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Rätselkrimis


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Inhaltsverzeichnis

Das Detektivbüro XY 7

Schach dem Dieb 8

Ein komischer Kauz 13

Die Bande des Schreckens 17

Wer ist hier der Chef? 22

Die Diebin 26

Erwischt 28

Der Überfall 32

Wer ist der Dieb? 38

Alles Gute kommt von oben 47

Der Apfeldieb 52

Der Linkshänder 55

Die Fensterscheibe 59

Aufruhr am See 63

Ritter Kunibert 67

Raubritter auf Burg Drachenfels 71

Das Grab des Kreuzritters 76

In der Folterkammer 79

Der Schatz in der Drachenhöhle 83

King Kong in Bergheim 88

Die dicke Königin 92

Jetzt schlägt‘s 13 96

Der größte Clown der Welt 102

Die alte Hexe 106


Der vergessliche Dieb 109

Nächtliche Überstunden 114

Fahrerflucht 118

Musikfreunde 122

Frechheit siegt – aber nicht immer 126

Doch im Wald, da sind die Räuber 131

Die Räuberhöhle 135

In der Bärenschlucht 140

Noch ein Reifenstecher 144

Die Festnahme 148

Noch ein Einbruch 153

Später Besuch 157

Keine Gitarre für Pieri 162

Pech gehabt! 166

Ausgeflogen? 171

Knastbrüder 176

Auf heißer Spur 180

Ein Männlein steht im Walde 184

Künstlerpech 189

Die Stimme vom Himmel 193

Die Mumie 197

Die Nadel im Heuhaufen 200

Wer ruft sich schon selbst an? 203

Der Schlaumeier 207

Till Eulenspiegel 210

Wie klaut man einen Elefanten? 214

Mich laust der Affe! 218

Auflösungen 222

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6

Komm mit

ins Ferienlager!

In diesem Zeltlager darfst du so richtig Detektiv sein.

Die Lehrer und Eltern dort finden es klasse, wenn

Kinder sich für die Dinge, die um sie herum passieren,

interessieren und neugierig sind.

In jeder der 50 Geschichten in diesem Buch befindet

sich ein Rätsel. Zusammen mit den beiden jungen Detektiven

vom Detektivbüro XY kannst alle Fälle lösen,

wenn du die Geschichten aufmerksam liest und dir die

Bilder dazu genau anschaust.

Lesen verboten!

Du liest hier nur, weil es verboten ist? Dann tust du

genau das, was alle Detektive tun würden.

Alle Auflösungen zu den Geschichten findest

du im Lösungsteil ab Seite 222.

Wenn du aber zu früh nachschaust und dir

keine Zeit zum Nachdenken und Betrachten der

Bilder nimmst, ist es viel weniger aufregend – und

echte Detektive brauchen doch immer ein bisschen

prickelige Aufregung, findest du nicht?

Viel Spaß beim Rätseln!


Das Detektivbüro XY

Pieris richtiger Name ist Pieter

de Ruiter. Sein Vater kommt aus

den Niederlanden.

Pieri ist 11 Jahre alt. Er ist klug,

freundlich, sportlich – viele

Mädchen auf seiner Schule

schwärmen für ihn. Pieri lebt

mit seinen Eltern und seinem

jüngeren Bruder Jantje zusammen.

Er liebt Fußball und übt so oft

es geht auf seiner Gitarre.

Lisa heißt eigentlich Elisabeth

Jochimsen. Sie ist 13 Jahre alt,

hilfsbereit, freundlich, klug und

sehr beliebt.

Lügen und Stehlen mag Lisa gar

nicht. Sie glaubt, dass niemand

das Recht hat, sich einfach zu

nehmen was er will.

7


8

Schach dem Dieb

Pieter de Ruiter, von seinen Freunden Pieri genannt,

stand am Fenster seines Eisenbahnabteils und winkte

seinen Eltern zu, die ihn zum Bahnhof gebracht hatten.

Als er sie nicht mehr sehen konnte, setzte er sich und

hob die Zeitung auf, die auf dem Sitz neben ihm lag. Irgendein

Fahrgast hatte sie vor dem Aussteigen achtlos

liegen gelassen. Pieri schlug die Sportseiten auf.

Er hatte kaum angefangen zu lesen, als er eine vertraute

Stimme fragen hörte: „Ist dieser Platz noch frei?“

Pieri blickte auf. Es war Lisa Jochimsen, die in der Tür

des Abteils stand, in jeder Hand einen kleinen Koff er.

„Wenn du dich auf den Platz setzt, ist er nicht mehr

frei“, antwortete Pieri. „Außer uns beiden ist hier niemand

im Abteil, wie du siehst.“

Lisa legte ihre Koff er in das Gepäcknetz, dann setzte

sie sich Pieri gegenüber. „Du fährst also auch ins Ferienlager“,

sagte sie.

„Woher willst du das wissen?“

„Ich könnte jetzt ja einfach behaupten, dass ich

das mit detektivischem Scharfsinn aus der Farbe deiner

Socken geschlossen habe. Aber die schlichte Wahrheit

ist, dass ich gestern mit deinen Eltern gesprochen

habe. Und ich habe ihnen doch tatsächlich versprochen,

auf der Fahrt ins Lager ein bisschen auf dich aufzupassen.“


„Ich brauche keinen Aufpasser“, sagte Pieri, ein wenig

verärgert. „Und schon gar kein Mädchen.“

Er blickte durch die offene Abteiltür hinaus. Ein

Mann stand draußen am Fenster mit einem Handy in

der Hand.

„e4“, sagte der Mann, dann, nach einer winzigen

Pause, „Springer f3. Gut, dann Läufer b5.“

„Seltsames Telefongespräch!“, wunderte sich Pieri.

„Das ist eine Art Code“, sagte Lisa.

„Du meinst also wirklich, er ist ein Spion?“, flüsterte

Pieri aufgeregt.

„Nein, er spielt nur mit seinem Gesprächspartner

Schach.“

„Ohne Brett und Figuren?“

„Brett und Figuren sind beim Schach eigentlich

überflüssig. Alle 64 Felder sind durchnummeriert. Die

waagerechten Reihen tragen die Nummern 1 bis 8,

die senkrechten Linien die Bezeichnungen a bis h. Das

schwarze Feld ganz links unten trägt also die Bezeichnung

a1, das weiße Feld rechts unten die Bezeichnung

h1. Warum hörst du mir nicht zu? Warum liest du lieber

in deiner blöden Zeitung?“

„Ich will die Fußballergebnisse von gestern wissen,“

antwortete Pieri. „Zuerst aber muss ich jetzt …“

Es war ihm ein wenig peinlich, einem Mädchen zu

sagen, was er jetzt musste. Vielleicht hatte er zum Frühstück

zu viel Milch getrunken, und die musste er jetzt

loswerden. Er legte die Zeitung weg und stand auf.

„Passt du ein paar Minuten auf meine Sachen auf?“,

fragte er. Dann ging er, ohne eine Antwort abzuwarten.

9


Drei Abteile weiter hörte er ein leises Stöhnen. Er

blieb vor der off enen Tür stehen und blickte hinein. Ein

Mann kniete auf dem Boden. Mit einer Hand stützte er

sich ab, mit der anderen betastete er vorsichtig eine

blutende Wunde an seiner Stirn. Außer ihm befand sich

niemand im Abteil.

„Ein Dieb!“, keuchte der Mann. „Ich habe ihn erwischt,

wie er in meinen Sachen herumwühlte. Aber

bevor ich ihn festhalten konnte, schlug er zu.“

„Haben Sie ihn erkannt?“, fragte Pieri.

„Ich habe sein Gesicht höchstens eine Sekunde lang

gesehen, bevor er mir das Ding verpasste. Aber vielleicht

würde ich ihn wiedererkennen. Er kann noch

nicht weit sein.“

Der Mann kam mühsam auf die Beine, schob Pieri

beiseite, wandte sich nach links und torkelte davon, immer

noch benommen. Schon vor der nächsten Abteiltür

blieb er stehen und schob die Tür auf. Er streckte die

Hand aus und zeigte anklagend auf einen der beiden

Männer, die auf der linken Seite des Abteils saßen.

„Das war er!“, rief er.

„Das war wer?“, fragte eine Männerstimme hinter

ihm. Es war der Schaff ner, der seine Runde durch den

Zug machte, um die Fahrkarten zu kontrollieren.

„Das ist der Gauner, der mich niedergeschlagen hat“,

antwortete der Überfallene. „Er wollte mich bestehlen …

Meine Brieftasche ist weg! Er muss sie mir abgenommen

haben, als ich bewusstlos auf dem Boden lag.“

„Wie kommen Sie dazu, unschuldige Menschen zu

verdächtigen?“, empörte sich der Beschuldigte. „Ich

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habe seit mindestens einer Stunde dieses Abteil hier

nicht verlassen.“

„Das kann ich bestätigen“, nickte der Mann neben

ihm. „Dieser Herr und ich, wir haben die ganze Zeit

über Schach gespielt.“

Er deutete auf das Schachbrett, das zwischen ihnen

auf dem Sitz lag. Nur wenige Figuren standen darauf.

Pieri erinnerte sich daran, was Lisa eben erst gesagt

hatte. Dass die Felder eines Schachbretts mit Ziff ern

von 1 bis 8 und Buchstaben von a bis h gekennzeichnet

sind. Aber er entdeckte auf dem Brett und an seinem

Rand weder Buchstaben noch Ziff ern.

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„Durchsuchen Sie ihn, Schaffner!“, verlangte der

Überfallene. „Ich bin sicher, dass er meine Brieftasche

noch bei sich hat.“

„Na schön, durchsuchen Sie mich!“, stimmte der Beschuldigte

grinsend zu. „Sie werden nur meine eigene

Brieftasche finden.“

Der Schaffner schaute zum Fenster. Es stand offen.

Der Dieb konnte also sehr wohl das Geld aus der gestohlenen

Brieftasche genommen und sie dann aus

dem Zug geworfen haben.

„Es gibt nicht die Spur eines Beweises gegen diesen

Herrn“, sagte der Schaffner zu dem Überfallenen.

„Selbst wenn Sie schwören, ihn wiedererkannt zu haben,

stünde seine Aussage gegen Ihre.“

Pieri drängte sich zwischen dem Schaffner und dem

Bestohlenen durch.

„Die beiden Männer lügen“, sagte er. „Sie haben

überhaupt nicht Schach gespielt.“

„Woher willst du das wissen?“, wunderte sich der

Schaffner. „Du siehst doch das Brett und die Figuren.“

„Ich verstehe nicht viel von Schach“, bekannte Pieri.

„Aber diese beiden hier verstehen noch weniger davon.“

12

Auflösung auf Seite 222


Ein komischer Kauz

Der Zug lief langsam in den Bahnhof der kleinen Stadt

Bergheim ein. Lisa und Pieri waren aufgestanden und

schleppten ihre Koff er zur nächsten Tür.

„Was blickst du so missmutig drein?“, fragte Lisa. „Ist

dir dein Gepäck zu schwer?“

„Nein. Ich weiß nur nicht, was uns in diesem Ferienlager

erwartet.“

„Nun, besser als zur Schule zu gehen wird es auf jeden

Fall sein.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, meinte Pieri. „Ein

Junge aus meiner Klasse hat mir erzählt, dass er schon

mal in einem solchen Lager war. Todlangweilig! Sie

durften zum Beispiel nicht Fußball spielen, nicht fernsehen,

und auch sonst war alles verboten, was Spaß

macht. Dafür mussten sie fast jeden Tag lange Wanderungen

unternehmen und dabei langweilige alte Lieder

singen. Zum Beispiel ‚Im Frühstau zu Berge‘.“

„Das Lied heißt ‚Im Frühtau zu Berge‘“, korrigierte

Lisa ihn schmunzelnd.

Der Zug war mit einem letzten Rumpeln stehen geblieben.

Lisa öff nete die Tür, schulterte ihre Reisetasche

und stieg aus. Pieri folgte ihr.

Die beiden waren die einzigen Fahrgäste, die an

dem kleinen Bahnhof ausstiegen. Sie blickten sich suchend

um. Niemand schien sie zu erwarten.

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„Ich verlange ja nicht, dass wir vom Bürgermeister

persönlich abgeholt werden“, maulte Pieri. „Und

dass eine Blaskapelle spielt, während wir über den roten

Teppich schreiten. Aber es hätte uns wenigstens

jemand abholen können. Woher sollen wir denn nun

wissen, wo wir hinmüssen?“

Lisa ging auf die Tür des Bahnhofsgebäudes zu, stieß

sie auf und trat ein. Pieri folgte ihr zögernd, während

sie auf dem kürzesten Weg hinüber zum Fahrkartenschalter

ging.

Der Mann hinter der Glasscheibe packte gerade ein

Wurstbrot aus und biss hinein. Es war Mittag, und er

hatte sichtlich Hunger.

„Wissen Sie, wo das Ferienlager ist?“, fragte Lisa den

Mann.

„Nein“, antwortete er kauend und ohne aufzublicken.

„Bin nie dort gewesen.“

„Können Sie uns sagen, wie wir hinkommen?“

„Ja. Ihr braucht nur zu warten. Irgendwann taucht

Hannes mit seinem Kleinbus auf und fährt euch hin.“

„Ist das der Kleinbus da draußen vor dem Bahnhof?“,

fragte Lisa weiter. Sie deutete durch die Eingangstür

auf einen Wagen, der draußen stand.

„Keine Ahnung!“, antwortete der Mann hinter der

Glasscheibe. „So genau habe ich mir die Kiste noch nie

angesehen.“ Er biss wieder in sein Wurstbrot.

Lisa ging zielstrebig durch die Wartehalle und trat

hinaus auf die Straße. Wieder folgte ihr Pieri. Fünf Kinder

etwa ihres Alters standen dort draußen, zwei Jungs

und drei Mädchen.

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„Ihr wollt also auch zum Ferienlager“, stellte Lisa mit

einem kurzen Blick auf das Gepäck der anderen fest.

„Ist das der Kleinbus, der uns abholen soll?“

„Bestimmt nicht“, antwortete der größere der beiden

Jungen. „Das ist doch ein Schulbus, der geht uns

nichts an.“

Lisa trat an das Fahrzeug heran und blickte hinein.

„Steht der Wagen denn schon lange hier?“, fragte

Lisa weiter.

„Zehn oder fünfzehn Minuten“, antwortete eines der

Mädchen. „Der Fahrer ist so ein komischer alter Kauz

mit einem wild wuchernden Backenbart, der aussieht

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wie ein Gestrüpp. Er ist da hineingegangen.“ Sie deutete

auf eine Tür, über der geschrieben stand: BAHN-

HOFSGASTSTÄTTE.

„Passt ihr mal kurz auf meine Koffer auf?“, fragte Lisa.

„Klar“, antwortete das Mädchen. Auch Pieri ließ seinen

Koffer stehen und folgte Lisa. Er hatte zwar keine

Ahnung, was sie vorhatte, aber er wollte unbedingt

dabei sein.

Lisa blickte sich nur kurz um, dann entdeckte sie einen

wild aussehenden Mann mit Backenbart. Er saß an

einem Tisch am Fenster und machte sich gerade über

ein riesiges Schnitzel her.

Lisa trat zu ihm.

„Hannes, wir wollen zum Ferienlager.“

„Wenn ich mit dem Schnitzel fertig bin“, antwortete

der Mann. Dann blickte er erstaunt auf. „Woher weißt

du, dass ich Hannes heiße und euch zum Ferienlager

bringen soll?“

Auch Pieri sah Lisa ungläubig an. Wie hatte sie das

nun wieder herausgefunden?

16

Auflösung auf Seite 223


Die Bande

des Schreckens

Hannes hatte es nicht eilig, sein Mittagessen hinter sich

zu bringen. Das Schnitzel schien ihm plötzlich nicht

mehr zu schmecken. Missmutig sah er über den Teller

auf Lisa und Pieri, die ihm gegenüber am Tisch standen.

Pieri hatte das Gefühl, dass der Mann Kinder nicht

ausstehen konnte.

Ein Kellner kam vorbei. „Heute kein Bier, Hannes?“,

fragte er. „Nein“, brummte Hannes. „Bin im Dienst.“

„Wir warten besser draußen“, sagte Lisa. An der Tür

blickte sie sich noch einmal um. Sie sah, wie Hannes

den Kellner wieder herbeiwinkte.

Es dauerte noch mindestens eine Viertelstunde, bis

Hannes sein Mittagessen beendet hatte und die Bahnhofsgaststätte

verließ. Er warf den fünf wartenden Kindern

einen kurzen, misstrauischen Blick zu, als erwarte

er von ihnen Ärger. Dann versetzte er dem rechten hinteren

Reifen seines Kleinbusses einen kräftigen Tritt,

ging dann zum vorderen Reifen und misshandelte ihn

auf die gleiche Weise. Nachdem er auf die Straßenseite

des Wagens gewechselt war, wiederholte er die Prozedur

an den beiden anderen Reifen und gab ihnen

ebenfalls einen kräftigen Tritt.

„Scheint ja ein ziemlich störrisches Biest zu sein, dieses

Fahrzeug“, spottete der größere der beiden Jungs,

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die Lisa und Pieri eben kennengelernt hatten. „Braucht

erst ein paar kräftige Fußtritte, um an die Arbeit zu

gehen.“

„Blödsinn!“, brummte Hannes. „Foxi ist das bravste

Auto, das man sich vorstellen kann.“

„Es hat einen Namen?“, wunderte sich eines der

Mädchen.

„Ich hatte mal einen Hund, einen Foxterrier“, erzählte

Hannes. „Der fuhr für sein Leben gern Auto. Zur

Erinnerung an ihn habe ich dieses Auto Foxi genannt.“

„Aber warum treten Sie Foxi?“, fragte Lisa.

„Ich stelle nur fest, ob die Reifen genug Luft haben.

Es treiben sich seit einiger Zeit ein paar Kerle in der

Stadt herum, die sich einen Spaß daraus machen, Autoreifen

zu zerstechen. Scheint eine Jugendbande zu

sein. Eine wahre Bande des Schreckens.“

Er schloss die Türen von Foxi auf. „Wer zum Ferienlager

will, soll einsteigen!“, rief er. Lisa, Pieri und die fünf

Kinder, die schon vor ihnen gekommen waren, drängten

sich in das Fahrzeug. Pieri setzte sich auf den Sitz

neben den Fahrer.

Bevor auch Hannes selbst sich setzte, hob er die beiden

Schilder auf, die auf dem Fahrersitz lagen. Pieri erkannte

jetzt, dass sie beidseitig bedruckt waren.

Auf der einen Seite stand SCHULBUS, auf der anderen

FERIENLAGER. Hannes befestigte eines der beiden

Schilder an der Innenseite der Frontscheibe, sodass

von außen die Aufschrift FERIENLAGER zu sehen

war, dann ging er nach hinten und befestigte von außen

das andere Schild am hinteren Fenster.

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Pieri sah ihm dabei zu. Verwundert stellte er fest,

dass Hannes das zweite Schild verkehrt herum anbrachte,

sodass von außen die Aufschrift SCHULBUS zu

lesen war.

„Ich glaube, Hannes ist etwas verwirrt. Die Sache mit

der Reifenstecherbande scheint ihn doch sehr mitzunehmen“,

vermutete Pieri. „Nein, das ist nur die Macht

der Gewohnheit“, widersprach Lisa. „Er fährt seit Jahren

den Schulbus, also bringt er, ein wenig geistesabwesend,

das Schild auch heute so an wie immer.“

Hannes stieg als Letzter ein und setzte sich hinter

das Lenkrad. „Habt ihr euch alle angeschnallt?“, fragte

er und blickte in die Runde.

Alle nickten.

Hannes brummte etwas, was nur er selbst verstand,

und fuhr los. Er war noch keine 100 Meter weit gekommen,

als er hart auf die Bremse stieg. Ein Mann, der

am Straßenrand gestanden hatte, hatte plötzlich zwei

Schritte nach vorn gemacht auf die Straße, genau vor

den Kleinbus.

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Hannes brachte das Fahrzeug gerade noch zum Stehen.

Er sprang aus dem Wagen.

„Was fällt Ihnen ein!“, rief er empört. „Sind Sie blind?“

Der Mann deutete auf die Armbinde an seinem linken

Oberarm. Es war ein gelbes Band mit drei im Dreieck

angeordneten schwarzen Punkten darauf.

„Klar bin ich blind“, sagte er. „Das sehen Sie doch.“

Das Gesicht, das er Hannes zuwandte, war von einer

großen dunklen Brille weitgehend verdeckt. Seine Augen

waren hinter der Brille nicht zu sehen.

„Blind zu sein genügt Ihnen wohl nicht, wie?“,

knurrte Hannes. „Sie wollen auch noch überfahren

werden und sich ein paar Knochen brechen.“

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„Das hatte ich keineswegs vor“, versicherte der

Mann, sichtlich verärgert. „Aber es kann mir leicht passieren,

wenn ich so rücksichtslosen, unfähigen Autofahrern

begegne, wie Sie einer sind.“

Vorsichtig ging der Mann zurück auf den Gehsteig.

Dort drehte er sich noch einmal zu Hannes um, stieß

wütend mit seinem Stock mehrfach auf den Boden,

und rief: „Sie Rüpel!“ Dann ging er, mit seinem Stock

den Weg ertastend, weg. Nach wenigen Schritten verschwand

er in einer schmalen Gasse zwischen zwei

Häusern.

Hannes stieg wieder in seinen Kleinbus und fuhr los.

Er kam nicht weit. Schon auf den ersten Metern spürte

er, dass das Fahrzeug sich sonderbar verhielt. Er hielt

an, stieg aus und ging um den Wagen herum.

„Der Vorderreifen“, sagte er betrübt. „Er verliert Luft.

Steigt aus, Kinder, ich muss den Reifen wechseln.“

Lisa, Pieri und die anderen fünf stiegen aus. Während

Hannes aus dem Koff erraum den Wagenheber

und den Ersatzreifen holte, näherte sich von hinten

neugierig ein Mann.

„Panne, wie?“, fragte er. Seine Stimme klang schadenfroh.

„Reifenschaden. Also wieder mal die Reifenstecherbande.

Ich weiß wirklich nicht, was mit der heutigen

Jugend los ist.“

„Die heutige Jugend hat mit diesem kaputten Reifen

nichts zu tun“, sagte Lisa. „Sie selbst haben ihn durchstochen.“

Aufl ösung auf Seite 223

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22

Wer ist hier der Chef?

Hannes hatte den Reifen seines Kleinbusses gewechselt,

er und die Kinder waren wieder eingestiegen.

Es war eine kurze Fahrt durch die kleine Stadt. Lisa deutete

aufgeregt auf ein großes, ziemlich altmodisch aussehendes

Gebäude. „Vielleicht ist das das Ferienlager“,

rief sie hoff nungsvoll.

„Ein Schloss?“, wunderte sich Pieri. „Warum nicht?“,

beharrte Lisa. „Eine Freundin von mir war mal in einem

Ferienheim, das in einem Schloss untergebracht war.“

„Glaubst du, wir bauen eigens für ein paar freche

Kinder ein Schloss?“, brummte Hannes. „Wegen dieser

paar Wochen in den Schulferien? Das dort vorn ist euer

Camp.“ Er deutete nach vorn.

„Zelte!“, sagten die vier Mädchen wie im Chor. Ihre

Stimmen verrieten, wie enttäuscht sie waren. „Prima!“,

sagte der größte der Jungs. „Ein richtiges Lager! Wie

bei den Indianern.“

Vor einem der Zelte hielt Hannes seinen Kleinbus an.

„Aussteigen!“, sagte er. „Nehmt euer Gepäck und

verschwindet!“

Lisa, Pieri und die anderen fünf Kinder, die mit ihnen

in dem Kleinbus gekommen waren, blickten sich um.

„Erbärmlicher Service!“, sagte Frank, der älteste und

größte von ihnen. „Ich erwarte ja nicht, dass wir empfangen

werden wie in einem Hotel. Aber es sollte schon


jemand kommen und uns sagen, wohin wir uns wenden

sollen.“

„Das ist kein Hotel, sondern ein Ferienlager für Kinder“,

sagte Lisa. „Offenbar werden wir in diesen riesigen

Zelten hier wohnen.“

„Riesig nennst du das?“, spottete Frank. „Ich war mal

in München auf dem Oktoberfest, dort sind die Zelte

viel größer. Dort passen Tausende von Menschen rein.“

„Ich nehme an, der Chef wohnt nicht in einem Zelt,

sondern in dem Haus dort drüben“, vermutete Pieri.

„Deshalb schlage ich vor, wir gehen hinüber und melden

uns an.“

Niemand hatte etwas dagegen, also marschierten

alle sieben zum Haus hinüber. Sie öffneten die Tür und

traten ein. In dem Flur, in dem sie jetzt standen, gab es

links und rechts je zwei Türen. An der ersten Tür gleich

links prangte der Name „Dr. Großmann“.

„Das ist er“, sagte Frank. „Jedenfalls war der Brief,

den ich von dem Feriencamp bekommen habe, von einem

Dr. Großmann unterschrieben.“

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Er klopfte an die Tür.

„Herein!“, antwortete von drinnen eine Frauenstimme.

Frank öff nete die Tür und trat ein. Die anderen sechs

folgten ihm dicht auf. Eine Frau stand an einem hohen

Bücherregal rechts an der Wand. Sie lachte bei dem Anblick

der Kinder. „Da kommen ja die sieben Zwerge!“,

rief sie.

„Guten Tag, Frau Dr. Großmann“, sagte Frank. „Wir

wollen uns hier …“

„Ich bin nicht Frau Dr. Großmann“, unterbrach ihn die

Frau. „Ich wische nur Staub. Der Chef ist da draußen.“

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Sie deutete durch das Fenster hinaus. Dann ging sie.

Frank trat ans Fenster. Lisa wollte ihm folgen, aber

am Schreibtisch blieb sie stehen. Neben dem Telefon

auf der Tischplatte stand ein silbergerahmtes Bild.

„Und was ist daran so interessant?“, fragte Pieri

neben Lisa.

„Off enbar ist das die Frau von Dr. Großmann und

sein Sohn“, antwortete Lisa. „Er will seine Familie immer

bei sich haben. Sympathischer Mann!“ Sie trat zu Frank.

Draußen stand nicht ein Mann, wie sie erwartet

hatte, sondern zwei. Der eine trug einen Anzug und

eine Krawatte, der andere Jeans, ein T-Shirt und Turnschuhe.

Sein helles Haar schien ungekämmt, sein Gesicht

war von unzähligen Sommersprossen übersät, auf

seiner Nase saß eine Brille mit schmalem Rand.

„Der mit Anzug und Krawatte ist zweifellos Dr. Großmann“,

sagte Frank. „Der andere ist wohl ein kleiner Angestellter.“

„Du solltest dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen

lassen“, sagte Lisa. „Der Chef hier ist der andere.“

Aufl ösung auf Seite 224

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Die Diebin

„Mein Name ist Fritz Großmann“, sagte der freundliche

Mann mit dem struppigen roten Haar. Auf seinen

Doktortitel legte er off enbar keinen Wert. „Darf ich auch

erfahren, wer ihr seid? Meine Mitarbeiterin hat mir nur

gesagt, dass die sieben Zwerge hier auf mich warten.“

„Ich bin Frank Kleinschmidt“, sagte Frank und trat einen

Schritt vor.

„Eure Vornamen genügen mir völlig“, wehrte Herr

Großmann ab. „Keine unnötigen Formalitäten!“ Er

blickte das Mädchen an, das als Nächste in der Reihe

stand. „Astrid“, sagte sie. – „Monika“, fügte die Nächste

hinzu. – „Und ich bin Carmen“, sagte die dritte. – „Ich

heiße Manuel“, sagte der kleinste der Jungs. – „Und ich

Lisa“, sagte Lisa mit einer leichten Verbeugung. – „Mich

nennen alle Pieri“, stellte sich Pieri vor. „Aber eigentlich

heiße ich Pieter.“

„Da wir jetzt alle wissen, mit wem wir es zu tun haben,

können wir nun zum lästigen Papierkram kommen“,

sagte Herr Großmann. „Ich werde euch jetzt offi -

ziell in die Liste der bereits Angekommenen eintragen.“

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, öff nete eine

Schublade und griff hinein. Er hatte den dünnen Aktenordner

mit den Namen bereits auf den Tisch gelegt

und wollte eben die Schublade schließen, als er stutzte.

„Das Geld ist weg!“, rief er erschrocken.


„Dann bekommen wir wohl in den nächsten Tagen

nichts zu essen“, grinste Frank.

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht“, meinte

Dr. Großmann, der sich schnell wieder gefasst hatte.

„Nach meiner Erinnerung waren es kaum mehr als 50

Euro. Vor einer Viertelstunde war das Geld noch da …“

„Dann hat die Frau das Geld geklaut, die eben hier

war, als wir kamen“, sagte Manuel überzeugt.

„Frau Schulze?“ Herr Großmann schüttelte den Kopf.

„Die kenne ich seit mehr als zehn Jahren. Eine grundehrliche

Person. Einen Diebstahl würde ich ihr nie zutrauen.

Aber andererseits … Sie ist der einzige Mensch,

der weiß, dass ich hier Geld aufbewahre.“

„Sie sollten nochmal nachschauen“, riet Lisa.

Herr Großmann tat wie geheißen.

„Ach ja, hier ist es tatsächlich!“, sagte er dann erleichtert.

„Das Geld lag unter diesem Zettel hier, auf dem die

Lagerordnung ausgedruckt ist. Ich bin wirklich froh,

dass sich die Sache so schnell geklärt hat. Nicht wegen

des Geldes, 50 Euro wären kein großer Verlust gewesen.

Viel wichtiger ist mir zu wissen, dass Frau Schulze

doch keine Diebin ist. Aber woher hast du das eigentlich

gewusst, Lisa?“

„Lisa glaubt von allen Menschen immer nur das

Beste“, antwortete Pieri an Lisas Stelle.

„Ich verlasse mich nicht nur auf mein Herz, sondern

genauso sehr auf meinen Verstand“, sagte Lisa.

Herr Großmann lächelte. „So? Dann lass mal deine

zwingende Beweisführung hören!“

Auflösung auf Seite 225

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28

Erwischt

„Ich bin Gustav“, stellte sich der schmächtige junge

Mann vor. Er war nicht viel älter als 20 Jahre, blass und

ziemlich schüchtern. „Ich werde euch eure Zelte zeigen.

Mädchen und Jungs schlafen natürlich in getrennten

Zelten.“

„Zelte sind großartig“, sagte der kleine Manuel. „Viel

schöner als die blöden Hotels. Viel … abenteuerlicher.“

„Mit diesem Abenteuer ist es bald vorbei“, sagte

Gustav. „Wenn du das nächste Jahr wiederkommst,

wirst du nicht mehr im Zelt, sondern dort drüben in

dem alten Bauernhaus wohnen. Es wird gerade renoviert

und zum Ferienheim umgebaut.“

Er zeigte auf ein Gebäude, das hinter den Zelten bisher

vor den Blicken der Kinder versteckt gewesen war.

Das Gebäude war von einem Gerüst umgeben und die

Dachziegel fehlten.

Hinter der Ecke eines der Zelte tauchten drei Männer

auf. Zwei von ihnen waren stämmige Burschen in

der Kleidung von Arbeitern, Maurer vielleicht. Zwischen

ihnen ging ein junger Mann, den sie von beiden

Seiten festhielten. Sein rechtes Auge war geschwollen

und schillerte blau und grün.

„Was seid ihr nur für Rohlinge!“, fauchte Lisa die beiden

Arbeiter an. „Wie könnt ihr einen Menschen so

misshandeln!“


„Das Veilchen um sein Auge hat er nicht von uns“,

sagte einer der beiden Arbeiter. Alle drei Männer blieben

stehen. „Er ist auf der Flucht gestolpert und hat

sich dabei den Schädel angeschlagen.“

„Auf der Flucht?“, fragte Gustav.

„Ja“, antwortete der zweite Arbeiter. „Auf der Flucht

vor mir. Ich habe ihn erwischt, als er gerade in unserer

Baubude die Spinde durchstöberte. Er wollte wohl unser

Geld klauen. Bevor ich ihn festhalten konnte, stieß

er mich zur Seite und rannte davon.“

„Wann war das?“, fragte Lisa.

„Vor zehn oder fünfzehn Minuten“, antwortete der

Mann.

„Und jetzt habt ihr ihn erst erwischt?“

„Ja. Gerade eben.“

„Dann wird er es wohl nicht gewesen sein“, überlegte

Lisa. „In zehn oder fünfzehn Minuten kann ein

Fußgänger einen Kilometer zurücklegen, auch wenn er

sich nicht beeilt. Mit dem Rad würde er leicht die drei-

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fache Entfernung schaff en, ohne sich besonders anzustrengen.

Und mit dem Auto mindestens die fünff ache.

Mit anderen Worten: Wenn er der Dieb wäre, wäre er

längst über alle Berge.“

„Du bist ja eine ganz besonders Schlaue!“, spottete

der ältere der beiden Arbeiter. „Sieh dir mal seine

Hände an! Was siehst du da?“

„Nichts. Außer dass er an jeder Hand fünf Finger hat.

Wie die meisten Menschen.“

Der Arbeiter lachte. „Der Kerl, der vor mir gefl ohen

ist, ist gestolpert und gestürzt. Dabei hat er sich nicht

nur das blaue Auge geholt, sondern hat auch einen Eimer

mit grüner Farbe umgestoßen. In diese Farbpfütze

ist er mit beiden Händen gefallen. Aber jetzt sind seine

30


Hände sauber. Er hat sie sich also abgewaschen. Mit

grüner Farbe an den Pfoten würde er zu sehr auff allen.

Eine solche Farbe wird man aber nicht so leicht los.

Deshalb ist er noch hier und nicht schon längst über

alle Berge, wie du vermutet hattest.“

„Ich habe ihn gesehen“, sagte ein Junge aus dem

Camp aufgeregt. „Dort drüben in der Toilette.“ Er deutete

auf ein kleines Gebäude, das etwas abseits von

den Zelten stand. „Ich erkenne ihn genau wieder! Er

wusch sich mit Seife grüne Farbe von den Händen.“

„Du hast also sein Gesicht gesehen?“, fragte Lisa.

„Klar! Ganz deutlich. Im Spiegel. Dabei habe ich

auch gesehen, dass sein rechtes Auge fast zugeschwollen

und dunkel verfärbt ist.“

„Das ist mir schon gestern passiert“, beteuerte der

Festgehaltene. „Bei der Arbeit.“

„Ich glaube, er sagt die Wahrheit“, sagte Lisa. „Sie haben

den falschen Mann erwischt, meine Herren!“

„Ich weiß nicht, ob ich an deinem Verstand zweifeln

soll oder an deinen Augen“, sagte Pieri zu Lisa.

„Du siehst doch sein blaues rechtes Auge, genau wie

bei dem Mann, der sich dort drüben in der Toilette die

grüne Farbe von den Händen gewaschen hat.“

Aufl ösung auf Seite 225

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Der Überfall

Pieri strampelte, als wolle er im Endspurt eine wichtige

Etappe der Tour de France gewinnen. Aber er hatte etwas

viel Wichtigeres vor: Er wollte pünktlich zum Mittagessen

im Ferienlager sein. Wer zu spät kam, bekam

nichts mehr zu essen. Jedenfalls hatten das die Leiter

des Ferienlagers angedroht. Pieri glaubte es zwar nicht

wirklich, aber bei den Erwachsenen kann man nie wissen.

Außerdem wollte er nicht schon an den ersten Tagen

unangenehm auff allen.

Die Straße des kleinen Ortes Bergheim bestand aus

Kopfsteinpfl aster. Das Rad holperte und hüpfte so heftig,

dass Pieri befürchtete, an dem alten Drahtesel würden

sich die Schrauben lockern. Wirklich erstaunlich,

wie anstrengend das Radfahren auf einem solchen

Pfl aster war.

Pieri sah den Mann schon lange im Voraus. Nicht

nur, weil er außer ihm selbst der einzige Mensch auf

der Straße war. Auch unter 50 Menschen wäre der Bursche

sofort aufgefallen. Trotz der sommerlichen Hitze

trug er einen Regenmantel, der viel zu weit war für

seine lange, dünne Gestalt.

Der Mann ging auf dem linken Gehsteig in die gleiche

Richtung wie Pieri, und er schien es ebenso eilig zu

haben. Vielleicht war auch er auf dem Weg zum Mittagessen.


Plötzlich bog der Mann nach rechts ab, trat auf die

holprige Fahrbahn und überquerte sie mit langen

Schritten, ohne nach links oder rechts zu sehen.

Pieri hörte auf zu strampeln. Er klingelte. Der Mann,

tief in seine Gedanken versunken, schien ihn nicht zu

hören. Er ging weiter. Na schön, dachte Pieri, dann lasse

ich ihm eben die Vorfahrt und fahre hinter ihm vorbei.

Im gleichen Augenblick blieb der Mann stehen, als

sei ihm plötzlich etwas eingefallen, machte kehrt und

setzte sich ruckartig wieder in Bewegung. Den jungen

Radfahrer sah er nicht, und er hörte auch nicht das

Klingeln.

Pieri riss den Lenker nach links, um dem Mann auszuweichen.

Das gelang ihm. Auf dem Rad zu bleiben

gelang ihm nicht mehr. Er flog in hohem Bogen über

den Lenker und landete hart auf dem Kopfsteinpflaster.

„Verdammter Bengel!“, hörte er die Stimme des Mannes.

„Hast du keine Augen im Kopf?“

Die Beleidigung ärgerte Pieri so sehr, dass er kaum

die Schmerzen spürte. Er achtete nicht auf die blutigen

Schürfwunden an seinen Knien und auf den aufgeschlagenen

Ellbogen. Im Augenblick interessierte ihn

nur, ob das Rad heil geblieben war. Es war nicht sein eigenes

Rad, er hatte es sich nur geliehen. Und er hatte

versprochen, es unbeschädigt zurückzugeben.

Auf den allerersten Blick schien das Rad in Ordnung

zu sein. Die Felgen jedenfalls zeigten bei der Überprüfung

keine Acht.

„Du bist eine Gefahr für deine Mitmenschen“,

schimpfte der Mann.

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Pieri war nicht erpicht darauf, noch mehr solcher Beschimpfungen

über sich ergehen zu lassen. Er schob

das Rad an, sprang im Laufen auf und begann wieder

zu strampeln. Er wollte pünktlich im Ferienlager sein.

Der Mann starrte ihm fi nster nach. Dann schaute er

auf seine Armbanduhr. Fünf Minuten vor zwölf. Plötzlich

hatte er es wieder sehr eilig. Er überquerte die

Straße, erreichte mit wenigen Schritten eine Kreuzung

und bog nach rechts ab in eine stille schmale Querstraße.

Vor dem zweiten Haus blieb er stehen, genau

vor der Tür eines kleinen Schreibwarenladens. Er griff

in die Tasche seines Regenmantels, holte eine riesige

dunkle Sonnenbrille heraus und setzte sie auf. Dann

zog er die Krempe seines Hutes tiefer in die Stirn und

stieß mit der anderen Hand die Tür auf.

Der kleine alte Mann hinter der Kasse blickte ihm

freundlich entgegen. „Guten Tag!“, grüßte er.

„Geld her!“, antwortete der andere. „Geben Sie mir

alles, was Sie haben!“

„Das ist so wenig, dass Sie enttäuscht sein werden“,

sagte der Alte. „Dafür lohnt sich ein Überfall nicht.“

„Für einen Mann in meiner Situation ist auch wenig

Geld viel Geld“, sagte der Fremde. Er packte den Alten,

schubste ihn grob in ein Hinterzimmer und verschloss

schnell die Tür. Dann trat er hinter den Ladentisch. Er

öff nete die altmodische Kasse und griff gierig hinein.

Hastig stopfte er die wenigen Geldscheine und Münzen,

die sich darin befanden in eine Tasche seines alten

Regenmantels, ohne sie vorher noch zu zählen, dann

ging er.

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Bevor er hinaus auf die Straße trat, warf er einen

schnellen Blick nach links und rechts. Kein Mensch

war zu sehen. Der Räuber lächelte zufrieden. Niemand

hatte den Überfall bemerkt, und niemand hatte ihn

gesehen, wie er den Laden betreten und schon eine

Minute später wieder verlassen hatte.

Die gute Laune des Räubers hielt nicht lange an.

Schon eine Stunde nach dem Überfall stand er wieder

in dem kleinen Schreibwarenladen. Er trug keinen Regenmantel

mehr, keinen Hut und keine Sonnenbrille,

dafür stählerne Handschellen.

„Du bist wirklich ein Idiot, Manni!“, sagte Polizeimeister

Anders kopfschüttelnd. „Bei allen deinen Überfällen

wendest du die gleiche Methode an. Ein kleiner Laden

in einer kleinen Stadt, notdürftige Maskierung mit

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Hut und Sonnenbrille, und ein viel zu weiter Mantel,

der deine dünne Gestalt verbergen soll. Deshalb sind

wir so schnell auf dich gekommen. Lernst du denn nie

dazu? Erst vor vierzehn Tagen hat man dich aus dem

Gefängnis entlassen, und schon begehst du wieder einen

Überfall! Nach der gleichen Methode.“

Manni versuchte es mit Frechheit. „Dass man mich

damals eingesperrt hat, war ein Fehlurteil. Und mit diesem

Überfall hier habe ich überhaupt nichts zu tun. Ich

war im Nachbardorf. Dort, wo Sie mich festgenommen

haben. In diesem erbärmlichen Kaff hier bin ich noch

nie in meinem Leben gewesen.“

„Ich kann wirklich nicht beschwören, dass es dieser

Mann war, der mich eingesperrt und ausgeraubt

hat“, sagte der Ladenbesitzer. „Sein Gesicht habe ich ja

kaum gesehen. Die riesige Sonnenbrille, der tief ins Gesicht

gezogene Hut, der hochgeschlagene Mantelkragen

… Wahrscheinlich war es wirklich ein anderer.“

Manni grinste. „Na also!“, sagte er zufrieden. „Die Gerechtigkeit

hat wieder mal gesiegt, und ein Unschuldiger

wurde vor dem Gefängnis bewahrt. Nehmen Sie

mir endlich die verdammten Handschellen ab!“

„Zuerst einmal bringen wir dich auf unser Revier

und unterhalten uns eine Weile mit dir.“ Wachtmeister

Anders nahm Manni am Arm und führte ihn zur Tür.

Eine Menge Menschen hatte sich auf der Straße angesammelt,

seit sich die Nachricht von dem Überfall

und der Festnahme des mutmaßlichen Täters herumgesprochen

hatte. Unter den Schaulustigen befanden

sich auch Pieri und Lisa.

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„Den kenne ich!“, rief Pieri aufgeregt. „Das ist er!“

„Was will die Rotznase von mir?“, brummte Manni.

„Das ist der Mann, der mir plötzlich vor das Rad gelaufen

ist“, berichtete Pieri. „Hier, sehen Sie, bei dem

Sturz habe ich mir die Knie aufgeschürft.“

„Wann und wo war das?“, fragte Wachtmeister Anders

in ernstem Ton.

„Vor ungefähr einer Stunde“, antwortete Pieri. „Kurz

vor zwölf. Dort drüben in der Querstraße.“

„Also ungefähr zur Zeit des Überfalls, keine 100

Schritte vom Tatort entfernt“, fasste Wachtmeister Anders

zusammen. Er sah den Mann in den Handschellen

an. „Hast du mir nicht eben erzählt, dass du noch nie in

unserer Stadt warst?“

„Der Bengel lügt doch!“, behauptete Manni frech. „Er

hat mich noch nie in seinem Leben gesehen.“

„Doch, das habe ich“, beharrte Pieri. Er hasste es,

wenn man ihn einen Lügner nannte.

„Hast du ihn auch hier gesehen, als er aus dem Laden

kam?“, fragte Wachtmeister Anders.

„Ich habe ihn gesehen!“, wiederholte Pieri. Wieder

dachte er an den Schrecken, als er drüben in der Querstraße

dem fremden Mann ausweichen wollte und mit

dem Rad gestürzt war.

„Er lügt!“, schrie Manni. „Er hat mich nicht gesehen.

Niemand kann mich hier gesehen haben! Weil überhaupt

niemand … weil ich überhaupt nicht hier war.“

Pieri grinste. „Das ist so gut wie ein Geständnis. Er

war hier!“

Auflösung auf Seite 226

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Wer ist der Dieb?

„Hört mir bitte alle mal zu!“ Verzweifelt versuchte Gustav

sich Gehör zu verschaff en. Er war extra aufgestanden,

um die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu

ziehen, doch niemand hörte dem schmächtigen jungen

Mann zu.

Auch nicht Lisa und Pieri, neben deren Tisch er

stand. Pieri kannte ihn erst seit gestern, er wusste über

ihn nicht mehr, als dass alle hier im Ferienlager ihn für

einen Trottel hielten.

Gustav stellte sich auf die Zehenspitzen, um größer

zu wirken, und reckte beide Arme gen Himmel. Na ja,

vom Himmel war nichts zu sehen in dem großen Zelt,

in dem die Teilnehmer des Ferienlagers ihr Frühstück,

das Mittagessen und das Abendessen einzunehmen

pfl egten. Nur die noch tief stehende Morgensonne

schimmerte schwach durch die Zeltplane.

„Ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen!“, rief

Gustav mit etwas lauterer Stimme.

Niemand wollte seine wichtige Mitteilung hören.

Gustav begriff , dass es ihm nicht gelingen würde,

die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen auf

sich zu ziehen. Jetzt sah er drein, als würde er im nächsten

Augenblick anfangen zu weinen.

Am Tisch neben Lisa und Pieri stand Mike auf. Mike

war zwei oder drei Jahre jünger als Gustav, aber so


ziemlich das Gegenteil von ihm. Er war einen halben

Kopf größer, hatte doppelt so breite Schultern

und besaß zehnmal so viel Selbstbewusstsein. Er besuchte

dieselbe Schule wie Lisa und Pieri, im nächsten

Jahr würde er das Abitur machen, wenn er nicht wieder

sitzen blieb. Das war ihm schon ein- oder zweimal

passiert, aber das schmälerte sein Ansehen bei seinen

Mitschülern nicht. Mike war cool, darin waren sich alle

einig. Der kleine, schmächtige, schüchterne Gustav war

noch nie in den Verdacht geraten, cool zu sein.

„Ruhe!“, gebot Mike streng. Zwei Sekunden später

herrschte Stille im großen Zelt. „Gustav möchte euch

etwas ungeheuer Wichtiges mitteilen.“

Einige lachten. Was Gustav zu sagen hatte, konnte

nicht allzu wichtig sein.

„Wir machen heute eine Wanderung zur Ruine Drachenfels“,

sagte Gustav mit unsicherer Stimme. Er

machte einen Schritt nach vorn, als hoffe er, nun besser

gehört zu werden. „Niemand muss mitgehen. Es sind

ungefähr fünf Kilometer bis zu der Ruine, immer bergauf,

und das ist vielleicht manchem von euch zu viel.“

„Wenn du die Strecke schaffst, schafft es auch jeder

andere“, spottete Mike.

Wieder lachten einige.

„Ruine Drachenfels?“, fragte Pieri. „Eine richtige

Burg? Mit Türmen, Gräben, Zinnen, Folterkammer und

einem Schlossgespenst?“

„Im Augenblick nicht“, antwortete Mike an Gustavs

Stelle. „Nur wenn Gustav sich in den Trümmern herumtreibt,

kann man dort einen Geist sehen.“

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Mike prustete vor Lachen. Etliche andere stimmten

mit ein.

Mit jeder dummen Bemerkung dieses Gorillas werden

die Lacher mehr, dachte Lisa verärgert.

„Eine richtige Burg!“, wiederholte Pieri. „Da gibt es

bestimmt eine Menge zu fotografieren.“

„Hast du denn eine Kamera, Pieri?“, fragte Gustav

interessiert.

„Klar hat er einen Knipskasten“, antwortete Mike am

Nebentisch an Pieris Stelle. „Er fotografiert ununterbrochen

damit. Ich glaube, er hat jeden von uns schon

dreimal auf seinen Film gebannt.“

„Das ist eine Digitalkamera“, sagte Pieri. „Die braucht

keinen Film. Nur eine Speicherkarte.“

Er griff in seine Hosentasche und holte die Kamera

heraus. Das Essen auf seinem Teller war ihm vollkommen

gleichgültig geworden.

„Du hast also schon viele Bilder gemacht?“, fragte

Gustav.

„Eigentlich nicht. Ich habe die Kamera ja erst seit

gestern. Es ist eine ziemlich billige Kamera, 49 Euro.

Mehr konnte ich mir von meinem Taschengeld nicht

zusammensparen. Aber sie hat immerhin einen fünffachen

optischen und vierfachen digitalen Zoom.“

„Digitalzoom kannst du vergessen“, sagte Gustav.

„Bringt keine ordentliche Vergrößerung, verschlechtert

nur die Bildqualität.“

„Du kennst dich mit Kameras aus? Darf ich dir vielleicht

ein paar Fragen stellen? Wie gesagt, ich habe die

Kamera erst seit gestern. Und ich bin noch nicht einmal

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dazu gekommen, die Bedienungsanleitung zu lesen.

Die ist über 100 Seiten dick.“

„Wenn du, anstatt jeden Mülleimer zu knipsen, die

Anleitung lesen würdest, dann …“

Lisa kam nicht dazu, den Satz zu vollenden.

Gustav und Pieri hatten sich in eine Diskussion über

Kameras vertieft und waren für alles, was um sie herum

geschah, taub.

Mike griff vom Nebentisch herüber und nahm Pieri

die Kamera ab, ohne zu fragen.

„Kinderspielzeug!“, sagte Mike und reichte Pieri die

Kamera zurück. „Gerade richtig für dich, Kleiner, und

für einen Typen wie unseren Gustav.“

Es war das erste Mal, dass Pieri diesen Mike ganz aus

der Nähe erlebte. Von Minute zu Minute mochte er ihn

weniger.

Mike ging weg, um sich noch etwas Kakao zu holen.

„Was mache ich, wenn meine Speicherkarte voll ist?“,

fragte Pieri. „Hier im Lager werde ich mir wohl keine

neue kaufen können, oder?“

„Nein“, antwortete Gustav. „In der Stadt könntest du

dir eine besorgen, aber dazu ist keine Zeit mehr. Bis dahin

musst du dir eben ohne Karte behelfen.“

„Wie denn?“

„Deine Kamera besitzt einen internen Speicher.

Wenn die Karte voll ist, werden die Aufnahmen eben in

diesem fest eingebauten Speicher aufgenommen. Für

zehn oder fünfzehn Bilder wird das schon reichen.“

Eine Stunde später waren alle, die sich die Ruine

Drachenfels ansehen wollten, unterwegs. Auf einem

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kleinen Rastplatz unterhalb der Burg machten sie eine

kurze Pause. Im Gegensatz zu den meisten anderen

setzte Pieri sich nicht. Er lief mit seiner Kamera herum

und suchte einen günstigen Standort für seine Aufnahmen.

Als er glaubte, den besten Platz gefunden zu haben,

drückte er ab.

Ein kurzer Blitz blendete ihn. Verwundert sah er die

Kamera an. Hinter sich hörte er ein leises Lachen.

Es war Lisa.

„Glaubst du, dass du die Burg da oben mit deinem

kleinen Blitzlicht ausreichend beleuchten kannst?“,

fragte sie.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Pieri. „Dieser Blitz

reicht nicht weiter als drei oder vier Meter. Ich muss ihn

versehentlich zugeschaltet haben. Oder Mike hat auf

die falsche Taste gedrückt, als er an der Kamera herumspielte.“

Pieri schaltete die Kamera auf Wiedergabe und betrachtete

auf dem kleinen Bildschirm das Foto.

„Die Burg ist gut getroff en“, sagte er. „Aber der Kerl

im Vordergrund …“

„Welcher Kerl?“, fragte Lisa.

„Der da an dem Tisch, wo unsere Rucksäcke liegen.

Der Kerl verdirbt mir die ganze Aufnahme.“

„Wo ist er?“, fragte Lisa. Sie blickte sich suchend um.

Der „Kerl“, den Pieri eben fotografi ert hatte, war verschwunden.

„Ist er auf dem Foto zu erkennen?“

„Nein. Man kann nur erkennen, dass er einen roten

Rucksack in der Hand hält. Aber warum fragst du denn

nach ihm?“

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„Ich wundere mich, dass er so plötzlich verschwunden

ist.“

Eine Stunde später wusste Lisa, warum der Kerl so

schnell abgehauen war. Es gab in der Burgruine einen

Kiosk, an dem man Getränke und dergleichen kaufen

konnte. Romy, ein nettes Mädchen, mit dem Lisa sich

in den letzten Tagen angefreundet hatte, wollte sich etwas

zu trinken kaufen und stellte dabei fest, dass ihre

Geldbörse fehlte.

„Mein ganzes Geld ist darin“, klagte sie. „Fast 50

Euro.“

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Verzweifelt kramte sie in ihrem Rucksack, in der

schwachen Hoffnung, ihre Geldbörse doch noch zu

finden.

„Ein roter Rucksack“, sagte Lisa nachdenklich. „Der

Kerl auf deinem Foto hatte doch einen roten Rucksack

in der Hand, nicht wahr?“

Pieri nickte.

„Was für ein Foto?“, fragte Gustav, der näher getreten

war.

„Das Foto, auf dem du zu sehen bist, wie du Romys

Rucksack plünderst“, antwortete Mike, der ebenfalls näher

kam.

Gustav wurde blass.

„Du siehst aus wie das leibhaftige schlechte Gewissen“,

sagte Mike. „Ich glaube, es könnte nicht schaden,

wenn wir mal deinen Rucksack durchsuchen würden.“

Gustav wurde noch blasser.

„Willst du damit andeuten, dass ich …“

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„Er will gar nichts andeuten“, sagte Andy, einer von

Mikes Freunden. Er hielt Gustavs Rucksack in der Hand

und griff hinein. Als er die Hand herauszog, hielt er eine

Geldbörse darin.

„Das ist meine!“, rief Romy. „Hoffentlich ist das Geld

noch da!“

Sie wurde enttäuscht. Die Geldscheine fehlten, nur

ein paar lächerliche Münzen waren in der Börse.

„Du hast doch gerade von einem Foto gesprochen“,

sagte Mike jetzt, an Pieri gewandt. „Mit einem Kerl

darauf, der sich an einem roten Rucksack zu schaffen

macht.“

Pieri nickte.

„Ja, aber der Dieb ist viel zu unscharf abgebildet.

Sein Gesicht ist nicht zu erkennen.“

„Nun, vielleicht erkennt man wenigstens noch seine

Kleidung“, sagte Mike. „Dann können wir mit Sicherheit

sagen, ob es sich um Gustav handelt.“

Gustav blickte ängstlich in die Runde. „Ich bin kein

Dieb!“, versicherte er. „Ich habe noch nie in meinem

Leben …“

„Dann ist Romys Geldbörse wohl von selbst in dein

Gepäck geflogen, wie?“, höhnte Mike. Er wandte sich

Pieri zu. „Zeig uns das Foto, Pieri!“

Pieri öffnete die Kamera. Alle Umstehenden sahen

ihm gespannt zu. Nur Mike grinste.

„Die Speicherkarte ist weg!“, stellte Pieri empört

fest. „Jemand muss sie inzwischen herausgenommen

haben.“

Mikes Grinsen verstärkte sich.

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„Pech gehabt, Gustav!“, höhnte er. „Du hast geglaubt,

wenn du die Speicherkarte verschwinden lässt,

gibt es keine Beweise mehr gegen dich. Aber Romys

Geldbörse in deinem Rucksack verrät dich.“

„Nein“, widersprach Pieri. „Nicht Gustav ist der Dieb,

sondern du.“

„Blödsinn!“, lachte Mike. „Wenn ich der Dieb wäre,

würde ich doch nicht verlangen, das Foto zu sehen, das

mich überführt.“

„Gerade dadurch hast du dich selbst verraten“, antwortete

Pieri.

„Wie denn?“, wunderte sich Mike.

„Du hast geglaubt, du brauchst nur die Karte verschwinden

zu lassen, um auch das Foto zu beseitigen,

das dich mit Romys Rucksack in der Hand zeigt“, antwortete

Pieri. „Deshalb warst du so sicher, dass es keinen

Beweis gegen dich geben kann.“

„Kann es auch nicht geben“, sagte Mike, leicht verunsichert.

Er wusste nicht, worauf Pieri hinauswollte.

„Romys Geldbörse in Gustavs Rucksack ist doch Beweis

genug.“

„Keineswegs“, sagte Pieri.

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Auflösung auf Seite 227


Alles Gute

kommt von oben

„Es wird gleich regnen“, sagte Pieri.

„Spinnst du?“ Romy sah Pieri verwundert an. „Wo

soll denn der Regen herkommen bei diesem herrlichen

Sonnenschein?“

„Schau nach oben!“, antwortete Pieri.

Romy und Lisa taten es. Der größte Teil des Himmels

glänzte tatsächlich in strahlendem Blau, aber links von

ihnen breitete sich eine schwarze Wolke aus. Sie kam

off enbar schnell näher, getrieben von einem kräftigen

Wind, der heftig an den Bäumen links und rechts der

Straße rüttelte.

„Deckung!“, rief Pieri. Er rannte los, auf die off ene

Tür einer Eisdiele zu, die nur wenige Schritte entfernt

war. Lisa folgte seinem Beispiel. Nur Romy blieb stehen.

„Jetzt sind sie beide verrückt geworden“, murmelte sie.

Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie die ersten

Regentropfen in ihrem Gesicht und auf ihren nackten

Armen spürte. Jetzt rannte auch sie los. Atemlos erreichte

sie die Eisdiele gerade noch rechtzeitig, bevor

der Himmel endgültig seine Schleusen öff nete und

Unmengen von Wasser auf die kleine Stadt Bergheim

hi nabstürzen ließ.

Romy schüttelte die Wassertropfen aus ihrem

schwarzen Haar.

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„Und so was nennt sich Ferien!“, schimpfte sie. „Regen

hätten wir zu Hause auch haben können.“ Sie sah

Pieri an. „Woher hast du gewusst, dass es gleich regnen

wird?“

„Im Westen hat es schon geregnet“, antwortete Pieri.

„Der Wind war heftig und trieb die Regenwolke schnell

auf uns zu. Na ja, es gibt schlimmere Orte, um einen Regenschauer

zu überstehen, als eine Eisdiele.“

„Da hast du recht“, stimmte Lisa zu. „Meinetwegen

kann es draußen regnen, so viel es will, solange es hier

genügend Eis gibt. Ich nehme ein Erdbeereis.“

„Ich mag Vanille lieber“, sagte Romy.

„Ist mir egal“, sagte Pieri. „Eis ist doch was für kleine

Kinder.“

„Erdbeere für mich, Vanille für Romy und Schokolade

für den Kleinen, der sich einbildet, kein Kind mehr

zu sein“, sagte Lisa zu dem Verkäufer.

Die drei setzten sich an einen Tisch beim Fenster

und machten sich über das Eis her, das der Verkäufer

ihnen brachte.

„Es macht richtig Spaß, im Trockenen zu sitzen

und zuzusehen, wie draußen die Sintflut losbricht“,

sagte Pieri. „Und wie die Leute durch die Pfützen rennen,

um ins Trockene zu kommen. Sieht wirklich komisch

aus.“

Zwei der Leute, die draußen vorbeirannten, waren

ein Mann und eine Frau. Sie schoben einen Kinderwagen

vor sich her. Der Mann deutete auf die Eisdiele und

rief seiner Frau etwas zu, was die drei hinter der riesigen

Glasscheibe nicht verstehen konnten.

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Weder der Mann noch die Frau sahen den Wagen,

der sich ihnen von hinten näherte. In dem prasselnden

Regen hörten sie weder den Motor noch die Reifen.

Der Wagen fuhr schnell und dicht am Straßenrand. Die

Pfütze, die sich bereits gebildet hatte, kümmerte den

Fahrer nicht. Auch nicht der Wasserschwall, der von

den Reifen aufgewirbelt wurde und den Mann, die Frau

und den Kinderwagen voll traf.

Der Mann hob drohend die Faust und brüllte irgendetwas

Unfreundliches hinter dem Wagen her. Der

Fahrer antwortete, indem er seinen linken Arm aus

dem Seitenfenster streckte und fröhlich zum Abschied

winkte.

„Eine Unverschämtheit!“, empörte sich Romy. „Erst

spritzt er die Leute mit Dreck voll, dann verspottet er

sie auch noch.“

Der Wagen war inzwischen aus dem Blickfeld von

Lisa, Romy und Pieri verschwunden.

Das junge Paar mit dem Kinderwagen hatte endlich

das Innere der Eisdiele erreicht, aber um wenige Sekunden

zu spät. Ihre Kleidung klebte ihnen patschnass

am Körper.

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„So ein Rüpel!“, schimpfte der Mann. „Man sollte den

Kerl anzeigen.“

„Das sollte man wirklich“, stimmte Romy zu. „Hast du

dir die Autonummer gemerkt, Lisa?“

„Hat sie nicht“, antwortete Pieri an Lisas Stelle. „Ich

auch nicht. Amtliche Kennzeichen sind vorne und hinten

angebracht, aber nicht seitlich, und wir haben die

Kiste nur von der Seite gesehen.“

„Amtliche Kennzeichen!“, spottete Romy. „So jung

und redet schon so geschwollen!“

„Immerhin habe ich gesehen, dass das Auto weiß lackiert

ist“, sagte Lisa.

„Das hilft uns nicht weiter“, meinte Romy enttäuscht.

„Weiße Autos gibt es viele.“

„Aber nicht viele Sportwagen“, sagte Pieri. „Wahrscheinlich

ist das der einzige weiße Sportwagen dieser

Marke in dieser kleinen Stadt.“

Der Wolkenbruch dauerte nicht lange. Die drei

Freunde hatten kaum ihr Eis verdrückt, als die hässliche

dunkle Wolke sich verzogen hatte. Die drei verließen

die Eisdiele und spazierten ziellos durch die Stadt.

Vor dem Postamt stand ein Wagen, der Pieris Aufmerksamkeit

erregte. Er blieb stehen.

„Er ist weiß“, sagte Lisa neben ihm.

„Und ein Sportwagen“, fügte Pieri hinzu. „Wie der

Wagen, der vorhin das Ehepaar mit dem Baby von

oben bis unten vollgespritzt hat.“

Er bückte sich, um unter das Fahrzeug zu blicken.

„Pech gehabt, Kleiner!“, sagte eine spöttische Männerstimme

hinter ihm. „Du siehst, der Asphalt unter

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dem Wagen ist trocken. Das Auto steht seit zwei Stunden

bewegungslos hier, auch während des Regens.“

Der Mann grinste Pieri fröhlich an. Dann streichelte

er dem Jungen mit einer scheinbar tröstenden Geste

über das Haar. Mit der linken Hand.

Der Mann öff nete die Fahrertür, stieg ein und fuhr

mit qietschenden Reifen davon.

„Er war es!“, sagte Lisa.

„Ohne jeden Zweifel“, stimmte Pieri zu. „Ich schreibe

mir sein Kennzeichen auf, damit ich es nicht vergesse.“

Aufl ösung auf Seite 228

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Der Apfeldieb

Lisa und Pieri machten einen Spaziergang durch die

hübsche kleine Stadt Bergheim. Als sie an einer Straßenkreuzung

um die Ecke bogen, blieben sie verblüff t

stehen.

Ein Mann in Arbeitskleidung kam ihnen entgegen,

kräftig wie ein Bär. Er hatte einen kleinen Jungen am

Kragen gepackt und zog ihn neben sich her.

Lisa und Pieri kannten den Kleinen. Er hieß Max und

nahm wie sie am Ferienlager teil.

Aus der anderen Richtung kam Wachtmeister Anders,

der gerade seinen täglichen Rundgang machte.

„Gut, dass ich Sie gerade treff e, Wachtmeister!“, rief

der Mann. „Ich habe einen Dieb geschnappt. Er wollte

bei mir Äpfel stehlen.“

„Endlich mal ein richtiger Kriminalfall in dieser

Stadt!“, sagte Wachtmeister Anders schmunzelnd. „Ein

achtjähriger Junge, der einen Apfel geklaut hat! Aus einem

Garten mit Dutzenden von Apfelbäumen. Da ist

Ihnen ja ein gewaltiger Fang gelungen, Herr Schmitz!“

„Mit Äpfeln fangen sie an. Wenn sie größer sind,

stehlen sie Fahrräder und schließlich Autos.“

„Ich bin nicht acht, ich bin zehn“, sagte Max. Er war

den Tränen nahe. Für einen Dieb gehalten zu werden

war schon schlimm genug, aber auch als kleines Kind

gelten, das war wirklich zu viel!


„Auch das ist noch kein Alter, in dem man auf Diebestour

gehen sollte“, sagte Wachtmeister Anders. Man

konnte ihm ansehen, dass es ihm schwerfiel, diesen

„Fall“ ernst zu nehmen. „Also, erzähl mal, was geschehen

ist!“

„Ich bin durch diesen Obstgarten geschlendert“, begann

Max. „Dabei kam ich an dieser Bude da drüben

vorbei“.

„Das ist keine Bude, das ist die Halle, in der die Kisten

mit meinen Äpfeln gelagert sind“, korrigierte Herr

Schmitz. „Die Tür steht tagsüber offen, weil ja immer

wieder volle Kisten hineingetragen werden. Diesen

Umstand machte sich dieser kleine Gauner zunutze

und ging hinein.“

„Ich war nicht drin“, widersprach Max. „Als ich vorbeiging,

hörte ich drinnen ein Geräusch. Gleich darauf

noch eins. Wie eine Vase, die auf den Boden fällt und in

tausend Scherben zerspringt.“

„Es war eine Petroleumlampe“, sagte Schmitz. „Der

Dieb hat sie aus Versehen umgestoßen.“

„Der Dieb, ja. Aber nicht ich. Ich war draußen, hörte

das Geräusch und schaute hinüber. Das war mein Fehler,

denn ich bin gestolpert und gestürzt. Während ich

noch der Länge nach auf dem Bauch lag, sah ich einen

Jungen aus der Obsthütte kommen und davonlaufen.“

„Hast du ihn erkannt?“, fragte der Wachtmeister.

Max blickte in die Runde. Es hatten sich inzwischen

einige Neugierige eingefunden, darunter auch Kinder

aus dem Ferienlager.

Max deutete zögernd auf einen Jungen.

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„Ich glaube, er war es. Florian.“

„Du bist also nicht sicher?“

„Beim Sturz hatte ich meine Brille verloren. Und

ohne Brille sehe ich sehr schlecht.“

Florian trat zwei Schritte vor. „Wie kannst du dann

behaupten, dass ich es war?“, fragte er empört.

„Ich behaupte es ja nicht, ich sage nur, dass er dir

ähnlich sah. Größe, Figur, Haarfarbe.“

„Ich bin zur Tatzeit am See gewesen, ein paar Hundert

Meter entfernt. In diesem Garten und diesem Gebäude

hier bin ich überhaupt nie gewesen.“

„Was ist dann geschehen?“, fragte der Wachtmeister.

„Ich suchte auf dem Boden meine Brille, fand sie und

stand auf“, erzählte Max. Er wurde noch verlegener, als

er schon war. „Dann kam dieser fürchterliche Hund und

knurrte mich böse an. Darauf bin ich natürlich abgehauen.“

„Erbärmlicher Feigling!“, spottete Florian. „Läuft vor

einem schwarzen Zwergpudel davon!“

„Ich bin nicht davongelaufen“, verteidigte sich Max.

„Ich habe es nur für ratsam gehalten, mich zurückzuziehen.“

„Und dabei ist er mir genau in die Arme gelaufen“,

berichtete Herr Schmitz stolz.

„Er ist nicht der Dieb“, sagte Lisa. „Es ist Florian.“

„Wie kommst du auf die blöde Idee, dass ich es

war?“, empörte sich Florian. „Ich sage dir doch, ich bin

nie in meinem Leben in diesem Garten und dieser Lagerhalle

oder auch nur in der Nähe gewesen.“

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Auflösung auf Seite 228/229


Der Linkshänder

Die kleine Eisdiele war ein Lieblingsplatz von Lisa und

ihrer neuen Freundin Romy geworden. Auch heute waren

sie dort. Sie saßen an einem kleinen Tisch, der auf

dem Gehsteig vor der Eisdiele stand. Am Nebentisch

saß ein großer schlanker Mann, der sich ebenfalls eine

Portion Eis schmecken ließ. Den Löff el hielt er in der linken

Hand.

Von links her kam Wachtmeister Anders geschlendert.

Er blickte zufrieden um sich. Sein gut gelauntes

Gesicht verriet, dass ihm sein Beruf gefi el, und auch die

kleine Stadt, in der er für Ruhe und Sicherheit sorgte.

Die Ruhe in der Stadt und die gute Laune des Polizisten

hörten schlagartig auf, als ein älterer Mann auf

ihn losstürzte. Der Mann zeigte erregt auf den schlanken

Burschen, der an dem Tisch neben Lisa und Romy

saß.

„Verhaften Sie den Kerl, Wachtmeister!“, rief er. „Auf

der Stelle.“

„Und weshalb soll ich ihn diesmal einlochen?“,

brummte Anders. „Seit zwei Monaten wohnt er nun

in unserer Stadt, und in dieser Zeit haben Sie schon

viermal Anzeige gegen ihn erstattet. Und jedes Mal

mit einer lächerlichen Begründung. Und jedes Mal zu

Unrecht. Was haben Sie bloß gegen diesen Herrn Bergmann?“

55


„Er ist ein Gauner. Nur Sie wollen das nicht begreifen,

Wachtmeister. Seit ich ihn das erste Mal sah, kam er

mir bekannt vor. Jetzt eben ist mir eingefallen, wo ich

ihn schon mal gesehen habe.“

„Sie machen mich neugierig“, sagte Wachtmeister

Anders. Der Spott in seiner Stimme war unüberhörbar.

„Es war vor einem Jahr in Neustadt, unserem Nachbarort.

Dort hat er die Bank überfallen. Ich war damals

zufällig ebenfalls in der Stadt. Es gelang mir, ein Foto

von dem Räuber zu machen, als er die Bank verließ und

floh.“

„Dieses Foto würde ich gern sehen“, sagte der

Wachtmeister.

„Das können Sie. Ich hole es. In ein paar Minuten bin

ich wieder da. Aber passen Sie auf, dass dieser Bankräuber

nicht davonläuft!“

„Erst esse ich mein Eis“, sagte Bergmann grinsend.

„Schließlich habe ich es schon bezahlt. Dann erst laufe

ich davon.“

Wachtmeister Anders ließ sich ihm gegenüber nieder.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Bei dieser

Hitze könnte ich auch etwas Abkühlung gebrauchen“,

sagte er. „Aber ich bin im Dienst. Was würden die

Leute von mir denken, wenn sie mich hier untätig sitzen

und Eis essen sähen?“

„Dieser Herr Klein geht mir allmählich auf die Nerven“,

sagte Bergmann. „Das letzte Mal hat er mich beschuldigt,

eine leere Zigarettenschachtel auf den Gehsteig

geworfen zu haben. Dabei rauche ich überhaupt

nicht. Heute nennt er mich einen Bankräuber. Wenn er

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so weitermacht bin ich in seinen Augen nächste Woche

schon ein dreifacher Mörder.“

„Das hier ist spannender als Kino“, fl üsterte Romy am

Nebentisch Lisa zu. „Ich bin gespannt, ob dieser Herr

Bergmann hier wirklich ein Bankräuber ist. Er sieht eigentlich

ganz normal aus.“

„Man sieht es keinem Menschen an, ob er ein Verbrecher

ist oder nicht“, meinte Lisa. „Der äußere Eindruck

kann täuschen.“

Die beiden Mädchen hatten ihr Eis längst gegessen,

als Herr Klein endlich zurückkam. Er schwenkte aufgeregt

ein Farbfoto, so groß wie eine Buchseite. Dann

knallte er das Bild triumphierend vor Wachtmeister Anders

auf den Tisch.

„Das ist er.“

57


Lisa und Romy standen auf und traten neugierig näher.

Über die Schulter von Wachtmeister Anders hinweg

schauten sie auf das Bild.

„Das soll Bergmann sein?“, fragte Anders. Er verglich

Bergmanns Gesicht mit dem Bild. „Das könnte so ziemlich

jeder Mann auf der Welt sein.“

„Keineswegs!“, widersprach Klein heftig. „Zugegeben,

das Gesicht ist hinter der großen Sonnenbrille

nicht zu erkennen, aber man sieht, dass es ein hochgewachsener

Mann ist mit kurz geschnittenem Haar, wie

Bergmann. Und er trägt die Pistole in der linken Hand,

wie Bergmann!“

„Das stimmt allerdings“, nickte Wachtmeister Anders,

der nachdenklich geworden war. „Beide sind

Linkshänder.“

„Der Mann auf dem Bild da ist nicht der gleiche

Mann, der hier sitzt“, mischte sich Lisa in das Gespräch

ein.

„Woher willst du denn das wissen?“, wunderte sich

Romy.

„Ja, woher willst du wissen, dass der Bankräuber auf

dem Foto nicht Herr Bergmann hier ist?“, fragte auch

Wachtmeister Anders. „Eine gewisse Ähnlichkeit ist unverkennbar.“

58

Auflösung auf Seite 229


Die Fensterscheibe

„Das Beste an diesem Ferienlager ist der See“, sagte

Pieri. „Er ist nicht so tief, dass man beim Gedanken an

seine schaurigen Abgründe Angst bekommt. Und das

Wasser ist angenehm warm. Ideal zum Schwimmen.“

„Man muss nur aufpassen, dass man nicht vom Krokodil

gebissen wird“, sagte eine Stimme hinter ihm.

„Von welchem Krokodil?“, fragten Lisa und Pieri

gleichzeitig. Sie drehten sich um.

Hinter ihnen stand ein Junge, etwa so alt wie Pieri.

Seine blauen Augen funkelten vor Vergnügen.

„Seit einem Jahr sprechen die Leute hier im Ort von

dem Krokodil“, erzählte er. „Mehrere Badende wollen

es gesehen haben. Einer behauptet, ein Foto von ihm

gemacht zu haben. Das Foto wurde damals in unserer

Zeitung veröff entlicht. Polizei und Feuerwehr haben

versucht, das Ungeheuer zu fangen, aber sie haben es

nicht gefunden.“

„Es kommt immer wieder vor, dass sich jemand ein

winziges Krokodilbaby besorgt und es in seiner Badewanne

schwimmen lässt“, sagte Lisa. „Aber irgendwann

wird das Vieh zu groß für die Badewanne. Anstatt

es dann im Zoo oder in einem Tierheim abzugeben,

wird es einfach im nächsten See ausgesetzt.“

„Vielleicht sollten wir uns einen anderen Ort zum Baden

suchen“, meinte Pieri besorgt. „Ich möchte beim

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Schwimmen nicht plötzlich von unten angeknabbert

werden.“

„Keine Sorge!“, tröstete ihn Lisa. „Falls vorigen Sommer

wirklich ein Krokodil in diesem See war, lebt es bestimmt

nicht mehr. Krokodile vertragen unser Klima

nicht. Spätestens im letzten Winter ist es erfroren.“

„Das denke ich auch“, antwortete der fremde Junge.

„Ihr geht zum Schwimmen? Habt ihr etwas dagegen,

wenn ich mitkomme?“

„Nein“, antwortete Lisa. „Aber es geht mir auf die

Nerven, dass du dir alle paar Sekunden das Haar aus

dem Gesicht streichst. Eine blöde Gewohnheit.“

„Eine Notwendigkeit“, antwortete der Junge. Wieder

strich er sich eine lange blonde Haarsträhne aus

der Stirn. „Meine Haare sind widerborstig. Da hilft kein

Kamm und kein Haargel. Übrigens, ich heiße Markus.“

Lisa und Pieri wollten ebenfalls ihre Namen nennen,

aber sie kamen nicht mehr dazu. Aus dem Friseursalon,

vor dem die Kinder gerade standen, stürzte ein weiß

gekleideter Mann auf sie zu. Er hatte es so eilig, dass er

sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, die Schere

wegzulegen, mit der er eben einem Kunden die Haare

geschnitten hatte.

„Hab ich dich endlich erwischt!“, rief er empört.

Er packte Markus am Kragen und schüttelte ihn. Der

Junge sah zu ihm auf, erschrocken und verständnislos.

„Was hat er denn angestellt?“, fragte Lisa.

Der Mann wandte sich ihr zu und beschloss im gleichen

Augenblick, auch sie nicht zu mögen.

„Bist du seine Schwester? Dann taugst du wahr-

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scheinlich genauso wenig wie er. Anderen Leuten die

Fenster einzuschmeißen, das macht euch Spaß!“

„Es geht also um eine eingeworfene Fensterscheibe?“,

fragte Lisa.

„Eine eingeschossene Scheibe, um genau zu sein.“

„Mit einer Pistole?“, fragte Pieri. „Oder mit einer

Steinschleuder?“

„Mit einem Fußball“, antwortete der Mann.

Pieri schaute zu dem Friseursalon hinüber. „Die

Scheiben sind alle ganz“, sagte er.

„Natürlich sind sie das. Die Sache geschah ja auch

auf der Rückseite des Hauses. In meiner Wohnung über

dem Laden. Gestern. Ich hatte gerade Mittagspause

und wollte mir in der Küche schnell etwas zu essen

machen, als ich das Klirren von Glas hörte. Ich ging ins

Wohnzimmer hinüber und sah die zerbrochene Fensterscheibe.

Und als ich ans Fenster trat und hinunterschaute,

sah ich, wie dieser Kerl hier seinen Fußball

aufhob und eiligst davonrannte. Und zwei Sekunden

später war er auch schon um die Ecke des Hauses verschwunden.“

„Das war ich nicht“, verteidigte sich Markus. „Ich besitze

überhaupt keinen Fußball.“

„Ich habe dich genau gesehen. Nur zwei oder drei

Sekunden lang, aber ich habe dich sofort erkannt.

Schließlich schneide ich dir seit Jahren regelmäßig die

Haare. Der Bursche hatte dein Alter, deine Größe, deine

Figur, die blonden Haare – es gibt keinen Zweifel.“

„Sie haben lediglich einen blonden Jungen davonlaufen

sehen“, wandte Lisa ein. „Aber Markus ist be-

61


stimmt nicht der einzige blonde Junge dieser Größe in

dieser Stadt.“

„Natürlich nicht“, gab der Friseur zu. „Aber es gibt

ein unverwechselbares Merkmal, an dem ich ihn jederzeit

und überall sofort erkennen würde. Das Muttermal

in seinem Gesicht!“

Lisa und Pieri sahen Markus an.

„Muttermal?“, staunte Pieri. „Wo denn? Ich sehe kein

Muttermal.“

„Hier!“, sagte der Friseur triumphierend. Er strich

Markus die widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.

Jetzt sah auch Pieri das Muttermal auf der Stirn

des Jungen, dicht unter dem Haaransatz.

„Tatsächlich“, sagte Pieri. „Das ist ein Beweis.“

„Er war es nicht!“, widersprach Lisa.

„Er muss es gewesen sein!“, beharrte Pieri. “

62

Aufl ösung auf Seite 230


Aufruhr am See

Lisa, Pieri und ihr neuer Freund Markus hatten schon

fast das Ende der kleinen Stadt Bergheim erreicht. Neben

ihnen ging eine Frau, die gerade vom Einkaufen

kam. Sie hatte einen mittelgroßen schwarzen Hund undefi

nierbarer Rasse bei sich. Der Hund ging ohne Leine.

Im Maul hielt er den Henkel eines gefl ochtenen Einkaufskorbs.

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich

Hunde freuen, wenn sie sich nützlich machen können“,

63


sagte Lisa. „Er ist wirklich stolz darauf, den Einkaufskorb

tragen zu dürfen.“

„Für Rokko ist es eine Art Spiel“, sagte die Besitzerin

des Hundes. „Er trägt alles, was er mit seinen Zähnen

greifen kann. Körbe, Taschen, Stöcke, Bälle oder Kinderspielzeug.

Das macht ihm einen riesigen Spaß.“

Die Frau und ihr Hund bogen nach links in eine

Querstraße ab. Die drei Kinder gingen weiter. Schon

bald erreichten sie den kleinen See.

„Es ist wirklich hübsch hier“, sagte Lisa. „Meinst du

nicht auch, Pieri?“

Pieri antwortete nicht. Sein Blick glitt nur kurz über

die vielen Menschen in Badekleidung am Ufer, dann

sah er suchend hinaus auf den See.

„Ich hoffe nur, das Krokodil, von dem Markus uns erzählt

hat, ist wirklich nicht mehr hier“, murmelte er.

„Dich würde es sowieso nicht fressen“, spottete Markus.

„Du bist ihm viel zu klein. Davon wird ein richtiges

Krokodil nicht satt. Es würde sich lieber den Dicken

dort schnappen, der gerade ins Wasser geht.“

Lisa glaubte nicht an Krokodile in deutschen Seen.

Sie ging als Erste ins Wasser. Pieri folgte ihr nach kurzem

Zögern. Das Wasser war angenehm kühl, gerade

die richtige Erfrischung an einem so heißen Tag. Bald

hatte er das Krokodil, das angeblich in den Tiefen des

Sees lauerte, vergessen. Erst nach einer halben Stunde

verließen die drei das Wasser wieder.

In der Nähe spielten ein paar Jungs Fußball. Zwischen

ihnen sprang ein mittelgroßer, struppiger schwarzer

Hund mit vier weißen Pfoten herum.

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„Ist das nicht Rokko?“, fragte Lisa.

„Kann schon sein“, antwortete Pieri. „Jedenfalls hält

er sich nicht an die Fußballregeln. Den Ball mit den Vorderpfoten

zu berühren ist glattes Handspiel, und das ist

schlicht verboten.“

Lisa wollte eben antworten, dass für Hunde im Fußball

andere Regeln gelten als für Menschen, als sie hinter

sich einen schrillen Ruf hörte: „Unsere Kleidung! Jemand

hat sie geklaut! Sollen wir jetzt im Badeanzug

nach Hause gehen?“

Es waren zwei Mädchen, etwa 15 Jahre alt. Sie waren

eben aus dem Wasser gekommen. Suchend blickten sie

sich um. Aber sie konnten ihre Kleider und Schuhe nirgends

entdecken.

„Der Dieb muss ein Mädchen sein“, sagte Pieri. „Ein

Junge würde nie Mädchenkleidung stehlen.“

„Außer vielleicht, um die Mädchen ein bisschen zu

ärgern“, sagte Markus grinsend.

„Der Dieb war einer der Fußballspieler dort drüben“,

sagte Lisa.

Florian und Pieri schüttelten beide gleichzeitig den

Kopf. „Das sind lauter Jungs“, sagte Pieri. „Was sollen

die mit der Kleidung von Weibern?“

„Außerdem sind sie vollauf mit ihrem Fußballspiel

und dem lustigen Hund beschäftigt“, fügte Markus

hinzu. „Die denken gar nicht daran, andere Leute zu

bestehlen.“

„Es war kein Diebstahl“, sagte Pieri. „Es war ein Spiel.

Vielleicht betrachtet er es auch als Arbeit. He, Rokko!

Komm her!“

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Der schwarze Hund hörte seinen Namen und blickte

zu Lisa herüber. Dann kam er schwanzwedelnd herbei.

„Wohin hast du die Kleidung der Mädchen gebracht,

Rokko?“, fragte Lisa. Der Hund blickte aufmerksam zu

ihr auf. Er verstand nicht, was sie gesagt hatte, aber offenbar

erwartete er ein neues lustiges Spiel.

Lisa deutete mit dem ausgestreckten Arm in die

Runde. „Such!“, sagte sie.

Der Hund rannte los, auf einige Büsche zu, die etwa

50 Schritte entfernt standen. Für eine Sekunde verschwand

er hinter den Büschen. Als er wieder hervorkam,

hielt er eine prall gefüllte Sporttasche im Maul.

„Das ist unsere Tasche!“, riefen die beiden Mädchen,

die ihre Kleidung vermisst hatten. Sie sahen Lisa an:

„Aber woher hast du denn gewusst, dass der Hund die

Tasche genommen und versteckt hat? Hast du ihn dabei

gesehen?“

„Ja, mit meinem geistigen Auge“, antwortete Lisa

lächelnd. Sie erinnerte sich daran, was die Besitzerin

des Hundes vor gut einer halben Stunde gesagt hatte:

„Rokko schnappt sich alles, was er mit seinen Zähnen

greifen kann. Körbe, Taschen, Stöcke, Bälle oder Kinderspielzeug.

Das ist ein riesiger Spaß für ihn.“

„Woher hast du gewusst, dass das wirklich Rokko

ist?“, fragte Pieri. „Struppige schwarze Mischlingshunde

gibt es viele.“

66

Auflösung auf Seite 230


Ritter Kunibert

„Na, wie schmeckt euch das Abendessen?“, fragte Gustav

interessiert.

Eigentlich war er für das Essen gar nicht zuständig,

aber er legte Wert darauf, dass seine jungen Gäste sich

im Ferienlager wohlfühlten.

„Gar nicht so übel, das Essen“, antwortete Frank.

„Jedenfalls wurden meine schlimmsten Erwartungen

nicht erfüllt. Ich hatte schon befürchtet, dass wir jeden

Tag in den Wald gehen und Kräuter, Beeren, Wurzeln

und Pilze sammeln, sie dann auch noch waschen und

unser Essen selbst kochen müssten.“

„Die Pilze, die du sammelst, würde ich sowieso nicht

essen“, sagte der kleine Manuel, der neben ihm saß.

„Du hast doch keine Ahnung, welche Pilze essbar sind

und welche giftig.“

Frank schien sich über diese Bemerkung zu ärgern,

aber er schluckte seinen Ärger hinunter. Er blickte um

sich. Gustav war inzwischen weitergegangen.

„Ich hab‘s überhaupt gut getroff en hier“, sagte er. „In

dem gleichen Zelt wie ihr beide möchte ich jedenfalls

nicht die Nacht verbringen.“

„Wieso?“, fragte Pieri. „Die Schlafzelte hier sehen

doch alle gleich aus.“

„Das schon, aber …“ Frank senkte seine Stimme, um

an den anderen Tischen nicht gehört zu werden. „Man

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hat mir erzählt, dass es in eurem Zelt spukt. Nicht jede

Nacht, aber ein- oder zweimal in den Ferien kommt um

Mitternacht ein Gespenst und erschreckt die Kinder.

Manche sollen sich in die Hosen gemacht haben vor

Angst.“

Frank fl üsterte jetzt fast. „Es handelt sich um Ritter

Kunibert von Drachenfels, dem mal die Burg dort oben

auf dem Berg gehört hat. Ein jähzorniger, gewalttätiger

Bursche. Eines Tages erschlug er im Streit seinen eigenen

Bruder. Und ab und zu taucht er wieder hier auf

und erschreckt die Leute.“

„Warum spukt er nicht oben auf seiner Burg, wie es

sich gehört?“, fragte Pieri.

„Das tut er ja auch, aber um Mitternacht wagt sich

schon lange niemand mehr hinauf in die Ruine. Und

ohne Publikum macht das Herumspuken dem guten

Kunibert keinen Spaß. Also kommt er hierher. Und immer

in dasselbe Zelt. In eures.“

Pieri hielt es für an der Zeit, das Thema zu wechseln.

Aber als er eine Stunde später auf seinem Bett

im Schlafzelt lag, fi el ihm wieder ein, was Frank erzählt

hatte. Er versuchte, den Gedanken an Gespenster wegzuwischen,

die Augen zu schließen und einzuschlafen.

Es war ihm schon fast gelungen, als er den kleinen Manuel

im Bett neben dem seinen leise fragen hörte: „Sag

mal, Pieri, glaubst du an Gespenster?“

„Natürlich nicht“, antwortete Pieri ebenso leise. „Jedenfalls

nicht bei Tag. Aber bei dem Gedanken, dass

heute Nacht eines kommen könnte, wird mir schon ein

wenig unbehaglich … Ach was, es gibt keine Gespens-

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ter! Jetzt halt den Mund und lass mich endlich einschlafen!

Ich bin müde!“

Manuel starrte in die Dunkelheit, die ringsum

herrschte. Dann zog er die Decke über den Kopf.

Ein gellender Schrei ganz in seiner Nähe riss Pieri

aus dem Schlaf, in den er endlich gefallen war. Er fuhr

aus seinem Bett hoch, riss die Augen auf und blickte

um sich.

Neben ihm stand eine gespenstische weiße Gestalt.

Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und sich über Manuel

gebeugt. In der linken hoch erhobenen Hand hielt

sie eine altmodische Laterne. Das Licht der Laterne fi el

auf Manuel, der seine Bettdecke über den unteren Teil

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seines Gesichts gezogen hatte und aus schreckgeweiteten

Augen zu dem Gespenst aufsah.

Pieri hatte seinen Schreck schnell überwunden. Er

zog beide Beine an und stieß dann zu. Mit voller Wucht

traf er das Gespenst an dem ihm entgegengereckten

Hinterteil. Das Gespenst ließ einen leisen Laut hören, in

dem sich Überraschung und Erschrecken mischten. Es

wurde nach vorn geschleudert, fiel quer über Manuels

Bett und stürzte dann auf den Boden.

Pieri sprang auf die Beine, überquerte mit einem

Satz Manuels Bett und beugte sich zu dem Gespenst

auf dem Boden nieder. Er griff zu, bekam ein Stück Tuch

zu fassen und riss es an sich.

Im Licht der Laterne sah er jetzt deutlich Franks Gesicht.

Frank blickte fast so erschrocken drein wie der

kleine Manuel.

„Dachte mir doch, dass du das Gespenst bist, Frank!“,

sagte Pieri.

Woher hast du gewusst, dass es kein richtiges Gespenst

ist?“, fragte Manuel. Seine Stimme zitterte immer

noch.

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Auflösung auf Seite 231


Raubritter

auf Burg Drachenfels

„Wie ich höre, habt ihr in der vergangenen Nacht interessanten

Besuch gehabt“, sagte Lisa beim Frühstück.

„Ja, der längst verstorbene Ritter Kunibert von Drachenfels

hat uns mit seinem Besuch beehrt“, antwortete

Pieri grinsend. „Ich habe mich bedankt mit einem

kräftigen Tritt in seinen A… seinen Allerwertesten.“

„Ich fand es gar nicht so lustig“, sagte der kleine Manuel

leise. „Ich auch nicht“, brummte Frank in Erinnerung

an den Tritt. „Aber diesen Ritter Kunibert hat es

wirklich gegeben. In der Stadt erzählen sich die Leute

immer noch, dass er manchmal oben in der Ruine Drachenfels

herumgeistert.“

„Dem würde ich gern mal begegnen“, sagte Romy,

die neben Lisa saß. „Ein richtiger Ritter! Wie romantisch!

Sonst sieht man die immer nur im Film. Da wir

heute Vormittag sowieso nichts vorhaben, könnten wir

doch wieder hinaufgehen, oder?“

„Ich bin dabei“, stimmte Lisa zu.

„Ich auch“, sagte Pieri. „Und auf einer alten Ritterburg

gibt es bestimmt unzählige tolle Motive zum Fotografi

eren.“

„Wenn ihr mir den kleinen Spaß von heute Nacht

verzeiht, würde ich auch gerne mitkommen“, sagte

Frank.

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„Ich nicht“, brummte Manuel. „Ich habe vorerst die

Schnauze voll von Rittern und Geistern.“

Eine Stunde später waren die vier Freunde schon

beim Aufstieg zur Burgruine. Sie begegneten keinem

Menschen und keinem Fahrzeug. So früh am Tag machten

sich nur selten Leute auf den Weg zum Drachenfels.

Umso überraschter waren sie, als sie oben, gleich hinter

dem Burgtor, ein Auto stehen sahen.

Als die vier Freunde näher kamen, sahen sie, dass

die Tür des hölzernen Andenkenladens off enbar gewaltsam

aufgebrochen worden war. Ein Mann und eine

Frau standen davor. Mit merkwürdig verstörtem Ge-

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sichtsausdruck blickten sie den Kindern entgegen. Der

Mann schlug die Koff erraumhaube zu.

„Ein Einbruch“, sagte er und deutete auf den Laden.

„Jemand hat ihn in der vergangenen Nacht ausgeraubt.“

„Ritter Kunibert wahrscheinlich“, meinte Frank. Es

war ihm nicht anzusehen, ob er nur Spaß machte oder

ob es sein Ernst war. „Der Kerl hat viele Schandtaten

begangen in seinem Leben. Nach seinem Tod macht er

off enbar weiter damit.“

„Das ist ein Schaden, den wir in Monaten nicht aufholen

können“, sagte der Mann. „Die Kerle haben fast

alles mitgenommen, was sie hier vorfanden.“

„Dabei sind wir den Dieben sogar noch begegnet“,

fügte die Frau hinzu. „Keine 100 Meter von hier. Sie kamen

uns mit dem Auto entgegen, als wir den Berg raufgefahren

sind. Wenn wir geahnt hätten, dass die gerade

unseren Laden ausgeraubt hatten …“

Pieri wandte sich an Lisa. „Du hast doch dein Handy

dabei, nicht wahr? Du solltest die Polizei anrufen.“

„Nicht nötig“, sagte die Frau. Sie hob abwehrend die

Hände. „Ich habe die Polizei schon angerufen, vor einer

halben Stunde schon. Sie wird bald hier sein.“

„Und die Räuber noch antreff en“, fügte Pieri hinzu.

„Auf frischer Tat.“

„Was redest du da?“, empörte sich der Mann. „Willst

du etwa behaupten, dass wir unseren eigenen Kiosk

ausrauben?“

„Dass es Ihr eigener ist, habe ich nicht behauptet“,

antwortete Pieri. „Los, Lisa, hol endlich die Polizei!“

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„Ich verstehe überhaupt nichts“, bekannte Frank.

„Weshalb sollen diese Leute selbst die Einbrecher

sein?“

„Ist das so schwer zu erkennen?“, antwortete Lisa an

Pieris Stelle. „Sie behaupten, dass sie die Diebe gesehen

haben. Vor einer halben Stunde. Dann aber hätten

wir das Auto auch sehen müssen. Unser Aufstieg hat

länger als eine halbe Stunde gedauert, und es gibt nur

einen einzigen Weg hier herauf. Wir hätten das Auto

der Diebe auch sehen müssen.“

„Außerdem hätte die Polizei aus Bergheim schon

hier sein müssen, wenn sie schon vor einer halben

Stunde informiert worden wäre“, fügte Romy hinzu.

„Das alles sind keine ausreichenden Beweise“, beharrte

Frank.

„Ist dir nicht aufgefallen, dass dieser Herr hier bei

unserer Ankunft so schnell die Kofferraumhaube ge-

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schlossen hat?“, fragte Lisa. Sie griff plötzlich zu und

öffnete die Haube. Eine Menge Waren lagen darin, hastig

und ohne jede Ordnung hineingeworfen. Getränkedosen,

Flaschen mit Mineralwasser, Postkarten, Landkarten,

T-Shirts mit dem Aufdruck „Drachenfels“ …

Bevor Lisa mehr registrieren konnte, rissen der Mann

und die Frau die vorderen Türen des Wagens auf und

stiegen ein. Sekunden später fuhr der Wagen los.

Frank blickte hinter dem davonbrausenden Wagen

her. „Das ist dann wohl ein eindeutiges Schuldeingeständnis“,

meinte er.

„Ritter Kunibert hätte sicher einen Weg gefunden,

diese modernen Raubritter aufzuhalten“, sagte Frank

enttäuscht. „Wir können sie zu Fuß unmöglich einholen.“

„Das ist auch nicht nötig“, tröstete ihn Pieri. Er deutete

auf Lisa. „Sie ruft gerade die Polizei an. Es gibt

nur einen Weg den Berg hinunter. Bevor die Diebe an

der nächsten Straßenkreuzung sind, hat die Polizei sie

schon geschnappt.“

„Aber ich verstehe immer noch nicht, woher ihr

gewusst habt, dass die beiden nicht die Besitzer des

Kiosks sind, sondern die Räuber.“

Auflösung auf Seite 232

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76

Das Grab

des Kreuzritters

Frank trat durch die gewaltsam aufgebrochene Tür in

das Innere des kleinen Ladens an der Burgmauer.

„Mann, die haben hier gehaust wie die Vandalen!“,

sagte er. „Müssen Räuber unbedingt eine solche Verwüstung

anrichten, wenn sie klauen?“

„Räuber kommen zum Stehlen, nicht zum Aufräumen“,

meinte Pieri. „Die raff en möglichst schnell möglichst

viel zusammen und verschwinden dann.“

„Schokolade!“, rief Frank erfreut aus. „Eine ganze

Schachtel voll! Verhungern werden wir hier also nicht,

selbst wenn wir drei Tage hier bleiben würden.“

„Du spinnst!“, empörte sich Romy. „Wenn wir uns hier

einfach bedienen, sind wir nicht besser als die Diebe.“

„Aber immerhin wären wir dann satt“, grinste Frank.

Er bückte sich und hob vom Fußboden eine dünne

Broschüre auf. „Amtlicher Führer für Ruine Drachenfels

und Umgebung“, las er. „Das leihe ich mir aus für

unseren Rundgang hier. Dagegen werden die Inhaber

des Kiosks wohl nichts einzuwenden haben. Immerhin

haben sie es uns zu verdanken, wenn die Einbrecher

schon in den nächsten Minuten geschnappt werden.“

„Das werden sie!“, versicherte Lisa, die ihr Telefongespräch

mit der Polizei schon beendet hatte. „Wann

wurde die Burg eigentlich gebaut?“


„Ich würde viel lieber wissen, wann und von wem sie

zerstört wurde“, meinte Pieri. „Das muss ein gewaltiger

Kampf gewesen sein. Wer waren die Angreifer?“

„Wind und Wetter und der Zahn der Zeit“, antwortete

Frank, in seinem Fremdenführer blätternd. „Irgendwann

wurde das Leben hier auf der abgelegenen

Burg den Besitzern zu langweilig, und sie zogen weg,

hinunter in die Stadt. Erbaut wurde die Burg von Ritter

Gundolf um 1170. Aus jener Zeit ist aber nur noch die

Burgkapelle erhalten.“

„Die würde ich gerne sehen“, meinte Romy.

„Ich führe euch hin“, sagte Frank. „Dieses schlaue

Buch hier enthält auch einen Grundriss der ganzen

Burg. Ich schätze, die Kapelle ist dieses kleine Häuschen

dort drüben.“

Franks Vermutung erwies sich als richtig. Viel zu sehen

gab es aber in der Kapelle nicht mehr, nicht einmal

ein Dach. An den Wänden gab es noch ein paar

Farbspuren von einstigen Malereien, aber es war unmöglich

zu erkennen, was diese Gemälde einst dargestellt

hatten. Das einzige lohnenswerte Motiv, das Pieri

für seine Kamera fand, war ein riesiger steinerner Sarg,

auf dessen Deckel die Umrisse eines Mannes und einer

Frau in altmodischer Kleidung eingemeißelt waren.

„Unser schlauer Führer erzählt uns, dass dies das

Grab der Erbauer ist“, berichtete Frank. „Ritter Gundolf

von Drachenfels und seine Gemahlin Gertrude. Vor

über 100 Jahren haben ein paar besonders neugierige

Menschen das Grab gewaltsam aufgebrochen, wohl in

der Hoffnung, darin wertvolle Gegenstände zu finden,

77


goldenen Schmuck vielleicht und Edelsteine. Aber sie

fanden nur vermoderte Stoff fetzen und ein paar morsche

Knochen. Alles zerfi el an der Luft zu Staub innerhalb

weniger Minuten. Man fand nur ein paar wertlose

Gegenstände, die wohl einst einer Frau gehört hatten.

Schlichte Ohrringe, zum Beispiel.“

„Und was hat man von Ritter Gundolf gefunden?“,

fragte Pieri. „Ein Schwert vielleicht oder einen Helm?“

„Nein, von dem hat man nichts gefunden“, antwortete

Lisa.

„Stimmt“, bestätigte Frank. „Aber woher weißt du

das? Du hast doch noch keinen Blick in mein schlaues

Büchlein geworfen.“

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Aufl ösung auf Seite 232/233


In der Folterkammer

„Ihr wart das also!“

Pieri, der gerade den riesigen steinernen Sarkophag

fotografi erte, spürte, wie eine kräftige Hand ihn hinten

am Kragen packte. Er wandte den Kopf.

Der Mann, der ihn festhielt, war nicht mehr jung.

Nach Pieris Begriff en war er sogar schon uralt. Sein

Haar war schneeweiß. Die Augen in seinem sonnengebräunten

Gesicht funkelten vor Zorn.

„Was habt ihr Bengel euch dabei gedacht, die Tür

des Andenkenladens aufzubrechen und das Geschäft

auszuplündern?“

„Wenn wir das gewesen wären, wären wir schon

längst nicht mehr hier“, antwortete Lisa. „Die Täter waren

ein Mann und eine Frau. Wir haben sie auf frischer

Tat erwischt, daraufhin sind sie gefl ohen. Mit einem

Auto.“

„Das Auto habe ich gesehen“, sagte der Mann. „Es

hätte mich fast über den Haufen gefahren. Sie hatten

es sehr eilig.“

„Aus gutem Grund“, lachte Romy. „Die Polizei ist

schon hinter ihnen her.“

Der Mann schien besänftigt zu sein. Er ließ Pieri los.

„Was treibt ihr eigentlich schon so früh hier oben? Die

meisten Besucher kommen erst am Mittag. Um diese

Zeit bin ich immer der einzige Mensch hier oben.“

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„Immer?“, wiederholte Lisa. „Sie kommen also oft

hierher?“

„Jeden Tag“, nickte der Mann. „Seit zehn Jahren,

seit ich in Pension gegangen bin. Bei Wind und Wetter,

Regen und Schnee und in der größten Sommerhitze.

Viele Leute halten mich deshalb für verrückt. Ich sehe

euch an, dass ihr auch so über mich denkt. Aber es ist

mir einfach zu langweilig, nur zu Hause zu sitzen. Bewegung

an der frischen Luft hält gesund. Und jung. Für

wie alt würdet ihr mich schätzen?“

„75“, antwortete Lisa.

Der Mann sah sie überrascht an. „Die meisten halten

mich höchstens für 65. Wie hast du das erraten?“

„Nicht erraten, sondern errechnet. Wenn Sie, wie die

meisten Männer, mit 65 in den Ruhestand gegangen

sind und seither jeden Tag seit zehn Jahren hier heraufgekommen

sind …“

„Ja, du hast recht, das war einfach herauszufi nden.

Aber ihr habt meine Frage noch nicht beantwortet:

Was treibt ihr hier oben?“

„Wir haben gehört, dass es hier spukt“, antwortete

Pieri. „Jetzt würden wir gern einen richtigen Geist sehen.

Der Geist in der vergangenen Nacht war leider …“

„Das wird den Herrn nicht interessieren“, unterbrach

ihn Frank. „In diesem Fremdenführer hier steht, dass

es tatsächlich etliche Spukgeschichten über Burg Drachenfels

gibt.“

„Stimmt“, nickte der alte Mann. „Ich habe schon etliche

von ihnen gehört. Und zwei oder drei auch selbst

erfunden. Aber die Sache hat einen wahren Hinter-

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grund. Vor 200 Jahren gingen hier oben sonderbare

Dinge vor sich. Man hörte Geräusche, die sich niemand

erklären konnte, und sah nachts einen unheimlichen

Lichtschein hinter den Fenstern. Ein mutiger Mann, der

sich eines Nachts hierherauf wagte, ist angeblich nicht

wieder zurückgekommen.“

„Ich nehme an, es war eine Räuberbande, die sich

hier oben versteckt hatte“, sagte Lisa. „Vor 200 Jahren,

das war etwa zur Zeit der napoleonischen Kriege. Damals

herrschte ein ziemliches Chaos im Land.“

„Du bist der Wahrheit ziemlich nahegekommen“,

meinte der Alte. „Aber es waren keine Straßenräuber,

sondern Falschmünzer. Sie nutzten den Aberglauben

der Leute und die weit verbreitete Angst vor Gespens-

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tern, um hier oben in Ruhe ihrem unsauberen Geschäft

nachzukommen.“

„Wenn es hier oben keine Geister gibt, dann gibt

es hoffentlich wenigstens eine Folterkammer?“, fragte

Pieri hoffnungsvoll.

Der Alte lächelte. „Ja, die gibt es. Wenn ihr sie sehen

wollt, dann kommt mit!“

Pieri erwartete, dass der Mann sie über dunkle Treppen

tief hinunter in den Keller führen würde. Deshalb

war er überrascht, als er in einen Raum geführt wurde,

der zu ebener Erde lag.

„Das ist das Verließ“, berichtete der alte Mann. „Hier

wurden die Gefangenen eingesperrt, manche jahrelang.

Ihr könnt noch die Ketten sehen, mit denen sie

gefesselt waren.“

„Alles Schwindel!“, behauptete Lisa. „Hier ist bestimmt

niemand je eingesperrt gewesen.“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Pieri verdutzt.

82

Auflösung auf Seite 233


Der Schatz

in der Drachenhöhle

Die vier Kinder und der alte Herr hatten die falsche

Folterkammer verlassen. Sie standen jetzt inmitten des

Burghofs.

„Wenn Sie so oft hierherkommen und das seit vielen

Jahren schon, dann kennen Sie Burg Drachenfels doch

sicher besser als der Verfasser dieses schlauen Buches

hier, nicht wahr?“, fragte Frank. Er zeigte auf das Buch

„Amtlicher Führer für Ruine Drachenfels und Umgebung“.

„Nicht besser, sondern genauso gut wie er“, antwortete

der Alte.

„Wie das?“, wunderte sich Frank.

„Weil er selbst dieser Clemens Fels ist, der dieses

Buch geschrieben hat“, sagte Lisa.

Der alte Herr verneigte sich formvollendet vor ihr.

„Clemens Konstantin Graf von Drachenfels, zu Ihren

Diensten, mein Fräulein. Als Autor nenne ich mich

schlicht Clemens Fels.“

„Warum so bescheiden?“, fragte Romy.

Graf Drachenfels zeigte mit einer weit ausholenden

Bewegung in die Runde. „Die alte Herrlichkeit ist vorbei.

Es macht auf die Leute nicht viel Eindruck, wenn

man ihnen erzählt, dass man der Besitzer dieses zusammenfallenden

Steinhaufens ist.“

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„Sie kennen doch viele Geschichten, die Sie in Ihrem

Buch nicht geschrieben haben, nicht wahr?“, fragte

Pieri neugierig.

„In der Tat! Ein paar Dinge habe ich für mich behalten.

Zum Beispiel habe ich noch keinem Menschen je

erzählt …“ Graf Drachenfels blickte in die Runde. Immer

noch war außer ihm und den vier Kindern kein Besucher

zu sehen. Trotzdem senkte er seine Stimme zu

einem Flüstern. „Ich habe noch niemandem erzählt,

dass es hier in der Burg einen versteckten Schatz gibt.“

„Haben Sie ihn schon gefunden?“, fragte Pieri aufgeregt.

„Bis vor Kurzem wusste ich überhaupt noch nichts

von ihm. Bis mir dann in meiner Bibliothek ein altes Pergament

in die Hände fiel. 500 Jahre oder länger hatte

keiner meiner Vorfahren darauf geachtet. Der Schatz

liegt in der Drachenhöhle. Sie heißt so, weil dort vor Urzeiten

ein Drache hauste, der den Schatz bewachte.“

„Drache?“, wiederholte Frank. „Pah! An Drachen

glaube ich ebenso wenig wie an Gespenster.“

„Ich glaube auch nicht an den Drachen, obwohl

er dem Berg, der Burg und schließlich unserem Geschlecht

den Namen gegeben hat. Aber an der Geschichte

von dem Schatz könnte schon etwas Wahres

sein. Höhlen jedenfalls gibt es in diesem Berg mehrere.“

„Waren Sie schon mal in der Drachenhöhle?“, fragte

Romy.

„Leider nein. Der Eingang zu der Höhle liegt, dem alten

Dokument nach, im Burggraben. Aber der Abstieg

da hinunter ist mir zu gefährlich. Ich fürchte, wenn ich

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da hinunterklettere, stürze ich ab und breche mir das

Genick.“

„Ich würde es mir zutrauen“, sagte Pieri. „Wenn es

nicht gar zu tief ist.“

Während des Gesprächs waren sie zu einer niedrigen

Mauer gelangt, hinter der der Burggraben gähnte.

Er war vor vielen Jahrhunderten aus dem Felsen gehauen

worden und ungefähr fünf Meter tief.

„Die Drachenhöhle muss genau unter uns sein“,

sagte der Graf. „Der Eingang ist wohl von diesen Büschen

verborgen.“

„Da hinunterzuklettern ist kein Kunststück“, meinte

Pieri. „Das lasse ich nicht zu!“, sagte Lisa. „Ich habe deinen

Eltern versprochen, auf dich aufzupassen, während

…“

„Und ich brauche keinen Aufpasser, schon gar kein

Mädchen!“

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Bevor Lisa ihn daran hindern konnte, schwang Pieri

sich über die Mauer. Er hatte nicht zu viel versprochen.

Die raue Felswand hinunterzuklettern bereitete ihm

keine Schwierigkeiten. Er drang in die Büsche ein.

„Ich sehe sie“, rief er aufgeregt nach oben. „Da ist die

Höhle.“

„Pass auf, dass dich nicht der Drache frisst!“, spottete

Frank. Pieri hörte nicht auf ihn. Er zwängte sich durch

die Büsche hindurch und drang in die Höhle ein.

„Ich habe den Schatz gefunden!“, hörten die anderen

oben ihn jubeln. Gleich darauf tauchte er wieder

aus der Höhle auf und arbeitete sich durch die Büsche

ins Freie. In seinen Händen trug er eine uralt aussehende

eisenbeschlagene Kiste. Er klemmte sich die Kiste unter

den linken Arm und machte sich dann an den Aufstieg.

Da er sich jetzt nur noch mit einer Hand festhalfesthal- 86


ten konnte, brauchte er für den Weg hinauf etwas länger

als für den Abstieg. Endlich war er oben.

„Das Schloss sieht ziemlich verrostet aus“, sagte

Frank. „Ich glaube …“ Pieri wartete nicht ab, was Frank

glaubte. Er klappte einfach den Deckel hoch. Das verrostete

Schloss leistete tatsächlich nicht den geringsten

Widerstand.

Ungläubig blickten die vier Kinder und der alte

Mann auf den Inhalt der kleinen Schatzkiste. Es lagen

Edelsteine darin in allen Farben, funkelnde weiße Diamanten,

blaue Saphire, schillernde Topase, dazu goldschimmernde

Münzen.

„Der Schatz des Drachen!“, sagte Graf Drachenfels

fast andächtig. „Es gibt ihn also doch! Eine uralte Überlieferung

besagt, dass schon die Römer hier oben auf

dem Berg ein Kastell errichtet hatten. Sie haben damals

den Schatz versteckt. Die Münzen sind also 2000 Jahre

alt oder älter.“

Lisa nahm eine der Münzen heraus und betrachtete

sie eingehend.

„Dieser Schatz muss ein Vermögen wert sein“, sagte

Romy.

„Er ist überhaupt nichts wert“, widersprach Lisa. „Die

Edelsteine sind billiges Glas, und die Münzen sind eine

dreiste Fälschung.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Frank.

Aufl ösung auf Seite 234

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King Kong in Bergheim

Lisa, Romy, Frank und Pieri waren wieder auf dem

Rückweg von der Burg zu ihrem Ferienlager. Sie gingen

schnell, um rechtzeitig zum Mittagessen dort zu sein.

Glücklicherweise war der Weg bergab viel leichter als

bergauf, und so kamen sie gut vorwärts.

„Glaubt ihr, dass der alte Herr oben auf der Burgruine

wirklich der letzte Graf von Drachenfels ist, wie er

behauptet?“, fragte Frank.

„Er hat ziemlich viel gefl unkert“, meinte Romy. „Vielleicht

war auch das nur einer seiner sonderbaren

Späße.“

„Ich glaube ihm“, sagte Pieri. „Er ist der erste leibhaftige

Graf, dem ich je begegnet bin.“

„Es würde jedenfalls erklären, weshalb er so oft zur

Ruine hinaufsteigt“, überlegte Lisa. „Er versetzt sich

dort oben in Gedanken in die schöne Zeit zurück, in

der seine Vorfahren von der Burg aus die ganze Gegend

beherrscht haben.“

Die Kinder hatten inzwischen Bergheim erreicht.

Um zu ihrem Zeltlager zu kommen, mussten sie den

kleinen Ort durchqueren. Plötzlich blieben sie stehen.

„Was war das für ein Geräusch?“, wunderte sich Lisa.

„Hörte sich an wie eine Trompete“, vermutete Frank.

„Eine ziemlich verrostete Trompete“, lachte Romy.

„Oder eine, die von dir gespielt wird.“


„Es klang eher wie ein Schrei Tarzans im Film“, sagte

Pieri. „Im Urwald …“

Er brach plötzlich ab. Irgend etwas hatte ihn am linken

Oberarm gefasst und hielt ihn fest. Er wandte den

Kopf – und erschrak.

Es war ein riesiger Affe, der neben ihm kauerte.

Seine haarige Hand war so groß wie die Torwarthandschuhe,

die Pieri beim Fußballspielen trug. Das Gesicht

des Affen war pechschwarz, seine Schnauze größer als

die irgend eines Hundes, den Pieri je gesehen hatte,

und die Eckzähne erinnerten ihn an Dolche.

Der Affe schien Pieri anzugrinsen. Dann gab er dem

Jungen einen Klaps auf den Po und rannte auf allen

vieren davon.

Jetzt erst fiel Pieri auf, dass der Affe ein Trikot trug

mit der Aufschrift „Rossini“ auf dem Rücken. Nach etwa

30 Metern hielt der Affe kurz an, schien noch einmal zu

den Kindern zurückzublicken und rannte dann auf allen

vieren über die Straße. Sekunden später war er in

einer Querstraße verschwunden.

„King Kong in Bergheim!“, sagte Pieri. Er versuchte,

seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Die anderen

sollten nicht merken, wie sehr er sich erschrocken

hatte.

„Ist wohl aus einem Tierpark ausgebrochen“, vermutete

Frank.

„In einem so kleinen Ort wie Bergheim gibt es bestimmt

keinen Tierpark“, widersprach Romy. „Es ist jedenfalls

der erste Affe, den ich auf der Straße herumlaufen

…“

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„Und der erste Elefant“, fügte Frank hinzu. Verwundert

blickten die Kinder dem riesigen Elefanten entgegen,

der eben aus einer Querstraße auf die Hauptstraße

einbog. Neben ihm ging ein Mann, der wohl sein

Wärter war. Über dem Rücken des Elefanten hing eine

riesige Decke, auf der in großen Buchstaben „Zirkus

Rossini“ eingestickt war. Ihm folgte ein weiterer Elefant,

dahinter kam ein Lastwagen, auf dem ein Löwenkäfi g

stand. Ein riesiger Löwe mit einer gewaltigen Mähne

ging darin auf und ab.

Dahinter kamen einige Artisten, die Purzelbäume

schlugen, auf den Händen liefen oder den Menschen

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am Straßenrand zuwinkten. Den Abschluss der kleinen

Prozession bildete ein Lautsprecherwagen.

„Meine Damen und Herren, liebe Kinder!“, sagte eine

blechern klingende Stimme aus dem Lautsprecher.

„Von heute bis zum Sonntag gastiert in Ihrer schönen

Stadt unser weltberühmter Zirkus Rossini. Wir laden

Sie alle herzlich ein zu unserer ersten Vorstellung heute

Abend um acht Uhr.“

„Der komische Trompetenlaut kam off enbar von einem

Elefanten“, sagte Romy.

„Jetzt wissen wir auch, woher der Gorilla kam“, fügte

Pieri hinzu. „Er ist den Zirkusleuten ausgerissen.“

„Es ist kein Gorilla“, widersprach Lisa.

„Doch, das war einer“, gab Frank seinem neuen

Freund recht. „Schimpansen sind viel kleiner, und

Orang-Utans haben lange, zottige rote Haare.“

„Es war überhaupt kein Aff e“, sagte Lisa.

Die drei anderen blickten Lisa erstaunt an.

„Kein Aff e?“, wunderte sich Frank. „Was soll es denn

sonst gewesen sein? Ein Warzenschwein etwa?“

„Es war überhaupt kein Tier, sondern ein Mensch.

Ein Artist in einem Aff enkostüm. Er will ein bisschen Reklame

für seinen Zirkus machen.“

Aufl ösung auf Seite 235

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Die dicke Königin

Lisa, Romy, Frank und Pieri wunderten sich, dass die

Leute vom Zirkus mit ihren Tieren denselben Weg

durch Bergheim gingen wie sie selbst. Erst als sie die

kleine Stadt verlassen hatten und bei ihrem Ferienlager

angekommen waren, erkannten sie den Grund: Der

Zirkus schlug seine Zelte auf der großen Wiese neben

dem Lager auf.


Von dem großen Zelt stand bisher nur ein Gerüst,

daneben waren etliche Wohnwagen der Artisten und

die Wagen, mit denen die Tiere transportiert wurden,

aufgestellt. Vier Elefanten standen im Freien, an mächtige,

in den Boden gerammte Pfl öcke angekettet.

„Die haben ja ein gewaltiges Tempo drauf“, wunderte

sich Frank. „Als wir vor ein paar Stunden weggingen,

war von dem Zirkus noch nichts zu sehen, und

jetzt …“

„Ich bezweifl e trotzdem, dass sie bis zur Abendvorstellung

noch fertig werden“, unterbrach ihn Pieri. „Da

ist noch viel zu tun.“

„Ja, aber wenn wir alle kräftig zupacken, schaff en wir

es“, sagte eine Männerstimme hinter ihm. Pieri drehte

sich um – und erschrak wieder. Es war der Aff e, der ihm

erst vor zehn Minuten einen riesigen Schrecken eingejagt

hatte. Er stand in der Tür zu dem Haus, in dem Dr.

Großmann sein Büro hatte. Jetzt erst fi el Pieri auf, wie

groß der Aff e war. Viel größer als jeder Gorilla, den er je

im Zoo gesehen hatte.

„Vielleicht helft ihr uns ja beim Aufbau des Zeltes

und der Zuschauertribünen“, sagte der Mann im Affenkostüm.

„Jeder, der mithilft, hat heute Abend freien

Eintritt. Das habe ich eben mit Herrn Großmann geregelt.“

„Mich laust der Aff e!“, stieß Frank hervor.

Der Aff e hob beide Arme, packte mit seinen mächtigen

Pranken seinen Kopf an den Ohren – und hob den

Kopf ab. Jetzt wurde das freundliche Gesicht des Mannes

sichtbar, der in dem Aff enfell steckte.

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„Ich bin Roberto“, sagte er. „Und ich hoffe, dass ich

euch heute Abend als Gäste in der Vorstellung begrüßen

darf.“

„Wenn ich zu Hause erzähle, dass ich mich mit einem

Affen unterhalten habe, werden mich alle für einen

Lügner halten“, sagte Pieri, als er mit seinen Freunden

ein paar Minuten später in dem Zelt saß, in dem

die Teilnehmer des Ferienlagers ihre Mahlzeiten einnahmen.

„Oder für einen Spinner, der …“

Weiter kam er nicht. Hinter sich hörte er wieder das

merkwürdige trompetenartige Geräusch, über das er

sich heute schon einmal gewundert hatte, und vor ihm,

auf der anderen Seite des Tisches, sah er die erstaunten

Gesichter von Lisa und Romy.

Durch die weit offene Tür des Zelts kam ein Elefant.

An seinem linken Vorderbein hing eine lange eiserne

Kette. Hinter dem Elefanten kam sein Pfleger.

Der Elefant blickte sich kurz um, dann machte er ein

paar Schritte nach vorn. Einige Kinder sprangen von ihren

Stühlen auf und rannten davon. Der Elefant schien

das als Aufforderung zu betrachten, ihnen zu folgen.

„Ihr braucht keine Angst zu haben, Kinder!“, rief der

Wärter. „Rani ist eine sehr gutmütige Elefantendame.

Die tut keinem Menschen etwas zuleide.“ Mit wenigen

schnellen Schritte überholte er das riesige Tier

und stellte sich ihm in den Weg. „Zurück, Rani!“, befahl

er. Rani gehorchte. Sie wich zurück, Schritt für Schritt,

durch die offene Tür hinaus ins Freie.

„Soviel ich weiß, heißt ‚Rani‘ auf indisch ‚Königin‘“,

sagte Frank.

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„Das muss die dickste Königin der Welt sein“, meinte

Pieri. Er hatte plötzlich jedes Interesse an seinem Essen

verloren, stand auf und folgte dem Elefanten und seinem

Wärter.

Vom Haus her kam Dr. Großmann gelaufen, der Leiter

des Ferienlagers. „Was fällt Ihnen ein!“, rief er. „Sie

können doch mit einem Elefanten nicht in ein Zelt mit

50 oder mehr Kindern gehen! Auch wenn das Tier gutmütig

ist, könnte es doch erschrecken und in seiner

Angst loslaufen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was

dann passiert.“

„Ich hatte Rani angekettet“, verteidigte sich der Wärter.

„Jemand muss sie losgebunden haben.“

„Das kann nur jemand vom Zirkus gewesen sein. Einen

Fremden hätte der Elefant wohl nicht so nahe an

sich herangelassen.“

Der Wärter nickte. „Ich kann mir schon vorstellen,

wer das war. Es kommt nur der Affe infrage.“

„Sie meinen Roberto? Weshalb sollte er das tun?“

„Weil er verrückt ist. Und bösartig. Er stellt dauernd

die unmöglichsten Dinge an und gibt dann mir die

Schuld. Er hasst mich. Wahrscheinlich weil ich ein besserer

Artist bin als er.“

„Ich glaube, Sie drehen die Dinge um“, sagte Pieri.

„Roberto kann mit der Sache nichts zu tun haben.“

Auflösung auf Seite 235/236

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Jetzt schlägt’s 13

„Es macht wirklich Spaß, ein Zirkuszelt aufzubauen“,

sagte Pieri.

„Und vor allen Dingen macht es sehr müde“, sagte

Frank. „Und durstig.“ Er setzte sich erschöpft auf die

Bank, die er eben mit Pieri in das Zelt hineintragen

wollte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und

kramte in seiner Sporttasche nach der Flasche mit

Mineralwasser, die er mitgebracht hatte. Die Flasche

war schon fast leer.

„Keine Müdigkeit vortäuschen, meine Herren!“, rief

eine spöttische Stimme hinter ihm. Frank und Pieri

drehten sich um. Es war Markus, der Junge, den Pieri

gestern kennengelernt hatte. „Wenn ihr nur dasitzt und

schaut, wird das Zelt nicht mehr fertig bis zur Abendvorstellung.“

„Du könntest uns dabei helfen“, schlug Pieri vor.

„Wenn die Bezahlung stimmt, bin ich dabei.“

„Es gibt keine Bezahlung. Nur freien Einritt heute

Abend. Das hat uns der Aff e versprochen.“ Pieri bemerkte

den verwunderten Blick seines neuen Freundes.

„Er heißt Roberto. Natürlich ist er kein wirklicher

Aff e, sondern ein Artist, der manchmal ein Aff enkostüm

trägt.“

Von den Wohnwagen der Artisten her näherten sich

Lisa und Romy. „Es gibt wirklich eine Menge zu sehen


ei so einem Zirkus“, sagte Romy. „Die Elefanten, die

Löwen …“

„Und den Affen Roberto“, warf Markus spöttisch ein.

„Nein, den haben wir nicht gesehen. Nur einen wunderbar

geschminkten Clown, der gerade seine Späße

übte. Und Maja, die Tochter des Direktors. Sie ist höchstens

zehn Jahre alt. Aber was die auf dem Reck schon

alles kann, das ist wirklich verblüffend.“

Lisa zeigte auf einen weißen Sportwagen, der langsam

auf der nahen Straße am Rande des Zeltplatzes

vorbeifuhr. „Ist das nicht der Mann, der sich einen Spaß

daraus macht, bei Regen durch alle Pfützen zu fahren

und die Spaziergänger nass zu spritzen?“, fragte sie.

„Er scheint dabei an den Falschen geraten zu sein“,

lachte Romy. Sie deutete auf den hässlichen Kratzer,

der sich quer über die rechte Tür des Wagens zog.

Der Mann in dem Auto schaute zu ihnen herüber.

Plötzlich stieg er hart auf die Bremse und setzte dann

wieder ein Stück zurück. Er stieß die Tür auf, stieg aus,

ging mit schnellen Schritten um das Fahrzeug herum

und kam dann mit zornrotem Gesicht auf die Kinder zu.

„Jetzt habe ich dich endlich erwischt, du Lausebengel!“,

rief er.

Pieri, Frank und Markus zogen schnell die Köpfe

ein. Jeder hatte das unangenehme Gefühl, gemeint zu

sein, aber keiner von ihnen hatte dabei ein schlechtes

Gewissen.

Der Mann packte Markus am Kragen. „Das wird

deine Eltern eine Menge Geld kosten!“, drohte er. „Und

dir eine Menge Ärger mit deinem Vater einhandeln.“

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„Was ist denn hier los?“, fragte Wachtmeister Anders.

Er hielt sich schon eine ganze Weile hier auf dem Gelände

auf. Den Zirkusleuten zuzusehen war interessanter,

als den täglichen Rundgang durch die kleine Stadt

zu machen, in der er jedes Haus und die meisten Menschen

kannte.

„Der Bengel hat meinen Wagen beschädigt“, sagte

der Besitzer des Fahrzeugs. Er zeigte auf die zerkratzte

rechte Wagentür. „Mit einem Nagel. Ich habe ihn dabei

beobachtet, aber bevor ich ihn mir schnappen konnte,

lief er davon.“

„Das war ich nicht!“, versicherte Markus. Er blickte

Hilfe suchend zu Wachtmeister Anders auf.

„Sind Sie sicher, dass er es war?“, fragte Anders.

„Sicher bin ich sicher. Das blonde Haar, die Jeans, die

Turnschuhe – ohne Zweifel, er war es.“

„Wo ist die Sache geschehen?“, fragte Anders.

„Beim Marktplatz“, antwortete der Mann. Immer

noch hielt er Markus fest. „Mittags. So um zwölf.“

„Um zwölf?“, wiederholte Markus. Sein Gesicht

wirkte jetzt wesentlich zuversichtlicher als eben noch.

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„Um zwölf war ich zu Hause. Bis ein Uhr etwa. Ich habe

Geige gespielt. Ich muss jeden Tag üben, besonders

jetzt in den Ferien.“

„Hast du einen Zeugen dafür?“, fragte Wachtmeister

Anders.

„Ja, meine Mutter“, antwortete Markus zögernd.

„Aber erst ab halb eins, da kam sie nach Hause.“

„Wenn ich Geige spiele, habe ich massenhaft Zeugen“,

sagte Frank grinsend. „Die Mieter unter uns klopfen

mit dem Besenstiel gegen die Zimmerdecke, die

Nachbarn hämmern mit den Fäusten gegen die Wände.

Und dabei brüllen Sie: ‚Hör auf mit dem verdammten

Lärm!‘“

Wachtmeister Anders blickte nachdenklich auf Markus

nieder. „Deine Mutter ist also erst um halb eins

nach Hause gekommen. Sie kann also nicht bestätigen,

dass du um zwölf zu Hause warst.“

„Aber vielleicht trägt meine Aussage zur Klärung

bei“, mischte sich ein Mann ein. „Sie kennen mich,

Wachtmeister“, sagte er. „Ich habe einen Stand für Obst

und Gemüse auf dem Marktplatz. Übrigens, ich beliefere

auch die Zirkusleute und ihre Tiere.“

„Ja, mit Bananen für den Affen Roberto“, warf Frank

grinsend ein. Er schien die Sache immer noch nicht

ernst zu nehmen.

„Haben Sie die Tat gesehen, Herr Krüger?“, fragte der

Wachtmeister.

„Die Tat selbst nicht“, antwortete Herr Krüger. „Aber

den Jungen. Er ging wenige Schritte an mir vorbei.

Punkt zwölf Uhr.“

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„Was macht Sie so sicher, dass es zwölf Uhr war?“

„Die Uhr an der Kirchenwand“, antwortete Herr Krüger.

„Er stand genau davor, und es war zwölf!“

„Und um genau diese Zeit wurde mein Wagen zerkratzt!“,

fügte der Besitzer des Sportwagens hinzu. „Ich

verlange, dass Sie den Übeltäter einsperren, Wachtmeister!“

Wachtmeister Anders schüttelte den Kopf. „In diesem

Alter wird man nicht eingesperrt. Es genügt völlig,

wenn ich seine Eltern informiere. Junge, du hast ein

paar unangenehme Stunden vor dir!“

„Ich war‘s nicht“, sagte Markus leise. Er blickte hinter

dem Wachtmeister her, der wegging in Richtung Poli-

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zeirevier. Der Besitzer des Autos stieg in seinen Sportwagen

und fuhr los.

„Wir sollten uns jetzt auch auf den Weg machen“,

meinte Lisa.

„Wohin denn?“, fragte Frank.

„Den Tatort besichtigen.“

„Ich glaube nicht, dass uns das viel hilft“, meinte

Frank. „Aber angenehmer als hier Sitzbänke zu schleppen

ist es auf jeden Fall.“

Es war kein weiter Weg bis zum Marktplatz. Eine

Menge Marktstände waren hier aufgebaut, mit Lebensmitteln,

Haushaltswaren oder Andenken für die Touristen.

Am Rande des Marktplatzes stand die Kirche.

„Das ist es!“, rief Lisa aufgeregt. „Das ist der Beweis,

dass es nicht Markus war, den Herr Krüger angeblich

Punkt zwölf Uhr mittags hier gesehen hat.“

Frank blickte Lisa verständnislos an. „Wie kommst

du darauf?“, fragte er. „Diese Uhr ist unübersehbar. Herr

Krüger kann sich nicht in der Zeit geirrt haben.“

Lisa lächelte. „Nun, dann sag mir doch, wie spät es

ist!“

„Fünf“, antwortete Frank. „Nein, sechs. Wie ist das

möglich? Die Uhr oben am Kirchturm sagt sechs, und

meine Armbanduhr auch, aber die Sonnenuhr hier

an der Wand behauptet, dass es erst fünf ist. Sie muss

falsch gehen.“

Aufl ösung auf Seite 236/237

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Der größte Clown

der Welt

Pieri, Frank und einige andere Kinder aus dem Ferienlager

hatten ihre Plätze im Zirkuszelt bereits eingenommen.

Die Zuschauertribünen waren gut gefüllt. Ungeduldig

warteten die Besucher auf den Beginn der

Vorstellung.

„Wo sind denn Lisa und Romy?“, fragte Pieri und sah

sich dabei suchend um.

„Ist mir egal“, antwortete Frank. „Mich interessiert

nur, wann die Raubtiere kommen.“

Lisa und Romy waren noch draußen. Bis zum Beginn

der Vorstellung würde es noch eine Viertelstunde dauern,

es blieb also noch genügend Zeit, zwischen den

Wohnwagen der Artisten und den Käfi gen der Raubtiere

herumzulaufen. Vor dem Käfi g mit dem riesigen

Löwen blieben sie stehen.

„Ich frage mich wirklich, woher ein Dompteur den

Mut nimmt, sich zu einem halben Dutzend dieser

Raubtiere in die Manege zu begeben“, sagte Lisa. „Ich

hätte dabei bestimmt fürchterliche Angst, gefressen zu

werden.“

Der Löwe schien ihre Worte verstanden zu haben. Er

sah sie an, riss dann seinen Rachen weit auf und zeigte

den beiden Mädchen ein Furcht einfl ößendes Gebiss.

„Akrobat schööön!“, hörten sie eine Stimme.


„Mich laust der Affe!“, entfuhr es Romy. „Der Löwe

kann sprechen!“

„Löwe nix können sprechen“, sagte die Stimme wieder.

„Löwe dummes Tier. Nur Clown Arlekino können

sprechen.“

Die Mädchen drehten sich um. Hinter ihnen stand

der Clown, dem sie heute Nachmittag schon eine Weile

zugesehen hatten. Er trug eine unendlich weite Hose,

die an ein Bierfass erinnerte, und riesige Schuhe, in denen

er watschelte wie eine Ente. Sein Gesicht war weiß

geschminkt, die große rote Pappnase mitten darin

wirkte dadurch noch auffälliger. Sein Schädel war kahl,

mit Ausnahme einer winzigen grünen Haarlocke.

„Ich Arlekino, größtes Clown von Welt“, stellte er

sich vor. Dazu machte er eine ungeschickte Verbeugung,

bei der er fast das Gleichgewicht verloren hätte.

„Löwen nur können brüllen, ich können sprechen. Alle

Sprachen von Welt. Elfundachtzig Sprachen.“

„Das mag schon sein“, sagte Romy. „Aber zum

Lachen hast du uns noch nicht gebracht. Du musst

noch üben.“

„Ich haben nix Zeit zum Unterhalten euch. Ich müssen

einstudieren neue Nummer für nächste Vorstellung.

Jetzt mir kommen gut Idee! Ich brauchen hübsche

kleine Assistentin. Du haben Lust, Assistentin von

Arlekino zu werden?“

Er blickte die beiden Mädchen an. Genauer gesagt,

sein rechtes Auge blickte auf Lisa, die links vor ihm

stand, das linke auf Romy rechts vor ihm. Die beiden

Mädchen hatten noch nie einen Menschen gesehen,

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der so unglaublich schielte. Keine von ihnen wusste,

wen er mit seiner Frage meinte.

„Ich meinen dir!“, sagte er, hob das linke Bein und

deutete mit seinem riesigen Schuh auf Lisa. „Aber bevor

du dürfen in Manege, ich dich erst machen schön.

Fast so schön wie Arlekino selbst.“

„Soll ich mir etwa auch so eine rote Knollennase aufsetzen

wie du?“, lachte Lisa.

„Knollennase schöööön! Kommen mit in meinen

Wagen!“

Lisa zögerte. „Meine Mutter hat gesagt, dass ich

nicht mit Fremden mitgehen darf. Auch nicht mit

Clowns.“

„Kluges Mutter! Aber sie mich nicht kennen. Ich fressen

Kinder immer erst nach Vorstellung. Jetzt noch kein

Hunger.“

Er öff nete die Tür seines Wohnwagens und trat ein.

Lisa und Romy folgten ihm. Sie ließen die Tür hinter

sich off en. Dann deutete er einladend auf einen Stuhl,

der vor einem kleinen Schminktisch stand. Lisa setzte

sich. In einem großen Spiegel an der Wand konnte sie

sich jetzt sehen.

Der Clown brachte eine feuerrote Perücke mit langem

und ganz verwirrtem Haar. Er setzte sie Lisa auf.

Lisa lachte. „Damit sehe ich ja aus wie eine richtige alte

Hexe!“, rief sie.

Arlekino nickte. „Du sein schönstes altes Hexe von

Welt. Zuschauer lieben sehr altes Hexen.“

„Aber sie lieben keine Schwindler. Und du bist ein

Schwindler, Roberto!“

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Der Clown blickte sich um, als suche er jemanden.

„Roberto? Dummes Dompteur von dummes Löwen?“

„Nein, den Mann im Aff enkostüm.“

Der Clown schüttelte den Kopf. „Roberto hässliches

Mann, wenn nicht tragen Aff enkostüm. Arlekino

schööön!“

„Du kannst mit deiner Komödie aufhören, Roberto.

Ich habe dich erkannt.“

„Woran?“, fragte der Clown mit völlig veränderter

Stimme.

Aufl ösung auf Seite 237

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Die alte Hexe

Der Zirkus Rossini war nicht der größte Zirkus der Welt,

wie er behauptete, und auch nicht der beste, aber

diese Abendvorstellung war mit Abstand die schönste,

die Lisa je gesehen hatte. Es war nämlich die einzige, an

der sie je mitgewirkt hatte.

Wenn sie später davon erzählte, übertrieb sie ihre

Rolle als Artistin ein wenig. In Wirklichkeit hatte sie

nicht sehr viel zu tun. Sie musste lediglich, als Hexe verkleidet,

versuchen, Arlekino, „bestes Clown von Welt“,

mit ihrem Besenstiel zu verprügeln. Natürlich schlug

sie immer daneben. Arlekino wich immer geschickt aus

und trieb dann seine Späße mit ihr.

Es zeigte sich, dass er nicht nur ein wunderbarer

Spaßmacher war, sondern auch ein Zauberkünstler. Er

zog der alten Hexe Goldmünzen aus der Nase, ließ aus

ihrem wild wuchernden roten Haar einen wunderschönen

Blumenstrauß wachsen und verwandelte ihren Besenstiel

in eine lange Schlange mit weit aufgerissenem

Maul. Sekunden später war die Schlange plötzlich wieder

ein Besenstiel.

Nach diesem Trick, der beim Publikum besonders

viel Beifall fand, verbeugte er sich höfl ich nach allen

Seiten. Dabei unterlief ihm, wie es den Zuschauern

schien, eine kleine Ungeschicklichkeit: Er stolperte

über den Besen der Hexe und stürzte zu Boden. Mit der


Nase im Sand der Arena vergraben blieb er sekundenlang

liegen. Die Hexe setzte triumphierend ihren Fuß

auf seinen Nacken.

Romy hatte sich, rechtzeitig vor Beginn der Vorstellung,

zu Frank und Pieri gesetzt. Frank hatte eine Tüte

Erdnüsse gekauft, aus der alle drei sich abwechselnd

bedienten. Als Pieri die Tüte an Romy weiterreichte,

griff diese daneben. Die Tüte fi el auf den Boden. Pieri

bückte sich, um sie aufzuheben.

„Was hast du für komische Sandalen an, Romy?“,

wunderte er sich.

„Seit wann interessiert es einen Jungen, was für

Schuhe ein Mädchen anhat?“, fragte Romy zurück.

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„Normalerweise interessiert es mich überhaupt

nicht“, antwortete Pieri. „Aber mir ist, als hättest du

heute Turnschuhe angehabt. Und Lisa diese Sandalen.

Das ist mir aufgefallen, weil darin ihre blöden Ringelsocken

so deutlich zu sehen waren.“

„Wo ist Lisa überhaupt?“, fragte Frank.

„Hast du nicht vorhin gesagt, dass dir das völlig

gleichgültig ist?“, fragte Pieri.

„Das ist es mir auch. Aber Lisa und Romy sind doch

seit Tagen ständig nur noch im Doppelpack unterwegs.

Deshalb wundere ich mich, dass Lisa jetzt fehlt. Sie

wollte doch diese Zirkusvorstellung auf keinen Fall versäumen.“

Frank sah Romy fragend an. Sie zuckte mit den

Schultern. „Keine Ahnung, wo sie steckt!“, sagte sie, so

gleichgültig wie möglich.

„Sie ist hier“, sagte Pieri.

Frank blickte sich suchend um. Er entdeckte etliche

Kinder aus dem Ferienlager unter den Zuschauern,

aber nicht Lisa.

„Dort unten“, sagte Pieri und deutete aufgeregt in

die Manege.

„Dort sehe ich nur den Clown und … Willst du mir

erzählen, dass diese bucklige alte Hexe mit der riesigen

Warze auf der Hakennase unsere Lisa ist?“

„Wer sonst sollte es sein?“, fragte Pieri zurück.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Frank.

108

Auflösung auf Seite 237/238


Der vergessliche Dieb

„Du hast deine Sache ausgezeichnet gemacht, kleine

Hexe“, lobte Arlekino, nachdem er und Lisa die Manege

verlassen hatten und auf dem kurzen Rückweg zu seinem

Wohnwagen waren. „Jetzt musst du dich nur noch

in ein nettes Mädchen zurückverwandeln, und ich

muss mein Clownskostüm loswerden und mich in Roberto,

den Raubtierdompteur, verwandeln. Das bin ich

nämlich auch. Ich habe noch einen großen Auftritt mit

meinen Löwen.“

Wenige Minuten später saß Lisa neben Pieri, Frank

und Romy unter den Zuschauern. „Wie hast du dich gefühlt

da unten als Star in der Manege, vor so vielen Zuschauern?“,

fragte Romy. „Das erzähle ich dir nachher

ausführlich“, antwortete Lisa. „Jetzt möchte ich endlich

auch etwas von der Vorstellung sehen. Diese Hochseilartisten

sind wirklich großartig.“

Sie bekam allerdings nicht viel von der Vorstellung

zu sehen. Ein Mann erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie

kannte ihn, es war Herr Rossini, der Zirkusdirektor. Er

schob sich möglichst unauff ällig zwischen den Zuschauern

hindurch, bis er Wachtmeister Anders erreichte.

Anders saß ganz vorn in der ersten Reihe. Jetzt

am Abend trug er nicht seine Uniform, sondern Zivilkleidung.

Herr Rossini bückte sich zu ihm nieder und

fl üsterte ihm etwas ins Ohr. Sofort stand Wachtmeister

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Anders auf und folgte Herrn Rossini zum Ausgang des

Zelts.

„Ein Polizist ist eben immer im Dienst“, flüsterte Lisa

ihrem Nachbarn Pieri zu. „Komm! Ich glaube, es gibt

gleich etwas viel Interessanteres dort draußen als diese

Artisten hier drinnen.“

Pieri wusste nicht, was sie meinte, aber er folgte ihr.

Romy und Frank blieben sitzen und schauten fasziniert

hinauf zu den Hochseilartisten in der Zirkuskuppel.

Lisa und Pieri mussten nicht weit gehen. Schon wenige

Schritte vom großen Zelt entfernt standen Direktor

Rossini, Wachtmeister Anders und eine blonde Frau

beisammen und unterhielten sich leise. „Das ist die

Frau des Direktors“, flüsterte Lisa. „Sie verkauft die Eintrittskarten.“

Die Frau hatte Lisas Worte gehört. „Ja, ich habe die

Karten verkauft“, sagte sie. „Das Geschäft war gut heute

Abend. Aber die Kasse ist weg.“

„Erzählen Sie bitte alles der Reihe nach!“, bat Wachtmeister

Anders sie.

„Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich

schließe die Kasse nicht pünktlich bei Beginn der Vorstellung,

sondern warte immer noch eine Weile. Es

kommt nämlich immer wieder vor, dass Besucher sich

verspäten. Dann, als ich sicher war, dass niemand mehr

kommen würde, habe ich wie sonst alles zusammengepackt,

die Geldkassette genommen, das Kassenhäuschen

abgesperrt und mich auf den Weg zu unserem

Wagen gemacht.“

„Und dabei wurden Sie beraubt?“

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„Ja. Der Kerl tauchte plötzlich aus der Dunkelheit

auf, riss mir die Geldkassette aus der Hand und rannte

weg.“

„Wie sah er aus?“, fragte Herr Rossini, ihr Mann.

Die Frau zögerte. „Es war unser Clown“, sagte sie

schließlich. „Arlekino. Jedenfalls war er so angezogen

wie Arlekino. Genau konnte ich ihn nicht sehen. Es

war wirklich zu dunkel. Er rannte dort hinüber, auf die

Wohnwagen zu.“

„In seinen riesigen Clownsschuhen?“, wunderte

sich Lisa. Aber niemand achtete so recht auf ihren Einwand.

„In seinem Wohnwagen werden wir ihn wohl kaum

mehr antreffen“, überlegte Wachtmeister Anders. „Der

ist längst über alle Berge.“

Lisa packte Pieri am Arm und zog ihn weg.

„Ich glaube nicht, dass es Arlekino war. So blöd ist

der doch nicht, einen Überfall in seinem Clownskostüm

zu begehen, in dem ihn jeder sofort erkennen

kann. Es muss ein anderer sein, der sich die Kleidung

des Clowns nur ausgeliehen hat, um den Verdacht

auf einen Unschuldigen zu lenken. Und das war nicht

schwer für ihn, denn Arlekino ist inzwischen wieder der

Dompteur Roberto und bereitet sich bei seinen Löwen

auf seinen nächsten Auftritt vor.“

Lisa und Pieri hatten inzwischen den Wohnwagen

von Roberto-Arlekino erreicht. Hinter dem Fenster des

Wagens brannte Licht, aber sie konnten nicht hineinsehen,

da die Vorhänge zugezogen waren. Lisa stieß die

Tür auf.

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Ein Mann stand vor dem großen Spiegel am

Schminktisch. Jetzt fuhr er herum und starrte die beiden

Kinder an.

Der Mann packte die kleine Geldkassette, die auf

dem Tisch stand, stieß die Kinder beiseite und sprang

durch die Tür hinaus ins Freie. Er sprang genau in die

empfangsbereiten Arme von Wachtmeister Anders.

Verzweifelt versuchte er, sich loszureißen. Aber der

Wachtmeister bekam Hilfe vom Zirkusdirektor. Die beiden

kräftigen Männer hatten keine Mühe, ihn festzuhalten.

„Woher hast du gewusst, dass der Räuber hier ist?“,

fragte der Wachtmeister.

„Ich wusste es nicht“, antwortete Lisa. „Er musste

seine auff ällige Clownskleidung loswerden. Das hätte

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er natürlich auch draußen tun können. Aber …“ In dem

Licht, das aus der off enen Tür des Wagens fi el, betrachtete

Lisa sich den Mann genauer. „Dieses Veilchen um

sein linkes Auge … Dabei fällt mir der Gauner ein, der

am Tag unserer Ankunft schon einmal einen Diebstahl

versuchte. Der Bursche hatte ein blaues linkes Auge.“

„Du glaubst, das ist derselbe Mann?“, wunderte sich

der Wachtmeister. „Ich war überzeugt, dass er schon

längst aus dieser Gegend verschwunden ist.“

„Nein, er ist geblieben. Er hat nur seine Augenverletzung

unter einer schwarzen Augenklappe versteckt.“

„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb er hierher

in Arlekinos Wohnwagen gekommen ist, anstatt nach

dem Überfall abzuhauen“, wunderte sich Wachtmeister

Anders.

„Er hatte eine Kleinigkeit vergessen, als er sich die

Clownskleidung hier anzog“, antwortete Lisa.

„Was denn?“, fragten Wachtmeister Anders, Direktor

Rossini, Frau Rossini und Pieri gleichzeitig.

Aufl ösung auf Seite 238

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Nächtliche

Überstunden

Wachtmeister Anders war nicht im Dienst. Er besuchte

die Zirkusvorstellung in Zivil, als ein Zuschauer unter

vielen. Deshalb hatte er auch keine Handschellen dabei.

Im Augenblick brauchte er aber auch keine, er und

Zirkusdirektor Rossini hielten den Räuber der Geldkassette

mit kräftigen Händen fest.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte Anders.

Der Mann antwortete nicht.

„Na ja, das werden wir schon feststellen“, sagte Anders

gelassen. „Zunächst einmal bringe ich Sie aufs Polizeirevier.“

„Brauchen Sie dabei Hilfe?“, fragte Rossini. „Dann

gebe ich Ihnen einen meiner Leute mit.“

„Nicht nötig“, antwortete Anders. „Mit einem Gauner

werde ich auch allein fertig.“

„Und wir beide können uns jetzt den Rest der Vorstellung

ansehen“, sagte Lisa zu Pieri.

Pieri schüttelte den Kopf. „Eine Verhaftung ist viel

aufregender als eine Löwendressur. Es ist das erste Mal,

dass ich sehe, wie jemand eingesperrt wird.“

„Ich habe deinen Eltern versprochen, ein wenig auf

dich aufzupassen. Da ich dich nicht allein nachts durch

eine fremde Stadt laufen lassen kann, komme ich mit“,

erklärte Lisa entschlossen.


Wachtmeister Anders ging voraus. Er hielt seinen

Gefangenen mit der rechten Hand am linken Oberarm

fest. Lisa und Pieri folgten wenige Schritte dahinter. In

der ersten Straße, durch die sie gingen, kam ihnen ein

Mann entgegen. In dem schwachen Licht einer entfernten

Straßenlaterne war zu sehen, dass der Mann einen

Werkzeugkoffer in der rechten Hand trug.

„Nun, Herr Becker, noch so spät bei der Arbeit?“, begrüßte

ihn Wachtmeister Anders. Lisa und Pieri wunderten

sich, dass der Wachtmeister den Mann in der

Dunkelheit erkennen konnte.

„Überstunden“, antwortete der Mann. „Ich …“

Weiter kam er nicht. Der Räuber an der Seite des

Wachtmeisters erkannte seine Chance. Er riss sich los

und stieß den Polizisten heftig zur Seite. Dann wollte er

davonrennen, stellte sich dabei aber so ungeschickt an,

dass er mit Herrn Becker zusammenprallte.

Becker stürzte zu Boden, sein Werkzeugkoffer öffnete

sich.

Der Dieb kümmerte sich nicht um den Mann, den

er umgestoßen hatte, und rannte weiter. Wachtmeister

Anders erholte sich schnell von seiner Überraschung.

Sofort setzte er hinter dem Fliehenden her. Noch vor

der nächsten Querstraße hatte er den Mann eingeholt

und hielt ihn fest.

Herr Becker rappelte sich vom Boden auf. „Na so

was!“, murmelte er. Er schlug seinen Werkzeugkasten

zu, überquerte die Straße und ging weg.

„Hab‘s doch gewusst, dass das hier interessanter ist

als jede Zirkusvorstellung“, sagte Pieri zu Lisa.

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Am nächsten Vormittag spazierten Lisa und Pieri

durch die Stadt. Ein Kleinbus überholte sie und hielt

etwa 50 Meter vor ihnen an. Ein Mann mit einem wild

wuchernden, verfi lzten Backenbart stieg aus. Es war

Hannes. Er war noch dabei, den Wagen abzusperren,

als er sah, dass Wachtmeister Anders ihm entgegenkam.

Anders trug wieder Uniform. Er hatte sein Dienstgesicht

aufgesetzt.

Er blieb bei Hannes stehen und schüttelte missbilligend

den Kopf.

„Du hast dein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht,

Hannes“, sagte er. „Du solltest eigentlich wissen,

dass an dieser Stelle Parkverbot ist.“

„So war das früher“, erwiderte Hannes, unbeeindruckt

von dem Tadel. „Aber jetzt ist dieses Parkverbot

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off enbar aufgehoben. Ich sehe hier jedenfalls nirgends

ein Verbotsschild.“

Der Wachtmeister blickte sich suchend um. „Tatsächlich,

das Schild ist weg!“, sagte er verblüff t. „Wenn

man es entfernt hat, hätte man mich eigentlich informieren

müssen.“

Hannes grinste. „Bei den Ämtern weiß eine Hand

nicht, was die andere treibt.“

„Dass das Schild fehlt, ist nicht die Schuld irgendeines

Beamten“, sagte Lisa, die inzwischen mit Pieri

näher getreten war. „Irgendein Gauner hat in der vergangenen

Nacht das Verkehrszeichen entfernt. Wahrscheinlich

liegt es noch hier irgendwo rum.“

„Tatsächlich!“, sagte Wachtmeister Anders wieder.

Er ging zu der Stelle, an der sich noch gestern das Verkehrszeichen

befunden hatte, nur wenige Schritte entfernt.

Es war dicht über dem Boden abgesägt worden.

“Wer tut etwas so Idiotisches?“, wunderte er sich.

„Jemand, der Autos hasst und wahrscheinlich auch

Autofahrer“, antwortete Lisa. „Bisher hat er nur Reifen

zerstochen. Jetzt sägt er Verkehrszeichen ab. Vielleicht

steht er sogar in der Nähe, beobachtet uns und lacht

bei dem Gedanken, dass Hannes jetzt eine Strafe wegen

Falschparkens bezahlen muss.“

„Da hast du vielleicht recht“, stimmte Wachtmeister

Anders zu. „Aber wer kann dieser Verrückte sein?“

„Ein alter Bekannter von Ihnen“, antwortete Lisa.

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Fahrerflucht

„Dieser Herr Becker war schon immer ein wenig sonderbar“,

sagte Hannes. „Autos mochte er noch nie, aber

seit damals dieser Lastwagen in der Kurve vor seinem

Haus von der Straße abkam, den Zaun durchbrach,

durch Beckers Garten raste, die Blumenbeete und Büsche

verwüstete und erst ein paar Zentimeter vor Beckers

Wohnzimmerfenster stehen blieb … Seit damals

hasst er Autos, und ihre Besitzer wohl auch. Am liebsten

würde er alle Autos verbieten und ihre Besitzer einsperren.“

„Mir würde es auch nicht gefallen, wenn ein Lastwagen

quer durch meine Blumenbeete fahren würde“,

sagte Wachtmeister Anders. „Aber trotzdem fällt es mir

nicht ein, loszuziehen und Autos zu beschädigen. Ich

werde mir diesen Burschen gleich mal vorknöpfen.“

Anders nickte Hannes, Lisa und Pieri zu, dann ging

er weg. Hannes blickte auf die beiden Kinder nieder.

Trotz seines wild wuchernden Backenbarts wirkte er

jetzt auf Pieri kein bisschen Furcht einfl ößend mehr.

„Hättet ihr beide vielleicht Lust auf eine kleine Spazierfahrt?“,

fragte er.

„Aber mit Vergnügen!“, antwortete Pieri. Lisas Begeisterung

hielt sich allerdings in Grenzen. „Haben Sie

denn jetzt überhaupt Zeit für eine Spazierfahrt?“, fragte

sie.


„Natürlich nicht. Ich muss arbeiten, wie andere

Leute auch. In der Früh Kinder zur Schule zu fahren

und sie nach dem Unterricht wieder abzuholen bringt

nicht viel Geld. Schon gar nicht jetzt in den Schulferien.

Ich übernehme deshalb auch andere Transporte.

Heute zum Beispiel hole ich für das Ferienlager aus

dem Nachbarort Musikinstrumente ab. Unter den Teilnehmern

des Lagers gibt es nämlich immer auch etliche,

die ein Instrument beherrschen und auch in ihren

Ferien darauf spielen wollen.“

„Ich zum Beispiel“, sagte Pieri. „Schade, dass ich

meine Gitarre nicht mitgenommen habe.“

„Siehst du, deshalb besorge ich jetzt die Instrumente“,

sagte Hannes.

„Aber haben Sie uns denn nicht eben zu einer Spazierfahrt

eingeladen?“, fragte Lisa.

Hannes grinste. „Arbeit fällt leichter, wenn man sich

vorstellt, dass man sie zu seinem Vergnügen macht. Die

Fahrt in den Nachbarort ist Arbeit, aber wenn ich mir

vorstelle, dass es eine Spazierfahrt ist, freue ich mich

über die Landschaft, das Wetter, sogar über die Kühe.

Wenn ihr mitkommt, könnt ihr mir helfen, die Instrumente

zu tragen und im Auto zu verstauen.“

„Hoffentlich ist auch eine Gitarre dabei!“, sagte Pieri.

Die Straße zum Nachbarort führte durch Wald und

Wiesen. Es gab nur wenig Verkehr hier. Immerhin gab

es die Kühe auf den Weiden, von denen Hannes gesprochen

hatte.

„Wie ich höre, habt ihr in der vergangenen Nacht einen

Räuber gefangen“, sagte Hannes.

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„Ja, das haben wir“, bestätigte Pieri. Dann fi el ihm

ein, dass Lisa Angeber nicht ausstehen konnte, und

er fügte schnell hinzu: „Na ja, gefangen haben ihn der

Wachtmeister und der Zirkusdirektor. Aber wir waren

immerhin dabei und …“

Hannes hörte nicht mehr zu. „Was ist denn da los?“,

fragte er und nahm den Fuß vom Gaspedal.

Hinter einer Kurve, etwa 50 Schritte vor ihnen, lag

ein Fahrrad auf der Straße, die hier mitten durch ein

Waldstück führte. Dicht neben der Straße saß ein Mann

auf dem Boden. Er schien verletzt zu sein, denn er

fasste sich mit der rechten Hand an den Kopf.

Hannes hielt seinen Wagen an und stieg aus. Auch

Lisa und Pieri verließen das Fahrzeug.

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Hannes beugte sich zu dem Mann nieder. „Sind Sie

in Ordnung?“, fragte er.

„Ich denke schon“, antwortete der Mann. „Ich habe

mir bei dem Sturz nur den Kopf angeschlagen. Es geht

gleich wieder.“

„Am besten rufe ich einen Krankenwagen“, schlug

Hannes vor.

„Nicht nötig!“, wehrte der Mann ab. „Es ist doch gar

nichts passiert. Ich brauche weder einen Krankenwagen

noch die Polizei.“

„Wie ist das denn geschehen?“, fragte Hannes.

„Es war dieser rücksichtslose Autofahrer“, antwortete

der Mann. „Ich strampelte friedlich vor mich hin,

als ich plötzlich einen Wagen hinter mir hörte. Der Kerl

hupte wie verrückt. Ich bin erschrocken, habe versucht

auszuweichen und bin dabei gestürzt. Der Autofahrer

bremste, kam aber nicht rechtzeitig zum Stehen.“

„Was war das für ein Wagen?“, fragte Hannes. „Ein

weißer Sportwagen“, antwortete der Radfahrer. „Mit

einem auff älligen Kratzer an der rechten Seitentür. Ich

konnte den Wagen genau sehen, weil er da drüben

endlich zum Stehen kam. Der Fahrer schaute heraus –

und entschloss sich dann abzuhauen.“

„Es war nicht der weiße Sportwagen“, widersprach

Lisa. „Die ganze Geschichte, die wir eben gehört haben,

ist von Anfang bis Ende erfunden. Den weißen

Sportwagen mit dem Kratzer an der rechten Tür mag

dieser Herr hier in der Stadt gesehen haben, aber bestimmt

nicht hier.“

Aufl ösung auf Seite 239

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Musikfreunde

„Wir sind da“, sagte Hannes. Er schaltete den Motor ab

und deutete nach vorn. „Barocke Kirche, nicht ganz so

altes Pfarrhaus und nagelneues Gemeindezentrum. Mit

Theatersaal, einer Cafeteria, Bibliothek und etlichen

umen für Jugendliche. Es gibt auch einen Übungsraum

für junge Musiker. Also, steigen wir aus und holen

uns die Lärminstrumente!“

Er schien kein großer Musikfreund zu sein.

Auch Pieri und Lisa stiegen aus.

Aus einer Tür des Gemeindezentrums kam ihnen

ein jüngerer Mann in Arbeitskleidung entgegen. „Hallo

Hannes!“, grüßte er. „Du kommst wohl, um die Instrumente

abzuholen.“

„Nein, mich treibt das Verlangen, dein dummes Gesicht

wieder zu sehen.“

Der andere lachte. Er deutete auf Lisa und Pieri. „Du

hast dir Hilfe mitgebracht, wie?“

„In weiser Voraussicht“, nickte Hannes. „Dass du mir

nicht bei der Arbeit hilfst, weiß ich aus Erfahrung.“ Es

schien, dass er den Mann nicht sehr mochte. Aber das

hatte bei ihm nicht viel zu bedeuten, er zeigte sich gern

ein wenig brummig.

„Bin wirklich froh, dass die Instrumente für ein paar

Tage wegkommen“, sagte der Mann. „Wenn unsere

Jazzband übt, ist das kaum auszuhalten.“


„Halt keine langen Reden, Holger, sondern bring uns

endlich zu den Instrumenten!“, drängte Hannes.

Holger grinste. „Es ist schön, einen Mann zu treffen,

der so scharf aufs Arbeiten ist“, spottete er.

„Es können ja nicht alle so faul sein wie du“,

brummte Hannes.

Holger ging voraus, Hannes folgte ihm. „Gehen wir“,

sagte Pieri zu Lisa, „ich trage die Noten, du das Klavier!“

Pieri hatte angenommen, dass die Instrumente in irgendeinem

Kellerraum abgestellt waren, aber Holger

führte sie zu einem Raum im Erdgeschoss auf der Rückseite

des Gebäudes. Vor einer stabilen Stahltür blieb er

stehen.

„Eine Tür wie im Tresor einer Bank“, lachte er. „Da

kommt kein Einbrecher rein!“ Er nahm einen Schlüssel,

schob ihn in das Schloss und sperrte auf. Dann stieß er

die Tür auf und trat ein.

Aber schon nach dem ersten Schritt blieb er verblüfft

stehen.

„Die Instrumente!“, stieß er fassungslos hervor. „Sie

sind fast alle weg.“

Hannes blickte auf die leeren Regale an den Wänden.

Nur noch ein paar Stapel Notenhefte lagen darauf.

„Wer um alles in der Welt klaut Musikinstrumente?“,

wunderte er sich. „Mir jedenfalls könnten alle Musikinstrumente

der Welt gestohlen bleiben.“

„Diese Dinger sind weit mehr wert, als du denkst“,

sagte Holger. „Natürlich hatten wir keine echte Stradivari,

diese Geigen können schon mal eine Million kosten.

Aber auch für eine halbwegs brauchbare Klarinette

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kannst du leicht 1000 Euro zahlen. Berufsmusiker zahlen

noch viel mehr. Der Verlust hier geht in die Zehntausende.“

„Die Kerle sind durch das Fenster gekommen“, überlegte

Hannes. „Sie haben von außen die Scheibe eingeschlagen,

dann das Fenster geöff net und sind eingestiegen.

In der vergangenen Nacht wahrscheinlich. Da

in diesem Gebäude niemand wohnt, hat niemand das

Splittern der Fensterscheibe gehört. Auf dem gleichen

Weg sind sie auch wieder verschwunden.“

„Natürlich“, stimmte Holger zu. „Einen anderen Weg

hier rein oder raus gibt es nicht. Nur durch die Tür oder

das Fenster. Das Türschloss ist unbeschädigt, und den

Schlüssel bewahre ich immer sicher auf. An den kommt

keiner ran.“

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„Wenigstens haben sie das Cello dagelassen“, sagte

Hannes.

„Das war ihnen wohl zu groß“, meinte Holger. „Es

passte nicht durch das Fenster. Also haben sie es an die

Wand gelehnt und sind durch das Fenster abgehauen.“

„Vielleicht gibt es da draußen Fußspuren“, überlegte

Lisa. Sie trat ans Fenster, aber sie war zu klein, um durch

das hochgelegene Fenster hinausblicken zu können.

„Nach Fußspuren da draußen brauchen wir sowieso

nicht zu suchen“, sagte Holger. „Vor dem Fenster ist

kein Garten oder dergleichen, sondern hartes Pfl aster.“

„Stimmt“, sagte Pieri. „Nach Fußspuren draußen

unter dem Fenster brauchen wir nicht zu suchen. Die

Diebe sind nicht durch das Fenster gekommen. Die eingeschlagene

Scheibe soll nur davon ablenken, dass die

Diebe ganz einfach durch die Tür gekommen sind.“

„Du spinnst, Kleiner!“, sagte Holger. „Ich sage dir

doch, dass ich der Einzige bin, der den Schlüssel zu dieser

Tür hat.“

„Dann haben Sie selbst die Diebe hereingelassen!“

Aufl ösung auf Seite 240

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Frechheit siegt –

aber nicht immer

„Ich habe dich schon immer für einen arbeitsscheuen

Nichtsnutz gehalten, Holger“, sagte Hannes. „Aber dass

du deinen eigenen Arbeitgeber bestehlen würdest,

hätte ich dir dann doch nicht zugetraut.“

„Ich habe mit diesem Diebstahl nichts zu tun“, beteuerte

Holger. „Die Diebe müssen einen zweiten

Schlüssel zu dem Raum mit den Musikinstrumenten

gehabt haben.“

Er schielte zur Tür. Einen Augenblick lang schien es,

als wolle er fl iehen. Aber Hannes stellte sich ihm in den

Weg.

Holger blieb dabei, von dem Diebstahl nichts zu wissen,

selbst als die Polizei kam und sich den Tatort ansah.

Der Chef der Polizisten war ein kleiner schmächtiger

Mann, der so gar keine Ähnlichkeit mit den

Superdetektiven im Fernsehen hatte.

„Was der Junge sagt, ist richtig“, bestätigte er. „Die

Diebe haben ihre Beute durch die Tür weggebracht

und nicht durch das Fenster.“ Er wandte sich an Holger.

„Wer waren Ihre Komplizen?“

„Komplizen, wieso?“, wiederholte Holger. „Ich gehöre

aber nicht zu den Räubern, wirklich. Irgendjemand

muss sich einen Nachschlüssel angefertigt

haben.“


„Wie sollte das möglich sein?“, wandte Hannes ein.

„Du hast uns doch erzählt, dass du den Schlüssel nie

aus der Hand gibst.“

„Na ja, manchmal lege ich ihn schon mal für eine Minute

irgendwo hin. Aber das genügt ja einem geschickten

Dieb, um einen Wachsabdruck zu machen. Das

dauert nur Sekunden.“

„Sie scheinen sich gut auszukennen auf diesem Gebiet“,

meinte der Polizist.

Holger grinste. „Ich sehe gern Krimis im Fernsehen.“

„Schafft ihn weg!“, rief der Polizist seinen Leuten zu.

„Wenn wir ihn lange genug verhören, wird er schon gestehen.“

Hannes, Lisa und Pieri blickten den Polizeifahrzeugen

nach. „Er wirkt erstaunlich gelassen“, wunderte

sich Hannes. „Ja“, sagte Lisa, „weil er sicher ist, dass man

die Beute nicht bei ihm finden wird. Er glaubt also, dass

ihm nichts passieren kann. Hat dieses Gebäude eigentlich

einen Hinterausgang?“

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„Nein“, antwortete Hannes. „Die Diebe müssen die

Instrumente also auf der Vorderseite des Hauses herausgebracht

haben.“

Pieri blickte nach oben. „Was ist an dieser Straßenlaterne

so interessant?“, fragte Hannes. „Dass sie da ist“,

antwortete Pieri. „Die Diebe müssen ihren Wagen genau

unter der Laterne beladen haben, gut sichtbar von

allen Seiten. Eine ziemliche Frechheit!“

„Waren es eigentlich viele Instrumente?“, fragte Lisa.

„Nicht genug, um ein Symphonieorchester damit

auszustatten, aber doch eine ganze Menge“, antwor-

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tete Hannes. „Gitarren, Akkordeons, ein Schlagzeug,

zwei Keyboards … In meinen Kleinbus würde das alles

hineinpassen, aber in Torstens Kleinwagen bestimmt

nicht.“

„Hat er viele Freunde?“, fragte Lisa.

„Kerle wie er haben keine Freunde, nur Kumpane“,

brummelte Hannes.

„Was treiben die Leute da drüben?“, fragte Pieri. Er

deutete auf eine Garage, die an das Freizeitzentrum

angebaut war. Das große Tor stand off en, man konnte

das Führerhäuschen eines Lastwagens sehen, der darin

stand. Im dunklen Hintergrund der Garage waren Stimmen

von Männern und Arbeitsgeräusche zu hören.

„Das sind die Theaterleute“, sagte Hannes. Er deutete

mit dem Daumen über die Schulter zurück auf ein

Plakat an der Hauswand.

„Wirklich lustiges Stück“, sagte Hannes. „Ich habe es

vorgestern gesehen. Heute holen sie die Kulissen und

die Requisiten ab, die sie mitgebracht haben.“

„Ich glaube, ich weiß jetzt, wie sie den Diebstahl

durchgeführt haben“, sagte Pieri. „Kommt mit!“

Ohne auf Hannes und Lisa zu warten, betrat er wieder

das Gebäude. Die Tür des Raums, in dem die Musikinstrumente

aufbewahrt wurden, stand immer noch

off en. Um das einsame Cello am Fenster schien sich

niemand zu kümmern. Pieri ging zur nächsten Tür und

öff nete sie. Sie war nicht abgesperrt. Der Raum dahinter

war leer.

Pieri deutete auf eine Tür am Ende des Flurs. „Führt

diese Tür in die Garage?“, fragte er.

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„Klar“, antwortete Hannes. Verwundert sah er hinter

Pieri her, der mit schnellen Schritten auf die Tür zuging

und sie öffnete.

Die hintere Tür des Lastwagens in der Garage stand

offen. Zwei Männer in Arbeitskleidung standen daneben.

Sie wollten eben die Tür des Lastwagens schließen

und dann wegfahren.

„Halt!“, rief Pieri und trat näher. Er schaute in das Innere

des Lastwagens. „Dachte ich es mir doch! Die Musikinstrumente!

Geklaut buchstäblich vor den Augen

der Polizei.“

„Tatsächlich!“, staunte auch Hannes, der inzwischen

näher getreten war. „Holger hat also die Instrumente

in der vergangenen Nacht gar nicht weggebracht, sondern

lediglich in den leeren Nebenraum geschafft. Erst

jetzt bei Tag, sozusagen unter aller Augen, wird die

Beute weggebracht. Woher hast du das gewusst, Pieri?“

„Welches Datum ist heute?“, fragte Pieri zurück.

„Der 17. August. Wieso?“

130

Auflösung auf Seite 240/241


Doch im Wald,

da sind die Räuber

Hannes, Lisa und Pieri mussten ohne die Musikinstrumente

zum Lager zurückfahren. Die Polizei hatte sie als

Beweismittel in einem Fall von versuchtem Diebstahl

beschlagnahmt. Sehr zum Bedauern von Pieri, den es

schon in den Fingern gejuckt hatte, endlich wieder einmal

Gitarre spielen zu dürfen.

Pieri tröstete sich damit, dass er seinen Freunden

immerhin von einem aufregenden Abenteuer berichten

konnte. Drei Diebe fängt man nicht jeden Tag. Aber

zu seiner Enttäuschung fand er beim Mittagessen im

großen Zelt keine aufmerksamen Zuhörer.

„Ein paar geklaute Instrumente!“, sagte Frank geringschätzig.

„Was ist das schon! In Neustadt hat es heute

Vormittag einen bewaff neten Raubüberfall auf einen

Supermarkt der Handelskette ,preiswert‘ gegeben – da

war vielleicht was los! Die beiden Täter, ein Mann und

eine Frau sollen es gewesen sein, gaben sich als Kunden

aus, kauften ein paar Kleinigkeiten, und erst als sie

an der Kasse waren, zogen sie ihre Pistolen und forderten

alles Geld, das in den Ladenkassen war.“

„Wie groß war die Beute?“, fragte Lisa.

„Das war noch nicht bekannt, als die Radiomeldung

kam. Jedenfalls stopften die beiden alles Geld, das sie

in der Eile zusammenraff en konnten, in ihre Einkaufstü-

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ten und rannten davon. Sie sprangen in ihren Wagen,

und weg waren sie.“

„Welche Automarke?“, fragte Pieri.

Frank hob die Schultern. „Darüber sind sich die Zeugen

nicht einig. Nicht einmal über die Farbe. Und das

Nummernschild hat sich auch niemand gemerkt. Alles,

was man mit Sicherheit weiß, ist, dass es sich um einen

Mann und eine Frau handelt. “

„Nun, überlassen wir das ruhig der Polizei!“, sagte

Gustav, der an den Tisch getreten war. „Ich plane für

heute Nachmittag ein anderes Abenteuer. Zwar ohne

Pistolen, aber ich glaube, es wird ganz lustig werden.

Eine Radtour zur Bärenschlucht. Mitten im Wald. Ungefähr

zehn Kilometer von hier. Die Räder stellt das Camp.

Wenn wir gemütlich fahren und vielleicht ab und zu

mal Rast machen, werden wir etwa eine Stunde brauchen.

Kommt ihr mit?“

„Klar, kommen wir mit“, antwortete Pieri.

Es waren zehn Jungen und Mädchen, die sich eine

Stunde später mit ihren Rädern auf dem Weg zur Bärenschlucht

befanden. Die Fahrt war anstrengender, als

alle erwartet hatten. Der Waldweg war schmal, von etlichen

Baumwurzeln holprig gemacht und nach einem

Regenschauer in der vergangenen Nacht ziemlich rutschig.

Gustav hatte nicht zu viel versprochen, hier zu

fahren war tatsächlich ein kleines Abenteuer.

Plötzlich endete der schmale Weg. Genauer gesagt,

er wurde von einem Auto versperrt, das auf ihm stand.

Gustav stieg ab und trat näher. Lisa, Pieri und einige andere

Kinder folgten ihm. Der Wagen war leer.

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„Welcher Trottel parkt seinen Wagen ausgerechnet

hier?“, wunderte sich Frank.

„Pilzesammler vielleicht“, meinte Romy. „Oder Leute,

die einfach ein bisschen in der Natur spazieren gehen

wollen.“

Pieri streckte seine Hand nach dem Griff der Fahrertür

aus. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht abgesperrt.

Auch der Zündschlüssel steckte.

„Selbst der größte Trottel lässt sein Auto nicht mit

off ene Türen mitten im Wald stehen“, sagte Pieri. „Samt

Zündschlüssel.“

„Auch der Koff erraum ist nicht abgeschlossen“, meldete

Frank und öff nete die Klappe.

„Was ist drin?“, fragte Pieri und trat zu ihm.

„Nichts“, antwortete Frank.

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„Was hast du denn im Kofferraum zu finden gehofft?“,

fragte Gustav. „Einbruchswerkzeug? Schusswaffen?

Oder ein gefesseltes und geknebeltes Entführungsopfer?

So wie man das immer im Film sieht?“

Gustav wartete die Antwort nicht ab. Er setzte sich

hinter das Lenkrad und drehte den Zündschlüssel um,

um den Motor zu starten. Nur ein kurzes Stottern war

zu hören, als habe der Motor einen Husten. „Der Tank

ist leer“, sagte Gustav mit einem Blick auf die Benzinuhr.

„Ich glaube, das ist der Wagen, mit dem die Räuber

nach dem Überfall geflohen sind“, sagte Pieri.

„Das soll das Fluchtfahrzeug sein?“, wunderte sich

Frank. „Wie kommst du darauf?“

„Da ist zunächst einmal der leere Benzintank“, antwortete

Pieri. „Kein Autobesitzer vergisst, rechtzeitig zu

tanken. Aber wenn man einen Wagen stiehlt, vergisst

man in der Eile schon mal nachzusehen, wie viel Treibstoff

noch im Tank ist.“

„Außerdem würde niemand seinen Wagen irgend wo

abstellen, ohne den Zündschlüssel mitzunehmen und

die Türen abzuschließen“, fügte Lisa hinzu.

„Stimmt“, nickte Pieri. „Dazu kommt noch, dass das

Nummernschild vor lauter Dreck nicht zu lesen ist. Die

Zeugen des Überfalls haben doch erzählt, dass das

Nummernschild nicht zu entziffern war, oder?“

„Das ist immer noch kein Beweis“, beharrte Frank.

„Es hat geregnet in der vergangenen Nacht. Der Weg

hier ist aufgeweicht und voller Schlammpfützen. Ihr

seht doch, wie dreckig das Auto ist.“

134

Auflösung auf Seite 241


Die Räuberhöhle

Gustav schaltete sein Handy aus und steckte es weg.

„Die Polizei wird bald hier sein“, sagte er. „Dieser

Wagen hier wurde in der vergangenen Nacht gestohlen.

Der Besitzer hat den Diebstahl übrigens erst nach

dem Überfall bemerkt. Wir sollen hier auf die Polizei

warten und keinesfalls versuchen, den beiden Räubern

zu folgen.“

„Das würde mir sowieso nie einfallen“, sagte Frank.

„Das Räuberpärchen ist bewaff net.“

Gustav blickte in die Runde. „Wo sind Lisa und Pieri?“,

fragte er.

„Die sind ein Stückchen weitergegangen“, antwortete

Romy. „Eben sind sie dort vorn hinter der Wegbiegung

verschwunden.“

„Zu Fuß? Dann werden sie bald zurückkommen.

Ohne ihre Räder kommen sie hier im Wald nicht weit.“

Lisa blickte zurück. Sie konnte die anderen nicht

mehr sehen. „Wir sollten umkehren“, meinte sie. „Das

Räuberpärchen holen wir sowieso nicht ein.“

„Wir sind ihnen schon näher, als du denkst“, sagte

Pieri. Er deutete auf Fußspuren im weichen Moos,

das überall zwischen den Bäumen des Waldes wuchs.

„Siehst du, hier haben sie den Weg verlassen und laufen

jetzt quer durch den Wald. Off enbar ist ihr Ziel nicht

weit.“

135


Lisa trat näher und betrachtete die Spuren. „Kräftiges

Profi l“, sagte sie. „Von Wanderschuhen vielleicht.

Ziemliche Quadratlatschen, off enbar gehören die Fußabdrücke

zu zwei Männern. Die beiden Räuber im Supermarkt

waren aber ein Mann und eine Frau. Das ist

also die falsche Spur.“

Pieri hatte ihr nicht zugehört, sondern war vorausgelaufen.

Lisa folgte ihm. „Wenn ich seinen Eltern nicht

versprochen hätte, auf ihn aufzupassen …“, murmelte

sie.

Erst nach 100 oder mehr Metern holte sie ihn ein.

Pieri hatte sich hinter einem großen Busch niedergeduckt,

hinter den sich nun auch Lisa hockte, und blickte

auf eine kleine Lichtung hinaus.

Mitten auf der Lichtung stand eine Blockhütte. Die

Fensterläden der Hütte waren geöff net. An einem Tisch

vor der Hütte saßen zwei Männer. Sie hielten Bierfl aschen

in der Hand.

„Zwei Jäger“, sagte Lisa. „Das sind nicht die bei -

den …“

Weiter kam sie nicht. Lautes Bellen dicht hinter ihr

ließ sie zusammenzucken. Erschrocken machte sie zwei

Schritte hinaus auf die Lichtung. Der Hund folgte ihr. Er

war groß und hatte braunes Fell mit weißen Flecken.

„Hubertus!“, rief einer der beiden Männer drüben

bei der Hütte. „Komm her!“

Der Hund hörte sofort auf zu bellen und lief auf die

Lichtung hinaus. Nach einigen Schritten drehte er sich

wieder um und blickte zu den Kindern zurück. Es sah

aus wie eine freundliche Einladung, ihm zu folgen.

136


„Hubertus!“, sagte Pieri. „Was für ein blöder Name für

einen Hund!“

„Sankt Hubertus ist der Schutzheilige der Jäger“, belehrte

ihn Lisa. „Der Name ist also passend für einen

Jagdhund. Gehen wir hinüber zu den beiden! Sie haben

uns ja sowieso schon gesehen.“

Pieri folgte ihr. Als er näher kam, fi el ihm auf, dass einer

der beiden Männer am Tisch weder Schuhe noch

Socken trug.

Der Hund war vorausgelaufen. Neben der off enen

Tür der Blockhütte legte er sich inmitten seines Spielzeugs

nieder. Sein Lieblingsspielzeug schien eine

137


kleine Ente aus Kunststoff zu sein. Als er sie ins Maul

nahm und darauf biss, quakte sie, fast wie eine richtige

Ente.

„Was treibt ihr beide denn ganz allein mitten im

Wald?“, fragte einer der beiden Männer, als Lisa und

Pieri herangekommen waren.

Pieri wollte antworten, dass sie keineswegs allein

waren, aber Lisa kam ihm zuvor. „Wir machen eine

Wanderung zur Bärenschlucht“, sagte sie. „Aber ich

glaube, wir haben uns verlaufen.“

„Es ist nicht weit bis zur Bärenschlucht“, sagte der

Mann, der keine Schuhe anhatte. „Ihr müsst nur dort

hinüber bis zum Waldweg und dann nach rechts. Dann

sind es noch ungefähr zwei Kilometer. Ich würde euch

gerne hinbringen, wenn meine Füße nicht so verdammt

weh täten.“

„In eurem Alter solltet ihr aber eigentlich nicht allein

durch den Wald laufen“, meinte der andere. „Meinen

Kindern würde ich das nicht erlauben. Eben haben sie

im Radio gemeldet, dass in Neustadt ein Supermarkt

überfallen wurde. Die Täter, ein Mann und eine Frau,

sind auf der Flucht. Also, seid vorsichtig!“

„Vielen Dank für die Warnung“, sagte Lisa. „Komm,

Brüderchen, machen wir uns auf die Socken! Wie du

hörst ist es nicht mehr weit bis zum Ziel.“

„Was redest du da für blödes Zeug?“, fragte Pieri, als

sie die Lichtung verlassen hatten und wieder unter den

dichten Bäumen des Waldes gingen. „Weshalb erzählst

du den beiden, dass ich dein Bruder bin?“

„Sie haben uns ja auch angelogen“, antwortete Lisa.

138


„Tatsächlich?“, wunderte sich Pieri.

„Es sind die Räuber aus dem Supermarkt.“

„Ich glaube, du bist jetzt völlig übergeschnappt!“

„Ist dir denn nicht aufgefallen, dass der eine von ihnen

keine Schuhe anhatte und über seine schmerzenden

Füße klagte?“

„Na und? Vielleicht hat er neue Schuhe und die drücken

ihn.“

„Er hat sich die Fußgelenke gerieben. Wahrscheinlich

ist er ein paarmal umgeknickt. Seine neuen Schuhe

… Er ist es wohl nicht gewohnt, in dieser Art von Schuhen

zu laufen.“

„Welche Art von Schuhen?“, fragte Pieri.

Auflösung auf Seite 241/242

139


140

In der Bärenschlucht

Lisa und Pieri hatten ihren Freunden von der Begegnung

mit den beiden Männern bei der einsamen Waldhütte

erzählt. Während alle noch aufgeregt darüber

stritten, ob es sich wirklich um die beiden Räuber aus

dem Supermarkt in Neustadt handelte, tauchten auf

dem Waldweg zwei Fahrzeuge auf. Es war die Polizei.

Sie kam natürlich ohne Sirene, um die fl üchtigen Räuber

nicht zu warnen.

Den Mann, der sie anführte, kannten Lisa und Pieri

bereits, sie hatten ihn erst am Vormittag in Neustadt

gesehen, wo er den Instrumentendieb Holger festgenommen

hatte. Er stellte sich als Kommissar Hilpert vor.

Dann wandte er sich an Gustav.

„Sind Sie der Mann, der uns angerufen hat?“, fragte

er ihn.

Gustav nickte. „Und das ist der Wagen, um den es

sich handelt.“

Der Kommissar kratzte mit der Schuhsohle den

Schmutz vom Nummernschild. „Ja, das ist der Wagen,

der in der vergangenen Nacht gestohlen wurde“, bestätigte

er. „Das Fluchtfahrzeug haben wir also, aber die

Diebe sind wahrscheinlich längst über alle Berge.“

„Das sind sie nicht“, widersprach Lisa. „Sie sind noch

ganz in der Nähe, in einer Jagdhütte, vielleicht 200 Meter

von hier entfernt.“


„Habe ich dich nicht schon einmal gesehen?“, fragte

der Kommissar. Bevor Lisa antworten konnte, sprach er

weiter: „Woher willst du das wissen?“

„Wir haben sie gesehen. Und mit ihnen gesprochen.

Es sind übrigens nicht ein Mann und eine Frau, sondern

zwei Männer.“

Der Kommissar schüttelte unwillig den Kopf. Alle

Zeugen des Überfalls hatten von einem Mann und einer

Frau gesprochen, was die beiden Kinder da erzählten,

musste also Unsinn sein.

„Na ja, sehen wir uns die beiden mal an!“, sagte er.

Zu Gustav gewandt fuhr er fort: „Sie und die Kinder

bleiben am besten hier. Ich lasse einen meiner Leute

bei Ihnen zurück. Zu Ihrem Schutz.“

Pieri sah den Polizisten nach, als sie in den Wald eindrangen.

„Bei dem Lärm, den sie machen, hat der Hund

sie doch schon längst gehört“, meinte er. „Er wird bestimmt

gleich bellen.“

Pieri wartete vergeblich auf das Bellen des Hundes.

Nach etwa zehn Minuten kam einer der Polizisten zurück.

„Sie sind weg“, berichtete er seinem Kollegen, der

bei den Kindern geblieben war. „Sie haben nur ein paar

leere Bierdosen zurückgelassen. Keine frischen Reifenspuren,

sie sind also wohl zu Fuß weggegangen. Sieht

ganz nach einem Fehlalarm aus. Auf jeden Fall sichern

wir Fingerabdrücke, um sie mit den Fingerabdrücken

zu vergleichen, die die Räuber im Supermarkt hinterlassen

haben.“

„Dann können wir wohl jetzt weiterfahren?“, fragte

Gustav.

141


„Nichts dagegen“, meinte der Polizist. „Ich glaube

nicht, dass für Sie irgendeine Gefahr besteht.“

Es war nur eine kurze Fahrt bis zu der zwei Kilometer

entfernten Bärenschlucht. Pieri war ein wenig enttäuscht

von ihrem Anblick. Von einer Schlucht war

nichts zu sehen, es gab hier nur ein Tal, eingefasst von

sanften bewaldeten Hügeln, zwischen denen sich ein

nicht sehr breiter Fluss schlängelte. Einige Boote fuhren

auf dem Fluss, die wohl alle dem Bootsverleih gehörten,

auf dessen Parkplatz die Kinder ihre Fahrräder

abstellten.

„Keine Schlucht, keine Bären“, sagte Pieri. „Nur der

Hund da drüben.“

Es war ein großer brauner Hund mit weißen Flecken,

der am gegenüberliegenden Ufer entlanglief, als wolle

er mit den Ruder- und Tretbooten um die Wette laufen.

„Hubertus!“, rief Lisa. Der Hund blieb stehen und

schaute über den Fluss herüber. Dann wandte er den

Kopf und blickte zurück.

In einer Biegung des Flusses tauchte ein weiteres

Boot auf.

Die beiden Männer in dem Boot paddelten gemächlich

vorbei. Den Kindern am Ufer schenkten sie keine

Beachtung.

„Das sind die beiden!“, sagte Lisa. „Die Männer aus

der Jagdhütte!“

„Es sind zwei Männer, ja“, meinte Pieri. „Aber dass

es die beiden von der Jagdhütte sind, das kann ich

wirklich nicht sehen. Ihre Gesichter erkenne ich nicht

wieder, und da sie kaum Kleidung tragen, kann ich sie

142


auch daran nicht erkennen. Ich kann nicht einmal sehen,

ob der kleinere von ihnen barfuß ist wie der Mann

bei der Hütte.“

„Aber das da drüben ist ihr Hund Hubertus!“

„Ja, off ensichtlich. Aber woher willst du wissen, dass

er diesen beiden Männern da im Boot gehört?“

Aufl ösung auf Seite 242

143


Noch ein Reifenstecher

Pieri blickte enttäuscht hinter dem Faltboot her, das

ohne Eile zwischen den anderen Booten hindurch den

Fluss hinabfuhr. „Diese beiden Gauner sehen wir nie

wieder“, meinte er.

„Macht nichts!“, versuchte Gustav ihn zu trösten. „Es

sind sowieso nicht die Leute, die den Supermarkt überfallen

haben. Räuber, die im Faltboot fl iehen! Wann hat

man je so was gehört!“

„Genau deshalb vertrauen sie darauf, dass sie keinen

Verdacht erregen“, sagte Pieri.

„Gibt es eigentlich noch weitere Parkplätze hier am

Fluss?“, fragte Lisa.

„Ich kenne nur einen“, antwortete Gustav. „Ein Stückchen

fl ussabwärts. Dort stehen nie viele Autos, weil es

dort keinen Bootsverleih gibt und auch sonst nichts.“

„Ist er weit entfernt?“

„Einen oder zwei Kilometer auf dem Wasser. Der

Fluss verläuft nämlich in einer großen Schleife. Wenn

man auf dem Waldweg dort drüben quer über die

Halbinsel fährt, ist es vielleicht ein halber Kilometer.“

„Ruf die Polizei an, dass sie zu diesem Parkplatz kommen

soll!“, sagte Lisa. „Dort kann sie die Räuber ganz

leicht schnappen.“

Gustav wollte widersprechen, aber Lisa strampelte

schon los. Pieri folgte ihr.

144


„Polizei anrufen!“, murmelte Gustav. „Was für eine

kindische Idee! Damit mache ich mich doch lächerlich.“

„Wir sollten die beiden aufhalten“, schlug Frank

besorgt vor. „Wenn sie den Räubern in die Quere kommen

…“

„Quatsch!“, widersprach Gustav. „Die beiden Männer

in dem Faltboot sind bestimmt ganz harmlose Urlauber.

Die Räuber sind doch schon längst nicht mehr

in dieser Gegend.“

Lisa und Pieri fuhren schnell. Sie wollten auf jeden

Fall vor den Räubern auf dem Parkplatz sein. Deshalb

waren sie ziemlich außer Atem, als sie an ihrem Ziel ankamen.

Der Parkplatz war wirklich klein, nur eine mit

Gras bewachsene Waldlichtung am Flussufer. Drei Autos

standen darauf. Menschen waren nicht zu sehen.

„Welches der drei Autos gehört wohl den Räubern?“,

fragte Lisa.

145


„Sehen wir sie uns doch an!“, antwortete Pieri. Er

ließ sein Rad zwischen den Bäumen am Waldrand stehen

und trat hinaus auf die Lichtung. Ohne Hast ging

er von einem Wagen zum anderen und schaute durch

die Scheiben hinein. Bei dem dritten Wagen blieb er

stehen.

„Was um alles in der Welt sucht er da?“, wunderte

sich Lisa, die am Waldrand geblieben war.

„Sie kommen!“, rief Lisa vom Wald her.

Pieri blickte hinüber. Zwischen den Büschen hindurch,

die am Ufer standen, sah er das Faltboot und die

146


eiden Männer darin. Sie steuerten das diesseitige Ufer

an.

Pieri überlegte nicht lange. Er zog sein Taschenmesser

heraus, klappte es auf und stieß zu. Die scharfe

Klinge bohrte sich tief in den rechten Hinterreifen des

Autos. Er zog das Messer wieder heraus und hörte, wie

die Luft pfeifend aus dem Reifen entwich. Noch während

er das Messer zuklappte, rannte er los. Er erreichte

den Waldrand und warf sich dort zwischen Büschen

und Bäumen zu Boden.

Auch Lisa hatte sich hinter einen Busch gekauert.

„Was um alles in der Welt treibst du da?“, fragte sie

leise. „Bist du jetzt auch unter die Messerstecher gegangen?“

„Ich wusste nicht, wie ich die Kerle sonst aufhalten

sollte“, verteidigte sich Pieri.

„Dann hättest du die Reifen von allen drei Autos zerstechen

müssen.“

„Gute Idee!“, grinste Pieri. „Aber ziemlich umständlich.

Ein einziger Blick hat mir genügt, um zu wissen,

welches Auto den Räubern gehört.“

Aufl ösung auf Seite 243

147


148

Die Festnahme

Aus ihrer sicheren Deckung am Waldrand schauten

Pieri und Lisa hinüber zum Fluss.

Die beiden Männer waren aus dem Boot gestiegen

und hoben es aus dem Wasser. Sie trugen nur Badehosen.

Einer von ihnen hatte einen Rucksack dabei. Jetzt

nahm er den Rucksack ab, öff nete ihn und griff hinein.

Die Entfernung war zu groß, als dass die beiden Kinder

hätten erkennen können, was er herausnahm. Sie

konnten nur sehen, dass er zwei Gegenstände ins Wasser

warf.

Dann schaute er zum anderen Ufer hinüber. „Hubertus!“,

rief er. „Hierher!“

Der große Hund drüben am anderen Ufer sprang

mit einem gewaltigen Satz ins Wasser. Mitten im Fluss

erreichte er die beiden Gegenstände, die dort auf

dem Wasser trieben, schnappte sich einen davon und

schwamm weiter, dem Ufer entgegen. Die beiden Männer

trugen inzwischen ihr Faltboot über den kleinen

Parkplatz zu den Autos.

Der eine von ihnen blickte sich misstrauisch nach allen

Seiten um. „Los, wir bauen das Boot auseinander,

schmeißen es in den Koff erraum und verschwinden

schnell von hier!“, rief er.

„Vergiss das Boot!“, sagte der andere. Er versetzte

dem rechten Hinterreifen des Autos, neben dem er


stand, wütend einen Tritt. „Wir müssen den Reifen

wechseln. Ausgerechnet jetzt!“

Er öff nete den Koff erraum und holte den Ersatzreifen

heraus.

Der Hund hatte inzwischen mühsam das Ufer erklommen,

schüttelte das Wasser aus seinem langen Fell

und trottete dann langsam näher. Sein Spielzeug trug

er dabei im Maul. Mitten auf der Lichtung blieb er stehen

und blickte zum Waldrand hinüber, wo sich Lisa

und Pieri versteckt hatten.

Der Hund bellte aufgeregt. Dabei ließ er sein Spielzeug

ins Gras fallen. Er rannte quer über die Lichtung

auf die beiden Kinder zu.

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„Hubertus!“, brüllte der Mann mit dem Autoreifen

hinter ihm her. „Hierher!“

Der Hund gehorchte sofort. Er blieb stehen und

kehrte dann zu seinem Besitzer zurück.

„Er ist eben ein Jagdhund“, sagte der andere Mann.

„Wird wohl irgendeinen Hasen oder so etwas entdeckt

haben.“

Pieri und Lisa atmeten erleichtert auf. Welch ein

Glück, dass der Hund so gut erzogen war!

Die beiden Männer arbeiteten viel zu schnell für Pieris

Geschmack. Wenn die Polizei nicht bald kam …

„Hoffentlich hat Gustav die Polizei wirklich angerufen“,

flüsterte Pieri.

„Fertig!“, sagte einer der Männer. Er warf sein Werkzeug

in den Kofferraum, dazu den Ersatzreifen.

„Für das Faltboot haben wir keine Zeit. Das lassen

wir hier liegen.“

„Erst will ich mich anziehen“, widersprach sein Komplize.

„Wenn wir nur in Badehosen im Auto sitzen, fällt

das auf.“

„Ach was! Anziehen kannst du dich nachher noch.

Im Auto sind genug Klamotten. Jetzt müssen wir erst

mal von hier verschwinden.“ Er öffnete die hintere Tür

des Wagens. „Steig ein, Hubertus!“, sagte er zu dem

Hund.

Diesmal gehorchte der Hund nicht. Er blickte zum

Waldrand hinüber. Jetzt hörten es auch Pieri und Lisa:

Das Motorgeräusch eines Autos. Gleich darauf tauchte

ein Fahrzeug auf dem schmalen Zufahrtsweg zum

Parkplatz auf. Ein Polizeiwagen, wie Lisa und Pieri er-

150


leichtert feststellten. Endlich! Ein zweiter Wagen folgte

dichtauf.

„Ich fürchte, jetzt gibt es gleich eine Schießerei!“,

flüsterte Pieri aufgeregt. „Im Film gibt es bei der Festnahme

immer eine Schießerei.“

„Es wird keine Schießerei geben“, sagte Lisa zuversichtlich.

Der vordere der beiden Polizeiwagen blieb dicht

neben dem Wagen der beiden Männer in ihren Badehosen

stehen. Kommissar Hilpert stieg aus. Er wirkte

sonderbar verlegen.

„Tut mir leid, dass wir Sie belästigen müssen“,

begann er. „Aber wir haben da einen Anruf bekommen

…“

Er brach mitten im Satz ab. Verwirrt sah er, dass die

beiden Männer ihre Arme hoben und dem Himmel

entgegenreckten.

„So ein Mist!“, fluchte einer von ihnen. „Ich hätte

nicht geglaubt, dass wir so schnell schon erwischt

werden.“

Kommissar Hilpert wirkte immer noch verwirrt. „Sie

sind also wirklich der Mann und die Frau, die den Supermarkt

… Sie sind festgenommen!“

Die beiden Männer ließen sich ohne Widerstand

Handschellen anlegen.

Lisa und Pieri waren inzwischen aufgestanden und

traten hinaus auf die Lichtung.

„Die beiden habe ich doch schon einmal gesehen?“,

murmelte Kommissar Hilpert und legte die Stirn in Falten.

„Wo war das nur?“

151


„Ihr beide wart es also, die unseren Reifen durchstochen

haben!“, sagte der größere der beiden Festgenommenen.

„Nein, Lisa ist völlig unschuldig“, sagte Pieri. „Wenn

jemand dafür bestraft werden soll, dann bin ich das.“

„Du bekommst keine Strafe, sondern vielleicht sogar

eine Belohnung vom Supermarkt“, sagte der Kommissar.

„Wenn du die Kerle nicht aufgehalten hättest, hätten

wir sie vielleicht nie erwischt. Aber sag mal, Kleiner:

Woher hast du gewusst, bei welchem dieser drei Wagen

du den Reifen durchstechen solltest?“

Pieri winkte ab. „Kinderspiel!“, sagte er. „Das war eine

meiner leichtesten Übungen. Aber ich habe keine Ahnung,

woher Lisa wusste, dass es bei der Verhaftung

keinen Kampf geben würde. Die beiden Männer haben

doch Pistolen!“

152

Auflösung auf Seite 243/244


Noch ein Einbruch

Die Kinder verbrachten einen angenehmen Nachmittag

in der Bärenschlucht. Sie schwammen im Fluss und

mieteten sich ein Ruderboot und fuhren damit fl ussauf

und fl ussab.

Hubertus, der Hund, leistete ihnen dabei begeistert

Gesellschaft. Er konnte seine Besitzer nicht ins Gefängnis

begleiten, und da es nun niemanden mehr

gab, der sich um ihn kümmern konnte, wollte Kommissar

Hilpert ihn eigentlich in ein Tierasyl bringen. Gustav

brachte ihn von diesem Gedanken ab und bat, den

Hund ihm zu überlassen. Der Kommissar stimmte nach

kurzem Überlegen zu. Er schien froh, dieses Problem

los zu sein.

Am späten Nachmittag radelten alle zurück zum Ferienlager.

Hubertus lief fröhlich neben ihnen her.

Herr Großmann, der Leiter des Ferienlagers, wunderte

sich sehr, den Hund zu sehen. „Wo habt ihr den

denn her?“, fragte er.

„Der ist uns zugelaufen“, antwortete Lisa.

„Wir führen an ihm eine Resozialisierungsmaßnahme

durch“, fügte Gustav hinzu. Auf den verwunderten

Blick Dr. Großmanns berichtete er: „Der Hund ist ein

Verbrecher. Ich will versuchen, aus ihm wieder einen

anständigen Menschen … Äh, ich meine, einen anständigen

Hund zu machen.“

153


„Verbrecher? Wieso denn Verbrecher? Der sieht

doch ganz freundlich und friedlich aus!“, wunderte sich

Herr Großmann.

„Seine Besitzer sind die beiden Kerle, die den Supermarkt

in Neustadt überfallen haben. Da sie jetzt im Gefängnis

sind, kümmere ich mich um den Hund.“

„Meinetwegen“, stimmte Herr Großmann zu. „Den

werden wir sicherlich auch satt bekommen. Übrigens,

heute Abend essen wir nicht im Zelt, sondern machen

ein Picknick im Freien mit Lagerfeuer und allem, was

dazugehört. Kümmerst du dich bitte darum, Gustav!“

„Dürfen wir dabei helfen?“, fragte Lisa.

„Mir ist jede Hilfe willkommen“, antwortete Gustav.

„Die Holzkohle muss eine ganze Weile glühen, bevor

wir mit dem Grillen anfangen können.“

„Was grillen wir eigentlich?“, fragte Pieri.

„Wir haben Steaks, Hühnerschenkel, verschiedene

Bratwürste …“

„Ich bin mal in München auf dem Oktoberfest gewesen“,

sagte Frank. „Dort wird in einem Zelt ein ganzer

Ochse am Spieß gebraten.“

„Einen Ochsen konnte ich auf die Schnelle nicht besorgen“,

lächelte Herr Großmann.

„Nun, dann holen wir uns eben einen Elefanten aus

dem Zirkus“, lachte Frank. „Der würde bestimmt für uns

alle reichen.“

„Barbar!“, sagte Lisa. „Kannibale!“

„Wieso denn das?“, verteidigte sich Frank grinsend.

„Kannibalen sind doch Menschenfresser, ich will aber

gar keine Menschen fressen, sondern nur Elefanten.“

154


„Meinetwegen“, lächelte Herr Großmann. „Aber einfangen

und schlachten musst du ihn schon selbst.“

Die Sonne hatte sich schon fast bis zum Horizont gesenkt,

als alle Vorbereitungen beendet waren.

„Also, holen wir jetzt das Fleisch und die Wurst und

was wir sonst noch haben!“, sagte Gustav.

Lisa und Pieri gingen mit. Neben dem Haus, in dem

Herr Großmann wohnte, lag Hubertus, der Jagdhund.

Er schlief tief und fest. Als er Schritte in seiner Nähe

hörte, öffnete er nur kurz ein Auge, blickte seine neuen

Freunde an, und schlief dann weiter.

„Er ist müde“, sagte Gustav. „Er ist viel gerannt heute

und geschwommen. Auch ein Jagdhund muss mal ausruhen.“

Gustav und die Kinder betraten das Haus und gingen

auf dem kürzesten Weg zur Küche. Frau Schulze arbeitete

dort. Sie zeigte auf eine Tür. „In der Speisekammer“,

sagte sie.

Sie ging voraus und öffnete die Tür. Dann blieb sie

erschrocken stehen.

Frau Schulze stieß einen gellenden Schrei aus, der

Herrn Großmann aus seinem nahen Büro herbeieilen

ließ. „Diebe!“, rief sie. „Räuber! Verbrecher!“ Sie deutete

empört auf ein großes leeres Tablett. „Alle Steaks sind

weg! 24 Stück! Wie kann man nur Kinder bestehlen!

Diese Leute sollten sich was schämen!“

„Sprechen Sie von ganz bestimmten Leuten?“, fragte

Herr Großmann.

„Ich wette, es war diese Bande von Jugendlichen aus

dem Ort. Sie sind mir heute Morgen schon über den

155


Weg gelaufen und haben irgendetwas von Grillen am

See gefaselt. Sie müssen durch das Fenster gekommen

sein, keine Schwierigkeit für diese jungen Burschen.

Durch meine Küche sind sie jedenfalls nicht gekommen

oder gegangen, da bin ich ganz sicher.“

„Sie sollten vorsichtiger sein mit Ihren Beschuldigungen

ohne Beweise, liebe Frau Schulze“, rügte Herr

Großmann. „Denken Sie bitte daran, dass auch Sie

selbst noch vor wenigen Tagen zu Unrecht des Diebstahls

verdächtigt worden sind.“

„Es waren nicht die Jugendlichen“, sagte Pieri.

156

Aufl ösung auf Seite 244


Später Besuch

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Auf der

Wiese zwischen dem Ferienlager und dem großen Zirkuszelt

fl ackerten etliche Feuer. Frank stand an einem

eisernen Grill und wendete mit einer großen Zange die

Bratwürste auf dem Rost.

„Schade, dass dieser verfressene Hund alle Steaks

geklaut hat“, sagte er. „Jetzt müssen wir mit dem vorlieb

nehmen, was er übrig gelassen hat.“

„Es ist noch genug da“, meinte Herr Großmann. Er

ließ es sich nicht nehmen, selbst an der Grillparty teilzunehmen.

„Da drüben an dem Lagerfeuer zum Beispiel

braten sie Kartoff eln, und die Hähnchenschenkel

sind ja auch noch da.“

„Wir könnten auch auf Franks Vorschlag mit dem Elefanten

zurückkommen“, lachte Pieri. Er blickte sich um.

„Wo steckt der Hund eigentlich? Und wo ist Gustav?“

„Gustav hat sich als Grillmeister versucht und dabei

festgestellt, dass er für diesen Job nicht viel Talent besitzt“,

antwortete Herr Großmann. „Er ist dem heißen

Rost zu nahe gekommen. Frau Schulze hat ihm Wundsalbe

auf die rechte Hand gestrichen und ihm einen

prächtigen Verband angelegt.“

„Aber zum Essen kommt er doch, oder?“, fragte Pieri.

„Sicher“, antwortete Lisa. „Aber er befürchtet, dass

Hubertus nach 24 Steaks der Bauch platzt. Er hat dem

157


Hund einen extra langen Verdauungsspaziergang verordnet.“

„Schade, dass ich meine Gitarre nicht dabei habe“,

sagte Pieri. „Ich wäre jetzt in der richtigen Stimmung,

ein bisschen Musik zu machen.“

„Ich kenne da ein schönes Lied“, schlug Frank vor. „Es

geht so: ,In einer Bar in Mexiko, da saßen wir und spielten

froh; ein Spielchen wurde gepokert, der Colt war

gelockert. Caramba‘!“

Herr Großmann lachte. „Ich fürchte, das ist nicht

der richtige Text für die jüngeren Jahrgänge unter uns.

Aber kennst du vielleicht das Lied ‚Geisterreiter‘? Das

stammt aus einem Western, den ich in meiner Jugend

einmal gesehen habe. Der Film war ziemlich langweilig,

wenn ich mich recht erinnere, aber das Lied hat mir

gefallen.“

Pieri wollte antworten, aber er kam nicht mehr dazu.

Irgend etwas Großes, Schweres rannte ihn über den

Haufen. Er stürzte zu Boden. Über ihm war ein dumpfes

Grollen und Knurren zu hören. Dann entdeckte er

in der hereinbrechenden Dunkelheit eine riesige zottige

Gestalt, die sich über ihn beugte. Aus einem mächtigen,

weit geöff neten Maul ragten zwei gewaltige

dolchartige Zähne hervor.

„Lass den Quatsch, Roberto!“, rief Pieri ärgerlich. „Ich

möchte jetzt nicht King Kong spielen, sondern endlich

was essen.“

Der Aff e wandte sich beleidigt ab. Auf allen vieren

hüpfte er hinüber zum nächsten Grill. Er streckte seine

mächtige behaarte Pranke aus, um sich eine der Brat-

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würste zu nehmen, zuckte aber erschrocken zusammen,

als er die Hitze spürte.

Aus der Dunkelheit tauchte plötzlich eine große vierbeinige

Gestalt auf. Es war Hubertus. Der Hund baute

sich vor dem Aff en auf und bellte.

Der Aff e erschrak, drehte sich um und raste, so

schnell er konnte, auf allen vieren davon. Der Hund

war schneller, erreichte ihn mit zwei langen Sätzen und

packte ihn am rechten Hinterbein. Der Aff e stürzte zu

Boden und blieb erschrocken liegen.

„Das ist nicht Roberto!“, sagte Frank. „Roberto ist Löwendompteur.

Der läuft doch nicht vor einem Hund

davon!“

159


„Du vergisst, dass Roberto auch der Clown Arlekino

ist“, widersprach Lisa. „Seine Angst ist nur gespielt. Und

der Hund spielt mit Begeisterung mit. Natürlich hat er

längst gerochen, dass unter dem Affenfell ein Mensch

steckt.“

„Es ist auch nicht Arlekino“, behauptete Pieri. „Arlekino

steht dort drüben!“

Er deutete auf den Clown, der im Halbdunkel jenseits

des Lagerfeuers stand. Jetzt kam der Clown näher.

Er ging langsam und schwerfällig wie ein wandelndes

Bierfass. Offenbar hatte er große Mühe, sich mit seinen

riesigen Schuhen vorwärtszubewegen.

„Wenn dieser Clown Arlekino ist, dann kann der

Mann im Affenkostüm auch nicht Roberto sein“, überlegte

Herr Großmann. „Denn beide sind ja ein und dieselbe

Person.“

Der Clown hatte jetzt den Affen und den Hund erreicht.

Er schob den Hund beiseite. Dann bückte er sich

zu dem Affen nieder und streichelte zärtlich seinen

Kopf.

„Armes Affe!“, sagte er. „Böses Hund dich so erschreckt.“

Plötzlich griff er mit beiden Händen zu und riss dem

Affen die Maske vom Kopf. Alle Umstehenden erkannten

jetzt Robertos fröhlich lächelndes Gesicht. Alle

lachten.

Nur dem Clown war nicht nach Lachen zumute. Er

schien vor dem Anblick des Menschen im Affenkostüm

zu erschrecken. Sofort drehte er sich um und rannte

davon.

160


Hubertus setzte ihm nach, bekam ihn an seinem

mächtigen, mit viel Watte gepolsterten Hintern zu fassen

und riss ihn zu Boden.

Roberto stand auf, immer noch lachend.

„Man hat mir erzählt, dass Lisa und Pieri große Detektive

sind“, sagte er. „Angeblich lösen sie alle Fälle.

Deshalb wollten wir sie auf die Probe stellen. Diesen

Fall jedenfalls haben sie nicht gelöst.“

„Das kann man ihnen wirklich nicht zum Vorwurf

machen“, meinte Herr Großmann. „Ich muss gestehen,

auch ich habe keine Ahnung, wer dieser Clown ist.“

„Ich schon“, sagte Pieri.

„Ja?“, staunte Herr Großmann. „Wer ist es denn,

Pieri?“

Aulösung auf Seite 245

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Keine Gitarre für Pieri

Roberto zog sein Aff enkostüm aus.

„Furchtbar heiß da drin“, schnaufte er. „Die kleine

Privatvorstellung zusammen mit Gustav und dem

Hund hat mir viel Spaß gemacht. Ich würde gern noch

ein bisschen bei euch bleiben. Aber ich muss zurück

zum Zirkus. Wie ihr hört, läuft unsere Abendvorstellung

längst. Ich muss noch meine Löwen vorführen. Das ist

einer der Höhepunkte unseres Programms.“

Er verneigte sich und ging weg, das Aff enfell unter

dem Arm.

„Er kommt nach der Vorstellung bestimmt wieder“,

sagte Lisa. „Also lasst noch ein paar Würstchen für ihn

übrig.“

Herr Großmann sah Pieri an. „Wie wär‘s, wenn auch

du uns eine kleine Vorstellung geben würdest? Mit der

Gitarre.“

„Das würde ich wirklich gerne tun“, antwortete Pieri.

„Aber ich habe keine Gitarre. Nicht einmal eine Mundharmonika.“

„Mein älterer Bruder kann sogar auf einem Grashalm

Musik machen“, verkündete Frank stolz.

„Gras hätten wir hier genug, aber leider leiden wir

einen gewissen Mangel an älteren Brüdern“, meinte

Herr Großmann. „Mit einer Gitarre für Pieri kann ich

aber dienen. Die Polizei in Neustadt hat die beschlag-

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nahmten Musikinstrumente wieder freigegeben. Hannes

ist losgefahren, um sie zu holen. Er ist schon auf

dem Weg zurück.“

Aus der Dunkelheit näherte sich die Gestalt eines

Mannes. Als die Gestalt in den Lichtschein der Lagerfeuer

trat, erkannten die Kinder, dass es sich um Wachtmeister

Anders handelte.

„Nun, Herr Anders, so spät noch in Uniform?“, begrüßte

ihn Herr Großmann.

„Ein Polizist ist immer im Dienst“, antwortete der

Wachtmeister. „Ich bin nur gekommen, um Sie zu warnen.

Die beiden Kerle, die heute Vormittag den Supermarkt

überfallen haben, sind geflohen.“

„Aus Polizeigewahrsam?“, wunderte sich Herr Großmann.

Anders nickte bekümmert. „Sollte nicht vorkommen,

aber es kommt vor. Also, was ich sagen wollte …“

Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.

Hubertus, der bisher zu Füßen von Lisa gelegen

hatte, sprang plötzlich auf und rannte freudig bellend

davon. Nach wenigen Sekunden war er in der Dunkelheit

verschwunden.

„Was ist denn mit dem los?“, wunderte sich der

Wachtmeister.

„Er hat wohl einen Hasen entdeckt und rennt jetzt

hinter ihm her“, meinte Pieri.

„Glaube ich nicht“, widersprach Herr Großmann. „Ein

gut abgerichteter Jagdhund rennt nicht hinter Wild

her. Er apportiert kleines Wild, das der Jäger geschossen

hat, oder folgt der Spur eines angeschossenen Tie-

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es. Hubertus muss also etwas anderes entdeckt haben,

was ihn interessiert.“

„Also, was ich sagen wollte …“ Wachtmeister Anders

nahm mühsam seinen Faden wieder auf. „Die beiden

fl üchtigen Räuber haben in Neustadt einen Wagen

geklaut. Weit sind sie aber auch diesmal nicht gekommen.

Mit gestohlenen Autos haben sie immer Pech. Die

Kiste hatte hier in Bergheim einen Motorschaden. Ich

nehme an, dass sie sich einen weiteren Wagen klauen

werden.“

Pieri blickte angestrengt hinüber zu Dr. Großmanns

Haus. Ein Kleinbus stand vor der weit off enen Tür. „Hannes

ist wieder zurück!“, jubelte Pieri aufgeregt. „Mit einer

Gitarre für mich!“

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Plötzlich schlug sich Pieri mit der fl achen Hand

auf die Stirn. „Das sind die fl üchtigen Räuber!“, rief er.

„Kommen Sie schnell, Herr Wachtmeister!“

Er rannte los, auf das Haus zu. Wachtmeister Anders

sah ihm einige Sekunden lang verblüff t hinterher, dann

setzte auch er sich in Bewegung. Gleich darauf fuhr der

Kleinbus vor dem Haus an, fuhr eine enge Kurve und

raste dann davon.

Aus der Tür des Hauses kam Hannes. „Halt!“, rief er.

„Ihr Diebe!“ Er schwang drohend seine Faust. Lautes Lachen

antwortete ihm. Dann verschwand der Wagen.

„Na ja, wenigstens brauchten wir uns das Kennzeichen

des Fluchtautos nicht aufzuschreiben“, sagte

Wachtmeister Anders. „Das kennst du doch hoff entlich

auswendig, Hannes, oder?“

Hannes nickte bekümmert. „Hoff entlich fahren die

Kerle meinen schönen Wagen nicht an einen Baum“,

fl üsterte er betrübt.

„Warum hast du den Zündschlüssel nicht abgezogen?“,

fragte der Wachtmeister.

„Warum hätte ich das tun sollen? Ich wollte doch

nur die paar Instrumente in das Haus tragen und dann

nach Hause fahren. Wer kommt denn auf die Idee, dass

der Wagen in den paar Sekunden geklaut wird, in denen

ich im Haus bin! Übrigens, was ist das für ein Hund,

der da jetzt bei den beiden Kerlen im Auto sitzt?“

Wachtmeister Anders sah Pieri an. „Ja, was ist das

für ein Hund?“, fragte auch er. „Und woher hast du gewusst,

dass es sich um die beiden Räuber handelt?“

Aufl ösung auf Seite 246

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Pech gehabt!

Wachtmeister Anders zog sein Handy aus der Tasche,

um seine Dienststelle anzurufen. „Zu blöd, dass die

Kerle uns schon wieder entwischt sind!“, ärgerte er sich.

„Die kommen nicht weit“, sagte Hannes. Obwohl

ihm eben sein Kleinbus gestohlen worden war, konnte

er schon wieder grinsen. „Mein Tank ist nämlich fast

leer. Die Kerle werden staunen, wenn die Kiste plötzlich

stehen bleibt.“

„Diese Gauner haben wirklich Pech mit ihren Fluchtfahrzeugen“,

grinste nun auch der Wachtmeister. „Wir

werden also alle Tankstellen in der Umgebung warnen.

Irgendwo schnappen wir sie.“

Es war ein schöner Abend für die Kinder, mit einer

Menge heißer gegrillter Würstchen, kalter Getränke und

spannender Geschichten von Räubern auf der Flucht.

Ein paar Stunden später, es mochte Mitternacht

sein, lag Pieri im dunklen Schlafzelt. Er träumte davon,

dass er am Ufer des Sees lag, in den blauen Himmel hinaufschaute

und, von der Sonne geblendet, die Augen

schloss. Irgend etwas Nasses, Kaltes leckte ihm über

das Gesicht. Das sagenhafte Krokodil vielleicht, das

da im See herumschwimmen sollte, wie die Einheimischen

behaupteten?

Pieri fuhr erschrocken aus dem Schlaf hoch. Er öff -

nete die Augen. Rings um ihn war es stockfi nster. Er be-


griff, dass er nicht am Strand lag, sondern im Schlafzelt.

Nur die breite Zunge, die ihm über das Gesicht fuhr,

war noch da.

„Hau ab, Krokodil!“, murmelte er schlaftrunken. Er

versuchte, dieses widerliche Vieh wegzuschieben, aber

das, was seine Hand berührte, war nicht der knochige

Panzer eines Krokodils, sondern das haarige Fell eines

Hundes.

„Hubertus!“, rief er erfreut. „Du bist wieder hier?“

Eine Taschenlampe leuchtete auf. Sie gehörte Manuel,

der im Bett neben ihm geschlafen hatte. „Er ist

seinen Besitzern davongelaufen“, sagte er. „Er will wohl

nicht mehr bei zwei Verbrechern leben.“

„Ich glaube nicht, dass Hunde so denken“, widersprach

Pieri. „Denen ist es gleichgültig, ob ihr Herrchen

ein Schuft ist oder ein anständiger Mensch. Wenn Hubertus

wieder hier ist, sind auch seine Besitzer wieder

hier.“

„Was um alles in der Welt wollen die hier?“, fragte

Manuel. Er blickte sich ängstlich um.

„Weiß ich nicht“, antwortete Pieri. „Ich sehe mich

draußen ein bisschen um. Informiere du inzwischen

Herrn Großmann, Gustav oder einen der anderen Betreuer!“

Er stand auf und tappte barfuß hinter dem Hund

her, der schwanzwedelnd zum Eingang des Zelts lief. Er

sah nicht, dass Manuel sich wieder hingelegt und die

Decke über den Kopf gezogen hatte.

Hubertus schien genau zu wissen, wohin er wollte.

Er lief durch das ganze Ferienlager und dann das kurze

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Stück hinüber zum Zirkus, an dem großen Zelt mit der

Manege vorbei und dann weiter zu den Wohnwagen.

Pieri hatte Mühe, ihm zu folgen.

Nur in zwei der Wohnwagen der Artisten brannte

noch Licht. Der Hund lief an ihnen vorbei zu dem Platz,

wo die Fahrzeuge des Zirkus standen. Dort blieb er

stehen und blickte zu Pieri auf, als wolle er ihm etwas

Wichtiges zeigen. Da Pieri nicht verstand, was es da im

Dunkeln zu sehen geben mochte, senkte Hubertus den

Kopf und hob mit seinem Maul einen dünnen länglichen

Schlauch vom Boden auf. Der Schlauch stank

nach Benzin.

Eine kräftige Hand packte Pieri im Genick. „Hab ich

dich erwischt! Willst wohl Benzin klauen, wie?“

„Was sollte ich mit Benzin?“, fragte Pieri zurück. „Lass

mich los, Roberto! Du hast den Falschen erwischt.“

„Pieri?“, wunderte sich der Dompteur. „Was treibst

du hier?“

Anstatt zu antworten, blickte Pieri um sich. „Wo ist

der Hund?“, fragte er.

Fast im gleichen Augenblick, in dem Pieri zum

nächststehenden Wohnwagen hinüberblickte, erlosch

in diesem das Licht. „Da drin sind die Räuber“, fl üsterte

Pieri.

„Die schnappe ich mir“, fl üsterte Roberto ebenso

leise zurück. Er ging mit schnellen, lautlosen Schritten

weg – fast so geräuschlos wie seine Löwen. Er erreichte

die Tür des Wohnwagens und riss sie auf.

Undurchdringliche Dunkelheit gähnte ihm entgegen.

Er spürte einen widerlichen Geruch von Benzin

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und einen leichten Luftzug. Dann erkannte Roberto,

dass sich eben eine menschliche Gestalt durch das

kleine Fenster auf der anderen Seite des Wohnwagens

schob. Mit zwei schnellen Schritten war er am Fenster

und griff zu. Aber er griff ins Leere.

Er erwartete, Schritte zu hören, die sich schnell entfernten,

aber Roberto hörte nur das Geräusch eines

schweren Körpers, der zu Boden stürzte. Dann eine

junge Stimme: „Ich hab ihn! Hilfe!“

Pieri lag quer über dem Mann, den er über sein ausgestrecktes

Bein hatte stolpern lassen. Er versuchte,

den Mann mit seinem Körpergewicht auf den Boden

niederzudrücken, aber er wusste, dass ihm das nicht

lange gelingen würde. Erleichtert atmete er auf, als

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zwei kräftige Männer auftauchten und ihm zu Hilfe kamen.

Einer von ihnen war Roberto, Raubtierdompteur

und Clown, der andere der Mann, der für die Elefanten

zuständig war.

Weitere Artisten kamen mit Lampen in den Händen

herbei. Im Licht dieser Lampen erkannte Pieri, dass der

Mann, den Roberto und der Elefantenwärter festhielten,

tatsächlich einer der beiden entflohenen Räuber war.

„Warum ist der Kerl wieder zurückgekommen?“,

wunderte sich Roberto.

„Er brauchte Benzin für sein gestohlenes Fluchtauto“,

antwortete Pieri und stieß mit dem Fuß gegen den vollen

Benzinkanister, der auf dem Boden lag. „Sein Komplize

wartet wahrscheinlich beim Auto auf ihn.“

„Ich hatte meinen Wohnwagen nur für ein paar Minuten

verlassen“, sagte der Elefantenwärter, „um nach

meinen Elefanten zu sehen. Das mache ich jede Nacht.

Der Kerl da muss mich gesehen haben, wie ich wegging,

und kam auf den Gedanken, sich in meiner Abwesenheit

ein bisschen in dem Wagen umzusehen, ob es

da was zum Stehlen gäbe.“

Der Gefangene starrte Pieri finster an. „Dieser Bengel

kommt mir dauernd in die Quere“, ärgerte er sich.

„Den Polizisten konnten wir entfliehen, aber dem da …“

„Sag mal, Pieri, woher hast du gewusst, dass der Bursche

in diesem Wohnwagen ist?“, fragte Roberto.

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Auflösung auf Seite 246/247


Ausgeflogen?

„Was ist los mit dir, Pieri?“, fragte Lisa am nächsten Morgen

beim Frühstück. „Bist du krank?“

„Manchmal redest du wie meine Mutter“, antwortete

Pieri missmutig. „Nein, ich bin nicht krank.“

„Aber das Essen scheint dir nicht zu schmecken.“

„Das Essen ist in Ordnung. Ich habe nur keinen richtigen

Appetit.“

„Wenn man mitten in der Nacht einen fl üchtigen

Räuber gefangen hat, sollte man eigentlich Appetit haben

– und bessere Laune“, meinte Frank, der Pieri gegenübersaß.

„Außerdem hat jetzt Gustav dank deiner Hilfe Hubertus

wieder“, fügte Romy hinzu. „Mir scheint, er mag

den Hund wirklich, und der Hund mag ihn auch.“

„Jeder bekommt also, was ihm zusteht“, sagte Pieri,

immer noch schlecht gelaunt. „Der Räuber bekommt

seine verdiente Strafe, Gustav seinen geliebten Hund,

der Hund einen neuen Herrn, der ihn sicherlich viel

besser behandeln wird als seine bisherigen Herren,

aber was bekomme ich? Nichts!“

„Hast du etwa eine polizeiliche Belohnung erwartet?“,

fragte der kleine Manuel.

„Nein, nur eine Gitarre. Hannes hatte mehrere Gitarren

in seinem Wagen, aber da der Wagen geklaut

wurde …“

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„ …wirst du wahrscheinlich keine dieser Gitarren je

zu sehen bekommen“, vollendete Frank den Satz. „Die

Diebe sind vielleicht 50 Kilometer oder weiter gefahren,

bevor ihnen der Treibstoff ausging.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach Lisa. „Niemand

läuft mit einem Blechkanister 50 Kilometer weit durch

die Nacht, um irgendwo Benzin zu stehlen. Eine Stunde

vielleicht, aber nicht länger.“

„Warum hat er sich das Benzin nicht einfach an der

nächsten Tankstelle besorgt?“, fragte Manuel.

„Er hat es wohl nicht gewagt, sich dort blicken zu

lassen“, vermutete Lisa. „Oder er ist auf seinem Weg an

keiner Tankstelle vorbeigekommen.“

„Das ist es!“, sagte Pieri. Von einem Augenblick auf

den anderen war er bester Laune. „Er ist eine Stunde

lang durch den nächtlichen Wald gelatscht. Im Wald

gibt es keine Tankstellen. Frech wie er ist, ist er dann

nach Bergheim zurückgekehrt. Genauer gesagt, hierher.“

„Das bringt dich deiner heiß ersehnten Gitarre keinen

Schritt näher“, meinte Frank. „Wald gibt es in dieser

Gegend genug. Wie willst du da bloß Hannes Kleinbus

finden?“

„Du hast zu wenig Fantasie“, sagte Pieri. „Versetze

dich doch mal in die Lage des zweiten Gauners, der

bei dem gestohlenen Wagen zurückgeblieben ist. Er

hat ein paar Stunden lang gewartet, dass sein Komplize

mit dem Benzin zurückkommen würde. Irgendwann

hat er dann begriffen, dass er vergeblich warten

würde …“

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„Vielleicht hat er auch im Autoradio gehört, dass

sein Komplize geschnappt wurde“, warf Frank ein.

„Also musste er sich ein Versteck suchen, wo er ein

paar Stunden oder Tage bleiben konnte“, überlegte

Pieri weiter. „Und es gibt für ihn kein besseres Versteck

als die einsame Jagdhütte, vor der Lisa und ich ihn

schon einmal gesehen haben.“

„Aber die Polizei kennt doch diese Hütte“, wandte

Romy ein. „Dort wird er sich ganz bestimmt nicht verstecken.“

„Wenn die Polizei genauso denkt wie du, wird sie ihn

dort niemals suchen. Also ist er nirgendwo so sicher

wie dort.“

„Dann sollten wir die Polizei informieren!“, schlug

Manuel begeistert vor.

„Die würde uns nicht glauben“, meinte Lisa. „Dieser

Kommissar Hilpert hält nicht viel von uns. Er würde uns

einfach auslachen.“

„Dann müssen wir ihm eben den Beweis liefern, dass

der flüchtige Räuber sich in der einsamen Jagdhütte

versteckt hält“, sagte Pieri. „Aber dafür muss ich mich

erst einmal kräftig stärken!“ Er machte sich mit plötzlich

erwachtem Appetit über sein Frühstück her.

Schon eine Stunde später waren Lisa, Romy, Frank,

Pieri und Manuel mit den Fahrrädern unterwegs auf

dem abschüssigen Waldweg, der zur Bärenschlucht

führte. Niemand begegnete ihnen. Romy sang fröhlich

einen Schlager.

„Schrei nicht so laut!“, schimpfte Pieri. „Wir sind nicht

mehr weit von der Jagdhütte entfernt.“

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„Ich schreie nicht, ich singe“, antwortete Romy beleidigt.

„Aber du verstehst eben nichts von Kunst.“

„Nicht alles, was Lärm macht, ist Kunst. Wahre Kunst

…“

Pieri brach mitten im Satz ab und bremste. So plötzlich,

dass Manuel fast auf ihn aufgefahren wäre. Pieri

deutete nach links in einen Waldweg, der ihren eigenen

Weg kreuzte. Ein Auto stand dort, kaum zu sehen

im dichten Schatten der Bäume.

„Das ist der Kleinbus von Hannes“, fl üsterte er aufgeregt.

Er musste sich zusammenreißen, um nicht vor

Freude laut zu schreien. „Hoff entlich sind die Musikinstrumente

noch da!“

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„Deine Gitarre kannst du dir später holen“, bremste

Lisa seinen Eifer. „Erst müssen wir nachsehen, ob der

Räuber wirklich in der Jagdhütte ist. Er war hier, das

steht fest, aber er könnte schon längst wieder weitergezogen

sein.“

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Kinder die

Lichtung erreichten, auf der die Blockhütte stand. Aus

der sicheren Deckung dichter Büsche am Waldrand

blickten sie hinüber.

„Hier ist keine Menschenseele“, stellte Frank enttäuscht

fest. „Fenster und Türen sind verrammelt wie

bei einer Burg. Es muss stockfi nster in der Bude sein.

Wenn da drin ein Licht brennen würde, müsste der

Lichtschein durch die Ritzen der Fensterläden dringen.“

„Er ist da drin!“, sagte Pieri. „Er hat eben sein Frühstück

beendet, das Licht gelöscht und sich schlafen gelegt.“

Aufl ösung auf Seite 247

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Knastbrüder

Lisa schaltete enttäuscht ihr Handy aus. „Mir scheint,

dieser Kommissar Hilpert glaubt mir nicht“, sagte sie.

„Vielleicht kommt er gar nicht.“

„Die hätten ja auch viel zu tun, wenn sie sofort losrennen

würden, wenn jemand anruft und behauptet

zu wissen, wo ein fl üchtiger Verbrecher steckt“, meinte

Frank. „Schließlich haben wir den Mann, den wir da

drüben in der Jagdhütte vermuten, überhaupt nicht

gesehen. Vielleicht ist er gar nicht mehr …“

Noch während Frank redete, öff nete sich drüben bei

der Hütte die Tür. Nur einen schmalen Spalt weit zuerst,

dann, nach einigen Sekunden, trat ein Mann heraus.

„Das ist er!“, fl üsterte Lisa. „Ich erkenne ihn wieder.“

Die Kinder duckten sich tiefer in ihre Deckung hinein.

Der Mann drüben bei der Hütte blickte sich misstrauisch

um. Dann zog er die Tür hinter sich zu und

ging hastig weg. Er trug jetzt grüne Jägerkleidung und

auf dem Rücken ein doppelläufi ges Jagdgewehr.

„Warum sperrt er denn die Tür nicht hinter sich ab?“,

fl üsterte Manuel. „Hat er denn keine Angst, dass jemand

in seiner Abwesenheit die Bude ausraubt? Er

sollte eigentlich am besten wissen, dass es eine Menge

Gauner auf der Welt gibt.“

„Er hat keinen Schlüssel“, sagte Lisa. „Den hat ihm ja

die Polizei bei seiner Verhaftung abgenommen.“


„Er haut uns schon wieder ab“, ärgerte sich Frank.

„Wir sollten ihm folgen, um herauszufinden, wohin er

geht.“

„Ihm folgen?“, wiederholte Manuel entsetzt. „Einem

Verbrecher mit einem Gewehr? Ohne mich!“

„Das ist Sache der Polizei“, sagte Lisa. „Ich rufe noch

einmal diesen Kommissar Hilpert an und sage ihm,

dass wir den flüchtigen Verbrecher gesehen haben.“

Der Mann in der Jagdkleidung hatte inzwischen

die kleine Lichtung überquert und war im Wald verschwunden.

„Gehen wir in die Hütte!“, schlug Pieri vor. „Vielleicht

finden wir dort etwas, was uns verrät, wohin der Mann

abhauen wird.“

„In die Höhle des Löwen?“, fragte Romy. „Ich trau

mich nicht. Er könnte zurückkommen.“

„Alles ist besser, als ihm zu folgen“, meinte Manuel.

„Außerdem, hier im feuchten Moos zu liegen … Vielleicht

kriechen hier auch ein paar Giftschlangen durch

das Unterholz …“

Die anderen lachten. Frank, Pieri, Romy und Manuel

standen auf und gingen zur Hütte hinüber. Nur Lisa

blieb noch zurück, um noch einmal in Ruhe die Polizei

anzurufen.

„Ich bin noch nie in einer Jagdhütte gewesen“, sagte

Frank, als er die Tür öffnete.

„Ich bin überhaupt noch nie in einem fremden Haus

gewesen ohne Erlaubnis des Eigentümers“, meinte

Romy. „Vielleicht machen wir uns durch unser Eindringen

hier strafbar.“

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„Gewiss nicht“, widersprach Pieri. „Wir wollen doch

nichts stehlen.“

Frank blickte sich in dem einzigen Raum der kleinen

Hütte um. Es war ziemlich dunkel hier, aber durch die

off ene Tür fi el genügend Licht, um die schlichte Einrichtung

erkennen zu können. „Sieht aus wie eine Blockhütte

in den Wildwestfi lmen“, sagte er. „Wände aus

Baumstämmen, hölzerner Fußboden, ein altmodischer

Ofen, mit Holz geheizt, selbstgezimmerte Möbel …“

„Und als einziger Schmuck Fotos an den Wänden“,

ergänzte Romy. „Und auf allen Fotos die beiden Kerle,

die den Supermarkt überfallen haben. Mal einer allein,

mal beide zusammen, mal in Gesellschaft von Freunden.“

Sie deutete auf eines der Fotos.

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„Die Kerle waren also zusammen im Gefängnis“,

sagte Frank. „Sie scheinen sich wirklich wohlzufühlen,

ihrem Grinsen nach zu schließen. Na ja, bald werden sie

wieder dort sein.“

„Das Foto wurde nicht in einer Gefängniszelle gemacht“,

sagte Pieri. „Die Aufnahme entstand in Schnapslaune

im Karneval.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Romy.

„Diese Gefängniskleidung“, antwortete Pieri. „Diese

Querstreifen – so sehen doch nur Gefangene in Zeichentrickserien

aus.“

„Woher willst du wissen, was die Gefangenen heutzutage

anhaben?“, fragte nun auch Frank. „Warst du

schon mal im Knast?“

„Nein“, antwortete Pieri. „Meines Wissen war noch

niemand aus meiner Familie jemals eingesperrt. Aber

seht euch doch mal das Foto genauer an! Dann wisst

ihr, dass es nicht in einer Gefängniszelle entstanden

ist.“

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Auf heißer Spur

Die Kinder hatten die Fensterläden der Blockhütte geöff

net, damit mehr Licht in das Innere fi el. Jetzt begannen

sie, sich genauer umzusehen.

„Nicht einmal einen Kühlschrank haben sie hier“,

sagte Frank. „Na ja, was sollen sie auch mit einem Kühlschrank,

wenn sie keinen Strom haben.“

„Es gibt hier auch keine Waff en mehr“, fügte Manuel

hinzu.

„Ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich das

Fehlen von Waff en bedauere“, meinte Romy.

Lisa betrachtete die Fotos, die an der Wand hingen.

„Der Besitzer der Hütte hat off enbar das gleiche

Hobby wie du, Pieri“, sagte sie schließlich. „Fotografi

eren.“

„Falsch“, widersprach Pieri. „Mein Hobby ist Fotografi

eren, seines Fotografi ertwerden. Er ist auf jedem dieser

Fotos zu sehen. Off enbar ein ziemlich eingebildeter

Kerl.“

„Er wird sein Foto bald in der Zeitung bewundern

können“, lachte Frank. „Gleich nach seiner Verhaftung.“

Auch Pieri sah sich die Fotos der Reihe nach an. Vor

einem Bild blieb er stehen. Es zeigte den fl üchtigen

Räuber zusammen mit einem Bekannten. Die beiden

saßen an einem Tisch vor einem kleinen Haus und tranken

Bier aus Flaschen.


Die Kinder waren so damit beschäftigt, die Blockhütte

zu durchstöbern, dass sie erschraken, als plötzlich

der Schatten eines Mannes durch die off ene Haustür

fi el. War der Räuber zurückgekommen?

Pieri atmete erleichtert auf, als er den Mann erkannte.

Es war Kommissar Hilpert. Hinter ihm folgten

weitere Männer, einer in Uniform, einer in Zivil.

Hilpert blickte sich missmutig um.

„Nun, wo ist der fl üchtige Räuber?“, fragte er.

„Abgehauen“, antwortete Frank.

„Falls er überhaupt jemals da war“, murmelte der

Kommissar.

„Doch, er war da!“, versicherten die Kinder im Chor.

„Wir haben ihn gesehen.“

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„Er machte sich davon, als wir gerade gekommen

waren“, fügte Lisa hinzu.

„Er hatte wohl furchtbare Angst vor euch“, spottete

der Kommissar.

„Bestimmt nicht“, sagte Frank. „Er hatte ein doppelläufiges

Jagdgewehr bei sich.“

„Sieht aus, als sei er entschlossen, sich keinesfalls

wieder verhaften zu lassen“, überlegte einer der Polizisten.

„Vielleicht will er sich auch mit Gewalt ein Fahrzeug

verschaffen, um für immer aus dieser Gegend zu

verschwinden.“

„Nein“, widersprach Pieri. „Ich glaube, er hat seine

Flinte nur dabei, um nicht aufzufallen.“

Kommissar Hilpert lachte schallend. „Ja, wenn ich

nicht auffallen will, trage ich auch immer ein Gewehr

mit mir herum. Wer achtet schon auf einen Mann mit

Gewehr!“

„In der Stadt jeder, im Wald niemand“, antwortete Pie ri

gelassen. Er ließ sich von dem Spott des Kommissars

nicht beirren. „Der Mann ist schließlich Jäger. Wahrscheinlich

kennen ihn viele Leute in dieser Gegend und

haben ihn schon oft mit einer Jagdwaffe gesehen.“

„Mag sein“, stimmte Hilpert zu. „Aber das macht ihn

nicht weniger gefährlich.“

„Der Mann ist ein Gauner, aber nicht gewalttätig“,

sagte Pieri. „Bei dem Überfall im Supermarkt hatten

er und sein Komplize nur Spielzeugwaffen dabei. Sie

dachten also nicht im Traum daran zu schießen.“

„Da haben sie ja auch noch nicht befürchtet, festgenommen

zu werden“, beharrte der Kommissar. „Aber

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wir sollten keine Zeit mehr mit unnützem Gerede verschwenden,

sondern uns auf die Suche nach dem Kerl

machen. Da er zu Fuß ist, kann er noch nicht weit sein.“

„Er ist auf dem Weg zum Bootsverleih in der Bärenschlucht“,

sagte Pieri. „Dort können Sie ihn dann festnehmen.“

Der Kommissar lächelte spöttisch. „Er hat dir also erzählt,

was er vorhat?“

„Ja“, antwortete Pieri. „Mit diesem Bild hier an der

Wand.“

Kommissar Hilpert blickte auf das Bild, auf das Pieri

zeigte.

„Ja, der eine der beiden Männer darauf ist der Bursche,

den wir suchen. Der andere wohl ein Freund von

ihm. Aber das hilft uns nicht weiter. Wir wissen weder,

wer der zweite Mann ist, noch, wo das Foto aufgenommen

wurde.“

„Doch, das wissen wir“, widersprach Pieri.

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Ein Männlein

steht im Walde

„Ich bin wirklich neugierig, ob dieser Kommissar Hilpert

es schaff t, den Räuber zu fangen“, sagte Lisa. „Er

scheint mir nicht gerade der schlaueste unter allen Polizisten

zu sein.“

„Ich wäre gern bei der Festnahme dabei“, überlegte

Frank. „So was erlebt man schließlich nicht jeden Tag.

Wenn wir uns beeilen, kommen wir vielleicht noch

rechtzeitig.“

„Ohne mich!“, widersprach Romy. „Vielleicht kommt

es doch zu einer Schießerei. Immerhin hat er ein Gewehr.“

„Wir können die Festnahme wirklich der Polizei

überlassen“, meinte Pieri. „Ich schlage vor, wir fahren

zurück zum Lager.“

„Mir gefällt es hier in dieser Blockhütte“, sagte Manuel.

„Meinetwegen könnten wir noch ein paar Stunden

hierbleiben.“

„Dann kämen wir zu spät zum Mittagessen“, wandte

Pieri ein.

„Dich lockt nicht das Mittagessen, sondern die Musikinstrumente

in Hannes’ Kleinbus“, sagte Manuel. „Du

willst dir endlich die Gitarren ansehen.“

„Klar!“, nickte Pieri und grinste. „Gitarren sind mir lieber

als Knarren.“


„Was sind Knarren?“, fragte Romy.

„So nennen Gangster in den Filmen immer ihre

Schusswaffen“, belehrte sie Manuel. „Siehst du denn

nie fern?“

„Doch, aber keine Gangsterfilme. Viel lieber sind mir

Quizsendungen. Aber darin ist das Wort ‚Knarre‘ noch

nie vorgekommen.“

Die Diskussion ging noch eine Weile weiter. Frank

wollte zur Bärenschlucht, Manuel wollte in der Blockhütte

bleiben, und Pieri wollte zum Ferienlager zurück.

Pieri blieb Sieger, weil Lisa und Romy sich seiner Meinung

anschlossen.

Nach kurzem Weg durch den Wald erreichten sie

die Stelle, wo sie ihre Fahrräder zurückgelassen hatten.

Pieri fuhr voraus. Er hatte es ungewöhnlich eilig heute,

die vier anderen konnten ihm kaum folgen.

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An dem Waldweg, auf dem die beiden Räuber den

Kleinbus mit dem leeren Tank zurückgelassen hatten,

bog Pieri nach rechts ab. Erleichtert sah er, dass der Wagen

noch da war. Zu seiner Überraschung öff nete sich

die Fahrertür des Wagens, und ein Mann stieg aus.

Es war nicht Hannes, der Besitzer. Pieri hatte ihn

noch nie gesehen. Der Mann hielt eine Gitarre in der

linken Hand.

Er schien ein wenig verblüff t zu sein, als er die fünf

Kinder sah, die auf ihn zukamen. Er bückte sich, legte

die Gitarre schnell zurück und schlug die Tür zu.

„Was seid ihr denn für eine Rasselbande?“, fragte er,

als die Kinder bei ihm angekommen waren.

„Wir sind die, die den Fall aufgeklärt haben“, antwortete

Manuel.

„Durch unsere Hinweise wird der Kerl, der diesen

Wagen hier geklaut hat, gerade von der Polizei verhaftet“,

fügte Romy hinzu.

Pieri lehnte sein Rad an einen Baumstamm und

blickte in das Innere des Wagens. Erleichtert stellte er

fest, dass die Musikinstrumente noch da waren.

„Sie sind auch von der Polizei, nicht wahr?“, fragte

Manuel.

Der Mann schien ein wenig verwirrt zu sein. Dann

nickte er. „Ja“, bestätigte er. „Ich bin hier geblieben, um

zu verhindern, dass der Wagen wieder geklaut wird.“

„Und Sie nehmen Fingerabdrücke am Lenkrad, am

Schalthebel und sonst überall im Wagen für den Fall,

dass die Diebe alles abstreiten, nicht wahr?“, fragte Manuel

weiter.

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„So ist es“, nickte der Mann. „Du scheinst dich ja in

der Polizeiarbeit auszukennen.“

„Das kommt daher, dass ich mir im Fernsehen gelegentlich

auch Krimis ansehe, und nicht diese langweiligen

Quizsendungen“, sagte Manuel mit einem spöttischen

Blick auf Romy.

Der Mann blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr.

„Solltet ihr euch nicht auf den Heimweg machen?“,

fragte er. „Eure Eltern warten bestimmt schon mit dem

Mittagessen.“

„Aber nein“, sagte Romy. „Wie Sie wissen, sind wir

hier in einem Ferienlager.“

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„Das weiß er eben nicht“, sagte Pieri. „Er ist nicht von

der Polizei.“

Der Mann versuchte zu grinsen. „Soll ich dir meinen

Dienstausweis zeigen?“, fragte er.

„Das wird schwierig sein, da Sie keinen Dienstausweis

haben. Sie gehören nicht zu der Polizei, schon

gar nicht zu den Leuten von Kommissar Hilpert. Sonst

wüssten Sie, wer wir sind. Sie wüssten auch, dass dieser

Kleinbus hier gestohlen ist und dass kein Benzin mehr

im Tank ist.“

„Doch, das weiß ich!“, beharrte der Mann.

„Ja, seit Sie versucht haben wegzufahren. Dann

haben sie beschlossen, wenigstens eines der Musikinstrumente

zu klauen. Besser eine Gitarre als gar keine

Beute. Aber leider sind wir dazwischengekommen.“

„Du kommst dir wohl sehr schlau vor, wie?“, sagte

der Mann verärgert. „Aber du solltest wissen, dass solche

Beschuldigungen nichts wert sind, wenn man

keine Beweise hat.“

„Die Beweise habe ich“, sagte Pieri. „Sie selbst haben

sie geliefert.“

188

Auflösung auf Seite 249


Künstlerpech

Pieri saß auf seinem Feldbett im Schlafzelt und klimperte

auf der Gitarre, die ihm Herr Großmann geliehen

hatte. Es war eine gute Gitarre, und es machte ihm

Spaß, darauf zu spielen. Ebenso viel Spaß hätte es ihm

aber gemacht, zum See zu gehen wie einige seiner

Freunde und dort ein bisschen zu schwimmen.

Plötzlich kam ihm eine Idee. Warum sollte er nicht

beides miteinander verbinden? Ein bisschen schwimmen,

ein bisschen Gitarre spielen, dann vielleicht Fußball

mit seinen Freunden und dann ein kleines Konzert

auf der Gitarre!

Entschlossen stand Pieri auf, klemmte sich die Gitarre

unter den Arm und verließ das Zelt.

Von dem nahen Haus, in dem Dr. Großmann seine

Wohnung und seine Diensträume hatte, kam Gustav. Er

trug eine Sporttasche.

„Wohin willst du denn mit der Gitarre?“, fragte Gustav

erstaunt.

„Zum See“, antwortete Pieri.

„Dann musst du die Gitarre leider hierlassen. Ins

Wasser kannst du sie ja nicht mitnehmen. Aber während

du im See schwimmst, könnte ihr allerlei zustoßen.

Jemand könnte zum Beispiel beim Ballspielen darauftreten.

Du hast doch sicher keine Lust, den Schaden

zu bezahlen, oder?“

189


Pieri schüttelte den Kopf.

„Ich bringe die Gitarre ins Haus zurück“, sagte Gustav.

„Dann gehe ich auch zum See. Wenn du auf mich

wartest, können wir gemeinsam gehen.“

Wieder schüttelte Pieri den Kopf. Im Augenblick war

ihm nicht nach Gesellschaft zumute. Er reichte Gustav

die Gitarre und ging weiter.

Um zum See zu kommen, musste er durch die kleine

Ortschaft Bergheim. Er befand sich etwa in der Mitte

der Stadt, als er in einer Seitenstraße ein kurzes wildes

Hupen hörte, dann, unmittelbar darauf, das Geräusch

eines hart abbremsenden Autos, dessen Räder über

den Asphalt rutschten. Wieder einen Sekundenbruchteil

später folgte ein dumpfer Aufschlag und sofort darauf

ein Lärm, als habe ein Riese mit einem gewaltigen

Hammer auf einen Haufen Blech eingeschlagen.

Ein Verkehrsunfall!

Pieri rannte los. Er erreichte die Querstraße und bog

in sie ein. Jetzt sah er einen weißen Sportwagen, der

mit seiner rechten Hälfte auf dem Gehsteig stand. Mit

der vorderen Stoßstange war er gegen ein Verkehrszeichen

geprallt.

Pieri erkannte den Sportwagen wieder, nicht nur an

dem hässlichen Kratzer an der rechten Tür. Er erkannte

auch den Besitzer, der eben ausgestiegen war.

Als Pieri ankam, hatten sich bereits mehrere Leute

um den Wagen versammelt. Erleichtert stellten sie fest,

dass off enbar niemand zu Schaden gekommen war.

Der Besitzer des Wagens blickte sich suchend um.

„Wo ist der Bengel?“, fragte er. Er blickte nur in ver-

190


ständnislose Gesichter. „Der Bengel, der plötzlich über

die Straße ging, ohne nach links und rechts zu schauen.

Ich habe noch versucht zu bremsen und ihm auszuweichen,

aber . . .“

Jetzt entdeckte er Pieri unter den Umstehenden. Er

stürzte auf ihn los und packte ihn am Kragen. „Du warst

das also! Mit dir habe ich nichts als Ärger.“

Pieri verstand kein Wort. Er war doch erst gekommen,

als der Unfall schon vorbei war.

Der Mann zerrte Pieri näher zum Auto. Jetzt erst entdeckte

Pieri die Gitarre, die auf dem Gehsteig lag, dicht

neben dem Auto.

„Der Bengel trug eine Gitarre!“, schimpfte der Mann

aufgeregt. „Als er davonrannte, hat er sie wohl verloren.

Das ist deine Gitarre, nicht wahr?“ Er hob die Gitarre

auf und streckte sie Pieri anklagend entgegen.

191


„Das ist nicht meine Gitarre“, rief Pieri. „Meine sieht

ganz anders aus.“

Durch die Zuschauer, die sich inzwischen angesammelt

hatten, schob sich Wachtmeister Anders.

„Du spielst doch Gitarre, nicht wahr, Pieri?“, fragte er.

„Ich selbst habe dich schon gehört. Du spielst wirklich

nicht schlecht.“

„Und wenn er der beste Gitarrist der Welt wäre,

würde das nichts daran ändern, dass er den Unfall verursacht

hat“, ereiferte sich der Besitzer des Sportwagens.

„Sein Vater wird für den Schaden aufkommen

müssen.“

„Ich war es nicht!“, beteuerte Pieri. „Und diese Gitarre

hier habe ich noch nie in der Hand gehabt!“

„Kannst du das denn beweisen?“, fragte Wachtmeister

Anders.

Natürlich konnte Pieri das nicht beweisen. Wie hätte

er das auch tun sollen?

„Ich kann es aber beweisen“, sagte Gustav. Er hatte

eben den Unfallort erreicht und schnell begriffen, worum

es ging.

Alle Augen richteten sich auf Gustav.

192

Auflösung auf Seite 250


Die Stimme

vom Himmel

„Gut, dass du gerade dazugekommen bist, Gustav“,

sagte Pieri. „Sogar der Wachtmeister hat geglaubt, dass

ich der Junge mit der Gitarre bin, der den Unfall verursacht

hat.“

„Dafür schuldest du mir einen Gefallen“, sagte Gustav

lächelnd. „Du musst mir jeden Tag eine halbe

Stunde Gitarrenunterricht geben.“

„Gern“, stimmte Pieri zu. „Aber ich bin nur noch eine

Woche hier im Ferienlager. Einen Virtuosen kann ich

also in dieser Zeit nicht mehr aus dir machen. Aber vielleicht

lernst du wenigstens noch ‚Hänschen klein‘ zu

klimpern.“

„Es wäre immerhin ein Anfang. Es gibt ein chinesisches

Sprichwort: Auch die längste Reise beginnt mit

einem Schritt.“

Die beiden waren noch keine zwei Querstraßen von

dem Unfallort weit gegangen, als Pieri plötzlich stehen

blieb. Genau vor dem Schaufenster eines Musikaliengeschäfts.

„Der Laden gehört Herrn Kleinschmidt“, sagte Gustav.

„Er verkauft Instrumente und repariert sie auch.

Oder gibt sie an Fachleute zur Reparatur weiter.“

„Der Junge mit der Gitarre . . . Vielleicht kam er von

hier oder wollte hierher“, überlegte Pieri.

193


„Du bist off enbar nicht der Einzige, der auf diesen

Gedanken gekommen ist“, sagte Gustav. „Die Polizei

hatte wohl den gleichen Einfall.“

Pieri schaute zurück. Wachtmeister Anders näherte

sich gerade dem Geschäft. Die Elektrogitarre vom Ort

des Unfalls hatte er bereits von einem Kollegen in das

Geschäft bringen lassen.

Er stieß die Tür zu der Musikalienhandlung auf.

Bevor die Tür hinter dem Wachtmeister wieder zufi

el, zwängte sich Pieri schnell hindurch. Gustav wollte

ihn aufhalten, aber er griff ins Leere. Nach kurzem

Zögern folgte er Pieri und Wachtmeister Anders.

Ein Mann stand hinter der Ladentheke. Er trug eine

Baskenmütze und eine Halsbinde, die, wie Pieri fand,

194


aussah wie ein Schnürsenkel. Off enbar wollte er auch

äußerlich zeigen, dass er ein Künstler war.

Der Mann lächelte, als er den Wachtmeister sah.

„Sie interessieren sich für Musik?“

„Nicht für Musik, nur für diese Gitarre.“ Er zeigte auf

die Gitarre, die sein Kollege im Geschäft abgegeben

hatte.

Herr Kleinschmidt griff nach der Gitarre und betrachtete

sie. „Schönes Stück“, sagte er. „Aber ein bisschen

ramponiert. Kein schwerer Schaden, nur ein paar

Lackkratzer. Das lässt sich schnell in Ordnung bringen.“

„Die Kratzer da stammen von einem Unfall“, sagte

Anders. „Vor ein paar Minuten. Ein Junge war darin verwickelt,

etwa so groß wie der da.“ Er zeigte auf Pieri.

„Ich halte es für möglich, dass der Junge gerade von Ihnen

kam. Oder auf dem Weg zu Ihnen war.“

„Ganz bestimmt nicht“, versicherte Herr Kleinschmidt.

„Ich hatte heute den ganzen Tag nur erwachsene

Kunden.“ Er hob eine silberne Querfl öte auf, die

vor ihm auf dem Tisch lag. „Wirklich erstaunlich, wie

manche Leute mit ihren kostbaren Musikinstrumenten

umgehen!“, sagte er. „Der Besitzer dieses prachtvollen

Erbstücks hier hat damit nach einer Fliege geschlagen,

die ihn beim Musizieren störte. Jetzt soll ich die Delle

beseitigen.“

„Sie haben doch einen Sohn, nicht wahr?“, fragte

Wachtmeister Anders. Querfl öten, die als Fliegenklatsche

benutzt werden, interessierten ihn off enbar nicht.

„Ja“, nickte Herr Kleinschmidt. „Aber mein Sohn ist

schon sechzehn, viel größer als dieser Junge da.“

195


„Aber Sie haben doch noch einen zweiten Sohn“,

sagte Pieri.

Er deutete auf ein Bild an der Wand hinter dem Ladentisch.

Herr Kleinschmidt war darauf abgebildet, inmitten

zweier junger Burschen. Jeder von ihnen hielt

eine Elektrogitarre in der Hand.

Herr Kleinschmidt lachte. „Ja, das ist unser Familientrio.

Ich, mein Sohn Fabian und mein Neffe Rainer. Alle

beide sehr begabt.“

Vom nahen Turm der Kirche schlug eine Glocke, vier

Mal. Dann folgte ein weiterer Glockenschlag, viel tiefer.

„Ein Uhr“, sagte Gustav. Er blickte auf seine Armbanduhr.

„Der Pfarrer sollte endlich die Kirchenuhr reparieren

lassen. Sie geht schon wieder fünf Minuten

nach.“

Verwundert blickte er hinter Pieri her, der um den

Ladentisch herumgegangen war und jetzt eine Tür in

der Wand dahinter aufstieß. Es war eine Werkstatt. Ein

Junge saß darin, etwa so alt wie Pieri selbst. Er trug ein

kurzärmeliges Hemd und war gerade damit beschäftigt,

mit der linken Hand einen Verband um seinen

rechten Ellbogen zu wickeln.

„Ein kleiner Sturz beim Unfall, wie?“, fragte Pieri.

Der Junge blickte ängstlich durch die Tür auf den

Wachtmeister. „Wie haben Sie mich so schnell erwischt?“,

fragte er.

Wachtmeister Anders antwortete nicht. Er sah Pieri

fragend an.

196

Auflösung auf Seitze 250


Die Mumie

„Dieser Rainer tut mir leid“, sagte Pieri, als er mit Gustav

weiter zum See ging. „Sein Vater wird äußerst schlechter

Laune sein, wenn er hört, dass er den Schaden an

dem Sportwagen bezahlen soll.“

„Nun, Rainer hat durch seine Unaufmerksamkeit immerhin

einen Unfall verursacht, bei dem glücklicherweise

niemand ernsthaft zu Schaden kam“, wandte

Gustav ein. „Und dass er danach davongelaufen ist und

dadurch dich in Verdacht gebracht hat . . .“

„Das war nicht seine Absicht. Er hatte es einfach mit

der Angst zu tun bekommen. Ein Mensch, der Gitarre

spielt, kann nicht durch und durch schlecht sein.“

Gustav lachte. Sie waren inzwischen am See angekommen.

Einige von Pieris Freunden aus dem Ferienlager

waren hier, unter ihnen Lisa, Romy und Frank.

„Warum hast du deinen Hund nicht mitgenommen,

Gustav?“, fragte Frank, als Gustav und Pieri eine Decke

ausbreiteten. „Der könnte auf unsere Sachen aufpassen,

während wir im Wasser sind.“

„Hubertus ist ein Jagdhund und kein Wachhund“,

antwortete Gustav. „Der würde doch viel lieber mit uns

im Wasser herumtoben, als allein brav hier liegen zu

bleiben.“

„Kannst du denn mit deiner verbundenen Hand ins

Wasser gehen?“, fragte Lisa besorgt.

197


Gustav lachte. „Meine Hand ist in Ordnung. Ich

habe mir nur beim Grillen ein bisschen die Finger verbrannt.

Musste nicht einmal zum Arzt gehen. Aber Frau

Schulze, die mir den Verband angelegt hat, hat es mit

ihrer mütterlichen Fürsorge übertrieben und mich eingewickelt

wie eine Mumie. Ich konnte sie nur mit Mühe

davon abhalten, den Verband bis rauf zum Ellbogen zu

wickeln.“

„Nun, Gitarre spielen kannst du jedenfalls nicht mit

Brandwunden an den Fingern“, meinte Pieri.

„Doch, das kann ich. Die Dinge sind nicht immer so,

wie sie aussehen.“ Gustav wickelte fröhlich den Ver-

198


and ab und zeigte den Kindern seine fast unverletzte

Hand. „Bevor ich zurück gehe, lege ich den Verband

wieder an. Frau Schulze glaubt nämlich, mir das Leben

gerettet zu haben. Sie wäre gekränkt, wenn ich zeigen

würde, dass ich ihren Verband nicht mehr brauche.“

„Wo ist eigentlich der Bademeister?“, fragte Pieri. Er

blickte hinüber zu dem kleinen turmartigen Gestell, wo

er bei seinen bisherigen Besuchen am See immer einen

Rettungsschwimmer gesehen hatte.

„Ich nehme an, der sitzt zu Hause in seinem Fernsehsessel“,

antwortete Gustav. „Er wollte sich gestern

Abend im Keller ein Bier holen, rutschte auf der

schlecht beleuchteten Kellertreppe aus, stürzte und

brach sich ein Bein. Einen neuen Bademeister hat die

Stadt noch nicht gefunden.“

„Weil gerade von Getränken die Rede ist . . .“, sagte

Romy. „Ich gehe rüber zum Kiosk und hole mir eine

Limo. Soll ich auch für euch etwas . . . Mein Geld ist weg!

Das ist schon das zweite Mal, dass man mich beklaut,

seit ich hier im Ferienlager bin.“

Lisa hatte sich auf ihre Decke niedergekniet und

wühlte in ihren Sachen. „Meine paar Cents sind noch

da“, sagte sie. „Aber mein Handy ist verschwunden.“

„Es sind mindestens 100 Leute hier“, meinte Frank.

„Jeder von ihnen könnte der Dieb sein.“

„Nein, es ist der Bademeister“, widersprach Pieri.

Aufl ösung auf Seite 251

199


200

Die Nadel

im Heuhaufen

„Irgendwie ist mir dieser falsche Bademeister, der hier

herumläuft, bekannt vorgekommen“, sagte Gustav.

„Aber ich kann mich nicht erinnern, wann und wo ich

ihn schon einmal gesehen habe. Mein Gedächtnis für

Gesichter ist leider miserabel.“

„Wo du ihn schon einmal gesehen hast, spielt keine

Rolle“, sagte Romy. „Schade ist nur, dass er jetzt nicht

mehr zu sehen ist. Er ist abgehauen. Mit meinem Geld.“

„Und meinem Handy!“, fügte Lisa hinzu.

„Ihr seid also auch bestohlen worden?“, fragte ein

Mann, der mit seiner Frau dazukam. „Dann sind wir also

nicht die Einzigen.“ Seine Frau fügte hinzu: „Man muss

die Polizei rufen!“

„Sag mal, Gustav, gibt es hier in der Stadt ein Krankenhaus?“,

fragte Pieri.

„Wen interessiert das?“, sagte Romy verärgert. „Wichtig

ist doch nur, wie wir unser Geld und die anderen gestohlenen

Sachen wiederbekommen.“

„Durch Rumstehen, Jammern und Klagen bestimmt

nicht“, sagte Pieri. Er sah Gustav fragend an.

„Wir haben hier mehrere Ärzte in Bergheim, aber

kein Krankenhaus“, antwortete Gustav. „Der Bademeister,

er heißt übrigens Georg Müller, wurde von einem

Rettungswagen aus Neustadt abgeholt, als er sich sein


Bein gebrochen hatte. Der Fahrer des Krankenwagens

war ein alter Bekannter des Bademeisters. Georg arbeitet

außerhalb der Badesaison ebenfalls in seinem

Hauptberuf als Sanitäter.“

Pieri sah hinüber zum Parkplatz.

„Es ist kein Wagen weggefahren seit unserer Ankunft“,

überlegte er. „Der als Bademeister verkleidete

Dieb ist also zu Fuß gefl ohen. Wahrscheinlich nach

Bergheim. Vielleicht erwischen wir ihn dort.“

„Blödsinn!“, sagte Romy. „Der trägt bestimmt nicht

mehr sein Hemd mit der Aufschrift ‚Bademeister‘. Wenn

ihr in der Stadt rumlaufen und ihn suchen wollt wie die

sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen, meinetwegen.

Ich bleibe hier.“

201


„Ich komme mit“, sagte Lisa.

Wenige Minuten später waren Gustav, Lisa und Pieri

in der Stadt. Gustav und Lisa hielten Ausschau nach einem

kräftig aussehenden jungen Mann, in der Hoffnung,

in ihm den falschen Bademeister wiederzusehen.

Dem Krankenwagen, der am Straßenrand stand,

schenkten sie keine Beachtung.

„Ich fürchte, es hat wirklich wenig Sinn, den falschen

Bademeister hier in der Stadt zu suchen“, meinte Gustav

enttäuscht. „Bei meinem schlechten Gedächtnis für

Gesichter würde ich ihn wahrscheinlich sowieso nicht

wiedererkennen.“

„Ich habe auf den Mann überhaupt nicht geachtet“,

gestand Lisa. „Außerdem ist er doch längst über alle

Berge.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach Pieri. „Ich

schätze, er sitzt in dieser Gaststätte da drüben und feiert

seinen erfolgreichen Beutezug mit einem ausgiebigen

Mittagessen. Wir brauchen nur zu warten, bis er

herauskommt und sich in diesen Krankenwagen hier

setzt. Er ist der Fahrer dieses Wagens.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Gustav.

202

Auflösung auf Seite 251/252


Wer ruft sich schon

selbst an?

Gustav betrachtete nachdenklich den Krankenwagen,

neben dem er, Lisa und Pieri standen.

„Ja, ich glaube, das ist der Wagen, der Georg Müller

gestern Abend ins Krankenhaus nach Neustadt gebracht

hat. Aber das ist kein Beweis, dass der Fahrer

dieses Wagens wirklich der Bursche ist, der, verkleidet

als Bademeister, die Leute am See bestohlen hat. Wenn

er es wäre, wäre er doch bestimmt nicht so dreist, hierzubleiben.“

„Sanitäter sind weiß gekleidet“, beharrte Pieri. „Der

falsche Bademeister ist es auch. Sein Hemd mit der Aufschrift

‚Bademeister‘ . . . Vielleicht ist es echt. Auf jeden

Fall lässt sich eine solche Aufschrift leicht herstellen.

Mit meinem Computer und einem geeigneten Drucker

könnte ich das auch. Und warum sollte er abhauen?

Nichts wirkt so ehrbar und harmlos wie ein Krankenwagen.“

„Da kommt Wachtmeister Anders“, sagte Lisa. „Dem

kannst du ja deine Theorie vortragen.“

Der Wachtmeister erwiderte kaum den Gruß der

jungen Leute. „Ich muss zum See“, sagte er. „Dort treibt

sich ein Dieb herum.“

„Nein, der ist jetzt in der Stadt“, widersprach Pieri.

„Es ist der Fahrer dieses Krankenwagens.“

203


„Wie kommst du darauf?“, wunderte sich der Wachtmeister.

Pieri brauchte nicht zu antworten. Aus der Gaststätte

auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam

ein weiß gekleideter jüngerer Mann.

Der Mann grinste. „Wer von euch ist der Patient, den

ich ins Krankenhaus fahren soll?“, fragte er.

„Wenn es nach diesem jungen Mann hier geht, wären

Sie im Gefängnis besser aufgehoben“, antwortete

Wachtmeister Anders und deutete auf Pieri. „Er beschuldigt

Sie, am See etliche Badegäste bestohlen zu

haben.“

204


„Mich zum Beispiel“, fügte Lisa hinzu.

„Blödsinn! Ich weiß gar nicht, wo dieser See ist.

Ich wohne in Neustadt und komme nur gelegentlich

dienstlich hierher nach Bergheim.“

Pieri wandte sich an Gustav.

„Ist das der Mann, der gestern Abend Georg Müller

ins Krankenhaus nach Neustadt gefahren hat?“

Gustav hob die Schultern.

„Keine Ahnung. Ich sagte doch schon, mein Gedächtnis

für Gesichter ist miserabel.“

„Meines nicht“, sagte der Krankenwagenfahrer. „Ich

erinnere mich, Sie gestern Abend gesehen zu haben.

Aber was hat Georgs Unfall mit den Diebstählen am

See zu tun?“

„Der Dieb gibt sich als Bademeister aus“, antwortete

Lisa. „Das kann er aber nur wagen, wenn er sicher weiß,

dass der richtige Bademeister ihm nicht in die Quere

kommen kann. Weil er nämlich mit einem gebrochenen

Bein bestimmt nicht am See auftaucht.“

„Klingt logisch“, nickte der Krankenwagenfahrer.

„Aber es beweist absolut nichts gegen mich.“

„Sie sollten den Krankenwagen durchsuchen, Herr

Wachtmeister“ schlug Pieri vor. „Wahrscheinlich liegt

die Tasche mit der Beute darin.“

„Zu einer solchen Durchsuchung haben Sie kein

Recht, Wachtmeister!“, protestierte der Sanitäter. „Sie

können nicht auf die bloße Beschuldigung dieses Bengels

hier . . .“

„Hast du dein Handy dabei, Gustav?“, fragte Lisa

plötzlich.

205


„Klar“, antwortete Gustav. „Das habe ich doch immer

dabei.“

„Würdest du es mir kurz leihen?“

„Warum?“, fragte Gustav verdutzt.

„Weil ich telefonieren muss.“

„Wen willst du denn jetzt anrufen?“, wunderte sich

Gustav.

„Mich selbst!“, grinste Lisa. „Ich will beweisen, dass

Pieri recht hat. Dieser Mann ist der Dieb.“

Lisa griff nach dem Mobiltelefon, das Gustav ihr

reichte. Schnell tippte sie eine Nummer ein. Zu ihrem

Erstaunen hörte sie dann eine leise Melodie ganz in ihrer

Nähe. Die Melodie, mit der ihr Handy sich immer

meldete.

Verwundert blickte sie sich um. Die Melodie konnte

nur aus dem Krankenwagen kommen, neben dem sie

standen.

Lisa blickte durch das Fenster hinein. Jetzt sah sie

die vollgestopfte Sporttasche auf dem Beifahrersitz.

In dieser Tasche musste auch ihr Handy stecken. Das

Handy, das man ihr am See gestohlen hatte.

„Woher habt ihr das gewusst?“, fragte Gustav.

206

Auflösung auf Seite 252


Der Schlaumeier

Der falsche Bademeister leistete keinen Widerstand, als

Wachtmeister Anders ihn festnahm. Er trottete wie ein

armer Sünder neben dem Polizisten her, als dieser ihn

zum Revier brachte.

Lisa war enttäuscht darüber, dass sie ihr Handy nicht

sofort zurückbekommen hatte. Wachtmeister Anders

hatte ihr gesagt, dass die Polizei das Telefon und die

anderen gestohlenen Gegenstände vorerst als Beweismittel

beschlagnahmen müsse.

„Gehen wir zum See zurück!“, sagte sie. „Romy wird

sich freuen zu hören, dass sie ihr Geld bald zurückbekommen

wird.“

Sie waren kaum in die nächste Querstraße eingebogen,

als Pieri an einer Straßenbaustelle stehen blieb.

„Ist das nicht der Wagen des Heinis, der so gern

durch Pfützen fährt und die Fußgänger nass spritzt?“,

fragte Pieri.

„Ja“, nickte Lisa. „Wer ist der Mann eigentlich?“

„Er lebt erst seit ein paar Wochen hier in der Stadt“,

antwortete Gustav. „Niemand kennt ihn näher, und

niemand will ihn näher kennenlernen. In der kurzen

Zeit hat er es geschaff t, sich unbeliebt zu machen. Er ist

eingebildet und rücksichtslos.“

„Die Schäden an seinem Wagen hat er inzwischen

beseitigen lassen“, meinte Pieri.

207


„Ich hätte gute Lust, weitere Schäden an dieser

Karre zu verursachen“, sagte ein Mann in Arbeitskleidung,

der auf dem Gehsteig stand und eine Schaufel in

der Hand hielt. „Eine Unverschämtheit, seinen Wagen

in einer Baustelle zu parken! Das Verbotsschild ist doch

deutlich genug zu sehen!“

Der Fahrer des Wagens trat eben aus der Tür des

Hauses, vor dem der Wagen stand. Er hatte die Worte

des Arbeiters noch gehört.

„Richtig!“, grinste er. „Das Verbotsschild ist deutlich

zu sehen. Wenn Sie Augen im Kopf hätten, würden Sie

auch sehen, dass es hinter meinem Wagen steht. Ich

habe den Wagen also außerhalb der verbotenen Zone

geparkt.“

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„Weil Sie das Schild ein paar Meter versetzt haben!“,

empörte sich der Mann.

„Blödsinn! Es stand schon hier, als ich gestern Abend

kam und den Wagen abstellte.“

„Das kann nicht stimmen“, widersprach Pieri. „Sie

haben rückwärts geparkt und sind dabei zur Hälfte auf

die Baustelle geraten, sind dann hinten um den Wagen

herumgegangen, haben das Parkverbotsschild genommen

und es ein paar Meter zurückgestellt.“

Der Besitzer des Sportwagens lächelte siegesgewiss.

„Du schilderst den Vorfall so genau, als hättest du

ihn mit eigenen Augen gesehen“, spottete er.

„Ich kann es immer noch sehen“, sagte Pieri.

Aufl ösung auf Seite 253

209


210

Till Eulenspiegel

„Diese Eisdiele werde ich vermissen, wenn ich wieder

zu Hause bin“, sagte Romy. „Bei uns gibt es keine solche

Auswahl an Köstlichkeiten wie hier.“

„Dann schlag dir den Bauch voll!“, riet Pieri. „Morgen

fahren wir alle wieder heim.“

Er sah zu der Tür hinüber, in der eine seltsame Gestalt

erschien.


„Hallo Till!“, begrüßte der Besitzer der Eisdiele den

Gast.

„Ich heiße nicht Till“, antwortete der andere. „Ich

heiße Bernhard. Oder Benedikt. Oder so ähnlich. Ich

weiß nicht mehr. Übrigens, weißt du, wie zwei Irrenärzte

einander grüßen?“

„Nein. Wie?“

„Sie sagen: ‚Ihnen geht’s gut. Wie geht’s mir?‘“

Jetzt entdeckte der sonderbare Kauz die beiden

Mädchen und den Jungen und kam zu ihnen herüber.

„Hübsche Mädchen!“, sagte er. „Und eine von ihnen

ist auch noch reich. An die solltest du dich halten, mein

Junge. Wie mein Vater immer sagte: Was man sich erheiratet,

braucht man sich nicht zu erarbeiten.“

Er blickte Lisa verzückt an.

„Ich bin nicht reich“, sagte Lisa. „Meine Mutter hat

nur einen kleinen Laden, und der bringt kein Vermögen

ein.“

„Du bist viel reicher, als du denkst“, sagte Till. Er

streckte die rechte Hand aus, als wolle er Lisa am Ohr

fassen. Als er die Hand wieder zurückzog und öff nete,

hielt er eine große, golden schimmernde Münze darin.

„Ich glaube, hinter dem anderen Ohr ist auch noch ein

Goldtaler“, sagte er. Diesmal griff er mit der linken Hand

zu, und wieder schien er aus Lisas Ohr eine goldene

Münze zu ziehen.

Er zeigte Lisa, Pieri und Romy die Münzen. Dann öff -

nete er den Mund und steckte eine von ihnen hinein.

Er biss ein paarmal darauf herum, verzog verzückt sein

Gesicht, schluckte heftig, griff dann mit zwei Fingern

211


in seinen Mund und zog ein zerkautes Stück golden

schimmerndes Papier heraus.

„Diese Taler schmecken köstlich“, sagte er. „Nur die

äußere Schicht ist schwer verdaulich.“

Er reichte Lisa den zweiten Taler. Lisa begriff, dass

das Innere der Münze aus Schokolade bestand.

„Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben,

meine Damen“, sagte Till. Er verbeugte sich vor

Lisa und Romy und ging, ohne irgendetwas bestellt

zu haben. An der Tür blieb er noch einmal stehen und

drehte sich um. „Ich darf meinen Schirm nicht vergessen“,

murmelte er.

Er ging ein paar Schritte zu dem Schirmständer an

der Garderobe, nahm einen Schirm heraus, spannte ihn

auf und ging endgültig. Die beiden älteren Damen, die

an der Tür saßen und sich eifrig miteinander unterhielten,

gönnten ihm keinen Blick.

„Komischer Vogel!“, meinte Pieri.

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„Till ist nicht ganz richtig da oben“, sagte der Besitzer

der Eisdiele und tippte sich an die Stirn. „Er stammt

vom Lindenhof, einem Bauernhof ganz in der Nähe des

Ferienlagers. Manche meinen, dass er eigentlich in eine

Anstalt gehört, weil er gern anderen Leuten Streiche

spielt, wie Till Eulenspiegel. Aber er ist ganz harmlos.“

Die beiden älteren Damen bei der Tür hatten ihr Gespräch

beendet und standen auf.

„Jetzt kommt‘s gleich!“, flüsterte Pieri den beiden

Mädchen zu.

„Was kommt gleich?“, fragte Romy.

„Der entsetzte Schrei: ,Mein Schirm ist weg‘!“

Pieri hatte den Satz kaum beendet, als eine der

beiden Damen einen schrillen Schrei ausstieß: „Mein

Schirm ist weg! Dieser Verrückte hat ihn gestohlen!“

„Ich stehle nie!“, sagte Till, der eben wieder die Tür

öffnete und eintrat. „Ich bin nur manchmal ein bisschen

geistesabwesend.“ Er reichte der Dame ihren

Schirm zurück, verneigte sich höflich vor ihr und ging

endgültig.

„Woher hast du gewusst, was gleich geschehen

würde, Pieri?“, fragte Romy.

Auflösung auf Seite 253/254

213


214

Wie klaut man einen

Elefanten?

„Wie die Zeit vergeht!“, sagte Romy beim Frühstück.

„Heute ist schon unser letzter Tag im Ferienlager.“

„Der letzte war gestern“, widersprach Frank. „Denn

heute bleiben wir ja nicht den ganzen Tag hier. Ich zum

Beispiel fahre schon am Vormittag nach Hause.“

„Dann ist also morgen dein erster Tag, an dem du

wieder zu Hause bist“, beharrte Romy. „Also ist heute

dein letzter Tag hier.“

Frank schüttelte heftig den Kopf. „Nicht einmal mein

letzter halber Tag. Mein letzter ganzer Tag hier war ja

schon gestern.“

„Das ist doch genau wie mit dem Zirkus“, sagte

Romy. „Der hatte gestern seine letzte Vorstellung,

heute bricht er seine Zelte ab, und morgen ist er nicht

mehr hier. Also ist heute sein letzter Tag hier in Bergheim,

oder etwa nicht?“

„Von eurer hochinteressanten Diskussion bekomme

ich Kopfweh“, klagte Lisa. „Ich habe sowieso schon

schlecht geschlafen in der vergangenen Nacht. Die

Leute vom Zirkus haben schon in der Nacht angefangen,

ihre Zelte abzubauen, und heute in aller Herrgottsfrühe

haben sie . . .“

„Ich will euch nicht erschrecken“, unterbrach Gustav

sie. Er war eben an den Tisch getreten. „Der Elefant


ist abgehauen. Rani. Er ist gutmütig, aber wenn er erschrickt,

könnte er leicht . . .“

„Nicht er, sondern sie“, korrigierte Frank. „Rani ist ein

Weibchen.“

„Und er . . . nein, sie ist riesengroß“, erzählte Gustav

weiter. „Also haltet euch lieber fern, wenn ihr ihn . . . sie

zu sehen bekommt.“

Pieri vergaß auf der Stelle sein Frühstück. Er sprang

auf und rannte zum Eingang des Zeltes.

Frank grinste. „Er hält sich schon fern, bevor er Rani

zu sehen bekommt.“

„Du kennst Pieri schlecht“, widersprach Lisa. „Er läuft

nicht davon, sondern macht sich auf die Suche nach

dem Elefanten.“

„Nach der Elefantin!“, korrigierte Frank.

Lisa hörte ihm schon nicht mehr zu. Auch sie stand

auf und ging weg.

Die Elefanten waren nachts in einem Zelt untergebracht,

ein gutes Stück von den Raubtieren entfernt.

Sie waren mit einem Bein an eine dicke Kette gefesselt,

deren Ende an einem mächtigen, tief in den Boden gerammten

Pflock befestigt war. Fünf der sechs Elefanten

waren noch da, nur Rani, das größte Tier, fehlte.

Zirkusdirektor Rossini blickte ungläubig auf Ranis

leere Fußfessel.

„Du hast also wieder einmal vergessen, sie anzubinden“,

sagte er zu dem Elefantenwärter.

„Bestimmt nicht!“, verteidigte sich dieser. „Das ist

mir nur einmal in meinem Leben passiert. Meiner Gewohnheit

gemäß habe ich auch heute früh, kurz vor Ta-

215


gesanbruch, hier nach dem Rechten gesehen. Rani war

noch hier, und sie war angebunden.“

„Die Fessel ist nicht entzweigebrochen“, überlegte

Direktor Rossini. „Also hat jemand Rani losgebunden.

Aber wer klaut schon einen Elefanten? Und den Leuten

hier vom Zirkus traue ich eine solche Tat auch nicht zu.“

„Rani ist jedenfalls nicht in der Stadt“, meinte Roberto.

„Dort wäre sie längst aufgefallen, und man hätte

uns informiert. Wenn sie auf freiem Feld ist, wird man

sie auch bald entdecken. Wahrscheinlich ist sie im

Wald. Dort müssen wir sie suchen.“

„Nein, sie ist auf dem Lindenhof“, mischte sich Pieri

in das Gespräch ein. „Das ist ein ehemaliger Bauernhof,

216


gar nicht weit von hier. Dort lebt ein sonderbarer Bursche

namens Bernhard oder Benedikt oder so ähnlich.

Er spielt gern anderen Leuten einen Streich. Deshalb

nennt man ihn in Bergheim Till Eulenspiegel.“

Direktor Rossini schüttelte den Kopf. „Niemand traut

sich so nahe an einen Elefanten heran. Jedenfalls nicht,

wenn der Wärter nicht dabei ist.“

„Dieser Till Eulenspiegel ist auf einem Bauernhof

aufgewachsen“, sagte Pieri. „Der hat doch keine Angst

vor Tieren. Ich bin ganz sicher, dass ihr Rani auf seinem

Hof fi ndet.“

„Also gut!“, sagte Herr Rossini. „Auf zum Lindenhof!“

„Wie kommst du darauf, dass es Till war, der den Elefanten

geklaut hat?“, fragte Lisa, als die Zirkusleute gegangen

waren.

„Er hat es uns doch selbst gesagt“, antwortete Pieri.

Aufl ösung auf Seite 254

217


218

Mich laust der Affe!

Pieri hasste Abschiedsszenen, und es gab eine Menge

Abschiedsszenen auf dem Bahnhof. Etliche der Kinder

und Jugendlichen aus dem Ferienlager fuhren heute

nach Hause und hatten sich deshalb auf dem Bahnhof

versammelt.

Lisa und ihre Freundin Romy lagen sich in den Armen

und versprachen, sich oft anzurufen und zu schreiben

und sich bald wiederzusehen. Pieri hatte den Eindruck,

dass die beiden weinten.

Er selbst hatte sich erst vor einer Viertelstunde von

Frank verabschiedet, der mit einem anderen Zug gefahren

war. Frank hatte nur gesagt: „Mach‘s gut!“, und

Pieri hatte geantwortet: „Hau endlich ab!“ Beide waren

der Meinung gewesen, dass das genug Zeremoniell für

einen Abschied war.

Auf einem anderen Bahnsteig wurden eben die

Tiere des Zirkus Rossini verladen. Pieri hatte noch genug

Zeit, sich das anzusehen. Deshalb überquerte er

auf einer Brücke die Bahngleise. Niemand kümmerte

sich um ihn, alle Leute vom Zirkus waren vollauf mit ihrer

Arbeit beschäftigt. Der Einzige außer Pieri, der nur

herumstand und zusah, war Wachtmeister Anders.

Pieri schaltete seinen Fotoapparat ein, um ein paar

Aufnahmen zu machen. „Du solltest nicht nur die blöden

Viecher und den noch blöderen Wachtmeister fo-


tografieren, sondern auch mich“, sagte eine Stimme

hinter ihm.

Er drehte sich um. Es war Till, der Mann, der nicht

mehr so genau wusste, ob er Bernhard oder Benedikt

oder sonst irgendwie hieß.

„Warum haben Sie den nicht eingesperrt?“, fragte

Pieri den Wachtmeister.

„Weil niemand Anzeige erstattet hat“, antwortete

der Polizist. „Herr Rossini war glücklich, seinen Elefanten

wiederzuhaben, und er lobte, dass Till sich vorzüglich

um den Dickhäuter gekümmert hat. Er hat ihm

auch eine Menge zu fressen gegeben, ganze Brotlaibe

und zahlreiche Äpfel.“

„Ein paar Äpfel für Rani habe ich mitgebracht“, sagte

Till. „Meine dicke Freundin isst sie sehr gern.“

Pieri und die beiden Männer standen vor einem Güterwagen,

dessen Tor weit geöffnet war. Rani stand in

diesem Tor und neben ihr ihr Wärter. Sie streckte den

Rüssel aus, griff sich den Apfel, den Till ihr reichte, und

schob ihn sich in den Mund. Pieri fotografierte die

Szene.

„Möchtest du ihr auch gern ein paar Äpfel geben?“,

fragte Till.

„Ich möchte schon“, sagte Pieri, „aber . . .“ Er blickte

besorgt zu dem riesigen Elefanten hoch.

„Keine Angst!“, beruhigte ihn Till. „Elefanten fressen

keine Menschen, aber Äpfel mögen sie.“

Er reichte Till ein paar Äpfel aus der Einkaufstüte, die

er bei sich hatte. Pieri wusste nicht, wie er all diese Äpfel

und dazu seine Kamera in den Händen halten sollte.

219


„Gib mir die Kamera!“, sagte Wachtmeister Anders.

„Ich passe schon auf sie auf.“

Pieri reichte ihm die Kamera. Dann streckte er, immer

noch ein wenig zögernd, den Arm aus, um Rani

einen Apfel zu reichen. Rani griff geschickt mit ihrem

Rüssel nach dem Obst. Pieri hatte das Gefühl, dass sie

ihn anlächelte, als sie den Apfel in ihrem Maul verschwinden

ließ.

Beim zweiten Apfel hatte Pieri keine Angst mehr

und traute sich bereits näher an den Elefanten heran.

Nach wenigen Sekunden hatte Rani alle Äpfel geschluckt,

die Pieri von Till bekommen hatte.

„Mehr habe ich leider nicht“, sagte Pieri und streichelte

das riesige Tier vorsichtig am Rüssel. Dann drehte

er sich wieder zu den anderen um. Wachtmeister Anders

gab ihm lächelnd seine Kamera zurück. Nur Till

grinste so sonderbar. Aber das hatte nicht viel zu bedeuten,

er grinste fast immer.

Schon eine halbe Stunde später saßen Pieri und Lisa

im Zug, der eben losfuhr. Lisa blickte durch das Fenster

auf die kleine Stadt Bergheim zurück, solange sie sie

sehen konnte. Pieri allerdings war viel mehr an den Fotos

interessiert, die er im Ferienlager und zuletzt auch

auf dem Bahnhof gemacht hatte. Er schaltete die Kamera

ein und drückte auf den Wiedergabeknopf.

„Mich laust der Aff e!“, entfuhr es ihm.

„Dieses Foto habe ich überhaupt nicht gemacht!“,

sagte Pieri. „Und außer Wachtmeister Anders und Till

war niemand da. Nur der Elefantenwärter, aber der

stand hinter mir neben Rani in der Tür des Eisenbahn-

220


wagens. Alle anderen Leute auf dem Bahnsteig waren

weit weg.“

„Lass mal sehen!“, sagte Lisa. Auch sie betrachtete

das Bild. „Du hast Roberto vergessen“, der im Aff enkostüm

steckt“, sagte sie.

„Den hatte ich überhaupt nicht gesehen. Na ja, als

Artist versteht er es, sich geräuschlos zu bewegen.

Aber wer hat ihn fotografi ert?“

Aufl ösung auf Seite 255

221


222

Auflösungen

Aufl ösung zu

Schach dem Dieb

„Ich weiß immerhin, dass bei einem Schachbrett das

Feld rechts unten, von jedem Spieler aus gesehen, weiß

ist“, erklärte Pieri. „Diese Herren hier wissen es nicht. Ihr

Brett liegt quer, die rechten unteren Eckfelder sind bei

ihnen schwarz. Die beiden Männer haben also keine

blasse Ahnung vom Schachspiel.“

„Tatsächlich!“, stimmte der Schaff ner mit einem Blick

auf das Schachbrett zu. Er zog ein Mobiltelefon aus der

Tasche. Während er eine Nummer eintippte, sagte er:

„Am nächsten Bahnhof werden Sie abgeholt werden,

meine Herren. Von der Polizei .“


Aufl ösung zu

Ein komischer Kauz

„Wenn Sie wieder mal in aller Ruhe und ungestört Mittagspause

machen wollen, sollten Sie in Ihrem Kleinbus

das Schild mit der Aufschrift „FERIENLAGER“ so

zudecken, dass man es überhaupt nicht mehr lesen

kann“, antwortete Lisa. „Wenn die untere Hälfte zu sehen

ist, genügt das, um die Schrift zu entziff ern.“

Aufl ösung zu

Die Bande des Schreckens

„Ich soll das getan haben?“, wunderte sich der Mann.

„Ich war doch gar nicht in der Nähe!“

„Natürlich waren Sie das!“, beharrte Lisa. Sie streckte

plötzlich den Arm aus, griff in die Jackentasche des

Mannes und zog die Armbinde heraus, die hastig

dort hineingestopft und noch zur Hälfte sichtbar war.

Ein gelbes Armband mit drei schwarzen Punkten darauf.

„Sie sind der angebliche Blinde! Ihre dunkle Brille

223


steckt da in Ihrer Brusttasche. Und Ihren Stock, mit dessen

Spitze Sie den Reifen unseres Autos durchstochen

haben, fi nden wir sicher in der Gasse, in der Sie vorhin

verschwunden sind.“

„Stimmt!“, grinste der Mann. „Aber mich werdet ihr

nie fi nden!“

Er drehte sich um und rannte davon. So schnell, dass

weder Hannes noch die Kinder ihm folgen konnten.

224

Aufl ösung zu

Wer ist hier der Chef?

„Das soll der Leiter des Ferienlagers sein?“, wunderte

sich Pieri. „Ich kenne keinen Mann mit Doktortitel, der

in Jeans herumläuft.“

„Du solltest dir das Foto hier auf dem Schreibtisch

genauer ansehen“, sagte Lisa lächelnd. Sie hob es auf

und hielt es Pieri unter die Nase.

„Ja, jetzt erkenne ich es auch“, stimmte Pieri zu. „Die

unbändigen Haare des Jungen, die Sommersprossen,

die Brille . . . Das ist unzweifelhaft der Sohn von Dr.

Großmann. Dem Mann in den Jeans da draußen.“


Aufl ösung zu

Die Diebin

„Frau Schulze arbeitet seit mehr als zehn Jahren für Sie,

Herr Großmann“, antwortete Lisa. „Nie hat sie gestohlen

oder betrogen. Wegen lächerlicher 50 Euro würde

sie ihren Arbeitsplatz nie aufs Spiel setzen. Da sie außer

Ihnen der einzige Mensch ist, der weiß, dass in dieser

Schublade immer etwas Geld ist, würde der Verdacht ja

sofort auf sie fallen. Sie müsste wirklich dumm wie die

Nacht sein, um so etwas zu tun. Und dumm kam sie mir

wirklich nicht vor.“

Aufl ösung zu

Erwischt

Lisa griff in ihre Handtasche und holte einen Taschenspiegel

heraus, den sie Pieri vor das Gesicht hielt.

„Sieh in diesen Spiegel und kneife dabei das rechte

Auge zu!“, sagte sie. Pieri tat es grinsend. Das Grinsen

verging ihm sofort. Sein Spiegelbild hatte genau so gegrinst

wie er, aber es hatte nicht das rechte Auge zugekniff

en wie er, sondern das linke.

„Jetzt begreife ich“, sagte er. „Wenn man in den Spiegel

schaut, sieht man sich seitenverkehrt. Bei dem Spie-

225


gelbild des Täters, das unser Zeuge gesehen hat, war

das rechte Auge geschwollen. Und das bedeutet, dass

es in Wirklichkeit das linke Auge war, das er sich bei

dem Sturz verletzt hatte. Bei diesem Mann hier ist aber

das rechte Auge grün und blau umrandet. Er ist also

der Falsche!“

226

Aufl ösung zu

Der Überfall

Wachtmeister Anders blickte Pieri skeptisch an.

„Woher weißt du, dass Manni hier war, wenn du ihn

hier nicht gesehen hast, sondern nur drüben in der Querstraße

ein paar Minuten vor dem Überfall?“, fragte er.

„Weil er so sicher ist, dass ihn niemand gesehen hat,

als er nach dem Überfall fl oh“, antwortete Pieri. „Als

er den Laden betrat, war kein Mensch auf der Straße.

Und als er eine Minute später wieder herauskam, auch

nicht. Das aber weiß nur der Täter selbst.“


Aufl ösung zu

Wer ist der Dieb?

Pieri lächelte. „Du kennst dich mit Kameras nicht aus,

Mike, im Gegensatz zu Gustav. Du weißt nicht, dass Digitalkameras

einen internen Speicher haben, auf dem

sie die Bilder speichern, wenn die Karte voll ist. Meine

Karte ist schon lange voll. Die letzten Aufnahmen habe

ich mit diesem internen Speicher gemacht, auch die

Aufnahme, auf der der Dieb zu sehen ist. Gustav versteht

etwas von Kameras. Wenn er der Dieb wäre, hätte

er nicht nur die Karte verschwinden lassen, sondern

auch den internen Speicher gelöscht. Das dauert nur

Sekunden, wenn man weiß, wie es geht.“

Pieri schaltete die Kamera ein. Er drückte ein paarmal

auf einen Knopf.

„Da ist das Bild“, sagte er dann. „Oben auf dem Berg

die Ruine der Burg, und unten, ganz im Vordergrund,

der Kerl mit Romys Rucksack in der Hand. Sein Gesicht

ist nicht zu erkennen, es könnte also Gustav sein. Aber

Gustav trägt Jeans und Turnschuhe. Der Dieb auf dem

Foto aber kurze Hosen und Sandalen. Wie du, Mike!“

227


228

Aufl ösung zu

Alles Gute kommt von oben

„Er kann es nicht gewesen sein“, sagte Romy. „Die

Straße war trocken, dort wo der Wagen stand. Also

stand er schon hier, als es anfi ng zu regnen.“

„Das bedeutet nichts“, widersprach Lisa. „Wahrscheinlich

wurde der Parkplatz hier gerade frei, als der

Sportwagen kam.“

„Der Fahrer wusste genau, warum ich unter den

Wagen schaute“, fügte Pieri hinzu. „Er hatte also ein

schlechtes Gewissen.“

„Sein schlechtes Gewissen ist kein Beweis gegen ihn.“

„Aber der nasse linke Ärmel seines Jacketts“, sagte

Pieri. „Du erinnerst dich doch, dass der Fahrer des Autos

seinen linken Arm aus dem Fenster streckte und dem

Ehepaar spöttisch zuwinkte? Bei diesem Wolkenbruch

genügte das, um den Ärmel nass zu machen.“

Aufl ösung zu

Der Apfeldieb

„Wenn du nie in diesem Garten warst, Florian, woher

weißt du dann, dass es dort einen schwarzen Pudel

gibt?“, fragte Lisa.


„Richtig“, stimmte Pieri zu. „Max hat nur ganz allgemein

von einem Hund gesprochen, der ihn angeknurrt

hat. Rasse oder Farbe hat er nicht erwähnt. Da Florian

weiß, dass es ein schwarzer Pudel war, muss er den Vorfall

gesehen haben, auch wenn er das abstreitet.“

Aufl ösung zu

Der Linkshänder

„Sie sollten sich nicht den Mann auf dem Foto ansehen“,

sagte Lisa, „sondern die Aufschrift über der Tür

des Gebäudes, aus dem der Mann gerade kommt.

Die Aufschrift lautet ‚BANK‘, aber in Spiegelschrift! Daraus

folgt, dass das Bild seitenverkehrt ausgedruckt ist.

Wenn es richtig ausgedruckt ist, hält der Bankräuber

die Pistole in der rechten Hand. Er ist also Rechtshänder,

im Gegensatz zu Herrn Bergmann hier.“

„Stimmt!“, nickte Wachtmeister Anders. „Herr Klein,

gehen Sie in Ihrer Abneigung gegen Bergmann schon

so weit, Beweise zu fälschen? Sie können wirklich froh

sein, wenn Herr Bergmann Sie nicht wegen Verleumdung

und übler Nachrede anzeigt.“

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230

Aufl ösung zu

Die Fensterscheibe

Lisa lächelte. „Wir beide haben Markus eine ganze Weile

angestarrt und das Muttermal nicht gesehen. Weil es

ständig von seinem Haar verdeckt ist.“

„Aber es ist doch da!“, sagte Pieri.

„Sicher, und das weiß sein Friseur natürlich. Er hat

ihm ja oft die Haare geschnitten. Aber aus dem Obergeschoss

eines Hauses, schräg von oben, kann er das

Muttermal unmöglich gesehen haben. Deshalb glaube

ich Markus, dass er nicht der Täter war.“

Aufl ösung zu

Aufruhr am See

„Stimmt, struppige schwarze Mischlingshunde gibt es

viele“, sagte Lisa. „Aber Rokko ist sicher der einzige von

ihnen in dieser Stadt, der vier weiße Pfoten hat.“


Aufl ösung zu

Ritter Kunibert

Pieri zeigte auf Franks rechtes Handgelenk. „Hast du

schon einmal ein Gespenst mit einer Armbanduhr gesehen?“,

fragte er zurück. „Nein, ich habe überhaupt

noch nie ein Gespenst gesehen“, gestand Manuel verschüchtert.

„Woher soll ich dann wissen, ob sie Armbanduhren

tragen?“

„Alle Gespenster sind mindestens 300 oder 500

Jahre alt oder noch älter. Und damals gab es noch

keine Armbanduhren. Und dass es sich um Frank handelt

. . . Nun, er selbst hat uns doch beim Abendessen

von dem Geist erzählt. Außer ihm wusste niemand hier

im Lager davon. Da liegt der Gedanke doch nahe, dass

er sich selbst als Geist verkleidet hat. Und weiße Betttücher

gibt es hier in den Schlafzelten ja schließlich

genug.“

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232

Aufl ösung zu

Raubritter auf Burg Drachenfels

„Es war ihr Wagen, der die Diebe verraten hat“, sagte

Pieri. „Er stand verkehrt herum. Bereit, wieder wegzufahren,

Richtung Bergheim. Aber die Besitzer dieses

Kiosks hätten sich bestimmt nicht die Zeit genommen,

bei ihrer Ankunft erst den Wagen zu wenden und dann

erst zu schauen, welchen Schaden die Diebe angerichtet

haben.“

Aufl ösung zu

Das Grab des Kreuzritters

Lisa lächelte. „Es erfordert wirklich nicht viel Scharfsinn

herauszufi nden, dass der wackere Ritter Gundolf niemals

hier begraben war. Die Inschrift hier an der Seite

des Sarkophags verrät, dass er im Heiligen Land gestorben

ist.“

„Richtig“, nickte Frank. „Hier im Buch steht, dass er

ein Begleiter von Kaiser Friedrich Barbarossa war, der


während des 3. Kreuzzugs im Jahre 1190 im Fluss Saleph

ertrunken ist.“

„Damals hat sich bestimmt niemand die Mühe gemacht,

die Toten des Kreuzzugs nach Deutschland zurückzubringen,

Tausende Kilometer weit“, sagte Lisa.

„Gundolf wurde also nicht hier neben seiner Frau beigesetzt,

sondern irgendwo im Morgenland. Das hier

war also nicht sein Grab, sondern eigentlich nur ein Gedenkstein,

errichtet zur Erinnerung an ihn.“

Aufl ösung zu

In der Folterkammer

„Du hast wieder mal recht“, stimmte der Mann Lisa zu.

„Aber woher weißt du das?“

„Die Verließe befanden sich niemals im Erdgeschoss“,

antwortete Lisa. „Und ganz gewiss hatten sie nicht so

riesige, noch dazu unvergitterte Fenster. Hier hätte

man die Gefangenen viel zu leicht befreien können.“

„Ganz recht“, nickte der Mann. „Dieser Raum hier

wurde erst vor einigen Jahrzehnten als Verließ und Folterkammer

hergerichtet. Die Kellerräume der Ruine sind

leider nicht mehr zugänglich.“ Er lächelte. „Das Ganze

ist ein Schwindel, den ich mir selbst ausgedacht habe.

Die meisten Besucher fi nden den Raum hier trotzdem

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echt gruselig. Aber das Fenster hier, tja, das werden

wir wohl zumauern müssen.“

234

Aufl ösung zu

Der Schatz in der Drachenhöhle

„Im Jahr 15 vor Christus wusste noch kein Mensch etwas

von Christus“, antwortete Lisa. „Der wurde ja erst

15 Jahre später geboren. Also konnte man damals auch

nicht diese Jahreszahl auf die Münze schreiben. Ich

glaube, der Graf hat sich einen Scherz erlaubt.“

Graf Drachenfels lächelte vergnügt. „Ich plane, hier

in Zukunft Ritterspiele zu veranstalten“, sagte er strahlend.

„Dazu gehört auch eine Schatzsuche. Und das

eben war nur ein kleiner Test. Da die Sache euch aber

so viel Spaß gemacht hat, wird sie sicherlich auch anderen

Menschen, vor allem den Kindern, Spaß machen.

Ich überlege nur noch, ob ich nicht auch einen Drachen

in die Höhle dort unten setzen soll. Natürlich nur

aus Pappe, aber mit einem riesigen, weit aufgerissenen

Maul und langen, spitzen, Furcht einfl ößenden Zähnen.

Wie denkt ihr darüber?“

„Ich denke, wir sollten uns jetzt auf den Rückweg ins

Ferienlager machen“, sagte Lisa. „Sonst kommen wir zu

spät zum Mittagessen.“


Aufl ösung zu

King Kong in Bergheim

„Kein Mensch kann einen Aff en so gut nachahmen“,

sagte Pieri. „Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mich losließ,

dann davonrannte und in aff enartiger Geschwindigkeit

auf dem Zebrastreifen die Straße . . . Jetzt verstehe

ich, was du meinst! Einem Aff en sind Zebrastreifen und

sonstige Fußgängerübergänge vollkommen gleichgültig.

Er würde die Straße überqueren, wo es ihm gerade

in den Sinn kommt. Nur ein Mensch geht zum nächsten

Zebrastreifen, wenn er die Straße überqueren will.“

Aufl ösung zu

Die dicke Königin

„Wer ist dieser vorlaute Bengel?“, fragte der Dompteur.

„Der vorlaute Bengel ist hinter Ihrem Zug hergelaufen“,

antwortete Pieri. „Ich bin an den vier Elefanten

vorbeigekommen, die am Rande der Wiese angekettet

waren. Jedenfalls drei von ihnen. Der vierte, Rani, war

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nicht angekettet. Aber das ist mir gar nicht richtig aufgefallen.

Erst jetzt, wenn ich zurückdenke, weiß ich . . .“

„Ich hatte Rani angekettet“, beharrte der Wärter. „So

etwas vergesse ich nie. Ganz bestimmt hat Roberto sie

losgebunden.“

„Der kann es nicht getan haben“, widersprach Pieri.

„Als sie mit Rani kamen, war er dort drüben bei Herrn

Großmann im Büro.“

„Das ist richtig“, bestätigte Herr Großmann.

„Und zu diesem Zeitpunkt war Rani schon frei“, fuhr

Pieri fort. „Weil Sie es versäumt hatten, sie anzuketten.“

„Ich weiß wirklich nicht, wie das geschehen konnte“,

sagte der Wärter verlegen.

„Und Sie sollten auch nie wieder leichtfertig einen

Unschuldigen verdächtigen“, fügte Herr Großmann

hinzu. „Wir alle machen mal einen Fehler. Aber dann

muss man auch dazu stehen.“

236

Aufl ösung zu

Jetzt schlägt‘s 13

„Nein, die Uhr geht richtig“, widersprach Lisa. „Aber

Sonnenuhren halten sich nicht an die Sommerzeit. Du

weißt doch, dass zu Beginn des Sommers die Uhren eine

Stunde vorgestellt werden. Aber Sonnenuhren kann


man nicht vorstellen, sie hinken im Sommer hinter den

anderen Uhren eine Stunde her. Als Markus hier am

Marktplatz vorbeikam, zeigte die Sonnenuhr auf zwölf,

aber es war schon 1 Uhr. Eine volle Stunde nach der Tat.“

Aufl ösung zu

Der größte Clown der Welt

„Ja, woran hast du erkannt, dass dieser Clown hier Roberto

ist?“, fragte auch Romy.

„Da drüben hängt sein Aff enkostüm. Jedenfalls ein

Teil davon. Die Gorilla-Maske“, grinste Lisa.

Aufl ösung zu

Die alte Hexe

„Du hast recht, die Hexe da unten ist Lisa“, bestätigte

Romy. „Aber woran hast du das erkannt?“

„An ihren Schuhen“, antwortete Pieri. „Sie hatte, wie

ich schon sagte, vor der Vorstellung Sandalen an. Und

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diese blöden gestreiften Ringelsocken. Sandalen waren

ihr für die Arena wohl zu unbequem. Also hat sie

mit dir die Schuhe getauscht. Da deine Turnschuhe

jetzt die Hexe trägt, muss die Hexe Lisa sein.“

238

Aufl ösung zu

Der vergessliche Dieb

„Was er vergessen hatte?“, fragte Lisa zurück. „Das da!“

Sie zeigte auf die schwarze Augenklappe. „Damit ist

er in den letzten Tagen sicher von etlichen Menschen

hier in der Stadt gesehen worden. Er musste sie sich

also wieder zurückholen, damit die vergessene Augenklappe

ihn nicht verraten konnte.“

Aufl ösung zu

Nächtliche Überstunden

„Einer meiner Bekannten?“, wiederholte der Wachtmeister

verständnislos.


„Sie sind ihm erst gestern Abend begegnet“, sagte

Lisa. „Dieser Herr Becker, der von dem fl üchtigen Dieb

über den Haufen gerannt wurde. Und der sich danach

so eilig verabschiedet hat, als Sie den Dieb verfolgten.

Da Sie nur daran dachten, den einen Gauner nicht entkommen

zu lassen, haben Sie nicht bemerkt, dass der

Werkzeugkasten von Herrn Becker sich bei dem Sturz

geöff net hatte.“

„Ja, jetzt erinnere ich mich!“, rief Pieri aufgeregt. „In

dem Koff er lag eine Eisensäge. Er hat in dieser Nacht

noch mehr Verkehrszeichen abgesägt.“

Aufl ösung zu

Fahrerfl ucht

„Empörend!“, schimpfte der Radfahrer. „Da wird man

fast überfahren, dann hilfl os auf der Straße liegen gelassen,

und schließlich muss man sich auch noch gefallen

lassen, dass man der Lüge bezichtigt wird!“

„Sie sagten, dass der Autofahrer scharf gebremst

hat, Ihnen gerade noch ausweichen konnte und dann

zum Stehen kam“, sagte Lisa. „Bei einer solchen Vollbremsung

sind immer Bremsspuren auf der Straße zu

sehen. Aber hier gibt es keine Bremsspuren! Sie sind

also ohne irgendein Fremdverschulden gestürzt.“

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240

Aufl ösung zu

Musikfreunde

Holger, Hannes und Lisa blickten Pieri erstaunt an.

„Es wäre möglich, dass die Diebe durch das Fenster

gekommen sind“, sagte Pieri. „Aber sie sind nicht durch

das Fenster abgehauen. Das Cello unter dem Fenster

wäre ihnen im Weg gewesen. Wenn sie darauf getreten

wären wie auf eine Leiter, hätten sie es zertrampelt.

Zumindest aber hätten sie es umgestoßen. Da es

noch steht, müssen sie den Raum durch den einzigen

anderen Ausgang verlassen haben. Durch die Tür. Und

zu der hat nur Holger den Schlüssel.“

Aufl ösung zu

Frechheit siegt – aber nicht immer

„Das Plakat da draußen verkündet, dass am 17. 8. um

19 Uhr 30 die letzte Vorstellung des Theaterstücks ist“,

sagte Pieri. „Also heute Abend. Aber warum schaff t

man die Kulissen und alles, was man für das Stück


aucht, schon vorher weg? Diese Männer hier sind

also gar nicht vom Theater. Sie sind die Komplizen von

Holger. Die Diebe!“

Aufl ösung zu

Doch im Wald, da sind die Räuber

„Ist auch das kein Beweis?“, fragte Pieri. Er griff in den

Koff erraum und zog die Einkaufstüte unter dem Werkzeugkasten

hervor. Jetzt war der ganze Firmenname zu

lesen: „preiswert“.

Gustav zog sein Handy aus der Tasche. „Ich denke,

das sind genug Indizien, um die Polizei zu informieren“,

sagte er.

Aufl ösung zu

Die Räuberhöhle

Lisa lachte. „Hast du nicht gesehen, womit der Hund

spielte?“

241


„Klar. Er hatte eine Quietschente, einen Knochen, einen

alten Pantoff el . . .“

„Pantoff el! Da sieht man wieder mal, dass ihr Jungs

keine Ahnung habt von Mode! Der Hund spielte mit einem

Damenschuh mit hohem Absatz. Ein Mann, der

zum ersten Mal solche Schuhe trägt, kann darin kaum

drei Schritte weit gehen.“

„Du meinst, der Mann und die Frau, die den Supermarkt

überfallen haben, waren . . .“

„ . . . zwei Männer“, ergänzte Lisa. „Einer hatte sich

als Frau verkleidet. Da die Polizei einen Mann und eine

Frau sucht, fühlen sich die beiden Männer völlig sicher.“

242

Aufl ösung zu

In der Bärenschlucht

„Sieh dir doch mal das Boot an!“, sagte Lisa.

„Ein ganz gewöhnliches Faltboot“, meinte Pieri. „Es

schwimmen wahrscheinlich Dutzende von Booten auf

diesem Fluss herum. Ich kann nichts Besonderes erkennen.“

„Alle anderen Boote sind oben off en“, sagte Lisa. „In

jedem von ihnen ist genügend Platz für einen großen

Hund. In diesem Kajak da nicht. Also läuft Hubertus am

Ufer entlang neben dem Boot her.“


Aufl ösung zu

Noch ein Reifenstecher

„Das verstehe ich nicht“, wunderte sich Lisa. Sie sprach

leise, um von den beiden Männern drüben am Fluss

nicht gehört zu werden. „Die Autos von Räubern sehen

genauso aus wie die Autos anderer Leute.“

„Du bist doch auch der Meinung, dass der Hund

dort drüben den Räubern gehört, oder?“

„Klar!“

„Hunde brauchen ab und zu etwas zu fressen. Und

in diesem Auto liegt eine Dose mit Hundefutter.“

Aufl ösung zu

Die Festnahme

Lisa ging die wenigen Schritte zu dem „Spielzeug“, das

der Hund hatte fallen lassen. Sie hob es auf. Es war eine

Pistole.

„Plastik“, sagte sie. „Deshalb ist sie auf dem Wasser

geschwommen, und Hubertus konnte sie mitneh-

243


men, als er ans Ufer schwamm. Mit einem solchen Ding

kann man einer überraschten Kassiererin im Supermarkt

Angst einjagen, aber nicht auf Polizisten schießen.

Im Grunde hat Hubertus recht: Das Ding taugt nur

als Spielzeug.“

244

Aufl ösung zu

Noch ein Einbruch

Herr Großmann, Frau Schulze, Gustav und Lisa blickten

Pieri an.

„Weißt du etwa, wer es war?“, fragte Herr Großmann.

„Klar“, antwortete Pieri. „Der Verbrecher hat doch

seine Fingerabdrücke hinterlassen. Da drüben an der

Wand unter dem Fenster. Genauer gesagt, seine Pfotenabdrücke.

Es war Hubertus.“

„Deshalb also ist der Bursche jetzt so faul und schläfrig!“,

sagte Gustav. „Kein Wunder, wenn man gerade 24

Steaks verdrückt hat . . .“


Aufl ösung zu

Später Besuch

Der Clown lag auf dem Rücken. Über ihm stand, mit

seinen Vorderpfoten auf seine Brust gestützt, Hubertus

und leckte ihm mit seiner riesigen breiten Zunge das

Gesicht ab.

„Dem scheint die Schminke zu schmecken“, lachte

Romy.

„Klar“, nickte Roberto. „Ist ja auch keine Schminke,

sondern Marmelade, Schokolade, Zuckerwasser und

dergleichen.“

Hubertus schnappte nach der riesigen Plastiknase

des Clowns und riss sie ab. Jetzt war das Gesicht des

Mannes, fast völlig befreit von der Farbe, deutlich zu

sehen.

„Gustav!“, riefen alle ringsum im Chor.

Gustav stand auf. Er verbeugte sich leicht und deutete

er mit seiner verbundenen rechten Hand auf seine

Brust. In diesem Moment wurde auch Lisa schlagartig

klar, woran Pieri Gustav erkannt hatte.

„Ich nix Gustav“, sagte er. „Ich Il Grande Gustavo,

zweitbestes Clown von Welt!“

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246

Aufl ösung zu

Keine Gitarre für Pieri

„Der Hund heißt Hubertus“, antwortete Pieri auf die

Frage von Wachtmeister Anders, „und er gehört den

beiden fl üchtigen Räubern. Als er vorhin plötzlich voller

Freude aufsprang und davonrannte, habe ich auch

nicht sofort begriff en, was los war. Aber als Herr Großmann

sagte, dass ein Jagdhund nicht hinter anderen

Tieren herhetzt, wusste ich sofort, was Hubertus entdeckt

hatte: seine beiden Herrchen. Er war auf dem

Weg zu ihnen. Und da er auf das Haus zurannte, mussten

die beiden sich ja dort befi nden.“

Aufl ösung zu

Pech gehabt!

„Sein Hund hat ihn verraten“, antwortete Pieri. „Er stand

vor der Tür und wollte hinein. Aber zu Wildfremden

würde er bestimmt nicht gehen. Er wusste, dass sein

Herrchen in dem Wagen ist.“


„Dieser Köter wird mir allmählich genauso unsympathisch

wie du!“, ärgerte sich der Ertappte. „Ihr beide

passt wirklich gut zusammen.“

Aufl ösung zu

Ausgefl ogen?

„Woher willst du das alles wissen?“, wunderte sich Romy.

„Hast du denn den Rauch aus dem Kamin nicht gesehen?“,

fragte Pieri zurück.

„Nein, und ich sehe auch jetzt keinen Rauch.“

„Weil das Feuer schon so gut wie erloschen war,

als wir kamen. Bei diesem schönen Sommerwetter

brauchte der Räuber das Feuer bestimmt nicht, um

sich zu wärmen. Er hat sich also ein Frühstück zubereitet.

Das ist schon eine Weile her, weil das Feuer inzwischen

ausgegangen ist. Er ist also mit dem Frühstück

schon fertig. Und da er nicht im Dunkeln sitzen und in

die Finsternis starren möchte, hat er sich eben aufs Ohr

gelegt. Sonst gibt es ja für ihn nichts zu tun. Ich glaube,

Lisa, jetzt ist die Zeit für einen Anruf bei der Polizei!“

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248

Aufl ösung zu

Knastbrüder

„Das Bild sieht genauso aus, wie ich mir eine Gefängniszelle

vorstelle“, sagte Frank. „Abgesehen von dem

fröhlichen Grinsen der beiden Gefangenen.“

„Schau dir nicht die beiden Kerle auf der Pritsche an,

sondern den Fußboden!“, sagte Pieri. „Man sieht Licht,

das durch ein Fenster hereinfällt. Mit dem Schatten eines

Fensterkreuzes – aber ohne Gitterstäbe! Kannst du

dir eine Gefängniszelle vorstellen, deren Fenster nicht

vergittert ist?“

Aufl ösung zu

Auf heißer Spur

„Das Bild zeigt ein Haus, in dem man Getränke bekommt

und wahrscheinlich auch etwas zu essen“, sagte

Pieri. „Und die Reklametafel hinter den beiden Männern

zeigt einen Bären in einem kleinen Boot. Wo gibt

es in dieser Gegend Bären und Boote?“


„Bären gibt es nirgends“, antwortete Lisa. Sie verstand

jetzt, worauf Pieri hinauswollte. „Aber es gibt

eine Bärenschlucht, und dort gibt es auch einen Fluss

und einen Bootsverleih. Nämlich das Haus, das wir auf

dem Foto sehen. Und es gibt dort einen Parkplatz mit

vielen Autos darauf . . .“

Aufl ösung zu

Ein Männlein steht im Walde

Pieri öff nete die Fahrertür des Wagens, griff hinein und

zog den kleinen Weidenkorb unter der Gitarre auf dem

Beifahrersitz hervor.

„Pilze“, sagte er. „Frisch geschnitten, noch voller

Erde. Die haben Sie eben erst im Wald gesammelt. Dabei

haben Sie diesen Wagen entdeckt. Den wollten Sie

stehlen, mussten aber feststellen, dass der Tank leer ist.“

„Ich wollte nur . . .“ Der Mann stockte. Es fi el ihm

keine glaubhafte Ausrede ein. Dann riss er Pieri das

Körbchen mit den Pilzen aus der Hand und rannte davon,

in den Wald hinein.

„Er rennt, als wäre die Polizei hinter ihm her“, lachte

Manuel. „Oder ein wütendes Wildschwein.“

„Lass ihn rennen!“, sagte Lisa. „Er hat ja keinen Schaden

angerichtet.“

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Aufl ösung zu

Künstlerpech

„Das hier ist eine Elektrogitarre“, sagte Gustav. „Im

Grunde nur ein Brett mit ein paar Saiten darauf und einem

Anschluss für den Verstärker. Die Gitarre aber, die

sich Pieri bei uns im Ferienlager geliehen hat, ist eine

ganz normale Gitarre, wie sie in Spanien üblich ist. Viel

größer, dicker, innen hohl und ohne elektrischen Anschluss.

Elektrogitarren haben wir überhaupt nicht.“

Aufl ösung zu

Die Stimme vom Himmel

„Die Kirchturmuhr hat mich darauf gebracht“, sagte Pieri.

„Sie schlug 1 Uhr. Aber an der Tür steht, dass der Laden

von zwölf bis halb zwei geschlossen ist. Ich denke,

wenn der eigene Neff e kommt, öff net man auch mal

außerhalb der Geschäftszeiten. In der Aufregung über

das, was der Neff e zu erzählen hatte, hat Herr Kleinschmidt

dann vergessen, die Tür wieder abzusperren.“


Aufl ösung zu

Die Mumie

„Der Bademeister?“, wiederholte Gustav. „Unsinn! Ich

habe dir doch erzählt, dass er sich das Bein gebrochen

hat. Mit seinem Gipsbein kann er kaum laufen. Schon

gar nicht unauff ällig.“

„Ich meine nicht den richtigen Bademeister, sondern

den falschen“, sagte Pieri. „Den Mann mit der Aufschrift

‚Bademeister‘ auf seinem Hemd!“

Aufl ösung zu

Die Nadel im Heuhaufen

„Du hast uns doch selbst erzählt, dass der echte Bademeister

sich gestern Abend ein Bein gebrochen hat

und dass er mit einem Krankenwagen nach Neustadt

gebracht wurde“, antwortete Pieri. „Wahrscheinlich haben

die meisten Leute hier in der Stadt das überhaupt

nicht mitbekommen. Zu den wenigen Leuten, die wissen,

dass es heute keinen Bademeister am See gibt, ge-

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hören die Sanitäter, die Georg Müller ins Krankenhaus

gebracht haben. Und einer von ihnen ist, wie du sagst,

ein alter Bekannter von Georg. Er ist also mit großer

Wahrscheinlichkeit der Dieb!“

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Aufl ösung zu

Wer ruft sich schon selbst an?

„Es ist heiß heute“, sagte Pieri. „Jeder zieht sich so leicht

an wie möglich. Sogar Wachtmeister Anders trägt ein

Uniformhemd mit kurzen Ärmeln. Nur dieser Krankenwagenfahrer

hier hat sich angezogen wie ein Eskimo

am Nordpol. Weil er unter seiner Jacke noch das Hemd

mit der Aufschrift ‚Bademeister‘ trägt!“

„Stimmt genau! Besser hätte ich es nicht erklären

können, Pieri“, stimmte Lisa ihm zu, und die beiden

grinsten sich verschwörerisch an.

„Diese verdammte Hitze!“, fl uchte der Krankenwagenfahrer.

„Ich wollte mir vor der Heimfahrt noch ein

eiskaltes Wasser gönnen, sonst wäre ich schon längst

weg von hier . . .“


Aufl ösung zu

Der Schlaumeier

„Sie haben gestern Abend in der Dunkelheit nicht die

dicke Schicht Sand gesehen, die hinter Ihrem Wagen

liegt“, fuhr Pieri fort. „Die Fußspuren, die Sie darin hinterlassen

haben, sind noch deutlich zu sehen. Auch auf

dem Gehsteig. Sie führen von der Autotür hinten um

Ihren Wagen herum, zum ursprünglichen Standort des

Verbotszeichens und weiter zu seinem jetzigen.“

Dem Autobesitzer war bei dieser Beweisführung das

Grinsen vergangen.

„Das wird Sie eine saftige Strafe kosten“, sagte der

Arbeiter. Jetzt war er es, der grinste.

Aufl ösung zu

Till Eulenspiegel

„Als dieser Bernhard oder Benedikt oder Till hereinkam,

warst du gerade vollauf damit beschäftigt, die

Karte mit den Eisspezialitäten zu studieren und dir et-

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was auszusuchen“, antwortete Pieri. „Wenn du dir stattdessen

den komischen Kerl angesehen hättest, hättest

du gemerkt, dass er gar keinen Schirm dabeihatte. Der

Schirm, den er dann mitnahm, konnte also nicht sein

eigener sein.“

Aufl ösung zu

Wie klaut man einen Elefanten?

Pieri deutete auf einen der Masten, die das Elefantenzelt

trugen. An dem Mast hing ein Spiegel, etwa so

groß wie ein Buch. Auf den Spiegel war mit Farbe eine

Eule gemalt.

„Till hat sein Autogramm hinterlassen“, lachte Pieri.

„Eulenspiegel!“

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Aufl ösung zu

Mich laust der Affe!

Lisa lachte. “Für einen Menschen, der gern und viel fotografi

ert, ist das eine sehr dumme Frage! Da sonst niemand

in der Nähe war, kannst nur du selbst die Aufnahme

gemacht haben . . .“

„Daran würde ich mich erinnern“, widersprach Pieri.

„ . . . oder die drei Männer vor dir“, sprach Lisa weiter.

„Wachtmeister Anders und Till sind zu weit weg

von der Kamera, die kommen also nicht in Frage. Also

hat der Gorilla dieses Selbstporträt gemacht – mit dem

ausgestreckten Arm.“

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©2011 by Helmut Lingen Verlag GmbH & Co. KG,

Opladener Str. 8, 50679 Köln

Autor: Helmut Neubert

Illustrationen: Christoph Heuer

Illustrationen Lisa & Pieri: Evelyn Neuss

Coverillustration: Evelyn Neuss

Das Werk einschließlich aller seiner Texte ist urheberrechtlich geschützt.

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ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

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