06-15 Ruhe bitte - Natürlich

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06-15 Ruhe bitte - Natürlich

GESUNDHEIT

Kurt Vogel und seine Frau Roswitha

wohnen am Rand des

Schwyzer Dorfes Tuggen. Nur

wenige Meter von ihrem Haus

entfernt braust auf der Autobahn N3 der

Verkehr Richtung St. Bernardino-Pass

und wieder zurück. Seit fast 20 der 26

Jahre, die die beiden gemeinsam dort

wohnen, wehren sie sich gegen den

zunehmenden Lärm der Hauptverkehrsachse,

der sich wie eine nicht enden

wollende Flut in ihren Garten, ihr Haus,

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ihr Wohn- und auch ihr Schlafzimmer

ergiesst. «Am Anfang», sagt Kurt Vogel,

«sind wir wegen des Lärms fast verzweifelt.»

Mittlerweile habe er aber resigniert.

Jahrzehntelanger Kampf

Das wundert nicht, denn Gesuche, Briefe,

Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen

aus zwei Jahrzehnten belegen, wie

sehr sich Vogels beim Baudepartement

Die Welt ist voller Geräusche. Einige von ihnen, die

meisten davon künstlich erzeugt, werden aber als Lärm

empfunden – und zu viel Lärm macht taub und krank.

In der Schweiz leiden Hunderttausende an lärmbedingten

Stresssymptomen wie Schlafstörungen

und Kreislaufkrankheiten.

Text: Markus Kellenberger

Lärmbelastung

des Kantons Schwyz um eine Verbesserung

ihrer Situation bemühten. Vergeblich.

Trotz Messungen, die zweifelsfrei

belegen, dass die Familie einem Dauerlärmpegel

ausgesetzt ist, der jenseits aller

zulässiger Grenzwerte liegt, schirmt bis

heute keine Lärmschutzwand ihr und ein

rundes Dutzend weitere Anwesen gegen

die Strasse ab. Andere, wie das Schwyzer

Baudepartement betont, dichter besiedelte

Gebiete, hatten in den letzten Jahren

für derartige Projekte stets Vorrang.

Mehr Ruhe, bitte!


Das hat für die Lärmgeplagten

schlimme Konsequenzen. Kurt Vogel

schläft seit langem schlecht und leidet

an Bluthochdruck, der zu einem – glücklicherweise

glimpflich verlaufenen – Hirnschlag

führte. Seine Frau hat ständig

Kopfweh bis hin zu schlimmen Migräneattacken.

Für Peter Ettler von der Schweizerischen

Liga gegen Lärm ist klar: «Diese

Symptome und die daraus resultierenden

Krankheiten sind eindeutig eine Folge

ständiger Lärmeinwirkung.»

Ein Urinstinkt macht krank

Der Mensch reagiert auf Geräusche. Empfindet

er einen Klang als angenehm, zum

Beispiel das leise Bimmeln einer weit

entfernten Kuhglocke, hat das auf ihn

Foto: Waldhäusl

eine entspannende Wirkung. Ertönt die

Glocke aber direkt neben seinem Ohr,

empfindet er denselben Klang als unangenehm

laut oder sogar schlicht als Lärm.

Ohne zu denken reagiert der Mensch

darauf mit einem uralten instinktiven Verhalten:

Er will dem Lärm so rasch wie

möglich entfliehen und so macht sich

der Körper innert Sekunden für die Flucht

bereit und schüttet Stresshormone aus.

Diese erhöhen unter anderem den Blutdruck

und versetzen den Betroffenen in

einen gereizten, falls nötig auch kampfbereiten

Zustand.

Gelingt die Flucht vor der Lärmquelle

oder ist das Geräusch nur vorübergehend,

klingen diese Stress-Symptome rasch

wieder ab und der Betroffene beruhigt

sich. Ist ein Entkommen jedoch unmöglich,

baut sich ein Zustand anhaltenden

Gestresstseins auf – und aus den ursprünglich

eigentlich gesunden Symptomen

entwickeln sich schleichend chronische

Krankheiten. Damit es überhaupt

so weit kommt,

braucht es keine Kuhglocke

am Ohr. Je nach

Sensibilität der betroffenen

Person genügt bereits

ein ständig leicht

erhöhter Geräuschpegel

in einem Büro oder das

Rauschen des Verkehrs,

um den Körper dauernd in

Stress zu versetzen. Und: An

Lärm kann sich der Mensch –

entgegen einer weit verbreiteten

Auffassung – nicht gewöhnen. Er

kann höchstens eine gewisse Zeit

lang seine Stresssymptome aus dem

Bewusstsein verdrängen.

Schaden an Körper und Seele

Wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in

der Dokumentation «Lärm» zusammenfasst,

leiden Lärmgeplagte überdurchschnittlich

häufig an: Herz-Kreislauf-Problemen,

Bluthochdruck und dessen Folgen

wie Hirnschläge und Herzinfarkte, Schlafstörungen,

Kopfschmerzen und, je nach

Lärmstärke und Dauer, auch an rapidem

Hörverlust oder Tinnitus, einem lästig

pfeifenden Dauergeräusch im Ohr (siehe

Seite 11). Zu den körperlichen Beschwerden

gesellen sich dann noch die psychischen

Auswirkungen wie ständige Angespanntheit,

Aggressionen, Depres-

Lärmbelastung GESUNDHEIT

sionen und eine allgemeine Leistungs- und

Lernbeeinträchtigung.

Das Fatale an vielen dieser bekannten

Lärmfolgen: «Weit über die Hälfte der

Betroffenen nimmt diese Auswirkungen

lange gar nicht bewusst wahr oder erkennt

nicht, dass Lärm die Ursache für ihre

Beschwerden ist», sagt Jean Berner von

der Vereinigung Ärzte für Umweltschutz.

Hauptproblem Strassenverkehr

Lärm entsteht an vielen Orten. Am Arbeitsplatz,

in Discos, in der Nähe von Flugplätzen

und Bahnanlagen kann er gesundheitsgefährdende

Lautstärken erreichen. Am

schlimmsten aber sind die Auswirkungen

des Strassenverkehrs. Das hat nichts mit

einer Verteufelung des Autos zu tun, sondern

mit der Tatsache, dass Strassenlärm

die am häufigsten wahrgenommene Form

von Umweltbelastung ist, wie verschiedene

Umfragen in ganz Europa zeigen.

80 Millionen Menschen sind in der

EU tagsüber ständig verkehrsbedingtem

Lärm über dem zulässigen Grenzwert von

65 Dezibel (dB) ausgesetzt. Rund 550 000

Menschen sind es in der Schweiz. Und

viele von ihnen, die an stark befahrenen

Strassen wohnen, haben auch in der

Nacht keine Ruhe.

«Die Lärmsanierung entlang der

Strassen ist denn auch unser grösstes Sorgenkind»,

sagt Urs Jörg von der Abteilung

Lärmbekämpfung des Bafu. Seit

1987 wird in der Schweiz Lärmschutz

betrieben. Aber bisher sei, so Jörg, erst

etwa ein Drittel aller sanierungsbedürftigen

Strassen mit geeigneten Schutzmassnahmen

wie Lärmschutzwänden oder

Verkehrsberuhigungsmassnahmen leiser

gemacht worden. Bis 2018 müssen nun

die restlichen zwei Drittel saniert werden.

So jedenfalls verlangt es die verbindliche

Lärmschutzverordnung des Bundes. Ob

dieses Ziel tatsächlich auch erreicht wird,

steht jedoch noch in den Sternen.

Die Bahn ist in diesem Bereich hingegen

schon sehr viel weiter. Aus zwei

Gründen: Sie ist mit dem Bau der vorgesehenen

Lärmschutzwände schon fast

am vorgegebenen Ziel angelangt. Und

dank der laufenden Sanierung des Rollmaterials

betreibt sie Lärmbekämpfung

direkt an der Quelle. Daran könnte sich

die Autoindustrie ein Beispiel nehmen. In

den Fahrgastzellen sind die meisten Autos

leiser geworden, was den Besitzern den

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Quelle: Suva

Sturmgewehr*

Pistole 9 mm*

Bolzensetzgerät*

Jettriebwerk

Schmerzschwelle

pneumatischer Bohrhammer

Motorkettensäge

Diskothek

Fräsmaschine

Strassenverkehr

Unterhaltung

Büro

Wohnzimmer

Leseraum

Schlafzimmer

Radiostudio

Hörschwelle

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*Kurzzeitspitzenwerte

Lärm hat viele Quellen:

Die Geräuschbelastung der Umwelt

ist grösser als je zuvor

Nichts

als Schall und Luft

Ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt

ringförmige Wellen. Je nach

Grösse des Steins kleine rasch verebbende

oder grosse, die sich weithin

sichtbar ausbreiten. So ähnlich muss

man sich den durch ein Geräusch erzeugten

Schall vorstellen. Allerdings

ist es hier nicht Wasser, das sich in

Wellen ausbreitet, sondern Luft. Wie

Wasserwellen stellen auch Schallwellen

physikalisch gesehen eine

Druckschwankung dar, die eine spürbare

Kraft, den Schalldruck erzeugen.

Trifft eine Schallwelle auf das Trommelfell

des Ohres, wird dieses durch

den Schalldruck in Schwingungen

versetzt – und der Vorgang des

Hörens setzt ein (siehe Kasten auf

Seite 13).

Der Schalldruck, der bei einem Gespräch

ans Trommelfell dringt, beträgt

weniger als ein Millionstel des normalen

Luftdrucks. Auch an der Schmerzgrenze

ist der Schalldruck noch

kleiner als ein Tausendstel des Luftdrucks,

so empfindlich ist das Ohr.

Die Lautstärke eines Geräusches

wird als Schallpegel in Dezibel,

abgekürzt dB, gemessen. Der an der

Hörschwelle gerade noch hörbare

leiseste Ton hat einen Schallpegel

von etwa 0 dB, die Schmerzschwelle

liegt bei gut 125 dB.

Dezibel sind ein logarithmisches

Mass , das heisst, es steigt nicht wie

mit einem Lineal gezogen gleichmässig

schräg an, sondern wie eine

steil nach oben gezogene Kurve.

Daraus resultiert: Jeder Zehner-Schritt

auf der dB-Skala entspricht einer Verdoppelung

der empfundenen Lautstärke.

Auf der dB-Skala bedeutet das,

dass zum Beispiel Strassenverkehr

bereits doppelt so laut ist wie eine

normal geführte Unterhaltung oder

die Musik in einer Diskothek doppelt

so laut dröhnt wie der Lärm einer

Fräsmaschine.

Foto: Mediacolors

Foto: Waldhäusl

falschen Eindruck vermittelt, ihre modernen

Wagen seien am zunehmenden Verkehrslärm

nicht schuld. Tatsächlich aber

verursachen sie nach aussen, bedingt

durch immer grössere und stärker motorisierte

Modelle, die mit entsprechend breiten

Pneus unterwegs sind, mehr Lärm

als noch vor zehn Jahren.

Lärm kostet Milliarden

Für die sich über 30 Jahre hinweg erstreckende

Lärmsanierung der Strassen

will der Bund insgesamt 3,5 Milliarden

Franken ausgeben. «Das ist verhältnismässig

wenig», kritisiert Jörg seinen

Arbeitgeber. Angesichts des volkswirtschaftlichen

Schadens, den der Strassenlärm

verursacht, ist das höchst moderat

ausgedrückt. Pro Jahr verursacht der

Strassenverkehr Lärmkosten von rund

870 Millionen Franken.


Foto: Irisblende.de

Foto: Fotex-Image

In diesem stolzen Betrag sind aber erst

die Behandlungskosten für Lärmkrankheiten

und Mietzinsausfälle für besonders

exponierte Wohnungen und Häuser

eingerechnet. Es kommen weitere Kosten

dazu, die zu einem guten Teil von der

Bevölkerung getragen werden müssen.

Zum Beispiel Wertverluste von Immobilien,

was sich auf Pensionskassen auswirken

kann, oder Produktionsausfälle

durch die verminderte Leistungsfähigkeit

von Lärmkranken am Arbeitsplatz. Insgesamt,

so die Faustregel unter Fachleuten,

kosten Lärm und dessen Folgen die Allgemeinheit

jedes Jahr rund eine Milliarde

Franken.

Eine soziale Zeitbombe

Gesundheitlich angeschlagene Menschen

und hohe Kosten für die Allgemeinheit

sind aber nicht die einzigen Probleme, die

Foto: Irisblende.de

Lärm verursacht. Ein weiteres sind unabsehbare

soziale Konsequenzen. «In der

Schweiz stellen wir eine regelrechte Lärmverslumung

fest», bringt es Umweltschutz-Arzt

Jean Berner auf den Punkt.

Konkret heisst das: Wer es sich leisten

kann, zieht aus einer lärmigen Gegend

weg. Zurück bleiben Menschen, die sich

eine ruhigere und normalerweise auch

teurere Wohnlage nicht leisten können.

Das sind meist Rentner, alleinstehende

oder randständige Menschen und immer

mehr auch Familien von Schweizern und

Ausländern mit Einkommen, die deutlich

unter dem Durchschnitt liegen.

Gerade die letzte Gruppe von Menschen

trifft es besonders perfid, denn,

einmal im Lärmgetto gestrandet, büssen

die dort lebenden Familien den sozialen

Abstieg gleich doppelt. Die Gefahr, an

den Folgen von Lärm zu erkranken,

steigt massiv an, umgekehrt sinken die

Foto: Suva

Lärmbelastung GESUNDHEIT

Chancen ihrer Kinder, eine gute Schulbildung

und eine weiterführende Ausbildung

zu absolvieren.

Grund: Kinder, die in den ersten

Lebensjahren an einer viel befahrenen

Strasse oder in der Nähe eines grossen

Flugplatzes wohnen, sind einer intensiven

Lärmbelastung ausgesetzt. Das hat,

wie neue Studien zeigen, Auswirkungen

auf deren Entwicklungsprozess. Namentlich

in den Bereichen Aufmerksamkeit,

Konzentrations- und Lesefähigkeit sowie

in der intellektuellen Entwicklung zeigen

viele lärmbetroffene Kinder massive

Defizite, die sich später kaum mehr

kompensieren lassen.

Es braucht

den Druck von unten

In der Lärmverslumung sieht Peter Ettler

von der Lärmliga einen der Hauptgründe

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Foto: mediacolors

Infobox

Hier gibt es Lärm-Broschüren, Rat und Hilfe

• Schweizerische Liga gegen den Lärm,

Postfach 1138, 8026 Zürich,

Telefon 044 241 66 88, info@laermliga.ch

• Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz,

Postfach 111, 4013 Basel,

Telefon 061 322 49 49, info@aefu.ch

• Schweizerische Versicherungsanstalt suva,

6002 Luzern, Telefon 041 419 51 11

• Verkehrsclub der Schweiz, 3360 Herzogenbuchsee,

Telefon 062 956 56 56,

service@verkehrsclub.ch

Bücher zum Thema

• Aecherli: «Umweltbelastung Lärm»,

Verlag Rüegger 2004, ISBN: 3-7253-0754-7,

Fr. 45.–

• Flitner: «Lärm an der Grenze», Steiner Franz

Verlag 2006, ISBN: 3-515-08485-1, Fr. 67.20

• «Lärmschutz-Verordnung (LSV)»,

Verlag EDMZ 2004,

BZ-Bestellnummer 5048982, Fr. 4.50

Internet

• www.laerm.ch

• www.laermliga.ch

• www.aefu.ch

• www.suva.ch

• www.vcs-ate.ch

dafür, weshalb es in der Schweiz noch

keine wirkliche Massenbewegung gegen

die zunehmende akustische Verschmutzung

der Umwelt und deren Folgen gibt.

«Für die, die wegzügeln, ist das Problem

gelöst», sagt er. «Und die, die zurückbleiben,

gehören oft jenen sozialen

Schichten an, die sich kaum zu wehren

wagen.»

Das ist schade, denn, so meinen die

Lärmliga und auch der Verkehrsclub der

Schweiz, oft wären die Gemeinden froh,

von aktiven Bürgerinnen und Bürgern in

ihren Bemühungen für eine Verbesserung

der Lärmsituation unterstützt zu werden.

Aus diesem Grund bieten die beiden Organisationen

interessierten Personen eine

Fülle von Dokumentationen zum Thema

Lärmbelastung GESUNDHEIT

Lärm und, falls nötig, natürlich auch

Schützenhilfe an.

Die hat Kurt und Roswitha Vogel gefehlt.

Ihren langen Kampf für eine Lärmschutzwand

haben sie – wie viele andere

Betroffene auch – praktisch alleine geführt

und dafür mit ihrer Gesundheit

bezahlt. Wegziehen war für sie nie ein

Thema, denn das Haus, in dem sie leben,

ist ihre Heimat.

Doch vielleicht hat ihr Leiden nach

über 20 Jahren bald ein – zu spätes –

Ende. «Nächstes Jahr», verspricht Markus

Isaak vom Schwyzer Baudepartement,

«nächstes Jahr bekommen Vogels

ihre Lärmschutzwand – sofern der

Bund daran seinen finanziellen Beitrag

leistet.»

Ohrenpfeifen ohne Ende

Rund jeder zehnte Mensch in der Schweiz leidet an

Tinnitus. Viele der Fälle sind eine unmittelbare Folge

von zu viel Lärm. Einige der Betroffenen stürzt

das ständige Geräusch im Ohr in tiefe Depressionen.

Sie müssen lernen, mit der Krankheit zu leben.

Text: Markus Kellenberger

Es war kein gewöhnlicher Montag,

dieser Wochenanfang vom

26. Mai vor drei Jahren. Daniel

Feurer erwachte nicht wie sonst

mit frischem Elan angesichts der neuen

Arbeitswoche, sondern mit einem schrillen

Pfeifen im Ohr. «Das Geräusch, anfangs

lästig und höchstens beunruhigend,

entwickelte sich im Verlauf der

nächsten Tage zum Albtraum», erinnert

sich der heute 41-Jährige aus Oberuzwil

SG. «Beim Essen, beim Arbeiten, beim

Einkaufen, bei Tag und Nacht – das Pfeifen

war einfach da und liess mich nicht

mehr los.»

Natürlich | 5-2006 11


GESUNDHEIT

Andreas Schapowal von der Schweizerischen

Tinnitus Liga (STL) geht davon

aus, dass es in der Schweiz über eine halbe

Million Tinnitus-Betroffene gibt. Die

meisten von ihnen leben problemlos mit

dem Ohrgeräusch. «Doch etwa 70 000

Menschen leiden unter dem Geräusch»,

sagt der STL-Präsident. Das in der Regel

hohe und vor allem pausenlose Pfeifen,

Summen, Läuten oder Schellen im Ohr

raubt schwer Betroffenen wie Daniel

Feurer nicht nur den Schlaf – das Dauergeräusch

wird für sie auch am Tag zum

zentralen, aber negativen Lebensinhalt.

Lärm macht neuen Lärm

im Kopf

Es gibt psychische und vor allem körperliche

Ursachen, die zu einem Tinnitus

führen können. Klagt ein Patient über

Ohrgeräusche, steht für die Fachärzte

deshalb die Suche nach einem organischen

Problem an erster Stelle, um dieses

12 Natürlich | 5-2006

Lärmbelastung

Kleiner Hörtest für zu Hause

Je älter ein Mensch wird, desto mehr nimmt

sein Hörvermögen ab. Das ist normal.

Unmässiger oder ständiger Lärm führt aber

häufig dazu, dass das Gehör sozusagen

frühzeitig altert. In der Regel leidet darunter

als erstes das Hörvermögen im mittleren

Frequenzbereich zwischen vier bis sechs

Kilohertz.

Mit einem kleinen Test lässt sich feststellen,

ob das eigene Gehör noch altersgemäss

funktioniert – oder bereits geschädigt

ist. Dazu braucht es das Standard-

Modell einer Herrenarmbanduhr der Marke

Swatch und ein stilles Zimmer. Die Tabelle

unten zeigt, in welcher Distanz und in

welchem Alter ein gesundes Ohr das Ticken

der Uhr noch hören sollte.

Distanz Ohr – Swatch

200 100 50 30 15 Zentimeter

25 35 50 60 70 Alter

Machen Sie einen Hörcheck bei einem

Ohrenarzt, wenn Sie bei diesem Test eine

starke und nicht Ihrem Alter entsprechende

Beeinträchtigung des Gehörs feststellen.

– und damit auch den Tinnitus – nach

Möglichkeit mit einer geeigneten Therapie

zu behandeln.

Häufige Ursachen für Tinnitus sind:

• Chronische Lärmschwerhörigkeit: Eine

ständige Lärmbelastung, wie sie zum Beispiel

an vielen Arbeitsplätzen, aber auch

an Musikanlässen besteht, führt mit der

Zeit zu Schwerhörigkeit, bei der sich

meist auch ein Ohrgeräusch entwickelt.

Laut der STL ist ein Drittel aller Tinnitus-

Fälle auf derartige Lärmeinwirkung

zurückzuführen. Heilung gibt es keine.

Der einzige Schutz gegen die Lärmschwerhörigkeit

besteht im konsequenten

Gebrauch von Gehörschutzmitteln –

auch in der Disco.

• Akutes Lärmtrauma: Ein Knalltrauma,

ausgelöst durch eine Explosion oder einen

Paukenschlag, kann das Trommelfell

zerreissen und das Innenohr schädigen.

In solchen Fällen sind operative Eingriffe

nötig, ohne Garantie auf Heilung.

• Mittelohrentzündung: Bei der akuten

Mittelohrentzündung tritt häufig ein

meist vorübergehendes Ohrgeräusch auf.

Gefährlicher ist eine chronische Mittelohrentzündung.

Sie kann die Gehörknöchelchen

zerstören und so zu einem

dauerhaften Tinnitus führen.

• Medikamente: Viele Medikamente, insbesondere

Acetylsalicylsäure (zum Beispiel

in Aspirin), aber auch Chinin, entwässernde

Medikamente (Diuretika) und

Antibiotika können in hohen Dosen einen

vorübergehenden Tinnitus auslösen.

• Kreislaufkrankheiten: Herz-Rhythmus-

Störungen und hoher Blutdruck können

die Durchblutung des Ohres beeinträchtigen

und einen Tinnitus auslösen.

• Gefässveränderungen: Einengungen

der Blutgefässe, aber auch Herzfehler,

sind oft der Grund für einen so genannten

«objektiven» Tinnitus, das heisst, das

Ohrgeräusch wird auch vom Arzt gehört.

Es handelt sich dabei um das Strömungsgeräusch

des Blutes.


• Kiefergelenk: In seltenen Fällen sind

Fehlstellungen des Kiefergelenks oder

zahnärztliche Eingriffe, wie zum Beispiel

das Ziehen der Weisheitszähne, Auslöser

für einen Tinnitus.

Dauerpfeifen

treibt Opfer in den Suizid

Trotz langer Untersuchungen fanden die

Ärzte bei Daniel Feurer keine körperliche

Ursache für das Nerven zerreibende und

nicht aufhören wollende Ohrgeräusch.

Sein Tinnitus war einfach da. Feurer

geht es dabei wie rund vier Prozent

aller stark Tinnitus-Betroffenen. Egal, ob

eine körperliche Ursache gefunden wird

oder nicht, sie werden allen schulmedizinischen

Therapien zum Trotz das

Ohrgeräusch nie wieder los. Die Aussicht,

den Rest des Lebens vom Tinnitus

terrorisiert zu werden, trieb Feurer bereits

in den ersten Wochen seiner Krankheit

beinahe in den Selbstmord.

Foto: mediacolors

Illustration: Suva

Gehörgang

Aussenohr Mittelohr Innenohr

Trommelfell

Gehörknöchelchen

Gleichgewichtsorgan

Feinmechanik im Schädel gibt den Ton an

Das Ohr ist ein feinmechanisches Wunderwerk

der Natur. Es besteht aus drei Teilen:

• Zum Aussenohr gehören die knorpelige

Ohrmuschel und der bis zu 3,5 Zentimeter

lange S-förmige Gehörgang. In ihm sitzen

die Ohrschmalzdrüsen. Zusammen mit den

Ausscheidungen von Haarbalgdrüsen, Hautschüppchen

und eindringendem Schmutz

bilden sie den Talg, der den Gehörgang

schützt.

Ohrmuschel und Gehörgang leiten den Schall

zum Trommelfell. Es schliesst das Aussenohr

hermetisch gegen die Aussenwelt ab. Geräusche,

also der Schalldruck (siehe Kasten auf

Seite 8), versetzen das Trommelfell ähnlich

einer Mikrofonmembran in Schwingungen.

• Im Mittelohr gleich hinter dem Trommelfell

befindet sich die Paukenhöhle. In ihr nehmen

drei gelenkig miteinander verbundene

Knöchelchen die Bewegung des Trommelfells

auf. Aufgrund ihrer Form heissen sie Hammer,

Amboss und Steigbügel – es sind die

kleinsten Knochen im Körper. Die vom Schädelknochen

geschützte Paukenhöhle steht

durch einen über drei Zentimeter langen

Gang, Ohrtrompete und auch Eustachische

Röhre genannt, mit dem Nasen-Rachen-

Gehörschnecke

Lärmbelastung GESUNDHEIT

Basilarmembran

mit Haarzellen

Raum in Verbindung. Beim Schlucken öffnet

sich dieser Gang normalerweise kurz und

sorgt so für den Druckausgleich im Mittelohr.

• Im Innenohr sitzt, gleich unterhalb des

Gleichgewichtsorgans, die mit Flüssigkeit

gefüllte und mit der Basilarmembran ausgekleidete

erbsengrosse Gehörschnecke. Der

Steigbügelknochen versetzt die Flüssigkeit

in der Schnecke in Schwingungen und die

Basilarmembran analysiert diese nach hohen

und tiefen Tönen. Rund 5000 Haarzellen verwandeln

die Töne in elektrische Impulse und

leiten diese via Hörnerv ans Gehirn weiter.

Das gesunde menschliche Gehör hat einen

Frequenzumfang von 20 bis 20 000 Hertz

(20 Kilohertz), das bedeutet, es nimmt deutlich

mehr Töne wahr als eine Kirchenorgel

erzeugen kann. Als Instrument mit dem

grössten Tonumfang erzeugt sie Klänge von

16 Hertz (tief) bis über 8 Kilohertz (hoch).

Das Ohr kann zudem zwischen der Hör- und

der Schmerzschwelle über eine Million unterschiedliche

Schallpegel, sprich Lautstärken

wahrnehmen. Und es ist im Stande, ein

Klickgeräusch sofort auf drei Grad genau zu

orten. All das schafft kein noch so hoch

technisiertes Horch- oder Audiogerät.

Natürlich | 5-2006 13


Für die Psychiaterin Svetlana Vinkovic

ist das nicht überraschend. Sie weiss:

«Viele schwer betroffene Tinnitus-Patienten

verspüren so grosse Ängste und

Depressionen, dass sie sogar den Freitod

ihrem als unentrinnbare Folter empfundenen

Ohrgeräusch vorziehen.» Seit

Anfang Jahr leitet Vinkovic in Chur GR

in der psychiatrischen Klinik Waldhaus

eine Anfang Jahr neu eröffnete Abteilung,

die sich ausschliesslich um schwere

Tinnitusfälle kümmert.

Diese spezialisierte Abteilung ist in

der Schweiz noch einzigartig. Ihr Ziel:

Während eines vier bis sechs Wochen

dauernden Klinikaufenthaltes sollen Betroffene

mit Hilfe verschiedener auf die

Psyche ausgerichteter Therapieangebote

lernen, mit ihrem Tinnitus zu leben. «Für

chronische Fälle ist das die einzige

Chance», sagt Vinkovic.

Mit dem Ohrgeräusch

leben lernen

Das bestätigt auch STL-Präsident Andreas

Schapowal. «Der grossen Mehrheit der

Betroffenen kann geholfen werden», sagt

er aus Erfahrung, denn die STL berät

täglich verzweifelte Patienten. Dabei

spiele weniger der Eintritt in eine Klinik,

sondern eher die Wahl der richtigen Therapieform

die ausschlaggebende Rolle. Die

Bandbreite ist dabei fast unbegrenzt und

reicht von Psycho- und verschiedenen

Körpertherapien bis hin zu sämtlichen bekannten

Methoden der Alternativmedizin.

«Wichtig ist, dass der Patient der gewählten

Methode vertraut», sagt Schapowal.

Wer eine Therapie auswählt, muss

aber – egal, wie gross sein Leidensdruck

ist – eines wissen: Ein chronisch vorhandener

Tinnitus lässt sich nicht beseitigen,

auch wenn sich der Betroffene das

Foto: mediacolors

Lärmbelastung GESUNDHEIT

noch so sehr wünscht. Therapeuten

oder Therapieformen, die solches versprechen,

sind mit Sicherheit ein Reinfall.

Eine seriöse Tinnitus-Therapie bringt

das Ohrgeräusch nicht zum Verschwinden.

Sie hilft aber, dass das Pfeifen nicht

mehr als quälender Mittelpunkt des

Lebens empfunden wird und so seinen

Krankheitswert verliert.

Die Warnsirene der Seele

Daniel Feurer hat genau das geschafft.

«Aber dazu brauchte es eine unglaublich

harte Leidenszeit, die in der Erkenntnis

mündete, dass Stress bei mir den Tinnitus

ausgelöst hat», sagt der selbstständig

Erwerbende rückblickend. «Der schrille

Ton im Ohr war ein unüberhörbares

Warnsignal meiner Seele.» Feurer hat

sein Leben darum umgekrempelt, Stress

abgebaut, sich neue Ziele gesteckt und,

für ihn ganz wichtig, sich viel Zeit für

sich selber, für die Familie und für den

liebevollen Umgang mit andern Menschen

eingeräumt. Vorläufig noch in seiner Freizeit

steht er zudem Tinnitus-Opfern als

Stütze und Begleiter zur Seite. «Ich bin

heute wieder glücklich», sagt er. «Mein

Leben ist im Lot.» Und sein Tinnitus?

«Der ist natürlich immer noch da – aber,

so seltsam es auch klingt, als Freund.» ■

Infobox

Tinnitus: HIer gibt es Rat und Hilfe

• Schweizerische Tinnitus Liga STL,

Telefon 081 330 85 51. Sie vermittelt

Adressen von spezialisierten Ärzten und

Selbsthilfegruppen

• Tinnitus-Klinik Waldhaus, Chur,

Telefon 081 354 06 06. Patienten aus

anderen Kantonen müssen die Kostenübernahme

mit ihrer Krankenkasse abklären

Bücher zum Thema

• Biesinger: «Tinnitus: Endlich Ruhe im Ohr»,

Verlag Trias 2005,

ISBN 3-8304-3244-5, Fr. 34.90

• Hansch: «Erste Hilfe für die Psyche»,

Springer Verlag 2003,

ISBN 3-540-44300-2, Fr. 34.–

• Hallam: «Leben mit Tinnitus», Verlag Rowohlt

2003, ISBN: 3-499-61403-0, Fr. 16.50

Internet

• www.tinnitus-liga.ch

• www.tinnitusklinik.ch

• www.tinnitus-beratungen.ch

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