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Mittwoch, 25.03.2009<br />

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KULTUR - FEUILLETON<br />

Die Tiefe fordert den Tribut<br />

Mit dem Erzählungsband „Lagebericht“ legt der<br />

Jüngerforscher Tobias Wimbauer sein literarisches<br />

Debüt vor<br />

Tobias Wimbauer<br />

In seinem 1990 entstandenen und 1994 veröffentlichten<br />

Kurzroman „Durach“, einer Art Persiflage auf Dantes „Göttliche<br />

Komödie“, transponiert in die Gefilde der Berliner Bohème Ende<br />

der 1980er Jahre, läßt Helmut Krausser seinen Ich-Erzähler die<br />

Überlegung anstellen, daß nur mehr wenige Menschen wirklich<br />

etwas zu sagen hätten. Das Sprechen sei lediglich ein<br />

aufklärerisches Relikt, alles Reden beschränke sich mittlerweile<br />

auf Kommentare, und an die Stelle der Aussage sei der Spott<br />

getreten. Nur noch Paradiesvögel mit hoher medialer<br />

Ausstrahlungskraft, ausgewiesene Experten oder Gurus dürften<br />

es noch wagen, eindeutig wertende, für sich stehende Sätze bar<br />

des Sarkasmus, der Hyperbel oder der Ironie zu äußern, ohne<br />

dabei Gefahr zu laufen, der Provinzialität geziehen zu werden. „Ich<br />

bin mir sicher, spätere Generationen werden über den modernen<br />

Spötter genauso mitle<strong>id</strong>ig urteilen wie über den Schwärmer,<br />

Sektierer oder Dogmatiker. Vor diesem Hintergrund entwarf ich die<br />

angetrunkene Theorie, daß nur aus Größenwahn noch Größe und<br />

nur aus Geniekult noch Genie entstehen könne, in unsrer<br />

filmhaften Realität, in der Verstellung zur Natur wird.“<br />

Das geschilderte Dilemma verstand Krausser unter Fortführung<br />

disparater literarischer Traditionslinien und mittels Assimilierung<br />

divergierender Einflüsse – sie mochten mit Namen wie Fante oder<br />

Bukowski, Hamsun oder Fauser, Celine oder Jünger mehr oder<br />

minder hinlänglich bezeichnet sein – in seinem eigenen Schaffen<br />

zu meistern, zumindest in seinem Frühwerk: der Hagen-Trinker-<br />

Trilogie, einigen Kurzgeschichten und dem „Durach“. Mittlerweile<br />

hat Krausser Schule gemacht, mehr noch: die jüngere<br />

deutschsprachige Literatur ist voller Möchtegerntitanen, die unter<br />

der Zwangsvorstellung le<strong>id</strong>en, Helmut Krausser zu sein. Helmut<br />

Krausser erwies sich in den letzten Jahren allzu oft selbst als von<br />

diesem Syndrom befallen, wußte jedoch bei aller<br />

kunstgewerblichen Verkrustung immer wieder unter Beweis zu<br />

stellen, daß er auch tatsächlich Helmut Krausser sei.<br />

Tobias Wimbauer, der bislang vorwiegend auf dem Gebiet der<br />

Forschung zu Leben und Werk Ernst Jüngers in Erscheinung<br />

getreten ist, insbesondere als Autor eines Personenregisters zu<br />

Jüngers Tagebüchern, als Entdecker eines unbekannten Briefes<br />

von Paul Celan an Jünger sowie mit seiner Neudeutung der<br />

berüchtigten Burgunderglasszene, hat mit seinem Erzählungsband<br />

„Lagebericht“ ein literarisches Debüt vorgelegt, dessen<br />

Titelgeschichte eine Schriftstellerexistenz thematisiert, worin die<br />

Krausser´schen Reflexionen auf geradezu ans Parodistische<br />

grenzende Weise zu kulminieren scheinen. Wimbauers<br />

Ich-Erzähler – möge er in Gottes Namen und seinethalben<br />

(Werner Bergengruen und Herman Melville zur Huldigung!) sowie<br />

als Fingerzeig in Richtung Eumeswil Manuel heißen – zelebriert<br />

seine Schreibkrise nach allen Regeln der Kunst: Zappen durch<br />

Talkshows, die selbstverständlich unter seinem Niveau sind,<br />

Reflektieren über – na logo! – Provinzialität (Berlin dünkt ihm ein<br />

Kuhdorf-Mosaik, das Weltstadt sein möchte, aber nicht echt wirke)<br />

und subtiles Unterlaufen der (Spieß-)Bürgerlichkeit qua<br />

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Die Entdeckung der Pflanzenwelt<br />

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Weltexpress Radio: Reportage über Roald Dahl<br />

1 von 5 25.03.2009 19:14<br />

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samstäglichen Rasenmähens und Autowaschens: „Indem du ihre<br />

Gewohnheiten mit gespielter Ernsthaftigkeit ausführst, schlägst du<br />

ihnen ihr gewöhnliches Leben in´s wohlrasierte Gesicht. Die<br />

merken den Unterschied nicht einmal. Bürgerlichkeit ist eine<br />

perfekte Fassade.“ Antibürgerlichkeit, möchte man hinzufügen,<br />

selbstverständlich auch.<br />

Manuel übt sich zudem in politischer Unkorrektheit (eine Studentin<br />

aus Königsberg sucht Anschluß, und das Haus seines Freundes<br />

Elmar wurde zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges erbaut –<br />

„des siegreichen, natürlich“) sowie in Verte<strong>id</strong>igungen des<br />

Erzählens in der ersten Person Singular: „…wovon soll man denn<br />

heute sonst noch erzählen, wenn nicht von sich selbst?“<br />

Abwechslung von diesem Dasein inmitten geklonten Mittelmaßes<br />

und lauter Kopien von Kopien bieten diverse sexuelle<br />

Ausschweifungen sowie das Gesuch eines befreundeten<br />

Antiquars, für ihn nach England zu fliegen, um dort in den Besitz<br />

eines seltenen Traktats aus der Zeit der Renaissance, „De<br />

Cognitionis“, zu gelangen. In England erfährt Manuel, daß ihm das<br />

Traktat bereits von einem japanischen Sammler namens<br />

Kobayashi (Der „Zorn des Khan“ läßt grüßen – Noonian Singh,<br />

wohlgemerkt, nicht Oliver!) weggeschnappt wurde. Die Handlung<br />

beginnt sich zu verwirren – Manuel erstickt Kobayashi, immer<br />

mehr Hinweise auf das geheimnisvolle „Philebos“-Projekt häufen<br />

sich, woran Elmar mitarbeite, und schließlich deutet sich gar an,<br />

daß Manuel und Elmar miteinander <strong>id</strong>entisch sein dürften. Alles<br />

nur Wahnvorstellungen? Eventuell ist alles nur in der Einbildung<br />

des Ich-Erzählers geschehen?<br />

Der „Lagebericht“, mit seinen rund 60 Seiten der mit Abstand<br />

längste Text des Buches, läßt sich als Reportage aus dem Innern<br />

eines nur mehr zitathaften Seins interpretieren, oder besser<br />

gesagt: aus jener Grauzone zwischen geistvoll plaziertem Zitat<br />

und platter Kopie. Seinen Fragmentcharakter verleugnet der Text<br />

nicht. Man könnte ihn zusammenfassend als kalkulierte<br />

literarische Kraftmeierei bezeichnen, ohne sogleich eine Wertung<br />

ausgesprochen zu haben. Wimbauer läßt einerseits metaphorisch<br />

die Muskeln spielen und signalisiert ein nicht zu übersehendes<br />

„Das kann ich auch!“, dürfte sich aber zugleich der unfreiwilligen<br />

Komik, der „Provinzialität“ der zur Schau gestellten Pose, bewußt<br />

geblieben sein und sich taktisch klug im entsche<strong>id</strong>enden Moment<br />

hinter den Schutzwall der Ironie zurück- sowie im Text vielleicht<br />

zum letztmöglichen Zeitpunkt die Notbremse gezogen haben.<br />

Inwiefern wir es hier mit einem freiwilligen Krausserimitat zu tun<br />

haben, das der Autor abbrach, als es witzlos zu werden drohte,<br />

oder um einen ernsthaften Ansatz, den der Autor zunächst naiv zu<br />

entwickeln bestrebt war, bis in ihm die womöglich erst spät<br />

erfolgte Krausserlektüre die Befürchtung der Gefahr des<br />

Epigonalitätsverdachts aufkeimen und ihn das Projekt aufgeben<br />

ließ, sei dahingestellt. Unterm Strich bleibt von der Titelgeschichte<br />

der Eindruck eines in jedem Falle lesenswerten Experiments, das<br />

sowohl Erinnerungen an „Durach“ und „Fette Welt“ wie auch an<br />

Borges und Eco, hier und da auch an Dick, Ellis, Harris und King<br />

wachruft, über dessen Gewaltexzessen und Sexszenen<br />

wahrscheinlich schon im Augenblick ihrer Niederschrift das Siegel<br />

der Überholtheit prangte, die indes im Kontext ihre Funktion<br />

behaupten, und dessen zahlreiche Bonmots möglicherweise die<br />

Geschichte selbst zu überleben angetan sein könnten. Man folgt<br />

hier einem Balanceakt über vermintem Terrain – der Absturz in die<br />

Lächerlichkeit wird wohl gerade deshalb vermieden, weil der Autor<br />

die zu umschiffenden Untiefen schon sehr früh ins Visier zu<br />

nehmen verstand: Der „Lagebericht“ ist zu verspielt, um<br />

verkrampft zu wirken, aber auch verbissen genug, um nicht in<br />

popliterarischem Geplänkel zu versanden.<br />

Auf die Titelgeschichte folgt eine Reihe kurzer Prosastücke, die<br />

der Autor selbst als „Short-Stories“ betitelte und die sich als<br />

Etüden in den verschiedensten Stilrichtungen deuten lassen. Zitat<br />

oder Kopie, Imitation oder Original – diese Frage stellt sich auch<br />

hier, wenngleich in anderer Form. Man trifft in diesen<br />

Kurzgeschichten auf verschiedene Gestalten der Zeit- und<br />

Weltgeschichte: Christine Westermann, Herbert Wehner, Theodor<br />

W. Adorno, Wolfgang Koeppen, Maurice Maeterlinck, Harald<br />

Martenstein, Johannes Heesters, Carl Barks, Siegfried Unseld,<br />

Götz Alsmann, Horst Tappert, Walt Disney, Harald Schm<strong>id</strong>t,<br />

Günter Guillaume – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ob es<br />

sich dabei um erzählerisch ausgeschmückte Episoden aus dem<br />

Leben der entsprechenden Persönlichkeiten oder um ein<br />

geschicktes Arrangement von deren Abziehbildern handelt, oder<br />

am Ende gar um Geschichten von Leuten, die tatsächlich nur so<br />

heißen (sei es nun in der Menschenwelt oder im Tierreich) –<br />

entsche<strong>id</strong>end bleibt allein, ob der jeweilige Text<br />

Überzeugungskraft entfaltet oder nicht, wohingegen der<br />

diesbezügliche theoretische Hintergrund getrost vernachlässigt<br />

werden kann.<br />

Eine eindeutige Wertung läßt sich bei vielen der hier<br />

dargebotenen, pointenfreudigen und in aberwitzigem, bisweilen<br />

vielleicht auch nur als aberwitzig gedachtem Humor<br />

versprühenden Miniaturen nur schwer fällen, allerdings lassen<br />

sich sowohl auf der positiven wie auf der negativen Seite einige<br />

markante Beispiele dingfest machen. „Frankfurt“ beispielsweise<br />

dürfte sich am ehesten als belanglos, wenn nicht gar mißlungen<br />

charakterisieren lassen. Wenn man der Auffassung ist, daß es<br />

Der Kinderfänger von Great Missenden<br />

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2 von 5 25.03.2009 19:14


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keine objektive Realität gebe, sondern nur einen beliebig großen<br />

Pool unterschiedlichster Meinungen, die alle ihre Berechtigung<br />

hätten – nun, dann wird man gewiß auch dieser Geschichte ihre<br />

Existenzberechtigung nicht absprechen wollen, welche ein häufig<br />

kolportiertes Gerücht über einen der be<strong>id</strong>en Hauptvertreter der<br />

Frankfurter Schule zu verifizieren trachtet. In anderer Weise<br />

enttäuschend erweisen sich „Die Sache mit dem Ding am Kopf“,<br />

eine Art epische Aufbereitung eines weitverbreiteten Witzes, oder<br />

die Sex- und Gewaltorgien in anderen Texten.<br />

Daß es auch anders geht und daß Wimbauer auch anders kann,<br />

stellt er anderweitig unter Beweis. „München“ zum Beispiel ist<br />

eine Geschichte, die weitaus mehr ist als nur „die Geschichte“<br />

zum Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und Siegfried<br />

Unseld, den Wimbauer vor einigen Jahren rezensierte. Der<br />

konkrete Bezug auf die historischen Vorbilder ist hier nicht mehr<br />

als eine Art Einstiegshilfe zu einer kurzen Studie über das bereits<br />

im „Lagebericht“ mit so gänzlich anderem Zugriff abgehandelte<br />

Thema „Schaffenskrise“, kombiniert mit den Themen<br />

„Freundschaft“ und „Liebe“: ein melancholiches Stimmungsbild mit<br />

behutsamer humoristischer Akzentuierung.<br />

Auch „Eine Rezension“ muß in diesem Zusammenhang genannt<br />

werden – ein weiteres Exerzitium in Sachen „Fälschung oder<br />

Original?“, zugleich eine gewitzte und handwerklich abgerundete<br />

Kulturbetriebssatire, ein Thema behandelnd, das in Zeiten des<br />

Internets förmlich auf der Straße zu liegen scheint, aber bislang in<br />

solch bündiger Form noch nicht aufgegriffen wurde. Als Rezensent<br />

sträubt man sich fast, zu schreiben, daß man über den konkreten<br />

Inhalt nichts näheres verlauten lassen möchte – das könnte bei<br />

Leuten, die die Geschichte gelesen haben, unter Umständen<br />

einen bestimmten Verdacht gegenüber dem Rezensenten<br />

aufkeimen lassen. Gleichwohl – wir lassen es darauf ankommen.<br />

Andere interessante Texte sind „Kulisse“, worin ein altes Motiv<br />

der Phantastik variiert wird, „Bonn“, eine Art Momentaufnahme<br />

zwischen Banalität und Paranoia, „Aus dem Antiquariat“, worin<br />

Wimbauer womöglich eigene Erfahrungen mit „schwierigen“<br />

Kunden verarbeitet, und „Fellbürstsüchtlinge und andere<br />

Herrschaften“, die Bekenntnisse eines Katzenliebhabers. Nicht<br />

jedermanns Sache dürfte der „Tod eines Tulpenhändlers“ sein,<br />

eine Groteske über nationale Vorurteile, bei der es wieder hart zur<br />

Sache geht und die allein aufgrund ihres Titels Aufsehen erregt.<br />

„Sommerferien“ und „Wie Maurice Maeterlinck die Mickey Mouse<br />

erfand“ sind weniger zwei Fassungen derselben Geschichte als<br />

vielmehr zwei Geschichten mit demselben Hauptdarsteller und<br />

wechselnden Nebenfiguren – die erste erzählt vom<br />

Zustandekommen eines bekannten Maeterlinck-Zitats, die zweite<br />

von der Entstehung einer populären Cartoonfigur aus einem<br />

Mißverständnis heraus. „Da staunt der kleine Grubenhund“<br />

wiederum basiert auf einer tatsächlich „sich ereigneten,<br />

unerhörten Begebenheit“, dokumentiert in einer Pressemitteilung<br />

der Polizei Hagen vom Mai 2006.<br />

Zwei Texte sollten jedoch einer besonderen Aufmerksamkeit<br />

versichert sein, da sie vielleicht am entschiedensten das Potential<br />

des Autors Wimbauer aufscheinen lassen und sich überdies als<br />

Produkte höchsten künstlerischen Ernstes erweisen, der sowohl<br />

die Grundlage für jede Art von wahrhaftig intendierter Stimmung,<br />

als auch von wirklicher Komik und wahrem Humor ist: „Kinners,<br />

die Zeit“ und „Mal hoch mal runter“.<br />

In „Kinners, die Zeit“ wird man Zeuge einer Beziehungstragödie,<br />

wie sie todtrauriger kaum sein könnte, und deren Wirkung umso<br />

heftiger ist, weil das meiste der Spekulation überlassen bleibt. Das<br />

Ganze beginnt durchaus komisch: Ein Mann schreibt an seine<br />

entschwundene Geliebte, Freundin oder Ehefrau, die schon sehr<br />

lange weg ist. Um noch rechtzeitig bis zur Leerung des<br />

Briefkastens fertig zu sein, hämmert er den Text in eine nicht mehr<br />

voll funktionstüchtige alte Schreibmaschine, die ihm eine<br />

Abfassung in durchaus experimenteller Kleinschreibung aufnötigt.<br />

Man lauscht einem unfreiwilligen inneren Monolog, vielleicht einer<br />

ecriture automatique per se, und kann nur vage Schlüsse ziehen,<br />

was da im Einzelnen vorgefallen ist. Als der Schreiber schließlich<br />

nach einer kurzen Unterbrechung auf einen offenbar schon<br />

längere Zeit übersehenen Zettel der erhofften Empfängerin stößt,<br />

worauf ihm mitgeteilt wird, daß es aus sei, und sich zudem noch<br />

eine kryptische Notiz bezüglich ihres weiteren Vorgehens findet,<br />

wird ihm klar, was tatsächlich geschehen sein muß. Ob man nun<br />

auf einen Selbstmord schließen möchte oder darauf, daß sie ihn<br />

verlassen und dabei einen Großteil seines Vermögens habe<br />

mitgehen lassen – es bleibt die Atmosphäre der Trauer um das<br />

unrettbar Verlorene bestehen. Die verhaltene Lakonie der<br />

Geschichte weckt Erinnerungen an Nabokovs „Zeichen und<br />

Symbole“, das ein anderes, aber ähnliches Thema zum<br />

Gegenstand hat.<br />

„Mal hoch mal runter“ schließlich ist der innere Monolog eines<br />

namenlosen Ich-Erzählers, bei dessen Worten man eine bekannte<br />

Gestalt zu erblicken vermeint. Doch so offensichtlich die<br />

Parallelen auch sein mögen – der Kiosk, die Nachbarin, das Bier,<br />

das perlt, und die Arbeitslosigkeit – : die Übereinstimmungen<br />

verschwinden sogleich oder werden belanglos. Es bietet sich hier<br />

der Einblick in die Lebenswirklichkeit eines Hartz-IV-Empfängers,<br />

dem kein „Ingo“ und kein „Schildkröte“ als Adressaten seiner<br />

3 von 5 25.03.2009 19:14


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Weltdeutungsversuche mittels Bildzeitungsexegese zu Gebote<br />

stehen. Dieser „Dittsche“ hat sich offenbar in der<br />

Hoffnungslosigkeit eingerichtet. Fernsehen und Presse bestärken<br />

ihn nur in der Erkenntnis, daß das Dasein an sich verpfuscht und<br />

jede Unternehmung zum Scheitern verurteilt sei. „Probleme haben<br />

die da. Würden die einfach zuhause bleiben. Und nicht paaren.<br />

Dann hätten die die Probleme nicht. Aber nein, dauernd irgendwo<br />

rumhüpfen und einen drauf machen und so.“ Wenn man von der<br />

Gegenwartsliteratur verlangt, daß sie sich den Problemen der<br />

Gegenwart stellen müsse, dann haben wir mit „Mal hoch mal<br />

runter“ ein Stück Gegenwartsliteratur schlechthin vorliegen; ein<br />

Stück Gegenwartsliteratur im besten Sinne des Wortes – sowohl<br />

im Sinne des kritischen Realismus, als auch, wie es Botho Strauß<br />

an Ernst Jünger rühmte, im Sinne magisch-schauender, immer<br />

prospektiver „Vergegenwärtigung“, die den Sprecher erst zum<br />

Sprechen bringt.<br />

Den Band beschließen eine Reihe von Aufzeichnungen, die unter<br />

dem Obertitel „Träume“ zusammengefaßt und als Ausschnitte aus<br />

Wimbauers Tagebüchern der Jahre 1995 bis 2003 ausgewiesen<br />

sind. Die Spekulation, ob veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen<br />

nun tatsächlich exakte Protokolle der Erlebnisse des Autors am<br />

Tag oder im Traum darstellen oder bereits als Ergebnisse genuin<br />

literarischer Stilisierung angesehen werden müssen, ist müßig –<br />

fest steht, daß das Tagebuch spätestens seit Beginn der Neuzeit<br />

sich zu einer speziellen literarischen Ausdrucksform mit eigenen<br />

Charakteristika und eigenen Attitüden entwickelt hat;<br />

insbesondere das Traumtagebuch. Wimbauer als Jüngerexperte<br />

weiß das, und so erweisen sich seine „Träume“ durchaus als<br />

Reverenz vor und Reminiszenz an den Diaristen Jünger und<br />

reflektieren überdies andere Tagebuchwerke, die ihrerseits die<br />

Beeinflussung durch Jünger nicht verhehlen – erneut denkt man<br />

an Helmut Krausser, aber auch Rolf Schilling wäre hier zu<br />

nennen.<br />

Wimbauer gelingen einige witzige Arrangements von<br />

Traumimpressionen, die jeder Büchersammler wird nachvollziehen<br />

können (in seinem Falle dreht es sich vorwiegend um Jüngeriana),<br />

surreale Visionen von unvorteilhaft ausgehenden ebay-Auktionen<br />

und eigenartigen Situationen aus dem Universitätsleben,<br />

außerdem bizarre Szenarien, in denen die Grenzen zwischen<br />

Gegenwart und Vergangenheit verwischen. Das alles wirkt echt,<br />

und das soll es ja auch. Das ist ein Teil der Disziplin. Allerdings<br />

sei darauf verwiesen, daß es auch hier Punkte gibt, die kritische<br />

Nachfragen erforderlich machen: Am 9. November 2001 begegnet<br />

Wimbauer in einem Traum, der zeitweise während des Zweiten<br />

Weltkriegs spielt, in Dresden Oswald Spengler, der aussieht „wie<br />

Armin Müller-Stahl als Thomas Mann“ – angesichts der Tatsache,<br />

daß Breloers „Manns“ erst ein paar Wochen nach diesem Traum<br />

ausgestrahlt wurden, muß man sich Wimbauer wohl als einen<br />

Zeitgenossen vorstellen, auf den bereits die ersten Vorabdrucke<br />

von Szenenphotos aus dem Dreiteiler einen besonders<br />

tiefgreifenden Eindruck gemacht haben müssen.<br />

Wie auch immer – mit dem Erzählungsband „Lagebericht“ liegt<br />

das abwechslungsreiche Debüt eines undogmatisch zu Werke<br />

gehenden Autors vor, der es in jedem Falle verstanden hat, die<br />

Neugierde auf mehr aus seiner Feder oder eher Tastatur zu<br />

wecken, was bei der derzeitigen Lage der Dinge nicht wenig ist.<br />

Tobias Wimbauer:<br />

Lagebericht und andere Erzählungen<br />

TELESMA-Verlag, Schwielowsee 2008<br />

140 Seiten, 18,90 EUR<br />

ISBN-10: 3981005783<br />

ISBN-13: 978-3981005783<br />

Autor: Alexander Martin Pfleger<br />

E-Mail: redaktion@<strong>weltexpress</strong>.<strong>info</strong><br />

Abfassungsdatum: 25.03. 2009<br />

Foto: © 2007 Michael Ihne, Hamburg<br />

Verwertung: Weltexpress<br />

Quelle: <strong>www</strong>.<strong>weltexpress</strong>.<strong>info</strong><br />

Update: Berlin, 25.03. 2009<br />

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4 von 5 25.03.2009 19:14


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und wie sie an der Wand hängen<br />

„Notle<strong>id</strong>ende Banken“ wird rückwirkend „Unwort“ des<br />

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Der getroffene Tiger bellt<br />

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