Macht der Blick in den Spiegel wirklich schöner? - Academics.de

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Schmidts kleine Elfenbeinwelt 2/2009 präsentiert von www.academics.de/blog Macht der Blick in den Spiegel wirklich schöner? Evaluation ist aus der Hochschulwelt des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Forschungsprofile, Studienprogramme, sogar die Arbeit von Hochschulleitungen wird evaluiert. Und in einem Ausmaß wie nie zuvor gibt es Lehrveranstaltungsevaluation, das Feedback von Studierenden für Lehrende zu einzelnen Lehrveranstaltungen und Modulen. Studierende äußern sich, zumeist gegen Ende des Semesters, per Fragebogen zum Ablauf und zum „Outcome“ einer Veranstaltung oder eines Moduls. Die Ergebnisse dieser Befragung werden schriftlich aufbereitet und den Lehrenden zur Kennnis gebracht, manchmal von diesen ausgehängt oder ins Internet gestellt, manchmal direkt den Studierenden vorgestellt. Und dann? Um Lehrveranstaltungsevaluation ranken sich zahllose Mythen Um Lehrveranstaltungsevaluation ranken sich zahllose Mythen. Die einen sind überzeugt, Studierene können mangels Reife und mangels fachlicher Qualifikation überhaupt keine sinnvolle Einschätzung abgeben und glauben, dass Lehrveranstaltungsevaluation deswegen generell nicht zu Verbesserungen der Lehre führen könne. Andere sagen, dass die Studierenden die neuen Kunden der Hochschule sind und daher als allererste über die Qualität urteilen dürfen. Dieser Ansicht folgend, sollten Lehrendengehälter möglichst direkt an das Abschneiden in der Evaluation gekoppelt werden. Das Karriereportal der Wissenschaft von: Der vielleicht erstaunlichste Mythos von allen besagt, dass schon die bloße Durchführung von Lehrveranstaltungsevaluation die erhoffte Weiterentwicklung der Lehre quasi automatisch nach sich ziehen werde: Weil die Befragungen durchgeführt werden, steige die Aufmerksamkeit für „gute Lehre“, und Lehrende fangen wie von selbst an, Curricula zu überarbeiten, innovative Lehrkonzepte einzusetzen und ihre didaktischen Kompetenzen zu erweitern. Dieser Mythos, oder wissenschaftlich formuliert: die so genannte Sensibilisierungs-Hypothese ist vergleichbar mit der Idee, dass ein gelegentlicher Blick in den Spiegel allein schon zu schönerem Aussehen verhelfen werde. In einer kürzlich durchgeführten Studie wurde versucht, einigen dieser Hypothesen auf den Grund zu gehen. Auf der einen Seite wurden Lehrende an verschiedenen Hochschulen als Nutzer von Lehrveranstaltungsevaluation befragt. Ihre Einschätzungen wurden kontrastiert mit jenen der Anbieter von Lehrveranstaltungsevaluation, welche das Verfahren organisieren, Fragebögen entwickeln, über Erfahrungen mit der Wirkung von Evaluationsverfahren verfügen (z.B. Evaluationsbeauftragte, Fachschaften, Bologna-Berater/-innen). Insgesamt 150 Personen gaben zu jeder von sechs kurz erläuterten Hypothesen an, für wie zutreffend sie diese als Beschreibung der Wirkungsweise von Lehrveranstaltungsevaluation halten. Lehrende glauben neben der Sensibilisierungs- Hypothese vor allem daran, dass die im studentischen Feedback enthaltene Information per se


Schmidts kleine Elfenbeinwelt 2/2009 präsentiert von www.academics.de/blog Verbesserungen nach sich zieht (Analogie: „Wer sich das Spiegelbild genau genug ansieht, wird schöner!“). Die Evaluationsanbieter halten die Sensibilisierungs- und die Feedback- Hypothese zwar ebenfalls für recht zutreffend. Aber darüber hinaus sehen die Wirkungsweise von Lehrveranstaltungsevaluation auch auf einigen weiteren Wegen, die den Lehrenden bislang deutlich weniger vertraut scheinen. Sensibilisierungs-Hypothese Feedback-Hypothese Diskursmodell Beratungsansatz Kompetenzentwicklungsmodell Institutionelle Verankerung 2,2 Das Karriereportal der Wissenschaft von: 2,5 2,1 2,4 2,9 2,9 3,0 3,5 3,3 3,4 4,0 3,7 Nutzer Anbieter Subjektive Hypothesen über die Wirkungsweise von Lehrveranstaltungsevaluation (durchschnittliche Zustimmung zu den im Fragebogen näher erläuterten Hypothesen; Antwortskala 1 'stimme gar nicht zu' bis 5 'stimme zu'; N=150; Quelle: Schmidt, B. (2008). Warum oft wirksam? Und warum manchmal wirkungslos? – Subjektive Erklärungen zur Wirkung von Lehrveranstaltungsevaluation aus der Sicht von Nutzern und Anbietern. Zeitschrift für Evaluation, 7 (1), 7-33.) Das von den Evaluationsanbietern favorisierte Diskursmodell bedeutet, die Ergebnisse der Befragung nicht in der Schublade verschwinden zu lassen, sondern beispielsweise mit den eigenen Studierenden zu diskutieren und mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was verbessert werden könnte („In den Spiegel schauen und mit jemandem über eine neue Frisur oder eine andere Brille reden.“). Der Beratungsansatz läuft darauf hinaus, mit einer besonders lehrerfahrenen oder (hochschul-)didaktisch versierten Person über Entwicklungsmöglichkeiten zu beraten („Mit dem Spiegelbild zu einem Stilberater gehen.“). Das Kompetenzentwicklungsmodell besagt, im Anschluss an die Lehrveranstaltungsevaluation an hochschuldi- daktischen Trainings oder vergleichbaren Angeboten teilzunehmen („Lernen, wie man das Beste aus dem eigenen Typ machen kann.“). Beim verbleibenden sechsten Modell besteht hingegen wieder weitgehende Einigkeit zwischen den Anbietern und den Nutzern: Der institutionellen Verankerung wird nur eine geringe Wirksamkeit beigemessen – weder Lehrende noch Evaluationsanbieter sind überzeugt, dass eine Kopplung zwischen Evaluationsergebnissen und vertraglichen Entscheidungen oder der Vergütung eine wesentliche Verbesserung der Lehrqualität bewirken kann („Eine Prämie in Aussicht stellen, wenn das Spiegelbild schöner wird.“). Wieviel Mythos, wieviel Wahrheit? Aber wer hat denn nun Recht? Wieviel Mythos, wieviel Wahrheit sind im Spiel? Niemand kann dies mit Sicherheit sagen, die „Wahrheit“ über Lehrveranstaltungsevaluation gibt es nicht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass es ganz unterschiedliche Arten und Weisen gibt, sich die Wirkung eines Verfahrens wie der Lehrveranstaltungsevaluation zu erklären. Und je nachdem, welcher Hypothese jemand den Vorzug gibt, wird sich auch die Art und Weise unterscheiden, was er oder sie aus den Ergebnissen macht. Das gilt nicht nur für Lehrveranstaltungsevaluation, sondern auch für die vielen anderen Evaluationsverfahren, die zurzeit in der Hochschule Einzug halten. Fazit: Die eigenen Mythen entdecken Tipp für Nachwuchswissenschaftler/-innen: Viele von Ihnen sind mit Lehraufgaben betraut, und die meisten haben schon Bekanntschaft mit Lehrveranstaltungsevaluation gemacht. Kommen


Schmidts kleine Elfenbeinwelt 2/2009 präsentiert von www.academics.de/blog Sie Ihren eigenen Mythen auf die Schliche und überlegen Sie – an welche Hypothesen glauben Sie selbst, an welche nicht? Und was sind die Auswirkungen davon, wenn Sie an die eine Hypothese glauben, an die andere aber nicht? Und schließlich: Was denken Sie, erhoffen sich Ihre Studierenden von Ihnen? Vieles an der Hochschule wird als Mythos von Generation zu Generation weitergetragen. Machen Sie sich bewusst, welchen Mythen Sie schon begegnet sind, welchen davon Sie in Zukunft gerne wieder begegnen würden – und welche Sie selber weitererzählen werden. Und wagen Sie gelegentlich Ihren ganz persönlichen Blick in den Spiegel. Das Karriereportal der Wissenschaft von: Dr. Boris Schmidt, Dipl.-Kfm. & Dipl.-Psych., ist ausgebildeter NLP-Coach und systemischer Berater und arbeitet als Trainer, Berater und Coach für die Menschen in der Hochschule. Seine Forschungsarbeiten und Publikationen drehen sich um die Frage, was Menschen dazu bewegt, sich in den Elfenbeinturm der Wissenschaft hinein zu wagen, und was die Hochschule an Rückenstärkung bieten kann, damit sie sich dort wohl fühlen, respektvoll miteinander umgehen – und Dinge tun, die auch für das Leben außerhalb der Elfenbeinwelt von Bedeutung sind. Kontakt: schmidt@thema31.de, www.thema31.de.

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