Praxis bietet Zahnärzten trotz Restriktionen viel Freiheit - Looman

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Praxis bietet Zahnärzten trotz Restriktionen viel Freiheit - Looman

4. Juli 2009

Praxis bietet Zahnärzten trotz Restriktionen viel Freiheit

Die Attraktivität der freien Berufe ist in den letzten Jahren ge-

sunken, weil die Aussichten auf finanziellen Wohlstand trübe

geworden sind. Die Zahl der Anwälte, Architekten, Journalisten,

Mediziner, Steuerberater, Werbefachleute oder Zahnärzte ist

angestiegen, doch der Kuchen, den sich diese Selbständigen

teilen müssen, ist nicht größer geworden. Aus diesem Grund

sind die goldenen Zeiten der Freiberufler vorbei, und die Folge

sind viele Einzelkämpfer, die sich mühselig und beladen über

die Runden quälen.

Die beruflichen Alternativen sind jedoch begrenzt. Juris-

ten stehen in dem Ruf, für viele Aufgaben zu taugen, doch was

soll ein Architekt machen, falls er keine Anstellung findet? Wel-

che Möglichkeiten hat ein promovierter Radiologe, sofern die

Planstellen in Krankenhäusern und Universitäten auf Jahre be-

setzt sind? Wohin soll ein Zahnarzt ausweichen, wenn ihm die

Kollegen auf die Füße treten? Die Ausbildung zum Spezialisten

hat nicht nur helle, sondern auch dunkle Seiten, so daß den

meisten Ärzten gar nichts anderes übrig bleibt als sich selbst-

ändig zu machen. Die große Konkurrenz zwingt viele Mediziner

schon in jungen Jahren zu der Überlegung, wie die spätere

Existenz, die in zahlreichen Fällen eine Selbständigkeit wider

Willen ist, finanziert werden soll.

Die Schwierigkeiten werden am Beispiel eines Zahnarz-

tes deutlich, der 33 Jahre alt ist. Der junge Mann hat eine Weile

bei Kollegen als „Springer" gearbeitet und in dieser Zeit monat-

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lich 5.000 Euro verdient. Nirgendwo bot sich aber die Möglich-

keit, auf Dauer in eine Praxis einzusteigen. Jetzt hat der Medi-

cus die Nase von der Wanderschaft voll. Er denkt an Heirat und

Familie, er möchte seßhaft werden, er will eine feste Existenz

aufbauen. Daher hat er sich in den letzten Wochen bei älteren

Kollegen und verschiedenen Maklern umgehört.

Dabei ist er auf eine Praxis gestoßen, die auf den ersten

Blick einen soliden Eindruck macht. Sie ist am Ort gut einge-

führt. Nun soll sie aus Altersgründen für 125.000 Euro verkauft

werden. Das Inventar ist technisch nicht mehr auf dem neues-

ten Stand, doch die Zahlen der Praxis sehen verlockend aus.

Der jährliche Umsatz beträgt 400.000 Euro, und die Kosten lie-

gen bei 250.000 Euro, so daß 150.000 Euro übrigbleiben. Das

ist bei Zahnärzten ungewöhnlich, weil die Kosten im Schnitt

rund 70 Prozent der Einnahmen auffressen.

Die Hoffnung auf baldigen Wohlstand wäre jedoch trüge-

risch. Der Arzt hat keine Rücklagen, so daß die Übernahme der

Praxis nur mit Hilfe hoher Kredite möglich sein wird. Der Medi-

ziner weiß aus Gesprächen mit Kollegen, daß Niederlassungen

auf Pump ein Sprung ins kalte Wasser sind. Daran hat er frei-

lich wenig Interesse, so daß es kein Wunder ist, daß der Zahn-

arzt erfahren möchte, ob in den kommenden 30 bis 35 Jahren

die Selbständigkeit, die Familie, ein Eigenheim und die Alters-

versorgung unter einen Hut gebracht werden können.

Antwort auf diese Fragen bietet ein langfristiger Vermö-

gensplan. Die finanziellen Möglichkeiten werden durch den ak-

tuellen Gewinn und die nötigen Kredite abgesteckt. Der Über-

schuß beträgt 150.000 Euro, und ein Blick in die Bücher der

letzten Jahre zeigt, daß die Schwankungen gering waren. Dar-

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aus sollte freilich nicht der Schluß gezogen werden, daß auch

in Zukunft dauerhafte Überschüsse in dieser Höhe erzielbar

sein werden. Der Zahnarzt muß damit rechnen, daß durch die

Übernahme der Praxis etwa 10 bis 20 Prozent der Einnahmen

wegfallen werden, weil die Patienten mit dem jungen Arzt nicht

zurechtkommen. Darüber hinaus sind einige Geräte so alt, daß

in den nächsten Jahren weitere Investitionen von 50.000 Euro

notwendig sein werden.

Der Vermögensplan besteht wie das Arbeitsblatt einer

Tabelle aus Zeilen und Spalten Protokoll 1. In den Spalten

stehen die Einnahmen und Ausgaben, und in die Zeilen werden

die Werte der nächsten 35 Jahre eingetragen. Es liegt in der

Sache der Natur, daß solche Hochrechnungen je unsicherer

werden, desto weiter die Prognosen in die Zukunft reichen.

Trotzdem liefern die Zahlen erste Anhaltspunkte, ob die Vorstel-

lungen und Wünsche überhaupt realisierbar sind.

Die zweite Spalte enthält die Einnahmen Hier werden

Umsätze von jeweils 400.000 Euro eingetragen. Dann folgen

die Kosten. Es ist denkbar, im ersten Rutsch pauschal 250.000

Euro pro Jahr anzusetzen, doch im Laufe der Zeit wird es sinn-

voll sein, die Ausgaben aufzuschlüsseln. Wie hoch ist die Miete

für die Praxisräume, wie viel Geld kostet das Personal, wie

teuer ist das Material? In der vierten Spalte sind die Ausgaben

für neue Geräte enthalten. Solange noch nicht feststeht, wann

die 50.000 Euro anfallen werden, dürfte es am besten sein, die

Kosten linear zu verteilen und in den Plan zum Beispiel fünf

Rücklagen à 10.000 Euro für Neuanschaffungen einzutragen.

Noch besser ist es freilich, die „festen“ Rücklagen jedes Jahr

anzusetzen.

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Die Einnahmen von 400.000 Euro, und die bisherigen

Ausgaben von 260.000 Euro führen zu einer Differenz von

140.000 Euro, doch dieser Gewinn ist noch lange nicht der tat-

sächliche Überschuß, der für die schönen Dinge des Lebens

ausgegeben werden kann. Vorher halten die Banken und das

Finanzamt die Hand auf, und da gibt es bei vielen Ärzten lange

Gesichter. Der Kredit kann zum Beispiel ein klassisches Annui-

tätendarlehen sein, bei dem die Raten für Zins und Tilgung in

jedem Jahr gleich hoch sind. Die meisten Zahnärzte interessie-

ren sich, wenn sie sich Geld leihen müssen, für die Kosten der

Darlehen, doch die Zinsen sind bei den meisten Existenzgrün-

dungen die unwichtigste Sache der Welt.

Viel wichtiger sind die Bereitschaft, die Kreditaufnahme

auf ein Minimum zu beschränken, und die Überlegung, wie lan-

ge die Tilgung dauern soll. Hier scheiden sich die Geister. Die

einen Ärzte wollen die Kreditraten so niedrig wie möglich halten

und plädieren für lange Laufzeiten, und die anderen Mediziner

wollen die Verbindlichkeiten so rasch wie möglich zurückzahlen

und stimmen für kurze Laufzeiten. Die Dauer der Tilgung hängt,

wenn die Sache nüchtern betrachtet wird, von drei Fragen ab.

Erstens: Wie lange wird das Inventar halten, wann muß die

Praxis „von Grund auf" erneuert werden? Zweitens: Wann soll

der Traum vom Eigenheim verwirklicht werden? Drittens: Wann

steht der Aufbau der freien Altersversorgung - des Vermögens

über Praxis und Eigenheim hinaus - auf dem Programm?

Die Praxis, das Eigenheim und die Altersversorgung

zwingen - soviel steht von Anfang an fest - die meisten Ärzte

auf Jahrzehnte zum Konsumverzicht. Die drei Vorhaben wer-

den auch diesen Zahnarzt - in finanzieller Hinsicht - bis zum

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Ruhestand unter Strom setzen, und die heikle Frage wird im-

mer wieder lauten: Sollen zuerst die Kredite getilgt, dann die

Anlagen fürs Alter angepackt werden? Oder ist es vorteilhafter,

die Darlehen für die Praxis und das Haus erst am Ende des Be-

rufslebens zu tilgen und das Kapital, das für die Tilgung der

Schulden und die Versorgung im Alter notwendig sein wird, in

Geldanlagen aufzubauen, deren Renditen höher als die Kredit-

zinsen sind?

Die Antwort hängt von der Risikobereitschaft des Zahn-

arztes ab. Die betrieblichen Darlehen kosten zur Zeit um die 4

Prozent pro Jahr, und die Zinsen sind steuerlich absetzbar. Die

Kosten der privaten Kredite liegen bei 5 Prozent, und die Raten,

auch die Zinsen, müssen in voller Höhe aus versteuertem Geld

bezahlt werden. Daraus ergibt sich ein Mischzins von etwa 3,5

Prozent nach Steuern, und dieser Wert ist für Rückzahlung der

Verbindlichkeiten von entscheidender Bedeutung. Wer bereit

ist, in den kommenden Jahren mindestens die Hälfte aller Til-

gungen in Aktien, sollte Festkredite aufnehmen und die Schul-

den erst kurz vor der Pensionierung tilgen. Sonst ist die laufen-

de Rückzahlung der Darlehen die bessere Lösung.

Die finanziellen Auswirkungen der Wünsche und Ziele

werden im Vermögensplan sichtbar. Im vorliegenden Fall muß

der Zahnarzt den vollen Kaufpreis (125.000 Euro) mit fremdem

Geld finanzieren. Dafür sind bei einem Nominalzins von 4 Pro-

zent und einer Laufzeit von zehn Jahren jährlich 15.292 Euro zu

bezahlen Protokoll 2. Weiterhin sind Abgaben an das Ver-

sorgungswerk von 12.895 Euro und Steuern von 38.000 Euro

fällig, so daß am Ende von den 400.000 Euro noch 73.813 Euro

übrig bleiben.

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Ein monatliches Nettogehalt von etwa 6.000 Euro ist kein

Anlaß zur Klage. Gleichwohl ist es für den Aufwand und die Ri-

siken des Zahnarztes keine üppige Belohnung. Von diesem Be-

trag muß der Konsum bestritten werden, der für einen Alleins-

tehenden, später für die ganze Familie, zwischen 36.000 und

60.000 Euro betragen dürfte. Damit bleiben für das Eigenheim

und die Altersversorgung jeden Monat zwischen 2.000 und

3.000 Euro übrig, so daß offenkundig wird, warum sich die Be-

geisterung für die Selbständigkeit bei vielen Freiberuflern in

Grenzen hält.

Der jährliche Überschuß sollte in sichere Geldanlagen

fließen, damit der Traum von Haus und Garten, zum Beispiel in

fünf Jahren, nicht zum Alptraum wird. Die Raten können zum

Beispiel bei einem Zinssatz von 3 Prozent in fünf Jahren zu ei-

nem Guthaben von 204.000 Euro führen Protokoll 3. Wer-

den die Überschüsse der folgenden 15 Jahre zur Verzinsung

und Tilgung eines Kredites verwendet, der jährlich 5 Prozent

kostet, sind Schulden in Höhe von 333.000 Euro möglich

Protokoll 4. Damit kann der Haus einschließlich Nebenkosten

bis zu 537.000 Euro kosten.

Nach der Tilgung der Hausschulden geht es an den Auf-

bau der freien Altersvorsorge. Dafür stehen Prämien zur Verfü-

gung, die bei 22.000 Euro beginnen und im Laufe der Zeit auf

34.000 Euro steigen. Sie führen bei einem Zinssatz von 3 Pro-

zent bis zum 67. Lebensjahr zu einem Guthaben von 519.000

Euro Protokoll 5. Danach ist aus dem Vermögen beim sel-

ben Zinssatz bis zum 85. Lebensjahr eine Monatsrente von

3.239 Euro darstellbar. Hinzu wird die Rente des Versorgungs-

werkes kommen, so daß dem Zahnarzt im Ruhestand ins-

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gesamt 5.000 bis 6.000 Euro zur Verfügung stehen werden.

Davon werden nach Abzug der Steuern voraussichtlich 4.000

bis 4.500 Euro übrig bleiben.

Die Finanzplanung ist, um das noch einmal in aller Deut-

lichkeit zu sagen, eine Rechnung mit dem dicken Daumen.

Trotzdem zeigt sie dem Zahnarzt die grobe Richtung, in welche

die Reise gehen wird. Die Zahlen sind nicht schlecht, doch auf

die Träumerei, bei diesen Zahlen viel Geld scheffeln zu können,

sollte sich der Zahnarzt nach Möglichkeit von Anfang an nicht

einlassen. Die Freiberuflichkeit mag in vielen Fällen eine

Selbständigkeit wider Willen sein, doch wenn die Kirche im Dorf

und der Zahnarzt auf dem Boden bleiben, sind die Perspektiven

gar nicht schlecht. Es könnte alles viel schlimmer kommen!

Volker Looman ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Reutlingen und

berät Freiberufler auf Honorarbasis in Vermögensfragen.

Kontakt

Herderstraße 12

72762 Reutlingen

Telefon: 07121 / 29145

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