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10 Titel

Rauschlos glücklich

Der Verzicht auf jegliche legale und illegale Rauschmittel – das kennzeichnet die Straight-Edge-Bewegung.

Ute Rekers und Mareike-Vic Schreiber haben mit zwei Anhängern gesprochen.

Es dämmert schon am S-Bahnhof Ostkreuz.

Trotzdem fallen Julias Ohrringe

auf. Vielleicht, weil sie weiß sind und

das spärliche Licht reflektieren. Vielleicht

auch, weil auf der weißen runden Fläche ein

schwarzes X prangt. »Die habe ich selbst gemacht!«,

erzählt sie. Das X steht für Straight

Edge. Julia ist Straight Edgerin.

Die Bezeichnung steht für eine Jugendbewegung

innerhalb der Hardcore- und

Punk-Szene. Sie entstand in den 1980er-Jahren

in den USA. Junge Punks begannen damals,

sich gegen den Drogenkonsum aufzulehnen,

der in der Szene gang und gäbe war.

Ein Song der Band »Minor Threat« gab der

Bewegung ihren Namen. In »Straight Edge«

setzt sich der Sänger mit seinem drogenfreien

Leben auseinander. »Straight« steht für

nüchtern, »Edge« kommt von der Redewendung

»to have an edge«, Englisch für »einen

Vorteil haben«. Anhänger der Bewegung

verzichten meistens auf Koffein, Alkohol, Tabak,

Drogen und den häufigen Wechsel von

Geschlechtspartnern. Wer Straight Edge

lebt, scheint auf den ersten Blick rauschlos

glücklich zu sein.

Der Ausflug in Julias rauschlose Welt beginnt

in Friedrichshain. Die Heilpädagogik-

Studentin zeigt einen ihrer Lieblingsplätze. In

der Boxhagener Straße angekommen, fällt

schon von weitem das weiße, rechteckige

Eingangsschild mit der Aufschrift »Vöner«

ins Auge. Die zweite Zeile auf dem Schild

erklärt, was gemeint ist: der vegane Döner.

Das X als ständiger Begleiter

Während sie am Tisch auf ihr Essen wartet,

streicht Julia ihre schulterlangen braunen

Haare zurück und gibt erneut den Blick auf

ihre weißen Ohrstecker mit dem schwarzen

X frei. Mit diesem Zeichen signalisiert

sie nicht nur den freiwilligen Verzicht auf

Rauschmittel, sondern vielmehr auch die Zugehörigkeit

zu der Bewegung. Julia lebt nun

seit etwa dreieinhalb Jahren Straight Edge.

Früher malte man das Symbol, das Julia auf

ihren Ohrringen trägt, Minderjährigen in den

Bars von Los Angeles auf den Handrücken.

So sollten die Barkeeper erkennen, dass sie

ihnen keinen Alkohol ausschenken dürfen.

Über ein solches X als Straight-Edge-Tattoo

hat Julia auch schon nachgedacht, allerdings

will sie damit noch ein paar Jahre warten.

Dafür hängen in ihrem Kleiderschrank einige

T-Shirts mit dem Symbol.

Auch FU-Student Christian* verzichtet

zeit seines Lebens komplett auf den Konsum

von Rauschmitteln. Die Bezeichnung

»Straight Edger« lehnt er jedoch ab, weil er

nicht in eine Schublade gesteckt werden

möchte. Der Mathematik- und Philosophiestudent

verspürte nie ein starkes Verlangen

nach Alkohol, Drogen oder anderen Rauschmitteln.

»In der zweiten Klasse standen

meine Freunde und ich auf dem Schulhof

zusammen und wir dachten uns: So wie die

Großen wollen wir nie werden. Diese Einstellung

habe ich beibehalten.«

Durch die Band zur Straight-

Edge-Einstellung

In Julias Leben hingegen gab es einen Wendepunkt,

der sie zur Straight-Edgerin machte.

»Mit 15 oder 16 war ich auf einem Konzert

der Hardcore-Band ‘Bitter Verses’. Der

Band fehlte damals ein Bassist«, erzählt sie.

»Also habe ich sie gefragt, ob ich einsteigen

kann. Einfach weil ich Lust hatte, Musik zu

machen.« Ihre Bandkollegen, teilweise ebenfalls

Anhänger des Straight-Edge-Gedankens,

haben Julia angeregt, ihre Einstellung

zu Rauschmitteln zu reflektieren. »Ich konnte

meinem Lebensstil

nichts Positives mehr

abgewinnen. Die vielen

Ausrutscher und negativen

Erfahrungen in meiner

Vergangenheit – besonders

im Umgang mit Alkohol und Drogen

– erinnern mich daran, dass ich

mich dadurch immer nur schlecht gefühlt

habe.« Doch wie erlebt sie den ungezügelten

Rausch, nach dem sich der menschliche

Körper so oft sehnt, wenn nicht durch Alkohol

oder Drogen? Oder ist es gerade berauschend,

nicht im Rausch zu sein?

Julia findet ihren Rausch in der Musik.

Die gemeinsamen Stunden mit ihrer Band

im Probenraum oder auf der Bühne würden

ihr den Zugang zu ihrer ganz eigenen,

jedoch nicht weniger sinnlichen Welt eröffnen,

erklärt Julia. »Bitter Verses« ist in der

Hardcore-Szene deutschlandweit bekannt,

die Band stand sogar

schon mit internationalen

Genregrößen

auf der Bühne und

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