Hände reichen über Grenzen - Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer ...

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Hände reichen über Grenzen - Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer ...

DIE BRÜCKE

TÄUFERISCH-MENNONITISCHE GEMEINDEZEITSCHRIFT · NR. 4/2012

Juli / August Jahrgang 2012 5 Euro

MERK 2012

Hände reichen über Grenzen


2

inhalt

Thema

3 Auf ein Wort

Benji Wiebe

4 Hände reichen, weil Gott uns Weite schenkt

Lukas Amstutz

7 Nicht nur Gleichgesinnten Hände reichen

Jonas Widmer

8 BeMERKenswertes

Anita Hein-Horsch

9 Meine neunte MERK

Ruthild Foth

10 Weil Jesus allen eine Chance gibt

Jeanet van Woerden

14 Gemeinschaft und Identität

Jonas Widmer

15 Schnitzeljagd zum Täuferversteck

Isabell Mans

16 Brich auf mit Gottes Segen

Ruth Raab-Zerger

19 Sichtbare Zeichen gegen Ausgrenzung

Markus Rediger

20 Die Welt zu Gast in der Schweiz

Byron Rempel-Burkholder

Umschau

25 Mennonitisch-adventistischer Dialog

MWK-Meldung

27 Nicht nur Wellness-Ökumene

Ernst Christian Driedger

28 Einen anderen Grund kann niemand legen

Christoph Wiebe

32 Neue Impulse durch alte Geschichten

Sibylla Hege-Bettac

34 Einsatz in Moldawien

FSJ Kaiserslautern

Rubriken

24 Lyrik

38 Personen

42 Termine

47 Leserecho

48 Friedensfoto

DIE BRÜCKE 5/2012 erscheint Anfang

September 2012, mit dem Thema

„Hiob - Leiderfahrungen“

Redaktionsschluss ist der 01.08.2012

DIE BRÜCKE

TÄUFERISCH-MENNONITISCHE GEMEINDEZEITSCHRIFT

Gegründet 1986

1974 bis 1985 »Mennonitische Blätter«

und »Gemeinde Unterwegs«

bis 1973 »Der Mennonit«

Herausgeberin:

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Mennonitischer Gemeinden

in Deutschland K.d.ö.R. (AMG)

Vorsitzender: Frieder Boller

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© AMG 2012, Nachdruck nur mit

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BRÜCKE-Team: J. Jakob Fehr, Volker

Haury, Anita Hein-Horsch, Heiko Prasse,

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Korrektorat:

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Redaktions- und Anzeigenschluss

der nächsten Ausgabe: 1.08.2012

Erscheint Anfang September 2012

Die Redaktion behält sich vor, Beiträge

zu redigieren und gegebenenfalls zu

kürzen.

Lyrik-Seite: Oskar Wedel

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Benji Wiebe, www.mennox.de

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DIE BRÜCKE 4 / 2012


editorial | auf ein wort

3

Liebe Leserinnen und Leser,

Im Mai fand in der Schweiz die Mennonitische Europäische

Regionalkonferenz MERK 2012 zum Thema „Hände

reichen über Grenzen“ statt, das zugleich Titelthema

dieser Ausgabe ist. Bei der MERK wurden hoffnungsvolle

Zeichen gesetzt gegen Aus- und Abgrenzung, im Sinn und

nach dem Vorbild von Jesus Christus. Über 800 Dauerteilnehmende

aus 35 Ländern waren dabei.

In Referaten, Workshops, Gottesdiensten, bei Diskussion,

Gebet und Gesang kamen sich Menschen verschiedener

Herkunft näher und reichten einander die Hand. Es blieb

auch Zeit für Ausflüge in die Region und Ausstellungen zur

Täufergeschichte. Auch an die Kinder und Jugendlichen

war gedacht und die Jugendwerke hatten ein spezielles

Programm vorbereitet.

Einige Eindrücke der MERK finden sich in dieser Ausgabe,

darunter drei der Referate aus den Plenumsveranstaltungen.

Je eines vom Anfang, aus der Mitte und vom Ende

der Tagung, aber auch einzelne Teilnehmende kommen zu

Wort. Rund um die MERK fanden noch weitere internationale

Begegnungen auf Weltkonferenz-Ebene statt, auch

dazu gibt es einiges zu lesen.

Ich wünsche gute Gedanken, Gesprächsanregungen

und Impulse beim Lesen der neuen BRÜCKE

Benji Wiebe

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und

Fremdlinge, sondern Mitbürger der

Heiligen und Gottes Hausgenossen“

(Epheser 2,19)

Wir leben alle unter Gottes Dach. Im Epheserbrief

steht dieser mutmachende Vers. Und

einige Verse zuvor steht, warum wir bei Gott

nicht mehr Gäste und Fremdlinge sind. Dort heißt es:

„Christus ist unser Friede. Er riss die trennende Wand

der Feindschaft nieder. Durch das Versöhnungshandeln

Christi wurden trennende Mauern zwischen Menschen

mit verschiedenen Prägungen und verschiedener Herkunft

niedergerissen. Jesus hat Grenzen überwunden und ruft

uns auf, es ihm gleich zu tun, und einander über Grenzen

hinweg die Hände zu reichen.

Von Christus lernen wir, dass Frieden dort beginnt, wo

überwunden wird, was uns von anderen trennt. Selbst

innerhalb der mennonitischen Geschwisterschaft gibt es

große Unterschiede, unterschiedliche Sichtweisen, Sprachen

und Stilformen.

Die MERK war eine gute Gelegenheit, einander zu begegnen

und sich in aller Verschiedenheit auf das Gemeinsame

zu besinnen und Mauern zu überwinden. Mauern zwischen

Generationen, die Mauern zwischen Nord und Süd. In

unsere oft vermauerte Lebenswirklichkeit hinein spricht

der Epheserbrief seine befreiende Botschaft: „Christus ist

unser Friede“. Er hat die Mauern der Feindschaft niedergerissen.

Er hat sich jenen zugewandt, die hinter Mauern

der Ablehnung leben mussten, den Ausgegrenzten und

Geringgeschätzten. Zu ihnen ist er gegangen. Hat mit ihnen

gegessen. Ihnen nahm er den Schmerz der Isolation. Sie

befreite er zur Freude. Er sprengte die Mauern, die sie von

anderen trennten.

Wo es uns gelingt, die Mauern zu überwinden, die uns

von anderen trennen, wirkt das Versöhnungshandeln Christi

weiter in die Welt hinaus. Der durch Christus erworbene

Friede will die ganze Welt erfassen.

Wir sind aufgerufen, ernst zu machen mit der Botschaft

von dem Christus, der als Friedensstifter aus Gästen und

Fremdlingen Mitbürger und Hausgenossen gemacht hat.

Benji Wiebe

DIE BRÜCKE 4 / 2012


4

hände reichen über grenzen

Hände reichen, weil Gott

uns Weite schenkt

Lukas Amstutz hielt die Predigt beim MERK-Eröffnungs-Gottesdienst am Donnerstagabend

Lukas

Amstutz führte in

das Tagungsmotto

ein

Hände reichen über Grenzen

– viele von uns haben dies

in den letzten Stunden bereits

eifrig geübt. Denn neben alten

Bekannten wollen an einer solchen

Großveranstaltung wie der MERK

auch neue Gesichter begrüßt werden.

Zigmal wurden hier und heute

Hände ausgestreckt, gedrückt und

geschüttelt. Zugegeben: Das ist nicht

besonders originell. Ja, in unseren

Breitengraden gehört sich das so.

Allgemeine Nettigkeit.

Aber selbstverständlich ist es deswegen

noch lange nicht. Eine fremde

Hand zu ergreifen, ist und bleibt

eine Art von „Grenzüberschreitung“.

Niemand zeigt dies so deutlich wie

kleine Kinder, die sich hartnäckig

einem Handschlag verweigern. Für

die Eltern zuweilen eine erzieherische

Herausforderung, die oft im gequälten

Lächeln endet, weil der Nachwuchs

erst nach mehrmaliger Aufforderung

und dann auch noch mit der

„falschen“ Hand der gesellschaftlich

geforderten Höflichkeit nachkommt .

Dabei lehrt uns die Kulturgeschichte,

dass wir uns mit der Hand begrüßen,

weil man früher so seine friedlichen

Absichten bezeugte. Anstatt

mit der rechten Hand ans Schwert

zu fassen, winkte

man und ergriff

die ausgestreckte

Hand des Gegenübers.

Dass Kinder

von sich aus

offensichtlich keine

Notwendigkeit

sehen, Erwachsene in diesem Sinne zu

„entwaffnen“, ist demnach eigentlich

eine gute Nachricht...

Wenn das gegenseitige Händereichen

ursprünglich tatsächlich zum

friedlichen Miteinander beitrug, erklärt

sich die Wahl des Tagungsthemas

quasi von selbst. Denn die „Jagd

nach dem Frieden“ (Hebr 12,14) ist

seit jeher ein mennonitisches Kernanliegen.

Zu einer „Historischen

Friedenskirche“ gehören Hände, die

über Grenzen gereicht werden – bis

hin zum Feind.

Es ist denn auch kein Zufall, dass

ein Bild von ausgestreckten Händen

zu den bekanntesten täuferischen

Illustrationen zählt. Sie stammt aus

dem Märtyerspiegel und erzählt die

Geschichte des zum Tode verurteilten

Täufers Dirk Willems im 16. Jahrhundert.

Auf seiner Flucht rettete er

einen Verfolger, der durch das Eis

eines Weihers gebrochen war. Trotzdem

wurde er festgenommen und

schließlich gestern vor 443 Jahren

auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Eine zumindest unter Mennoniten

bestens bekannte Geschichte. Seit

über 400 Jahren wird sie weitererzählt

und ich wage zu behaupten: So sehen

wir uns gerne. Konsequent und glaubwürdig.

Gelebte Feindesliebe in den

Fußspuren Jesu. Friedenskirchliche

Musterschüler.

Über den Frieden reden,

ist auch bei uns oft

einfacher als

Frieden leben

Noch einmal: So sehen wir uns gerne.

Die Frage aber sei erlaubt: Sind

wir das denn auch? Meine Antwort

ist vielleicht gut schweizerisch diplomatisch

: Ja und Nein. Ja – nach wie

vor ist die Praxis der ausgestreckten

Hände in unseren Kreisen verbreitet.

Und ich bin sicher, dass wir nicht

zuletzt in den

kommenden Tagen

eindrückliche

Geschichten dazu

hören werden.

Daneben meine

ich aber auch unter

uns Mennoniten

hier in Europa – und vielleicht

speziell hier in der Schweiz – eine

gewisse Müdigkeit, Lethargie oder

gar Resignation wahrzunehmen. Wir

wissen, ahnen oder spüren, dass wir

in der Praxis hinter manchem zurückbleiben,

was wir in unserer Geschichte

und Theologie als wichtig

und richtig erkannt haben. Auch und

vielleicht gerade im Blick auf unser

Friedenszeugnis. Über den Frieden

reden, ist auch bei uns oft einfacher

als Frieden leben. Scheitern, mangelnde

Ressourcen, fehlende Kreativität

oder schlicht eine gewisse Trägheit,

sorgen zuweilen für erschlaffte Hände.

Man ist froh, wenn sie noch für den

Eigenbedarf zu gebrauchen sind.

Hände reichen über Grenzen“ –

seien wir ehrlich: das kommt doch oft

dem Gang auf dem Wasser gleich. Da

droht das Ertrinken in all den Herausforderungen

und Enttäuschungen.

Wie einst Petrus, bleibt dann auch uns

nur der Schrei: „Herr, rette mich!“

(Mt 14,30).

Anstatt anderen die Hand helfend

zu reichen, sind wir plötzlich

selbst auf eine ausgestreckte Hand

angewiesen. So sehen wir uns vielleicht

weniger gern. Wir sind dann

so schrecklich normal. Bedürftig.

Angewiesen auf Gottes Hand, auf

Gottes Zuwendung – so, wie die

ganze Schöpfung. Aber genau da-

DIE BRÜCKE 4 / 2012


5

ran erinnern wir uns heute Abend.

Wir erinnern uns an einen Gott,

der uns seine Hände reicht. Der uns

Weite schenkt. Der Grenzen überwindet,

um Himmel und Erde miteinander

zu verbinden. Bereits auf den

ersten Seiten der Bibel wird nämlich

deutlich, dass Gott nicht darauf wartet,

bis wir ihm die Hände entgegen

strecken. Stattdessen kommt er uns

entgegen. Wagt den Gang in eine

Welt, in der ein tiefer Riss zwischen

Schöpfer und Geschöpf entstanden

ist. Hier weht ihm zwar ein kühler

Wind entgegen. Doch davon lässt er

sich nicht beirren. Stattdessen ruft

er nach seiner Menschheit, die sich

in einer Heidenangst vor ihm zu

verstecken versucht. In der Urfrage

„Mensch, wo bist du?“ (Gen 3,9)

reicht Gott uns seit Menschengedenken

seine Hand.

Wir erinnern uns heute Abend aber

auch an einen Gott, der seine Hand in

besonderer Weise den Unterdrückten,

Benachteiligten und Armen in dieser

Welt entgegenstreckt. Daran erinnert

uns Maria in ihrem Lobgesang (Lk

1,46-55). Wenn sie in messianischer

Erwartung über den Gott jubelt, der

ihre Niedrigkeit gesehen hat, preist

sie denselben Gott, der bereits im

Alten Testament seine Augen vor Unrecht

nicht verschließt und sich vom

Stöhnen der Unterdrückten bewegen

lässt (Ex 2,23-25). Gott streckt seine

Hände aus, um damit Partei für die

Benachteiligten zu ergreifen. Seine

befreiende Hand ist damit die Hoffnung

all jener, die unter dem Diktat

der Hochmütigen, Mächtigen und

Reichen zu leiden haben.

Schließlich erinnern wir uns heute

Abend an den heruntergekommenen

Gott. An Jesus Christus, der den

Menschen zurief: „Die neue Welt Gottes

bricht an! Denkt um und richtet

euer Leben ganz neu auf Gott und

seinen Willen aus!“ (Mk 1,15). Der

kompromisslos gegen jegliche Pseudoreligion,

gegen Ungerechtigkeit

und Selbstgerechtigkeit

kämpfte –

und seine Feinde

dennoch liebte,

anstatt sie zu töten.

Der am Kreuz auf

die menschliche

Feindschaft mit

versöhnender Liebe geantwortet

hat (Röm 5,10). Der dort die Hände

ausstreckt, die Welt umarmt und ihr

zuspricht: „Gott liebt dich und sehnt

sich nach Gemeinschaft mit dir.“

Wir begegnen hier der entwaffnenden

Liebe Gottes. Seine ausgestreckten

Hände verweigern sich

dem Griff ans Schwert. Sie sind zum

Von der Schöpfung

bis zur Neuschöpfung

ist es Gott, der uns die

Hände reicht

Handschlag bereit. Und da, wo sie

glaubend ergriffen werden, berühren

sich Himmel und Erde. Da weht

ein neuer, frischer Wind durch die

Welt. Himmelsluft macht sich breit

und ein weiter Raum öffnet sich! In

dieser geschenkten Weite erkennen

wir, dass Gott ganz unterschiedliche

Menschen an seiner Hand hält. Ja:

wir realisieren, dass die Hand Gottes

uns an die Hand des Nächsten führt.

In der Hand Gottes werden Hände

über alle möglichen Grenzen gereicht.

Da werden nationalistische, rassistische,

machtgierige und gewaltbereite

Tendenzen entmachtet. Jegliche

Feindschaft ist überwunden. Da begrüßen

sich Menschen

als gleichwertige

Brüder

und Schwestern

in Christus!

Halten wir fest:

Von der Schöpfung

bis zur Neuschöpfung

ist es Gott, der uns die Hände

reicht. Und genau von diesen Händen

leben wir. Diesen Händen verdanken

wir unsere gesamte Existenz. „Was

aber hast du, das du nicht empfangen

hättest?“, fragt Paulus rhetorisch

im ersten Korintherbrief (1Kor 4,7).

Die Antwort: Nichts, absolut nichts.

Wir empfangen das Leben aus den

855 Personen aus

36 Ländern und allen

fünf Kontinenten

hatten sich zur

MERK angemeldet

DIE BRÜCKE 4 / 2012


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hände reichen über grenzen

Die Brassband

Jeangui bot die

musikalische

Umrahmung des

Abends

Händen Gottes. Alles, was wir sind

und haben, empfangen wir als Gottes

Gabe. Da gibt es keinerlei Ansprüche,

die wir einklagen können. Das Leben

ist und bleibt stets ein unverdientes

Geschenk.

Spätestens hier meldet sich möglicherweise

das täuferisch-mennonitische

„Ja, aber...“.

Manche orten in

solchen Sätzen

vielleicht bereits

die von Dietrich

Bonhoeffer kritisierte

„billige

Gnade.“ Eine

kirchliche Schleuderware,

ohne Preis und Kosten. Andere

befürchten eher eine evangelikal-charismatische

Engführung einer

bloß individualisierten Gottesbeziehung.

Die Reduktion auf den lieben

Gott und mein Seelenheil.

Der zu erwartende Einwand könnte

daher etwa so lauten: „Wenn Gott der

Welt seine Hand reichen will, braucht

er unsere Nachfolge. Jesus hat uns

gezeigt, wie das geht. Jetzt machen wir

es ihm einfach nach.“ Und gewissermaßen

als bekräftigende Illustration

dieses Ansatzes wird die Geschichte

Wenn wir nicht

untergehen wollen, dann

gilt es die ausgestreckte

Hand Gottes zu ergreifen

von Dirk Willems nachgeliefert.

Ich habe für diese Position nicht

bloß Sympathien, ich teile sie auch

weitgehend. Und doch befürchte ich,

dass wir damit letztlich näher beim

sinkenden Petrus als bei Dirk Willems

sind. Der Gang übers Wasser

will trotz ersten mutigen und erstaunlichen

Schritten

nicht gelingen.

Die Hände sind

zwar ausgestreckt,

suchen aber bloß

verzweifelt nach

einem rettenden

Strohhalm.

Hände reichen

über Grenzen“ – ich glaube, aus eigener

Kraft werden wir dies nicht

lange durchhalten. Die Stimmen, die

uns täglich einreden, dass sich so etwas

nicht lohnt, werden uns in die

Knie zwingen. Weder Appelle noch

motivierende Beispiele werden dies

letztlich verhindern. Wenn wir nicht

untergehen wollen, dann gilt es, die

ausgestreckte Hand Gottes zu ergreifen.

Wenn wir anderen die Hände

reichen wollen, brauchen wir die tiefe

Gewissheit und die Erfahrung, dass

wir selbst gehalten sind. Jegliche Form

täuferischer Selbstgerechtigkeit und

Arroganz sind hier fehl am Platz.

In seinem kürzlich erschienen Buch

„Umsonst“ fragt der Theologe Miroslav

Volf, wie wir in einer gewinnorientierten

Gesellschaft großzügig

teilen können. Als Teil seiner Antwort

schreibt er: „Die einzige Möglichkeit,

sicherzustellen, dass wir uns in der

Hingabe an den Nächsten nicht selber

verlieren, besteht darin, dass unsere

Liebe zu dem anderen durch Gott

geht.“ Anders gesagt: „Hände reichen

über Grenzen“ können wir langfristig

nur dann, wenn wir Hand in Hand

mit Gott zusammenarbeiten.

In dieser Weise werden nämlich

unsere Hände zu Werkzeugen der

Hände Gottes. Und genau darin liegt

die Kraftquelle, um unsere Hände

immer wieder neu über Grenzen

hinweg auszustrecken. Denn so ist

es ist letztlich Gott selbst, der durch

uns die Hände reicht. Er führt und

bewegt unsere Hände, damit sie sich

auch dem Feind freundlich und entwaffnend

entgegen strecken. Selbst

dann noch, wenn andere längst in

Media-Markt-Manier sagen: „Ich bin

doch nicht blöd!“

Lassen wir uns daher am heutigen

Abend von dem alten Sonntagsschullied

in Erinnerung rufen: Gott hält

die ganze Welt in seiner Hand – und

damit auch uns. Es ist diese alles umfassende

Hand Gottes, die uns in die

Weite führt. Es ist seine Hand, die

uns hält, wenn uns das Wasser bis

zum Halse steht. Uns Kraft, Mut und

Zuversicht zu verlassen drohen. Und

an dieser Hand lernen wir schließlich

jeden Tag neu, einander die Hände

zu reichen – hier an der MERK und

darüber hinaus.

Möge Gott seine Hand gnädig über

uns und dieser Welt halten!

Lukas Amstutz

DIE BRÜCKE 4 / 2012


18

hände reichen über grenzen

Eindrücke von der MERK

Mir gefällt es, viele Leute aus verschiedenen Ländern und

Kulturen zu treffen. Ich finde es wichtig, Beziehungen

zu Leuten aus aller Welt aufzubauen und zu pflegen. So kann

man über den Tellerrand hinausschauen und Grenzen abbauen.

Außerdem baut man sich mit den weltweiten mennonitischen

Kontakten eine Art Beziehungsnetz auf, wodurch man aufgefangen

wird, wenn man mal in der Fremde ist oder man selbst jemanden

auffängt, der aus der Fremde zu uns kommt.

Die Idee von Beziehung leben hat ja auch einen biblischen Ursprung.

Gott sucht die Beziehung zu uns Menschen und möchte

auch, dass wir untereinander gute Beziehungen haben. Für mich

kommt das vor allem in Lukas 10,27 zum Ausdruck: „Du sollst den

Herrn deinen Gott lieben…und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Oliver Dürksen, 27, Paraguay

Mir wurde bewusst, dass Toleranz nicht

nur Akzeptanz bedeutet. Wichtig ist

es, Grenzen zu überwinden und offen zu

sein für Fremdes. Sich selbst in die Perspektive

seines Gegenübers zu versetzen.

Es ist mir neu aufgefallen, dass es nicht nur

über Kontinente hinweg Unterschiede in

Mennonitengemeinden gibt, sondern schon

innerhalb eines einzigen Kontinentes so viel

Verschiedenes anzutreffen ist. Wenn du dir

dieser Unterschiede bewusst bist, ist eine

solche Konferenz sehr interessant, wenn du

jedoch glaubst, deine Art Gemeinde zu leben

sei die einzig richtige, wird es schwierig

Hände über Grenzen zu reichen.

Marc Pasqués, 24, Spanien

Ich mag es sehr, viele Mennoniten aus der ganzen Welt zu treffen. Denn wir

sind nur eine kleine Gruppe in den Niederlanden. Es ist sehr inspirierend,

solche internationale Kontakte zu knüpfen und zu erhalten. Außerdem finde ich

es toll, dass du immer wieder Leute triffst, die du von anderen mennonitischen

Anlässen kennst.

Ich habe in den Workshops wertvolle Inputs erhalten. So war es beispielsweise

sehr eindrücklich im Workshop „Texte von Dietrich Bonhoeffer“ über dessen

Optimismus zu hören. Er war ein Mensch, der trotz so schlimmer Umstände

in seinen Liedern und Texten immer noch eine solch positive Sicht des Lebens

auszudrücken vermochte.

In einem weiteren Workshop „Die MWK verbindet“ hat unter anderen auch der

neue Generalsekretär der MWK mit persönlichen Geschichten darüber erzählt,

was ihn inspiriert, Dinge wie die MERK zu lancieren und organisieren.

Sjoukie Wethmar, 65, Niederlande

DIE BRÜCKE 4 / 2012


hände reichen über grenzen

19

Wir genießen die lockere Stimmung

und dass alle Leute hier

so aufgestellt und glücklich sind. Alle

Angebote sind freiwillig und müssen

nicht zwingend besucht werden. Das

Fußballspielen draussen macht uns

Spaß. Dass die Teilnehmer aus ganz

verschiedenen Ländern kommen und

alle Altersgruppen vertreten sind, ist

auch schön.

Sämi, Micah, Jeremias und Joshua

Hofer, Teenager, Schweiz

Sichtbare Zeichen

gegen Ausgrenzung

Markus Rediger, Leiter der MERK 2012 zieht Bilanz.

Mir wird das Ende des Schlussgottesdienstes

in lebhafter Erinnerung bleiben.

Ein Kärtchen lag auf jedem Sitzplatz

mit dem Leitwort des Gottesdienstes: Brich

auf mit Gottes Segen! Mit Hinweis auf dieses

Kärtchen wurde empfohlen, die Rückseite zu

beschreiben und einfach weiterzureichen.

Und prompt wurde Luise und mir ein Kärtchen

aus zarter Mädchenhand mit strahlendem

Lächeln zugespielt: Dein Herz sei jeden

Tag neu erfüllt von Liebe und dem Segen

Gottes! Wir waren ergriffen, waren beglückt.

Mittlerweile habe ich einer gewissen Natalie

Stucki aus der Schweiz Grüße meinerseits

zugestellt.

Fotos: merk2012.ch

Oskar Wedel, Deutschland

Die MERK 2012 hat sich zum

Ziel gesetzt, Zeichen gegen

Ausgrenzung zu setzen. Inwiefern

ist dies gelungen?

Das sichtbarste Zeichen gegen Ausgrenzung

waren die Teilnehmer aus

aller Welt. Alle Kontinente, über 35

Länder waren in Sumiswald vertreten.

Aber auch Vertreter von Politik,

der Kirchen, anderer Religionen und

der Wirtschaft waren dabei. Wir hatten

offizielle Übersetzungen in sechs

Sprachen.

Gab es auch Impulse, über den

Rahmen der Konferenz hinaus?

Wenn ich mir den Ablauf der MERK

Revue passieren lasse, dann kommen

mir viele Impulse in den Sinn, die das

Thema verständlich machten und Inputs

zum Hände reichen im Sinn und

nach dem Vorbild von Jesus Christus

gaben. Die über 40 Workshops auch

zu vielen gesellschaftsrelevanten Themen

sprachen eine deutliche Sprache.

Besonders eindrücklich waren

die Geschichten, die illustrierten, wie

Händereichen konkret aussieht in

Langnau, Mindanao, Simbabwe, den

USA und Berlin. Wer dem Mörder

seiner Kinder vergeben kann wie

die Amischen in Nickel Mines oder

wer Kriegspartien eine Plattform des

Dialogs schafft und immer wieder

belebt wie die Mennoniten in den

Philippinen, der überwindet wirklich

Grenzen.

Was ist der Grundtenor der

Rückmeldung der über 800

Teilnehmenden? Wie war die

Stimmung an der Konferenz?

Die Stimmung war sehr erfreulich.

Wir haben unzählige positive Feedbacks

erhalten. Die Teilnehmenden

fühlten sich wohl und gut aufgehoben.

Die Hilfsbereitschaft der Helfer,

die Organisation und die Themenangebote

wurden geschätzt. Menschen

aus allen Generationen empfanden

den Anlass als bereichernd und inspirierend.

Wann und wo findet die nächste

MERK statt? Warum sollte man

daran teilnehmen?

Die nächste MERK soll 2018 in

Frankreich stattfinden. Es lohnt sich

auf alle Fälle, daran teilzunehmen:

Um Gemeinschaft zu pflegen und

sich davon inspirieren zu lassen, wie

andere ihren Glauben leben. Und

als Mennoniten nicht zuletzt, um

die internationale mennonitische

Familie nicht aus den Augen zu verlieren

DIE BRÜCKE 4 / 2012


leserecho

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DIE BRÜCKE zieht um

Leiderfahrungen?

Warum lässt Gott das alles zu? – Das fragte sich

nicht nur Hiob, sondern nach ihm noch viele

andere Menschen, die mit dem Thema Leid und

Verlust in Berührung kamen. Die nächste Ausgabe

der BRÜCKE soll Platz bieten, sich dieser schwierigen

Frage zu nähern. Gerne übernehmen wir auch

persönliche Texte, Gedanken, Mutmachendes oder

Nachdenkliches zum Thema. Zuschriften am

einfachsten per E-Mail, aber auch gerne auf dem

Postweg an die Redaktion. Redaktionsschluss ist der

1. August.

Neue Redaktions-Anschrift

ab August:

DIE BRÜCKE

Benji Wiebe

Am Rugbiegel 10

76351 Linkenheim-Hochstetten

Stimmt Ihre Adresse noch?

Änderungen bitte an

vertrieb.bruecke@mennoniten.de

Neuer Anzeigenredakteur

Ab der kommenden Ausgabe übernimmt Christoph

Wiebe aus Freiburg die Anzeigen-Redaktion der

BRÜCKE. Er löst damit Marius von Hoogstraten ab,

der diese Aufgabe einige Monate übernommen hatte.

Marius wird weiter im Mennonitischen Friedenszentrum

Berlin mitarbeiten. Die Anzeigenredaktion erreichen

Sie nach wie vor über anzeigen.bruecke@

mennoniten.de

Die nächsten Nummern:

DIE BRÜCKE 5/2012 erscheint Anfang September 2012, mit dem Thema „Hiob –

Leiderfahrungen“, Redaktionsschluss ist der 01.08.2012

DIE BRÜCKE 6/2012 erscheint Anfang November 2012, mit dem Thema „Dialog der

Religionen“, Redaktionsschluss ist der 08.10.2012

Wir freuen uns über Leserbriefe, Beiträge, Berichte und Zusendungen

für die Rubriken „Lyrik“ und „Friedensfoto“

Bitte schreiben Sie an: DIE BRÜCKE, Am Rugbiegel 10, 76351 Linkenheim-Hochstetten

Tel.: 07249 516344 -0 Fax: -9 E-Mail: redaktion.bruecke@mennoniten.de

DIE BRÜCKE 4 / 2012


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Entgelt bezahlt | Deutsche Post AG

Frieden braucht Schutz und Rechte

Frieden braucht Schutz und Rechte

friedensfoto

Foto: freegrassy.org

Am 8. Juni beendeten Jugendliche

der „Grassy Narrows First Nation“,

kanadische Ureinwohner in Ontario,

ihren rund 2000 Kilometer langen

Marsch durch den Bundesstaat. Damit

wollten sie auf die Quecksilber-

Verunreinigungen ihrer Wasservorräte

in ihrem Reservat durch eine nahe

gelegene Zellstoff- und Papierfabrik

hinweisen. In Toronto schlossen sich

weitere Menschen dem Marsch an.

Sie legten auch einen Bericht von

Dr. Masazumi Harada, einem japanischen

Quecksilber-Experten vor, der

besagt, dass die Folgen für das Reservat

und die darin lebenden Menschen

weitreichender sind, als es die Regierung

einräumt. Sechzig Prozent der

untersuchten Menschen leiden unter

Quecksilbervergiftungen. Einige haben

angeborene Anomalien und viele

leiden unter weiteren Symptomen, bis

hin zu Geh- und Hörbehinderungen,

Diabetes und einem erhöhten Risiko

für Schlaganfälle.

Für uns, die wir rund um die Uhr

Zugang zu wunderbar sauberem Trinkwasser

haben, ist es schwer vorstellbar,

wie man ohne sauberes Trinkwasser,

ein grundlegendes Lebensmittel, leben

kann. Während der CPT-Inforeise nach

Grassy Narrows im April erlebte ich die

schockierenden Auswirkungen dieses

Wassermangels auf die Gemeinschaft.

Noch beeindruckender war es aber

zu sehen, dass es auch in einem Volk,

dass so stark von der Zerstörung ihrer

Umwelt und der Bedrohung ihrer Kultur

betroffen ist, Menschen gibt, die für

Versöhnung mit der zumeist weißen,

dominanten kanadischen Gesellschaft

eintreten, die die Umweltzerstörungen

zu verantworten haben. Judy da Silva,

auf dem Bild im Rollstuhl zu sehen

während des Marsches in Toronto,

wurde mir zu einem inspirierenden

Beispiel.

Laurens Thiessen van Esch

Bammental

DIE BRÜCKE 4 / 2012

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