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01 | März – Mai 2012

Meere in Not

Europas Flotten fangen zu viel Fisch. Die Reform der

EU-Fischerei muss den Meeren eine Atempause verschaffen

jahr Eins nach Fukushima

Schwieriger Alltag im nuklearen Ausnahmezustand

Weinviertel im Gasvisier

Die bedrohliche Jagd nach Schiefergas


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser!

Ich will Ihnen nicht den Appetit verderben – zumindest nicht grundsätzlich.

Aber wenn Sie das nächste Mal wieder einen Meeresfisch am Teller haben,

müssen Sie derzeit noch ein paar andere Meeresbewohner in Gedanken

dazulegen. Einen Teil von einem Delfin zum Beispiel oder auch ein Stück von

einem Wal, einem Hai, einem Seevogel, einer Robbe oder einer Meeresschildkröte.

Und natürlich einige Fische anderer Arten.

Was da mengenmäßig auf Ihrem Teller niemals Platz finden würde, wird

mit dem harmlosen Wort „Beifang“ bezeichnet. Die kommerzielle Fischindustrie

verursacht davon viele Millionen Tonnen pro Jahr – Meereslebewesen, die

zuerst gefangen und dann tot oder halbtot wieder in die See gekippt werden.

Für ein Kilo Seezunge beispielsweise werden sechs Kilo Beifang getötet, für

ein Kilo Shrimps sind es rund 20. Das ist nicht nur eine grausame Praxis,

sondern auch eine unfassbare Verschwendung angesichts der Tatsache, dass

die meisten Fischbestände schwer überfischt sind.

Verantwortlich für diese Misere ist eine verfehlte Fischereipolitik, bei der

die EU mit ganz besonders schlechtem Beispiel vorangeht. Greenpeace-Meeresexpertin

Antje Helms erzählt Ihnen ab Seite 8, wo die Probleme konkret

liegen und wie wichtig die anstehende Reform der europäischen Fischereipolitik

für die Rettung der Meere ist.

Neben weiteren brisanten Geschichten wie dem Leben mit der nuklearen

Katastrophe von Fukushima (Seite 14 und 15) oder der drohenden Suche

nach Schiefergas im Weinviertel (Seite 22 und 23) möchte ich Ihnen, liebe

Spenderinnen und Spender, noch einen wichtigen Hinweis mit auf die

Lesereise geben: Ihre Spende für Greenpeace ist seit dem 1.1.2012 von der

Steuer absetzbar! Alle Informationen dazu finden Sie auf www.greenpeace.

at/spendenabsetzbarkeit – schauen Sie rein, es lohnt sich garantiert!

Mit herzlichen Grüßen

IMPRESSUM

Birgit Bermann, Chefredakteurin

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber: Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, Fernkorn -

gasse 10, 1100 Wien; Tel. 01/545 45 80, www.greenpeace.at Spendenkonto: P.S.K. 7.707.100, BLZ: 60.000,

www.greenpeace.at/spenden Redaktion: Birgit Bermann (Chefredaktion), Melanie Aldrian, Brigitte Bach

(In Aktion), Bettina Benesch, Antje Helms, Jasmin Karer, Céline Legrand, Sabine Molcik, Gundi Schachl, Hanna

Schwarz, Claudia Sprinz, Dagmar Urban E-Mail: act@greenpeace.at Bildredaktion: Georg Mayer

Artdirektion: Karin Dreher Fotos: Greenpeace, iStock Photos Illustrationen: Karin Dreher

Lektorat: Johannes Payer Anzeigen gestaltung: Florian Bolka Druck: Niederösterreichisches Pressehaus

erscheint viermal jährlich auf 100-%-Recyclingpapier. Ab einer Jahresspende von € 40 wird Ihnen

gratis zugesandt. Die nächste Ausgabe erscheint im Juni 2012.

Zur besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Entsprechende

Bezeichnungen gelten ausdrücklich für beide Geschlechter.

Cover: © GP/Paul Hilton Seite 2,3: v.l.o.n.r.u.:© GP/Georg Mayer, © Alex Hofford/GP, © Noriko HayASHI/GP, © GP/Vivek M, © Les Stone/GP

08

14

04 In Aktion 06 Dunkle Datenwolke 08 Keine Fische – keine

Zukunft 12 Sonnenaufgang in Westafrika 13 Backstage war gestern

14 Leben mit dem Super-Gau 16 Ein Leben in Grün 18 Grüne

Mode 20 15 Jahre nach dem Meilenstein 21 Im Gespräch mit

Grant Rosoman 22 Die gefährliche Suche nach Schiefergas

16 22

Inhalt

act 3


Atom: Kredit für Schrottreaktoren

im Nachbarland

Was zahlreiche Banken der slowakischen Atomindustrie

seit Jahren aus gutem Grund verwehren,

stellt für die Bank Austria kein Problem dar: die

Finanzierung des gefährlichsten Kraftwerks Europas.

Während das Bankinstitut in der Öffentlichkeit betont,

kein Geld für AKWs zur Verfügung zu stellen,

unterhält es in Wahrheit einen Betriebsmittelkredit

mit dem Energiekonzern Slovenské elektrárne.

Dessen wichtigstes Projekt ist der Ausbau des AKWs

Mochovce um zwei weitere Reaktoren. Ende

Dezember protestierten 25 Aktivisten direkt vor der

Bank-Austria-Zentrale in Wien gegen das gewinnbringende

Geschäft mit der grenznahen Gefahr.

südPazifik: Illegaler Fischfang

unter der Piratenflagge

Tiefsee: EU finanziert

Überfischung

Was sich in den europäischen

Meeren in einer Tiefe zwischen

400 und 1.500 Metern abspielt, ist

weder sicht- noch vorstellbar. Dort,

wo die Natur eine einzigartige

Tier- und Pflanzenwelt gezaubert

hat, kennt die Gier der indus triellen

Fischerei keine Grenzen. Nachdem

höhere Lagen bereits leergefangen

sind, plündern die Flotten mittels

zerstörerischer Grundschleppnetze.

Der Raubbau geht auf ein Versagen

der EU-Fischereipolitik zurück,

die Tiefseefischerei seit Jahren

mit Millionengeldern subventioniert

und sich weigert, Fangquoten wissenschaftlichen

Empfehlungen

anzupassen (siehe auch die Seiten

8–11). Greenpeace kämpft gegen

diese Praxis – entweder direkt auf

hoher See oder im Hafen, wo die

Öffentlichkeit unübersehbar informiert

wird, wie viel EU-Steuergelder

jedes einzelne dieser Schiffe

bereits gekostet hat (kl. Bild).

Sie sind ein Weckruf an Produzenten, Händler und Verbraucher:

die wiederkehrenden Bilder von Fischtrawlern, die ohne jegliche

Kennzeichnung in den Gebieten der Südsee unterwegs sind,

tonnenschwer gefüllte Netze an Bord hieven und ihren Fang auf

hoher See in ein anderes Schiff verladen. Greenpeace ist dieser

Fisch-Piraterie seit Jahren auf der Spur und kämpft vehement

gegen diese illegalen Methoden, mit denen bis zu 46 Prozent

aller pazifischen Fische gefangen werden. Erst das Entdecken

der Piratenschiffe, wie im November vor Indonesien, bringt die

brutale Realität des Fischfangs an die Öffentlichkeit – sowie Hersteller

und (Ver-)Käufer von Fischprodukten zum Umdenken.

© Pierre Gleizes/GP, © GP/Jeroen StAAts, © GP/Moritz Wustinger, © Alex Hofford/GP

© Shayne Robinson/GP, © Pedro Armestre/GP, © Christian Aslund/GP, © Tim Dirven/GP

Klimaschutz:

Ein Windrad

als Wegweiser

Von einer personifizierten Löwenkopf-Installation

über ein riesiges

Windspiel-Projekt bis hin zu einem

vom Greenpeace errichteten Windrad

am Strand von Durban: Die

Aktionen rund um die UN-Klimakonferenz

waren ebenso zahlreich

wie vielfältig und riefen allesamt zu

einem schnellen Handeln in Sachen

Klimaschutz auf. Greenpeace stellte

die Botschaft „Hört auf die Menschen,

nicht auf die Verschmutzer“

in den Mittelpunkt seiner Proteste

und forderte die Politik auf, sich

dem Einfluss mächtiger Konzerne

endlich zu entziehen.

Toxics: Giftmüll auf langer Reise

Was hat italienischer Müll in Südspanien zu suchen? Und

warum ist er auch noch hochgiftig und illegal dorthin

gelangt? Fragen, auf die Greenpeace Antworten sucht. Die

Entsorgungsfirma Befesa ist dafür bekannt, immer wieder

riesige Mengen italienischer Industrieabfälle auf einer

Deponie in der andalusischen Provinz Huelva abzuladen.

Dort gibt es durch den Abbau von Mineralvorkommen

ohnehin schon erhebliche Umweltschäden. Italienische

und spanische Greenpeace-Aktivisten machten gemeinsam

gegen den „Illegalen Müll made in Italy“ mobil und

protestierten mithilfe eines 400 m 2 großen Banners.

erdÖl: Endlich hören

die Bohrfirmen zu!

Wie bringt man Ölmultis dazu, aufmerksam

zuzuhören, wenn Greenpeace

etwas zu sagen hat? „Gewusst

wie“ hieß die Devise von 20 Aktivisten,

die die High Society des Öls –

darunter Shell, BP und Statoil – Anfang

Dezember erst einmal standesgemäß

mit einem ölverschmierten

roten Teppich begrüßten. Ungeachtet

der Proteste gegen die Ausbeutung

der Arktis begaben sich die Firmenvertreter

in das Kopenhagener Nordatlantikhaus,

um mit grönländischen

Behörden über Bohrlizenzen zu

be raten. Als Ministeriumsvertreter

verkleidete Greenpeace-Aktivisten

pass ten die Teilnehmer ab, lotsten sie

wegen „kurzfristiger Raumänderungen

infolge der störenden Protestaktion“

in ein anderes Stockwerk und

präsentierten ihnen dort wirklich

Wissenswertes: einen fachkundigen

Vortrag über die Konsequenzen der

Ölsuche in der Arktis. Die Konzernrepräsentanten

lauschten vermutlich

verwundert, aber sehr geduldig bis

zum Ende – und können jetzt nie

mehr behaupten, von den Gefahren

der arktischen Ölbohrungen nichts

gewusst zu haben!

In Aktion

Klima: Marktführer VW bei

der Klimazerstörung ganz vorn

Dass der größte Autohersteller Europas Klimaschutzgesetze

bekämpft, ist für Greenpeace

Anlass, seit letztem Jahr ein Licht auf die dunkle

Seite des VW-Konzerns zu werfen. Die Kampagne

fand zuletzt bei der Autoshow in Brüssel ihre

Fortsetzung. Dort protestierten als Eisbären verkleidete

Aktivisten gegen die Klimazerstörung

durch Konzerninteressen. Anstatt seine Klimabilanz

aktiv zu verbessern, reiht sich VW in das

Lobbynetzwerk von Industrien ein, die mit der

Verhinderung wirksamer Klimagesetze Milliarden

verdienen. Die wahren Blockierer eines UN-

Klimaschutzvertrags hat Greenpeace im Bericht

„Who is holding us back?“ dargestellt (dt. Fassung:

www.greenpeace.at/dokumente).

4 act

act 5


Die IT-Branche verfügt über ein enormes Potenzial zur

Reduktion des weltweiten Treibhausgasausstoßes.

Dunkle Datenwolke

Unsere elektronischen Begleiter wie PCs, Laptops, Tablets und Smartphones sind aus dem Alltag kaum

mehr wegzudenken. Höchste Zeit, sich mit ihrer Klimabilanz auseinanderzusetzen. Von Claudia Sprinz

Computer- und onlinebasierte Dienste

gehören für immer mehr Menschen immer

selbstverständlicher zum Alltag. Bilder,

Videos und Musik werden dort verwaltet,

der Kontakt zu Freunden aus nah und fern

aufrechterhalten oder das WWW schnell

nach Informationen aller Art befragt. Früher

wurde die Mehrheit der bei diesen Prozessen

anfallenden Daten auf der lokalen

Festplatte des jeweiligen Gerätes gespeichert.

Mit der Entwicklung mobiler Endgeräte

wie Smartphones, Tablet-Computer

oder Laptops entstand das Bedürfnis, auf

mehreren Geräten alles gleichzeitig verfügbar

zu haben. Um das zu ermöglichen, wurden

Anwendungen und Daten in eine virtuelle

„Wolke“ (englisch: „cloud“) ausgelagert.

Das Abrufen dieser Daten über das Internet

wird demnach „Cloud Computing“ genannt.

Damit Sie nichts Wichtiges verpassen,

was sich gerade in der Cloud tut, oder Sie

nicht warten müssen, bis eine bestimmte

Anwendung hochgefahren ist, sind diese

Geräte standardmäßig immer online. Der

Abruf von Daten aus der Cloud hat eine

Reaktion auf Servern verschiedener Rechenzentren

zur Folge, die sich ganz in der

Nähe oder auch am anderen Ende der Welt

befinden können. Je mehr Menschen solche

Geräte verwenden und die Onlinedienste

in Anspruch nehmen, desto größer

sind die Datenströme. Das erfordert

leistungsfähigere Telekommunikationsnetze

und Rechenzentren – und damit

steigen Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen.

Großer Verbrauch

Bereits jetzt benötigen Rechenzentren

rund zwei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs

– Tendenz stark steigend,

denn Cloud Computing weist eine Wachstumsrate

von zwölf Prozent pro Jahr auf.

Hält dieser Trend an, werden Datenzentren

und Telekommunikationsnetze 2020

fast 2.000 Terawattstunden Strom verbrauchen.

Das entspricht mehr als dem

Dreißigfachen des derzeitigen österreichischen

Stromverbrauchs pro Jahr.

Nicht nur der steigende Verbrauch, sondern

auch die Frage, mit welchen Energieträgern

dieser abgedeckt wird, ist aus der

ökologischen Perspektive entscheidend.

Aus diesem Grund hat Greenpeace 2010

seine Facebook-Kampagne „Unfriend Coal“

gestartet und vor kurzem einen Erfolg erzielt:

Der Internet-Gigant hat sich zur sauberen

Energiezukunft bekannt und will seine

Rechenzentren künftig ohne Kohlekraft

betreiben. Das ist ein wichtiges Signal für

die gesamte Branche: Beim Bedarf von riesigen

Energiemengen muss auch die Verantwortung

für deren Herkunft übernommen

werden!

Doch die Möglichkeiten der IT-Industrie

gehen noch viel weiter. Die Branche

verfügt über ein enormes Potenzial zur

Reduktion des weltweiten Treibhausgas-

© Steve Morgan/GP, 2x © Kim Haughton/GP

ausstoßes, indem sie das tut, was sie am

besten kann: innovative und intelligente

IT-Lösungen zu entwickeln, die Energieeffizienz

ermöglichen und CO 2

- Emissionen

senken. Ob emissionsfreie Gebäude,

intelligente Stromnetze, effiziente Transportsysteme

oder IT-Anwendungen für

private Endnutzer – die Anwendungsmöglichkeiten

sind groß und die damit

verbundenen Potenziale zur Reduktion

von Treibhausgasemissionen relevant. Die

IT-Industrie selber rechnet mit Einsparungsmöglichkeiten

bis 2020 von beachtlichen

fünfzehn Prozent der weltweiten

Treibhausgasemissionen – indem sie uns

ermöglicht, mit ihren Produkten und

Dienstleistungen Energie zu sparen.

Da die Elektronik- und IT-Branche ein

wichtiger Verbündeter im Kampf gegen

den Klimawandel sein kann, nimmt

Greenpeace deren Aktivitäten seit einiger

Zeit mit mehreren Reports und Rankings

genau unter die Lupe. Der Ratgeber

„Grüne Elektronik“ reiht seit 2006 weltweit

führende TV-, Handy- und Computer

hersteller nach ökologischen Kriterien.

Bewertet werden dabei die Verwendung

schädlicher Chemikalien, Recycling-

Kreisläufe, Energieeffizienz und seit letztem

Jahr auch die Herkunft des Verpackungsmaterials

und der verarbeiteten

Rohstoffe sowie die Langlebigkeit der Produkte.

Das Ergebnis lässt sich sehen, eine

Veränderung ist spürbar. Hewlett-Packard

unternimmt derzeit gegenüber den Konkurrenten

die größten Anstrengungen zur

Reduktion von CO 2

-Emissionen und hat

sich verpflichtet, auf Papier aus Urwaldabholzung

und Mineralien aus Konfliktregionen

zu verzichten. Hersteller wie

Nokia und Apple haben die Verwendung

mehrerer gefährlicher Chemikalien aus

ihrer Produktion verbannt, und Dell ist

mittlerweile Vorreiter beim Recycling seiner

Geräte.

Kriterium Klimaschutz

Welche dieser Firmen ganz konkret beim

Klimaschutz vorne liegen, verrät das „Cool

IT“-Ranking von Greenpeace seit 2009.

Hier wird nicht nur bewertet, welche Lösungen

das jeweilige IT-Unternehmen für

andere Wirtschaftszweige entwickelt, welche

Energieträger es nutzt und ob es seine

eigenen Emissionen reduziert, sondern

auch, in welcher Form es sich für Klimaschutz

engagiert. In der im Februar erschienenen

Version hat das japanische Telekommunikationsunternehmen

Softbank hier

die höchsten Punkte erzielt weil es sich für

einen Wechsel von Atomkraft zu erneuerbarer

Energie ausgesprochen hat.

Kurz vor der Markteinführung des Apple -

iPad hat Greenpeace den ersten „Cloud

Computing Report“ veröffentlicht. Der

Energiebedarf der Rechenzentren, die

Standortentscheidungen für Infrastruktur

und die Strategien zur Verringerung von

Strom aus fossilen oder nuklearen Energieträgern

sind die Kriterien dieses Berichts.

Greenpeace fordert aber nicht nur von

den IT-Unternehmen, ihren Energie-

Fußabdruck zu reduzieren, Lösungen zur

Energieeinsparung zu entwickeln und ihren

Einfluss in der Öffentlichkeit zu nützen,

sondern auch von der Politik, ein entsprechendes

Umfeld zu schaffen. Anders

als die österreichische Regierung, wo v. a.

Umweltminister Berlakovich immer neue

Ausreden erfindet, um Österreichs fehlende

Klimaschutzmaßnahmen schönzureden,

zeigt Deutschland vor, wie es geht.

Schon 2008 hat die dortige Regierung

Green IT zur Chefsache erklärt. Beispiele

für klimaschonende Zukunfts lösungen

sind bereits in der Praxis umgesetzt und

werden mit Auszeichnungen bedacht –

etwa automatische Steuerungen für

Selbstbedienungsgeräte in Banken, mit

denen bis zu 80 Prozent Energie gespart

werden kann. Oder Unternehmen, in denen

die Abwärme des Rechenzentrums

zur Heizung der Büros der Mitarbeiter genützt

wird. Um den dringend erforderlichen

Wechsel von umweltschädigender zu

effizienter und sauberer Energieerzeugung

zu schaffen, werden intelligente und

klimafreundliche IT-Lösungen in Zukunft

eine immer wichtigere Rolle spielen. n

Das aktuelle „Cool IT“-Ranking finden

Sie auf www.greenpeace.at/coolit

Kohlekraft (kl. Bild l.) oder Windräder

(kl. Bild r.)? Für Greenpeace ist die

Antwort auf diese wichtige Zukunftsfrage

selbstverständlich grün – der

Internet-Riese Facebook wollte für

seine energiehungrigen Rechenzentren

allerdings auf fossile Brennstoffe und

Atomstrom setzen. Greenpeace

brauchte 22 Monate und die Unterstützung

von mehr als einer halben

Million Menschen, um Facebook von

einer sauberen Energieversorgung

zu überzeugen.

6 act act 7


Keine Fische –

keine zukunft

Die Neuordnung der europäischen Fischereipolitik steht an. Eine große

Chance, endlich die überdimensionierten Fangflotten zu reduzieren und

den Raubbau an den Meeren zu stoppen. Von Antje Helms und Sabine Molcik

Um Europas Fischhunger zu stillen,

schwärmen die riesigen Fangschiffe

der EU-Flotte mittlerweile bis nach

Westafrika, in die Südsee oder nach

Neufundland aus, um die Meere

leerzuräumen. Nur sehr selten gibt

es aus den engmaschigen Netzen

der Fischereiindustrie ein Entkommen

– wie für jenen Marlin, den

Greenpeace-Aktivisten im Pazifik im

letzten Moment gerettet haben

(gr. Bild).

„Wenn wir unsere Art zu fischen nicht

grundsätzlich ändern, verlieren wir einen

Fischbestand nach dem anderen. Wir

müssen alles tun, um wieder zu reichen

Fischbeständen zu gelangen, damit unsere

Kinder uns nicht eines Tages unsere heutigen

Fehler vorwerfen.“ Diese Sätze stammen

nicht etwa aus einer Greenpeace-

Broschüre. Sie stammen von Maria Damanaki,

amtierende EU-Kommissarin für

Fischerei. Seit sie Anfang 2010 nach Brüssel

berufen wurde, hat sie sich zum Ziel gesetzt,

den Kollaps der europäischen Meere

abzuwenden. Für ihr ambitioniertes Vorhaben

ist Damanaki im richtigen Moment

angetreten: Alle zehn Jahre ist eine Überarbeitung

der europäischen Fischereigesetzgebung

vorgesehen – Ende 2012 ist

es wieder so weit.

Fischerei ist in der Europäischen Union

seit 40 Jahren Gemeinschaftssache. Jeder

EU-Fischer, der im Meer seine Netze auslegen

will, kommt um die Gemeinsame Fischereipolitik

(GFP) nicht herum: Sie regelt

für alle Mitgliedsstaaten, wer wann

wo und wie viel fischen darf. Doch vieles

läuft schief in Europas Fischerei, das ist

kein Geheimnis: Drei von vier Fischbeständen

sind überfischt. Der Fang macht

nur noch einen Bruchteil von dem der

1990er-Jahre aus, und 84.000 Schiffe teilen

sich die endliche Ressource Fisch. Die

EU-Flotte ist zwei- bis dreimal zu groß, um

noch nachhaltig fischen zu können. Mithilfe

von „Fischereipartnerschaftsabkommen“

wird längst nicht mehr nur in den eigenen

leeren Meeren gefischt: Ob vor

Neufundland oder Spitzbergen, in den Gewässern

der Südseeinsel Kiribati oder vor

Mauretanien in Westafrika – auf der Jagd

nach profitablen Fängen schwärmt die

EU-Flotte immer weiter aus (siehe Seite

12). Die größte Baustelle der Reform wird

daher die dringend notwendige Halbierung

der EU-Flotte sein.

Farce um Fangquoten

Damanaki rührt mit dramatischen Appellen

im großen Stil die Werbetrommel

für eine grundlegende Reform, bereits

2011 hat sie einen brauchbaren Neuentwurf

auf den Tisch gelegt. Doch die EU-

Kommission hat keinen Einfluss mehr auf

das Ergebnis. Es liegt jetzt an den EU-Mitgliedsstaaten

und dem EU-Parlament,

eine Gesetzgebung daraus zu gießen, die

das ursprüngliche Ziel nicht verwässert.

Und da haben in Wirklichkeit die nationalen

EU-Fischereiminister das Sagen.

Wie sehr sie Europas Fischerei in die

Krise getrieben haben, zeigte sich zum

wiederholten Mal letzte Weihnachten bei

der Festlegung der Fischfangquoten

für 2012. Das jährliche Ritual folgt

ein gespielten Regeln: Jedes Jahr befragen

die Politiker eine dafür eingesetzte

Gruppe unabhängiger Experten nach

dem „höchstmöglichen Dauerertrag“ für

Europas Fischbestände. Jenes absolute

Höchstlimit, das von einem Fischbestand

maximal „entnommen“ werden darf, ohne

seine Zukunft zu gefährden, präsentiert

die EU-Kommission als Vorschlag. Doch

regelmäßig werden die Quotenempfehlungen

von den Fischereiministern ignoriert

– im Fall des Seehechtes in der Bucht

von Biskaya beispielsweise um rekordverdächtige

1.100 Prozent. Die Konsequenz:

Die meisten Fischbestände liegen außerhalb

ihrer „sicheren biologischen Grenzen“.

2012 gaben die Minister bei ihrem

„politischen Kuhhandel“ für 79 Prozent

der Fischbestände in EU-Gewässern höhere

Fangmengen frei (siehe Grafik Seite

10). John Gummer, früherer britischer

Fischereiminister, bringt das Grundproblem

auf den Punkt: „Als Fischereiminister

sitzt du am Verhandlungstisch und

diskutierst über Fischer – nicht über

Fisch. Du repräsentierst die Fischer deines

Landes, und damit argumentierst du

nicht im Sinne des Meeresschutzes.“

In der Tat macht es das jetzige System der

Fischereiindustrie besonders leicht. Die

meisten Beamten der nationalen Fischereiministerien

sehen ihren Job als verlängerte

Interessenvertreter der Fischer. Sie (ver-)

handeln nach dem Motto „So viel rausholen

wie möglich“ – an Fang und Subventi-

© Paul Hilton/GP, © GP/Daniel Beltrá, © Alex Hofford/GP, © Paul Hilton/GP

8 act


EisMeergarnele

19.988 t 0 %

V, IV

Kabeljau

90.095 t +1 %

IIb, IV

schwarzer Heilbutt

16.282 t 0 %

V, XIV

Schellfisch

61.734 t +17 %

IIa, IV

Seelachs

52.377 t +1 %

IIa, IIIa, III, IV

atlantischer

Lachs

137.972 Stück +54 %

III

Sprotte

170.750 t +22 %

IIa, IV, III

Die Fischbestände vor Westafrika sind

durch die Raubzüge der EU-Flotte in

den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen.

Greenpeace protestiert

gemeinsam mit lokalen Fischern gegen

die schwimmenden Fischfabriken (l.).

Diese Meereszerstörer werden von der

EU mit vielen Millionen Euro an

Steuergeldern finanziert – pro Schiff!

Beim Auslaufen des Riesentrawlers „Jan

Maria“ in Bremerhaven machen Greenpeace-Aktivisten

auf diese Misere

aufmerksam (r.).

Rotbarsch

28.351t 0 %

XIVb

Blauer Wittling

81.737 t +2 %

II, III, IV, V, VI, VII, VIII, XII, XIV

Die Größe der Fische ist proportional zu

ihrer Fangmenge dargestellt

erlaubte Fangmenge für 2012 (in t)

liegt über wissenschaftlicher

Empfehlung (in %)

erlaubte Fangmenge für 2012

entspricht Empfehlung

weitere Fanggebiete für diese Art

Fischereiregionen

Ostsee

Nordsee

nordwestliche Gewässer

südwestliche Gewässer

hohe See

Mittelmeer

Seehecht

65.952 t +7 %

Vb, VI, VII, XII, XIV

Wittling

39.595 t +14 %

IV, VII, IIa

Sardelle

8.360 t +23 %

IX, X

Schwertfisch

17.546 t 0 %

Hohe See vor

Westafrika,

Mittelmeer

Makrele

318.811 t 0 %

IIa, Vb, VI, VII,

VIII, XII, XIV

Steinköhler

15.887 t +24 %

VII

Seezunge

30.326 t +6 %

II, IV

Hering

459.626 t +4 %

IV

Scholle

97.380 t +19 %

IIa, IIIa, IV

Blauflossen-

Tunfisch

5.756 t 0 %

Mittelmeer

Die EU-Fischerei

Die europäischen Meere werden in Fischereizonen

eingeteilt (röm. Ziffern), für die jeweils die Quoten der

Bestände festgelegt werden. Viele Bestände werden in

mehreren Zonen gefischt – in der Grafik sind die Fische

meist nach ihrem Hauptfanggebiet eingezeichnet.

Generell sind die europäischen Gewässer schwer

überfischt. Die EU hat eine zwei- bis dreimal höhere

Fangkapazität, als für eine nachhaltige Fischerei gut wäre.

Mithilfe hoher Steuersubventionen werden riesige Schiffe

gebaut, die auch außerhalb europäischer Gewässer

fischen können (siehe Tortengrafik Seite 11). Die EU-Flotte

trägt daher signifikant zur weltweiten Überfischung bei.

© Christian Aslund/GP, © MARCus Meyer/GP

Hauptfanggebiete der EU

Nordatlantik 73,72 %

Mittelmeer und Schwarzes Meer 10,37 %

Zentralatlantik 6,78 %

Indischer Ozean 2,53 %

Südpazifik 1,77 %

Südatlantik 1,72 %

Zentralpazifik 0,7 %

andere Gebiete 2,41 %

88 %

überfischt

Portugal

55,6 kg

Nordatlantik 73,72 %

Mittelmeer und Schwarzes Meer 10,37 %

Zentralatlantik 6,78 %

Indischer Ozean 2,53 %

Südpazifik 1,77 %

Südatlantik 1,72 %

Zentralpazifik 0,7 %

andere Gebiete 2,41 %

Zustand der

Fischbestände in

EU-Gewässern

Nur für 76 % der Bestände werden

Fangquotenbeschränkungen verhängt,

der Rest wird unbeschränkt befischt.

Beliebter Fisch

Die Nachfrage nach Fisch wächst stetig.

Fischkonsum in kg / Person / Jahr.

Spanien

41,23 kg

Litauen

36,8 kg

EU-SchniTt

22,3 kg

Deutschland

14,8 kg

Österreich

13,5 kg

onen für den nationalen Fischereisektor. Erschreckend

ist dabei die gerne verheimlichte

Tatsache, dass die europäische Fischerei ohne

die massiven Subventionen aus dem EU-Steuergeldtopf

längst bankrott wäre: Die Kosten, den

wenigen verbliebenen Fisch zu fangen, übersteigen

den Gewinn bei weitem. Nur drei bis sechs

Prozent Gewinn machen Europas Fischer, während

ihre Kollegen in Neuseeland das Vielfache

an Gewinnen „einfischen“.

Umweltverbrechen Beifang

Grundlegend ändern muss sich auch der

Umgang mit Beifängen. Denn bisher schaufeln

EU-Fischer zu kleine Exemplare und Fische der

falschen Art sowie anderen ungewollten Beifang

einfach wieder über Bord – kaum ein Tier

kann das überleben. Die verschwendeten Mengen

sind enorm und können zwischen zehn

und sechzig Prozent ausmachen. Allein in der

Nordsee werden die jährlichen Rückwürfe auf

bis zu 800.000 Tonnen geschätzt. In der schottischen

Kabeljau-Fischerei gehen fast drei

Viertel des Kabeljaus wieder über Bord. Die

EU-Kommission schlägt vor, dieser umstrittenen

Praxis nun ein Ende zu setzen: Fischer sollen

den ganzen Fang anlanden und Beifang auf

die Fangquote angerechnet werden. Damit sollen

Beifänge von vorneherein vermieden werden,

denn natürlich tut ein Fischer alles dafür,

um möglichst viel der lukrativen Zielart anzulanden

– sei es durch selektivere Fangmethoden,

größere Maschenweiten oder die Wahl eines

besseren Fanggebietes. In Länder wie Norwegen,

in denen ein Anlandegebot seit Jahren

gilt, sind die Beifangmengen stark gesunken.

Doch es gibt Gegenwehr: Im Moment versuchen

einige EU-Länder solche Änderungen mit

langen Übergangsfristen zu verwässern.

So ein Verhalten ist nicht nur empörend,

sondern auch verantwortungslos. Viele Fischbestände

sind an den Grenzen der äußersten

Belastbarkeit angekommen, und die Vielfalt

der Meere steht auf dem Spiel. Maria Damanaki

rechnet vor, was eine umweltfreundliche,

nachhaltige Fischerei auch finanziell bringen

würde: „Die Fischbestände würden um 70 Prozent

zunehmen, die Fänge könnten um 17 Prozent

steigen.“ Fischer könnten also mit nachhaltiger

Fischerei mehr Geld verdienen, ihre

Existenz sichern – und die Meere schützen.

Die Neuordnung der europäischen Fischerei

betrifft aber nicht nur die großen Fischereiländer

und darf keinesfalls nur ihnen überlassen

werden. Auch wer im Waldviertel Forellen

züchtet, kommt um die GFP nicht herum.

Zwar hält sich die Mitschuld der hiesigen

Fischzüchter an der Überfischung der Meere in

Grenzen, doch treiben auch sie mit dem Verfüttern

von Fischmehl und Fischöl die weltweite

Überfischung an. In Österreichs Fischteichen

werden jährlich 2.200 Tonnen Speisefisch

gezüchtet. Die Forelle ist dabei mit 60

Prozent der wichtigste Zuchtfisch, nur 16 Prozent

sind Karpfen. Dabei können besonders

hiesige Karpfenzüchter in puncto Nachhaltigkeit

anderen europäischen Fischern etwas vormachen:

Sie füttern fast ausschließlich Getreide

zu und missbrauchen damit keinen Meeresfisch

für Fischfutter. Blauer Wittling, Anchovis,

Hering, Sardine oder Makrele – eigentlich

beste Speisefische – werden in rauen Mengen

vor Westafrika, Peru oder in der Nordsee nur

für die Verarbeitung zu Fischmehl gefangen!

Nahezu 6.000 Tonnen Fischmehl wurden

2010 nach Österreich importiert – und landen

nicht nur in der Forellenzucht, sondern zum

größten Teil in der Schweinemast.

Diese Reform der europäischen Fischereipolitik

betrifft uns also alle: Fischer, Bauern,

Supermärkte, Konsumenten und Steuerzahler.

Wir täten daher gut daran, Österreichs „Fischereiminister“

Niki Berlakovich in die Pflicht

zu nehmen, um dafür zu sorgen, dass der von

Maria Damanaki vorgeschlagene GFP-Entwurf

von den sonst bisher alles bestimmenden

Fischereinationen Spanien, Frankreich und

Italien nicht allzu sehr verwässert wird. n

10 act act 11


Über 400 Kinder formen einen

menschlichen Riesenfisch am

Strand von Dakar (Senegal): Die

Überfischung der lokalen

Gewässer bedroht nicht nur ihre

Ernährungssicherheit, sondern

auch ihre Zukunft. Melanie

Aldrian, Pressesprecherin von

Greenpeace Österreich, hat sich

vor Ort im Rahmen einer großen

Kampagne für die Rechte der

Bevölkerung und den Schutz der

Meere eingesetzt (kl. Bild u.).

Hanna Schwarz ist ständig unterwegs,

um sich ein Bild von den

zahlreichen AKW-Schauplätzen rund

um Österreich zu machen und Sie

darüber zu informieren (gr. Bild beim

AKW Bohunice in der Slowakei).

Die Castor-Transporte ins Atommüll-

Zwischenlager Gorleben bringen

viele tausende Menschen zum

Protest zusammen – Hanna

Frontstage war selbstverständlich

mit dabei (kl. Bild o.).

Sonnenaufgang in Westafrika

Die einst fischreichen Gewässer vor Westafrika sind das Ziel unserer Mission zur

Rettung der Meere. Ich bin diesmal mit an Bord der „Arctic Surise“. Von Melanie Aldrian

Backstage war gestern

Als Hanna Frontstage berichte ich Ihnen von Aktionen und informiere Sie über Protestbewegungen vor Ort –

speziell wenn diese gegen Atomkraft sind und unser Atom-Eingreiftrupp im Einsatz ist. Von Hanna Schwarz

Es sind ungewohnte Gefilde für das

Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“,

das vor kurzem noch in arktischen

Gewässern gegen die schmutzigen

Geschäfte der Ölindustrie im Einsatz

war. Das Meer vor der westafrikanischen

Küste ist für den knapp

fünfzig Meter langen Eisbrecher

keine große Herausforderung. Die

Mission, die die Greenpeace-Crew in

senegalesische und mauretanische

Gewässer führt, dagegen schon: Die

Fischbestände in der einst fischreichsten

Region der Welt sind in

Seenot! Von europäischen Fischfangflotten

beinahe leergefischt,

droht dem Fischbestand im Atlantik

der Kollaps. Was ein ökologischer

Albtraum ist, ist hier in den ärmsten

Ländern der Welt auch eine humane

Katastrophe. Die Hauptnahrungsquelle

der westafrikanischen Bevölkerung

landet in den riesigen Netzen

der europäischen Fisch industrie

und auf internationalen Tellern.

Im Februar bin ich gemeinsam mit

einem zwanzigköpfigen Greenpeace-

Team mit der „Arctic Sunrise“ aufgebrochen,

um mich gegen diese Plünderung

der westafrikanischen Gewässer

vor Ort einzusetzen. Überdimensionierte

Fischfangflotten aus

Europa fangen und verarbeiten hier

täglich mehrere hundert Tonnen an

Fisch – mehr, als das Ökosystem und

die westafrikanische Bevölkerung

verkraften können. In die Netze eines

einzigen sogenannten Supertrawlers

geht während einer Tour

jene Menge Fisch, von der sich rund

34.000 Westafrikaner ein Jahr lang

ernähren könnten. Daher sind wir

vor Ort, um die Öffentlichkeit zu informieren,

was hier vor sich geht, um

die Verursacher zu konfrontieren

und um damit die Reform der Gemeinsamen

Europäischen Fischereipolitik

im Interesse der Meere zu beeinflussen.

Beim ersten Landgang in Dakar

treffen wir auf bekannte Gesichter.

Darunter den senegalesischen Fischer

Ameth Wade, der uns mit seinen

Kollegen willkommen heißt.

Beinahe ein Jahr ist es nun her, als er

im Rahmen der von Greenpeace initiierten

„African Voices Tour“ auch

in Österreich zu Gast war, um von

der Situation der Fischer in seiner

Heimat zu berichten. Dort, wo er

einst seinen Lebensunterhalt verdiente,

stillt heute hauptsächlich die

europäische Fischereiindustrie ihre

Gier. 140 Meter lange schwimmende

Fischfabriken mit riesigen Fangnetzen

verschlingen, was das Meer

hergibt, erzählt er uns.

Übrig bleibt fast nichts

Ich blicke auf die bunten westafrikanischen

Fischerboote, Pirogen genannt,

die gegen die überdimensionierten

Industrieschiffe so winzig

wirken wie das, was schlussendlich

in den Netzen der heimischen Fischer

hängen bleibt. Viel zu wenig

auch für Ameth Wade, um seine Familie

zu ernähren. Um nur einen

kleinen Teil ihrer früheren täglichen

Fangmenge zu erreichen, sind die

Fischer mittlerweile gezwungen, ihr

Leben zu riskieren. Sie müssen immer

weiter auf das offene Meer

hinaus und in ihren Pirogen immer

länger dort ausharren.

Es ist also höchste Zeit, dass die

europäische Politik endlich Verantwortung

übernimmt, den Rettungsanker

für Westafrikas Zukunft

auswirft und eine tatsächliche Reform

der europäischen Fischereipolitik

auf den Weg bringt! Nur

durch eine Verringerung der europäischen

Flotten, durch minimierte

Fangquoten und durch neue Meeresschutzgebiete

kann der Überfischung

ein Ende bereitet und den

Meeren ihre dringend nötige Erholungspause

verschafft werden.

Zum Abschied geleiten uns

Ameth und seine Kollegen in ihren

Pirogen auf das offene Meer in

Richtung Sonnenaufgang. Mir wird

klar: Unsere Mission ist noch nicht

zu Ende, sie wird in Europa weitergehen,

so lange, bis der Raubbau

an unseren Weltmeeren ein Ende

findet! n

© Clèment Tardif/GP, © Pierre Gleizes/GP, © GP, © GP/Niklas Schinerl, © GP/Andrea Zlatnanska

Greenpeace kann jeden Tag viele

Geschichten erzählen, die nicht

immer in der breiten Öffentlichkeit

auftauchen. Wir wollen Sie dennoch

daran teilhaben lassen – zum Beispiel

mittels Blog auf unserer

Homepage und der sozialen Medien

Facebook und Twitter. Deshalb

packe ich als Hanna Frontstage meinen

Rucksack samt Kamera und

fahre dorthin, wo Protestbewegungen

stattfinden und wo vor allem

unser Atom-Eingreif trupp aktiv ist.

Die Anti-Atom- Bewegung liegt mir

besonders am Herzen – denn warum

sollen wir im 21. Jahrhundert

auf eine Hochrisiko-Technologie

setzen, wenn wir doch andere, sichere

und saubere Energiequellen

haben können?

Um am Ort des Geschehens zu

sein, habe ich im letzten halben

Jahr 160 Stunden im Zug verbracht.

40 Stunden Autofahrt waren

auch dabei. Dafür entschuldige

ich mich – doch die Verwendung

des Fahrzeugs hatte hauptsächlich

einen Grund: die Castor-Transporte

ins deutsche Gorleben. Mein Kollege

und Anti-Atom-Experte Niklas

Schinerl und ich berichteten dort

von der Anti-Atom-Bewegung, dem

Lagerleben, unserem Atom-Eingreiftrupp,

aber allen voran von

Familien und Bauersleuten, die sich

an Gleise ketteten, um den Transport

von radioaktivem Müll aufzuhalten.

Dieses wunderschöne

Wendland mit seinen kleinen Dörfern

und roten Backsteinhäusern

wurde als Zwischenlagerstätte für

radioaktiven Müll auserkoren –

zum großen Ärger der Bevölkerung.

Im Osten viel Neues

Aber wie mitreißend waren für

mich erst die Besuche bei den vielen

Aktionen unserer osteuropäischen

Büros! Greenpeace Österreich baut

diese Standorte seit zwölf Jahren

auf, um Umweltschutz dort auf der

politischen und gesellschaftlichen

Agenda zu verankern. Ein Teil Ihrer

Spenden wird für diesen Aufbau verwendet

– umso wichtiger ist es für

Sie zu erfahren, was dort passiert.

Es sind unglaublich motivierte

Leute, die ich in unseren Büros in

Rumänien, Bulgarien, Slowenien,

der Slowakei, Ungarn und Polen treffe.

Denke ich an meine Reisen zu den

AKWs Krško und Bohunice, jagt es

mir jetzt noch einen kalten Schauer

über den Rücken, so bedrückend

sind die bleibenden Bilder von den

bedrohlichen Reaktor-Türmen in

meinem Kopf.

In Krško werden davor Apfelbäume

gehegt und gepflegt. Problemlos

spazieren mein slowakischer Kollege

Dejan Savic und ich bis vor die

Tore. Eine heimtückische Idylle, befinden

wir, die vom Gefahrenpotenzial

des auf einer Erdbebenlinie gebauten

Reaktors ablenken möchte.

Ganz anders in Bohunice, das mit

seinen abschreckenden Kühltürmen

schon von weitem drohend auf

sich aufmerksam macht. Meine slowakische

Kollegin Andrea Zlatnanska

will es mir aus nächster Nähe zeigen

– denn das Kraftwerk geht mich

und uns alle etwas an! Würde dort

etwas passieren, könnten wir als

Nachbarland von einer radioaktiven

Wolke betroffen sein. Allerdings ist

Besuch dort unerwünscht – schon

nach wenigen Minuten werden wir

vom Gelände eskortiert. Im Café erzählt

mir Andrea dann von dem

Fehlalarm tags zuvor, der die Menschen

in Panik versetzt hatte. Ich

blicke im kleinen Café um mich und

sehe nicht wenige Leute, die vormittags

um elf bei Bier und Schnaps

sitzen – bedrückt vom Leben im

Schatten des AKWs und um die

Ängste des gestrigen Tages besser

zu vergessen?

Gut, dass meine engagierten Kollegen

aus den osteuropäischen

Atomstaaten die Gefahren der Nuklearenergie

nicht verdrängen und

Tag für Tag dagegen kämpfen! Überzeugen

Sie sich persönlich davon –

auf www.greenpeace.at/frontstage

können Sie unsere Anti-Atom-

Kämpfer kennenlernen! n

12 act act 13


Leben mit dem

Super-Gau

Vor einem Jahr begann die Katastrophe von Fukushima. Für die Menschen in der

Nähe des havarierten AKWs geht der nukleare Albtraum nicht zu Ende.

Trotz Dekontaminierungsmaßnahmen

in Fukushima-Stadt stellt

Greenpeace bei Messungen immer

wieder zu hohe Strahlenbelastungen

fest, denen Kinder ungeschützt

ausgesetzt sind (kl. Bild ganz l.). In

Tsushima (Bezirk Namie) ist die

Verstrahlung so hoch, dass die

Menschen vermutlich nie wieder

zurückkehren können (Bild l.).

Von Birgit Bermann

Fatale Nachbarschaft

zum AKW Fukushima:

Ayako Oga (o.) und

das Ehepaar Ogawara

werden noch viele

Jahre und Jahrzehnte

mit der nuklearen

Katastrophe zu

kämpfen haben.

Yoko Tanji aus

Fukushima-Stadt leitet

eine Schule – und

wünscht sich, die

Kinder würden die

Gegend verlassen.

Eine Greenpeace-

Mitarbeiterin misst

Strahlenwerte in Watari

(gr. Bild).

3x © Robert Knoth/GP, © Noriko HayASHI/GP, © Jeremy Sutton-Hibbert/GP, © Robert Knoth/GP, © Noriko HayASHI/GP

zumachen, das ist fast unmöglich“,

sagt Vater Shin.

Mit den Ogawaras und Ogas sind

noch sehr viele andere Menschen

Opfer einer Katastrophe geworden,

die im Gegensatz zu einemTsunami

oder einem Erdbeben verhinderbar

war. Jahrzehntelang haben die Japaner

eine fast geschlossene Front

für die Energieversorgung aus Nuklearstrom

gebildet – beeinflusst

durch eine unselige Allianz aus

Atomlobby, Energiebetreibern, Medien

und Politik, die für die japanische

Bevölkerung nur genau eine

Art von Botschaft übrig hatte:

Atomkraft ist sicher, Atomkraft ist

billig, Atomkraft ist beherrschbar –

und vor allem: Japan und seine

Wirtschaft können ohne Atomkraft

nicht existieren.

Stille Reaktoren

Heute stehen die Japaner nicht

nur vor den Trümmern der Atomruine

Fukushima, sondern auch vor

dem Scheiterhaufen einer verfehlten

Energiepolitik. Zu dem Entsetzen

über den Super-GAU gesellt

sich auch die bohrende Frage nach

dem „Wozu?“. Denn die stets postulierte

Abhängigkeit des Landes von

der Nuklearenergie entlarvt sich als

Propaganda: Japan ist heute so gut

wie atomstromfrei. Von den 54 Reaktoren

landesweit sind im Februar

nur noch drei am Netz gewesen,

im Mai werden es nach Plan null

sein. Schon unmittelbar nach dem

11. März kam es nach Erdbebenschäden

zu AKW-Abschaltungen,

der Rest wurde wegen der von der

Regierung verordneten Stresstests

und für regelmäßige Wartungsarbeiten

heruntergefahren. Statt 30

Prozent liefern die japanischen

AKWs mitten im Winter aktuell nur

mehr drei Prozent und bald null

Prozent Leistung – und nirgends

sind die Heizungen kalt geblieben,

mussten die Fließbänder gestoppt

werden oder sind in Tokio gar die

Lichter ausgegangen. Wann und

wie viele der Reaktoren wieder

hochgefahren werden, ist völlig unklar

– die lokalen Behörden müssen

dem jeweils zustimmen, und die Bevölkerung

ist massiv verunsichert.

Der Entschluss, atomstromfrei

zu sein, ist von den Japanern nicht

frei gewählt – die drittgrößte Industrienation

der Welt ist daher auch

nicht vorbereitet. Zur Kompensation

in der Energieversorgung wird

nun vermehrt auf fossile Brennstoffe

zurückgegriffen, werden schwach

ausgelastete Gaskraftwerke reaktiviert

und die Ölimporte steil nach

oben geschraubt. Japan hat durch

seine Atomgläubigkeit den Ausbau

erneuerbarer Energien jahrzehntelang

auf die lange Bank geschoben –

und kann jetzt weder auf saubere

Kapazitäten noch entsprechende

Strukturen zurückgreifen.

Doch anders als früher ist Energiepolitik

heute Thema der öffen t-

lichen Diskussion. Die nukleare

Katastrophe hat das Land verändert,

und Japan vor Fukushima ist

ein anderes Japan als das nach Fukushima:

Das Lager der Atomkraftgegner

wächst, zu Protestkundgebungen

kommt mit mehreren

zehntausend Menschen erstmals

eine signifikante Anzahl an Demonstranten

zusammen, und vereinzelt

beginnen prominente Stimmen,

öffentlich gegen die Nuklearenergie

Stellung zu beziehen.

Erste Reglementierungen

Auch die Regierung in Tokio setzt

erste Schritte, die Allmacht des

Atoms zaghaft zu reglementieren.

Im Februar hat sie eine Laufzeitbegrenzung

für die japanischen

AKWs beschlossen. 40 Jahre dürfen

die Meiler nun laufen – über

eine Hintertür können nochmal 20

Jahre dazukommen. Fukushima

war zum Zeitpunkt des Unglücks

45 Jahre alt, und die meisten der japanischen

Reaktoren werden dieses

Alter in den nächsten Jahren erreichen.

Sollte diese Laufzeitbegrenzung

tatsächlich standhalten und

Japan auch nur einigermaßen am

Klimaschutz interessiert sein, dann

stehen der Energieversorgung des

Landes große Umwälzungen bevor.

Doch nicht nur, bis es so weit ist,

sondern leider noch sehr viel länger

werden die Menschen damit beschäftigt

sein, die Folgen der Atomkatastrophe

in den Griff zu bekommen.

In der Präfektur Fukushima

hat die Bevölkerung im letzten Jahr

vielfach zur Selbsthilfe gegriffen, um

das Leben wieder in halbwegs normale

Bahnen lenken zu können.

Zahllose Schulgebäude und Kindergärten,

private Häuser und Gärten

haben die Menschen selbst dekontaminiert

– mit Hochdruckreinigern

und durch Abtragen des verstrahlten

Erdreichs, wie es die Broschüren der

Regierung vorzeigen. Doch wo der

Müll dann entsorgt werden soll,

konnte ihnen niemand verraten. Japan

hat zwar 54 AKWs, aber nicht

eine Atommüll-Endlagerstätte – und

daher keinen geeigneten Platz, um

die kontaminierten Massen zu bunkern.

„Wir haben die verstrahlte Erde

in Plastik verpackt und in einer anderen

Ecke des Schulhofes vergraben“,

erzählt die Schuldirektorin

Yoko Tanji aus Fukushima-Stadt.

Leben mit dem Super-GAU – das

ist ein Nervenkrieg, der an den Betroffenen

zehrt. Niemand weiß, wie

viel Strahlung man tatsächlich abbekommen

hat und wie die langfristigen

Folgen sein werden. „Ich

wünschte, die Kinder würden diese

Gegend verlassen“, sagt Yoko Tanji.

Die Menschen in Fukushima müssen

es weitaus schmerzhafter erfahren

als viele andere: Atomkraft ist

nicht die Zukunft, es raubt die

Zukunft. n

Alles rund um das Gedenken zu

einem Jahr Fukushima:

www.greenpeace.at/fukushima

Siebeneinhalb Kilometer liegen

zwischen der havarierten Atomruine

von Fukushima-Daiichi und dem

Haus von Ayako Oga. Am Morgen

des 11. März 2011 verließ die

39-Jährige das gerade neugebaute

Zuhause, um einen Termin wahrzunehmen

– und ist seitdem nicht wieder

zurückgekehrt. Am Abend jenes

folgenschweren Tages, an dem ein

Erdbeben und ein darauf folgender

14 act

Tsunami das Leben von fast 20.000

Menschen forderten, hörte Ayako

Oga im Radio, dass die Menschen

unmittelbar rund um das Kraftwerk

zur Flucht aufgefordert wurden. „In

diesem Moment realisierte ich, dass

sich wirklich ein Nuklearunfall ereignet“,

sagt die zierliche Frau, die heute

nach vielen Umzügen und Aufenthalten

in Flüchtlingscamps weit weg

von ihrer einstigen Heimat lebt.

Die Ogawaras leben heute noch

auf ihrem Hof in Funehiki in der

Präfektur Fukushima, 40 Kilometer

vom Atomkraftwerk entfernt. Sie

betreiben einen Biobauernhof auf

einem Land, das seit sechs Generationen

von ihrer Familie bestellt

wird. Da die fünffache Mutter Tatsuko

die Nachbarschaft zu dem

Kernkraftwerk schon immer beunruhigt

hat, besitzen sie ein Strahlenmessgerät.

Am 15. März 2011,

vier Tage nach dem Unfall, beginnt

das Gerät heftig anzuschlagen und

zeigt eine stetig steigende Strahlenbelastung

an. Nach einer kurzen

Evakuierungsmaßnahme sind die

Ogawaras auf ihr Land zurückgekehrt

und haben beschlossen zu

bleiben – die einzige Option, die

ihnen möglich scheint. „Das Land

zu verlassen und woanders weiter-

Das waren

50 € 2011

Das können

50 € 2012 sein

Ihre Spende kann 2012 mehr wert sein!

Seit 1.1.2012 sind Spenden an Greenpeace von der Steuer absetzbar.

Sie können sich daher ab heuer dafür entscheiden, gleich viel zu geben –

und dabei mehr zu spenden!

Alle Infos zur Spendenabsetzbarkeit finden Sie auf

www.greenpeace.at/spendenabsetzbarkeit


Ein Leben

in Grün

Nie war es einfacher als

heute, den Alltag nachhaltig

zu gestalten; es gibt tausend

Möglichkeiten, ein grünes

Leben zu führen. Wenn man

es wirklich will – denn grün

leben bedeutet, sich auf das

Wesentliche zu besinnen.

Von Bettina Benesch

© istockphoto/crossbrain66, © GP

ten Baumwolle gentechnisch verändert

ist. Es ist daher sinnvoll, auf

Öko-Mode zu setzen. Aber wie?

Mehr zum Suchen und Finden von

grüner Mode finden Sie auf den

Seiten 18 und 19.

Ökologisch sauber

Beim Thema Kleidung gibt es

aber noch einen Aspekt, der nachhaltig

gestaltet werden kann: Wäsche

waschen. Wer dabei auf sich

und die Umwelt achten möchte,

braucht Alternativen zu „Blütenduft“

und „Wunderweiß“. Denn

Duftstoffe können Allergien auslösen,

und optische Aufheller belasten

die Gewässer. Die gute Nachricht:

Auch viele konventionelle

Waschmittel sind heute unbedenklicher

als früher, da sie schon bei

niedrigen Temperaturen gut reinigen

und vergleichsweise gering dosiert

werden müssen. Wer dennoch

eine Alternative sucht, hat reichlich

Auswahl, denn ökologische Waschmittel

gibt es in jedem Reformhaus

sowohl als Kompaktvariante als

auch im Baukastensystem. Bei diesem

dient ein Basiswaschmittel als

Grundbaustein, dazu kommt bei

Bedarf Wasserenthärter und bei

Egal, wo man beginnt: Das Umkrempeln des

Alten macht Platz für ein neues Denken.

weißer Wäsche Bleichmittel. Klingt

auf den ersten Blick kompliziert, ist

es aber nicht. Garantiert.

Und dann gibt es noch etwas anderes:

Waschnüsse. Sie liegen seit einigen

Jahren im Trend als ökologisch

einwandfreie Alternative zum

herkömmlichen Waschmittel. Die

asiatischen Nüsse enthalten Saponin,

das im Wasser gelöst wird und

wie Seife wirkt. In vielen Foren werden

Lobeshymnen über die Nüsse

gesungen – die eigene Erfahrung

zeigt jedoch: Mit groben Flecken

werden sie nicht fertig, wenn man

die Kleidung nicht vorbehandelt.

Bedenken sollte man darüber hinaus,

dass die Nachfrage des Westens

die Verfügbarkeit der Nüsse in den

Anbaugebieten senkt. Außerdem

stellt sich die Frage, ob der lange

Transportweg notwendig ist, zumal

hierzulande auch umweltverträgliche

Waschmittel zu haben sind.

Keine Frage, Nachhaltigkeit ist in

vieler Munde – ein Massenphänomen

ist sie deshalb noch lange

nicht. Der Anteil an Bio-Baumwolle

beträgt weltweit 1,1 Prozent, täglich

landen in Österreich 460 Tonnen

Lebensmittel im Müll, der

Marktanteil von Bio-Lebensmitteln

im Einzelhandel liegt zwischen

sieben und acht Prozent. Und auch

in Sachen Mobilität leben wir, als

gäbe es kein Morgen: In den vergangenen

Jahren standen bei den

Pkw-Neuzulassungen die leistungsstarken

Autos an der Spitze.

Dabei kommt man jedenfalls in der

Stadt mit wenig Motorleistung gut

voran – falls man die überhaupt

braucht in einem Umfeld, in dem

U-Bahn und Bus quasi vor der Nase

fahren. Auf dem Land sieht die Sache

anders aus, da ist das Auto für

viele der Nabel zur Welt. Es steht

aber nirgendwo geschrieben, dass

der eigene Pkw auf Hochleistung

getrimmt sein muss. Auch ein

spritsparendes Fahrzeug wird mit

Steigungen und Kurven fertig.

Neues Denken entsteht

Wenn man sich die Sache genauer

ansieht, merkt man, dass ein nachhaltiges

Leben für die meisten Menschen

nicht erstrebenswert ist – zumal

andernorts fast täglich ein neues

Kohlekraftwerk ans Netz geht

oder die Nachbarn nach wie vor das

Fleisch von Käfighühnern kaufen:

„Wozu soll ich nachhaltig leben,

wenn es die anderen nicht tun?“

Eines ist klar: Nachhaltig zu leben

ist nicht auf Anhieb praktisch, und

auf den ersten Blick ist es auch nicht

billig. „Nicht auf Anhieb“ und „auf

den ersten Blick“ sind hier die

Schlüsselbegriffe, denn: Wer es genau

nimmt mit der Nachhaltigkeit,

der kommt auf seine Rechnung. Der

fliegt vielleicht nicht mehr um die

halbe Welt auf Urlaub, braucht keinen

Geländewagen mehr für die

Stadtrundfahrt. Es geht um Reduktion.

Mitunter sieht die so aus, dass

man (etwa aus Geldmangel) auf Bio-

Fleisch verzichtet – aber genauso

auf das Auto und den Wochenendtrip

nach London.

Vielleicht findet der eine Nachhaltigkeit

in Bio-Möbeln, der andere

hinterfragt das Wirtschaftssystem

und schafft sein Geld zur

nächsten Ethikbank. Egal, wo man

beginnt: Das Umkrempeln des Alten

macht Platz für ein neues Denken.

Und das dreht sich um das

Notwendige, ohne die echten Bedürfnisse

zu vernachlässigen. Was

die echten Bedürfnisse sind, das

findet jeder für sich selbst heraus,

wenn er nur ein wenig nachdenkt,

wie es denn sein könnte – das

Leben in Grün. n

Tausend Möglichkeiten also –

aber wo beginnen? Hier ein paar

Denkanstöße, die beim Start in ein

grünes Leben helfen. Einen guten

ersten Schritt gehen alle, die ihre

Einkaufsgewohnheiten einmal von

Grund auf überdenken. Es gibt dazu

ein paar hilfreiche Fragen. Die wichtigste:

Brauche ich das Produkt wirklich?

Dann: Ist es lange haltbar?

Lässt es sich reparieren? Könnte ich

es auch ausleihen? Und: Gibt es Alternativen

mit Gütesiegel? Und zwar

mit einem, das diesen Namen auch

verdient. G Ü T E S I E G E L. Also:

gut, seriös, transparent. Bei näherem

Hinsehen hält nicht jedes Emblem,

was die Macher versprechen.

Hilfreich bei der Suche nach empfehlenswerten

Gütesiegeln ist die

Greenpeace-Plattform www.marktcheck.at

oder www.label-online.de.

Vom Gütesiegel im Allgemeinen

ist es nicht weit zum ganz konkreten

Label. Eines der wohl am häufigsten

verwendeten ist das Bio-Gütesiegel

der Europäischen Union,

das seit Mitte 2010 jedes biologisch

produzierte Produkt kennzeichnet.

Gesichertes Minimum

Das Label markiert den Bio-Mindeststandard

laut Bio-EU-Verordnung.

Demnach dürfen Bauern ihre

Pflanzen nur mit bestimmten Dünge-

und Pflanzenschutzmitteln behandeln,

Tiere müssen eine bestimmte

Fläche zur Verfügung haben

(zum Beispiel drei Quadratmeter

für ein 350 Kilo schweres

Mastrind), dürfen keine Medikamente

erhalten, wenn sie nicht

krank sind, und sollen Bio-Futter

fressen. Die Tiere müssen „ständigen

Zugang zu Freigelände,

vorzugsweise zu Weideland, haben,

wann immer die Witterungsbedingungen

und der Zustand des

Bodens dies erlauben (…)“. Diese

und andere Formulierungen lassen

erahnen, dass es Ausnahmen gibt.

Nicht jeder, der Bio-Fleisch kauft,

kann also sicher sein, dass das Tier

auch eine Weide betreten hat, denn

es gibt darüber keine verbindliche

Information auf dem Etikett. Derzeit

muss sich also jeder selbst darum

kümmern, diese Informationen

zu bekommen.

Wer höhere Bio-Standards möchte,

der kann sich beispielsweise an

die Verbände Bioland und Demeter

halten; sie geben den Bauern strengere

Regeln vor als die EU-Verordnung.

Grundsätzlich aber gilt:

Das Bio-Minimum à la Europäische

Union ist immer

noch verträglicher als

konventionelle Landwirtschaft.

Während sich bei vielen Konsumenten

der Wunsch nach „Bio“

beim Essen durchgesetzt hat, stehen

wir im Textilbereich noch am

Anfang, denn nach wie vor werden

Arbeiter zu Hungerlöhnen beschäftigt,

immer noch gelangen giftige

Abwässer in die Umwelt. Ganz zu

schweigen von der Tatsache, dass

ein Fünftel der weltweit angebau-

„Tu was!“-Tipps

Denkanstöße für eine

bessere Welt vom

Greenpeace

Magazin Deutschland.

77 Tipps für eine

Bessere Welt

Tu was! Greenpeace zeigt – durchaus

auch augenzwinkernd – vor, wie

man mit kleinen Dingen Gutes tun

kann – für sich, für andere und für den

gemeinsamen Planeten. 77 nicht immer

ganz ernst gemeinte Tipps bringen

garantiert neue Einblicke ins Weltrettertum!

verlost fünf Exemplare unter

jenen Leserinnen und Lesern, die uns

bis zum 15. April entweder eine Mail

(act@greenpeace.at) oder eine Postkarte

(Greenpeace CEE, Chef redaktion

act, Fernkorngasse 10, 1100 Wien)

schreiben.

Das Buch kann darüber hinaus beim

Greenpeace Magazin zum Preis von

19,90 Euro bestellt werden: wwwgreenpeace-magazin.de/warenhaus.

act 17

16 act


grüne

Mode

Öko-Mode liegt im Trend – nicht zuletzt, weil

immer mehr Konsumenten mit gutem Gewissen

shoppen wollen. Modeketten springen

zwar auf den Zug auf, geben ihren Kollektionen

aber bestenfalls einen grünen Tupfer.

Von Gundi Schachl

Es grünt ein ganz klein wenig bei

großen Modehäusern wie zum Beispiel

H&M oder C&A. Dort trifft

man nun vereinzelt auf Modelle mit

einem kleinen grünen Schild neben

dem Preiszettel. Darauf zu lesen:

„Hergestellt aus 50 Prozent zertifizierter

Bio-Baumwolle, ohne Verwendung

schädlicher Chemikalien

angebaut.“ Ein Stück mit grünem

Anstrich, „halb-öko“ sozusagen.

Doch reicht das?

Grüner Boom

Immer mehr Textilriesen surfen

auf der grünen Welle. Dahinter

steckt oft weniger die Absicht, effektiv

etwas für die Umwelt zu tun,

sondern eine Imagepolitur für bessere

Profitaussichten – der grün angehauchte

Konsument ist als Zielgruppe

ins Visier gerückt. Ob die

Aktivitäten der großen Textilketten

tatsächlich zu einer nachhaltigen

Trendwende im Kaufverhalten und

Kaufverlangen führt, bleibt abzuwarten.

Unternehmen, die ausschließlich

Öko-Mode anbieten, sehen

die Entwicklung der Textilriesen

jedenfalls mit gemischten

Gefühlen.

Denn der Boom

der vermeintlichen

Bio-Mode hat auch

seine Schattenseiten.

Die steigende Nachfrage

nach Bio-Baumwolle

lässt Preise steigen und führt

zu Engpässen von zertifizierter

Ware. Spekulationen mit dem

nachgefragten Rohstoff treiben die

Preise weiter nach oben und bringen

kleinere Anbieter mit weniger

Einkaufsmacht in Bedrängnis.

Auch beim Verkaufspreis können

die meisten Öko-Marken mit den

Textilriesen nicht mithalten. Denn

vielen Konsumenten ist nicht bewusst,

dass die Herstellung von tatsächlich

ökologischer Mode ihren

Preis hat. Die Bereitschaft, für ein

höherwertiges Produkt mehr zu bezahlen,

ist oft nicht vorhanden.

Wer dennoch und tatsächlich

nach seinem grünen Gewissen

handeln will und es nicht nur beruhigen

möchte, steht vor der nächsten

Schwierigkeit – wirklich „saubere“

Kleidung zu finden. Rein auf

Begriffe wie „Öko“, „Bio“ und „Natur“

kann man sich nicht verlassen.

Oft haben diese weniger mit der

© Karin Dreher

Weiterlesen

Der Online-Einkaufsratgeber von Greenpeace

www.marktcheck.at bietet wei terführende

Informationen auf seinen

Mode-Seiten, gibt Kauftipps und nennt

Einkaufsadressen von Bio-Mode und

-Textilien. Dort findet sich auch der Link zur

Bezugsquelle der Greenpeace-Textil-Fibel.

Verlosung

Auf http://marktcheck.greenpeace.at/act.html

verlosen wir unter allen -Leserinnen und

-Lesern 30 faire Bio-Baumwolltaschen

für den nächsten

grünen Shopping-Trip!

Einsendeschluss ist der

15. April 2012.

tatsächlichen Beschaffenheit eines

Stückes zu tun als mit einer guten

Marketingabteilung.

Sicherheit geben geprüfte Zertifizierungen:

Die Mehrzahl dieser Siegel

bezieht sich auf Bio-Baumwolle,

aber auch auf den immer wichtiger

werdenden Markt der künstlichen

Fasern. Geprüft werden sowohl

die verwendeten Materialien

als auch die Stoffe, die bei

der Weiterverarbeitung eingesetzt

wurden. Eine weitere

wichtige Orientierungshilfe

sind Hersteller, die ausschließlich

Öko-Mode anbieten. Teilweise

haben sie eigene Gütesiegel mit

strengen Kriterien – eine mehr als

ehrenwerte Absicht, die jedoch für

den Konsumenten die Gefahr erhöht,

sich im Siegel-Dschungel zu

verlieren.

Abhilfe schafft die Textil-Fibel von

Greenpeace Deutschland. Sie informiert

kompakt auf über 100 Seiten

zum Thema Öko-Mode, stellt die

wichtigsten Siegel vor und betrachtet

auch den Aspekt der fairen Produktion:

Denn erst wenn auch geprüft

wird, dass die Arbeiter (keine Kinder!)

in den Textilfabriken unter

menschenwürdigen Bedingungen arbeiten,

ist Kleidung wirklich empfehlenswert.

Noch ein wichtiges Argument für

tatsächlich grüne statt nur grün gestreifte

Mode ist der in der konventionellen

Textilbranche übliche Verarbeitungsprozess.

Selbst wenn der

Rohstoff ökologisch produziert

wurde, kommt vielfach die Chemiekeule

bei der Weiterverarbeitung

zum Einsatz: Kräftig bunt, strahlend

weiß oder cool ausgewaschen,

und das am besten bügelfrei,

schmutzabweisend und geruchshemmend,

sollen die kleidsamen

Stücke sein! Da Textilien immer

mehr können müssen, kommt dem

„Veredeln“ steigende Bedeutung zu –

das Ergebnis ist Wäsche, die immer

öfter „reizt“. Die Industrie nutzt

rund 8.000 Textilhilfsmittel und allein

4.000 Farbstoffe für die bunte

Optik. Wichtig: Farbüberschüsse

und Chemikalienrückstände können

zum Teil ausgewaschen werden.

Wer seine Haut schonen will, sollte

neue Sachen unbedingt vor dem ersten

Tragen waschen!

Detox-Kampagne

Greenpeace widmet sich einem

großen ökologischen Problem der

Textilproduktion mit der aktuellen

und internationalen Detox-Kampagne:

die Vergiftung der Flüsse durch

die Textilindustrie in China, der globalen

Kleiderfabrik. Die Forderungen

an die großen Textilhersteller,

ihre Produktion zu „entgiften“, waren

in einem ersten Schritt erfolgreich:

Nach den Sportartikelherstellern

Puma, Nike und Adidas haben

auch die Moderiesen H&M und

C&A reagiert und zugesichert, ihre

Produktionskette bis 2020 von giftigen

Inhaltsstoffen zu säubern.

Doch all diese Verbesserungen

können nur dann wirklich etwas

verändern, wenn am Ende der Textilkette

der bewusste Konsument

das Prinzip Masse durch Klasse ersetzt.

Unter unserem Kaufverhalten

leiden Mensch und Umwelt – vorwiegend

außerhalb Europas. Der bewusste

Einkauf beginnt vor allem

bei der Frage: Brauche ich das wirklich?

Wer weniger kauft, kann auch

mal mehr Geld für ein hochwertiges

Stück ausgeben. Das hält dann länger

und schenkt öfter Freude. Denn

Langlebigkeit ist eines der ganz

wichtigen Kriterien für ökologische

Bekleidung. n

Kleines Textil-

Know-How

Wissenswertes über

Fasern, Materialien und

ihre Verarbeitung.

Lieblingsfaser Baumwolle

Baumwolle ist die meistgenutzte

Naturfaser der Welt. Hauptlieferant ist

China. Sie wird vorwiegend in

Monokulturen mit großem Einsatz von

Kunstdünger und Pestiziden angebaut:

Pro T-Shirt bleiben 150 Gramm auf

dem Feld zurück. Schlecht für die

Umwelt ist auch der hohe Wasserverbrauch:

2.000 Liter werden für ein

T-Shirt benötigt. Bio-Baumwolle

braucht auch viel Wasser, aber es

kommen keine Agrargifte und keine

Gentechnik zum Einsatz (wie bei rund

20 Prozent der konventionellen

Baumwolle). Der Anteil von Bio-

Baumwolle am Weltmarkt liegt bei

rund einem Prozent. Pflanzen fasern

wie Leinen oder Hanf brauchen zwar

weniger Wasser, haben aber nur

geringe Bedeutung am Markt.

Plastikkleidung

Ohne Fasern aus dem Labor wie

Polyacryl, Elastan, Polyester oder

Polyamid wäre der globale Bedarf an

Bekleidung nicht zu decken, ihr Anteil

liegt bei rund 60 Prozent. Sie werden

aus nicht nachwachsenden Rohstoffen

wie Erdöl, Erdgas und Kohle gewonnen,

durch chemische Prozesse

erzeugt und mit spezifischen Eigenschaften

ausgestattet. Bei Kunstfasern

gibt es noch viel Spielraum für eine

umweltverträgliche Herstellung.

Recycling spielt eine große Rolle: von

der PET-Flasche zum Fleecepulli.

Natürlich, aber meist

nicht ökologisch

Bei Fasern aus Tierhaaren und bei

Schafwolle werden oft gesundheitsgefährdende

Chemikalien eingesetzt,

um sie z. B. waschmaschinenfest zu

machen. Immer mehr Menschen

lehnen tierische Produkte ab, weil bei

konventioneller Erzeugung die Tiere

nicht artgerecht gehalten oder tierquälerische

Methoden angewandt

werden. Materialien wie Viskose oder

Modal sind im Prinzip Kunstfasern: Um

die Fasern aus Zellulose (also Holz) zu

gewinnen, kommt aber jede Menge

Chemie zum Einsatz.

18 act

act 19


15 Jahre nach dem Meilenstein

Über 1,2 Millionen Menschen haben im Jahr 1997 das Gentechnik-Volksbegehren

in Österreich unterschrieben. Ein starkes Zeichen und der Grundstein dafür, dass

Österreich heute als „Anti-Gentechnik-Land“ gilt. Von Dagmar Urban

Die Forderungen des zweiterfolgreichsten

Volksbegehrens in

der Geschichte Österreichs waren

eindeutig: Keine Freisetzung genmanipulierter

Lebewesen in Österreich!

Kein Essen aus dem Genlabor!

Kein Patent auf Leben! Doch

was wurde konkret daraus? Vorab

kann gesagt werden: Der Einsatz

hat sich ausgezahlt – die Anti-Gentechnik-Haltung

ist seither Konsens

in Österreich.

Zu hundert Prozent umgesetzt

wurde das Verbot der Freisetzung

genmanipulierter Lebewesen – bis

heute wachsen in Österreich keine

genmanipulierten Pflanzen, Gentech-Tiere

spielen in ganz Europa

(noch) keine Rolle. Dieser Erfolg war

aber nach dem Volksbegehren alleine

noch keineswegs gesichert: Der

Saatgutkonzern Pioneer ignorierte

das „Nein“ der Bevölkerung und

stellte noch im selben Jahr einen

Antrag auf Anbau von Gentech-

Mais. Nach spektakulären Greenpeace-Aktionen

und dem Protest

der Konsumenten zog Pioneer den

Gentech-Soja wird als Tierfuttermittel

importiert und landet auf unserem Teller!

Historischer Protest: Vor dem Gentechnik-

Volksbegehren 1997 führte Greenpeace

zahlreiche Aktionen durch, um die Bevölkerung

zur Unterschrift zu bewegen. Mehr als

1,2 Millionen Unterzeichner bestätigten die

ablehnende Haltung der Österreicher

gegenüber Gentech-Lebensmittel. Dennoch

ist der Kampf um die komplette Gentechnik-

Freiheit Österreichs noch nicht zu Ende.

Antrag zurück. Der Widerstand war

so überzeugend, dass seitdem kein

Konzern mehr eine solche Zulassung

in Österreich beantragt hat.

Selbst für EU-weit zugelassene Gentech-Pflanzen

hat Österreich nationale

Anbauverbote erlassen.

Die Österreicher wollten aber

nicht nur keine Gentechnik auf den

Feldern, sondern natürlich auch

kein Gentech-Essen auf ihren Tellern.

Manche erinnern sich vielleicht

noch an die Proteste 1998

gegen den „Butterfinger“-Schokoriegel

von Nestlé. Der Snack mit

Gentech-Mais wurde nach einer intensiven

Kampagne und Protesten

der Kunden ausgelistet. Seit 2000

finden sich keine als gentechnisch

verändert gekennzeichneten Lebensmittel

mehr in den heimischen

Supermarktregalen.

Der Kampf ist damit aber noch

nicht gewonnen, denn es gibt einen

Wermutstropfen – gentechnikfrei

sind die Lebensmittel in Österreich

dennoch nicht. Hunderttausende

Tonnen Gentech-Soja werden als

Tierfuttermittel importiert und

landen über diesen Umweg auf unserem

Teller – und das, ohne erkennbar

zu sein! Hier hat die EU-

Kennzeichnungspflicht für Gentechnik

eine Lücke: Denn während

gentechnisch veränderte Lebensund

Futtermittel gekennzeichnet

sein müssen, gilt dies nicht für tierische

Produkte, bei deren Produktion

gentechnisch veränderte Futtermittel

eingesetzt wurden. Wenn

also zum Beispiel ein Schwein mit

Gentech-Soja gefüttert wird, muss

das daraus produzierte Schweinsschnitzel

nicht gekennzeichnet

werden. Hier gilt es dranzubleiben,

damit endlich alle Futtermittel gentechnikfrei

werden und garantiert

keine Gentechnik im Schnitzel landen

kann! Erste Fortschritte wurden

schon erzielt – so stellte die gesamte

österreichische Milchwirtschaft

auf gentechnikfreie Fütterung

um. Die meisten heimischen

Eier- und Geflügelfleischproduzenten

folgten dem Beispiel. Garantiert

gentechnikfrei sind weiters

alle Bio-Produkte sowie alle Lebensmittel

mit dem grünen „gentechnikfrei

erzeugt“-Kennzeichen.

Die dritte Forderung des Volksbegehrens

nach einem Verbot für

Patente auf Leben konnte bisher

nicht durchgesetzt werden. Weiterhin

versuchen große Konzerne

Patentansprüche über die gesamte

Kette der Lebensmittelerzeugung

anzumelden. Bei diesem Thema

werden in Zukunft kritische Konsumenten

eine wichtige Rolle

spielen, um eine Monopolisierung

der Nahrungsproduktion zu verhindern.

Insgesamt lässt sich jedoch deutlich

feststellen: Der schon über 15

Jahre anhaltende Widerstand von

NGOs wie Greenpeace und Konsumenten

in ganz Europa setzt die

Gentech-Konzerne unter Druck. So

hat der Chemie- und Gentechnik-

Konzern BASF erst kürzlich verkündet,

die Entwicklung und Vermarktung

von Gentech-Pflanzen

für Europa zu stoppen. Die offizielle

Begründung: Die konsequente

Ablehnung der Konsumenten

macht das Geschäft unrentabel. Ein

großer Erfolg für die Anti-Gentechnik-Bewegung,

ist doch die BASF-

Kartoffel „Amflora“ eine von nur

zwei in Europa zum Anbau zugelassenen

Pflanzen. Der Kampf gegen

die Gentechnik ist damit zwar

noch nicht gewonnen, der hartnäckige

Widerstand der Konsumenten

führt aber immer wieder zu den

ganz wichtigen Etappensiegen. n

3x © GP

„Der Wert des Waldes

ist unermesslich“

Ein Leben für den Wald: Der Neuseeländer Grant Rosoman (50)

arbeitet seit zwei Jahrzehnten für den Waldschutz und bei Greenpeace.

Was ihn motiviert und welche Sonnen- und Schattenseiten

sein Engagement mit sich bringt, hat er erzählt. Von Céline Legrand

Was sind deine schönsten Erfahrungen aus 20

Jahren Arbeit für Greenpeace?

Wenn man beobachten kann, wie sich Denkweisen

und Mentalitäten ändern. Vor einigen Jahren zum

Beispiel habe ich mit einer lokalen Gemeinschaft

gearbeitet, in der die Frauen sehr benachteiligt waren.

Sie durften ihre Meinung nicht sagen oder Entscheidungen

fällen. Heute werden die Stimmen dieser

Frauen gehört. Das ist ein fundamentaler Wechsel,

der nicht wieder rückgängig gemacht werden

kann. Zu den schönen Erfahrungen gehört es auch,

wenn Konzerne tatsächliche Verpflichtungen eingehen

– so wie unlängst erst Mattel. Das sind wirklich

große Schritte, und die Auswirkungen sind real.

Mit welchen Wörtern kannst du deine Arbeit

beschreiben?

Zukunft – meine Kinder motivieren mich zu handeln,

dafür zu kämpfen unseren Planeten zu beschützen.

Ich will, dass sie einen Planeten erben, an

dem sie sich erfreuen können. Dann Faszination.

Für den Waldschutz zu arbeiten ist ein faszinierendes

und beeindruckendes Abenteuer. Und Werte.

Greenpeace ist eine großartige Organisation, die

auf starken Werten aufgebaut ist.

Welchen Wandel siehst du auf globaler Ebene?

Immer mehr Konsumenten sind sich der Probleme

bewusst und wollen mehr darüber wissen, was sie

kaufen. Das ist eine großartige Möglichkeit, um

Einfluss auf Unternehmen zu nehmen und zu ihnen

durchzudringen.

Wie kann die Waldzerstörung gestoppt werden?

Heute ist von den Wäldern nicht mehr viel übrig.

Dabei sind sie entscheidend für die Stabilisierung

unseres Klimas und die Biodiversität unseres Planeten.

Aber das Wichtigste ist: Es gibt immer eine andere

Möglichkeit zu handeln. Wir wissen alle, dass

die Zerstörung des Waldes nur für den finanziellen

Gewinn geschieht. Dabei ist sein Wert unermesslich

und weitaus umfassender. Damit wir wieder

lernen, den Wald wertzuschätzen, brauchen wir die

lokalen Gemeinschaften, denn sie wissen um den

„Ich will, dass meine Kinder

einen Planeten erben, an dem

sie sich erfreuen können.“

ganzheitlichen Wert des Waldes. Wir müssen

uns an sie richten, ihre Bedürfnisse kennen

und ihre Zukunft unterstützen. Wenn wir das

nicht tun, werden wir nicht gewinnen.

Was ist der jüngste Erfolg der Waldarbeit

von Greenpeace?

Weltweit haben mehr als eine halbe Million

Menschen den Spielzeughersteller Mattel

kontaktiert und verlangt, dass der Konzern

kein Verpackungsmaterial mehr verwendet,

das aus indonesischem Urwaldholz hergestellt

ist. Und es hat etwas bewegt! Mattel hat gerade

seine brandneue, weltweit gültige Policy veröffentlicht

und wird Regenwaldzerstörung aus seiner

Produktkette eliminieren. Das ist ein sehr

wichtiger Sieg für die Kampagne, für uns und für

den Planeten!

Was ist deine schlimmste Befürchtung?

Der Klimawandel. Wenn wir so weitermachen,

kommen wir bald an einen

Punkt, an dem wir nichts mehr kontrollieren

können. Einer meiner

Hauptmotivationen für meine Arbeit

ist, dass wir alles tun, um den

Klimawandel zu verhindern und die

Leute zu diesem Thema mobilisieren.

Ich bin Optimist und ich kann

niemals aufgeben. Aber ein Teil

meines Jobs ist es auch, realistisch

zu sein. Wir werden uns einen harten

Kampf liefern – aber wir müssen

im Auge behalten, dass der Erfolg

nicht garantiert ist.

Was möchtest du unseren Unterstützern

sagen?

Danke! Ohne sie würde es uns nicht

geben. Und dass wir ihre Ideen brauchen,

weil wir alle Teil der Lösung

sind. Und dann würde ich sie noch

fragen, ob sie ihre Freunde zu uns

mitnehmen können! n

Interview

20 act act 21


die gefährliche Suche

nach Schiefergas

Die OMV plant, im Weinviertel nach Schiefergas zu bohren. In den USA wird es seit Jahren

gefördert, mit verheerenden Folgen für die Umwelt. Zudem beweist Greenpeace in einer

Studie: Eine vernünftige Energiepolitik kommt ohne Schiefergas aus. Von Jasmin Karer

Der Mann hält ein Feuerzeug an

den rinnenden Wasserhahn. Plötzlich

entzündet sich die Luft im Wasserbecken.

Eine Stichflamme aus

dem Nichts. Was wie ein launiges

chemisch-physikalisches Experiment

aussieht, ist eine Folge der

Schiefergasförderung in den USA –

und für die betroffene Bevölkerung

alles andere als unterhaltsam. Josh

Fox’ preisgekrönter Dokumentarfilm

„Gasland“ hat das Bild vom Methan

in der Wasserleitung um die

Welt gehen lassen. Das ist aber nur

eine negative Auswirkung der risikoreichen

Förderung von Schiefergas,

dem neuen Hoffnungsträger der

Gaswirtschaft.

Die Schiefergasförderung boomt

in den USA. In einigen europäischen

Ländern, allen voran Polen,

laufen unzählige Probebohrungen.

Doch Schiefergas ist, genauso wie

Erdöl oder Erdgas, ein fossiler Energieträger,

der mit viel Aufwand an

die Oberfläche gefördert werden

muss. Die CO 2

- und Methanemissionen,

die während der Schiefergasbohrung

und bei Verwendung des

Schiefergases entstehen, haben große

Auswirkungen auf die Treibhausgasbilanz.

Die Schiefergasförderung wird

häufig als Fracking, eigentlich Hydraulic

Fracturing, bezeichnet. Konkret

beschreibt Fracking die Erzeugung

von Rissen, sogenannten

Fracs, im Gestein. Der Unterschied

zu konventionellem Gas liegt darin,

dass das Schiefergas unzugänglich

im Gestein in Mikroporen eingeschlossen

ist. Daher kann es nicht

auf herkömmliche Art gewonnen

werden. Will man dieses eingeschlossene

Gas dennoch an die

Oberfläche befördern, muss es aus

dem Gestein gepresst werden.

Dazu werden in bis zu acht Kilometer

Tiefe hunderte Meter lange

Horizontalbohrungen durchgeführt.

Durch einen Bohrschacht

pumpt man ein Wasser-Chemikalien-Gemisch

mit Hochdruck ins Gestein,

um Risse zu erzeugen. Es

braucht Millionen Liter Wasser und

tausende Liter Chemikalien pro Bohrung,

um das Schiefergas an die

Oberfläche zu pressen. Damit sich

die erzeugten Risse nicht gleich wieder

verschließen, pumpt man zusätzlich

Millionen Liter Sand in das

Bohrloch. Die eingesetzten Chemikalien

werden teilweise als gesundheitsschädlich,

krebserregend und

erbgutschädigend eingestuft.

Enormer Aufwand

Doch damit ist der Bohrvorgang

noch nicht abgeschlossen. Ein

Teil des Wasser-Chemikalien-Gemisches,

das in das Gestein gepresst

wird, kommt mit dem Gas zurück

an die Oberfläche und muss entsorgt

werden. Da das Schiefergas in

großen Tiefen liegt, verläuft die

Bohrung durch wasserführende Gesteinsschichten.

Entsteht während

der Bohrung ein Leck, kommt es

zur Grundwasserverschmutzung.

Neben dieser Gefahr und dem Risiko

der eingesetzten Chemikalien

wurden in manchen Fracking-Gebieten

in den USA und Großbritannien

häufiger Erdbeben gemessen.

Und das ist noch nicht alles: Nach

derzeitigen Erfahrungen braucht es

bis zu 1.500 Lkw-Fahrten pro Bohrung,

um Wasser, Sand und Chemikalien

an- und wieder abzutransportieren.

Ein Meer aus Containern

und Schwertransportern sammelt

sich um den Bohrturm an – versehen

mit Gefahrenzeichen. Zufahrtsstraßen

oder Pipelines für

den Wassertransport oder Abwasserbecken

für die Lagerung müssen

ebenfalls gebaut werden.

Kein Wunder, dass sich in der betroffenen

Bevölkerung Widerstand

regt, nicht nur in den USA. „Non au

3x © Les Stone/GP, © GP/Hanna Schwarz

In den USA hat Fracking bereits zu

schweren Umweltschäden geführt.

Für die Betroffenen wie Carol

French hat die Suche nach dem Gas

(kl. Bild r.) einen hohen Preis: Das

Wasser aus ihrem Brunnen ist

verseucht. Angesichts dieser

Aussichten beginnt sich im Weinviertel

der Protest gegen Schiefergasbohrungen

zu formieren.

Greenpeace-Mitarbeiterin Jasmin

Karer ist immer wieder vor Ort

(kl. Bild Mitte).

„Wir sind nicht bereit, für die Schiefergasförderung

unseren Lebensraum zu opfern und zu gefährden.“

gaz de schiste“, forderte die französische

Bevölkerung mit Erfolg: Im

Juni 2011 verbietet Frankreich das

Fracking – als erstes Land weltweit.

Vier Monate später ruft die niederländische

Regierung ein Moratorium

für die Schiefergasförderung

aus. Im Jänner 2012 folgt Bulgarien

mit einem landesweiten Verbot,

und auch im deutschen Nordrhein-

Westfalen sowie im schweizerischen

Kanton Freiburg hat die Bevölkerung

protestiert und ein Moratorium

durchgesetzt.

Und in Österreich?

Auch im Weinviertel formiert

sich der Widerstand, seit die OMV

dort letzten Herbst zwei Schiefergas-Probebohrungen

angekündigt

hat. Zwei Bürgerinitiativen sind

bereits entstanden, die gemeinsam

mit der lokalen Bevölkerung die

Schiefergasbohrungen verhindern

wollen. „Wir sind nicht bereit, für

die Schiefergasförderung unseren

Lebensraum zu opfern und zu gefährden“,

bringt die Sprecherin einer

Bürgerinitiative ihre Sorgen auf

den Punkt. Greenpeace unterstützt

den Protest von Beginn an und fordert

ein österreichweites Verbot für

die Schiefergasförderung.

Der österreichische Energiekonzern

hat angekündigt, bei den heimischen

Schiefergasbohrungen auf

Chemikalien verzichten zu wollen.

Wasser, Sand und Stärke sollen ausreichen,

um das Gas an die Oberfläche

zu befördern – das wäre allerdings

eine Weltneuheit. Zahlreiche

andere Unternehmen, die schon

seit Jahren nach Schiefergas bohren,

haben es mit dieser Methode

noch nicht geschafft. Deshalb ist es

mehr als fraglich, ob die OMV dort

Erfolg haben wird, wo andere seit

Jahren scheitern.

Doch selbst im sehr, sehr unwahrscheinlichen

Fall, dass es gelingt,

gilt es noch eine andere Dimension

zu beachten: Die Probebohrungen

der OMV kosten 130

Millionen Euro. Mit diesem Geld

könnte man alle Häuser in den betroffenen

Weinviertler Gemeinden

Poysdorf und Herrnbaumgarten

thermisch sanieren und mit Photovoltaikanlagen

ausstatten! Damit

wäre ein wirklich wichtiger Schritt

für den Ausbau der erneuerbaren

Energien getan. Greenpeace hat

erst letztes Jahr ein Energieszenario

für Österreich vorgestellt, das

ganz klar zu dem Ergebnis kommt,

dass wir Schiefergas nicht brauchen.

Bei einem konsequenten Ausbau

der erneuerbaren Energien, gekoppelt

mit Effizienzsteigerung,

geht der Bedarf an Erdgas in den

nächsten Jahrzehnten stark zurück.

Die bestehenden Vorräte reichen

also völlig aus.

Greenpeace fordert daher eine

vernünftige Energiepolitik, die auf

erneuerbare Energien setzt und

Schiefergas außen vor lässt. Denn

die wichtigste Frage lautet: Wie

können wir unsere Treibhausgasemissionen

verringern? Sicher

nicht, indem wir neue Vorräte fossiler

Energien anzapfen. Unser Klima

verträgt keine zusätzlichen CO 2

-

Emissionen mehr! n

22 act

act 23


Bitte abschalten!

23 Atomreaktoren bedrohen Österreich.

Wir könnten sie abschalten.

Mit freundlicher Unterstützung von viennapaint

eingreiftrupp

Wir kämpfen für eine sichere Zukunft, denn

unsere Kinder sollen lächeln, nicht

strahlen.

Helfen Sie mit, um Greenpeace-

Eingreiftrupps in Österreich und in den

Nachbarländern auszurüsten.

Seit dem 1.1.2012 ist Ihre Spende für eine

atomkraftfreie Zukunft von der Steuer

absetzbar!

24 act

Jetzt spenden: PSK, KNR. 7.707.100, BLZ 60.000 oder unter www.greenpeace.at/eingreiftrupp

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