftfeuchtigkeit)

mit irgendwelchen Werbebotschaften

und einem Lächeln geschenkt. Auch vor

unheimlich vielen Läden stehen Marktschreier

mit Mikro und locken die Kunden

ins knallbunte Geschäft und dazu natürlich

überall Plakate und Leuchtreklamen. Sogar

auf den Haltegriffen im Bus ist Werbung.

Komme ich in ein Geschäft, begegnet mir

die bekannteste aller japanischen Sitten, die

Verbeugung.

Die billigsten und meisten Verbeugung gibt

es bei McDonalds:

Zu Beginn begrüßt mich die Bedienung

am Tresen furchtbar nett, wobei sie sich

verbeugt (1).

Dann fragt sie mich was ich möchte, doch

ich verstehe kein Wort.

Sie entschuldigt sich, und verbeugt sich

abermals (2).

Dann versuche ich ihr zu erklären, dass ich

einen Teriyakiburger möchte.

Sie fragt mich etwas, interpretiert meinen

Gesichtsausdruck sofort richtig und wendet

das vor mir liegende Blatt mit den Speisen

einfach und siehe da, auf der Rückseite ist

das Menü auf English!

Ich strahle über beide Ohren, sie freut und

verbeugt sich (3).

Dann sage ich zu ihr auf English was ich

möchte, nur versteht sie leider kein Wort.

Sie entschuldigt und verbeugt sich (4)…

…Es bedarf noch einiger Gestikulation

und weiteren drei Runden Entschuldigen

und Verbeugen, bis ich schließlich meinen

Teriyakiburger und eine Cola in Händen

halte. Ich bin einerseits froh, den Test, mich

in einem fremden Land ernähren zu können,

bestanden zu haben, schäme mich aber

doch sehr dafür, den Kulturschock nicht

sofort überwinden zu können.

Später bekomme ich wieder Hunger und

meine Zimmernachbarn aus der Herberge

empfehlen mir einen Italiener. Auf dem Weg

dahin begegnen mir possierliche Tierchen.

Eines ist ein Pinguin, das Maskottchen der

wiederaufladbaren Fahrkarte für den staatlichen

Nahverkehr. Aber auch die Polizei

winkt mir freundlich zu, ein kleiner Teddybär

mit Mütze und Pistolenhalter (aber sonst

eher unbekleidet) fordert mich auf, die guten

Manieren (!) im Straßenverkehr zu beachten:

„Lasst uns nicht mehr hupen, damit andere

sich nicht erschrecken!“. Kondomautomaten

tragen den selbstironischen Namen

„Happy Family“ und Ernie und Bert aus der

Sesamstraße geben auf Postern der Metro

Nachhilfe in „Metro-Manieren“.

Ich erreiche den Italiener und verstehe

sofort, warum er mir empfohlen wurde:

Kulturschock, abermals. Ich dachte, ich

könnte mich für die Dauer eines Abendessens

zurück nach Europa versetzen, aber

nein, hier merke ich am deutlichsten, dass

ich in Japan bin. Tomatensauce ist standardmäßig

nicht auf der Pizza, überhaupt ist

der Begriff für das angebotene Essen nicht

zutreffend. Es gibt Shrimps, Knoblauch,

deutsche Würstchen, keine Tomaten, dafür

aber Mayo. Die Sehnsucht nach Europa

erfüllt sich mir auf einem Holzteller und ich

verstehe auf einmal, warum Japan nicht so

ist wie der Sushiladen in Köln: Weil der Italiener

alles ist, aber kein Italiener. Er ist die

japanische Vorstellung von Europa, zugeschnitten

auf den japanischen Geschmack

genauso wie asiatische Restaurants in

Deutschland nur die Sehnsucht nach Japan,

China oder Thailand ausdrücken.

Das Ambiente tut sein restliches, die Wände

sind mit Appetitfördernden Sprüchen bemalt

wie "Have a good feed up" und "Chat

over a drink. They drank the night away."

Ich lasse mich am nächsten Tag gehen und

versuche meine europäische Prägung über

Bord zu werfen. Ich beschließe dies mit

Entspannung zu beginnen und gehe in den

Yoyogi-Park (Der kostet 200¥ Eintritt, ist

dafür aber auch unverschämt gut gepflegt).

Dummerweise schließt dieser wunderschöne

Park wieder um 16:30 (!), worauf mich

eine Durchsage um 16Uhr und 16:10Uhr

hinweißt „Please hurry, the gates are closing

now!"

Ich mache mich auf zu einem “matsuri”,

einem Volksfest. Es gibt Tanzdarbietungen

und alle umliegenden Tempel feiern das

Jahr des Hahnes. Auffällig ist, dass es

kurioser Weise an keinem Kiosk Bier gibt,

sondern nur bei den recht teuren fliegenden

Händlern. Die Musik zum Fest kommt über

eine blockweite Surround-Anlage die sich

an jedem Laternenpfahl durch Lautsprecher

repräsentiert und überraschend klaren Klang

verbreitet. Als dann aber eine Durchsage

mit der höflichen Bitte um gutes Benehmen

kommt, fühle ich mich ein wenig wie in

George Orwell’s 1984 und verstecke mein

Bier verschämt. Also doch wieder Kulturschock.

Ich streune davon, rauche ein Zigarette im

abendlichen Dunst der Stadt und drücke

sie in meinem tragbaren Aschenbecher aus

(ich habe in der ganzen Stadt noch keinen

öffentlichen Mülleimer oder Aschenbecher

gefunden, dennoch ist es sauber zum vonder-Straße-essen)

und hole mir in einem

kleinen Supermarkt ein Essen für unterwegs,

ein sogenanntes Bento (Brot gibt

es kaum und frisches Obst ist unglaublich

teuer. Pfirsiche kosten 4€, dann doch lieber

köstliches japanisches Bento). Am Abend

wische ich mir den Smog von der Nasenspitze

(schwefelfrei, Dieselkraftstoff gilt als

„unrein“ um sich damit fortzubewegen) und

plane meine Reise für den nächsten Tag. Es

soll mit dem Shinkansen, dem japanischen

Hochgeschwindigkeitszug, nach Kyôto

gehen. Aber das ist eine andere Stadt und

somit eine andere Geschichte.

FernSicht

Fotos: Niels Walker

FernSicht

28 29

Niels Walker


„Es wird nur ein kleines Fest mit ein paar Freunden und Bekannten“,

hatte Fatou ihrem Zukünftigen, Thomas, bestätigt. Dessen Wunsch

war es nämlich gewesen, nicht so viel Tamtam zu machen, wenn er

als Deutscher eine Senegalesin heiratet. Das würde viel zu teuer. Im

Nachhinein frage ich mich allerdings: wenn das ein kleines Fest war,

wie sieht denn dann ein großes aus? „Von dem Geld hätte ich mir

einen Kleinwagen kaufen können“, meint Thomas in einer ruhigen

Minute zu mir. Tja, hier im Senegal heißt es, wenn Frauen etwas

wollen, bekommen sie es auch…

Seit ich vor drei Monaten in den Senegal gekommen war, hatte ich schon einiges erlebt.

Nachdem ich den ersten Kulturschock überwunden hatte, war ich viel unterwegs gewesen.

Nun wohnte ich seit drei Wochen in Dakar bei einer afrikanischen Familie, hatte Freunde

gefunden, und auch das Praktikum am Goethe-Institut machte großen Spaß. Ich wollte das

‚richtige’ senegalesische Leben kennenlernen, mit all seinen Festen, seinen Traditionen und

Bräuchen. Und so war ich auch überaus erfreut, als Cheikh, ein junger Deutschlehrer, mich

einlud, ihn auf die Hochzeit seiner früheren Schülerin Fatou zu begleiten.

Gegen ein Uhr mittags treffen Cheikh und ich im Hause der Brauteltern ein, wo die Feier

stattfindet. Vor dem Haus sind einige Männer gerade dabei ein großes längliches Zelt

aufzubauen, ein paar Jungen schlagen dazu rhythmisch auf ihren Djembés. Man hat für die

Festlichkeiten sogar die Straße gesperrt. Wir betreten den Innenhof des Hauses, in dem

schon zahlreiche Gäste sitzen – allerdings nur Frauen. Sie sind paradiesvogelartig gekleidet,

eine bunter und üppiger als die andere. Da blitzt der falsche Goldschmuck nur so von Ohren,

Fingern und Hälsen. Das Festtagsoutfit der Senegalesinnen ist unglaublich kitschig. Die meisten

Frauen tragen kunstvoll bestickte Kostüme, die aus einem glockenförmigen Rock und

einem bestickten Oberteil bestehen. Auch die Ärmel sind glockenförmig und mit glitzernder

Borte verziert und die Gesichter werden dick geschminkt. Je hochhackiger, spitzer und glänzender

die Schuhe, desto besser. Mindestens genauso wichtig ist die farbliche Abstimmung

zu dem kleinen Handtäschchen, das jede Madame ständig mit sich herumträgt, um alle halbe

Stunde ein Puderdöschen daraus hervorzuziehen. Als Kopfbedeckung werden steife Tücher

aus Bazin, einem dünnen schimmernden Baumwollstoff, getragen und so zusammengeknotet,

dass sie den Kopf der Dame zieren, wie ein üppiger Blumenstrauß eine runde Vase. So

manches ‚Bouquet’ ist dabei so aufwendig und kunstvoll gelegt, dass es sogar mit Stecknadeln

befestigt werden muss.

Jedenfalls scheinen sich alle bestens zu amüsieren, denn es herrscht lautes Geschnatter

und Gekicher in dem Hof. Aus einem abgedunkelten Zimmer, in dem ebenfalls Gäste sitzen,

kommt Fatou, die Braut, strahlend auf uns zu und begrüßt erst Cheikh, ihren früheren Lehrer,

und dann mich. Das rotgoldene Seidenkleid, das sie trägt, betont ihre große schlanke Figur.

„Schön, dass ihr gekommen seid!“ Dann ruft sie ihren Bräutigam. Thomas hat einen hellgrauen

Boubou an, den traditionellen Festanzug der senegalesischen Männer, bestehend aus

einer Hose und einem knielangen weiten Hemd mit Stickerei um den Halsausschnitt. Gerade

erst vor einer Woche ist er aus Deutschland gekommen, was auch die Blässe seiner Haut

erklärt. Ich glaube, er ist sehr erfreut jemanden zu treffen, mit dem er Deutsch sprechen kann

und wir beginnen eine nette Unterhaltung. Gesprächsstoff gibt es genug. Wie sich herausstellt,

hat Thomas nämlich keinen blassen Schimmer, wie so eine senegalesische Hochzeit

abläuft. Er verlasse sich da auf die Familie, meint er. „Die werden mir schon sagen, wann ich

was zu tun habe“. Ansonsten widmet er sich seiner kleinen Digitalkamera.

Mir kommt es vor, als wäre er selbst ein Besucher auf seinem eigenen

Fest.

30

Hochzeit auf Senegalesisch

FernSicht

Und irgendwie ist er das auch, denn die

meisten Gäste kümmern sich nur um

Fatou, die unentwegt Hände schüttelt und

Geschenke in Empfang nimmt. Ihre Mutter

hat extra für diesen Tag einen großen Korb

flechten lassen, den sie ständig mit irgendwelchen

Geschenken, meist Stoffen, füllt,

um sie an die Frauen im Hof zu verteilen.

Cheikh erklärt uns, dass der Hochzeitstag

der Tochter die einzige Möglichkeit für die

Mutter ist, den Verwandten etwas zu schenken

und somit den Wohlstand der Familie

zu demonstrieren. Thomas beobachtet

das ganze Spektakel in Ruhe, macht ein

zufriedenes Gesicht und zündet sich eine

Zigarette an. Dass die Geschenke, das

ganze Fest, das Essen, die neuen Kleider

von seinem Geld bezahlt wurden, stört ihn

überhaupt nicht.

Nach und nach kommen immer mehr

Gäste, nun auch senegalesische Herren in

eleganten Boubous und mauretanischen

Gebetsgewändern, und begrüßen uns.

Dabei geben sie nur den Männern die Hand,

vor mir machen sie eine leichte Verbeugung.

Ich bin zuerst etwas erstaunt, bis mir

Cheikh erklärt, dass der Islam im Senegal es

streng genommen verbiete, fremde Frauen

zu berühren, dies jedoch nur von wenigen

Gläubigen hier im Senegal befolgt würde.

Plötzlich steht eine Frau in blauem Gewand

auf und intoniert mit einer gewaltigen Stimme

einen feurigen Sprechgesang, der fast

wie ein Gebet klingt. Sie ist eine Griotte.

In Westafrika sind die Griots (weibl.

Griottes) so etwas wie fahrende Sänger

und Erzähler, Meister der Redekunst und

Stimmungsmacher auf Hochzeiten und

Taufen. Ihre kulturelle Bedeutung hat eine

lange Tradition, denn Griot sein kann nicht

jeder. In die Zunft, ja fast schon Kaste der

Griots wird man hineingeboren. Eine der

vielen Geschichten über die Entstehung

der Lobessänger und ihrer Lieder ist die

eines Zweikampfes, in dem ein Ungläubiger

den Propheten Mohammed herausfordert.

Mohammed gewinnt, woraufhin sich der

Ungläubige inbrünstig zu Allah und seinem

Propheten bekennt, indem er ein Loblied

anstimmt. Dies soll der erste Griot gewesen

sein.

Im Laufe der Feier kommt die tönende

Dame noch einige Male zu mir und besingt

mich. Dabei wirft sie mir jedes Mal einen

zusammengefalteten 1000 Franc Schein (ca.

1,60 Euro) auf den Schoß, ruft ein Gebet

und fordert mich auf, ihr das Geld zurückzugeben

und noch etwas mehr. Sie sei

schließlich eine Griotte und bringe mir allein

durch ihre Anwesenheit Glück. Nix da. Das

Spiel kenne ich schon…

Nicht nur die Dame, auch eine Gruppe von

vier Männern mit kleinen tamas (Minitrommeln)

unter dem Arm, treten als Griots auf,

schlagen heftig mit kleinen gebogenen

Holzstöckchen auf das gespannte Leder

ihrer Instrumente und besingen lauthals das

Brautpaar und dann jeden, der ihnen vor die

Füße stolpert. Und bei dem Gedränge, das

mittlerweile in dem Innenhof herrscht, sind

das nicht wenige Leute. Auch ich bin fällig.

Doch im Gegensatz zu einigen genervten

Festgästen, freue ich mich über die Musik

und finde diese Art des ‚Lobens’ viel netter

als die der penetranten Dame.

Gegen drei Uhr verteilen zwei junge Männer

Löffel und Servietten. Bald darauf werden

große Silberschüsseln hereingetragen, mindestens

zwanzig, um die sich dann jeweils

fünf bis sechs Gäste scharen und hungrig

zulangen. Es gibt Reis mit Hammelkeule,

sauren Gurken und Fleischbällchen. Sehr

lecker! Nach dem Essen wird Obst und Tee

verteilt – und natürlich Zahnstocher. Ein

Senegalese schiebt sich nach jedem guten

Essen erstmal einen Zahnstocher in den

Mund, auf dem dann manchmal stundenlang

herumgekaut wird.

Ich rauche stattdessen mit Thomas eine Zigarette.

So kurze Haare habe er noch nicht

lange, erzählt er mir, erst seit er zum Islam

konvertiert ist. Das war vor sechs Tagen. Für

die traditionelle Salbung sei das notwendig

gewesen. Ich frage ihn, ob er dann also

auch das Glaubensbekenntnis abgelegt

habe? Er meint, das wisse er nicht,

er habe nichts von dem verstanden, was er den Marabus nachsprechen

musste. „War ja alles auf Arabisch!“ Zu konvertieren war für ihn

notwendige Bedingung, um die Frau heiraten zu können, die er liebt.

Irgendwie beeindruckt mich diese Bedingungslosigkeit, denn in seinen Worten steckt keinerlei

Naivität. Bei den Senegalesen heiße er jetzt eben Ibrahim und nicht mehr Thomas, das sei

aber auch der einzige Unterschied.

Um fünf Uhr geht Cheikh mit den anderen Männern zum Beten in die Moschee. Dort wird nun

auch die muslimische Trauung des Paares stattfinden. Ich wage währenddessen einen Blick

in das Zelt draußen auf der Straße, aus dem laute Trommelmusik dröhnt. Wieder sitzen nur

die Frauen zusammen, nebeneinander, eine bunter als die andere. Aissatu, die Haushälterin,

zieht mich zu sich und fordert mich auf mit ihr zu tanzen. Der Rhythmus pocht schon in meinen

Ohren und durch meinen Körper, aber ich ziere mich noch. Eine dicke Frau in feuerrotem

Kostüm mit rosa Spitze und einem goldenen, schleierähnlichen Tuch um die Schultern,

steht auf, zieht ihre Bluse etwas hoch, streckt den Oberkörper nach vorne und den breiten

Hintern so in die Höhe, dass man ein Tablett darauf abstellen könnte. Dann beginnt sie sich

zu bewegen, wie elektrisiert zucken die Pomuskeln, es wackelt und schwabbelt. Sie tanzt

einen leumbeul, einen erotischen Tanz, der die Männer bezirzen soll. Die anderen Frauen sind

begeistert. Tatatatam, tatatatam. Mindestens vier Schläge pro Sekunde schaffen die Jungs

auf der Djembé. Andere Frauen beginnen zu tanzen, euphorisch fangen sie an zu quietschen,

sie lachen und klatschen. Ich stehe etwas unbeholfen daneben und traue mich nicht so recht

mitzumachen. Da kommt Aissatu und nimmt meine Hand. „Schau, so geht’s“, sagt sie und

zeigt mir, wie man wackeln muss. Ich mache es ihr nach, ziehe meine Bluse ein Stück nach

oben, schon seufzen die Frauen laut vor Entzücken und Belustigung. Die Toubab tanzt! Toubab

bedeutet Weiße. Tatatatam, tatatatam. Immer schön weiter wackeln, die Bluse hoch und

den Hintern raus. Schütteln, schütteln, schütteln! Nach fünf Minuten gerate ich außer Atem

und ziehe mich ans Ende des Zelts zurück, wo ich noch eine Weile das Spektakel verfolge.

Morgen hab’ ich bestimmt Muskelkater im Po, denke ich.

Kurze Zeit darauf kommen die Männer und das frisch vermählte Brautpaar aus der Moschee

zurück. Fatou hat ganz verheulte Augen und kann sich schon auf dem Weg ins Haus

vor Glückwünschen und Aufwartungen kaum retten. Thomas strahlt und wirkt immer noch

genauso gelassen wie vorher. In einer Stunde, wenn die anderen erst richtig losfeiern, wird er

im Wagen sitzen und in die Flitterwochen nach Saint Louis fahren. Dann ist der ganze Trubel

hier vorbei. Ich drücke ihm kräftig die Hand bevor ich gehe und wünsche ihm alles Gute.

„Wir sehen uns spätestens auf deiner Hochzeit, Eva“, sagt er. „Dann muss es aber schon ein

Mercedes sein!“

Eva Helm

Fotos: Eva Helm

FernSicht


Mach Schluss mit deiner Stadt

Es ist irgendwas nach halb vier Uhr morgens,

es regnet in Strömen und mir tut der

Kiefer weh. Mag daran liegen, dass ich gerade

aufs Maul bekommen habe. Dass der

Typ mich nicht schlimmer verdroschen hat,

hab ich seinem Kumpel zu verdanken, der

ihn zurückgehalten und an seine Bewährung

erinnert hat. Noch mal Glück gehabt, an Gegenwehr

wäre ohnehin nicht zu denken gewesen.

Kann ja kaum geradeaus laufen.

Am UFA-Palast lehne ich mich an die Hauswand

und kotze herzhaft in den Eingangsbereich.

Das verbessert meine Laune aber nur

unerheblich. Es ist erbärmlich kalt, ich bin

klatschnass, und ich fürchte, ich war gerade

im Roxy.

Was für ein Scheißabend. Ich bin sturzbetrunken

und hatte überhaupt keinen Spaß.

Bin restlos bedient, will nur noch ins Bett.

Das Problem ist nur, wie ich dahin komme.

Die letzte Bahn ist mir vor der Nase weggefahren

und ich habe wenig Lust eine Stunde

im Regen zu stehen. Außerdem dreht sich

der Bürgersteig, wenn ich anhalte. Also lieber

weiterlaufen, suche ich mir eben irgendwo

eine andere Bahn.

An der nächsten Straßenecke, wo der Asphalt

von tausenden platt getretenen Kaugummis

gesprenkelt ist, drehe ich von den

Ringen ab und taumele in die Seitenstraße.

Hier sind die Straßen zwar menschenleer,

leider aber auch nicht trocken. Kalt prasselt

der Regen aus dem Streifen Nachthimmel,

der zwischen den Dächern zu sehen ist.

Scheißwinter.

In Köln hat diese Jahres- zeit überhaupt

keine angenehmen A s p e k t e .

Anderswo soll ja angeb- lich hin und

wieder mal Schnee lie- gen, sogar

mehrere Tage lang. Hier schneit es

nie und wenn doch, dann ist nach

zwei Stunden alles weg- geschmolzen.

Dafür dieser stän- dige Regen.

Wenn ganz Deutschland unter einer

Schneedecke liegt, ist Köln ein

schmieriger, grünbrauner Fleck auf

dem Satellitenbild.

Ich komme an einem Müllcontainer

vorbei, als mir eine Ratte über

die Füße läuft und er- schrocken

hochspringt. Das passiert mir auch

nicht zum ersten Mal. Wenn es im

Gebüsch raschelt, denke ich an Rat-

ten, nicht an Vögel. Kein Wunder, bei dem

ganzen Dreck. Als richtiger Kölner ist man

ja so verdammt stolz auf seine Herkunft:

man schreibt es sich auf T-Shirts, Taschen

und Heckschutzscheiben, grölt besoffen die

immergleichen Lieder und lässt keine Gelegenheit

aus, die Stadt in eine Müllkippe zu

verwandeln.

Ich weiß gar nicht mehr genau, warum ich

damals zum Studieren nicht mal woanders

hingegangen bin. Irgendwie habe ich nach

der Schule keinen Grund dafür gesehen,

schließlich wohnte ich schon in der Großstadt.

Ich hatte meine Leute hier, wir gingen

in unsere Stammkneipen und wussten, wann

es wo Freibier gab; Hotel Mama war natürlich

auch ein Argument. Es war eben das Bequemste.

Irgendwie habe ich damals meinen

Arsch nicht hoch bekommen.

Dann komme ich an der Breite Straße raus,

wenigstens weiß ich wieder wo ich bin. Hätte

wirklich nicht gedacht, dass ich mich hier in

der Gegend mal verlaufen würde. Aber hier

sieht ja auch nichts mehr aus wie zu der

Zeit, als unsere Mutter uns immer zu C&A

geschleift hat. Jetzt stehen hier überall diese

Glasbunker, die Carré oder Arkaden heißen,

aber auch nicht viel hübscher sind als die

Betonburgen von früher.

Am Appellhofplatz versuche ich den Fahrplan

zu lesen, aber die Zahlen verschwimmen vor

meinen Augen. 3 und 4 nutzen mir sowieso

nichts, ich muss woanders hin. Wenn ich nur

wüsste wo...verflucht...ich weiß doch, wo ich

wohne… Moment mal, der Hauptbahnhof.

Da fährt bestimmt noch eine Bahn, vielleicht

fällt mir da auch wieder ein, wo ich hin muss,

um ins Bett zu kommen.

An der Ampel zur Nord-Süd-Fahrt bleibe ich

stehen, obwohl sie gelb blinkt und weit und

breit niemand außer mir zu sehen ist. Muss

aber grad mal einen Moment lang Pause

machen. Dabei bemerke ich den Leucht-

Schriftzug über der südlichen Tunneleinfahrt

und obwohl ich das Ding schon ein- oder

zweimal gesehen habe, registriere ich gerade

erst wirklich, was dort steht:

Liebe deine Stadt.

Also, irgendwie weiß ich nicht, was ich davon

halten soll. Das klingt verdächtig nach Befehl,

so wie: Bring den Müll raus. Irgendwie

fuchst mich das. So was lasse ich mir nicht

gern befehlen. Ich wüsste nicht, was ich an

einer Stadt lieben sollte, in der man 15 Euro

blechen muss, nur weil man auf der falschen

Seite der Straße gefahren ist. Oder in der die

Polizei mit Hubschraubern Jagd auf Sprayer

macht. In der ein Fußballverein gefeiert wird,

der zwischen den Ligen hin und her titscht.

Aber ich mache da nicht mehr mit. Was immer

ich auch mal an diesem Ort geliebt habe,

es ist weg. Das ist nicht mehr meine Stadt;

ich weiß nicht, ob sie es jemals war. Ich hätte

damals auch nach Hamburg oder Berlin gehen

sollen, oder ins Ausland oder so. Es ist

langweilig hier. So langweilig, dass ich glaube,

es nicht länger ertragen zu können. Nein,

ich kann es nicht mehr länger verschweigen,

es muss raus: Wir müssen reden. „Weißt

du...vielleicht sollten wir uns eine Weile nicht

sehen“, sage ich zu meiner Stadt. Der Wind

flaut ab und die plötzliche Stille wirkt wie vor

den Kopf geschlagen, dabei habe ich es nur

als erster ausgesprochen, gedacht haben wir

es beide. „Das kommt jetzt wahrscheinlich

etwas plötzlich... aber genau da liegt ja das

Problem“, murmele ich in meinen Bart. „Es

ist mein Fehler, ich hab es zu lange mit mir

herumgetragen.“

Die Ampel blinkt gelb und schockiert.

„Ach komm schon, du musst das doch auch

sehen. Wir hängen einfach viel zu eng aufeinander,

und zwar schon seit Jahren. Ich kann

mich an überhaupt nichts anderes erinnern.“

Ich schlurfe ohne mich umzudrehen über

die Straße, und ignoriere das anklagende

Blinken in meinem Rücken. „Diese ganze

Routine ist so eintönig. Wir machen nie mal

was... anderes, nie. Immer gehen wir in dieselben

Läden, immer die gleichen Kneipen,

mittwochs dann ins Kino... Warum auch mal

was ausprobieren? Wir kennen ja schließlich

schon alles, oder?“

Im Überschwang werde ich verletzend. Aber

darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen.

Lieber ein Ende mit Schrecken.

„Es gibt mit dir einfach nichts Neues zu entdecken.

Ich vermisse die Leidenschaft von

früher. Was ist nur daraus geworden?“

Ich bleibe einen Moment stehen, lehne mich

an die Wand und übergebe mich noch einmal.

Das ruiniert mir zwar ein bisschen den

Auftritt. Aber ich glaube, auch sonst sähen

die Straßenlaternen nicht weniger vorwurfs-

voll aus.

„Wir sind völlig festgefahren. Und ich glaube

nicht, dass wir die Kraft haben, das zu ändern.“

Eine paar Passanten kommen vorbei

und drehen sich nach mir um. Aber offensichtlich

merken sie, dass es um etwas Privates

geht.

Ich glaube, wenn ich schon dabei bin, sollte

ich auch die Karten auf den Tisch legen.

„Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mich in

den letzten Jahren immer wieder mal nach

anderen umgesehen. Ja, ich habe auch das

Gefühl etwas verpasst zu haben. Das mit uns,

wir haben uns viel zu früh aufeinander festgelegt.

Ich habe einfach Nachholbedarf.“

Ich torkele um die Ecke und stehe auf der

Domplatte. Der ewige Wind heult um die

dunklen Türme und klatscht mir wütend den

Regen ins Gesicht.

„Ich bin also egoistisch, ja? Und was ist mit

dir? Du brauchst mich doch gar nicht, du

kannst Tausend andere haben. Du kannst es

doch nur einfach nicht ertragen, dass du keine

Kontrolle mehr über mich hast!“

Das Licht des Bahnhofs kommt zum Vorschein,

und ein Entschluss formt sich. Warum

es noch länger hinauszögern? Je eher

ich gehe, umso leichter ist es.

„Es ist für uns beide das Beste“, stelle ich

endgültig fest. Der Wind ist zu einem flüsternden

Lüftchen verkommen, das mir

kraftlos in den Nacken bläst. „Jetzt mach

nicht so ein Gesicht. Das ist auch für mich

nicht leicht, glaub mir.“ Die Domstatuen sehen

nicht aus, als würde sie das trösten.

„Ich werd dich mal anrufen“, sage ich noch

Fotos: Fotos: Niels Maiko Walker Henning

und klinge nicht sehr überzeugend. Dann dre-

he ich mich um und schwanke die Treppen

zum Bahnhof runter. Ich laufe auf den Bahnhof

zu, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Eine seltsame Heiterkeit lässt meine Schritte

schneller werden. Irgendwie hab ich das Gefühl,

dass von nun an alles besser wird.

Als ich am nächsten Morgen am Fuß einer

Rolltreppe aufwache, stelle ich als erstes

fest, dass mir jemand die Schuhe geklaut

hat. Ich habe einen mörderischen Kater,

mein Hals fühlt sich an wie ein Stück Holz

und ich habe keine Ahnung, wie ich hierher

gekommen bin. Ich liege in einem zugigen

Fußgängertunnel, dessen gekachelte Wände

mit stümperhaften Tags zugebombt sind,

und ein leichter Urinhauch liegt in der Luft.

An der gegenüberliegenden Wand hängt

eine DB-Anzeigetafel: Wuppertal Hbf.

Ach du Scheiße. Was hab ich gestern nur

gemacht? Diesmal habe ich es echt übertrieben.

Himmel, nichts wie raus aus diesem gottverlassenen

Nest! Auf Socken haste ich zum

Bahnsteig, auf dem ich eine halbe Stunde

auf einen Zug nach Köln warten muss, wobei

ich zwischen den anderen Wartenden

von einem Fuß auf den anderen hüpfe. Der

Zug kommt zwanzig Minuten zu spät und die

Fahrt dauert fast eine Stunde, weil er dreimal

darauf wartet, von anderen Zügen überholt

zu werden.

Wenigstens habe ich meine Ruhe, denn meine

Fahne ist geradezu unheilig, und hält die

morgendlichen Pendler auf Abstand. Trotzdem

kann ich mich erst wirklich entspannen,

als der Zug über die

Hohenzollernbrücke

rollt und ich das vertraute

Dröhnen in der

Magengrube spüre.

Lass uns nie wieder

streiten, denke ich, obwohl

ich nicht genau

weiß, wieso.

Christopher Dröge


Impressum

Herausgeber:

Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V.

www.vfsjk.de

ViSdP (Verantwortlicher im Sinne des Pressegesetzes):

Niels Walker

Chefredaktion:

Niels Walker, Kristin Gabriel

Art Direction:

Sebastian Herscheid, Sabine Wißdorf

Bildredaktion:

Hannah Gärtner

Marketing:

Martina Oelke, Sarah Oppenberg, Annika Bastians

Redaktion/Autoren:

Jennifer Borsky, Eva Helm, Marieke Steinhoff, Jennifer Schmitz,

Felix Grosser, Mario Derstappen, Christine Willen, Jan Handel,

Anne Wellmann, Sara Schneider, Tina Trinks, Sylvia Jobi,Elisa

Hapke, Janina Heuser, Jörg Bernady, Christine Wilkn, Alexander

Graeff, Mitra Moezodine, Katja Koslowski, Nicolas Martin,

Christina Klassen, Annika Kruse, Ilka Bühner, Veronika Czerniewicz,

Annika Bastians, Maiko Henning, Stephanie Meyer,

Christopher Dröge, Adam Bronisz, Christiane Mehling, Holger

Reinermann, Sarah Gronemeyer, Anno Bergmann, Agathe

Miskiewicz, Alexander Schulz, Kathrin Mohr

Gestaltung/Layout:

Stephanie Meyer, Sara Copray, Sabine Wißdorf, Tina Trinks

Internet:

Henrik Greger, Michael Römer, Christian Klassen

Fotografie:

Alexander Gräff, Nina Mathar, Meiko Henning

Sarah Oppenberg, Nicolas Martin

Ausbildung:

Kathrin Mohr

Website:

www.meins-magazin.de

Erscheinungsweise:

vierteljährlich

ErkenntnisReich

Fotos: © Martin Mach


Die Spritztour ist vorbei

Wir leben in der dritten Ölkrise, was bitte ist das und wann ist sie vorbei?

Der Ölpreis ist mir egal. Ich habe

kein Auto und fahre mit dem Rad

oder gehe zu Fuß. Das kann ich

mir leisten, denn ich wohne in der

Innenstadt. Wenn es regnet, fahre

ich mit dem Bus zur Uni, aber hier

fängt es schon an: Der Bus fährt

natürlich mit Diesel. Und, achja,

meine Wohnung muss ich ja auch

heizen. Und ich will jede Woche

frische Bananen essen, die kommen

natürlich mit dem Schiff aus

Mittelamerika. Ok, der Ölpreis, er

interessiert mich doch. Aber was

ist das, der Ölpreis, und warum

ist es so ein Drama, wenn das Öl

teurer wird?

Man braucht kein Studium der

Weltwirtschaft, und auch die

internationale Politik muss einem

nur aus der Tagesschau bekannt

sein um zu begreifen, dass die Welt

zurzeit ein handfestes Problem mit

dem Öl hat. Es ist zu teuer. Früher

kostete der Liter Benzin 60 Pfennig,

heute über 1,55 €, also über

3 Mark. Das ist auch inflationsbereinigt

richtig teuer. Und meine

Bananen, die können nicht mit

dem Fahrrad fahren. Gerade jetzt

merke ich, wie wichtig Öl für mich

ist. Benzin, Diesel und Kerosin sind

das Blut in der Hauptschlagader

der Welt, die mich umgibt. Ohne

36 ErkenntnisReich

geht nichts mehr, kein Bus führe

zur Uni und kein Kühlschiff käme

mit Bananen oder Kiwis nach

Deutschland. Noch nicht einmal

unsere eigenen Bauern in Deutschland

könnten ihre Ernte zum Markt

fahren – unser Brot käme nicht

mehr zu uns. Ok Öl, ich brauche

dich. Und bitte sei billig, sonst

kann keiner mehr den Transport

bezahlen.

Kommt also jetzt die Krise? Warum

sollte sie denn? Die Ölkrise 1978

war politisch motiviert und auch

die zweite, während der Golfkriege,

hatte ebendiese zur Ursache.

Beides Dinge, die vorübergegangen

sind. Noch 2007 haben uns die

großen Ölkonzerne versichert, dass

noch genug Öl für die Zukunft da

ist. Das haben auch Forscher gesagt,

nur konnten sie sich alle nicht

darauf einigen, wann diese Zukunft

beginnt und wann sie aufhört.

Und was niemand erwähnt hat ist,

dass die sogenannten „Vorräte für

mindestens weitere 40 Jahre“, so

aus einem Briefing eines amerikanischen

Ölkonzerns, nur schwer zu

erschließen sind. Was heißt das?

Es gibt unfassbar viel Öl auf der

Welt, aber an das meiste ist leider

auch unfassbar schwer ran-

zukommen. Bisher wurde Öl geför-

dert, das leicht zu erreichen war.

Ein herkömmliches Ölfeld gleicht

einem Luftballon, der nur angepickt

werden muss und das Öl sprudelt

heraus. Aber diese Luftballons

voller Öl sind bald erschöpft und so

sehr sich die weltweite Ölindustrie

auch bemüht, sie findet kaum noch

neue Luftballons unter der Erde.

Auch besitzt die Ölindustrie nicht

die technischen Kapazitäten, um

den Ölhahn einfach immer weiter

aufzudrehen. Das andere Öl, das

es noch gibt, liegt unter der Arktis

oder im Sand. So zum Beispiel in

Kanada, dort wird es mit Wasserdampf

aus dem Sand gepresst,

was, wie man sich denken kann,

viel aufwendiger und teurer ist, als

wenn es einfach so aus der Erde

sprudelt. (Nebenbei ist es auch

für die Umwelt in der betroffenen

Gegend ein Fiasko, zum Beispiel

im Norden Albertas, aber das ist

ein anderes Thema.) Von diesem

Ölsand, so der Fachausdruck,

gibt es noch eine Menge, aber die

Förderung lohnt sich nur, wenn der

Ölpreis langfristig hoch bleibt. Und

das wird er wahrscheinlich auch,

denn mit einem naiven Blick in die

Zukunft sieht es so aus, als wenn

die Nachfrage recht schnell das

Angebot übertreffen wird.

Wie bitte? Genau, es wird mehr Öl

gebraucht als gefördert wird. Wer

sich besser fühlt, wenn er jemandem

die Schuld daran geben kann,

dann sollte er in die Schwellenländer

schauen. Die Massenmotorisierung

und der nicht enden wollende

Wirtschaftsboom zum Beispiel in

China und Indien verbrauchen viel

Öl. Und zwar jeden Tag mehr. Die

genauen Wirtschaftsdaten dazu

sind ein vollkommen eigenes Kapitel

und gehören deswegen nicht

hierher. Aber sicher ist, dass die

moderne Zivilisation in Ländern wie

China und Indien zum größten Teil

auf Öl aufgebaut ist, genau wie bei

uns.

Als Zwischenstand können wir

feststellen, dass unsere Welt

derzeit ohne Öl nicht leben kann,

das Öl aber leider knapp und somit

auch teuer wird. Aber zeichnet

sich nicht auch ein Umbruch ab?

Es gibt doch Hybridautos und

Energiesparlampen, und sogar die

Amerikaner fahren schon kleine

Autos!

Das stimmt. Aber ein Auto mit

Benzinmotor kann noch so effizient

sein, es verbraucht nun einmal

Benzin und somit sind wir weiter

auf Öl angewiesen. Und so bitter

es klingt, eine Energiesparlampe

rettet nicht die Welt. Es stimmt

zwar, dass Energie, die gar nicht

erst verbraucht wird die bessere

Energie ist, aber die beste Energie

ist jene, die aus einem regenerativen

Energiekreislauf stammt.

Sprich: Erneuerbare Energien, der

ganze Ökokram also. Windräder,

Wärmetauscher, Solarenergie, etc.

Wenn man die Sahara mit Solarpanelen

zupflastern würde, hätten wir

soviel Strom, dass wir im Winter

die Autobahnen beheizen könnten.

Es ginge aber auch anders: Im

Saarland gibt es ein kleines Geothermalkraftwerk,

das Strom aus

Erdwärme erzeugt. In der Theorie

kann Deutschland sich selbst mit

Strom versorgen; der Rheingraben

(genau, die Ecke unseres Landes,

in der es vor langer Zeit einmal

Vulkane gab) ist prädestiniert für

Thermalkraftwerke im großen Stil.

Sogar in Gegenden wo der Boden

etwas kälter ist, Schleswig-Holstein

zum Beispiel, kann man noch

aus Erdwärme Energie gewinnen.

Nehmen wir noch Solar- und

Windenergie dazu, so sollte unsere

Ölabhängigkeit der Geschichte angehören,

wir steigen um auf Strom.

Das klingt verführerisch einfach,

erfordert aber Mut. Die Technologie

dafür ist in Deutschland vorhanden,

sie steckt aber noch voller Tücken

und ist noch nicht massentauglich.

Fördergelder wären hier eine gute

Idee, die werden aber nur homöopathisch

vergeben. Man scheut

sich davor, zum einen, weil es eine

starke Öllobby gibt, zum anderen,

weil eine solch radikale Umstellung

auch sehr teuer und vor allem

ungewohnt ist. Jeder Hausbesitzer

muss seine Solar- oder Geothermalanlage

größtenteils selber

zahlen und die Energieversorger

werden wohl kaum ihre bestehenden

Kraftwerke einfach ausschalten

und durch neue ersetzen. Dazu

müssen wir uns von einem uralten

System verabschieden, dem der

Energiegewinnung aus Verbrennung

und der zentralen Energieversorung.

Wir verbrennen Kohle,

Gas, Öl und spalten sogar Uran.

Aber ein Heizkraftwerk an eine heiße

Quelle anzuschließen (z.B. bei

uns in Köln), hat seit den Römern

keiner mehr gemacht.

Da bleibt es, so kurios es auch

klingt, bequemer beim Öl zu bleiben.

Bis es endgültig zu teuer wird.

Wer aber den Mut findet, in Energieunabhängikeit

zu investieren, wird

diese Sorge nicht haben.

Niels Walker

ErkenntnisReich

37


11. April 1968, 9.10 Uhr. Der Interzonenzug aus

München fährt in den West-Berliner Bahnhof

Zoo ein. An Bord ist der vierundzwanzigjährige

Josef Bachmann, von Beruf Anstreicher. Unter

seiner Jacke befindet sich eine Pistole. Nach

einem Frühstück begibt er sich zum Einwohnermeldeamt

und erkundigt sich dort nach der

Adresse von Rudi Dutschke. Nach einer weiteren

Mahlzeit macht er sich zu Fuß auf zum Kurfürstendamm

140, der Zentrale des Sozialistischen

Deutschen Studentenbundes (SDS). Es ist 16.35

Uhr, als er dort ankommt und gerade sieht, wie

ein Mann mit einem Fahrrad das Haus verlässt.

Bachmann geht auf ihn zu, stellt sich vor und

fragt: „Sind sie Rudi Dutschke?“ Als dieser

bejaht, zieht Bachmann seine Waffe, sagt: „Du

dreckiges Kommunistenschwein!“ und schießt;

zuerst in die Wange. Zwei weitere Schüsse

treffen Dutschke in den Kopf und in die Schulter.

Danach läuft Bachmann fort und versteckt

sich im Keller eines Rohbaus ganz in der Nähe.

Dutschke erhebt sich noch einmal, wankt auf das

Haus des SDS zu, spricht noch einige Worte und

bricht endgültig zusammen. Kurze Zeit später

findet die Polizei Bachmanns Versteck, und nach

einer Schießerei kann er festgenommen werden.

Bachmann, der eine Überdosis Schlaftabletten

genommen hat, wird im Krankenhaus gerettet.

Auch Dutschke wird umgehend ins Krankenhaus

gebracht, wo er sofort operiert wird. Er überlebt.

Die Neuigkeit vom Attentat auf Rudi

Dutschke verbreitet sich schnell in Berlin;

und in den Kreisen des SDS ist man bald

der Auffassung: „’Bild’ hat mitgeschossen.“

38 ErkenntnisReich

Ein Attentat...

...und seine ideologischen

Hintergründe

Rudi Dutschke und die "Neue Linke"

Am Abend versammeln sich Menschen,

um gegen den Springer-Verlag zu demonstrieren

und die Auslieferung der Springer-

Zeitungen zu verhindern. Ein Zug von

Demonstranten bewegt sich mit Fackeln,

roten Fahnen und „Mörder Springer“-

Parolen von der Technischen Universität aus

in Richtung Springer-Hochhaus, wo schon

einige andere Protestierende aus Autos eine

Barrikade errichtet haben. Weit über tausend

Demonstranten treffen am Verlagshaus

ein, wo sie sich mit der bereits wartenden

Polizei eine Schlacht mit Steinen und Wasserwerfern

liefern. Molotowcocktails werden

herbeigeschafft und bald brennen die ersten

Auslieferungsfahrzeuge des Springer-

Verlags.

Was waren die Hintergründe für diese

Reaktion seitens der Studenten? Um zu

verstehen, warum die Springer-Presse von

den Akteuren der so genannten 68er für das

Attentat auf Rudi Dutschke, das von einem

jungen Mann mit vermutlich rechtsradikalen

Motiven verübt worden war, mitverantwortlich

gemacht wurde, muss der Fokus auf die

Vorgeschichte gerichtet werden:

Seit den Anfängen der deutschen Studentenproteste,

insbesondere seit dem 2. Juni

1967, als bei einer Demonstration gegen

den Besuch des Schahs von Persien in

Berlin der Student Benno Ohnesorg von

einem Polizisten erschossen wurde und die

Revolte sich daraufhin verschärfte, richtete

sich die Berichterstattung der Zeitungen

des Verlegers Axel Springer ausdrücklich

gegen das Ansinnen der Studenten. Die

Springer-Presse bezeichnete die linke

Studentenschaft unter anderem als „politische

Gammler“, „immatrikulierten Mob“,

„Krawallbrüder“, „geistig ungewaschen“,

„fanatisch“, „hysterisch“ und als „akademische

Halbstarke“, die nur „faseln“ und

im Grunde „ausgemerzt gehörten“. In Axel

Springers konservatives Weltbild passten

keine Meinungsabweichler, die das Leben in

der Bundesrepublik nicht als paradiesisch

empfanden, seiner Meinung nach dem

kommunistischen Ostblock durch ihre Randale

Vorschub leisteten und sich durch ihre

Anti-Vietnamkriegsproteste der amerikanischen

Schutzmacht gegenüber zumindest

grob undankbar zeigten. Die Beleidigungen

gingen sogar bis zur Publikation unangebrachter

Vergleiche mit dem Nationalsozialismus

und seinen Opfern. So wurden in der

Springerpresse Karikaturen veröffentlicht,

die die Studenten als „Rote SA“ bezeichneten

und die angegriffenen Einrichtungen

Springers mit in der „Reichspogromnacht“

1938 verwüsteten jüdischen Geschäften

und Institutionen gleichsetzten. Auch in umgekehrter

Weise war der Faschismusvorwurf

in jenen Tagen oft zu hören. Die Atmosphäre

zwischen Studenten und „Establishment“

war von Feindseligkeit geprägt. Schon vor

dem Attentat war ein junger Mann, der

Dutschke ähnlich sah, in Berlin von einer

aufgebrachten Menge verfolgt worden.

Schlimmeres konnte nur durch das Eingreifen

der Polizei verhindert werden. Und noch

kurz vor dem Dutschke-Attentat hatte die

„Bild-Zeitung“ zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“

der Linken aufgerufen. Josef Bachmann,

der zum Zeitpunkt des Attentats die

rechtsextreme „Deutsche Nationalzeitung“

mit sich führte, die in einem Artikel forderte:

„Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg.“,

sagte in seinem Verhör aus, dass

er durch das Attentat auf Martin Luther King

sieben Tage zuvor zu seiner Tat inspiriert

worden sei. Obwohl Josef Bachmann wohl

dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen

ist, lässt sich in dieser Zeit eine gesamtgesellschaftliche

Angst vor Linksradikalen konstatieren,

zumal die Gegendemonstrationen

gegen die revoltierenden Studenten von

allen parlamentarischen Parteien und den

Gewerkschaften mitorganisiert wurden. Es

bestand eine gewisse Furcht vor kommunistischem

und sozialistischem Gedankengut

und der dazugehörenden Praxis.

Die von Anfang an heterogenen Ideen und

Ideologien in der „Studentenbewegung“

lassen sich sehr grob in vor und nach Auflösung

des SDS am 21. März 1970 unterscheiden.

Konzentrieren wir uns vorerst auf

das „vor 1970“: Die Außerparlamentarische

Opposition (APO), hauptsächlich getragen

durch den SDS, formierte sich verstärkt

ab Mitte der sechziger Jahre in der Ära

der großen Koalition unter Bundeskanzler

Kiesinger (CDU), als eine parlamentarische

Opposition kaum Einflussnahme versprach.

Die große Koalition hatte sich unter anderem

zur Aufgabe gemacht, eine Notstandsregelung

für den Kriegsfall auszuarbeiten, die

bis dahin noch den West-Alliierten zukam.

In den Reihen vieler Intellektueller aber auch

anderer waren diese „NS-Gesetze“, wie sie

in der APO genannt wurden, eine Vorstufe

zum autoritären Staat, erinnerte man sich

doch noch an das Ende der Weimarer Republik,

die ab 1930 durch Notverordnungen

regiert worden war und von da an als ein

Präludium des Nationalsozialismus gedeutet

werden kann. Die APO war sozusagen der

deutsche Teil der „Neuen Linken“, einer

internationalen linken Bewegung, die in

Opposition zur Sowjetunion die Schriften

Marx’ undogmatisch interpretierte und sich,

vor allem in Deutschland, auf die Begründer

der „Kritischen Theorie“, Adorno, Horkheimer

und Marcuse berief. Wichtigste

Merkmale der „Neuen Linken“ waren hier,

dass der Staatssozialismus des Ostblocks

als ein Herrschaftsinstrument über die

Arbeiterschaft gedeutet wurde, die Deutung

der Entfremdung als Selbstentfremdung und

die These vom Spätkapitalismus, der immer

mehr autoritäre bis faschistische Züge annehme.

Für die Welt der vornehmlich jungen

Vertreter der APO waren die Selbstentfremdung

und die Deutung, dass das Proletariat

nicht mehr das hauptsächliche revolutionäre

Subjekt sei, von großer Bedeutung. So kann

man als einen der Hauptbeweggründe für

ihre Proteste die restriktiven gesellschaftlichen

Zustände in der Bundesrepublik

anführen: Kuppeleiparagraph, Verbot von

Homosexualität, allgemeine Prüderie, aber

auch soziale und ökonomische Angepasstheit.

Leistung und wirtschaftliche Effizienz

waren zu den Eckpfeilern der deutschen

Wirtschaftswunderideologie geworden, die

kaum ein Abweichen duldete. Die Revolte

gründete sich nicht so sehr darauf, materielle

Missstände zu beheben, sondern sich

von den Zuständen der „bleiernen Zeit“

zu befreien. Hinzu kam bei vielen ein trotz

aller „Faschismusängste“ und „Zusammenbruchsvorhersagen“

ungebrochener

Fortschrittsglaube, den die „Neue Linke“

mit den konservativen und reaktionären

Kräften teilte. „Geschichte [war] machbar“.

Dieser Fortschrittsgedanke fußte zu einem

nicht unerheblichen Teil auf dem wirtschaftlichen

Erfolg des Westens, vor allem der

Bundesrepublik, und wurde erst durch

die Ölkrise 1973 und die darauf folgende

Rezession und Arbeitslosigkeit gedämpft.

Zur Führungs- und Symbolfigur der „Neuen

Linken“ in Deutschland avancierte Rudi

Dutschke, der sowohl Hoffnungsträger als

auch Angst- und Hassobjekt wurde. Durch

seine Schussverletzungen fiel er für einige

Zeit aus dem politischen Leben aus: Unter

anderem verlor Dutschke durch die Kopfverletzung

die Fähigkeit zu sprechen und

musste sie erst wieder neu erlernen. Man

kann davon ausgehen, dass der Ausfall der

Führungspersönlichkeit Dutschke einer der

Gründe für die baldige Auflösung des SDS

im März 1970 war. Als eine weitere Erklärung

für das Ende der 68er-Bewegung als

Massenbewegung - auch auf internationaler

Ebene – sollten auch die Sommersemesterferien

nicht außer Acht gelassen werden.

Als viele Studenten im Sommer nach Hause

fuhren, flaute die Protestbewegung merklich

ab. Übrig blieben vor allem ihre radikalsten

Vertreter. Nach der Selbstauflösung des

SDS und der darauf folgenden Bildung von

verschiedenen „Roten Zellen“ und anderen

kommunistischen Organisationen im Laufe

der siebziger Jahre, setzte eine „Proletarisierung“

der 68er ein, die eine Re-Dogma-

tisierung der Marx-Auslegung beinhaltete.

Die Selbstentfremdung verlor an Bedeutung

innerhalb des marxistischen Konstrukts.

Dutschke stirbt am 24. Dezember 1979

in Århus, Dänemark. Er ertrinkt während

eines epileptischen Anfalls, einer Spätfolge

seiner Schussverletzung am Kopf, in seiner

Badewanne.

Kurzinhalt:

Am 11.04.1968 wurde Studentenführer Rudi

Dutschke niedergeschossen. Die rechte

Presse schürte in dieser Zeit die Angst vor

Kommunisten und der „Neuen Linken“ deren

Theorie auf einer undogmatischen Marx-

Interpretation fußt und insbesondere das

Konzept der Selbstentfremdung beinhaltet.

Zum Weiterlesen:

„1968: Jugendrevolte und globaler Protest“

von Norbert Frei, dtv-Taschenbücher, 2008

„Rebellion und Wahn. Mein ’68“ von Peter

Schneider, Kiepenheuer und Witsch, 2008

„Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche

Kulturrevolution 1967-1977“ von Gerd Koenen,

Fischer Taschenbücher, 2002

Text von Alexander Graeff

ErkenntnisReich

39


Das Bärtierchen -

einfach bärenstark

Forscher rätseln über die Widerstandskraft der

drolligen Miniaturen

Bärtierchen sind winzig, fast zu klein, um für

das bloße Auge sichtbar zu sein. Die größte

Bärtierchenart wird bis zu 1,5 mm lang, die

eher durchschnittlichen Vertreter liegen bei

0,25 bis 0,5 mm. Mit den großen Namensvettern

haben sie gar nichts gemeinsam.

Aber wenn man sie durchs Mikroskop

beobachtet, erkennt man sehr schnell, wie

die Bärtierchen zu ihrem Namen gekommen

sind. Tapsig bis schwerfällig spielen sie mit

den sie umgebenden Sandkörnern. Die tatzenartigen

Krallen am Ende der acht Stummelfüße

unterstreichen den bärigen Stil. Die

lateinische Bezeichnung der Bärtierchen

lautet Tardigraden (lat. tardus, langsam; gradus,

Schritt) und ist ebenso eine Hommage

an ihr drolliges Verhalten.

Foto: © Martin Mach Foto: © Martin Mach

Foto: © Martin Mach

Foto: © Martin Mach

Foto: © Ralph O. Schill

Foto: © Mike Braunhardt

40

Auf Stummelfüßen die Welt erobert

Trotz ihrer Gemächlichkeit sind Bärtierchen

kosmopolitisch. Überall auf dem Globus

haben sie die verschiedensten Lebensräume

besiedelt. Ungefähr 930 Arten sind

bisher beschrieben worden. Bärtierchen

leben zum Beispiel in den Tiefen des Indischen

Ozeans, auf dem Himalaja in 6000

Metern Höhe, am Nord- und Südpol, sogar

an heißen Quellen und nicht zu vergessen:

auch vor unserer Haustür. Im Meerwasser,

im Süßwasser, an Land – egal. Es scheint

keine Umweltbedingungen zu geben, an

ErkenntnisReich

die Bärtierchen nicht angepasst sind. Wie

kann ein Bärtierchen, das nicht schneller als

maximal 17,7 cm pro Stunde vorankommt,

auf der ganzen Welt zu Hause sein?

Das Geheimnis ihrer globalen Verbreitung

liegt in der Fähigkeit, äußerst robuste Dauerstadien

zu bilden. Als Tönnchen können

Bärtierchen mehrere Jahre leblos verharren,

bis sie, wenn es die Umweltbedingungen

zulassen, wieder auferstehen. Auch wenn

das aktive Bärtierchen auf seinen Stummelfüßen

nicht schnell vorankommt, so kann es

doch im Dauerstadium mit dem Wind oder

als blinder Passagier versteckt im Gefieder

eines Vogels die Welt erobern.

Bärtierchen aus dem All?

Wissenschaftler haben im Labor die Widerstandsfähigkeit

der Tönnchen getestet.

Bärtierchen überleben in Tönnchenform

absolute Extreme wie zum Beispiel das Vakuum,

starke UV-Bestrahlung und kälteste

Temperaturen von bis zu minus 273 °C. Das

ist der absolute Nullpunkt in der Temperaturskala,

kälter kann es nicht werden. Diese

außergewöhnliche Fähigkeit hat unter Biologen

zu wilden Spekulationen geführt.

Bärtierchen seien etwa Außerirdische, die

die Welt für sich erobert hätten. E.T. lässt

grüßen.

Für ihre Kälteresistenz gibt es allerdings

Foto: © Ralph O. Schill

eine durchaus irdische Erklärung: Bärtierchen

sind optimal an kalte Temperaturen

angepasst, ob nun minus 20 °C oder minus

200 °C herrschen, spielt dann keine Rolle

mehr.

Kein Leben ohne Wassertropfen

Es gibt eine einzige Umweltbedingung, auf

die Bärtierchen nicht verzichten können.

Aktive Bärtierchen fühlen sich erst richtig

wohl, wenn es feucht genug ist. Im Meer

oder Süßwasser erübrigt sich das Problem.

Das ist auch der Grund dafür, warum marine

Bärtierchen keine Trockenstadien bilden.

Sie leben bereits in einer relativ konstanten,

nassen Umwelt.

Die meisten Bärtierchenarten leben aber

nicht im Meer, sondern an Land. Hier muss

wenigstens ab und zu ein Wassertropfen

herunterkommen, damit die Bärtierchen aus

der Trockenstarre erwachen. Vorzugsweise

leben sie in feuchten Lebensräumen, zum

Beispiel in Dachrinnen oder Tümpeln. Ihre

beliebteste Herberge ist aber das Moos.

Zwischen Pflastersteinen, an Mauern, auf

Bäumen, überall wachsen Moospolster.

Nicht umsonst trägt das Bärtierchen auch

den altertümlichen Namen “Moosschwein“.

Das “Moosschwein“ ernährt sich von kleinen

Fadenwürmern, Bakterien, Algen und

Rädertierchen. Anders herum dienen Bärtierchen

im Moos als Nahrung für Spinnen,

Milben und Insektenlarven.

Das Bärtierchen stellt die Forscher noch vor

so manches Rätsel. Allein seine Evolution

wurde lange diskutiert. Heute geht man davon

aus, dass die Bärtierchen eine Schwestergruppe

der Arthropoden (Gliederfüßler)

sind. Obwohl das Bärtierchen so klein ist,

ist es sehr komplex gebaut. Es besitzt die

verschiedensten Zelltypen, von den Drüsen

des Verdauungstraktes über männliche und

weibliche Keimzellen bis hin zu sensorischen

Rezeptoren an der Oberfläche der

Epidermis. Die Epidermis (Oberhaut) besteht

aus einer chitinhaltigen Cuticula, welche als

Atmungs- und Ausscheidungsorgan dient.

Bärtierchen häuten sich nicht nur im Jungstadium,

sondern werfen ein Leben lang

immer mal wieder die alte Cuticula ab.

Forschungsobjekt Tönnchen

Das beliebteste Forschungsobjekt sind die

Dauerstadien, jedenfalls für die Arbeitsgruppe

von Dr. Ralph O. Schill vom Biologischen

Institut der Universität Stuttgart. Mit Hilfe

des Projektes FUNCRYPTA (Funktionelle

Analyse dynamischer Prozesse in cryptobiotischen

Tardigraden), welches durch

das Bundesministerium für Bildung und

Forschung (BMBF) finanziell gefördert wird,

möchte Ralph Schill das Geheimnis der

Dauerstadien lüften. Fällt ein Bärtierchen

in den Trockenzustand, so zieht es seine

Stummelfüßchen teleskopartig ein und wird

zu einer wasserundurchlässigen Kugel.

Wieso verharren Bärtierchen über Jahre

hinweg unbeschadet und revitalisieren danach,

als wäre nichts passiert? In anderen

Organismen führen Trockenheit oder Kälte

zu erheblichen Schädigungen der Zellwände

und Proteine, welche unvermeidlich zum

Tode führen. Warum überleben aber die

Bärtierchen?

Ralph Schill will herausfinden, welche Gene

und Enzyme an der Trockenstarre beteiligt

sind. Ist dieser Prozess erst einmal verstanden,

so erhofft er sich zahlreiche Anwendungen

insbesondere für die Haltbarmachung

von Impfstoffen, Blutkonserven und

Spenderorganen. „Wenn wir diese Prozesse

kennen, lassen sich neue Methoden entwickeln,

um Makromoleküle, Zellen und ganze Organismen

zu konservieren“, schwärmt Schill.

Expedition der Bärtierchen ins All

Auch wenn die Bärtierchen keine Ausserirdischen

sind, machen sie nun doch

Bekanntschaft mit dem Universum. Die

Forscher des Weltraumprojektes TARDIS

(Tardigrades in Space Projekt) schickten

Bärtierchen ins All, um zu testen, ob

die Dauerstadien erstmals Vakuum und

Strahlungen aus dem Weltraum gleichzeitig

ertragen können. In dem Projekt arbeiten

Ralph Schill sowie Wissenschaftler der

schwedischen Kristianstadt Universität, der

Universität Stockholm und des deutschen

Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)

in Köln zusammen. Im September letzten

Jahres ging die Reise der Bärtierchen auf

einem Satellit ins All. Ohne Raumanzug

verbrachten sie rund 12 Tage im lebensfeindlichen

Universum. Das Ergebnis dieser

spannenden Expedition ist bis jetzt noch

nicht veröffentlicht. Aber eines steht fest:

„Sollten die Bärtierchen diese Reise, wofür

vieles spricht, in ihrem Ruhezustand überleben“,

so Ralph Schill, „sind ihre Fähigkeiten

wohl noch einzigartiger als bisher angenommen.“

Wer mehr über die Biologie der Bärtierchen

wissen will, findet im Internet unter www.

baertierchen.de spannende Seiten aus dem

Leben der Tardigraden.

Von Christine Willen

Bärtierchen unterwegs in der Petrischale, durchs Lichtmikroskop betrachtet. Das robuste Dauerstadium Bärtierchen verschlingt Rädertierchen Elektronenmikroskopisches Portrait

eines Bärtierchens

Literatur und Quellen:

Buch:

M. Kinchin: The biology of tardigrades.

Portland Press, London 1994

Paper:

G. I. Jönsson: Tardigrades as a Potential

Model Organism in Space Research, in:

Astrobiology, Vol. 7, Number 5, 2007, S. 757

Jörgensen, R. Kristensen: Molecular Phylogeny

of Tardigrada - investigation of the

monophyly of Heterotardigrada. in: Molecular

Phylogenetics and evolution. Elsevier,

Amsterdam 32.2004, 2, S. 666.

D. R. Nelson: Current Status of the Tardigrade.

Evolution and Ecology. in: Integrative

and Comparative Biology. Lawrence

42.2002, S. 652

D. R. Nelson, N. J. Marley: The biology and

ecology of lotic Tardigrada. in: Freshwater

Biology. Blackwell, Oxford 44.2000, S. 93

Pressemitteilungen der Uni Stuttgart

vom 10.09.2007: Stuttgarter Bärtierchen

fliegen ins All

vom 08.08.2006: Stuttgarter Biologen koordinieren

weltweit größtes Verbundprojekt

zur Erforschung von Bärtierchen

Ein Lebensraum: Moos

ErkenntnisReich

41


Rush Hour mal philosophisch

Zeitbeschleunigung

Beginnen wir mit einer einfachen Assoziationskette. Nehme ich den Begriff Rush Hour in allen seinen Kontexten,

so denke ich an Stadtverkehr, Industrialisierung, Fortschritt, Modernisierung, Technokratie, maschinelles Zeitalter

und Beschleunigung. Bei allen nun aufgelisteten Begriffen spielt das Phänomen Zeit eine entscheidende Rolle.

Die Zeit hat in der Philosophie eine lange Geschichte, später dann auch vor allem in der Physik, und es gibt jede

Menge Arten, wie man die Zeit betrachten kann. Zum Beispiel wurde sie in unserer Denkgeschichte lange als linear

angesehen, das heißt man hatte die Vorstellung einer stringenten Zeitgeraden. In der christlichen Tradition zielt die

ganze Geschichte auf den jüngsten Tag. In der Moderne wurde dem Phänomen Zeit der objektive Existenzgrund

entzogen, und sie wurde von Kant als eine Form der reinen Anschauung des menschlichen Bewusstseins definiert.

Einstein dekonstruierte „Zeit“ endgültig und verwies sie in ihre Relativität. Statt der linearen Zeitvorstellung wird der

Begriff der Gleichzeitigkeit immer wichtiger.

Manifestation der Langsamkeit

Rush Hour ist die Zeit am Tag, in welcher die Menschen von zu Hause zur Arbeit fahren oder eben nach Feierabend

von ihrem Arbeitspatz nach Hause möchten. Rush Hour ist also das englische Wort für Hauptberufsverkehr

oder Stoßzeit. Nun bringt diese „Hetz-Stunde“ ein paar nicht uninteressante Absurditäten mit sich. Der

Geschwindigkeitsrausch der Moderne zeigt sich plötzlich, und zwar zweimal am Tag, in seiner Negativität. Obwohl

mit modernster Ampelschalttechnik, neuester Automobiltechnik und sehr guter Straßenanlage ausgestattet, kommt

es zum Stau. Das bedeutet, dass die Zeit langsamer vergeht, denn die Beschleunigung ist geringer. Und das

bedeutet warten und Nerven behalten. Im Phänomen Rush Hour offenbart sich also im Wesentlichen seine eigene

Kehrseite: die Manifestation der Langsamkeit.

Einheit in der Vielheit

Wie man auf das Phänomen Rush Hour reagiert und damit umgeht ist natürlich eine Frage des Temperaments.

Der klassische Philosoph stünde außerhalb der Rush Hour und würde sich nicht aktiv beteiligen. Befände er sich

innerhalb des Verkehrchaos, so würde er sich ihm gegenüber gleichgültig verhalten und sich in Geduld üben.

Denn der antike Philosoph geht zwar auf den Marktplatz, beteiligt sich jedoch nicht am Handel. Interessant ist die

Gleichzeitigkeit von verschiedenen Individuen, die formal-logisch alle das gleich wollen, nämlich ankommen. Von A

nach B, und dies so schnell wie möglich. Wenn auch A und B sich unterscheiden, so bilden diese unterschiedlichen

Individuen dennoch eine Kollektivgemeinschaft, die der Wille zum Ankommen verbindet. Es ist die Einheit in der

Vielfalt oder anders gesagt: die Identität in der Differenz.

Rush Hour überall

Da aber ja seit Popper alle Menschen Philosophen sind, wird sich der heutige Philosoph genauso ungeduldig

verhalten und genauso ÄRGERN wie alle andere Menschen, die im Stau stehen. Denn man hat nicht nur Rush Hour

beim Autofahren, sondern ebenso beim Einkaufen, Fliegen, Schifffahren und selbst im Internet am PC muss man in

den Stoßzeiten warten, weil die Verbindung langsamer ist. Da man in unserer technologisierten Welt überall warten

muss - auf dem Wasser, in der Luft, auf der Strasse und im Netz, könnte man sagen, dass sich im Phänomen Rush

Hour die Absurdität unserer Zeit darstellt. Alles geht schneller und doch haben wir subjektiv das Gefühl, dass man

sich überall zu Tode wartet. Die Beschleunigung der Moderne wird in der Rush Hour zum gefühlten Zeitstillstand.

Ein rasender Stillstand. Da kann man nur sagen: Mensch, ärgere dich langsam!

Jörg Bernardy

Könnt ihr euch noch an den Tag

erinnern, an dem ihr aufgehört

habt an den Nikolaus, das Christkind

und böse Hexen zu glauben?

Ich habe das Gefühl, bei mir war

es eher ein schleichender Prozess

als ein konkreter Zeitpunkt. Irgendwann

war mir klar, dass mein Vater

Heiligabend nicht zu Hause geblieben

ist, um dem Christkind die Tür

zu öffnen, sondern weil er schon

vor Jahren aus der Kirche ausgetreten

war und deswegen nicht mit

zum Gottesdienst kommen wollte.

Und irgendwann musste auch

meine Zimmertür abends nicht

mehr offen bleiben, damit durch

den Spalt das Licht hereinscheint

und die bösen Geister der Dunkelheit

vertrieben werden.

Das muss wohl mit Reife oder sowas

zu tun haben. Als heranwachsender

Mensch wird man ja jeden

Tag etwas mehr mit dem Ernst

des Lebens konfrontiert und da

muss man halt akzeptieren, dass

die Welt anders funktioniert als

man mal geglaubt hat. Wir lernen

zum Beispiel in der Schule, wie

es möglich ist mit dem Flugzeug

die wahnsinnig große Entfernung

von Deutschland nach Australien

zurückzulegen oder dass Sonnenaufgänge

in Wirklichkeit nur eine

Illusion sind, da sich ja die Erde

um die Sonne dreht und die Sonne

sich überhaupt nicht bewegt.

Aber wer hat eigentlich festgelegt,

was wahr und was nur eine

verklärte Sicht der Dinge ist. Hat

nicht jeder seine ganz persönliche

Wirklichkeit? Und verlernen wir

nicht auch eine ganze Menge im

Laufe unseres Lebens? Was hat

es nur auf sich mit dem Ernst des

Lebens und wann fängt er an?

Ich finde jedenfalls, der Ernst soll

sich vom Acker machen und sehe

es langsam nicht mehr ein, dass

ich für blöd oder verrückt oder was

auch immer gehalten werde, nur

weil es in meinem Leben Dinge

gibt, die es bei anderen Leuten

nicht mehr geben darf, weil sie so

vernünftig und erwachsen geworden

sind.

Hat sich schon mal jemand gefragt,

wie es möglich ist so etwas

Kräftezehrendes wie eine Hausarbeit

zu schreiben und warum die

Studenten in der Bibliothek nach

spätestens zwei Stunden in einen

tranceartigen Zustand verfallen?

Die Erklärung liegt auf der Hand,

sollte man meinen. Wenn man sich

nur lang genug konzentriert, ist

der Kopf plötzlich ganz leer und

die wesentlichen Dinge, die man

sonst nicht mehr registriert, nehmen

Konturen an. Es tut sich eine

Welt auf, die für andere Menschen

unsichtbar ist und man erlebt Sachen,

die gar fantastisch scheinen.

Erst vor einiger Zeit ist mir etwas

passiert, was ich hier und jetzt

das erste mal erzählen möchte.

Während eines Marathon-Schreib-

Tages vor meinem Computer hörte

ich merkwürdige Geräusche von

der Straße durch mein geöffnetes

Fenster dringen. So als würde sich

jemand mit einem großen Messer

den Weg durch dichtes Gestrüpp

schlagen. Als ich aus meinem Fenster

sah, hatte sich die kleine Efeuranke

an der Hauswand zu einem

wahrhaftigen Urwald entwickelt,

der ein Herauskommen unmöglich

machte und ein schöner junger

Mann war dabei diesen zu entfernen,

während er auf einer Leiter zu

meinem Fenster emporstieg. Ich

war wohl die einzige, die noch im

Haus war und befreit werden musste.

Dass ich in Gefahr schwebte,

war mir allerdings noch gar nicht

klar, als ich auch schon in zwei

tiefblaue Augen schaute, die mich

aufforderten, durch das Fenster auf

die Leiter und hinunter zur Straße

zu steigen. Der Tag, den ich dann

mit meinem mir seelenverwandten

Retter verbrachte, war wohl der

schönste, den ich je erlebt habe.

Dumm nur, dass ich kurz darauf

meine Augen öffnete und in meinen

viel zu alten und flackernden

Bildschirm starrte. Ich hab dann

einen Schluck Wasser genommen

und noch ein bisschen weiter

gearbeitet.

Ein paar Tage später im Supermarkt

um die Ecke hab ich an der

Käsetheke einen Typ gesehen, der

mir irgendwie bekannt vorkam.

Und ich hatte das Gefühl, etwas

Wissendes in seinem Blick zu

erkennen.

Katja Koslowski


ZeitGeist

Foto: Tobias Battenberg


46

Radio On!

So sang es Jonathan Richman von den

Modern Lovers 1976. Wer heute versucht

ist es ihm nach zu tun, wird schnell mit eher

verdrießlichen Realitäten konfrontiert. Keine

Ahnnung, ob das in den Siebzigern besser

war. Doch wem könnte man es schon

verübeln, vor lauter nervigen Jingles, ewig

gleicher Musik und Werbung am laufenden

Band, das Radio lieber auszuschalten.

Es ist Donnerstag morgen, acht Uhr. Wir

befinden uns im Obergeschoss eines Gebäudes

unweit der Stelle, an der Hunderte

von Studierenden jeden Morgen aus der

Bahn steigen. Auf der Straße ist es zu dieser

unstudentischen Zeit noch ruhig, doch hier

oben tut sich etwas. Sechs verwegene

Gestalten sind bereits auf den Beinen und

sie haben eine Mission - darbende Kölner

Ohren mit einem qualitativ hochwertigen,

werbefreien Radioprogramm zu versorgen.

Neuigkeiten und fundierte Berichte zu Themen,

die Studenten wirklich interessieren.

Ein musikalisches Spektrum, das mühelos

den Bogen über nahezu alle erdenklichen

Genres spannt; mitunter in ein und derselben

Sendung. Songs, die gespielt werden,

weil sich für jeden Einzelnen von ihnen engagierte

Redakteure stark gemacht haben.

Ehrenamtliches Personal, das unabhängig

und aus Leidenschaft handelt. Die Möglichkeit,

jederzeit selbst mitzumachen.

Ein Wunschtraum? Absolut nicht! All das ist

Realität - nicht erst seit gestern. 2002 ging

in Köln der mittlerweile größte Hochschulsender

im deutschsprachigen Raum auf eigener

Frequenz on air. KölnCampus, 100.00

Mhz. Der Schritt in eine bessere Radiowelt

ist nur ein kleiner Dreh am Regler.

Die KölnCampus-Saga begann 1995 als 50

Radiobegeisterte den Verein Campus-Welle

Köln e.V. gründeten. Bereits 1998 ging man

erstmals auf Sendung, damals noch mit

gelegentlichen Zeitfenstern im Lokalradio.

2002 kam dann die eigene Frequenz. Finanziert

wird das ganze Projekt seitdem durch

einen Träger- und einen Förderverein. Ersterer

besteht aus Vertretern der Kölner Hochschulen

und ASten, Letzterer aus all jenen,

die bereit sind eine Sache, die ihnen am

Herzen liegt, auch finanziell zu unterstützen.

Darunter so prominente Fans und Hörer wie

Charlotte Roche. Zudem entrichten sämtliche

Mitabeiter einen minimalen Beitrag

ZeitGeist

von zehn Euro pro Semester, um zumindest

eine rudimentäre finanzielle Unabhängigkeit

zu sichern. Einflussnahme von außen ist

somit ausgeschlossen. Von der Redaktion

bis zur Moderation, von der PR Arbeit bis

zur Technik befindet sich bei KölnCampus

alles in studentischer Hand. Damit ergibt

sich für alle an den Kölner Hochschulen

Eingeschriebenen die einzigartige Möglichkeit,

selbst Radio zu machen. Es genügt,

zu einem der regelmäßig abgehaltenen

Infotreffen zu erscheinen, schon kann es

losgehen. Zwar gibt es mittlerweile Wartelisten,

doch zuverlässigen Quellen zufolge

hat noch kein Medienbegeisterter länger

als einige Wochen schmoren müssen. Die

Ausbildungsmaschinerie von KölnCampus

läuft auf Hochtouren.

In nur zehn Wochen werden Interessenten

für die Mitarbeit in einer Redaktion ihrer

Wahl qualifiziert. Dabei sind sie von Anfang

an aktiv in die Gestaltung des täglich

live produzierten Vormittagsmagazins

Frührausch eingebunden und dürfen schon

ab der zweiten Woche ans Mikro.

Mensatipps, Umfragen, Glossen, Kollegengespräche.

Sämtliche Grundlagen

des Radio-Journalismus können unter der

Betreuung von Leuten, die schon länger

dabei sind, erlernt werden. Klar gibt’s da

mal Kritik, aber auch jede Menge guter

Ratschläge. Wer noch mehr möchte, dem

steht im Anschluss eine fünfwöchige Weiterbildung

zum Moderator offen. Und wem

es selbst danach noch nach mehr Knowhow

dürstet, für den lässt KölnCampus seine

mittlerweile beträchtlichen Verbindungen

zur Medienwelt spielen. So manch Alumnus

hat es mittlerweile zu Erfolg in der Branche

gebracht und kehrt nur zu gern zurück, um

seine Erfahrung mit einer neuen Generation

von Radiomachern zu teilen. Selbst

die berühmt berüchtigten Soft Skills sollen

nicht zu kurz kommen. Zumindest werden

die von den Beteiligten nicht verschwiegenen,

gelegentlichen Konflikte zwischen

Mitarbeitern und Redaktionen gerne unter

diesem Gesichtspunkt gesehen. Harmoniebedürftigeren

Naturen mag dies durchaus

zur Abschreckung gereichen, andererseits

scheint der Einwand, dass sich so etwas in

einer weitgehend hierarchiefreien Umgebung

kaum vermeiden lasse, gerechtfertigt.

Angesichts der Tatsache, dass, wer etwas

auf die Beine stellt, mit Widerständen rechnen

muss und es an den meisten Arbeitsplätzen

kaum friedfertiger zugehen dürfte,

stellt sich die Frage: Warum nicht gleich ins

Getümmel stürzen?!

Es bleibt nur noch einmal klarzustellen:

KölnCampus ist eine Institution und das zu

Recht. Wer gute Musik und gutes Programm

mag, weiß es eh schon. Wer ein

ernsthaftes Interesse an der Arbeit mit dem

Medium Radio besitzt, sollte es unbedingt

wissen. Und wer glaubt, bei KölnCampus

mal eben auf die Schnelle eine kostenlose

Ausbildung abstauben zu können, um dann

dick ins Medienbusiness einzusteigen, der

sei gewarnt. Um von der KölnCampus-

Community profitieren zu können, ist Zeit

und viel persönliches Engagement gefragt.

Alle Möchtegerns sparen also lieber gleich

Hörern, Radiomachern und Personalern die

Strapazen. KölnCampus macht Spaß und

Arbeit - gute Arbeit.

In diesem Sinne: Weitermachen! Mitmachen!

Radio on!

Felix Grosser

Hier spricht das Radio:

O-Töne von KölnCampus Mitarbeitern:

„Wer sich für Radiojournalismus

interessiert, hat

hier die Möglichkeiten viel auszuprobieren

und so für sich selbst zu klären, ob das

wirklich etwas für sie oder ihn ist. KölnCampus

ist eine riesige Spielwiese mit sehr professionellen

Möglichkeiten. Ich persönlich habe mein Berufsziel

gefunden. Die einzelnen Redaktionen funktionieren

Hand in Hand und es ist schön das zu sehen.

Natürlich gibt es hin und wieder auch mal

Konflikte, doch gerade das lehrt sehr viel

soziale Kompetenz.“

„Ein Studium ohne

KölnCampus kann ich mir

überhaupt nicht mehr vorstellen.

Das prägt sehr stark, nicht nur

persönlich sondern auch jobmäßig. Ich

will weiter im Medienbereich arbeiten.

Nichts ist schlimmer als Langeweile

- und die hab ich seit KölnCampus

überhaupt nicht mehr.“

-Marcel Joppa, PR

- Nico Rau, Chefredakteur

und Moderator

Für alle, die Lust

bekommen haben und

mehr wissen möchten empfiehlt

sich:http://koelncampus.com,

die sehr infomative und gepflegte

Website von KölnCampus. Dort

gibt’s aktuelle Programminfos,

die Termine für die nächsten Infotreffen

und für alle, die kein

Radio besitzen einen

LiveStream.

„Ich bin jetzt in

meiner dritten Woche. Die

Mensatipps habe ich hinter mir,

nun geht’s mit einer Umfrage weiter.

Ich freue mich auf die Dinge, die noch

kommen. Alles, was man machen kann, hat

seinen eigenen Charme. Ich will auf jeden

Fall dabeibleiben. Die Redaktion Filmspur

würde mich schon sehr interessieren, aber

auch die Arbeit hinter den Kulissen,

wie z.B. in der Ausbildung oder

Öffentlichkeitsarbeit.“

- Julia, in der Ausbildung

„Ich bin seit acht Wochen

bei KölnCampus dabei.

Diese Woche war ich mit den News

und der Glosse dran. Mir hat es bisher

sehr gut gefallen. Ein toller Einblick in den

Radiojournalismus und alles was damit

zusammenhängt. Das ist schon ein sehr

interessantes Medium. Mal gucken,

wie sich das hier weiterentwickelt

und ob ich dabeibleibe.“

-Steffen, in der Ausbildung

„Ich bin seit zwei

Wochen bei KölnCampus

und habe gerade das erste Mal

on air gesprochen. Das war die

Hölle! Aber ich bin froh, dass ich es

durchgezogen habe. Mir gefällt es sehr

gut. Es ist cool zu sehen, wie so ein Radio

funktioniert. Ich könnte mir schon

vorstellen, später mal etwas in einer

der Redaktionen zu machen.“

- Arthur, in der Ausbildung

Foto: Alexander Graeff

„Mit Leuten

ehrenamtlich zusammen zu

arbeiten ist das beste

Traning, was die Soft Skills angeht.

An das, was man hier an Miteinander

lernt, kommt keine Streiterei am WG-

Küchentisch ran. In anderen Betrieben

schafft Geld eine bestimmte Hierarchie

und die haben wir hier nicht. Es kommt

darauf an, wie motiviert man ist.“

- Johanna Bächer, ehemalige Leiterin der

Musikredaktion, Moderatorin

ZeitGeist

47


48

Graffiti

ohne Schmutz

ZeitGeist

Foto: Tobias Battenberg

38 Punkt Bold

Eine umfangreiche Schriftenfamilie für

merkantile und private Drucksachen.

12 Punkt Regular

Die einfache Grotesk hat sich unter den Schriften des Buchdruckers einen hervorragenden Platz errungen. Aber nicht nur für Druckwerke.

Überall da, wo für das lebendige Wort ein monumentaler Ausdruck gefordert wird, stellt auch die Grotesk sich zur Wahl. Ihre Ruhe und

Klarheit, die strenge Einfachheit ihres Aufbaues befähigen sie zur Wiedergabe jeder ernsten, gehaltenen Darlegung. Man sollte meinen,

dass in diesen scheinbar nüchternen, nur auf den Zweck bedachten Formen zu wenig Anreiz läge, um die hohe Stellung der Grotesk im

Schriftenschatze besonders des Buchdruckers zu halten. Aber liegt nicht gerade in diesen einfachen Konstruktionen, wenn sie wie bei

der Akzidenz-Grotesk von Meisterhand geschaffen wurden, mehr Schönheit, als in der Ausgestaltung mancher Kunstschrift? Kann die

Formung einer durchdachten Eisenkonstruktion nicht auch zur Bewunderung hinreißen?

Bâle Uri Bar

85 Punkt Bold

145 Punkt Bold

230 Punkt Bold

Erz

115 Punkt Bold

Pf

175 Punkt Bold

Du

290 Punkt Bold

15 Punkt Light Condensed

61 Punkt Bold 30 Punkt Bold

The original sans and most

influential grotesque, was first

released by the Berthold type

foundry in 1896. The design

originates from Royal Grotesk

85 Punkt Bold Condensed

Fische

light by Ferdinand Theinhardt

Brød

115 Punkt Bold Condensed

85 Punkt Light

Bibel

who also supplied the regular,

medium and bold weights.

Throughout the years, Berthold

has expanded this extremely

popular and versatile family.

Grundstück

JAHR 1956

Duo

145 Punkt Bold Condensed

Kai

175 Punkt Bold Condensed

7 Punkt Light Italic

Les premières versions de l‘Akzidenz Grotesk ont ractères inexistants jusqu‘alors, le tout dans l‘esprit

été commercialisées en 1896 par la typofonde- de la police de 1896. Akzidenz Grotesk a été la prerie

H. Berthold AG. Les versions que nous conmière police sans serif à être largement utilisée, et a à

naissons aujourd‘hui ont été élaborées dans les ce titre inspiré bon nombre de designers. On pourrait

années 1950, par un groupe dirigé par Günter par exemple citer Max Miedinger et son Helvetica

Gerhard Lange. Il a enrichi la famille de plusieurs dont les ressemblances sont frappantes, ou encore

graisses et largeurs, et a également ajouté des ca- Adrian Frutiger et sa famille de polices Univers.

Ice

Mu t

115 Punkt Light

120 Punkt Super

Elf

135 Punkt Super

Neue Wege und Ziele in

der fotomechanischen

Reproduktions-Technik

DIE LICHTBILDKUNST

Neon

230 Punkt Bold Condensed

290 Punkt Bold Condensed

32 Punkt Light

Wer bedenkt, wieviele technische

und formale Probleme die Scha

ffung einer qualitätvollen Druck

type mit sich bringt, kann den Sch

Bau

170 Punkt Extended

Din

230 Punkt Extended

32 Punkt Extra Bold Condensed

Wer bedenkt, wieviele technische

und formale Probleme die Scha

ffung einer qualitätvollen Druck

type mit sich bringt, kann den Sch

10 Punkt Regular, Light, Medium, Italic

Accidenz Grotesk was released by specimen booklet no. 429, which was kept adding weights, some of them a marketing and naming success. That

Berthold in Berlin in 1898, according most likely released in 1954, Akzidenz from other faces, acquired from other only changed when they cut Series

to their own literature. It was obviously Grotesk Mager (light) was still referred foundries. Every foundry had a version 57, and then Series 58, named for

based on faces already offered by to as Royal Grotesk, in brackets. of that type of face, more often than the years of release. These had some

other foundries, some of which were Berthold acquired a typeface in 1908, not available in a few sizes only. The sizes (but not all) recut under the

later taken over by Berthold. One of (when they bought Ferd. Theinhardt) original series remained quite divers, direction of Günter Gerhard Lange,

the contemporaries of AG was Royal which they released as Akzidenz individual weights showing not much who was their (freelance) artistic

Grotesk from Theinhardt. In Berthold’s Grotesk Halbfett (medium). They resemblance but in name. It was mainly director at the time.

48 Punkt Regular

CGOJBRQ1234567adcegsty

48 Punkt Italic

CGOJBRQ1234567adcegsty

48 Punkt Medium

CGOJBRQ1234567adcegsty

48 Punkt Bold

CGOJBRQ1234567adcegsty

Links: Akzidenz Grotesk

Schriftmuster

Hub

Designstudent Tobias Battenberg

bittet zur Schriftprobe. Sein

Experiment geht um die Welt

Riesige Buchstaben aus gleißendem Licht

bevölkern die nächtliche Stadt, tummeln

sich auf Häuserwänden, Brückenpfeilern,

Autos, Bäumen. Ein a trampt auf einem

Zug, eine 30 Meter große 3 macht es sich

auf einer Fabrik bequem, ein b und ein g

hängen zusammen auf einem Zaun ab, ein

" klebt unter einer Brücke, ein ? lehnt an

einem Turm.

Wenn die Zeichen Auslauf haben, steckt

Tobias Battenberg, Designstudent an der

Kölner Design-Akademie ecosign, dahinter.

Im Rahmen eines Typographiekurses setzt

er sich mit der bei Schriftexperten hoch

angesehenen Schrift Akzidenz Grotesk auseinander.

Den Studenten wurde die Aufgabe

gestellt, eine Schrift auszuwählen „und ihr

zu huldigen“, wie Battenberg es formuliert.

Die Akzidenz Grotesk, die z.B. in den 70er

Jahren in der New Yorker U-Bahn Anwendung

fand, gilt als Vorläufer der heute sehr

gebräuchlichen Helvetica. Er entschied sich

für die Akzidenz Grotesk, da diese den Ruf

hat, jegliche Veränderungen auszuhalten,

ohne dabei ihren Charakter zu verlieren. „Ich

sagte zu der Schrift: Beweise mir, ob das

auch für Extremsituationen gilt.“

Die Ausnahmesituation schafft der angehende

Designer gemeinsam mit einem

Kommilitonen mithilfe eines Beamers, eines

Stromgenerators, eines Laptops, einer

Fotokamera und – nicht zu vergessen –

der Dunkelheit. Er projiziert die Schrift auf

große Flächen und hält die entstehenden

Bilder mit der Kamera fest. Auf diese Weise

stellt er die Akzidenz Grotesk in eine neue

Umgebung, die das gewohnte Din A 4-Blatt

sprengt und so die Möglichkeit bietet, „mit

Perspektiven zu spielen und durch die Wahl

der Kameraposition Brüche und andere

Effekte zu erzeugen“.


Bei den ersten Versuchen projiziert Battenberg

noch ganze Texte auf Gebäude,

nämlich „die grotesken Bild-Schlagzeilen

einer Woche“. Doch schnell wird deutlich,

dass der Inhalt zu sehr von der Form

ablenkt. Stehen die Zeichen allein, haben

sie außerdem mehr Fläche zur Verfügung,

um sich mit all ihren Details zu präsentieren.

Ausreichend große ‚Leinwände’ finden die

Studenten vor allem in Industriegebieten in

Deutz und Ehrenfeld.

Battenberg hat noch weitere Schwierigkeiten

zu meistern: „Wir mussten das

Experiment von

richtige

Tobias

Zeitfenster

Battenberg,

abpassen.“

2007, ecosign

Da er das

Fotos: Stephan J. Englisch & Oliver Eickholt

Projekt im Sommer durchführt, bleiben

nur vier Stunden Zeit, in denen Dunkelheit

herrscht. „In der Stadt ist es außerdem

immer hell.“ Hinzu kommt das Meistern der

Technik: „Der Stromgenerator ist dreimal

durchgebrannt“, erinnert sich Battenberg.

Dennoch waren die Studenten überrascht,

mit welch einfachen Mitteln sie so ‚buchstäblich

große’ Effekte erzielen konnten.

Obwohl das Projekt nicht als Performance

gedacht war, bleiben vereinzelte Passantenreaktionen

natürlich nicht aus. Einige fragen,

was der Quatsch solle, andere freuen

sich an den ungewohnten Aussichten und

empfinden die Buchstaben als erfreuliche

Abwechslung im Stadtbild. Einer lobt: „Cool

– Graffiti ohne Schmutz!“

50

ZeitGeist

Doch nicht nur auf der Straße erntet das Experiment

Aufmerksamkeit. Nach Abschluss

des Projekts wendet sich Tobias Battenberg

an den Betreiber des portugiesischen Designblogs

Type for you. Er entscheidet sich

bewusst nicht für eine deutsche Seite, weil

er unsicher ist, wie die Leute auf sein Projekt

reagieren. „Ich hatte da eine gesunde

Ehrfurcht“. Doch der Blogger ist begeistert,

stellt die Bilder und Battenbergs Konzept

auf seiner Website aus und verlinkt auch auf

dessen eigene Seite. Von nun an wird das

Experiment zum Selbstläufer: „Innerhalb

von zwei Wochen hat sich die Arbeit selbst

verbreitet“. Über Portugal, Ungarn und

China, sowie Blogs, Typographiemagazine

und Facebook dringt sie schließlich vor zu

den anerkannten deutschen Designwebseiten

Fontblog.de und Slanted.de. „Das

hat mir vor Freude für einen Tag das Herz

rasen lassen, weil viele etablierte Designer

diese Seiten lesen“, freut sich der Student.

Sogar Erik Spiekermann, eine deutsche

Designgröße, gibt einen – wenn auch

kritischen – Kommentar zum Experiment

ab. Neben den fast ausschließlich positiven

Reaktionen, wird Battenberg vereinzelt auch

der Fälschung bezichtigt: „Öfter dachten

die Leute: Das ist ja Pfusch, mit Photoshop

nachbearbeitet.“

Foto: Tobias Battenberg

Dennoch wurden die Erwartungen des Designstudenten

weit übertroffen – sowohl in

Bezug auf die Charakterstärke der Akzidenz

Grotesk, als auch auf das Bekanntwerden

seiner Arbeit. Die Schrift ist sich nicht nur

treu geblieben, sondern wurde durch das

Versetzen in eine andere Umwelt noch facettenreicher.

„Sie sprengt die Realitätsvorstellungen

des Betrachters“, findet Battenberg.

Genauso sprengt die rasend schnelle

Verbreitung über das Internet immer noch

unsere Vorstellungen von Raum und Zeit.

Battenbergs Experiment zeigt, dass nicht

nur einige wenige Auserwählte, wie etwa

die Arctic Monkeys, es schaffen, über das

world wide web die Karriere in Schwung zu

bringen. Bekannte deutsche Beispiele sind

Katharina Borchert, die durch ihre Blogs zur

Online-Chefredakteurin der WAZ aufstieg,

und Katrin Bauerfeind, die ihre Fernsehkarriere

beim Internetsender Ehrensenf begann.

Jeder kann das Netz nutzen, um seine

Arbeit in einem relativ geschützten Raum zu

präsentieren und mit Interessierten aus aller

Welt darüber zu diskutieren.

Anne Wellmann

Sonderschule der Ästhetik

Labersack

Es ist schrecklich, es ist furchtbar, es ist der

endgültige Untergang des Abendlandes:

kaum ist die Vogelgrippe langsam in Vergessenheit

geraten, geht in Köln schon eine

neue, weitaus furchteinflößendere Seuche

um. Habt Ihr es bereits bemerkt? Habt Ihr

sie auch schon gesehen – die Opfer, die

abscheulichen Symptome? Ihr lauft durch

die Stadt und plötzlich sind sie da. Sie laufen

vor Euch, sie kommen Euch entgegen,

sie verfolgen Euch. Da! Einer steht an der

Bahnhaltestelle. Oh mein Gott! Eine kommt

auf dem Fahrrad um die Ecke geprescht.

Gibt es denn kein Entrinnen?! Was ist nur

los mit diesen Menschen?! Sie labern und

labern, doch weit und breit ist keiner, mit

dem sie labern! „Sprechen sie etwa mit

mir?“ denkt Ihr erschrocken. „Warum werde

ich plötzlich laufend von wildfremden Menschen

angemotzt?“

„Sprechen sie mit jemand anderem?“ denkt

Ihr weiter. „Nein, da ist sonst keiner!“

„Sprechen sie mit der Luft?“ Ein grauenvoller

Gedanke drängt sich auf...

„Bin ich von Irren umgeben?!“

Doch gerade in dem Moment, da der

Fluchtinstinkt Euch übermannen will, seht

Ihr ihn: den Knopf im Ohr. Und plötzlich

wird alles ganz klar... Also liebe Headset-

Verseuchten: wenn Ihr es schon nicht lassen

könnt Eure Mitmenschen mit Euren Privatgesprächen

zu belästigen, haltet Euch doch

nächstens bitte zumindest wieder das gute

alte Handy an die Backe. Dann hält man

Euch immerhin nur für penetrant und nicht

für völlig bekloppt.

Felix Grosser

Widerstand wogegen?

Am 12. April 2008 geschah auf den Kölner Ringen Erstaunliches: Hunderte junger Menschen gingen gegen

Nachmittag auf die Straße und veranstalteten zwischen Rudolf- und Friesenplatz ein großes Volksfest

– womit sie den Verkehr für einige Stunden völlig lahm legten.

„Reclaim the Streets“ - so das Motto,

unter dem sich zunächst etwa 70 Leute

versammelten, während aus Richtung des

Zülpicher Platzes weitere 30 in einer Art

Umzug auf dem Fahrrad dem Geschehen

zustrebten, um in einer ungewöhnlichen

Mischung aus Party, Jahrmarkt und Demo

„Freiräume zu erkämpfen und zu verteidigen“.

Schätzungen zufolge feierten, tanzten

und musizierten zeitweilig bis zu tausend

Personen auf der Straße, zerrten gar Sessel

und Couchen auf die Kreuzung – bis die

Veranstaltung zwischen halb zwölf und

zwölf mit sanftem Druck von der Polizei

beendet wurde.

Besondere Brisanz erlangte die Geschichte

dadurch, dass es keinerlei öffentliche Ankündigung

gegeben hatte, geschweige denn

eine Genehmigung von behördlicher Seite.

Über Internet und zahlreiche Flyer in Uni-

Nähe (s. u.) war die Kunde unter Studenten

wohl sehr weit verbreitet, traf die Polizei und

nicht zuletzt andere Bürger Kölns jedoch

völlig überraschend. Und das sogar mit

voller Absicht: Wesentlicher Bestandteil der

Idee von „Reclaim the Streets“ ist es, den

Verkehr für andere unvorhersehbar zum

Erliegen zu bringen und durch eine bunte

Party zu ersetzen: „Spaß kann auch Widerstand

machen.“

Doch Widerstand wogegen? Das blieb

der Polizei, der Presse und wohl auch den

meisten Umstehenden schleierhaft und war

bewusst eher vage definiert worden. So

sollte zwar in erster Linie der Trott des Alltags

und die zunehmende Reglementierung

des gesellschaftlichen Lebens durchbrochen

werden, jedoch brachte ein Jeder

auch ein bisschen seine eigene Agenda mit

ein – seien es nun Studiengebühren oder

Weltfrieden. Dass es dadurch unmöglich

wurde, das Ereignis auf einen einheitlichen

Nenner zu bringen, war durchaus beabsichtigt,

denn Reclaim the Streets ist keine

Demo im eigentlichen Sinne: Vielmehr zielt

es darauf ab, ein bisschen Chaos in die

allzu geordnete bürgerliche Welt zu bringen

und ähnelt insofern eher dem Flashmobbing;

nur eben erweitert um den Aspekt der

Blockade und ein politisches Anliegen, das

jedoch wie gesagt zu einem bestimmten

Grade unbestimmt bleibt.

Große Freude ringsum also, kreative politische

Partizipation der unkonventionellen

Art jenseits der ermüdenden Betulichkeit

althergebrachter Demonstrationen und

Mahnwachen? Nun ja, da gibt es wohl wie

immer mehrere Wahrheiten. Zwar muss man

hervorheben, dass einem anrollenden Krankenwagen

anstandslos Durchfahrt gewährt

wurde und die Veranstaltung bemerkenswert

friedlich verlief – allerdings, werden hier

nicht die Zeit und die Nerven der Außenstehenden

ungerechterweise zu Kollateralschäden

marginalisiert (zugegebenermaßen eine

überspitzte Formulierung)? Wo der eine die

Auflockerung gängiger Protestformen und

thematische Vielfalt willkommen heißt, sieht

der andere vielleicht nur eine Beliebigkeit

des Unzufriedenseins ohne verbindliches

Anliegen. Und während der eine begeistert

die lang ersehnte Möglichkeit wahrnimmt,

sich in einer einengenden, weil von Regeln

und Effizienzwahn durchdrungenen Welt

aus grauem Beton ein Stück Freiheit zurück

zu erobern, mag sich der andere fragen, ob

nicht gerade Urbanität und Beschleunigung

das Versprechen unzähliger Möglichkeiten

in sich tragen.

Holger Reinermann

ZeitGeist

51


Straßen-, Bahn- und Wegmusik

Christine Eric Nastassja Pablo

In der letzten Ausgabe stellten wir bereits

fest, dass Musik beflügelt. Aber entfaltet

sie diese Wirkung auch im hektischen

Straßenverkehr auf dem Weg zur Uni?

Welche Musik verschönert die gespannte

Stimmung in der vollgepackten Bahn? Wie

heißen die Interpreten, die es schaffen, die

Leute immer wieder aufs Neue von A nach

B zu treiben? Und was hören die ganzen

Menschen mit Knopf im Ohr eigentlich?

Um genau das zu erfahren haben wir eine

Überfallaktion gestartet und bei einigen

unserer Mitbürger reingehört...

Natassja (30) bezeichnet sich selbst als

Musikfanatikerin. Deshalb hört sie auch

unterwegs ununterbrochen Musik. Gerade

läuft bei ihr „Mercy“ von Duffy. Eine andere

gern gehörte Begleitung in der Bahn ist für

sie Maria Mena.

Als wir die noch fünfzehnjährige Charlotte

ansprechen, versüßen ihr gerade Dynamite

Deluxe mit „Gönnt mir doch auch ‘n bisschen“

den grauen Tag mit ihren Reimen. Für

sie macht es keinen Unterschied, ob sie, so

wie gerade, unterwegs ist oder zu Hause.

Hip Hop und Rock sind stets ihre Favoriten.

Wenn Eric (24) von der Arbeit nach Hause

fährt, möchte er abschalten und entspannen.

Das funktioniert bei ihm am besten

mit Metal und Hardcore, wie zum Beispiel

Hatebreed, Six Feet Ditch und Slayer. Wir

stören ihn beim Genuss von „End of Days“

von Bullet For My Valentine.

Sogar französische Radiosendungen treffen

wir im Gewimmel der Stadt an. Christine

(37) hört aber auch gern Jazz oder Lou

Reed und David Bowie. Aktuell steht Kate

Nash mit „Foundations“ ganz oben auf ihrer

Liste.

Musik gehört zu Pablos (25) gesamtem

Tagesablauf. An der Bahnhaltestelle hat er

gerade die Klänge von Salsa und Merengue

im Ohr. Davon bevorzugt er die legendäre

Celia Cruz und Juan Luis Guerra. Aber auch

andere Rhythmen begleiten ihn durch den

Tag, wie beispielsweise deutscher Hip Hop

von Fünf Sterne Deluxe oder den Absoluten

Beginnern.

Das Warten auf die nächste Bahn kann auch

nützlich sein, wenn man die Zeit dazu verwendet,

sich das aktuelle Album „Konk“ der

Kooks anzuhören. So sieht das zumindest

die 21-jährige Sarah.

Katjas und Iris‘ urbanisierte Playlist

Martha and the Vandellas: Dancin‘ In The Streets

Dschingis Khan: Moskau

Frank Sinatra: New York, New York

Massive Töne: Cruisen

Razorlight: In the City

Carlos Gardel: Mi Buenos Aires Querido

Seeed: Dickes B

Manu Chao: Rumba de Barcelona

Höhner: Hey Kölle, du bes e Jeföhl

Bloc Party: Kreuzberg

The Lovin' Spoonful / Joe Cocker: Summer in the City

The Jam: Down in the Tube Station at Midnight

Tocotronic: Freiburg

Katja Koslowski & Iris Sygulla


StaatsKunst

“Politik ist die verbindliche Zuweisung von Werten,

Einen Dalai Lama gibt es schon seit 1578.

Gerade in den letzten Jahren hat sich seine

Popularität so erheblich gesteigert, dass er

nunmehr als Oberhaupt der Tibeter und als

Verkörperung göttlicher Weisheiten in weiten

Teilen der Welt anerkannt ist.

Doch was genau macht einen Dalai Lama

aus und warum ist die westliche Welt gerade

von dem jetzigen so fasziniert? Ein kurzer

Abriss soll versuchen Aufschluss zu geben:

Der Dalai Lama ist das politische und religiöse

Oberhaupt Tibets und des tibetischen

Lamaismus, einer Richtung des Buddhismus.

Gleichzeitig ist er der Schutzpatron Tibets.

Als Emanation Tschenresis, dem Buddha des

Erbarmens, hat der Dalai Lama aus Mitgefühl

auf seine eigene Erlösung verzichtet, um

so den anderen Wesen dienen zu können.

Obwohl er als erleuchtetes Wesen in das

Nirwana hätte eintreten können, wird er

stattdessen solange wiedergeboren, bis alle

Menschen erlöst sind. Nach dem Ableben

eines Dalai Lama wird der Nachfolger

aufgrund bestimmter Vorzeichen unter den

neugeborenen Kindern gefunden.

besagt eine sehr einfache Definition. Doch diese ist keinesfalls abschließend und noch

weniger vollständig. Und genau dies versucht auch die Rubrik Staatskunst zu vermitteln:

Aufgeteilt in drei Bereiche –Außen-, Innen- und Hochschulpolitik– soll die Vielschichtigkeit der

weiten Welt der Politik dir, als Leser, nahe gebracht werden.

Mit kritischen, aufschlussreichen und interessanten Themen soll zum Nachdenken, Nachvollziehen

und Nachfragen angeregt werden, sodass die Kunst der Staatsorganisation nicht mehr

länger wie ein ungeliebtes Buch mit einer Staubschicht überzogen bleibt.

Auch der aktuelle wurde durch eine Vision

des Regenten und mehreren bestandenen

Prüfungen im Jahr 1937 als der 14. Dalai

Lama erkannt. Durch den Einmarsch chinesischer

Truppen und der durch sie hervorgerufenen

zunehmenden Bedrohung, musste

er bereits 1950 die Regierungsgeschäfte

Tibets übernehmen. Nach vergeblichen

Bemühungen des Dalai Lama, eine friedliche

Lösung des Konflikts zu finden, kam es 1959

zum Volksaufstand. Als sein eigenes Leben

bedroht war, floh er mit rund 90.000 Tibetern

nach Dharamsala in Indien, wo heute noch

die tibetische Regierung im Exil ihren Sitz

hat. 1963 verkündete der Dalai Lama den

Entwurf einer demokratischen Verfassung

für ein künftiges freies Tibet und setzt sich

seitdem unentwegt für die Autonomie der

Region ein.

Höhepunkt seiner Bemühungen war der

1987 von ihm entwickelte 5-Punkte-

Friedensplan, der unter anderem Tibet zu

einer Friedenszone erklären sollte. Für seine

unermüdlichen Anstrengungen, das Leid der

Tibeter innerhalb und außerhalb Tibets zu

Sarah Gronemeyer


Faszination Dalai Lama

mindern, wurde ihm 1989 der Friedensnobelpreis

verliehen. Dies offenbart, wie sehr seine

Bemühungen in der Welt anerkannt und

befürwortet werden.

Gerade dieses unnachgiebige Streben

für den Frieden seines Volkes macht die

Faszination um den Dalai Lama so sinnlich

und erlebbar. Mit seiner mitreißenden und

zugleich beeindruckenden Art spricht er alle

Glieder der Gesellschaft an. Des Weiteren

konnte er sich in solchem Maße in ihr verankern,

dass nahezu jeder weiß, wofür der Dalai

Lama kämpft und was seine Person für die

Tibeter bedeutet.

StaatsKunst StaatsKunst


KörperKultur

Foto: Dimitrios Papatheodorou

Körperkultur

57


58

American Football in Köln

Fotos: Dimitrios Papatheodorou

American Football gehört zu den populärsten

Sportarten auf dem amerikanischen

Kontinent. Neben Baseball ist Football eine

der „ureigenen“ und typischen US-amerikanischen

Ballsportarten, und gehört gemeinsam

mit Basketball und Eishockey zu den

meist verfolgten Mannschaftssportarten des

Landes. So saßen im Februar 2008 durchschnittlich

rund 100 Millionen Amerikaner

vor den Fernsehapparaten und sahen den

„Super Bowl“, das Endspiel der US-Profiliga

NFL. Doch auch über sein Ursprungsland

hinaus hat der Kampf um das Leder-Ei einen

enormen Verbreitungsgrad erreicht. In zahlreichen

Ländern existieren professionelle

oder semi-professionelle Ligen, wenn auch

teilweise mit modifizierten Spielregeln.

Die Anfänge in Deutschland

Football ist eine Sportart, deren Regelwerk

zunächst eigentümlich und kompliziert

erscheint. Die Spielweise unterscheidet sich

strukturell deutlich von Europas Sportart

Nr.1 – dem Fußball. Dennoch gibt es gerade

in Deutschland eine lang verwurzelte und

gepflegte Football-Tradition. Schon im

Jahre 1979 ging die Football-Bundesliga mit

sechs Teams an den Start, deren Spielbetrieb

seit 1982 durch den American Football

Verband Deutschland (AFVD) geleitet wird.

Aktuell kämpfen 12 Amateurmannschaften

aus ganz Deutschland um den „German

Bowl“, die Deutsche Meisterschaft in der

Bundesliga, die seit 1999 „German Football

League“ (GFL) heißt.

Körperkultur

Die „Cologne Crocodiles“

Auch wenn kein Gründungsmitglied der

GFL aus Köln kam, mussten die hiesigen

Football-Fans nicht lange warten. Bereits

1980 wurde der „First American Football

Club Köln e.V.“ gegründet. Der sperrige

Name machte bald dem griffigeren „Cologne

Crocodiles“ Platz, und unter dieser Bezeichnung

war das Team 24 Jahre lang eine

Institution am Rhein und in der Bundesliga.

Schon 1982 standen die Kölner zum ersten

Mal im Endspiel. Fünf weitere Finalauftritte

sollten folgen, doch es dauerte bis zum

Jahre 2000, bis die „Crocodiles“ den Titel

erstmals gewinnen konnten. Drei Jahre

später kam dann allerdings das vorläufige

Aus: Der Verein musste Insolvenz anmelden

und die erste Mannschaft aus dem Spielbetrieb

zurückziehen. Gegenwärtig gibt es

zwar Bestrebungen, die „Cologne Crocodiles“,

die immer noch die ewige Tabelle der

GFL anführen, wieder aufleben zu lassen.

Ob dies jedoch auch umsetzbar ist, muss

abgewartet werden.

Konkurrenz:

Die „Red Barons Cologne“

Die 80er Jahre wurden zu einer Hochzeit

des Kölner Football, als die „Crocodiles“

Konkurrenz aus dem eigenen Lager erhielten.

Ein Teil der Mannschaft spaltete sich

ab und trat unter dem Namen „Red Barons

Cologne“ selbst in der Bundesliga an. Mit

Erfolg: Die „Roten Barone“ standen 1988

und 1989 im Endspiel um die Deutsche

Meisterschaft und gewannen den Titel 1988.

Damit ist Köln bis heute die einzige Stadt,

die zwei Deutsche Meister hervorgebracht

hat. Trotz des sportlichen Erfolges war dem

Verein jedoch keine lange Zukunft beschert:

Bereits Anfang der 90er Jahre gab es die

„Red Barons“ nicht mehr.

Die NFL Europe

Ein Marketing-Experiment

Neben der langen Amateurtradition hielt

auch der Profifootball für kurze Zeit Einzug

in die Domstadt. Seit 1991 erprobte die

US-Profiliga NFL ein Modell, selbst auf

den wachsenden europäischen Markt zu

expandieren. Nachdem mit der „World

League of American Football“ ein erster

Versuch fehlgeschlagen war, ging im Jahre

1995 die „NFL Europe“ an den Start, unter

anderem mit den deutschen Teams „Frankfurt

Galaxy“ und „Rhein Fire“ aus Düsseldorf.

Die Mannschaften der NFL Europe

gehörten der Mutterliga NFL, die auch den

Großteil des Etats beisteuerte. Die meisten

Spieler rekrutierten sich aus Ersatz- und

Ergänzungsspielern der NFL-Teams, neben

denen einige „Nationals“ im Kader standen;

Spieler aus nicht-amerikanischen Ländern.

Zu diesen gehörten auch Kölner wie Christopher

Liess, David Odenthal und der gerne

als „Urgestein“ bezeichnete Werner Hippler,

der schon bei den „Red Barons Cologne“

gespielt und Erfahrungen im US-College-

Football sowie in NFL-Trainingslagern gesammelt

hatte. Im Jahre 2004 war es dann

auch für Köln soweit: Die an chronischem

Zuschauermangel leidenden „Barcelona

Dragons“ wurden als „Cologne Centurions“

an den Rhein verpflanzt. In den vier Jahren

ihres Bestehens konnten die „Centurions“

zwei vierte und zwei dritte Plätze verbuchen,

wobei im Jahre 2007 das Finale erst am

letzten Spieltag verpasst wurde. Im selben

Jahr beschloss dann jedoch die Führung der

NFL, ihre ebenso kostspielige wie verlustträchtige

Ablegerliga einzustellen. Die „Cologne

Centurions“ wurden wie alle anderen

Teams aufgelöst. Das kurze Intermezzo des

Profi-Football in Köln war damit zu Ende.

Ein vergleichbares Engagement der NFL ist

derzeit nicht absehbar.

Die "Cologne Falcons"

Gegenwart und Zukunft

des Football in Köln

Sowohl die „Crocodiles“, als auch die „Red

Barons“ und die „Centurions“ mussten also

die Segel streichen. Doch nach wie vor gibt

es American Football in Köln. So wie einst

die „Red Barons Cologne“ aus Mannschafts-

teilen der „Cologne Crocodiles“ hervorgegangen

waren, gründeten ehemalige

Mitglieder der „Red Barons“ im Jahre 1995

die „Cologne Falcons“. Inzwischen hatte

sich der Spielbetrieb der Bundesliga derart

verbreitert, dass das neue Team zunächst in

der Verbandsliga (5. Liga) antreten musste.

Ab 2002 arbeiteten sich die „Falcons“ dann

durch alle Ligen nach oben, bis im Jahre

2004 schließlich der Aufstieg in die GFL

gelang. Schon in der zweiten Spielzeit erreichte

das Team das Viertelfinale bislang der

größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Nach

dem Aus der „Crocodiles“ im Jahre 2003

sind die „Cologne Falcons“ das letzte Kölner

Team in der höchsten deutschen Spielklasse

und auch das einzige aus Nordrhein-

Westfalen. Die Mannschaft setzt sich aus

einer Hand voll amerikanischer Spieler

sowie einer Mischung aus erfahrenen und

jungen deutschen Spielern zusammen. So

stehen im Kader auch die NFL-Europe-Veteranen

David Odenthal und Werner Hippler.

Trotz eines eingeschränkten Budgets ist der

Verein sowohl in der Breite als auch in der

Tiefe aufgestellt. Eine zweite Mannschaft

spielt derzeit in der Oberliga (4. Liga), zusätzlich

gibt es ein Nachwuchsteam, eine Frauen-

und sogar eine Seniorenmannschaft.

Daneben betreiben die „Falcons“ „Flag

Football“, eine kontaktlose Variante des

American Football. Seit diesem Jahr engagiert

sich der Verein auch an der Universität

Köln. Interessierten Studenten wird dort die

Möglichkeit geboten, erste Erfahrungen mit

der Sportart American Football zu sammeln.

Unter der Leitung eines Mitgliedes

des Trainerstabes der „Falcons“ können die

Interessenten dort zwischen einem ersten

Einstieg über das „Flag Football“ oder dem

direkteren Zugang zur Vollkontakt-Variante

wählen.

Alexander Verbeeck, Vorsitzender der

„Cologne Falcons“, über das Uni-Programm

seines Vereins:

Die „Falcons“ engagieren sich inzwischen

auch an der Universität. Wie ist es dazu

gekommen?

Das war eine Entscheidung, die fast wie im

Berufsleben getroffen wurde. Man muss

sich fragen, für wen man attraktiv ist, und da

kommt man zwangsläufig auf Gruppen, die

nicht von vornherein im Fokus stehen. Das

sind zum einen die Frauen. Fakt ist, dass

es Frauen gibt, die gerne Football spielen

wollen. Das Gleiche gilt für Kinder, und das

Gleiche gilt für Leute, die aus dem Kontaktsport

herausgehen, aber trotzdem noch den

Sport betreiben wollen. Eine weitere Zielgruppe

sind ganz klar Studenten. Das sind

in der Regel junge Leute, die häufig relativ

viel Zeit haben, und vor allem Leute, die sich

Neuem gegenüber offen zeigen und solche

Sachen auch ausprobieren. Die Projekte, die

wir da aufgezogen haben, zeigen auch, dass

das gut funktioniert.

Schildern Sie doch einmal Ihr Engagement

an der Uni.

Wir haben zum einen ein „Einsteigerprogramm“,

wie ich es gerne nenne. Das ist

für Leute, die sich das Ganze anschauen

wollen, und zwar in der Form von „Flag

Football“, der kontaktlosen Variante. Hier

können sich Leute mit dem Spiel auseinandersetzen,

ohne gleich blaue Flecken zu

riskieren. Das ist ein ganz gerne genutzter

Einstieg. Wir bieten auch die Kontaktvariante

an, und diese Gruppe umfasst

inzwischen deutlich über 20 Leute. Das

sind aus meiner Sicht Riesenathleten. Wenn

von denen nur 10 Leute beim Sport hängen

bleiben, haben wir schon gewonnen.

Die Suche nach Nachwuchs ist also auch

ein Ziel des Programms?

Absolut. Die Studenten sind aus meiner

Sicht genau in einem Alter, wo es Sinn

macht, als Quereinsteiger hereinzukommen.

Wenn es wirklich dazu führt, neue Athleten

an den Sport heranzuführen, ist das gut für

den Sport, und gut für den Verein sowieso.

Gibt es einen zeitlichen Rahmen für das

Projekt?

Wie bei jeder Sache, die man startet, muss

man erst einmal sehen, ob das auch funktioniert.

So viel Resonanz haben wir nicht

erwartet. Da wir jedes Semester neue Leute

bekommen können, gibt es aus heutiger

Sicht keinen Grund, damit aufzuhören. Aus

organisatorischer Sicht auch nicht. Das kann

ruhig noch so weiterlaufen.

Die „Falcons“ entwickeln sich langsam, aber

stetig. Die Verantwortlichen vertreten die

Ansicht, dass kurzfristiger Erfolg womöglich

mit Geld zu kaufen ist, wirkliche Strukturen

jedoch wachsen müssen. Angesichts derart

vorausschauender und langfristiger Planungen

ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass

die Tradition der nach wie vor exotischen

Sportart American Football in Köln noch

lange fortgeführt werden wird.

Dimitrios Papatheodorou

KörperKultur

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Exotische Sportarten

Körperkultur

Capoeira - Kampftanz der die Sinne anspricht

Vor dem kleinen Flachdachgebäude in einer

Wohnsiedlung im Kölner Norden, stehen

ein paar Leute in weißen Sporthosen und

unterhalten sich. Die Gesichter wirken etwas

verschlafen, denn die Capoeira-Schule

„Pernas pro Ar“ (port.: „Beine in die Luft“)

hat am Vorabend ihr achtjähriges Bestehen

gefeiert. Im Eingang liegen Schuhe in allen

Größen herum und sofort fällt der Blick auf

ein Schild, auf dem „Schuhe ausziehen!“

geschrieben steht. Der erste Eindruck ist

alles andere als exotisch. Der große Raum

ist komplett mit Schaumstoffmatten ausgelegt,

an einer Wand hängt ein Spiegel - wie

eine gewöhnliche Gymnastikhalle also. Nur

die zwei riesigen, an die Wand gemalten

Konterfeis zweier älterer Herren, wirken erst

einmal befremdlich. Die beiden Männer sind

die Brasilianer „Mestre Bimba“ (1899-1974),

Begründer des „Capoeira Regional“ und

„Mestre Pastinha“(1889-1981), der Urvater

des „Capoeira Angola“.

Verbreitung und Geschichte

der Capoeira

Die Existenz des brasilianischen Kampftanzes

Capoeira ist seit dem 18. Jahrhundert

belegt und dicht mit der Geschichte der

Sklavenhaltung in Brasilien verbunden.

Vorläufer sind indianische und durch die afrikanischen

Sklaven nach Brasilien gebrachte

Kampfspiele und Tänze. Capoeira versteht

sich bis heute als Widerstand gegen die

Herrschenden. Allerdings „spielen“ mittlerweile

in Brasilien, und seit den 80er Jahren

überall auf der Welt, durch alle Schichten

hinweg Menschen Capoeira. Wobei die

Tatsache, dass bei der Ausübung dieses

Sports von Spielen und nicht von Kämpfen

gesprochen wird, die positive und selten

wirklich aggressive Einstellung der Capoerista,

zeigt. Es geht nicht darum, seinen Gegner

ernsthaft zu verletzen, sondern ihn, durch

akrobatische und schnelle Bewegungen,

auszutricksen. Zur Philosophie des Spiels

gehört eine gewisse Hinterlist, die im Portugiesischen

als „Malicía“ bezeichnet wird.

Doch trotzdem - und das ist mit Sicherheit

einer der Gründe, warum Capoeira auch in

unseren Gefilden eine solchen Boom erlebt -

soll der Spaß an der Sache nie verloren

gehen. So schreibt der brasilianische Autor

Nestor Capoeira in seinem Buch „Capoeira.

Kampfkunst und Tanz aus Brasilien“: „Wer

die Kenntnis der menschlichen Natur hat,

aber seine gute Laune nicht entwickelt, wird

sich auf dem Weg verirren: Er mag Capoeira

sehr gut turnen können - aber es ist keine

Capoeira.“

Allerdings hat sich die Sportart seit ihrem

Entstehen in den brasilianischen Hafenstädten

Rio de Janeiro, Recife und Salvador

de Bahia, weiterentwickelt. Die Gründungsväter

des zeitgemäßen Capoeira, „Mestre

Bimba“ und „Mestre Pastinha“, vertreten die

beiden unterschiedlichen Richtungen Capoeira

Angola, welches spielerischer ist und

stärker die afrikanischen Wurzeln betont,

und Capoeira Regional, die kampfbetontere

und weniger traditionelle Variante. Es gibt

aber auch zahlreiche andere Mestres, die

sich einen Namen gemacht haben. Jede

Schule hat ihre spezielle Vermittlung des

Kampftanzes, eine eigene Philosophie und

Musik. Das Spiel wird begleitet vom Gesang

der traditionellen Lieder, dem Klatschen der

im Kreis um die Kämpfenden Stehenden

(port.: „Roda“) und der Musik des capoeiraeigenen

Instruments, dem „Berimbau“.

Ein Sport für alle

In der Trainingshalle der „Companhia Pernas

pro Ar“ trudeln nach und nach immer mehr

Männer, Frauen und Kinder jeden Alters ein,

die an der großen Roda teilnehmen wollen.

An diesem Sonntag im Mai wird nämlich

nicht trainiert, sondern es wird gespielt.

Jeder soll das Erlernte zeigen können.

Außerdem werden vom „Contra-Mestre

Porquinho“, dem Leiter der Schule, die

Kordeln verliehen. Die verschiedenfarbigen

Kordeln, die jeder Capoerista um die Hüfte

trägt, zeigen den Grad an, den er in der

Schule erworben hat. Als die Klänge des

Berimbaus erklingen, versammeln sich alle

im Kreis und die ersten zwei Schüler beginnen

in dessen Mitte zu kämpfen. Langsam

wird der Takt der Musik schneller und alle

singen mit. Immer wieder treten abwechselnd

Schüler in den Kreis, bis am Schluss

die Besten, mit immer schnelleren Bewe-

gungen, Radschlägen, Handständen und

Tricks, von ihren Lehrern herausgefordert

werden. Dann werden die Kordeln verliehen

und diejenigen, die einen höheren Grad

erreicht haben, stehen mit stolzen, schweißglänzenden

Gesichtern im Mittelpunkt.

Trotz der Regeln und der Philosophie, die

die Capoeira ausmachen, ist hier an diesem

Nachmittag nichts von Dogmatik oder gar

Eitelkeit zu spüren. Denn auch ohne sich die

komplette Weltanschauung anzueignen, ist

Capoeira ein Sport, der fit macht und alle

Sinne anspricht. Vielleicht ist auch das der

Grund, warum am Ende des Tages alle so

strahlen, als hätten sie Urlaub in Brasilien

gemacht?

Info

Kathrin Mohr

Es gibt zahlreiche Capoeira-Schulen in Köln,

hier nur zwei:

- Companhia Pernas pro Ar (Regional):

www.capoeira.de

- Capoeira Angola Mãe (Angola):

www.capoeiraangolamae.de

Literatur:

-Capoeira, Nestor: Capoeira. Kampfkunst

und Tanz aus Brasilien. Verlag Weinmann.

2004 (überarbeitete Auflage). 12,80€.

- Onori, Piero: Sprechende Körper. Capoeira

- ein afrobrasilianischer Kampftanz. Edition

diá. 2002 (2. Auflage). 14€.

KörperKultur

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