28-31 Schnee - Natürlich

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28-31 Schnee - Natürlich

NATUR Reportage

Vor dem grossen Sch

Über dem flachen Land liegt eine dichte Hochnebeldecke.

Darüber aber taucht die Spätherbstsonne die Engadiner Gipfel

und Gletscher in ihr warmes Licht. Die wild lebenden Tiere

treffen letzte Vorbereitungen für die kommende Notzeit,

ehe das weisse Leichentuch alles unter sich begräbt.

Text und Fotos: Martin Merker


nee

Pirschgänge in der Zeit des Interregnums

zwischen Herbst und Winter

haben ihren besonderen Reiz. Die

Nachlese haltende jüngere Garde

der Hirsche hat sich müde geschrien und

das Rotwild ist hinab in seine Wintereinstände

gezogen. Fettglänzende Kotballen

auf den dorfnahen Talwiesen verraten, wo

sich die Heimlichen nachts herumtreiben.

Das immer noch kräftige Grün dieser begehrten

Äsung vermag aber nicht darüber

hinwegzutäuschen, dass die Impressionisten

ihre hell leuchtenden, bunten Farben

eingepackt und sich davongemacht haben.

An der Staffelei pinseln jetzt die alten

holländischen Meister und tauchen das

Gebirge in schwermütige Braun- und Grautöne.

Die eben noch gelborange aus dem

Fichten- und Arvendunkel auflodernden

Lärchenfackeln sind erloschen. Ihr dicht

herabrieselnder Nadelsegen dämpft den

Schritt. Schwieriger gestaltet sich das Queren

sommerlicher Miniaturdschungel aus

Dost, Eisenhut, Brennnessel, Bärenklau,

Disteln und gelbem Enzian, wie man sie

allerorten in Lichtungen und Lawinenzügen

findet. Die jetzt verdorrten frasslöcherigen

Riesenblätter und zundertrockenen Stängel

brechen mit lautem Knacken unter der tastenden

Sohle. Kaum leiser sind Passagen

durch das schuhhoch liegende Laub der

Latschen und Ebereschen zu bewältigen.

Dabei gilt es, auf das glitschig feuchte Totholz

zu achten, das sich unter gilbendem

Gras verbirgt. Darauf ist schon mancher

ausgeglitten, hat unfreiwillige Kapriolen

vollführt und dem Wald seinen Schatz an

ausgesuchten Schimpfwörtern anvertraut.

Verzieht sich vor dem Einwintern in den Untergrund: Murmeltier

Reportage NATUR

Den Notvorrat aufstocken

Rot leuchten die Dolden der Vogelbeere in

diesem Hain des Verwesens. Es riecht nach

modernden Pilzen, denen nächtliche

Minusgrade den Garaus gemacht haben.

Zwei rasch an Höhe gewinnende, auf- und

abwippende Spiegel wecken mich aus elegischen

Träumereien: Eine Rehmama und

ihre Tochter. In ihrem stumpfgrauen Overall

verschmelzen sie bald mit dem unruhigen

Hintergrund. Dann durchdringt wieder

kein Laut die Stille. Selbst die Stimmakrobaten

unter den Gefiederten, die Tannenhäher,

lassen für einmal das verräterische

Krächzen, das Schnarren und Miauen, mit

dem sie sonst verdächtige Elemente begrüssen,

und widmen sich dem Aufstocken des

Notvorrates für schmale Tage. Im Fichtengezweig

turnt das geschwätzige Volk der

Kreuzschnäbel herum und zwickt die Zapfen

ab. Meisen mit keckem Häubchen und

solche im schwarzen Birett stöbern und

stochern in rissiger Borke nach Insekten.

Dort hängt auch ein Kleiber kopfunter

und ruckt stammabwärts.

Die Arven im Engadin, an der Flanke

des Piz Rosatsch, sind knorrige, zerzauste

Veteranen, die manchem Sturm getrotzt

haben. Abgerissene, am Boden liegende

mannsdicke Äste sind stumme Zeugen der

oftmals tobenden Urgewalten. Fast übergangslos

geht hier die Zwergstrauchheide

in ausgedehnte Weiden über. Perlmuttglänzendes,

dünnes Eis überkrustet Viehtritte

und Pfützen im Seggengras kleiner Moore.

Und als hätten nicht schon viele frostige

Nächte alle Lebenssäfte eingefroren, blitzen

einem da und dort aus geschützter Lage

Natürlich | 12-2003 29


NATUR Reportage

tiefblaue kleine Enziansterne entgegen, gerade

so wie im Vorfrühling.

In der klaren Luft scheinen die Gipfel

ringsum zum Greifen nah. Jede Runse,

jedes Grasband, jede Quarzader im Gestein

zeichnet sich überdeutlich ab. Violettschwarze

Schatten wechseln mit besonnten

Flächen. Da fällt es anfänglich recht

schwer, ruhendes Wild auszumachen. Ist

erst mal ein Tier in den Linsen, findet man

bald andere. Denn jetzt sind die kohlschwarzen

Gams viel auf den Läufen. Den

Böcken ist der Minneteufel in die Glieder

gefahren. Rastlos durchmessen sie ihr

Reich auf der Suche nach galanten Abenteuern

und streitlustigen Rivalen. Dazwischen

erklimmen sie Beobachtungskanzeln

und überwachen ein annektiertes Rudel an

Geissen und Kitzen. Die Damenwelt gibt

sich betont gleichgültig und widmet sich

dem vegetarischen Angebot des Tages. Derweil

haben sich oben zwei Paschas ins

Visier genommen, zeigen sich mit hoch

erhobenem Haupt und aufgerichteter Bartbürste

von ihrer bedrohlichsten Seite,

schleichen lauernd neben dem anderen her,

drehen sich im Kreis und blicken dabei

starr geradeaus. Urplötzlich zündet der

Funke im Pulverfass aufgestauter Span-

In der Hochzeitsgala: Gemsbock

In der fast vollständig

weissen Winterrobe:

Schneehuhn

nung und entlädt sich in einer entfesselten

Hetzjagd in die Tiefe. Es ist kaum glaublich,

wo die trommelnden Hufe noch Halt

finden auf glitschigem Fels, Eis und grobem

Geröll.

Von irgendwoher lässt sich ein regelmässiges

scharfes Knallen hören. Nach längerem

Suchen kriege ich die zwei Akteure

ins Glas. Steinböcke! Das Wappentier Graubündens

ist aus dem bedächtigen Tritt geraten.

In der ersten Oktoberhälfte rückten

ihnen die Steinwildjäger auf den Pelz, und

jetzt zeigen sich schon Anzeichen der nahenden

Brunft. Mit fast spielerischem Eifer

ficht das Mannenvolk und feilt an der

Rangordnung. Dabei schielt es auch schon

begehrlich nach den Geissen, deren Gesellschaft

es mehr und mehr sucht. Bereits sind

die werbenden Wedel hochgeklappt, und

die Nasen werden prüfend in den Wind gehalten,

um verheissungsvolle Düfte einzufangen.

Dann und wann kann es passieren,

dass sich zwei gleich starke Duellanten aus

Er tanzt auch im Herbst: Birkhahn

Nur selten tagsüber

unterwegs:

Schneehase

der nämlichen Gewichtsklasse aufs Heftigste

in die Hörner kriegen. Man muss es

gesehen haben, mit welch unbeschreiblicher

Wucht die bewehrten Schädel aufeinander

krachen, ohne dass der Knochen

splittert. Und solche Kämpfe können dauern,

manchmal eine Dreiviertelstunde oder

länger, ehe sie abgebrochen werden, um am

nächsten Tage erneut aufzuflammen. Wie

bei den Boxern treten praktisch nur Ebenbürtige

in den Ring. An Stelle des Verdikts

der Punktrichter tritt der «Codex ibex»,

der über Sieg und Niederlage entscheidet.

Insbesondere den Ranghöchsten erspart

das Turnier kräftezehrende Auseinandersetzungen

mit Rivalen in der Hochbrunft

im Dezember.

Gut getarnte

Hasen und Hühner

Durch die dünne Luft segelt ein Adler auf

der Suche nach etwas zum Kröpfen. Zurzeit

fällt es ihm schwer, den Hunger zu stillen,

denn längst sind die schrillen Warnschreie

der Murmeltiere verstummt. Seine Hauptbeute

liegt hinter verrammelten Türen in

traumlosem Schlaf. Über die braungelben,

grasigen Flanken der Alp und um die Zinnen

huschen grosse Dohlenschwärme. Sie

lassen sich vom Wind in die Höhe wirbeln,

um alsbald wieder irgendwo für eine Weile

einzufallen. Oft schweben sie, von Neugier


Brütet im Winter:

Fichtenkreuzschnabel

getrieben, mühelos über dem einsamen

Wanderer, rufen ihm in ihrer hellen Sprache

zu, ehe sie sich wieder ins Himmelsblau

schrauben. Manchmal erfüllt ein vielstimmiges

Sirren die Luft, wenn ein dicht

gedrängtes Volk von Schneefinken auftaucht

und mit weiss blitzendem Flügelschlag

vorübereilt.

In den Steinen treibt sich ein Schneehahn

herum. Er ist in seiner die Farbe

wechselnden Garderobe kaum auszumachen.

Es gibt Tage, da liegen die winterharten

Gesellen so fest, dass man ihnen beinahe

auf den Schwanz treten kann. Zu anderen

Zeiten sieht man sie schon aus weiter

Ferne zu Fuss enteilen, sich plötzlich in

den Wind werfen, wild flatternd davonstieben

und um eine Felsnase herum aus dem

Blickfeld segeln. Alterfahrene Hühnerjäger

bringen den Mondzyklus und die launische

Witterung ins Spiel, wenn sie nach einer

Erklärung für die wechselnde Vertrautheit

des begehrten Wildes suchen.

In den mit Steinblöcken übersäten Ausläufern

der Weide müssten Schneehasen ein

Auskommen finden. Dichte Wacholderhorste

wechseln ab mit aus Spalten wuchernden

Alpenrosen, Heidelbeersträuchern

und den blutroten Farbklecksen der

Bärentraubblätter. Allerdings sind die viel

Treibt das Wild in tiefere Lagen: Wintereinbruch

verfolgten langohrigen Gebirgskobolde

nur selten bei Licht auf einer Hoppeltour.

Solange kein Neuschnee liegt, gelingt es

ohne Hund kaum, sie in ihrem Tagesversteck

aufzustöbern. Die kleinen Vettern des

Feldhasen beginnen jetzt, ihrem Namen

Ehre zu machen und färben um, erst am

Kopf, dann auch am übrigen Körper.

Das Turnier der Birkhähne

Bereits kriechen tiefblaue Schatten aus

dem Tal hoch. Spätherbsttage sind kurz,

Zeit also, sich an den Abstieg zu machen.

Im Krummholz liegen an einer Stelle dicht

nebeneinander Kotwürstchen. Bevor ich

mich recht versehe, purrt auch schon ein

blauschwarz schillernder Birkhahn warnend

auf und davon. Deutlich sind die gegabelten

Schwanzsicheln zu sehen. Etwas

weiter unten folgt ihm ein zweiter nach.

Hier oben ist jetzt in den frühen Morgenstunden

ein eindrückliches Schauspiel im

Gang, das Turnier der Birkhähne. Wildkundige

wissen, dass die in ihr Bestes gekleideten

Gockel, deren Balzgesang untrennbar

zur grossen Frühlingssymphonie gehört,

auch im Herbst den Tanzplatz betreten und

sich kaum minder heftige Geplänkel unter

ihresgleichen liefern, einander mit kratzenden

Krallen ins Gefieder fahren und

wütende Schnabelfechtereien austragen.

Die Hennen allerdings sucht man hier vergeblich.

Sie mischen sich erst im Lenz

wieder unter die krummfedrigen Ritter.

Mit dem Scheiden der Sonne kriecht die

Kälte ins Tal. Fast abweisend ragen Spitzen

und Grate in den Himmel. Der die höheren

Lagen überzuckernde Schnee bleibt längst

liegen. Der nächste Wetterumschlag steht

bevor. Dann wird die weisse Pracht nicht

mehr weichen bis in den April. ■

Natürlich | 12-2003 31

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