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WINTER 2012

AUSGABE 09


Die komplette

Ratgeberreihe und die

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Sich um den Traumjob bewerben?

Wenn, dann richtig.

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rund um die FU gibt auf FURIOS-Online

unter: www.furios-campus.de

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Editorial

Liebe Kommilitoninnen,

liebe Kommilitonen,

das Bundesverfassungsgericht ist ein Spielverderber. »Ein

Recht auf Rausch gibt es nicht«, lautet ein Beschluss von

1994, in dem sich die Richter vor allem gegen ein Recht

auf Besitz von Cannabis wandten. Der Rausch scheint in

Deutschland kein sonderlich hohes Ansehen zu genießen.

Wir haben uns davon nicht abschrecken lassen und uns

in diesem Heft trotzdem dem Rausch gewidmet. Denn gerade

das Studentenleben hat die besten Voraussetzungen,

um sich dem Rausch ohne große Bedenken hinzugeben –

zumindest hin und wieder.

Er kann dabei sehr unterschiedliche Formen annehmen:

Für manche wird schon die Bewältigung des hektischen

Alltags zum rauschhaften Erlebnis (S. 6). Das bringt

uns zu der Frage: Was verbirgt sich eigentlich hinter dem

Phänomen des Rausches? Psychiater Arnim Quante erklärt

es im großen Titelinterview. Für ihn steht fest: Das

menschliche Verlangen nach dem Rausch ist etwas ganz

Natürliches (S. 12). So sieht es auch ein Student, der sich

zum regelmäßigen Drogenkonsum bekennt und von seinen

Berlin-spezifischen Erfahrungen erzählt (S. 15). Doch gibt

es auch die Gegenposition: Menschen, die »Straight Edge«

leben, verzichten gänzlich auf gängige Rauschmittel (S. 10).

Wir in der FURIOS-Redaktion sind noch ganz berauscht

vom Ansturm neuer Autoren, Illustratoren und Fotografen.

Noch nie zuvor hatte die Redaktion so viele Mitglieder. Nur

so war es möglich, dass wir neben der Heftproduktion auch

auf unserem Internetauftritt FURIOS Online regelmäßig

neue Beiträge rund um Hochschulpolitik und Campusleben

veröffentlichen konnten.

Eine weitere Änderung habt Ihr sicher schon bemerkt:

Wir haben das Heft-Layout ordentlich aufgefrischt. Eine

klare Farbgebung sorgt jetzt für eine deutlichere Unterscheidung

zwischen den Ressorts, eine neue Schriftart

für bessere Lesbarkeit. Außerdem kennzeichnen ab sofort

wiederkehrende Logos die Rubriken wie etwa der »Ewige

Ehemalige« (S.29), der »Empörte Student« (S. 38) oder die

Erfahrungsberichte in »Wo bin ich hier gelandet?« (S.27).

Ein berauschendes Lesevergnügen wünscht

Florian Schmidt

Chefredakteur

Dranbleiben.

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dem Laufenden, indem Ihr uns auf Facebook

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03


INHALT 09

TITELTHEMA

IM RAUSCH

12

06

Surfen auf der Stresswelle

15

Termine, To-Do-Listen und Hektik. Das kann nicht nur

stressig sein, sondern auch äußerst berauschend.

10

Rauschlos glücklich

16

Wie lebt jemand, der nie legale oder illegale Rauschmittel

nimmt? Und was berauscht ihn stattdessen?

»Wir möchten es immer wieder haben«

Warum verlangt unser Gehirn nach Rauschzuständen

und was passiert dabei? Ein Psychiater erklärt.

Einstiegsdroge Berlin

In der Hauptstadt scheinen Drogen zum Alltag zu

gehören. Ein Konsument berichtet von seinen

Erfahrungen.

4 aus 40.000

Wir stellen Studierenden und Professoren die Gretchenfrage:

Sag, wie hältst du’s mit dem Rausch?


POLITIK

18 Der Versöhner

Langzeitstudent Mathias Bartelt mischt die Hochschulpolitik auf.

Ein Versuch, den Unbeschreiblichen zu beschreiben.

20 Die schweigende Minderheit

Gibt es im Studierendenparlament eine Opposition und wenn ja,

wo? Wir begeben uns auf die Jagd nach dem Phantom.

21 Comeback in Aussicht?

Im Akademischen Senat stehen Neuwahlen an. Was geschah in

dieser Legislaturperiode und was wird in der kommenden wichtig?

22 Laut Putin sagen

Platten, Proteste, Putin - Eindrücke aus der russischen Exklave

Kaliningrad.

CAMPUS

24 Mangelware Hoffnung

Sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden ist nicht leicht. Für

Zugezogene aus Krisenländern aber ist es noch schwieriger.

26 Durch den Tunnel zu Silber

FU-Studentin Julia Richter hat in London olympisches Silber geholt.

Im Interview erzählt sie von ihren Zukunftsplänen.

27 Wo bin ich hier gelandet?

Studierende wechseln die Seiten - und erleben babylonisches

Sprachengewirr und eine abschreckende Lektion in Tiermedizin.

28 Abbruchstimmung

Ein Studienabbruch ist kein Beinbruch. Das belegen beruhigende

Statistiken.

29 Ewige Ehemalige: Ausgebildet zum Weltverbessern

Grünen-Politikerin Renate Künast hat an der FU Jura studiert.

Dabei pendelte sie zwischen Bibliothek und Wendland.

38 Der empörte Student

Immer diese allwissenden Kommilitonen aus den höheren Fachsemestern!

Höchste Zeit, ihnen die Meinung zu geigen!

KULTUR

30 Der Kater klopft auf Holz

An der Spree errichten die »Kater Holzig«-Betreiber ein Wohn- und

Kulturprojekt. Auch für Studierende soll Platz sein.

32 Clown oder Pille?

Wie passen Schul- und Alternativmedizin zusammen? Eine studentische

Ausstellung in der Charité zeigt es.

33 Die geklaute Rubrik

Wir klauen von den Großen im Blätterwald und pflanzen unsere

Ideen ein. Dieses Mal: »Mail aus« von der »Zeit«.

WISSENSCHAFT

34 Schluss mit Steuern

Informatik-Professor Raúl Rojas lässt sich chauffieren. Er hat ein

Auto entwickelt, das von ganz alleine fährt.

36 Kauf’ dir schöne Aussichten

Wetter sucht Paten! Außerhalb Amerikas werden nur an der FU

Namen für Wetterhochs und -tiefs festgelegt.

37 Vorurteile in Therapie

Begegnen Therapeuten psychisch kranken Migranten mit

Vorurteilen? Psychologen an der FU forschen nach.


06 Titel


Surfen auf der Stresswelle

Florian Schmidt erlebt seinen Alltag wie einen Rausch. Termindruck, Stress und Hektik

gefallen ihm. Jedoch fragt er sich, ob es nicht auch anders geht. Ein Selbstversuch.

Titel

07


08 Titel

Mittwochabend: Party in Neukölln. Vorher schnell

noch ein Sixpack Bier besorgen. Spätestens um

1 Uhr nach Hause, sechs Stunden Schlaf tanken.

Donnerstagmorgen: Statistik-Vorlesung, vorher die Hausaufgaben

ausdrucken – nach der Veranstaltung ist Abgabe.

Dann mit der Lerngruppe in die Bibliothek, die Aufgaben

für das Tutorium durchgehen. Zwischendurch Freunde in

der Mensa treffen. Kurzer Smalltalk über die neuesten Neuigkeiten.

Am Nachmittag: Arbeiten in Kreuzberg, auf dem

Weg dorthin gerade Zeit für zwei kleine Zeitungsartikel. Danach

nach Hause. Abendbrot im Stehen. Handy-Vibrieren,

eine neue SMS: »Bleibt es bei unserer Verabredung zum Fitness

in einer halben Stunde?« Ja, es bleibt dabei. Nach anderthalb

Stunden wieder heim. Duschen. Vor dem Schlafengehen

noch das wöchentliche Skype-Date mit dem Kumpel

in Amerika. Gleichzeitig das Skript für Freitag ausdrucken.

Nach einer halben Stunde auflegen. Dann Licht aus.

Tage wie diese sind für mich keine Seltenheit. Ich erlebe

sie häufig. Von außen betrachtet Stress pur. Mir selbst aber

kommt es nicht so vor. Dann, wenn die Flutwelle der Termine

eigentlich über meinem Kopf zusammenbrechen müsste,

fühle ich mich nicht am Ende – im Gegenteil. Ich fühle mich

gut. Es gefällt mir viel vorzuhaben. Es gefällt mir, beschäftigt

durchs Leben zu eilen. Das, was eigentlich Stress sein

müsste, erlebe ich oft nicht als solchen. Vielmehr kommt es

mir vor, als lebte ich in einem Rausch.

Die Psychologie nennt dieses Phänomen »Flow-Effekt«.

Es ist das Gefühl, das Leben voll unter Kontrolle zu haben,

trotz größter Herausforderungen. Der Eindruck alles laufe

nach Plan, der perfekte Fluss, der Rausch. Wie bei einem

Surfer, der auf einer Welle reitet, die nie zu brechen scheint.

»Das Schlimmste wäre, nur

herumzusitzen«

Ich laufe über den Campus zur Mensa. Eine Freundin

kommt mir entgegengeeilt. Wir bleiben kurz stehen und unterhalten

uns. »Ich muss heute noch so viel machen«, setzt

sie an. Es folgt eine Terminkalenderübersicht. Und die ist

lang. Die ersten Uni-Wochen habe sie verpasst, weil sie

ein Praktikum absolviert hat. Oft habe sie länger als acht

Stunden gearbeitet, abends wartete eine ungeschriebene

Hausarbeit auf sie. Zwar sei die jetzt fertig, nun aber müsse

sie reichlich Stoff nachholen. »Das ist momentan echt etwas

viel«, seufzt sie leicht gespielt. Ausgebrannt wirkt sie nicht.

Schnell schiebt sie hinterher: »Aber das schaffe ich schon.«

Vielen meiner Kommilitonen geht es so wie mir. Einer

engagiert sich bei den Jusos, treibt Sport, geht arbeiten und

seit Kurzem trainiert er eine Kinderfußballmannschaft. Er

ist ständig unterwegs und meint: »Das Schlimmste wäre für

mich, nur herumzusitzen. Und solange alles klappt, was ich

mir für den Tag vornehme, macht es Spaß viel beschäftigt

zu sein.«

Das ist der Knackpunkt: Solange es klappt, lebt es sich

im Flow wie in einem Rausch. Läuft etwas schief, kann dieser

schnell zum Horrortrip werden.

Hans-Werner Rückert sitzt entspannt in einem Sessel in

seinem Büro in der Brümmerstraße. Am Fenster steht sein

Schreibtisch samt Laptop, ein Regal voller Bücher türmt sich

hinter ihm auf. Als Leiter der psychologischen Studienberatung

an der FU kennt Rückert viele Leidensgeschichten. Zu

ihm kommen regelmäßig Studenten, die mit Stress kämpfen.

Seit der Einführung von Bachelor und Master gebe es

immer mehr, die ihren »Rausch« nicht genießen könnten,

sondern von ihm aus der Bahn geworfen würden. »Der

Druck, der auf Studenten lastet, ist hoch«, sagt er. »Durch

die gewachsenen Leistungsanforderungen und den höheren

Zeitdruck, den viele verspüren, wird das Studium für einige

schnell zu viel.«

Viele Studenten beklagen ständigen

Zeitdruck

Ein ähnliches Bild zeichnet eine Befragung von Bachelorstudenten

an der FU, die der Fachbereich Erziehungswissenschaft

regelmäßig durchführt. Etwa drei Viertel von ihnen

beklagen, dass sie in ihrem Studium unter ständigem Zeitdruck

stehen. Rund 60 Prozent fühlen sich sehr großer Belastung

durch das Studium ausgesetzt – und fast ein Drittel

aller Befragten bezweifeln, dass sie ihr Studium mit Erfolg


abschließen werden. Den Rausch des Lebens nehmen diese

Studenten nicht wahr. Eher gleicht ihr Leben dem Kater

nach dem Rausch; mit Symptomen von Schlaflosigkeit bis

zum Burn-Out.

Ich erzähle Rückert, dass ich mich von diesem weit

entfernt sehe. Ich erkläre ihm, dass ich Stress oft gut finde,

dass es mir bisweilen Spaß macht, von Termin zu Termin zu

hetzen. »Na ja, wenn Sie so denken, sitzen Sie komplett dem

neoliberalen Gesellschaftsbild auf«, sagt er.

Dieses suggeriert, dass das Leben als Projekt betrachtet

und bestmöglich gemanagt werden muss. Der Aufbau

der perfekten Karriereleiter, das Abarbeiten möglichst vieler

Termine und der damit verbundene Stress – all das ist

aus dieser Perspektive etwas Normales, wenn nicht gar

Erstrebenswertes. Rückert meint: »Von einer anderen Weltsicht

her betrachtet, kann einem das verrückt erscheinen.«

Ist es das? Verrückt? Bin ich seltsam, weil ich Stress als

etwas Berauschendes empfinde? Habe ich es verlernt, entspannt

durch den Alltag zu gehen?

Geht es auch in einem langsamen

Tempo?

Ein Selbstversuch: Mal sehen, wie es sich mit einem langsameren

Tempo lebt. Wieder ist es Mittwochabend. Dieses

Mal bin ich mit Freunden in einer Bar verabredet, bei mir

um die Ecke. Obwohl der Donnerstagmorgen genauso mit

Verpflichtungen überladen ist wie vergangene Woche, werden

aus einem Glas schnell zwei, dann drei. Am Ende weiß

ich es nicht mehr so genau. Als ich nach Hause komme, ist

es halb zwei. Müde falle ich ins Bett.

Der Wecker klingelt. Ich stehe auf und mache mich auf

den Weg zur Uni. Die Lerngruppe nach der Vorlesung lasse

ich sausen. Den Stoff kann ich auch am Wochenende nachholen.

Lieber gehe ich in Ruhe mit meinen Freunden in der

Mensa essen. Anstatt oberflächlich zu quatschen, unterhalten

wir uns lange und ausgiebig. Es geht auch anders, denke

ich mir.

Als ich zur Arbeit fahre, wähle ich einen längeren Weg

mit weniger Umsteigen. Ich komme deutlich entspannter an,

weniger gehetzt. Nach der Arbeit fahre ich heim und lese

ein Buch. Das letzte Mal schaue ich gegen zehn auf die Uhr.

Dann lege ich mich ins Bett. Ist doch gar nicht so schlecht,

mehr Zeit zu haben. Die Entdeckung der Langsamkeit.

Im Kopf nörgelt das schlechte Gewissen

Diese verordnen auch in der Arbeitswelt immer mehr Firmen

ihren Mitarbeitern. Etwa bei Seminaren sollen schon

junge Angestellte lernen, wie sie das Hamsterrad der Arbeit

für eine gewisse Zeit verlassen, wie sie abschalten können.

Hans-Werner Rückert zufolge falle das aber nicht jedem

leicht. Viele Mitarbeiter glauben, in ihrer Position kaum

ersetzbar zu sein. Schnell drängt sich diesen Leuten ein

schlechtes Gewissen auf, wenn sie einmal fehlen.

Dieses Gewissen nörgelt auch in meinem Kopf. Ich habe

meinen Kumpel beim Skypen sitzen lassen, ich war nicht

beim Sport, den Stoff für das Tutorium muss ich nacharbeiten.

Ich vermisse das Tempo. Irgendwie gefällt es mir doch

besser, mir viel für den Tag vorzunehmen – und es dann

auch zu bewältigen.

Am nächsten Morgen wache ich auf und habe fast elf

Stunden geschlafen. Eine Tasse Tee, schnelles Frühstück

und ein Blick in den Terminkalender. Viel zu tun. Endlich

wieder Stress. Der Entzug vom Rausch, er hat lange genug

gedauert.

Fotos: Christopher Hirsch

Florian Schmidt ist Chefredakteur von

FURIOS. Gerade die Tage vor dem Druck

dieser Ausgabe waren deshalb für ihn

sehr stressig - äh berauschend.

Titel

09


10 Titel

Rauschlos glücklich

Der Verzicht auf jegliche legale und illegale Rauschmittel – das kennzeichnet die Straight-Edge-Bewegung.

Ute Rekers und Mareike-Vic Schreiber haben mit zwei Anhängern gesprochen.

Es dämmert schon am S-Bahnhof Ostkreuz.

Trotzdem fallen Julias Ohrringe

auf. Vielleicht, weil sie weiß sind und

das spärliche Licht reflektieren. Vielleicht

auch, weil auf der weißen runden Fläche ein

schwarzes X prangt. »Die habe ich selbst gemacht!«,

erzählt sie. Das X steht für Straight

Edge. Julia ist Straight Edgerin.

Die Bezeichnung steht für eine Jugendbewegung

innerhalb der Hardcore- und

Punk-Szene. Sie entstand in den 1980er-Jahren

in den USA. Junge Punks begannen damals,

sich gegen den Drogenkonsum aufzulehnen,

der in der Szene gang und gäbe war.

Ein Song der Band »Minor Threat« gab der

Bewegung ihren Namen. In »Straight Edge«

setzt sich der Sänger mit seinem drogenfreien

Leben auseinander. »Straight« steht für

nüchtern, »Edge« kommt von der Redewendung

»to have an edge«, Englisch für »einen

Vorteil haben«. Anhänger der Bewegung

verzichten meistens auf Koffein, Alkohol, Tabak,

Drogen und den häufigen Wechsel von

Geschlechtspartnern. Wer Straight Edge

lebt, scheint auf den ersten Blick rauschlos

glücklich zu sein.

Der Ausflug in Julias rauschlose Welt beginnt

in Friedrichshain. Die Heilpädagogik-

Studentin zeigt einen ihrer Lieblingsplätze. In

der Boxhagener Straße angekommen, fällt

schon von weitem das weiße, rechteckige

Eingangsschild mit der Aufschrift »Vöner«

ins Auge. Die zweite Zeile auf dem Schild

erklärt, was gemeint ist: der vegane Döner.

Das X als ständiger Begleiter

Während sie am Tisch auf ihr Essen wartet,

streicht Julia ihre schulterlangen braunen

Haare zurück und gibt erneut den Blick auf

ihre weißen Ohrstecker mit dem schwarzen

X frei. Mit diesem Zeichen signalisiert

sie nicht nur den freiwilligen Verzicht auf

Rauschmittel, sondern vielmehr auch die Zugehörigkeit

zu der Bewegung. Julia lebt nun

seit etwa dreieinhalb Jahren Straight Edge.

Früher malte man das Symbol, das Julia auf

ihren Ohrringen trägt, Minderjährigen in den

Bars von Los Angeles auf den Handrücken.

So sollten die Barkeeper erkennen, dass sie

ihnen keinen Alkohol ausschenken dürfen.

Über ein solches X als Straight-Edge-Tattoo

hat Julia auch schon nachgedacht, allerdings

will sie damit noch ein paar Jahre warten.

Dafür hängen in ihrem Kleiderschrank einige

T-Shirts mit dem Symbol.

Auch FU-Student Christian* verzichtet

zeit seines Lebens komplett auf den Konsum

von Rauschmitteln. Die Bezeichnung

»Straight Edger« lehnt er jedoch ab, weil er

nicht in eine Schublade gesteckt werden

möchte. Der Mathematik- und Philosophiestudent

verspürte nie ein starkes Verlangen

nach Alkohol, Drogen oder anderen Rauschmitteln.

»In der zweiten Klasse standen

meine Freunde und ich auf dem Schulhof

zusammen und wir dachten uns: So wie die

Großen wollen wir nie werden. Diese Einstellung

habe ich beibehalten.«

Durch die Band zur Straight-

Edge-Einstellung

In Julias Leben hingegen gab es einen Wendepunkt,

der sie zur Straight-Edgerin machte.

»Mit 15 oder 16 war ich auf einem Konzert

der Hardcore-Band ‘Bitter Verses’. Der

Band fehlte damals ein Bassist«, erzählt sie.

»Also habe ich sie gefragt, ob ich einsteigen

kann. Einfach weil ich Lust hatte, Musik zu

machen.« Ihre Bandkollegen, teilweise ebenfalls

Anhänger des Straight-Edge-Gedankens,

haben Julia angeregt, ihre Einstellung

zu Rauschmitteln zu reflektieren. »Ich konnte

meinem Lebensstil

nichts Positives mehr

abgewinnen. Die vielen

Ausrutscher und negativen

Erfahrungen in meiner

Vergangenheit – besonders

im Umgang mit Alkohol und Drogen

– erinnern mich daran, dass ich

mich dadurch immer nur schlecht gefühlt

habe.« Doch wie erlebt sie den ungezügelten

Rausch, nach dem sich der menschliche

Körper so oft sehnt, wenn nicht durch Alkohol

oder Drogen? Oder ist es gerade berauschend,

nicht im Rausch zu sein?

Julia findet ihren Rausch in der Musik.

Die gemeinsamen Stunden mit ihrer Band

im Probenraum oder auf der Bühne würden

ihr den Zugang zu ihrer ganz eigenen,

jedoch nicht weniger sinnlichen Welt eröffnen,

erklärt Julia. »Bitter Verses« ist in der

Hardcore-Szene deutschlandweit bekannt,

die Band stand sogar

schon mit internationalen

Genregrößen

auf der Bühne und


ist bei einem Musik-Label unter Vertrag.

Die Zeit mit ihren Bandkollegen mache sie

glücklich.

»Aber auch gutes Essen ist berauschend«,

fügt sie hinzu und lächelt. In der

Vönerbude gibt es jetzt Vönerteller mit

Pommes und Salat für 5,30 Euro. Julia hat

sich vor etwa drei Jahren, hauptsächlich aus

ethischen Aspekten, entschlossen, vegan zu

leben. Diese Einstellung hat für sie und andere

Anhänger aber nicht zwingend etwas

mit dem Straight-Edge-Gedanken zu tun.

Du trinkst nicht?

Gute Besserung!

Angesprochen auf das Thema

Sex, sind sich Julia und Christian

sofort einig. »Sex mag

zwar einerseits die schönste Nebensache

der Welt sein«, erklärt der FU-Student, »es

ist aber andererseits auch eine Sache, mit

der man einen Menschen sehr stark verletzen

kann.« Julia und Christian lehnen Sex

ab, der den Partner respektlos ausbeutet,

indem er nur der eigenen Befriedigung dient.

»Für mich kommt Sex nur in einer festen

Beziehung infrage – ganz unabhängig vom

Straight-Edge-Gedanken«, betont Julia.

Trotz des ständigen Erklärungsbedarfs

begegnen die meisten Menschen den beiden

mit Respekt und Toleranz. Doch nicht jeder,

der auf Rauschmittel verzichtet, erfährt positive

Reaktionen durch das soziale Umfeld.

»Als ich auf einem Festival einmal ein Bier

abgelehnt habe, wurde mir ‚Gute Besserung‘

gewünscht«, erzählt Christian.

Im Studienalltag gehen die beiden offen

und unkompliziert mit ihrer Einstellung um.

Bietet jemand Julia eine Zigarette oder einen

Drink an, fällt es ihr nicht schwer, Nein

zu sagen. »Isst hingegen jemand in meiner

Nähe ein Stück Vollmilchschokolade, bin ich

manchmal schon ein bisschen neidisch«, gibt

sie zu.

Könnte sie sich vorstellen, jemals wieder

anders zu leben, sich wieder an den herkömmlichen

Rauschmitteln zu berauschen?

Julia verneint. Sie ist glücklich, so wie sie

lebt. Ihre Einstellung ist radikal. Sie weiß das

und lehnt es ab, andere von ihrem Lebensstil

zu überzeugen: »Ich kann den Leuten

schlecht sagen: Trinkt nicht und ihr werdet

reich, berühmt und schön!«

* Name geändert

Illustration: Snoa Fuchs

Mareike-Vic Schreiber

und Ute Rekers glauben,

sie könnten auch Straight

Edge leben. Nur das vegane

Essen würden sie

nicht lange durchalten.

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12 Titel

»Wir möchten es immer

wieder haben«

Rausch ist ein schwer zu erfassender Zustand. Rausch ist Glück und manchmal kann

das Verlangen nach Rausch zur Sucht werden. Darüber sprach FURIOS mit Dr. Arnim

Quante, der Medizin an der FU studiert hat, und nun als Facharzt für Psychiatrie und

Psychotherapie das Modul »Integrative Psychiatrie« an der Charité leitet. Von Natalia

Gawron und Diep Le Hoang


Herr Dr. Quante, wann waren Sie das letzte Mal im

Rausch?

Das ist eine schwierige Frage. Als eine wissenschaftliche

Arbeit von mir angenommen wurde, habe ich mich wirklich

berauscht gefühlt, also im Sinne eines Glücksgefühls. Erst

dachten wir, dass das nicht klappt. Dass sie schließlich doch

genommen wurde, hat mich echt gefreut. Und das sogar

über mehrere Stunden.

Rausch ist schwer zu beschreiben oder gar zu erklären.

Wie definieren Wissenschaftler überhaupt das,

was wir im Alltag als Rausch bezeichnen?

Rausch im psychiatrischen Sinn ist ein Zustand mit mehreren

Eigenschaften: Das Bewusstsein ist getrübt oder verschoben.

Man hat kognitive

Störungen, Wahrnehmungsveränderungen,

bis hin zu Ver-

änderungen der Stimmung und

des Verhaltens. Dies geschieht

meist durch den Konsum von

Alkohol, anderen Drogen oder

auch im Rahmen von Medikamentenvergiftungen.Rauschzustände

ohne die Einnahme

solcher Substanzen gibt es

auch, dann jedoch meist nicht

in dieser Ausprägung. Vielmehr handelt es sich dann um

verzerrte Wahrnehmungen und Einengung auf das rauschauslösende

Ereignis.

Warum sehnen wir Menschen uns nach dem Rauschzustand?

Das ist etwas ganz Natürliches. Es liegt an gewissen Hirnstrukturen

des Menschen, die verantwortlich für Lustempfinden

und Glücksgefühle sind. Wir streben praktisch

danach, Hormone auszuschütten, die Glücksgefühle auslösen.

Das kennen wir schon vom Kindesalter an, wenn beispielsweise

die Mutter uns Zuwendung gibt und wir dabei

Glück verspüren. Das Gehirn speichert diesen emotionalen

Zustand, es lernt, wie sich das Gefühl von Glück anfühlt und

will dann mehr davon haben.

Das Gehirn ist also Glücksnimmersatt. Entsteht dort

auch die Sucht nach dem Rausch?

Wenn man einmal ein Glücksgefühl hatte, dann ist es tatsächlich

so, dass im Gehirn Dopamin oder Endorphine vermehrt

ausgeschüttet werden. Das Ganze ist ein Lernprozess.

Wir möchten es immer wieder haben – und wenn man

etwas immer wieder haben will, besteht die Gefahr, dass

man süchtig danach wird.

Sind wir dann nicht letztendlich Opfer unserer eigenen

Biochemie? Welche Hormone spielen beim Rauschzustand

eine Rolle?

Die größte Rolle spielt Dopamin. Dopamin ist ein Botenstoff,

der durch verstärkte Produktion in bestimmten Teilen des

Gehirns verantwortlich für das Glücksgefühl ist. Außerdem

»Die Anfälligkeit für

den Rauschzustand ist

genetisch bedingt«

gibt es noch andere körpereigene Hormone: die Endorphine

beispielsweise.

Ist die Anfälligkeit für den Rauschzustand genetisch

bedingt?

Ja, absolut. Zumindest bei substanzgebundenen Abhängigkeiten.

Man weiß aus wissenschaftlichen Studien, dass beispielsweise

Kinder von alkoholabhängigen Eltern auch viel

öfter eine Alkoholabhängigkeit entwickeln.

So sehr sind wir prädestiniert für den Rausch? Das ist

ja furchtbar.

Nun ja, ganz so furchtbar ist es nicht. Vieles hängt auch mit

dem Lernen zusammen. Kinder von Alkoholabhängigen

gucken sich viel von den Eltern

ab. Das ist sehr wichtig für den

gesamten Verstehensprozess

von Rausch.

Kann man denn den Rausch

überhaupt verstehen? Es ist

doch ein sehr subjektives

Empfinden.

Man kann beispielsweise mit

Hilfe eines funktionellen MRT

messen, ob bestimmte Hirnregionen

bei bestimmten Emotionen mehr oder weniger aktiv

sind. Es gibt dazu eine Reihe von Studien, die diese Aktivitäten

nachweisen konnten.

Wir Studenten geraten manchmal in eine Art Lernrausch.

Wie lässt sich dieser »Flow« erklären, in den

man nach einiger Zeit des Lernens verfällt?

Wenn man merkt, dass man weiterkommt und merkt, dass

es flüssig läuft, wird wieder das Belohnungssystem aktiviert.

Ich merke: Das tut mir gut. Ich mache weiter. Als

Rausch würde ich das nicht unbedingt bezeichnen. Nicht

aus biologischer Sicht.

Kann sich denn auch aus dem Lernrausch eine krankhafte

Sucht entwickeln?

Ich höre immer wieder, dass Studenten zu Medikamenten

greifen, um bessere Leistungen zu erbringen. Solche Medikamente

wirken direkt im Belohnungszentrum und aktivieren

die Dopaminausschüttung. Oft ist das mit einem Placeboeffekt

verbunden. Man denkt, man kann es besser, man

denkt, man lernt effektiver. Tatsächlich gibt es keine großen

Unterschiede zwischen denen, die ein Medikament nehmen

und denen, die es nicht tun. Man glaubt also nur, dass man

in einen Lernrausch kommt.

Viele Menschen versuchen mittels Meditation ihr Bewusstsein

zu erweitern, gewissermaßen einen Rausch

zu erleben. Alles Einbildung oder funktioniert das

wirklich?

Nein, das ist keine Einbildung, das funktioniert. Man kann

Unruhe oder Stress durch Meditation abmildern. So kann

Titel

13


14 Titel

der Impuls, den Stress durch andere Mittel zu vergessen,

sehr viel geringer sein. Man muss jedoch offen und bereit

dafür sein. Das ist ganz wichtig. Viele erleben durch Meditation,

zum Beispiel auch durch Yoga, eine Art Glücksgefühl

der Entspannung.

Sie sagten, dass die Anfälligkeit für den Rauschzustand

auch etwas mit unseren Genen zu tun hat. Ist

Glück dann ebenfalls genetisch veranlagt?

Nein. Aber es gibt Menschen, die durch frühere Lernerfahrungen,

zum Beispiel durch emotionale Kühle durch die Eltern,

teilweise mehr Schwierigkeiten haben, Glück auch als

solches zu empfinden.

Ein Grund, sich in einen Rausch zu versetzen, mag die

Suche nach Glück sein. Haben wir eine gewisse Fähigkeit

Glück zu erleben oder nicht?

PHAbo12/3_210x74_SpreeKombi:Layout 1 13.11.2012 15:06 Uhr Seite 1

Das kommt darauf an, welche Erfahrungen der einzelne

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Für Psychiater Dr. Arnim Quante steht fest: »Die Sehnsucht nach dem Rausch ist etwas ganz Natürliches.«

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Mensch macht. Menschen, die traumatische Erlebnisse

erfahren haben, können Glücksgefühle weniger emotional

ausleben. Menschen, die unter normalen Umständen aufwachsen,

haben aber alle Chancen das Glück zu lernen:

Partnerschaft, Hobbys, Freunde. Wenn sie das alles haben,

dann haben sie schon das Glück erreicht. Man muss es sich

nur bewusst machen.

Fotos: Cora-Mae Gregorschewski

Diep Le Hoang und Natalia Gawron,

die auf der Suche nach dem großen

Glück waren, haben nun erkannt,

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Einstiegsdroge Berlin

Kiffen, Koksen, Pillen schlucken – Drogen scheinen in Berlin und besonders unter Studierenden

zum Alltag zu gehören. Kirstin MacLeod traf einen Konsumenten.

Der Görlitzer Park im grauen Herbst: Tom* geht an

der Klinkermauer und dem stillgelegten Schwimmbad

vorbei. Wo im Sommer täglich Hunderte Menschen

grillen und dazu kleine Raves feiern, ist es jetzt menschenleer.

Zwei Gestalten kommen langsam auf Tom zu. In

der Nähe der Büsche bleiben sie stehen und warten, bis er

ihnen zunickt. Drei Sätze fallen, dann reicht ihm eine der

Gestalten ein kleines Plastiktütchen.

Tom ist vor einem halben Jahr zum Studium nach Berlin

gezogen. Mittlerweile weiß der 25-Jährige längst, dass er im

»Görli« ohne Probleme Marihuana kaufen kann. Das erste

Mal gekifft hat Tom, als er 18 Jahre alt war. Mit 22 probierte

er dann Kokain, wenig später auch die Partydroge MDMA.

Den ersten Kontakt mit Drogen hatte er im Freundeskreis.

»Drogen zu nehmen war nie eine bewusste Entscheidung.

Meine Freunde reichten damals den Joint rum, ich war betrunken

und bin natürlich auch gleich abgeschmiert.«

Als Jugendliche sind viele nicht standhaft genug, um vor

ihren Freunden Nein zu sagen. Marihuana ist die typische

Einstiegsdroge. Jeder vierte Deutsche im Alter von 12 bis

25 Jahren hat laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche

Aufklärung schon einmal gekifft. Tom raucht

regelmäßig Gras. Kokain, sagt er, nehme er nur beim Feiern.

»Bedenken hatte ich dabei bisher nie. Den Freunden,

mit denen ich die ersten Male zusammen gekokst habe, ist

noch nie etwas passiert«, sagt er schlicht.

Wenn Tom davon erzählt, wie sich ein typischer Rauschzustand

anfühlt, werden seine Augen ganz groß. »Man fühlt

sich freier, losgelöster, man vergisst für den Moment alles

um sich herum. Vielleicht auch Dinge, die einen belasten«,

sagt er. »Ich würde aber nicht sagen, dass ich meine Alltagsprobleme

dadurch verdrängen will. Ich schalte sie für diesen

Moment nur ab.«

Natürlich weiß Tom, was Drogen mit Menschen anrichten.

Ein Freund habe es mit Kokain übertrieben: »Er hat das

Zeug verkauft und eine Zeitlang auch übermäßig viel genommen.

Die Droge hat seinen Alltag bestimmt«, erzählt

Tom. Irgendwann erkannte sein Kumpel, dass er eine Grenze

überschritten hatte. Mittlerweile lebt er komplett drogenfrei.

Tom betont, seinen Drogenkonsum unter Kontrolle zu

haben. »Man muss eben aufpassen«, sagt er knapp. Wie er

das schafft, kann er nicht beschreiben.

Horrorgeschichten von Abstürzen im Rausch und Psychosen

– ja, die kenne er. Sie würden ihn aber nicht abschrecken.

Er lebe schließlich in Berlin, hier sei sein Verhalten

nichts Besonderes, sagt Tom. Berlin legitimiert also den

Rausch? Verführt die Hauptstadt gar zum Drogenkonsum?

Tom lacht. Dann nickt er zögerlich.

»Wenn mir oder einem Freund im Rausch etwas passieren

würde, dann wäre Schluss. Da ziehe ich die Grenze«,

sagt er überzeugt. Doch ist er dazu noch in der Lage? Tom

sagt, er spüre keinen körperlichen Entzug, er werde nicht

nervös, wenn er ein paar Tage oder Wochen nicht kifft oder

kokst. Jedoch beginnt psychische Abhängigkeit häufig damit,

dass die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden. Eine

Partynacht allein mit berauschender Musik, Lichteffekten,

Freunden und nur ein paar Bier – kann Tom überhaupt ohne

Drogen feiern? »Ich kann auch ohne Drogen weggehen«, erklärt

er. »Aber mit Drogen fühlt sich alles leichter an.«

Er schlendert wieder zum Ausgang des Görlitzer Parks

und lässt die Dealer hinter der Klinkermauer zurück. »Noch

ist ja nichts passiert«, sagt er. Toms Einstellung ist typisch

für Berlin. Nicht zuletzt die populäre Clubszene setzt die

Hemmschwelle für Drogen herab. Solange der Konsum illegaler

und gesundheitsgefährdender Stoffe von Clubbetreibern

und ihren Gästen still geduldet wird, wird sich auch in

Zukunft nichts ändern. Vom verantwortungsvollen Umgang

mit Drogen ist Berlin noch weit entfernt.

*Name geändert

Kirstin MacLeod wurde neulich beim

Feiern angesprochen, ob sie Magic

Mushrooms verkaufe – dabei hasst sie

Pilze.

Illustration: Alfonso Maestro und Christopher Hirsch

Titel

15


16 Titel

aus

vierzig

tausend

Vierzigtausend Menschen bevölkern die FU. Vier

haben wir gefragt, woran sie sich in ihrem Leben

berauschen. Notiert von Mike Bolz, Saskia Benter,

Inga Stange und Julia Brakel.

Fotos: Cora-Mae Gregorschewski

»Außer etwas Gras

brauche ich nichts,

um abzuschalten«

Manne Hansen, 23, studiert

Biochemie. Weil er sonst in Bedrängnis

käme, sind Name und

Foto anonymisiert.

Einen Rauschzustand erlebe ich relativ oft.

Außer etwas Gras brauche ich nichts, um abzuschalten

und den anstrengenden Alltag zu

vergessen. Vor allem genieße ich es, auf Gedanken

zu kommen, die ich ohne bewusstseinserweiternde

Mittel nie erreicht hätte.

Mich beeindruckt, dass bestimmte Stoffe

dazu in der Lage sind. Eine etwas andere Art

des Rausches erlebe ich durch den Mischkonsum

von Gras und Alkohol. Das kann

mich schon ganz schön umhauen. Warum

ich das ab und an mal brauche, kann ich gar

nicht sagen. Vielleicht ist es ein unbewusster

Vorgang, und mein Körper weiß besser als

ich, wann er sich abschotten und abschalten

möchte. Wovor ich allerdings Angst habe,

sind chemische Drogen wie LSD. Im Studium

habe ich viel über den Aufbau solcher

Substanzen und deren Wirkung im Körper

gelernt. Das hat mir Respekt eingeflößt. Ich

weiß mittlerweile gut, wie unberechenbar so

etwas sein kann. Trotzdem: Beim Anblick eines

Moleküls denke ich nur in den seltensten

Fällen an dessen vermeintliche Folgen und

Auswirkungen auf den Körper.


»Rausch heißt, mit

seinem Instrument

zu verschmelzen«

Dr. Michael Kleinaltenkamp, 57,

ist Professor für Marketing. Bei

der Professoren-Nacht trat er

als DJ auf.

Rausch erlebe ich in der Musik. Letztens

habe ich einen Liveauftritt der Indie-Band

»Bon Iver« im Fernsehen gesehen und war

sofort begeistert. Das passiert mir mittlerweile

nur noch selten. In der Rock- und

Popmusik scheint es nur noch Wiederholungen

oder Remixe zu geben, denen ich meist

nicht viel abgewinnen kann. Dieser Auftritt

aber war etwas Besonderes. Gleichzeitig ist

es auch großartig, selber Musik zu machen.

Mit dem eigenen Instrument eins zu werden

ist wirklich berauschend. Dass man die Fähigkeit

entwickelt es so gut zu beherrschen,

dass man mit ihm das ausdrücken kann, was

man fühlt, ist toll. Da reicht das subjektive

Empfinden ja völlig aus - wie das bei anderen

ankommt, ist eine ganz andere Frage.

Vor mehr als 30 Jahren war ich in einer

Band. Heute spiele ich noch immer Gitarre

und habe das große Glück, dass meine beiden

Kinder auch musikalisch sind. Vor ein

paar Jahren haben wir uns ein Studio im

Keller eingerichtet und angefangen selber

Musik zu produzieren. Das macht wirklich

großen Spaß.

»Ich brauche keinen

Rausch, um mich

abzulenken«

Jamila Ahmed, 21, studiert

Islamwissenschaft im dritten

Semester.

Für mich als gläubige Muslima stellt das »typische«

Berauschen keine ernst zu nehmende

Option dar. Alkohol, Drogen, Rauchen

und Feiern sind im Islam verboten. Wenn

man nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen

und physischen Kräfte ist, kann man

auch seinen Pflichten als Muslim nicht nachkommen,

wie unter anderem dem täglichen

Gebet.

Wenn ein Muslim raucht oder gelegentlich

trinkt, finde ich das aber nicht schlimm.

Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich habe tolle Freunde und eine tolle Familie.

Außerdem habe ich in meinem Studiengang

genau das gefunden habe, was ich gesucht

habe und mein Job bereitet mir Freude. Ich

bin insgesamt sehr zufrieden mit meinem

Leben. Deshalb brauche ich auch gar keinen

Rausch, um mich von irgendetwas abzulenken.

Ganz im Gegenteil: Ich laufe lieber mit

offenen und wachen Augen durch die Welt.

So gesehen könnte man sagen, dass mein

Leben berauschend genug ist.

Titel

17

»Unbekanntes zu

erkunden berauscht

mich«

Isabelle Sander, 18, studiert Sozial-

und Kulturanthropologie,

Nordamerikastudien und Kunstgeschichte

im ersten Semester.

Musik, Tanzen und Reisen sind Rauschmittel

für mich. Gute Musik kann in mir so viele

verschiedene Emotionen auslösen und mich

in richtige Euphorie versetzen. Beim Tanzen

ist es ähnlich. Besonders beim Salsa kann

ich mich komplett fallen lassen, vergesse

alles um mich herum und genieße den Moment.

Abgesehen von der Musik und vom

Tanzen gerate ich vor allem beim Reisen in

einen Rauschzustand. Bisher bin ich zwar

hauptsächlich in Europa gereist, aber neue

Orte kennenzulernen und in andere Kulturen

einzutauchen reizt mich total. Allein der Moment,

wenn ich aus dem Flugzeug steige und

weiß, ich bin an einem Ort, an dem ich noch

nie zuvor war, fasziniert mich. Es ist aufregend,

irgendeine Straße oder einen Weg in

einer fremden Stadt entlang zu laufen und

von allen Seiten neue Eindrücke zu bekommen.

Das ist für mich eines der schönsten

Gefühle überhaupt. Es gibt kaum einen Ort

auf der Welt, der mich nicht interessieren

würde, denn Unbekanntes zu erkunden berauscht

mich.


18 Politik

Der

Versöhner

Ob Präsidium oder Asta – er ist der Kaugummi, der an ihrer Schuhsohle klebt. Der Langzeitstudent

Mathias Bartelt hat erreicht, wovon andere nur träumen. Eine Würdigung von

Max Krause

Entnervt klingt die Stimme von FU-Präsident Peter-

André Alt, als er den nächsten Redner aufruft: »Herr

Bartelt?« Der angesprochene studentische Vertreter

rückt sein Mikrofon zurecht und räuspert sich geräuschvoll.

Dann erklingt seine sonore Stimme. Nach seinen ersten drei

Sätzen hat er bereits auf fünf verschiedene Gesetzesparagraphen

verwiesen, die das Präsidium mit seinem Vorgehen

verletze. Dann holt er weit aus und erklärt, dass das

aktuelle Thema bereits vor drei Jahren auf der Tagesordnung

gestanden habe – und dabei nur ungenügend behandelt

worden sei.

Nach fünf Minuten sieht man die ersten professoralen

Vertreter im Akademischen Senat (AS) mit den Augen rollen.

Mathias Bartelt ist in seinem historischen Abriss der

Thematik gerade erst am Anfang, da fällt ihm der Präsident

wüst ins Wort: »Herr Bartelt, ich muss Sie bitten, zur

Sache zu kommen.« Sollte diese Anmerkung überhaupt zu

Mathias‘ Ohren durchgedrungen sein, zeigt er es jedenfalls

nicht. Stattdessen geht er in den Endspurt: Die Fehler der

Vergangenheit wiederhole das Präsidium nun. Hätte man

von Anfang an auf ihn gehört, wäre dieses wie jedes andere

Problem inzwischen längst gelöst.

Mathias Bartelt ist der Markus Lanz der Hochschulpolitik –

er ist überall dabei, aber richtig cool findet ihn eigentlich

niemand. Dass das Präsidium Probleme mit ihm hat, überrascht

nicht. Doch in seiner langen Zeit an der FU hat er

sich auch beim Asta und verschiedenen Hochschulgruppen

unbeliebt gemacht.

Nach eigener Aussage begann Mathias‘ Aufstieg zur

Macht 2003. Damals waren die heutigen Erstsemester, die

er vertreten will, noch zarte neun Jahre alt. Politisiert wurde

er – wie auch sonst – durch eine der Streikwellen, die zu jener

Zeit gerade wieder über die FU rollte. Zunächst brachte

er sich am eigenen Institut ein. Doch schnell wurde ihm klar,

dass er zu Höherem berufen ist.

Es folgte sein persönlicher Marsch durch die Institutionen:

2008 bekam er einen Sitz im Studierendenparlament

(Stupa), 2009 auch einen im AS. Danach erlitt seine steile

Karriere einen Dämpfer: Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus

2011 erlangte er als Direktkandidat der Linkspartei

im bürgerlichen Steglitz-Zehlendorf nur 2,2 Prozent

der Stimmen – wenigstens ein Achtungserfolg. An der Uni

hat er zwischenzeitlich für eine Menge Furore gesorgt: Der

Unileitung schüttet er gern ganze Wagenladungen Sand ins


Getriebe. Er machte ein geheimes Dokument zu Problemen

in der Lehre öffentlich. Davon war die damalige Vizepräsidentin

derart empört, dass sie versuchte, ihm seinen Sitz

in der Kommission für Lehrangelegenheiten zu entreißen.

Später startete er eine Kampagne gegen den damaligen

Präsidenten Dieter Lenzen. Eine Urabstimmung aller Studierenden

sollte ihn von seinem Posten verjagen. Lenzen

ging dann freiwillig, bevor es zur Abstimmung kam – sicher

im vorauseilenden Gehorsam. Vor der Wahl von Präsident

Alt soll Mathias außerdem vertrauliche Informationen über

die Bewerber an die Presse gespielt haben, um einen öffentlichen

Wahlkampf zu erzwingen.

Für dieses Engagement müsste ihn der Asta eigentlich

innig lieben. Doch die Stimmung ist angespannt, zeitweise

hatte er sogar Hausverbot in der Asta-Villa. Mathias will

nämlich die totale Transparenz der Finanzen der Studierendenvertreter.

Als Studierende im November den Sitzungssaal

des AS besetzten um über das undemokratische

Präsidium zu schimpfen, kam von Mathias der Vorschlag,

erst einmal über Demokratie im Asta zu reden. Eigentlich

sollte man meinen, eine Gruppe mit gemeinsamen Zielen

lasse sich nicht allzu schnell spalten. Mathias beweist das

Gegenteil.

Auch die Opposition ist nie richtig warm geworden mit

dem Langzeitstudenten. Legendär sind die Online-Gefechte

zwischen ihm und Wolf Dermann, einem früheren Mitglied

der Liberalen Hochschulgruppe. Darin wirft Mathias ihm

»eklatante Uneinsichtigkeit« und »maßlosen Hass« vor. Auch

andere Oppositionelle bekommen nicht gerade leuchtende

Augen, wenn Mathias im Stupa zu einem seiner berüchtigten

Monologe ansetzt.

Ein wenig scheint er diese Situation zu genießen. Vielleicht

lebt er nach dem Motto »Viel Feind, viel Ehr‘«. Welches

Ziel Mathias mit seinem Konfrontationskurs verfolgt,

ist unsicher. Böse Zungen behaupten, er hoffe eines Tages

vom Rechtsamt der Uni übernommen zu werden. Möglicherweise

will er auch als wandelndes Paragraphenlexikon

bei »Wetten, dass« auftreten. Doch Markus Lanz und Mathias

Bartelt in einer Show, das wäre wirklich zu viel des

Guten.

So oder so muss man die Rolle würdigen, die Mathias

Bartelt an der FU spielt: Er hat es geschafft, sich beim Präsidium,

dem Asta und der studentischen Opposition gleichermaßen

unbeliebt zu machen. In ihrer Ablehnung sind sich

alle Gruppierungen einig. Und wer die Gräben kennt, die

zwischen ihnen verlaufen, weiß, dass diese Einigkeit wahrlich

eine bewundernswerte Leistung ist.

Illustration: Luise Schricker

Max Krause studiert Mathematik. Er hat

also ein Herz für Fächer und Personen, die

von niemandem gemocht werden.

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20 Politik

Die schweigende Minderheit

Ihre Ziele hat die Opposition im Studierendenparlament nicht erreicht. Trotzdem schweigt sie mehr

denn je. Eine hohe Beteiligung bei der nächsten Wahl soll das Blatt wenden. Von Melanie Böff

Es ist still geworden im Studierendenparlament

(Stupa). Früher fand hier

ein hitziger Schlagabtausch zwischen

der Asta-Mehrheit und den oppositionellen

Listen statt, jetzt herrscht mehr denn je resigniertes

Schweigen. Meldet sich die Opposition

doch zu Wort, geht es nicht um Inhalte,

sondern um lästige Verfahrensfragen.

Dabei haben sich ihre Kernforderungen

nicht geändert – die Opposition verlangt

seit Jahren vor allem, dass der Asta seinen

Haushalt detailliert offen legt. Von jedem

Studierenden erhält der Asta aktuell 8,70

Euro pro Semester. Die Referenten, so lautet

der Vorwurf der Opposition, würden diese

Semesterbeiträge nach Lust und Laune an

nicht-universitäre Gruppen verteilen. Studentische

Projekte hingegen, die nicht Astakonform

seien, würden leer ausgehen. Wird

er mit diesen Anschuldigungen konfrontiert,

verweist der Asta lediglich darauf, dass seit

Anfang dieses Jahres Roland Zschächner

von der »Partei« im Haushaltsausschuss

sitzt. Da die Spaßpartei nicht Teil der Asta-

Koalition ist, sei die Kontrolle gewährleistet.

Nico Aust vom konservativen Ring

Christlich-Demokratischer Studenten

(RCDS) sieht die Ursache der Misere in der

Blockadehaltung des Astas: Dessen Mitglieder

würden sich aus Prinzip gegen alle

Andersdenkenden stellen und jeglichen

Fortschritt blockieren. Aus Asta-Sicht seien

die Parteihochschulgruppen, etwa der

RCDS, »Vertreter des Systems« und damit

nicht ernst zu nehmen. Deshalb würden die

Anträge der Oppositionsgruppen respektlos

behandelt. »Das ist Schwarz-Weiß-Malerei«,

sagt Nico. Um welche konkreten Forderungen

es sich in den Anträgen handelt, interessiere

die Sitzungsleitung nicht.

Die Liste Café Tatort, die die Jura-Studierenden

vertritt, beklagt diesen Missstand

ebenfalls. »Anträge der Opposition werden

unabhängig von ihrem Inhalt von den Astatragenden

Listen häufig ins Lächerliche gezogen«,

so ein Vertreter. Der Asta entgegnet

dem: Die spezifische Form, in der die Opposition

Kritik äußere, sei letztlich an der negativen

Entwicklung des Stupas Schuld. Das

sei extrem anstrengend und zeitraubend.

Im Januar wird bei den Stupa-Wahlen

über die neue Zusammensetzung des Gremiums

entschieden. Die geringe Wahlbeteiligung

der FU-Studierenden macht einen

Machtwechsel unwahrscheinlich. Doch offensichtlich

hat die Opposition noch nicht

aufgegeben. Die oppositionellen Listen stecken

mittlerweile in der Wahlkampfvorbereitung.

Der RCDS hat nach eigenen Angaben

seit Beginn des Wintersemesters großen

Zulauf erfahren. Mit den neuen Hochschulpolitikern

sei die Basis für einen erfolgreichen

Wahlkampf geschaffen, freut sich

RCDS-Vertreter Nico. Das Café Tatort plant,

die Studierenden vermehrt zum Urnengang

zu bewegen. Tutoren am Fachbereich Jura

sollen dabei mithelfen, außerdem wollen die

Studierendenvertreter in die Hörsäle gehen,

um für die Wahl zu werben. Mit anderen Oppositionslisten

sprachen sie über eventuelle

Zusammenarbeit.

Die Wahlbeteiligung ist der Hoffnungsanker

der Opposition. Bei den vergangen Stupa-Wahlen

lag sie bei 11,35 Prozent – weit

unter dem, was die Opposition erwartet hatte.

Eine höhere Wahlbeteiligung könnte der

Opposition in die Hände spielen. Bei etwa 15

Prozent bestünden sogar »reelle Chancen«,

die Zwei-Drittel-Mehrheit des Astas zu kippen,

erklärt das Café Tatort. Auch ein Mitglied

der Jusos verbreitet Optimismus: »Wir

haben noch Pläne und die Energie, was zu

reißen.«

Aktuelle Berichterstattung zu den

Wahlen gibt es auf

furios-campus.de

Illustration: Luise Schricker

Melanie Böff studiert Publizistik

und Politikwissenschaft

und ist froh, nicht Teil

dieses politischen Kindertheaters

zu sein.


Comeback in Aussicht?

Bald sind Neuwahlen für den Akademischen Senat. Josta van Bockxmeer hat bei einigen Vertretern

nachgefragt, was das Gremium in den vergangenen zwei Jahren leisten konnte – oder eben nicht.

Katharina Kaluza wartet in der Eingangshalle

des Henry-Ford-Baus.

Seit der vergangenen Wahl im Januar

2011 sitzt die 22-Jährige als studentisches

Mitglied für die Jusos im Akademischen Senat

(AS). Vor den Neuwahlen Anfang 2013

erzählt sie jetzt, wie sie die Arbeit im höchsten

Gremium der FU erlebt hat.

Ein wichtiges Thema in den vergangenen

zwei Jahren sei die Einrichtung der

»Arbeitsgruppe Grundordnung« gewesen.

Eine neue Grundordnung für die FU, die die

bisher geltende Teilgrundordnung ersetzen

sollte, soll zu mehr Demokratie und Transparenz

in Entscheidungsprozessen führen. Obwohl

Kaluza die Arbeit der AG befürwortet,

kritisiert sie das Gremium als wenig demokratisch,

da die Kommission nicht öffentlich

tage.

Kritik übt sie nach der zweijährigen Legislaturperiode

des AS besonders am Präsidium.

Dieses handele meist sehr undurchsichtig.

Gerade das Zustandekommen der

geplanten Rahmenstudien- und Prüfungsordnung

sei »kein transparenter Vorgang«

gewesen. Ein erster Entwurf war im April

nur zufällig öffentlich geworden. »Das ist

definitiv eine Sache, die ich dem Präsidium

vorwerfe«, sagt sie.

Auch Professor Raúl Rojas, einst Kandidat

für das Präsidentenamt an der FU, prangert

die mangelnde Transparenz an. Das

sagt schon der Name der Liste, über die er

vor zwei Jahren in den AS eingezogen ist.

Eine Woche vor der Wahl 2011 gründete er

die professorale Liste »Exzellenz und Transparenz«,

die zwei Sitze erhielt. Aus seiner

Sicht laufen noch einige andere Dinge schief.

Das größte Problem ist Rojas zufolge die

niedrige Wahlbeteiligung. Die lag 2011 unter

den Professoren bei 60 Prozent, bei den Studierenden

waren es nur fünf. Dazu komme,

dass der Senat in den vergangenen Jahren in

seinen Aufgaben und damit in seiner Macht

zugunsten des Präsidiums eingeschränkt

wurde, so Rojas. »Wenn morgen der Akademische

Senat zugemacht werden würde,

würde keiner es merken«, sagt er. Dennoch

will er bei den kommenden Wahlen wieder

antreten. Das Präsidium hingegen sieht keinen

Grund zur Änderung des aktuellen Kurses.

Die Aufgaben und Kompetenzen des AS

seien im Berliner Hochschulgesetz geregelt,

teilt der Sprecher von FU-Präsident Peter-

André Alt mit. Er schreibt: »Alle Mitbestimmungsregeln

werden selbstverständlich

eingehalten« – und wendet sich damit gegen

die Vorwürfe, dass der AS kaum etwas zu

sagen habe.

Die Gesetzeslage, auf die Alt sich beruft,

ist die 1999 ins Berliner Hochschulgesetz

eingeführte sogenannte »Erprobungsklausel«.

Sie gibt den Hochschulen die Freiheit,

die Entscheidungskompetenzen anders zu

verteilen. Vor allem unter dem ehemaligen

Präsident Dieter Lenzen hat das Präsidium

dadurch die Befugnis erhalten, ohne die

Zustimmung des AS über Themen wie den

Haushalt, Berufungen oder die Teilnahme an

der Exzellenzinitiative zu entscheiden.

Die »Arbeitsgruppe Grundordnung«

könnte jetzt dazu beitragen, dass der Senat

die Entscheidungskompetenz in vielen

Fällen zurückerhält. Auch für Rojas ist ihre

Gründung daher ein wichtiges Ereignis der

vergangenen zwei Jahre. Die Arbeit dieser

Kommission stehe aber immer noch erst am

Anfang. Ob die Entscheidungen auf höchster

Ebene tatsächlich demokratischer und

transparenter werden, wird sich wohl erst in

der nächsten Legislaturperiode zeigen.

Politik

Der Akademische Senat (AS)

Der Akademische Senat ist das

zentrale Gremium an der Freien

Universität. Er fasst unter anderem

Beschlüsse zu dem Studienangebot,

Fragen der Forschung oder Rahmen-

und Grundordnungen. Der AS

setzt sich aus 13 Professoren sowie

je vier Mitgliedern der anderen Statusgruppen

(Wissenschaftliche Mitarbeiter,

Sonstige Mitarbeiter, Studierende)

zusammen. Stärkste Kraft

ist die Liste »Vereinte Mitte«, die insgesamt

acht Sitze hält und als präsidiumsnah

gilt. Ihr gegenüber stehen

linke Gruppen, etwa die Bildungsgewerkschaft

GEW oder die Listen der

Studierenden. Auch die professorale

Gruppe »Exzellenz und Transparenz«

steht dem Präsidium kritisch gegenüber.

Die nächsten Wahlen zum AS

finden am 15. und 16. Januar statt.

Illustration: Snoa Fuchs

21

Josta van Bockxmeer studiert

Literaturwissenschaft.

Andernorts hat sie sich

selbst in der Hochschulpolitik

versucht, jetzt schreibt

sie drüber.

Foto: Cora-Mae Gregorschewski


22 Politik

Laut Putin

sagen

Von Berlin aus sind es nur 617 Kilometer bis zur russischen Exklave Kaliningrad. Trotzdem

liegen zwischen den zwei Städten Welten. Von Valerie Schönian

Es ist seltsam – jedes Mal, wenn das Lied im Hintergrund

wechselt, stockt das Gespräch. Für einen Augenblick

ist in der Bar nur das Schlürfen von Macchiato

zu hören. Mir gegenüber sitzen Dimitrij und Katharina,

beide Anfang 20, beide Studierende an der Technischen

Universität in Kaliningrad. Sie heißen eigentlich anders,

doch wollen sie ihre echten Namen nicht in einem Magazin

lesen. Wer von uns mit dem Schweigen begonnen hat,

kann ich nicht sagen. Auch nicht, ob die Pausen bewusst

passieren, oder ob ich in Deutschland zu viele Horrorgeschichten

über den russischen Geheimdienst gehört habe.

Trotzdem warte ich, bis ein neues Lied beginnt, bevor ich

spreche. »Und was macht ihr, wenn ihr ein Problem mit dem

Uni-Präsidium habt?«, frage ich. Dimitrij fängt an zu lachen:

»Kennst du Putin?«

Seit mittlerweile einem Monat lebe ich in Kaliningrad

und absolviere ein Praktikum bei einer deutschsprachigen

Zeitung. Das ehemalige Königsberg ist nicht das, was man

im gängigen Gebrauch als schön bezeichnet: Quadratische

Blöcke in orange, braun und grau säumen den Horizont. Die

Luft ist immer etwas staubig, es gibt zu viele Autos und zu

wenig Grünflächen. Die Straßen sind übersät mit Rissen und

Schlaglöchern. Für Rollstuhlfahrer ist es unmöglich sich hier

zu bewegen – ich habe noch nicht einmal einen Fahrradfahrer

gesehen. Dimitrij und Katharina leben schon ihr ganzes

Leben hier.

Katharina schildert mir den russischen Studienalltag:

Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben. Wer zur Toilette

möchte, bittet um Erlaubnis. Fragen und Diskussionen kommen

vor, sind aber nicht üblich. Die Professoren kennen es

nicht anders, oft haben sie schon zu Sowjet-Zeiten gelehrt.

Einmal, erzählt Katharina, sei ein Student mit Laptop rausgeflogen.

Der Dozent dachte, der junge Mann mache mit

seinem Computer heimlich Fotos. So befremdlich diese Szenen

klingen, es gibt auch Ähnlichkeiten zu deutschen Unis.

Wie an der FU gibt es in Kaliningrad eine gewählte Studierendenvertretung

und ein Uni-Magazin. Der Unterschied:

Beide sind unkritisch. Während sich die studentischen Vertreter

auf die Organisation von Ausflügen und Sprachkursen

beschränken, bilden die Redakteure auf ihrem Cover einen

majestätischen Hochschulpräsidenten samt Thron ab. »Wir

können nicht über die Kirche oder Politik schreiben«, sagt

ein Redaktionsmitglied dazu. »Wir haben ein paar Probleme

mit der Politik hier.«

Das größte dieser Probleme ist für Dimitrij der Widerspruch,

in dem Russland schwebt: »Alle hassen Putin. Aber

es gibt keinen anderen.« Deswegen sind die Menschen vor

der vergangenen Wahl auf die Straße gegangen – auch in

Kaliningrad. Dimitrij war dort. »Wir wurden zwar nicht festgenommen

wie in Moskau«, sagt er. »Aber die Polizisten

Viele Straßen in Kaliningrad sind voller Schlaglöcher.


haben uns beobachtet. Sie waren vorbereitet.«. Nach den

Demonstrationen hat die Regierung die Gesetze verschärft.

Wer jetzt ohne Genehmigung demonstriert, muss 9000

Euro zahlen. Eine Erlaubnis zu bekommen, ist laut Dimitrij

fast unmöglich.

Ewgeni Snegowski hat sich davon nicht abschrecken

lassen. Der 53-jährige Mann ist Mitglied des »Komitees der

bürgerlichen Selbstverteidigung«, das sich seit Dezember

2010 jeden Sonntag auf dem zentralen Siegesplatz versammelt.

Am Anfang hat die Polizei sie immer wieder auseinander

getrieben, obwohl sie weder Mikrofone noch Plakate

dabei hatten und damit nicht als Demonstranten galten.

Doch die Teilnehmer zogen vor Gericht und bekamen Recht.

»Es war eine lange Erziehungsarbeit«, sagt Snegowski. »Wir

haben monatelang Klagen und Anträge bei den Behörden

eingereicht.« Sie haben viel erreicht. Mittlerweile demonstrieren

sie alle paar Wochen mit Schildern im Stadtzentrum.

Auf den Siegesplatz selbst dürfen sie damit zwar nicht, doch

sind sie von dort aus zu sehen: Etwa 100 Meter entfernt

halten eine Handvoll Leute vom Komitee Slogans wie »Putin,

geh selbst!« in die Höhe. Die Polizisten, die neben ihnen

stehen, beirren sie nicht.

Von solchen Erfolgen bekommen viele Kaliningrader

wahrscheinlich nichts mit. Die meisten sagen, Politik stehe

für sie unten auf der Prioritätenliste. Die ältere Generation

hat andere Probleme und die jungen Leute resignieren, so

wie Dimitrij: »Bei der vergangenen Wahl gab es zwar offiziell

andere Kandidaten«, sagt er. »Aber alle mit dem gleichen

Programm – hier gibt es keine Alternative.« Er hat vor, nach

seinem Studium in den Westen zu gehen, viele seiner Altersgenossen

wollen es ihm gleichtun.

Katharina hingegen möchte bleiben »Russland ist mein

Land«, sagt sie. Es sei nur noch nicht bereit für eine Demokratie,

da die Bürger sie nie gelernt hätten: »Wir haben

immer nur gehorcht.« Sie selbst will sogar in der staatlichen

Verwaltung arbeiten: »Vielleicht ist ja nicht alles schlecht,

vielleicht gibt es noch Hoffnung.«

Nachdem unsere Macchiato geleert sind, verlasse ich

die Bar. Über die kaputten Straßen laufe ich bis zum Siegesplatz.

Ich denke an Ewgeni Snegowski und seine Mitstreiter,

die hier jeden Sonntag stehen; die auf die Straße statt in

den Westen gehen; die laut »Putin« sagen, auch wenn keine

Musik spielt. Ob er deshalb keine Angst hat, hatte ich Snegowski

bei unserer Begegnung gefragt. »Nein, noch nicht«,

hatte er geantwortet. »Ich habe Angst davor, was passiert,

wenn wir hier nicht stehen.«

Fotos: Valerie Schönian

Valerie Schönian studiert Deutsche Philologie

und Politologie an der FU. Drei Monate

lang arbeitet sie in Kaliningrad beim

»Königsberger Express«.

Triste Wohnblöcke prägen das Stadtbild von Kaliningrad.

Direkt neben den Demonstranten wacht die Polizei.

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Eine resignierte Generation junger Europäer setzt alles auf Deutschland. Doch hier hören

die Probleme nicht auf. Matthias Bolsinger sucht nach Gründen und Problemen für den

Neubeginn.

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Sie fühlen sich wohl. Während sich draußen allmählich

der Berliner Winter andeutet, gibt es in der gut

beheizten Küche von Nikias und Johanna griechische

Süßigkeiten zum Tee. »Hier denken irgendwie alle, dass wir

in Griechenland gar kein Geld mehr haben«, meint Nikias

und lächelt schelmisch. »Ganz so schlimm ist es nun auch

wieder nicht.« Der Weg von Menschen wie Johanna und Nikias

zeigt aber, dass es vor allem an einem in Griechenland

mangelt: Hoffnung.

Die beiden 19-Jährigen kommen aus Thessaloniki, einer

Hafenstadt im Norden Griechenlands. Johanna hat an

der Freien Universität ein Jura-Studium begonnen, Nikias

studiert an der Technischen Universität Technischen Umweltschutz.

Beide haben in Griechenland eine deutsche

Schule besucht. Das erleichterte ihnen den Sprung nach

Deutschland, wo dennoch vieles anders läuft als angenommen.

Dass Johanna und Nikias seit zwei Jahren ein Paar

sind, macht vieles einfacher. Gegenseitige Unterstützung ist

wichtig in Zeiten großer Unübersichtlichkeit.

In Griechenland grassiert Resignation. In der Heimat zu

bleiben, ist für immer weniger junge Leute eine Option. Bevor

die Staatsschuldenkrise ausbrach, verließen meist nicht

mehr als zehn der 60 Absolventen von Nikias‘ ehemaliger

Schule das Land, erzählt er. Jetzt seien es rund 50. Wer der

Realität ins Auge sehe, gehe. Auch deswegen, weil sich im

Land strukturell kaum etwas ändere. »Im ersten Semester

an der Universität kommen die Parteien auf dich zu und versprechen

dir Jobs«, weiß Nikias von Freunden. Immer noch

zögen viele seiner Altersgenossen eine Beamtenlaufbahn

in Betracht – obwohl der aufgeblähte griechische Verwaltungsapparat

verkleinert werden soll. Korruption und Vetternwirtschaft

seien nach wie vor ein großes Problem. Teilweise

reichen sie bis in die Universität: »Nicht selten hängen

Noten von der Parteimitgliedschaft ab«, meint Johanna.

Was ihnen bevorstehen könnte, wenn sie im Land bleiben,

sehen junge Griechen an ihren Eltern. Nikias’ Mutter muss

schwarzarbeiten, um anständig leben zu können. Die Renten

sinken und sinken.

Behördengänge

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Deutsch

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lernen

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Auch in Italien wird das Klima rauer. Dort muss die Regierung

wegen der Schuldenkrise ebenfalls sparen. Der Unmut

ist groß. »Die Situation der jungen Menschen ist hoffnungslos«,

erzählt Toledo, ein gebürtiger Römer. Der 24-Jährige,

der ebenfalls eine deutsche Schule besuchte, hat gerade seinen

BWL-Master an der FU begonnen. »Immerhin: Schlimmer

kann es bei uns nicht werden«, meint er sarkastisch.

Die Ära Berlusconi habe alle politischen Utopien zerstört.

Man müsse schauen, wo man bleibt. Für viele heißt das:

weg von Zuhause. Wie schlimm es um die Perspektiven in

Italien steht, zeigt das Beispiel eines Freundes von Toledo.

Er ist vor kurzer Zeit nach Berlin gekommen. Jetzt wäscht

er Teller. Allem Anschein nach immer noch besser, als in der

Heimat zu bleiben.

Deutschland wird für viele Menschen in der Krise zum

Rettungsring. »Die meisten unserer Freunde werden versuchen

nach Deutschland zu kommen«, sagt Johanna. »Selbst

diejenigen, die nicht auf einer deutschen Schule waren.«

Dieser Trend lässt sich längst in Zahlen fassen. Verglichen

mit dem Vorjahr stieg die Zahl der Zuwanderungen

nach Deutschland laut Statistischem Bundesamt im ersten

Halbjahr 2012 um 15 Prozent. Auffällig ist, wie viele Menschen

aus denjenigen EU-Ländern nach Deutschland kommen,

die stark unter der Finanz- und Schuldenkrise leiden.

Die Zuwanderung aus Griechenland stieg innerhalb eines

Jahres um 78 Prozent; aus Spanien und Portugal kamen jeweils

53 Prozent mehr Menschen ins Land als im Jahr zuvor.

Die Bundesregierung stützt die kriselnden Länder der

Europäischen Union. Die deutsche Bevölkerung nimmt das

mit deutlich vernehmbarem Murren hin. Europaskepsis,

Angst um den eigenen Wohlstand – das ist die Atmosphäre,

in der Zugewanderte einen Neubeginn stemmen müssen.

Die Sprache ist nur eine von vielen Hürden. »Ich kann

auf Deutsch nicht ich selbst sein«, sagt Nikias. Nur mühsam

finden Johanna und er Anschluss in Berlin. Sieht man von

den Treffen mit anderen Griechen in der Stadt einmal ab,

sind Freundschaften spärlich gesät. Zudem braucht alles

mehr Initiative, mehr Mut, mehr Zeit. Für das, was Johan-

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nas Kommilitonen an einem Nachmittag lernen, braucht sie

doppelt so viel Zeit.

Noch schwerer gestaltet sich die Wohnungssuche.

Selbst für gebürtige Deutsche ist der Berliner Wohnungsmarkt

ein hartes Pflaster für Zugewanderte gerät die Suche

nach Wohnraum zur Odyssee. Vor drei Jahren bereits

untersuchte die Soziologie-Studentin Emsal Kilic für ihre

Diplomarbeit die Ausschlussmechanismen auf dem Berliner

Wohnungsmarkt. Dafür verfasste sie hunderte Bewerbungsschreiben

an Vermieter in Wilmersdorf und Neukölln,

mal mit türkischem, mal mit deutschem Namen versehen.

Die Reaktionen der Vermieter auf die Bewerbungen mit

türkischem Namen reichten nach Angaben der Soziologin

von »unterschwelliger Feindseligkeit« bis zu »offener Ablehnung«.

Wer keinen deutschen Namen trägt, hat es ungleich

schwerer auf dem Wohnungsmarkt.

Bis Januar kommen Johanna und Nikias bei einem befreundeten

Griechen in Wilmersdorf unter, Toledo wohnt

bei einer Freundin seiner Mutter. Die Zukunft der beiden

unsicher. Hinzu kommt, dass die deutsche Bürokratie vor

allem Zugewanderten ein Bein stellt. 40 Euro musste Nikias

etwa für die Übersetzung der Steuererklärung seiner Eltern

bezahlen, ehe sich herausstellte: Die Bürgschaft ist für ihn

praktisch wertlos. Der Zugriff auf ausländische Konten ist

für die Vermieter im Ernstfall zu kompliziert. Auch die WG-

Campus

Suche blieb erfolglos. »Deutsche wollen eben lieber Deutsche

haben«, so die beiden Griechen, auch wenn sie nicht

von Diskriminierung sprechen wollen.

Mit dem Umzug nach Deutschland hört für die Betroffenen

die Unsicherheit also nicht auf. Nur wenige wollen

jedoch so offen wie Johanna, Nikias und Toledo über die

Herausforderungen in Deutschland sprechen. Ein Spanier,

der in Berlin einen Job sucht und lediglich Praktika findet,

will sich lieber gar nicht äußern. »Du musst verstehen, es ist

nicht einfach für uns immer über das gleiche Thema, diese

Krise, zu sprechen«, schreibt er.

Es scheint, als wolle niemand mehr von der Zukunft

träumen. Johanna und Nikias sehen in Griechenland »eine

Generation, die nichts mehr zu verlieren hat«. Fraglich, wie

lange sich Europa solch eine Generation leisten kann.

Trotz fünf Semestern Politikwissenschaft

gehört Matthias Bolsingers Herz der

Philosophie. Sein Geheimtipp in Krisenzeiten:

fröhlicher Pessimismus.

Illustration: Alfonso Maestro und Christopher Hirsch

OHNE

FRITZ

RAUSCHTS

NUR

IM

OHR!!!

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26 Campus

Durch den Tunnel zu Silber

Die 24-jährige Publizistik-Studentin Julia Richter ging für Deutschland im Rudern bei den

Olympischen Spielen an den Start – und gewann die Silbermedaille. Mit FURIOS sprach

sie über sportliche Erfolge und das Reaktionen an der Uni. Von Bente Staack und Eric

Rosenthal

Silbermedaille bei den

Olympischen Spielen – wie fühlt

es sich an, oben angekommen zu sein?

Nun gut, wir sind Zweiter geworden; ganz oben

sind wir also noch nicht angekommen. Aber es war

schon wunderbar zu wissen, dass die ganze Arbeit, die man

da reingesteckt hat, letztendlich auch belohnt wird. Es fühlte

sich richtig gut an. Tut’s auch immer noch. (lacht)

Wie fielen die Reaktionen an der Universität aus?

Generell verliefen die sich wahnsinnig schnell im Sande. Der

FU-Campus ist riesig, da geht man ein bisschen aneinander

vorbei. Ich bekam Post vom Präsidenten, darüber habe ich

mich gefreut. Was die Dozenten betrifft, so läuft das alles

schon relativ anonym ab. Ich gehe da schließlich nicht hin

und sage: »Übrigens, ich bin Sportlerin«, sondern ich gliedere

mich ein, wie jede andere Studentin auch.

Inwiefern unterscheidet sich denn dein Alltag von

dem eines »normalen« Studierenden?

Meine erste Lehrveranstaltung fand gestern zum Beispiel

um 14 Uhr statt. Davor hatte ich Training. Natürlich frage

ich mich da jedes Mal: Wie kann das eigentlich sein? Du

bist Studentin und musst erst um 14 Uhr in der Uni auf der

Matte stehen, aber dein Tag beginnt um 6.30 Uhr. Es ist

definitiv kein gewöhnlicher Studentenalltag, aber es macht

mir Spaß. Allerdings habe ich mir auch ganz klar vorgenommen,

dass meine Priorität in nächster Zeit auf der Uni liegt.

Unser Titelthema lautet »Im Rausch«. Findet dieser

denn auch im Rudern seinen Platz?

Sport ist ab einem bestimmten Punkt eine Sucht. Man

merkt, dass es dem Körper gut tut; dass es das eigene Leistungsvermögen

steigert. Dazu kommt der ständige Wettbewerb,

bei dem man seine eigene Leistung natürlich verbessern

möchte. Mein Trainer sagt immer: »Du musst dich

in einen Tunnel rudern.« Dieser Tunnel bedeutet, dass man

links und rechts von sich eigentlich nichts mehr mitkriegt,

sondern einfach nur noch das macht, was man jahrelang

eingeübt hat. Da passiert es schon einmal, dass jemandem

nach dem Rennen schwarz vor Augen wird. Gerade bei

einem Olympia-Finale ist die

Anspannung immens hoch.

Außerdem war es an der Strecke

so unfassbar laut, dass man ab

einem gewissen Punkt gar nichts mehr

wahrgenommen und nur noch auf die Zielhupe gewartet

hat. Die habe ich allerdings gar nicht gehört. Erst als die

anderen aufgehört haben zu rudern dachte ich mir: »Jetzt

sind wir durch!« Der Endspurt vor dieser 30.000-Zuschauer-Kulisse

war der absolute Wahnsinn.

FU-Studentin Julia Richter (l.) freut sich mit ihrer Mannschaft

über die gewonnene Silbermedaille.

In der Uni geht es für dich nun langsam auch in den

Endspurt. Was steht nach dem Studium an?

Ich würde gern Sport und Beruf kombinieren. Aufgrund

meines Publizistikstudiums interessiert mich vor allem der

Sportjournalismus. Es war in London sehr spannend für

mich, beide Seiten kennenzulernen – zum einen bei Pressekonferenzen

die Interviewte zu sein und gleichzeitig auch

zu sehen, wie die Presse arbeitet. Den Sport hänge ich aber

noch lange nicht an den Nagel. Im Rudern ist 24 noch kein

Alter und es gibt schließlich immer noch eine Medaille, die

mir fehlt.

Foto: privat

Bente Staack hat noch nie eine Medaille

gewonnen, ist aber mal ins Wasser gefallen.

Eric Rosenthal würde das gefallen

– er geht gern schwimmen.


wo bin ich hier gelandet?

Wo Kleinmädchenträume

platzen

Anatomie der Veterinärmedizin: blutiges

Massaker oder Spaß mit süßen Tierchen?

Sarah Thomas ist Geschichtsstudentin und

hat sich für eine Vorlesung in den haarigen

Studiengang gewagt.

Der Legende nach ist Tierärztin zu sein der Traum eines

jeden kleinen Mädchen – schließlich ist man den

ganzen Tag mit knuddeligen Kuscheltieren beschäftigt.

Wenn man sich den Veterinär-Studiengang an der FU

ansieht, scheint sich dieses Klischee erst einmal zu bestätigen:

Lediglich fünf Prozent der Anwesenden sind männlich.

Doch schon auf dem Weg in den Hörsaal zu einer Vorlesung

der Tierliebhaber schnappe ich ein Gespräch zwischen zwei

Freundinnen auf, das dem Kuschel-Image gar nicht entspricht:

»Ich habe gestern versehentlich eine Schilddrüse

entfernt, weil ich sie für einen Fettknubbel gehalten habe!«

Wie bitte?!

Auch im Hörsaal kann ich die Stofftiere weit und breit

nicht entdecken. Stattdessen sind nüchterne Schemata und

extrem vergrößerte Querschnitte an die Wand geworfen:

Auf dem Stundenplan stehen die Haut, Blutgefäße und

Nervenversorgung von Hunden und Katzen. Die Dozentin

beginnt, mit komplizierten Fachbegriffen nur so um sich zu

werfen. Die Bezeichnung »Dorsale Schwanzdrüse« klingt

wenigstens noch deutsch, doch bei Begriffen wie »Fascia

trunci profunda« und »Arteria epigastrica cranialis superficialis«

bin selbst ich als Althistorikerin mit meinem Latein am

Ende. Und merken kann ich mir das Ganze erst recht nicht.

Weiter geht es mit der klinischen Relevanz der Haut. Die

Bilder beginnen langsam unappetitlich zu werden: Als gezeigt

wird, wie Milchdrüsen entfernt werden, bin ich froh,

dass mein Frühstück schon eine Weile zurückliegt. Als die

Professorin beginnt, Dinge wie »Sie sezieren alle sehr fleißig«

und »Wir haben ja den Großteil der Haut schon abgezogen«

zu sagen, bekomme unwillkürlich ich das Gefühl,

mitten zwischen Metzgern und Serienkillern zu sitzen. Am

Ende der Stunde steht für mich fest: Antike Schlachten sind

mir lieber – da sehe ich das Blut wenigstens nicht.

Campus

»Meine Mutter« beleidigt

deine Mutter

Wörter jongliert Veronika Schweighoferová

eigentlich mit links: Ihre Muttersprache

ist Slowakisch, darüber hinaus spricht sie

drei Fremdsprachen. Erst eine Japanisch-

Einheit machte sie sprachlos.

Es ist Freitagmorgen und viel zu früh, als der Professor

vor die Studierenden tritt: Japanisch, Grundmodul

1. Zwar befinden wir uns mitten im Semester, doch

so weit fortgeschritten können die Sprachkenntnisse wohl

noch nicht sein, denke ich. Von wegen. Als der Professor

den Mund öffnet, fliegen mir Ausdrücke wie »hahava«,

»schtetinka«, »kaischaindes«, »kokoseres« und »kokonosenseres«

um die Ohren.

Was für die Einen Japanisch ist, klingt für mich eher

nach Karate-Szenen eines Jackie-Chan-Films in dreifacher

Geschwindigkeit – auch wenn Chan Chinese ist. Das Lachen,

das langsam in mir emporsteigt, unterdrücke ich abrupt,

als ich mich umblicke: Die 23 angehenden Japanisch-

Experten finden die Laute offensichtlich nicht so lustig wie

ich. Vielmehr scheinen sie in den Lautschwaden des Professors

einen Sinn erkannt zu haben, denn sie schlagen ihre

Hausaufgaben auf.

Als ob es nicht schon schwer genug wäre »kaischaindes«

und »kokoseres« über die Lippen zu bekommen, haben die

Inselbewohner am anderen Ende der Welt zu allem Überfluss

gleich zwei Alphabete: eines zum Schreiben und eines

zum Sprechen. Und damit nicht genug! Japanisch ist eine

Ehr- und Respektsprache. In ihr werden auch die im Deutschen

so beliebten Deine-Mutter-Witze überflüssig, denn in

Japan könnte ich deine Mutter schon beleidigen, wenn ich

sie wie meine eigene Mutter bezeichnen würde. Halleluja!

Sogar bei dem einfachen Satz »Der Himmel ist blau« muss

ich mich entsprechend höflich ausdrücken – je nachdem,

wem ich es sage.

Meine Verwirrung steigert sich ins Unermessliche, als

die Studierenden beginnen, einem CD-Player unermüdlich

Ausdrücke entgegenzuschleudern, die wie »schufurez« oder

»schaschindes« klingen. Am Ende der Stunde weiß ich immerhin,

dass »schumi« Hobby heißt und dass es die Redewendung

»gibt es nicht« im Japanischen nicht gibt. Bei mir

schon – Japanisch sprechen scheint mir unmöglich zu sein.

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28 Campus

Abbruchstimmung

Sein Studium hinzuschmeißen, daran denkt jeder einmal. Mike Bolz aber macht ernst.

Ehe sie sich von ihrem Fach trennt, hat sie sich intensiv mit dem Phänomen Studienabbruch

beschäftigt.

Schon im ersten Semester dachte ich: Die Islamwissenschaft

und ich, wir passen wohl nicht so recht zusammen.

In der Schule war ich nie eine Schwänzerin,

doch an der FU ertappte ich mich schon bald dabei, wie

ich das eine oder andere Seminar sausen ließ, Vorlesungen

bereits nach 30 Minuten verließ oder gleich mehrere Tage

überhaupt nicht in die Uni ging. Da mir aber versichert wurde,

dass das erste Semester immer das langweiligste sei,

hielt ich durch und machte weiter.

Es wurde nicht besser. Trotzdem fand ich stets Gründe

dafür, mein Studium fortzusetzen - bis jetzt. Denn jetzt ist

wirklich Schluss! Drei Semester sind genug! Ein Studium

soll voranbringen und Freude bereiten. Aber was kommt

danach? Breche ich nun komplett das Studieren ab oder

wechsele ich die Fachrichtung? Mich plagen die Zweifel.

Ich bin nicht allein. Laut Statistischem Bundesamt haben

2010 in Berlin nur 34 Prozent der Studienabsolventen ihr

Erststudium bis zum Bachelor durchgezogen. Aufgrund der

Bologna-Reform und des uns stets vorgehaltenen Mangels

an Studien- und Arbeitsplätzen steigt der Leistungsdruck

von Jahr zu Jahr. Das Einhalten der Regelstudienzeit und der

»roten Faden« im Lebenslauf gelten als wünschenswert. Der

Durchschnittsstudierende hat im Jahr 2011 mit 26,6 Jahren

die Universität verlassen.

Hängt es vielleicht vom Fach ab, ob man dran bleibt

oder nicht? Das größte Durchhaltevermögen hatten 2010

die Humanmediziner: 94,9 Prozent von ihnen schlossen ihr

Studium ab. Bei den Mathematikern waren es 64,4 Prozent.

Kreative Köpfe wie die Kunststudierenden haben mit 84,1

Prozent ebenfalls eine relativ hohe Erfolgsquote. Durchschnittlich

erreichten in allen Studiengängen 74,9 Prozent

der Studienanfänger den Abschluss, errechnete das Statistische

Bundesamt. Doch auch die Dauer des Studiums hat

Einfluss darauf, wie heftig man an ihm zweifelt. Wie die Studienberatungsstelle

der FU bestätigt, nagt die Unsicherheit

über die Wahl des eigenen Studiengangs vor allem in den

ersten zwei Semestern an der Motivation.

Was die Studienabbruchsquote im internationalen Vergleich

betrifft, liegt Deutschland laut Statistischem Bundesamt

im Mittelfeld. Im Durchschnitt haben hier im Jahr 2010

etwa 33 Prozent der Studierenden die Universität ohne

Abschluss verlassen. Schlusslicht sind die USA mit einer

Abbruchsquote von 54 Prozent; die konsequentesten Studierenden

leben in Japan. Dort sind 2010 nur zehn Prozent

der Studienanfänger ohne Abschluss geblieben.

Natürlich helfen Statistiken in der individuellen Situation

nicht weiter. Eher noch die Erkenntnis: Ein Studienabbruch

ist alles andere als ein Genickbruch. Ich wäre in guter Gesellschaft

mit Bill Gates, Mark Zuckerberg, Steve Jobs und

Heinrich von Kleist – und die waren oder sind erfolgreicher

als so mancher mit einem Bachelor, Master oder Diplom in

der Tasche. Ein Studienabbruch kann auch bedeuten, Lebenserfahrung

zu sammeln.

Genau das werde ich versuchen. Ich werde mir ein Jahr

Auszeit gönnen und die Welt bereisen. Vielleicht kommt mir

dabei ja eine Eingebung, die mir zeigt, welchen Weg ich gehen

soll.

Illustration: Luise Schricker

Mike Bolz studiert Islamwissenschaft –

noch. Wenn sie groß ist, möchte sie Prinzessin

oder Zirkusartistin werden.


Ausgebildet zum

Weltverbessern

Ihr Jura-Studium an der FU war für Renate Künast kein Selbstzweck,

sondern Rüstzeug für die politische Arbeit. Veronika

Völlinger sprach mit der Grünen-Politikerin über das Studentenleben

und lange Lerntage.

ewige

ehemalige

Freitagnachmittag, endlich Wochenende!

Noch mit dem Bürgerlichen

Gesetzbuch unter dem Arm steht

Jurastudentin Renate Künast vor der Bibliothek

und wartet auf das Auto ihrer Freunde.

Nichts wie raus aus Berlin und auf nach Niedersachsen,

zum Anti-Atomkraft-Protest in

der Republik Freies Wendland. Für Künast

ist das die praktische Anwendung des Gelernten.

Montags bis freitags stehen Gesetze

und Fallbeispiele auf dem Plan, am Wochenende

heißt es: »Wir gründen jetzt unsere eigene

Republik!«

Das war 1980. Drei Jahre zuvor hatte

sie sich mit 22 Jahren in Berlin an der FU

immatrikuliert. Rechtswissenschaften sollten

es sein. Dabei hatte sie schon einen Abschluss

der Fachhochschule Düsseldorf in

der Tasche und war ins damalige Westberlin

gekommen, um eine Stelle als Sozialarbeiterin

anzutreten: »Im Knast«, wie die Grünen-

Politikerin sagt. In der Justizvollzugsanstalt

Berlin-Tegel arbeitete sie mit Drogenabhängigen.

Arbeiten am Abend und am Wochenende,

dafür einige freie Vormittage für die

Vorlesungen.

Warum tat sie sich das an, nach einem

abgeschlossenen Studium mit einer festen

Stelle, ein weiteres Studium zu beginnen?

Nach der Zeit in Düsseldorf war der heute

57-Jährigen klar: »Ich weiß von allem ein

wenig, aber habe mich in nichts vertieft.« In

einer Sache war sie sich jedoch sicher: Die

Welt ist veränderbar. »Und dann habe ich

mir überlegt: Welche Ausbildung brauche

ich dafür?«

1979 ging sie dazu über, Vollzeit zu

studieren. Im gleichen Jahr trat sie der

Westberliner Alternativen Liste bei, einer

Gruppierung aus Atomkraftgegnern, Friedens-

und Umweltaktivisten. Ein Spagat

zwischen Uni und Politik: »Mir war glasklar,

dass beides gleichzeitig gehen muss. Ging

auch«, sagt Künast knapp, aber bestimmt.

Sie konzentrierte sich auf ihr Ziel: ein Werkzeug

erhalten, um Politik zu machen. Und

sie war entschlossen, ihre Ausbildung zum

Weltverbessern schnell zu beenden.

Mit einem Kommilitonen traf sie sich

zu Lernwochen. Die Devise lautete: Mit

drei Brötchen um halb zehn zur Stelle sein.

»Frühaufsteher waren wir auch nicht«, gibt

die Grünen-Politikerin zu und zwinkert. Aber

dann: Vorbereiten, lesen, nachbereiten, lernen,

abfragen. Immer bis exakt 19 Uhr, mit

einer Pause: Mittags, immer zur gleichen

Zeit, liefen sie Richtung Gedächtniskirche

und sahen zu, wie Autos von einer Busspur

abgeschleppt wurden. Ein Trott, der Künast

heute zum Lachen bringt: »Eigentlich waren

wir auch bescheuert«, sagt sie, »aber so ist

das eben, wenn man vor lauter Paragraphen

so langsam abdreht.« Ihrem systematischen

Lernen war es zu verdanken, dass sie das

Studium schon 1985 abschloss. Andere

Kommilitonen seien nicht halb so gut orga-

nisiert gewesen, zwischen trockenen Vorlesungen

und Frontalunterricht fanden sie

keine eigene Lernform. Und dann waren da

noch die aus dem anderen politischen Lager:

»Die Junge Union lief natürlich mit Aktenköfferchen

und Schönfelder herum«, lacht Künast.

Der Schönfelder, die dicke rote Gesetzessammlung,

sei den meisten Studierenden

viel zu schwer gewesen. Wer ihn trotzdem

schleppte, erntete Spott.

Es war eine turbulente, spannende Zeit:

Demos und Proteste – »das war kein Studentenleben,

das war Politik!«, erinnert sie sich

heute. Jura - das Werkzeug, um die Welt ein

wenig zu verändern: Ja, sagt Künast, Jura

würde sie jederzeit wieder studieren.

Ihre Partei hat gerade die Spitzenkandidaten

für die Bundestagswahl 2013 neu

aufgestellt. Ein unvorstellbares Szenario, als

die Jura-Studentin Renate freitags noch auf

ihre Freunde wartete, um ins Wendland zu

fahren. Heute sitzt sie in ihrem Büro im Bundestag.

Draußen vor dem Fenster liegt der

Tiergarten, rechts das Reichstagsgebäude,

manchmal hört man die Demonstrationen

vor dem Brandenburger Tor. Natur, Politik,

Partizipation: Was Renate Künast zu ihrer

Ausbildung zum Weltverbessern angespornt

hat, hat sie hier nun immer vor Augen.

Veronika Völlinger studiert

Politikwissenschaft, aber

geht dem OSI manchmal

fremd, um in der Jura-Cafeteria

»Phase 10« zu spielen.

Foto: Cora-Mae Gregorschewski


30 Kultur

Am Anfang stand die legendäre »Bar 25«. Magisch

zog sie Neugierige aus der ganzen Welt ans Berliner

Spreeufer. Im September 2010 musste sie wegen

Sanierungsauflagen schließen. Im vergangenen Frühjahr

kündigte der damalige Eigentümer, die Berliner Stadtreinigungsbetriebe,

die Versteigerung des Geländes an – binnen

kürzester Zeit geriet ein Bieterverfahren ins Rollen. Nach

monatelangen Gesprächsrunden erhielt schließlich die Holzmarktgenossenschaft

(Holzmarkt eG) rund um die Betreiber

des Clubs »Kater Holzig« den Zuschlag für das prominenteste

unbebaute Grundstück Berlins.

Auf dem 18.000 Quadratmeter großen Areal soll nun

ein urbanes Dorf entstehen: Wohnräume, eine Kindertagesstätte,

eine Bäckerei, ein Musikstudio und ein Club sollen auf

dem Gelände Platz finden. Außerdem sind ein Hotel, ein Restaurant

und ein selbstverwalteter Bürgerpark, der »Mörchenpark«,

geplant. Interessant wird es auch für Studenten:

Auf dem Gelände sollen Wohnungen mit WG-Zimmern ab

340 Euro Miete im Monat entstehen, wie der Pressesprecher

der Holzmarkt eG, Simon Wöhr, mitteilt. Das Studentendorf

Schlachtensee kooperiert mit dem Projekt. »Es sind

Wohnhäuser für rund 400 Studenten geplant, die in einem

kreativen und inspirierenden Umfeld leben möchten«, sagt

Andreas Barz, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft

Schlachtensee, die den Betrieb führen wird. Umgeben werden

die Studentenwohnungen von Gewerbeflächen und

Jungunternehmern.

Die Holzmarkt eG will basisdemokratisch über die weitere

Entwicklung des Holzmarktes entscheiden und keine

großen Hierarchien aufbauen. Das solle eine kreative Atmosphäre

schaffen, in der jeder seinen kleinen Teil von Berlin

wiederfindet, sagt Wöhr.

Doch sieht man sich die Mediaspree-Nachbarn des

Holzmarkt-Geländes an, stellt sich die Frage, was die Initiatoren

mit diesem Konzept bezwecken wollen. Möglich wäre,

dass die Studenten in ihrer direkten Umgebung ihr künftiges

Arbeitsfeld finden könnten - hinunter auf die Straße, hinauf

auf der Karriereleiter. In dem neuen Studentenwohnheim

»treffen Studenten auf Gründer und Unternehmer«, heißt es

Der Plan der Betreiber für das Holzmarktgelände

Der Kater klopft auf Holz

Die »Kater Holzig«-Betreiber errichten den »Holzmarkt«, ein Kultur- und Wohnprojekt.

Auch Studenten sollen dort eine Bleibe finden – zu einem hohen Preis. Von Sinaida

Hackmack und Christopher Ramm

auf der Homepage des Projekts. »Das kreative Neben-, Mit-

und Durcheinander schafft Verknüpfungen und Synergien

zwischen Forschung, Produktion, Wohnen, Leben, sowie

kulturellen und sozialen Aktivitäten.«

Für ein Studentenwohnheim sind WG-Zimmer, deren

Mietpreise bei 340 Euro beginnen, vergleichsweise teuer.

Der Preis wird letztlich auch mitbestimmen, ob sich hier

Durchschnittsstudenten ansiedeln oder nur gut betuchte

Jugendliche ein Stück Lifestyle erkaufen werden. »Das ist

schon ziemlich viel«, gibt FU-Studentin Daniela zu bedenken.

Sie wohnt derzeit im Studentendorf Schlachtensee und

bezahlt dort wesentlich weniger für ihr WG-Zimmer. Dennoch:

»Immerhin neue Wohnungen in der Innenstadt«, sagt

sie. Die Mieten seien ja sowieso überall gestiegen.

»Wer soll sich das denn leisten können?«, fragt sich auch

Nico, der an der FU Volkswirtschaftslehre studiert. Er bezweifle,

dass sich das Angebot an durchschnittliche Studenten

richte. Wohl eher an solche, die beruflich »in Richtung

Social Media« gehen wollten und das nötige Kleingeld hätten.

»Da können die Kontakte durchaus mal 340 Euro im

Monat wert sein.«, sagt Nico.

Fest steht: Das Projekt ist einzigartig, etwas Vergleichbares

gibt es in Berlin nicht. Der Holzmarkt soll im Frühsommer

2013 seine Türen öffnen. In den nächsten Monaten wird

sich dort, wo früher einer der angesagtesten Technoschuppen

Berlins stand, ein Zukunftstraum verwirklichen. Feste

Genossenschaftsstrukturen werden auf junges Berliner Partyvolk

prallen, Unternehmergeist auf kreativen Freiraum.

Die Kater-Betreiber sollten auf Holz klopfen.

Visualisierung: FSKA.DE

Christopher Ramm und Sinaida Hackmack

freuen sich auf den neuen Holzmarkt.

Ob sie in seine Nähe ziehen

wollen, müssen sie sich aber noch

überlegen.


Kultur

Wir freuen uns auf Sie!

Die Ernst-Reuter-Gesellschaft (ERG)

ist der zentrale Förderverein der Freien

Universität Berlin und widmet sich verstärkt der

Kontaktpflege zu den Freunden,

Förderern und Ehemaligen der Freien Universität

Berlin. Als Mitglied können Sie über Fachgrenzen

und Studienzeit hinaus an Leben, Arbeit

und Entwicklung der Freien Universität teilnehmen.

Die ERG ist als gemeinnütziger Verein

anerkannt. Spenden und Mitgliedsbeiträge sind

steuerlich absetzbar.

Im Rahmen Ihrer Mitgliedschaft erhalten Sie

unter anderem:

Einladungen zu Veranstaltungen der

ERG und der Freien Universität Berlin

Zedat-Account mit E-Mail-Adresse

Alumni-Magazin wir (für Vollzahler)

Mitarbeitertarif in der Mensa

Ermäßigung auf die Gasthörer-Card

Ermäßigung auf die Jahreskarte des

Botanischen Gartens

www.fu-berlin.de/erg

Alumni-Büro

der Freien Universität Berlin

31

Sie haben an der Freien Universität Berlin

studiert, geforscht, gelehrt oder gearbeitet?

Sie wollen den Kontakt zu Ihrer alma mater

nicht verlieren oder neu aufnehmen? Dann

werden Sie Teil des Alumni-Netzwerks der

Freien Universität Berlin.

Ihre Vorteile der kostenfreien Anmeldung im

Alumni-Büro umfassen unter anderem:

Einladungen zu Veranstaltungen der

Freien Universität Berlin

ermäßigte Teilnahme am

Hochschulsport

Ermäßigung auf die

Gasthörer-Card

www.fu-berlin.de/alumni


32 Kultur

Clown oder Pille?

Schulmedizin kontra Alternativmedizin: Die studentische Ausstellung »Wohlsein!« zeigt, dass beide

Ansätze voneinander lernen können. Von Salomé Stühler

Wer meint, Rudolf Virchow würde

sich im Grabe umdrehen, irrt sich

wahrscheinlich. Denn auch der

Arzt und Gründer des Medizinhistorischen

Museums der Charité habe das herkömmliche

schulmedizinische Wissen stets kritisch

betrachtet, sagt Thomas Schnalke, der das

Museum heute leitet. Dort haben Studenten

der Freien Universität, der Humboldt-

Universität, der Technischen Universität und

der Hochschule für Medien, Kommunikation

und Wirtschaft die Ausstellung »Wohlsein!«

gestaltet. Statt der ewigen Debatte um Sinn

und Unsinn der Alternativmedizin steht darin

die Frage nach einer Zusammenführung

dieses Ansatzes mit der Schulmedizin im

Mittelpunkt. Schließlich verfolgen beide das

gleiche Ziel: Wohlsein.

Im April 2011 entstand das Projekt

während eines Tutoriums am Helmholtz-

Zentrum für Kulturtechnik der HU. Die studentischen

Kuratoren haben sich um Konzeption,

Objektbeschaffung und Marketing

gekümmert. Oder auch mal eine Vitrine

bemalt. »Obwohl ich ein Fach studiere, das

sich oft in Ausstellungen präsentiert, habe

ich darin kaum Praxiserfahrung«, sagt Sophie,

die prähistorische Archäologie an der

FU studiert. Damit ist sie nicht allein, keiner

der beteiligten Studenten hat je zuvor eine

Ausstellung organisiert.

Alrun Schmidtke und Tina Müller von der

HU, die studentischen Projektleiterinnen, sehen

darin vor allem Vorteile: »Wir gingen dadurch

mit einer gewissen Unbedarftheit an

die Sache heran und machten uns weniger

Sorgen.« Bei Praktika fanden sie stets feste

Arbeitsstrukturen vor. Jetzt konnten sie ihre

eigenen Wege gehen.

»Es war spannend zu sehen, dass sich

das Gesundheitswissen auf so viele verschiedene

Berufsgruppen verteilt«, erzählt

Alrun, die Geschichtswissenschaften studiert.

Für die Ausstellung sprachen sie nicht

nur mit Ärzten, sondern auch mit Homöopathen,

Apothekern und sogar Clowns,

die beim »Medical Clowning« Kinder zum

Von links nach rechts: Tina Müller, Alrun Schmidtke und Sophie Schmidt, ganz links ist eine Akupunktur-Puppe

zu sehen.

Lachen bringen und so die Genesung beschleunigen.

Wohlsein – das ist mehr als nur

Abwesenheit von Krankheit. Die Ausstellung

möchte auch zeigen, wie man sich um sein

Wohl kümmern kann, bevor man krank wird.

Sie gibt sogar praktische Tipps: Einfache

Übungen, um das angestrengte Auge zu

entlasten oder gesunde Ernährung im Sinne

einer ayurvedischen Diät.

Zehn Heilmethoden wie etwa Akupunktur

oder Bachblüten-Therapie sollen im

Charité- Museum nicht nur gezeigt werden,

sondern einen Gegenpart zu der Dauerausstellung

bilden. Moderne Objekte der Alternativmedizin

stehen direkt neben historischen

Stücken, kommentieren und ergänzen

sie. Das Magenta der »Wohlsein!«-Ausstellungsvitrine

hebt sich vom matten Grün der

Dauerausstellung deutlich ab – Komplementärfarbe

für die Komplementärmedizin. Die

Ausstellungsobjekte der Studenten sollen

den Horizont in der festgefahrenen Debatte

erweitern. Denn was in den schulmedizini-

schen Büchern steht, ist nicht zwingend die

beste oder einzige Lösung.

Ob nun die Bachblüten-Notfalltropfen

oder Lachen die beste Medizin sind, darauf

gibt die Ausstellung keine Antwort. Frei von

Klischees und Vorurteilen betrachtet sie Methoden

abseits der Schulmedizin. Denn so

verhärtet, wie man meint, sind die Fronten

gar nicht mehr. Die Misteltherapie aus der

komplementärmedizinischen Krebsbehandlung

zum Beispiel wird bereits begleitend bei

Chemotherapien eingesetzt.

Foto: Salomé Stühler

Salomé Stühler studiert Filmwissenschaft

und Deutsche

Philologie. Gegen Rückenschmerzen

kann sie einen guten

Osteopathen empfehlen.


Wir sind großartig. Aber andere machen auch schöne Sachen. An dieser Stelle pflücken wir die besten

Rubriken im Blätterwald und füllen sie mit unseren Inhalten.

Folge II: »Mail aus…«

Mail aus: ROSKILDE

Von: Lev Gordon


Betreff: Zombie-Alarm in der Uni

Eine einzige Twitter-Nachricht

versetzt den ganzen Hörsaal in

Panik: Hongkong wird von Zombies

überrannt, von wo aus sie

sich über ganz China verbreiten!

Das klingt zunächst nach einem

ziemlich schlechten Horrorstreifen.

Doch diese Szene spielte sich

während eines Krisenspiels an

meiner Gast-Uni in Dänemark

ab, der Universität Roskilde nahe

Kopenhagen. Das Szenario einer

Zombie-Epidemie stellte sich als

überraschend gute Übung für unsere

Vorlesung über Internationale

Beziehungen heraus. Es ist genau

dieser Einfallsreichtum, den

der deutsche Unialltag schmerzlich

vermissen lässt.

In eigener Sache

Mail aus: GRANADA

Von: Gizem Adiyaman


Betreff: Angela – Nein, nein!

Im wunderschönen Granada zerbrechen

sich die Menschen meinetwegen

den Kopf. »Aus Deutschland

bist du? Heißt du Angela?

Dein Teint ist doch viel zu dunkel.

Blond bist du nicht und deine Augen

sind nicht blau. Wo kommst du

wirklich her? Aus Cádiz, oder?«

Da haben sich meine Tutorinnen

im ersten Semester Politikwissenschaft

so viel Mühe gegeben, die

Botschaft »Hinterfragt niemals

jemandes Herkunft!« in die Welt

zu schicken. Nun ja, Politologie à

la FU hat eben doch Grenzen. Soft-

Racism kann in Spanien zu einem

amüsanten, weil von Stereotypen

übersäten Rätselraten werden:

»Und wenn du Angela triffst, sag‘

ihr: ‚Nein, nein!‘« Mache ich.

Kultur

33

Mail aus: ROM

Von: Margarethe Gallersdörfer


Betreff: Deutsch wie nie

Vielerlei Dinge passieren nach dem

Satz »Ich komme aus Deutschland«.

Der eine schwärmt von Berlin. Die

andere fragt, wo die deutsche Opposition

gegen Merkels Euro-Politik

bleibt. Meine Mitbewohnerin

hingegen benötigt meine Sprachkenntnisse:

Ich soll eine E-Mail im

Namen ihrer Oma schreiben. Die

hat vergessen, einen Scheck einzulösen

und möchte, dass ihr ein

neuer ausgestellt wird. Als Witwe

eines Gastarbeiters erhält sie Rente

aus Deutschland. 71,60 Euro

im Monat. Es mag keine neue Erkenntnis

sein, dass man sich während

eines Auslandsaufenthaltes

vor allem mit der eigenen Nationalität

beschäftigt. Aber sie stimmt!

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Schluss mit

Steuern

Der Roboter erobert die Straße. Ein an der

FU entwickeltes selbstfahrendes Auto hat

die ersten Schnupperfahrten hinter sich.

Steht unsere Mobilität vor der Revolution?

Von Jan Wasserziehr

Tom Cruise sitzt entspannt im Auto. Er fährt über einen

vollen Highway; dennoch kann er problemlos ein

Videotelefonat führen. Selbst am Steuer zu sitzen, ist

in seinem Auto nicht mehr nötig. Es fährt von selbst. Erst

als klar wird, dass die Polizei hinter ihm her ist, übernimmt

er die Kontrolle.

Diese Szene stammt zwar aus der Science-Fiction-

Thriller »Minority Report«, doch an der FU bemühen sich

Forscher, die fiktive Welt Realität werden zu lassen: Unter

der Leitung von Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz,

arbeitet das Projekt »Autonomos« seit 2007 an der

Entwicklung von Fahrzeugen, die sich ohne menschliches

Zutun auf den Straßen bewegen sollen. Das Ziel ist klar: Der

Mensch soll im Auto möglichst bald von seiner Hauptaufgabe,

dem Steuern, entbunden und durch einen Computer

ersetzt werden.

Vielerorts ist es schon so weit, dass Maschinen ohne

menschliche Hilfe auskommen. Die Robotik ist eine jahrzehntealte

Disziplin. In der Industrie etwa werden Roboter

schon seit Langem erfolgreich eingesetzt. Und auch Roboter,

die den menschlichen Alltag erleichtern sollen, haben

in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht: Es

gibt Roboter, die Reinigungsaufgaben übernehmen und sogar

solche, die Kaffee durchs Büro fahren.

Kameras manövrieren durch den

Verkehr

Raúl Rojas und seine 13 Mitarbeiter von »Autonomos« aber

haben sich vorgenommen, den Personentransport zu revolutionieren.

Ihnen schwebt das »Taxi der Zukunft« vor,

sozusagen eine vollendete Form des Carsharing. Rojas ist

sich sicher: »Diese Art von Transport wird die Gestalt von

Städten verändern.«

Der Prototyp für diese Revolution heißt »MadeInGermany«.

Es handelt sich um einen VW Passat Variant 3c.

Seine dritte Version wird derzeit fahrtüchtig gemacht. 2010

schon bestand »MadeInGermany« seine »Führerscheinprüfung«,

eine durch den TÜV zertifizierte Fahrerlaubnis für

Berlin. Natürlich muss bei den Fahrten immer noch eine

Person hinter dem Steuer sitzen, die im Notfall eingreifen

kann. Doch im Herbst 2011 gelang tatsächlich eine Testfahrt

durch Berlin. Von Dahlem bis zum Brandenburger Tor fuhr

das Fahrzeug ohne menschliches Einwirken.

Doch wie kann es funktionieren, dass sich ein Auto alleine

im Verkehr zurechtfindet? Wie kann der aus Flugzeugen

und Schiffen bekannte Autopilot auch im Straßenverkehr

eingesetzt werden? Die Antwort ist kaum überraschend:

mittels anspruchsvoller, hochentwickelter Technik. »MadeInGermany«

ist mit Kameras, Laserscannern und einem

Radar bestückt, die ihre Umwelt erfassen und verarbeiten.

Die Kameras registrieren Ampeln und Fußgänger, die Laserscanner

nehmen alle umliegenden Objekte wahr und

messen ihren Abstand zu anderen Autos im Verkehr. Ein

Radar ermittelt die Geschwindigkeit, mit der diese sich bewegen.

Menschliches Fahrverhalten ist

unberechenbar

Eine Schlüsselrolle fällt dem Ortungssystem GPS zu: Während

GPS-Geräte eines gewöhnlichen Autos dessen Position

mit 10 bis 15 Metern Toleranz ermitteln können, irrt

sich das GPS-Signal im autonomen Auto der FU-Forscher

höchstens um 50 Zentimeter. Auch die Kartierung ist sehr

viel detaillierter als die der üblichen Programme – sie berücksichtigt

nicht nur Geschwindigkeitsbegrenzungen, sondern

auch Verkehrsschilder. So kann es dem Auto strenge

Verhaltensregeln diktieren. Momentan kostet »MadeInGermany«

400.000 Euro. Allein der handgefertigte Laserscanner

sei dreimal so teuer gewesen wie das Serienauto, sagt

Rojas. Wie so oft ist es jedoch nicht nur die Technik allein,

die den Forschern Kopfzerbrechen bereitet:

»Das Problem ist die Kombination von Mensch und

Roboter«, sagt Rojas. Anders als bei Computern sei das

menschliche Fahrverhalten kaum berechenbar. Ein gutes

Beispiel dafür ist der Sicherheitsabstand auf der Autobahn:

Während das führerlose Fahrzeug stets den vorgegebenen

Abstand zum nächsten Fahrzeug einhält, nutzen menschliche

Fahrer den so frei werdenden Raum nur zu gern. Das

»MadeInGermany« müsste stets bremsen, um den Sicherheitsabstand

wiederherzustellen und käme so kaum vom

Fleck. »Wenn alle Autos Roboter wären«, so Rojas, »dann

könnten sie sich per Funk abstimmen.«


Professor Raúl Rojas erklärt sein selbstfahrendes Auto.

»Schavan hat das Projekt nicht

verstanden«

Doch das bleibt wahrscheinlich noch für eine ganze Weile

Zukunftsmusik. Nach Rojas’ Einschätzung wird es noch 30

bis 40 Jahre dauern, bis wir uns tatsächlich von autonomen

Autos durch die Städte kutschieren lassen können. »MadeInGermany«

hat bisher auch erst einen Ausflug hinaus aus

der Berliner Verkehrsluft gemacht – nach Mexiko-Stadt,

Rojas’ Heimat. Die Millionenmetropole, eine Verkehrshölle,

sei die »ultimative Herausforderung« gewesen, sagt Rojas.

Nicht nur das aggressive Fahrverhalten der Menschen sei

ein Problem, sondern auch die mangelhafte Kartierung der

Stadt, die schwache Infrastruktur sowie Straßen ohne Fahrbahnmarkierungen.

»Selbst ich hatte Angst, dass wir einen

Unfall bauen«, gibt Rojas zu. Doch es ging alles gut - zum

Glück, denn das Medieninteresse in Mexiko war groß. Sogar

Marcelo Ebrard, Regierungschef der Stadt, stieg für eine

Testfahrt ins Auto.Hierzulande gab es immerhin eine Testfahrt

in Begleitung von Annette Schavan, Bundesministerin

für Bildung und Forschung. »Schavan hat das Projekt nicht

verstanden«, erzählt Rojas schmunzelnd. »Sie dachte, das

Auto sei eine Erfindung für alte Leute, die nicht mehr selbst

fahren können.« Man kann es ihr nicht verdenken. Noch

fällt es schwer, sich vorzustellen, dass gerade die autoverrückten

Deutschen irgendwann freiwillig das Steuer aus der

Hand geben sollen. Rojas aber ist überzeugt: »In 100 Jahren

werden sich die Menschen wundern, dass wir früher Spaß

daran hatten, selbst zu fahren.«

Jan Wasserziehr studiert Publizistik und

hofft, dass der Robo-Schreiber nicht so

bald kommt wie das Robo-Auto.

Fotos: Cora-Mae Gregorschewski

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36 Wissenschaft

Kauf’ dir schöne Aussichten

Neugierig schaut Julia Sieland durch

die Backsteinzinnen des alten Balkons

in den Himmel. Hoch oben

auf dem ehemaligen Wasserturm in Steglitz

streckt die 24-jährige Meteorologiestudentin

der FU die Hände in die Höhe, um den

Niederschlag zu prüfen. »Die typische Bewegung

einer Meteorologin«, sagt sie und lacht.

Jede volle Stunde, 365 Tage im Jahr beobachten

Studierende und Meteorologen von

diesem Balkon aus das Wetter. Sie schreiben

Wetterberichte, codieren Wetterparameter

zur internationalen Vergleichbarkeit und

schicken die Daten an den Deutschen Wetterdienst.

Weltweit können ihre Erhebungen

genutzt werden.

Seit zehn Jahren blicken Lehrende und

Lernende gemeinsam in den Himmel. Denn

damals fehlte plötzlich das Geld für ausgebildete

Wetterforscher, sodass die Studierenden

die Wetterbeobachtung für den größten

Teil des Tages übernahmen. Um sich zu

finanzieren, riefen die jungen Wetterbeobachter

im November 2002 die »Wetterpartnerschaften

für Hoch- und Tiefdruckgebiete«

ins Leben. Dabei können Paten gegen Geld

Wetterereignisse auf ihren Namen taufen.

Bei mehr als 100 Hochs und Tiefs im Jahr

kommt jeder Anfangsbuchstabe mehrmals

an die Reihe. »Wir stellen die Buchstaben

von A bis Z in verschiedenen Durchläufen

zur Wahl«, erklärt Julia. Potenzielle Wetterpaten

können nachfragen, wann der gewünscht

Buchstabe noch frei ist.

Jedes Jahr im Herbst werden die Namenspatenschaften

verkauft oder im Internet

versteigert. Ein Hoch kostet 299 Euro,

bei einem Tief ist man mit 199 Euro dabei.

Julia rechtfertigt die Preise: »Wenn man sich

bei 180 Hochs und Tiefs im Jahr und 20 Studierenden,

die Tag und Nacht arbeiten, den

Stundenlohn ausrechnet, muss man sagen,

dass Andere dafür nicht einmal putzen gehen

würden. Aber wir sind hier eben eher

mit dem Herzen als mit dem Geldbeutel dabei.«

Das Meteorologie-Institut der FU ist das

einzige in Deutschland mit eigener Wetterstation,

an der die Studierenden eine praxisnahe

Ausbildung erfahren. Seit mehr als

100 Jahren beobachten Forscher am Institut

nahe dem Botanischen Garten das Wetter.

Mittlerweile ist die Station die letzte bemannte

Wetterwarte Berlins. »Wir sind sehr

stolz, dass wir eine so lange Beobachtungsreihe

weiterführen können. Das gibt es nicht

oft«, sagt Julia.

Sie kümmert sich um die Vergabe der

Patenschaften. Oft verschenken Menschen

diese zu besonderen Anlässen. Dann ste-

Julia Sieland auf dem Dach der Wetterwarte

Hoch »Michael« wird an der FU getauft. Die Meteorologiestudierenden finanzieren sich durch Namenspatenschaften

für Luftdruckgebiete – eine weltweit einzigartige Idee. Von Katharina Fiedler

hen hinter den Namen sehr persönliche

Geschichten, die auch Julia immer wieder

berühren: »Manchmal sind es Erinnerungen

an Verstorbene – also ein letztes Geschenk

Richtung Himmel. Manche Angehörigen

wünschen sich dann ein Tiefdruckgebiet und

hoffen auf Sturm, weil das vielleicht dem

temperamentvollen Charakter des Verstorbenen

entspräche.«

Wenn das Hoch- oder Tiefdruckgebiet

von den Wetterkarten Mitteleuropas verschwindet,

schreiben die Studierenden dessen

individuelle Lebensgeschichte auf. Diese

versenden sie dann mit einer Urkunde und

einer Wetterkarte an die Paten. Julia ist auch

nach drei Jahren noch mit Leidenschaft dabei.

Vor allem, wenn ein Tiefdruckgebiet aufzieht,

ist die Studentin gern draußen, um ihr

Lieblingswetter live zu erleben: Sturm.

Foto: Kübra Baysal

Illustration: Luise Schricker

Katharina Fiedler studiert

Geschichte und Politikwissenschaft

und bleibt bei

schlechtem Wetter am

liebsten zu Hause.


Vorurteile in Therapie

Dünya hat beschlossen, sich einem

Therapeuten anzuvertrauen. Seit der

Trennung ihrer Eltern kann sie nicht

mehr schlafen. Auch Essen macht ihr keinen

Spaß mehr. »Erzählen Sie doch einmal von

der Migration ihrer Eltern«, sagt Herr Sattler

am Ende der Sitzung. »Hängt Ihr Problem

vielleicht damit zusammen, dass sie mehrere

Kulturen in sich vereinen müssen?«

Gewisse Fragen stellen Psychotherapeuten

nur Menschen mit Migrationshintergrund.

Nicht selten notieren Therapeuten

den Ausdruck »Mittelmeersyndrom« – die

stereotypisierende Bezeichnung für die Tendenz,

psychische Leiden in körperlichen

Schmerzen auszudrücken. Diese psychosomatischen

Beschwerden treten angeblich

bei Migranten aus südlichen Ländern auf.

In Deutschland haben mehr als 19 Prozent

der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Zahlreiche wissenschaftliche

Initiativen, wie etwa das Zentrum für Interkulturelle

Psychiatrie, Psychotherapie und

Supervision an der Charité, fragen: Brauchen

Migranten besondere, »zu ihrer Kultur

passende« Beratung, die das deutsche Gesundheitssystem

nicht bereitstellt?

Die Psychologin Theresa Steinhäuser

vom Arbeitsbereich »Klinische Psychologie

und Psychotherapie« beschäftigt sich im

Rahmen ihrer Promotion an der FU mit einer

etwas anderen Frage: Wie kann das deut-

sche Gesundheitssystem auf die Bedürfnisse

aller Teile der Bevölkerung ausgerichtet

werden?

Aus wissenschaftlicher Sicht werde Migration

häufig als Kulturschock oder Trauma

verstanden, das ein Individuum krank

machen kann. Viele Forscher schlagen

daher besondere Therapien für Menschen

mit Migrationshintergrund vor. Sie sollen in

verschiedenen Sprachen angeboten werden

und Kulturbesonderheiten der Patienten

berücksichtigen. Diesen Annahmen stimmt

Steinhäuser nicht vollständig zu: »Einen Migrationshintergrund

haben nicht nur Menschen,

die selbst migriert sind. Auch Kinder

oder Enkelkinder von Migranten werden als

Menschen mit Migrationshintergrund be-

zeichnet. Diese Patienten auf nur ein Charaktermerkmal

zu reduzieren wäre fatal.«

Mit einem kleinen Forschungsteam führt

sie seit diesem Jahr qualitative Befragungen

durch. Sie sprechen mit Patienten, Sozialarbeitern,

Pflegekräften, Therapeuten und

Therapeuten in Ausbildung – mit und ohne

Migrationshintergrund. »Es ist mir wichtig,

nicht nur über Menschen mit Migrationshintergrund

zu reden, sondern sie auch selbst

zu Wort kommen zu lassen«, sagt Steinhäuser.

Sowohl Migranten als auch Menschen

ohne Migrationshintergrund können an psychischen

Problemen leiden. Nicht immer haben

diese Probleme etwas mit dem Migrati-

Wissenschaft

Migranten, die in psychologischer Behandlung sind, werden oft stereotypisch auf ihren Migrationshintergrund

reduziert. Ein Forschungsprojekt der FU möchte das ändern. Von Lily Martin

37

onshintergrund zu tun. Die Gründe für eine

Migration sind sehr verschieden. Manche

Menschen verlassen ihre Heimat als politische

Flüchtlinge und tragen schwere Traumata

davon. Andere haben ein gutes Job-

Angebot in einem anderen Land bekommen.

Fraglich ist, wie eine Therapie helfen soll, die

von vornherein in Stereotypen denkt. »Ich

erlebe täglich die Unsicherheiten der Mitarbeiter,

wenn es um die Behandlung von

Migranten geht«, sagt Steinhäuser. Es fehle

an Geld für die Hilfe von Dolmetschern oder

an Informationsmaterial in verschiedenen

Sprachen.

Ziel der FU-Psychologin ist es, feststehende

Annahmen in Frage zu stellen. Die

Interviews mit allen Beteiligten sollen neue

Sichtweisen auf bestehende Probleme in

der Therapie aufdecken. Ein nächster Schritt

wäre dann, laut Steinhäuser, die psychosoziale

Versorgung so zu reformieren, »dass alle

mit der gleichen Qualität behandelt werden –

ohne Vorurteile«.

Illustration: Luise Schricker

Lily Martin studiert Psychologie

im Master. Sie

hasst es, auf eines ihrer

Persönlichkeitsmerkmale

reduziert zu werden.


38 Der empörte Student

Jeder war einmal im ersten Semester. Manche vergessen das leider schnell. Neuling

Fabian Heider probt den Aufstand gegen die Überheblichkeit seiner älteren Kommilitonen.

Liebe Nicht-Erstis!

Ihr habt die Weisheit mit Schneeschippen

gefressen, oder? Die Überheblichkeit,

die Ihr mir und meinen Kommilitonen gegenüber

an den Tag legt, ist einfach unfassbar!

Selbstverständlich haben wir als Neulinge

an einer Universität unsere Startprobleme.

Wir wissen nicht, wo sich manche

Gebäude befinden und wie man mit »Blackboard«

und »Campus Management« umgeht.

Aber Hilfe von Euch? Von wegen! Wenn Ihr

nicht gänzlich durch uns hindurchschaut,

dann lacht Ihr Euch über unsere Orientierungslosigkeit

kaputt. Oder Ihr belächelt herablassend,

wie motiviert und engagiert wir

zu allen Vorlesungen gehen.

Natürlich gehen wir unser Studium hochmotiviert

an! Wir haben die Schule hinter uns

und wollen jetzt den ach so wichtigen Grundstein

für unsere Existenz legen – angespornt

von Sprüchen wie »Schauen Sie sich um, die

Kommilitonen rechts und links von Ihnen

werden Sie am Ende Ihres Studiums nicht

mehr sehen!« Ist es wirklich so seltsam, dass

wir engagiert sind?

Es ist ja nicht so, als ob uns die Panikmache

mancher Professoren nicht schon genug

einschüchtern und manch einen in manische

Arbeitswut und den nackten Kampf ums

akademische Überleben katapultieren würde.

Dann kommt auch noch Ihr und setzt uns

mit Eurer Überheblichkeit zu!

FURIOS 09 IMPRESSUM

der empörte student

Herausgeber: Freundeskreis Furios e.V. i.G.

Chefredakteur: Florian Schmidt

(V.i.S.d.P, Triftstraße 43, 13353 Berlin)

Stellvertretende Chefredakteurin:

Veronika Völlinger

Ressortleitung Politik: Max Krause

Ressortleitung Campus: Matthias Bolsinger

Ressortleitung Kultur: Kirstin MacLeod

Ressortleitung Wissenschaft: Matthias Bolsinger

Layout: Christopher Hirsch, Alfonso Maestro

Chef vom Dienst: Fabian Hinsenkamp

Redaktionelle Mitarbeit an dieser Ausgabe:

Gizem Adiyaman, Saskia Benter, Eliese Berresheim,

Josta van Bockxmeer, Melanie Böff, Matthias Bolsinger,

Mike Bolz, Julia Brakel, Lilly Busch, Katharina

Fiedler, Margarethe Gallersdörfer, Natalia Gawron,

Nehmen wir zum Beispiel eine gemeinsame

Gruppenarbeit von Erstis und Nicht-

Erstis. Nicht nur, dass ihr Möchtegern-

Großmeister die Neuen und ihren Einsatz

belächelt oder gleich ganz ignoriert. Nein!

Da werden kommentarlos Beiträge gelöscht,

an denen man Stunden gesessen hat

und böse Rundmails verschickt mit dem Te-

Lev Gordon, Fanny Gruhl, Sinaida Hackmack, Fabian

Heider, Max Krause, Diep LeHoang, Kirstin MacLeod,

Lily Martin, Christopher Ramm, Ute Reckers, Eric Rosenthal,

Florian Schmidt, Valerie Schönian, Mareike-

Vic Schreiber, Veronika Schweighoferova, Bente

Staack, Inga Stange, Björn Stephan, Salomé Stühler,

Sarah Thomas, Veronika Völlinger, Jan Wasserziehr

Illustrationen: Snoa Fuchs, Christopher Hirsch,

Alfonso Maestro, Luise Schricker, Clara Straessle,

Carmen Voigt

Fotografien: Kübra Baysal, Cora-Mae Gregorschewski,

Christopher Hirsch, Alfonso Maestro, Valerie

Schönian, Christoph Spiegel, Salomé Stühler

Autorenfotografien: Cora-Mae Gregorschewski

Titelgestaltung: Christopher Hirsch, Alfonso

Maestro, Christoph Spiegel, Clara Straessle, Fan Ye

nor: »Was du machst, ist Scheiße. Es wird so

gemacht, wie ich es sage. Du hast ja als Ersti

keine Ahnung!«

Anstatt uns freundlich die Hand zu reichen

und »Hey, entspann dich mal” zu sagen,

setzt Ihr uns nur noch weiter unter

Druck. Ihr fühlt Euch als Elite des Landes –

weil Ihr ja studiert und Euch in Kürze mit Abschlüssen

wie Diplom, Bachelor oder Master

schmücken könnt. Wir haben unser Studium

vor uns, ihr habt bald einen Titel – aber die

Empathie eines Teelöffels! Passiert das automatisch,

wenn man mehrere Semester

studiert hat?

Wart Ihr nicht selbst einmal in unserer

Situation? Habt Ihr nicht unter der Überheblichkeit

der Älteren gelitten? Warum führt Ihr

diese Sitte fort? Ich habe gehört, Studenten

zeichneten sich durch ihre Intelligenz aus,

durch ihre Fähigkeit zu reflektieren und freie

Entscheidungen zu treffen. Offensichtlich

stimmt das nicht!

Wir sind hier, um zu lernen. Genau wie

Ihr! Wir machen unsere Erfahrungen. Wir

sind auch Studenten – nur eben Anfänger.

Ich bin Erstsemester, nicht minderbemittelt!

Illustration: Carmen Voigt

Lektorat: Lisa Ebinghaus, Margarethe Gallersdörfer,

Franziska Marie Wagner

Inserate: Johanna Blees, Melanie Böff, Katharina

Fiedler, Fabian Hinsenkamp, Vanessa Ly, Emily

Roczek, Charlotte Schmid

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redaktion@furios-campus.de

Jeder Autor ist im Sinne des Pressegesetzes für den

Inhalt seines Artikels selbst verantwortlich. Die in

den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht

zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider. Gemäß

dem Urheberrecht liegen die Rechte an den einzelnen

Werken bei den jeweiligen Autoren.


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