Einladung nach BozEn

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Einladung nach BozEn

ISBN 88-95958-01-9

ISBN 88-95958-01-9

9 7 8 8 8 9 5 9 5 8 0 1 9

€uro 25,00

9 7 8 8 8 9 5 9 5 8 0 1 9

Fünfzehn Jahre sind bereits seit der Erstauflage dieses Führers

vergangen. Seither hat die Stadt Bozen tiefgreifende

Veränderungen erfahren. Ein neuer Wind hat hier Einzug gehalten:

die Universität und andere Ausbildungs- und Kulturstätten,

die Theater und Konzertsäle lassen die schwindende

Bedeutung von Landes- und Staatsgrenzen und die Öffnung

Europas nach Osten spürbar werden, haben neue Impulse

für weitere Entwicklungen gesetzt und tragen dazu

bei, daß die Südtiroler Landeshauptstadt als eines der interessantesten

und vitalsten Zentren des gesamten Alpenbogens

anzusehen ist.

Alle diese Veränderungen ließen es notwendig erscheinen,

die EINLADUNG NACH BOZEN inhaltlich zu aktualisieren, damit

sich darin die Stadt so wiederfindet, wie sie heute ist:

eine pulsierende, sehr vielschichtige Metropole, die den Besucher

unweigerlich in ihren Bann zieht; dazu, dass er den

Wunsch verspüre, sie noch besser kennenzulernen, möchte

der vorliegende Band gerne beitragen.

Eindrucksvolle, fast poetische Bilder des bekannten Photographen

Bruno Marchetti veranschaulichen die einzelnen

Kapitel.

Mario Paolucci, spezialisierte sich nach dem Doktorat in

Philologie an der Mailänder Cattolica in weiterer Folge

auf klassische Philologie an der Universität München und

unterrichtete bis 1989 Latein und Griechisch am Carducci

Gymnasium in Bozen. Von 1961 bis 1971 oblag ihm die

Organisation und Leitung der Radio- und Fernsehprogramme

des regionalen RAI-Senders Bozen, von 1970 bis 1980

wirkte er als Kunstkritiker der Tageszeitung “Adige”. Er ist

Vorsitzender der Associazione Nuovo Spazio di Bolzano, die

seit 1979 eine erfolgreiche Laienbühne im Grieser Gemeindetheater

unterhält.

Mario Paolucci Einladung nach BozEn Ein Stadtführer Maya idEE

Mario Paolucci

Einladung nach BozEn

Ein Stadtführer

EditricE Maya idEE


Einladung nach BozEn

Ein Stadtführer

Mario Paolucci

natur | Kunst | gEschichtE | Kultur | MusiK | sPort | shoPPing | MEssEn


4 5

Bozen! Das ist eine Stadt im

Grenzbereich zwischen zwei verschiedenen

Geschichts- und Kulturkreisen.

Sie vereinigt auf einzigartige

Weise die unterschiedlichsten Elemente.

Will man diese Stadt begreifen

und lieben lernen, so bedarf es einiger

Zuwendung und großer Behutsamkeit -

eine nicht gerade einfache Aufgabe in

unserer schnelllebigen Zeit, in der rasche,

oberflächlich zusammenfassende

Beurteilungen längst zu einer alltäglichen

Notwendigkeit geworden sind.

Gewiß mangelt es nicht an Bildbänden

und Führern, die den Besucher hinlänglich

mit jedem Winkel dieser Stadt

bekanntmachen; der hier vorliegende

Band hat es sich zur Aufgabe gemacht,

dem Leser das besondere Flair dieser

Stadt zu erschließen, ihm verborgene

Schönheiten zu entdecken und nebst

einer eingehenderen Kenntnis ihrer Sehenswürdigkeiten

auch das Verständnis

für die Symbiosefunktion Bozens zu

vermitteln.

Verstärkte Bedeutung kommt dieser

Aufgabe dadurch zu, daß sich Bozen

nun nach dem Wegfall der nationalen

Grenzen und dank der Erweiterung der

Europäischen Union durch den Beitritt

der Ostländer seiner wichtigen Rolle im

Wirtschafts- und Kulturleben ebenso

wie im Fremdenverkehr innerhalb eines

neuen Europa bewußt geworden ist, das

in stetig zunehmendem Maße immer

neuer Möglichkeiten für ein friedliches

Aufeinandertreffen und Verschmelzen

seiner unterschiedlichen Kulturen und

Sprachen bedarf.


Editrice MAYA Idee

Via Ca’ di Cozzi, 10

37124 Verona

Tel. 045 8352382

Für die zur Verfügung gesstellten Fotos wird gedankt:

Kurverwaltung Bozen

Presseamt der Gemeinde Bozen

Michele Pasqualotto

Stiftung Stadttheater und Konzerthaus

Südtirol Marketing

Alois Lageder

Yes Foto Studio

Margherita Spiluttini

Augustin Ochsenreiter ®Stadt Bozen 2007

Amt für italienische Kultur der Aut. Provinz Bozen-Südtirol

Entwurf und Druck

Past, via Scuderlando, 209

Verona

Tel. 045 500296

Titel der Originalausgabe “Invito a Bolzano”

Übersetzung: Ulrike Kantidis, Wien

6

1 Einladung nach Bozen 11

2 Bozens verschiedene Stadtviertel 17

3 Bozen für Fußgänger 27

4 Bozen für Radfahrer 31

5 Bozen für Seilbahnfahrer 37

6 Bozen, das “Tor zu den Dolomiten” 41

7 Bozner Kulturleben 43

8 Bozen und die Musik 51

9 Theater und Kulturveranstaltungen 57

10 Der Mann aus dem Eis 63

11 Bozen und der Sport 67

12 Bozen als Stadt der Jugend 73

13 Bozner Erzeugnisse 77

14 Kleines Einkaufsbrevier 83

15 Kleines Speisenbrevier 87

16 Kleines Getränkebrevier 93

17 Bozen als politische und

administrative Landeshauptstadt 99

18 Messen und Märkte 103

19 Architektonische und städtebauliche Aspekte 107

20 Bozen im Laufe der Jahrhunderte 113

21 Besichtigungstouren: vier Stadtrundgänge 119

7

inHALT


8 9


1

10

Einladung nach BozEn

1

1

11

Einladung

nach BozEn

Bozen ist eine jener Städte, die auf den Besucher

eine ganz besondere Faszination ausüben:

dies liegt möglicherweise in ihrem facettenreichen

Erscheinungsbild begründet, mit dem

Natur und Historie dieser Stadt im Laufe der Jahrhunderte

ihr unverwechselbares Gepräge verliehen

haben.

Wer sich, dem Etschtal aufwärts folgend, von Verona

her Bozen nähert, erlebt die Stadt eingebettet

in ein reiches Becken, das im Norden von einer

fast ununterbrochenen Bergkette abgeschirmt wird:

den felsigen Abhängen der Hochebenen von Salten

und Ritten, die steil gegen die darunterliegende

Schwemmlandebene abfallen, nur hier und da unterbrochen

von malerischen alten Gehöften und in ordentlichen

Reihen ausgerichteten Weingärten.

Hier teilt sich das Tal ypsilonförmig: linker Hand

erstreckt es sich in elegantem, weitem Bogen Richtung

Meran, rechter Hand hingegen zwängen sich

Fluß, Straße und Eisenbahnstrecke durch eine schattenreiche

Enge zwischen steil aufragenden Porphyrwänden.

Hat man das Stadtzentrum schließlich erreicht,

ist der erste Eindruck der einer nördlichen, alpenländischen

Stadt: dies bezeugen Form und Bauweise

sowohl der öffentlichen als auch der privaten

Bauten, die steil abfallenden Dächer, die Vorsprünge

über Fenstern und Balkonen, die niedrigen Laubengänge,

in deren Geschäften typisch alpenländisches

Kunsthandwerk und Kleidung zum Verkauf angeboten

werden, die “Wiener” Kaffeehäuser, in denen ruhige

Winkel zu gemütlichem Verweilen bei Plausch

und Zeitungslektüre einladen. Alle diese charakteristischen

Elemente sind es, die den Besucher aus dem


LAUBEN

1

Süden mit einer für ihn neuen, für den mitteleuropäischen

Kulturkreis charakteristischen Atmosphäre

um- und empfangen.

Demjenigen hingegen, der aus nördlichen Breiten

herabsteigend die tiefe Klamm überwindet, wo

zwischen Waidbruck und Kardaun die Wasser der Eisack

sprudeln, dem bietet sich urplötzlich das Bild

eines fruchtbaren, grünenden Beckens, linker Hand

begrenzt von den dunklen Abhängen des Kohlerer

Berges, im Hintergrund das Überetsch und die leicht

gewellte Silhouette des Penegal, abwärts gegen die

Mendel und wieder hinauf zur Roenspitze, während

noch weiter entfernte Kulissen sich allmählich in

südlich-blauem Dunst verlieren. Diesem Besucher

aus dem Norden erscheint Bozen als erste südländische

Stadt unter einem großzügig weiten Himmelsbogen,

der beim Blick gen Süden flirrende Sonnenstrahlen

über einen reichen Talboden streut. Wie

anders als im Norden erscheint hier das Licht, um

wievieles klarer, strahlender, intensiver! Auch das

Grün zeigt die verschiedensten Schattierungen, es

ist nicht mehr das urig-gleichförmige, satte Dunkelgrün

der Wiesen und Wälder an den Nordabhängen

der Alpen, sondern ein buntes Gemisch der mannigfaltigsten

Grüntöne, wie sie nur aus dem Nebeneinander

einer reichhaltigen Vegetation entstehen

können; hier gesellen sich zu den Kiefern, Tannen,

Fichten und Lärchen an den Berghängen nächst der

12

Einladung nach BozEn Einladung nach BozEn

Stadt noch Edelkastanien, Steineichen, Olivenbäume,

Zedern und sogar auch Palmen, lebendige Zeugen

eines Klimas, das trotz manch rauher Winterwinde

dennoch das Jahr über vorwiegend ausgeglichen

und der Gesundheit zuträglich ist.

All diese unterschiedlichen Akzente machen aus

Bozen eine einzigartige, sehr dynamische, anregende

und offene Stadt in der die verschiedensten architektonischen

Stilrichtungen und Ausdrucksformen

urbanen Lebens, die handwerklichen Produkte

und die manchmal sogar gegensätzlichen kulturellen

Entwicklungen, Gepflogenheiten und Mentalitäten

zu einem einheitlichen Ganzen verschmelzen.

v v v

Bedingt durch seine geographische Lage fungierte

Bozen jahrhundertelang als wichtige Drehscheibe

zwischen den Regionen Italiens und der germanischen

Welt. Schon damals war der Handel Kernpunkt

des Wirtschaftslebens, Basis für den Wohlstand der

Stadt. Heute ist Bozen als Landeshauptstadt Südtirols

längst zu einem pulsierenden Wirtschaftszentrum

geworden, doch wie zahlreiche florierende Betriebe

in den verschiedensten Sparten, insbesondere

aber auf landwirtschaftlichem Sektor beweisen,

nimmt der Handel noch immer eine wichtige Position

ein. Als weitere wichtige Quelle des städtischen

Wirtschaftslebens ist der Fremdenverkehr anzusehen,

der nicht zuletzt auch durch die Auffindung

des Mannes aus dem Eis und mit dem eigens

für ihn errichteten Museum neuen Auftrieb erhalten

hat. Heute ist Bozen nicht mehr nur Durchgangsstation

für Reisende nach anderen Fremdenverkehrszielen

der Provinz, sondern erfreut sich einer zunehmenden

Anzahl von Besuchern, die von der Schönheit

dieser Stadt, ihrem kulturellen Angebot und ihrer

näheren Umgebung angezogen werden.

Ihrer autonomen Verwaltung hat die Stadt Bozen

ihre wachsende Bedeutung als politisch und administrativ

führendes Zentrum zu verdanken; der beachtliche

Zuwachs an Beschäftigten im tertiären

Sektor darf jedoch nicht darauf vergessen lassen,

daß die Stadt nebst ihren sonstigen urbanen Auf-

gaben als Industrie- und Handelszentrum Anziehungspunkt

für zahlreiche große und mittlere Betriebe

ist, in denen tausende Beschäftigte Arbeit

finden.

Die unmittelbare Nähe alpiner Landschaften von

großer Ausdruckskraft und Schönheit, wo sich auch

heute noch die Erfahrung eines direkten Kontaktes

mit der Natur erleben läßt, prägt mehr als man

glauben möchte den Lebensstil der Bozner Bevölkerung.

Die innerhalb weniger Minuten mit privaten

oder auch mit öffentlichen Beförderungsmitteln erreichbaren

Höhen von Überetsch, Jenesien, Ritten

und Kohlern bieten eine unerschöpfliche Vielfalt

von Wanderwegen verschiedenster Arten und

Schwierigkeitgrade für alle Altersstufen und zu jeder

Jahreszeit.

Wer überdies die Gelegenheit zu nützen versteht,

erkennt im heutigen Bozen auch noch einen sehr

anregenden Mittelpunkt kultureller Veranstaltungen.

Mag die Notwendigkeit, zwei Sprachen zu beherrschen,

in der Vergangenheit vielleicht auch als

Last empfunden worden sein, heute ist diese Zweisprachigkeit

nicht nur wertvolle Ergänzung jeglicher

Ausbildung sondern wird auch als willkommene

persönliche Bereicherung empfunden. Ist doch

jede Sprache an sich nicht nur ein unverzichtbares

Kommunikationsmittel, sondern auch Trägerin kultureller

Werte. Demjenigen, dem diese Kenntnis als

selbstverständlich eigen ist, öffnen sich neue Horizonte,

er hat Zugang zu beiden Kulturen sowohl auf

literarischer, als auch künstlerischer, juristischer,

1

wirtschaftlicher und jedweder sonstiger Ebene.

Das Musikleben ist in Bozen sehr intensiv vertreten

und hat schon lange Tradition. Das Musikkonservatorium

Monteverdi ist durch seine in allen musikalischen

Fachbereichen tätigen Lehrer und seine

hohe Schüleranzahl weithin bekannt: von hier

stammen jene Musiker, aus denen sich vor fünfzig

Jahren ein feststehendes Orchester herausgebildet

hat, das Haydn-Orchester Bozen-Trient, mit Sitz

in dem eigens hierfür renovierten Auditorium. Die

Stadt beherbergt auch die beiden großen europä-

13

WALTHERPLATZ

CATINACCIO -

ROSENGARTEN


RATHAUSPLATZ

KORNPLATZ

1

ischen Jugendorchester “Gustav Mahler” und “European

Union Youth Orchestra”, gegründet und unterstützt

von Maestro Claudio Abbado. In Bozen absolvieren

sie die Proben für ihre Tourneen und hier

geben sie auch ihre ersten Konzerte. Zwischen Ende

August und Anfang September finden auch jährlich

abwechselnd zwei weitere große Musikveranstaltungen

statt: der internationale Klavierwettbewerb

Ferruccio Busoni, und das Busoni-Festival, an wel-

14

Einladung nach BozEn Einladung nach BozEn

chem bedeutende Orchester und Kammermusikvereinigungen

ebenso wie herausragende Solisten teilnehmen.

Außerhalb der normalen Konzertsäle sorgen

jedoch auch das Kirchenmusik- und das Jazzfestival

stets für zahlreiches Publikum, während

der Konzertverein Bozen alljährlich im Michelangeli-Saal

des Konservatoriums eine Kammermusiksaison

auf höchstem Niveau bietet. Der Chorgesang

und das Lied haben lange und ruhmreiche Tradition,

wohingegen die Berglieder von vier Bürgerchören

gepflogen werden. Volksmusik und Folklore sind

dank der verschiedenen Verbände, Gesangs-, Tanz-

und Musikgruppen bei allen religiösen und weltlichen

Festveranstaltungen vertreten. Die Volkskultur

wird bewußt gepflegt und findet ihre farbenprächtigste

Ausdrucksform in den bunten Trachten,

ist aber natürlich auch im Dialekttheater, dem

Kunsthandwerk, den religiösen Traditionen sowie -

nicht zu vergessen - im reichhaltigen Angebot der

Gastronomie und ländlichen Küche vertreten.

Auf dem Gebiet der bildenden Künste hat die Einrichtung

eines Museums für moderne und zeitgenössische

Kunst (Museion) das Interesse für diese

Kunstform angeregt und Verbindungen zu ähnlichen

Institutionen im Süden und Norden geschaffen;

daraus hat sich das Museum zu einem Treffpunkt

von Künstlern verschiedenster Provenienz entwikkelt.

Im historischen Stadtzentrum wurde hierfür

ein neues, ultramodernes Gebäude errichtet.

Das weitverbreitete Interesse an sportlichen Aktivitäten

sowohl sommers (Bergsteigen) als auch

insbesondere winters (Skifahren, Eishockey, Eislaufen

und Bobfahren) hat Bozen zu einem zentralen

sportlichen und touristischen Anziehungspunkt

werden lassen, wobei der Wintersaison heute

weit größere Bedeutung und wirtschaftliches Gewicht

als der Sommersaison zukommt. Die glücklicherweise

in den Gepflogenheiten und Erwartungen

unterschiedlichen und daher zeitlich gestaffelt aus

Nord und Süd anreisenden beiden Touristenströme

gestatten eine übers Jahr verteilte, bestmögliche

Nutzung der Übernachtungsangebote.

v v v

Die Gesundheitsversorgung verschlingt ein Viertel

der beachtlichen finanziellen Mittel der Provinz

und das Allgemeine Regionalkrankenhaus Bozen

rangiert nach jüngsten Erhebungen qualitativ und

organisatorisch landesweit auf höchster Ebene.

Das Bozner Klima ist trocken und angenehm. Nur

wenige Tage des Jahres sind verregnet; die Winter

sind in der Regel heiter und trocken; sommers brütet

tagsüber die Hitze über der Stadt, doch gegen

Abend erhebt sich der Wind und die Nächte bringen

Abkühlung und Frische, was auch die heißen Sommermonate

erträglich macht.

Im Frühjahr bietet sich dem staunenden Beschauer

rundum im ganzen Tal ein einzigartiges Schauspiel

der Natur: die Apfelblüte. Die allerschönste

Jahreszeit aber ist der Herbst, Zeit der Ernte und

der Weinlese, wenn zeitgleich mit der flammenden

Pracht der bunt verfärbten Wälder sich in der Stadt

der unverwechselbare Duft des jungen Weines verbreitet.

Viele Touristen, die sommers und winters ihren Urlaub

in Südtirol verbringen, machen Halt in Bozen,

um in den eleganten Geschäften des Stadtzentrums

ihre Einkäufe zu tätigen. An diese Besucher und

an alle jene, die Bozen nur auf der Durchfahrt oder

1

rein zufällig berühren, ist der vorliegende Band gerichtet:

auf daß ihr Kontakt mit dieser Stadt weniger

oberflächlich und eilig sein möge; auf daß sie

verweilen mögen, um abseits geschäftiger Hast Bozens

Lebensrhythmus, Bozens Kultur und Geisteshaltung

kennenzulernen; auf daß sie die Stadt in

der Gesamtheit ihrer verschiedenen Akzente erfassen

und möglichst zu lieben lernen mögen.

15

ALTSTADT

LUFTAUFNAHME

VOM ALLG.

KRANKENHAUS


1

16

Einladung nach BozEn

2 BozEns

2

vErschiEdEnE

i quartiEri

stadtviErtEl

di Bolzano

im Verlaufe der städtischen Entwicklung Bozens

gesellten sich zu dem zwischen den beiden

Flüssen Eisack und Talfer gelegenen historischen

Stadtkern mit der Zeit die weiteren

Stadtteile, von denen jeder sein eigenes architektonisches

und soziales Gepräge, seinen ganz

persönlichen Charakter besitzt.

Grob betrachtet läßt sich die Stadt in folgende

vier strukturelle Stadtviertel gliedern:

1 Der zentrale Stadtkern liegt mitten im Herzen

von Bozen als ältester und architektonisch

bedeutendster Stadtteil mit einem Gewirr

von Einkaufsstraßen, Bürgerhäusern

und Kirchenbauten, die alle in der Zeit zwischen

dem XIV. und XIX Jhdt. entstanden.

2 Mehrere Stadtviertel begannen sich ab Ende

des neunzehnten Jahrhunderts längs der

bedeutendsten Ausfahrtstraßen netzartig zu

entwickeln und in einander zu verflechten.

3 Eine ausgedehnte Handels- und Industriezone

erstreckt sich am Südrand jenseits der

Eisack und neu hinzukommende Wohnsiedlungen,

Handels- und Gewerbeniederlassungen

dehnen sich immer weiter nach Westen aus.

4. An der Peripherie von Bozen liegen vereinzelte

Gehöfte, malerische Burgen und Bauernhäuser

auf den grünen Hügeln, die die

Stadt an drei Seiten umschließen.

Verwaltungsmäßig wurde die Stadt in fünf

Stadtviertel eingeteilt, deren Stadtviertelräte

die Erfüllung verschiedener, ihnen übertragener

administrativer Aufgaben obliegt.

Man unterscheidet folgende Stadtviertel: Zentrum-Bozner

Boden-Rentsch; Gries-Quirein;

17


PALAIS

WIDMANN

2

Oberau-Haslach; Europa-Neustift; Don Bosco.

Für die nun folgende Beschreibung der unterschiedlichen

Bozner Stadtteile wurden jedoch andere Kriterien

herangezogen und historische, architektonische

bzw. soziale Gemeinsamkeiten berücksichtigt.

1. Das historische Stadtzentrum

Museumstraße und Lauben zwischen Rathausplatz

und der Talferbrücke bilden die Hauptachsen, längs

18

Bozens verschiedene stadtviertel BozEns vErschiEdEnE stadtviErtEl

welcher die Altstadt sich ursprünglich entwickelt

hat, um sich dann weiter Richtung Süden bis zum

Dom und den noch im vorigen Jahrhundert von ausgedehnten

Feldern und Gärten umgebenen Klöstern

der Dominikaner und Kapuziner zu erweitern. Im

rechten Winkel dazu bilden Goethestraße und Obstmarkt

die am meisten frequentierte Kreuzung; hier

am Marktplatz und in nächster Nähe regsten Geschäftslebens

schlägt der Puls der Stadt intensiver

als sonst irgendwo, vermengen sich Tradition und

modernes Leben am harmonischesten.

Läden, Hotels und Restaurants, Kunstgalerien,

Buchhandlungen, kulturelle und sportliche Verbände,

Theater- und Musiksäle sind ebenso im alten

Stadtkern angesiedelt und sind mitbestimmend für

das gesamte Erscheinungsbild des Zentrum.

Hier wurden das Stadttheater am Verdiplatz, das

Auditorium als Sitz des Haydn-Orchesters, das Centro

Trevi als italienisches Kulturzentrum und das

neue Museum für moderne und zeitgenössische

Kunst (Museion) in der Carduccistraße errichtet.

Durch den Bau von Tiefgaragen und großen Parkplätzen

im Freien sowie dank der laufenden Wohnbausanierungen

konnten Altstadterhaltung und

die Schaffung des nötigen Komforts und modernen

Standards auch in den historischen Gebäude von

hohem kunstgeschichtlichen Wert erfolgreich miteinander

in Einklang gebracht werden.

2. Sankt Oswald

Dieser westlich der Talfer gelegene und vor der

jüngsten Wohnbautätigkeit als bürgerliches Wohnviertel

geltende Stadtteil erstreckt sich nördlich

vom historischen Stadtkern zwischen der Linie

Talfergasse - Wangergasse - Vintlergasse und

den steilen, waldigen Abhängen des Hörtenbergs;

in diesem teilweise noch immer ruhigen, nahezu

aristokratischen Viertel schimmern stolze Villen

durch das Grün der sie umgebenden Parks, Obst-

und Weingärten.

Hier liegt auch das Schloß Maretsch, dem als

Adelssitz viele Jahrhunderte lang große Bedeutung

zukam. Sein ursprünglicher Kern stammt noch aus

dem 13. Jhdt. Seine endgültige Form erhielt das

Anwesen gegen Ende des 16. Jhdts, als die Söhne

des Sigmund Römer daraus ihren stattlichen Wohnsitz

machten. Schloß Maretsch ist ein Paradebeispiel

der Renaissance-Baukunst: die plastisch hervorgehobenen

massigen Bauteile erscheinen seltsam

schwerelos in der sie umgebenden Atmosphäre,

daraus resultiert der Eindruck eines soliden und

gleichzeitig dennoch anmutigen Miteinander zylindrischer,

von kegelförmigen Dächern gekrönter Türme

an den Gebäudeecken und dazwischenliegender,

durch in optimalen Proportionen angeordnete

rechteckige Fenster rhythmisch unterbrochener

und aufgelockerter Gebäudemauern aus Porphyr.

In geringer Entfernung zu Schloß Maretsch liegt

ein anderer Adelssitz, die Gerstburg. Ursprünglich

von Sigismund Gerstl gegen 1490 erworben, wurde

sie zwischen 1603 und 1609 von der Familie der

Giovanelli ausgebaut und renoviert. Beachtenswert

sind die Stukkaturen aus der zweiten Hälfte des

15. Jhdts und ferner das wunderschöne Deckenfresko

des Saales, der “Einzug der Aurora” von Martin

Knoller.

2

3. Bozner Boden und Rentsch

Die zwischen der Eisack und der weitausladenden

Kurve der Bahnstrecke gelegene Ebene im Osten

des Stadtzentrums hat annähernd die Form eines

Rhombus und wird als Bozner Boden bezeichnet.

Dieser ist sozusagen die Speisekammer Bozens: hier

wird die gesamte Verpflegung, und nicht nur die Lebensmittelversorgung,

abgewickelt, denn hier befinden

sich der Güterbahnhof und die Großmarkthallen,

die untertags einige Stunden lang auch für

Privatpersonen geöffnet sind. Zollämter, Speditionen,

Handelsvertretungen, Transportunternehmen,

Holz- und Öllager sind ebenfalls hier angesiedelt.

19

EINZUG DER

AURORA

VON MARTIN

KNOLLER

SCHLOSS

MARETSCH


OBSTMARKT

2

In der Nachkriegszeit entstand hier auch ein kleines,

zum Großteil von Eisenbahnern bewohntes,

vorwiegend italienisches Viertel. Von der dortigen,

1961 zu Ehren des Hl. Josef eingeweihten Pfarrkirche

wissen auch in Bozen selbst nur die wenigsten,

daß sie ein Werk von Piacentini ist. Ursprünglich

für Addis Abeba entworfen, war die Planung,

da sie dort nicht mehr verwirklich werden konnte,

unverändert nach Bozen verlagert worden. Der Bau

ist ein interessantes architektonisches Dokument

Piacentinis: die Front aus Reihen von Sichtziegeln

springt oben vor und ist senkrecht durch drei rechteckige

Nischen unterteilt. Ein einziges großes Portal

mit einem Rahmen aus weißem Travertin in einfachen

rechtwinkeligen Linien lädt zum Eintritt.

Die gleiche Backsteinfläche in wechselweise vorspringenden

Ziegelreihen verbindet die Front mit

der Kapelle zur Linken und dem Pfarramtsgebäude

zur Rechten, worüber sich der ebenfalls durch klare

geometrische Linien gekennzeichnete Glockenturm

erhebt. Der Kreuzgang mit seinem Brunnen in

der Mitte und seinen viereckigen Laubengängen ermahnt

an die klösterliche Bestimmung des Baus.

Jenseits der Bahnlinie zeichnet sich der alte Vorort

Rentsch durch ein ganz anderes Erscheinungsbild

aus: von hier zweigte in römischer und mittelalterlicher

Zeit der alte Maultierpfad ab, der infolge

der Unwegsamkeit des Talgrundes über den Ritten

und wieder hinab nach Klausen zum Becken von

20

Bozens verschiedene stadtviertel BozEns vErschiEdEnE stadtviErtEl

Brixen führte; daß sich hier in jenen Zeiten eine

kleine Ansiedlung entwickelte, ist nur allzu natürlich

- möglicherweise ist sie die älteste im gesamten

Bozner Becken.

Die Enge zwischen der alten Brenner-Staatsstraße

und den von Weingärten bedeckten Hügeln

hat fast ausschließlich deutschsprachige Bewohner;

Neubauten haben in jüngster Zeit die architektonischen

Merkmale dieses ländlichen Vorortes

ein wenig verwischt, doch noch heute lassen sich

unschwer hier und dort formschöne, solide Bauten

von altehrwürdiger Vornehmheit ausmachen. Schon

in geringer Entfernung von der Brennerstraße landeinwärts

gelangt man in ein vollkommen anderes

Ambiente: auf der engen Untermagdalenastraße

erreicht man in wenigen Minuten das auf einem

Sattel zwischen den Bergabhängen und einem

völlig von Weingärten bedeckten, runden Hügel

gelegene malerische Dörfchen St. Magdalena.

Links und rechts der Straße ruhen, inzwischen zu

Weinbaubetrieben umfunktionierte, uralte, festgefügte

Bauerngehöfte: hier wird der nach dem Örtchen

benannte Rotwein produziert und verkauft.

Vier, fünf Bauernhäuser mit blumengeschmückten

Balkonen umstehen die Kirche mit dem nadelspitzen

Turm: sie beherbergt bedeutende, von italienischen

Künstlern aus der Schule Giottos angefertigte

Fresken aus der zweiten Hälfte des 14. Jhdts.

(Öffnungszeiten: Dienstag und Freitag von 15.00

bis 17.00 Uhr)

4. Gries

Den Besucher, der von der Museumstraße kommend

die Talferbrücke überschreitet, empfängt ein

vollkommen andersgeartetes Bozen. Das Siegesdenkmal

und der es umgebende gleichnamige Platz

sind ein sehr deutliches Beispiel für die ideologische,

von allen lokalen Traditionen abweichende

Architekturform, die der Faschismus Italien in den

30er Jahren aufzwang: hier herrschen Bögen und

Säulen vor, gerade geometrische Linien verbinden

kantige Ecken, auf jedwede überflüssige Dekoration

wurde verzichtet. Mit diesen “römischen” bzw.

imperialistischen Architekturelementen sollte im

“neuen” Teil Bozens das Gegengewicht zu dem in

der Altstadt vorherrschenden gotischen oder neogotischen

Baustil geschaffen werden. Die das Monument

auf drei Seiten umgebenden Gebäude des

Siegesplatzes sollten als zugehöriger Gesamtkomplex

empfunden werden und sind daher an den

Straßeneinschnitten durch Bögen miteinander verbunden,

in denen sich das Bauschema der römischen

Triumphbögen wiederholt. Die in großen Lettern

an den Gebäuden angebrachten Zitate von Virgil

(Tu regere imperio populos ... ) und Horaz (Carmen

Saeculare), welch letzteres heute nicht mehr

vorhanden ist, sollten den feierlichen Gesamteindruck

noch weiter unterstreichen.

Die lateinische Aufschrift auf der Rückseite des

Denkmals wird heute nur mehr von wenigen verstanden;

einer jüngsten Umfrage zufolge konnten

90% der Spaziergänger über die Talferbrücke die

2

Frage, auf welchen Sieg hiermit Bezug genommen

worden war, nicht beantworten. Und dennoch

ist das Überleben dieses imperialistischen

Zeitdokumentes - und mehr noch der Aufschrift,

als dessen programmatisches Manifest - Anlaß

für die Auseinandersetzungen zwischen denjenigen,

die für einen Abriß plädieren und jenen,

die das Mahnmal aus Respekt vor der gelebten

Vergangenheit zu erhalten wünschen.

Nach langen Diskussionen ist man schließlich

zu folgendem Beschluß gekommen: Das Monument

bleibt so wie es ist erhalten, doch wird

am Gehsteig auf der Talferbrücke eine vom Gemeinderat

beschlossene viersprachige Inschrift angebracht,

die folgendes besagt: “Dieses Denkmal

ist vom faschistischen Regime errichtet worden,

um den Sieg Italiens im ersten Weltkrieg zu feiern.

Dieser brachte die Teilung Tirols und die Abtrennung

der Bevölkerung dieses Landes vom Vaterland

Österreich mit sich. Frei und demokratisch verurteilt

die Stadt Bozen die Zwistigkeiten und Diskriminierungen

der Vergangenheit und jede Form

von Nationalismus und verpflichtet sich im europäischen

Geist, die Kultur des Friedens und des Zusammenlebens

zu fördern”.

Rechter Hand des Denkmals stellt die Freiheitsstraße

in gerader Linie die Verbindung zwischen

dem Stadtzentrum und dem Griesplatz her; ihre

Achse ist so ausgerichtet, daß dabei der Blick auf

den Rosengarten im Hintergrund fällt. Diese Dolomitengruppe

verfärbt sich während des Tages mehrmals

verschiedentlich, gegen Abend jedoch leuch-

21

SIEGESDENKMAL

NYMPHENBRUN-

NEN AM

GERICHTSPLATZ


KIRCHE

HL. PIUS X

FEUERWEHRTURM

2

tet sie schließlich fast feuerrot auf und bietet ein

atemberaubendes Naturschauspiel, dessen Bezeichnung

“enrosadira” in ladinischer Sprache der Berggruppe

den deutschen Namen “Rosengarten” eingetragen

hat.

Der Ortsteil Gries war bis vor wenigen Jahren eine

autonome Gemeinde. Als beliebtes sonntägliches

Ausflugsziel vor den Toren der Stadt war Gries ab

1909 vom Waltherplatz aus mit einer Straßenbahn erreichbar.

Gegen die Mitte des 19. Jhdts entstand hier

ein international anerkannter heilklimatischer Luftkurort

mit entsprechenden Kureinrichtungen und eleganten

Hotels. 1892 wurde die Guntschna-Promenade

angelegt, beliebtes Ausflugsziel zu allen Jahreszeiten

dank der mediterranen Blütenpracht, die hier

vom städtischen Gartenbauamt gepflegt wird.

Die große, vordem augustinische heute benediktinische

Abtei von Gries verdankt ihre bereits

seit Jahrhunderten bestehende Funktion als geistiges

und soziales Zentrum des Stadtteils dem Einfluß

und Ansehen ihrer Patres, die vielfältigen kulturellen

Tätigkeiten nachgehen und sich mit Krankenpflege

und Fürsorge befassen. Zu dem Konvent

gehört auch eine Kellerei, wo qualitativ hervorragende

Weine produziert werden. Zusammen mit der

auf der anderen Seite des Platzes befindlichen Kellereigenossenschaft

erinnert sie an die ursprüngli-

22

Bozens verschiedene stadtviertel BozEns vErschiEdEnE stadtviErtEl

che Bestimmung des Bozner Raumes: die Herstellung

des für die Messfeiern in den nördlichen Klöstern

unerläßlichen Meßweines.

5. Europa-Neustift-Don Bosco

Jene Viertel, die im Südosten der Stadt entstanden,

haben in den letzten Jahren eine tiefgreifende

Wandlung durchgemacht: insbesondere ist die

hier ansässige Bevölkerung nun nicht mehr, wie ursprünglich,

rein italienischsprachig. Hier gibt es

inzwischen eine zahlreiche deutschsprachige Gemeinde,

wie das Vorhandensein des nicht nur auf

dem Gebiet der Seelsorge sondern auch kulturell

und hinsichtlich der Freizeitgestaltung rege tätigen

deutschsprachigen Kirchensprengels neben

den italienischen Pfarren beweist. Das Pfarrzentrum

St. Maria in der Au bezog seinen Namen von

einem alten Augustinerkloster, dessen Mauerreste

1986 gefunden wurden. Dieses war 1160 dem Willen

des Grafen von Greifenstein gemäß als erste Ansiedlung

in den noch urbar zu machenden Sümpfen

entstanden. Im Rahmen eines gigantischen öffentlich-privaten

Wohnbauprogrammes enstehen

jenseits der Reschenstraße zwei neue Zentren, Sigmundskron

und Casanova worin nach Fertigstellung

über siebentausend Personen wohnen sollen.

Es wurden bereits zahlreiche Räume für Kulturveranstaltungen,

Kunstausstellungen und Konferenzen

errichtet, doch ist als herausragendste Baulichkeit

wohl das am 1. Dezember 2005 eröffnete Theater

Cristallo zu nennen, das zweifelsohne den größten

Impuls für das gesellschaftliche Zusammenwachsen

und einen kulturellen Aufschwung des Viertels setzen

wird. An der Reschenstraße liegt auch die neue,

moderne Stadthalle, die mit ihrem Fassungsvermögen

von 3.000 Plätzen genügend Raum für die Abhaltung

von Sportveranstaltungen oder Megakonzerten

klassischer oder moderner Musik bietet. Zur Verbesserung

des Lebensstandards wurden mit Sport-

einrichtungen versehene große Parks wie der Europapark

mit seinen Fußball-, Basketball- und Volleyballplätzen

geschaffen, ebenso wie der Park am

Neubruchweg, jener in der Ortlerstraße mit Basketball-

und Fußballplätzen und der Park in der Genua-

2

straße. Die Eisackpromenade zwischen Reschen-

und Parmastraße wurde in eine einheitliche öffentliche

Grünzone umgewandelt.

6. Das Produktionsgebiet Bozen Süd

und die “Semirurali”

Die zwischen 1935 und 1937 von der damaligen

italienischen Regierung mit dem Ziel eines

raschen Zuwachses des italienischen Bevölkerungsanteils

in der Provinzhauptstadt geschaffene

Industriezone erwies sich als entscheidender

Schritt für das urbane Geschick der Stadt.

Die Lokalbevölkerung, die keinerlei Arbeitertradition

aufwies und der man ganz im Gegenteil mit

dem Bau der Industriezone eine ausgedehnte Fläche

hochwertiger Wein- und Obstbaukulturen weggenommen

hatte, empfand den ihr so aufgezwungenen

Industriebereich ganz eindeutig als Fremdkörper

im sozial-ökonomischen Gefüge der gesamten

Provinz. Die dort angesiedelte metallverarbeitende

Industrie (Stahl, Aluminium und Magnesium)

nutzte die in reichem Maße produzierte hydroelektrische

Energie und konnte sich so rasch entwikkeln,

daß sie bis 1940 bereits 11.000 Beschäftigte

aufwies.

Um einer dermaßen hohen Anzahl neuer Einwanderer

aus den anderen italienischen Provinzen Unterkunft

zu bieten, wurde am rechten Ufer der Eisack

der Stadtteil der “Semirurali”, das Stadtviertel

23

SPORTHALLE

INDUSTRIEZONE

BOZEN SÜD


DER KINDERGAR-

TEN IN DER MON-

TECASSINOSTRASSE

SCHULSPORTPLATZ

CONI

2

“Dux” mit 1.100 Wohnungen nach dem aus der Poebene

bekannten Einfamilienhausmodell errichtet:

einstöckig mit Außentreppe steht das Häuschen in

einem bescheidenen kleinen Garten, in welchem

als Zeitvertreib und zu Nebenerwerbszwecken Obst

oder Gemüse gezogen werden können. Dieses, jegliche

soziale oder kulturelle Strukturen vollständig

entbehrende Viertel stand von Anfang an in krassem

Widerspruch zu der überkommenen Bautradition

und dem im Bozner Becken vorherrschenden

24

Bozens verschiedene stadtviertel BozEns vErschiEdEnE stadtviErtEl

Wohnmilieu; schon bald in traurigem Maße heruntergekommen,

wurde es nach und nach durch neue,

zeitgemäßere und elegantere Gebäude ersetzt. Von

den “Semirurali” wurde nur ein einziges für museale

Zwecke belassen. Außerdem ist laut Planung neben

diesem Häuschen und mit ihm verbunden die Errichtung

eines zweistöckigen Gebäudes für ein wissenschaftliches

Zentrum der Gemeinde vorgesehen;

darin soll in einer Schau die Geschichte dieses Viertels

von seinen Anfängen bis zu seinem totalen Abriß

in den 80er-Jahren rekonstruiert werden.

Aus dem Produktionsgebiet Bozen Süd ist ein

stark boomendes Viertel geworden: die heute hier

ansässigen mehr als 1000 Unternehmen beschäftigen

über 12.000 Angestellte. Die Produktionsfläche

erstreckt sich über insgesamt 252 Hektar. Auch

dieses Gebiet hat sich in den letzten Jahren in aller

Stille gewandelt: viele der alten, aus wirtschaftlichen

oder anderen Gründen überholten Unternehmen

wurden geschlossen und wichen neuen, technisch

fortgeschritteneren Niederlassungen. Wohl

stellt dies einen gewissen Bruch mit der Vergangenheit

dar; doch handelte es sich um eine friedliche

Revolution, gestützt auf Unternehmergeist, Mobilisierung

der intellektuellen und praktischen Fähigkeiten

und Kräfte einer für den Fortschritt offenen

Bevölkerung. Die verschiedenen neuen Produktionsgebiete

gehen Hand in Hand mit einem breitgefächerten

Bedarf an anspruchsvoller Professionalität:

hunderte neue Berufszweige sind nicht nur

für die fortschrittlichen Produktionssysteme gefordert,

sondern auch für die Wahrung der grundlegenden

Kriterien der öffentlichen Gesundheit, für den

Lärmschutz, die Qualität des Arbeitsplatzes.

7. Oberau und St. Jakob

Längs der Staatsstraße Nr. 12, die entlang dem

linken Eisackufer östlich der Stadt vom Friedhof bis

zum Virgltunnel verläuft, erstrecken sich die durch

den ständig zunehmenden Verkehrslärm hartgeprüften

Ortsteile Oberau und St. Jakob. Ein Neubau der

Staatsstraße 12 ist zwar geplant, wird aber erst in

einigen Jahren zur Ausführung gelangen können.

Der Ortsteil selbst birgt keine nennenswerten Besonderheiten,

abgesehen von den beiden bedeutenden

Sportzentren, dem Schulplatz des Nationalen

Olympischen Komitees Italiens C.O.N.I. am St. Gertraudweg

und den Anlagen in der Pfarrhofstraße.

Von der Trientnerstraße zweigt der Virglweg auf den

gleichnamigen Hügel ab. Dieser Virglberg hat die

Form eines Felssporns, der kühn gegen die Stadt hinausragt

und senkrecht zur Eisack abfällt. In mittelalterlichen

Zeiten thronte obenauf eine Burg, das im 7.

Jhdt. von den Bajuwaren gehaltene Castellum Bauzani.

Vom Stadtzentrum gelangte man hierher mittels

einer kleinen Seilbahn, die bei einem Restaurant

mit einer wunderschönen Aussichtsterrasse und

Tennisplätzen endete. Heute ist die Rede davon, diese

nicht mehr in Verwendung stehenden Einrichtungen

wiederzubeleben, ist doch der Ausblick über die

Stadt von hier aus durchaus erlebenswert.

Die Straße führt entlang der Kreuzwegstationen

aus dem Jahr 1681 zu der auf einem weiten Platz

gelegenen Grabes- oder Kalvarienbergkirche. Die

sieben Stationen mit der Darstellung der Passion

2

Christi, der Kreuzigungsgruppe und dem gemauerten

Heiligen Grab im Schutze einer Kapelle dienten

geistiger Andacht. Der Bozner Kalvarienberg orientiert

sich an dem für die Gegenreformation maßgeblichen

Schema: außerhalb der Stadt gelegen,

ermöglicht er den Gläubigen eine Begehung des

Kreuzweges eingedenk der Pilgerfahrten ins Heilige

Land und endet bei einem Monument in Form

des Grabes Christi. Die Kirche mit kreuzförmigem

Grundriß, einer Kuppel, Turm und Laterne entstand

nach den Plänen der Stadtarchitekten Pietro und

Andrea Delai. Das reich gegliederte Innere beeindruckt

durch Skulpturen und Fresken. Die Holzstatuen

von Georg Mayr mit Kreuzwegszenen sind ein

interessantes Beispiel für volkstümliche Passionsdarstellung.

Ein wenig weiter stößt man auf die kleine romanische

St.Vigil-Kapelle. Sie birgt zwei bedeutende

Freskenzyklen der Bozner Schule aus dem ausklingenden

14. Jhdt.

25

ST. VIGIL-

KIRCHE


3

26

BozEn für fussgängEr BozEn für fussgängEr

3 nur

3

BozEn für

fussgängEr

wenige Städte lassen sich so gut zu Fuß

durchstreifen und genießen wie Bozen.

Keine andere bietet ihren Besuchern eine

solche Auswahl an abwechslungsreichen und angenehmen

Spazierwegen.

Die zum Großteil im historischen Stadtkern gelegene

verkehrsberuhigte Zone lädt den Fußgänger zum

ausgedehnten, beschaulichen Bummel durch die

Straßen. Er kann dabei die architektonisch bemerkenswerten

alten Bauten ebenso genießen, wie das

farbenfrohe, pulsierende Leben auf dem Obstmarkt,

die eleganten Geschäftsauslagen und die Kaffeehäuser

und Konditoreien.

Ab dem Ende des letzten Jahrhunderts wurden verschiedene

Spazierwege, “Promenaden” genannt,

angelegt, die dem Fußgänger von den unterschiedlichsten

Standpunkten immer neue Ausblicke auf die

Stadt verschaffen.

Den beiden Promenaden längs der Dämme der beiden

Flüsse Talfer und Eisack, die die Stadt durchfließen,

ist die angenehm erfrischende Atmosphäre des

nahen Wassers gemein. Von den Flüssen genährt,

sprießt hier üppige Vegetation und Wiesen, Bäume

und Parks mit bunten Blumen säumen die Ufer. Auf

der Bozner Wassermauer-Promenade, die von der

Talferbrücke am Beginn der Museumstraße dem linken

Flußufer folgt, gelangt man in den alten Vorort

St. Anton und weiter bis Schloß Runkelstein. Überquert

man hier die Talfer, kann man an deren rechtem

Ufer längs der Grieser Wassermauerpromenade

über den Petrarcapark wieder zum Siegesplatz zurückkehren.

Das breite Flußbett ist parkartig ausgestattet

und längs des ganzen Weges stößt man auf

die in den letzten Jahren entstandenen verschiedensten

Sport- und Freizeiteinrichtungen. Diese Tal-

27


OBSTMARKT

GUNTSCHNA-

PROMENADE

3

ferwiesen sind ein bei der Bevölkerung sehr beliebter

Treffpunkt für Sport und Spiel; hier wird gefeiert,

hier gelangen Konzerte und Stegreiftheater

zur Aufführung, finden gastronomische Messen

statt und wird der Kinderfasching abgehalten.

Ebenfalls von der Stadtmitte, nämlich vom Verdiplatz

nimmt auch die Eisack-Promenade ihren Ausgang;

immer der alten Bahntrasse nach Meran folgend,

schlängelt sie sich durch die südlichen Vororte

und führt weit bis über die Reschenbrücke hinaus

bis zum Zusammenfluß von Etsch und Eisack unterhalb

des Schlosses Sigmundskron.

Sehr unterschiedlich von einander sind die

Guntschna- und die St. Oswald-St. Magdalena-

Promenaden. Ihre Entstehung fällt in das letzte

Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, als Bozen

im Zuge des aufkeimenden Tourismus zum Kurund

Fremdenverkehrszentrum geworden war. So wie

auch in anderen, ähnlichen Thermalorten des Habsburgerreiches

wurden die Kuranlagen auf Initiative

großzügiger Mäzene an den Ausläufern der schützenden

Berge im Norden der Stadt errichtet. Hier

entstanden, zum Teil unter Ausnutzung der sanf-

28

BozEn für fussgängEr BozEn für fussgängEr

ten Hangneigungen, hölzerne Brücken und Stege,

die jedoch stets bescheiden-rücksichtsvoll und im

Einklang mit der natürlichen Landschaft angelegt

wurden.

Die Guntschna-Promenade führt ausgehend vom

Glanigerweg nächst der alten Pfarrkirche in Gries

bis unter das Schloß gleichen Namens. Die Promenade

ist annähernd zweieinhalb Kilometer lang und

verläuft in angenehmer, konstanter Steigung; zahlreiche

Ausblickpunkte und Bänke laden immer wieder

zum Verweilen ein. Was aber diese Promenade

so besonders reizvoll macht, ist die üppige Vegetation

längs des Weges: begünstigt durch die reine

Südlage und abgeschirmt gegen kalte Nordwinde

konnte hier eine Art botanischer Garten mit einer

unglaublichen Anzahl mediterraner und exotischer

Pflanzen entstehen. Gelbe Plaketten geben den Namen

jeder einzelnen Pflanze an und laden derart zu

einem botanischen Exkurs ein. Die erst jüngst realisierte

Verlängerung der Promenade führt bis zum

Fagenbach und ermöglicht die Verbindung mit der

Talferpromenade und Schloß Runkelstein.

Die St.Oswald-St.Magdalena-Promenade windet

sich zwischen Weingärten und Schlaggehölz die Abhänge

des Hörtenbergs hinauf, der das Stadtzentrum

im Norden abschließt. Der Weg steigt in vielen

Kurven sanft bis auf ca. 150m über dem Talboden

an und verläuft dann eben, häufig auf hölzernen

Stegen, bis St. Magdalena und zum Gasthaus

Eberle. Obwohl mit ebenfalls zweieinhalb Kilometern

fast von gleicher Länge wie die anderen, unterscheidet

sich diese Promenade durch die Landschaft,

durch die sie führt und die Ausblicke, die

sie auf Stadt und Umgebung bietet, deutlich von

ihren Schwestern: ihre Vegetation ist ursprünglicher

und das Panorama in seiner Einzigartigkeit

wieder ganz anders, bietet es doch den Ausblick

auf den ältesten Stadtteil, auf die Viertel St. Oswald

und Rentsch, auf die engen, gegen die Eisack

abfallenden Täler und schließlich auf die Dolomiten

selbst, die als beeindruckender Form- und Farbkontrast

über den waldigen Kulissen aufragen; zur

Linken liegt das malerische Dörfchen St. Magdalena

mit dem alten, von Zypressen und Wein umgebenen

Kirchlein und gegenüber schieben sich die

Abhänge des Kohlerer Berges und des Virgl trutzig

gegen die Stadt vor. Vorzugsweise sollte diese

Promenade am späten Nachmittag besucht werden,

wenn die Sonne untergeht und ihre letzten Strahlen

die Dolomitenspitzen in Tausenden von Farben

aufleuchten lassen.

Haslach-Haselburg-Promenade. Wenden wir uns

nun dem entgegengesetzten Teil der Stadt zu, wo

Richtung Süden auf den unteren Hängen des Kohlerer

Berges das neue Wohnviertel von Haslach

entstanden ist. Ausgehend vom St. Gertraudweg

nächst dem Virgltunnel folgen wir weiter dem Kuepachweg.

Gleich zu Beginn liegt linker Hand das

barocke Kirchlein St. Gertrude; es birgt zwei wertvolle

Fresken von Carl Henrici (ca. 1778).

Hat man erst das bebaute Gebiet hinter sich gelassen,

führt ein bequemer Weg zwischen Fels und

Wald ca. 2 Km weit bis zur Haselburg. Die Burg

stammt aus dem 12. Jhdt und wurde von einer Familie

von Trienter Ministerialen errichtet. Mehrmals

durch Einsturz und Kriegsereignisse beschädigt,

kann die Burg heute besichtigt werden und enthält

einige, im Auftrag der Herren von Völs angefertigte

Fresken aus dem 16. Jhdt. mit Szenen aus der Mythologie,

der römischen Geschichte, Landschaftsdarstellungen

u.dgl. Von den Terrassen rund um die

Burg hat man wieder einen ganz neuen Ausblick

auf Bozen, denn von hier sieht man auf den unterhalb

gelegenen Stadtteil Oberau und die Industriezone

bis zum Flughafen und auf das breite, Richtung

Meran verlaufende Etschtal mit seinen reichen

Obstplantagen.

Noch zahlreiche andere, gutbeschilderte Spazierwege

laden in unmittelbarer Nähe der Stadt zum

Wandern ein. Für jene Wege, die mit der Seilbahn

zu erreichen sind, verweisen wir auf das diesbezügliche

Kapitel. Jetzt wollen wir nur noch auf Bozens

“grüne Lunge”, das Überetsch, eingehen.

Es handelt sich dabei um jenes liebliche, nur um

weniges höher als der Talgrund gelegene, langgezogene

und wellige Gelände, das sich, wie schon

der Name besagt, auf dem rechten Ufer, also auf

der “drüberen” Seite der Etsch zwischen dem Mittelberg

und den steilen, waldreichen Abhängen der

Mendel erstreckt. Hier ist ein breiter Landstreifen

3

weder von Häusern noch von Obstgärten, sondern

über gut 20 Km² ausschließlich von dichtem Nadel-

und Laubbaumbestand bedeckt und stellt einen

wertvollen Beitrag zu Bozens Ökologiehaushalt

dar, eine Grünoase nur wenige Autominuten

von der Stadt entfernt, mit vielen, eben verlaufenden

und zu jeder Jahreszeit benützbaren Wegen.

Drei Naturseen liegen, grün schimmernd, in diese

ruhige Wald- und Wiesenzone eingebettet: der

größte und wärmste von ihnen ist der Kalterersee;

er eignet sich bestens zum Schwimmen und

für jede Art von Wassersport, doch dank der hier

ständig wehenden heftigen Winde vor allem zum

Segeln und Surfen; aber auch der große und der

kleine Montiggl-See, wahre Juwelen inmitten der

waldigen Landschaft, genießen als Badeseen regen

Zuspruch. Winters bieten sie den Eislaufsportlern

herrliche Freiluftbahnen in frischester Luft.

Zahlreiche Gaststätten, die man überall verstreut

im Überetsch antrifft, laden zum Verweilen und

Ausruhen. Hier werden zünftige Brett’ljausen mit

den lokalen Spezialitäten - vor allem luftgetrockneter

Speck und Bauernbrot - kredenzt. Fußball- und

Tennisplätze sowie ein gut ausgestatteter Fitnesspfad

vervollkommnen das Angebot an sportlichen

Freizeitbetätigungen.

29

ÜBERETSCH MIT

AUSBLICK AUF

DEN KALTERER-

SEE


3

30

BozEn für fussgängEr

BozEn für radfahrEr

4 durch

4

BozEn für

radfahrEr

Bozen zu radeln ist entschieden schön

und abwechslungsreich. Die Stadt selbst liegt

in der Ebene, weist also keine nennenswerten

Erhebungen auf und die Entfernungen sind im

großen und ganzen gering. Radfahren ist - gemessen

am Autofahren - natürlich auch umweltbewußter

und zeugt von großem Respekt vor der Natur:

Radfahren ist ökonomischer, verursacht keinerlei

Abgase, keinen Lärm und stört nicht!

Um zur Verwendung des Fahrrads anzuregen, wurde

von der Gemeinde Bozen ein Fahrradverleih ins

Leben gerufen: die Räder der Gemeinde sind an ihrer

weiß-roten Lackierung (den Farben des Bozner

Stadtwappens) leicht erkennbar. Der im Auftrag der

Gemeinde betriebene Verleih bietet ab Ostern bis

Ende November montags bis samstags von 7:30 bis

19:50 Uhr die Räder bis zu einer Dauer von sechs

Stunden zum Preis von einem Euro an; über sechs

Stunden Entlehnung bzw. bis zum Ende der Verleihzeit

hat man zwei Euro zu bezahlen. Die Räder können

an zwei Verleihstellen in der Stadt bezogen

werden: in der Bahnhofstraße und am Griesplatz.

Insbesondere für Bozenbesucher ist dieses Angebot

eine gute Idee, um rascher als zu Fuß und doch auf

bequeme Art die Stadt zu erkunden. Mehr als 25 km

Radfahrwege stehen zur Verfügung und zusätzlich

gibt es von Bozen aus Anbindungen an Kardaun,

Eppan und Meran.

Der Bozner Radtag ist das wichtigste Radfahrereignis,

das in Südtirol abgehalten wird. 1992 erstmalig

von der Gemeinde mit der Zielsetzung organisiert,

die Bürger zur Verwendung des Fahrrads

als Fortbewegungsmittel anzuregen, hat es sich im

Laufe der Jahre zu einem Fixpunkt im Veranstal-

31


4

tungskalender des Bozner Frühlings

entwickelt.

Jede Jahreszeit hat ihre Reize für

eine Fahrt mit dem Rad. Das für Autos

gesperrte Stadtzentrum steht

den Radfahrern sehr wohl offen und

an mehreren Stellen in der Stadt

sind Rad-Parkplätze vorgesehen. Das

bereits vorhandene Wegenetz wird

ständig ausgebaut; während des

Jahres werden zusätzlich noch verschiedene

andere Veranstaltungen

abgehalten, wie die von der Vereinigung

Passepartout organisierten

Fahrradausflüge.

32

Bozen für radfahrer BozEn für radfahrEr

Eine Radtour entlang der Talfer bis zum Beginn

des Sarntals und zur Burg Runkelstein, von dort

auf dem westlichen Damm bis zum Zusammenfluß

mit der Eisack und zur Industriezone, dann längs

der alten Bahntrasse nach Meran Richtung westliche

Stadtviertel und Etsch, vorbei an Schloß

Sigmundskron, verschafft einen wahrhaft guten

Überblick über die Lage Bozens und ihre Funktion

als Grenzstadt, als Schmelztiegel und zentraler

Mittelpunkt eines vielschichtigen Ambiente.

Fahrradbenützer mögen wählen:

Der innere Weg führt durch die malerischen engen

Gassen der Altstadt und vermittelt dem Besucher

rasch einen ersten Eindruck von der Stadt.

Der äußere Weg hingegen führt den Radfahrer

in das Bozen von gestern, zu den seinerzeit zum

Schutze der bedeutendsten Verkehrsverbindungen

errichteten Schlössern, sowie in die Agrarbezirke,

deren Produktivität im Laufe der Zeiten dank eines

vernünftigen Einsatzes der Wasserressourcen

und deren Verteilung im Talboden konstant vermehrt

werden konnte.

Eine solche Tour mit dem Fahrrad bietet aber

auch Gelegenheit, ganz einfach einmal nur die

unvergleichliche Schönheit der Landschaft rings

um die Stadt zu genießen und dabei zu erkennen,

daß die Faszination Bozens gerade dieser Symbiose

zwischen Stadt und Agrarwirtschaft, zwischen

verbautem Gebiet und dem weiten Umland entspringt.

Heute noch ist jedes kleinste, nicht verbaute

Fleckchen Erde des Talbodens durch Wein- und

Obstgärten genutzt und mancher Erbhof konnte

sich mit seiner charakteristischen Bauweise, mit

den vorspringenden Dächern, den Tennen, Maschinen

und Gerätschaften inmitten des städtischen

Lebens bis in unsere Zeit hinein behaupten.

Auf den Radwegen erreicht man auch die Sportplätze

der Stadt: die Fußball- und Kinderspielplätze

im breiten Flußbett der Talfer und auch

den Lido mit seinen Schwimmbädern, die Sporthalle,

das Drususstadion und die Eisack-Promenade.

In der schönen Jahreszeit herrscht an diesen

Plätzen regstes Treiben und der Beschauer gewinnt

einen nachhaltigen Einblick in Gepflogenheiten

und Verhalten der Bozner Bevölkerung, die

das Leben an der frischen Luft besonders intensiv

zu nutzen versteht.

Wer sich mit dem Rad bis zur Etschbrücke begibt,

vor dem erhebt sich dann als lohnender Anblick

das eindrucksvolle Massiv von Schloß Sigmundskron,

dessen rötliche Türme sich in den ruhigen

Wassern der Etsch spiegeln. Von hier läßt

sich in wenigen Minuten das Schloß erreichen, wo

auf Initiative von Reinhold Messner, einem der

anerkanntesten Bergsteiger unserer Zeit, am 11.

Juni 2006 das Messner Mountain Museum (MMM

Sigmundskron) eingeweiht wurde, das als viertes

Museum dieser Art den Bergen und allen damit

verbundenen Aspekten gewidmet ist. In diesem

Museum soll nicht nur die Bergwelt als solche dokumentiert,

sondern die Aufmerksamkeit des Beschauers

auf den menschlichen Aspekt, auf die

Bergbewohner, ihr Leben und ihre Geschichte gelenkt

werden.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß

derzeit Fahrradwege sowohl vom Brenner Richtung

Verona als auch längs der Haupttäler Südtirols

entstehen, was Bozen in die Mitte eines nach

allen Richtungen gehenden weitgefächerten Radfahrwegenetzes

rückt.

4

33

RADFAHR-

WEGE

SCHLOSS

SIGMUNDS-

KRON:

MESSNER’S

MOUNTAIN

MUSEUM


4

34

Bozen für radfahrer BozEn für radfahrEr

4

35


5

36

BozEn für sEilBahnfahrEr

BozEn für sEilBahnfahrEr

5

5

d

ie Seilbahn ist ein sicheres, rasches und sparsames

Transportmittel, mit welchem in kürzester

Zeit große Höhenunterschiede überwunden

werden können. Die Stadt Bozen hat drei solcher

Seilbahnanlagen aufzuweisen, deren Talstationen

sich jeweils am nördlichen, östlichen und am südlichen

Stadtrand befinden und von wo aus binnen

ungefähr zehn Minuten zauberhafte Destinationen

in über 1.000 Metern Höhe erreicht werden können.

Obwohl in den letzten zehn Jahren zusätzlich Straßen

bis hinauf zu diesen Orten angelegt wurden, ist

ein Ausflug mit der Seilbahn immer noch empfehlenswert,

vermittelt er doch völlig neue Eindrücke und

Ausblicke auf die Stadt und ihre Tallandschaft. Die

Zielorte ihrerseits bieten nicht nur vielfache Unterbringungs-

und Verköstigungsmöglichkeiten in ihren

zahlreichen Gastgewerbebetrieben, sondern sind auch

Ausgangspunkt unzähliger, meist nicht allzu anstrengender

und zudem für den Kraftfahrzeugverkehr gesperrter

Spazier- und Wanderwege.

BozEn für

sEilBahnfahrEr

Seilbahn nach Jenesien

Die Talstation befindet sich nächst der Einmündung

der Sarnerschlucht am rechten Ufer der Talfer.

Die Bergstation dieser 1937 erbauten und 1978 komplett

renovierten Seilbahn befindet sich im Dörfchen

Jenesien (1080 m ü.M.), von wo man in einer 3/4

Stunde auf einem Wanderweg die Hochebene des Salten

erreichen und dort einen der eindrucksvollsten

Ausblicke Südtirols genießen kann. Auf smaragdfarbenen

Wiesen ragen vereinzelte Lärchengruppen gen

Himmel. Das Sonnenlicht glitzert durch die Zweige

und fällt sanft herab auf den satten Boden, die Senn-

37


SEILBAHN

AUF DEN

KOHLERER

BERG

SEILBAHN

AUF DEN

RITTEN:

TAL- UND

BERG-

STATION

5

hütten, Hecken und Zäune. Nirgendwo läßt sich

wie hier die Unendlichkeit erahnen, der tiefe, innere

Frieden der Natur empfinden.

Seilbahn auf den Ritten

Die Talstation liegt in geringer Entfernung vom

Bahnhof und ist von diesem mit Bus Nr. 1 zu erreichen.

Die Seilbahn bringt ihre Fahrgäste nach

Oberbozen am Rande des Rittener Plateaus in 1220

m Höhe und überwindet dabei einen Höhenunterschied

von 951 m und eine Entfernung von 4565 m

Länge.

38

BozEn für sEilBahnfahrEr

Für die alte, 1966 als Ersatz für die aus dem Jahre

1906 stammende ehemalige Zahnradbahn errichtete

Seilbahn ist es nun Zeit geworden, sich zur Ruhe

zu setzen. Im Herbst 2008 geht eine neue Gondelbahn

mit acht Kabinen in Betrieb, die in jeweiligem

Abstand von nur vier Minuten eine nach der

anderen abfahren. Geschwindigkeit, Sicherheit und

Fahrkomfort sind die Hauptmerkmale dieser neuen

Anlage, deren Beförderungskapazität sich auf 550

Fahrgäste pro Stunde beläuft.

Die reichverzweigten Wanderwege des Rittener

Plateaus bieten einen einmaligen Rundblick von

den Gletschern der Zentralalpen bis hin zu den felsigen

Spitzen der Dolomiten. Üppige Grasflächen,

Laub- und Lärchenwälder, malerische Winkel in alten

Dörfern, einsame Kirchlein, kleine Seen voll

klarsten, grün und blau schillernden Wassers schaffen

ein ganz außergewöhnlich harmonisches alpines

Ambiente. Dank der langen Sonneneinstrahlung

ist das Klima mild und hat aus dem Ritten ein

bevorzugtes Urlaubs- und Erholungsziel mit jahrhundertealter

Tradition gemacht.

Seilbahn auf den Kohlerer Berg

Die Talstation liegt in Kampill ca. einen Kilometer

vom Bozner Stadtzentrum entfernt; in nur fünf

Minuten wird das in 1135m Höhe gelegene Kohlern

erreicht.

Die heutige, aus dem Jahre 1965 stammende und

BozEn für sEilBahnfahrEr

2006 mit neuen Kabinen bestückte Seilbahn ersetzt

die alte, 1908 als erste Passagier-Seilschwebebahn

der Welt errichtete und 1944 durch Bombenangriffe

zerstörte Anlage.

In geringer Entfernung zur Bahn wurde auf einer

Höhe von 1150 m ü.M. ein 35 Meter hoher hölzerner

Aussichtsturm errichtet, von welchem aus

man einen einzigartigen Ausblick auf das Bozner

Becken und die es umgebende Bergwelt genießen

kann.

Kohlern selbst ist ein kleiner Weiler der Gemeinde

Bozen und setzt sich aus zwei schönen alten

Häusergruppierungen zusammen: Bauernkohlern

bei der Bergstation und das in einer Entfernung

von wenigen Minuten Wegzeit gelegene Herrenkohlern.

Die Gemeinde Bozen ist hier Eigentümerin

des Uhl-Hofes, der sich von 980 m Höhe bis

5

hinauf auf 1380 m ü.M. erstreckt und auf einem

Terrain von insgesamt 58 Hektar nebst einigen

landwirtschaftlich genutzten Gebäuden noch Wiesen,

Misch- und Nadelwälder aufweist. Mit der Renovierung

des Uhl-Hofes und des angeschlossenen

Heuschobers wurde 2003 das Umwelterziehungszentrum

Uhl-Kohlern eingerichtet, das als modernes

Anwesen der Erhaltung und dem Studium

der Umwelt dienen soll. Auf zweckmäßig angelegten

Wegen kann sich der Besucher den verschiedenen

Erscheinungsformen der natürlichen Landschaft

nähern und sie als harmonische ökologische

Systeme begreifen. Eine Herberge in der Nähe

des Zentrums bietet bis zu 30 Personen Platz.

Für nähere Informationen steht die Telefonnummer

0471/997435 zur Verfügung.

39

DIE

ERDPYRAMIDEN

AUF DEM RITTEN


DIE VAJOLETTÜRME DES

ROSENGARTEN

6

40

BOLZANO

“POrtA deLLe dOLOmiti”

Bolzano

“Porta dEllE dolomiti”

6 Bozen

6

BozEn,

das “tor

zu dEn

dolomitEn”

wurde erst jüngst der Titel “Tor zu den Dolomiten”

verliehen und bewirbt sich zur Zeit, zur “Hauptstadt

der Berge” ausgerufen zu werden. Damit sollte

die zentrale Lage dieser Stadt inmitten der weltweit bekanntesten

und meistbesuchten Bergmassive hervorgehoben

werden.

Die Präsenz dieser Bergwelt, so nahe und gleichzeitig aufgrund

all der Sagen und Mythen, die sich um sie ranken,

doch wieder so fern, beeinflußt mehr als man annehmen

möchte das Leben der Einwohner Bozens. In Bozen zu leben

bedeutet in der Tat, sich konstant intensivst mit den

Bergen auseinanderzusetzen: feiertags leert sich die Stadt

und das, was für die Bewohner anderer Orte der Ausflug

vor die Tore der Stadt sein mag, wird hier zu einer Bergfahrt,

wobei man sich großzügig über manchmal ungünstige

Witterungsbedingungen oder die mit der Erreichung

manch selbstgesteckter Ziele verbundenen Unbequemlichkeiten

hinwegsetzt.

Auch der Reisende, der sich nur vorübergehend oder zufällig

in Bozen aufhält, kann sich der Bergwelt der Dolomiten

nähern, ohne ihrer verletzlichen Schönheit Abbruch

zu tun. Man kann sie auf eigene Faust erkunden oder sich

an bestens ausgebildete Bergführer wenden, die allen Gästen

zur Verfügung stehen, welche diese weltweit so einmalige

Region in Sicherheit und ohne Risiko zu besuchen

wünschen. Je nach Belieben können sie sich auf Ausflüge

längs der Wanderwege beschränken, ihre Kondition auf den

Klettersteigen von Sella und Rosengarten erproben oder

gar die Aufstiege unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrades

an Steilwänden wagen.

“La Montagna è severa” (Nimm den Berg ernst) warnt ein

in den Berghütten ausgehängtes Schild. Dennoch kann jeder

sich den Bergen nähern und ihre Schönheit genießen,

vorausgesetzt, er erkennt und respektiert seine eigenen Fähigkeiten

und Grenzen, die zu übersteigen anmaßend und

leichtsinnig wäre.

41


EURAC: AUDITORIUM

7

42

Bozner KulturleBen BoznEr KulturlEBEn

7

7

BoznEr

KulturlEBEn

Was aus Bozen eine so einzigartige Stadt

macht ist ihre Doppelsprachigkeit, das

heißt, das Vorhandensein zweier in Sprache,

Kultur und Traditionen unterschiedlicher Gemeinschaften

(wozu noch die wohl kleine aber ihrer

Geschichte wegen bedeutende Volksgruppe der Ladiner

kommt), die einander in vielen Belangen ergänzen.

Hier im Schnittpunkt uralter Handels- und

Verbindungswege leben auf engstem Raum zwei verschiedene

Kulturkreise zusammen, die im Laufe der

Jahrhunderte das geistige Spektrum ganz Europas

geformt haben; hier befindet sich der richtige Nährboden

für die Verflechtung zweier Zivilisationen.

Durch die allmähliche Einführung der gesetzgebenden

und administrativen Autonomie und den

Abschluß des Südtirolpakets hat sich die gesellschaftspolitische

und kulturelle Situation verändert

und so wird die Zweisprachigkeit heute nicht mehr

als drückende Last sondern als freiwillige, persönliche

Entscheidung im Sinne einer geistigen Bereicherung

und im Bewußtsein der damit verbundenen

materiellen Vorteile empfunden.

Rein juristisch kommt den beiden Sprachen der

gleiche Stellenwert zu: es ist daher nicht von einer

“Fremdsprache” sondern von der “Zweitsprache” die

Rede, wenn sich die zweite Sprache als unverzichtbar

für eine vollständig abgerundete Schul- und Berufsausbildung

zu der eigentlichen Muttersprache

hinzugesellt.

Der Umstand, daß die Sprache nicht als reines

Kommunikationsmittel sondern als Trägerin kultureller

Werte verstanden wird, läßt Bozen durch seine

Doppelsprachigkeit zu einer nach zwei Richtungen

hin offenen Stadt werden: nach der italienischen

Kultur im Süden und nach der deutschen im Norden;

43


UNIVERSITÄT AM

SERNESIPLATZ

7

44

Bozner KulturleBen BoznEr KulturlEBEn

die Tatsache, daß diese beiden Welten hier zusammentreffen,

bietet Gelegenheit zu immer neuen

Anregungen und Ideen.

Die deutschsprachige Gruppe pflegt die Verbindungen

mit den jenseits des Brenner gelegenen

Kulturräumen Nordtirols bzw. noch weiter entfernter

Länder, um Anschluß zu halten an den reichen,

deutschsprachigen Kulturschatz Mitteleuropas; die

von Herkunft und regionaler Mentalität her eher

heterogene italienische Gruppe hat einen höheren

Grad an Dialektik und eine offenere Konfrontation

entwickelt, was sich auch politisch in einer verstärkten

Fraktionierung manifestiert.

Die Freie Universität Bozen

Ein starker Antrieb für Bozens Kultur- und Geistesleben

ist die mit 31. Oktober 1997 in den Gebäuden

des ehemaligen Bozner Krankenhauses im

Herzen der Stadt eröffnete Freie Universität Bozen.

Als festgefügte Stützen dieser Institution können

die fortschrittlichen Technologien, ein internationaler

Lehrkörper, die Dreisprachigkeit und die

zwischen der Professorenschaft und den Studenten

bestehenden optimalen Beziehungen angesehen

werden. In dem multikulturellen Klima von Bozen

gewinnen die Studenten fast “nebenbei” soziale

und humane Erfahrungen und sprachliche Fähigkeiten,

was sie für den Wettbewerb auf dem lokalen

und europäischen Arbeitsmarkt rüstet.

Folgende Fakultäten hat Bozen zu bieten:

FAKULTÄT FÜR WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN

Zur Auswahl für das Laureats-Studium stehen: 1.

Wirtschaft und Management; 2. Tourismusmanagement;

3 Betriebswirtschaft; 4 Ökonomie und Sozialwissenschaften.

FAKULTÄT FÜR TECHNIK UND NATURWISSEN-

SCHAFTEN

Die Ausbildung erfolgt in engem Zusammenwirken

mit dem Polytechnikum in Turin; zudem stehen Ex-

perten von ausländischen Universitäten und aus

dem Industriebereich zur Verfügung.

Laureats-Studium für INFORMATIK. Das Doktoratsstudium

in angewandter Informatik bietet nicht

nur eine finanz- und betriebswirtschaftliche Ausbildung,

sondern der Lehrplan ist hauptsächlich

auf analytische Informatik fokussiert.

FAKULTÄT FÜR DESIGN UND KÜNSTE

Das Studium dauert drei Jahre; ausgebildet werden

Fachleute für visuelle Kommunikation und

Produktdesign. Als berufliche Möglichkeiten bieten

sich den Absolventen das Entwerfen von Gebrauchsgegenständen,

technischen und Dienstleistungssystemen,

die Ausarbeitung grafischer Projekte,

koordinierte Darstellungen und multimediale

Produkte.

FAKULTÄT FÜR BILDUNGSWISSENSCHAFTEN

Mit Sitz in Brixen und einer Dreiteilung in eine italienische,

eine deutsche und eine ladinische Sparte.

Während der ganzen Dauer des Studiums an der

LUB genießt der Auszubildende Unterstützung; im

Studienjahr 2007-08 lag die Anzahl der Inskribenten

bei ca. 3200, doch ist abzusehen, daß sich diese

Zahl bis auf maximal 5000 erhöhen wird. Abschließend

läßt sich wohl sagen, daß die Universität

Bozen dank des von ihr ausgehenden starken

kulturellen, internationalen Impulses enorm

zur Veränderung der Geisteshaltung dieser Stadt

beigetragen und sie offener und viel moderner gemacht

hat.

Europäische Akademie EURAC

Mit Provinzialgesetz Nr. 31 vom 29. Oktober 1991

wurde die Europäische Akademie (EURAC) als innovatives

Forschungs- und Weiterbildungsinstitut

mit Sitz in Bozen gegründet, wohl auch um die

Position Bozens gegenüber den beiden nahegelegenen

Universitätszentren Trient und Innsbruck zu

stärken. Um Doppelangebote zu vermeiden wurden

7

folgende genau definierte Forschungsbereiche festgelegt:

1. Sprache und Recht

2. Minderheiten und Autonomien

3. Nachhaltige Entwicklung

4. Management und Unternehmenskultur

5. Lebenswissenschaften

Zehn Institute mit den jeweiligen zielgerichteten

Forschungsprogrammen werden diesen Bereichen

gerecht. Nur einige davon seien hier erwähnt:

im Interesse der spezialisierten Verständigung

und Vielsprachigkeit wird an der Harmonisierung

der im Alpenbereich in Verwendung stehenden

juristischen Terminologie gearbeitet. Zum Studium

des Föderalismus und Regionalismus konzentriert

sich die Forschung auf die modernen Verlagerungsprozesse

der Regierungsgewalten in Richtung

des Dezentralismus und auf konstitutionelle Reformen.

Die Eurac-Institute, die sich mit regionaler

Entwicklung und erneuerbaren Energien beschäftigen,

untersuchen die eng mit der Ökologie in allen

ihren Erscheinungsformen verbundenen Probleme.

Was das Erfordernis der Effizienz und Modernisierung

der öffentlichen Verwaltung betrifft,

agiert das Eurac- Institut für Public Management.

Daneben sei noch das Institut für genetische Medizin

genannt, das das Zusammenwirken von Ge-

45

DIE

BIBLIOTHEK

DER ABTEI

VON MURI-

GRIES


SCHULE FÜR

DOKUMEN-

TARFILM

ZELIG

UNIVERSI-

TÄTSBIBLIO-

THEK

7

nen, Krankheiten und Umwelt studiert und Daten

von Bewohnern isolierter Bergregionen dahingehend

untersucht. Jüngstes Kind der Eurac ist das

Institut für Mumien und den Iceman, das die gesamte

Forschung an der weltbekannten Gletscherleiche

koordiniert.

Überdies wurde eingegliedert in die Eurac auch

die Außenstelle des ständigen Sekretariats der Al-

46

Bozner KulturleBen BoznEr KulturlEBEn

penkonvention geschaffen, die als Hüterin des natürlichen

Ökosystems der Alpen fungiert.

Ihren Sitz hat die Eurac im Gebäude der ehemaligen

Gil. Die Geschichte dieser Baulichkeit, ihres

allmählichen Niedergangs und zögerlichen Wiederentdeckung

bis zu ihrer beispielhaften Renovierung

stellt einen wichtigen Part der jüngsten

Historie der Stadt Bozen dar. Zwischen 1934 und

1936 erbaut, um die Mitglieder der faschistischen

Jugendbewegung darin aufzunehmen, fiel dieser

Verwendungszweck mit Kriegsende natürlich weg:

der große Saal wurde zum Drusus-Kino umfunktioniert,

aus dem Turnsaal wurde ein Supermarkt.

Standortmäßig jedoch befand sich das Gebäude an

beneidenswerter Stelle, nächst dem Zusammenfluß

von Talfer und Eisack, wo der alte Stadtkern auf die

Neustadt trifft.

1995 wurde schließlich zur Umgestaltung des gesamten

neuen Sitzes der Eurac ein internationaler

Architektenwettbewerb ausgeschrieben, aus welchem

als Sieger Klaus Kada aus Graz hervorging. Das

bestehende Gebäude blieb zur Gänze erhalten und

auch die alte rötliche Farbgebung wurde ihm wiedergegeben,

die es von weitem schon erkennbar

macht. Diese Entscheidung ist umso begrüßenswerter,

da es sich dabei schließlich um ein bedeutendes

Zeitdokument einer für Italiens Architektur maßgeblichen

Epoche handelt. Als Gegenpol dazu wirkt

die klare, rationelle Formgebung des neuen Gebäudeteils,

dessen vorrangig in Glas gehaltenen Wände

den Komplex insgesamt hell und luftig erscheinen

lassen. Das Auditorium wurde in qualitativ hochwertigen

Materialien adaptiert und in Anbetracht

seiner äußeren Gliederung und der inneren Raumaufteilung

kann man das Ergebnis nun wohl als eines

der schönsten Gebäude der Stadt bezeichnen.

ZELIG - Schule für Dokumentarfilm,

Fernsehen und neue Medien

Mit der Schule Zelig steht eine der wenigen Institutionen

zur Verfügung, die in Europa eine spezielle

Ausbildung auf dem Gebiet des Dokumentarfilms

anbieten.

Zelig bezieht ihren Namen von dem gleichlautenden

Film von Woody Allen und hat sich seit

ihrer Gründung im Jahr 1988 ständig vergrößert.

Heute ist sie in drei akademische Jahrgänge gegliedert

und konzentriert sich auf die Erfordernisse

des Dokumentarfilms in den Bereichen Aufnahme

und Montage.

In Zeiten, in denen der kulturelle Wert von Fernseh-

und Filmproduktionen zu schrumpfen scheint,

während der Medieneinfluß auf unsere Gesellschaft

konstant zunimmt, ist eine fundierte Ausbildung

auf diesem Kunstgebiet als großer Vorteil anzusehen.

Kreative junge Menschen mit Interesse für

Technik, die bereit sind, ihr Fachwissen mit Energie

und Einsatzbereitschaft auf dem Gebiet des

Spezialfilms und des Fernsehens einzubringen, werden

immer mehr gesucht.

Die Übereinstimmung der schulischen Vorgaben

mit den Erfordernissen des Arbeitsmarktes hat sich

als Erfolgsfaktor erwiesen: 80 % der Absolventen

haben bereits eine Anstellung im Bereich Audiovision

gefunden und der Rest setzt seine Studien auf

akademischem Niveau oder im Bereich von Kino-

Universitäten in Italien oder im Ausland fort.

Centro Trevi

Das Gebäude in der Kapuzinergasse, welches zuerst

jahrelang das Cinema Roma beherbergte, wurde

von der Autonomen Provinz Bozen erworben

und schließlich der italienischen Kulturabteilung

als Mehrzweckgebäude für ein weitgefächertes Angebot

an kulturellen Aktivitäten überantwortet.

Das Gebäude verfügt über zwei Säle mit insgesamt

mehr als 300 Plätzen fûr Konferenzen und Ausstellungen.

Im Trevizentrum sind das Audiovisuelle Zentrum

(für den Verleih von audiovisuellem Material) und

das Multisprachzentrum (mit mehr als 10.000 Texten

und Unterlagen in verschiedenen Sprachen,

einem Lesesaal und Multimedia-Kursen) untergebracht.

Mit jedem Jahr konnte das Zentrum Trevi sich eines

vermehrten Zuspruchs erfreuen und stellt heute die

7

lebendigste und repräsentativste Einrichtung für die

italienische Sprachgruppe in Bozen dar.

Das Südtiroler Kulturinstitut

Hauptsächlichster Vertreter der deutschsprachigen

Kultur ist das Südtiroler Kulturinstitut. 1954

gegründet, hat es seinen Wirkungskreis allmählich

auf alle Bereiche der kulturellen Aktivitäten

vom Sprechtheater bis zu Konzerten, von der Literatur

bis zu Kunstausstellungen, von verschiedensten

wissenschaftlichen Konferenzen bis zu Publikationen

über Geschichte und lokale Fragen ausgedehnt.

Seine Zielsetzung erkennt das Südtiroler

Kulturinstitut in der Fortführung und Festigung der

grundlegenden Kultur der deutschsprachigen ethnischen

Gruppe sowohl durch die Belebung der vor

Ort vorhandenen kulturellen Ressourcen als auch

durch die Pflege der Beziehungen zu den deutschsprachigen

Kulturströmungen Mitteleuropas auf allen

Gebieten der schönen Künste und des Schauspiels.

In der Theatersaison werden vom Haus der Kultur

Stücke mit erstrangigen Vertretern der bedeutendsten

Schauspielhäuser Österreichs und Deutschlands

zur Aufführung gebracht, sehr zur Freude aller

Theaterfreunde, die darin eine wertvolle Ergänzung

des Kulturangebotes der Stadt erkennen. Große

Bedeutung wird auch dem Theater für Jugendliche

und für Kinder beigemessen, denen auf diese

Weise neben der Schule ein vielfältiges, junges

und für Neues offenes Kulturverständnis nahegebracht

wird. Bedeutende Schriftsteller werden zur

Präsentation ihrer Werke nach Bozen eingeladen

und es werden auch Preise für hervorragende Leistungen

auf den Gebieten der Literatur, Kunst und

Wissenschaft ausgeschrieben. Nicht zu vergessen

auf die wichtige Funktion des Südtiroler Kulturin-

47


EUROPÄISCHE

AKADEMIE EURAC

7

48

Bozner KulturleBen BoznEr KulturlEBEn

stituts als Herausgeber periodisch erscheinender,

für die deutschsprachige Kulturwelt bedeutender

Publikationen.

Upad- Università Popolare

delle Alpi Dolomitiche

Seit ihrer Gründung im Jahr 1966 hat die Upad

ihr reichhaltiges Angebot von berufsausbildenden

Kursen bis zu Kunst- und Kulturwerkstätten für alle

Altersklassen noch weiter vergrößert und bietet

neben Ausbildung in Vortrag/Diskussion Kulturkurse,

Unterstützung für Universitätslehrgänge

und Projekte des Europäischen Sozialfonds. Die

Zentrale der Upad in der Florenzerstraße 51 verfügt

über Büros, eine Bibliothek, Hörsäle mit Audiovideo-

und Informatikeinrichtungen, ein Auditorium

mit 150 Plätzen sowie Turnsäle.

Bibliotheken

Gegenwärtig verfügt Bozen über drei ausgezeichnete

öffentliche Bibliotheken, die Stadtbibliothek

Battisti, die deutsche Bibliothek Friedrich

Tessmann, sowie die italienische Bibliothek Claudia

Augusta. Ein sich zur Zeit in der Endphase befindendes

Projekt sieht die Zusammenlegung dieser

drei Bibliotheken in einem Gebäudekomplex

auf dem Areal der aufgelassenen Volks- und Mittelschule

Longon vor. Das Angebot dieses neuen

Bibliotheksviertels wird sich dann auf über eine

Million Bücher/Medien belaufen, zuzüglich Zeitungen,

Zeitschriften, Kassetten, CD und CD-Rom,

DVD, Spiele, Internet, Mikrofilme und sämtliche Informations-

und Informatikträger neuester Generation.

Gemeinde und Provinz als

Promotoren des Kulturlebens der Stadt

An dieser Stelle muß aber auch erwähnt werden,

welch maßgebliche Rolle die öffentliche Hand in

der Kulturförderung Bozens spielt.

Gemeinde und Provinz Bozen sind zu Hauptfiguren

des Kulturlebens der Stadt geworden, sowohl

indirekt, indem sie die vorhandenen verschiedenen

Kulturverbände finanziell unterstützen, als auch

direkt, da sie über das ganze Jahr verteilt eine Reihe

von Veranstaltungen organisieren.

Das Gemeinde-Amt für Kultur betreibt die Kunstgalerie

am Dominikanerplatz, hat Schloß Runkelstein

in ein Museums- und Kongreßzentrum umgestaltet,

organisiert Veranstaltungen wie “Bozner Sommer”

und “Bozner Kindersommer” sowie eine Vielfalt von

Ereignissen in Form von Konzerten, Theateraufführungen,

Lesungen, bis hin zu Sportveranstaltungen,

Spielen im Freien oder Straßentheater.

Noch mannigfaltiger und intensiver sind die Bemühungen

der Autonomen Provinz, die ihren Aufgaben

im Kultur- und Lehrbereich mit Hilfe von

drei Abteilungen für Aktivitäten in deutscher, ladinischer

und italienischer Sprache nachkommt.

Die Abteilung Deutsche Kultur und Familie schafft

7

den Rahmen für kulturelle Arbeit und Entwicklung

in Südtirol. Sie nimmt auch Einfluss auf die kulturellen

Belange der Bevölkerung in Form von Bildungsangeboten,

Einbringen von gesetzlichen

Vorschlägen, Vernetzungsarbeit, Qualitätsinitiativen,

Pilotprojekte u.a.m. Die Abteilung betreut

auch die sprachgruppenübergreifenden Bereiche,

wie z.B. die Museen, die Familienbildungsarbeit,

die autonomen kulturellen Körperschaften und die

Landesbeteiligung an Stiftungen und Vereinen.

Bozen kann sich der Tatsache rühmen, daß in den

vergangenen Jahren viele neue Einrichtungen entstanden

sind und auch einen zeitgemässen Standort

erhalten haben. Das Land Südtirol hat daran

wesentlichen Anteil: mit der Errichtung der Eurac,

der Universität, des Archäologiemuseums, des

Konzerthauses, mit der Mitfinanzierung des Stadttheaters

u.s.w.

Mit dem Neubau des Museion erhält in der Landeshauptstadt

auch die bildende Kunst eine zeitgemäße

Heimstätte: für Sammlungen, Dauer- und

Wechselausstellungen, für eine Bibliothek, für vielfältige

Vermittlungstätigkeiten. Das neue Museion

widmet sich der Kunst des 20. Jahrhunderts und

der Zeitgenössischen Kunst.

Das Amt für Weiterbildung hat sich zum Ziel

gesetzt, bestehende Lücken im Weiterbildungsbereich

auszumachen und durch die Umsetzung von

Modellprogrammen zu füllen.

Die Berichte über das Kulturgeschehen in Bozen

wie in ganzen Südtirol erscheinen zweimal jährlich

und sind im Amt für Kultur kostenlos erhältlich.

49


AUFFÜHRUNG DES HAYDN-

ORCHESTERS IM AUDITORIUM

7

50

Bozner KulturleBen

BozEn und diE musiK

8 Bozen

8

BozEn und

diE musiK

51

verdankt die Reichhaltigkeit seines

Musiklebens der abwechslungsreichen Entstehungsgeschichte

und Vielfalt seiner Gesellschaftsstruktur.

In der deutschsprachigen Welt wird die Tradition

der Hausmusik noch immer hochgehalten: Klavier,

Blas- und Saiteninstrumente werden ebenso gerne

und rege gepflogen wie Arien- und Liedgesang.

Jedoch auch an Volksmusikdarbietungen fehlt es

nicht und häufig sind es die Mitglieder einer einzigen

Familie, die eine ganze Musikgruppe aufzustellen

vermögen und als solche aus dem rein familiären

Kreis heraustreten, um sich in der Öffentlichkeit

zu produzieren. Die Hausmusik ist ein nicht zu

unterschätzender, grundlegender Bestandteil der

Bozner Musikkultur und “Musik machen” bedeutet

hier mehr, als eine rein passive Teilnahme an Konzertsaal-Aufführungen:

hier liegt die Musik wahrhaft

in der Luft, sie ist Teil des täglichen Lebens,

wird zu einem sozialen Faktor, führt zu Freundschaften

und ist häufig Ursache einer generellen

Verfeinerung von Geschmack und Stimmungen.

Im italienischsprachigen Bereich wird allgemein

dem Chorgesang und hierbei wieder den Bergliedern

der unbestrittene Vorrang eingeräumt. Träger

ist das Volk selbst, das nach jahrhundertelangem

Leben in den Alpentälern in den langsamen, kadenzierten

Weisen, den weit ausgelegten, schwermütigen

Melodien sein eigentliches Wesen besser

zum Ausdruck bringt als dies in jeder anderen

Kunstform möglich wäre; diese Musik ist Spiegel

der harten Anforderungen des täglichen Lebens,

des Gottvertrauens, der Liebe zum Vaterland, zu

einer Frau, der Dramatik von Krieg und Emigration,

der Demut und Bescheidenheit angesichts der Grö-


KONSERVATO-

RIUM MONTE-

VERDI: ARTURO

BENEDETTI

MICHELANGELI-

SAAL

8

ße und Schönheit der Schöpfung. Dem Berg als Lebensraum,

als Anstoß für physische und psychische

Höchstanforderungen, für vollkommene geistige Verinnerlichung

wird in diesen Gesängen gehuldigt; sie

sind Ausdruck zeitloser menschlicher Gefühle. Auch

heute noch ist es diesen Liedern gegeben, die ihnen

eigene Faszination auf ihr Publikum auszuüben: dies

beweist der große Zuspruch, den die zahlreichen Darbietungen

der vier Chorvereinigungen der Stadt (Coro

Rosalpina, Coro Laurino, Coro Castel Flavon, Coro

Monti Pallidi) oder auch der aus anderen Gebirgsorten

stammenden Gastchöre finden..

Zentraler Angelpunkt aller musikalischer Initiativen

der Stadt ist das Musikkonservatorium “Claudio

Monteverdi”. Aus der Notwendigkeit geboren, in einem

Ambiente, in dem der Musik bereits von der Kinderstube

an ein fixer Platz im Leben der Bewohner

eingeräumt wird, ein anspruchsvolles Angebot zu bieten,

hat sich das Konservatorium rasch zu einer der

bedeutendsten Institutionen von Stadt und Provinz

entwickelt. Seit der Gründung 1940 ist es im Dominikanerkloster

am gleichnamigen Platz untergebracht;

der große Saal im Inneren ist nach dem großen Pianisten

Arturo Benedetti Michelangeli benannt, der

hier in der Zeit von 1950 bis 1959 unterrichtete. Hier

finden die Kammermusikkonzerte des Konzertvereins

statt, aber auch die Veranstaltungen des Vereins der

Freunde der Opernmusik, der Reisen zu den bedeutendsten

Opernhäusern Italiens und des Auslands organisiert.

Die verschiedenen Festivals sakraler, antiker

52

Bozen und die Musik BozEn und diE musiK

und zeitgenössischer Musik werden zusätzlich auch in

anderen Sälen, Privaträumlichkeiten und Kirchen innerhalb

und außerhalb der Stadt abgehalten.

Einige der bekanntesten italienischen Musiker zählten

zu den Direktoren und Lehrern des Bozner Musikkonservatoriums,

ohne welches es weder den Pianistenwettbewerb

F.Busoni noch das Haydn-Orchester

noch all die anderen heute in Bozen bestehenden

Konzertveranstaltungen und sonstigen musikalischen

Ausbildungsmöglichkeiten gäbe.

Das Haydn-Orchester von Bozen und Trient

Das Haydn-Orchester wurde 1960 auf Initiative

der Provinzen und Gemeinden von Bozen und Trient

gegründet.

Das Orchester hat 46 ständige Mitglieder; hinzu

kommen andere Instrumentalisten nach jeweiligem

Bedarf der Aufführungen; die bedeutendsten Solisten

Italiens sind bereits mit dem Haydn-Orchester

aufgetreten. In den mehr als 45 Jahren seines Bestehens

brachte die Vereinigung ein weitgefächertes

Repertoire angefangen vom Barock bis zu zeitgenössischen

Musikwerken zur Aufführung.

Seinen festen Sitz für Konzerte und Proben hat das

Haydn-Orchester nun im Auditorium in der Dantestraße,

einem für die Stadt aus kultureller Sicht

sehr wichtigen Gebäude, finden dort doch zahlreiche

musikalische Veranstaltungen statt. Nach dem

Ankauf des alten Cinema Augusteo durch die autonome

Provinz wurde es in ein neues und sehr elegantes

Veranstaltungsgebäude umgewandelt. Dieses

verfügt über zwei Säle, den Großen Saal mit

8

641 Plätzen, in welchem die Musiksaison des Orchesters

stattfindet, und den Kleinen Saal von 120

m² im Souterrain für kleinere Veranstaltungen.

Internationaler Pianistenwettbewerb

“Ferruccio Busoni”

Diese Veranstaltung ist aufgrund der hohen künstlerischen

Anforderungen durchaus zu den bedeutendsten

Pianistenwettbewerben der Welt zu rechnen.

Bis 2001 noch alljährlich abgehalten, findet

er heute alle zwei Jahre statt, alternierend mit einem

“Festival Busoni” mit Klavier- und Orchesteraufführungen.

Ein Gewinn beim Busoni-Wettbewerb stellt für

jeden jungen Pianisten ein erstrebenswertes Ziel

und ein sicheres Sprungbrett für das weitere Vorwärtskommen

dar.

Europäische Jugendorchester

Als einzige unter den italienischen Städten ist

Bozen Sitz von zwei der angesehensten europäischen

Jugendorchester, nämlich des European

Union Youth Orchestra und des Gustav Mahler

Jugendorchester. 1986 hat die Stadt erstmalig

den aus ganz Europa stammenden jungen Menschen,

die Mitglieder dieser Orchester sind, festen

Wohnsitz angeboten. Claudio Abbado, der vom

53

EINGANG ZUM

KONSERVATORIUM,

VERANSTALTUNGSORT

DER INTERNAT. BU-

SONI-WETTBEWERBE

EUROPÄISCHES JU-

GENDORCHESTER


CLAUDIO

ABBADO, EH-

RENBÜRGER

DER STADT

BOZEN

GUSTAV

MAHLER-JU-

GENDORCHE-

STER

8

Bozner Gemeinderat zum Ehrenbürger der Stadt ernannte

Gründer und Leiter der Orchester, hat der

Stadt gegenüber seine Anerkennung und Dankbarkeit

dafür zum Ausdruck gebracht, daß es ihr gelungen

sei, erstrangige Musikinstitutionen ins Leben

zu rufen und der Arbeit mit Jugendlichen große

Aufmerksamkeit zu widmen.

Die beiden Orchester halten hier ihre Proben für

die jährlichen Tourneen ab, die sie in die bedeutendsten

Konzert- und Opernsäle der Welt führen.

Die Konzertpremieren aber finden jeweils in Bozen

54

Bozen und die Musik BozEn und diE musiK

statt und sind Anlaß, von einem enthusiastischen

Publikum begrüßt zu werden. Die langandauernde

Anwesenheit so vieler junger Menschen mit all ihren

verschiedenen Sprachen und Unterschieden in

Verhalten, Kleidung, Gewohnheiten und Aussehen

animiert und macht das Leben in dieser Stadt abwechslungsreich

und bunt.

Gustav-Mahler-Akademie

1999 auf Anregung von Maestro Claudio Abbado

ins Leben gerufen, stellt die Gustav Mahler-Akademie

- Musik und Jugend das logische Ergebnis

der bereits seit Jahren zwischen der Stadt Bozen

und dem GM-Jugendorchester bestehenden intensiven

künstlerisch-organisatorischen Zusammenarbeit

dar. Die Stiftung organisiert jedes Jahr im Oktober

Masterkurse für aus ganz Europa kommende

junge Musiker und Musikerinnen zwischen 18

und 26 Jahren.

Musikstadt Bozen

Das Musikleben Bozens erschöpft sich jedoch

nicht in diesen herausragenden Institutionen. Hier

befassen sich viele beruflich mit Musik, viele andere

aber möchten auch nur ihre Musikkenntnis-

se privat und zur Vervollständigung ihres persönlichen

Kulturniveaus erweitern. Um diesen Bedürfnissen

entgegenzukommen, hat die Autonome Provinz

mit Landesgesetz von 1977 zwei Musikschulen,

eine für die deutsche und ladinische und eine

für die italienische Sprache, ins Leben gerufen.

Institut für Musikerziehung

in deutscher und ladinischer Sprache

Die deutschsprachigen Musikschulen Bozens sind

in zwei Schulstellen untergebracht: am Grieser

Platz in einem schönen restaurierten Gebäude aus

dem 19. Jahrhundert und in der Franziskanergasse

in der Altstadt. Etwa 1300 Schüler werden von

8

über 40 Lehrkräften betreut.

Das Angebot reicht von musikalischer Früherziehung

für Kinder ab dem fünften Lebensjahr, über

Sing- und Chorstunden für jede Altersgruppe, bis

zu Instrumental-Ausbildung, Kammermusik und

Theorieunterricht.

Die Musikschule Bozen ist eine der ganz wenigen

im Lande, die auch Unterricht im Orgelfach anbieten.

Sowohl Studierende der Kirchenmusikschule

als auch andere Interessenten können hier einen

qualifizierten Unterricht geniessen.

Diese so verschiedenen musikalischen Darbietungen

und Veranstaltungen leisten einen nicht unwesentlichen

Beitrag zum sozialen und kulturellen

Leben von Bozen.

55


9

56

TheaTer und

KulTurveransTalTungen

thEatEr und

KulturvEranstaltungEn

9

thEatEr und

KulturvEranstaltungEn

9 d as Stadttheater

57

Am 9. September 1999 wurde das Bozner

Stadttheater feierlich eingeweiht. Das nach

einem Entwurf des Mailänder Architekten Marco

Zanuso - einem der angesehensten italienischen

Architekten - errichtete Gebäude kann als Perle in

der jüngsten städtebaulichen Entwicklung Bozens

betrachtet werden und ist zum Treffpunkt für alle

Kulturbegeisterten aus Bozen und aus ganz Südtirol

geworden. Monatlich werden dort zwischen

30 und 50 Veranstaltungen abgehalten: Theater-,

Ballett-, Opern- und Musicalaufführungen.

Es verfügt über einen Großen und einen Kleinen

Saal sowie über einen Probenraum.

Der als Herzstück des Theaters anzusehende Große

Saal bietet 810 Personen für ein breitgefächertes

Nutzungsangebot, darunter auch für Kongresse,

Platz. Die 180 m² große Drehbühne kann bis

zu 8 m tief abgesenkt werden und ermöglicht dadurch

einen raschen Szenenwechsel.

Der ein Stockwerk tiefer gelegene Kleine Saal,

auch Kammertheater genannt, faßt 272 Personen

und kann für die unterschiedlichsten Veranstaltungen

genutzt werden: Kammerkonzerte, experimentelles

Theater, Theater für die Jugend, Fernsehaufzeichnungen,

u.s.w. Hier sind hervorragende

technische und architektonische Lösungen zum

Einsatz gekommen.

Der Probenraum schließlich befindet sich am

Top des Theaters, im Aussichtsturm, und besitzt

eine Fläche von 278 m².

Die Außenansicht des Theaters ist auch erwähnenswert:

hier finden sich wieder jene Erker, die


INNEN- UND AUSSEN-

ANSICHT DES THEATER

CRISTALLO

9

58

TheaTer und

KulTurveransTalTungen

als typisches Bauelement allenthalben an Bozner

Häusern auftauchen, wo der Erker Licht und Wärme

ins Innere bringen und gleichzeitig die Sicht nach

Außen erleichtern soll.

Gleich drei Institutionen sind im Stadttheater untergebracht:

das italienischsprachige Teatro Stabile,

die deutschsprachigen Vereinigten Bühnen Bozen

(VBB) und die Stiftung Stadttheater und Konzerthaus.

In dem 1950 vom Regisseur Fantasio Piccoli gegründeten

Teatro Stabile gelangen während der

Saison Theaterstücke zur Aufführung und von hier

aus werden sowohl in Eigenregie als auch im Austausch

mit anderen öffentlichen oder privaten Organisationen

Aufführungen in den größten Ortschaften

der Provinz organisiert.

Desgleichen läßt sich von den Vereinigten Bühnen

Bozen sagen, denen die Programmgestaltung

für deutschsprachige Aufführungen obliegt und die

ein reichhaltiges Angebot verschiedenster Veranstaltungen

bieten.

Die Stiftung Stadttheater und Konzerthaus

Bozen wurde im Jahr 2000 gegründet, um diese

beiden Institutionen zu betreiben und hat drei

Hauptaufgaben: die Organisation der Opern- und

der Ballettsaison sowie des Bozner Ballettsommers,

das berufliche Weiterbildungsprogramm,

die Verbreitung der Eigenproduktionen auch außer

Landes. Im Laufe der Jahre konnte sich die

Stiftung dank ihrer mit viel Originalität und Perfektion

umgesetzten Bühnenproduktionen (Oper,

Ballett und Musical) einen festen Platz in der nationalen

und ausländischen Szene erobern. Ebensogroße

Bedeutung kommt auch dem Bozner Ballettsommer

zu, der nebst den Großereignissen

mit Vertretern internationalen Ranges auch zahlreiche

Nebenveranstaltungen für alle Alters- und

Geschmacksklassen bietet.

Theater Cristallo

Am 1. Dezember 2005 hat das Theater Cristallo in

der Dalmatienstrasse nach dreißig Jahren des Stillschweigens

seine Pforten für das Viertel, die Stadt

thEatEr und

KulturvEranstaltungEn

und alle jene, die vor einem halben Jahrhundert

seinerzeit sein Entstehen miterlebt hatten, wieder

geöffnet. 1954 als provisorische Kirche errichtet

und in weiterer Folge zu einem Lichtspieltheater

umfunktioniert, nachdem es von der RAI

als Produktionsstätte für die deutschsprachigen

Stücke des Senders IV Bozen benützt worden war,

wurde es zum Sitz des Haydn-Orchester. Als dieses

schließlich in seine definitive Niederlassung

im Auditorium umzug, war der Weg frei für eine

Umgestaltung und Renovierung des Gebäudes,

worin sich nun nebst dem Theatersaal auch noch

die Büros des Bürgerzentrums, das Jugendzentrum

und die Tagesstätte für Senioren befinden.

Das Theater Cristallo stellt heute mit einem Angebot

von 480 Plätzen, großen Räumlichkeiten

für Ausstellungen und meetings und dem Kulturcafé

ein wertvolles Instrumentarium für eine Kulturpolitik

dar, die bemüht ist, durch ein weitgefächertes

Veranstaltungsangebot möglichst viele

Menschen zu erreichen.

Das Theater Walther von der Vogelweide

- Haus der Kultur

In Bahnhofsnähe, nämlich hinter dem Landhaus,

liegt das als erstes Theater nach dem zweiten

Weltkrieg in Bozen errichtete Walther von der

Vogelweide-Theater. Seit damals werden hier vom

Südtiroler Kulturinstitut deutschsprachige Prosaund

Musikwerke zur Aufführung gebracht. Im Laufe

der Zeit wurde es mehrmals umgebaut und renoviert,

bis es in seiner heutigen Form bis zu 536

Zuschauern in einem durch perfekte Akustik ausgezeichneten

und den raffiniertesten technischen

Anforderungen entsprechenden Saal Platz bietet.

Gänge und Foyer sind großzügig gestaltet, sodaß

hier auch häufig lokale Künstler ausstellen. Im

Souterrain liegt ein Konferenzzimmer mit bis zu

136 Plätzen, Projektionsanlage, Simultankabinen

und dergleichen mehr.

Im Laufe der Jahre gelangte ein Großteil des

klassischen und modernen Repertoires der hervorragendsten

österreichischen, deutschen und

9

59

DEUTSCHES THEATER

HAUS DER KULTUR


STADTTHEATER:

INNENANSICHT

GRIESER

STADTTHEATER

9

schweizer Theatervereinigungen auf dieser Bühne

zur Aufführung. Aber auch das Tiroler Dialekttheater

tritt hier auf und vermittelt mit viel Humor

und Liebe zum Detail Gebräuche, Wertvorstellungen,

Gebaren und Denkweise einer noch nicht

ganz versunkenen bäuerlichen Welt in der ihr eigenen

Mundart.

60

TheaTer und

KulTurveransTalTungen

Grieser Stadttheater

Lange Jahre der Sitz des Teatro Stabile und nach

dem vernichtenden Brand von 1988 wieder neu

aufgebaut, kann das Grieser Stadttheater mit seinen

376 Plätzen heute mit Recht als kleines Juwel

bezeichnet werden, wo ein Programm von hohem

Niveau zur Aufführung gelangt. In dem amphietheaterförmigen

Saal organisiert die Theatervereinigung

Nuovo Spazio seit einigen Jahren Aufführungen,

zu welchen die besten Amateurbühnen

Italiens eingeladen sind. Im Bemühen, das Dialekttheater

mit seinen bedeutendsten Vertretern

hochzuhalten, gehen hier Produktionen oft zu Unrecht

in Vergessenheit geratener oder unbeachtet

gebliebener Autoren über die Bühne.

Carambolage und Theater im Hof.

Zwei weitere Kleinbühnen liegen im historischen

Stadtkern; sie sind trotz ihrer Kleinheit sehr aktiv

und bemühen sich jede um eine ganz eigene,

avantgardistische Kunstform. Das Carambolage in

der Silbergasse ist ein Cabaret und bietet an kleinen

Tischchen ein Speisen- und Getränkeangebot

thEatEr und

KulturvEranstaltungEn

vor, während und auch noch nach den Vorführungen,

die mit Musik, Varieté, Komikern, Solisten

und kleinen Jazzgruppen, Pantomimen und mehr

ein Programm für ein heterogenes Publikum ohne

sprachliche Bindungen bieten. Das Theater im Hof

am Kornplatz hat sich auf zwei Kunstformen spezialisiert:

einerseits bringt es sowohl in Form von

Eigen- als auch von Fremdproduktionen Theater für

Kinder und Jugendliche und andererseits ist es auf

Stücke ausgerichtet, die die heutige Stellung der

Frau, ihre Probleme und ihre Rolle in der Gesellschaft

behandeln.

Transart

Bei Transart handelt es sich um ein einmal jährlich

im September stattfindendes Festival zeitgenössischer

Kultur, das an völlig unüblichen Orten

Musik- und Kunstprojekte organisiert. Seit dem

9

Erstversuch, der zur Gänze in Bozens Industriezone

teils in einer Busgarage und teils in einem Metallwerk

stattfand, hat Transart seinen Aktionsradius

erweitert und sich zu einem Festival gewandelt,

das nun in diversen Etappen an unterschiedlichen

Orten über das ganze Trentino und Südtirol

verstreut abgehalten wird. Längs der Nord-Süd verlaufenden

Brennerachse hat es sich diese Initiative

zur Aufgabe gesetzt, mittels innovativer Musik-

und Kunstprojekte eine überregionale und grenzüberschreitende

Kulturplattform zu schaffen.

Kulturkreis La Comune

Abschließend sei noch der Kulturkreis La Comune

erwähnt, der bereits im Jahr 1971 seine Tätigkeit

als Promotor unkonventioneller, ganz und gar

nicht institutioneller Stücke begonnen hatte; seit

damals hat er seinen Aktionsradius soweit ausgedehnt,

daß er heute mit einem reichhaltigen Angebot

an Prosa, Musik und Film das ganze Jahr

über sehr aktiv vertreten ist. In der Wintersaison

finden seine diversen Abonnementveranstaltungen

in den verschiedenen Theatersälen je nach

Verfügbarkeit an Plätzen statt und im Sommer bietet

er Freiluft-Kinoaufführungen vor beachtlichen

Zuschauermengen. Ihm ist es auch zu verdanken,

daß verschiedene Schauspieler und Stücke nach

Bozen kamen, die ansonsten in die Saisonvorführungen

der anderen Institutionen keinen Eingang

gefunden hätten.

61

BOZNER

BALLETTSOMMER

TRANSART 2006:

MUSIKFABRIK &

FREYER ENSEMBLE

©TRANSART 2006


10

62

Der Mann aus DeM eis

10 das

10

dEr mann

aus dEm Eis

Archäologische Museum in Bozen bewahrt

einen der weltweit berühmtesten menschlichen

Funde, der Bozen unter die Pflichtziele

europäischer Reisebewegungen eingereiht und

somit das Klima in dieser Stadt insoweit erheblich

verändert hat, als sich nun hier Besucher aus aller

Welt einfinden, um mit eigenen Augen den stummen

Zeugen einer so lang zurückliegenden Zeit zu

betrachten.

Seine Einzigartigkeit verdankt er dem Umstand,

daß er, von einem plötzlichen Unfalltod betroffen,

vollständig mitsamt Kleidung und Ausrüstung erhalten

blieb, ohne regulär bestattet worden zu sein.

Erstmals in der Geschichte der Medizin und der Archäologie

war es möglich, einen ins vierte Jahrtausend

v. Chr. zu datierenden Leichnam anatomisch

zu untersuchen und derart alte Kleidungsstücke und

Geräte eingehend zu studieren.

Mit Hilfe fortschrittlichster Untersuchungsmethoden

konnten bislang unbekannte Einzelheiten aus

dem Leben der Menschen der Neusteinzeit, ihrer Lebensbedingungen

und ihrer außerordentlichen Anpassungsfähigkeit

aufgedeckt werden.

Um die Konservierung der Mumie zu gewährleisten,

wurde ein ganzes Stockwerk des Archäologischen

Museums umgestaltet, mit den raffiniertesten technischen

Einrichten ausgestattet und am 28. März

1998 wieder eröffnet.

Sämtliche Begebenheiten rund um den Mann aus

dem Eis - die Entdeckung der Mumie und ihre Entnahme

aus dem Eis, die ganze Geschichte der diesbezüglichen

Grabungsarbeiten, die klinischen Untersuchungen

- sind schriftlich, filmisch, sowie in Photos

und mit Hilfe interaktiver Multimediadarstellun-

63


Die Entdeckung

10

gen in allen Einzelheiten veranschaulicht.

Die Mumie selbst ist in einer

Kühlzelle untergebracht, einer in ihrer

Art einzigartigen Anlage, wo der Mann

aus dem Eis nun bei einer Temperatur

von -6 Grad seine Ruhestätte gefunden

hat. Eine Öffnung von 40x40 cm

gestattet den Besuchern, ihn zu betrachten.

Es ist der 19. September 1991 gegen 13:30h, als

ein deutsches Touristenpaar aus Nürnberg sich auf

dem Abstieg vom Hauslabjoch an der Wasserscheide

zwischen dem Vintschgau und dem Ötztal befindet.

Am Rande eines felsigen Beckens in 3.210 m Höhe

ü.M. entlanggehend, bemerken sie unversehens

etwas Dunkles, das aus dem Wasser ragt. Nähertretend

gewahren sie mit Bestürzung, daß es sich um

einen menschlichen Leichnam handelt und nehmen

an, vermutlich den Körper eines vor vielen Jahren

zu Tod gekommenen Alpinisten gefunden zu haben,

der nun erst wieder zutage kam, nachdem ihn das

ewige Eis aufgrund des seit einigen Jahren allenthalben

in den Alpen vorherrschenden Gletscherschwunds

wieder freigegeben hatte. In der Berghütte

am Similaun angekommen, melden sie ihren

Fund dem Wirt, der seinerseits die Gendarmerie in

Sölden/Österreich und die Carabinieri von Schnal-

64

dEr mann aus dEm Eis dEr mann aus dEm Eis

stal/Italien verständigt. In den folgenden Tagen

begeben sich viele Menschen vor Ort, doch keiner

von ihnen ahnt, daß binnen Kurzem dieser Tote und

seine Ausrüstung zu Weltruf gelangen würden.

Zuerst wird der Tote geborgen: dies erfolgt aufgrund

des einsetzenden Schlechtwetters mit Hilfe

eines Hubschraubers gegen Mittag des 23. September;

nachdem er in das gerichtsmedizinische Institut

von Innsbruck verbracht worden ist, wird am

Dienstagmorgen, dem 24., ein Archäologe hinzugezogen,

Prof. Conrad Spindler, Ordinarius für Vorund

Urgeschichte, der anhand der bei dem Toten

aufgefundenen Axt, diesem ein Alter von mindestens

4.000 Jahren zuschreibt. In weiterer Folge

wird diese Einschätzung mit Hilfe von in vier verschiedenen

Instituten in Europa und Amerika angestellten

Radiokarbonuntersuchungen auf eine Zeit

zwischen 3.350 und 3.100 v.Chr. eingegrenzt.

Gar nicht so einfach war es, für den Toten einen

Namen zu finden. Mehr als 500, teils bizarre und

phantasievolle Vorschläge wurden eingereicht, bis

schließlich seine offizielle Bezeichnung am 2. Juli

1997 vom Bozner Landtag festgelegt wurde: L’uomo

venuto dal ghiaccio/Der Mann aus dem Eis.

Allerdings kennt man ihn auch unter der - ihrer

Kürze wegen weit gebräuchlicheren - Bezeichnung

“Ötzi”, einer Erfindung des Wiener Reporters Karl

Wendl in Anspielung auf das nächst dem Fundort

endende Tiroler Ötztal.

Expertenteams aus aller Welt sind immer noch mit

der Untersuchung und Aufarbeitung der einzelnen

Aspekte des Lebens von Ötzi befaßt. Zum Zeitpunkt

seines Todes war er vollständig bekleidet; in minutiöser,

geduldiger Kleinarbeit ist es den Restauratoren

gelungen, die einzelnen Teile seiner Bekleidung

zu rekonstruieren: eine Mütze, die Oberbekleidung,

ein Paar Beinkleider, ein Gürtel, ein Lendenschurz,

ein Paar Schuhe und eine Grasmatte - alles

Gegenstände, die aufgrund der auf diesen Höhen

selbst im Sommer vorherrschenden niedrigen Temperaturen

durchaus verständlich erscheinen. Seine

Ausrüstung bestand in einem Bogen, einem Köcher

mit Pfeilen, einem Beil mit Kupferklinge, einer Rükkentrage,

einem Dolch mit Scheide, und zwei Behältern

aus Birkenrinde, typischen Gegenständen

für einen Jäger jener Zeit, der sich unter schwierigen

Lebensumständen in einer gefährlichen, wenn

nicht gar feindlichen Umwelt behaupten mußte. Uns

Heutigen jedoch bietet all dies die unvergleichliche

Möglichkeit, einen tiefen Einblick in die Alltagswelt

eines Alpenbewohners in der Kupferzeit zu tun.

Ein 5000 Jahre alter Krimi: wie

starb der Mann aus dem Eis ?

Die Todesursache von Ötzi war lange Zeit Anlaß für

heftige Diskussionen und Vermutungen, bis man im

Juli 2001 dank einiger Röntgenaufnahmen in seiner

linken Schulter eine Pfeilspitze und am Rücken eine

kleine Hautverletzung entdeckte. Der Pfeil hat kein

lebenswichtiges Organ verletzt, ist jedoch tief eingedrungen

und machte erst knapp 15 mm vor der

Lunge Halt. Der Mann muß versucht haben, sich des

Pfeils aus seiner Schulter zu entledigen, der ihm vermutlich

bei jeder Bewegung starke Schmerzen verursachte.

Der Schaft dürfte sich auf diese Weise gelöst

haben, doch blieb die Spitze im Körper stecken.

Es steht außer Zweifel, daß dies für ihn das Ende bedeutete;

wohl starb er nicht auf der Stelle, sondern

kämpfte noch einige Stunden gegen den Tod an, bis

er sich schließlich seinem Schicksal ergab.

Wer ihn mit dem Pfeil getroffen haben mag und

warum - das bleibt natürlich ein Rätsel. Eine tiefe

Schnittwunde an der rechten Hand läßt auf einen

Kampf von Mann zu Mann schließen. Mit Sicherheit

steht nur die Verletzung an der Schulter

fest, wobei der Pfeil aus einer gewissen Entfernung

auf ihn abgeschossen worden sein muß, da er den

Körper nicht zur Gänze durchdrungen hat. Befand

sich Ötzi also auf der Flucht ? und vor wem ? oder

wurde er Opfer eines Hinterhalts ? eines Verrates ?

Da von seiner Ausrüstung nichts zu fehlen scheint,

ist wohl die Annahme, es könnte sich um Diebstahl

oder Raub gehandelt haben, auszuschließen. Es

wurde jedoch auch schon daran gedacht, daß er als

Schaf- oder Ziegenhirte attackiert worden sein mag,

als man ihm sein Vieh zu stehlen versuchte.

So bleiben noch viele Fragen bis auf weiteres unbeantwortet.

10

Die Mumie wird zum Medienstar

Noch kein archäologischer Fund hat bisher ein

derartiges Medieninteresse geweckt wie der Mann

aus dem Eis. Kaum war das aufsehenerregende Alter

der Mumie bekannt geworden, erschien Ötzis

Bild bereits auf den Vorderseiten der größten inund

ausländischen Tageszeitungen. Das Interesse

der Öffentlichkeit an dem Mann aus dem Eis ist

nie erlahmt; dies belegen allein schon die Warteschlangen

der Besucher vor dem Museum.

Da liegt es nahe, daß dieser außerordentliche

Fund innerhalb kürzester Zeit zu einer Quelle intensivster

Vermarktung mit den erstaunlichsten

Auswüchsen geworden ist: für Lieder und Postkarten,

Bonbons, Pizza und Eis ist er bereits Pate gestanden

und sein Bild prangt auf T-shirts und Weinetiketten.

Die Souvenirindustrie hat sich dieses

Fundes bemächtigt und ist dabei, die kommerziellen

Möglichkeiten, die der Mann aus dem Eis

zu bieten hat, voll und ganz auszuschöpfen.

Es wurden bereits auch zahlreiche Bücher

aufgelegt, in denen Ötzis Geschichte erzählt

wird; eines der ernstzunehmendsten,

das sich durch eine klare Darstellung

und große Vollständigkeit

der Angaben auszeichnet, verdanken

wir Angelika Fleckinger, die

das Museum seit 2005 leitet:

Ötzi, der Mann aus dem Eis.

Herausgeber: Folio. Dieses

Werk wurde auch als Grundlage

für die in diesem Kapitel

zitierten Fakten herangezogen.

65

ÖTZI, AUS-

GESTELLT IN

DER KÜHL-

ZELLE

VORIGE

SEITE: DIE

FUNDSTELLE


11

66

Bozen und der Sport BozEn und dEr sPort

11 in

11

BozEn und

dEr sPort

Bozen war der Sport schon immer zu

Hause und fast alle fühlen sich hier dazu

berufen. Bedenkt man die geographische

Lage dieser Stadt inmitten von Skigebieten,

Wander- und Klettermöglichkeiten, die wohl

zu den schönsten und berühmtesten der Welt

zählen, erscheint es kaum verwunderlich, daß

zu den am intensivsten gepflogenen Sportarten

der Bergsport mit Schifahren, Wandern

und Klettern zählt.

Das sportliche Talent der Bozner hat sich jedoch

auch schon in anderen Disziplinen manifestiert:

Klaus Dibiasi wurde zum besten

Wasserspringer der Welt gekürt, Antonella

Belluti hat zweimal olympisches Gold gewonnen,

Marco Zanetti zählt zu den welweit besten

Billardspielern und Ylenia Scapin zu den

Weltmeistern in Judo. Bozen hat Champions

im Wasserskifahren, Segeln, Triathlon und

Orientierungslauf hervorgebracht.

Abgesehen von diesen Leistungen von internationalem

Interesse werden noch viele andere

sportliche Tätigkeiten auf unterschiedlichstem

Niveau ausgeübt: laufen, wandern,

radfahren, schifahren, schwimmen; Statistikfreunden

sei verraten, daß mehr als 50 %

der Bevölkerung zumindest eine Sportart auf

Wettkampfniveau oder auch nur aus Liebhaberei

betreiben.

Die natürliche Umgebung der Bergwelt und

ihre Schönheiten bilden das ideale Szenario

für vielfältigste Aktivitäten im Freien,

die über die klassischen Sportarten hinausgehen:

Mountainbiking, Drachenfliegen, Pa-

67


GEMEINDE-

SCHWIMMBAD

VOLLEY-BALL

IN DER SPORT

CITY

11

68

Bozen und der Sport BozEn und dEr sPort

ragleiten, Klettern ohne Seil, Rafting, Extremski.

Zudem kann sich die Stadt Bozen und ihre Provinz

einer Besonderheit rühmen: die Anzahl der

hier befindlichen Schwimmbäder liegt weit über

dem nationalen Durchschnitt. Nicht von ungefähr

ist hier auch die berühmte Bozner Wasserspringschule

unter der Leitung von Giorgio Cagnotto

entstanden, der nach den großen Triumphen von

Klaus Dibiasi diese Tradition heute mit den Erfolgen

seiner Tochter Tania, einer Valentina Marocchi

und einer Laura Vettori auf Weltniveau fortsetzt.

Wie man sieht, sind hier in Bozen auch die

Damen beständig und stark im Sport vertreten.

Die rund 185 sportlichen Verbände in Bozen zählen

annähernd 25.000 Mitglieder und weisen die

verschiedensten Kategorien auf: 12 Fußballvereine,

9 Radfahr-, 5 Leichtathletik-, 7 Kampfsport-,

7 Eishockey-, 6 Volleyball und 4 Basketballclubs;

hinzu kommen amerikanischer Fußball, Baseball,

Billard, Kegeln, Boccia, Broomball, Kanufahren,

Schwimmen, Eiskunst- und -schnelllauf, Sportfischen,

Rugby, Fechten, Schlittenfahren, Reiten,

Tennis, Scheibenschießen, Bogenschießen, Tauchen

und Segelfliegen.

Die Ausübung all dieser Sportarten wird begünstigt

durch das Vorhandensein großzügig angelegter,

sehr funktioneller Anlagen. Für die Hockey-

Weltmeisterschaft 1994 wurde binnen Rekordbauzeit

der Eispalast “Palaonda/Eiswelle” mit einem

Fassungsvermögen von 7000 Plätzen errichtet.

Hier drängen sich aber nicht nur die Fans anläßlich

der einzelnen Wettkämpfe, sondern der

Bau wird auch immer wieder für Musikveranstaltungen

genützt, die auf internationales Interesse

stoßen. Auf dem weitläufigen Gelände nächst

dem Zusammenfluß von Eisack und Talfer liegt

mit einer monumentalen Vorderfront mit Säulen

und Fenstern das Drususstadion für professionellen

Fußball ebenso wie der Lido, ein nicht ausschließlich

dem Sport zugeeignetes Gebäude sondern

eher für Wellness und Erholung konzipiert

mit Schwimmbecken, Rasenflächen und kleinen

11

Kiosken: hier wurde eine inmitten der Stadt gelegene

kleine Grünoase geschaffen, deren Besucher

Wasser, Sonne, Unterhaltung, Kultur und Erholung

genießen können.

Die Sporthalle steht zahlreichen Basket- und

Volleyballclubs, Verbänden von Selbstverteidigungssportarten

und Gymnastikgruppen offen

und wird auch für Konzertaufführungen genutzt.

69

ROLLSCHUHRING IN

DER GENUASTRASSE

EISLAUFEN IN

DER SILL-HALLE


11

70

Bozen und der Sport BozEn und dEr sPort

Der Schulsportplatz CONI ist der Jugendleichtathletik

vorbehalten. Die Eislaufanlage Sill steht

winters für das Eislaufvergnügen und sommers für

Beach Volleyball zur Verfügung. Die Fussballplätze

an der Reschenstrasse A und B dienen dem

Fußball und dem Amerikanischen Football. Entlang

dem weitläufigen Flußbett der Talfer wurden

sieben Sportplätze für Schul- und Jugendgruppen

angelegt, wo sie Fußball, Ballspiel, Baseball

und Softball spielen können. Auf einem Gelände

im Süden der Stadt entsteht in der Pfarrhofstraße

eine große Sportanlage. Zwei Betreiber werden

sich hier in die Arbeit teilen. Für den italienischen

Teil wählte das Komitee den Namen Sport

City und ein Logo, das an jenes der Olympiaden

erinnert mit fünf ineinander verschlungenen Dreiecken.

In der Anlage stehen drei Fußballfelder zu

11 und zu 5 auf Kunstrasen, ein Schwimmbad,

Tennisplätze, Basket-, Beach- und Volleyballplätze

sowie eine Rennbahn zum Joggen, Radfahren,

Inline-Skating und Skirolling zur Verfügung. Für

die kleinen Gäste gibt es einen Spielplatz und eigens

für sie eingerichtete Grünanlagen. Im Winter

öffnet eine Eislauffläche für Kunst- und Schnellläufer,

Hockey und Broomball.

11

71

SCHULPLATZ

CONI

UNTEN:

INNENANSICHT

SPORTHALLE

VORIGE SEITE:

FASSADE DES

DRUSUS-STADION,

EISPALAST

PALAONDA,

REITEN IN

JENESIEN


11

72

Bozen und der Sport

BozEn

als stadt dEr JugEnd

12 in

12

BozEn

als stadt

dEr JugEnd

diesen letzten Jahren hat Bozen eine regelrechte

Metamorphose durchlebt: von einem kleinen Fremdenverkehrszentrum

im Herzen der Dolomiten hat es

sich zu einem schulischen und kulturellen Anziehungspunkt

mit modernen Hochschulen und Zentren moderner

und zeitgenössischer Kunst gewandelt. Innerhalb

kurzer Zeit ist die Stadt zum bevorzugten Ziel der europäischen

Jugendorchester geworden; alljährlich finden

hier internationale Musikwettbewerbe, Festivals

für antike Musik, zeitgenössischen Tanz und Jazz statt.

Nahezu von einem Augenblick zum anderen präsentiert

sich Bozen in anderem, neuem und jugendlichem Gewand.

Als tradioneller Schnittpunkt zwischen Nord- und

Südeuropa ist die Stadt nunmehr zu einem begehrten

Studien- und Aufenthaltsort für viele junge Menschen

geworden, die aus aller Welt hierher kommen: beim

Bummel durch die Straßen hört man nicht mehr nur Italienisch

und Deutsch sondern ein vielfältiges Sprachengewirr,

man begegnet fremd anmutenden Gesichtern,

die sich aber alle wohl zu fühlen scheinen in dieser

Stadt, deren multikultureller Charakter einer ihrer größten

Vorzüge ist. Auf die häufig im Radio übertragenen

oder in Lokalzeitungen wiedergegebenen Befragungen

zu ihrem Leben und ihrer Befindlichkeit in der Südtiroler

Hauptstadt reagieren die meisten dieser jungen

Menschen enthusiastisch: in dieser Stadt inmitten der

Natur finden sie das richtige Ambiente, um ohne Einschränkungen

und diskriminierungsfrei all ihren bevorzugten

Interessen nachgehen zu können: Sport, Kunst,

Kultur und freundschaftliche Kontakte.

Um diesem jungen Publikum und seinen Bedürfnissen

bestmöglich entgegenzukommen, hat sich Bozen

nach und nach neu organisiert: die Anzahl der Jugendzentren

und -vereinigungen hat sich vervielfacht,

ebenso die Möglichkeiten für Zusammenkünfte im

Freien, das Angebot an Cafés und Pubs. Sport und Kul-

73


12

74

Bozen

als stadt der Jugend

tur sind so zu den Grundpfeilern jugendlicher Freizeitgestaltung

geworden und daher konzentrieren

sich auch die beiden an der Freien Universität Bozen

entstandenen Studentenvereinigungen auf diese

Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Studentenvereinigung

Kikero und der Sports Club University

of Bozen, SCUB, haben es sich zum Ziel gesetzt,

rund um die parallel zu den Ausbildungsprogrammen

der Hochschule stattfindenden Kultur- und Sportveranstaltungen

weitere Möglichkeiten für Zusammenkünfte

zu schaffen.

In der deutschsprachigen Sphäre, in der das gemeinsame

Erleben fast schon traditionell verankert

ist, gibt es unzählige, teils religiöse teils weltliche

Jugendzentren. In letzter Zeit sieht man jedoch,

auch dank der wachsenden finanziellen Unterstützung

seitens der Jugendarbeit der Autonomen Provinz,

immer mehr italienische Jugendtreffs entstehen.

Sie alle ähneln einander, doch legt jede dieser

Institutionen das Gewicht auf einen anderen Aspekt,

wie das Alter der Teilnehmer, das Thema der

Aktivitäten, die Art und Weise der Annäherung an

Kultur. Beispielsweise bemüht sich das Laboratorio

Musica Blu um die Verbreitung der Musik als Kulturform,

wohingegen sich bei Juvenes ein sehr junges

Publikum trifft und das Jugendzentrum in der

Vintlerstraße durchaus beachtenswerte Amateur-

Musik- und Theaterveranstaltungen organisiert. Das

Jugendzentrum Papperlapapp am Domplatz legt

große Energie in verschiedentliche freie künstlerische

Ausdrucksformen.

Und auch für das Nachtleben steht ein immer größeres

Angebot bereit: ist die Sonne untergegangen,

BozEn

als stadt dEr JugEnd

dann belebt sich die Stadt neu in den Lichtern der

zahlreichen, oft bis tief in die Nacht geöffneten Cafés

und Pubs. Auch Bozen wurde von der Mode eingeholt,

Aperitifs zu sich zu nehmen und Lokale wie

das Fantasy, Nadamas, Sciarada, Fischbänke, Bottai,

um nur einige zu nennen, offerieren Appetithäppchen,

Cocktails und lokale Weine.

Das ständige Weiterwachsen der dreisprachigen

Universität und der anderen Ausbildungszentren

wird wohl dazu führen, daß in den kommenden Jahren

der Zustrom junger Menschen aus allen Teilen

Italiens und Europas nach Bozen noch weiter anhält

und es ist unschwer sich vorzustellen, daß sich die

Stadt weiterhin bemühen wird, eine stets neue und

anregende Angebotspalette bereitzuhalten.

12

75


STAHLWERKE VALBRUNA S.P.A.

13

76

Bozner erzeugnisse BoznEr ErzEugnissE

13 zahlreiche

13

BoznEr

ErzEugnissE

der in der Provinz Bozen tätigen Industriebetriebe

zählen zu den Spitzenunternehmen

und dies nicht nur in den tradionellen Bereichen

wie der Montanindustrie, sondern auch auf anderen,

hochtechnisierten Sektoren. Die von der Landwirtschaft

ebenso wie von den Industrie- und Gewerbeprodukten

erzielten hohen Qualitätswerte beweisen, daß Bozen

sich wirtschaftlich in den unterschiedlichsten Sparten

zu entwickeln versteht.

Die heute mächtigsten Industriezweige sind die metallverarbeitende,

die chemische, die Lebensmittel-,

Holz-, Textil-, Bau- und Elektronikindustrie, begleitet

von Dienstleistungsbetrieben, die in engem Zusammenhang

mit diesen Industrien stehen, wie Planung,

Finanzabwicklung, Versicherungen, Werbung und Design.

Es würde zu weit führen, hier auch nur einen kleinen

Teil der über 100 in Bozen tätigen Unternehmen eingehender

zu beschreiben. Daher seien nachstehend nur

einige wenige von ihnen beispielhaft genannt, die es

verstanden haben, Angebotsnischen erfolgreich zu entdecken

und zu nutzen.

Beginnen wir mit einem Produkt, das erst seit wenigen

Jahren begonnen hat, auf dem Fremdenverkehrsund

Sportsektor Bedeutung zu erlangen: die Schneekanonen.

Die sich seit einigen Jahren auf der ganzen

Welt abzeichnende globale Erwärmung und die damit

einhergehenden Niederschlagsrückgänge im Winter

haben zu Schneemangel geführt, was für den Wintersport

allenthalben große Probleme nach sich zog. Das

Bozner Unternehmen Technoalpin ist weltweit führender

Hersteller derartiger Maschinen, die von ihm soweit

perfektioniert werden konnten, daß sie eine von Naturschnee

nicht mehr zu unterscheidende weiße Pracht erzeugen.

Technoalpin hat übrigens auch die automati-

77


SCHNEEKANONE

DER TECHNOALPIN

IVECO: LIGHT

MULTIROLE

VEHICLE IM

LIBANON

13

sche Beschneiungsanlage in Coronet Peak/Neuseeland

aufgestellt, die mit 80 untereinander verbundenen

Schneekanonen fortschrittlichste Einrichtung

dieser Art auf der gesamten südlichen Erdhalbkugel.

In der Metallmechanik sieht das Stahlwerk “Acciaierie

Valbruna” AG auf eine langjährige Tradition

zurück. 1925 gegründet, begann es 1939 mit

der Produktion von Spezialstahl. Dank laufender

Erneuerungen und Modernisierungen der Anlagen

und Technologien ist es heute führend in der Erzeugung

von rostfreiem Stahl, Inox-Stahl und Speziallegierungen;

das Unternehmen befindet sich

in privater Hand, hat über 1500 Beschäftigte und

produziert jährlich 170.000 Tonnen hochwertigen

Spezialstahl.

Aluminium ist ein Metall, dessen Eigenschaften

es zum bevorzugten Material für die Erzeugung einer

neuen Generation von Flug- und Kraftfahrzeu-

78

Bozner erzeugnisse BoznEr ErzEugnissE

gen, für Verpackungen und tausende anderer moderner,

immer noch widerstandsfähigerer, sicherer,

leichterer Produkte machen.

Das Werk Sapa Profil GmbH entstand im Jahr

1937 für die Herstellung von Primäraluminium

und wurde später in ein Presswerk umgewandelt;

es darf sich einer langjährigen Erfahrung auf dem

Sektor industrieller Anwendungen rühmen. Hauptprodukte

sind Form- und Prägestangen in allen Legierungen

sowie großförmige Profilteile.

Eines der 45 Werke, das die IVECO in 21 Ländern

besitzt, befindet sich in Bozen, doch hat diese Niederlassung

sich auf ein besonderes Erzeugnis spezialisiert:

hier werden Fahrzeuge mit Allradantrieb für die

Verteidigung, den Zivil- und den Brandschutz gebaut.

Auch ihre Militärfahrzeuge sind ultramoderne Produkte:

der VM 90, beispielsweise, ist ein Mittelding zwischen

Jeep und Lastkraftwagen und wird in Europa

viel verwendet; sogar China hat dieses Fahrzeug angekauft.

Absolutes Prunkstück ist der neue europäische

Geländewagen. Die Produktpalette weist unter anderem

Lkws, Traktoren, gepanzerte Aufklärungs- und

Kampffahrzeuge sowie Amphibienfahrzeuge für Feuerwehren

auf. Mit derzeit ungefähr 600 Beschäftigten

wird ein Umsatz von über 300 Millionen Euro erzielt.

Die Firma Atzwanger AG ist europaweit führend in

den Bereichen Umwelt-, Energie-, Wasser- und Haustechnik.

Das Unternehmen bietet innovative Lösungen

für die Trink-, Abwasser- und Badewasseraufbereitung,

für Heizungs-, Klima-, Lüftungs-, Sanitärund

Feuerschutz-, Müllverbrennungs- und Fernheizanlagen

mitsamt Verlegung der Fernheiznetze.

Wohl aufgrund der in der ganzen Provinz vorherrschenden

ausgedehnten Waldgebiete und der sich

daraus ergebenen Holzproduktion hat hierorts die

Holzbearbeitung und insbesondere die Möbelherstellung

schon lange Tradition. Die im Jahre 1968

in Bozen gegründete Firma Selva ist ein Markenzeichen

für Kreativität, einzigartige Vielfalt und hohe

Qualität. Dabei ist es das ganz spezielle Zusammenwirken

von Tradition und Innovation, das den

besonderen Selva-Touch ausmacht. Das Selva Sortiment

reicht von zeitlos klassischen bis modernen

Einrichtungen; die Firma ist auch marktführend im

13

79


HOLZSCHNITZ-

KUNST

KOLPINGHAUS:

WANDBILD VON

ALBERT STOLZ

(1908)

13

Bereich hochwertiger Hoteleinrichtungen.

Stahlbau Pichler ist ein Stahl- und Fassadenbauunternehmen

und verfügt über ein technisches

Planungsbüro, das sich insbesondere bei der Errichtung

von Industrie-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden,

im Brückenbau, bei Schutzbauten und

in der Verkehrstechnik seinen Namen gemacht hat.

Gestalterische und innovative Elemente in der Architektur

und deren Umsetzung haben das Unternehmen

mit seinen 200 Mitarbeitern zu einem der

führenden in seiner Branche gemacht. Aufsehenerregend

das gigantische Metall-Totem mit dem Namen

“Mare verticale” (vertikales Meer) des Künst-

80

Bozner erzeugnisse BoznEr ErzEugnissE

lers Fabrizio Plessi, das anlässlich der Biennale in

Venedig 2005 im Meer aufgestellt wurde.

In unmittelbarer Nähe zu Bozen haben zwei andere

Unternehmen von internationalem Ruf ihren

Standort: die A. Loacker Spa produziert Waffeln

und andere Süßwaren und die Firma Finstral stellt

Fenster, Türen, Fensterläden, Veranden und kleine

Fassaden aus PVC her. Aus einem kleinen Handwerksunternehmen

hervorgegangen, ist die Finstral

zu einem europaweit führenden Unternehmen

mit 11 Niederlassungen und ca. 1300 Beschäftigten

geworden.

Allein diese wenigen Beispiele haben wohl klargemacht,

daß die Industrie heute einen starken Wirtschaftsfaktor

in Südtirol darstellt und den größten

Anteil am Bruttoprodukt der Provinz ausmacht.

Handwerk

Auch dem Handwerk kommt in der Provinz Bozen

eine wichtige wirtschaftliche Stellung zu. Im

Leben der Landbevölkerung nahm immer schon die

Produktion von gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen

oder auch von Schmuckobjekten einen wichtigen

Raum ein, traditionelle Techniken wurden hier

vom Vater an den Sohn weitergegeben, das Handwerk

mit großer Liebe gepflegt.

Drechselarbeiten. Schüsseln, Kerzenhalter, Buttermodeln,

gedrechselte Teller aus verschiedenen Hölzern.

Keramik. Je nach Tonmischung und Brenntemperatur

unterscheidet man zwischen Terrakotta,

Steingut, Majolika und Porzellan. Seidenmalerei.

Hier reicht das Angebot von einfachen Seidentüchern

bis hin zu Kleidungsstücken und Einrichtungsgegenständen.

Lederverarbeitung. Taschen,

Schuhe, Gürtel, Alben, Etuis, ja sogar Bilder

aus Leder in allen Farben. Schnitzereien. Sakrale

und profane Kunstgegenstände aus Holz und

Stein. Hölzerne Gebrauchsgegenstände und Geräte.

Laternen, Gestelle, Tellerborde, Schneidbretter,

Schubkarren, Schüsseln, Kinderspielzeug, der

Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Verzierungen

aus Pfauenfedern. Lederne Bekleidungsstükke

und Trachtenkostüme werden nach alter Tradition

mit Pfauenfedern kunstvoll geschmückt. Glasmalerei.

Gegenstände aus mundgeblasenem Glas, Mosaike

aus einzelnen, miteinander durch Blei verbundenen

Glasteilchen, ganze Phantasiegemälde aus

winzig kleinen Glasstückchen. Wachszieherei. Eine

große Vielfalt an Formen und Farben und drei verschiedene

Herstellungstechniken (das Tauchverfahren,

das Wachsziehen, das Gießen) liefern vielfältigste

Produkte. Ob ihrer Originalität und Schönheit

sehr begehrt und gesucht: die dekorativen Kerzen

für den festlichen Weihnachtstisch. Textilien. Stoffe,

Tischtücher und Servietten aus Damast, Bettwäsche.

Dekorsträußchen. Bunte, kleine, große, duftende,

funkelnde und sonstige Kompositionen aus

Gewürzen wie Nelken, Zimt, Mohnkapseln, Anis, mit

und ohne Beigabe von Seidenblumen.

Im Wandel der Zeiten und der Geschmäcker haben

sich neben der klassischen Linie auch neue Kunstrichtungen

entwickelt, die sich moderner, neuer

Materialien, Techniken und Formen bedienen;

selbst in diesen Erzeugnissen jedoch spiegelt sich

immer noch eine gewisse Tradition, sind doch die

Ausdrucksformen moderne, kreative Interpretationen

eines aus langer Zeit auf das Heute überkommenen

Erbes.

13

81

STAHLBAU PICHLER

VERTIKALES MEER


14

82

Kleines einKaufsbrevier KlEinEs EinKaufsBrEviEr

14 Wer

14

KlEinEs

EinKaufsBrEviEr

beabsichtigt, sich von Bozen etwas ganz Besonderes

mitzunehmen, was er bei sich zu Hause

nicht antrifft, der findet sich unverhofft vor

einer verwirrenden Auswahl mannigfachster Produkte, von

denen jedes einzelne seine ganz persönliche Note in Fertigung

und Ausgestaltung aufweist.

Beginnen wir mit dem Bekleidungssektor und schon ist

wieder zwischen zwei verschiedenen Sparten zu unterscheiden:

auf der einen Seite finden wir hier die Sportbekleidung,

insbesondere für Ski- und Bergsport, auf der anderen

die Tiroler Trachten. Was die erstgenannte Sparte anbelangt,

ist die Auswahl an nationalen und an ausländischen

Angeboten unbegrenzt. Das selbe läßt sich auch für

gute Sportausrüstungen sagen: Materialien und Produkte

für Bergsteigen, Forschung, Trekking und Skifahren sind auf

dem neuesten Stand technischer Entwicklungen zu haben.

Absoluter Star in der Tiroler Bekleidungsindustrie ist der

Loden. Er wird vor allem zu Mänteln, Jacken, Kostümen in

grüner, grauer, blauer Farbe verarbeitet. Neben dem Loden

erfreuen sich auch die bekannten Sarner Jacken aus Rohwolle

großer Beliebtheit. Wer Besonderes schätzt, findet

eine reiche Auswahl an Herrenanzügen, Damenbekleidung

und insbesondere mit großer Liebe zum Detail verarbeiteter

Kinderbekleidung vom Dirndl bis zu Lederhosen, handbestickten

Hemden und Blusen, Filzhüten und Sportkappen.

Als passendes Zubehör zu dieser Art von Kleidung stehen

auch Taschen, Schuhe und Gürtel aus Leder, bestickt mit

Pfauenfedern zum Verkauf; gefertigt werden diese Kunstwerke

von heute noch existierenden, sehr gesuchten Meistern

dieses Gewerbes. In reicher Farben- und Mustervielfalt

werden aber auch Woll- und Baumwollstoffe für die

Herstellung von Dirndln und Kostümen angeboten, ferner

Schuhe, Filzpantoffel und -schlapfen, gestickte Abzeichen

und Fähnchen.

83


KOMPETENZ UND

AUSWAHLVIEL-

FALT ZEICHNEN

DAS ANGEBOT

AN SPORTARTI-

KELN AUS

LODEN WOHIN

MAN BLICKT

14

Von allenthalben kommen Käufer nach Bozen,

um hier Daunendecken zu erstehen, denn was die

Bettwaren betrifft, ist die Auswahl hierorts wirklich

besonders groß: Plumeaus, Steppdecken, Kissen

und Polster gibt es in unterschiedlichster Qualität

und Preislage, die Palette reicht von echten

Gänsedaunen bis zur Synthetikware.

Auch noch andere Artikel sind in Design und Ver-

84

Kleines einKaufsbrevier KlEinEs EinKaufsBrEviEr

arbeitung unverkennbar typisch Bozner Erzeugnisse:

Tischwäsche aus bestem flämischen Leinen, aus

Baumwolle oder Wolle, Geschenkartikel, bestickte

Schürzen, Vorhang- und Möbelstoffe, Woll- und

Baumwollteppiche, Gobelins, und nicht zu vergessen

auf die farbenfrohen, kostengünstig aus Resten

gefertigten “Fleckerl”teppiche.

Vielleicht in keiner anderen Stadt finden sich in

derartiger Vielfalt und Auswahl wie hier orthopädische

Schuhe, Leisten nach Maß, Trachtenschuhe

und Fußpflegeartikel.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen sämtliche

Erzeugnisse im Zusammenhang mit der Tischkultur

und der Dekoration von Tisch und Haus anläßlich

der verschiedensten Festivitäten des Jahres,

der Advent-, Weihnachts- und Osterzeit, aber auch

rein familiärer Feste. Hier hat Bozen eine traditionsreiche,

im Laufe der Jahrhunderte stets hochgehaltene

und immer wieder frisch belebte Produktion

von Papier-, Stoff-, Plüsch- und Holzgegenständen

aufzuweisen; verstärkt wird das Angebot

noch durch Tischkerzen mannigfaltigster Formen,

Größen und Farben, bemalte Eier, handgearbeitete

Keramik- oder Holzkrippen und reichhaltigsten

Christbaumschmuck.

Bozner Gastronomie

Bozner Kochkunst und Bozner Delikatessen: welch

ein weites, abwechslungsreiches Gebiet voll neuer

Geschmacks- und Geruchserfahrungen, farbenprächtig,

duftend, vielfältig und verführerisch!

Auf dem Mehlsektor hat man sich in den letzten

Jahren verschiedener Grundprodukte aus den “guten

alten Zeiten” erinnert und sie neu in Verwendung

gebracht: Vollkornmehl, Haferflocken, Gries,

Kleie, Weizenkeime, Roggen, Dinkel, Gerste, Hafer,

Mais und Buchweizen, unterschiedlichste Müsliarten

zur Herstellung von Diätkost oder besonderer

Diäten, die heutzutage immer größere Verbreitung

finden. Ebenso sind kochfertig erhältlich: Spinatravioli,

Nockerln, Knödeln, Tirteln, Fleischravioli,

Erdäpfelnockerln, frische und gefüllte Teigwaren

vom hellsten Weißbrot bis zum schwärzesten Vollkornbrot,

die in allen Variationen möglicher Würze,

Beigaben und Zutaten zu haben sind.

Als süße Gaumenfreuden bietet Bozen mit jeder

Art von Obst belegte Torten, ofenfertige tiefgefrorene

Apfelküchlein und Strudel, Waffeln unterschiedlichsten

Geschmacks und schließlich würzigen

Wiesen- und Waldhonig aus der Alpenregion.

Nahezu sinnverwirrend ist die Auswahl an Fruchtsäften

und Obstsaftkonzentraten, an roten und

grünen Weintrauben (die zur herbstlichen “Traubenkur”

Schwärme von Touristen anlocken), Äpfeln,

Ribiseln, Brom-, Erd-, Him- und Heidelbeeren,

Holler, Weichseln, Schwarzdorn und Waldbeeren,

die man heute bereits sogar, in geordneten

Beeten kultiviert, bei den Bauerngehöften auf den

Hügeln rings um Bozen antrifft.

Wenn wir uns die Fleischprodukte näher betrachten,

so steht an der Spitze aller Spezialitäten der

nach altem, traditionellem Rezept zubereitete und

geräucherte echte Südtiroler Speck. Ihm folgt eine

lange Reihe anderer Köstlichkeiten, wie der geräucherte

und durchwachsene Bauchspeck, die geräucherte

Schweinshaxe, das Karree und jede Menge

Würste wie “Landjäger”, Knoblauchwurst, “Kaminwurzen”,

“Schinkenwurst” und “Bierwurst”, nicht

zu vergessen auf gekochte Wurstwaren und Pasteten,

Krakauer Salami, Salametti und all die ande-

14

ren verführerischen Wonnen.

Unter den Milch- und Käseprodukten sei besonders

auf die verschiedenen Joghurtprodukte mit

und ohne Früchte, auf die Buttermilch, den Topfen,

die gute Koch- und Teebutter verwiesen, ganz

zu schweigen von der hochwertigen Milch.

Den Schluß des guten Mahles bilden dann die Magenbitter,

Obstbrände und Schnäpse. Auch auf diesem

Gebiet hat Bozen mit seinem vielen Obst ein

reichhaltiges Sortiment zu bieten, das im Einzelnen

aufzuzählen hier zu lange währen würde.

85


15

86

Kleines speisenbrevier KlEinEs sPEisEnBrEviEr

15 die

15

KlEinEs

sPEisEnBrEviEr

Küche ist wohl einer der ausdrucksstärksten

Kulturspiegel einer Nation. Versteht man die

Ernährungstraditionen, den Anbau und die Aufzucht,

die Verwendung und Konservierung der Schätze,

die ihm seine Erde liefert, so hat man einen tiefen Einblick

in Geschichte und Kultur eines Volkes gewonnen.

In den vergangenen Jahrhunderten, als Transport und

Verkehr viel mühseliger und teurer als heute waren,

stützte sich die Küche hauptsächlich auf lokale Produkte,

die nur mit wenigen importierten Besonderheiten

angereichert wurden. Diese Gepflogenheit ist der Südtiroler

Küche bis heute erhalten geblieben, obgleich sie

natürlich inzwischen durch italienische und osteuropäische

Einflüsse verfeinert und angereichert wurde. Gerade

diese althergebrachte Kost läßt die Südtiroler Küche

in unseren Tagen, da man inzwischen den Reiz des Ursprünglichen

wiederentdeckt hat, umso mehr Anklang

finden.

Betrachten wir als erstes die Basisingredientien: hier

sind eingangs die verschiedenen Mehlsorten nicht nur

aus Weizen, sondern häufig auch aus Roggen, Mais und

Buchweizen zu nennen; des weiteren Brot, Schweinefleisch,

Wild, Milch und Milchprodukte. Die Gewässer

der Flüsse, Bäche und Alpenseen liefern Fische wie Forelle,

Aal, Karpfen, Hecht, Barsch und Schleie. Vorrangstellung

unter den Gemüsen nimmt das Kraut ein, ihm

folgen Spinat, rote Rüben, Kohl, Erdäpfeln (Kartoffeln),

Zwiebeln und Salate. Nicht zu vergessen auf verschiedentlich

in den Wiesen und unter den Weinstöcken zu

findende Köstlichkeiten wie Feldsalat, Hundszahn, Rübenwurz,

Kerbel und die allenthalben in der Bozner Küche

präsenten Kräuter wie Petersilie, Thymian, Schnittlauch,

Salbei und Basilikum.

Reichhaltig ist auch das Obstangebot: in größerem

Rahmen exportiert werden hauptsächlich Äpfel und Bir-

87


15

nen; des weiteren bietet Südtirol noch jede Menge

Marillen, Zwetschken, Walnüsse, Edelkastanien

und - man denke an die Traubenkur! - Weintrauben.

Auch ursprünglich reine Waldbeeren wie schwarze

Ribisl, Heidel-, und Himbeeren werden heute bereits

in eigenen Kulturen angebaut und finden sowohl

bei der Erzeugung von Konditoreiwaren als

auch als Fleischbeilage Verwendung.

Nicht verwundern sollte man sich darüber, daß wir

unter den zahlreichen Zutaten der Südtiroler Küche

auch das Brot erwähnten. Üblicherweise buk die

Bergbäuerin nicht mehr als vier Mal im Jahr runde,

flache Brotlaibe, Breatln genannt, die in eigenen

Brotrahmen in trockener, gut belüfteter Umgebung

aufbewahrt wurden. Klarerweise wurde das so

konservierte Brot hart und ließ sich nicht mehr als

solches verspeisen; auf hölzernem Brett zerstük-

88

Kleines speisenbrevier KlEinEs sPEisEnBrEviEr

kelt, mit Wasser und Mehl zu einem Brei verarbeitet,

lieferte es jedoch - und liefert es heute noch -

die Grundlage für mehrere Sorten von Knödeln und

Nockerln unterschiedlichster Form und Größe, die

sich von einander durch weitere Zutaten und die

jeweilige Beilage unterscheiden. Die größten und

weitest verbreiteten sind ganz einfach die Knödel,

doch welche Fülle an Geschmack und Phantasie

verbirgt sich hinter diesem Namen: Knödel

mit Speck, Knödel mit Topfen, mit Spinat, mit Käse,

mit Leber - alles ist erlaubt und möglich. In der

Fastenzeit gibt es die ganz einfachen Knödel ohne

Fleisch, es gibt Knödel mit dunklem Mehl oder

Gries- oder Erdäpfelknödel. Man verzehrt ihrer zwei

oder drei als Suppeneinlage, serviert sie aber auch

als Beilage zu gekochtem oder gebratenem Fleisch

oder mit Salat, mit Kraut, Pilzen, Paradeisern (Tomaten)

oder Zwiebeln. Selbstverständlich gibt es

auch süße Knödel: deren Herzstück ist dann eine

Zwetschke, Marille oder gar Erdbeere, doch auch

Apfel- oder Topfenknödel sind beileibe nicht zu

verachten!

Nebst den großen runden Knödeln gibt es noch

eine andere Südtiroler Spezialität: köstliche Teigtascherln,

deren bekannteste Art, mit Spinat,

Schlutzkrapfen genannt wird. Diese ist aber nicht

die einzige Erscheinungsform, denn außer der Spinatfüllung

liefert die Südtiroler Küche noch mit Leber,

Topfen oder Schinken gefüllte “Krapfen” aus

Gries, Kartoffeln, Mais- und Buchweizenmehl. Letzteres

wird übrigens auch für die Herstellung dunkler

Polenta, einer weiteren Spezialität des Landes,

verwendet.

Ein charakteristisches Südtiroler Essen sieht annähernd

folgende Speisenfolge vor: die Vorspeise

besteht aus Kostproben unterschiedlichster Aufschnitte

vom Wildschwein- über Hirsch- und Gamsbis

zum ganz normalen Schweineschinken, Speck

und Salami, Gurken und sonstig sauer Eingelegtem

wie Paradeisern, Pilzen, Oliven, dazu Kren; es

folgen eine würzige Suppe mit Einlage und darauf

als Hauptspeise Schweinefleisch oder Wild mit verschiedenen

Beilagen (man erinnere sich an unsere

Ausführungen über die Knödel!); eine Nachspeise

bestehend aus Obst oder Heidelbeer- bzw. son-

stigem Waldbeereneis rundet das ganze ab. War’s

gut? War’s zuviel? - Ein Stamperl Schnaps aus hauseigener

Produktion bringt alles wieder ins Lot!

Absoluter Star des Aufschnitts in der Bozner Küche

ist der Speck. Seine Herstellung ist bereits eine

Wissenschaft für sich: nach drei Wochen in der

Beize wird für seine Räucherung Wacholderholz

verwendet und daraufhin muß er entsprechend lange

abliegen. Wen wundert es da, daß der Südtiroler

Speck eine große Schar von Feinschmeckern für

sich gewinnen und die Märkte auch außerhalb seiner

Tiroler Grenzen erobern konnte. Die zunehmende

Produktion hatte manches Mal Einbrüche in der

Qualität der Speckerzeugnisse zur Folge, da dieses

Produkt, um zu seiner vollen Entfaltung zu gelangen,

großer Geduld und langer natürlicher Ablagerungszeiten

bedarf. Darum sei dem durchreisenden

Specksuchenden geraten, diese Köstlichkeit in

kleinen Geschäften oder Metzgereien abgelegener

Dörfer oder bei einem der Bergbauern zu suchen.

Der richtige, unverfälschte Speck mit einem guten

Stück würzig duftenden Roggenbrots und einem

Glas funkelnden Rotweins ist eine unvergeßliche

Gaumenfreude, eine schmackhafte, wohlverdiente

Zwischenmahlzeit, speziell nach einer zünftigen

Bergwanderung.

Nach der Vorspeise - und dem Speck! - folgt, zumeist

eine Suppe; am häufigsten verwendete Einlagen

sind Milzschnitten, Frittaten oder Knödel;

doch gibt es auch Käse- oder Kräutersuppe, Suppe

mit Hirn u.dgl. mehr. Besonders charakteristisch

sind die aus Ungarn überkommene Gulaschsuppe,

die insbesondere zur Winterzeit am Land sehr beliebte

saure Suppe (mit Kutteln) und die Terlaner

Weinsuppe. Nähere Betrachtung verdient auch die

Gerstensuppe: noch bis vor wenigen Jahrzehnten

war sie die unter den Bauern am weitesten verbreitete

Suppe und bildete zusammen mit der Polenta

normalerweise den Hauptbestandteil der Abendmahlzeit.

Gerste wächst hier selbst auf armen Böden

bis auf 1700m Höhe und bedarf keiner besonderen

Umstände, weder beim Anbau noch bei der

Konservierung. Die Gerstensuppe läßt sich auf zweierlei

Arten herstellen, entweder mit Milch oder mit

einem Stückchen Rauchfleisch, wobei aber beide

15

Grundlagen zu den üblichen Vorräten jeden Bergbauernhauses

gehören.

Unter den Fleischgerichten rangiert an erster

Stelle in der Südtiroler Küche die Schweins- oder

auch die Kalbshaxe; sie wird im Rohr zubereitet

89


15

und als Beilage gibt es mitgebratene Kartoffeln,

Erbsen und verschiedene Gemüse. Beliebt sind

auch Selchfleisch mit Kraut und Knödeln, Rinderschmorbraten

in Rotweinsauce mit Kartoffeln aus

der Pfanne sowie geröstete, gefüllte Kalbsnieren.

Zur Jagdzeit bietet die Bozner Küche auch noch

weitere Leckerbissen wie Reh, Hirsch, Fasan und

Birkhuhn. Wild wird gebraten oder geschmort und

mit süßsauren Zutaten, verschiedenen Saucen,

Sauerrahm, Preiselbeeren oder Johannisbeergelee

serviert. Es fehlt nicht an weiteren Fleischgerichten

vom Rind, Lamm, Fasan u.s.w. Ob sie aber

nun gekocht, gebraten oder geschmort zubereitet

90

Kleines speisenbrevier KlEinEs sPEisEnBrEviEr

werden, erfordern die Gerichte der Südtiroler Küche

jedenfalls kräftige Mägen und sind traditionell

eher für Menschen gedacht, die einen Großteil

des Tages, schwer arbeitend und häufig den

Unbillen des Wetters ausgesetzt, im Freien verleben

und bei der Heimkehr einen gesunden Appetit

mitbringen.

Was den Fisch betrifft, so steht an erster Stelle

in Bozens Küche die Forelle: blau oder gebraten,

eventuell auch angereichert mit verschiedenen

Saucen; Tradition hat speziell zur Fastenzeit

ein Einkoch aus Stockfisch, der feingehackt und

mit Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln zubereitet

wird.

Wer Abwechslung liebt und sowohl auf Fleisch als

auch auf Fisch verzichten möchte, dem bietet die

Bozner Küche eine reiche Speisenvielfalt auf Basis

von Gemüse, Mehl und Eiern: zahlreiche Pilzsorten,

Spinat, Kohl, Topfentaschen, Gries- und

Kartoffelnockerl, Pustertaler Tirtlen und schließlich

noch Palatschinken, die normalerweise mit

Johannisbeermarmelade, jedoch auch mit Äpfeln

oder gar Schinken und Käse gefüllt wohl jedermann

munden. Eine besondere “Abart” dieser Palatschinken

ist der Kaiserschmarr’n, der, bereits

kleingefitzelt, nur mit Löffel und Gabel verzehrt

wird und unter dessen reicher Staubzuckerhaube

man auf zahlreiche Rosinen und eventuell auch

Pinienkerne stößt.

Hiermit sind wir auch schon bei den Südtiroler

Süßigkeiten angelangt; sie sind nicht nur der Abschluß

jeden Mahles sondern werden auch in Konditoreien

zu einem der zahlreichen, für die Region

typischen Kräuter- oder Bergblütentees serviert;

absoluten Vorrang genießt bei Jung und Alt

der Apfelstrudel: hauchdünn ausgezogen, wohlschmeckend

und leicht bekömmlich ist er eine

erfrischende Leckerei. Doch eignet sich der Apfel

dank seiner Konsistenz und seines Geschmacks

noch zur Herstellung zahlreicher weiterer Köstlichkeiten:

Apfelauflauf, Apfelkuchen, mit Schokolade

und so weiter.

Noch viele andere Früchte finden bei der Herstellung

von Süßigkeiten und Naschwerk Verwendung,

allen voran die Zwetschke: wir finden sie nicht nur

in Knödeln, sondern auch in Mürbeteigkuchen und

Torten. Je nach Geschmack kann der Liebhaber

süßer Gaumenfreuden aber auch unter Mohntorten,

Mandeltorten, Nußrouladen, Kirschenauflauf,

Quittenmus, mit Preiselbeermarmelade

gefüllten Buchweizentorten und Karottentorten,

einer echt Südtiroler Spezialität, wählen. Besondere

Beachtung verdient auch die Edelkastanie,

die heute noch in der Küche Verwendung findet.

Nicht nur wird sie zusammen mit Äpfeln, Wacholderbeeren

und sonstigen Kräutern als Fülle für die

traditionelle Weihnachtsgans verarbeitet, sondern

wir finden sie auch in Kastanientorten und im Kastanienauflauf,

in Form von Puddings und Halbgefrorenem

- insgesamt gehaltvolle, kalorienreiche

aber doch wieder unwiderstehliche Köstlichkeiten.

Die Krapfen, ursprünglich eine Spezialität

der Faschingszeit, sind nun, gefüllt mit Marmelade

oder Vanillecreme, das ganze Jahr über erhältlich.

Besonders charakteristisch und allein der

Weihnachtszeit vorbehalten sind jedoch die Zelten,

oder - präziser ausgedrückt - die “Bozner Zelten”,

eine fast ausschließlich aus getrockneten

und kandierten Früchten und unter Verwendung

von nur sehr wenig Teig dafür aber mit reichlich

Gewürzen wie Zimt, Nelken, Anis und Piment zu-

15

bereitete Süßigkeit. Oval, rund oder herzförmig

gebacken, in spezielles Papier eingewickelt und

mit Bändern oder Schleifen geziert, dürfen sie

ebensowenig auf den Weihnachtstischen der Bozner

Familien fehlen wie die nach alten, durch Generationen

weitergegebenen Hausrezepten selbstgefertigten

Lebkuchen und sonstigen Weihnachtsbäckereien.

Haben wir Ihnen den Mund wässrig gemacht?

Nun, das nächste Kapitel folgt sogleich und ist

den Getränken gewidmet.

91

DER BERÜHMTE

APFELSTRUDEL


15

92

Kleines speisenbrevier

KlEinEs gEtränKEBrEviEr

16 auch

16

KlEinEs

gEtränKEBrEviEr

was das Trinken, diese unverzichtbare Abrundung

eines wohlschmeckenden Mahles betrifft,

zeigt Bozen zweierlei Gesichter: wer aus

dem Süden zu uns kommt, wird wohl - insbesondere

an brütend heißen Sommertagen - von nichts anderem

träumen, als sich - möglichst in einem der charakteristischen

Lokale der Innenstadt - ein Glas frisches Faßbier

munden zu lassen: er findet hier sowohl jenes der

Brauerei Forst als auch die bekanntesten österreichischen

und deutschen Biere in den verschiedensten Geschmacksrichtungen

und Aufmachungen. Doch da erwartet

den nach einem guten Bier dürstenden Touristen

eine Überraschung: mitten im Zentrum, am Obstmarkt,

liegt ein Lokal, Hopfen & Co genannt, das es sich zur

Aufgabe gemacht hat, die alte Kunstform des Bierbrauens

wieder zum Leben zu erwecken. Es ist dies die einzige

Bierbrauerei, die von all den vielen übriggeblieben

ist, welche noch vor einem Jahrhundert das Stadtbild

belebten. In dem nun schon annähernd 800 Jahre alten

Gebäude waren im Laufe der Jahrhunderte verschiedene

Geschäfte, Läden und Werkstätten untergebracht, bis

1997 mit seiner Umgestaltung in ein uriges Lokal mit

dem Brauen begonnen wurde. Das Bozner Bier ist frisch

und natürlich und zeichnet sich durch einen unverwechselbaren

Geschmack aus, den es seiner Herstellung

verdankt: dazu wird ein erstklassiger, importierter Hopfen

verwendet, das Malz wird aus einer speziell für diese

Zwecke vorgesehenen Gerste gewonnen, dazu kommt

das hierfür ideal geeignete Bozner Wasser und schließlich

noch eine spezielle Hefe für die Gärung. Verarbeitet

wird in zwei hinter der Schank sichtbaren Kupferkesseln

von jeweils 500 Litern Fassungsvermögen. In dem nicht

gefilterten und daher naturtrüben Bozner Bier bleiben

alle Vitamine und Fermente erhalten und geben dem

Getränk sein abgerundetes Aroma und den angenehm

bitteren Geschmack.

93


“HOPFEN & CO”

AM OBSTMARKT

16

Andere Besucher, die aus den Ländern jenseits

der Alpen nach Südtirol kommen, wünschen nichts

sehnlicher, als einige der berühmten Weine der hiesigen

Anbaugebiete näher kennen zu lernen. Die

enge Bindung zwischen der Stadt und dem Wein

ist eine bewußt gelebte Realität: die Weingärten

reichen bis in den historischen Stadtkern hinein,

94

Kleines GetränKebrevier KlEinEs gEtränKEBrEviEr

schlängeln sich hinaus vor die bebauten Flächen,

schmücken die sanften Abhänge und Ebenen. Allenthalben

findet man Reihen von Rebstöcken, wie

einen Garten zu Füßen der Dolomiten. Noch immer

gibt es in der Innenstadt kleine Lokale, wo man

ein Gläschen Weiß- oder Rotwein aus der Gegend

zusammen mit einem Speckbrot oder einem knusprigen

Weißbrot mit aromatischen Kräutern genießen

kann. Zudem haben die zahlreichen Kellereien,

in denen die Trauben der umliegenden Weingärten

zu Wein verarbeitet werden, jede ihre Verkaufsschank

eingerichtet, wo der Wein nach vorheriger

Verkostung auch zur Mitnahme nach Hause

eingekauft werden kann. Lassen sie sich Zeit, denn

so ein Kosten und Probieren erfordert Hingabe und

Erfahrung! Einige der Bozner Kellereien eröffnen

den Besuchern ihre Geheimnisse und bieten allen

jenen, die sich für die Kunst der Weinzubereitung

interessieren, ein abwechslungsreiches Programm

mit geführten Verkostungen, Musikbegleitung und

Kostproben aus der lokalen Küche.

Der Weinanbau im Bozner Becken reicht in fernste

Zeiten zurück. Noch vor der Ankunft der Römer

pflanzten hier schon die alten Räter ihre Trauben

an; im Unterschied zu den Römern, denen die

Verwendung hölzerner Fässer unbekannt war, wurden

solche aber von den Rätern bereits benutzt,

wie archäologische Funde in der Gegend beweisen.

Später, zur Christenzeit, wurde es für bischöfliche

Residenzen, Klöster und Abteien nördlich der

Alpen unerläßlich, über unverfälschten und möglichst

exzellenten Messwein zu verfügen: daraus

erklärt sich auch der Ansturm auf den Besitz dieses

Gebietes, das sich durch lange Zeit hindurch

fest in kirchlicher Hand befand. Bereits im 7. Jahrhundert

wurden hier von schwäbischen und bayrischen

Klöstern Weinbaubetriebe gegründet. Beispielsweise

besaß der Bischof von Freising/Bayern

in Gries eine große, von ausgedehnten Weingärten

umgebene Kellerei; auch ist uns heute bekannt,

daß im 9. Jahrhundert der Aachener Bischof Ulrich

den Mönchen von St. Gallen in der Schweiz als

Zeichen seiner besonderen Huld einen Wagen beladen

mit Bozner Wein schenkte. Außer für Messen

diente der Wein auch noch für andere repräsentative

Zwecke, in Heimen und Hospizen, wo Wein zur

Stärkung bei Krankheiten und für die Rekonvaleszenz

verabreicht wurde.

Ebenso abwechslungsreich wie die Südtiroler

Landschaft ist auch die Vielfalt an Trauben und

Weingärten; dies ist den geradezu idealen Voraussetzungen

zu verdanken: die intensive, lange Sonneneinstrahlung,

die günstige Niederschlagsverteilung,

die sanften Hügel und die milde Luft, die

Bodenbeschaffenheit und - nicht von ungefähr -

die jahrhundertelange Erfahrung und der Fleiß der

Weinbauern. Dies alles zusammengenommen bewirkt

die Qualität der Weine und trägt dazu bei,

daß jedes Jahr aufs neue ein reichhaltiges und

hochwertiges Angebot erlesenster Weine gekeltert

werden kann. Annähernd 560 Hektar Land sind im

Gemeindegebiet Bozen mit Wein bepflanzt. Ein Teil

dieser Weingärten liegt in der Ebene, ein anderer

Teil befindet sich an den Abhängen der umliegenden

Berge und Hügel und von hier aus drücken diese

Weingärten mit ihren hölzernen Pfählen, den

systematisch angeordneten Terrassen und der damit

verbundenen bäuerlichen, adligen oder auch

kirchlichen Architektur dem Stadtbild seine unverkennbare

Note auf.

16

Für Interessierte, die mehr über das Thema Weinanbau

in Südtirol zu erfahren wünschen, empfiehlt

sich ein kurzer Ausflug nach Kaltern in ungefähr

15 Km Entfernung von Bozen; dort wird dem Besucher

in dem in Südtirols Weinanbaugebiet par excellence

gelegenen Südtiroler Weinmuseum Geschichte

und Bedeutung der Weinbaukultur unseres

Landes nahegebracht. Eine Besichtigung der

Kellerei des Weingutes zeigt anhand alter Gerätschaften,

Pressen, Weinbehältern aus Glas und Keramik

sowie wertvollen historischen Dokumenten

die Techniken und Traditionen des Südtiroler Weinbaus.

Das Museum ist vom 1. April bis 11. November

von Dienstag bis Samstag geöffnet.

95

v v v

Daß kein Widerspruch besteht zwischen der Produktion

besonders edler, hochwertiger Weine und

mönchischer Frömmigkeit beweist die Geschichte

der ehrwürdigen Abtei von Muri-Gries, die in ihren

unterirdischen Gewölben die Klosterkellerei mit

einem Fassungsvermögen von über 5.000 Hektolitern

beherbergt.

Im Jahre 1165 hatten Graf Arnold von Morith

und seine Frau Mathilde Wittelsbach-Walley auf einem

ihrer Weingüter nächst dem Zusammenfluss

von Talfer und Eisack ein Kloster gegründet und

Augustinermönchen aus Neustift und Neuburg ge-


16

schenkt. Das Gebiet wurde aber leider immer wieder

von Überschwemmungen heimgesucht, deren

verheerendste im Jahre 1406 zur völligen Vernichtung

des landwirtschaftlichen Anwesens und zur

Aufgabe des Klosters führte. Den auf diese Weise

heimatlos gewordenen Mönchen schenkte Graf

Leopold von Tirol 1407 Burg Gries zusammen mit

dem umliegenden Gelände, auf dem seit urdenklichen

Zeiten bereits Weinanbau betrieben wurde.

In der Folgezeit wurde der Komplex erweitert und

für den Klosterbetrieb umfunktioniert, bis gegen

Ende des 18. Jahrhunderts die heutige Form erreicht

wurde.

Nach der Konfiszierung der Kirchengüter und der

Vertreibung der Augustinermönche wurde die Abtei

1845 von Metternich den Benediktinern des Klosters

Muri in der Schweiz überlassen, die sich da-

96

Kleines GetränKebrevier KlEinEs gEtränKEBrEviEr

mals auf der Suche nach einer neuen Bleibe befanden.

Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die auf

diese Weise angesiedelten Schweizer der Weinproduktion

neuen Aufschwung verliehen. Bemüht um

die qualitative Verbesserung und die Erweiterung

des Sortenangebots, wurde schließlich das heutige

hohe Qualitätsniveau erreicht.

Absoluter König unter den in der Klosterkellerei

produzierten Weinen ist der Lagrein Dunkel (obwohl

dieses Adjektiv jüngst gestrichen wurde). Als

erstklassige Weißweine verweisen wir auf Weißburgunder,

Ruländer und Sylvaner. Ein Besuch in der

Klosterkellerei lohnt sich mit Sicherheit: beeindruckend

allein schon die perfekte Harmonie zwischen

dem trutzigen Gebäudekomplex der Abtei

und den hohen unterirdischen Kellergewölben, wo

in alten Eichenfässern die edelsten Tropfen reifen.

Für private Besucher befindet sich der Eingang auf

dem Griesplatz, an der rechten Seite der Basilika.

Eine Besonderheit Bozens sind die zahlreichen,

innerhalb des Stadtgebietes gelegenen Kellereien,

die jede ihren Eigenbau produziert; so kommt

es auch, daß zur Zeit der Lese Kolonnen von mit

Weintrauben beladenen Karren durch die Straßen

der Stadt ziehen, in der sich dann der unverkennbare,

süßliche Duft des ersten Mostes verbreitet.

Oktober und November sind die beiden Monate

des Törggelen, einer bei Bevölkerung und Touristen

gleichsam sehr beliebten Gepflogenheit: man

zieht hinaus vor die Tore der Stadt und genießt eine

köstliche Mahlzeit, bestehend aus gerösteten

Kastanien und frisch gepreßtem Most.

Die beiden historischen Weinkellereien, die 1908

gegründete Kellereigenossenschaft Gries und die

1930 gegründete Kellereigenossenschaft St. Magdalena

wurden 2001 zusammengelegt und erhielten

den Namen “Kellerei Bozen”; zusammen verarbeiten

sie die von ca. 200 Weinbauern abgelieferten

Trauben aus den Weingärten der Randgebiete

rund um die Stadt. Von den beiden Kellereien ist

die eine am Griesplatz, die andere in der Brennerstrasse

15 tätig. Der von ihnen produzierte Wein

im Ausmaß von mehr als 300 Hektar Weinanbaufläche

wird fast zur Gänze in Flaschen abgefüllt. An

erster Stelle stehen selbstverständlich die Rotweine

Lagreiner und St. Magdalener. Hinzu kommen

Blauburgunder und Cabernet. Unter den Weißweinen

seien der Chardonnay, der Weißburgunder und

der Müller-Thurgau erwähnt.

Es gibt auch noch mehrere kleine Kellereien von

selbständigen Kleinunternehmern, die ihren jeweiligen

Kapazitäten entsprechend die Produktion

ausgewählter Qualitätsweine - sogenannter DOC-

Weine - aufgebaut haben. Ein Besuch dieser unmittelbar

an der Peripherie der Stadt gelegenen Kellereien

trägt uns einige Jahre zurück in jene Zeiten,

als sich rund um die Stadt noch ausgedehnte

Gärten und Felder erstreckten. Das Überleben dieser

Gehöfte ist von unschätzbarem Wert: hier findet

sich in noch gut erhaltenem Zustand und nahtlos

eingegliedert in die Natur manch schönes Beispiel

bäuerlicher Architektur. Der Vorbeikommende

findet freundliche Aufnahme bei den Weinbauern

und rasch bildet sich ein familiärer, herzlicher

Kontakt.

Der für das Bozner Becken wohl berühmteste Qualitätswein

ist der Lagrein; ihn hat die Fachwelt in

den letzten 15 Jahren neu entdeckt, nachdem ihm

in der führenden Fachliteratur die ihm gebührende

Anerkennung gezollt worden war. Bis dahin war

er unter der Bezeichnung Lagreiner Kretzer (rosé)

als Verschnittwein bekannt und vertrieben worden.

Dies führte zur Produktion des Rotweins und brachte

ihm den Beinamen “Dunkel”, der erst jüngst aus

der offiziellen Bezeichnung gestrichen wurde.

Schon von Karl IV wird in der “Weinordnung” von

1370 der Lagrein unter die besten Weine von Bozen

gereiht. Andere Quellen berichten, daß der Lagrein

bereits seit vielen Jahrhunderten angebaut wird:

die seit 700 Jahren bestehende Sorte Lagrein ist

die älteste bodenständige Rebsorte von Südtirol.

Die Weinproduktion des Lagrein ist somit eine

Tradition dieser Gegend und die Feststellung, daß

der Lagrein jahrhundertelang nur hier und sonst in

keinem anderen Anbaugebiet gewachsen ist, unterstreicht

die enge Bindung zwischen dieser Rebe

und der Stadt Bozen.

Über köstliche Weine allein zu verfügen, genügt an

16

sich nicht - es bedarf schon der nötigen Kenntnisse,

wie, wann und zu welchem Anlaß sie besonders

munden. Dies hängt nun vielfach von Geschmack

und persönlicher Beurteilung ab. Als Aperitiv sind

der aromatische Traminer und der Sylvaner anzuraten;

zu den Vorspeisen eignen sich ein Riesling

und der Weißburgunder; zum Fisch und zu Meeresfrüchten

greift man am besten zu einem Chardonnay,

Müller Thurgau oder Sauvignon; Wurst, Speck,

gekochtes oder weißes Fleisch, ebenso wie Weichkäse

vertragen sich bestens mit einem Grauvernatsch;

zu Gegrilltem, Wild, Geflügel und würzigem

Käse hingegen passen hervorragend der St.

Magdalena, ein Blauburgunder und der Lagrein; zu

den Süßigkeiten folgen ein Goldmuskateller, ein

Rosenmuskateller und schließlich als Dessertwein

der Südtiroler Malvasier.

97


17

98

Bozen als politische und

administrative landeshauptstadt

BozEn als PolitischE und

administrativE landEshauPtstadt

17 das

17

BozEn als

PolitischE und

administrativE

landEshauPtstadt

Autonomiestatut (das sogenannte “Südtirolpaket”),

welches, gestützt auf die Pariser Verträge

(Gruber-De Gasperi-Abkommen) von 1946 und

die UNO-Resolution vom 31.10.1960 der Provinz Bozen

eine weitgehende gesetzgebende und verwaltungsmäßige

Selbstverantwortlichkeit einräumt, trat nach seiner

Genehmigung durch das italienische Parlament am 20.

Januar 1972 in Kraft. Nach dem Erlaß der letzten Durchführungsbestimmungen

Anfang 1992 und dem Austausch

diplomatischer Noten zwischen Rom und Wien im Juni

desselben Jahres kann das Paket als vollständig umgesetzt

betrachtet werden. Dadurch wird auf die lokalen

gesetzgebenden Organe eine Reihe von Befugnissen

konzentriert, die sich mit Ausnahme weniger, der Region

oder dem Staat vorbehaltener Kompetenzen, über jeden

Bereich der öffentlichen Verwaltung erstrecken. Doch

auch die Autonomieregeln werden periodisch immer wieder

überarbeitet und angepaßt, weshalb von einer “dynamischen

Autonomie” die Rede ist, die der aktuellen

Wirklichkeit und ihren stets neuen Problemen und Situationen

gerecht wird.

Die Behauptung, Bozen sei politisch und verwaltungstechnisch

eine Hauptstadt, entspricht daher vollkommen

den Tatsachen. Über autonome Kompetenzen zu verfügen,

bedeutet, Entscheidungsverantwortung zu haben

und demzufolge auch, über nicht unerhebliche Finanzmittel

zu verfügen. Zur Lenkung dieses gesamten Apparates

wurden im Laufe der Jahre eine politische ebenso

wie eine administrative Struktur aufgebaut, die zahlreiches

Personal beschäftigen.

Der Bozner Gemeinderat setzt sich aus 50 Mitgliedern

zusammen, die die gesamte Bevölkerung vertreten und

wird alle 5 Jahre gewählt. In der Regel tritt er wochenweise

abwechselnd dienstags bzw. donnerstags um 18:00

Uhr zusammen.

99


DR. LUIGI

SPAGNOLLI,

BÜRGERMEISTER

VON BOZEN

17

Die Wahlen vom 6. September 2005 haben folgendes

Ergebnis gebracht:

Mit 50,36 % der Stimmen wurde Dr. Luigi Spagnolli

zum Bürgermeister gewählt.

Die Sitze im Gemeinderat sind wie folgt verteilt:

Südtiroler Volkspartei 11 Sitze

Alleanza Nazionale 9

Forza Italia 5

DS 5

Liste Benussi 4

La Margherita 2

Verdi 2

Christdemokraten 2

Unitalia 2

Rifondazione Comunista 2

Projekt Bozen 1

SDI 1

Lega Nord 1

UDC 1

Die Stadt wird von einer Mitte-Links-Regierung

geleitet und der neue Bürgermeister hat in seiner

100

Bozen als politische und

administrative landeshauptstadt

Antrittsrede unter anderem gesagt: “Die Besonderheiten

von Bozen, im Guten wie im Schlechten, machen

auch das Regieren besonders. Als Bozner Bürger

packt mich der Stolz, wenn ich die Statistiken

und nationalen Lebensqualitäts-Hitlisten betrachte,

in denen unsere Stadt stets unter den Erstgereihten

zu finden ist. Und dies ist auch das wichtigste Ziel

meines politischen Mandats: Der Stadt Bozen und

ihren BürgerInnen das Selbstvertrauen zurückzugeben,

das es in den letzten Jahren ermöglichte, so

viele Hürden zu meistern und so viele Ideen in den

verschiedenen Stadt-Bereichen zu verwirklichen.”

Für die fünf Jahre dauernde Periode von 2003 bis

2008 wurde der Landtag aus eine Mitte-Links-Koalition

unter dem Vorsitz von Dr. Luis Durnwalder

gebildet.

BozEn als PolitischE und

administrativE landEshauPtstadt

Die beiden Provinzen von Bozen und Trient bilden

zusammengenommen die Autonome Region Trentino-Südtirol.

Der Regionalrat setzt sich somit zusammen

aus der Summe beider Landtage von insgesamt

70 Abgeordneten. In die Funktion des Präsidenten

der Region teilen sich die beiden Landeshauptmänner:

für die Hälfte der Legislaturperiode

wird dieses Amt vom Landeshauptmann der Provinz

Bozen, für die andere Hälfte von jenem des

Trentiner Landtags ausgeübt.

Die Landesregierung tritt normalerweise jeden

Montag um 8.00 Uhr zusammen. Nach dem Ende

der Sitzung berichtet der Landeshauptmann in

einer Pressekonferenz über den Inhalt der wichtigsten

Entscheidungen und über die Stellungnahmen

des Präsidiums zu den einzelnen Tagesordnungspunkten.

17

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle detailliert

die primären und sekundären Kompetenzen anzuführen,

die das Autonomiestatut der Provinz Bozen

verliehen hat. Zusammenfassend läßt sich sagen,

daß die Provinz Bozen ermächtigt ist, eigenständig

Gesetze und Verordnungen in den Bereichen Landund

Forstwirtschaft, Handel, Industrie und Gewerbe,

Stadtplanung und Wegenetz, Schulwesen und

Berufsausbildung, Wohn- und Schulbau, Fremdenverkehr,

Transportwesen und Verkehr, Landschaftsschutz,

Sozialfürsorge und Wohlfahrt, Gesundheitswesen

u.s.w. zu erlassen.

Zur Ausübung Ihres Auftrags hat sich die Autonome

Provinz eine neue Organisationsstruktur verliehen,

die auf “Klarheit und Transparenz in der Landesverwaltung

mit dem Ziel einer besseren Anpassung

an die Bedürfnisse des Bürgers” ausgerichtet

ist. Diese Neuordnung sieht eine Unterteilung der

Provinzämter in 38 Abteilungen vor.

Die autonomen gesetzgebenden und administrativen

Kompetenzen der Provinz Bozen sind eingehendst

in einer Gratisschrift beschrieben und erläutert,

die im Pressebüro der Provinz in der via

Crispi 3 aufliegt.

101

LANDESHAUPT-

MANN DR. LUIS

DURNWALDER

DAS RATHAUS


17

102

Bozen als politische und

administrative landeshauptstadt

mEssEn und märKtE

18

18 mEssEn und

märKtE

d

emjenigen, der sich urlaubsbedingt einige Zeit

in Südtirol aufhält, mag es nützlich erscheinen,

etwas über die wichtigsten Bozner Messeveranstaltungen

zu erfahren. Ihnen allen sind einige generelle

Charakteristika gemeinsam, die sich aus der Berufung

der Stadt, als “Brücke” zwischen unterschiedlichen Wirtschafts-

und Kulturräumen zu fungieren und somit aus

ihrer Bedeutung als Drehscheibe internationaler Handelsbeziehungen

ableiten. Zusätzlich bieten auch die

auf dem Landwirtschaftssektor angewandten Technologien,

die Liebe zur Natur und zu allen Freiluftaktivitäten

immer wieder Anlaß zu Veranstaltungen, Sonderausstellungen,

Kongressen, Studientreffen und Konferenzen.

Die Erfolgsstrategie der Bozner Messeveranstalter liegt

daher darin, die charakteristischen Eigenerzeugnisse

der Provinz sowie deren Umwelt hervorzuheben.

Jedes Jahr findet Ende Januar in Bozen Klimahouse,

eine Fachmesse für energieeffizientes und nachhaltiges

Bauen statt, auf welchem Sektor Klimahouse eine Brükkenfunktion

zwischen Nordeuropa und Italien innehat.

Im Februar der Jahre mit gerader Jahreszahl wird mit

Viatec, einer Internationalen Fachmesse für Straßenbau

und Infrastrukturbewirtschaftung in alpinen Bereichen

ein Thema behandelt, welchem angesichts der in

den Bergen während der Wintermonate ständig zunehmenden

Besucherzahlen von Skiläufern aus ganz Europa

äußerste Brisanz zukommt.

Mitte Februar ist dann die Reihe an Sport Italy mit

Wintersportbekleidungsartikeln und -zubehör, wobei besonderer

Wert sowohl auf Eleganz als auch auf die praktischen

Anwendungsmöglichkeiten und die Effizienz des

Angebots gelegt wird.

In engem Zusammenhang mit den ausgedehnten Waldgebieten

Südtirols und deren Sensibilität gegenüber allen

Themen im Zusammenhang mit dem hydrogeologi-

103


DIE NEUE

MESSE

KÜRBISFEST

AM

WALTHERPLATZ

18

schen Gleichgewicht, finden in den ungeraden Jahren

mit der Baumec und der Lignomec eine Baumaschinenschau

und Fachmesse für die Holzverarbeitung,

für Erdbewegungsarbeiten und Thermoisolierung

statt.

Ins Frühjahr der geraden Jahre fällt die Schau

Arredo-Die Welt des Wohnens für alles, was mit

dem Wohnen, dem Einrichten und einer verbesserten

Wohnatmosphäre zu tun hat. Gewicht wird dabei

nicht nur auf das Angebot an Haushaltsgegenständen

sondern auch auf die generelle Verbesserung

des persönlichen Wohlbefindens

gelegt.

Civil Protec ist eine Fachmesse

fûr Katastrophen- und

Zivilschutz.

Mitte April wird alljährlich

im Messequartier die Pro

Winter für die Professionisten

im Wintersport abgehalten:

Sporteinrichtungen,

Bekleidung, Erzeugnisse und

Einrichtungen für Skischulen

sowie die Erhaltung und

Wartung und das Vermieten

der Sporteinrichtungen. Zusätzlich

gibt es dann in den

104

Messen und MÄrkte mEssEn und märKtE

geraden Jahren noch die internationale Fachmesse

für Berg- und Wintertechnologien Alpitec.

Unglaublich stark besucht ist jeweils die Ende

April stattfindende Freizeit, eine Ausstellung für

Sport, Hobby, Auto, Urlaub und Berg. Hier läßt

sich alles finden, was dem Aufenthalt im Freien,

dem Sport und der Erholung dienlich ist.

Im Mai kommt Kunstart, die Internationale Messe

für moderne und zeitgenössige Kunst nach Bozen.

Die wichtigste Veranstaltung ist jedoch zweifelsfrei

die Internationale Herbstmesse, bei der sich

das Interesse auf die hier in allen Ausformungen

vertretenen typischen Produkte Südtiroler Betriebe

konzentriert. Auch die besonders zahlreich in den

Bergtälern vorhandenen und bestens in die von

der Landwirtschaft und dem Fremdenverkehr dominierte

Wirtschaftsstruktur der Provinz integrierten

kleinen und mittelgroßen Unternehmen sind

bei dieser Messe vertreten und finden darin ein geeignetes

Forum, um ihre Erzeugnisse den in- und

ausländischen Märkten vorzustellen.

Gegen Ende Oktober wird die Internationale Fachmesse

für das Hotel- und Gastgewerbe Hotel eröffnet.

Angesichts der hohen Investitionen für die

Entwicklung des Fremdenverkehrs in der Provinz

hat sich diese Fachschau zwei für die Betroffenen

grundlegenden Erfordernissen verschrieben: der

qualitativen Verbesserung der Strukturen und dem

Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen

der Hotellerie und den Produktverantwortlichen.

Sehr wichtig ist heute Klimaenergy, eine Fachmesse

für erneuerbare Energien zur gewerblichen

Nutzung.

Ganz auf den Ausbau des Landwirtschaftssektors

fukussiert, der sich den speziellen Problemen und

Erfordernissen der Bergwelt stellen muß, ist die alpenländische

Landwirtschaftsschau Agrialp; ihr angeschlossen

ist die Biolife, die einzige in Italien

ausschließlich auf Bioprodukte konzentrierte Messe.

Mitte November wird in den geraden Jahren mit

Interpoma eine Fachmesse für Anbau, Lagerung

und Vermarktung des Apfels organisiert; parallel

dazu wird unter Beteiligung von Fachleuten und

Unternehmern aus aller Welt ein großer internationaler

Kongreß über die Welt des Apfels und alle

nur erdenklichen damit verbundenen Aspekte abgehalten.

Doch sind dies nicht die einzigen in Bozen abgehaltenen

Messen und Musterschauen. Über das

Jahr verteilt werden noch viele andere, von einander

sehr verschiedene Veranstaltungen organisiert:

Sehnlich erwartet wird alljährlich die in den April

fallende Bozner Weinkost in Schloß Maretsch;

2008 bereits zum 86. Mal abgehalten, bietet sie

Weinverkostungen und Wissenswertes über alle Bereiche

des Weinbaus in Südtirol.

Unter Musik und Tanz, mit Konzerten und Spielen,

folkloristischen Darbietungen und Ständen mit Käse,

Äpfeln und Brot wird im Mai am Waltherplatz

alljährlich das Speckfest begangen.

Im August verwandelt sich die gesamte Bozner

Innenstadt in einen Verkostungsparcours im Rahmen

der Lorenzinacht, eine einmalige Gelegenheit,

von den besten Rot- und Weißweinen zu kosten,

die die teilnehmenden Bozner Kellereien zur

Degustation anbieten.

In einer Stadt wie Bozen kann und darf aber eine

Veranstaltung zum Thema Bergwelt nicht feh-

18

len! Im September werden im Rahmen von Montagna

libri / Internationales Festival für Bergund

Forschungsfilm, Bergbücher und -filme ausgestellt

und zum Verkauf angeboten.

Was böte sich besser als Schlußpunkt dieses

Streifzuges durch den Bozner Veranstaltungskalender

an, als ein kurzer Blick auf den Weihnachtsmarkt,

der alljählich für die Dauer der vier Adventwochen

zur Einstimmung auf das Weihnachtsfest

einlädt; zusammen mit den traditionellen Weihnachtsbäckereien

werden unzählige Produkte ausgestellt

und zum Verkauf angeboten.

105

KLIMAHAUS

ZAUBERHAFTER

BOZNER WEIH-

NACHTSMARKT


19

106

Architektonische und

städtebAuliche Aspekte

architEKtonischE und

städtEBaulichE asPEKtE

19 die

Gigi Dalla Bona

19

architEKtonischE

und städtEBaulichE

asPEKtE

Gründung der Stadt Bozen reicht in die Anfänge

des 11. Jahrhunderts zurück, als Bischof Ulrich

von Aachen den Entschluß faßte, der ortsansässigen,

rein landwirtschaftlich orientierten Wirtschaft

eine kommerzielle Note zu geben. Bozen entstand somit

als Handelszentrum, ein Umstand der sich auch in den

nachfolgenden Jahrhunderten bis in unsere Tage auswirkt

und der Stadt ihre Prägung verlieh.

In jenen fernen Zeiten des Bischofs wurde das für die

Neuansiedlungen auf diesem großen Umschlaggebiet

- einem Markt, der anfänglich nur den ortsansässigen

Bewohnern vorbehalten war und erst allmählich auch

Händlern der Regionen jenseits der Alpen, von Venedig

und der Lombardei bis nach Deutschland zugänglich gemacht

wurde - erforderliche Gelände in lange, schmale,

Nord-Süd-verlaufende Parzellen unterteilt. Typenmäßig

sind die Gebäude all dieser Parzellen gleich: mit

dem “Gesicht” der Straße zugewandt, steht das Haus

da, im Erdgeschoß das Ladengewölbe, in den darüberliegenden,

meist drei Geschoßen die Wohnungen; auf

der Hinterseite liegen, durch einen Lichthof vom Haupthaus

getrennt, die Magazine und noch weiter dahinter

befinden sich der Stall und die Nebenräume für Sattelund

Saumzeug und Wagenzubehör.

Diese architektonische und städtebauliche Einteilung

wurde jahrhundertelang unverändert beibehalten und

läßt sich mit Leichtigkeit auch heute noch erkennen:

die Konzeption blieb unangetastet und gilt für den gesamten

historischen Stadtkern. Hauptachse des so entstandenen

Marktkerns sind die Lauben; längs der Hinterfront

der tiefen Bauparzellen verlaufen die ursprünglich

für den Zulieferverkehr genutzten Parallelstraßen

zu den Lauben: die Dr. Streiter- und die Silbergasse.

Dieses ganze Ensemble war umgeben von einem Wall

und einem Graben (die im 13. Jahrhundert von Mein-

107


PALAZZO MERCANTILE

LAUBEN

19

hard II nach Einnahme der Stadt im Kampf gegen

den Bischof von Trient geschleift und zugeschüttet

wurden). Der Hauptzugang lag im Süden; von hier

gelangten die Händler in die Stadt, nachdem sie

die Eisack überquert und auf dem heutigen Kornplatz

zur Verwiegung, Besteuerung und Verzollung

der Ware Halt gemacht hatten. Auf dem Platz, der

laut alten Chroniken in unterschiedliche Sektoren

für Getreide, Fleisch und Eisenwaren und Werkzeuge

unterteilt war, erhebt sich das alte Waaghaus.

In diesem Gebäude befand sich bis 1633 die Fronwaage.

Schlußpunkt und Krönung des alten Marktkerns

ist das im 18. Jahrhundert nach den Plänen

des Veroneser Architekten Francesco Perotti entstandene

Merkantilgebäude, Sitz des Merkantilmagistrats

, ein bewundernswertes Beispiel der Architektur

aus der Zeit der ausklingenden Renaissance

im Übergang zum Barock.

Rund um dieses Handelszentrum entstanden

108

Architektonische und

städtebAuliche Aspekte

schrittweise Wohnbauten und anderen Zwecken

gewidmete Gebäude, die langsam die früheren bäuerlichen

Gehöfte umzingelten und vereinnahmten,

bis die Stadt mit den davor liegenden Ortschaften

Rentsch, Zwölfmalgrein, Gries, ... zusammengewachsen

war und sich ihr heutiger Umfang abzuzeichnen

begann. Zu den Anfängen dieser Entwicklung

zählt auch die bereits 1180 erstmals erwähnte

Kirche St. Johann im Dorfe, einer der ältesten

Sakralbauten Bozens. Es ist dies eine kleine

intime Kapelle, deren Glockenturm sich zentral

über dem Altar erhebt. Spätere Detailausführungen

in der Anordnung der Fenster und die beachtlichen

Fresken aus dem 14. Jahrhundert haben den Mauerformen

nichts von ihrer Ausdruckskraft genommen,

die bis in unsere Tage ungebrochen Zeugnis

von der zartfühlend-feinen Darstellung von Demut

MERKANTILGEBÄUDE

architEK tonischE und

städtEBauli chE asPEKtE

PFARRKIRCHE

und Bescheidenheit der Romanik ablegen.

Mit dem Bau der Stadtpfarrkirche, also des Domes,

einer dreischiffigen gotischen Kirche, wurde

im 14. Jahrhundert begonnen. Die Bautätigkeit

hielt auch noch in den nachfolgenden Jahrhunderten

bis in die Barockzeit und mit Restaurierungen

bis heute an. Die Bombardierungen während des

letzten Weltkriegs brachten sämtliche Dächer, das

Chor- und teilweise das Langhausgewölbe zum Einsturz.

Diesem an sich traurigen Ereignis verdanken

wir jedoch eine interessante Entdeckung: während

des Wiederaufbaus wurden unterhalb des Kirchenbodens

die Reste einer früheren Kirche oder Kapelle

entdeckt, ein Gotteshaus an der Zufahrtstraße

zum Markt- und Handelsplatz, doch noch vor den

Toren, außerhalb der Mauern gelegen.

Besonders zahlreich sind in Bozen die im Mittelalter

entstandenen Klöster und Abteien: die Dominikanerkirche

ist für ihre Wandmalereien (an

den Stil Giottos angelehnte Fresken) berühmt; die

Franziskanerkirche besticht durch ihren bezaubernden

Kreuzgang aus dem 14. und ihren reichhaltigen

Altar aus dem 16. Jahrhundert. Die barokke

Kirche der Benediktinerabtei schließlich rundet

das beeindruckende Bild des Griesplatzes ab.

Interessanter Ausdruck der durch Klosterleben

und -gepflogenheiten bedingten baulichen Erfor-

19

dernisse ist die Anlage

von Neustift. Sie

liegt in der Nähe des

heutigen Messepalastes

auf den Restbeständenausgedehnter

Weingärten, welche

bereits im 10. Jahrhundert

Eigentum der

Abtei von Brixen waren.

Im 17. Jahrhundert

entstand hier das,

was als “Landsitz” der

Äbte bezeichnet werden

kann: anfänglich

war das Gut auch mit

sämtlichen erforderlichen

Räumlichkeiten

für den Weinbau, wie

Presse und Keller, und

für die Speisenaufbewahrung

und Lagerung

ausgestattet. Versehen

mit zwei Kapellen

entstand hier die Residenz

des Abtes, der,

wie es scheint, aus

der Verkostung seines

Weines vom Bozner

Boden, dem immerhin

von alten Chroniken

geschmacklich der

Vorrang vor demjenigen

des Eisacktales

eingeräumt wird, noch

109

OBEN:

NEUSTIFT

LINKS:

WAAGHAUS

UNTEN:

BENEDIKTINER-

ABTEI


SCHLOSS

MARETSCH

19

SCHLOSS

RUNKELSTEIN

anderen als rein geistigen Nutzen gezogen haben

mag. Die ganze Anlage entpuppt sich als kleines

Juwel ländlicher Wohnkultur.

Hoch oben auf einem Felssporn, auf drei Seiten

von den Gewässern der Talfer umspült, erhebt sich

an der Einmündung des Sarntales die von den bi-

110

Architektonische und

städtebAuliche Aspekte

schofstreuen Freiherren von Wangen im 12. Jahrhundert

errichtete Burg Runkelstein, repräsentatives

Beispiel eines Verteidigungsbaus. Diese

Funktion blieb ihr jedoch nur kurze Zeit erhalten:

gleich beim ersten Ansturm durch den kaisertreuen

Meinhard II im Jahre 1277 wurde die Burg arg

zerstört; die im darauffolgenden Jahrhundert getätigten

Umbauten und Erweiterungen waren vorrangig

auf eine Verbesserung der Wohnverhältnisse

ausgerichtet und so verlor die Burg nach und

nach ihren wehrhaften Charakter (besonders nachdem

das, was von dem ursprünglichen Hauptturm

noch übriggeblieben war, 1520 bei einer Pulverexplosion

vernichtet wurde); heute stellt die Burg

ein malerisches Beispiel für einen mittelalterlichen

Rittersitz dar, bereichert durch wunderschöne Fresken,

die als wichtiger Abschnitt in der Entwicklung

der darstellenden Kunst des Mittelalters angesehen

werden können.

An vollkommen ungeeigneter Stelle für jede Verteidigungsaufgabe,

nämlich auf den Schwemmböden

der Talfer, liegt Schloß Maretsch: von der

ursprünglich mittelalterlichen Anlage existieren

noch der Hauptturm und der zweigeschossige zen-

architEKtonischE und

städtEBaulichE asPEKtE

trale Kern des Gebäudes. Seine unzweifelhaft von

Gigantomanie befallenen Eigentümer des 16. Jahrhunderts

tobten sich in Zubauten aus: neue Flügel

kamen hinzu, ein Innenhof und vor allen Dingen

die vier Rundtürme an den Ecken des so entstehenden

Pseudo-Bollwerks. Obwohl die Täuschung allzu

deutlich zutage tritt, ist das Ergebnis - zumindest

rein visuell - hochinteressant und mit leicht

romantischem Anstrich auch symbolhaft für das

stadtnahe Ambiente.

Die bedeutendsten Zeugnisse des Wohnbaus stammen

hingegen aus jüngerer Zeit.

Im 17. Jahrhundert begann sich die endgültige

Anordnung der Gebäude des historischen Stadtkerns

und der ihn umgebenden Straßenläufe (Obstmarkt,

Streiter-, Binder-, Weintrauben- und Silbergasse)

abzuzeichnen. Alle in dieser Zeit gesetzten

Maßnahmen folgen, obzwar von verschiedenen

Eigentümern in die Wege gesetzt, dennoch einer

kontinuierlichen stilistischen Logik und das Ergebnis

ist ein ausgewogener Gesamtkomplex von eindrucksvoller

Harmonie.

Das aufstrebende Bürgertum dokumentiert sich im

19. Jahrhundert durch eine rege Wohnbautätigkeit

mit all ihren stilistischen Vor- aber auch Nachteilen.

In Bozen schlägt sich diese Epoche durch die in der

Sparkassenstraße entstehenden Jahrhundertwendebauten

nieder: hier prunkt südlich der Alpen ein

sehr eigenwilliger, pittoresker Jugendstil.

Die in der Vorkriegszeit errichteten Gebäude

sind Ausdruck des von den Theorien des damaligen

Regimes getragenen Stilempfindens. Aus jener

Zeit stammen der Bau des IV.Armeekorps, einige

Schulbauten und ein Großteil der jenseits der Talferbrücke

an der Straße nach Gries errichteten Gebäude.

Aus der heutigen Distanz betrachtet, lassen

sich auch in diesen Monumentalwerken nicht

von der Hand zu weisende, wertvolle Formideen

und Lösungsansätze erkennen, umso mehr, als man

sich vielleicht eingestehen muß, daß unsere hochgelobte

und inzwischen womöglich schon überholte

“Postmoderne” kaum Besseres anzubieten hatte

und in diesen Bauten daher eher noch Anregungen

finden könnte.

19

111

GEBÄUDE DES IV.

ARMEEKORPS

ST. JOHANN

IM DORFE


19

112

Architektonische und

städtebAuliche Aspekte

BozEn

im laufE dEr JahrhundErtE

20 Carlo Romeo

Die

20

BozEn

im laufE dEr

JahrhundErtE

Antike

abgesehen von prähistorischen Siedlungen, die

uns noch heute beschäftigen und immer wieder zu

Ausgrabungen mit interessanten Funden veranlassen,

erscheint das Vorhandensein der verschiedenen Kastelle

bemerkenswert, die als Bollwerke auf den Erhebungen

in dem weiten Flußbett, wo die Eisack in die Etsch

mündet, von den Rätern errichtet wurden. Von diesen ursprünglichen

Bewohnern unserer Alpenregion wissen wir

noch sehr wenig.

Circa 16/15 v. Chr. gelangte das Heer des Drusus, Stiefsohn

des Octavianus Augustus, in das Bozner Becken.

Sein Auftrag lautete, in die Täler von Etsch und Eisack

einzudringen, um sich am Bodensee mit den von Lyon

heranrückenden Truppen des Tiberius zu vereinen. Folge

dieser ausgedehnten Umzingelungsbewegungen waren

die Eroberung der Alpenregion, ihre Umwandlung in eine

römische Provinz und die Verteidigung der Poebene gegen

die Germaneneinfälle. Bozen wurde der 10. italischen

Region einverleibt.

Über die Frage, wo denn nun die berühmte Drususbrükke,

die “Pons Drusi” errichtet worden sei, sind sich die Historiker

auch heute noch nicht einig: nächst Schloß Sigmundskron

über die Etsch oder in Rentsch über die Eisack

- so gehen die Meinungen auseinander. Es ist auch nicht

auszuschließen, daß die erste römische Siedlung (Brücke,

Herberge, Pferdewechselstation, sowie ein kleiner, später

in eine frühchristliche Kirche umgewandelter Tempel)

sich in unmittelbarer Nähe des heutigen Stadtkerns (Kapuzinerkloster,

Dom, Waltherplatz) entwickelt hat.

Die der Gesundheit am zuträglichsten und für die Entwicklung

einer Niederlassung am besten geeigneten Areale

lagen in der Nähe von Morizing und Rentsch/Zwölfmalgrein.

Letztere Ansiedlung überlebte die Jahrhunderte

der Invasionen und höchstwahrscheinlich nahm von hier

113


SCHLOSS

SIGMUNDS-

KRON

RECHTS:

MÜNZE DES

GRAFEN VON

TIROL

SCHLOSS TIROL

BEI MERAN

Hochmittelalter

20

aus die eigentliche Besiedlung des

Bozner Beckens nach seiner Urbarmachung

im Mittelalter ihren Ausgang.

Die Bezeichnung “Bozen” (in den

Schriften des Paolo Diacono aus dem

8. Jhdt. als “Bauzanum” erwähnt)

könnte von dem Namen der damals

mächtigsten Familie abgeleitet worden

sein.

Nach den Zerstörungen der Vandalen-, Alanen-,

Schwaben- und Burgundereinfälle durchlebte die

Region unter der Herrschaft des Gotenkönigs Theoderich

endlich eine Periode der Sicherheit. Nach

einer darauffolgenden, kurzen Zwischenherrschaft

der Franken gelangte Bozen unter den Einfluß der

von Süden heraufziehenden Langobarden.

Unter Karl dem Großen wurde das Herzogtum Trient

in Grafschaften neu geordnet. Jene von Bozen

lag zwischen dem Herzogtum Bayern und demjenigen

Trients, dem einflußreichsten, das sogar in eine

Mark mit größerer Machtbefugnis umgewandelt

wurde. Schloß Sigmundskron (Castrum Formigarium)

war Hauptburg und Verwaltungssitz.

Nach dem raschen Zerfall des karolingischen Reiches

fand sich die immer wieder von ungarischen

Einfällen heimgesuchte Mark zunehmend an das

bayrische Reich gebunden, bis zu Beginn des 11.

Jahrhunderts der Frankenkaiser Heinrich II, vor allem

aber dessen Sohn Konrad II die Bischöfe von

Trient und Brixen mit Verwaltungsaufgaben, Rechtsprechung

und steuerlichen Rechten und Pflichten

belehnten. Auf diese Weise entstand

auch hierorts das Amt des Fürstbischofs.

Der Bischof von Trient, in

dessen Gerichtsbarkeit die Grafschaft

Bozen, das Etschtal und Teile des

Vintschgaus und des Eisacktales fielen,

bediente sich zur Ausübung seiner

Verwaltungsaufgaben sogenannter

“Advokaten”, besser gesagt der

mächtigsten Familien, Großgrundbe-

114

Bozen

im Laufe der Jahrhunderte

sitzer, Eigentümer von

Burgen und Festungen,

die in der Lage

waren, Truppen

auszurüsten.

Dies war die Blütezeit

vieler Familien,

deren Namen

uns heute in den Bezeichnungen

der Burgen

und Schlösser wiederbegegnen.

Zu Macht und Ansehen

gelangten unter anderem damals auch die

Appian, die von Bozen in ihr gleichnamiges Schloß

am rechten Ufer der Etsch übersiedelt waren. Ein

Zweig dieser Familie erhielt die Grafschaft Bozen.

Der Aufstieg des Hauses Tirol

Jahrelange Auseinandersetzungen mit ihren Rivalen,

der von Schloß Tirol oberhalb Merans stammenden

Familie gleichen Namens besiegelte den Untergang

der Appian. Durch ständige Unterhöhlung der

bischöflichen Einflußnahme und Macht gelang den

Tiroler Grafen - insbesondere unter Meinhard II

von Tirol-Görz - die Errichtung des ausgedehnten,

unabhängigen “de facto”-Komitats, das von ihnen

den Namen erhielt. Diesem gaben sie vernünftige,

nahezu “modern” anmutende Verordnungen (eine

nicht vom Adel gelenkte Bürokratie, Privilegien für

den Bauernstand, Förderung des Handels und Anreize

zum Aufblühen städtischen Lebens), scheuten

aber auch nicht davor zurück, gegebenenfalls

mit eiserner Faust durchzugreifen. So bestrafte

beispielsweise 1277 Meinhard die Stadt Bozen für

ihre Treue zu den Trienter Bischöfen durch die Zerstörung

der Dämme von Eisack und Talfer, auf daß

die Stadt überschwemmt werde.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts zählt Bozen

3.000 Einwohner und zeigt bereits deutlich seine

Bestimmung als Handelsplatz. Zentraler Kern sind

die Lauben, die inmitten des Rechtecks aus Silbergasse,

Obstmarkt, Streitergasse und Rathausplatz

verlaufen. Die dort entstehenden Gebäude sind ih-

BozEn

im laufE dEr JahrhundErtE

ren Aufgaben

als Wohnstatt

und gleichzeitigerWirkungsraum

für Handel

und Handwerk

angepaßt

und bezeugen

durch ihre Ausgestaltung

und

ihr Erscheinungsbild

die

bedeutende

Stellung, welche

Bozen als

Angelpunkt im

Warenaustausch zwischen Nordeuropa und Italien,

insbesondere auch dank der wachsenden Transitmengen

über den Brenner, einzunehmen beginnt.

Der Aufstieg der Stadt ließ sich auch nicht durch

den verheerenden Brand aufhalten, der 1222 annähernd

1500 Opfer forderte. In der schrittweise

urbar gemachten Ebene entstanden zahlreiche Gehöfte

außerhalb der Stadtmauern, sowie viele Klöster

und befestigte Wohnburgen (St. Vigil, Gries,

Burg Runkelstein).

Unter der Herrschaft der Habsburger

Im Jahre 1363 dankt die letzte Landesfürstin aus

dem Grafengeschlecht der Tirol-Görz, Margarethe

Maultasch, zugunsten Rudolfs von Habsburg ab. In

Erkenntnis der wirtschaftlichen Bedeutung Bozens

setzen die neuen Herren die Politik der städtischen

Privilegien fort. 1450 erhält die Stadt das Recht

auf einen eigenen Bürgermeister.

Zu Beginn des 15.Jahrhunderts kommt es zu Auseinandersetzungen

zwischen dem vom Reich arg

bedrängten Friedrich von Habsburg mit dem Beinamen

“der mit der leeren Tasche” und dem Tiroler

Adel. Daß er den Aufstand siegreich zu beenden

vermag, verdankt er der Unterstützung durch

den Bauernstand und die Bürger der Stadt, was er

mit weiteren Privilegien belohnt: im Tiroler Land-

20

tag (Parlament) sitzen zwei vom Stadtrat ernannte

Vertreter der Stadt Bozen.

Die Handwerkszünfte entwickeln sich, ihre zunehmende

Bedeutung schlägt sich in den Namen einiger

Straßen des Stadtzentrums nieder. Bozen wird

zum Treffpunkt deutscher und italienischer Kaufleute.

Mitte des 16. Jahrhunderts stehen den an

Markttagen herbeiströmenden Fremden

bereits mehr als fünfzig Herbergen

zur Verfügung.

Im Jahre 1635 erteilt die Tiroler

Regentin Erzherzogin Claudia

de’ Medici den Bozner Märkten eine

ganze Reihe von Privilegien, die

eine durchgreifende Regelung der

Wechselgeschäfte mit sich bringen,

während aufflammende Zwistigkeiten

und Rechtshändel durch die

Schaffung eines Merkantilmagistrats

beigelegt werden sollen, in welchem

italienische und deutsche Kaufleute

gleichwertig vertreten sind.

Die Privilegien des Bozner Marktes

werden 1718 von Kaiser Karl VI noch erweitert.

Der durch den Handel erwirtschaftete Reichtum

spiegelt sich in dem prächtigen barocken Stadtbild

mit seinen pompösen Gebäudefassaden.

19. Jahrhundert

Die Kriege und Unruhen der Neuzeit

berührten die Stadt nur am

Rande. Einschneidender war da

schon 1797 die Besetzung durch

napoleonische Truppen. Als Folge

des Preßburger Abkommens fällt

Tirol 1805 an das mit Frankreich

verbündete Bayern. Die auf eine

administrative, politische und

gerichtliche Zentralisierung sowie

eine Reglementierung der

religiösen Feste und Glaubensausübung

ausgerichteten

Reformen führen schließlich

115

LINKS: MARGA-

RETHE MAUL-

TASCH, LETZTE

GRÄFIN VON

TIROL UND

GÖRZ

UNTERHALB: AN-

DREAS HOFER

DAS WAPPEN

DER STADT

BOZEN


STANDSEILBAHN

ZUM VIRGL

DER WALTHER-

PLATZ ZU BEGINN

DES 20. JHDTS.

20

zu dem von Andreas Hofer (1809) unter dem Motto

“für Gott, Kaiser und Vaterland” angeführten Aufstand.

Noch lange, nachdem Österreich und Frankreich

bereits ihren Frieden geschlossen haben, führen

die nun ganz auf sich selbst gestellten Tiroler

Aufständischen ihren Kampf bis zu seiner endgültigen

Niederschlagung fort. Hofer wird gefangengesetzt

und 1810 in Mantua hingerichtet.

Bozen wird mit einem großen Teil des südlichen

Tirol dem Königreich Italien angeschlossen. Die

neue Provinz mit Trient als Landeshauptstadt erhält

den Namen “Dipartimento dell’Alto Adige”.

Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen

Reiches fällt Tirol wieder an die Habsburger. Das

19. Jahrhundert ist gekennzeichnet von dem Aufeinanderprallen

der von Wien ausgehenden Reformen

und den Widerständen des Landes Tirol, das

nicht bereit ist, auf seine alten Freiheiten und autonomen

Rechte zu verzichten. Auch Bozen wird

zum Schauplatz der Spannungen zwischen Liberalen

und katholischen Konservativen, die sich im

“Kulturkampf” austoben. Symbolhaft wird die Einweihung

der neuen öffentlichen Gasbeleuchtung

(1861) vom liberalen Bürgermeister Josef Streiter

als “Lichterfest” gegenüber Ignoranz und Aberglauben

begrüßt.

Das Ende des Jahrhunderts erlebt das Aufkeimen

des deutschnationalen Gedankenguts. Demgegenüber

steht die Irredenta der Trientiner, die seit 1848

jede von Innsbruck ausgehende Autonomieforderung

ablehnen. Die 1889 errichtete Statue des Minnesängers

Walther von der Vogelweide bekommt Symbolwert

für das Deutschtum. Gleichsam als Gegenpol

entsteht 1896 das Dantedenkmal in Trient.

Gegenwart

Die Jahre um die Jahrhundertwende

werden

nach dem langjährigen

Bozner Bürgermeister

(1895-1922) als “Ära

Perathoner” bezeichnet

und sind Jahre fie-

116

Bozen

im Laufe der Jahrhunderte

berhafterBautätigkeit und städtischer

Entwicklung,

welchen Maßnahmen

abgesehen

von Modernisierungsambitionen

sämtlich die Bemühungzugrundelag,

den deutschen

Charakter

der Stadt herauszustreichen.

Zwölfmalgrein blieb bis 1911 eine autonome Gemeinde.

Ebensolche Eigenständigkeit genoß auch

Gries bis 1925, das im übrigen eine beachtliche

Entwicklung als Fremdenverkehrsziel und Kurort

durchmachte (1900 wurden 1600 Gäste registriert).

Nach dem ersten Weltkrieg wurde Südtirol vom

Königreich Italien annektiert. Nach einer kurzzeitigen

Militärverwaltung wird das Trentino Alto Adige

einem Zivilkommissar (Luigi Credaro) unterstellt.

Im April 1921 wird ein Umzug der Südtiroler Bevölkerung

von eigens nach Bozen angereisten faschistischen

Truppen angegriffen. Ergebnis sind

ein Toter und zahlreiche Verletzte. Kurz vor dem

Marsch auf Rom, am 2. Oktober 1922, besetzen

faschistische Gruppen Bozen und zwingen Bürgermeister

Perathoner zur Abdankung. Mit der Machtergreifung

Mussolinis beginnt die zunehmende Italianisierung.

1926 wird Bozen Hauptstadt der neu

geschaffenen, auf diese Weise von Trient losgelösten

Provinz. Ettore Tolomei, bereits seit Beginn

des Jahrhunderts Verfechter der „naturale italianità

dell’Alto Adige“ (des naturbedingt italienischen

Wesens Südtirols), trägt 1923 anläßlich einer

Veranstaltung im Stadttheater sein in 32 Punkte

gegliedertes Programm zur Italianisierung vor.

Italienisch wird zur Amts-, Verwaltungs- und

Schulsprache erklärt. Städtebaulich wird versucht,

der Stadt ein neues Aussehen zu verleihen. Hierzu

soll das dem historischen Stadtkern gegenüberliegende

Gebiet jenseits der Talfer bebaut werden.

BozEn

im laufE dEr JahrhundErtE

Von den 28.000 bebauten Flächen des Jahres 1910

wächst sich Bozen durch italienische Immigration

auf 32.000 im Jahr 1921 und weiter auf 40.000 im

Jahr 1934 aus.

Mitte der Dreißigerjahre wird unter dem Präfekten

Giovanni Mastromattei (1933-40) mit dem Bau

der Industriezone (Montecatini, Stahlwerke, Lancia,

u.s.w.) begonnen, was die Zuwanderung weiterer

italienischer Arbeiter und ihrer Familien nach

sich zieht. Neue Wohnviertel entstehen, darunter

die “semirurali”.

Als Folge von Abkommen zwischen Deutschland

und Italien wird die Südtiroler Bevölkerung 1939

vor die Entscheidung gestellt, ins “Reich” abwandern

oder als “brave italienische Bürger” bleiben

zu wollen (die sogenannten “Optionen”). Lt. deutschen

Quellen optieren in Bozen fast 15.000 der

17.200 deutschsprachigen Bewohner für die deutsche

Staatsbürgerschaft.

Nach dem 8.September 1943 wird Südtirol mit

dem Trentino und der Provinz Belluno zum Alpenvorland

zusammengefaßt und ist praktisch vom

Deutschen Reich annektiert. Aufgrund seiner Bedeutung

als Eisenbahnknoten wird Bozen Ziel zahlreicherBombardements

der allieerten

Streitkräfte, die auch

den historischen

Stadtkern nicht verschonen.

In der Reschenstraßebefindet

sich ab 1944

ein Durchgangslager

für zur Internierung

in Deutschland bestimmte

Gefangene.

Vom Kriegsende bis heute

Anfang Mai ‘45 übernimmt das Nationale Befreiungskomitee

im Namen der italienischen Regierung

die Kontrolle über die Provinz. Am 4. Mai trifft die

Vorhut der Allieerten in Bozen ein. 1946 wird am

Rande des Pariser Friedensvertrages das Gruber-De

20

Gasperi-Abkommen zum Schutze der deutschsprachigen

Minorität in Südtirol unterzeichnet. 1948

tritt das Autonomiestatut der Region Trentino-

Südtirol in Kraft.

In den Augen der Südtiroler Bevölkerung trägt die

Entwicklung Bozens, schon wegen der tragenden

Rolle der Großindustrien, weiterhin das Stigma der

Italianisierung.

Ab der Mitte der Fünfzigerjahre verschärfen sich

innerhalb der Region die Spannungen zwischen der

Südtiroler Volkspartei und den italienischen Vertretern

im Regionalrat. Am 17.November 1957 kommt

es in Schloß Sigmundskron zu der berühmt gewordenen

Kundgebung “Los von Trient”. Österreich

trägt die Südtirolfrage den Vereinten Nationen vor,

während in der Region selbst die Terroristen tätig

werden (die “Feuer-” oder “Herz-Jesu-”Nacht

vom 12. Juni 1961). Das sogenannte “Südtirolpaket”,

oder vielmehr die Durchführungsbestimmungen

des Pariser Abkommens, werden 1972 offiziell

wirksam. Fast sämtliche Kompetenzen werden von

der Region an die Provinz abgetreten.

Im Juni 1992 wird die italienisch-österreichische

Auseinandersetzung offiziell für beigelegt erklärt.

Die mit dem zweiten Autonomiestatut erfolgte

Übertragung weiterer Kompetenzen hat entscheidend

zum beachtlichen sozialwirtschaftlichen Aufschwung

beigetragen, den Bozen in den letzten

Jahren genommen hat. Heute rangiert die Stadt im

oberen Feld des jährlichen Presseranking aller italienischen

Städte.

117

DIE INDUSTRIE-

ZONE WÄHREND

DER NACH-

KRIEGSZEIT UND

DIE BOZNER

PFARRKIRCHE

NACH DEM BOM-

BARDEMENT 1944


20

118

Bozen

im Laufe der Jahrhunderte

viEr stadtrundgängE

21

21

viEr

stadtrundgängE

119


• Waltherplatz

• dom

• Kapuzinerkloster

• dominikanerkirche

und

-kreuzgang

• museion

undenkbar, eine Besichtigung

Bozens von anderswo

zu starten als

vom Waltherplatz, der nach der

Fertigstellung des unterirdischen

Parkhauses und nachdem (1985)

das Denkmal seines Namensgebers,

des Mittelalter-Dichters

Walther von der Vogelweide, wieder

an seinem ursprünglichen

21

Walther von der Vogelweide (1170-

1230), zählt zu den bedeutendsten Dichtern

der von ihm tiefgreifend erneuerten

höfischen Lyrik des deutschen Sprachraumes.

Wie fast mit Sicherheit anzunehmen

ist, entstammt er einer österreichischen

Kleinadelsfamilie, lebte an deutschen Fürstenhöfen

und hatte regen Anteil an den

kulturellen und politischen Ereignissen einer

Zeit, in der die beiden großen Mächte

Kaiserreich und Papsttum heftig aufeinanderprallten.

In seinen politischen Dichtungen

erweist er sich als unermüdlicher

Verfechter kaiserlicher Ideale und sieht

in dem weltlichen Herrscher den Garanten

für die Aufrechterhaltung moralischer

Werte: nur der Kaiser vermag die Welt vor

dem Chaos zu bewahren, das durch den

Mangel an “pax et justitia” auszubrechen

droht und seine Aufgabe ist es auch, den

Gegenpol zu dem weltlichen Machtstreben

der römischen Kirche darzustellen,

der Walther in seinen religiösen Gedichten

eine authentische, reine, auf Armut

und Demut statt auf die Weltherrschaft

ausgerichtete Kirche entgegensetzt.

Die höchste Vervollkommnung erreichte

der Dichter in seiner Liebeslyrik, derentwegen

er heute hauptsächlich Bekanntheit

120

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

• 1. Besichtigungstour

genießt: es gelang ihm, die Erstarrung der

Themen und Formen des Minnegesangs

abzuschütteln und persönliche, tief empfundene,

gefühlvolle Elemente mit realistischer

Darstellungskraft zu verbinden,

sodaß in seinen Gedichten das Erleben

der Liebe wieder menschliche Dimensionen

annimmt, angereichert mit psychologischen

Erkenntnissen, Stimmungsbildern

und Landschaftsschilderungen.

Walther selbst maß seinen Poesien prophetische,

moralische und erzieherische

Aufgaben bei und wandte sich in ihnen

an Fürsten und kirchliche Würdenträger,

damit sie zu unterscheiden lernten zwischen

Gut und Böse, zwischen Schein und

Wahrheit; dabei stellt er selbst sich stets

auf seiten der Wahrheit und Gerechtigkeit,

der wahren Liebe und der sie verkörpernden

Frau, sowie des nach seinen inneren

Werten zu messenden Mannes.

Diese innere Einstellung, eine Mischung

aus heftiger moralischer Anspannung und

gleichzeitigem grüblerischen Bewußtsein,

kommt auch in seinem Denkmal zum

Ausdruck, das den Dichter mit der Laute

in der Hand auf hohem Sockel, flankiert

von zwei Löwen mit Wappenschildern,

darstellt.

Platz aufgestellt worden war,

seine natürliche Bestimmung als

zentraler Platz Bozens zurückgewonnen

hat.

Ursprünglich 1808 von Maximilian

von Bayern geschaffen, verdankt

der Waltherplatz sein heutiges

Aussehen den Bautätigkeiten

um die Wende vom 19. zum

20. Jahrhundert, als nach der Errichtung

des Hotel Greif (1884)

und des Hotel-Café Kompatsch

(1887, heute Sitz der BNL-Bank)

die Westseite des Platzes (1906)

adaptiert und das Stadt Hotel

(1912, ehemalige Oberschule)

eingeweiht wurden. Die Sparkasse

stammt aus dem Jahr 1953,

fügt sich aber gut in das Ensemble

ein.

Das aus weißem Lasamarmor in

neoromanischem Stil ausgeführte

Waltherdenkmal des Vintschgauer

Bildhauers Heinrich Matter

(1889) ist in seinen Größenverhältnissen

perfekt an die umliegenden

Gebäude angepaßt;

das ganze Ensemble erscheint dadurch

im goldenen Schnitt ausgeführt.

Dank der einheitlichen Stilelemente,

eleganten Verzierungen

und der heiter-unbeschwerten

Ausführung der einzelnen Bauwerke,

strahlt der Platz die dem 19.

Jahrhundert eigene harmonische

Atmosphäre ruhigen Wohlstands

aus: die rhythmische Abfolge der

Fensteröffnungen, Bögen, Balustraden,

die Geländer und Gesimse,

die Erker und Konsolen, das

durch Kamine und Mansarden belebte

Spiel der Giebel und Dächer,

all dies ist Ausdruck einer architektonischen

Konzeption, die eine

naturnahe Harmonie zwischen

21

praktischen und ästhetischen Anforderungen

herzustellen trachtet.

Kaffeehäuser, Bänke und Sitze

laden zum Verweilen, um die

Atmosphäre dieses Platzes in Ruhe

auf sich einwirken zu lassen

und den Lebenspuls dieser Stadt

zu erfühlen.

Mit dem Rücken zum Waltherdenkmal

blicken wir auf den

Dom. Von hier aus präsentiert

er sich in seiner interessantesten

und bekanntesten Ansicht.

Vor uns liegt die Nordseite mit

dem Chor, aus dem sich die Gnadenkapelle

aus dem 18. Jahrhundert

hervorschiebt, und mit dem

Turm, der zum Wahrzeichen der

Stadt geworden ist.

Der Bau der Stadtpfarrkirche

Mariä Himmelfahrt wurde 1295

in romanischem Stil durch lombardische

Bauleute begonnen

und seit 1340 in gotischem Stil

durch schwäbische Steinmetze

fortgesetzt; durch diese Überlagerung

der verschiedenen Stilelemente

ist der Dom heute als

121

beispielhaft für die Bozner “Baukultur”

anzusehen. Ab 1501 bis

1519 errichtete der deutsche

Meister Hans Lutz den gotischen

Glockenturm, wohingegen die

barocke Gnadenkapelle Mitte des

18. Jahrhunderts von dem italienischen

Architekten Giuseppe

Dellai hinzugefügt wurde.

Die Stadtpfarrkirche ist das hervorragendste

Zeugnis gotischer

Architektur der ganzen Region.

Ihr Charakteristikum ist ihre elegante

Schlankheit, die durch die

verlängerten Stützpfeiler der Fenster,

die steil aufragenden Dachflächen,

die langgezogene Zuspitzung

des Glockenturmes bewirkt

wird. Mit diesen stilistischen

Kunstgriffen versuchte die Gotik,

das Streben der Seele zu Gott auszudrücken,

einer Seele, die von

jeglichem materiellen Gewicht befreit

sich emporschwingt zu den

Gefilden reiner Vergeistigung. Im

Bemühen um diesen Ausdruck

LEITACHER TÖRL


PFARRKIRCHE:

DIE KANZEL

VON HANS LUTZ

(1514)

trachten die Baumeister der Gotik

stets, die drückende Schwere

der tragenden Mauern zu mildern,

indem sie mit zartem Maßwerk

reichverzierte Fenster einfügen,

die vertikalen Druckkräfte

durch dünne, aufsteigende Bögen

auffangen und den Bau zusätzlich

mit zerbrechlich anmutenden

Gesimsen, Fialen und Brüstungen

versehen. Sämtliche vertikale

Linien laufen zusammen und

vereinigen sich in der 18m ho-

21

henKirchturmspitze. Diese

zeigt Maßwerk

in seiner höchstenVollendung:

wie ein

Spitzengewebe,

durchschimmert

vom Blau

des Himmels,

scheint sie sich

in der Luft fast

aufzulösen.

Auf der

Chorseite liegt

das “Leitacher Törl”, so benannt

nach dem vor diesem Tor

ausgeübten Privileg des alleinigen

Weinausschanks. Die Verzierungen

um das Tor gehören zu

den filigransten und wertvollsten

gotischen Skulpturen, die

der Dom aufzuweisen hat.

Auch die Skulpturen, unverzichtbare

Ergänzung der gotischen Architektur,

sind Ausdruck der damaligen

Geisteshaltung und Frömmigkeit;

diese manifestiert sich

besonders im harmonischen, fließenden

Schwung der Linien, der

den Figuren eine den vorangegangenen

Kunstformen noch völlig

fremde Lebendigkeit und Würde

verleiht, menschliche Gefühle anspricht

und an himmlische Glückseligkeit

gemahnt; die Drapierungen,

der reiche Faltenwurf tragen

entschieden dazu bei, die Schönheit

der Figuren hervorzuheben,

unterstreichen die Gesten, verdeutlichen

Haltung und Ausdruck,

lassen die Gestalten einmal graziös

und elegant, dann wieder würdevoll

und edel erscheinen.

Am Fuße des Glockenturms be-

122

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

findet sich ein wunderschönes

Fresko mit einer Kreuzigungsszene:

Maria, Johannes, die Hl.

Barbara und die knienden Stifter

finden sich zu beiden Seiten

des Kreuzes mit dem sterbenden

Christus ein; in diesem Werk aus

der Veroneser Schule des ausgehenden

14. Jahrhunderts gesellen

sich zu der strengen Raumeinteilung,

wie wir sie aus der

Schule Giottos kennen und wie

sie sich auf diesem Fresko in der

Christusfigur manifestiert, die

Eleganz der Gewänder und des

Kopfschmucks, die Verzierungen

und Verschönerungen der stehenden

Figuren aus der Hochblüte

der internationalen Gotik, wie

sie von Verona ausgehend letztlich

ganz Italien beherrscht hat.

Eine phantasieanregende Kuriosität

sollte nicht unerwähnt

bleiben: seitlich links neben

dem eben geschilderten Fresko

befindet sich ein kleines Votivbild,

das einen rastenden Wanderer

zeigt, der durch eine herabfallende

Glocke aus dem Schlaf

gerissen wird.

Weiter längs der Nordseite erreicht

man rechter Hand das

Hauptportal in der einfachen

Giebelfassade mit Radfenster aus

dem 14. Jahrhundert; ihm vorgesetzt

ist ein romanisches Vorhäuschen

mit zwei polygonalen

Säulen auf großen Löwen, von

denen aber nur der rechte noch

original erhalten ist. Das wunderschöne

Holzportal von Hanns

Heim (1521) mit Reliefdarstellungen

der Verkündigung und der

vier Evangelisten, ein wertvolles

Zeugnis der Renaissanceeinflüs-

se auf deutsche Bildhauerkunst,

wird nach den jüngst erfolgten

Restaurierungsarbeiten im Stadtmuseum

aufbewahrt.

Das links vom Hauptportal befindliche

Fresko thronende Maria

mit Jesuskind mit Phantasiehintergrund

wird durch N.Rasmo dem

Künstler Hans Pacher zugeschrieben

(Ende 15. Jahrhundert).

Das Kircheninnere wird beherrscht

durch die drei gleichhohen

Schiffe, einer Eigenheit der

spätgotischen Bauform sogenannter

“Hallenkirchen”; durch keine

Seitenwände behindert, wirken

die 10 Pilaster besonders schlank,

ein Eindruck, der sich weiter oben

durch die elastisch anmutenden,

eleganten spitzbogigen Kreuzgewölbe

noch weiter verstärkt. Die

rhythmische Abfolge der Bögen

verleiht dem Kircheninneren eine

besonders harmonische, einheitliche

Atmosphäre. Das durch die

großzügigen Fenster einströmende

Licht verteilt sich gleichförmig

auf den ganzen Innenraum und

unterstreicht noch die Funktionalität

des Tragewerkes, hebt dessen

Schönheit, die Klarheit seiner

Linien und Formen noch mehr

hervor. Architektonischer Höhepunkt

ist der von einem Umgang

mit Fenstern eingerahmte Chor,

ein wahres Meisterwerk der Gotik,

in den sich abschließend die barocke

Gnadenkapelle einfügt.

Der Dom enthält bedeutende

Malereien und Skulpturen.

An der Innenfassade Szenen aus

der Christophorus-Legende von

Friedrich Pacher. An der rechten

Wand Szenen der Hll. Dorothea

und Martha, Fresken eines ita-

21

lienischen Meisters aus der Mitte

des 14. Jahrhunderts. Darüber

ein dreiteiliges Fresko mit Papst

Urban V von der Hand eines emilianischen

Künstlers nach 1370.

Unter dem Triumphbogen befindet

sich eine ehemals aus der Dominikanerkirche

stammende Kreuzigung

aus dem 14. Jahrhundert.

Die Kanzel, ein Meisterwerk der

Spätgotik, mit reich gegliedertem

Fuß und beeindruckendem

Maßwerk sowie Reliefs der vier

Kirchenlehrer mit Evangelistensymbolen,

ist ein Werk des Hans

Lutz von 1514. Die vier Altäre in

den Seitenschiffen sind neugotisch

und stammen aus dem ausgehenden

19. Jahrhundert.

Der großartige Barockaltar ersetzt

seit 1720 den seinerzeitigen

hölzernen geschnitzten

Hauptaltar von Hans Judenburg

von 1420.

Von Jacopo Pozzo entworfen

und von G. Battista Ranghieri in

Verona ausgeführt, mit 12 Statuen

von Domenico Allio versehen,

ist der Hauptaltar Ausdruck

jener architektonischen Auffassung,

die als Antithese zur Gotik

bezeichnet werden könnte: während

die Gotik auf Transzendenz

ausgerichtet ist, versucht der barocke

Stil, alles Göttliche auf die

menschliche Gefühlsebene zu reduzieren.

Die durch die Zergliederung

der Basislinien und des Balkenwerks

erzielte Vervielfältigung

des Räumlichen sowie die Variierung

der Flächen durch die konzentrische

Anordnung der Säulen

und Statuen finden ihre volle stilistische

Übereinstimmung in der

Haltung der Figuren, deren Ge-

123

stik und Bewegung Ausdruck einer

Durchgeistigung sind, die Gott

in der Fülle der seelischen Empfindungen

erkennt.

Die Gnadenkapelle besitzt Dekkenfresken

von Karl Henrici

(1771) mit Szenen aus dem Leben

Mariä. Den Altar schmückt

eine Madonnenstatue mit Jesuskind,

eine Arbeit aus der Veroneser

Schule um 1200 aus bemaltem

Marmor. Eine Legende besagt,

daß sie von einem Fuhrmann im

sumpfigen Schilf an der Stelle ge-

WANDMALEREIEN

IN DER

ST.JOHANNES-

KAPELLE


KAPUZINER-

KIRCHE: DER

HL. FRAN-

ZISCUS EMP-

FÄNGT DIE OR-

DENSREGELN

funden worden sei, wo später die

Kirche errichtet wurde.

Durch die in den letzten Jahren

erfolgte Errichtung des Pastoralzentrums

nach Plänen des Architekten

Othmar Barth entstand an

dieser Stelle ein Platz, der den

Namen Domplatz erhielt und auf

welchem eine Bronzegruppe, die

“Begegnung mit dem Auferstandenen

auf dem Weg nach Emmaus”

von Franz Kehrer aus St.

Vigil in Enneberg (1996), ihren

äußerst effektvollen Standplatz

gefunden hat.

Die Kapuzinergasse hinaufgehend

gelangen wir auf den südseitig

von der Kirche und dem

ehemaligen Kloster der Dominikaner

begrenzten Dominikanerplatz.

Die Dominikanerkirche mit Hll.

21

Johannes- und Katharinenkapelle

und dem anschließenden

Kreuzgang ist an sich ein einziges

großes Museum Südtiroler

Malereikunst des 14. und 15.

Jahrhunderts und wurde von den

Dominikanern nach deren Eintreffen

in Bozen 1272 in gotischem

Stil erbaut.

In der einzigen erhaltenen Kapelle

auf der linken Seite befindet

sich der vom Veroneser Meister

Mattia Pezzi geschaffene Barockaltar,

dessen Altarbild als bedeutendes

Werk von G. Francesco

Barbieri, bekannt als Guercino,

angesehen werden kann; dargestellt

ist die Erscheinung von Soriano

mit der Jungfrau Maria, die

dem Dorf Soriano Calabro das Gewand

mit der Figur des Hl. Dominicus

als Geschenk reicht.

Von den ehemaligen Wandmalereien,

einer wertvollen Sammlung

südtiroler Malkunst aus dem

14. Jhdt. sind nur wenige Reste

auf der rechten Seite erhalten

geblieben: darunter eine Maria

auf dem Thron in reich verzierter

Umrahmung, ein bedeutendes

Werk, datiert von 1379,

das das Eindringen des Veroneser

Malstils der Schule des Altichiero

in den Bozner Raum markiert.

Auf dem daneben befindlichen

Fresko aus der Schule des

Martino da Verona sind die vier

Heiligengestalten als zwei Edeldamen

und zwei Höflinge dargestellt,

deren elegante Kleidung

und Haltung beispielhaft für das

damalige höfische Leben sind.

Rechter Hand gelangt man in

die St.Johannes-Kapelle: diese

von Giovanni de’ Rossi, ei-

124

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

nem nach Bozen übersiedelten

reichen Florentiner Bankier errichtete

Kapelle wurde im Auftrag

seines Sohnes Nicolò zwischen

1330 und 1335 von mehreren

Malern der Giottoschule

mit Wandmalereien versehen.

Die vier verschiedenen Künstlern

zuzuschreibende Bildgeschichte

ist auf die drei Bögen der Kapelle

verteilt und erzählt aus dem

Leben der Hll. Johannes des Täufers,

Johannes Evangelist und

Nikolaus, wohingegen der größte

Bildzyklus der Jungfrau Maria

gewidmet ist.

Obzwar diese Fresken stark beschädigt

wurden, stellen sie doch

ein hochinteressantes Ganzes dar,

da sie Ausdruck des neuen Stils

sind, der sich in Bozen während

der ersten Jahrzehnte des 14. Jhdts

durchzusetzen beginnt und

sich durch eine neue Raumkonzeption

und den Wunsch auszeichnet,

die Heiligengeschichten

in ein konkretes, reales Umfeld

zu übertragen; an die Stelle

der vergeistigten gotischen Kunst

mit ihrer harmonisch-linearen

Ausdrucksform tritt nun das Bemühen

um menschlich-reelle Darstellung,

um eine in Raum und

Zeit unseres tatsächlichen Lebens

wurzelnde Wahrheit.

Von der alten Sakristei gelangt

man in den Kapitelsaal und in

die Katharinenkapelle. Auch diese

wurde gegen die Mitte des

14. Jahrhunderts vollständig mit

Wandgemälden ausgestattet: an

der Eingangswand Jüngstes Gericht;

an der linken Wand Szenen

aus dem Leben Jesu; an der rechten

Wand Szenen aus dem Leben

der Hl. Katharina. Triumphbogen:

Verkündigung, Hl. Jakobus

und Hl. Maria Magdalena.

Der direkt vom Dominikanerplatz

aus erreichbare Kreuzgang

hat eine quadratische Form und

wird von 21 Spitzbögen gesäumt,

die seit dem Ende des 15. Jahrhunderts

die ursprünglich hölzerne

Decke ersetzen. Von den Fresken

aus dem 14. Jahrhundert,

mit denen alle Wände verziert

waren, sind eine thronende Madonna

sowie die Heiligen Jakobus

und Antonius Abt und Stiftergruppe

erhalten geblieben.

Die Fresken des 1496 mit der

Verzierung der Seitenwände und

Volten an der Süd- und Ostseite

beauftragten Friedrich Pacher

(1440-1508) wurden erst jüngst

restauriert: an den Wänden Szenen

aus dem Leben Jesu und Mariens;

das Gewölbe zeigt biblische

und prophetische Darstellungen.

Zu erwähnen die Kreuzigung,

von Pacher mit der aufrüttelnden

Drammatik nördlicher

Darstellungsweise und in den aus

Venedig und Padua übernommenen

Farbgebungen ausgeführt.

Beim Weitergehen gelangt

man vom Dominikanerplatz in

die Spitalgasse und dann linker

Hand in die Dantestraße und

hier liegt gleich zur Rechten der

lichtdurchflutete Würfelbau des

Museums für Moderne Kunst,

“Museion” genannt. Dieses ist

in zwei Gebäude gegliedert, von

denen das kleinere die Werkstätten

der Künstler enthält. Das eigentliche

Museum ist in der Mitte

gelegen: ein dreistöckiger Bau

21

von 54 Metern Länge mit trichterförmiger

Fassadengestaltung

und einer Metallabdeckung.

Das 1985 gegründete Museion

hat sich im Laufe der Jahre in

zunehmendem Maße auf zeitgenössische

Kunstrichtungen konzentriert

und mehr als 3.000 Exponate

angesammelt. Allein der

Name “Museion” unterstreicht

schon diese Öffnung gegenüber

den unterschiedlichsten künstlerischen

Ausdrucksformen der Gegenwart;

man ist bemüht, nicht

nur als Ausstellungsort zur Verfügung

zu stehen, sondern als Zentrum

der verschiedensten Aktivitäten

zu wirken, als Treffpunkt

der Kunst- und Kulturströmungen

unserer Zeit. Von den Berliner

Architekten Krüger, Schuberth

und Vandreike geplant,

soll die Transparenz und funktionelle

Innengliederung des Baus

die Stadt mit dem, was im Inneren

des Museion vorgeht, in einem

kontinuierlichen Dialog verbinden.

Die beiden Stirnseiten

haben daher Doppelfunktion: sie

sind Schaufenster und gleichzeitig

Projektionsflächen von Stadt

und Umfeld. Ein flexibles System

beweglicher Innenwände gestattet

es, die Räume zu verändern

und den jeweiligen Erfordernissen

anzupassen.

Mit seiner Sammlung, in der

hauptsächlich Werke vertreten

sind, die die seit den Sechzigerjahren

des 20. Jahrhunderts anhaltende

Tendenz zur Entmaterialisierung

in der Kunst bezeugen,

bemüht sich das Museion

um eine ihm eigene Position;

dazu tragen ein weitgesteck-

125

tes, abwechslungsreiches Programm

zeitgenössischer Ausstellungen

ebenso bei wie verschiedene

Projekte und Aktivitäten,

mit denen sich das Haus in die

Kunstentwicklung unserer Zeit

eingliedert, um zu einem Bestandteil

der Stadt und des Lebens

ihrer Bewohner zu werden.

Die Einweihung des neuen Museumsgebäudes

erfolgte im Frühjahr

2008 mit der siebenten Biennale

zeitgenössischer Kunst

“Manifesta”.

KREUZGANG IM

DOMINIKANER-

KLOSTER (INNEN-

ANSICHT)

MUSEUM FÜR

MODERNE UND

ZEITGENÖSSISCHE

KUNST


• Bahnhof

• rathausplatz

• Bindergasse

• Batzenhäusl

• st. Johann

im dorfe

• lauben

• obstmarkt

• Kirche und

Kreuzgang

der franziskaner

• museumstraße

• stadtmuseum

• mustergasse

• silbergasse

• Kornplatz

OBEN: ALLEGORIE

DER ELEKTRIZITÄT

RECHTS: BOZNER

LANDHAUS (ARCH.:

ZÖGGELER)

dieser Rundgang nimmt

vom Bahnhofsplatz seinen

Ausgang. Das Bahnhofsgebäude

wurde 1928 von

Angiolo Mazzoni auf den Mauern

des ursprünglichen Baus von

Sebastian Altmann aus dem 19.

Jhdt. errichtet.

Dem Bahnhof gegenüber liegt

der nach Plänen des Bozener Architekten

Oswald Zoeggeler erst

jüngst errichtete Bau des Landhauses;

in dessen Rücken steht

auf dem Platz mit der Statue des

König Laurin von A. Kompatscher

(1903) das ehemalige Palais

Widmann, ein der Renaissance

nachempfundener Bau von

21

S. Altmann (1882), Sitz des Landeshauptmannes,

sowie der aus

dem Jahre 1955 stammende und

mit Fresken von Peter Fellin und

Karl Plattner dekorierte Bau mit

Aula und Amtsräumen des Südtiroler

Landtags.

Der Froschbrunnen wurde nach

dem Krieg dem Originalmodell

von 1930 getreu wieder aufgebaut.

Wir schlagen die Richtung zur

Weintraubengasse ein. Gleich

linker Hand liegt ein eindrucksvolles

Jugendstilgebäude von

1910: das Hotel Laurin. Gegenüber,

jenseits des Parkplatzes,

126

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

• 2. Besichtigungsrundgang

das Haus der Kultur, Stammhaus

deutschsprachiger Kulturverbände

und des Theaters Walther von

der Vogelweide.

Die Weintraubengasse mündet

auf den viereckigen Rathausplatz

mit seinen schönen Häusern mit

charakteristischen Erkern und

Stuckverzierungen im Rokokostil.

Dazwischen die Amonnhäuser

mit modernen Wandmalereien

von Albert Stolz. Rechter Hand

öffnet sich ein Torbau, der seit

1913 die Laubengasse mit dem

Vorort Zwölfmalgrein verbindet.

Das Rathaus ist ein wunderschönes

Beispiel für den Neobarock,

angereichert mit Jugendstilverzierungen

aus der Zeit um 1900.

Richtung Norden zweigt vom

Rathausplatz die nach den einstmals

dort ansässigen Handwerkern

benannte Bindergasse

ab. Heute noch verweisen einige

gußeiserne Wirtshausschilder

auf die seinerzeit hier entstandenen

zahlreichen Wirtschaften

und Gasthöfe. Am Ende der Bindergasse

liegt rechts das ehemalige

landesfürstliche Amtsgebäude

von Maximilian I. Zwischen

1500 und 1512 errichtet, beherbergt

es heute das Naturmuseum

Südtirol. Das Museum enthält

nicht nur eine reichhaltige

Sammlung an Original-Exponaten,

sondern bietet auch dank

interaktiver Spiele, Dioramen,

Experimentiermöglichkeiten und

Nachbauten eine anschauliche

Übersicht über die komplexen

Zusammenhänge der Natur: 300

Millionen Jahre südtiroler geologische

Geschichte werden hier

verdeutlicht.

Einmal hier angelangt, lohnt

es sich, die wenigen Schritte bis

in die parallel verlaufende Cavourstraße

zu tun, von wo nach

links eine kleine Gasse abzweigt,

die uns zu der alten Kirche St.

Johann im Dorfe führt. Bereits

1180 erstmals eingeweiht, wurde

sie Anfang des 14. Jahrhunderts

in romanisch-gotischem Stil neu

erbaut. Ihre Bedeutung verdankt

sie hauptsächlich den im

Kircheninneren erhaltenen zwei

übereinanderliegenden Schichten

von Wandmalereien, die 1926

entdeckt und vor kurzem restauriert

wurden. Der ältere Zyklus

(1330-40) wird einem Künstler

deutscher Herkunft zugeschrie-

21

ben, der sich ganz offensichtlich

des damals aufkommenden

neuen Stils nach Giotto zu bedienen

versuchte, ohne ihn jedoch

ganz umzusetzen. Ihm sind

die Darstellungen in der Apsis zu

verdanken. Der zweite, von Boccione

de’ Rossi bei Künstlern der

Giottoschule aus dem Padovaner

Umkreis in Auftrag gegebene Zyklus

enthält an der rechten Wand

vier Szenen aus dem Leben Johannes

des Täufers und an der

linken Seitenwand in vier Bildern

die Legende des Hl. Johannes

Evangelist (1360-70).

Diesem Zeugnis Bozner Malerei

aus der zweiten Hälfte des 14.

Jahrhunderts ist großer Wert beizumessen.

Man beachte die Bildkomposition:

die Figuren sind einzeln

oder in Gruppen in einer Weise

angeordnet, daß die zeitliche

Abfolge der einzelnen Episoden

betont wird. Die architektonische

Anordnung schafft Raumtiefe und

einen gewissen Rhythmus und

dient der perspektivischen Gruppierung

der Personen; auf diese

Weise wird die Heiligengeschichte

in konkreten historischen Zusammenhang

gestellt, kommt dem Erlebten

Realität zu, scheint sich

die göttliche Geschichte überzeugend

in menschlicher Erfahrung

widerzuspiegeln.

Wieder zum Rathausplatz zurückgekehrt,

wenden wir uns

nach rechts unter die Lauben;

diese ist die belebteste Straße

der Stadt. Schon immer spielte

sie eine vorrangige Rolle in der

Geschichte und im Wirtschaftsleben

Bozens. Ihr heutiges Erscheinungsbild

geht auf das 16./17.

127

OBEN:

NATURMU-

SEUM

MITTE:

DIORAMA

“MURMELTIE-

RE“

UNTEN:

KIRCHE ZUM

HL. GEORG:

SEGNENDER

CHRISTUS

(1410)


KREUZGANG IM

FRANZISKANER-

KLOSTER: KREU-

ZIGUNG (1340)

KRÖNUNG MA-

RIENS VON MI-

CHAEL PACHER

(1475)

Jahrhundert zurück und ist noch

immer erstaunlich einheitlich erhalten.

Ein Blick nach oben gewährt

interessante Ansichten der

reich mit Blumenornamenten aus

Stuck versehenen Häuserfronten

mit ihren unterschiedlich verzierten

Dachvorsprüngen.

Verschiedene Gässchen und

Durchgänge verbinden die Lauben

mit den parallel verlaufenden

Straßen, der Dr. Streiterund

der Silbergasse. Man soll-

21

te es nicht verabsäumen, einige

dieser Durchgänge zu begehen,

denn sie liefern ein eindrucksvolles

Bild von der Innenstruktur

dieser alten Wohnbauten;

beispielsweise ermöglicht

ein bereits auf das Jahr 1549

zurückreichendes altes Durchgangsrecht

einen Einblick in

den Ansitz Troilo (Lauben 51)

mit Korridoren, kleinen Höfen

mit Balkonen und Stiegenaufgängen

mit den charakteristischen,

gußeisernen Geländern.

Die Nr. 66 enthält einen Durchgang

mit Kreuzgewölbe, einen

Lichthof mit Glaskuppel und Innenbalkonen,

die einen reizvollen

Kontrast zu den festgefügten,

soliden Mauern des Hauses

bilden. Nr. 30 ist das erst jüngst

wieder instand gesetzte und für

die Öffentlichkeit zugänglich gemachte

Alte Rathaus mit Konferenzräumen,

einem Café und ei-

128

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

ner kleinen Kunstgalerie. Lauben

Nr. 39 ist das Merkantilgebäude,

Sitz des Südtiroler Merkantilmagistrats.

Von den Lauben gelangt man

auf den mit seinen Obst- und Gemüseständen

und bunten Schirmen

malerisch anmutenden

Obstmarkt. Vom Obstmarkt aus

wenden wir uns nach rechts und

erreichen nach wenigen Schritten

die Franziskaner- und die

Streitergasse; besonders letztere,

deren Namen nach dem regen

Zulieferungsverkehr für die

Lager der in den Lauben gelegenen

Geschäfte ehemals Karrengasse

lautete, hat ihren mittelalterlichen

Charakter fast unverändert

beibehalten: heute noch

wird sie von Stützbogen überspannt,

die uralten Häuser weisen

Gesimse, Giebel, Erker, Torbögen

und schmale Fenster mit

Gitterwerk auf.

Linker Hand gelangen wir mit

wenigen Schritten durch die

Franziskanergasse bis zur Franziskanerkirche

mit Kloster. Die

vor der Kirche angebaute Säulenhalle

wurde im Zuge des Wiederaufbaus

nach den schweren Zerstörungen

des letzten Krieges

hinzugefügt. Das wunderschöne

gotische Kircheninnere stammt

aus dem Beginn des 14.Jahrhunderts.

Der Chor ist ein vollendetes

Beispiel tiroler Hochgotik.

Der Hauptaltar enthält eines

der hervorragendsten in Bozen

erhalten gebliebenen Kunstwerke:

den hölzernen Flügelaltar

von Hans Klocker aus Brixen aus

dem 16. Jahrhundert.

In der Mitte ist im Vordergrund

Christi Geburt dargestellt, dahinter

auf hohem Sockel hinter dünnen,

gedrehten Säulchen, die einen

vergoldeten Doppelbaldachin

tragen, der ganze Hofstaat

der Heiligen Drei Könige. Dies

alles wird umspannt von einem

reich verzierten Rundbogenrahmen,

auf dem Rebenstöcke und

entzückende Figürchen von Winzern

ineinander verschlungen

sind. An den Flügeln vier Szenen

aus dem Leben Mariens: Verkündigung,

Aufopferung im Tempel,

Beschneidung Jesu, Tod Mariens.

Dieses Werk zeigt in bewundernswerter

Weise die Fertigkeit des

Meisters, einer Szene durch die

Anordnung der Figuren das nötige

Gleichmaß und die erforderliche

Ausgewogenheit zu verleihen.

Die Vergoldung unterstreicht

durch die warmen Töne die Differenziertheit

der Physiognomien

und der Anteilnahme der einzelnen

Figuren am Geschehen; in der

Gestik der Hände, der Zuwendung

eines geneigten Antlitzes, im Ausdruck

der Augen scheint sich die

tiefe Religiosität des Meisters widerzuspiegeln

und wird der ganzen

Szene wahrhafte Andacht verliehen.

Die Außenseiten der Türen wurden

nach 1499 von Konrad Waider

aus Straubing bemalt. In vier

Szenen ist der Abschied der Apostel

dargestellt: die effektvolle

Farbgebung unterstreicht nicht

nur die Feierlichkeit der Darstellung,

die Vornehmheit der Figuren

und den reichen Faltenwurf

der Kleidung, sondern vor allem

beachtenswert ist die Land-

21

schaftsdarstellung: in kristallentransparentem

Licht liegt eine

unendlich weite Szenerie vor uns

ausgebreitet, in die der Künstler

jedes kleinste Detail liebevoll

eingetragen hat.

Der Besuch der Klosteranlage

der Franziskaner schließt mit der

Erhardskapelle, deren noch erhalten

gebliebene, 1972 restaurierten

Gemälde aus dem beginnenden

14. Jahrhundert von der

Hand eines deutschen Meisters

uns einen Eindruck von der Gemäldekultur

verschaffen, wie sie

hierorts gepflogen wurde, bevor

der neue von Giotto inspirierte

Stil seinen Einzug hielt.

Nun kehren wir zum Obstmarkt

zurück und biegen dort nach

rechts in die Museumstraße ein:

an der Ecke das Torgglhaus in

neugotischem Stil ausgeführt,

wie das gegenüberliegende Palais

mit Giebeldach von Joseph

Irschara, Ende des 19. Jahrhunderts.

Am Ende der Museumstraße

angelangt, lassen wir den Blick

129

nach rechts, gegen den oberen

Teil der Sparkassenstraße

schweifen: die hier befindlichen

Bauten entstanden gegen

Ende des vorigen Jahrhunderts

in einem faszinierenden Mischstil,

der neugotische Elemente

mit den typisch langgestreckten,

linearen Verzierungen des

Jugendstils verwob. Gleich mehrere

Gebäude ergeben mit ihren

Türmchen, Vorsprüngen, Zinnen,

Fialen und Balkonen einen einheitlichen,

sehr eindrucksvollen

Komplex.

Linker Hand liegt das Stadtmuseum.

In den Jahren von

1902 bis 1904 erbaut, hat es

ARCHÄOLOGISCHES

MUSEUM

VERKAUFSSTÄNDE

AM ALTEN

FISCHMARKT


PROJEKT

STADTMUSEUM

erst jüngst sein hundertjähriges

Bestehen gefeiert. Der an unterschiedlichstenGeschmacksrichtungen

orientierte Bau schöpft

aus dem Architekturreichtum des

Überetsch: ein hoher Turm mit

zinnenbewehrtem Giebel in tiroler

Neogotik und zwei dreibogige

Fenster sind seine hervorstechendsten

Merkmale. Dank dem

Wirken von Nicolò Rasmo hat sich

das Museum zu einem modernen

und vitalen Kulturzentrum gewandelt.

Seine historisch-künst-

21

lerischen Exponate zählen zu den

reichhaltigsten, die in dieser Art

in ganz Südtirol zu finden sind.

Die Sammlung enthält Kunstwerke

vom Mittelalter bis zum 20.

Jahrhundert, romanische Madonnen

und Kruzifixe ebenso wie gotische

Flügelaltare und die berühmten

volkskundlichen Schaustücke

mit gotischen Stuben, originalen

Trachten und Masken.

Anläßlich des hundertjährigen

Bestehens des Museums entschloß

sich die Gemeinde Bozen

sowohl zu einer Neugestaltung

des Museumsinneren als auch zu

einem Anbau in Form eines weiteren

Gebäudeflügels. Der Plan

der Ausschreibungsgewinner,

der Architekten Mitthaler aus

Bruneck und Schwienbacher aus

Brixen, sieht hinter dem derzeitigen,

unverändert beizubehaltenden

Bau die Schaffung eines

Platzes vor, auf dem ein neues

fünfstöckiges Gebäude zur Gänze

aus Porphyrgestein entstehen

soll. Der Eingang wird dann

130

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

auf diesen neuen Platz verlagert

werden, der als Verbindung zwischen

den verschiedenen urbanen

Bereichen und Sprachformen

zu verstehen ist. Dadurch wird

nicht nur mehr Raum geschaffen,

sondern auch das kulturelle

Angebot erheblich erweitert und

reichhaltiger gestaltet. Das Museum

soll bis 2010 wieder eröffnet

werden.

Ein Besuch des Museums ist

nicht nur allen jenen anzuraten,

die an der Geschichte, der Kunst

und der Kultur Südtirols Interesse

haben, sondern einfach jedem

Genießer von Kunstwerken,

die einer Tradition entspringen,

welche Elemente des nördlichen

Kulturkreises mit jenen der Klassik

und Renaissance zu vermengen

versteht und daher ob ihrer

Besonderheiten auf den Besucher

einen eher außergewöhnlichen

und umso faszinierenderen

Reiz ausüben.

Vom Museum wandern wir weiter

die Sparkassenstraße hinunter,

um dann links in die Leonardo

da Vinci-Straße einzubiegen.

Ihr folgen wir bis zur Goethestraße,

die den Obstmarkt mit

dem Dominikanerplatz verbindet,

und schwenken von dieser in die

Mustergasse ein, eine der bedeutendsten

Straßen Bozens aus

dem 18. Jahrhundert, denn hier

liegen einige der repräsentativsten

Gebäude der Stadt: gleich

rechts, auf dem Musterplatz, das

Palais Pock; dieses wurde 1759

als Hotelpalais für durchreisende

Persönlichkeiten von Rang

errichtet. In der Tat beherbergte

es auch Gäste wie Papst Pi-

us VI (1782) und Kaiser Franz I

(1822), welch letzterer Besuch

dem Gebäude auch die neue Bezeichnung

“Kaiserkrone” eintrug,

ein Name, der dem ebenerdig

gelegenen Restaurant erhalten

geblieben ist.

Gleich dahinter liegt das aus der

gleichen Zeit stammende Palais

Campofranco, das um 1860 herum

Erzherzog Rainer von Österreich

und seinen kleinen Hofstaat

beherbergte: das dreigeschossige

Gebäude weist drei großzügige

Portale, einen anmutigen Balkon

im 1. Stock und zwei elegante

Fensterreihen auf.

Das gegenüberliegende Palais

Menz wurde in der zweiten

Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet

und zum Teil im 18. und

19. Jahrhundert erneuert; heute

ist es Sitz der Banca Intesa

San Paolo. Bei der Bankdirektion

kann die Erlaubnis eingeholt

werden, den in der zweiten Hälfte

des 18. Jahrhunderts von Carl

Henrici mit Wand- und Deckengemälden

ausgestatteten Salon

besichtigen zu dürfen: an der

Decke Triumph Amors zwischen

olympischen Gottheiten; an den

Wänden sind in Ballszenen und

Darstellungen von Maskenfesten

das galante Leben und der Zeitvertreib

der führenden Gesellschaftsschichte

damaliger Zeiten

lebensnah wiedergegeben.

“Die Verzierungen des Saales

scheint der Künstler einem Tiepolo

nachempfunden zu haben, dessen

künstlerisches Temperament

dem seinen wohl nahestand ...

er arbeitet mit lebhaften Tönen,

21

setzt klug perlfarbene Akzente,

dosiert meisterhaft das Licht, verteilt

eindrucksvoll figurale Elemente,

in denen sich ebenfalls

der venezianische Einfluß spürbar

macht” (G. Conta)

Vom Musterplatz führt uns ein

Gässchen in die parallel gelegene

Silbergasse. Hier befindet

sich auch das nach den Plänen

des Veronesers Francesco Perotti

1727 errichtete Merkantilgebäude;

mit gutem Fingerspitzengefühl

verstand es der große

Architekt, die Überladenheit

des Barock durch die Hinzufügung

klassischer Elemente

voll schlichter, maßvoller Eleganz

zu mildern. Das Gebäude

war mehr als zwei Jahrhunderte

lang Amtssitz des Merkantilmagistrates,

der jeweils von den

bedeutendsten der an den vier

berühmten jährlichen Märkten in

131

Bozen teilnehmenden deutschen

und italienischen Händlern gewählt

wurde. Das prunkvolle Innere

beeindruckt vor allem durch

den Sitzungssaal mit Portraits

von Mitgliedern des österreichischen

Herrscherhauses, sämtlich

in prächtigen Rahmen.

Geht man rechts die Silbergasse

weiter, gelangt man bis zum

Kornplatz, dem antiken Mittelpunkt

der Stadt: hier erhoben

sich seinerzeit der 1277 von

Meinhard II zerstörte Palast der

Fürstbischöfe von Trient und die

St. Andreas geweihte Hofkapelle.

Hier befindet sich aber auch

heute noch das Waaghaus, eines

der ältesten Gebäude der Stadt.

Links führt die ängstlich schmale

Waaggasse wieder zurück in

die Laubengasse. Wenden wir uns

nach rechts, so gelangen wir wieder

zurück auf den Waltherplatz.

AMONNHÄUSER AM

RATHAUSPLATZ


• talferbrücke

• siegesplatz

und -denkmal

• griesplatz

• Benediktinerabtei

- stiftskirche

zum hl.

augustin

• alte Pfarrkirche

zu

unserer lieben

frau

• haus der

Kultur in

gries

• herzogspalast

BENEDIKTINER-

KLOSTER MURI-

GRIES

Wir verlassen den historischen

Stadtkern

und begeben uns auf

die Talferbrücke. In deren Mitte

halten wir an, um uns umzusehen:

hinter uns die Altstadt,

rechts das bepflanzte Flußbett

und im Hintergrund die beiden

bewachsenen Abhänge des Sarntals,

auf denen verstreut gelegene

Bergbauerngehöfte blinken;

gegen den Himmel zeichnen sich

deutlich die massigen Umrisse

der Burg Rafenstein ab; weiter

unten winkt von links der zugespitzte

Kirchturm des gotischen

St.Georg-Kirchleins aus

dem 14. Jahrhundert herüber; im

Süden sehen wir den Virglberg

und den Zusammenfluß von Eisack

und Talfer, der von den seit

Jahrhunderten angesammelten

Schwemmböden an den Südrand

der Ebene bis dicht unter die

Berge gedrängt wird.

Vor uns aber liegen Siegesplatz

und Siegesdenkmal, von der fa-

21

schistischen Regierung seinerzeit

zur Erinnerung an den Sieg

des Jahres 1918 an Stelle eines

anderen, nämlich für die im ersten

Weltkrieg gefallenen österreichischen

Soldaten geplanten

Mahnmals errichtet. Nach Plänen

des berühmtesten Architekten

des Faschismus, Marcello

Piacentini, wurde das Siegesdenkmal

am 12. Juli 1928 feierlich

eingeweiht. Es erhebt sich

auf einem wuchtigen Sockel; auf

132

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

• 3. Besichtigungsrundgang

14 hohen Säulen in Form der Liktorenbündel

mit Äxten ruht steinernes

Gebälk mit einer lateinischen

Aufschrift. Eine klare ideologische

Aussage, ein Werk von

Arturo Dazzi.

Die Faszes, auch Liktoren- oder

Rutenbündel genannt nach den

Liktoren, Amtsdienern höherer

Beamter des alten Roms, waren

Zeichen derer Macht; waren sie

auch befugt, die Todesstrafe zu

verhängen, so wurde den Faszes

noch die Axt hinzugefügt; daraus

entstand das Wort “Fascismus”.

Im Inneren sind seitlich neben

einer Statue des auferstandenen

Heilands die Büsten der drei

Trentiner Märthyrer Cesare Battisti,

Fabio Filzi und Damiano

Chiesa angeordnet. Hinter dem

Monument liegt ein kleiner Park,

von dem aus man in die mit Malereien

von G. Cadorin ausgestattete

Krypta gelangt.

Die Freiheitsstraße abwärts gelangen

wir bald nach dem modernen

Mazziniplatz auf den Grieserplatz,

Mittelpunkt des gleichnamigen

Stadtviertels. Rechter

Hand liegt der weitverzweigte,

in verschiedenen, aufeinanderfolgenden

Epochen entstandene

Komplex des Stiftsgebäudes der

21

Benediktiner von Muri-Gries. Der

älteste Baukern, die Burg, wurde

bereits im 13. Jahrhundert von

den Grafen von Tirol errichtet.

Von dieser Befestigungsanlage

blieb bis in unsere Tage der alle

umliegenden Gebäude überragende,

massige Bergfried erhalten.

Heute als Glockenturm genutzt,

beherbergt er die größte

Glocke Südtirols. Die 1406 von

Augustinerpadres übernommene,

1525 geplünderte und während

der napoleonischen Kriege

ebenfalls arg mitgenommene

Abtei wurde 1807 von der bayrischen

Regierung säkularisiert.

1845 gelangte sie durch Schenkung

an die Benediktiner von

Muri in der Schweiz, die sie noch

heute in Besitz haben.

133

STIFTSKIRCHE ZUM

HL. AUGUSTIN:

AUSSENFASSADE

UND INNENANSICHT


HOLZKRUZI-

FIX AUS DEM

13. JHDT.

RECHTS DANEBEN:

DIE ALTE

PFARRKIRCHE

VON GRIES

JUSTIZPALAST

Vom Grieserplatz gelangt man

unmittelbar in die Stiftskirche

zum Hl. Augustin, ein nach den

Plänen von G. Antonio Sartori errichtetes

spätbarockes Bauwerk

(1771). Säulen- und Pilastergliederung

an der Außenfassade mit

verkröpftem Gebälk und Volutengiebel

mit fackeltragenden Vasen.

Ausgewogenes, einschiffiges

Kircheninneres mit Malereien und

Altarsäulen, Arbeiten von Martin

Knoller, der hier im Abstand von

zwanzig Jahren in zwei Arbeits-

21

gängen tätig war. Seiner ersten

Schaffensperiode entstammen

die Fresken des Mittelschiffs und

der Kuppel (1771-1774) mit der

Verklärung des Heiligen. Innenfassade

oberhalb der Orgel: die

Bekehrung des jungen Augustin,

der im Garten den Stimmen “tolle

et lege“ lauscht; Langhausgewölbe:

der Hl. Augustin überwindet

die Häretiker; Kuppel: der

Heilige in Betrachtung der Dreifaltigkeit

in der Glorie des Paradieses.

Vom Grieserplatz erreichen wir

rechts weiter auf der M.Knoller-

Straße die Alte Pfarrkirche zu Unserer

Lieben Frau, ein sehr, sehr

altes Gebäude, das im Laufe der

Jahrhunderte verschiedene Änderungen

und Erweiterungen erfuhr.

In ihrer heutigen Form geht

die Kirche auf das Ende des 15.

Jhdts zurück und stellt mit dem

gotischen Chor und der Erasmuskapelle

an der Südseite ein anschauliches

Beispiel für die Bauweise

der Spätgotik dar. Es empfielt

sich, um die Kirche herumzuwandern,

um das raffiniertausgewogene

Wechselspiel der

134

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

verschiedenen Struktur- und Verzierungselemente

betrachten zu

können.

Im Inneren, an der Wand gegenüber

dem Eingang, ein großes

romanisches Holzkruzifix aus

dem frühen 13. Jahrhundert, eine

hervorragende, anatomisch

sehr fein ausgeführte Arbeit;

Meister und Herkunft sind jedoch

leider unbekannt. Die langgestreckten

Formen, die Zartheit

und Leichtigkeit des Faltenwurfs,

der Ausdruck auf Jesu’ Antlitz er-

innern an die damalige französische

Holzschnitzkunst. Rechts

vom Hochaltar liegt die Erasmuskapelle

mit dem Holzaltar von

Michael Pacher (1471-1475), eines

der Meisterwerke gotischer

Skulpturen aus unserer Gegend.

Erhalten geblieben sind davon

der große mittlere Schrein mit

der Krönung Mariä sowie zwei

der ehemals vier Seitenreliefs

mit Verkündigung und Anbetung

der Könige. An der Rückwand 15

Szenen aus dem Leben Christi

von der Hand des schwäbischen

Malers Konrad Waider aus Staubing

nach 1488.

“Michael Pacher, geboren um

1430 nächst Bruneck, aufgewachsen

im Pustertal und geschult

an dem, den gotischen Traditionen

verhafteten “sanften” österreichisch-steirischen

Stil; während

seiner Reifejahre Anlehnung

an das neue Gedankengut,

die Tongebung und die Perspektiven

venezianischer Meister

der italienischen Frührenaissance.

Fasziniert von der Bildhauerkunst

Hans Multschers aus Ulm,

der den Hochaltar der Pfarrkirche

von Sterzing fertigte, näherte

er sich seinem Ideal einer heiteren

Ausgeglichenheit zwischen effektvoller

Ausdrucksform und plastischem

Volumen. Durch seine

zeichnerische Präzision, die den

komplexen Darstellungsproblemen

angediehenen Lösungen, die moderne

Interpretation architektonischer

Strukturen und eine neuartige,

durch raffinierte Kunstgriffe

erzielte Raumtiefe tritt Pacher,

der letzte große Meister der Spätgotik,

gleichzeitig bereits als un-

21

verwechselbarer Vertreter einer

neu aufkeimenden Kunstrichtung

hervor. Von den zahlreichen Arbeiten

Michael Pachers sind leider

viele Werke verloren gegangen

oder vernichtet worden, als man

während der Barockzeit gotische

Kunst als überholt ansah. Dieses

Schicksal erlitt auch der Altar der

Grieser Pfarrkirche, dessen Mittelteil

jedoch so lange in der Krypta

verwahrt wurde, bis er endlich

den ihm zukommenden würdigen

135

Platz in der Erasmuskapelle erhielt.”(

G.Conta)

In die M.Knoller-Straße zurückgekehrt,

biegen wir in die

Fagenstraße ein: gleich rechts

liegt das Grieser Haus der Kultur;

weiter vorne gelangen wir in

der Prinz Eugen-Allee zum Eingang

des Herzogspalastes (“Villa

Roma”), der, 1934 für die Savoia

erbaut, gegenwärtig Sitz des Regierungskommissariats

der Provinz

Bozen ist.

HERZOGSPALAST

SITZ DES IV.

ARMEEKORPS


• Burg

runkelstein

Burg Runkelstein ist vom

Siegesplatz in wenigen

Autominuten zu erreichen.

Mindestens drei gute

Gründe sprechen dafür, während

eines wenngleich nur kurzen

21

Aufenthaltes in Bozen unbedingt

einen Besuch der Burg Runkelstein

einzuplanen: Erstens konnte

diese Anlage ungeachtet aller

Einstürze, Verwüstungen und

Wiederaufbauten, die sie wäh-

136

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

• 4. Besichtigungsrundgang

rend ihres langen Bestandes über

sich ergehen lassen mußte, den

ursprünglichen Kern ihres architektonischen

Aufbaus fast unversehrt

beibehalten und stellt

daher heute ein eindrucksvolles

Beispiel einer mittelalterlichen

Wohnburg und Verteidigungsanlage

dar. Zweitens blieben mit

den Fresken, die einige Säle der

Burg zieren, wertvolle Dokumente

der ritterlichen Profanmalerei

aus der Zeit der “internationalen”

Gotik erhalten. Der dritte

Grund ist eher ästhetischer Art:

wer könnte sich dem Eindruck

dieser Burg entziehen, wie sie da

hoch oben auf einem Felsen am

Ausgang der Sarntaler Schlucht

thront, wo die Talfer, endlich der

Enge des Sarntals entronnen, ihre

Gewässer in die Schwemmlandebene

von Bozen ergießt und in

weitem Bogen den Burgberg an

drei Seiten umspült. Noch bevor

wir uns an den Aufstieg wagen,

sollten wir die Anlage umgehen,

um von unten her ihre bauliche

Gliederung und die beeindrukkenden

Mauermassen auf uns

wirken zu lassen, die scheinbar

in dem Berg verwurzelt sich über

uns erheben.

Der Name der Burg (das italienische

“roncola” bezeichnet eine

Sichel, ein Rebmesser) erinnert

an den Umstand, daß diese

Burg in ehemals von undurchdringlicher

Vegetation überwuchertem

Gelände liegt. All dieses

Gesträuch mußte erst mit Sicheln

und Messern entfernt werden, um

einen Zugang zu schaffen.

Entstehungsgeschichtlich ist zwischen

zwei wichtigen Bauphasen

zu unterscheiden, die annähernd

durch 150 Jahre von einander getrennt

sind: dazwischen kam es

im Jahre 1277 zur Eroberung und

Verwüstung der Burg durch Meinhard

II von Tirol. Die Baugeschich-

21

te läßt sich folgendermaßen kurz

zusammenfassen: 1237 errichten

die reichen und mächtigen Freiherren

von Wangen, die Brüder

Friedrich und Beral, eine Burg mit

zwei Palassen und einer Burgkapelle;

1277: Krieg zwischen Meinhard

II und Fürstbischof Heinrich

von Trient; Meinhard siegt,

Eroberung der Burg Runkelstein

und Ende der Macht der bischofstreuen

Wangen; 1385: Ankauf

der arg in Mitleidenschaft gezogenen

Burg durch Nikolaus Vintler

aus dem Kreis um Herzog Leopold

von Österreich, durchgreifender

Wiederaufbau und Erweiterung,

es entstehen die Wandmalereien

in den Palassen, im Sommerhaus

und in der Kapelle.

Alle diese Ereignisse fallen zeitlich

in die Auseinandersetzungen,

die sich Kirche und Kaisertum

im 14. und 15. Jahrhundert

um die Vorherrschaft lieferten;

in dieser Gegend, durch die der

wichtige Verbindungsweg zwischen

den Regionen nördlich und

südlich der Alpen verlief, gipfelte

137

dieser Konflikt in den Zwistigkeiten

zwischen den Fürstbischöfen

von Trient und den stolzen und

streitsüchtigen Feudalherren.

Die ursprünglich aus Graubünden

stammende Familie der Wangen

waren getreue Vasallen des Bischofs

von Trient; im Jahre 1237

ehelichte Beral Sofia, eine Tochter

des Grafen Ulrich von Eppan;

auf diese Weise verdichtete sich

die Allianz zwischen den Herren

von Wangen, jenen von Auer und

denen von Eppan, vormaligen

Fürstbischöfen von Brixen und

später von Trient. Dem 1237 begonnenen

Bau der Burg Runkel-

WAPPEN DER

FAMILIE

VINTLER

BADSTUBE


BALLSPIEL

stein kommt unmißverständlich

politische und militärische Bedeutung

zu: ihre ursprüngliche

Funktion ist die eines Verteidigungsbaus

für das Land am rechten

Talferufer gegen die Expansionstendenzen

Meinhards II, der

von seinem Sitz auf Schloss Tirol

oberhalb Merans aus danach

trachtete, sein Einflußgebiet

auszudehnen, um schließlich das

ganze Land in einer Hand unter

dem Namen Tirol zu vereinen.

Nach wechselhaftem Kriegsglück

besiegte Meinhard 1277

schließlich die Wangen und eroberte

deren Burgen, darunter

auch Runkelstein. Das ursprüngliche

Gebäude wurde wohl soweit

verwüstet, daß es nicht mehr

bewohnbar war, doch wurde es

21

nicht gänzlich zerstört; völlig

abgerissen hingegen wurde der

über dem Burggraben thronende

und mit einer Zugbrücke nach

der einzigen zugänglichen Seite

hin ausgestattete Bergfried. Außer

den Palassen, den Wohngebäuden

der beiden Brüder Wangen,

ragte auch noch eine Kapelle

in den inneren Burghof. Es

waren solide, doch nur mit sehr

bescheidenem Wohnkomfort ausgestattete

Gebäude. Wirklich bewundernswert

ist hingegen die

architektonische Kühnheit, das

Fundament der umlaufenden Außenmauern

auf den äußersten

Rand der steil abfallenden Felswände

aufzusetzen, sodaß sie

mit diesen verwachsen eine trutzige

Einheit bilden. Dieser Eindruck

verstärkt sich noch durch

die Verwendung des Felsgesteins

als Baumaterial: graue und rosafarbene

Porphyrblöcke, die an

manchen Stunden des Tages den

selben finster-düsteren Farbton

wie ihre Umgebung annehmen.

Nach ihrer Niederlage bewohnten

die Wangen die Burg nicht

mehr und nach dem Aussterben

der Familie gelangte das Anwesen

in den Besitz anderer Vasallen,

bis es der letzte von ihnen

schließlich 1385 an Nikolaus

Vintler verkaufte. Schon drei

Jahre später setzten umfangreiche

Erneuerungs- und Ausbaumaßnahmen

ein, die aus Burg

Runkelstein eine der elegantesten

Wohnstätten ihrer Zeit machen

sollten.

Die Burg war niemals wohnlich

und bequem gewesen, nun aber

wurde sie eigens in diesem Sinne

138

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

radikal “modernisiert”: die Palasse

wurden erweitert und um einen

Stock erhöht, an der Nordseite

wurde ein weiteres Gebäude

mit Loggia und überdachtem

Söller hinzugefügt; sämtliche

Räumlichkeiten, einschließlich

der Kapelle, wurden mit reichen

Wandmalereien ausgestattet,

die dem Geschmackssinn

und Weitblick des Bauherren alle

Ehre machen.

Leider blieb Burg Runkelstein

nur wenige Jahre im Besitz des

Nikolaus Vintler: zur Flucht vor

Herzog Friedrich mit der leeren

Tasche gezwungen, starb er

1413 ohne Erben. Nie wieder

sollte Burg Runkelstein in späteren

Jahren den Glanz dieser Zeiten

erleben; alles was nun kam,

war eine traurige Abfolge von

Verwahrlosung und Verwüstung,

selten unterbrochen von kurzen

Perioden mehr oder weniger radikaler

oder gelungener Renovierungen.

1893 gelangte Burg Runkelstein

schließlich als Geschenk Kaiser

Franz Josefs definitiv in den Besitz

der Stadt Bozen. Seit dem

zweiten Weltkrieg bemüht sich

die Oberintendantur für Kunst im

Zuge gezielter und wissenschaftlich

fundierter Sanierungs- und

Instandsetzungsarbeiten um die

Erhaltung des Mauerwerks und

der Fresken. So hat die Stadtverwaltung

Burg Runkelstein zu

einem Kultur- und Kongreßzentrum,

einem Veranstaltungsort

für Sommerspiele und Musikaufführungen

gemacht. Auf diese

Weise ist es gelungen, die Burg

erneut ihrer Berufung als kultureller

Mittelpunkt zuzuführen,

wie es sich ein Nikolaus Vintler

in jenem kurzen Frühling am

Übergang zwischen zwei Jahrhunderten

für sie erträumt haben

mag.

Die noch immer in der Burg erhaltenen

mittelalterlichen Wandmalereien

wurden bereits erwähnt.

Die Motive und die Maltechnik

lassen sie in die ausklingende,

als “international” oder “Flamboyant”

bezeichnete Gotik einordnen.

Diese von Frankreich ausgehende

Kunstrichtung verbreitete

sich in den letzten Jahrzehnten

des 14. Jahrhunderts in ganz

Europa. Sie ist hauptsächlich gekennzeichnet

durch einen ausgeprägten

„Naturalismus“: die Natur

wird als Ort der Entspannung,

der Zerstreuung und Erholung, als

passender Hintergrund für höfische

Konversation und Liebeständeleien

gesehen; das Leben spielt

sich im Freien, in blumigen Gärten

ab, die Burg aber, Symbol der

Macht und des höfischen Lebens,

ist im Hintergrund stets präsent.

Nach diesem Vorbild beginnt sich

auch das Leben der Bürgerschaft

auszurichten, die durch den wirt-

21

schaftlichen Aufschwung und die

reger werdenden Handelsbeziehungen

an Reichtum gewinnt. Somit

kommt auch der Kleidung, den

Frisuren, allem, was Eleganz und

Wohlstand ausmacht, in der Malerei

immer größere Bedeutung zu.

Die innere Harmonie spiegelt sich

in der harmonischen Naturdarstellung:

die langgestreckten Linien

der Gesichter und Hände und aller

zusätzlicher Details sollen der Heiterkeit,

Beschwingtheit und Musikalität

Ausdruck verleihen, welche

Hauptelemente des damaligen

Kulturempfindens waren.

Die Landschaft ist das Umfeld,

139

SAUHATZ

FISCHEREI


HÖFISCHES TANZ-

VERGNÜGEN

TAFELRUNDE

in welchem sich das Leben abspielt:

daher werden die einzelnen

Monate dargestellt mit den

jahreszeitlich bedingten unterschiedlichen

Tätigkeiten und Aufgaben,

wie sie sich auch auf Kapitell-

und Türornamenten mittel-

21

alterlicher Skulpturen finden. Alle

diese Motivelemente sind im einzelnen

genommen naturbezogen

und realistisch - es ist ihre idealisierte

Zusammenstellung, die sie

“phantastisch” macht und eine

Märchenlandschaft daraus entstehen

läßt.

Bürgerschaft und Adel befriedigen

ihren Wunsch nach einem heroischen

Leben und ihr Streben

nach gefühlsbetonten Zerstreuungen

durch die Lektüre ritterlicher

Epen, die den Künstlern jener

Zeit eine schier unerschöpfliche

Vielfalt an Motiven für die

Ausschmückung der Wohnräume

lieferten. Die in den wertvollen

liturgischen und auch literarischen

Handschriften jener Epoche

enthaltenen Miniaturen wurden

zum hauptsächlichen Träger

für die Verbreitung dieser Kunstrichtung.

In Italien lag das Zentrum dieser

Kunstgattung in Verona; Stefano

da Verona (1374-1438)

schuf in dieser Zeit seine Meisterwerke.

Es war eine Gruppe von der

italienischen Malerei des Padovaner

und Veroneser Raumes eng

verbundenen Bozner Malern, denen

die Fresken im Westpalas zu

verdanken sind, dem ersten Ziel

auf unserem Besichtigungsrundgang

durch Burg Runkelstein.

Westpalas

Dieses Wohngebäude ist vom

Hof über eine Außentreppe begehbar.

Eine Holztreppe aus dem

19. Jahrhundert führt vom ersten

weiter in den zweiten Stock.

140

vier Stadtrundgänge viEr stadtrundgängE

Spielzimmer: an zwei Wänden

und in der Fensternische Szene im

Freien: links schlägt ein Musiker

die Laute, plaudernde und spielende

Paare halten einander bei

den Händen; rechts eine Gruppe

sechs junger Leute, die mit einem

mittelalterlichen Ritterspiel

beschäftigt sind: eine Dame und

ein Herr stemmen, mit Unterstützung

von je zwei Helfern, Fuß gegen

Fuß im Versuch, einander,

die Beine in der Höhe, umzuwerfen.

Als Landschaftshintergrund

sind burgbewehrte Hügel dargestellt:

bei der ersten Burg rechter

Hand handelt es sich zweifelsohne

um Runkelstein selbst,

wie sie sich nach den 1388 begonnen

Umbauten dem Betrachter

darstellte. Die Palasse sind

bereits aufgestockt, doch auf der

linken Seite fehlt noch das erst

später errichtete “Sommerhaus”.

Aus der zinnengekrönten Mauer

ragt eine Winde mit Flaschenzug,

woran das Baumaterial in die Höhe

gezogen werden soll. Im Talgrund

rauscht ein Fluß, sicherlich

die Talfer, die durch ihre Windungen

die einzelnen Szenen miteinander

verbindet.

Badestube: auch dies ist ein

Aufenthaltsraum; seinen Namen

bezieht er von den in den Fresken

enthaltenen unbekleideten

Figuren, die eine Seltenheit in

der damaligen Malerei darstellen.

Es ist der am besten erhaltene

Raum: an den vier Wänden

im unteren Teil rotes Teppichgehänge

mit Tiermotiven (Adler,

Hirsche) und Sternen; oberhalb

ist rund um den Raum eine Loggia

mit Figuren aufgemalt: auf

der einen Seite die Edeldamen,

auf der gegenüberliegenden die

Kavaliere, auf der dritten Tiere

und Fabelwesen und auf der

vierten unbekleidete Gestalten,

die sich scheinbar anschicken,

ins Bad zu steigen. Die Edelfräulein

und die Ritter auf den ersten

beiden Wänden sind hochelegant

bekleidet und geben lebhaftes

Zeugnis von der damaligen Mode.

Darüber verläuft ein Fries im

Wechselspiel aus Blätterwerk und

Vierpaßen mit verschiedenen Figürchen.

Selbst wenn die Aussage

des Ganzen nicht vollkommen

verständlich ist, stellt dieser

Raum dennoch ein unbezahlbares

Dokument der Profanmalerei

jener Zeiten dar.

Im Oberstock zwei Säle mit

prächtigen Spitzgewölbedecken.

Im unteren Teil des ersten Saales

Szenen aus dem höfischen Leben

im Freien; von links: das Ballspiel,

betrieben von zwei Gruppen,

bestehend aus Edelfräulein

und Kavalieren; der Tanz, wobei

die Tänzer einander bei der

Hand halten und sich zu der Musik

zweier Lautenspieler bewegen;

weiters verschiedene, sehr

bewegte Jagdszenen mit lebendiger

Wiedergabe der beteiligten

Personen, Tiere und auch der Vegetation;

daraufhin die Jagd im

Gebirge, eine eindrucksvolle Abfolge

vieler Kleindarstellungen,

wobei der Wald nur so von Tieren

wimmelt, die von überall her

zu kommen scheinen; sehr präsent,

von Anbeginn bis zum Ende

der Bilderzählung, ist immer

die Burg, von der die Jäger kommen

und zu der sie auch zurück-

21

kehren. An der vierten Wand der

Fischfang, ein seltenes Stück alter

Malerei: Damen und Kavaliere

fischen mit Lanzen und Netzen

in einem von silbrig glitzernden

Fischchen nur so überquellenden

Weiher; Pflanzen, Blumen und

exotische Vögel umrahmen diese

zentrale Gruppe.

Im dreifachen Bogenfeld an

der Südseite ein Fresko mit Ritterturnier:

eine sehr lebendige

Szene mit einem Schiedsrichter,

der von der rechten Seite

her die reguläre Abwicklung des

Wettkampfes überwacht, während

die Edeldamen das Geschehen

von den Söllern und Türmchen

der Burg aus verfolgen. Die

wunderschöne Bildkomposition

unterstreicht das handwerkliche

Geschick des Malers: von

der Bewegung der Pferde angefangen

bis hin zu den geometrischen

Mustern auf den Schilden,

den Rüstungen und dem Sattelzeug

sind sämtliche Details mit

unendlicher Liebe und Genauigkeit

ausgeführt. Wunderschön

auch das Rahmenfries mit Wappen

und Laubgirlanden.

Im nächsten Saal eine weitere

wunderschöne Turnierszene:

in der Mitte tummeln sich Pferde

und Reiter, rechts die Schiedsrichter

mit den Bläsern und Trompetern,

links die Damen, die dem

Wettkampf von zwei, mit großen

Sonnendächern überspannten

Wagen aus zusehen. Unterhalb,

an den Wänden, einander gegenüber

angeordnete Paare hinter

einem Parapet, von welchem bestickte

Draperien herabhängen.

141

Sommerhaus

Von den Fresken, die seinerzeit

die durch vier weite Bögen zum

Hof geöffnete ebenerdige Halle

zierten, sind einfarbige Vierpaßmedaillons

mit Brustbildern der

römischen und deutschen Kaiser

erhalten geblieben. Im ersten

Stockwerk sind noch die Malereien

an den Außenwänden des Söllers

und in den Gemächern zu erkennen.

Sie alle wurden zu Beginn

des 16. Jahrhunderts auf

Veranlassung Kaiser Maximilians

I. restauriert, der sich hier zeitweise

zur Sauhatz aufhielt, als

die wasserreichen Ebenen rund

um Bozen noch von Wildschweinen

in großer Zahl bewohnt waren.

TURNIERSZENE


TRISTANLEGENDE

An der Längswand des Söllers

sind in Dreiergruppen illustre

Persönlichkeiten dargestellt,

beginnend mit den Helden der

Antike (Hektor, Cäsar und Alexander)

bis hin zu den drei berühmtesten

Riesenweibern (Hilde,

Vodelgard und Rachmin) und

den bekanntesten Zwergen (Goldemar,

Bibunch und Alberich).

Unter die Helden der klassischen

Antike mischen sich Ritter und

Gestalten aus Volkssagen.

Vom Söller aus erreicht man die

drei inneren Gemächer: rechts

sehen wir - in gutem Erhaltungszustand

- vier Szenen zu

der Tristansage, linker Hand die

Erzählung von Garel vom blühenden

Tale, einem Helden der

Artusrunde. Alle diese Fresken

21

stammen von der Hand anderer,

möglicherweise nordischer

Meister als die Malereien des

Palas. Obwohl es schwer ist,

ihre urspüngliche Ausführung

zu erahnen, da sie sämtlich zu

Zeiten Maximilians I. von Max

Reichlich und seinen Gehilfen

nachgemalt wurden, sind sie

dennoch hochinteressant, da

sie uns einen Einblick in die

damalige Kultur und Denkweise

verschaffen und in zahlreichen

Motiven die Erzählungen

aus mittelalterlichen Epen wiedergeben.

Kapelle

Ein romanischer, einschiffiger

Bau mit Tonnengewölbe

und halbrunder Apsis. An der

Eingangswand und den beiden

Seitenwänden lassen sich Reste

von Darstellungen aus dem Leben

der Hll. Katherina, Christophorus

und Antonius erkennen,

denen die Kapelle gewidmet war.

In der Apsis eine Kreuzigung

und in den Fensterlaibungen vier

142

vier Stadtrundgänge

Heilige. Diese leider sehr mitgenommenen

Fresken werden zur

Zeit durchgreifend restauriert.

Sie stammen von der Hand des

Hans Stotzinger aus Ulm, einer

der begnadetsten Künstlerpersönlichkeiten,

die Anfang des

15. Jahrhunderts in Bozen wirkten.

Er verstand es vortrefflich,

traditionelles deutsches Kunsthandwerk

mit der italienischen

Padovaner und Veroneser Schule

auf originelle Weise miteinander

zu vereinen.

Nach jahrelangen Restaurationsarbeiten

hat Schloß Runkelstein

am 19.April 2000 seine

Tore wieder geöffnet. Zugleich

wurde auch die antike Taverne

im Burghof wieder eröffnet, die

mit ihrem abwechslungsreichen

und sehr bodenständigen Angebot

den Besuchern Möglichkeit

bietet, unvergeßliche, fast magische

Momente innerhalb dieser

alten Burgmauern zu verleben

und auf diese Weise ihren

Aufenthalt in Bozen ausklingen

zu lassen.

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