An Herrn - SPÖ Stadt Mödling

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Mitgliederwesens wurde Gschmeidler offenbar als „Illegaler“ anerkannt und mit der

Mitgliedsnummer 6,149.243 formal am symbolischen Datum des 1. Mai 1938 in die NSDAP

aufgenommen. Gschmeidler trat darüber hinaus einer Parteigliederung, der

Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), bei.

Die Bestimmungen des Verbotsgesetzes 1945 qualifizierten Gschmeidler in objektiver

Hinsicht als „Illegalen“, da sein Parteibeitritt am 1. März 1938 erfolgt war, als jede NS-

Betätigung in Österreich noch verboten war. Da die entsprechenden

Entnazifizierungsbestände im Niederösterreichischen Landesarchiv derzeit nicht zugänglich

sind, kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob Gschmeidler nach dem

Nationalsozialistengesetz 1947 in der Zweiten Republik als „belasteter“ oder

„minderbelasteter“ Nationalsozialist eingestuft worden ist. Die Bestimmungen dieses

Gesetzes sahen für beide Gruppen Sühnemaßnahmen – u. a. ein zeitliches

Berufsausübungsverbot für Journalisten – vor. Tatsächlich wurde Gschmeidler seine Zeitung

nach der Befreiung Österreichs durch die alliierten Armeen im April 1945 entzogen, er erhielt

sie erst 1952 zurück und führte sie erneut als Herausgeber und Chefredakteur.

Die entscheidende Frage bei der Bewertung der Rolle Gschmeidlers als Zeitungsherausgeber

und Schriftleiter in der NS-Zeit ist, wie er seinen individuell verbliebenen

Handlungsspielraum genutzt hat. Franz S. Gschmeidler und seine Mitarbeiter haben nicht nur

die offiziellen ideologischen Vorgaben penibel eingehalten, sondern vielmehr ihren

Handlungsspielraum voll ausgeschöpft und somit vor allem in ihrer antisemitischen

Berichterstattung die Erwartungen der vorgesetzten Stellen bei weitem übertroffen.

Gschmeidler formierte die „Mödlinger Nachrichten“ zu einem antijüdischen Kampfblatt, in

dem er gerade angesichts der sich abzeichnenden Niederlage Hitler-Deutschlands vehement

für die Fortführung dieses Krieges eintrat, nicht zuletzt, weil es ihm um einen „heiligen Krieg

gegen das Judentum“ ging.

Zur Frage der Umbenennung der „Franz S. Gschmeidler-Promenade“ kann der Gutachter

offiziell keine Stellung nehmen, da dies nicht in seinem Auftrag lag. Die Entscheidung

darüber obliegt der demokratischen Willensbildung der zuständigen politischen Gremien.

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