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Die Zukunft einer Illusion - Joachimschmid.ch

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VI<br />

I<strong>ch</strong> meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen 1 genügend vorbereitet.<br />

Sie ergibt si<strong>ch</strong>, wenn wir die psy<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>e Genese der religiösen<br />

Vorstellungen ins Auge fassen. <strong>Die</strong>se, die si<strong>ch</strong> als Lehrsätze<br />

ausgeben, sind ni<strong>ch</strong>t Nieders<strong>ch</strong>läge der Erfahrung oder Endresultate<br />

des Denkens, es sind <strong>Illusion</strong>en, Erfüllungen der ältesten,<br />

stärksten, dringendsten Wüns<strong>ch</strong>e der Mens<strong>ch</strong>heit; das Geheimnis<br />

ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wüns<strong>ch</strong>e. Wir wissen s<strong>ch</strong>on, der<br />

s<strong>ch</strong>reckende Eindruck der kindli<strong>ch</strong>en Hilflosigkeit hat das Bedürfnis<br />

na<strong>ch</strong> S<strong>ch</strong>utz – S<strong>ch</strong>utz dur<strong>ch</strong> Liebe – erweckt, dem der Vater<br />

abgeholfen hat, die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit<br />

dur<strong>ch</strong>s ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines –<br />

aber nun mä<strong>ch</strong>tigeren Vaters verursa<strong>ch</strong>t. Dur<strong>ch</strong> das gütige Walten<br />

der göttli<strong>ch</strong>en Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens<br />

bes<strong>ch</strong>wi<strong>ch</strong>tigt, die Einsetzung <strong>einer</strong> sittli<strong>ch</strong>en Weltordnung<br />

versi<strong>ch</strong>ert die Erfüllung der Gere<strong>ch</strong>tigkeitsforderung, die innerhalb<br />

der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung<br />

der irdis<strong>ch</strong>en Existenz dur<strong>ch</strong> ein zukünftiges Leben stellt<br />

den örtli<strong>ch</strong>en und zeitli<strong>ch</strong>en Rahmen bei, in dem si<strong>ch</strong> diese<br />

Wuns<strong>ch</strong>erfüllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen<br />

der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Wissbegierde, wie na<strong>ch</strong> der Entstehung der Welt<br />

und der Beziehung zwis<strong>ch</strong>en Körperli<strong>ch</strong>em und Seelis<strong>ch</strong>em, werden<br />

unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt; es bedeutet<br />

eine großartige Erlei<strong>ch</strong>terung für die Einzelpsy<strong>ch</strong>e, wenn<br />

die nie ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex<br />

ihr abgenommen und <strong>einer</strong> von allen angenommenen<br />

Lösung zugeführt werden.<br />

Wenn i<strong>ch</strong> sage, das alles sind <strong>Illusion</strong>en, muss i<strong>ch</strong> die Bedeutung<br />

des Wortes abgrenzen. Eine <strong>Illusion</strong> ist ni<strong>ch</strong>t dasselbe wie ein<br />

S i g m u n d F r e u d<br />

( 1 8 5 6 - 1 9 3 9 )<br />

<strong>Die</strong> <strong>Zukunft</strong> <strong>einer</strong> <strong>Illusion</strong><br />

[1927]<br />

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Irrtum, sie ist au<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t notwendig ein Irrtum. <strong>Die</strong> Meinung des<br />

Aristoteles, dass si<strong>ch</strong> Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das<br />

unwissende Volk no<strong>ch</strong> heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die<br />

<strong>einer</strong> früheren ärztli<strong>ch</strong>en Generation, dass die Tabes dorsalis 2 die<br />

Folge von sexueller Auss<strong>ch</strong>weifung sei. Es wäre missbräu<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>,<br />

diese Irrtümer <strong>Illusion</strong>en zu heißen. Dagegen war es eine <strong>Illusion</strong><br />

des Kolumbus, dass er einen neuen Seeweg na<strong>ch</strong> Indien entdeckt<br />

habe. Der Anteil seines Wuns<strong>ch</strong>es an diesem Irrtum ist sehr deutli<strong>ch</strong>.<br />

Als <strong>Illusion</strong> kann man die Behauptung gewisser Nationalisten<br />

bezei<strong>ch</strong>nen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Mens<strong>ch</strong>enrasse,<br />

oder den Glauben, den erst die Psy<strong>ch</strong>oanalyse zerstört<br />

hat, das Kind sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die <strong>Illusion</strong> bleibt<br />

<strong>ch</strong>arakteristis<strong>ch</strong> die Ableitung aus mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Wüns<strong>ch</strong>en, sie<br />

nähert si<strong>ch</strong> in dieser Hinsi<strong>ch</strong>t der psy<strong>ch</strong>iatris<strong>ch</strong>en Wahnidee, aber<br />

sie s<strong>ch</strong>eidet si<strong>ch</strong>, abgesehen von dem komplizierteren Aufbau der<br />

Wahnidee, au<strong>ch</strong> von dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentli<strong>ch</strong><br />

den Widerspru<strong>ch</strong> gegen die Wirkli<strong>ch</strong>keit hervor, die <strong>Illusion</strong><br />

muss ni<strong>ch</strong>t notwendig fals<strong>ch</strong>, d. h. unrealisierbar oder im Widerspru<strong>ch</strong><br />

mit der Realität sein. Ein Bürgermäd<strong>ch</strong>en kann si<strong>ch</strong> z.<br />

B. die <strong>Illusion</strong> ma<strong>ch</strong>en, dass ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen.<br />

Es ist mögli<strong>ch</strong>, einige Fälle dieser Art haben si<strong>ch</strong> ereignet.<br />

Dass der Messias kommen und ein goldenes Zeitalter begründen<br />

wird, ist weit weniger wahrs<strong>ch</strong>einli<strong>ch</strong>; je na<strong>ch</strong> der persönli<strong>ch</strong>en<br />

Einstellung des Urteilenden wird er diesen Glauben als <strong>Illusion</strong><br />

oder als Analogie <strong>einer</strong> Wahnidee klassifizieren. Beispiele von<br />

<strong>Illusion</strong>en, die si<strong>ch</strong> bewahrheitet haben, sind sonst ni<strong>ch</strong>t lei<strong>ch</strong>t<br />

aufzufinden. Aber die <strong>Illusion</strong> der Al<strong>ch</strong>imisten, alle Metalle in Gold<br />

verwandeln zu können, könnte eine sol<strong>ch</strong>e sein. Der Wuns<strong>ch</strong>,<br />

sehr viel Gold, soviel Gold als mögli<strong>ch</strong> zu haben, ist dur<strong>ch</strong> unsere<br />

heutige Einsi<strong>ch</strong>t in die Bedingungen des Rei<strong>ch</strong>tums sehr gedämpft,<br />

1 beide Fragen: <strong>Die</strong> Frage na<strong>ch</strong> der »inneren Kraft« religiöser Vorstellungen<br />

und jene na<strong>ch</strong> den Gründen, denen sie ihre »von der vernünftigen<br />

Anerkennung unabhängige Wirksamkeit« verdanken (S<strong>ch</strong>luss von Kap. V).<br />

2 Tabes dorsalis: Rückenmarks<strong>ch</strong>windsu<strong>ch</strong>t; die T. d. ist eine Folgekrankheit<br />

der Syphilis (Lues)<br />

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Freud · <strong>Die</strong> <strong>Zukunft</strong> <strong>einer</strong> <strong>Illusion</strong><br />

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do<strong>ch</strong> hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle in Gold ni<strong>ch</strong>t<br />

mehr für unmögli<strong>ch</strong>. Wir heißen also einen Glauben eine <strong>Illusion</strong>,<br />

wenn si<strong>ch</strong> in s<strong>einer</strong> Motivierung die Wuns<strong>ch</strong>erfüllung vordrängt,<br />

und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirkli<strong>ch</strong>keit ab, ebenso<br />

wie die <strong>Illusion</strong> selbst auf ihre Beglaubigungen verzi<strong>ch</strong>tet.<br />

Wenden wir uns na<strong>ch</strong> dieser Orientierung wieder zu den religiösen<br />

Lehren, so dürfen wie wiederholend sagen: Sie sind sämtli<strong>ch</strong><br />

<strong>Illusion</strong>en, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für<br />

wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrs<strong>ch</strong>einli<strong>ch</strong>,<br />

so sehr im Widerspru<strong>ch</strong> zu allem, was wir mühselig<br />

über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie – mit<br />

entspre<strong>ch</strong>ender Berücksi<strong>ch</strong>tigung der psy<strong>ch</strong>ologis<strong>ch</strong>en Unters<strong>ch</strong>iede<br />

– den Wahnideen verglei<strong>ch</strong>en kann. Über den Realitätswert der<br />

meisten von ihnen kann man ni<strong>ch</strong>t urteilen. So wie sie unbeweisbar<br />

sind, sind sie au<strong>ch</strong> unwiderlegbar. Man weiß no<strong>ch</strong> zu wenig,<br />

um ihnen kritis<strong>ch</strong> näher zu rücken. <strong>Die</strong> Rätsel der Welt ents<strong>ch</strong>leiern<br />

si<strong>ch</strong> unserer Fors<strong>ch</strong>ung nur langsam, die Wissens<strong>ch</strong>aft kann<br />

auf viele Fragen heute no<strong>ch</strong> keine Antwort geben. <strong>Die</strong> wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e<br />

Arbeit ist aber für uns der einzige Weg, der zur Kenntnis<br />

der Realität außer uns führen kann. Es ist wiederum nur <strong>Illusion</strong>,<br />

wenn man von der Intuition und der Selbstversenkung etwas<br />

erwartet; sie kann uns ni<strong>ch</strong>ts geben als – s<strong>ch</strong>wer deutbare – Aufs<strong>ch</strong>lüsse<br />

über unser eigenes Seelenleben, niemals Auskunft über<br />

die Fragen, deren Beantwortung der religiösen Lehre so lei<strong>ch</strong>t<br />

wird. <strong>Die</strong> eigene Willkür in die Lücke eintreten zu lassen und<br />

na<strong>ch</strong> persönli<strong>ch</strong>em Ermessen dies oder jenes Stück des religiösen<br />

Systems für mehr oder weniger annehmbar zu erklären wäre frevelhaft.<br />

Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man mö<strong>ch</strong>te<br />

sagen: zu heilig.<br />

An dieser Stelle kann man auf den Einwand gefasst sein: »Also,<br />

wenn selbst die verbissenen Skeptiker zugeben, dass die Behauptungen<br />

der Religion ni<strong>ch</strong>t mit dem Verstand zu widerlegen sind,<br />

warum soll i<strong>ch</strong> ihnen dann ni<strong>ch</strong>t glauben, da sie soviel für si<strong>ch</strong><br />

haben, die Tradition, die Übereinstimmung der Mens<strong>ch</strong>en und all<br />

das Tröstli<strong>ch</strong>e ihres Inhalts?« Ja, warum ni<strong>ch</strong>t? So wie niemand<br />

zum Glauben gezwungen werden kann, so au<strong>ch</strong> niemand zum Unglauben.<br />

Aber man gefalle si<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t in der Selbsttäus<strong>ch</strong>ung, dass<br />

man mit sol<strong>ch</strong>en Begründungen die Wege des korrekten Denkens<br />

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geht. Wenn die Verurteilung »faule Ausrede« je am Platze war, so<br />

hier. <strong>Die</strong> Unwissenheit ist die Unwissenheit; kein Re<strong>ch</strong>t, etwas zu<br />

glauben, leitet si<strong>ch</strong> aus ihr ab. Kein vernünftiger Mens<strong>ch</strong> wird si<strong>ch</strong><br />

in anderen Dingen so lei<strong>ch</strong>tsinnig benehmen und si<strong>ch</strong> mit so armseligen<br />

Begründungen s<strong>einer</strong> Urteile, s<strong>einer</strong> Parteinahme, zufrieden<br />

geben, nur in den hö<strong>ch</strong>sten und heiligsten Dingen gestattet er<br />

si<strong>ch</strong> das. In Wirkli<strong>ch</strong>keit sind es nur Bemühungen, um si<strong>ch</strong> oder<br />

anderen vorzuspiegeln, man halte no<strong>ch</strong> an der Religion fest, während<br />

man si<strong>ch</strong> längst von ihr abgelöst hat. Wenn es si<strong>ch</strong> um Fragen<br />

der Religion handelt, ma<strong>ch</strong>en si<strong>ch</strong> die Mens<strong>ch</strong>en aller mögli<strong>ch</strong>en<br />

Unaufri<strong>ch</strong>tigkeiten und intellektuellen Unarten s<strong>ch</strong>uldig.<br />

Philosophen überdehnen die Bedeutung von Worten, bis diese<br />

kaum etwas von ihrem ursprüngli<strong>ch</strong>en Sinn übrig behalten, sie<br />

heißen irgendeine vers<strong>ch</strong>wommene Abstraktion, die sie si<strong>ch</strong> ges<strong>ch</strong>affen<br />

haben, »Gott« und sind nun au<strong>ch</strong> Deisten, Gottesgläubige<br />

vor aller Welt, können si<strong>ch</strong> selbst rühmen, einen höheren, r<strong>einer</strong>en<br />

Gottesbegriff erkannt zu haben, obwohl ihr Gott nur mehr ein<br />

wesenloser S<strong>ch</strong>atten ist und ni<strong>ch</strong>t mehr die ma<strong>ch</strong>tvolle Persönli<strong>ch</strong>keit<br />

der religiösen Lehre. Kritiker beharren darauf, einen Mens<strong>ch</strong>en,<br />

der si<strong>ch</strong> zum Gefühl der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Kleinheit und<br />

Ohnma<strong>ch</strong>t vor dem Ganzen der Welt bekannt, für »tief religiös« zu<br />

erklären, obwohl ni<strong>ch</strong>t dieses Gefühl das Wesen der Religiosität<br />

ausma<strong>ch</strong>t, sondern erst der nä<strong>ch</strong>ste S<strong>ch</strong>ritt, die Reaktion darauf,<br />

die gegen dies Gefühl eine Abhilfe su<strong>ch</strong>t.<br />

Wer ni<strong>ch</strong>t weiter geht, wer si<strong>ch</strong> demütig mit der geringfügigen<br />

Rolle des Mens<strong>ch</strong>en in der großen Welt bes<strong>ch</strong>eidet, der ist vielmehr<br />

irreligiös im wahrsten Sinne des Wortes.<br />

VII<br />

[…] Nun, um in der Verteidigung fortzufahren: die Religion hat<br />

der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Kultur offenbar große <strong>Die</strong>nste geleistet, zur Bändigung<br />

der asozialen Triebe viel beigetragen, aber ni<strong>ch</strong>t genug. Sie<br />

hat dur<strong>ch</strong> viele Jahrtausende die mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e Gesells<strong>ch</strong>aft beherrs<strong>ch</strong>t;<br />

hatte Zeit zu zeigen, was sie leisten kann. Wenn es ihr<br />

gelungen wäre, die Mehrzahl der Mens<strong>ch</strong>en zu beglücken, zu trösten,<br />

mit dem Leben auszusöhnen, sie zu Kulturträgern zu ma<strong>ch</strong>en,<br />

so würde es niemand einfallen, na<strong>ch</strong> <strong>einer</strong> Änderung der bestehenden<br />

Verhältnisse zu streben. Was sehen wir anstatt dessen?<br />

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Freud · <strong>Die</strong> <strong>Zukunft</strong> <strong>einer</strong> <strong>Illusion</strong><br />

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Dass eine ers<strong>ch</strong>reckend große Anzahl von Mens<strong>ch</strong>en mit der Kultur<br />

unzufrieden und in ihr unglückli<strong>ch</strong> ist, sie als ein Jo<strong>ch</strong> empfindet,<br />

das man abs<strong>ch</strong>ütteln muss, dass diese Mens<strong>ch</strong>en entweder<br />

alle Kräfte an eine Abänderung dieser Kultur setzen oder in ihrer<br />

Kulturfeinds<strong>ch</strong>aft so weit gehen, dass sie von Kultur und Triebeins<strong>ch</strong>ränkung<br />

überhaupt ni<strong>ch</strong>ts wissen wollen. Man wird uns hier<br />

einwerfen, dieser Zustand komme eben daher, dass die Religion<br />

einen Teil ihres Einflusses auf die Mens<strong>ch</strong>enmassen eingebüßt hat,<br />

gerade infolge der bedauerli<strong>ch</strong>en Wirkung der Forts<strong>ch</strong>ritte in der<br />

Wissens<strong>ch</strong>aft. Wir werden uns dieses Zugeständnis und seine Begründung<br />

merken und es später für unsere Absi<strong>ch</strong>ten verwerten,<br />

aber der Einwand selbst ist kraftlos.<br />

Es ist zweifelhaft, ob die Mens<strong>ch</strong>en zur Zeit der uneinges<strong>ch</strong>ränkten<br />

Herrs<strong>ch</strong>aft der religiösen Lehren im ganzen glückli<strong>ch</strong>er<br />

waren als heute, sittli<strong>ch</strong>er waren sie gewiss ni<strong>ch</strong>t. Sie haben<br />

es immer verstanden, die religiösen Vors<strong>ch</strong>riften zu veräußerli<strong>ch</strong>en<br />

und damit deren Absi<strong>ch</strong>ten zu vereiteln. <strong>Die</strong> Priester, die den<br />

Gehorsam gegen die Religion zu bewa<strong>ch</strong>en hatten, kamen ihnen<br />

dabei entgegen. Gottes Güte musste s<strong>einer</strong> Gere<strong>ch</strong>tigkeit in den<br />

Arm fallen: Man sündigte, und dann bra<strong>ch</strong>te man Opfer oder tat<br />

Buße, und dann war man frei, um von neuem zu sündigen. Russis<strong>ch</strong>e<br />

Innerli<strong>ch</strong>keit hat si<strong>ch</strong> zur Folgerung aufges<strong>ch</strong>wungen, dass<br />

die Sünde unerlässli<strong>ch</strong> sei, um alle Seligkeiten der göttli<strong>ch</strong>en Gnade<br />

zu genießen, also im Grunde ein gottgefälliges Werk. Es ist offenkundig,<br />

dass die Priester die Unterwürfigkeit der Massen gegen<br />

die Religion nur erhalten konnten, indem sie der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en<br />

Triebnatur so große Zugeständnisse einräumten. Es blieb dabei:<br />

Gott allein ist stark und gut, der Mens<strong>ch</strong> aber s<strong>ch</strong>wa<strong>ch</strong> und sündhaft.<br />

<strong>Die</strong> Unsittli<strong>ch</strong>keit hat zu allen Zeiten an der Religion keine<br />

mindere Stütze gefunden als die Sittli<strong>ch</strong>keit. Wenn die Leistungen<br />

der Religion in Bezug auf die Beglückung der Mens<strong>ch</strong>en, ihre Kultureignung<br />

und ihre sittli<strong>ch</strong>e Bes<strong>ch</strong>ränkung keine besseren sind,<br />

dann erhebt si<strong>ch</strong> do<strong>ch</strong> die Frage, ob wir ihre Notwendigkeit für die<br />

Mens<strong>ch</strong>heit ni<strong>ch</strong>t übers<strong>ch</strong>ätzen und ob wir weise daran tun, unsere<br />

Kulturforderungen auf sie zu gründen.<br />

Man überlege die unverkennbare gegenwärtige Situation. Wir<br />

haben das Zugeständnis gehört, dass die Religion ni<strong>ch</strong>t mehr denselben<br />

Einfluss auf die Mens<strong>ch</strong>en hat wie früher. (Es handelt si<strong>ch</strong><br />

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hier um die europäis<strong>ch</strong>-<strong>ch</strong>ristli<strong>ch</strong>e Kultur.) <strong>Die</strong>s ni<strong>ch</strong>t darum, weil<br />

ihre Verspre<strong>ch</strong>ungen geringer geworden sind, sondern weil sie den<br />

Mens<strong>ch</strong>en weniger glaubwürdig ers<strong>ch</strong>einen. Geben wir zu, dass<br />

der Grund dieser Wandlung die Erstarkung des wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en<br />

Geistes in den Obers<strong>ch</strong>i<strong>ch</strong>ten der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Gesells<strong>ch</strong>aft ist.<br />

(Es ist viellei<strong>ch</strong>t ni<strong>ch</strong>t der einzige.) <strong>Die</strong> Kritik hat die Beweiskraft<br />

der religiösen Dokumente angenagt, die Naturwissens<strong>ch</strong>aft die in<br />

ihnen enthaltenen Irrtümer aufgezeigt, der verglei<strong>ch</strong>enden Fors<strong>ch</strong>ung<br />

ist die fatale Ähnli<strong>ch</strong>keit der von uns verehrten religiösen<br />

Vorstellungen mit den geistigen Produktionen primitiver Völker<br />

und Zeiten aufgefallen.<br />

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