und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

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und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

Rüdiger Haar

Persönlichkeit

entwickeln

Beratung von jungen Menschen

in einer Identitätskrise

täglich leben


Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

V

© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

ISBN Print: 978-3-525-67005-7 — ISBN E-Book: 978-3-647-67005-8


Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

Täglich leben – Beratung und Seelsorge

In Verbindung mit der EKFuL

herausgegeben von Rüdiger Haar

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

Rüdiger Haar

Persönlichkeit entwickeln

Beratung von jungen Menschen

in einer Identitätskrise

Vandenhoeck & Ruprecht

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-525-67005-7

eISBN 978-3-647-67005-8

© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen /

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U.S.A.

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auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Unterrichtszwecke.

Printed in Germany.

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Druck und Bindung: e Hubert & Co, Göttingen

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

1. Einleitendes Fallbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

2. Probleme der spezifischen Thematik . . . . . . . . . . . . . . 13

Identitätsentwicklung als Krise und Chance . . . . . . . . 13

3. Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung . . . . . . 19

Exkurs: Gruppendynamik als Grundlage zum Verständnis

der Jugendlichengruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

3.1 Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung im

kirchlichen Rahmen: Die Konfirmandengruppe . 33

3.2 Jugendliche und Alkohol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

3.3 Jugendliche und Mobbing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Exkurs: Die Bedeutung von Gewalt in der

Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

3.4 Jugendliche und Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Exkurs: Einfluss von Medien auf die

Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

3.5 Jugendliche und Lernen – die Ergebnisse der

neurobiologischen Forschungen . . . . . . . . . . . . . . . 55

3.6 Jugendliche und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

3.7 Jugendliche und der Tod und die Bedeutung der Suizidalität

bei der Persönlichkeitsfindung . . . . . . . . . 64

Exkurs: Depression und depressive Reaktion

im Jugendalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

3.8 Die Folgen von Trennung und Scheidung der Eltern

auf die Identitätsbildung des jungen Menschen . . 77

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

6 Inhalt

3.9 Religiöse Entwicklung als Teil der

Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

Exkurs: Religion als Ressource . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89

4. Seelsorgliche Situation inklusive

theologischer Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

5. Grundlegende Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99

Exkurs: Übertragungskonzeptionen . . . . . . . . . . . . . . . 102

6. Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

7. Adressen von Hilfseinrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

8. Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

Vorwort

Wer mit Jugendlichen zu tun hat, wird viele dynamische und

teilweise auch erschütternde Bewegungen mitmachen müssen,

die ihn an den Rand der Überforderung drängen können.

Die Auseinandersetzung zwischen den Generationen macht

die Arbeit des Erwachsenen mit den Jugendlichen und eine

Verständigung schwer. Aber auch die spezifischen Probleme

und Entwicklungsaufgaben in der Jugend sind für Schwierigkeiten

verantwortlich. Es soll die Aufgabe dieses Buches sein,

darüber zu informieren und den in der Jugendarbeit Tätigen

Hilfen v.a. für das Gespräch mit einzelnen Jugendlichen zu

bieten.

Meine Erfahrungen in der Psychologischen Beratungsstelle

der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck und

des Diakonischen Werks Kassel, sowie in der Mitarbeit am

Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Kassel (DPG)

sind Grundlage für ein Buch, das Seelsorgerinnen und Seelsorgern,

Diakonen und weiteren in der Jugendarbeit tätigen

Mitarbeitern eine Hilfe für die Beratungsarbeit mit Jugendlichen

bieten soll.

Dabei wird der religiösen Entwicklung von Jugendlichen

und auch dem psychoanalytischen und theologischen Hintergrund

des Identitätsbegriffs ein besonderes Interesse gewidmet.

Die vorgestellten Techniken der Beratung sind keine

Tricks zur Manipulation von Jugendlichen, sondern Orientierung

an unterschiedlichen Formen der therapeutischen und

beraterischen Beziehungsarbeit. Sie sollen dem Aufbau einer

authentischen und dem entwicklungsgemäßen Verhalten

der Jugendlichen entsprechenden Beziehung dienen. Alle in

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

8 Vorwort

diesem Buch dargestellten Fälle haben reale Anteile und sind

doch so verändert, dass eine Identifizierung von Personen

nicht möglich ist.

Bei der Erstellung des Buches war die fachliche Diskussion

mit meiner Frau Marita Ehrenberg-Haar (analytische Kinder-

und Jugendlichenpsychotherapeutin in freier Praxis)

und meiner Tochter Kristin Susan Catalan Medina (Musikpädagogin)

hilfreich. Ich danke auch meiner Tochter Jannike

Marie Haar sowie meiner Kollegin Irmhild Ohlwein für die

Korrekturvorschläge, die den Text noch einmal lesbarer gemacht

haben.

Rüdiger Haar im Mai 2010

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1. Einleitendes Fallbeispiel

Marias Mutter kommt in die Beratung, weil ihre 16jährige

Tochter vom Tod eines Bekannten erfahren hat und dadurch

wieder an einen Unfall ihres kleinen Bruders erinnert wurde,

für den sie sich schuldig fühlt. Als Maria selbst zum Berater

kommt, berichtet sie fast erstaunt, dass sie auf der Beerdigung

des Bekannten fassungslos und ohne Unterbrechung geweint

hat, während ihre Schwester nicht so betroffen war. Sie hat sich

plötzlich an den Unfall des kleinen Bruders zurückerinnern

müssen und das hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

In der ersten Beratungsstunde mit Maria bewege ich sie

als Berater dazu, sich auf das zu besinnen, was ihr Halt und

Sicherheit vermittelt. Sie spricht von ihrer Mutter und ihrer

Freundin und auch von ihrem Glauben. Letzterer ist für Maria

allerdings in der schockierenden Situation nicht recht spürbar

gewesen, obwohl sie sich in ihm verankert fühlt und auch

durch die Mitarbeit in der kirchlichen Jugendgruppe darin bestärkt

wird. Auf die Frage, was sie sicher kann und weiß, meint

sie, dass sie die Schule nicht als guten Ort erlebt und auch die

Schulkameraden sie nicht stützen können. Wohl fühlt sie sich

dagegen in der Ausübung ihrer Hobbies. Am Schluss sagt sie,

dass sie es mit mir als Berater »versuchen« will und findet es

gut, dass nicht nur über die damaligen Dinge geredet wurde.

Sie möchte alle vierzehn Tage kommen und hält in der Folgezeit

auch alle verabredeten Termine, die an einem bestimmten

Wochentag und zu immer der gleichen Zeit stattfinden, zuverlässig

ein. Ich spreche ihre bescheidene Zurückhaltung gegenüber

den eigenen Fähigkeiten an und auch ihre Eigenschaft,

sich selbst mit verhüllender Kleidung bedeckt zu halten. Sie

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

10 Fallbeispiel

bestätigt, dass sie keinen Stolz über ihre Möglichkeiten empfindet

und sich auch leicht verunsichern lässt, wenn andere ihre

Begabungen anzweifeln. In der folgenden Stunde ist sie gelöster

und offener und kann auch über die religiöse Bedeutung von

Tod reden: Hoffnung auf ein Wiedersehen im ewigen Leben, im

Himmel, Trauer als Chance für eine schmerzvolle, aber verbindende

Wiederaufnahme der Beziehung zum Verstorbenen. Sie

möchte ihren verstorbenen Bruder auch nicht vergessen, denkt

mit dem Blick auf seinen Geburtstag an ihn. Andererseits

spricht sie darüber, dass sie für alle in der Schule immer eine

fröhliche Miene macht, auch wenn es ihr innerlich ganz anders

geht. Sie trage eine Maske, so sagt sie. Sie möchte keinem

Gleichaltrigen gestatten, in sie hineinzusehen. In der Folge der

Gespräche kann sie aber dann auch schon einmal einer Freundin

gestehen, dass es ihr nicht gut geht. In der Weihnachtszeit,

als die Beratung ruht, muss sie viel mit tränenreichen Erinnerungen

an ihren Bruder kämpfen. Ich frage sie, wie es ihrem

Bruder nach ihrer Meinung geht und ob sie die Verantwortung

für ihn auch an Gott abgeben kann. Auch ihre gelegentlichen

Suizidgedanken werden nun angesprochen und die Unfähigkeit

der Familie, miteinander über den Kummer zu sprechen. Ich

sage aus meiner Erfahrung heraus, dass viele Familien darunter

leiden, dass jedes Mitglied unterschiedlich um den Verlust

trauert. Die Beratungsstunden sind zwischendurch oberflächlich

und dann wieder offen, auch in Hinsicht auf die Sehnsucht

nach dem Tod als Erlösung von Schuldgefühlen und Belastungen.

In der nächsten Stunde beginnt sie mit der Einlassung,

dass sie gar nicht weiß, was sie sagen soll. Dann aber spricht

sie weiter über das begonnene Thema. Am Schluss der Stunde

bittet sie darum, den nächsten Termin erst in vier Monaten zu

verabreden. Sie will zunächst allein weiter machen, aber einen

Termin mitnehmen. Zu diesem kommt sie dann auch pünktlich

und eröffnet mir, dass sie die Gespräche vermisst hat, aber

dass sie trotz Problemen in der Familie und in der Schule gut

zurechtgekommen ist. Die Beratung soll nun in gelegentlichen

Terminen ihren Weg begleiten. Bald verblüfft sie mich mit einer

ungewohnten Selbstrepräsentanz mit Parfüm und weitem

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Fallbeispiel 11

Ausschnitt und ich fühle mich verunsichert, weil ich nicht

mehr weiß, ob ich Du oder Sie sagen soll.

Das Fallbeispiel zeigt einige Besonderheiten der Jugendlichenberatung

und -seelsorge auf. Die Verabredung von

regelmäßigen Terminen hängt von der grundsätzlichen Bereitschaft

ab, sich auf den Berater/die Beraterin einzulassen.

Die eigene Entscheidung ist gerade dann wichtig, wenn die

Eltern den Termin angebahnt haben. Der Jugendliche will

eigenständig sein. In diesem Zusammenhang ist schon die

Regelmäßigkeit der Kontakte ein Zugeständnis. Sie sollten auf

bestimmten Tagen liegen, damit die Erinnerung nicht schwer

fällt. Größenphantasien und Minderwertigkeitsgefühle liegen

bei Jugendlichen nahe beieinander. Das wird beim Thema

Stolz auf die eigenen Fähigkeiten deutlich. Die Beziehung

zum eigenen Körper und zu seiner Entwicklung ist von Unsicherheit

begleitet. Darum wird gerade bei Mädchen die Figur

häufig unter wallender Kleidung verborgen. Andererseits ist

es aber auch typisch für Beratungen mit ihnen, dass sie auf

ihre weibliche Figur aufmerksam machen und mit ihrer Attraktivität

spielen. Offenheit gegenüber Gleichaltrigen wird

als gefährlich angesehen. Jugendliche bemühen sich zeitweise

sehr darum »cool« zu wirken, das heißt nicht besonders empfindsam

oder leicht zu verletzen, sondern stark und gelassen

zu erscheinen. Das hängt damit zusammen, dass Gefühle als

tiefgehend und verunsichernd erlebt werden. Auch Suizidgedanken

werden als mögliche Erlösung aus Situationen von

Scham, Versagen und Schuld erlebt. Sie tragen zur Milderung

der Unerträglichkeit von Empfindungen bei und stehen in

einer Linie mit Erlösungsphantasien (plötzlich reich sein,

ein Star werden etc.). Beratungen mit Jugendlichen können

so manchmal sehr bewegend und offen sein, dann aber auch

wieder oberflächlich und von Abwehr geprägt. Auch diese

Sandwich-Situation (Einbettung des Beziehungsprozesses

zwischen Fortschritt und Widerstand) im Beratungsprozess

muss vom Berater bedacht werden.

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

2. Probleme der spezifischen Thematik

Identitätsentwicklung als Krise und Chance

Identitätsgefühle sind das Ziel gerade von Jugendlichen, aber

aufgrund ihrer entwicklungsspezifischen Unsicherheit und

Labilität besonders schwer zu erreichen. Identität ist ja die

Übereinstimmung von inneren und äußeren Ansprüchen

an die eigene Persönlichkeit. Sie gibt das Empfinden, in sich

selbst zu ruhen. Sie verleiht die Sicherheit, der zu sein, für

den einer sich selbst hält, aber auch von anderen eingeschätzt

wird. Dabei kommt es nicht nur auf die seelische Ausgeglichenheit

an, sondern auch auf das stimmige Körpergefühl

und die kognitive Einschätzung des Selbst. In Kürze hat das

Erik H. Erikson (1970) ausgedrückt: Zur Identität gehöre

»das Gefühl, Herr seines Körpers zu sein, zu wissen, dass

man ›auf einem rechten Weg‹ ist, und eine innere Gewissheit,

der Anerkennung derer, auf die es ankommt, sicher sein zu

dürfen«. Neben einem inneren Sich-Selbst-Gleichsein gehört

zur Identität auch das Gefühl einer Übereinstimmung mit der

gruppenspezifischen Eigenart der Peers, der Gleichaltrigen.

Idealerweise steht also am Ende der Adoleszenz:

− Identität des jungen Erwachsenen:

− die Sicherheit, ein sexuelles Wesen mit einem bestimmten

Geschlecht zu sein, mit der eigenen Körperlichkeit einverstanden

zu sein,

− das Bewusstsein, ein einzigartiges Wesen zu sein, das auch

außerhalb des Systems Familie leben kann,

− die Fähigkeit zur Gestaltung von stabilen Beziehungen und

die Möglichkeit, Freunde, Kollegen, Nachbarn als soziales

Netzwerk sehen zu können,

− der Beginn einer beruflichen Entwicklung und eines re-

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

14 Identitätsentwicklung als Krise und Chance

alistischen Lebensplans verbunden mit dem Gefühl von

Kontinuität und Zukunftschancen und das Empfinden,

materiell abgesichert zu sein,

− die persönliche Orientierung an Normen und Werten, der

Glaube an etwas,

− die Anerkennung dieser persönlichen Qualitäten durch die

Gesellschaft.

Jugendliche haben es mit dem angestrebten Ziel, mit sich einverstanden

zu sein, sich richtig zu fühlen, in sich zu ruhen, zu

sich stehen zu können, schwer. Sie sind der Mutter-Kind-Einheit

entflohen und haben gemerkt, dass es nicht mehr passend

ist, an der Hand der Eltern über die Straße zu gehen oder sich

überhaupt mit Eltern sehen zu lassen. Sie sehnen sich zwar

zeitweise nach einer Rückkehr in diese alte Geborgenheit

und spüren einen regressiven Sog in den Schoß der Mutter,

wenn sie sich überfordert fühlen. Aber die Notwendigkeit

zur Hinwendung an gleichaltrige Geschlechtsgenossen und

später auch an (gleich- oder) gegengeschlechtliche Partner erzwingt

die Progression. Die regressiven Sehnsüchte sind nun

von Schamgefühlen begleitet. Der Stolz zu einer Gruppe zu

gehören und dort Anerkennung zu finden, ist ein neues Ziel

der Entwicklung. So sind sie durch ihre Ambivalenz hin- und

hergerissen und fühlen sich nicht identisch mit sich, sondern

unfertig und zerrissen.

Die körperliche Reifung wird ebenfalls mit Zwiespältigkeit

erlebt: Die Veränderung der Figur wird von Mädchen

in der Vorpubertät als erschreckend, weil nicht beeinflussbar

registriert. Sie wird als »dick werden« missverstanden. Das

Wachsen der Schamhaare wird einerseits als stolze Weiterentwicklung

gefeiert und andererseits als nicht bestellte Eigendynamik

des Körpers abgelehnt. Stolz und Scham liegen

nahe beieinander. Das u.U. extreme Größenwachstum verändert

schnell das Körpergefühl. Alles fühlt sich ungelenk und

unpassend an, wie bei einer Körperschemastörung, bei der

man Körperteile als nicht zu sich passend erlebt. Mit der seelischen

Identitätskrise geht also eine körperliche einher. Die

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Identitätsentwicklung als Krise und Chance 15

Perspektiven verändern sich und sind an der Reaktion der

Erwachsenen ablesbar: Der Jugendliche kann den Eltern auf

gleicher Höhe begegnen und wird von anderen Erwachsenen

wie ein »Großer« angesprochen. Innerhalb kurzer Zeit wird

er nicht mehr als Kind gesehen, sondern als verantwortlicher

Heranwachsender. Die sichtbaren körperlichen Veränderungen

haben also einen Signalwert für die Jugendlichen selbst

und ihre Eltern sowie für die Gleichaltrigen. Sie führen zu

bestimmten Erwartungen. Die Mutter-Tochter-Beziehung

kann sich dadurch verändern. Es kommt u.U. zu vermehrten

Konflikten und zur Abnahme von Nähe zwischen Tochter

und Eltern. Bei den früh pubertierenden Jungen dagegen sind

die Beziehungen zu den Eltern und zu den Peers im Allgemeinen

positiv (Flammer 2002, 83). Das hat damit zu tun, dass

es den Jungen Anerkennung einbringt, wenn sie groß und

kräftig sind, männlich wirken, sportlich sind und stolz über

ihr Aussehen, während pubertierende Mädchen unter ihrer

Gewichtszunahme leiden, weil diese dem Schlankheitsideal

unserer Gesellschaft zuwiderläuft.

Die körperliche Entwicklung und das Erleben von Unfertigkeit

führen auch dazu, sich mit den Augen Anderer zu sehen.

Durch die Verinnerlichung des Blicks des Anderen bildet

sich Scham (Seidler 2001). Sie zieht die Angst vor der Verachtung

nach sich. Die narzisstischen Größenvorstellungen sind

eine Gegenbewegung und eine Abwehr der Angst.

Diese besonderen Folgen des frühen Pubertätseintritts

führen zur Forderung von Fachleuten, angemessene Information

zu vermitteln:

1. Jugendliche brauchen eine Aufklärung über die individuellen

Unterschiede des Zeitpunkts und des Tempos der

körperlichen Reife.

2. Sie brauchen Informationen zur Normativität der Gewichtszunahme

und der Gefahr von strengen Diäten.

3. Sie sollten eine begleitende Beratung zu den Schwierigkeiten

im Erleben von früher oder später pubertärer Reifung

bekommen.

4. Sie sollten auch auf die Gefahr angesprochen werden, dass

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16 Identitätsentwicklung als Krise und Chance

sie durch unerwünschtes Erwachsenenverhalten den abweichenden

Pubertätsstatus kompensieren wollen.

5. Früh reifende Mädchen sollten über die Wirkung der

plötzlichen Attraktivität auf ältere Jugendliche hingewiesen

werden.

6. Eltern und Lehrpersonen sollten auf die Wichtigkeit eines

verständnisvollen und unterstützenden sozialen Umfelds

hingewiesen werden.

(vgl. Flammer 2002, 91).

Dabei ist zu bedenken, dass der Eintritt der Pubertät im Laufe

des 20. Jahrhunderts deutlich früher eingetreten ist. In Europa

und den USA ist der Zeitpunkt der Menarche (erste Periodenblutung)

innerhalb der letzten 120 Jahre stetig gesunken etwa

vom 17. bis zum 13. Lebensjahr (durchschnittlich trat die

Menarche von Generation zu Generation je etwa 10 Monate

früher ein) (Flammer 2002, 76). Dies wird auf verbesserte

Aufwachs- und Lebensbedingungen v.a. eine vielfältigere und

reichhaltigere Ernährung, aber auch auf medizinische und

hygienische Fortschritte zurückgeführt. Diese reifungsbeschleunigenden

Faktoren sind aber heute weitgehend ausgeschöpft

(ebenda).

Ihre soziale Situation in Schule und Gesellschaft gibt den

Heranwachsenden auch keine eindeutige Stütze bei der Entwicklung

eines Identität-Empfindens: sie können zwar einen

Jahrgang in der Schule abschließen und ein Zeugnis dafür bekommen,

aber die gefühlte Zeit bis zum Abschluss der Schule

ist weit und sie fühlen sich auch mit den Zwischenergebnissen

nicht als fortgeschritten, weil sie von Lehrern und Eltern

weiter angetrieben werden. Selbst bei hochwertigen Hobbies

ist die Anerkennung nur eine passagere. Wenn sie beim Sport

einen Preis gewinnen, ist dies ein für die bestimmte Altersklasse

beschränkter. Wenn sie ein Vorspiel als Musiker haben,

werden sie gemeinsam mit solchen vorgestellt, die gerade

einmal gelernt haben, das Instrument richtig zu halten. Wenn

sie in einer Band spielen, gibt es nur im schulischen Rahmen

oder in bestimmten Jugendwettbewerben die Möglichkeit

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Identitätsentwicklung als Krise und Chance 17

aufzutreten, nicht aber auf dem offenen Markt. Sie werden

gefordert und gefördert, aber das verstärkt nur das Gefühl,

noch nicht richtig mitreden und –handeln zu können. In allem

ist die Botschaft der Gesellschaft: Ihr seid auf dem Weg,

aber ihr seid noch nicht fertig. Ein Identitätsgefühl kann das

nicht hervorrufen. So ist der Jugendliche, der sich aus den in

der Kindheit gesammelten Ich-Werten eine Ich-Identität zu

erwerben versucht, von der Gefahr der Ich-Diffusion bedroht

(Erikson 1970, 109f).

Dabei übernimmt der Jugendliche mit diesem eigentlich

unsicheren Tasten nach einer Identität eine wichtige gesellschaftliche

Funktion: Im Rahmen seiner Auseinandersetzung

mit Werten und Traditionen schafft er sich mit Scharfsichtigkeit

und Unbestechlichkeit ein eigenes Bild von der Welt

und dem, was sich in ihr verändern müsste. Sein persönliches

Gewissen bildet sich aus und wandelt sich durch die Überprüfung

und Wandlung der von den Eltern übernommenen

Normen. Der junge Mensch entdeckt dabei u.U. den Abgrund

zwischen den moralischen Forderungen und dem tatsächlichen

Verhalten des Erwachsenen. Er hält ihnen und der

Gesellschaft einen Spiegel vor. Diese reagiert entsprechend

verunsichert und abweisend. Der Theologe Melanchthon,

Mitstreiter Martin Luthers, hat gesagt: »der grenzenlose

Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, dass der Weltuntergang

nahe bevorsteht.« und er befindet sich in guter Gesellschaft

mit dem alten Philosophen Sokrates, der vor noch mehr Jahrhunderten

sagte: »Noch jede Generation hat ihre verdorbene

Jugend gehabt.« (zit. nach A. Sänger).

In diesen Zitaten wird etwas von der Auseinandersetzung

der Jugend mit der Gesellschaft deutlich. Erikson hat dazu gesagt:

»der Jugendliche (muss) viele Kämpfe der Kindheit noch

einmal durchkämpfen, selbst dann, wenn er zu diesem Zweck

absolut wohlwollende Menschen zu Feinden stempeln muß«

(Erikson 1970). So kann man den manchmal von Jugendlichen

geäußerten Protest gegen das »Ich verstehe dich ja« von

Erwachsenen nachvollziehen: »Ich will gar nicht verstanden

werden.«

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3. Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung

Die Jugendzeit ist eine Zeit höchst unterschiedlicher und

zwiespältiger Empfindungen, wie es Anna Freud (1936) beschrieben

hat:

Der Jugendliche ist gleichzeitig in stärkstem Maße egoistisch, betrachtet

sich selbst als den Mittelpunkt der Welt, auf den das ganze eigene

Interesse konzentriert ist, und ist doch, wie nie mehr im späteren

Leben, opferfähig und zur Hingabe bereit. Er formt die leidenschaftlichsten

Liebesbeziehungen, bricht sie aber ebenso unvermittelt ab,

wie er sie begonnen hat. Er wechselt zwischen begeistertem Anschluss

an die Gemeinschaft und unüberwindlichem Hang nach Einsamkeit;

zwischen blinder Unterwerfung unter einen selbstgewählten Führer

und trotziger Auflehnung gegen alle und jede Autorität. Er ist eigennützig

und materiell gesinnt, dabei gleichzeitig von hohem Idealismus

erfüllt. Er ist asketisch mit plötzlichen Durchbrüchen in primitivste

Triebbefriedigung. Er benimmt sich zuzeiten grob und rücksichtslos

gegen seine Nächsten und ist dabei selbst für Kränkungen aufs äußerste

empfindlich. Seine Stimmung schwankt von leichtsinnigstem

Optimismus zum tiefsten Weltschmerz, seine Einstellung zur Arbeit

zwischen unermüdlichem Enthusiasmus und dumpfer Trägheit und

Interesselosigkeit.

Für den Jugendlichen sind diese Empfindungen und Einstellungen

Kennzeichen des Weges weg von der Kindheit und hin

zum Erwachsenenalter. Dieser Weg führt auch weg von den

alten Lösungen in der Beziehung zu den Eltern, die bisher idealisiert

wurden als große Helfer und als Garanten von Schutz

und Sicherheit. Wenn er an dem inneren Bild von der Beziehung

zu seinen Eltern festhält, muss er die Kränkung durch

die Realität verarbeiten. Bindungswünsche an andere werden

dann zu einer Gefahr: Wenn eine idealisierte Beziehung in der

Phantasie weiterbesteht und Sehnsucht und Verschmelzungs-

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Rüdiger Haar, Persönlichkeit entwickeln

20 Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung

phantasien aufrechterhält, werden mögliche Beziehungen zu

anderen Menschen zu einer Gefahr von totaler Auslieferung

und Ich-Entgrenzung. Misstrauen und Angst führen zu Aggression

oder weitgehendem Rückzug (vgl. J. Zauner, 1975).

Die Sehnsucht nach einem Rezept für das Leben, nach einer

rettenden Autorität und einer Geborgenheit schenkenden

neuen Familie ist allerdings bei vielen Jugendlichen geblieben.

Sie bleiben in ihrer »normativen Krise« empfänglich für

Versprechungen, für hochfliegende Pläne und Ideale, für den

Überschwang von Gefühlen und für die Extreme in der Ausgestaltung

ihres Lebens.

Peter Blos ( 5 1992, vgl. auch I. Seiffge-Krenke 1986) hat

schon 1962 grundlegend die psychologischen Hintergründe

eines Entwicklungsalters zwischen Kindheit und Erwachsenenalter

beschrieben, das von der körperlichen Reifung her

Pubertät genannt wird. Während die Pubertät die physiologischen

Fortschritte, wie z.B. die geschlechtliche Reifung und

die entsprechenden Auswirkungen auf den Körper betrifft,

hat Blos den Begriff der Adoleszenz für die psychologischen

Aspekte gebraucht. Blos führt fünf Phasen der Adoleszenz

auf: Präadoleszenz, Frühadoleszenz, Eigentliche Adoleszenz,

Spätadoleszenz, Postadoleszenz.

Blos widmet der Latenzperiode als einer vorbereitenden

Phase besondere Aufmerksamkeit. Er zitiert Anna Freud

(1936): »Die vollkommene Abhängigkeit von den Eltern hört

auf und Identifizierung tritt an die Stelle der Objektliebe.« Mit

Objektliebe meint sie die Bindung an die verinnerlichten Elternbilder.

Identifizierung dagegen bedeutet Lernen und zwar

formelles und gesellschaftliches, denn noch mehr als im Kindergarten

zieht in der Schule das Gruppenleben die Aufmerksamkeit

des Kindes auf sich. Zwar bleibt die Konzentration

auf die Familie noch bestehen, aber Sozialbewusstsein trägt

das Kind doch über den Familienkreis hinaus. Das Latenzkind

erwirbt Kräfte und Fähigkeiten, um seine Triebimpulse

zu beherrschen und die Realität zu berücksichtigen. Die Lernerfolge

verhindern, dass es von der Pubertät »umgeworfen«

wird, wie Blos sagt (S. 17). Grundlegende Veränderung im

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Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung 21

Leben des Latenzkindes ist die Hinwendung von der Familie

zur Gruppe als ein Vorschritt seiner Zuwendung zur Gesellschaft.

Eltern merken das schon beim Grundschulkind, das

leistungsmotiviert (auch durch die Normen und Ideale der

Eltern unterstützt) in die Schule wandert und niedergeschlagen

zurückkehrt, weil die Clique von Gleichaltrigen sich

zusammengetan hat und eine Schwäche spöttisch in einen gemeinsamen

Ruf umgewandelt hat: »Streber« schallt es da oder

»Lahmarsch« oder ähnliches. Es kann auch sein, dass dieselbe

Gruppe, in der sich das Kind eben noch angenommen fühlte,

plötzlich einen Ausschluss vornimmt, der das betroffene Kind

mit Ängsten vor dem Verlassensein, mit Schamgefühlen und

Selbstzweifeln ausstattet. So viel Macht hat von nun an die

Gruppe der Gleichaltrigen, auch Peers genannt.

1. In der Präadoleszenz (etwa 10. bis 12. Lebensjahr) bewirkt

die hormonelle Umstellung eine wahllose Besetzung aller

Befriedigungsarten, die dem Kind in seinen früheren Lebensjahren

gedient haben. Fast alle Erlebnisse (wie Aggression,

Angst, motorische Betätigungen) können sexuell stimulierend

wirken. In den Äußerungen der Kinder dieser Entwicklungsphase

allerdings sind schmutzige Worte, anale Witze

und Geräusche und die Neigung zu Unsauberkeit auffällig.

Beispiel: Der elfjährige Daniel wird wegen eines plötzlichen

Leistungsabfalls in der Beratungsstelle vorgestellt. Dabei wird

auch bekannt, dass er nach der Trennung der Eltern im Alter

von 7 Jahren sich nur wenig vom leiblichen Vater unterstützt

fühlt und sich eher dem Stiefvater hingezogen fühlt, dem er

gleichwohl nicht voll vertraut und dem er manchmal auch seine

Eifersucht zeigt. Er erzählt seinen Eltern nicht mehr alles. Er

bemüht sich, bei den Peers und auch bei größeren Jugendlichen

zu renommieren. Er trägt Markenkleidung und eine schicke

Gelfrisur. Er tut cool, als er Kontakt zum Berater bekommt.

Unter den Gleichaltrigen kommt er manchmal an, manchmal

aber wird er erpresst, Geld für die anderen zu besorgen. Dabei

gibt es auch schon mal Prügel. Er zieht sich dann zeitweise

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22 Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung

zurück, verrät aber die anderen nicht, vertraut sich auch dem

Berater nicht voll an. Er will dort auf der Bühne des Skaterplatzes

bestehen, wo die etwas älteren Jugendlichen Bier trinken

und kiffen und traut keinem Erwachsenen zu, seine Probleme

mit ihm lösen zu können. In der Untersuchung zeigt er seine

Zerrissenheit zwischen dem Versuch, dem Berater kindlich zu

gefallen durch Fleiß und Freundlichkeit einerseits und seine pubertär

wirkenden Ansprüche auf Anerkennung seiner Coolness

und Eigenständigkeit andererseits.

Bei diesem Jungen in der Präadoloszenz wird die Wirkung der

Gleichaltrigen-Gruppe (Peer-Group) auf den Zusammenhalt

mit der Familie, das Vertrauen gegenüber der Erwachsenenwelt

und die Bewältigung von Verlassenheitsängsten deutlich.

Daniel ist hin und her gerissen. Die psychoanalytische Theorie

der Adoleszenz versucht deutlich zu machen, was in ihm

geschehen ist: Das infantile Ich des Jugendlichen wird schon

erschüttert durch die körperliche Reifung und den damit verbundenen

Triebschub. Die körperlichen Veränderungen (vor

allem auch im genitalen Bereich) müssen in ein neues Körperbild

integriert werden. Zunächst kommt es noch zu einem

Wiederaufleben inniger Beziehungen zu den Eltern als Versuch,

mit alten Mitteln eine neue Realität zu bewältigen. Aber

dies ist nun der Beginn einer Auseinandersetzung mit den

inneren Beziehungsbildern. Die enge kindliche Verbindung

zu den Eltern und besonders zum gegengeschlechtlichen Elternteil

muss gelockert werden. Damit werden auch die Identifizierungen

mit den Eltern einer Überprüfung unterzogen

und relativiert – mit Folgen für die Normen und Werte des

Kindes. Sowohl äußerlich als auch innerlich geschieht also

eine revolutionäre Umformung. In diesem Prozess spielt die

Peer-Group eine herausragende Rolle, denn sie bietet neue

Beziehungen, neue Normen und somit Identifizierungsmöglichkeiten

außerhalb der Familie und vermittelt einen Halt im

Loslösungsprozess von den Eltern. Die Neuorientierung erlaubt

dem Adoleszenten, Fähigkeiten und Interessen (Skaten

etc.) zu entwickeln, die ihm in der Peer-Group Zustimmung

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Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung 23

und Prestige verschaffen. Es findet hier auch eine Entlastung

für Schuld- und Insuffizienzgefühle statt, weil es zu einer Sozialisierung

der Schuld kommt. Das Kind wälzt die Schuld auf

die Gruppe bzw. auf deren Führer als Anstifter von Vergehen

ab. Dieses Phänomen der geteilten oder projizierten Schuldgefühle

ist in diesem Stadium einer der Gründe für die wachsende

Bedeutung der Gruppen- oder Bandenzugehörigkeit

(Blos, 74). Die Vorziehung der gleichgeschlechtlichen Peer-

Group ermöglicht den Jungen, die Angst vor dem Versagen

zu bewältigen, denn die Jungengruppe wirkt stabilisierend für

ihre Identität. Den Mädchen erlaubt sie, aktiv zu werden, statt

passiv zu verharren. Sie zeigen häufig ein intensives Agieren

und jungenhaftes Verhalten.

2. in der Frühadoleszenz (etwa 13 bis 14 Jahre) beginnt eine

Abwendung von den frühen Bindungen und die Hinwendung

zu attraktiven Beziehungsobjekten außerhalb der Familie.

Zunächst werden die Beziehungspartner noch nach einem

narzisstischen Schema ausgesucht, die Freundschaft mit

Gleichaltrigen wird bevorzugt. Beziehungen in diesem Alter

sind latent oder manifest homosexuell: Der Freund übernimmt

Teile des Ich-Ideals. So kann die Wahrnehmung einer

Diskrepanz zwischen Ich-Ideal und Selbsterleben und eine

folgende Kränkung und Minderung der Selbstwertschätzung

vermieden werden. Diese besonderen und häufig emotional

hoch besetzten Freundschaften enden deshalb auch aufgrund

unvermeidlicher Frustrationen, in denen der Freund auf gewöhnliche

Proportionen schrumpft (in der Literatur Thomas

Mann: »Tonio Kröger« oder Herrmann Hesse: »Demian«). Bei

den frühadoleszenten Mädchen werden Schwärmereien, idealisierte

und erotische Beziehungen festgestellt, die sich aber

eher auf ältere Männer und Frauen beziehen. Auch hier sind

narzisstische Züge der Objektwahl ausschlaggebend. Die angeschwärmten

Objekte zeichnen sich durch Ähnlichkeit oder

auffallende Unähnlichkeit mit den Eltern aus. In der Frühadoleszenz

werden die Eltern einer vermehrten Überprüfung

unterzogen. Eine äußere und innere Loslösung setzt ein. Ein

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24 Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung

Wechsel von Hinwendung an die primären Bezugspersonen

und einer abrupten Ablehnung kommt vor. Die innerpsychische

Lösung von elterlichen Werten und Idealen labilisiert

das Ich, das nun ohne die Direktiven des Gewissens ist. Das

Idealisieren oder Schwärmen für den gleichgeschlechtlichen

Freund zeigt die alternative Identifizierung in Form von homoerotischen

Beziehungen (93). Die von Blos beobachtete

zarte Zuwendung und Unterwerfungsbereitschaft des Jungen

zu seinem Vater stellt eine Konfliktsituation für ihn dar. Dieser

Konflikt kann nur gelöst werden entweder in totaler Opposition

oder in zielgehemmter Befriedigung gemeinsamer

Interessen und echter Kameradschaft (Blos, 98). Leuzinger-

Bohleber (1986, 88) meint, dass auch diese Prozesse eine psychodynamische

Quelle für eine Unterwerfungsbereitschaft

unter »neue Führer« oder die Peer-Group bilden.

3. In der eigentlichen oder mittleren Adoleszenz (etwa 15 bis 17

Jahre) wird die bisexuelle Einstellung in der Regel zugunsten

der Hinwendung zu heterosexuellen Liebesobjekten aufgegeben.

Dies geht nicht ohne Probleme, da die Beziehung zu heterosexuellen

Objekten Konfliktängste hervorrufen kann.

So führt die Abnahme der Bedeutung der Eltern zunächst

dazu, dass das eigene Selbst narzisstisch überhöht wird. Die

Folge sind eine Überschätzung des Ichs, eine Minderung der

Realitätsprüfung, Empfindlichkeit und Selbstbezogenheit,

überscharfe Wahrnehmung. Diese Selbstüberschätzung und

mit ihr eine verstärkte autoerotische Betätigung lassen nach,

wenn der Jugendliche die Beziehung zum anderen Geschlecht

als neuem Liebesobjekt wagt. In der eigentlichen Adoleszenz

erfolgt eine Hinwendung zu heterosexuellen Beziehungsobjekten.

Es kommt zur Erprobung neuer Rollen und zur

Entwicklung neuer Selbstbilder und Objektbeziehungen.

Die Identitätsfrage als die hauptsächliche und teilweise quälende

Frage der Adoleszenz kommt in den Vordergrund. Die

Peer-Group als Alternative zum Elternhaus wird zunehmend

vorgezogen und ermöglicht durch neue Identifizierungen,

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Besonderheiten der jugendlichen Entwicklung 25

sich von der Primärfamilie wegzubewegen. Dadurch ist auch

der Blick auf gesellschaftliche Zustände hellsichtig, aber auch

holzschnittartig (ebenda).

4. In der Spätadoleszenz (etwa 18 bis 20 Jahre) kommt es zu einer

Konsolidierung im Sinne von zunehmender Sicherheit im

Umgang mit den persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften

und zu einer einheitlichen Identität, verbunden mit einer

stabilen Selbstdarstellung. In dieser Phase wird eine konstante

Festlegung auf Beziehungspartner und eine sichere sexuelle

Einstellung (vorzugsweise mit dem Interesse an genitaler

Befriedigung) erreicht. Bei relativer Reife kann es noch zu

Krisensituationen kommen, wenn die Integrationsfähigkeit

des Ichs versagt. Narzisstische Tendenzen werden aufgegeben,

eine prosoziale Einstellung zu Gleichaltrigen und auch

zu den Erwachsenen bildet sich. Die sexuelle Identität nimmt

endgültige Form an. Die eigene Struktur wird akzeptiert, es

kommt zu einem Gefühl der Identität. In der Spätadoleszenz

werden schulische Fortschritte wieder mit Blick auf die Zukunft

wertgeschätzt und entsprechende Erfolge festigen den

psychischen Haushalt. Auch die Sicherheit in neuen Beziehungen

trägt dazu bei, dass diese Periode eine Phase der Konsolidierung

darstellt. Wie dieser Fortschritt in der Persönlichkeitsentwicklung

im Einzelnen gelingt, bleibt oft im Dunkeln.

Sowohl das Ziel als auch die gesellschaftliche Erwartung ist es,

dass nach vielen Experimenten nun identifikatorische Festlegungen

erfolgen: Berufswahl, Partnerschaft, politische und

religiöse Einstellungen werden festgelegt. Die Identität wird

erfahrbar. Der eingeschlagene Weg ist nicht ohne Zweifel und

Schmerzen und es kommt vor, dass durch konflikthafte institutionelle

oder gesellschaftliche Erfahrungen ein neuerlicher

Regressionsprozess in Gang gesetzt wird, der zur Spaltung in

Gut und Böse, Schwarz und Weiß, von Omnipotenz und archaischer

Wut führt (vgl. Leuzinger-Bohleber 1986, 90).

5. Die Postadoleszenz (21 bis 25 Jahre) stellt eine Übergangsperiode

zwischen der Adoleszenz und dem Erwachsensein

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Eine der großen Aufgaben des Jugend- und frühen

Erwachsenenalters ist die Entwicklung der eigenen

Identität. Es gilt, die inneren und äußeren Ansprüche

an die eigene Persönlichkeit in Einklang zu bringen,

damit das Empfinden entsteht, in sich selbst zu

ruhen. Dabei kommt es nicht nur auf die seelische

Ausgeglichenheit an, sondern auch auf ein stimmiges

Körpergefühl und die kognitive Einschätzung des

Selbst. Neben einem inneren Sich-Selbst-Gleichsein

gehört zur Identität also auch das Gefühl einer Übereinstimmung

mit der gruppenspezifischen Eigenart

der Gleichaltrigen.

Rüdiger Haar gibt einen Einblick in die Praxis eines

Jugendlichenpsychotherapeuten. Die psychologischen

Methoden finden dabei genauso Berücksichtigung wie

theologisch-seelsorgliche Überlegungen zum Identitätsbegriff

und seiner Problematik.

Der Autor

Rüdiger Haar ist Pfarrer i. R., Pastoralpsychologe

(dgfp, dagg, ekful) und analytischer Kinder- und

Jugendlichenpsychotherapeut (vakjp).

9

ISBN 978-3-525-67005-7

www.v-r.de

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