PODIUM - Stämpfli Kommunikation

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PODIUM - Stämpfli Kommunikation

labor»

Auch wenn ich ursprünglich aus der

universitären Forschung komme, hat

mich der Elfenbeinturm nie interessiert.

Schon während des Studiums holte ich

mit meinen Kolleginnen und Kollegen

Fachleute aus der Universität und der

Kunsthochschule an einen gemeinsamen

Tisch, sprach an einer Konferenz in Karlsruhe

über «Angewandte Musikwissenschaft»

und schrieb eine Masterarbeit

über die historische Aufführungspraxis,

wofür ich eng mit Interpretinnen und Interpreten

zusammenarbeitete. An der

HKB haben wir ebenfalls das Privileg,

Theorien und Resultate der Forschung

gleich in einem Atelier zu überprüfen.

Interaktives Labor

Diese Verbindung von angewandter Forschung

und Lehre wirkt nachhaltig – so

kommunizieren das Forschungsfeld

«Communication Design in Space» und

der entsprechende Studiengang. Forschung

auf dem Prüfstand der Lehre und

Praxis (und umgekehrt) befruchtet alle

Seiten und schafft dazu noch mehr

Öffentlichkeit. Das Forschungsprojekt

«Kunstvermittlung in Transformation»

beschreibt Kunstvermittlung als Vermittlungskunst

und führt zu verschiedenen

Unterrichtsmodulen sowie zur

gleichnamigen Publikation. Ein Atelier

setzt sich dank originalen Aufführungs-

HOCHSCHULE DER KÜNSTE BERN

Von der Kartoffel zum Goldleder

Erfahrungsbericht von Johanne Mohs, Doktorandin aus der Förderungsprofessur «Intermaterialität»

Zu Beginn meines Doktorats in der Förderungsprofessur «Intermaterialität»

von Thomas Strässle war es neu für mich, in einem interdisziplinären Kontext

zu arbeiten. Aus meinem Studium der Romanistik war mir zwar der

Austausch zwischen verschiedenen Philologien vertraut. Aber Galloromanisten,

Hispanistinnen, Italianisten und Lusitanistinnen greifen zumindest in

methodischer und materialästhetischer Hinsicht auf die gleichen Gegenstände

(die Textinterpretation und die Sprache) zurück, auch wenn sie auf

unterschiedliche nationale Kontexte spezialisiert sind.

In den ersten Monaten an der HKB bin ich mit anderen Forschungsprojekten

und mir völlig fremden Wissensgebieten in Berührung gekommen.

Zum Beispiel erfuhr ich, wie man über den Klang einer Kartoffel ihren

Stärkegehalt bestimmen kann.

Ein interdisziplinärer Austausch, den ich in meine eigene Forschung über

die Wechselwirkungen von Literatur und Fotografie einbeziehen konnte,

stellte sich erst ein, nachdem alle Stellen der Förderungsprofessur besetzt

waren, und Stella Hausmann aus der Konservierung und Karin Lehmann

aus der freien Kunst anfingen, in unserem Forschungsprojekt zu arbeiten.

Von nun an hatte ich ein übergreifendes Thema – das ästhetische Zusammenspiel

von unterschiedlichen Materialien –, über das ich mich mit

Vertreterinnen und Vertretern anderer Disziplinen austauschen konnte. Auch

der enge Kreis von vier Personen ermöglichte es mir, ohne das jeweilige

Fachwissen nachzuvollziehen und zu verstehen, womit sich die anderen beschäftigen.

In den drei Jahren der Zusammenarbeit hat sich dadurch ein

Feingefühl für den Umgang, die Verarbeitung und die Wertschätzung künstlerischer

Materialien eingestellt, das ich mir theoretisch in dieser Form nicht

hätte aneignen können.

materialien mit der Dresdener Aufführung

von Wagners «Fliegendem Holländer»

vor 150 Jahren sowie mit der

damaligen Probenpraxis auseinander;

eine Textgenerierungsmaschine führt

Studierende und Forschende zu verblüffenden

Einsichten. Die ganze HKB

träume ich mir manchmal als riesiges

interaktives Labor.

Die HKB-Forschung baut auf Nachhaltigkeit:

Wir beackern keine Einzelthemen,

sondern bearbeiten thematische Clusters

wie die «Historisch informierte Performance»

– nicht nur in der Musik – oder

das dazugehörende Instrumentarium.

Dies verdichtet sich in eigentlichen Projektreihen.

Modellhaft erscheint dabei

«Wie von Geisterhand»: Lochpapierstreifen

(sogenannte Welte-Mignon-Rollen)

steuern den Konzertflügel und verraten

uns viel über unterschiedliche Interpretationskonzepte

der Vergangenheit, beispielsweise

wie Edvard Grieg oder Gustav

Mahler ihre eigenen Werke aufführten

oder wie Schüler von Franz Liszt pianistische

Traditionen verkörperten.

Ihre zehnjährige Erfahrung mit 140

Forschungsprojekten macht die HKB in

der Forschung zur führenden Kunsthochschule

der Schweiz. Über 140 Dozierende,

wissenschaftlich-künstlerische Mitarbeitende

und Assistierende arbeiten gegenwärtig

in rund 50 laufenden Forschungs-

projekten mit. Als einzige Fachhochschule

der Schweiz konnte die HKB dank der

Unterstützung durch den Schweizerischen

Nationalfonds dazu gleich drei Förderungsprofessuren

einrichten, die sich auf

die verschiedenen Forschungsschwerpunkte

aufteilen.

Drei Förderungsprofessuren

Thomas Strässle, selbst ein Brückenkopf

zwischen HKB und Universität Zürich

und künstlerischer Konzertflötisten-Praxis,

beendet Ende März seine vierjährige

Förderungsprofessur «Intermaterialität».

Er führte Johanne Mohs zum ersten

HKB-Doktorat, die Künstlerin Karin

Lehmann zum Master in Contemporary

Arts Practice und Stella Hausmann zum

Master in Conservation-Restoration.

Der Musikwissenschaftler und Konzertbratschist

Kai Köpp folgt mit seiner

Forschungsgruppe dem Motto des Geigers,

Komponisten und Dirigenten Louis

Spohr: «Die Idee des Componisten ins Leben

zu rufen». Instruktive Notenausgaben

sind gleichsam schriftlich fixierte Idealbilder

von dem, was herausragende Interpreten

klassischer Musikstücke dafür

hielten. Sie dienen als Basis für eine historisch

orientierte Interpretationsforschung

des 19. Jahrhunderts.

Mit der Französin Claire Gervais hat

nun erstmals auch eine Naturwissen-

Entscheidend für die interdisziplinäre Annäherung war eine Kombination

von Präsentationen, Lektürearbeit und Atelierbesuchen bei unseren

gemeinsamen Treffen. Die Besuche im Atelier gaben mir die Möglichkeit,

Materialeigenschaften, Verarbeitungstechniken sowie die beiden Materialarchive

an der Hochschule kennenzulernen. Einerseits das öffentlich

zugängliche Archiv der HKB-Werkstatt, in dem verschiedenste Materialproben

zur Anschauung für die Studierenden gesammelt werden. Und

andererseits das «private Archiv» des Restaurierungs- und Konservierungsprofessors

Ueli Fritz, der über Jahre eine grosse Auswahl von

Beispiel stücken zu alten oder aussergewöhnlichen Bearbeitungstechniken

von Materialien zusammengetragen hat. Besonders spannend fand ich

die Goldledertapeten, die Stella Hausmann untersucht hat. Das sind Ledertapeten,

deren Oberfläche so bearbeitet ist, dass sie wie goldene Stoffe

aussehen. Auch wenn ich diese Kenntnisse aus den Atelierbesuchen

nicht direkt in meine Doktorarbeit einbeziehen konnte, wurde dadurch

mein produktionsästhetischer Blickwinkel bei der Interpretation von Kunstwerken

geschärft.

Nicht zuletzt hat dazu auch die wissenschaftliche Tagung «Intermaterialität

– das Zusammenspiel der Materialien in den Künsten» beigetragen,

die wir im Februar 2012 gemeinsam an der HKB in Bern veranstaltet

haben. Hier konnten wir unsere Ansätze und Überlegungen in einem öffentlichen

Rahmen mit erfahrenen Kunsthistorikerinnen sowie Medien-

und Literaturwissenschaftlern aus anderen Universitäten diskutieren.

Die Bei träge dieser Tagung dokumentieren wir in einem Sammelband,

der im Frühjahr 2013 bei transcript erscheint (zu bestellen unter:

http://www.transcript-verlag.de/ts2264/ts2264.php).

FORSCHUNG S-MITTWOCH

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schaftlerin die Position einer Förderungsprofessorin

inne. Überwältigend war

das Interesse, in ihrem Projekt «Neue

Techniken für alte Materialien» mitzuarbeiten:

Auf eine Ausschreibung für eine

Doktorarbeit gingen über 70 Kandidaturen

ein. Kunstgeschichte, Architektur und

Chemie verbinden sich hier zu einem international

vernetzten Forschungsprojekt

mit amerikanischen und französischen

Partnern. Im Zentrum steht dabei der

Umgang mit dem geheimnisvollen Preussischblau

(siehe Beitrag im Kasten).

Fenster nach Bern

Wichtig ist uns auch die Brücke zur

Öffentlichkeit: Mit verschiedenen Tagungen

und Symposien sind wir in der Forschungsgemeinschaft

verankert. Die

Museumsnacht, der Forschungsapéro, der

Forschungs-Mittwoch und der Tag der

offenen Tür der HKB sind unsere Fenster

nach Bern. Unsere Publikationen richten

sich gleichermassen an ein Fachpublikum

wie an weitere Interessierte. Darüber

hinaus, und das ist wieder typisch HKB,

verbreiten wir unsere Erkenntnisse in

Zusammenarbeit mit unseren Praxispartnern:

Unsere Resultate sind meist auch

sinnlich, klingend oder sichtbar – mündend

in Ausstellungen, Konzerten,

CD oder konkreten Gestaltungen und

Restaurierungen.

Der Forschungs-Mittwoch findet alle zwei Wochen

statt und bietet Einblicke in die Forschungstätigkeit der

HKB. Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe werden

Forschungsprojekte vorgestellt und die Bedeutung von

Forschung in den Künsten diskutiert.

Die nächsten Veranstaltungen:

6. März 2013, 17–19 Uhr

Projektvorstellung «Geisterhand 3»

Grosser Konzertsaal

Papiermühlestrasse 13d

Gast und Co-Referent: Nelson Barden, Boston University

20. März 2013, 17.15 Uhr

Forschungsapéro 2013

Grosse Aula, Fellerstrasse 11

Podiumsdiskussion mit den drei SNF-Förderungsprofessuren

an der HKB und Vorstellung der neuen HKB-

Forschungsprojekte im Rahmen einer Posterausstellung

3. April 2013, 16–18 Uhr

Rekonstruktion eines Unterrichtslehrgangs

Satzlehre nach Peter Cornelius

Kammermusiksaal, Papiermühlestrasse 13a

A DRESSE

Hochschule der Künste Bern

Forschung, Fellerstrasse 11, CH-3027 Bern

Tel. +41 31 848 38 18

research@hkb.bfh.ch

www.hkb.ch, www.hkb.bfh.ch/forschung.html

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