studien zum west-östlichen divan - von Katharina Mommsen

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studien zum west-östlichen divan - von Katharina Mommsen

SITZUNGSBERICHTE DER DEUTSCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN ZU BERLIN Klasse für Sprachen, Literatur und Kunst Jahrgang I962 • Nr. I MOMME MOMMSEN STUDIEN ZUM WEST-ÖSTLICHEN DIVAN AKADEMIE-VERLAG· BERLIN


') I INHALT Vorgc:tr3gcn und für die Sit:tungsberichte 3ngcnommen in der Sitzung ocr Klasse für S pra c hcn~ Literatur und Kunst am 12. 10. 1961 A usgegeben am 3. August I96:a Goethe und Ferid-eddin Attar . Bruchstück nach Hariri ,.Sommernacht" 1. überblick H. Das pädagogische E lement in "Sommernacht" IH. Entstehung IV. Lebensanregungen V. Quellen I ) "Herr! laß dir gefallen" Verse zum Wiener Kongreß 1. "Verschon uns Gott mit deinem' Grimme!" II. "Keinen Reimer wird man finden" . 9 25 29 31 47 49 54 77 87 102 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche 1. Burdachs Datierung der Kräuterschen Reinschrift II. Die Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" Verhältnis zum Buch der Sprüche III. Die Entstehung der Kräuterschen Reinschrift "Abraxas" ("Süßes Kind, die Perlenreihen") Nachwort und ihr 109 n6 126 139 153 Abbildung: Aufzeichnungen Goethes aus Chardin, Voyages en Perse .86/87 ":rschicncn im Akadcll li c - Vcrbg (;mbll, Bcrlin \\'8. Lcipziger Straße 3-4 Cnpyri p:hr 19(,2 hy Akademie-Verlag GmbH Li zcnztlun1lllcr: 202 . 100/184/62 Cc s~H )1t hc rst cllun A: I)ru


\ GOETHE UND FERID-EDDIN ATTAR Die Gedichte des West-östlichen Divan enthalten eine Fülle bedeutsamer Äußerungen über das Wesen der Dichtung und des Dichters. Diese beziehen sich auf Allgemeines und Einzelnes, sind bald didaktisch, bald polemisch gehalten, in vielfachen Abwandlungen bilden sie jedenfalls einen wesentlichen Bestandteil der Thematik des Werks. Besonders treten sie hervor in den ersten bei den Büchern, dem Buch des Sängers und dem Buch Hafls. Aber auch in andern Teilen trifft man sie, vor allem im Buch Suleika und im Schenkenbuch, wo die vielen Gedichte, in denen Goethe aus der Maske des "Dichters" oder "Hatems" spricht, oft genug das genannte Thema berühren. In den Bereich dieser Gedichte gehört auch der folgende Vi erz eil er aus dem Buch der Sprüche: Die Fluth der Leidenschaft sie stürmt vergebens An's unbezwungne, feste Land. - Sie wirft poetische Perlen an den Strand, Und das ist schon Gewinn des Lebens. Wie sämtliche Äußerungen über Poesie im Divan tragen auch diese Bekenntnischarakter . Goethe spricht hier über das Verhältnis der Dichtung zur Leidenschaft und berührt damit Allgemeingültiges und Persönliches zugleich. Leidenschaft ist an sich Ursprung aller Poesie. Ohne "furor" ist schon nach antiker Vorstellung überhaupt kein Dichter denkbar. i ) Doch eignet Goethe in ganz besonderem Sinne ein 1) Cicero de divin. I 38, 80: nach Demokrit und Plato.


10 Goethe und Ferid-eddin Attar Affinitätsverhältnis zur Leidenschaft: als Verfasser des Werther, der Marienbader Elegie, des Faust II und vieles auf der Ebene dieser Werke Liegendem ist er ein Dichter der Leidenschaft schlechthin, in dieser Beziehung nur wenigen vergleichbar. Ebenso auf Goethe selbst weist in dem Vierzeiler noch ein anderer Zug. Es ist die unbefriedigte Leidenschaft, die - so wird uns darin einschränkend bedeutet - den Dichter produktiv macht. Indem das Meer "vergebens" ans "feste Land stürmt", hinterläßt es doch als Bleibendes: "poetische Perlen". Das erinnert an den Unmögliches begehrenden Faust ebensosehr wie an den ganzen Bereich des Entsagens, der in Goethes Leben und Schaffen eine so große Rolle spielt. Es ist also eine Charakteristik vor allem seines eigenen Dichtens, die Goethe in den vier Versen gibt. Als persönliches, zentrale Dinge berührendes Bekenntnis haben sie hervorragende Bedeutung. In seinen wesentlichen Partien ist gerade der West-östliche Divan eine Dichtung der Leidenschaft, Dichtung, die zugleich erwuchs aus mancher Not des Entsagens. Insofern hätten die obigen Verse auch wohl ein Motto für das Werk abgeben können, und in der Tat wurden sie einmal in ähnlicher Funktion verwendet. Als Goethe zu Anfang des Jahres 1816 eine Anzahl von D ivan-Gedichten im "Morgenblatt für gebildete Stände" drucken ließ, um eine Vorprobe des von ihm geplanten Ganzen zu geben, stand der Vierzeiler "Die Fluth der Leidenschaft" vorweg - als Motto. In der ersten Ausgabe des Divan von r819 erhielt das Gedicht immer noch einen Platz, der die Bedeutung seines Inhalts unterstrich: mit ihm endigte das Buch der Sprüche, sehr wirkungsvoll, wie seitens der Kommentatoren stets · hervorgehoben wurde. (In der zweiten Ausgabe des Divan von 1827 blieb es nicht bei dieser Anordnung. Hier ließ Goethe noch drei weitere Gedichte folgen, unbekümmert darum, daß diese Maßnahme den Schluß des Buchs der Sprüche in kompositorischer Hinsicht eher beeinträchtigte.) Vom Dichterischen her betrachtet zeichnet sich der Vierzeiler durch Schönheit und Höhe des T ons aus, wie sie innerhalb der Goetheschen Spruchdichtung nur in den besten Stücken anzutreffen ist. D en Aus- "Die Fluth der Leidenschaft" 11 schlag gibt aber die besondere Pracht der Metaphern. Von den Bildern geht die eigentliche Wirkung des Gedichts aus. Da wir uns im Divan befinden, erhebt sich die natürliche Frage, ob diese Bilder orientalischer Herkunft sind oder nicht. Der gesamte Charakter des Vierzeilers erweckt sehr stark den Eindruck, daß Goethe hier orientalisiert. Doch ist ein wirkliches Vorbild, das es angeregt haben könnte, bisher nicht bekannt. Das ist in diesem Fall schon deswegen besonders unbefriedigend, weil Goethe selbst gerade bezüglich des Buchs der Sprüche ausdrücklich erklärte, zu dessen Gedichten hätten "orientalische Sinnreden meist den Anlaß gegeben".2) Es erschiene befremdlich, wenn von dieser so deutlich verkündeten Regel das wichtige und schöne Gedicht von den "poetischen Perlen" eine Ausnahme bilden sollte. Die folgenden Untersuchungen möchten Klarheit darüber bringen, welche "orientalische Sinnrede" in diesem Fall inspirierend auf Goethe wirkte. Der Vergleich von Versen, Gedichten mit Perlen ist dem Orientalen geläufig. Goethe fand ihn, wie schon Chr. Wurm nachwies, 3) bei Hafis mehrmals, auch bei Jones. 4) Doch damit ist die Metapher in unserm Vierzeiler nicht erklärt. Hier ist das Wesentliche die Verbindung von Perlen und Meer - Meer als Sinnbild für Leid und Leidenschaft. D afür ließ sich in den orientalischen Werken, die Goethe bis zur Abfassung des Gedichts vor Augen gekommen waren, nichts Entsprechendes aufzeigen. Unseren Nachforschungen dient als fester Ausgangspunkt folgendes. Es gibt unter den Divan-Papieren eine Goethesche Notiz, die, wie Burdach richtig erkannte, in engem Zusammenhang mit unserem Gedicht steht: 5) 2) Anzeige des West-östlichen Divan im Morgenblatt für gebildete Stände vom 24. Februar 1816. W A (= Weimarer Ausgabe) I 41 (I) S. 88. 3) Chr. Wurm: Commentar zu Göthe's west-östlichem Divan. Nürnberg 1834. S. 1)9 f. Wurms Hinweis au f Hammers 1818 erschienene Geschichte der schönen Redekünste Persiens (ebd.) ist aus chronologischen Gründen unbrauchbar. 4) Vgl. unten S. )). 5) WA I 6, S. 409; 474. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 1)7.


12 Goethe und Ferid-eddin Attar "Die Fluth der Leidenschaft" 13 Poetische Perlen ans Ufer geworfner Gewinnst des Lebens. [IV] Wenn du dieses hörst, so achte sie alt die Welt Viele Jahre sind seitdem über Berge und Thäler Verflossen, und so werden noch viele verfliesen. Der Satz enthält offensichtlich das Aperc;:u zu unserm Gedicht, vor allem auch die ihm zugrunde licgenden metaphorischen Elemente. Burdach wußte nicht zu sagen, was es sonst mit dieser Notiz auf sich hatte, ob sie Goethes Phantasie oder literarischer Anregung ihre Existenz verdankt. Bei genauerer Betrachtung wird sich erweisen, daß das letztere zutrifft. Auf jeden Fall haben wir bei unserer Untersuchung von dem obigen Satz auszugehen. Die Notiz von den "poetischen Perlen" findet sich auf einer Handschrift, die eine Reihe von verschiedenen Aufzeichnungen enthält, insgesamt sechs. Da diese Aufzeichnungen niemals im vollständigen Zusammenhang gedruckt worden sind, geben wir sie wieder bis zum Anfang der letzten, sechsten Notiz, die umfangreicher und hier im Gesamtwortlaut zu entbehren ist. Es kommt für unsere Zwecke darauf an, daß wir die sechs Einzelteile der Handschrift in ihrer Reihenfolge überblicken können. Ein von Goethe nur einseitig beschriebenes Folioblatt enthält folgendes: 6) [I] [II] [III] Ferid-eddin. von 6137) Guten Ruf musst du dir machen Unterscheiden wohl die Sachcn Wer was weiter will verdirbt. Poetische Perlen ans Ufer geworfner Gewinnst des Lebens. Traue nicht dem Truncken Weisen Denn er stielt dir dein Geheimniß. P·9· [V] [VI] Liber Nigaristan. Luscinia captiva cui nomen est anima Non inservit corpori, quod vlees retis gerit. ~ Fundgr. II. 360. N estorianer. Jacobiten [Es folgen längere Notizen, niedergeschrieben im Anschluß an obige Stellenangabe.] . Sämtliches ist mit Tinte geschrieben. Die Aufzeichnungen I und II sind von Goethe durchgestrichen zum Zeichen der Erledigung, d. h. in diesem Fall der dichterischen Verwendung. Über die sechs Einzelteile der Handschrift ist bisher soviel bekannt: Nr. I ist gleichlautend mit dem Gedicht im Buch der Sprüche, das unmittelbar vor dem Vierzeiler "Die Fluth der Leidenschaft" steht. Loeper wies nach, daß den drei Versen ein französischer Satz aus Band 2 der Fundgruben des Orients (S. 9) zugrunde liegt,8) nämlich ein Gedicht von Ferid-eddin Attar in Silvestre de Sacy's Übersetzung. Nr. II und III sind der Herkunft nach ungeklärt. Nr. IV schrieb Goethe fast wörtlich ab nach einer in Band 2 der Fundgruben des Orients (S. 63) enthaltenen Übersetzungsprobe aus Firdusis Schah Namch (Übersetzer Ludolf). Das entging Burdach, obwohl gerade er Goethes Beschäftigung mit dem Schah Nameh ein- U) WA I 6, S. 474; Divan. Akademie-Ausgabe 3. S. '51 f. 7) Die Zahl 613 als Geburtsjahr von Fcrid-eddin Attar entnahm Goethe Bd. 2 der Fundgruben des Orients. S. 6. Sie ist dort Druckfehler, statt 513 (I119). 8) Fundgruben des Orients bearbeitet durch eine Gesellschaft von Liebhabern. [Hrsg. von ]oseph v. HammeL] Wien 1809 ff.


14 Goethe und Ferid-eddin Attar gehend untersuchte 9 ) und den Einfluß Firdusis sogar überschätzteiO). Weitz kennzeichnete in der Insel-Ausgabe des Divan die drei Zeilen durch Kursivdruck als Zitat, ohne jedoch die Herkunft anzugeben.!!) Nr. V stellt elll wörtliches Zitat aus Band 2 der Fundgruben des Orients dar (S. 108). Bereits Christi an Wurm - der natürlich das in Frage stehende Paralipomenon noch nicht kannte - zeigte, daß nach dem lateinischen Satz die Parabel "Bulbuls Nachtlied" gebildet ward. 12) Nr. VI bringt stichwortartige Notizen nach Fundgruben des Orients Band 2 S. 360 ff. Im ganzen ergibt sich folgendes Bild: die ihrer Herkunft nach geklärten Partien der Handschrift - Nr. I, IV bis VI - beruhen sämtlich auf Band 2 der Fundgruben des Orients. Prüft man die Zahlen der von Goethe benutzten Seiten, so entspricht die Reihenfolge in der Quelle dem Aufeinanderfolgen der Niederschriften auf unserem Folioblatt; es beginnt mit S. 9 (Nr. I), dann folgen S. 63, 108, 360 ff. (Nr. IV-VI). Offenbar sind die Notizen so entstanden, daß Goethe jenen zwei- . ten Band der Fundgruben von vorn nach hinten durchsah, und im Zuge der Lektüre bei interessanten Stellen zu Niederschriften veranlaßt wurde. Angesichts dieser Sachlage· kommt man zu der Vermutung, daß auch die bisher ungeklärten Aufzeichnungen Nr. II und III der gleichen Quelle entstammen. Weiter erscheint es geboten, besonders die Partie des Fundgruben-Bandes sorgfältig zu prüfen, die zwischen S. 9 (Aufzeichnung Nr. I) und S. 63 (Aufzeichnung Nr. IV) !I) Noch in dem 1937 erschienenen Divan-Band der Welt-Goethe-Ausgabc (Bd. 5, S. 328) druckte Burdach die drei Zeilen als Goetheschen Gedichtentwurf. 10) Vgl. unten S. 65. H) Die St:dJcnangaben verdanke ich Katharina Mommsen. 12) A. a. O. S. 235. "Die Fluth der Leidenschaft" 15 liegt. In ihr sollten, wenn Goethe der Reihe nach las und notierte, die Anregungen zu den Aufzeichnungen Nr. II und III zu finden sein. Tatsächlich kommen wir so zu dem gesuchten Resultat. Nicht selten läßt sich Unbekanntes in Goetheschen Notizblättern auf dem Wege erschließen, den wir hier einschlugen: durch Beachtung des Nacheinander in der Handschrift. Die Aufzeichnung Nr. III behandeln wir gesondert im nächsten Abschnitt dieser Untersuchung. Wenden wir uns zu Nr. 11. Der Satz von den "poetischen Perlen" wurde angeregt durch eine Stelle auf S. 10 des zweiten Bandes der Fundgruben. Das entspricht also durchaus unserer Annahme bezüglich der Reihenfolge; von S. 9 stammt Aufzeichnung Nr. 1. Auf S. 5-12 des zweiten Fundgruben-Bandes findet sich eine Biographie des persischen Dichters Ferid-eddin Attar. Es handelt sich um einen Abschnitt aus der Tadkire des Amir Daulat-Säh aus Samarkand,13) den Silvestre de Sa~y in französischer Übersetzung darbot: "Vie de Ferid-eddin Attar, auteur du Pend-nameh, extraite de l'histoire des poetes persans de Dauletschah Samarkandi". Innerhalb dieser Biographie wird nun von Ferid-eddin Attar, im Anschluß an eine Aufzählung seiner Werke, gesagt: 14) "Le n"cueil des pocsies de Ferid-eddin, non compris Ics collections de distiques, est de 4°,000 vers. On campte dans ce nombre 12,000 quatrains ... Les poemes, les chansons, les petites picces du scheikh, avec ses quatrains et ses recueils de distiques, forment plus de 10,000 vers. Q u e II e m e r q u e c eil e don t I e s f lot s ont j etc sur le ri vage de la vie tant de perles d'une valeur ine sti mable!" Hier findet sich also die Anregung zu Goethes Notiz, der Aufzeichnung Nr. II unserer Handschrift: 13) Gestorben 1494195 [?]. 1r.) Fundgruben Bd. 2, S. 9 f. Poetische Perlen ans Ufer geworfner Gewinnst des Lebens.


16 G oethe und Ferid-eddin Attar Wie bei der Aufzeichnung Nr. I, die durch die vorhergehende Seite der Fundgruben angeregt war, erfolgte die Niederschrift im Hinblick auf ein Gedicht. Im Falle von Nr. I formte Goethe einen französischen Prosasatz - Zitat eines Gedichtes von Ferid-eddin Attar - sogleich zu drei Versen um, die er unverändert in den Divan aufnehmen konnte. Bei Nr. rr notierte er sich nur ein Apen;u, um daraus später - vermutlich sehr bald - einen Vierzeiler zu bilden. Beide Gedichte stehen im Divan wie hier in der Handschrift hinterein ander; das geht noch letzten Endes auf die Reihenfolge der Anregungen in den Fundgruben zurück. 15) In dem schönen Gleichnis des Gedichts "Die Fluth der Leidenschaft" liegt also wirklich ein Orientalisieren Goethes vor. Anregung gab die metaphernfreudige Sprache eines alten persischen Biographen. Goethesche Zutat ist, sehr bezeichnend, die Einbeziehung der "Leidenschaft" in die Metapher. Hiervon findet sich nichts in dem oben angeführten Satz Daulat-Sähs. Doch scheint eine innere Beziehung nid1t ganz zu fehlen: in seiner Biographie berichtet Daulat-Säh von Ferid-eddin Attar, wie dieser das Leben eines wohlhabenden Apothekers aufgab und in ein Kloster ging. Verbunden mit dieser Abkehr von der Welt war notwendigerweise ein völliges Entsagen (renoncement) . Ferid-eddin nahm den "Kampf mit seinen Leidenschaften" auf. Davon berichtet die Biographie ausführlich in Wendungen wie: 16) .. A Ja /i n dc sa vie il etoit parvenu au supreme d egre dans la science du r e - 11 0 n c e m e n t et de I' a b n e g a ti 0 n de soi-meme . .. Au lieu que la cup i - cl i r (, le domin oit auparavant, il devint esclave d'une passion, de cette passion qui p!'oclIre infa illiblemcnt la liberte . .. En un mot, Ferid-eddin ayant dit adieu au mondc .. . sc rctira dans le monastere. " II .. . s'appliqua serieusement a c o m - b at t res es p a s s i o n s et a pratiquer les exercices de piete." Spricht Goethes Gedicht von Leidenschaft und Entsagen auch mit eigenen Akzenten, so ist doch die Tatsache, daß das Thema des Ent- Ir.) Auch eine E inzcl handschrift enthielt beide Gedichte hintereinander; vgl. WA 16, s. 34) zu 1'1.:18• 1ü) Fun dgrubcn Bel. 2, S. 6 1. "Die Fluth der Leidenschaft" 17 sagens in der orientalischen Schrift eine sO große Rolle spielt, interessant und für Goethes Art, QueUen zu benutzen, kennzeichnend. Seine Phantasie wurde durch das Gesamt der Vorlage angeregt, nicht nur durch ein im engsten Sinn als Quelle benutztes Teilstück. Wenn es bei Daulat-Säh vom Meer deklamatorisch unbestimmt hieß: "Quelle mer que celLe dont les flots ont jete sur le rivage de la vie tant de perles ... !", so ergänzt Goethe aus dem Gesamtzusammenhangselbständig: "Die Fluth der Leidenschaft"! Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch, daß das Gleichnis vom Meer in Daulat-Sähs Biographie wiederholt auftaucht in jeweils abgewandelten Bedeutungen: 17) "On peut dire dc lui [Ferid-eddin Attar], qu'il etoit abyme dans I' 0 c e a n de la contemplation, et qu'il plongeoit dans les profondeurs de l'intuition de la divinite . .. Aucun des hommes ... n' a aussi parfaitement saisi les pensees les plus sublimes et les plus subtiles de la spiritualite. C'etoit pour I'etendue de ses connoissances un o c e a n immense, et toute son energie n' etoit employee qu' a dompter ses inclinations ... [Aus einem Gedicht Ferid-eddin Attars:] La ou un 0 c e ansans bornes agite I'immensite de ses flots, une goutte de rosee produite par la fraicheur de la nuit pourroit-elle pretendre a etre apper~ue? " Diese dicht aufeinanderfolgenden Wiederholungen des Meer­ Gleichnisses mögen bei Goethe die Bereitschaft erhöht haben, sich durch die ein e Stelle - die sonst nichts unbedingt Auffälliges hat - inspirieren zu lassen. Jedenfalls konnte er gewiß sein, daß sein Orientalisieren den charakteristischen Zug eines persischen Schriftstellers aufgriff. Wir stehen nun vor einem überraschenden Resultat. Der Vierzeiler, der so Bedeutsames über Goethes eigenes Dichten aussagt, entstand bei der Betrachtung der Vita eines anderen großen Dichters aus dem Orient. Er wurde angeregt durch die Stelle der Biographie, an der die Summe des gesamten Schaffens von Ferid-eddin Attar gezogen wird. In gewissem Sinne aber zieht ja Goethes Gedicht auch die Summe seines eigenen Schaffens, wie wir sahen. Es ist kein Zweifel: 17) A. a. 0. S. 5 f., 8, 10. 2 Mommsen . Divan-Studien


18 G oethe und Ferid-eddin Attar Goethe wurde durch Ferid-eddin Attar sehr intensiv an sich selbst erinnert, er setzte sich mit dem orientalischen Dichter in Parallele. Den Ausschlag gab, daß F e r~d-eddin Attar nach Ausweis seines Lebensganges im stärksten Sinne ein Entsagender war, der die Leidenschaften (passions, cupidite) hinter sich ließ. Dennoch blieb ihm auch nach diesem Verzicht (renoncement, abnegation), blieb ihm selbst als armer Mönch ein unermeßlicher Reichtum: die Zehntausende von Gedichten, eben jene "Perlen" von "unermeßlichem Wert" (valeur inestimable), die ihm das "Meer" ans "Ufer des Lebens" geworfen hatte. Am Mythos dieses Dichterlebens bemaß Goethe sich selbst und den eigenen "Gewinnst", der ihm aus Leidenschaft und E ntsagen erwuchs. D ie erste Begegnung Goethes mit Ferid-eddin Attar fällt in den Dezember 1814. D amals studierte er - nach allem, was wir wis'sen, zum erstenmal - die Fundgruben des Orients. Im zweiten Band stieß er auf Ferid-eddin Attars Pend Nameh in französischer Prosaüber ~ setzung von Silvestre de Sacy; innerhalb der Einleitung zu dieser ü bersetzung findet sich auch die Biographie Daulat-Sähs. Angeregt durch das"Fend Nameh Ferid-eddin Attars schrieb Goethc, wie man weiß, im Dezember 1814 mehrere Divan-Gedichte, von denen noch zu sprechen sein wird. Damals entstand sicherlich auch die Handschrift mit der Notiz von den "poetischen Perlen"; die sechs Aufzeidll1 ungen auf jenem Blatt erwecken durchaus den Eindruck, als rührten sie von der ersten Durchsicht der Fundgruben des Orients her. Dos edicht "Die Fluth der Leidenschaft" mag bald darauf ausgeführt worden ,sein. 18) Die Metapher vom Meer, das "poetische Perlen" an den Strand wirft findet sidl im Divan noch ein zweites Mal. Auf diese Parallele p fleg~n die Kommentatoren mit Recht hinzuweisen. In dem durch die leidenschaftliche Sprache seiner freien Rhythmen besonders erregen- J8) Das frü hstc Zeugn is von der Existenz dieses Gedichts stammt von Anfang 1816: der Druck im "MorgcnblMt für gebildete Stände" vom 22. März 1816. (Manuskript an Cotta abgesandt am I I. März.) "Die schön geschriebenen •.. " 19 den Gedicht des Buchs Suleika: "Die schön geschriebene~, I Herrlich umgüldeten, I Belächeltest Du I Die anmaßlichen Blätter" beginnt die letzte Strophe: ' Hier nun dagegen Dichtrisehe Perlen, Die mir deiner Leidenschaft Gewaltige Brandung Warf an des Lebens Verödeten Strand aus ... Das Gedicht stammt vom 21. September 1815. Es ist eine Huldigung an Marianne v. Willemer. Das Zusammensein mit ihr hatte Goethe soeben in beglückender Weise produktiv gemacht: ihm verdankte das Buch Suleika Ursprung und Entstehung. Dafür sagt das Gedicht Dank. Die Verse sind im übrigen "Dichtung vom Dichten" 19), Goethe spricht darin über sein eigenes Schaffen. Es ist bezeichnend, daß gerade durch diese Thematik wieder die Erinnerung an die Ferideddin-Attar-Biographie in Goethe lebendig wurde. Sie tritt in den zitierten Versen ganz besonders deutlich hervor. Die Wendung: " .. . Warf an des Lebens verödeten Strand" stimmt wörtlich zusammen mit dem Text Daulat-5ähs: " ... ont jete sur le rivage de la vie" (vgl. oben S. 15) . Die Verse des Heidelberger Gedichts entstanden ohne Zuhanden .. sein der Fundgruben des Orients. Hier ward Goethe von der Erinnerung geleitet. Dies darf als Argument dafür gelten, daß "Die Fluth der Leidenschaft" bereits im Dezember 1814 oder bald darauf geschrieben wurde. Gerade durch die frühere dichterische Verwendung mag die orientalische Metapher von Perlen und Meer sich Goethe so eingeprägt haben, daß sie ihm auf Reisen gleich wieder zur Verfügung stand. D ie starke innere Erregung, in der das Heidelberger Gedicht gesch rieben ward, ließ es ihm natürlicherweise gleichgültig erscheinen, ob durch einige Verse eine Verdoppelung mit Frü- 19) Erich Trunz, Goethes W erk e, Bd. 2, vierte Auf!. Ha~burg 1958. S. 569. 2*


20 Gocthe und Ferid-eddin Attar herem entstand. Dagegen wäre es schwierig, sich vorzustellen, daß der Vierzeiler erst nach dem Heidelberger Gedicht entstand. Für ihn bildete di e Metapher die Grundlage des Ganzen. Die Tatsache, daß sie schon einmal verwendet war, hätte bei der Abfassung in ganz anderer Weise bedenklich erscheinen müssen. Mit Ferid-eddin Attar hat Goethe sich eingehend beschäftigt, namentlich in der Frühzeit des Divan. Hier ist vor allem einiger durch das Pend N ameh angeregten Gedichte zu gedenken, die zur selben Zeit entstanden, als die Notiz von den "poetischen Perlen" niedergeschrieben ward. Das Pend Nameh - "Buch der Ratschläge" - ist eine Sammlung moralischer Lehren, die ihrem ganZlen Charakter nach bestätigen konnte, was GOl'!the in der Vita Daulat-Sahs über das Leben des Dichters las. Hier finden sich praktische Lebensregeln vermischt mit religiösen Vorschriften von weltflüchtig asketischer Strenge. Durch das Pend Nameh wurde zunächst Goethes Vorstellung von Ferideddin Attar bestimmt.19a) Am 15. Dezember 1814 entstand das Gedicht "Fünf Dinge" (Buch der Betrachtungen); ihm liegt das 46. Kapitel des Pend Nameh zugrunde, wie in der Handschrift ausdrücklich vermerkt ist. Tags darauf, am 16. Dezember 1814, schrieb Goethe das Seitenstück zu diesem Gedicht: "Fünf andere". Darin wird zwar das Pend Nameh nicht wiederum direkt zitiert, wohl aber in formaler Hinsicht nachgeahmt. Ein großer Teil der Kapitel des Pend Nameh besteht aus Aufzählun gen von "Dingen", "Eigenschaften", "Fehlern" und dergleichen. Typisch si nd Überschriften wie: "De quatres choses dangereuses" ... "De cinq choses qui abregent la dun~e de la vie" ... "De six choses d'un grand prix" etc. D abei wechseln in den Titeln positive und negative Formulierungen ab. Das Kapitel 46, das Goethe in "Fünf Wo) In den Studien papieren zum Divan findet sich ein Blatt, auf dem Goethe sich die Seitenzahlen des Fundgruben-Bandes 2 notierte, die auf das Pend Nameh Bezug haben. (Beginn der drei Abteilungen von Silvestre de Sacy's Übersetzung.) WA I 7. S. 281. BI. 37. Divan. Akademie-Ausgabe 3. S. 97. Paralip. 1I5· Goethe und Ferid-eddin Attar 21 Dinge" benutzt, trägt die negativ gehaltene Überschrift: "De cinq choses qui ne 'se trouvent jamais avec cinq au t res c h 0 s e .s". (In den letzten Worten liegt der Titel zu "Fünf andere" vorgebildet!) Darauf folgen wieder Kapitel mit ausgesprochen positiver Tendenz: Kap. 47: "Des vertus qui assurent le bonheur et la felicite"; Kap. 48: "Des mQyens d'assurer son salut". Ganz entsprechend läßt Goethe auf das negative Gedicht "Fünf Dinge" das positive "Fünf andere" folgen. Ursprünglich trugen beide bezeichnenderweise die Titel: "Fünf Dinge unfruchtbar" und "Fünf Dinge fruch!Qar".20) Dieser Wechsel von Negativ und Positiv bedeutet eine bewußte Imitationdes Pend Nameh. Das positiv gehaltene Gedicht benutzte Goethe, um eigene Lieblingsgedanken darin niederzulegen, die zugleich aber auch mit Ferid-eddin Attars Gedanken kontrastieren sollten. Gleichfalls von Dezember 1814 stammt vermutlich das Gedicht: "Und was im Pe n d - N a m e h steht", das, wie abermals in der Handschrift vermerkt ist, durch Kapitel 69 des Pend Nameh angeregt wurde. Das Gedicht, zu dem es keine handschriftliche Datierung gibt, wurde von Riemer und Eckermann ,in der Quartausgabe von 1836 auf den gleichen Tag datiert wie das im Divan vorhergehende "Lieblich ist des Mädchens Blick der winket", nämlich auf den 26. Juli 1814. Obgleich beide Gedichte inhaltlich zusammengehören - ,sie wurden unter dem Titel "Wonne des Gebens" von Goethe 1817 einmal vorveröffentlicht -, ist es doch undenkbar, daß sie zugleich am 26. Juli 1814 geschrieben seien. Für die Entstehung des zweiten ist das Zuhandensein der Fundgruben des Orients unbedingt Voraussetzung, wie schon die N ennung des Pend-Nameh-Kapitels in der Handschrift zeigt. Am 26. Juli 1814 aber befand Goethe sich auf der Reise von Eisenach nach Fulda. Es darf als ausgeschlossen gelten, daß er da die riesigen Fundgruben-Bände mit sich führte, die er doch - wir sprachen davon - offenbar erst im Dezember 1814 zu studieren begann. Im übrigen entstand an jenem Reisetag, dem 26. Juli 1814, sehr: vie- 20) Im Wiesbadener Register vom 30. Mai 1815: Nr. 86 und 87. Vgl. WA I 6, S. 315.


22 Goethe und Ferid-eddin Attar les - nachweislich neun z. T. umfangreiche Gedichte. Verständlicherweise beruhen diese alle nicht auf diversen Quellen, sondern sind spontane E rlebnisdichtung. Nur Hafis-Anklänge finden sich: die kleinen Bändchen der Hammersehen Hafis-Übersetzung führte Goethe allerdings als Brevier mit sich. Was das Gedicht "Und was im Pe n d - N a m e h steht" betrifft, so wird es im Dezember 1814 als Nachtrag und Ergänzung zu "Lieblich ist des Mädchens Blick" entstanden sein, angeregt durch die Begegnung mit Ferid-eddin Attar. 21) Gerade der Dezember 18I4 ist die Zeit, in der Goethe eine ganze Reihe der im Juni und Juli entstandenen frühsten Divan-Gedichte überarbeitete und ergänzte. Das Pend N ameh wirkte schließlich auch noch ein auf die Gestaltung des Gedichts "Sommernacht" (Schenkenbuch), das an denselben Tagen entstand wie "Fünf Dinge" und "Fünf andere": am 15. und 16. Dezember 1814. Davon wird weiter unten zu sprechen sein. Zusammenfassend läßt sich sagen: nach der ersten Beschäftigung mit dem Pend Nameh sah Goethe in Ferid-eddin Attar vor allem einen sittlich-pädagogischen Dichter. Insofern Goethes eigene Dicht un g vielerlei sittliche Tendenzen aufwies, durfte er sich wohl zu einem Verglcich mit dem Verfasser des Pend Nameh aufgefordert fühlen (wie auch offenkundig das Gedicht "Die Fluth der Leidenschaft" einen solchen Vergleich enthält). Übrigens erinnerte ihn die strenge E thik des Pend Nameh gelegentlich an Kant. Auf einem Divan-Studienblatt vom Frühjahr 1815 findet sich die - vielleicht erst in späterer Zeit hinzugefügte - Randbemerkung: 22 ) "Einem aechten Kantiane[rL ist Pe nd nameh was gemeins" 21) Frühstes ei ndeutiges Zeugnis von der Existenz des Gedichts ist der Druck in Gubitz' "Gaben der Milde" [8[7. (Manuskript an Gubitz gesandt s m 26. Dezember 1816.) 22) WAl 7. S. 3°5: BI. 9211; Divan. Akademie-Ausgabe 3. S. 100. Goethe und Ferid-eddin Attar 23 Die Wendung "was gemeins" bedeutet natürlich: etwas gewöhnliches, alltägliches, ist also nicht völlig negativ aufzufassen. Doch scheint Goethe hier anzudeuten, daß seine Bewunderung für Ferideddin Attar auch gewisse Grenzen ' hatte. Im ganzen aber stand er dem Pend Nameh mit Achtung und Sympathie gegenüber. Ein charakter;istisches Denkmal dafür, welchen Wert Goethe dem Werk zu jener Zeit beimaß, ist das sogenannte Huldigungs-Blatt von (etwa) Mai 1815. Dies Blatt, das ursprunglich 'dem Divan vorangesetzt werden sollte - die Absicht wurde später aufgegeben -, enthielt eine Lobpreisung derjenigen orientalischen Dichtungen, die bi~ dahin für Goethe und seinen Divan die größte Bedeutung gewonnen hatten. Darauf finden wir gleich an oberster Stelle den Passus: 23) Verehrung sey! dem sittlichen Pend-Nameh des Firadeddin Mit sehr viel mehr Distanz spricht Goethe in den Noten und Abhandlungen von Ferid-eddin Attar. Inzwischen hatte er mehr von ihm erfahren durch Hammers Geschichte der schönen Redekünste Persiens. Ferid-eddin Attars "Vögelgespräche" erwähnt Goethe jetzt lobend aIs "Beispiel" der orientalischen "Gesprächsform".24) Eine Gesamtcharakteristik des Dichters gibt er im Abschnitt "Dschelaleddin-Rumi". Hier sieht er ihn, zusammen mit Dschelal-eddin-Rumi, als typischen Vertreter des persischen Mystizismus. "Mysticismus persischer Dichtkunst : :Attar, Rumi",so heißt es bezeichnenderweise in Goethes Tagebuch vom 21. Oktober 1818, mit Bezug auf die Abfassung jenes Kapitels der Noten und Abhandlungen. Für diesen Mystizismus bringt Goethe nun zwar Verständnis und historisches 23) WA I 6, S. 482. 2.\) Kapitel "Nachtrag". WA I 7. S. 121.


24 Goethe und Ferid-eddin Attar -' --_ Interesse auf, doch bewahrt er ihm gegenüber eine gewisse Reserve. Hatte ihn früher Ferid-eddin Attar als Bezwinger der Leidenschaf- .._- -----_ .. -'" '._ .., _.--' tSE. ~ udi9'Jteri schem Vergleich angeregt, so überdenkt er jetzt nur noch seine literargeschichtliche Zuordnung. Er unterscheidet die weltflüchtigen Dichter von den "weltlichen", nämlich den persischen Panegyrikern, und sagt: 25) "Und wenn der weltliche Dichter die ihm vorschwebenden Vollkommenheiten an vorzügliche Personen verwendet, so flüchtet 'sich der gottergebene in das unpersönliche Wesen, das von Ewigkeit her alles durchdringt. So flüchtet sich Attar vom Hofe zur Beschaulichkeit ..." 20) WA I 7. S. 59. BRUCHSTÜCK NACH HARIRI Traue nicht dem Truncken Weisen [zuerst: Klugen] Denn er stielt dir dein Geheimniß [zuerst: deine Worte] Diese beiden trochäischen Ver'se werden in den Divan-Ausgaben unter die Gedicht-Bruchstücke eingereiht, deren Bestimmung unbekannt ist. 26) Mit ihrem Inhalt weiß man nichts anzufangen. Es bestehen sogar Zweifel, welchem Buch des Divan der Gedichtentwurf - denn um einen solchen handelt es sich doch wohl - zuzuordnen ist. Um einigen Aufschluß über das Fragment zu erhalten, müssen wir uns mit der bisher nicht ermittelten Quelle befassen. Die beiden Zeilen stehen auf ,der Handschrift mit den sechs Notizen, die wir oben bespmchen, als dritte Aufzeichnung [Nr. III]. 27) Zwecks Auffindung der QueUe sollte - davon war die Rede - besonders die Partie des zweiten Bandes der Fundgruben des Orients untersucht werden, die zwischen S. 9 und S. 63 liegt. In diesem Fall ergibt nun die Nachprüfung, daß wirklich an sehr verborgener Stelle dasjenige anzutreffen ist, was Goethe inspiriert hat. Abermals führt uns das auf die Beschäftigung Goethes mit einem bekannten orientalischen Dichter, diesmal einem arabischen. Auf den Seiten 52 bis 57 des zweiten Fundgruben-Bandes findet sich eine Übersetzung der 12. Makame des Hariri: "Douzieme assemblee d'Aboulcassem Al Hariri, intirulCe la Goutiye. Traduite par Mr. Fn!deric 26) In der Weimarer Ausgabe: I 6. S. 474. 27) V gl. oben S. IZ.


26 Bruchstück nach Hariri Pisani." (In Rückerts Übersetzung der Makamen des Hariri: Nr. 10.) Es ist eine Stelle aus dieser Makame, die Goethe offenbar besonders interessierte und zur Niederschrift der obigen zwei Zeilen von dem "trunken Weisen" veranlaßte. Folgendes wird in der Makame berichtet: Hareth ben Hemmam, der Held und Erzähler sämtlicher Makamen, begibt sich, "wohl versehen mit Geld und Gut", wie es bei Rückert heißt, vom Irak nach einem Ort nahe von Damaskus. Hier verbringt er in paradiesischer Umgebung eine Zeit der Erholung und des Genusses. Als schließlich der Wunsch in ihm erwacht, die Rückkehr in seine Heimat , den Irak , anzutreten, schließt er sich mehreren Reisenden an, die das gleiche Ziel haben wie er. Jetzt aber kommt die Reisegesellschaft in Verlegenheit. Man benötigt für den langen, schwierigen Weg durch die Wüste einen Führer, "un homme qui put nous servir de garde". Ein solcher aber ist, auch nach wochenlangem Suchen, nirgends aufzutreiben. Eines Tages versammeln sich die Reisegenossen bei einem Stadttor und mtschlagen, was zu tun sei. Die verschiedensten Meinungen werden vorgetragen, man kommt 2U keiner Lösung. In dieser Situation nun wird folgendes erzählt - wir zitieren nach dem französischen Text, der Goethe vorgelegen hat: 28) "Ccpcndunt, vis-il-vis d'eux etoit un hommc qui paroissoit etre dans la vigeur de 1'age, portant un habit de moine, et tenant un chapelet iI la main. On lisoit dans scs yeux qu'il etoit un i v r 0 g n e. Il avoit fixe ses regards sur eux, et prete I'oreille pour d e I: 0 b c r I eu r s par 0 I e s. Quand iIs furent sur Ie point de ,'cn retourncr, ce qu c 1 c urs c c r e t f u t par v e n u a s a co n n 0 i s­ sa n c c , il les aborcla, ct kur paria en ces termes: ..." Der merkwürdige Mann, der halb wie ein Mönch, halb wie ein Trunkenbold (ivrogne) aussieht, bietet sich nun in wohlgesetzter Rede als Führer an und preist seine diesbezüglichen Qualitäten. Bis hierher vor allem hat uns die Geschichte zu interessieren. Doch sei auch der weitere Verlauf in Kürze skizziert. 28) Fundgruben Bd. 2, S. 52 f. Bruchstück nach Hariri 27 Die Reisenden akzeptieren den Führer: der lehrt sie ein bestimmtes Gebet, das, oft wiederholt, ,sich als schützendes "Amulett" erweist. So bringt er seine Klienten sicher durch die Wüste bis zum Irak. Ein reiches Entgelt, das man ihm zahlt, vertrinkt er sofort. Die Reisenden finden ihn - so endet die Geschichte - in einer Schenke beim Wein, bedient von anmutigen Knaben. Blumen und Musik verschönern ihm sein Fest. Auf die verwunderten Fragen seiner Reisegenossen erklärt er - und das mag uns nochmals angehen -: er habe sie getäuscht. Mit seiner Frömmigkeit sei es nicht weit her. Er sei ein Mann, der nur einer Leidenschaft lebe, dem Trunk: 29) "Aussi sans Ia passion de boire, n'aurois-je pas depIoye tant d'eJoquence; n'aurois-je pas entrepris cI'en imposer a mes compagnons, en portant un chapeIet, pour venir a I'Yrac." Hareth ben Hemmam erkennt schließlich in dem ivrogne - Abu Seid, den in allen Makamen des Hariri unter verschiedenen Masken wiederkehrenden Helden und Landstreicher. Über das rätselhafte Goethesche Fragment wissen wir nun doch einiges mehr. Da's Vorbild des "trunken Weisen" findet sich in dieser Makame Hariris: es ist der ivrogne, der die Reisenden belauscht, täuscht und - zu seinem und ihrem Vorteil - ausnutzt. Übereinstimmungen zeigen sich bis in den Wortlaut hinein. Wenn es , bei Goethe ursprünglich heißt: "denn er stielt dir deine Worte", so entspricht das dem Text der französischen Übel'setzung in den Fundg.ruben des Orients : "derober leurs paroles", lesen wir dort. Goethe änderte dann "Worte" in "Geheimniß" - und auch dafür bietet die Vorlage das ehtsprechende Wort: "leur sec r e t fut parvenu a sa connoissance." Bei Hariri hängt die Schlauheit des Abu Seid..:. man sehe das zweite französische Zitat, das wir oben brachten - engstens zusammen mit der passion aboire. Goethe hält also ein Hauptmotiv der Makame fest, wenn er von dem "Truncken Weisen [Klugen]" spricht. Aus der Quelle läßt sich nun auch ersehen, in welchen Bereich des T.l) A. a. O. S. 55.


28 Bruchstück nach Hariri Divan dieses Paralipomenon gehört: nicht etwa ins Buch der Sprüche, wie vermutet worden ist, 30) sondern ins Schenkenbuch. Was im übrigen Goethes Interesse an der Figur des gefährlich schlauen Trunkenbolds, der einem das "Geheimni-s stiehlt", hervorrief, wissen wir nicht. Möglicherweise kamen ihm dabei Ereignisse und Typen aus seiner eigenen Lebenssphäre in den Sinn~ Hierüber kann man nicht einmal etwas vermuten. Bezeichnend bleibt es auf jeden Fall, daß es die Hauptgestalt einer berühmten arabischen Dichtung war, die schon nach dem wenigen, was Goethe hier von ihr las, solche Faszination auf ihn ausübte. So begreift nur der Dichter den Dichter. Im ersten Band der Fundgruben fand Goethe noch eine weitere, die achte Makame Hariris, ebenfalls in französische Prosa übersetzt. Auch darin tritt Abu Seid in einer anderen Rolle auf, doch wird sein Name nicht genannt. Die Identität mit dem Abu Seid der 12. Makame war also nicht ohne weiteres erkennbar. Ob Goethe weitere Makamen kannte, ist nicht festzustellen. Auch von sonstigen Anregungen durch Hariri i-st nichts bekannt. 31) Blicken w,ir noch einmal zurück auf die Handschrift, die unser Gedicht-Fragment enthält, das Blatt mit den sechs verschiedenen Notizen, so erweist es sich, daß tatsächlich alles, was Goethe hier niederschrieb, zurückgeht auf den zweiten Band der Fundgmben des Orients. Die Folge der Aufzeichnungen in der Handschrift entspricht, wie sich nun vollständig übersehen läßt, den Seitenzahlen 9, 10, 52, 63,108,360. 30) E . Grumach. Divan. Akademie-Ausgabe 3. 22. Richtige Zuordnung zum Schenkenbuch bei Weitz: Goethe. West-östlicher Divan. Leipzig 1949. S. 297. 31) Im ersten Band der F undgruben werden die bis dahin existierenden übersetzungen einzelner Makamen J-Iari ris aufgezählt (S. 22). Es ist nicht ausgeschlossen. daß Goethe sich die eine oder andere angesehen hat. In den Studienpapieren zum Divan gibt es ein Blatt mit Aufzeichnungen über Hariri aus Fundgruben Bd. I (S. 22) und Herbelot (Divan. Akademie-Ausgabe 3. S. 90. Paralip. m). Auf einem weiteren Blatt finden sich die Seitenzahlen der Fundgruben-Bände I und 2 notiert. die auf Hariri Bezug haben (Akademie-Ausgabe 3. S. 157. Paralip. 152) . "SOMMERNACHT" 1. Überblick Mit "Sommernacht", dem bedeutendsten Gedicht des Schenkenbuchs, hat sich die Divan-Forschung in neuerer Zeit besonders intensiv befaßt. Emil Staiger widmete dem Gedicht eine richtungweisende Studie, die Reiz und Eigentümlichkeiten Goethescher Kunst meisterhaft verdeutlichte.1) Auf den von Staiger geschaffenen Grundlagen fußend gaben Kommerell 2) und mehrere Kommentatoren des Divan ausführliche Analysen von "Sommernacht". Vergleicht man sämtliche Interpretationen, ältere und neuere, aber auch die neueren untereinander, so zeigt sich, daß das Gedicht in auffällig verschiedener Weise ausgelegt worden ist - wie sollte das bei -einem Werk dieses Schwierigkeitsgrades anders sein. Die Divergenz der Meinungen beginnt bei so elementaren Fragen wie denen der Datierung oder der Bewertung von Quellen. Sie erstreckt sich aber auch auf wesentlichste Probleme der Deutung. Ein Teil der Kommentatoren glaubt, Burdach folgend, als Hauptgedanke läge dem Gedicht ein Anspielen auf islamische Gebetsbräuche zugru nde. Damit wird der Schwerpunkt einseitig auf den Bereich des Religiösen verschoben. 3) Andere lassen Religion und 1) Emil Staiger: Goethe: .. Sommernacht"; in: E. Staiger. Meisterwerke deutscher Sprache. 3. Auf! . Zürich 1957. S. H8-H. Zuerst in: Corona. Jg. 10 (1940) H. 1. S. 76-95 (Zu einem Goetheschen Gedicht). 2) Max KommereII : Gedanken über Gedichte. Frankfurt a. M. 1943. S. 282 f. 3) Vgl. Konrad Burdach. Goethes Sämtliche Werke. Jubiläumsausg. Bd. 5 (1905). S. 406 f. - Emil Ermatinger. G oethes Werke. Berlin: Bong. Anmerkungen zu Bd. 1-4 (1913), S. 224 f. - E rn st Beutler: Goethe, West-östlicher Divan. Bremen 1956. S. 702. 705. - Max Rychner : Goethe, West-östlicher Divan. Zürich 1952. S. 538 f.


30 "Sommernacht" Islam bewußt aus dem Spiel, nachdem Emil Staiger die Berechtigung von Burdachs These in Zweifel zog. Man sieht nun - und hierin wies ebenfalls Staiger den Weg - das Wesentliche von "Sommernacht" überhaupt mehr in der reizvollen Vielfalt von Themen und Tönen, Klängen und Farben, Stimmungen und Schwingungen, als in der Präponderanz einer bestimmten Thematik. Das Ironische besonders wurde jetzt stärker empfunden und bewertet. 4) . Endlich wurde auch die formale Seite des Gedichts zur Debatte gestellt. Staiger wies darauf hin, daß "Sommernacht" keinen einheitlichen Aufbau im üblichen Sinne habe. Es sei insofern gerade ein Gegenbeispiel zu Goethes "klassischer" Dichtung, als darin "keine Einheit" sei, "die zum Ganzen sich entfalten würde, kein Bezug der Teile aufeinander und auf eine Mitte, keine Linie, keine Gestalt, keine in sich geschlossene Welt". 5) Man hat sich bisher - soweit ich sehe - mit dieser interessanten Beobachtung nicht weiter befaßt. So begegnen wir bei der Interpretation eines der bedeutendsten Divan-Gedichte noch vielen Problemen erster Ordnung. Mit diesen werden sich die folgenden Untersuchungen zu beschäftigen haben. Auf zwei verschiedenen Wegen hoffen wir, zur Erörterung wichtiger Fragen etwas beitragen zu können. Wir wollen zunächst einmal "Sommernacht" unter einem Gesichtspunkt betrachten, der bisher seltsamerweise wenig Beachtung fand: unter dem des Pädagogischen. Welche Rolle - so möchten wir fragen - spielt in dem Gedicht, das doch offensichtlich als Gespräch eines älteren Lehrenden mit einem jüngeren Lernenden viel mit Erzieherischem zu tun hat, das pädagogische Element? Als zweites soll dann weiter versucht werden, aus einer Betrachtung der Ent,stehungsgeschichte und vor allem der Quelleneinwirkung neue Aufschlüsse zu erhalten. ") Vgl. Kommerell a. a. o. S. 282 f. !i) Vgl. Stuigcr u. u. O. S. 120 (= Corona X I, S. 78). Charakter des Schenkenbuchs 31 H. Das p ä d ag 0 gis ehe EIe m e n tin "S 0 m m ern ach t " "Das prachtvolle Zwiegespräch zwischen Dichter und Schenken zeigt die Pädagogik des Dichters in lebendiger Ausübung, in ihrer Wirkung auf den zutraulichen, liebend lernenden Schüler, den Schenken, in einer dramatischen Szene, die in herrlicher Bewegung Dämmerung, Nacht und Morgenrot der nordischen Sommernacht vorüberführt."6) Burdach bezeugt mit diesen Worten, wie lebhaft er noch den pädagogischen Aspekt des "Sommernacht"-Gedichts empfand. Einen ganz ähnlichen Eindruck machte das Gedicht auf Boisseree, als Goethe es ihm erstmals vorlas. Unter dem 8. August I8I5 findet sich in Boisserees Tagebuch die folgende Notiz: ,,[Goethe las in Wiesbaden] abends wieder Stücke aus dem Divan. D [e r ] S c h e n k e . . . D as Ganze 7) als ein edles, freies paedagogisches Verhältniß, als Liebe und Ehrfurcht der Jugend gegen das Alter genommen vorzüglich schön ausgesprochen in einem Gcdicht: die kürzeste Nacht, wo Morgenroth und Abendroth zugleich am Himmel sind. Astronomie. Ethik."S) Die Boissereesche Aufzeichnung - wir werden noch auf sie zurückkommen - findet sich gewöhnlich mit einigen anderen Goetheschen Zeugnis'sen in den Kommentaren zu "Sommernacht" angeführt. Zum Thema des "Pädagogischen" ist das aber auch meist alles, was man vorbringt. Offenbar erschien alles Mögliche an dem Gepicht viel wichtiger als gerade das Pädagogische. Den Hauptanstoß hierzu gab Burdach. Denn die Worte, die wir von ihm anführten, stehen auch bei ihm nur vereinzelt da, allenfalls als Zeugnis eines u~befangenen Gesamteindrucks. Die eigentliche Aufmerksamkeit lenkt er auf andere Dinge, denen er nun eine vorherrschende Bedeutung gibt. 6) K. Burdach : Die älteste Gestalt des West-östlichen Divans. Akademievortrag von 1904. In : K. Burdach: Zur Entstehungsgeschichte des West-östlichen Divans. 3 Akademievorträge. Berlin 1955. = Dt. Akad. d. Wiss. zu Berlin, Veröffentl. d. Inst. f. dt. Spr. u. Lit., 6. (Im Folgenden zitiert: Burdach, Akademievorträge.) S·37. 7) Gemeint ist: die auf den Schenken bezüglichen Gedichte. 8) Ed. Firmenich-Richartz: Die Brüder Boisseree. Bd. I. Jena 1916. S. 402 f.


32 Das pädagogische Element in "Sommernacht" Daß dies möglich war, daß das Pädagogische in "Sommernacht" der Aufmerksamkeit so entschwinden, durch anderes so vergessen gemacht werden konnte, ist allerdings kein Zufall. Offenbar hat es etwas mit dem Gedicht selbst zu tun. Es scheint, daß das Pädagogische darin in zwiefacher Weise behandelt wird: sich manifestierend, sich zugleich aber auch wieder verbergend. Es wird eine Art Versteckspiel damit getrieben. Das erschwert das Erkennen und Bewerten. Inwiefern dies Versteckspiel ein besonderes Goethesches Kunstmittel bedeutet, wird noch zu erörtern sein. Wesentlich ist, daß wir uns zunächst einmal vor Augen führen, in welcher Weise sich in "Sommernacht" ein pädagogisches Element tatsächlich manifestiert, welche Rolle es in dem Gedicht spielt. Vieles ist hierüber 2!U erfahren, wenn man das Gedicht im Zusammenhang mit dem Buch betrachtet, in dem es steht. Eine Charakteristik des Schenkenbuchs gab Goethe im Kapitel "Künftiger Divan" der Noten und Abhandlungen. Dabei sprach er - dies darf uns interessieren - beinahe ausschließlich über den Anteil des Erotisch-Pädagogischen an diesen Gedichten: 9) "D asS ehe n k e n - B u c h. Weder die unmäßige Neigung zu dem halbverbotenen Weine, noch das Zartgefühl für die Schönheit eines heranwachsenden Knaben durfte im Divan vermißt werden; letzteres wollte jedoch unseren Sitten gemäß in aller Reinheit behandelt seyn. Die Wechselneigung des früheren und späteren Alters deutet eigentlich auf ein ächt pädagogisches Verhältniß. Eine leidenschaftliche Neigung des Kindes zum Greise ist keineswegs eine seltene, aber selten benutzte Erscheinung. Hier gewahre man den Bezug des Enkels zum Großvater, des spätgebornen Erben zum überraschten zärtLichen Vater. In diesem Verhältniß entwickelt sich eigentlich der Klugsinn der Kinder; sie sind aufmerksam auf Würde, Erfahrung, Gewalt des Älteren; rein geborne Seelen empfinden dabei das Bedürfniß einer ehrfurchts- 9) WAl 7, S. 146 f. Charakter des Schenkenbuchs 33 vollen Neigung; das Alter wird hievon ergriffen und festgehalten. Empfindet und benutzt die Jugend ihr Übergewicht um kindliche Zwecke zu erreichen, kindische Bedürfnisse zu b~friedigen, so versöhnt uns die Anmuth mit frühzeitiger Schalkheit. 10 ) Höchst rührend aber bleibt das heran strebende Gefühl ~es Knaben, der, von dem hohen Geiste des Alters erregt, in s1ch selbst ein Staunen fühlt, das ihm weissagt, auch dergleichen könne sich in ihm entwickeln. Wir versuchten so schöne Verhältnisse im Schenkenbuche anzudeuten und gegenwärtig weiter auszulegen." [Anschließend folgen zwei längere Geschichten aus Saadis Gulistan zu besserem Verständnis jenes pädagogischen Verhältnisses.] Es ist nicht uninteressant, mit dieser Charakteristik des Schenkenbuchs den realen Gehalt seiner Gedichte zu vergleichen. Von den 22 Gedichten des Buchs nimmt nur die Hälfte - genau II - überhaupt Bezug auf das Verhältnis des Dichters zum Schenken. (Die andere Hälfte umspielt das Thema "Neigung zu dem halbverbotenen Wein".) Ein pädagogisches Element zeigt sich innerhalb jener II Gedichte nur bei einer Minderzahl, nämlich bei 5 - zu diesen 5, die den Schluß des Buches bilden, gehört "Sommernacht". Bei 4 Gedichten aus derselben Elfergruppe erscheint das pädagogische Verhältnis sogar in humorvoller Umkehr: hier tritt der Schenke als Ermahner des Dichters auf!i1) . Betrachten wir nun die 5 Gedichte, in denen das Alter die pädagog1sche Führung hat, so ergibt sich auch da ein merkwül'diges Bild. In zwei von diesen Gedichten bleibt es bei ganz geringfügigen Andeutungen; da heißt es lediglich, daß der Schenke "gerne hört", wenn der 10) Vgl. unten Anm. 11. 11) Der Schenke zeigt Merkmale der "Schalkheit": vgl. den oben zitierten Text der NA. "Schalkheit" bedeutet in dem prägnanten Sinn, welchen Goethe dem Wort seit 1797 oft zu geben licbte: beharrliches intelligentes Verneinen. V gl. M. Mommsen: Der "Schalk" in den Guten Weibern und im Faust. Jahrbuch Goethe 14/15 (r952(l3) S. 171-202. 3 Mommsen. Divan-Studien


34 Das pädagogische Element in "Sommernacht" Die Frage des "Dichters"· 35 Dichter "singe" oder "rede" .12) Von den restlichen drei Gedichten erschienen zwei jedoch erst in der Ausgabe des Divan von 1827P3) So bleibt für die erste Ausgabe des Divan (von 1819) allein "Sommernacht" übrig als das Gedicht, das überhaupt in ausgeführter Weise das Verhältnis des Dichters zum Schenken als "pädagogisch" darstellt. Nur dies Gedicht konnte zunächst verständlich machen, was in der Charakteristik der Noten und Abhandlungen über das Schenkenbuch gesagt war. Vergleicht man die beiden in der zweiten Ausgabe des Divan hinzugekommenen "pädagogischen" Gedichte mit "Sommernacht", so bleibt das Übergewicht des letzteren immer noch evident. In "Sommernacht" tritt das Pädagogische ohne weiteres erkennbar in einer ganzen Anzahl von Strophen auf, in den beiden anderen Gedichten zeigt es sich nur in einzelnen Versen. (Übrigens erscheint in einem, dem drittletzten Gedicht des Buchs der Schenke auch gleichzeitig als Ermahner des Dichters.) Es war nötig, das Faktische in diesen ganzen Verhältnissen deutlich ins Auge zu fassen, weil es zu der wichtigen Erkenntnis führt, daß "Sommernacht" im Rahmen des gesamten Schenkenbuchs sich als das eigentlich pädagogische Gedicht erweist. Es vertritt somit mehr als jedes andere das in den Noten und Abhandlungen ausgesprochene Goethesche Programm! 14.) Diese Lage dcr Dingc läßt cs um so notwendiger und berechtigter erscheincn, das Gedicht selbst einmal darauf hin zu prüfen, was an ihm eigentlich als pädagogisch zu gelten hat und was nicht. Schon ein Blick auf die ersten Versc zeigt, daß wir hier keine müßige Frage stellen. "Sommernacht" beginnt mit diesen Worten des Dichters: 12) Vgl. "Nennen dich dcn großen Dichter" und "Schenke komm! Noch einen Becher!" 13) "Denk', 0 Herr! wcnn du gctrunkcn" und "So hab' ich cndlich von dir erharrt". 11,) Daß "Sommernacht" das am meistcn pädagogische Gedicht des Schenkenbuchs ist, hat auch H. G . Gräf richtig gesehen. (Goethe über seine Dichtungen III 2, S. 237.) Dichter. Niedergangen ist die Sonne, Doch im Westen glänzt es immer, Wissen möcht' ich wohl, wie lange [Zuerst: Möcht ich wissen doch wie lange] Dauert noch der goldne Schimmer? Die beiden letzten Verse dieser Strophe (V. 3.4.) gehören zu den umstrittensten des ganzen Gedichts. Es waltet um sie ein Mißverstehen, das sich auf die Interpretation des Ganzen abträglich auswirkte. Was bedeutet die Frage des Dichters? Zieht man den Gesamtcharakter des Gedichts in Betracht, so sollte das überaus leicht zu bestimmen sein. Der Dichter leitet mit dieser Frage ein pädagogisches Gespräch ein. Er fragt den Schenken nach den astronomischen Verhältnissen der Mittsommernacht. Der Knabe zeigt sich nicht informiert und wird daraufhin von dem Älteren belehrt. Es läßt sich eigentlich nichts Einfacheres denken als diese Erklärung. "Sommernacht" ist ein pädagogisches Gespräch, und dessen Einleitung - jedes Gespräch muß ja irgendwie eingeleitet werden - besteht in der Frage des Dichters. Das Thema des Gesprächs ist herausgegriffen - das hielt auch Boisseree in seinem Tagebuch fest nach Goethes Vorlesung - aus dem weiten Bereich dcr "Astronomie". Diese Erkenntnis, daß es eine pädagogische Frage ist, die ein päd- '\ agogisches Gespräch einleitet, ist in den Kommentaren mehr und mehr verloren gegangen. Für Loeper war sie noch selbstverständlich. Seit Düntzer abcr begann man, die Verse 3 und 4 zu einem Problem werden zu lassen, indem man alles mögliche Psychologische in sie hineindeutete. Düntzer 15) gab folgende Version : Der Dichter ist "überrascht [!], daß heute das Abendroth bis zum Morgenroth dauert, und er belehrt darüber launig den jungen Schenken. .. Sei n e V c r W LI n der u n g [!] s p r ich t sie hin der Fra g e 15) Erläuterungen zu den deutschen Klassikern. Abth. r, Bdch. XXXI-:XXXIII, Goethes West-östlicher Divan. Leipzig r878. S. 379. 3*


36 Das pädagogische Element in "Sommernacht" aus, wie lange dies [der Dämmerungsvorgang] noch dauern werde." Das Unlogische dieser Interpretation liegt auf der Hand. Gerade der Dichter weiß um die Verhältnisse der kürzesten N ach t. Wie wäre er sonst imstande, den Schenken Zu "belehren"? Infolgedessen kann er nicht überrascht und seine Frage (V. 3. 4) nicht Ausdruck der Ver w und e run g sein. Burdach 16) setzte das durch Düntzer in die Interpretation hineingebrachte Psychologisieren fort. Für ihn stellen nun die Verse 3 und 4 überhaupt keine Frage mehr dar, sondern lediglich einen "in Pragcform sich kleidenden Ausruf". Diesen "Ausruf" habe der Schenke "als Ausdruck der Ungeduld" mißverstanden. Daraufhin bemühe er sich, den Eintritt der Mitternacht festzustellen, weil sie die vom Islam empfohlene Gebetsstunde bringe, bei der "der Andächtige mit dem Gesicht die Richtung nach Mekka einzuhalten habe" etc. Man sieht, die durch nichts zu rechtfertigende Umdeutung der Frage in einen "Ausruf" hat für Burdach in Wahrheit nur den Zweck, seine Lieblingsidee von den islamischen Gebetspflichten heranzubringen. (Wieweit wirklich in "Sommern acht" die Stelle vom Anschauen des Sternenhimmels [V. 9-16] durch Mohammed-Srrüche der "Sunna" inspiriert sein könnte, soll unten bei Behandlung der Quellen erörtert werden.) Staiger kommt darauf zurück, daß der Dichter in den Versen 3 und 4 tatsächlich den "Wunsch" äußere, etwas zu wissen. "Der Knabe", so führt er weiter aus, "schickt sich an, den Wunsch mit aller Aufmerksamkeit zu erfüllen." Allerdings sei des Dichters "Frage nur rhetorisch aufzufassen". Denn es stelle sich heraus, daß er "längst Bescheid weiß über die Dämmerung" .lI) Dem wäre nur hinzuzufügen: der Schenke legt in der Tat großen Eifer an den Tag - wir werden darauf noch zurückkommen. Bezüglich dessen, was der Dichter eigentlidl zu wissen wünscht, bleibt er jedoch die Antwort schuldig. Hierin, besonders aber .auch in dem Umstand, daß der Dichter wirklich "Bescheid weiß" über das, was er "wissen möchte", scheinen uns wesentliche Argumente dafür zu liegen, daß die "rhetorische" Frage zugleich auch eine p ä d a g 0 g i s ehe ist. Jede pädagogische Frage setzt ja das Wissen des Lehrenden vuraus: in sofern ist jede pädagogische Frage eine rhetorische. Beutler hält gleichfa ll s - gegenüber Burdach - daran fest, daß die Verse 3 und 4 eine Frage enthalten. Über das Verhältnis dieser Frage zum Wissen des Dichters sagt er nur: "Der Greis weiß, daß es diesmal kein volles Dunkel geben, daß der Schimmer der gesunkenen Sonne vom Westen über den nördlichen Horizont nach Osten gleiten wird. Seine Frage gilt nur der Dauer der Helligkeit im Westen." 18) Hi) Jubiläumsa usgabe a. a. O. 17) Staiger a. a. O. S. 127 (= Corona X I, S. 84). 18) Beutler a. a. O. S. 699 ff. Rede des Schenken 37 Die Frage ist also für Beutler nicht pädagogischen, sondern rein informativen Charakters. Der Dichter will erfahren, wann Mitternacht eintritt, denn dann möchte er - hier sind wir wieder bei Burdachs islamischem Gebet - zusammen mit dem Knaben seine Andacht verrichten . Wie Burdach und Düntzer legt Beutler der Frage einen Sinn unter, den sie nicht hat: man darf es Goethe zutrauen, daß er einen so spezifischen Inhalt auch kl ar zum Ausdruck hätte bringen können. Übrigens findet die gemeinsame Andacht nach Beutlers Meinung in der "Sommernacht" wirklich statt! ("Dann schickt der Greis den Knaben zur Ruhe.") 19) Hier wird jene Verlagerung des Schwerpunkts auf das Religiöse, von der wir in der Einleitung sprachen, ins Extrem gesteigert. Mit eigenen Lieblingsvorstellungen dichtet man an dem Gedicht weiter. Überblickt man die verschiedenen Auffassungen der Eingangsfrage, so ergibt sich: einzig Staiger ist es um eine wirkliche Kongruenz mit dem Wortlaut der Dichtung zu tun. Doch gerade sein Hinweis, die Frage habe nur rhetorischen Charakter, durfte uns darin bekräftigen, sie als pädagogisdl aufzufassen. Betrachten wir nun, wie der weitere Verlauf des Gedichts sich darstellt, wenn wir davon ausgehen, daß die Eingangsfrage ein pädagogisches Gespräch einleite. Die Antwort des Schenken lautet: 10 S eh enke. Willst du, Herr, so will ich bleiben, Warten außer diesen Zelten, Ist die Nacht des Schimmers Herrin, Komm' ich gleich es dir zu melden. Denn ich weiß du liebst das Droben, Das Unendliche zu schauen, Wenn sie sich einander loben Jene Feuer in dem Blauen. Und das hellste will nur sagen: Jetzo glänz' ich meiner Stelle, 15 Wollte Gott euch mehr betagen, Glänztet ihr wie ich so helle. I") A. a. o. S. 702.


38 20 Das pädagogische Element in "Sommernacht" Denn vor Gott ist alles herrlich, Eben weil er ist der beste; Und so schläft nun aller Vogel In dem groß und kleinen Neste. Einer sitzt auch wohl gestängelt Auf den Ästen der Cypresse, Wo der laue Wind ihn gängelt, Bis zu Thaues luft'ger Nässe. 25 Solches hast du mich gelehret, Oder etwas auch dergleichen; Was ich je dir abgehöret Wird dem Herzen nicht ent.weichen. Eule will ich, deinetwege n, 30 Kauzen hier auf der Terrasse, Bis ich erst des 'Nordgesti rn es Zwillings-Wendung wohl er passe. Und da wird es Mitternadlt seyn, [Zuerst: Und da wird es denn wohl Nacht seyn,] Wo du oft zu früh ermunterst, 35 Und dann wird es eine Pracht seyn, Wenn das All mit mir bewunderst. In der Rede des Schenken finden wir zwei dem Inhalt nach ganz verschiedene Teile: einmal eine Erwiderung auf die an ihn gerichtete Frage - sie umfaßt ,die erste Strophe (V. 5-8) und die beiden letzten (V. 29-36); sodann, als E inschub, eine phantasievolle Digression, die, wie wir sehen werden, wesentlich diplomatischen _Charakter hat: die fünf Strophen V. 9 bis 28. Was die eigentliche Erwiderung betrifft, so enthält sie ein indirektes Eingeständnis des Nichtwissens. Der Knabe kann die ihm gestellte Rede des Schenken 39 astronomische Frage nicht beantworten. Er gibt das aber nicht geradewegs zu, sondern überspielt geschickt seine Verlegenheit indem er aktivsten Lerneifer zeigt und sich anerbietet, sofort auf e~pirischeni Wege die fehlende Kenntnis zu erwerben. Er will die Nacht im Freien wachend verbringen, bis - Bis ich erst des Nordgestirnes Zwillings-Wendung wohl erpasse. Und da wird es Mitternacht seyn, [Zuerst: Und da wird es denn wohl Nacht seyn] Deutlich bekunden diese Verse, daß der Knabe genau erkannt hat, worum es eigentlich geht: nach etwas Astronomischem ist er gefragt worden. Und wenn er auch die eigentliche Antwort nicht weiß so will er doch demonstrieren, daß er 'schon genügend Astronomie' beherrscht, um der Sache nachgehen 2U können. So prunkt er mitastronomischer Terminologie. Trotzdem gibt er sich eine wirkliche Blöße. Irrig glaubt er, wenn er nur lange genug warte, werde es zweifellos am Ende "wohl Nacht seyn". Die handschriftlich überlieferte Fassung ~es Verses 33 ist aufschlußreich. Im Stadium der Gedichtkonzeption heß Goethe den Schenken gar nicht speziell vom Eintritt der "Mitternacltt", -sondern einfach von dem der Nacht, der Dunkelheit reden. Dies sollte uns zur Vorsicht mahnen gegenüber allen Thesen von mitternächtlichen islamischen Gebeten etc. Wie das Verhalten des Schenken im Erwiderungs-Teil seiner Rede dargestellt ist, das trägt alle Merkmale des Goetheschen Realismus. So reagieren Knaben, wenn eine Frage, die sie nicht beantworten können, sie in die Enge treibt. Sie suchen das Blamiertsein zu überspielen durch Bekundung von Lerneifer, durch Demonstration sonstigen Wissens. Bei Platon gibt es vielfache Beispiele dafür. Überhaupt darf des Sokrates Lehrweise als Hintergrund zu dem pädagogischen Gespräch der "Somtnernacht" gedacht werden: durch Fragen die Schüler in die Situation des Blamiertseins zu bringen, das gehört ja zum Wesen der sokratischen Elenktik.


40 Das pädagogische Element in "Sommernacht" Durch Staiger sind wir glücklicherweise der Mühe überhoben, das astronomische Nichtwissen des Schenken mit seiner persischen Abstammung in Verbindung zu bringen. Burdach wollte nämlich genau wissen, der Schauplatz des Gedichts sei "im Norden" gelegen, der Schenke sei Perser, weile zu Besuch bei dem deutschen Dichter und kenne als Orientale die europäischen Sommernächte nicht. Staigers Verdienst ist es, die ganz freie Behandlung des Räumlichen in "Sommernacht" aufgezeigt zu haben. Mehrere Bereiche, Orient, Norden, Antike seien darin wiedergespiegeit. Diese Erkenntnis Staigers hat mit Recht allgemeine Aufnahme gefunden. Die gleichen Elemente, die wir in der eigentlichen Erwiderung des Schenken fanden, zeigen sidl, nur anders abgewandelt, in der eingeschobenen D i g res s ion (V. 9- 28): auch hier prunkt der Schenke mit Wissen und bekundet seinen Lerneifer. Um sich aus der Situation des Blamiertseins zu befreien, kramt der Knabe aus, was er bereits dem Dichter über Gestirne, den nächtlichen Himmel etc. alles ,;abgehöret" hat. Er macht aufmerksam auf die vielen Kenntnisse, die er auf dem in Frage stehenden Gebiet schon besitzt. Bezeichnenderweise wird diese ganze Digression eingeleitet durch die geflissentliche Beteuerung: "Denn ich weiß ... " Das Ausbreiten seiner Kenntnisse beginnt der Knabe mit einem geschickten diplomatischen Schachzug. Da doch von Sternen die Rede sein soll, spricht er über sie gleich vom denkbar höchsten Gesichtspunkt aus. Naturkunde, Astronomie, das nächste Sachliche, wonach er gefragt ist, läßt er weit unter sich und geht gleich ins Große, Allgemeine, Feierliche. So kann er imponieren, einen guten Eindruck machen. Allerdings weiß er von der Verehrung, mit welcher der Dichter "das Droben, das Unendliche" anzuschauen pflegt; er ahnt allerlei von Gedanken und Gefühlen, frommen, ethischen etc., die solches Anschaun begleiten. Gern und wortreich gibt er davon Rechenschaft: hierüber hat er schon Lektionen bekommen. Freilich zeigt er damit unfreiwillig zugleich die Merkmale des Jugendlichen, des Anfängers und Dilettanten. Denn für diese ist es ganz charakteristisch, das Ahnen großer Zusammenhänge mit Wissen zu verwechseln, im Ideellen zu schwelgen noch bevor das nötigste Einzelne, Konkrete erlernt ist. Der Ausflug ins Erhabene, Feierliche steht somit doch auch ganz Rede des Schenken 41 im Zeich,en des Knabenhaften - und es ist durchaus folgerichtig, wenn der "Dichter" auf dies Feierliche später gar nicht eingeht. Wie jugendlich das Denken und Wissen des Schenken ist, zeigt die Weiterführungseiner Rede: unmittelbar, ohne Übergang schließt er ans Höchste das beinahe Nichtige. Daß groß und klein nachts schläft, wird, an den Vögeln exemplifiziert, mit gleicher Wichtigkeit behandelt wie das kosmische Hochgefühl des Dichters. Der Knabe bezeugt damit, daß er - ganz in Goethes Sinn - Naturbeobachtung getrieben hat. Dennoch ist hier das festgestellte und mit vid Anmut geschilderte Detail vergleichsweise von solcher Belanglosigkeit, daß man sich fragt: sind das überhaupt noch Weisheiten, 2!U deren Vermittlung es eines Lehrers bedarf? Am Schluß der Digression verrät sich eine diesbezügliche Unsicherheit des Schenken (V. 25 ff.): Solches hast du mich gelehret, Oder etwas auch dergleichen; Was ich je dir abgehöret, Wird dem Herzen nicht entweichen. In den fünf Strophen der Digression, die wir besprachen, tritt Goethes Kunst des Charakterisierens aufs großartigste in Erscheinung. Da kommt einmal die Haltung des Knaben zum Ausdruck, der bisher mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand gelernt hat. Zugleich wird aber auch die Gestalt des "Dichters" mit wesentlichen Zügen ausgestattet, die das Schenkenbuch sonst nirgends bietet. Schließlich geben die Strophen den entscheidenden· Einblick in das schöne Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Wie auch das Atmosphärische dieser Verse auf das gesamte "Sommernacht"-Gedicht bestimmend ausstrahlt - wobei die eigentümlichen Prägungen des Goetheschen Spätstils mitwirken -, ist öfters geschildert worden, am schönsten von Staiger. So können wir hier davon schweigen. Betrachten wir nun die Antwort des Dichters:


42 Das pädagogische Element in .. Sommernacht" Die h t e r. Zwar in diesem Duft und Garten Tönet Bulbul ganze Nächte~ Doch du könntest lange warten 40 Bis die N acht so viel vermöchte. Denn in dieser Zeit der Flora, Wie das Griechen-Volk sie nennet, Die Strohwitwe, die Aurora Ist in Hesperus entbrennet. 45 Sieh dich uml sie kommt! wie schnelle! Über Blumenfelds Gelänge I - Hüben hell und drüben helle, Ja die N acht kommt in's Gedränge. Und auf rothen leichten Sohlen 50 Ihn, der mit der Sonn' entlaufen, Eilt sie irrig einzuholen j Fühlst du nicht ein Liebe-Schnaufen? Geh nur, lieblichster der Söhne, Tief in's l nnre schließ die Thürenj 55 D enn sie möchte ,deine Schöne Als dcn Hcsperus entfüh ren. In ihrer Gesamthaltung ist die Redc des Dichters durchaus pädagogisch. Im einzelnen aber wird das Pädagogische mit der größten Freiheit, Leichtigkeit, Lockerheit behandelt. Der Dichter nimmt nur auf zwei Dinge in der Rede des Schenken Bezug: auf dessen Eingeständnis des Nichtwissens und auf sein Anerbieten, nachts draußen zu bleiben. Ganz unbeachtet bleibt, daß der Schenke gemeinsam mit dem Dichter in der Nacht "das All bewun- Die Antwort des .. Dichters" 43 dern möchte", somit auch jener ganze Ausflug ins Feierliche, Erhabene, den man so gerne als das Wesentlichste des Gedichts ansehen wollte (V. 9-18). Nicht Erbauung steht hier zur Debatte, sondern Wissen, Naturkunde, Astronomie. Folglich knüpft der Dichter gen au bei dem Punkt an, auf den seine Eingangsfrage zielte. Er belehrt den Schenken über die Verhältnisse der kürZesten Nacht, stellt den Irrtum richtig, den dessen letzte Worte enthielten. Völlige Dunkelheit könne nicht eintreten, die Ursachen werden genannt. Das war es, was der Knabe nicht beantworten konnte. Die Lehre, die astronomische Begründung allerdings wird nicht ernsthaft dozierend erteilt, sondern mit freundlicher Ironie, im Gewand des heiteren Mythos - es ist ein Dichter, der hier unterrichtet, kein beflis,sener Schulmann. Staiger betrachtete es als einen be-' sonderen Vorzug des Schenkcenbuchs, daß darin das "pädagogische Verhältnis nie pedantisch" werde. Wenn dieser Vorzug auch in "Sommernacht" zutage tritt - und das am meisten pädagogische Gedicht zeigt ihn natürlicherweise irf erhöhtem Maß -, so liegt das vor allem an der über die gesamte Antwortrede des Dichters ausgebreiteten Ironie. Mit ihr wird das Lehrhafte absichtsvoll gemildert, überdeckt, es wird fast dahinter versteckt. Einen wesentlichen Zauber verdankt "Sommernacht" dieser Dezenz in der Behandlung des Pädagogischen. Nur hin und wieder wird es unmittelbar manifest - auch in der Rede des Schenken lassen es die diplomatischen Künste des Knaben bisweilen ganz vergessen. In der Antwort des Dichters versteckt sich das Pädagogische so weit hinter der Ironie-Einkleidung, daß man gezweifelt hat, ob es überhaupt ernst gemeint sei. "Wahrhaftig, wenn es galt, den Knaben zu belehren, so wurde das hier nicht gewissenhaft besorgt", bemerkt Staiger zu dem gewagten west-östlichen Durcheinander in' dem astronomischen Mythos. Aber gerade darin, daß das Dozieren "nicht gewissenhaft" betrieben wird, liegt zugleich auch ein überaus wirkungsvoller K:unstgriff: so hält Goethe das Pedantische aus dem pädagogischen Verhältnis heraus. Unbeschadet dessen bleibt das Verhältnis als solches doch, was es ist: ein pädagogisches.


44 Das pädagogische Element in "Sommernacht" Am Schluß der Dichter-Antwort steht - sehr bezeichnend - ewe pädagogische Maßnahme. Auch hierfür fand Goethe eine behutsame und anmutige Einkleidung. Des Schenken Ersuchen, die Nacht im Freien verbringen zu dürfen, wird abgewiesen. Unter Anspielung auf eine orientalische Lehre: Knaben müßten bei Einbruch der Nacht im Hause gehalten werden, um sie vor herumirrenden Teufeln zu schützen, fordert der Dichter den Schenken auf, hineinzugehen. Aus den orientalischen "Teufeln" - wir sprechen unten von der Quelle - macht Goethe griechische Göttergestalten. Diese Art der Umsetzung von Orientalischem in Antikes fi ndet sich bei ihm oft, noch im Faust II ist sie anzutreffen.20) In "Sommernacht" dient sie vor allem wieder dazu, den pädagogischen E rnst abzumildern, den Schluß des Gedichts heiter zu gestalten. D enn eigentlich handelt es sich bei der pädagogischen Maßnahme um E rnstes: Im alten Orient hatte man guten Grund, Knaben nachts im Hause zu halten: man mußte ,sie vor Verführern schützen. Goethe bildet hieraus das zauberhafte Motiv: Aurora möchte den Schenken "als den Hesperus entführen." Nun aber dürfen wir uns besinnen. Wir fa nden: am Anfang des Gedichts eine pädagogische Frage; am E nde eine pädagogische Maßnahme; dazwischen heitre Belehrung. E s scheint, daß wir im Laufe unserer Betrachtungen di e Einheit des Gedichts entdeckt haben - oder doch ein wichtiges, das Ganze einheitlich umfassendes Element. Wir erinnern uns an den eingangs erwähn ten Hinweis Staigers, daß gerade dies: Einheit, Linie, Mitte der Goetheschen "Sommernacht" fehlen sollten. Staiger sah in den einzelnen Teilen des Gedichts nur "unzusammenhängende F ragmente". Nun müssen wir feststellen: gewisse Merkmale eines einheitlichen Aufbaus lassen sich doch nicht verkennen. Das Pädagogische erweist sich als ein das Gesamte verknüpfendes Band. Eingang und Ausgang des Gedichts stehen ganz in seinem Zeichen und bilden so die Grund- und Eckpfeiler - darüber wölbt sich die Brücke des pädagogischen Gesprächs. Wenn in man- 20) Vgl. Katharina Mommsen, Goethe und IOOI Nacht. Berlin I960. S. I8) ff. Die Einheit des Gedichts 45 ehen Partien das Pädagogische scheinbar zurücktritt, so werden wir das nicht als ein Zeichen der Inkohärenz deuten. Hier hat Goethe durch Abschweifungen, Verkleidungen etc. absichtlich aufgelockert, um nicht das Pedantische aufkommen zu lassen. Übrigens zeigen alle diese Teile bei genauerem Betrachten völlig logischen Bezug auf die Thematik des Ganzen. Ein Beispiel mag noch verdeutlichen, wie Goethe sogar durch besonders gründliche Motivierung die Teile untereinander verknüpft. Die pädagogische Maßnahme a.,m Schluß des Gedichts nimmt Bezug auf den Vorschlag des Schenken, die Nacht im Freien verbringen zu dürfen. Dieser Vorschlag selbst wird sehr kunstvoll behandelt. Der Schenke bringt ihn am Anfang seiner Rede vor. Er spricht dann, bei Erwähnung der schlafenden Vögel in der Digression, von dem "einen" Vogel, der nicht wie alle andern die Nacht im Nest verbringt, sondern "gestängelt / Auf den Ästen der eypresse, / Wo der laue Wind ihn gängelt". Auf dies beinah genüßlich ausgemalte Bild greift er zurück, als er am Schluß seiner Rede jenen Vorschlag wiederholt (V. 290: Eule will ich, deinetwegen, Kauzen hier auf der Terrasse ... Durch die Verknüpfung der Bilder verrät der Knabe, wie sehr ihm dies: einmal allein nachts im Freien 2JU bleiben, wenn alles schläft, inzwischen als interessant, reizvoll, lockend erscheint. Damit wird sein Vorschlag intens,iviert, er ist schon fast Bitte. Um ein Entsprechendes erscheint nun auch die Ablehnung dieser Bitte stärker begründet und akzentuiert. Durch so besonders sorgfältige motivische Vorbereitung verbindet Goethe die pädagogische Maßnahme am Schluß mit der Mittelpartie. Auch dies dient sehr wesentlich der Einheit des Ganzen. Freilich ist "Sommernacht" nicht in der Weise schlicht einheitlich gebautwie beispielsweise die gleichzeitig entstandenen Divan-Gedichte "Siebenschläfer" und "Der Winter und Timur". Bei diesen handelt es sich um mehr epische Gedichte. Hier ist die Einheit schon gewährleistet durch den erzählerischen Ablauf, der , der Quellenvorlage ent-


46 Das pädagogische Element in "Sommernacht" spricht. In "Sommernacht" erforderte einmal die Gesprächsform, vor allem aber auch die eigenartige Thematik eine andere Lösung. Das pädagogische Verhältnis, wie es in dem Zwiegespräch zwischen Dichter und Schenken zum Ausdruck kommt, sollte zart behandelt sein, unpedantisch, dezent. Dem wird die Form angepaßt: man möchte von verdeckter, verkleideter Einheit sprechen. Allerdings ist das eine Lösung, wie sie Goethe in jüngeren Jahren schwerlich geglückt wäre. Staigers Hinweis auf den Unterschied zwischen "Sommernacht" und den Gedichten der klassischen Zeit deckt den Wandel auf, der hier stattfand. Es ist aber - ähnlich sieht es auch Staiger - nicht nur ein Wandel des Id eals, sondern auch des Könnens. Gewisse sehr komplizierte fo rmale Lösungen gelingen in der Kunst nur dem hohen Alter. D arin liegt die überragende Bedeutung der Schöpfungen etwa des späten Beethoven, Michelangelo, Rembrandt. Im dichterischen Bereich ist das Gocthesche Spätwerk eine Fundstelle solcher Kostbarkeiten von sublimierter Form. Führen wir uns jetzt noch einmal vor A ugen, was Boisseree in seinem Tagebuch als das Wesentliche an dem "Somm ernacht"-Gedicht bezeichnet hat: das "edle pädagogische Verhältniß ... Astronomie. Ethik." Nicht treffender, so scheint es nach allem was wir sahen, könnte der Gehalt des Gedichts resümiert werden. Man möchte meinen, daß hier wie auch sonst den Aufzeichn ungen Boisserees Goethesche Äußerungen zugrunde liegen, nicht nur eigene Reflexionen. "Astronomie. Ethik": die W orte würden durchaus den Gang des Zwiegesprächs, auf eine lakonische Formel gebracht, bezeichnen. Von der astronomischen Frage geht es aus, mit einer sittlichen Maßnahme schließt es - auch dazwischen sind Ethik und Astronomie Gesprächsgegenstand, wie immer verkl eidet. Daß es gerade eine naturkundlich-astronomische Frage ist, mit der das Gedicht eröffnet wird, weist übrigens noch in einem ganz speziellen Sinn ins Feld des Pädagogischen. Man darf sich daran erinnern, welche erzieherische Rolle in den Schulen des Pythagoras und Platon die Mathematik - in weitestem Sinne - spielte. Goethe wußte hier- Die Entstehung von "Sommernacht" 47 von, wie ein Satz aus der "Italienischen Reise" zeigt:21) "Plato wollte keinen ocye:w[J.E-rp"fJ't"o'l in seiner Schule leiden ;22) wäre ich im Stande eine zu machen, ich litte keinen, der sich nicht irgend ein Naturstudium ernst und eigentlich gewählt." Es steht mit diesem Satz, es steht aber überhaupt mit Goethes Denkweise völlig in Einklang, wenn das programmatisch pädagogische Gedicht des Divan mit einer Frage der Naturkunde eröffnet wird. Eine fernere Legitimation hierfür konnte Goethe in den von ihm benutzten orientalischen Quellenwerken finden. Davon wird im Folgenden zu sprechen sein. IH. E n t s t e h u n g "Sommernacht" ist entstanden am 15. und 16. Dezember 1814. Goethes Tagebuch enthält unterm Datum des 15. Dezember die Eintragung: "Sommernacht", die Handschrift trägt das Datum: "Jena d. 16 Dec 1814." Man hat wiederholt die Frage aufgeworfen, was Goethe veranlaßt haben könnte, ausgerechnet an den kürzesten Tagen des Jahres ein Gedicht über die "kürzeste Nacht" zu schreiben. In der Tat ist das seltsam genug, Verwunderung darüber ist berechtigt. Denn Goethe erlebte die Jahreszeiten bewußt, und die dunklen Dezemberwochen empfand e'r, besonders in höherem Alter, als bedrückend und der dichterischen Produktion hinderlich. Es ist versucht worden, das Problem der winterlichen Entstehung von "Sommernacht" dadurch zu lösen, daß man die These aufstellte, der Anfang des Gedichts sei bereits im Sommer 1814 geschrieben, die Ausführung dann im Dezember erfolgt. Aber diese These ist nicht haltbar. Auf diese Weise ist der ganzen Frage nicht beizukommen. Die These stützt sich auf eine handschriftliche Sonderüberlieferung für die erste Strophe von "Sommernacht". Diese findet sich - mit der ~ I) Zweiter Römischer Aufenthalt. Albano den 5. Oktober 1787. WA I 32, S. 106 f. 22) Zur Sache und den Quellen vgl. E. Zeller, Die Philosophie der Griechen, Bd. i:1, Abt. I, S. 357.


48 Die Entstehung von "Sommernacht" von uns angeführten Abweichung im Wortlaut23) - auf einer Sammelhandschrift, die unter der Überschrift "Fragmente" II verschiedene Gedichtbruchstücke und Entwürfe enthält. Diese Handschrift - H 10 der Weimarer Ausgabe - ist aber undatiert und zeitlich schwer zu bestimmen. Burdach behauptete, die "Stücke dieser Sammelhandschl}ift" bewiesen es, daß das Ganze "nicht später als 26. Juli 1814 entstanden sei".24) Das trifft nicht zu. Die Ir Aufzeichnungen stellen offenbar Reinschriften von Entwürfen dar, die an sich aus verschiedenen Zeiten stammen können. Nur die dritte Aufzeichnung hat Burdach überhaupt auf ihre Datierbarkeit untersucht und besprochen. Hier handelt es sich um Strophe 3 des Gedichts "Keinen ... Reimer , wird man finden". Aber diese Verse geben uns keineswegs, wie BUl'dach wollte, ein eindeutiges Datierungsindiz. Denn das vollständige Gedicht trägt die Doppeldatierung : ,,26. Jul. 23. Dec. 1814". Jene dl'itte Strophe kann also auch im Dezember hinzugefügt sein. Ihr politisch gefäl'bter Inhalt nimmt do~hl Bezug auf den im September zusammengetretenen Wiener Kongreß, worüber Goethe November/Dezember r814 - nach seiner Rückkehr von der Rhein-Mainreise - mündliche und schriftliche Nachrichten erhielt. Wahrscheinlich wurde die Strophe ange regt durch einen Brief von G. Sartorius aus Wien und einen gleichfalls von Sartorius verfaßten Aufsatz über den Wien er Kongreß; beide trafen Anfang Dezember 1814 bei Goethe ein. 25) Ein anderes sehr wichtiges Datierungsindiz, von dem BUl'dach nicht spricht, würde gleichfalls auf Entstehung der S,"!.mmdhandschrift im Dezember schließen lassen. Als siebentes "Fragment" erscheint in der Handschrift die dritte Strophe des Gedichts ,,~dung" (Buch Hafis). "Nachbildung" aber entstand, wie aus Goethes Tagebuch bekannt ist, am 7. Dezember 18141 Die "Sommernacht"-Strophe steht in der Handschrift an letzter, elfter Stelle, also hinter der dritten Strophe von "Nachbildung". Das 23) V gl. oben S. 35. 21,) WA I 6, S. 475, zu Paralip. 13. 25) V gl. unten S. 103 f. Lebensanregungen zu "Sommern acht" 49 weist doch recht deutlich auf ihre Entstehungs2Jeit: Dezember r814, und hierher ist auch - nach allem, was wir bisher wissen - die Sammelhandschrift 2JU datieren: zwischen 7. Dezember (Datum von "Nachbildung") und 15. Dezember (Datum von "Sommernacht"). Unrichtig ist es jedenfalls, wenn Beutler, gestützt auf Burdach, behauptet, der Anfang von "Sommernacht" sei "während des Aufenthalts in Berka (13. Mai bis 28. Juni), also wirklich zur Zeit der kürzesten Nächte gedichtet".2G) Um das Problem der winterlichen Entstehung von "Sommernacht" zu lösen, muß man nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten. Zu vermuten ist, daß sehr bedeutsame Anregungen mitwirkten. Diese gilt es zu finden. Zunächst soll darum untersucht werden, wieweit etwa lebendige Eindrücke, Vorgänge, Erinnerungen auf die Entstehung des Gedichts Einfluß hatten. Sodann sind Anregungen durch Quellen in Betracht zu ziehen. IV.Lebensanregungen Unmittelbare Anregungen durch Lebenseindrücke kann, wenn auch in begrenztem Maße, der Jenaer Aufenthalt im Dezember ~8r4 gebr~cht haben. Mehrmals besuchte Goethe das Observatorium. Am 17· Dezember 1814 vermerkt sein Tagebuch: "Sternwarte. Zwey Sonnenflecken. Durchgang der Sonne durch den Meridian." Häufige Gespräche mit dem Jenaer Astronomen v. Münchow haben mit Sicherheit in jenen Tagen das Interesse auf astronomische Fragen und Erscheinungen gelenkt. Bedeutsamer ist noch etwas anderes. Einen Tag vor Beginn der Arbeit an "Sommernacht" kam es "bey Tisch" zu einem Gespräch über den "Pestaluzzischen Rechen-Unterricht" (Tagebuch 14. Dezember 1814). Dabei wurden Goethes Gedanken in den Bereich des Päd- ..4 . 2(;) West-östlicher Divan. Hrsg. voo Ernst Beutler. Bremen 1956. S. 704. 4: Mommsen, Divan·Studien


so Lebensanregungen zu "Sommernacht" Die Pestalozzischule 51 agogischen gelenkt, und zwar durch ein Thema, das ihn seit längerer Zeit beschäftigte. . i~ Im August I814 hatte er eine .Pestalozzische Schule in Wiesbaden .', besJcht und mit deren Leiter wiederholt über die dortangewandte Erziehungsmethode diskutiert. Ausdrücklich überliefert ist, daß Goethe sich dabei speziell für "die Kopfalgebra und überhaupt das Kopfrech- . nen" interessierte.27) Damals las Goethe auch "Lienhard und Gertrud" (Tagebuch). Die Pestalozzischule fand allgemein bei den Badegästen ir: Wiesbaden große Beachtung. In Frankfurt, das Goethe anschließend besuchte, war anderseits Willemer ein überzeugter Pestalozzianhänger. 28) Als Goethe sich im Sommer J815 wieder in Wiesbaden aufhielt, war sein Interesse für die dortige Schule und Pestalozzi eher noch gestiegen. Oberb~rgrat C~mer, selbst ein Pes~alozzienthusiast, berichtete, der Dichter habe immer von jenen Erziehungsmethoden gesprochen.29) Mit Boisseree führte Goethe am 5. August I8I5 ein langes Gespräch über die Pestalozzische Schule, nachdem Cramers Tochter eine Probe ihres dort erworbenen Könnens ablegte durch virtuoses Lösen einer komplizierten Rechenaufgabe. Aus Boisserees Aufzeichnungen von jenem Tag geht hervor, daß Goethe Pestalozzis Erziehungssystem mit Leidenschaft ablehnte. Zwei Dingen gilt dabei seine Polemik vor allem: dem Mathematikunterricht mit der Bevorzugung der "Kopfalgebra" ; das Rechnen "mit unbekannten Größen, leeren Zahlen und Formen" ist Goethe ein Greue\. Dann aber wettert er auch gegen die falsche "Selbständigkeit", zu der man die Jugend hier erziehe: 30) "Und nun gar dazu der D ü n k e I, den dieses verfluchte Erziehungswesen errege, da soll ich nur einmal die Dreistigkeit der kleinen Buben hier in der Schule sehen, die vor keinem Fremden erschrecken, sondern ihn in Schrecken setzen! Da falle aller Respect, alles was die Menschen unter einander zu Menschen macht weg. Was 27) Biedermann, Goethes Gcspr ächc ~ Bel. 2, S. 268. 28) Kar! Muthesius, Goethc und Pcst:1lozzi. S. 258 ff. 29) Biedermann a. a. O. Bd. 2, S. 3,8; Firmenich-Richartz S. 400. 30) Firmenich-Richartz S. 399. wäre denn aus mir geworden, sagte er, wenn ich nicht immer genöthigt gewesen wäre, Respect vor andern zu haben. Und diese Menschen mit ihrer Verriicktheit und Wuth, alles auf das einzelne Individuum zu reduzieren, und lauter Götter der Selbständigkeit zuseyn, diese wollen ein Volk bilden ... " etc. Drei Tage nach diesem Gespräch fand die Vorlesung der Schen- I kengedichte und von "Sommernacht" statt, deren Boisserees Tagebuch gedenkt. (8. August I8I5; vgl. oben S. 3I.) Man muß Goethes Ausbrüche gegen Pestalozzi vom 5. August in Vergleich setzen zu Boisserees Aufzeichnungen vom 8 . . August I8I5. Dann erst wird man die Akzente richtig bewerten, mit denen im Zusammenhang der Schenkengedichte vom Pädagogischen gesprochen wird: "Das Ganze als ein edles, freies paedagogisches Verhältniß, als Liebe und Ehrfurcht der Jugend gegen das Alter genommen vorzüglich schön ausgesprochen in einem Gedicht: die kürzeste Nacht, wo Morgenroth und Abendroth zugleich am Himmel sind. Astronomie. Ethik." Hier wird deutlich, daß im Schenkenbuch, besonders aber in "Sommernacht" auch jene Stimmung gegen Pestalozzi ihren Ausdruck fand, die Goethe in den Jahren I8I4I1815 beherrschte. Wie woft, spricht Goethe in diesen Gedichten auch aus einer Kampfposition heraus. Wenn darin "Ehrfurcht der Jugend gegen das Alter" zur Darstellung kommt, so hat das einen verborgenen Bezug auf die entgegengesetzten Tendenzen eines modernen Schulsystems. Ein gleicher Bezug 'findet sich in der Schenkenbuch-Charakteristik der Noten und Abhandlungen, wo ausdrücklich gewünscht wird, daß "ehrfurchtsvolle Neigung" und "Staunen" das Verhältnis der Jugend zum "hohen Geiste des Alters" bestimmen müssen.31) Noch die Lehre von den drei Ehrfurchten in der pädagogischen Provinz der Wanderjahre schließt etwas von jener Pestalozzipolemik ein.32) :J1) V gl. oben S. 32 f. :12) Das Kapitel von den drei E hrfurchten entstand November r820. Aus einem Brief Goethes an Fellenberg von April r8r7 ist zu entnehmen, daß die Ablehnung Pestalozzis weiterhin die Einstellung des Dichters Zu pädagogischen Problemen bestimmt. (W A IV 28, S. 79.) Durch Fellenbergs Erziehungsinstitut 4*


52 Lebensanregungen Zu "Sommernacht" Aber auch etwas anderes stellt sich nun klarer heraus: wirklich darf man die Eingangsfrage von "Sommernacht" als pädagogisch bezeichnen. Die Erinnerungen an das Pestalozzische Bevorzugen der Mathematik haben bei ihrer G estaltung mitgewirkt. In der Frage nach den Verhältnissen der "kürzesten Nacht", in der "Astronomie" liegt ein gewollter Kontrast zu Pestalozzis Algebraaufgaben. Auch hier geht es um eine Rechnung; nur wird sie nicht mit "leeren Zahlen und Formen" gelöst, sondern durch Anschauung, Erfahrung, Naturbeobachten. Dies alles in Betracht gezogen wird es nicht bedeutungslos erscheinen, daß einen Tag vor der E ntstehung von "Sommernacht" das Pestalozzi-Thema im Zusammensein mit Jenaer Gelehrten zur Sprache kam. Hiervon dürfte eine lebendige Anregung zur Abfassung des pädagogischsten aller Schenkengedichte ausgegangen sein. Spricht man von Lebenseinflüssen auf das Schenkenbuch, so muß auch des jungen Paulus :\:3) gedacht werden, des wichtigsten menschlichen Urbilds für die Gestalt des Schenken. Goethe lernte ihn, den damals zwölf jährigen Sohn des Heidc.lberger Orientalisten H. E. G. Paulus, kennen im Oktober 1814. D er Knabe vereinte in seinem Wesen Charme, Intelligenz und etwas "mun teres, neckisches".34) All das sind Züge, die sich in den Schenkengeclichten widerspiegeln, besonders in vieren, die nachweislich während oder kurz nach Goethes Heidelberger Aufenthalt im Oktober 1814 entstanden. Goethes Interesse für den jungen Paulus hing natürlich in erster Linie damit zusammen, daß er damals die Welt mit den Augen des Hafis sah. So war er dankbar für ein lebendiges Beispiel jener Knabenschönheit, der der persische Dichter so vielfach huldigt. Doch konnte es nicht aJUsbleiben, daß im Umgang mit dem Zwölf jährigen auch Gedanken wiederkehrten, wie sie kurz vorher der Wiesbadener wurden anderseits einzelne Züge in der Pädagogischen Provinz der W anderjahre angeregt. 33) August Wilhe1m Paulus (JS02- IS19). 34) An Christiane. 6. Oktober ISI4. WA IV 25. S. 49. Der junge Paulus 53 Aufenthalt mit dem Besuch der Pestalozzischule erweckt hatte. Hinsichtlich all dessen, was dort Goethes Mißfallen erregte, war der junge Paulus vermutlich besser geraten und erzogen. Der Vergleich mag in eindrucksvoller Weise zu seinen Gunsten ausgefallen sein. Auf jeden Fall fehlt in Goethes Verhältnis zu ihm nicht ein gewisses pädagogisches Element. Zu Neujahr 1815 - kurz nach Entstehung von Sommernacht" - schickte er dem Heidelberger "Schenken" ein ::Schwänchen", das "bemahlte und bereimte Blätter" enthielt.35) Am 17. März 1815 erfolgte eine neue "Sendung", von der Goethe hofft, daß sie "angenehmer und nützlicher" sein solle: nämlich "Mineralien". Goethes Begleitschreiben - es ist der einzige erhaltene Brief an den jungen Paulus - ist nun ganz auf einen pädagogischen Ton eingestellt :36) " ... Da du N eigung hast zu Mineralien, so wird es wohlgethan seyn, wenn du sie in einer gewissen Folge und Ordnung kennen lernst. Wirst du die in der gegenwärtigen Sammlung enthaltenen Stücke hübsch von einander unterscheiden lernen, und dir nebst ihrer Gestalt auch ihren Namen einprägen, so wirst du schon einen guten Schritt gethan haben, und wirst dich im Mineralreiche nicht ganz fremd finden. Ich wünsche nichts mehr als daß ich diesen Sommer möge persönlich ein Zeuge deiner Fortschritte seyn ... " Der Brief zeigt, daß in den Gesprächen mit dem jungen Paulus auch Naturkunde eine Rolle gespielt hat. Das hat eine Entsprechung in der Situation von "Sommernacht". Ob dabei auch das Gebiet der Astronomie berührt wurde, wissen wir nicht. Immerhin ist zu erwähnen: in einem (undatierten) Brief des Vaters Paulus gibt dieser Goethe Auskunft über as tronomische Fragen und Termini, die in einem 35) Darunter wohl das au f den jungen Paulus bezügliche Gedicht "Heute hast du gut gegessen". Vgl. M. Mommsen : "Schwänchen und Schwan". Jahrbuch "Goethe" 13 (1951) S. 290-95. 36) W A IV 25, S. 236.


54 Quellen zu "Sommernacht" "französisch-teutschen", auf den Orient bezüglichen "Werckchen" Schwierigkeiten ber.eiteten.37) Zur Zeit des zweiten Heidelberger Aufenthalts September/Oktober 1815 wird in Goethes Tagebüchern des jungen Paulus mehrmals unter der Bezeichnung des "Schenken" gedacht. Dann reißt die unmittelbare Verbindung offenbar ab. Gelegentlich erwähnen noch die Eltern ihren Sohn in Briefen an Goethe: "Der kleine Schenke will noch besonders empfohlen seyn", heißt es in einem Schreiben von Caroline Paulus (3. August 1816).38) Der Vater berichtet Ostern 1817: "Der kleine Schenke hat diesen Winter viel mit Religion u. Kirche Zu thun gehabt, ist nun aber zu den Quasimodogenitis durchgedrungen. Kommt gleich der Spiritus als der lezte, so hoffe ich doch, Er soll desto gewisser auch bey ihm bleiben. Wenigstens adspirirt der neubefestigte Chrrst mit sichtbarer Anstrengung zum Übergang in die Geseztheit. Gegenwaertig ist er ganz in high spirits bey seiner "gnaedigen Frau" (von Reizenstein) welche seit mehreren Wochen nach Mannheim zog ... " 39) Bereits 1819 starb der "Schenke"siebzehnjährig, früh wie die Lieblinge der Götter. Es könnte durchaus sein, daß einzelne Motive in "Sommernacht" auf Erinnerung an Erlebnisse mit dem j1ungen Paulus im Oktober 1814 zurückgehen: etwa der Wunsch des Schenken, nicht schlafen gehen zu müssen, oder das gemeinsame Betrachten des Sternhimmels. Vielleicht hat Goethe ähnliche Fragen naturkundlidler Art an den Knaben gerichtet, wie sie die Eingan"sstrophe enthält. Feststellen läßt ,sich das nicht. Es genügt, auf die Möglichkeit verwiesen zu haben. V. Q u eIl e n Wenden wir uns nun der Frage zu, welche Rolle Lektüre und Quellen bei der Entstehung von "Sommernacht" gespielt haben. Wir sind 37) Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 289 fI. 38) Goethe- und Schiller-Archiv W cim Jr, E ing. Br. alph. 39) Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, Eing. Br. alph. Sunna-Verse 55 einigermaßen orientiert darüber, welche Orientalia Goethe zur Zeit der Abfassung des Gedichts las. Der Jenaer Aufenthalt - vom 4. bis 21. Dezember 18I4 - ist in der Geschichte des Divans eine markante Epoche. Damals erweiterte Goethe - soweit man das auf Grund von Zeugnissen sagen kann - erstmals seine Kenntnisse des Orients planmäßig über Hafis hinaus, der bis dahin seine Hauptquelle gewesen war. Drei Werke begann er jetzt intensiv zu studieren: Sir William Jones' Poeseos Asiaticae commentariorum libri sex (hrsg. von J. G. Eichhorn, Leipzig 1787), Thomas Hyde: Historia religionis veterum Persarum (Oxford 1700) und die Fundgruben des Orients (Bd. 1-4, H. I. 2.). Diese Lektüre war ein starkes Erlebnis, wie die unmittelbare Auswirkung auf Goethes Produktion bezeugt. Damals entstanden, durch jene drei Werke inspiriert, viele Gedichte. Die meisten von ihnen wurden angeregt durch die Fundgruben des Orients; wir haben oben von einigen gesprochen. 40) Diese Situation gilt es zu berücksichtigen, auch wenn man die Entstehung von "Sommernacht" ins Auge faßt. Und zwar sind es gleichfalls die Fundgruben des Orients, die uns hier wieder begegnen werden. Betrachten wir zunächst, was bisher an Quellen für "Sommernacht" nachgewiesen wurde. Es ist nicht viel, insgesamt zwei Stellen. Burdach zeigte, daß der Schluß des Gedichts angeregt wurde durch einen Vers der "Sunna", der mündlichen Überlieferung des Islam.' Goethe fand ihn im ersten Band der Fundgruben, in einer Übersetzung von Hammer (S. 277): 375. "Wenn die Nacht einbricht haltet euere Knaben zu Hause, denn die Teufel irren herum zu dieser Stunde; schließe dein Thor, rufe den Herrn an, lösche deine Lampe aus, und rufe den Herrn an ... " Wir haben oben davon gesprochen, in welcher Weise Goethe diese Stelle verwertete. 41) Sie gab ihm die Idee zu dem Schluß der "Sommernacht", der mythologisch eingekleideten pädagogischen Maßnahme. 1,0) V gl. oben S. 9-28, besonders auch S. 20 If. /,1) V gl. oben S. 44.


56 Quellen zu "Sommernacht" Beutler wies später darauf hin, daß auf der gleichen Seite der Fundgruben des Orients innerhalb der Sunna folgender Vers zu lesen ist - er steht zwei Verse vor dem soeben zitierten -: 373. "Wenn die Sonne aufgeht, betet bis sie beraufgestiegen, und wenn die Sonne untergeht, betet bis sie hinabgesunken ; vernachlässiget nicht das Morgen- und Abendgebet, denn zwischen bei den zeigt sich das Horn des Teufels." Es war ganz berechtigt, daß Beutler diesen Vers in Verbindung brachte mit Burdachs These von den islamischen Gebetspflichten, auf die in "Sommernacht" angespielt sei. Burdach hatte daran erinnert, daß der Islam den Gläubigen Gebete bei Sonnenauf- und Untergang zur Pflicht macht, aber auch zur Mitternachtsstunde freiwillige Gebete empfiehlt. Wir sahen, wie dieser Gedanke die Interpretation des Gedichts lange Zeit weitgehend und allzu einseitig beeinflußt hat. Seltsamerweise gab jedoch Burdach im Zusammenhang mit seiner These keine eigentliche Quelle an - auch ni cht den von Beutler zitierten Vers -, sondern er verwies lediglich auf ein von Goethe gar nicht gekanntes Werk eines neueren Orientalisten (August Müller, Der Islam im Morgen- und Abendland. Bcrlin 1885 - r887). Es wäre indessen möglich gewesen, innerhalb der in elen P unelgruben gedruckten Sunna-Übersetzung eine ganze Reihe von Versen aufzuzeigen, die auf jene Gebetspflichten anspielen. Darunter findet sich auch die Erwähnung eies freiwilligen Mitternachtsgebets, dessen der von Beutler angeführte Vers ni cht gedenkt. Auf diese Stellen hätte Bmdach verweisen sollen, denn sie hat Goethc wirklich gelesen. Um dies Versäumnis nachzuholen, aber auch, um uns ein Bild darüber machen zu können, welche Bedeutung die Gebets-These für Goethes Gedicht eigentlich hat, zitieren wir jetzt die wichtigsten der Sunna-Verse 111 der Reihenfolge, wie sie in den F undgruben auftauchen: ,,74. Einer fragte den Propheten, wns er vom Gebete bey der Nacht hielte, er antwortete: Doppelt, doppelt, lind wenn du den Morgen sch~ust, so verricht es einfach und abgesondert. [So In) 77 ... Wenn ihr euer Gebet verrichten könnt vor So n n e n auf g a n g, und vor Sonnenuntergang, so thut es: Lob dem Herrn bey S 0 n n e n auf g a n g , und Lob ihm vor S 0 n n e nun t e r g a n g. [So In f.) Sunna-Verse 57 9 1 •.. Wenn die Menschen ... wüßten, welches Verdienst in der !,!rßten und letzten Nachtwache liegt, so würden sie dieselbe im Gebete zubringen, und wäre es auch nur sitzend. [So 159) 93. Kein Gebet fällt dem Heuchler schwerer, als das der Nacht und der erste.n Morgenröthe, und wenn sie wüßten was darinnen Verdienstliches ist, so würden sie gerne dabey erscheinen, und wäre es auch nur sitzend. [So 159] 145. Wenn der Prophet ' Na c h t sau f w ach t e, pflegte er so zu beten: Herr unser Gott, dir gebühret Lob und Preis: Durch dich besteht Himmel und Erde, und was darinnen. Dir gebühret Lob und Preis: Denn du bist das Licht der Himmeln und der Erde, und dessen was darinnen .. . [So 164) 148. Ich liebe das Gebet zu Gott, wie David gebetet, und ich liebe die Fasten Gottes, wie David gefastet; Er schlief nur die halbe Nacht, und stand dann auf, als der dritte Theil derselben noch übrig war, oder er schlief gar nur den sechsten Theil derselben ; dann fastete er den Tag hindurch. [So 165] 154. Ich erhöre das Gebet desj enigen, der sich in der Nacht zu mir flücht:t s.agend: Es ist kein Gott außer Gott dem Einigen der keines Gleichen hat ... sein ISt Lob und Preis ... Lob dem Herrn. [So 166] 233 .. • Nach dem Morgengebet bey der D ä m m e run g is~ kein~s m e ~r bis 11 ach S 0 n n e n auf g a n g, und nach dem Nachmittagsgebet Ist kellles biS z u S 0 n n e nun t erg a n g . . . [So I74) 666. Der Prophet pflegte öfters Nachts aufzustehen und zu beten ... [So 3I2] 667. Wenn er sonst bel' Nacht wach war, pflegte er zu sagen: Gott! Lob dir, du bist das Licht der Himmeln und der Erde und dessen wa.5 darinnen; Lob dir! ... " [S· 312) Prüft man an Hand dieses Quellenmaterials, was von dem ganzen Komplex der Morgen-, Abend- und Mitternachtsgebete i~ Go e't~~s Gedicht eingegangen ist, so ergibt sich folgendes. Vieles spncht dafur, daß in der Tat zwei Stellen von "Sommernacht" durch die Sunna­ Verse angeregt sind: I. die Verse 9 bis 18, die vom Anschaun des Sternenhimmels handeln (mit den obligaten andächtigen Gefühlen und Gedanken); 2. Vers 33 f.: des Schenken Erinnerungen daran, daß der Dichter "oft" des nachts aufwacht, "zu früh ermuntert". (Wir sahen oben: es hieß ursprünglich V. 33 "Nacht", nicht "Mitternacht".) Eins steht aber fest: an beiden Stellen ist nicht von Gebet die Rede. Gebetet wird in "Sommernacht" überhaupt nicht. Das "Unendliche" wird "geschaut", das All "bewundert". Daran schließen


58 Quellen zu "Sommernacht" sich Betrachtungen: die Gestirne "loben sich einander", sie sind von Gott mit verschiedener Helle "betagt", vor Gott - so heißt es schließlich - "ist alles herrlich, / Eben weiler ist de~ te". Alles das ist kein Gebet. Vielmehr erscheint als das W ese~tliche: das Motiv des islamischen Gebets hat zwar eine gewisse anregende Kraft auf Goethe ausgeübt, es tritt aber im Gedicht durcha:us verändert zutage. Es ist völlig entdogmatisiert, nichts erinnert mehr an religiösen Brauch und Zeremonie. Eine tiefgehende Übertragung, Umsetzung hat stattgefunden. Was übrigbleibt, ist kaum mehr Islamisches, sondern etwas, das ganz Goethe gemäß ist: Anschauung der Natur, wobei die begleitenden Andachtsgedanken eher von Kant und Spinoza als von irgendeiner religiösen Doktrin her inspiriert sein könnten. Diese Verwendung des religiösen Motivs in gänzlicher Abwandlung und Umsetzung erscheint uns darum als besonders bedeutungsvoll, weil sie als paradigmatisch für Goethes Benutzen von Quellen im Divan überhaupt gelten darf. Man hat noch zu wenig beachtet, welche Freiheit und Selbständigkeit der Dichter seinen orientalischen Vorlagen gegenüber bewahrt. Mit voller Bewußtheit ändert er, setzt· um, wählt eigenwillig aus. Oft ist es gerade am interessantesten, zu sehen, was Goethe wegläßt. Das können unter Umständen entscheidend wichtige Dinge sein. Besonders charakteristisch zeigt sich das auf religiösem Gebiet. So bleibt beispielsweise bei seiner Darstellung "altparsischen" GLaubens, obgleich sie von besonderer Anteilnahme zeugt, der zoroastrische Dualismus ganz im Hintergrund. Die Anspielungen auf ihn sind so geringfügig, daß sie dem Nichteingeweihten schwerlich einen Begriff vermitteln können. O!:~~~~jll.ld Ahriman nennt Goethe auffälligerweise nirge nd s, auch nicht in den Noten und ..- Abhandlungen, obwohl er oin guter Kenner des Zend-Avesta war. Was seinem eigenen Weltbild zu ferne stand, ließ er auf sich beruhen. In gleicher Weise wird auch das Islamische frei und nur mit bewußter Auswahl in den Divan hineingenommen. Kehren wir aber nochmals zu Burdachs und Beutlers Quellennachweisen zurück. Zitiert wurden von beiden die Verse 373 und 375 der Sunna. Es findet sich nun ganz in der Nähe noch eine andere Stelle, Sunna-Verse 59 die Beachtung verdient. Lesen wir ein paar Verse weiter zurück; so beaeanen wir in V. 370 folgenden Sätzen: b b _ D Feuer der Hölle vereinigt in sich den höchsten Grad der schneidendsten ,,3/°. as h H . h Kälte und der brennendsten Hitze. Es beklagte sich bey Gott und sprac: crr lC verzehre mich selbst, gieb mir im Jahre nur zwey Augenblicke aus z u s c h ~ a u - f e n. Der Herr ertheilte dem Feuer die Erlaubniß. Es s c h n auf e t aus emmal a: im Winter und einmal im S 0 m m er, und daher die schneidendste Kälte des Winters und die b ren n end s t e Hit z c des Sommers." [So 188] Wir erinnern uns: in der mythologischen Szene des Schlusses von "Sommernacht" heißt es, bezüglich auf die Verfolgung des Hesperus durch Aurora (V. 49 ff.): Und auf rothen leichten Sohlen Ihn, der mit der Sonn' entlaufen, Eilt sie irrig einzuholen; Fühlst du nicht ein Liebe - S c h n auf e n ? Man hat sich über das Wort "Liebe-Schnaufen" gewundert; eine wenig anmutende Prägung" nennt es E. Staiger. Nun ist innerhalb des Goetheschen Spätstils mit allen möglichen Härten zu rechnen. In diesem Fall könnte sie in das Gedicht eingedrungen sein durch eine Quellenanregung. Hier in der Sunna begegnet uns das W. ort :,Schnaufen", ähnlich sonderbar gebraucht, und an einer Stelle, dle lllcht ohne innere Beziehung ist zu den von Goethe benutzten Nachbarversen. Der Aurora-Hesperus-Mythos, so sahen wir,42) stellt eine Umsetzung · der herumirrenden Teufel" von V. 375 der Sunna ins Antike dar: Teuf~l gefährden nachts aushäusige Knaben. In Vers 370 - wie übri­ "ens auch in V. 371 und 372 - wird vom gefährdenden Höllenfeuer :esprochen. Ist es losgelassen auf die Welt - wofür ihm Gott ähnlich Permission erteilt wie dem Teufel in der Hiob-Legende - , so "schnaufet es aus". Dies Bild scheint sich in Goethes Phantasie mit dem der herumirrenden Teufel vereinigt :w haben. Nun ist es seine "Teufelin" 1,2) V gl. oben S. 44.


60 Quellen zu "Sommernacht" Aurora, der das Wort "Schnaufen" eine Charakteristik ins Derbe und Dämonisch-Gefährliche gibt. Sehr auffällig ist, daß im gleichen Vers 375 auch vom Sommer, und zwar von des Sommer,s "brennend ster Hitze" im Gegensatz zu schneidendster Winterkälte gesprochen wird. Sollte hierin eine Anregung zu der zeitlichen Situation unseres Gedichts liegen, das am längsten, hellsten Tage des Sommers spielt? Damit wäre eine erste Möglichkeit gegeben, die winterliche Entstehung des "Sommernacht"-Gedichts durch Quellenanregung verständlicher zu machen. Wenn die pädagogische Wendung am Schluß von "Sommernacht" durch die Sunna-Stelle der Fundgruben inspiriert ward, so ist hierzu noch etwas ergänzend nachzutragen. Sehr ähnlichen Lehren wie in der Sunna begegnete Goethe in den Fundgruben nochmals: nämlich am Schluß des Pend Nameh. Wir hatten davon gesprochen, daß die Übersetzung von Ferid-eddin Attars Pend Nameh in den Jenaer Dezembertagen des Jahres 1814 mehrere Divan-Gedichte anregte. Es scheint, daß auch "Sommernacht" von diesem Werk nicht unbeeinflußt blieb. Im Pend Nameh traf Goethe erstmals auf eine orientalische Schrift, in der das Verhältnis des Mannes zum K naben, des Alters zur Jugend, sich unter ganz erzieherischem Aspekt zeigt. In Hafis' Gedichten erscheint es vorzugsweise erotisch gefärbt. Das Pend Nameh dagegen hat einen grundsätzlich pädagogischen Charakter. Das gesamte W erk ist an einen Jüngling gerichtet, dem Ferid-eddin Attar Lebensregeln, besonders moralischen Inhalts, mitteilt. Silvestre de Sacy schildert in der Vorrede zu seiner Übersetzung diesen Grundzug des Pend N ameh wie folgt: ":l) "Ferid-eddin Attar ... Il semble partout adresser la parole a Ull disci ple cheri et avide d'instruction; ill'appelle son ami, son frere, e t p i u s sou v e n t, so n f i I s." Im Hinblick auf diese Charakteristik verdient es beachtet zu werden, daß einzig in "Sommern acht" der Schenke einmal als "Sohn" angeredet wird (V. 53): "Geh nur, lieblichster der S ö h n e." In allen 1.3) Fundgruben des Orients Bd. 2, S. 2. Pend Nameh 61 übrigen Gedichten, die vom Schenken handeln, wird dieser ge~ebenen ~ falls bezeichnet als: "Knabe, Schelm, Liebchen". Das entspncht eher der heiteren Hafis-Atmosphäre, ~ährend die Benennung "Sohn" tatsächlich im Pend Nameh vorherrscht, dem streng pädagogischen Charakter des Werkes entsprechend. Am Schluß des Pe nd Nameh nun findet sich ein Kapitel, das unter dem Titel "Avis sur divers sujets" eine große Zahl verschiedener pädagogischer Maximen enthält. Aus ihnen heben wir einige heraus, weil sie inhaltlich dem sehr nahe stehn, was Goethe aus der Sunna für das "Sommernacht"-Gedicht aufgriff: 44) "Il n'est pas bon dc dormir aussitöt que le jour se retire ; c'est une preva~ication de se livrer au so mmeil avant !es tenebres. Le sage regarde comme un cnme de se livrer au sommeil dans l e t c m p s q u i se p a r e la cl a rt e du j 0 u r d e I 'o bscurit e d es o m brcs ,d,e l a n uit . Si tu veux meriter les faveurs du T r es - Hau t, et augmenter en me rite devant IUf, co n s a c r e Ics jours et I e s nu i t s a I a p r i e r e ... L' exces d u sommet ' 1 atttre ' I a pauvrete" , abre' ge ton sommeil, mon fil s, et pr o mpt a t ' e vei ll e r. Ne balaie point ta maiso n p e nd a n t la nu i t, so u S ta p 0 r t e ... s o i s M o n fils , n e d eme ure pas ass i s so u s le seuil de ta porte; cette conduite diminu croit ta fortune .. . N e t'appuie pas sur Ic jambage de la porte." Das sind tatsächlich etwa die gleichen Lehren wie in der Sunna, nur daß hier alles ganz und gar den Charakter des. Pädagogis~en, der Knabenerziehung trägt. Wieder wird das VerdIenst des na~htlichen Wachens und Betens gepriesen. Keine Stelle der Sunna spnc~t übrigens ,so ausdrücklich in diesem Zusam~enha?g von der "Zelt, die des Tages Helligkeit scheidet von der F1I1sterms der Scha~ten der Nacht". Genau um diese Zeit handelt es sich ja in der E1I1gangs- 44) A. a. O. S. 460 f.


62 Quellen zu "Sommernacht" strophe von "Sommernacht" : nach ihrer "Dauer" fragt dort der Dichter. Sollte die pädagogische Frage, mit der das Gedicht eino-eleitet wird, nicht mit dieser Stelle des pädagogischen Pend Nameh ;n Verbindung stehen? Doch auch für den Vers 34: "Wo du oft zu früh ermunterst" findet ~a,l~ hi~r ei,l~e ähnliche Wendung: "abrege ton sommeil ... sois prompt a t e~etller ! Wenn von Gott als dem "Tres-Haut" gesprochen wird, so erInnert uns das an die "Sommernacht"-Verse: Denn ich weiß du liebst das D r 0 ben , Das Unendliche zu schauen. Dabei mag ins Gewicht fallen, daß die Wendung "Tres-Haut" in Silvestre de Sacys Pend-Nameh-Übersetzung sehr oft vorkommt es ist dort die meist gebrauchte Bezeichnung für Gott. ("Que tes y~uX soient fixes vers le palais du Tres-Haut", heißt es beispielsweise Fundgruben 2, S. 24.) Endlich enthält das Pend-Nameh-Kapitcl, mehrfach abgewandelt, das Gebot: Knaben sollen sich nicht "vor der Tür", der "Schwelle" aufhalten, namentlich nicht nachts. Durch das Erscheinen dieses Gebots in dem Werk von so ausgesprochen pädagogischer Prägung wird es deutlich, welche Wichtigkeit es im ()rientalischen Alltag hatte; es war eine selbstverständlich erforderliche Maßnahme, um die Jugend vor N achsteHungen zu schützen. Für vieles, was un s an "Som mernacht" bedeutungsvoll erschien, nicht zuletzt für Eingang und Sch luß des Gedichts, die Eck- und Brückenpfeiler des Ganzen, bietet a lso auch das Pend Nameh o-ee dankliehe Elemente un d Wortprägun gen, ähnlich an einem Ort zusammengedrängt wie in der Sunna. Was Goethe in der Sunna als religiöse Vorschrift las, begegnete ihm im Pend Nameh wieder als pädagogische Devise. Das mag den Ausschlag gegeben haben für das Verwenden dieser Gedanken. Jedenfalls hat das Pend Nameh zweifellos bei der Entstehung von "Sommernacht" eine gewisse inspirierende Rolle gespielt. Erinnern Hammers astronomischer Aufsatz 63 wir uns: es war ein aktuelles Interesse an pädagogischen Fragen, das bei der Konzeption des Gedichts ausschlaggebend mitwirkte. Da lag es nahe, daß Goethe das berühmte pädagogische Werk eines orientalischen Dichters, das er soeben kennengelernt und für andere Divan­ Gedichte als Quelle benutzt hatte, zu Rate zog. Wenn das "sittliche Pend-nameh des Firadeddin" bald darauf im Huldigungsblatt des Divan mit so besonderer "Verehrung" genannt ward,45) so dürfte dabei noch mitspielen, daß dieses Werk auch das pädagogischste Gedicht des Schenken buchs maßgeblich mit beeinflußt hatte. Die Fundgruben des Orients lenkten Goethes Aufmerksamkeit übrigens auch auf das Gebiet der Astronomie. In den ersten Bänden finden sich mehrere astronomische Aufsätze. Band I wird sogar eröffnet mit einer ,derartigen Abhandlung. Sie stammt aus der Feder Joseph v. Hammers: "Über die Sternbilder der Araber und ihre eigenen Namen fü r ei nzelne Sterne." Das Motto dieses Aufsatzes 46) hat Goethe, wie man weiß, benutzt für die zweite Strophe von "Freisinn" im Buch des Sängers: Er hat euch die Gestirne gesetzt Als Leiter zu Land und See; Damit ihr euch daran ergetzt, Stets blickend in die Höh. Der dritte und vierte Vers erinnert an "Sommernacht" V. 9 f. und 36: beidemal ist d er Sternhimmel Gegenstand verehrenden "Schauens" im Sinne von Kant. In dem Hammersehen Aufsatz fand Goethe auch Belehrung darüber , welche Rolle die Astronomie überhaupt im islamischen Orient spielt: 47) 1,5) V gl. oben S. 23. 46) Fundgrube; Bd. J, S. I: "Er hat Euch die Gestirne gesetzt, als Leiter in der Finsterniß zu Land und Sec. Koran, Sura 98. Vers 2I." 47) A. a. O. S. j .


64 Quellen zu "Sommernacht" "Wiewohl nlso die Sternkunde bey den Arabern nach Mohammed d Ib I nicht, wie vor emse cn, ;!LlC 1 zugleich Religionslehre war so bl" b . d h . r h '. W' ,. . ,1e Sle oe elne der vorzügle ste ll " sensehaften dle an mensch li che E' 'ch . V ' r lOS1 t gewann was Sle an göttI" h erehrung verlor; und wiewohl der Nimbus, mit dem die 'Lehre d . Sb" 1e ~r Sterne Ulll 'eb ' d h d I I .. er a aer d1e g en, ure en s am großtcntheils zerstöret ward so strahlt . d J1l1dl ni cht I G ' cn Sle en- , ' . nur asegenstände d es a lten Kultus, sondern auch al B ' I d 111 C 11 sc h 11 ehe n Wir k e n s in di e Re g ion end s 1 er se t zt d A b h es Himmels ver- , " em ra er ohe Verehrung ins Gemüth." Diese Sätze durften es legitimieren, wenn Goeth ' S I " dem " ommern :C1~ gera e a~.tronomj sch e Fragen zum Gegenstand eines pädaoogischen Gesprachs machcn und damit orientalisieren wollte: Sternk.un~e, so ler~te er hi er, war im Orient immer noch "eine der vorzuglrchsten WIssenschaften". Im übri en erscheinen die von den Sternen handelnden Partien in "Somm ern acht" durch Hammers Sätze a~fs beste kommentiert. Nur "hohe V crehrung" wird dem SternhImmel gezollt, nicht "Gebet" - das i 111 engern Sinne Religiöse bleibt ferngehalten. Entsprechendes berichtet llammer von den A b nach Mohammed". " ra ern Eine mer~würdi ge Hammers zeIgen noch di e Verse 15. f. von "Som mernacht": Übereinstimmung mit den angeführten Worten Wollte Gott euch mehr betngen, G länztet ihr wie ich so hell e. Wi ~ hi er ~o n elen Sterncn anthropomorphisierend gesprochen wird das ,stImmt 1m G I,'undsiitzlichen übcrei n mit der Darstellung Ham~ mers, nach dcr bel elen Arabern die Stcrne als BI'lder de h 1· h . " s mensc - IC en Wirkens stra hl en". Der gleiche Ham mcrsche Aufsatz belehrt aber auch darüber , daß die Astronom ic bci den Arabcrn noch griechische Sternnamen kennt: 48) ~so wie uns hier. die gri echi schen N;Hnen einheimisch erscheinen und die arabischen ~emd"so erschelnen dort die :Jrnbischen a ls einheimische, und die griechischen als elngeburgerte Fremdlinge." 1,8) A. a. O. S. 1. Enweri 65 Man hat es als em Charakteristikum des Goetheschen Spätstils betrachtet, daß in "Sommernacht" durch Einbeziehung griechischer und lateinischer Namen eine seltsame Vermischung der Sphären erzeugt wird. Nach Obigem sollte doch auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß Goethe gerade damit bewußt orientalisiert. Vom Abendstern als "Hesperus" zu reden war nicht so abwegig, wie es zunächst erscheint. Und "Aurora", davon wird jetzt noch zu sprechen sein, fand Goethe in Übersetzungen aus berühmten orientalischen Dichtern. Vor allem natürlich in lateinischen ("aurora" z. B. bei William Jones des öfteren) und französischen ("aurore" u. a. in den Fundgruben) . Es gibt aber a uch den Fall, daß innerhalb der deutschen Übersetzung eines orientalischen Dichters, die Goethe gerade im Dezember 1814 las, Aurora auftaucht - sogar, was uns im Hinblick auf "Sommernacht" interessieren muß, in der Situation der "Strohwitwe". Diese Übersetzun g gilt es noch näher zu betrachten, denn sie war geeignet, Goethe Anregungen für das Landschaftliche, Jahreszeitliche, überhaupt das Atmosphärische des Gedichts zu geben. Noch immer fehlt uns ja die rechte Erklärung dafür, wieso "Sommernacht" gerade im lichtlosen D ezember entstehen konnte. Abermals müssen wir die Fundgruben des Orients aufschlagen. Die ersten drei Bände enthielten nicht allzuviel von orientalischer Dichtung, brachten aber immerhin Proben von vier der sieben Hauptdichter, die Goethe in den Noten und Abhandlungen charakterisiert: von Firdusi, Enweri, .Dscheläl-eddin Rumi und Dschami. Diesen Proben schenkte Goethe natürlich Aufmerksamkeit, weil sie ihm eine erste Orientierung, um die es ihm ging, ermöglichten. Aber nicht Firdusi hat damals auf das "Sommernacht"-Gedicht anregend gewirkt, wie Burdach wollte,49) sondern eher Enweri. qiJ) V gl. Burdach, Akademievorträge S. 38 ff. Burdach wies richtig darauf hin, daß Goethe damals Firdusi in den Fundgruben kennenlernte. In der Geschichte von Firdusis Tod, die seiner Meinung nach auf "Sommernacht" eingewirkt haben soll, vermag ich jedoch keinerlei Bezug zu dem Gedicht zu finden. Auch konnte 5 Mommsen . Divan-Studien


66 Quellen zu "Sommern acht" Von Enweri enthält der erste Band der Fundgruben des Orients ein Gedicht, und zwar eine deutsche Übertragung von Helmina v. Chezy: "Das Lob Melekschah's und Bagdad's" (S. 85-93). Das Gedicht ist sehr umfangreich, in der Übersetzung umfaßt es 36 Stanzen. Es war geeignet, Goethe erstmals einen wirklichen Eindruck von dem persischen Dichter zu geben. Bei Jones fand er von ihm nur wenige dürftige Bruchstücke. In dem Enweri-Gedicht sind große Partien ganz deskriptiv gehalten. Von ihnen geht ein bedeutender Reiz aus. Und zwar sind es orientalische Sommerlandschaft und Sommerzeit, die beschrieben werden. Eine auffallend große Rolle spielen Sonnenauf- und Untergänge - in dem Zusammenhang begegnen wir auch der Bezeichnung Aurora. Daneben stehen wieder prächtige Schilderungen von Nacht und Sternen. So vieles erinnert in dem Gedicht an "Sommernacht" , daß wir uns das Wichtigste daraus vor Augen führen müssen. Enweri 3· Dort, an des Tigris kühlem B I urne n r a n d e Scherzt frohen Spiels der schönen Knaben Schaar ... 4· Und wenn im May beym crs te n Mo r gen s c he i n e D er Weste bunt Geleit hervorgegangen ... j . Beym S 0 n n e nun t erg a n g, im Widerscheine Von Millionen Rosen hold erglühend, Erschein t der Himmel, gleich dem B lu m e n h a i n e , In voller Pracht des jungen Frühlings blühend: Und wenn A u r 0 r a kom m t mit Pur pur s ehe i n e Den Blumenschmelz d 'er Fluren überglüh end, Dann strahlt die Wiese herrlich wohl von ferne, Als schmückten sie des Himmels schönste Sterne. 67 Enweri beginnt mit einer Schilderung der Stadt ß(lfldad , nt/cb der er sich sehnt ; Strophe I bis H. J. \V'ie herrlich, Bagdad, bist du anzuschaucn, Du Sitz der Tugend, Städteköniginn I Wie selig wogt auf deinen B I u m e n n u c n Im Farbenstrom der trunkne Blick dnhin I Da schlüpfen in der Blüthe Schoofl die schlauen Zephyre fri sch und suchen Düfte dri nn Und streun sie aus mit li ndern Frühlingshauche, Dafl sich in Lust die Seele schmelzend tauche ... Burdach keine Quelle angeben, wo Gocthe davon gelesen haben sollte, außer Hammers Geschichte der schönen Redekünste Persiens. Diese erschien aber erst 1818, vier Jahre nach Entstehung von "Sommernacht". Burdachs These stützt sich zudem auf seine irrtümliche Auslegung des Worts "Paradies" in Goethes Tagebuch vom 16. D ezember 1814, worüber er sich selbst in einem "Nachtrag" berichtigte (a. a. O. S. 38). Auf Firdusi sollte jedenfalls in den Kommentaren nicht mehr im Zusammenhang mit den Quellen von "Sommernacht" hingewiesen werden. 6. Dort glüht die Rose, frisch wie Mädchenwangen, Im Perlen t hau, vom Laube halb verhüllet ... 7· Dir, Bagdnd I mußte solche Schönheit werden. Wie trieb mich hin der Wünsche süß Geheiß! . . . Schon sen k t die S 0 n n e sie h zu m R a n d der Erd e n , Wo einsam schwebend sie am Himmelsgleis Ein go i den Schiff erschien .. . 8. Dann ward i m Wes t von go I d n e m Purpur f I 0 r Die blaue Himmelswölbung schön umwunden; Wie lichte Peris kommen S t ern' empor, Im Schleyer, w]uernd, dall die S 0 n n' e n t s c h w und e n. Und Naachs Töchter schön gereihter Chor, Da er im Tanz sich um den Pol ge w und e n, Ließ hold zurück auf bl aue n Ac t her s Fluren Der lei c h t e n Tri t t e demanthelle Spuren. 5*


68 Quellen zu "Sommernacht" 9· Ein V ei l c h e n f eId, durchsäet mit Narzissen, Erscheint der Milchweg, und zur z w ö 1ft e n S tun d e S t rah I t der PIe j ade n Reih' aus Finsternissen, Gleich sieben Perlen hell auf b lau e m G run d e .. 10. S a t u r n u s s t rah I t dort in des S t ein b 0 c k s Bilde, G lei c h ein e r L a m pe, hoch in stillen Hallen; Es leu c h t e t J u p i t er, ein Auge milde Deß duft' ge Silberflore leicht umwallen; M ars fun k e I t in der W a g e Lichtgebilde, Wie Purpurwein in glänzenden Kristallen, Da in des S c h ü t zen Zeichen, hold vereint, Ein L i e b e s p aar, M e r kur u n cl V e n u s scheint. 11. Indeß das Firmament die Lichtgestalten Im Spiele, wie ein Z a u b r er, leicht und schnelle In Her r I ich k e i t sich w e c h seI n cl I ä ß t e n t f alt e n . Einer orientalischen Landschaftsschildcl.'ung wie dieser war Goethe noch nicht begegnet. Bei Hafis finden sich zwar landschaftliche Elemente vielfach einzeln, besonders metaphorisch, verwendet, aber die detaillierte SchiLderung einer bestimmten Landschaft, zu einer breiten Idylle ausgestaltet, wie sie Enweris Gedicht cnthält, ist Hafis fremd. Schon dies mußte Goethe interessiercn. Nun aber ist es wirklich eine Sommerlandschaft, die Enweri mit intensivsten Farben charakterisiert. Übereinstimmungen im AlIgcmeinen und Besonderen zeigen, wieviel davon sich Goethe eingeprägt hat. Stark ins Auge fällt zunächst der Wechsel von Tag und Nacht, und die Schilderung des jeweiligen Übergangs: dieser Wechsel und Übergang ist ja in "Sommernacht" ein Hauptrnotiv. Man sieht, nachdem sich "die Sonne senkt", den "goldnen Purpurflor", wie in den ersten Versen von "Sommernacht" den "goldnen Schimmer", nachdem die Sonne "niedergangen ist". Zwischen die beiden Abenddämmerungen stellt Enweri auch das Erscheinen des Morgens: und hier tritt in dem Gedicht des Persers Enweri 69 "Aurora" auf: " Au r 0 r a kom m t mit Purpurscheine / Den B lu m e n sc h m e I z der Fluren übe r g 1 ü h end" heißt es bei Enweri. Die Verse 45 ff. von "Sommernacht" lauten: Aurora ... sie kom m t ! wie schnelle! Übe r B I urne n feld s Gelänge! ... auf rothen leichten Sohlen ... Vom "Blumenfeld" zu sprechen, dazu scheint Goethe doch hier die Anregung erhalten zu haben, wo auch sonst so oft von "Blumenauen", vom "Blumenrande", "Blumenh'aine", "Blumen schmelz" , "Veilchenfe I d" [I] die Rede ist. Endlich gehört zu Enweris Schilderung der sommerlichen Landschaft auch die Einbeziehung der Sommernacht : der Sternhimmel wird mit Ausführlichkeit geschildert. Und hier zeigt sich schon im allgemeinen eine höchst merkwürdige Korrespondenz: auch bei Enweri tritt stark und verselbständigt wie in Goethes "Sommernacht" hervor das Element"Astronomie". Übereinstimmungen gibt es dabei auch im besonderen. In "Sommernacht" glänzen die Sterne nicht etwa am dunklen, oder schwarzen Himmel, sondern - viel schöner und dichterischer - am "blauen" (V. II f.) : Wenn sie sich einander loben Jene Feuer in dem BI aue n ... So sieht aber auch der orientalische Dichter das "Strahlen" der Sterne "auf bl aue n Aethers Fluren" (Strophe 8), "auf bl aue m Grunde" (Strophe 9). Die Bezeichnung "Feuer" für Sterne bei Goethe mag noch verglichen werden mit Strophe JO von Enweris Gedicht, wo Saturn "gleich einer La m p e strahlt". In Strophe II fällt auf, daß von einem "Zauberer" die Rede ist, der die Stetne ("Lichtgestalten") "sich in Her r 1 ich k e i t entfalten", und zwar "w e c h­ sei n d" entfalten läßt. Der "Zauberer" ist das Firmament. Bei


70 Quellen zu "Sommernacht" Goethe tritt Gott in gleicher Funktion auf: er, vor dem "alles her r - 1 ich [!]ist", gibt den Sternen bald helleres, bald dunkleres Licht (V. 13 ff.): Und das hellste will nur sagen: Jetzo glänz' ich meiner Stelle, Wollte Gott euch mehr beta gen, Glänztet ihr wie ich so helle. Denn vor Gott ist alles her r 1 ich .. : An Goethes Worte (V. 31 ff.): Bis ich erst des N 0 r d g e s t i r n e s Z will i n g s - Wen dun g erst erpasse. Und da wird es Mit t ern ach t seyn . . . erinnert bei Enweri (Strophe 8) der "Chor" von Sternen, die sich "im Tanz um den Pol gewunden". "Leichte Tritte" hat dieser Chor, wie Goethes Aurora auf "leichten Sohlen" kommt. Der Tanz der Sterne um den Pol (bei Goethe sind gemeint Großer und Kleiner Bär) bezeichnet in beiden Gedichten den Eintritt der Nacht, ja der "Mitternacht": die "zwölfte Stunde" wird auch bei Enweri gleich im Anschluß erwähnt (Strophe 9)! Enweri Zur Fahrt nach Bagdad mich bereit zu halten; Da plötzlich rauscht' es leis auf meiner Schwelle: Ich sah mein Mädchen, wie A u r 0 r a schön, Wenn sie erwachend grüßt die stillen Höhn. 12. Doch läßt sie, ach I verstört: mit düste rn Blicken Die Rosenfinger grausam schmähend wüthen Auf zarter Wang', und ohne Rast zerpflürken Der Hyazinthen-Lorken duft'ge Blüthen. Die Perlenzähn e b~ l?ure n drürken Auf frischer Lippen süße Purpurblüthen, Da von Narzissen-Augen Thränen sinken, Die auf dem Haar wie Thau an Gräsern blinken. 13· So kannst du , ruft sie, g rau sam mi c h ver las sen I Dich fühllos gar der Liebe Arm entreißen! So könnte ja mich selbst mein Feind nicht hassen, Ist das die Trcu, die du so hoch verheißen? Mich willst .du ganz den Qualen überlassen, Des Glürkes duft'gen Blüthenkranz zerreißen? 0, bleib zurürk l Sieh meine heißen Zähren, Laß mich die 6üßen Blirke nicht entbehren! 14· Wie magst du dicses Z e I t e s schützend Dach Vertauschen mit dem Wald in Sturm und Nacht? 71 Der Dichter beschließt, 1web Dagdad ZI/. reisen. Da besucht ihn seine Geliebte, die mit Aurora verglichen wird. Sil1 ist vcrzwei/ell , Hagt vorwurfsvoll, daß der Freund sie verlassen will, bäll ibm die Bescbwerclen der Reise vor und propbezeit, m,zn werde den Dichter in Bagdad Ilicbt zu sc/Jiitzen wissen; Strophe II bis 16. Indeß das Firmament die Lichtgestalten Im Spiele, wie ein Zaubrer, leicht und schnelle I n Her r I ich k e i t sich wechselnd heißt entfalten, Schirkt' ich mich an, mit e r s t e r M 0 r gen hell e II. Abermals schildert Enweri eine Morgendämmerung. Wieder erscheint eine "Aurora", diesmal die Geliebte des Dichters. Wie die Situation .der Verlassenen bei Enweri ausführlich dargestellt wird, das scheint doch bei Goethe zu dem Bild der "Strohwitwe" Aurora geführt zu haben. Auch hier zeigt sich Übereinstimmung: bei Goethe "entläuft" Hesperus "mit der Sonne", bei Enweri bricht der Dichter "mit erster Morgenhelle" auf - das wird in den nächsten Versen , die wir nun betrachten, noch ausgeführt.


72 Quellen zu "Sommernacht" Der Dichter vertröstet seine Geliebte auf das Wiedersehn bei seiner Rüclekehr. Ehrgeiz treibt ihn jetzt fort; Strophe 17 f. 18. So mußte sie gerührt, besänftigt scheiden, Doch schon erb I ich der S 0 n n e Z i t t ern d L ich t , Den Himmel kam im fernen Ost bekleiden Ein Si I b e r s t r e i f, der zart durch Wolken bricht; A u r 0 rag i eng dan n auf, verhüllt, bescheiden, Im Rosenflor ihr strahlend Angesicht. Dem Sklaven gleich, des Winkes schnell gewärtig, Macht ich mich nun sogleich zum Aufbruch fertig. Die Sonne gibt dem Dichter "den Wink" zum Aufbruch, dem er "Sklaven gleich" Folge leistet. Wirklich "entläuft" also der Dichter seiner Aurora "mit der Sonne". Die Ähnlichkeit dieses bei Enweri so stark betonten Zuges mit Goethes Aurora-Hesperus-Mythos ist augenfällig. Immer wieder schildert Enweridie Morgendämmerung, das , Zwischenstadium zwischen Tag und N acht, das auch in "Sommernacht" die Grundsituation bildet. Und noch mals tritt hier die echte Aurora als Verkörpemng der Morgenröte auf, der antike Name 1m persischen Bereich. Reise nach Bagdad. D er Dichter wird dort, wie: seine Aurora vorausgesehen, enttäuscht. Er findet keinen Anklanf!., selbst 17icbt mit einem Loblied auf den König; Strophe 19 bis 25· S(!ine Geliebte besucht ibn in /J(l f!.dad, wirft ihm seine Treulosigkeit vor; Stropbe 26 bis 2.1. 26. So klagt' ich unmuthsvo ll , dem Spott cin Ziel, Einsam durchwachend ma nchc stille Nacht, Als ein e s M 0 r ge n s, da dcr Weste Spiel Mit Balsamduft die Sinn cn trunkcn macht', Und sanfter Schlummer thauend auf mich fiel, Von zärtlichcr Berührung ich erwacht'. Die Augen öffnend, noch von Schlaf befangen, Sah ich mein M ä d ehe n mit den R 0 sen w a n gen. Enweri 73 Wie in "Sommernacht" Aurora den Hesperus frühmorgens "einzuholen eilt" (V. 51), so verfolgt bei Enweri das mit Aurora verglichene Mädchen den Dichter; zur Morgenzeit steht sie plötzlich vor ihm "mit den Rosenwangen", wodurch wieder auf den Aurora-Vergleich angespielt ist. Enweris Gedicht endigt damit, daß der Dichter durch seine Geliebte wegen seiner bisherigen Fehlschläge getröstet und zu einem neuen Loblied auf den König ermuntert wird. Das Lied - die letzten sechs Stanzen in der Übersetzung - weist die typischen Merkmale der Panegyrik auf. Was es für Gocthc bedeutete, in den Dezembertagen von 1814 dem Enweri-Gedicht zu begegnen, läßt sich nun klar erkennen. Es gab seiner dichterischen Phantasie Nahrung und lenkte sie in eine bestimmte Richtung. Die Schilderung eines orientalischen Sommers mit all seinem Zauber versetzte ihn in die Stimmung, selbst ein orientalisierendes sommerliches Gedicht zu schreiben mitten in trüber nordischer Winterzeit . .Jenes Rätsel um die Entstehung von ;,Sommernacht" klärt sich damit auf. Das so intensiv jahreszeitlich gefärbte Gedicht kam - wie kaum anders zu erwarten - nicht ohne besonderen Anlaß zustande. Ein großer persischer Dichter war der Vermittler, er Jud Goethe ein in seine sonnige Welt. 50) Gerade von der hellen, sommerlichen Atmosphäre des Enwerischen Gedichts ging offenbar eine spezielle Anziehungskraft aus. Man weiß, wie Goethe sich vor negativen Eindrücken - Trauerveranstaltungen, Beerdigungen etc., aber auch tristen Büchern - zu bewahren wußte. Entsprechend willig suchte er auf, was positiv machen konnte. So 50) Für Enweri hatte Gocthc eine ausgesprochene Vorliebe. Mehrere Kapitel der Noten und Abhandlungen befassen sich, wie neuerdings festgestellt wurde, mit einer Verteidigung Enweris gegen Hammers Kritik in der Geschichte der schönen Redekünste Persiens. Vgl. Katharina Mommsen, Goethe und Diez. Quellenuntersuchungen zu Gedichten der Divan-Epoche (Sitzungsbericht der Deutschen Akademie dcr Wisscnschaften zu Berlin. Klasse für Sprache, Literatur und Kunst Jahrg. 1961. Nr. 4) S. 44- 47.


74 Quellen Zu "Sommernacht" Enweri 75 griff er gern, wenn winterliche Depression übermächtig zu werden drohte, zu besonders erfreulichen, lichtvollen Büchern. Homer, Tausendundeine Nacht - solche Lektüre bedeutete ihm dann eine willkommene Hilfe. In dieser Weise mag auch Enweris Gedicht gewirkt haben: die Phantasie erheiternd und damit produktive Kräfte freimachend. Im übrigen war überhaupt die erste Begegnung mit den Fundgruben des Orients damals ein beglückendes Ereignis. Davon zeugen die mannigfachen in folge dieser Begegnung entstandenen Gedichte, zu denen auch "Sommernacht" gehört. Alles, was wir an literarischen /Anregungen für "Sommernacht" feststellen konnten : Sunna, Pend i Nameh, H~mmers astronomischer Aufsatz, El,1weris._Gecfi~ht; stand I · . . -_. -.. i Ja 10 den Fundgruben. "So haben mich die Fundgruben unbeschreib- I lieh aufgeregt und alles was im Sinn und Gedächtniß veraltet war wieder belebt und erneut." Das schrieb Goethe später im Rückblick auf die Epoche, mit deren Anfängen wir uns gerade befaßten. 51) Goethe las Enweris Gedicht mit hungrigen und dankbaren Augen, dazu mit jenem fabelhaften Gedächtnis des Eidetikers, dem nichts Bezeichnendes, Wesentliches verlorengeht. Mit meisterlichem Griff wählte er das Beste, Essentiellste aus, um es in seinem Gedicht zu verwerten. Nur den Schmelz des Ganzen schöpft er ab. Dabei sind es nicht ausschließlich Stimmungsclemente, die Goethe sich zunutze macht. Enweri brachte ihm auch Ideen, wie die, von der "Strohwitwe" Aurora zu sprec~en. In diesem Zusammenhang sei noch auf die Übereinstimmung hingewiesen, daß bei Enweri wie bei Goethe gleicherweise im Gedicht ein Zwiegespräch stattfindet, und zwar das Gespräch zwischen einem "Dichter" und einer ihm befreundeten jugendlichen Person. In bei den Gedichten sieht diese Person bewundernd, verehrend zu dem Dichter auf als zu einem großen Weisheitslehrer. Das zeigt sich bei Enweri in einer Strophe, die wir hier nachtragen. 51) Entwurf zum Abschnitt "Von H ammer" der Noten und Abhandlungen; WA I 7, 302; Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 128. Ihr Bitten und Beschwören, sie doch nicht Zu verlassen, nicht nach Bagdad Zu gehen, begründet die Geliebte des Dichters so: 16. Und wie mag man nach Würden dort dich ehren, Wo dir an W eisheit keiner zu vergleichen? Selbst Plato müßte horchen deinen Lehren; Und wessen Geist in Ostens weiten Reichen Ergründet so wie du den Lauf der Sphären? Selbst Ptolcmäus Ruhm muß deinem weichen; Ist doch kein Weiser hier im Orient, D er deiner Füße Staub nicht köstlich nennt. Das Verhältnis zwischen dem Dichter und seiner Freundin trägt hier ganz ähnliche Züge wie das zwischen Dichter und Schenken in "Sommernacht". Ein pädagogisches Element zeigt sich auch bei Enweri. Der Dichter ist zugleich ein großer Lehrer. Dabei verdient es bemerkt zu werden: auch an Enweris "Dichter" werden Mathematik und Astronomie als Hauptgebiete seiner Gelehrsamkeit hervorgehoben. Hierauf zielt der Vergleich mit Ptolemaios. Wie eng berührt sich das, nach allem, was wir sahen, mit der Situation von "Sommernacht" ! Es kommt nun nicht so sehr darauf an, wie wir die Übereinstimmungen zwischen Enweri und Goethe im einzelnen zählen, messen, bewerten. Wesentlicher ist die Erkenntnis: in der Gesaintstimmung von "Sommernacht" schwingt viel von Dank mit an diesen großen persischen Dichter. Wie Goethe in "Sommernacht" die verschiedensten Eindrücke aus Lektüre und Leben zu einer Einheit verschmilzt, das ist eine Leistung, die so nur ihm gelingen konnte. Durch die Quellenanregungen vor allem erhält das Gedicht jene Mannigfaltigkeit, die man an ihm bewundert, die Ausweitung ins W elthaltige und Kosmische. Aber das kosmische Gedicht ist 2ugleich ein Kosmos. Was entstand, war kein Konglomerat, kein formloses Quodlibet, sondern ein geordnetes Ganze. Darin unterscheidet sich "Sommernacht" von andern, ähnlich aus verschiedenen Elementen zusammengebauten Divan-Gedichten;


76 Quellen zu "Sommern acht" in ih~en zeigt si~h die Form des Aggregats, der locker gefügten Reihung. ·) Auch dIese Form handhabte Goethe ml't " M . ch e10Zlger elsters :ft. In .bewußter Anlehnung an orientalische Vorbilder schuf er dann . GedIchte . '. von hohem Reiz . In " Sommernacht" d agegen . E' 1st 10- helt errel~ht. NIcht dIe schlichte Einheit allerdings, wie sie etwa der Verfolg etnes erzählerischen Fadens ergibt. Vielmehr l·st d· E' h' . es le Inelt e1Oe~ Kosmos, in dem alles einzelne, so verschieden es untereinand~r se10 mag, letztlich organisch gefügt und strukturell verbunden 1st. 1) Beispiele: "Hör' und bewahre / Sechs Li ebespaare" ,. verlange". "Nur wenig ist's was ich "HERR! LASS DIR GEFALLEN .. " Herr! laß dir gefallen Dieses kleine Haus, Größre kann man bauen, Mehr kommt nicht heraus. Eine Quelle zu diesem Gedicht, das dem Buch der Sprüche angehört, ist bisher ni cht bekannt. Christian Wurm, der erste Kommentator des ~ es t -öst li chen Divan, wies nur allgemein auf den orientalisierenden Charakter des Vierzeilers hin :1) "Die Persischen D ichter bedienen sich häufig des Gleichnisses eines Hauses von ihren Gedichten. So Snadi in seinem Baumgarten, Vorrede: Nachdem ich dieses ansehnliche Haus :1ufzubauen begunnte, habe ich darin zehn lehrreiche Pforten (d. i. Bücher oder Ablhcilungen) verfertiget." Hiernach bestimmte sich die Auffassung des Gedichts bei späteren Interpreten. Lange bevor es durch Veröffentlichung eines Goetheschen Briefs an Kosegarten evident wurde, daß mit dem kleinen Haus auf die Divan-Dichtung angespielt ist,2) hatte Wurm schon die richtige Deutung gegeben. Seltsamerweise entging es seiner Aufmerksamkeit, daß Saacl is Bustan (Baumgarten), aus dessen Vorrede er zitiert, an anderem Ort auch die Quelle zu Goethes Gedicht enthält. Es handelt sich um eine kleine Geschichte, die sich am Ende des 6. Buchs findet: :J) 1) A. a. O. S. 155. 2) V gl. unten S. 83. 3) In der von Goethe benutzten, weiter unten von uns genannten Übersetzung: S.72.


78 "Herr 1 laß dir gefallen" E j n e r i s t mit e in e m k lei n e n Hau s e z u f r i e den. Mir ist erzehlct / daß einmahl ein frommer Mann gewesen / der ein Hauß nach d e~ Maaß seiner Länge bauen lassen / weßhalber ein ander Zu ihm sprach : Ich ":CIß / daß du ein reicher Mann und gutes Vermögens bist / warum lästu denn ~ I cse Wohnung nicht w e i t e run d h ö her bau e n? Jener antwortete : D i ß I s t v o r .. m ich gnu g I aus was Ursache solte ich mich dann b',mühen / diß Ha u s h 0 her auf f z u f ü h ren / oder außzuziehren? Die s e F 0 r m ist J a g nug darinnen zu wohne n / und dasselbe wied e r z u ve r l as sen. Bauet kein Haus auff ein fli eßend Wasser I denn niemand wird es vollführen. Es ist keine Weißheit / und kompt mit der Lehre der Verständi"cn nicht überein / ein Haus an den Weg zu bauen / denn ein solches leidet viel Anst~ß. Goethes Gedicht faßt den Inhalt von Saadis Geschichte zusammen. Vers für Vers sind die Übereinstimmungen mit der Vorlage zu erkennen. 1. Das entscheidende Motiv: Zufriedenhei t mit dem kleinen Haus findet sich bei Saadi schon in der Kapitelüberschrift. In der Vorlaae ist diese mit schönen großen Lettern fett gedruckt. 0 2. Wenn Goethe das Gedicht mit dem Anruf beginnt: "Herr! laß dir gefallen". und ihm dadurch quasi einen religiösen Hintergrund gibt, so entsprIcht das auch dem Eingang der Geschichte bei Saadi wo es heißt: "Es war einmal ein fr 0 m m e r Mann", der ein Hau: bauen ließ. 3· Vers 3 lautet in Goethes Gedicht : "Größre kann man bauen." Auch b~i Saadi ist davon die Rede., daß der Bauherr das Haus "weiter und hoher bauen", bzw. "höher aufführen" könnte. Ausdrücklich wird bei Saadi darauf hingewiesen, daß der Bauherr "reich" ist, daß er "gutes Vermögen" hat. Goethes Vers "Größre kann man bauen" setzt in ähnlicher Weise Reichtum und Vermögen vOraJus, nur daß davon - ebenso wie in Saadis Geschi chte - kein Gebrauch gemacht wird. 4· Auch die Schlußwendung von Goethes Gedicht hat ihre Parallele in der Saadi-Geschichte. "G rößre kann man bauen, I Me h r kom mt "Herr 1 laß dir gefallen" 79 nie h t her aus", so endet das Gedicht. Der fromme Bauherr Saadis bringt das gleiche Argument vor. Die Form des Hauses ist ja "gnug darinnen zu wohnen, und das sei b e wie der z u verlas sen ". "Mehr kommt nicht heraus" (Goethe) - "und dasselbe wieder zu verlassen" (Saadi) -: wir sehen, wie in beiden Texten das Motiv des Herausgehens aus dem Hause am Ende steht. Es läßt sich nun auch die Schlußpointe in Goethes Gedicht noch genauer verstehen. Bei dem Wort "Mehr" (V. 4: "Mehr kommt nicht heraus") ist an den Bewohner des Hauses gedacht. Dieser geht immer als derselbe zur Tür heraus, ob er sein Haus größer oder kleiner baut. Er wird nicht "mehr" dadurch, daß er etwa sein Haus vergrößert. Das Divan-Gedicht erinnert hier an die Worte des Mephistopheles 1m "Faust": Du bist am Ende - was du bist. Setz' dir Perrücken auf von Millionen Locken, Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer was du bist. Deutet man das G leichnis vom kleinen Haus auf den Divan, so ergibt sich etwa: in den Gedichten, dem "Haus", wohnt ein bestimmter Geist, an ,dem sich grundsätzlich nichts mehr verändert, auch wenn die Anzahl der Gedichte noch vergrößert würde. 4) - Das Gleichn is gibt dem Gedicht etwas vom Charakter einer orientalischen D emutsformel. Doch verbirgt sich in der metaphorischen Einkleidung auch Selbstbewußtsein, Stolz auf das Erreichte. Goethe konstatiert, daß der Divan seinem geistigen Gepräge nach ausgereift ~) Beutler (a. a. O. S. 537 f.) faßt die Schlußpointe des Gedichts anders auf. E r gibt ihr den Sinn: "Wie der Mensch sich auch mühen möge: ,Mehr kommt nicht heraus.'" Unter Bezugnahm e auf V. 68 ff. von "Vermächtnis altpersischen Glaubens" interpretiert er weiter: "Gott gegenüber bleibt alles irdische Lobsingen Stammeln. ,Mehr kommt nich t heraus.'" Das ist ein herangetragener Gedanke, von dem im Text ni chts steht. Durch den Vergleich mit der Quelle läßt sich der Sinn von V. 4 genauer bestimmen.


80 "Herr! laß dir gefallen" ist. Darum kann er bestehen, auch wenn sein äußerer Umfang noch "klein" ist. Der Blick, den der Dichter so auf sein Werk wirft, setzt ein gewisses Stadium der Abgeschlossenheit, der Vollendung voraus. Damit stimmt überein, was sich bezüglich der Entstehungszeit des Gedichts sagen läßt. Saadis Bustan las Goethe in einer deutschen Übersetzung, die der "Colligirten und viel vermehrten Reise-Beschreibung" des Adam Olearius, Ausgabe Hamburg 1696, anhangsweise beigegeben war. 5) Goethe entlieh dies Buch erstmals aus der Weimarer Bibliothek vom II. März bis 1. April 181;. Durch die Entleihungsdaten ist auch die Zeit der Konzeption von "Herr! laß dir gefallen" bestimmt. Das Gedicht enstand zweite Hälfte, wenn nicht Ende März 181;.6) Ende März 181; war Goethe mit der Arbeit am Divan tatsächlich in eine Phase gekommen, die ihm erstmals einen Blick auf das vorhandene Ganze ermöglichte, wie er in "Herr! laß dir gefallen" getan wird. Die Gedichtsammlung, an der er seit Sommer 1814 arbeitete - sie trug damals noch den Titel "Deutscher Divan" -, war jetzt etwa auf den Bestand angewachsen, wie ihn das "Wiesbadener Register" von Ende Mai 181; skizziert. Eine entscheidende Erweiterung hatte sich ergeben, nachdem Goethe seit Dezember 1814 über Hafis hinaus auch andere orientalische Literatur für sein Werk in Betracht gezogen hatte. Bis März 1815 war durch Lektüre und daraus sich ergebende Produktion der Kreis abgesteckt, der dem endgültigen Charakter des Divan im großen und ganze n entsprach. 5) Die Bustan-Übcrsetzung is t nnonym, C\lIS dem Holl ändischen. 6) Die herkömmliche Datierung lnutet:: vor 26. Januar 1815. Daß sie unrichtig ist, wird durch den Quellennachweis ev ident:. Das oben genannte Entleihungsdatum, der II. März 1815, ist notwendi g Terminus a quo. Keine der übrigen von Goethe aus der Weimarer Bibli othek entli ehenen Saadi-, bzw. Oleariusausgaben enthielt den Bustan, auch nicht etwa das am 8. Januar 1815 entliehene "Persianische Rosenthai" Saadis, übersetzt von Olcarius, Schleswig 1654. - Die Datierung: vor 26. Januar 1815 beruht auf irrtümlichen Auffassungen über eine Handschrift, wovon wir im vorletzten Abschnitt dieser Studien weiter zu sprechen haben. (V gl. unten S. 109 H.) "Herr! laß dir gefallen" 81 Im März 181; trat eine Stockung ein. Etwa um den 6. März herum befiel Goethe ein "böser Katarrh" (Tagebuch), der ihn viele Wochen am Arbeiten hinderte. 7) Einige Zeit vermochte er, sich gegen die Krankheit zur Wehr zu setzen und produktiv zu bleiben. So entstand noch am 13. und 14. März das "Vermächtnis altpersischen Glaubens", mit dem wieder ein neuer Bereich für die Divan-Dichtung erschlossen war. Dann aber kam ein völliger Stillstand. 8) Bis zur Abreise nach Wiesbaden (24. Mai) wurde am Divan kaum noch etwas getan, im April und Mai wandte sich Goethe, noch unter den Nachwirkungen der Krankheit leidend, leichteren Arbeiten zu, der Italienischen Reise und einigen Aufsätzen über Themen der Literatur. In dieser Zeit der Stockung, Ende März bis Mitte Mai 181;, stellte Goethe Betrachtunge n an über das bis dahin für den Divan Geleistete. Jetzt war es ihm erstmals möglich, über den "Sinn des Ganzen" zu reflektieren, er konnte dem Freunde Zelter davon erzählen, 9) dem Verleger darüber berichten, Am 16. Mai 18i; skizzierte er Inhalt und Charakter des Werks für Cotta, ohne sich doch entschließen zu können, diese Skizze abzusenden. 10) Offenbar wollte er noch nichts unternehmen, was einen Abschluß näher rückte. Sowohl dem Verleger als auch Zclter gegenüber sprach er ausdrücklich von der Absicht, die vorliegenden "ungefähr hundert" Gedichte noch ~u vermehren. Unter ,dem Titel "Des deutschen Divans mannigfaltige Glieder" hält dann das "Wiesbadener Register" vom 30. Mai 181; die vorläufige Gestalt des Ganzen fest. In diese Periode des Reflektierens und Planens fällt unser Gedicht. Gerade als Goethe begann, den Divan erstmals als Organismus an- 7) Vgl. Goethe an Knebel, 22. April 1815: "Mein vierwöchentlicher Katarrh hat mich in allen Dingen se hr retardirt." (WA IV 25, S. 279.) 8) Vgl. Goethe an K nebel, 5. April 1815: "Ich muß .. . dir anzeigen, daß ich von dem schrecklichsten Katarrh , der mich schon seit vier Wochen, unter hundert Formen, quält, mich endlich zu erholen anfange. Ich habe leider die Zeit über, weder nach außen noch innen, etwas geleistet." (WA IV 25, S. 251.) D) Goethe an Zelter, 17. Mai 1815. (WA IV 25, S. 333.) 10) Goethe an Cotta, nicht abgesandtes Konzept, 16. Mai 1815. (WA IV 25, S. 414 H.) 6 Mommsen, Divan-Studien


82 "Herr I laß dir gefallen" zusehen, über Abschluß und Vermehrung nachzudenken, Umfang und Drsposition, aber auch die geistige Struktur des Werks zu erwägen, gewann die Saadi-Geschichte von dem ErbaJUer des kleinen, bescheidenen Hauses sein Interesse. Auch von seinem dichterischen "Haus" konnte er nun feststellen, daß der bescheidene erreichte Umfang genügen durfte. Es ließ sich noch vergrößern, gewiß, aber davon wurde der "Sinn des Ganzen" nicht mehr entscheidend beeinflußt. Das geistige Gepräge des Werks stand fest, in dieser Hinsicht war ein "mehr" anscheinend kaum noch zu erwarten. Wie all solche Überlegungen in den Versen ihren Ausdruck fanden: Größre kann man bauen, Mehr kommt nicht heraus, das hat noch unverkennbar einen gewissen Ton des Unmuts an sich. Offenbar klingt hier die hypochondrische Stimmung der ersten Krankheitswochen mit. l1) Sie mochte Goethe zunächst auf den Gedanken bringen: zur Not könnte man das Werk auch abschließen, das Wesentliche daran ist getan. Überhaupt hat der Vierzeiler vom kleinen Haus alle Eigenschaften, die ihn zu einem Abschlußgedicht für den Divan hätten geeignet erscheinen lassen. Nur dem Umstand, daß bereits ein anderes Gedicht vorhanden war, das sich noch besser für den Ausklang des Werks eignete ("Nun so legt euch, liebe Lieder"), ist es wohl zu verdanken, wenn in der Anordnung de s "Wiesbadener Registers" nicht "Herr! laß dir gefallen" den Schluß des "Deutschen Divan" bildete. Ein Zeugnis aus späterer Zeit bestätigt, wie geeignet Goethe gerade dies Gedicht für den Schluß des Ganzen erschien. Als er im Juli 1819 die letzten Druckbogen des Divan revidierte, richtete er an seinen bewährten Helfer, den Jenaer Orientalisten Kosegarten folgende Anfrage (16. Juli 1819): 12) 11) "Verzeihung meiner catharralischen Hypochondrie", lautet das Nachwort eines Briefs an C. G. v. Voigt von E nde März oder Anfang April 1815 . (WA IV 25, S. 247.) . 12) Goethe an Kosegarten, 16. Juli 1819. (WA IV 31, S. 230 f.) "Herr! laß dir gefallen" 83 "Ew. Wohlgeboren übersende einstweilen ein Exemplar [des Divan] zu geneigter Beachtung, die letzten Bogen folgen zunächst. Ganz zum Schluß wünschte ich noch einen orientalischen Spruch, ohngefähr des Inhalts: Herr laß dir gefallen Dieses kleine Haus Auf die Größe kommts nicht an, Die Frömmigkeit macht den Tempel, oder wenn Ihnen etwas Schicklicheres einfällt. Mögen Sie vielleicht heut Abend um 7 Uhr einige Stunden bey mir zubringen." Wir wissen jetzt, welchem orientalischen Dichter der "Spruch" angehört, auf den hier angespielt ist. 13) Der Zeitpunkt, zu dem Goethe wieder auf das Gedicht vom kleinen Haus zurückkommt - er zitiert es jetzt mit Veränderung der etwas hypochondrischen zweiten Hälfte-, . ist außerordentlich charakteristisch. Wieder war ein Stadium des Fertigwerdens erreicht. Ganz ähnlich wie im Frühjahr 1815 betrachtet der Dichter auch jetzt sein Werk nicht als etwas endgültig Abgeschlossenes. In den Noten und Abhandlungen kündigt er bereits die Fortsetzung an. Da meldet sich der alte Gedanke: Goethe möchte demütig auf die "Kleinheit" des Hauses, und zugleich stoli auf den innewohnenden Geist hinweisen. Dieser ist von den äußeren Ausmaßen unabhängig, ist stark und lebenskräftig genug. So reicht der vorläufige Bau aus. Er könnte auch vergrößert werden, damit änderte sich aber nichts mehr am geistigen Gepräge des Werks. Die Varianten von V. 3 und 4 im Brief an Kosegarten nehmen jeden Zweifel an der Bedeutung der ursprünglichen Fassung. "Mehr kommt nicht heraus" heißt tatsächlich soviel wie: der Bewohner des Hauses wird nicht "mehr" durch dessen etwaige Vergrößerung. :t3) Vgl. H . G. Gräf zu obigem Brief: "Welchem orientalischen Dichter dieser Spruch angehört, ist mir unbekan nt." (Goethc über seine Dichtungen Irr 2, S. 264·) 6*


84 "Herr! laß dir gefallen" Wenn in den Varianten von "Frömmigkeit" die Rede ist, so ist das natürlich im wesentlichen metaphorisch gemeint. Es deutet aber auch zurück auf den Wortlaut der Saadi-Geschichte, die von jenem "frommen" Mann handelt. Goethe war ihr vor kurzem wieder begegnet. Im April 1819 entlieh er aus der Weimarer Bibliothek wiedemm die Oleariussche Reisebeschreibung, der Saadis Gülistan und Bustan angehängt waren. 14) Er entnahm den Saadi-Übersetzungen jetzt die Geschichten, die zur Charakteristik des Schenkenbuchs im Kapitel "Künftiger Divan" der Noten und Abhandlungen dienen. Beim Wiederlesen der Geschichte vom kleinen Haus mag der Wunsch rege geworden sein, eine ähnlich geeignete Vorlage für Verse zum endgültigen Abschluß des Divan, d. h. der Noten und Abhandlungen, zu finden. Ein äußerer Umstand verhinderte es abermals, daß "Herr! laß dir gefallen" den Abschluß bilden konnte. Das Gedicht war bereits innerhalb des Buchs der Sprüche gedruckt. Offensichtlich bedauerte Goethe das, daher seine Bitte an Kosegarten um einen ähnlichen Schluß gedanken. Gemäß der in Goethes Brief ausgesprochenen Einladung besuchte Kosegarten den Dichter am Abend des 16. Juli 1819. Dabei überbrachte er ihm vermutlich das Blatt mit seinen Vorschlägen für ein Abschlußgedicht, das sich noch heute in G oethes Papieren befindet. Unter der Überschrift "Sadi sagt" führt Koscgarten hier sieben verschiedene Sprüche auf.H') Bezeichnenderweise brachte er also Worte desselben Dichters in Vorschlag, der die Vorlage für "Herr! laß dir gefallen" hergegeben hatte. Nun ist allerdings Saadi bis in die heutige Zeit ein Dichter, aus dem man im O rient mit Vorliebe Sentenzart:iges zitiert. Das mag Koscgartens Wahl bes timmt haben. Doch möchte man fast glauben, da ß er Saadis Bustan als Quelle zum Vierzeiler vom kleinen Haus erkannt hatte und darum Goethe zuliebe bei diesem Autor blieb. Einer der von Kosegarten vorgeschlagenen Saadi- H) Die "Colligirte Reise-Beschreibung" , Ausgabe Hamburg 1696, entlieh Goethe wieder vom 15. April bis 8. Juni 1819. 15) WAl 7, S. 293. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 280 f. "Übermüthig sieht's nicht aus" 85 Sprüche wurde dann auch an den Schluß der Noten und Abhandlungen gestellt. Einen Nachklang zu unserm Gedicht vom kleinen Haus bilden noch die bekannten Verse auf das Gartenhaus am Stern, geschrieben kurz nach Erscheinen des Divan, Ende Januar 1820 :16) Übermüthig sieht's nicht aus Dieses kleine Gartenhaus, Allen die sich drin genährt Ward ein guter Muth bescheert. Das Gartenhaus am Stern war so klein, daß Goethe mit seinem Diener in einem Zimmer schlafen mußte. Es wurden aber darin Iphigenie und Tasso geschrieben. Auf solcherlei Kontraste spielen die obigen Verse an mit ganz ähnlicher Mischung von Demut und Selbstbewußtsein, wie sie das Divan-Gedicht vom kleinen Haus charakterisiert. Abermals werden einander gegenübergestellt: das bescheidene Ausmaß des Baus und die Gesinnung der Bewohner. Wenn Goethe im Brief an Kosegarten von der "Frömmigkeit" sprach, die "den Tempel macht", so entspricht dem hier der "gute Mut" derer, die sich in dem "nicht übermütigen" kleinen Gartenhaus "genährt" haben. Letzten Endes geht diese Kontrastierung noch immer zurück auf die Geschichte von Saadis frommem Mann, der sich bewußt mit dem kleinen Haus begnügt. Die Pointe, daß es auf Geist und Gesinnung der Bewohner, nicht auf die Größe -des Hauses ankomme, zeigen nochmals vier Verse, mit denen Goethe das Gedicht auf das Gartenhaus später (1827) erweiterte. Nun lautete das Ganze:17) 16) WA I 3, S. 135. - Zu der oben gegebenen Datierung: die Verse stehen, mit Bleistift geschrieben, auf ein er Handschrift, die zugleich die ersten 4 Verse des Gedichts "Sanftes Bild dem sanften Bilde" enthält. Das letztgenannte Gedicht. entstand nachweislich Ende Januar 1820. 17) WA I 4, S. 142.


86 "Übcrmüthig sieht's nicht aus" Übermüthig sieht's nicht aus, Hohes Dach und niedres Haus; Allen die daselbst verkehrt Ward ein guter Muth bescheert. Schlanker Bäume grüner Flor, Selbstgepflanzter, wuchs empor. Geistig ging zugleich alldort Schaffen, Hegen, Wachsen fort.


VERSE ZUM WIENER KONGRESS I. "Ve r s eh 0 nun s G 0 t t m i t dei n e m G r im me !" Im Buch der Sprüche gibt es noch immer eine ganze Anzahl von Gedichten, für die sich bisher keine Quelle feststellen ließ. Ein besonders mißlicher Fall dieser Art liegt vor in den Versen: Verschon uns Gott mit deinem Grimme! Zaunkönige gewinnen Stimme. Auf die alte Fabel vom Adler und Zaunkönig zu verweisen, wie Burdach es tat, liegt nahe, genügt aber doch nicht, die Besonderheit dieses Spruchgedichts zu erklären. ehr. Wurm zog eine Stelle aus Diez' Denkwürdigkeiten von Asien heran, wo es im Rahmen einer arabischen Schrift über "Kriegskunst" heißt :1) [Über gewisse Arten von "tapferen" Soldaten) " .. . Es giebt wieder andere, welche mit der Zitternadel [E hrenzeichen] am Kopfe, dem Streithammer in der Hand und Hufeisen und Sporn am Fuß, bald vorne bald hinten rennen und lauten und doch zu nichts taugen. Diese nennt man Zaunkönigstapfere oder im Türkischen schlechtweg Zaunkönige." In diesem Falle ist auch Wurm kein brauchbarer Quellennachweis gelungen. Für unser Gedicht können diese Sätze nicht die Anregung gegeben haben. Wir führen die Stelle nur an, weil Wurm sie als die einzige bezeichnet, in der er "Zaunkönige unter den Morgenländern genannt gefunden" habe. Nach intensivem Durchforschen der von Goethe nachweislich benutzten Orientschriften standen wir vor dem gleichen Ergebnis: Zaunkönige ließen sich nicht ausfindig machen. 1) H. F. v. Diez: Denkwürdigkeiten von Asien. Th. 1. Berlin IBlI. S. 142.


88 Verse zum Wiener Kongreß "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 89 Eine rechte Crux wurde der Fall des Zaunkönig-Gedichts, nachdem die Weimarer Ausgabe ein Blatt aus den Goetheschen Divan-Papieren veröffentlichte, das eigentlich eine Lösung des Quellenproblems erhoffen lassen durfte. Auf diesem Blatt nämlich, das eine Reihe von Notizen enthält, die der Dichter sich aus Chardins Voyages en Perse machte, steht auch der folgende Satz: [V] [VI] Alles jagt man mit Falcken Nur nicht das wilde Schwein ~ Persischer Meerbusen Fischerei, III 44 Nichts so fischreich ~ Zaunkönige gewinnen Stimme. Hier hatte man offensichtlich den Keim des Gedichts vor sich, und es mußte als überaus wahrscheinlich gelten, daß Goethe durch Lektüre von Chardins Reisebeschreibung zu der Aufzeichnung angeregt wurde. Indessen ist es bis heute niemand gelungen, die Quelle bei Chardin LiU finden. Von Zaunkönigen ist in den Voyages en Perse, die ,Goethe übrigens sorgfältig studierte, nirgends die Rede. Dennoch ist es möglich, zu zeigen, wie jene Aufzeichnung von den "Zaunkönigen", die "Stimme gewinnen", zustande gekommen ist. Wollen wir sie, und damit zugleich die Herkunft unseres Gedichts, verstehen lernen, so müssen wir die Handschrift genauer betrachten, von der wir sprachen. Auf einem Folioblatt - siehe Abbilduno' '" S. 86/ 87 - schrieb Goethe mit Bleistift fol gende Notizen nieder: 2) [I] [II] [III] [IV] An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde Zaunkönige gewin nen Stimme. '----v--" Perle Nahmen III 3I. ~ Carbunkcl 2) Vgl. WAI6, S. 483 f., Paralip. 3j. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 149, Paralip.138. Das Folioblatt diente ursprünglich zur Niederschrift des Wochenreper, toires und Probenzettels für das Weimarer Theater vom 26.-31. Dezember 1814. Diese war datiert: ,,22. Dezember". [VII] [VIII] Blut [gestr.] Geblüte aus Georgien und Circassien Er speist seinen Hunger Für vier Gedichte des Buchs der Sprüche findet sich auf dieser Handschrift die erste keimhafte Skizze. Es entstand: aus Nr. I: "Welch eine bunte Gemeinde!", aus Nr. II: "Verschon uns Gott mit deinem Grimme!", aus Nr. V: "Sich im Respect zu erhalten", aus Nr. VIII: "Will der Neid sich doch zerreißen". Entsprechend sind Nr. I, II und VIII mit Tinte, Nr. V mit Bleistift durchstrichen worden, Lium Zeichen der Erledigung. Das Verständnis der gesamten handschriftlichen Aufzeichn;ungen ist dadurch beeinträchtigt, daß bislang ihre Herkunft aus Chardins Voyages en Perse nicht vollständig erkannt wurde. Nur für Nr. III bis Vln steht sie fest. 3) Für Nr. I mußte bisher als Quelle gelten eine Partie aus der deutschen Übersetzung von Saadis Bustan, die an die "Colligirte Reise­ Beschreibung" des Adam Olearius in der Ausgabe von 1696 angehängt war.4) Wurm hatte hier in der Vorrede zum Bustan die Anregung für das (aus Nr. I geformte) Gedicht "Welch eine bunte Gemeinde!" 3) Die Nachweise für Nr. IV und VII stammen von Katharina Mommsen. Für Nr. VII findet sich bei Burdach eine unrichtige Stellenangabe (a. a. 0 .) . ") V gl. oben S. 80.


90 Verse zum Wien er Kongreß gefunden. Die späteren Kommentatoren übernahmen diesen Nachweis.5) Wenn nun der Anfang (Nr. I) der in Frage stehenden Goetheschen Aufzeichnungen nicht aus Chardin, sondern aus einem anderen Buch stammte, so war damit zugleich für die ungeklärte Aufzeichnung Nr. II alles unsicher geworden. Da bei Chardin keine Zaunkönige vorkommen, konnte mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß Nr. II ebenso wie Nr. I durch ein anderweitiges Quellenwerk angeregt wurde; womöglich durch Olearius oder deutsche Übersetzungen von Saadis Gülistan und Bustan - jedoch auch dort findet sich nichts Entsprechendes. Hier aber läßt sich ein Ausweg zeigen, der eine neue Perspektive eröffnet. Dieselbe Stelle aus der Vorrede zu Saadis Bustan, die Wurm als Quelle für den Vers: "An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde" in jener deutschen Übersetzung nachwies, steht auch in französischer Übersetzung bei Chardin. Innerhalb eines Kapitels "De la Poesie" brachte Chardin als größeres Musterbeispiel persischer Dichtung die Vorrede zu Saadis Bustan. Die betreffenden Sätze stehen ziemlich zu Anfang. Sie lauten: 6) "Mais encore que Dieu soit en haut, en bas ct aux cotcz, 11 ne ferme a nul des Pecheurs la porte de l'Officc,* La face de I a t e r r e e s t I a N a p [p] c des c s C r c a t ur e s , Eta c e t t eta b I e dei arg e s s e r e gar d e t' 0 n I' a mi 0 u I' e n n e m i. **" [Zu * bemerkt Chardin: "Lieu OU l'on garde le manger." Zu **: "On re~oit tout le monde."] Es kann kein Zweifel sein: dies ist die wirkliche, unmittelbare Vorlage zu der Aufzeichnung I unseres Exzerptenblattes : "An Gottes 5) Burdach äußert sich bei BcsprcdlUng der Handschrift nicht über die Herkunft von Nr. I (und II). Saadis Bustan in der von Wurm angegebenen deutschen Übersetzung nennt er aber als Quelle für "Welch eine bunte Gemeinde!." in der Jubiläumsausgabe (Bd. 5, S. 369). G) In der von Goethe benutzten Ausgabe (Amsterdam 1735): Bd. 3, S. 262. "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 91 Tisch sitzen Freund und Feinde." Nicht zufällig steht dies auf einem Blatt mit andern Chardin-Notizen zusammen. In Chardins französischem Text tritt sogar das Spezielle, was Goethe beeindruckt hat, noch deutlicher in Erscheinung als in der deutschen Übersetzung eines Anonymus. 7) So ist in letzterer von "Tischtuch" (nappe) nicht die Rede. Das Wort verstärkt aber den bildlichen Eindruck erheblich. Gleiches ist von Chardins Anmerkungen zu sagen. Eine Übereinstimmung zeigt sich auch darin, daß in der französischen Übersetzung die entscheidende Wendung "I'ami ou l'ennemi" am Versende steht, wie "Freund und Feinde" bei Goethe. Daß Goethe durch Chardins Übertragung zu der Aufzeichnung "An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde" angeregt wurde, findet auch noch durch etwas anderes eine Bestätigung. Auf das Kapitel "De la Poesie", innerha1b dessen die obige Saadi-Partif!' steht, bezieht sich ausschließlich ein weiteres Blatt mit Goetheschen Exzerpten nach Chardin. An dem Kapitel fand Goethe offenbar besonderes Gefallen. So bemerkt er beifällig, es sei darin das "Naturel des Poeten schoen ausgedrukt."8) Am Schluß dieses Exzerptenblatts findet sich die Notiz: Saadi Anfang Chard. III 261. Das ist ein Hinweis auf die Vorrede von Saadis Bustan, dessen "Anfang" auf der vermerkten Seite steht. Die von uns als Vorlage für An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde" zitierte Partie gehört " aber noch zum Anfang jenes "Anfangs", sie beginnt mit der 19. Zeile (S. 262). Goethe war also auf die Bustan-Vorrede aufmerksam geworden. Wir können an Hand der beiden Exzerptenblätter verfolgen, welchen 7) In der deutschen übersetzung lautet die Stelle: "Der große GOTT Himmels und der Erden aber schleust umb der Sünde willen vor niemanden die Gnaden-Thür zu; Die gegenwärtige und zukünfftige Welt ist ihm als ein Wasser-Tröpflein: Er schicbet den Vorhang sanfftmüthig zu; Die Erde ist alsdann sein Tisch vor alle Menschen / worinnen zwischen Freund und Feind kein Unterscheid befindlich." 8) V gl. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 149 f., Paralip. 139·


92 Verse zu m Wiener Kongreß Weg er bei seinen Arbeiten einschlug. Im dritten Teil der Chardinschen Reisebeschreibung interessierte ihn offenbar das Kapitel "De la Poesie" am meisten, was durch seine Thematik ohne weiteres verständlich ist. Infolgedessen las er dieses Kapitel vorweg. E s geschah das vermutlich am 6. Februar 1815. An diesem Tag entstand das ebenfalls durch Chardins Kapitel "De la Poesie" angeregte Gedicht "Vier Gnaden".9) Zu einem späteren Zeitpunkt - vielleicht erst im März 181 5 - kam Goethe nochmals auf die Stelle zurück, die er sich notiert hatte; er las jetzt "Saadi Anfang"sorgfältiger und schrieb daraufhin die Skizze für ein Gedicht nieder: "An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde". Mit dieser Skizze begann nun ein zweites Exzerptenblatt nach Chardin, auf dem weiter unten Aufzeichnungen aus andern, vorhergehenden Kapiteln des drit~n Teils der Voyages ·en Perse zu stehen kamen. Offenbar war Goethe an ·dem Tag, an dem er diese Aufzeichnungen machte, in besonders dichterischer Stimmung. In nicht weniger als vier Fällen, so sahen wir, formten sich die Lektüreeindrücke unmittelbar zu Gedichtskizzen. Darin unterscheidet sich dies Exzerptenblatt völlig von fünf andern mit Chardin-Notize n angefüllten Blättern, die auf uns gekommen sind. Hier dienen die N otizen fast ausschließlich der Gedächtnishilfe und Belehrung: interessante Stel len mit ihren Seitenzahlen werden festgehalt:en.9a) Kehren wir zu unserer Frage zurück, vo n woher die Aufzeichnung Nr. II des uns interessierenden Exzerptenblattes stammt, so kann die Antwort jetzt nicht mehr schwer sei n: sie muß gleichf~lls auf Chardin beruhen, da sich nunmehr der gesamte übrige Inhalt des Blattes als auf diesen Autor bezüglich erweist. Wir haben oben bei einem ähnlichen Fall gesagt, daß Rätselhaftes auf Goetheschen Notizblättern sich u. U. durch Beachtung des Nacheinander in der Handschrift klären läßt.10) Genau dieser Weg führt 9) Goethe entlieh Chardins Voyagcs cn Perse aus der Weimarer Bibliothek 2). Januar. bis 19. Mai 181). Vgl. unten S. II4. 9 a ) V gl. WA I 7, S. 28) ; Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 146 H. 10) V gl. oben S. 1). "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 93 uns auch hier zum Ziel. Wenn die auf solche Weise gefundene V orlage zu der Aufzeichnung: "Zaunkönige gewinnen Stimme" etwas anders aussieht, als man zunächst er·wartet, so wird uns das nicht wundernehmen. Wäre sie von einfacherer Beschaffenheit, so hätte sie nicht so lange verborgen bleiben können. Lesen wir unmittelbar ansch ließend an die Partie aus der französischen Übersetzung der Bustan-Vorrede von Saadi, welche die Aufzeichnung Nr. I eingegeben hat, weiter, so treffen wir sehr bald auf die Vorlage von Aufzeichnung Nr. II unseres Exzerptenblatts. Es heißt darin - auf derselben Seite 262 des dritten Teils von Chardin, aus der wir oben zitierten -: "E t ace t t eta b I e dei arg c s s c r e ga r cl c t' 0 n I ' a m i 0 u I' c n n e m i. Que si quelque malfaisant etoit saisi par sa ma in victoricuse, Qui est ce qui se tireroit sain et sauf d e I a m ai n des a c 0 I e r e ? Tous les etres, vont parfaisant ses ordres Tant Fils des H ommes, qu'Oiseaux, Fourmis ct MOllches, Et a l a t a b I e des a b ci: n ci: f i c e a I'hellre dll ma nger L'Oiseau SIMOURG vient du munt de Kaf prcndrc sa refection ... [Es folgen nun antithetische Beispiele vom Zorn und der Milde Gottes.] Si pour r e v e i Il e r s a c r a i n te dans !es ames i I t ire I' c p e e de sajLlst i ce, Les An g e s qui en sont les Mi n ist r es d e v i e n n e n t SOLI r d s et mLl ets; Mais s'il profere Lln 0 c t r 0 i dem i s e r i c 0 r d e : L e pet i t H e Z fl Z i l* c r i e r a, j' e n v e LI x fa ire la pro c I a m a t ion. [Zu * bemerkt Chardin: 0 i s e a LI p ILI S pet i t q LI ' LI n Mo i Cl e a u, renomme en Perse pOllr son plLlmage et pour son ra mag e.] Stellen wir fest, was hier alles mit Goethes Versen: Verschon uns Gott mit deinem Grimme! Zaunkönige gewinnen Stimme übereinstimmt, so ergibt sich:


94 Verse zum Wien er Kongreß I. Im Anschluß an die Stelle, die den Satz "An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde" inspirierte, spricht die Bustan-Vorrede Saadis von einem persischen Vogel, an dem seine Kleinheit das Besondere ist: von dem "petit Hezazil". Wie klein der Vogel ist, wird in Chardins Anmerkung eigens hervorgehoben: kleiner als ein Spatz. Des Zaunkönigs bezeichnende Eigenschaft ist gleichfalls seine Kleinheit. Die Fabel vom Adler und Zaunkönig basiert auf dieser Eigenschaft. 2. Die charakteristische Tätigkeit des sehr kleinen Vogels ist in Saadis Schilderung das Rufen, Ausrufen (crier, faire la proclamation). Chardins Anmerkung unterstreicht auch diesen Zug: der persische Vogel ist berühmt durch seinen Gesang (ramage). 3· Gleichfalls - und dies Zusammentreffen ist entscheidend - ist bei Saadi die Rede von Gottes "Grimm" (colere) - die ganze Partie der Bustan-Vorrede kreist um dies Thema. Und zwar wird dabei in vielfacher Wiederholung antithetisch gegenübergestellt: Gott vermag zu zürnen, er vermag aber auch von seinem Zorn abzusehen und milde zu erscheinen. In Goethes Vers "Verschon uns Gott mit deinem Grimme!" sind die bei den Elemente enthalten, nur ist aus der Antithese eine Synthese geworden. Das antithetische Hin und Her, das wir oben ausließen - vgl. die eckige Klammer im Zitat -, nimmt sich bei Saadi so aus: ... Il pose it I'UIl une couronne de gloirc Sur la tete, Il jette I'autrc eil bas du Throne dans Ja poussiere: Il pare I'un d'un manteau dc fclicite. II couvre I'autre d'un sac de malheurs, Il rend Je feu dans lcqucJ Abraham cst jette un rasier, II consume Je peuplc cnncmi dans un feu tin~ des eaux du Nil, S'il fait le premier, c'est un e manifestation de son soin paternei, S'il fait l'autre, c'est pour etabJi[ la main de son pouvoir. II perce pleinement le voile dont on couvre les actions mauvaises; "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 95 Mais il etend dessus ces actions le voile de sa misericorde: Si pour [(!veiller . .. [Weiter wie oben.] Am Ende di,eser von Gottes "Grimm" und seinem "Verschonen" handelnden Antithesen steht dann bei Saadi das Beispiel von den Engeln, den "Ministres", die "stumm und taub" bleiben beim Zorn, vom kleinen Vogel Hezazil, der "schreien wird" beim Eintritt der Milde Gottes. Damit ist der Höhepunkt der ganzen Partie und ein Abschnitt erreicht. Die Behandlung des Themas bei Saadi wechselt nun. Diesen Höhepunkt hat Goethe festgehalten in der Aufzeichnung "Zaunkönige gewinnen Stimme", die er später ergänzte durch die Zeile "Verschon uns Gott mit deinem Grimme!". Daß er den hübschen Namen des persischen Vogels "Hezazil" nicht brauchen konnte, liegt auf der Hand. Er änderte ihn, gemäß einer Gepflogenheit, die im Bereich des Divan öfter zu beobachten ist: allzu Exotisches - an Namen beispielsweise - wurde gelegentlich durch vertrauter Klingendes ersetzt. Das Nacheinander der beiden Aufzeichnungen Nr. I und II in dem Exzerptenblatt, von dem wir ausgingen, hat also seine Entsprechung in der Quelle. Auch dort stehen beide Anregungsstellen dicht hintereinander. Wir verstehen nun auch, warum Goethe in der Handschrift eine Schlußklammer erst hinter Aufzeichnung Nr. II setzte. :Die beiden Notizen werden dadurch zusammengcfaßt, weil sie auf dieselbe Stelle bei Chardin zurückgehen. Von Aufzeichnung Nr. Irr ab begann Goethe dann aus einer andern Partie der Voyages en Perse Aufzeichnungen zu machen. Er sprang zurück von Seite 261 auf Seite 3I. Was gewinnen wir nun an Aufschlüssen über die Bedeutung des Goetheschen Zweizeilers von den Zaunkönigen, nachdem wir die Möglichkeit haben, die Quelle zur Interpretation mit heranzuziehen? Das Gedicht bereitete dem Verständnis von jeher Schwierigkeiten. Es gehört, so kurz und unscheinbar es ist, zu den dunkelsten des ganzen Divan.


96 Verse zum Wien er Kongreß Gehen wir aus von dem Wort Zaunkönig, das zweifellos zentrale Bedeutung hat. Der Zaunkönig ist ein notorisch kleiner Vogel, auch eignet ihm eine besonders kräftige "Stimme". Mit diesen Eigenschaften konnte er Saadis "petit Hezazil" recht gut repräsentieren. Doch ist noch weiteres in Betracht zu ziehen. Mit dem Zaunkönig wird gewohnheitsmäßig in Verbindung gebracht - dafür sorgt die bekannte Fabel - der Adler, sein großer gegensätzlicher Partner. Bei dem Allerkleinsten denkt man zugleich an den Größten, Vornehmsten, Erhabensten. Nun steht aber auch bei Saadi der "petit Hezazil" in Gegensatz zu etwas sehr G roßem: nämlich zu den "Engeln", den "Ministres". Auf diesem Gegensatz beruht die Pointe: wenn Gottes Zorn sich zeigt, dann werden diese Engel und "Ministres" stumm und taub. Läßt er nach, dann "schreit" der kleine Hezazil begeistert. D ieser Zug der Quelle mag vor allem in Goethes Phantasie das Bild des Zaunkönigs hervorgerufen haben. 10a) Und nun müssen wir uns erinnern : auch Goethe hat sich während einer langen Periode, in der "Gottes G rimm" schlimme Zeiten schuf, stumm und taub verhalten gleich jenen "Ministres" bei Saadi. Das im Sommer 1814 gedichtete Festspiel "Des E pimenides Erwachen" legt hiervon Bekenntnis ab: darin weist Goethe auf sich und sein Verhalten während der napoleonischen Kriege - in der Gestalt des Weisen, dcr Zeiten äußerster Wirren im Sc h l a f vcrbrachte. An diese Epimenides-Situatio n wurde Goethe offcnbar erinnert, als er im Frühjahr 1815 Saadis Bustan-Vorrede bei Chard in las. "Des Epimcnides Erwachen" beschäftigte Gocthe gerade in dieser Zeit aufs neue. "Epimenides spukte", heißt es am 4. März 1815 in seinem Tagebuch. E s stand näml ich ·d ie Uraufführung des Festspiels in Berlin bevor, doch waren seit längerer Zeit Gerüchte in Umlauf, sie könnte aus politischen Gründen inhibiert werden. Da ist es wohl verständlich, daß unter solchen Sorgen die innere Nähe zu seinem Stück Goethe doppelt empfänglich machte für die Parallele, die er bei Saadi 10a) Auch die Erwähnung des Vogels Simurg (oben S. 93) war geeignet, an den Bereich der ornithologischen Fabel zu gemahnen. Beim Simurg handelt es sich NB um einen Wundervogel von sagenhafter Größe. "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 97 fand. Auch der orientalische Dichter, so sah man hier, wußte etwas davon, daß unter Umständen in schlimmer Zeit gerade die Größten paralysiert, stumm und taub sind. Saadi fügte dem nun einen reizvoll eigenartigen Zug hinzu: die Kleinen und Kleinsten erheben sogleich ihre Stimme, werden laut, wenn göttliche Milde eintritt und die Wolken sich verziehen. Goethes Gedicht von den Zaunkönigen greift das Motiv vom Schreien der Kleinen auf, bringt aber eine neue, mit Saadi kontrastierende Wendung hinzu. Bei Goethe ist das "Stimme Gewinnen" der "Zaunkön ige" nicht ein Zeichen, daß bessere Zeiten gekommen sind, sondern daß womöglich Gottes "Grimm" jetzt ganz unmittelbar droht. D as Sichwichtigmachen der Zaunkönige ist erst recht unerträglich. Genau genommen setzt Goethe sich zu Saadis Gedanken in Widerspruch, während er dessen Bild benutzt. Das Zaunkönig-Gedicht steht somit in replikartigem Verhältnis zu der Vorlage. Fälle dieser Art sind im Bereich von Goethes Quellenbenutzung keine Seltenheit. Gerade Autoren, die ihm wichtig sind, reizen ihn gelegentlich zu dichterischer Replik. Es entsteht dann eine lebhafte Auseinanderset~ung, ein geheimes Gespräch.11) Die Zusammenhänge mit Saadis Bustan-Vorrede machen es deutlieh: "Verschon uns Gott mit deinem Grimme!" ist ein politisches Gedicht. Es ist nun auch leicht zu erkennen, worauf darin angespielt wird: auf das Ereignis, das im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand, als das Gedicht geschrieben w urde - den Wiener Kongreß. Dieser stellte, mit Goethes Augen gesehen, gerade das dar, worauf seine Spottverse hindeuten: eine Versammlung von Zaunkönigen, die "Stimme gewinnen", politisieren d ürfen, nachdem der Adler Napoleon seinen Flug beendet hatte. Goethes kritische Einstellung gegenüber dem Wiener Kongreß ist zur Genüge bekannt, wenn er auch aus begreiflichen Gründen mit Meinungsbekundungen vorsichtig sein mußte. In den Briefen von 1814/ 1815 findet sich manche Äußerung der tiefen Skepsis über den 11) V gl. Katharina Mommsen: Goethe und Diez. Berlin 1961. S. 317 fI. 7 Mommsen, Divan-Studien


98 Verse zum Wiener Kongreß W · W' "12) d ß " lener lrrwarr ,en "gro en Hexenkessel" 13), den er stets nur "furchtsam und ungläubig" betrachtete.14) Deutlicher gab er seinem Unwillen Ausdruck in einer Anzahl von derben Spottgedichten, die er jedoch sorgfältig sekretierte. Sie wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht und stehen jetzt in den Nachlaßabteilungen 8 und 9 der Zahmen Xenien. Ein Gedicht erschien allerdings schon bei Goethes Lebzeiten, innerhalb der Abteilung "Gott, Gemüth und Welt". Und dies wirkt geradezu wie eine Parallele zu dem Zaunkönigs-Gedicht des Divan: Sind Könige je zusammengekommen, So hat man immer nur Unheil vernommen.15) Ausgerechnet die Ausgabe von Goethes Werken, die I8I6 in Wien erschien, enthielt bekanntlich als einzige diese Verse. In der Stuttgarter Ausgabe von I8I5 waren sie - vom Zensor oder Korrektor - unterdrückt, und Goethe hat sie auch später nicht mehr veröffentlicht. Die Pointe des Gedichts, liest man es im Zusammenhang mit seiner Umgebung in "Gott, Gemüth und Welt", liegt darin, daß das "Unheil" resultiert aus dem Fehlen der eigentlichen Autorität über den Königen.16) 12) An earl August, 27. Dezember 1814. WA IV 25, S. " 7. 13) An G . Sartorius, Mitte Januar 1815. WA IV 25, S. ' 5 r. 110) An C. G . v. V oigt, ' 3. M ai 1815: "Zu den Wicncr Nachrichten läßt sich freylich nichts sagen als daß man wohl recht beha lten wird insofern man furchtsam und ungläubig war." (W A IV 25, S. )26.) 15) WA I 5 (2), S. 396. 16) Im Anschluß an das Gedicht von den "Königen" heißt es: Dagegcn die Ba uern in d er Schenke Prügeln sich gleich mit den Beinen der Bänke. Der Amtma nn schnell das Übel stillt, Weil er nicht für ihres Gleichen gilt. "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 99 Gleichfalls eine Parallele zu dem Zaunkönigs-Gedicht findet sich in einem Bericht, betitelt "Wiener Congreß", den Goethe wohl im Frühjahr 18I5 auf Grund ihm zugegangen er Privatnachrichten zusammenstellte. Hier heißt es: 17) "Die Mi n der m ä c h ti ge n e r heb e n ihr e S tim m e am I6 November gedrängt durch eine Note der M ä c h t i gen vom nten die von Etats provenciaux tutelaires spricht." Die Wendung "Zaunkönige gewinnen Stimme" steht dem nahe. An die Zweizeiler von den "Könige n" und den "Zaunkönigen" erinnert auch die Art und Weise, wie hier in dem sachlichen Bericht auf die "Macht"-Frage hingedeutet wird. Offenbar liegt allen drei Zeugnissen eine gemeinsame Denk- und Betrachtensweise zugmnde. Sie lassen im Querschnitt Goethes politische Meinung erkennen auf einem ganz bestimmten Gebiet: dem seiner Einstellung zum Wiener Kongreß. Es erklärt sich nun auch, warum das Zaunkönig-Gedicht sich so dunkel und sybillinisch ausnimmt. Es ist ei n Politicum, vergleichbar Heines Spöttereien über die 36 Fürsten Germaniens. Darum ist seine Sprache geheimnisvoll, versteckt. Träte die Ironie deutlicher zutage, so hätte es nicht veröffentlicht werden können, es wäre, wie 'üblich, sekretiert worden. Mit Gedichten dieser Art pflegte Goethe sich im Stillen "Dinge vom Halse zu schaffen", wie Boisseree berichtet auf Grund von Gesprächen im Sommer 181 5: 18) " So habe er seinen Aerger, Kummer u. Vcrdruß über die Angelegenheit [en] des Tages, Politik u. s. w . gewöhnlich in eincm Gedicht ausgelassen, es sey eine Art Bedürfniß und Herzcns-Erleichterung, Sedes poeticae. Er schaffe sich so die Dinge vom Halsc, wenn er sie in Gcdichde] bringe. Sonst habe er dergleich[en] immer verbrannt ... " Bei dcn Königen fehlt der "Amtmann", der Autorität genug hätte, ihre Händel zu schlichten. 1'7) WA 153, S. 415 . 18) Biedermann 2, )23. Firmenich-Richartz S. 404. 7*


100 Verse zum Wiener Kongreß Als Goethe an einem Tag des Februar oder März 1815 jene Aufzeichnungen nach Chardin machte, die gleich in vier Fällen zu Gedichtskizzen führten, war er, wir sagten es, in besonders dichterischer Stimmung. Anscheinend war es aber speziell eine politische Stimmung, die ihn beherrschte. Denn die vier Gedichte, die er so entwarf, tragen alle, wenn man es recht besieht, eine politische Note. Das wird besonders evident, wenn man den Schlüssel zur Deutung des Zaunkönig­ Gedichts besitzt. Wir setzen die vier Gedichte zum Abschluß hierher, weil sie sämtlich jetzt mehr von ihrer eigentlichen Tendenz verraten. (Übrigens stehen die drei letzten Gedichte auch im Divan hintereinander. Das erste wurde dort ersetzt durch den Vierzeiler: "Überall will jeder obenauf seyn, / Wie's eben in der Welt so geht", der in seinem Anfang jedenfalls auch nach Politik klingt.) "Verschon uns Gott mit deinem Grimme" 101 den Wien er Kongreß erhielt, findet sich ein Passus, der an die Wendung "bunte Gemeinde" in dem etwa gleichzeitigen Gedicht erinnert. Hier schreibt Goethe (16. Februar 1815): "Unsere gnädigsten Herrschaften sind noch in Wien, wir haben wenig Hoffnung sie so bald wiederzusehen. Wie es übrigens mit der europäischen Christenheit steht, wissen Sie besser als ich, und haben gewiß daran so wenig Freude als ich." 19.) 19a) WA IV 25, S. 193. Die letzten neun Worte stehen nur im Konzept, im Original wurden sie bezeichnenderweise gestrichen. Welch eine bunte Gemeinde! An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde. Verschon uns Gott mit deinem Grimme! Zaunkönige gewinnen Stimme. Will der Neid sich doch zerreißen, Laß ihn seinen Hunger speisen. Sich im Respect zu erhalten Muß man recht borst!g seyn. Alles jagt man mit Falken, Nur nicht das wilde Schwein. Das erste Gedicht dürfte gleichfalls eine Anspielung auf den Wiener Kongreß enthalten. So wie Freund und Feind an "Gottes Tisch" sitzen, so kamen in Wien am runden Tisch die Parteien zusammen als ebenfalls recht "bunte Gemeinde". In einem Brief an den Göttinger Historiker Sartorius,19) durch den Goethe private Informationen über HJ) V gl. unten S. 104.


"Keinen Reimer wird man finden" 103 VERSE ZUM WIENER KONGRESS 11. "K ein e n Re im er wir d man f in den" Keinen Reimer wird man finden Der sich nicht den besten hielte, Keinen Fiedler der nicht lieber Eigne Melodieen spielte. Und ich konnte sie nicht tadeln; Wenn wir andern Ehre geben Müssen wir uns selbstentadeln. Lebt man denn wenn andre leben? Und so fand ich's denn auch juste [Hl0: Und so sah ich es auch juste] In gewissen Antichambern, Wo man nicht zu sondern wußte Mäusedreck von Koriandern. Das Gewes'ne wollte hassen Solche rüstige neue Besen, Diese dann nicht gelten lassen Was sonst Besen war gewesen. Und wo sich die Völker trennen, Gegenseitig im Verachten, Keins von bei den wird bekennen Daß sie nach demselben trachten. Und das grobe Selbstempfinden Haben Leute hart gescholten, Die am wenigsten verwinden, Wenn die andern was gegolten. Als Goethe sich 1814 auf seine Fahrt an Rhein und Main begab, entstanden am zweiten Reisetag, dem 26. Juli, zwei längere politische Gedichte, die später im Buch des Unmuts des West-östlichen Divan plaziert wurden: "Keinen Reimer wird man finden" und "Übermacht, ihr könnt es spüren". Die Gedichte drücken manches aus von der Trutz- und Fluchtstimmung, die Goethe damals beherrschte, der Stimmung, die einerseits durch das soeben beendete Festspiel "Des Epimenides Erwachen" gekennzeichnet ward, anderseits durch das den Divan einleitende Gedicht "Hegire". Das Gedicht "Keinen Reimer wird man finden" wurde am 23. Dezember 1814 nochmals überarbeitet. Wie das im einzelnen geschah, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall kam damals die dritte Strophe erst hinzu, mit der wir uns im folgenden beschäftigen wollen. Wir hatten oben davon gesprochen, daß diese Strophe sich gesondert auf einer Handschrift - H 10 - findet, die wir datieren konnten auf die Zeit zwischen 7. und 15. Dezember 1814.1) Im Zusammenhang mit dieser Datierung läßt sich über Inhalt und Entstehung der merkwürdigen vier Verse etwas Näheres sagen. Die dritte Strophe von "Keinen Reimer wird man finden" fällt auf durch besonders eigentümliche Wendungen: Antichambre, Mäusedreck, Koriander - man gewinnt den Eindruck, als handele es sich hier um mehr als allgemeines Politisieren, als verbärgen sich Anspielungen dahinter, die auf ganz Bestimmtes zielen. Nachdem wir eine Vorstellung haben, aus welcher Zeit die Verse stammen, eröffnet sich eine Möglichkeit, ,den Sinn dieser Anspielungen zu verstehen. Sie beziehen sich allem Anschein nach auf den Wiener Kongreß, und zwar genauer: auf Mitteilungen über den Kongreß, die Goethe Anfang Dezember 1814 erhielt. 1) Vgl. oben S. 48 f.


I 104 Verse zum Wiener Kongreß "Keinen Reimer wird man finden" 105 Der Göttinger Historiker Georg Sartorius, ein Freund Goethes, später verehrter Lehrer Heines, nahm eine Zeitlang am Wien er Kongreß teil. Er begleitete Carl August dorthin auf Wunsch Goethes und der Herzogin Luise, reiste aber schon Ende Dezember 1814 wieder ab, nachdem er manche unerfreuliche Erfahrungen gemacht hatte. Interessant in unserem Zusammenhang sind zwei Sendungen, die Goethc Anfang Dezember 1814 von Sartorius aus Wien erhielt: ein Brief vom 17· November 1814, in dem Sartorius einen Aufsatz über die Wiener Kongreß-Politik ankündigt, und dann dieser Aufsatz selbst. In Sartorius' Brief stehen nun Wendungen, die in auffälliger Weise an die dritte Strophe von "Keinen Reimer wird man finden" erinnern. Hier lesen wir: 2) "Wir werden hier in einer Hex e n k ü ehe ge s eh m 0 r t, gegen welche die, so im Faust zu schauen steht, eine Art von boudoir ist. über die K ü ehe und die K ö ehe, so wie über das, was daselbst b e r e i t e t wir d, habe ich ein kleines Werk geschrieben, welches zu seiner Zeit Ihnen, Verehrtester, und sonst niemanden mitgetheilt werden soll." Ein "gemildertes Compendium" aus dem "Werk", für die Herzogin, Minister Voigt und Goethe bestimmt, gehe mit gleicher Post ab. Sartorius klagt dann über Schwierigkeiten in seiner persönlichen Situation beim Kongreß; er konnte sich im Gefolge Carl Augusts gegen Intrigen nicht durchsetzen, besonders wohl nicht gegen den einflußreichen, preußen freundlichen Minister v. Gersdorff. Hierüber schreibt er u. a.: "Unter dem seltsamen Vorwande, ich könne als Hannoveraner nicht zu des Herzogs Gefolg gezä hlt werden .. . bin ich wirklich ausgeschlossen worden, ich habe ihn nirgends hin begleiten dürfen und bin nirgends vorgestellt worden, so daß ich ungefähr d a z u S c h a u e nd a r f, woK a m _ merdienern und Lakaien auch der Z utritt unversagt bl ei b t." D as heißt: in der Antichambrel Sartorius schließt seinen Brief: "Gott aber wolle Sie vor solcher Hex e n k ü e h e bewahren; wie weise haben Sie gehandelt, nicht hierher zu kommen I" Diese Mitteilungen des Mannes, der so etwas wie ein persönlicher Gesandter Goethes auf dem Wiener Kongreß war, haben offenbar jene dritte Strophe von "Keinen Reimer wird man finden" inspiriert: 3) 2) Goethe Briefwechsel mit Georg und Caroline Sartorius. Weimar 193I. S. 14) ff. 3) Wortlaut und Schreibung wie in HlO (siehe oben S. 48 und 103). Und so sah ich es auch juste In gewissen Antichambern Wo man nicht zu sondern wusste Mäusedrek von Coriandern. Auf dem Kongreß, in den "gewissen Antichambern", dies ist der Sinn, geht alles durcheinander. Das unwürdige Antichambrieren des Freundes Sartorius ist symptomatisch für das ganze chaotische Kongreßwesen. Man erkennt dort das Echte und Wichtige ("Koriander") nicht, das Schlechte ("Mäusedrcck") wird mit ihm verwechselt und bevorzugt. Durch Sartorius' Erwähnungen der Hexenküche im Faust kam Goethc wohl auf das Gleichnis von Mäusedreck und Koriander. Auch dieses ist ja der Küchenspradle entnommen. Und zwar deutet es auf Chaos und Unordnung in der Küche, wenn Gewürz und Unrat vom Koch durcheinandergemengt werden. In diesem Sinn war die Wendung "Mäusedreck und Pfeff·er" früher sprichwörtlich (Luther, Hans Sachs).4) Wie stark der Vergleich des Wicner Kongresses mit der Hexenküche in Sartorius' Brief sich Goethe eingeprägt hat, bezeugt sein Antwortbrief von Anfang/Mitte Januar 1815."") "Ihr Aufsatz", so schreibt er an Sartorius, "hatte mich freylich sdlon mit dem Re c i p e des g r 0 - ß e n Hex e n k e s se i s bekannt gemacht, allein ich hätte denn doch die nähern I n g red i e n z i e nun d di e W ü r z e zu erfahren gewünscht." (Sartorius hatte den Dichter inzwischen auf der Durchreise in Weimar verfehlt.) Wie hier vom Rezept des Hexenkessels, von Ingredienzien und Würze gesprodlen wird, das erklärt uns am besten den Inhalt jener Strophe -darin wird auf solche Ingredienzien und Würzen angespielt.5) Übrigens tröstet Goethe in seinem Schreiben ~) Vgl. West-östlicher D ivan von Goethe. Hrsg. von G. v. Loeper. Berlin 1872. S. 79. Max Morris, Der junge Goethe, Bd. 6. Leipzig 1912. S. 302. F,a) WA IV 2l, S. III ff. 5) Als "Z a u b e r k e s sei der Interessen" wird der Wiener Kongreß auch bezeichnet in einem Brief des Weimarischen Ministers v. Gersdorff an Goethe (17. Nov. 1814. Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar. Eing. Br. 1814, 442).


106 Verse · zum Wiener Kongreß Sartorius auch über dessen aufgezwungenes Antichambrieren: "DUN Unangenehme, was Sie erduldet, wird in kurzer Zeit verschwinden gegen die Vortheile, die Ihnen für's ganze Leben zurückbleiben . . . ': . Die Wendung "Mäusedreck und Coriander" brauchte schon d r Ju~ge Goethe in seinem "Fastnachtsspiel vom Pater Brey". In den DIvan-Kommentaren wird hierauf mit Recht regelmäßig verwiesen. Offenbar erinnerte sich Goethe durch Sartorius' Erwähnung der Hexenküche im Faust an das barocke, der Küchensprache entlehnt Gleichnis in dem anderen Jugendwerk und ward angeregt, es zu zitieren. Im "Pater Brey" deutet die Metapher ganz ähnlich wie im Divan hin auf eine Art Durcheinander im "Gouvernement" (V. 181): Ich bin ein reicher Edelmann Habe gar viel Gut und Geld Die schönsten Dörfer auf der Welt Aber mir fehlts am rechten Mann Der all das guberniren kann. Es geht, geht alles durcheinander Wie Mäusedreck und Coriander Die Nachbarn leben in Zank und Streit Unter Brüdern ist keine Einigkeit ... Chaos im Bereich des Obrigkeitlichen, Fehlen der leitenden Autorität - das waren Dinge, die Goethe auch am Wiener Kongreß kritisierte. Wir begegneten oben einigen Versen, die gerade unter diesen Aspekten das "Zusammenkommen der Könige" bespotteten.6) Es läßt sich jetzt besser begreifen, warum dem Dichter durch Sartorius' Brief diese Stelle des "Pater Brey" ins Gedächtnis kam: sie drückt präzis Gedanken aus, die sich ihm in jenen Tagen bei Erhalt der Nachrichten aus Wien aufdrangen. Ü) V gl. oben S. 98. "Spricht man mit jedermann" 107 Dafür, daß die dritte Strophe von "Keinen Reimer wird man finden" durch Sartorius' Sendungen angeregt wurde, sprechen aber wei-. I ("I" au ch die gut übersehbaren chronologischen Verhältnisse. Der von Ilcxcnküche und Antichambrieren handelnde Brief traf wohl am I. Dezember 1814 in Weimar ein.7) Sartorius' Aufsatz über die Wiener Kll ngreß-Politik ging zunächst an die Adresse der Herzogin Luise. N:lchdem diese ihn gelesen hatte, wurde er durch C. G. v. Voigt an l ;' H.:the geschickt, der sich inzwischen in Jena aufhielt,s) Goethe erhielt ih ll am 6. Dezember und las ihn alsbald am 7· Dezember 1814 (Tagehllch). Zwischen 7. und 15. Dezember entstand aber - wie wir oben ,liI hen _ die Handschrift H10, auf der die dritte Strophe von "Keinen I{ 'imer wird man finden" niedergeschrieben ist. Das läßt darauf /,chließen, daß die Verse mit den Parallelen zu dem Sartoriusbrief IIl1nüttelbar unterm Eindruck der Lektüre des Aufsatzes über die Wicner Kongreß-Politik geschrieben wurden: am 6. oder 7· Dezember IHI4 oder an den nächstfolgenden Tagen. Auf der gleichen Handschrift H 10 steht unmittelbar unter der SI rophe "Und so sah ich es auch juste" folgendes Fragment: 9) wenn alle sprechen Ganz gewiss da hört man keinen. ,) Vgl. Goethes Tagebuch 1. Dezember 1814: "Briefe von Wien." Auch den oben S. 105 Anm. 5 erwähnten Brief Gersdorffs wird Goethe an diesem Tage erhalten haben. 01) Vgl. C. G . v. Voigt an Goethe 5. Dez. 1814: "Ew. Excell. übermache ich die von Sartorius der Herzogin zugesendete Beurtheilung der CongreßPolitik. Nach sei­ "ern bey liegenden Brief sollte dieser Aufsatz nur Ew. Excell. und mir, commu­ "icirt werden. Allerdings gehört er auch für vertraute Leser; denn er tritt derb II"d unverholen auf _ Obgleich manche Aeußerung nicht ganz unbefangen erscheint _ und wie wäre das möglich - so ist das Ganze doch gewiß vortrefflich zusammengestellt. Die HauptResultate sind uns auch schon nicht fremd geblieben. Ich wünschte etwas vorzulegen, was eine ruhigere Zukunft verspräch[el." (Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar. Eing. Br. 1814, 45 2.) !I) WA I 6, S. 475. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 52.


108 Verse zum Wien er Kongreß Eine Quelle für diese Zeilen kennen wir nicht. So mögen auch in ihnen sich Reflexionen widerspiegeln, die durch die Nachrichten vom Wiener Kongreß Anfang Dezember 1814 hervorgerufen wurden. Ihrer Haltung nach passen sie in das Bild, das sich in den andern auf den Wiener Kongreß bezüglichen Versen abzeichnet, die wir oben betrachteten. 10 ) Später formte Goethe aus dem Fragment das Gedicht "Vielrath". In ihm würden dann noch politische Gedanken des Winters 181411815 nachklingen: 11) 10) V gl. oben S. 98. Spricht man mit jedermann Da hört man keinen, Stets wird ein andrer Mann Auch anders meinen. Was wäre Rath sodann Vor unsern Ohren? Kennst du nicht Mann für Mann Du bist verloren. 11) WAl 3, S. 156. Das Gedicht erschien 1827 in Band 3 der Ausgabe letzter Hand i~ ~biger. Form (Abteilung "Epigrammatisch"); gleichfalls 1827 in Band 4, mit ellllgen Anderungen, obne Titel (Abteilung IV der "Zabmen Xenien"). ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES BUCHS DER SPRÜCHE 1. Burdachs Datierung der Kräutersehen Reinschrift Betrachtet man die 56 Gedichte des Buchs der Sprüche von ihrer Entstehungsgeschichte her, so zerfallen sie in drei verschiedene Gruppen: 1. Eine Gruppe von 31 Gedichten bildet die chronologisch früheste Schicht. Diese Gedichve stehen zusammen in einer Reinschrift von F. Th. D. Kräuter, die aus dem Jahre 1815 stammt. 2. Eine Gruppe von 13 Gedichten trat im Erstdruck des Divan (1819) zu den eben genannten 31 Gedichten hinzu. Die meisten dieser Gedichte stammen von Frühjahr 1816. 3. Eine weitere Gruppe von 12 Gedichten wurde erst in der zweiten Ausgabe des Divan (1827) hinzugefügt. Von diesen 12 entstand eine Reihe 1818, andere stammen aber auch aus früherer oder späterer Zeit. Wir wollen uns im Folgenden mit der ersten der genan~ten Gruppen beschäftigen. Über die Entstehung und Datierung der Kräuterschen Reinschrift herrschen in der Divan-Forschung seit Burdach Vorstellungen, die im Widerspruch stehen zu gewichtigen entstehungsgeschichtlichen Tatsachen. Hierdurch wurde für viele Gedichte des Buchs der Sprüche eine Datierung festgelegt, die sich bei näherer Prüfung als unmöglich erweist. Es gilt, einen folgenschweren Irrtum zu berichtigen. Die Kräutersehe Reinschri ft besteht aus 10 unpaginierten, einseitig beschriebenen Folioblättern. Auf diesen Blättern finden sich insgesamt 36 Spruchgedichte,l) verteilt in Gruppen zu jeweils 5, 4, 3 oder auch 2. 1) "Getretncr Quark", das in neueren Divan-Ausgaben als einheitliches sechszeiliges


110 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Fünf dieser Gedichte wurden nicht ins Buch der Sprüche aufgenommen; eins davon stellte Goethe ins Buch des Sängers, drei ins Buch Suleika, ein weiteres blieb von der Aufnahme in den Divan ausgeschlossen. 2) Bei der Redaktion des Buchs der Sprüche schaltete Goethe das später Entstandene in der Weise ein, daß dadurch die Gedichte der Kräuterschen Reinschrift unterbrochen, die Reihenfolge auf den einzelnen Blättern derselben jedoch möglichst nicht geändert wurde. Die Kräutersche Reinschrift enthält also eine erste Vorordnung des Buchs der Sprüche. In dem 1888 erschienenen Band 6 der Weimarer Ausgabe, der die Gedichte des West-östlichen Divan brachte, stellte Burdach die These auf, die Kräutersche Reinschrift sei am 26. Januar 1815 entstanden.3) Er glaubte dies aus einer Goetheschen Tagebuchnotiz folgern ;m dürfen. Zwar meldete kein geringerer als H. G. Gräf gegen diese Datierung Bedenken an und gab zu verstehen, daß Burdach sich bei der Interpretation des Goetheschen Tagebuchtextes vermutlich geirrt hatte. 4 ) Dennoch wurde von der Forschung Burdachs These übernommen, als handle es sich um etwas endgültig Bewiesenes. Das hatte zur Folge, daß die Divan-Kommentare nun für sämtliche in der Kräuterschen Reinschrift enthaltenen Gedichte das unhaltbare Entstehungsdatum angaben: vor 26. Januar 181 5. Es wiJ:1d unsere Aufgabe sein, nachzuweisen, daß die Kräutersche Reinschrift keinesfalls schon am 26. Januar 1815 entstanden sein kann, daß sie vielmehr erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt hergestellt wurde. Es läßt sich zeigen, daß der 26. Januar 1815 als Ter- Gedicht wiedergegeben zu werden pflegt, erscheint in der Kräuterschen Reinschrift ebenso wie in den bei den von Goethe veranstalteten Drucken noch zweigeteilt (2 + 4 Zeilen). 2) V gl. WA I 6, S. 373, 414, 453. 3) WA I 6, S. 401. 4) H. G. Gräf: Goethe über seine Dichtungen. T. 3, Die lyrischen Dichtungen, Bd. 2. Frankfurt a. M. 1914. S. 9. Burdachs Datierung der Kräutersehen Reinschrift 111 minus ad quem für viele Gedichte, die sich auf dieser Handschrift finden, unwahrscheinlich, für eine größere Anzahl sogar schlechthin unmöglich ist. Ein erstes und allgemeinstes Bedenken gegen Burdachs These muß sich schon erheben, wenn man das Datum des 26. Januar 1815 nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem zugehörigen Abschnitt der Entstehungsgeschichte des Divan betrachtet. Nachdem Goethe im Juni, Juli und August 1814 einen ersten Anlauf nahm zu einer Sammlung orientalisierender Gedichte, wobei Hafis die ausschlaggebende Quelle war, ging er im Dezember 1814 nach mehrmonatiger Pause daran, seine Kenntnis des Orients zu erweitern. Es begann nun eine zweite Epoche der Divan-Entstehungsgeschichte, die im Zeichen ausgedehnter Umschau und Forschung steht. Goethe studierte zahlreiche Orientwerke, Übersetzungen, Reisebeschreibungen etc. und entfaltete, angeregt durch die neuen Eindrücke, eine reiche dichterische Produktivität. Diese Arbeitsperiode erstreckt sich von Dezember 1814 bis Ende Mai 1815 (Abreise nach Wiesbaden). Goethes Schaffensintensität hielt ganz unvermindert an bis Mitte März, wo dann durch Krankheit ein allmähliches Nachlassen einsetzte.5) Auf jeden Fall ist die Zeit von Dezember 1814 bis zum Frühsommer 1815 eine der Hauptepochen in der Entstehungsgeschichte des Di~an. Viele Gedichte verschiedensten Charakters und Umfangs entstanden im Laufe dieser sechs Monate, die Goethe selbst als 'eine zusammenhängende Arbeitsperiode ansah. G) Vergegenwärtigt man sich nun, daß das Datum des 26. Januar 1815, an dem die Kräutersche Reinschrift von drei Dutzend Spruchgedichten angeblich entstanden sein soll, nicht etwa am Ende, sondern in der Mitte, ja fast noch am Anfang jener Epoche steht, so ergibt sich ein unmögliches Bild. Es erscheint als eine Absurdität, annehmen zu wollen, Goethe habe, wäh- 5) V gl. oben S. 8r. 6) Vgl. das - nicht verwendete - Titelblatt zum "Deutschen Divan" (von 1315). Darin erwähnt Goethe zwei Phase n der Arbeit am Divan in den Jahren 1814/1815; die erste: Juni bis August 1814; die zweite: Dezember 1814 bis Juni 181). (W~ I6 , S. 361; Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. r.)


112 Zu!' Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche rend er sämtliche übrigen Gattungen von Divan-Gedichten noch Monate lang planmäßig weiter ausbaute, auf dem einzigen Gebiet der Spruchdichtung bereits am 26. Januar 1815 bewußt ein: Bis hierher und nicht weiter gesprochen und sich dann daran wie an eine strikte Weisung gehalten. Ende Januar 1815 war die Arbeit am Divan gerade voll in Gang gekommen. Viele Quellenwerke begann Goethe erst nach diesem Zeitpunkt intensiver zu studieren und für seine Dichtung auszuschöpfen, nicht zuletzt solche, die ihm nachweislich Anregungen zu Spruchgedichten gaben. Vor allem bleibt zu beachten, wie sehr die Kräutersehe Reinschrift abschließenden Charakter trägt. Eine Fixierung des Bestands, wie Goethe sie damit vornahm, gehört apriori ans Ende einer Arbeitsepoche, nicht an ihren Anfang. In Hinblick auf die Spruchdichtung des Divan war aber der Januar 1815 Frühstadium, Beginn und nicht Ende. Charakteristisch dafür ist die Freizügigkeit, mit der Goethe damals noch dem Divan-Projekt einzelne Stücke entzog, um sie unverzüglich innerhalb der Sammlung "Sprichwörtlich" (1815) zu veröffentlichen. Hätte er in dieser Zeit bereits an die Vereinigung von orientalisierenden Spl'uchgedichten zu einem Korpus gedacht, wie es sich in der Kräuterschen Reinschrift realisiert, so wäre doch logischerweise alles Einschlägige hier zusammengefaßt worden. Aus diesem allgemeinen Überblick ergibt sich schon, daß mit grÖßter Wahrscheinlichkeit vieles von dem, was die Kräutersche Reinschrift enthält, erst in der Zeit von Februar bis Mai 1815 entstand. Man kann unmöglich bei der Vorstellung bleiben, daß Goethe in diesen Monaten keinerlei Spruchgedichte mehr schrieb. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu. Zieht man die Quellen in Betracht, die den Gedichten der Kräuterschen Reinschrift zugrunde liegen, so läßt sich erkennen, daß eine große Anzahl dieser Gedichte am 26. Januar 1815 noch gar nicht existiert haben können. Für die meisten Gedichte, die sich auf der Kräuterschen Reinschrift befinden, gilt, daß sie "orientalische Sinnreden" zur Vorlage haben.7) 7) V gl. oben S. H. Burdachs Datierung der Kräuterschen Reinschrift 113 Prüft man nun auf Grund der Entleihungsdaten und Tagebuchzeugnisse, wann Goethe erstmals die Quellenschriften las, so kommt man bei zumindest neun - also bei einem Viertel der Gesamtzahl - in chronologische Schwierigkeiten durch Burdachs Terminus vom 26. Januar 1815. Drei Gedichte wurden angeregt durch Lektüre eines Buchs, das Goethe erst am 11. März 1815 aus der Weimarer Bibliothek entlieh (bis 1. April 1815). E s handelt sich um die "Colligirte Reise-Beschreibung" des Adam Olearius, Ausgabe Hamburg 1696. In dieser Ausgabe waren der bekannten Reisebeschreibung mehrere andere Schriften angehängt,8) und diese enthalten die Quellen zu folgenden Gedichten: 1. "Was brachte Lokman nicht hervor." Chr. Wurm wies nach, daß Saadis Bustan und Gülistan zugrundeliegt. Dem Bustan begegnete Goethe erst in der oben genannten Olearius-Ausgabe. 2. "Als ich einmal eine Spinne erschlagen." Das Gedicht wurde, wie Katharina Mommsen zeigte, angeregt durch die Reisebeschreibungen von Mandelslo und Volquard Iversen, die beide an die Olearius-Ausgabe von 1696 angehängt waren.9) 3. "Herr! laß dir gefallen." Den Nachweis, daß auch hier Saadis Bustan - wie bei Nr. 1 - die Quelle bot, gaben wir oben (S. 78), Das Datum des H. März 1815 - der ersten Entleihung jener Olearius­ Ausgabe von 1696 - muß folglich als ungefährer Terminus a quo für diese drei Gedichte gelten. Zwar stimmen die Entleihungsdaten nicht immer auf den Tag gen au liberein mit dem Datum der ersten Benutzung eines Buchs; gelegentlich kann man beobachten, daß Goethe ein Werk schon ein paar Tage vor eiern offiziellen Ausleiheelatum in Händen hatte. Aber bei diesen Fällen ist der chronologische Spielraum 8) V gl. oben S. 80. 9) Vgl. K. Mommsen: "Indisches" im West-östlichen Divan. In: Jahrbuch Goethe i2 (1960) S. 294-97. 8 Mommsen , Divan-Studien


114 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche erfahrungsgemäß begrenzt. Eine Zeitspanne vo.n fast sieben Wo.chen wäre als Differenz undenkbar. Bei sechs weiteren Gedichten, die in de): Kräuterschen Reinschrift enthalten sind, entstehen durch den Entleihungstermin des Quellenwerks - bei Zugrundelegung vo.n Burdachs Datierung - ähnliche chrono.lo.gische Schwierigkeiten. Diese Gedichte wurden angeregt durch Chardins V o.yages en Perse: r. "Vo.m heut'gen Tag, vün heut'ger Nacht." 2. "Verschün uns Gütt mit deinem Grimme!" 3. "Will der Neid sich düch zerreißen." 4. "Sich im Respect 2)U erhalten." 5. "Welch eine bunte Gemeinde!" 6. "Wer auf die Welt ko.mmt baut ein neu es Haus." Güethe entlieh Chardins Vüyages en Perse vüm 25. Januar bis 19. Mai 1815. In seinem Tagebuch wird das Werk erstmals erwähnt am 24· Januar 1815, dann wieder am 3. und 7. Februar, süwie am 15., 17. und 18. März. Datiert man nun die Kräutersche Reinschrift auf den 26. Januar 1815, so. müßten die sechs Gedichte nach Chardin entstanden sein in der Zeit zwischen dem Abend des 24. Januar und dem Mürgen des 26. Januar I815! Süfürt müßte Goethe sie in eine Reinschrift übernommen haben, die einen so abschließend endgültigen Charakter hat wie die Kräutersche! Das ist schün aus prinzipiellen Erwägungen heraus unglaubhaft. Mindestens gäbe es erneut zum Staunen Anlaß über die Herstellung der Reinschrift in so. unerklärbarer Hast und Vürzeitigkeit, mitten aus dem Prüduzieren heraus. Es sprechen aber auch andere Gründe gegen die Entstehung der sechs Chardin-Gedichte am 24./26. Januar 18J5. Güethe hat sich bei der Lektüre von Chardins Vüyages en Perse umfangreiche Notizen gemacht. Eine Anzahl handschriftlicher Blätter mit Stichwürten, Seiten angaben ihn interessierender Stellen nach Chardin etc. hat sich erhalten. Auf einer dieser Handschriften 10) - Burdachs Datierung der Kräuterschen Reinschrift 115 wir haben üben bei Gelegenheit des Zaunkönig-Gedichts vün ihr gesprochen - finden sich fragmentarische Skizzen zu vier von den auf der Kräuterschen Reinschrift enthaltenen Chardin-Gedichten, nämlich zu Nr. 2, 3, 4 und 5: An Go.ttes Tisch sitzen Freund und Feinde [vgl. Nr. 5·] Zaunkönige gewinnen Stimme. [vgl. Nr. 2.] Alles jagt man mit Falcken Nur nicht das wilde Schwein [vgl. Nr. 4.] Er speist seinen Hunger [vgl. Nr. 3·] Auf einer weiteren Handschrift mit Nütizen aus Chardin und Klaprüths Asiatischem Magazin findet sich folgender Vermerk: 11) Schüene Sprüche II 17. 29 Die Seitenangabe II 17 weist auf die Stelle in Chardins Voyages en Perse, wo. sich die Anregung zu dem Gedicht Nr. 1 findet ("Vüm heut'gen Tag, vort heut'ger Nacht"). Für unseren Zusammenhang ergibt sich: vor der eigentlichen Abfassung der Gedichte Nr. 1, 2, 3, 4 und 5 liegen noch die übigen Nütizen. Hier sind also. noch Zwischenstufen, mit denen wir zu rechnen haben. Es darf als ausgeschlossen gelten, daß alles miteinander: Lektüre, Beschäftigung mit den Zwischenstufen, Abfassung der sechs Gedichte und ihre Einreihung in die Kräutersche Reinschrift sich im Zeitraum von noch nicht 48 Stunden abgespielt haben soll, der ersten 48 Stunden, in d enen Chardins "Voyages en Perse" Güethe zuhanden 10) Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 149. Vgl. oben S. 88 mit Abb. S. 86/ 87. 11) Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 185 . S*


116 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche waren. Allein für die Exzerptenblätter mit den Zwischenstufen sind mindestens zwei getrennte Arbeitstage anzusetzen. Nachdem Chardin am 25. bzw. 24. Januar 1815 entliehen wurde, befaßte Goethe sich ausgiebig mit dem Werk erst im Februar und besonders im März 1815, dann nochmals im Mai. Das zeigen die oben zitierten Tagebuchnotizen, ferner aber auch die Daten von vier größeren Divan-Gedichten, die durch Chardin angeregt wurden. 12) In dieser Zeit, wahrscheinlich erst im Februar oder März, werden auch die sechs Chardin­ Gedichte - mit ihren jeweiligen Vorstufen - entstanden sein, die wir auf der Kräuterschen Reinschrift finden. Gerade am Beispiel dieser Gedichte bestätigt es sich, daß mit dem 26. Januar 1815 ein grundsätzlich viel zu frühes Datum für die Entstehung der Kräuterschen Reinschrift angesetzt wurde. Hier war die Arbeit am Divan in vollem Gang, noch in der Expansion begriffen. Von irgendeinem Stadium des Endes oder Einschnittes, wie es notwendige Voraussetzung zur Herstellung der Kräuterschen Reinschrift wäre, kann noch keine Rede sein. Derartiges ist erst viel später festzustellen. Bei Berücksichtigung der Quellen ergibt sich also: am 26. Januar 1815 hat mindestens ein Viertel der auf der Kräuterschen Reinschrift enthaltenen Gedichte noch gar nicht existiert, sechs nach Chardin, drei nach Saadi, Mandelslo und Iversen gedichtete. Burdachs These, der 26. Januar 1815 sei das Entstehungsdatum der Kräuterschen Reinschrift, ist im Hinblick ,auf diese Tatsachen nicht aufrechtzuerhalten. II. Die E n t s t e h u n g s g e s chi c h t e der Sammlung "Sprichwörtlich" und ihr Verhältnis zum Buch der Sprüche Prüfen wir nun einmal die Argumente nach, die Burdach für die Datierung der Kräutevschen Reinschrift vorbrachte. Am 19. Januar 12) Es entstanden: am 6. Februar 1815 das Gedicht "Vier Gnaden" ("Daß Araber an ihrem Theil"); am 17. März und 17. Mai 1815: "Nur wenig ist's was ich verlange"; Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" 117 1815 findet sich in Goethes Tagebuch der Vermerk: "Gnomen"; am 26. Januar 1815 heißt es ebendort: "Kreiter Gnomen Abschr[ift]". Beide Notizen, so meinte Burdach, dürfe man auf das Buch der Sprüche beziehen, die zweite auf die Entstehung der Kräuterschen Reinschrift. Mit dem Ausdruck "Gnomen" nämlich habe Goethe die Gedichte des Buchs der Sprüche bezeichnet. Hierfür glaubte Burdach einen Beweis zu finden in dem Umstand, daß sich unter den Divan­ Papieren eine mit der Aufschrift "Gnomen" versehene Papierkapsel befindet, die zur Sammlung von Handschriften für das Buch der Sprüche dienen sollte. In Wirklichkeit ist damit gar nichts bewiesen. Mit dem Wort "Gnomen" bezeichnete Goethe zu den verschiedensten Zeiten alles mögliche Spruch- und Sentenzartige, durchaus nicht nur die Gedichte des Buchs der Sprüche. (Gerade im Januar 1815 taucht beispielsweise das Wort in seinem Tagebuch noch mehrmals auf - was Burdach hätte erwähnen sollen - und dort bezieht es sich auf die Sammlung "Sprichwörtlich".) Was aber die Papierkapsel mit der Aufschrift "Gnomen" betrifft, so stammt sie nicht etwa von 1815, sondern aus dem Jahre 1825! Goethe legte zu fast allen Büchern des Divan derartige Papiertaschen an. Durch sichere Indizien steht fest, daß dies erst Anfang 1825 geschah. Darauf hat Burdach selbst aufmerksam gemacht. 13) Wenn Goethe aber 1825 das Wort "Gnomen" für Gedichte des Buchs der Sprüche gebrauchte, so bedeutet das wenig für die Verhältnisse von 1815. Es war Burdach vor allem entgangen, daß Goethe in den Jahren 1814/ 1815 mit "Gnomen" vorzugsweise die damals im Entstehen begriffene Sammlung "Sprichwörtlich" bezeichnete. Hätte er wenigstens alle TagebuchsteJlen in Betracht gezogen, an denen im Januar 1815 das am 24. Mai 18Tj: " Vom Ilimme.:! steigend J esus bracht'" (Reinschrift) und "Wenn der Mensch die Erde Sdliitzct" (Reinschrift). 13) WA I 6, S. 339. Goethe b"nu tzte Zu den Taschen Papier, das aus der Zeit der Arbeit an dem Aufsatz "Serbische Lieder" stammte. Die Papierkapseln legte er an, als er Januar 1825 hegann, den Divan zum Druck in der Ausgabe letzter Hand vorzubereiten.


118 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Wort "Gnomen" vorkommt - es sind nicht zwei, sondern insgesamt sechs! - so wäre ihm vielleicht ihr Zusammenhang mit "Sprichwörtlich" klargeworden. Da er es unterließ und nur zwei Stellen isoliert herausgriff, bezog er die Tagebuchaufzeichnung vom 26. Januar 1815 "Kreiter Gnomen Abschr[ift]" statt auf "Sprichwörtlich" auf das Buch der Sprüche des Divan. Hier liegt die Quelle seines Irrtums. Als Burdach die Goetheschen Tagebuchnotizen durchging, hatte er nur ein Augenmerk auf das eine Werk, dessen Herausgabe ihm oblag: den West-östlichen Divan. So achtete er zuwenig auf das, womit Goethe sich gleichzeitig beschäftigte. Dabei ist allerdings ein Umstand zu beachten. Als Burdach in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an dem Divan-Band der Weimarer Ausgabe arbeitete, standen ihm Goethes Tagebücher noch nicht gedruckt zur Verfügung. 13a) Er war auf die sehr unübersichtlichen Originalhandschriften angewiesen, es fehlte ihm zudem das Hilfsmittel, das für die Klärung entstehungsgeschichtlicher Fragen praktisch unentbehrlich ist: das Register der Tagebücher. Man darf also den Grund seines Irrtums im wesentlichen darin sehen, daß seine Informationsmöglichkeiten unzureichend waren. Gräf war bereits in wesentlich besserer Lage. E r verfügte immerhin über die gedruckten Tagebücher, als er die Lyrik-Bände seines Werks "Goethe über seine Dichtungen" bearbeitete. Mit der Entstehungsgeschichte sämtlicher Goethescher Dichtungen befaßt, mußte er sich jederzeit Rechenschaft geben über die jeweilige Zugehörigkeit der Zeugnisse. D as führte ihn notwendig dazu, daß er auch die Tagebuchnotiz vom 26. Januar 1815 richtiger interpretierte als Burdach. Er wies auf die Möglichkeit des Zusammenhangs mit der Sammlung "Sprichwörtlich" hin. Schwerer verständlich mag es erscheinen, daß Burdach sich später nicht revidiert hat, als die nötigen Hilfsmittel vorlagen, beispielsweise auch das wichtige W erk "Goethe als Benutzer der Weimarer Bibliothek" (von Keudell und Deetjen, 1931), das über die Lektüre 13a) Die Jahrgänge 1815 und 1816 der Goetheschen Tagebücher erschienen gedruckt erst 1893, in Abt. III, Bd. 5 der W A. Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" 119 der Quellenwerke Auskunft gibt. D och hielt Burdach sogar noch in dem 1937 erschienenen D ivan-Band der Welt-Goethe-Ausgabe an seiner unrichtigen D atierun g der Kräuterschen Reinschrift fest. Leider bekannte sich Gräf zu seiner besseren E insicht nicht mit der nötigen Entschiedenh eit. D iesem Umstand dürfte es vor allem zu verdanken sein, daß Burdachs These sich bis heute unangefochten behaupten konnte. In ein er Anmerkung sprach Gräf zwar deutlich aus, daß er entgegen "Burdachs Ann ahme" glaube, die E rwähnung der "Gnomen" in oe tb es Tagebuch vom 19. und f6. Januar 1815 bezöge sich auf "Sprichwörtli ch". H) Er wies dabei auch auf die vier TagebuchsteIlen hin , von denen Burdach nicht Notiz nahm. Bei der Interpretation der ei nzel nen Zeugni sse wich er aber einer klaren Entscheidung aus. Er nannte sowohl "S prichwörtlich" als auch den Divan als mögliche Beziehung. Auch im Register zu den Lyrik-Bänden von "Goethe über seine Dichtungen" gab Gräf seiner eigentli chen Meinung nicht Ausdruck. Die sechs Tagebuch-Zeugnisse von Janu ar 1815, die von "Gnomen" sprechen, führte er dort sowohl unter "Sprichwörtlich" auf (S. 1170), als auch unter dem Buch der Sprüche des Divan (S. 1213). Bei beiden Werken versah er sie sämtlich mit Fragezeichen. Allerdings verstand er sich nicht dazu, in der "Chronologischen Übersicht" (S. 890) unter dem Datum des 26. Januar 1815 die 36 Gedichte der Kräuterschen Handschrift zu nennen, wie das in den Divan-Kommentaren seit Burdach üblich wurde. Offe nbar gla ubte er nicht an diesen Terminus ad quem. Aufschlußreich ist, daß Gräf im Register zur 3. Abteilung der Weimarer Ausgabe (Tagebücher), das 1919 erschien - fünf Jahre nach dem Register sei ner Lyrik-Bünde -(deutlicher wurde. Die "Gnomen"­ Stellen von Januar 1815 te il te er zwar wiederum heiden Werken zu; Fragezeichen setzte er aber dies mal nur beim Buch der Sprüche hinzu, bei "Sprichwörtlich" ließ er sie fort! Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß es vor allem Rück- 11,) Vgl. oben S. u o Anm. 4.


120 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche sicht auf Burdach war, die Gräf daran hinderte, seine Meinung klarer zu bekunden. Polemik suchte er stets zu vermeiden oder aufs Notwendigste zu beschränken. Um seine Ansicht durch zusätzliche Beweise stützen und sie dadurch energischer vortragen zu können, hätte er im übrigen seine Beobachtungen auf die Quellenverhältnisse bei den Gedichten der Kräutersehen Reinschrift ausdehnen müssen, wie wir das oben taten. Das hätte ihn im Rahmen der großen ihm obliegenden Aufgabe zu weit geführt. Gestützt auf die Erkenntnis, daß die Gedichte der Kräutersehen Reinschrift am 26. Januar 1815 schon im Hinblick auf die von Goethe benutzten Quellen zum Teil noch nicht existiert haben können, wollen wir uns nun nochmals mit der Frage beschäftigen, wie es mit den entstehungsgeschichtlichen Zeugnissen wirklich bestellt ist, die bisher noch mit Zweifeln behaftet erscheinen. Die ersten Spruchgedichte für den Divan schrieb Goethe gerade zu jener Zeit, als er aufs intensivste mit dem Abschluß der Sammlung "Sprichwörtlich" befaßt war. Infolgedessen überschneiden sich die Entstehungsgeschichten beider Spruchsammlungen in einer prägnanten Epoche, und aus dieser Überschneidung resultieren die Irrtümer und Unsicherheiten, denen wir begegneten. Die nötige Klarheit läßt sich nur gewinnen, wenn wir zunächst einmal die gesamte Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" vor Augen führen. Es wird sich dann zeigen, daß die uns besonders interessierenden Zeugnisse des Januar 1815 in diesem Rahmen ihre notwendige Funktion haben: sie betreffen nämlich die H erstellung der Druckvorlage für dies sehr umfangreiche Korpus von Spruchgedichten und haben nichts mit dem ,Divan zu tun. Erst wenn uns diese Verhältnisse bei "Sprichwörtlich" eindeutig klar geworden sind, läßt sich die Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche richtig verstehen. Die verfügbaren Zeugnisse für die Entstehung von "Sprichwörtlieh" mögen hier einmal in ihrem eigenen Zusammenhang erscheinen. Sie werden damit eine Übersichtlichkeit gewinnen, die Gräf ihnen im Rahmen seines Sammelwerkes nicht geben konnte. Auch lassen sich Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" 121 heute wichtige Zeugnisse zusätzlich anführen, die Gräf noch nicht zur Verfügung standen. Die Sammlung "Sprichwörtlich" erschien zuerst 1816 - der Titel nennt als Druckjahr 1815 - im zweiten Band der Ausgabe B von Cotta. 15) Dieser Band enthält viele bis dahin ungedruckte Gedichte, wofür eine Anzahl neuer Abteilungen eingerichtet wurden. Mit ihren 209 Gedichten ist die Sammlung "Sprichwörtlich" die weitaus umfangreichste dieser Abteilungen, diejenige jedenfalls, die Goethe am meisten Arbeit machte. Auch befand sie sich noch bis zum Schluß im Ausbau. Die letzten Gedichte für "Sprichwörtlich" wurden Anfang 1815 geschrieben, unmittelbar vor Herstellung des Druckmanuskripts. Mehrere von den neuen Abteilungen jenes zweiten Bandes brachten Gedichte von verhältnismäßig geringem Umfang, so z. B. "Epigrammatisch", "Gott, Gemüth und Welt", "An Personen". Für das Verständnis der folgenden Zeugnisse ist es wichtig, zu berücksichtigen, daß die mehrfach auftauchende Bezeichnung "Kleine Gedichte" sich gelegentlich auch auf diese Abteilungen beziehen kann, für die sonst weiter keine unmittelbaren Entstehungszeugnisse existieren. 16) Jan. 1814 1. Zu Mittag Riemer. Ernst und Scherz Reden aller Sprachen un? Art sortirt. I. Riemer Tagebuch QbSK17) 3, j6 f.): N ach Tisch mit Goethe im Deckenzim · mer. Las ich ihm einige Refl exion cn von mir vor, die er billigte. Dies bewog ihn , seine auf Karten und sonst notierten Sinnsprüche und Reime hervorzuholen. Wir ordneten sie bi s 8 Uhr. 2. Mittag Riemcr. Gedichte und Aufsätze sortirt. 3. Manches geordnet. [?) 3. An Riemer (WA IV 24, 8): Mögen Sie, mein lieber Professor, beyliegende 15) Die Herausgabe verzögerte sich bi s P rühjahr 1816. Die ersten beiden Bände der Ausgabe erschienen auch gesond ert unter dem Titel "Goethe's Gedichte". 16) Unter Umständen bedeutet "Kleine Gedichte" auch: Gedichte überhaupt, im Gegensatz zu größercn W erken. Vgl. unten 21. Dez. 1814: an Cotta. 17) = Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Bd. 3. Leipzig 1923.


I / 122 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Jan. Febr. Juli Gedichte nach Muster des gleichfalls von Ihrer Hand bey liegenden, nach Maaßgabe der Länge entweder ein blättrig oder zweyblättrig abschreiben; so werden wir unsere Redaction dadurch sehr .6efördert sehen. Da Sie de.'! heutigen Abend wohl für sich zu thun haben, ich aber die morgende ganze Zeit versagt bin, so wäre es hübsch wenn Sie sich einrichteten daß wir Mittwoch (Jan. j.) abends eine recht ernstliche Session halten könnten . 4. Riemer Tagebuch (JbSK 3, 57): Schrieb ich für Goethe einige seiner Gedichte ab zur neuen Ausgabe. j. [Abends} Riemer. Kleine Gedichte ausgesucht und revidirt. 6. Abend für mich Sinn- und Sitten sprüche. 7. Riemer Tagebuch (JbSK 3, 57): Abends bei Goethe, alte Poesien von ihm und andern. [?} S. 10. n. u. 3· 13· 14· IS. IS. 19· (Aus der Weimarer Bibliothek - bis? -: Sprichwörter aller Nationen. [Wahrscheinlich verschiedene Einzelausgaben.]) 18) Adagia. Sitten Sprüche. [Abends} Gnomen. Abends für mich. Tagesreime. Riemer Tagebuch (JbSK 3, 6o): Früh Abschrift Goethescher Gedichte. [?] [Abends} Riemer ... Gnomen. [Abends} Riemer. Sonderung des Babylonischen. 19) Riemer Tagebuch (JbSK 3, 6o) : Zu Goethe ... Den Abend Gnomen u.· dgl. rangiert. Redaction meiner ersten Bände. Mittag Riemer. 11l) 19· Riemer Tagebuch (JbSK 3, 71): Auf Goethes Zimmer an seinen Werken. Dez. 21. An Cotta (WA IV 2j, 103): [Cotta habe gewünscht, Goethes "Werke 'wieder hervortreten Zu sehen". Einverständnis und Honorarforderung: 16000 18) Zitiert aus: Goethe als Benutzer der Weimarer Bibliothek. Bearb. von Elise v. Keudell. Hrsg. von Werner Deetjen. Weimar 1931. 19) Das letzte Wort deutete Gräf irrig auf : Sonderung von Jugendgedichten für Bd. I und 2 der Ausgabe Cotta B. Aus dem folgenden Riemerschen Zeugnis, das Gräf noch nicht kannte, geht hervor, daß Gedichte der Sammlung ,,~prichwörtlich" gemeint sind. Zu "Babylonisch" vgl. oben I. Jan. ISI4: ."Ernst und Scherz Reden aller Sprachen." 20) Über die "Redaction" berichtet das Tagebuch weiter am ~o., ';""'24. Juli ISI ~ Sie I· betraf jedoch wesentlich "Lyrische und Gemischte Gedichte" (Tagebuch . 23. Juli). Jan. Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" 123 Taler.} ... Ich werde die erste Sendung [Manuskript zu Ausgabe Cotta B Bd. 1 bis 4} bereit halten, daß sie auf ei ne gefällige Erklärung sogleich abgehen kann, ob mi r gleich die Redaction der kleineren Gedichte, wel~~le ihren ersten Platz behaupten wollen, noch immer zu schaffen macht;-) sie sind dergestalt angewachsen, da l) ich sie in zwey Bände zu theilen genöthiget bin. 18 I5 2. Gedichte 2. BanJ. 6. Sprichwörtliches gesammelt . . . [Nachmittags} Wie Morgens. 7. Redaction der kleinen Gedichte. [?] 7. An G. H. L. Nicolovius (W A IV 25, 13~): Eine neue Ausgabe meiner Schriften beschäftigt mich . .. 16. An Schelling (WA IV 25, 159): Eine frische Ausgabe meiner Werke, die ich so eben vorbereite, wird manches N eue bringen. 17. [Nachmittags} Redaction der kleinen Gedichte. [?} IS. Bearbeitung der Gnomen. 19. Gnomen. 20. Kreiter Gnomen. Nachricht von Cottas Acceptation. 22 ) 21. (Aus der Weimarer Bibliothek - bis ; . Miirz ,8'j -: Zincgref, Julius Wilh.: ... Apophthegmata. Straßburg 162SI3' oder Frankfurt u. Leipzig 1653.) 23) 21. (Aus der Weimarer Bibliothek - bis ;0. Jan. IS15 - : Cardani, Hieronymi, Operum T. I. 2. Lugduni 166;.) 2:1) 22. Gnomen. 23. Gnomen redigirt. 21) Statt des Folgenden hieß es im Konze pt ursprünglich: "indem gar manches eingeschaltet und deshalb das frühere nndcrs geordnet werden muß." 22) Vgl. oben 21. Dez. ,S'4: an Cottn. .. 23) Die Entleihung von Zincgrcf und Cardanus dürfte ver anlaßt sein durch Lekture von H. F. v. Diez' Einleitung zum Buch des Kabus. Dort werden die Werke der beiden Autorcn fi ls Muster von Sentenzensammlungen erwähnt (S. 4j und 160). In der Liebe Zu Sp ri chwiirtcrn tcuf sich Goethe 1,I1it Diez. Dessen Denkwürdigkeiten von Asicn CO, die er im Januar ISlj las, regten noch einige Gedichte an, die in letzter Stunde der Sammlung "Sprichwörtlich" zugefügt wurden. Wahrscheinlich verspro.ch Gocthe sich weitere Anregungen von den beiden bei Diez genannten Büchern, die er dann aus der Bibliothek entlieh. V gl. Katharina Mommsen: Goethe und D iez. Berlin 1961. S. s6 ff.


124 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Jan. 23. An Zelter (W A IV 25, 169): Meine ernstlichste Betrachtung ist jetzt die neuste Ausgabe meiner Leb e n s - S pur e n , welche man, damit das Kind einen Namen habe, Wer k e zu nennen pflegt. In den zwey ersten Bänden wirst du manches finden das quellenhaft ist, du wirst es sammeln und auf deine Mühle leiten. 26. Kreiter Gnomen Abschr[ift]. Febr. 12. Gedichte zweyter Thei!. 13. An den beyden ersten Bänden. 14. Wie gestern früh. 15. Redaction der Gedichte. 16. Arbeiten wie gestern. 17. Arbeiten fortgesetzt. 20. An Cotta (WA IV 25, 200): [Inhaltsverzeichnis für Bd. 2 der Ausgabe Cotta B]: ... Sprichwörtlich, über zwey Hundert. März 27. [Absendung des Manuskripts an Cotta.] Wir sehen, wie die Entstehungsgeschichte von "Sprichwörtlich" nur durch verhältnismäßig wenig Zeugnisse charakterisiert ist. Die Abteilung enstand in zwei kurzen Arbeitsepochen. Riemer gab am I. Januar 1814 den ersten Anstoß zum "Hervorholen" der "Sinnsprüche und Reime", die Goethe seit mehreren Jahren gelegentlich, aber wohl nicht ohne einen bestimmten ihm vorschwebenden Plan o "e- schrieben hatte. (Die wichtigen Riemerschen Tagebuchzeugnisse stan- .den Gräf noch'· nicht zur Verfügung.) Bis zum 18. Februar 1814 beschäftigte Goethe sich nun mit den "Sittensprüchen", den "Gnomen" - der Ausdruck fällt schon hier mehrmals! Sicherlich entstand damals noch vieles Neue. Hierauf läßt die Bibliotheksentleihung vom 8. Januar 1814 schließen. (Auch die oben angeführten Zeugnisse über . Bibliotheksentleihungen fehlen noch bei Gräf.) Der Abschluß dieser Arbeitsepoche ist bezeichnet durch die Worte "Sondern" und, "Rangieren" des "Babylonischen" (18. ~gIr r 1814). Das weist darauf hin, daß das handschriftliche Material, das Goethe gemeinsam mit Riemer durchsah, zu diesem Zeitpunkt no,ch aus vielen Einzelblättern bestand. Eine Gesamtreinschrift existierte offensichtlich noch nicht, denn Auswahl und Ordnung (" Sonder" n , " R an- Entstehungsgeschichte der Sammlung "Sprichwörtlich" 125 gieren") sind Arbeitsvorgänge, die eine solche Reinschrift erst vorbereiten. Die zweite Arbeitsepoche fällt in den Anfang des Jahres 1815. Auf Vereinbarungen mit Cotta hin 2/,) ging Goethe im Januar dieses Jahres an die endgültige Redaktion der ersten Bände der neuen Ausgabe. Vor allem waren Band T und 2, die Gedichtbände, jetzt fertigzustellen. In den V ordergru nd trat als größte noch zu bewältigende Aufgabe die absch li eßende Arbeit an "Sprichwörtlich", der umfangreichsten neuen Abte.ilun ' in Band 2. Und jetzt steHt es sich klnr heraus, welche Bewandtnis es damit hat, wenn Goethes Tagebuch im Januar 1815 so oft von "Gnomen" spricht (18.-20 ., 22., 23-, 26. Januar). Bezug genommen wird damit auf die Anfertigung des noch fehlenden Druckmanuskripts für "Sprichwörtlich"! Ein paarmal ist zu lesen, daß Goethe "Sprichwörtliches gesammelt" hat (6.), daß Gnomen "bearbeitet" (18.), "redigirt" werden (23.): Beweis, daß die Reinschrift nidlt vorliegt, sondern erst im Werden ist. huch Neues kommt jetzt noch hinzu. 25 ) Doch am 20. Januar ist Kräuter bereits mit der Herstellun des Druckmanuskripts befaßt und am 26. Januar schließt er die Arbeit daran ab. Mit dem 26. Januar 1815 - dem uns besonders interessierenden Datum - endigt die eigentliche Entstehungsgeschichte von "Sprichwörtlich". Am Schluß steht, wie es bei einem umfangreichen Goetheschen Werk üblich zu sein pflegt, die Herstellung der Reinschrift für . den Druck. Daß das Tagebuch hi ervon berichtet, ist natürlich und notwendig. Man würde entsprechen le Zeugnisse mit Recht vermissen oder nach ihnen suchen, falls sie hi er nicht klar gegeben wären. Durch die irrtümliche Inanspruchnahme dieser Zeugnisse für den Divan wurde die Entstehungsgeschichte eines anderen Goetheschen Werks in ihrer entscheidenden Phase geplündert und entsprechend entstellt. Die Zeugnisse vom Februar 18J5 dürften nur mehr die übrigen Abteilungen der beiden Gedichtbände betreffen, die zwar auch Neues, 2~) V g!. 21. Dezember 1814: an Cotta. 25) V gl. oben S. 123 Anm. 2,.


126 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche , doch in jeweils kleinerem Umfang brachten. (So könnten sich auch die Tagebuchzeugnisse vom 7. und r7. Januar r8r5 auf andere Abteilungen, "Epigrammatisch" etc., beziehen.) Am 27. März wurde das Manuskript für die ersten vier Bände der neuen Ausgabe zum Druck gesandt. Band rund 2 erschienen im April r8r6; Cotta hatte die Auslieferung aus merkantilischen Gründen ,solange hinausgeschoben. IH. Die E n t s t e h u n g der K r ä u t e r s c h e n R eins c h r i f t Nach der im vorigen Abschnitt angestellten Untersuchung ist nunmehr Klarheit darüber geschaffen: es gibt im Januar r8r5 überhaupt kein Zeugnis in Goethes Tagebüchern, das sich auf die in der Kräuterschen Reinschrift enthaltenen Gedichte beziehen läßt. Die Erwähnung der "Gnomen" und "Kleinen Gedichte" betrifft nicht Spruchgedichte des West-östlichen Divan, ,sondern die Sammlung Sprichwörtlich und ihre letzte Redaktion. Damit sind die Hindernisse beseitigt, die das Verständnis für den Werdeprozeß des Buchs der Sprüche so sehr beeinträchtigten. Wir sind befreit von der unmöglichen Forderung, annehmen zu müssen, die Hauptmasse der Gedichte dieses Buchs sei einzig und allein in der Anfangsphase der lang andauernden Schaffensperiode des Frühjahrs r8r5 gedichtet - als habe Goethe vorsätzlich und unbegreiflich früh am 26. Januar r8r5 mit der Pflege dieser Gedichtgattung Schluß gemacht. Jetzt endlich steht nichts mehr im Wege, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren. Die Arbeit an den Spruchgedichten erstreckte sich über das gesamte Frühjahr, den Zeitraum von Dezember r8r4 bis Mai r8r;. Hiermit stimmen nun . auch die sonstigen Tatsachen überein, mit denen wir zu rechnen haben. Wir sahen, daß gewisse Gedichte der Kräuterschen Reinschrift auf Grund ihrer Quellen späteren Ursprungs als Januar r8r5 sein mußten. In diesem Zusammenhang spielten die Entleihungsdaten eine ausschlaggebende Rolle. Betrachten wir diese Entleihungsdaten aber nochmals im Überblick, so ergibt sich: gerade diejenigen Orientwerke, von denen die meisten Anregungen zu Die Entstehung der Kräutcrschcn Reinschrift 127 Spruchgedichten ausgingen, wurden von Goethe nicht etwa nur im Januar, sondern bis in den Mai 18r5 von der Weimarer Bibliothek entliehen: nämlich bis zur Abreise nach Wiesbaden, die der Arbeitsperiode des Frühjahrs r815 erst ein E nde setzte. So entlieh der Dichter beispielsweise von Januar bis Mai 181 5: Saadis G ulistan, Chardins Voyages en Perse, die Fundgruben des Orients, Diez' Denkwürdigkeiten von Asien Bd. 1 un d das Buch des Kabus. Dies waren Hauptquellenwerke für die D iv un-Spruchgedichte, und nichts hindert um mehr, anzunehmen, daß oethe bis in den Mai r8r5 hinein Anregungen von ihnen empfangen hat. Anderseits ist der größte Teil des auf der Kräuterschen Reinschrift Enthaltenen sicherlich bereits bis zur Abreise nach Wiesbaden (Mai r8r5) entstanden. N ach diesem Zeitpunkt ~A~ Goethe die Quellenwerke nicht mehr zur Verfügun g. A ll enfalls könnte einzelnes, das nach Hafis, nach unbekannten Vorlagen oder ausnahmsweise ohne zugrundeliegende "orientalische Sinnreden" gedichtet war, noch später entstanden seih. Die ersten sicheren Zeugnisse, die etwas über Divan-Spruchgedichte aussagen, stammen von Mai 18r5, aus der Zeit kurz vor und kurz nach der Abreise nach Wiesbadel1. In der für Cotta bestimmten Charakteristik des Divan-Plans vom 16. Mai 18r5 schrieb Goethe - der Brief an Cotta wurde nicht abgesandt - : 2G) "Mein D ivan besteht gegenwärtig schon ohngefähr aus hundert größe rn Gedichten von mehreren Strophen und Zeilen, und von vielleicht ebensovicl kl eil1l:ren, vo n acht Zeilen und drunter."27) Mit den letzten W orten ist natürlich auf die Spruchgedichte hingedeutet. Au ffä lli g ist, daß oethe sich weder über ihre Form noch ihre Zahl im klaren war. D ie Gedichte, auf die er hier anspielt, waren in Wirklichkeit a lle Vier- oder Zweizeiler! Dann aber ist auch die Angabe hundert viel zu hoch gegriffen. Offensichtlich lag die Kräuter ~ 2(~ Siehe obcn S. 8, m. Anm. JO. 27) WA IV 25 . S. 41 6.


128 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche sehe Reinschrift noch nicht vor. Sie hätte mit dem besseren Überblick eine genauere Formulierung ermöglicht. Burdach meinte, es seien in dem Brief an Cotta Gedichte mit in Betracht gezogen, die später unter die Zahmen Xenien gestellt wurden. 28) Aber diese Erklärung steht auf schwachen Füßen. So viel orientalisierende Zahme Xenien - es müßten an die 60 sein - kennen wir gar nicht. Zu damaliger Zeit dürften überhaupt nur wenige existiert haben. Ähnliche Unsicherheit tritt auch in einer weiteren Erwähnung der Spruchgedichte zutage, die von Ende Mai 1815 stammt. Am 31. Mai 1815 schrieb Goethe an Christiane und August von Goethe aus Wiesbaden:28a) "Auch sind die neuen Glieder des D iv ans reinlich eingeschaltet und ein frischer Addreßcalender der ganzen Versammlung geschrieben, die sich nunmehr auf hundert beläuft, die Beygänger und kleine Dienerschaft nicht gerechnet." Mit dem "Addreßcalender" ist das am Tage zuvor niedergeschriebene, hundert Nummern umfassende Wiesbadener Register gemeint. In diesem hatte Goethe die größeren Gedichte gezählt, die kleineren nicht. Über ihre Menge weiß er auch in den Briefen an Christiane und A:ugust keine Angabe zu machen, es bleibt bei den ganz unbestimmten Bezeichnungen "Beygänger und kleine Dienerschaft". Das darf als weiterer Beweis gelten, daß die Kräutersehe Reinschrift noch nicht vorlag. Im Wiesbadener Register vom 30. Mai 18I5 werden die damals existierenden orientalisierenden Spruchgedichte, die "Beygänger und kleine Dienerschaft", vermutlich erwähnt unter Punkt 7, wo es heißt: "Talismane pp".29) Hierauf hat als erster Burdach in der Weimarer 28) WA I 6, S. 400. Vgl. auch Gräf III 2, S. 34 zur Stelle; ferner Burdach, Akademievorträge S. 68. 28.) WA IV 26, S. j und 7. Datierung der im Folgenden zitierten Briefstelle nach H. G. Gräf, Goethes Briefwechsel mit seiner Frau. Frankfurt a. M. 1916. S. 368. (Gräf datiert wohl nach Goethes Tagebuch.) Die Briefe wurden abgesandt am 7. und 8. Juni 181j. 29) WA I 6, S. 314. Divan, Akademie-Ausgabe 3, S. 3. Behandlung der "Talismane" 129 Ausgabe hingewiesen. Allerdings glaubte Burdach, unter "Talismane pp" sei im engeren Sinne die Kräutersehe Reinschrift zu verstehen. Denn in dieser beginnt ein Bl.att, das die ersten fünf Gedichte des nachmaligen Buchs der Sprüche in dcr uns a-us dem Divan bekannten Reihenfolge enthält, mit dcm Gedicht : Talismanl: wl:cc\' ich in dem Buch zerstreuen, Das bewirkt ein leichgewicht. W er mit gläubig r N adel sticht Überall so ll gutcs Wort i.hn freuen. So überzeuge nd diese These Bmda hs auf den ersten Blick aussieht - wir müssen uns doch von .ihr bcfrl:jen. Immer ging ja Burdach von. der Annahme aus, die Kräutersche Reinschrift sei bereits am 26. Januar 18I5 entstanden. Wir sahen, daß das nicht der Fall war und werden weiter zeigen, daß sie erst geraume Zeit nach der Niederschrift des Wiesbadener Regi-sters, nämlich im Oktober I8I5 angefertigt ward. Für jetzt seien nur die beidl:n Hauptgründe angeführt, die gegen die Existenz der Kräutersehen Reinschrift zur Zeit der Abfassung des Wiesbadener Registers sprechcn. 1. Aus den angeführten Briefzc ugni sse n ging hervor, daß Goethe keine Über-sicht über die wirklichc Anzahl und Form der damals vorliegenden Spruchgedichte hattc. Dic Existenz der Kräutersehen Reinschrift hätte ihn zu bcstimmtcren, weniger vagen und irrigen Angaben führen müssen. 2. Wenn Punkt 7 dcs Wi esbadener Registers "Talismane pp" sich auf die.Kräutersche Rcin schri ft bczöge, so wäre unbedingt zu erwarten, daß letztere einen entsprechenden Zählungsvermerk, also die Ziffer 7, trüge. Goethe vcrsah nämli ch, wie man weiß, sämtliche Reinschriften der im Wiesbadener Rcgistcr aufgeführten Gedichte mit der entsprechenden Nummcr, die sie in dem Verzeichnis erhalten hatten. Diese Nummer schrieb er mit roter Tinte in die linke obere Ecke des 9 Momrn scn, Divan-Studi en


130 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche jeweiligen Blatts. Daß eine solche Zählung bei der Kräutersehen Reinschrift fehlt, läßt mit Sicherheit darauf 'schließen: sie existierte überhaupt noch nicht, als das Register angelegt wurde! 30) Bezieht sich auch die Eintragung unter Nummer 7 des Wiesbadener Registers: "Talismane pp" nicht auf die Kräutersche Reinschrift als solche, so schließt das doch nicht aus, daß mit ihr auf die Menge der bereits in Einzelhandschriften vorliegenden orientalisierenden Spruchgedichte hingedeutet sein mag. Offenbar bevorzugte Goethe für diese zur damaligen Zeit die Benennung "TaHsmane"30 a ) - wie er den Gedichten von Sprichwörtlich gern die Bezeichnung "Gnomen" gab. Das Wort "Talismane" erinnerte an die Herkunft aus "orientalischen Sinnreden" und entsprach überhaupt der Atmosphäre des Divan. Das Gedicht "Talismane werd' ich in dem Buch zerstreuen" und besonders natürlich der Umstand, daß es später an den Anfan~ des Buchs der Sprüche gestellt wurde, läßt - unter anderem - auf diese Benennung schließen. Das Gedicht, das zur Zeit des Wiesbadener Registers sicherlich schon existierte, zeigt aber noch etwas mehr. Man darf es Goethe ruhig glauben, daß er damals beabsichtigte, die "Talismane" wirklich in dem "Buch" zu "zerstreuen". Der Vierzeiler sollte in dieser Hinsicht wörtlich genommen werden, so wie er bei seiner Konzeption gemeint war. Der "Deutsche Divan", für den Goethe im Wiesbadener Register eine erste Vorordnung traf, sollte ja nicht aus einzelnen Büchern be- 30) Burdach selbst hat auf die durchgehende Bezifferung der Reinschriften wiederholt hingewiesen. (Burdach. Akademievorträge S. 76; Welt-Goethe-Ausgabe Bd. 5. S. 380.) Er unterließ es aber zu erwähnen. daß bei der Kräuterschen Reinschrift, die er als zur Zeit des Wiesbadener Registers existent ansah. diese Zählung fehlt, hier somit di e einzige Ausnahme vorläge. Eine weitere Ausnahme bildet die Handschrift von .. E rschaffen und Beleben". Hier wies Burdach jedoch mit guten Gründen darauf hin. daß die mit der Zählung versehene Reinschrift vermutlich von Goethe an Zelter gesandt war. Nur bei einer verhältnismäßig geringen Anzahl von den im Wiesbadener Register aufgeführten Gedichten fehlt uns die Kontrolle über die Bezifferung. weil die Handschriften verschollen sind. 30a) V gl. unten S. 134 ff. Behandlung der .. Talismane" 131 stehen, sondern die Gedichte in ungezwungener Reihenfolge bringen. (Die Einteilung in Büd1er erfolgte erst im Oktober 1815.) Es war zunächst nur ein Korpus von Gedichten geplant, das formal etwa der Gruppe "Lieder" oder "Vermischte Gedichte" in den bereits bestehenden Ausgaben Goethescher Werke entsprach. Innerhalb dieses einheitlichen Ganzen wollte der Dichter - dies besagt doch der genannte Vierzeiler - die Spruchgedichte als Talismane "zerstreuen"; der Leser sollte "mit gläubi ger N adel stechen" und sich Orakel holen. Damit wäre ein "Gloic.hgewicht bewirkt": das in seiner Grundtendenz leidenschaftliche Werk wäre zugleich ein Weisheitsbuch gewesen. Zugrunde lag die Vorstellung von d m "Bud10rake1", die Goethe von Jugend her vertraut war. Das Kapitel "Buchorakel" d r Not 11 lind Abhandlungen deutet darauf hin, daß Goethe diese LiebJin gsidee allch in dem endgültigen Divan verwirklicht hatte, wenn a'U h jn ab rewandelter Form. Die "Talismane" selbst standen hier nlln in inem geschlossenen Buch beisammen. Doch waren inzwischen so VIi 'l sonstige Weisheitsgedichte in dem gesamten Werk "zerstreut", laß di ' ursprüngliche Idee als auf andere Weise realisiert gelten könnt ', Wie stark Goethe schon 1815 von ihr beherrscht wurde, wie wörtli 'b also der auf das Buchorakel deutende Vierzeiler "Talisman' wereI' ich in dem Buch zerstreuen" zu nehmen sei, zeigt ,das gemeinsame "Däumeln" im Divan des Hafis, von dem Boisseree aus elen 'fagen des Zusammenseins mit Goethe - Oktober 1815 - bericbtet.:l1) Der Vermerk "Talismane pp" unter Nummer 7 des Wiesbadener Registel"s deutete nur allf die xistenz der Spruchgedichte hin, über deren Form unel Zahl sich ' oethe nicht im klaren war, und er er·· innerte an die Absicht, diese edichte später im Divan zu "zerstreuen". Es ist anz verständlich, daß die "Zerstreuung" als solche noch nicht in dem Register, das nur vorläufig die IOD wichtigsten Ge- 31) V gl. Boisserccs Tngcbu 'h vom 7. O ktober 1815: "Wir däumeln im Divan. Ich immer unglücklich - oder doch schl ech t u. verworren, G[oethe] meist verliebt." (Firmenich-Richartz S. 426.) .. Divan" bedeutet hier: die Hafis-Übersetzung von J. v. Hammer, nicht etwa Goethes Divan-Manuskript. 9*


132 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche dichte verzeichnen ,sollte, vorgenommen wurde. Dies konnte erst geschehen, wenn es an die endgültige Ausgestaltung ging. Bis zu dieser sollte der "Deutsche Divan" - wie Goethe 16. Mai 1815 an Cotta schrieb - "noch um manche Glieder vermehrt" werden. 32) Erst wenn alles beisammen war, ließ sich die Zerstreuung der "Talismane" vornehmen,sie mußte bis zuletzt aufgeschoben werden. Daß Goethe im Ernst daran gedacht haben sollte, bereits an siebenter Stelle des "Deutschen Divan" den gesamten Komplex der "Talismane" hintereinander aufmarschieren zu lassen, darf als ausgeschlos'sen gelten. Es wäre in formaler Hinsicht ganz unsinnig gewesen, das Werk gleich zu Anfang mit drei. Dutzend Spruchgedichten zu belasten. Das Publikum hätte auf diese Weise viele Seiten durchlesen müssen, ehe es überhaupt auf Partien traf, die von dem wesentlichen Charakter und dem eigentlich Neuen des Werks einen Begriff gaben. Nicht ein einziges Gedicht hätte den Leser vorher auch nur mit der Gestalt des Hafis bekannt gemacht, die doch damals noch ganz und gar zentral war - sollte doch der "Deutsche Divan" zu Hafis "in stetem Bezug" stehn. 33) Die Spruchgedichte hätten sich mit ihrer erdrückenden Menge wie eine gewaltige Exposition ausgenommen, auf die dann ganz etwas anderes gefolgt wäre. So komponiert Goethe nicht, dem ein untrüglicher Instinkt für Maß und Proportion eignete, der gerade auf sinnvolle Exposition und Abfolge zu allen Zeiten besondere Sorgfalt wandte. Dem Dichter eine derartige kompositorische Unmöglichkeit zuzutrauen, war ein schwer verständlicher Fehlgriff Burdachs. Welche Unform dabei zustande gekommen wäre, zeigt der von E. Grumach veranstaltete Druck der im Wiesbadener Register genannten Gedichte gemäß Burdachs Vorstellungen, den man jetzt in den "Akademievorträgen" lesen kann.33a) Wie Goethe wirklich im Wiesbadener Register auf Exposition bedacht war, sieht man eher hieran: bevor unter Nr. 7 die Spruch- 32) WA IV 25, S. 415. 3:l) Vgl. das projektierte Titelblatt zum "Deutschen Divan" von 1815 (Divan, Aka. demie-Ausgabe 3, S. I). 33a) Burdach, Akademievorträge S. 1I2-II6. Behandlung der "Talismane" 133 gedichte als "Talismane" erscheinen, wird in Nr. 4 ("S~genspfänder") und in Nr. 5 ("Gottes ist der Orient"ynb) klar'gestellt, was es mit solchen Talismanen etc. auf sich hat. Nr. 4 enthält eine Schilderung ihres Charakters, Nr. 5 gibt praktische Beispiele, zu e in ~m Ganzen zusammengestellt. Natürlich dachte Goethe bei dem Vermerk Nr. 7: "Talismane pp" nicht an die Aufeinanderfolge von drei Dutzend Spruchgedichten, sondern an den Beginn des "Zerstreuens". Sicherlich sollte das Gedicht "Talismane werd' ich in dem Buch zerstreuen" an die Spitze der einges treuten Gedichte treten. Die Einschaltung des größeren Gedichts Nr. 6 ("Vier G naden") weist übrigens deutlich auf die Tendenz hin, di e Spruchgedi chte ni cht in einer Folge erscheinen zu lassen. Dem Gedicht "Talismane werd ' ich in dem Buch zerstreuen" kommt eine Schlüsselstellung zu. Es b 'dllrfte der Exposition - die in Nr. 4 und 5 erfolgte -, hatte aber selbst expositioncl len Charakter. Anscheinend trug Goethe sich eine Zcitlnng mit dem Gedanken, es zu dem Expositionsgedicht Nr. 4 (,,$ '/-lc nsrfiinder") hin zuzuziehen. Denn in der Handschrift dieses GecJi hts s ( eht am Schluß unter der fünften Strophe von des Dichters Hancl LI ' I' V crm crk: "Das sechste?" Wenn wir in Betracht ziehen, daß clas G 'di cht "Tnlismane werd' ich in dem Buch zerstreuen" damals noch in einer E in zclhandschrift, und nur in dieser, vorlag, so werden wir "D:1S sechst'e?" am besten auf dieses Gedicht beziehen . Es hätte als sechstes Teilstück der "Segenspfänder" einen übera us sinnvollen Platz gefunden im Hinblick auf die umfassencle Exposition. Mi t dem Vermerk "Dassechste?" hielt Goethe sich anscheinend diese Miigli chkeit offen. Bei der später erfolgten Einteilung des Divrtns in Bücher fiel die Entscheidung. Jetzt erwies sich das Gedicht als Jie geeignetste Einleitung zum Buch der Sprüche. 33b) Unter Nr. 5 nenn t:


134 Zur E ntstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Aus den Tagebuchzeugnis'sen, die von der Herstellung des Wiesbadener Registers berichten, ist zu erkennen, daß die "Talismane" ein Problem bildeten, das noch in le~!!.de gelöst ;;;d~n- mußte, ehe das Register niedergeschrieben werden konnte. Den Entschluß ein Gesamtverzeichnis der Gedichte anzufertigen, mag Goethe in de~ Reisetagen gefaßt haben, als er von Weimar nach Wiesbaden unterwegs war (24. bis 27. Mai 1815). Kaum in Wiesbaden angekommen, nimmt er die Arbeit vor. Nun lesen wir im Tagebuch: Mai 27. In Wisbaden 1112. Im Bären eingekehrt. Einrichtung. Bibliothekar Hundeshagen. Den Divan geordnet. 2S. Divan. Register. Gebadet. Fortsetzung am Divan. Mittag für mich. Talismane Amulete. 29. [Nachmittags] Divan numerirt. 30. [Nachmittags] Divan Verzeichniß. Zwischen "Ordnung" und "Nummerierung" beschäftigten Goethe also nochmals "Talismane Amulete". Hierbei könnte es sich um das Gedicht "Segens pfänder" gehandelt haben, und entsprechend interpretiert auch Gräf das Zeugnis vom 28. Mai; Strophe 1 und 2 des Gedichtes schildern ja den Charakter von Talismanen und Amuletten. Aber "Segenspfänder" war schon früher gedichtet, es ist recht unwahrscheinlich, daß Goethe zum , jetzigen Zeitpunkt noch so viel an dem Gedicht zu tun fand, daß eine Erwähnung dieser Arbeit im Tagebuch sich gelohnt hätte. Infolgedessen wird man die Eintragung: "Talismane Amulete" wohl auf die Beschäftigung mit dem gesamten Problem der "Talismane" beziehen müssen, wie es sich dem Dichter nun vor der Registrierung der Divan-Gedichte stellte. Goethe wird überlegt haben, wie die Masse der Spruchgedichte in jenem Verzeichnis zu behandeln sei, die er als "Talismane" zu "zerstreuen" gedachte. Hierfür war auch an eine Exposition zu denken; das führte zu einer Beschäftigung mit den jetzt "Segenspfänder" und "Talismane" benannten Gedichten. 34) Resultat dieser Überlegungen war \ 3!,) Bei dieser Gelegenheit mag das Versehen passiert sein, auf das Burdach hinwies - ..... Behandlung der "Talismane" 135 dann - zum mindesten - die Anordnung der Nummern 4 bis 7 des Wiesbadener Registers, über die wir oben sprachen. Aus den zunächst a uf die Niederschrift des Wiesbadener Registers folgenden vier Monaten berichten keinerlei Zeugnisse von der Beschäftigung mit Spruchgedichten bzw. "Talismanen". Der Divan wurde in dieser Zei t "au f eine sehr brillante Weise erweitert": 35) hinzu kamen die Suleika-Gedichte, von denen die Mehrzahl September/ Oktober 1815 entstanden. Diese Gedichte gaben dem ganzen Projekt ein verändertes Gepräge. Ihr Charakter und ihre Entstehung riefen bei Goethe das natürliche Bestreben hervor, sie in eine geschlossene Gruppe zusammenzufügen; waren sie doch das Denkmal einer der glücklichsten und wichtigsten Epochen seines Lebens. Damit ergab sich die Notwendigkeit, das gesamte Werk in ei ne neue Form zu bringen. Goethe entschloß sich zur Aufgabe des Plans einer nicht unterteilten, zwanglos gereihten Gedichtsammlung, wie er im Wiesbadener Register angelegt war. Stattdessen sollte nun das thematisch Zusammengehörige vereinigt 'und in einzelne Bücher abgeteilt werden. Mit diesem Beschluß entschied sich auch, an einem der bedeutsamsten Wendepunkte in der Geschichte des Divan, das Schicksal der Spruchgedichte. Der Gedanke, 'sie als "Talismane" zu "zerstreuen", wurde fallengelassen. Auch di ese Gedichte mußten nun als eine geschlossene Gruppe zusammengcfaßt werden. Es war diese Entscheidung und f'estsctzung einer neuen Form des Divan, die zu der Zusammenstellung des Korpus von orientalisierenden Spruchgedichten führte, welche un s in der Kräuterschen Reinschrift entgegentritt. U nd erst jetzt, zu diesem prägnanten Zeitpunkt, ist diese Reinschrift selbst angefertigt worden, die man bisher fälschlich auf den 26. Janu ar 1815 datierte. Das läßt sich aus den Zeugnissen erkennen, die tins nun noch zu betrachten bleiben. (WA 6, 36, f. ; ßurdnch, Aknd emicvorträge S. 71): der Titel: "Talismane, Amulete, Abraxas Inschriften und Siegel" ward über das falsche G edicht ("Talismane") gesetzt. Vgl. unten S. 151 m. Anm. "ib.'"~----·~·'" 35) Goethe an Knebel, 21. Oktober 1S15 (WA IV 26, S. 106).


136 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Am gleichen Tage, an dem Goethe laut Tagebuch den "Entschluß zur Abreise" von Heidelberg faßte - womit die beinah fünf Monate dauernde Rhein-Main-Reise von 1815 ihr Ende fand -, wurde auch die neue Form des Divan bestimmt. "Divan in Bücher eingetheilt", heißt es im Tagebuch vom 6. Oktober 1815, und tatsächlich trat Goethe am darauffolgenden Tage die Heimreise an. In Weimar, wo der Dichter am 11. Oktober eintraf, wurden zunächst die dringendsten sonstigen Arbeiten erledigt. Am 16. Oktober ist dann erstmals wieder im Tagebuch vom Divan die Rede: "Abschrift des Buchs Hafis" heißt es da. Goethe stellte also jetzt die Gedichte des Divan zu Büchern zusammen und ließ sie dann abschreiben. Auf diese redaktionelle Tätigkeit mögen sich weiter die Tagebuchzeugnisse von Oktober und November 1815 beziehen, die stets nur lakonisch den Vermerk "Divan" wiederholen. Ein einziges Mal wird während dieser Zeit im Tagebuch etwas Spezielleres genannt, und dieses Zeugnis ist das in unserem Zusammenhang wichtigste überhaupt. Am 26. Oktober heißt es: "Nach Tische den Talisman geordnet". Diese Worte können nach Lage der Dinge nur so zu verstehen Bein: Goethe "ordnet" nunmehr' die "Talismane", die er nach bisheriger Intention im Divan "zerstreuen" wollte, zu einem zusammenhängenden Korpus, einem "Buch". Das Entsprechende tat er ja zu dieser Zeit mit sämtlichen Gedichten des Divan. Die "Ordnung" bezieht sich im Falle des "Talisman" natürlich auf die Einzelhandschriften, in denen ihm bisher nur die Spruchgedichte vorlagen. Nachdem diese Handschriften "geordnet" waren, stellte dann Kräuter die Sammelhandschrift her, die wir heute als die Kräutersche Reinschrift des Buchs der Sprüche bezeichnen. Damit können wir nun diese Handschrift auch so datieren, wie es der Wirklichkeit entspricht: sie ist anzusetzen auf die Zeit unmittelbar nach dem 26. Oktober 1815. Hier erweist es sich nochmals, daß die Kräutersche Reinschrift bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht existiert haben kann. Denn es wäre gar nicht möglich, die Tagebucheintragung vom 26. Oktober 1815: "Den Talisman geordnet" etwa mit dieser Reinschrift in Verbindung Die Entstehung dfr Kräutersehen Reinschrift 137 zu bringen. In ihr lag ja die Ordnung schon vor, mit der Goethe sich jetzt beschäftigte. An der Kräuterschen Reinschrift war nicht mehr viel zu ordnen: von ihren ze hn, jeweils im Durchschnitt vier Gedichte enthaltenden Blättern 3(;) kon nte Goethe allenfalls noch einzelne untereinander verschieben, aber das war keine Tätigkeit, die seine Zeit ernstlich beansprudlt hätte und im Tagebuch erwähnt worden wäre. Auch weisen die zehn Blätter keinerlei Paginierung auf, mithin keine sichtbaren Zeichen der "Ordnung". "Den Talisman geordnet" kann nur so zu verstehen sein: Vorordnung der Einzelhandschriften zwecks Herstellung der Reinschrift. Das Zeugnis entspricht inhaltlich den auf die Sammlung "Sprichwörtlich" bezüglichen Tagebuchnotizen vom 6., 18. und 23. Januar 1815: 37) bevor Kräuter damals von den Spruchgedichten dieses Werks die Reinschrift herstellte, mußte Goethe sie "sammeln", "bearbeiten", "redigieren". Es bestätigt sich di e oft zu machende Erfahrung, daß bei Goethe die Entstehungsgeschi chte von Werken gleicher Gattung einen ähnlichen Verlauf nimmt. Unterschiedlich ist nur, daß in den Tagebuchzeugnissen zu "Sprichwörtlich" Kräuters Tätigkeit des "Abschreibens" besonders erwähnt wird, in denen zum Buch der Sprüche nicht. Die Genauigkeit solcher Angaben variiert jedoch in Goethes Tage buch beträchtlich. Während der Monat.e Oktober bis Dezember 1815 war Kräuter nachweislich der meistbeschäftigte Schreiber. D as zeigen beispielsweise die Konzepte der aus dieser Zeit stammenden Goetheschen Briefe. Sie wurden, mit Ausnahme wenige r von August v. Goethe geschriebenen, sämtlich von Kräuter angefertigt. Krä.uter fungierte damals auch als Schreiber für "Kun st 'und Alte rthum in den Rhein und Mayn Gegenden", wie aus erhaltenen Handschriften zu erkennen ist. Eine Bestätigung dafLir, daß die Kräutersche Reinschrift des Buchs der Sprüche aus dieser Zeit stammt, gibt endlich auch das Papier, auf dem sie geschri eben wurde. Das gleiche Papier mit dem nämlichen Wasserzeichenfindt:t sich nochmals bei den Konzepten einiger Divan- 36) V gl. oben S. 10


138 Zur Entstehungsgeschichte des Buchs der Sprüche Gedichte, die sämtlich im Herbst 1815, nach Goethes Heimkehr von der Rhein-Main-Reise, entstanden sind. 38) Daß in den Tagebuchzeugnissen, die von der Redaktionsarbeit an den "Büchern" des Divan im Oktober und November 1815 berichten, außer dem J3iuch Hafts nur das Buch der Sprüche eigens erwähnt wurde, macht es deutlich: auf dies letztere hatte Goethe besondere Mühe zu verwenden, mehr vermutlich als auf die übci.gen Bücher, bei denen die Dinge einfacher lagen. Nach allem, was wir uns vor Augen führten, erscheint das durchaus verständlich. In dem "Talisman" lag ein umfangreicher Komplex von Gedichten vor, der noch nicht überschaubar war, weil ihm im Wiesbadener Register keine Ordnung gegeben werden konnte und sollte. Die Redaktion dieser Gedichtmasse bildete zum jetzigen Zeitpunkt eine Aufgabe größeren Ausmaßes, daher wurde sie im Tagebuch besonders erwähnt. Wir sprachen eingangs davon, daß durch die Kräutersche Reinschrift bereits die eigentliche Anordnung des Buchs der Sprüche begründet worden war, die bis zum Druck des Divan hin ihre Gültigkeit behielt. Die Ursachen hierfür lassen sich jetzt besser verstehen, nachdem wir mit der richtigen Datierung dieser Reinschrift bekannt geworden sind. Die Anordnung stammt eben aus einer Zeit, in der überhaupt die endgültJige Form des Divan, für alle seine Bücher, im wesentlichen konstituiert ward. Dies zu wissen, ist für das Verständnis des Buchs der Sprüche und seiner Entstehungsgeschichte eine notwendige Voraussetzung. 38) Die Gedichte: "Hochbild" und "Nachklang" (beide vom 7. N ov. 1815) ; "Hafis di r sich gleich Zu stellen" (vom 22. Dez. 1815) . "ABR AXAS" Süßes K ind, die Perlen reihen, W~e ich irge nd nur vermochte, W ollte trauli ch dir verleihen, Als der Liebe I ampend ochte. Und nun kommst du , hast ein Zeichen Dran gehängt, das, un ter allen Den Abraxas se in es gleichen, Mir am schlechtsten wi ll gefallen. Diese ganz modern e N nn:heit Magst du mir nach Schi ras bri ngen I Soll ich wohl, in seiner tarrheit, H ölzchen quer auf Hö l zc h e n s~ n gen ? Abraham, den Herrn der Sterne Hat er sich zum Ahn erl esen; Moses ist, in wüster Ferne, D urch den E ine n groß gewesen. Davi d, auch durch viel Gebrechen, Ja, Verb rechen durch gewandelt, Wußte doch sich los zu sprechen: E inem hab' ich recht gehandelt.


140 "Süßes Kind, die Perlenreihen" Jesus fühlte rein und dachte N ur den Einen Gott im Stillen; Wer ihn selbst zum Gotte machte Kränkte seinen heilgen Willen. Und so muß das Rechte scheinen Was auch Mahomet gelungen; Nur durch den Begriff des Einen Hat er alle Welt bezwungen. Wenn du aber dennoch Huld'gung Diesem leid'gen Ding verlangest; Diene mir es zur Entschuld'gung Daß du nicht alleine prangest. - Doch allein! - Da viele Frauen Salomonis ihn verkehrten, Götter betend anzuschauen Wie die Närrinnen verehrten. Isis Horn, Anubis Rachen Boten sie dem Judenstolze, Mir willst du zum Gotte machen Solch ein Jammerbild am Holze! Und ich will nicht besser scheinen Als es sich mit mir eräugnet, Salomo verschwur den seinen, Meinen Gott hab' ich verläugnet. Laß die Renegatenbürde Mich in diesem Kuß verschmerzen: Denn ein Vitzliputzli würde Talisman an Deinem Herzen. Goethe und das Kreuz-Symbol 141 Dieses Gedicht mit seinem heiklen Gegenstand - Abneigung des Parsen gegen das christliche Kreuz - wurde von Goethe sekretiert. Es erschien erst in der Quartausgabe von 1836. In der Handschrift wird das Gedicht durch die links oben eingetragene Ziffer ,,62" mit dem Wiesbadener Register verbunden, wo es unter N r. 62 heißt: "Abraxas". "Abraxas" war also der ursprünglich vorgesehene oder zum mindesten erwogene Titel. Da er aber in der Handschrift fehlt, geben auch die Ausgaben fol ger~chti g das Gedicht ohne Überschrift. Goethes Abncigung gcgen das Krcuz als religiöses Symbol ist bekannt. Auge und inncrer inl1 , beide bei ihm hochempfindlich und jeden Eindruck mit ursprünglicher . cwalt auffassend, wehrten sich gegen die gewohnheitsmä ßige Zurschaustellung des "Martergerüsts". In Wilhelm Meisters Wanderjahrc n sprach der Dichter es unumwunden aus, daß es ihm eine "verdammun gswürd igc Frcchhcit" bedeute, mit diesen "Geheimnissen, in welchcn die göttli che T iefc des Leidens verborgen liegt, zu spielen". H ierüber solle man vielmehr "einen Schleier ziehen". 1) Und so trug auch Mignon, die Lieblingsgestalt des Dichters, in der wichtige Züge seines Wese ns verkörpcrt sind, das Kreuz geheim: erst bei ihrem Todc wird Cs cntdeckt "auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten sehr zicrlich abgebildet".2) Das Divan-Gedicht bringt Goethcs Abneigung gegen das Kreuz besonders kraß zur Darstellung und er.i nncrt damit an ähnliche Ausfälle in den Venezianischen Epigrammen. Eine eigenartige Note erhält es vor allem d adurch, daß dic InvcklJivcn gegen das Kreuz innerhalb der erotischcn Sphäre laut wc rdcn. Den Dichter bringt das Kreuz in Harnisch, das di e Gelicbtc als Schmuck am Halse trägt. Dies ist das Hauptrnotiv, von dcm das Gedicht ausgeht. Durch dic E rkl äc lIngsvers lIchc der Interpreten wird das Problematische dicscr Verknli pfung von Religionssatire und Eros noch erhöht. Burdach nahm an, das Gedicht sei durch ein pel'sönliches Erlebnis hervorgerufen worden: "Marianne-Suleika" habe "als Katholikin 1) Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2 Kap. 2 (WA I 24, S. 2j5). 2) Wilhe1m Meisters Lehrj ahre Buch 8 Kap. 8 (WA I 23, S. 257).


142 "Süßes Kind, die Perlenreihen" ein Kruzifix getragen".3) Diese Vermutung wurde später in den Kommentaren oft wiedeDholt. Sie bringt aber neue Schwierigkeiten hinzu. "Süßes Kind, die Perlenreihen" rückt so ~n unmittelbare Nachbarschaft zu den Gedichten an Suleika - viele Amgaben haben es auch einfach dem Buch Suleika zugeordnet. Damit wird jedoch in die Suleika-Gedichte ein Mißklang hineingetragen, der höchst befremdlich und jedenfalls ohne Parallele wäre. Die Satire auf das Kreuz paßt schlecht zu dem sonst ganz reinen und positiven Charakter dieser Gedichtgruppe. Aber auch vom Biographischen her gesehen hat Burdachs Vermutung wenig Glaubhaftes. Als unser Gedicht entstand, im März 1815, war Marianne v. Willemer überhaupt nicht gegenwärtig. Die wenigen Begegnungen mit ihr im Herbst 1814 lagen viele Monate zurück. Goethes Freundschaft mit Marianne nahm erst im Herbst 1815 jene Intensität an, wie wir ,sie aus dem im wesentlichen damals entstandenen Buch Suleika kennen. Erst in dieser Zeit schrieb Goethe zahlreiche Gedichte, die speziell auf persönliche Züge der Freundin Bezug nehmen, nicht aber vorher, wo sie schwer nachzuweisen wären. Diese Schwierigkeiten, die sich bei der herkömmlichen Deutung des Abraxas-Gedichts ergeben, lassen sich glücklicherweise beheben. Wieder einmal löst eine Quelle das Rätsel. Das Hauptmotiv - die Geliebte trägt ein Kreuz am Hals, das bei Andersgläubigen Anstoß erregt - stammt überhaupt nicht aus persönlichem Erleben. Goethe verdankt es literarischer Anregung. Was wir über die Beziehungen des Abraxas-Gedichts zum Orient wissen, beruht im wesentlichen auf einer Mitteilung Boisserees. Am 8. August 1815 las Goethe in Wiesbaden Sulpiz Boisseree das Gedicht vor, und dieser berichtet darüber in seinem Tagebuch: "Haß des Kreuzes. Schirin hat ein Kreuz von Bernstein gekauft, ohne es zu kennen; ihr Liebhaber Cosken [ChosruJ findet es an ihrer Brust, schilt gegen die westliche Narrheit u.s.w. Zu bitter, hart und einseitig, ich rathe, es zu verwerfen, sei ein gutes ob zum närrischen Hofrath - ob odium crucis. - 4) Er wolle es seinem Sohn 3) Jubiläums-Ausgabe 5, S. 425. 4) Gemeint ist der von dem Frapkfurter Arzt J. Chr. Ehrmann gegründete "Orden der närrischen Hofräte". V gl. hierüber Beutler a. a. O. S. 803. Goethe und das Kreuz-Symbol 143 zum Aufheben geben, dem gebe er alle seine Gedichte, die er verwerfe; er habe eine Menge, besonders persü nl iche und zeitliche; nicht leicht eine Begebenheit worüber er sich nicht in einem Gedidlt ausgesprochen. So habe er seinen Aerger, Kummer u. Verdruß über die Angclcgenhcit[cn] des Tages Politik u.s.w. gewöhnlich in einem Gedicht ausgclallcn, es sey ei ne Art Bcdürfnj(\ und Herzens-Erleichterung, Sedes poeticae. Er schoffe sich so dk Dinge vom Halse, wenn er sie in Gedicht[el bringe. sonst habe er dcrglcicld,cn] imlller verbrannt; aber sein Sohn verehre alles von ihm mit pie/a al, dn 1118sc Cl' ihm den Spaß."") Wir erfahren hier, was in dem Gedicht selbst nicht steht: "Süßes Kind, die Perlenreihen" ist angeregt durch gewisse Züge, welche die Überlieferung von Chosru und Schinin erzählt. Der persische König Chosru H. Parviz hatte eine Armenierin, Schirin, zur Gemahlin, die ihres Christentums wegen von den Parsischen Priestern angefeindet wurde. Bei der Boisseree gegebenen Erläuterung machte Goethe den historischen Hintergrund offenbar nur andeutungsweise klar, schmückte dagegen die Fabel noch weiter aus. Daß Schirin ein Kreuz "von Bernstein gekauft", noch dazu "ohne es zu kennen", ist eine Hinzufügung, die inhaltlich dem eigentlichen Thema des Gedichts widerspricht. Vielleicht darf man hier auch mit Gedächtnisfehlern Boisserees rechnen. In der Chosru-und-Schirin-Geschichtespielen sich die religiösen Gegensätze zwischen Parsen und Christen ab. Goethes Gedicht erwähnt die Parsen überhaupt nicht, wohl aber nachdrücklich Mohammed. Goethe hat die Handlung aus ihrer genauen zeitlichen Umgebung herausgdiist. Er spricht, wie gewöhnlich in der Frühzeit des Divan, aus der Maske des Hafis (oder Hatern) ; daher auch die Erwähnung von Schiras, andererseits die Weglassung der Namen Chosru und Schirin. Auf diese Wl'ise erscheint nun ein Mohammedaner als Gegner des Kreuzes, nicht ein Parse. Jedenfalls wäre es nicht gerechtfertigt, das Abraxas-Gedicht als zum Buch des Parsen gehörig zu erklären wie das durch Burdach geschah.6) So wie Goethe es schrieb, ist das P~rsische absichtlich eliminiert. An der Chosru-und-Schirin-Über- 5) Firmenich-Ricllartz, S. 40.\ f. 6) Jubiläums-Ausg. Bd. j, S. 425.


144 "Süßes Kind, die Perlenreihen" lieferung als Vorlage interessierte ihn wesentlich nur das Motiv, daß der Liebende seiner Angebeteten wegen zum "Renegaten" wird - in bezug auf das ominöse am Hahe getragene Kreuz. Das historische Detail ward ihm hierüber gleichgültig, darum verwendete er es nicht. Doch nun zu der uns interessierenden Quellenfrage. Über Chosru und Schirin las Goethe Ausführliches im 2. Bande der Fundgruben des Orients. J. v. Hammer brachte hier die "Probe einer Übersetzung des Schahname" von Firdusi. Ausgewählt hatte er: "Die Erzählung von Chosru und Schirin". In Hammers Einleitung zu seiner Übersetzung, die sowohl über Firdusi im allgemeinen als auch über die dargebotenen Partien des Schah Nameh im besonderen unterrichtet, finden wir auch den Passus, der das Hauptmotiv des Abraxas­ Gedichtes anregte. Allerdings an recht verborgener Stelle. Hammer schreibt: 7) ,,[Chosru] Parwis bestieg den Thron im Jahr 589 der christlichen Zeitrechnung ... Schon früher war er den Christen geneigt gewesen ... Das Jahr nach seiner Thronbesteigung vermählte er sich, wie Theophylaktus Simokatta erzählt mit Schirin CELp1J) einer Christinn, der zu Liebe er der christlichen Religion und besonders dem heil. Sergius vorzüglich zugethan gewesen zu seyn scheint. Im selben Jahre gelobte er ein goldenes Kreutz nach der zu Miafarekein erbauten Kirche des heil. Sergius, wenn \ es ihm gelänge den Empörer Sasdeprates zu bezwingen, und als man ihm dessen ..t'. Kopf gebracht, sandte er nicht nur das versprochene Kreutz an die Kirche des heiligen Sergius nach Miafarekein, sondern auch das heil. Kreutz, das sein Vorfahrer Chosroes Nuschirwan von JernsaJem weggeführt hatte, dahin wieder zurück. Schirin, welche Parwis als eine Fremde wider alle Reichsgrundgesetze zur Gemahlin erklärte, mußte als solche dem Volke und besonders den Mob e den oder Priestern der Magen, um so verhaßter seyn, als sie Christinn war, und den Kaiser zu manchen die christliche Religion auf Kosten des alten Feuerdienstes begünstigenden Schritten verleitete. Einen auffallenden sonderbaren Beweis davon gibt sein von Simokatta aufbehaltenes Bitt- und Dankschreiben an den heil. Sergius worin er ihn zuerst um einen Erben von Schirin bittet, ihm dann ihre Schwangerschaft meldet, und sich schönstens dafür bedankt ... " Das im letzten Satz erwähnte Bitt- und Dankschreiben Chosrus an den heiligen Sergius zitiert Hammer seiner "Sonderbarkeit" wegen ,) Fundgruben des Orients. Bd. 2, S. 424 f. Quellen 145 in einer Anmerkung. Darin aber findet sich die eigentliche Quelle zu Goethes Gedicht. Das Schrciben la utet: Mag n 0 M a [ r ] t y r i S erg i 0 C h 0 S r 0 c s Rex r e g u m. Cum versarer Bcrramis, oravi tc, vir sancte, ut mc auxilio tuo adjuves, ut Sira conciperet; et qualllquam illa Christiana esset, ego vero GraecOflllll saneta colerelll, ut per leges nostras iJlarn lllatrimonio habere non possem, tarnen propter rneam erga Te pietatern legern sccutus illalll, duxi, eamque prae caeteris uxoribus in dies sincero alIectu et arno Cl amavi. Atque ita constitui bonitatem tu am rogare, ut Sira foetu gravida fieret, ct rogavi et juravi plene, si concepisset, er u c e III qua m in c 0 II 0 g e s t are t, ad venerabilern aedelll tuam mittere. - Et quia preces ac vota exaudis, cx illo die Sira, quod foeminis solet accidere, desiit. Theophylacttts interprete Pontano p. I37. Schirin also, die bei den Parsischen Priestern Verhaßte, trug als Christin "ein Kreuz am Hals" ("crucem quam in collo gestaret"). Dieser Zug, der sich nur hier findet - in der übersetzten Chosru-und­ Schirin-Episode des Schah Nameh kehrt er nicht wieder - gab Goethe offensichtlich die Anregung zum Hauptmotiv des Abraxas-Gedichts. Vielleicht hätte er weniger auf dieses in einer Anmerkung verborgene Detail achtgegeben, wäre nicht im Haupttext so viel von Kreuzen die Rede gewesen und vom Gegensatz zwischen Christen und Parsen. Also nicht ein Kreuz, das Marianne v. Willemer trug oder etwa eine anmutige Weimaranerin, ist in dem Abraxas-Gedicht gemeint, sondern wirklich Schirins am Halse getragenes Kruzifix. "Süßes Kind, die Perlenreihen" beruht demnach in noch viel stärkerem Maß, als bisher bekannt, auf Quellenanregungen. Seinem Charakter nach ähnelt es damit den im Frühjahr ;8I5 entstandenen Divan-Gedichten, für die ganz allgemein gilt, daß sie wesentlich durch Quellen inspiriert wurden. Wie die meisten in dieser Arbeit betrachteten Gedichte ist auch "Süßes Kind. die.: Perlenreihen" eine Frucht der Fundgruben-Lektüre. In dcn FU lldw uht'n fnnd Gocthc ferner die sechste Koran-Sure , die , wie man weiß, V . 11 11'. 11t1f'C,I(tc ( .. Ahraham, den Herrn der Sterne" 10 Mommscl\. D IVAn , ti lwil lill


146 "Süßes Kind, die Perlenreihen" etc.). Goethe kannte diese Sure schon aus seiner Jugend, er hatte sie im Jahr 1772 übersetzt. 8) Er las sie aber zum jetzigen Zeitpunkt, im März 1815, wieder in dem gleichen Fundgruben-Band 2, der auch die von Hammer übersetzte und eingeleitete Chosru-und-Schirin-Episode aus dem Schah Nameh enthält. 9) Nachdem wir feststellen konnten, daß letztere den eigentlichen Anstoß zu dem Abraxas-Gedicht gab, erscheint es angebracht, auf diese bisher nicht beachtete Tatsache hinzuweisen. Im Fundgruben-Band 2 las Goethe auch die fünfte Sure des Korans, in der Jesus es ablehnt, sich selbst als "göttlich" anzuerkennen. V. 21 bis 24 des Abraxas-Gedichts mag hierdurch angeregt sein. Ganz auf Band 2 der Fundgruben beruhen jedenfalls die ersten Worte eines Entwurfs zu dem Gedicht: "An Suleikas Hals Kreuz Auch Mobed, Abraham Mahom[et] ..." Das Wort Mobed, das Burdach zweifelhaft vorkam,1O) nimmt Bezug auf die oben zitierte Einleitung zu Hammers Schah-Nameh-Übersetzung ("Mob eden oder Priestern der Magen"). Aus dem angeführten Gesprächsbericht Boisserees möchte man freilich entnehmen, daß irgendeine Art von Lebensanregung doch hinter dem Abraxas-Gedicht steht. Es ist von einer "Begebenheit" die Rede, über die Goethe sich "ausgesprochen" habe, von "Aerger, Kummer u. Verdruß über die Angelegenheiten des Tages" etc. Solche Dinge schaffe er sich vom Halse, "wenn er sie in Gedichte bringe". Nachdem sich herausgestellt hat, daß das Hauptmotiv, das am Halse getragene Kreuz, nicht aus der Erlebenssphäre, sondern von einer Quelle stammt, wird man überhaupt den Schluß ziehen dürfen: soweit eine Lebensanregung in Frage kommt, sollte sie nicht im amourösen Bezirk zu suchen sein. Wenn Goethe gelegentlich zu Äußerungen getrieben wurde, die ihn wie in den Tagen der Aus- 8) Übersetzung aus dem Lateinischen; s. WA I 53, S. 145 f. 9) Fundgruben Bd. 2, S. 346 ff. In: "Proben einer gereimten Übersetzung des Korans" von]. v. Hammer. 10) WA I 6, 470. Frage der Anregungen 147 einandersetzung mit Lavater als "dezidierten Nichtchristen" erscheinen lassen,11) so gab gewöhnlich ein Ereignis im Bereich des Weltanschaulichen den Anlaß. Im Falle des Abraxas-Gedichts könnte eine Tagebucheintragung auf ein solches Ereignis hindeuten. Am 2. März 1815 unterhielt sich Goethe "Mittag mit August [v. Goethe]. Üb~lIclig. Veränderung". Sehr bald darauf wurde "Süßes Kind, die Perlenreihen" .Beschriebenwie man auf Grund hand schriftlicher Indizien annimmZ"'T;inerhalb der ersten Märzhälfte. I:l) Die ill der Zeit der Romantik häufigen '--" -_ ~ .... Konversionen bekannter Pcrsönlichlu:itcn erregten wiederholt Goethes Unwillen. Über wessen " Rcli /o: ionsveründerung" er am 2. März mit seinem Sohne sprach, wiire noch zu crui cren. Möglicherweise handelte es sich um das genau in dicscr Z(:it kllrsi erende Gerücht, Schelling sei zum Katholizismus übergetreten. '1:1) E ine Nachricht dieser Art jedenfalls mag das Abraxas-Gedicht hervorgerufen haben. Was darin, freilich mit starker Ironie, zur Dnrstellung gebracht wird, ist schließlich ja auch eine Art "Rclil-\iol1sveriindcrung" : der Dichter "verschwört", "verläugnet seinen Gott" (V. 43 f.). Der Freundin zuliebe wird er Renegat, zumindest während CI' sie küßt: Laß die Renegatenbü rd ' Mich in diesem Kuß vcrschmerzen: Denn ein Vi tzlirlltzli würde Talisman an Deinem Hcrzen. Will man dem Abraxas-Gecli cht einen Platz im Divan zuerkennen, so gehört es seinem Charakter IInch am ehesten in das Buch des Un- 11) An Lavatcr 29. J Illi 17R2. (WA l V G, S. 20.) 12) Vgl. WA J 6, S. 4)4 f. 11.111 7. IIlld 8. März 1815 ......,-- las Goethe laut Tagebuch "Coran", cl. h. wohl ,nt: Ilillllrn crscht: 1l Proben in den Fundgruben, die für das Abraxas-Gt:d icht Anrq.~ung t: 1l g:1ht: n. Auch Chardin, auf dessen Einwirkung Burdach hinwi t:s (WAl G, S. 470), wurde in dieser Zeit studiert. 13) Vgl. Schelling :1n st:inc Muttt:r 22 . Februar 1815; an Schubert 28. Februar 1815. (Plitt, Aus Schcllings Leben. Ud. 2, Leipzig 1870. S. 352 ff.) 10 *


148 "Süßes Kind, die Perlenreihen" muts, nicht ins Buch Suleika oder ins Buch des Parsen. Vom Buch des Unmuts sagt Goethe in den Noten und Abhandlungen: 14.) " ... Demungeachtet aber kann der Mensch solche Explosionen nicht immer zurückhalten, ja er thut wohl, wenn er seinem Verdruß ... auf diese Weise Luft zu machen trachtet. Schon jetzt hätte dieß Buch v,iel stärker und reicher seyn sollen; doch haben wir manches, um alle Mißstimmung zu verhüten, bei Seite gelegt. Wie wir denn hierbei bemerken, daß dergleichen Äußerungen, welche für den Augenblick bedenklich scheinen, in der Folge aber, als unverfänglich, mit Heiterkeit und Wohlwollen aufgenommen werden, unter der Rubrik Par a li p 0 m e n a künftigen Jahren aufgespart worden." Zu den "beiseite gelegten" Gedichten, von denen hier gesprochen wird, gehört zweifellos auch "Süßes Kind, die Perlenreihen". Damit stimmt überein, was Boissen:e von dem Gedicht berichtet. Vergessen wir auch nicht: es entstand gerade in der schon oben von uns erwähnten Zeit der Erkrankung, März 1815, als Goethe in ungewöhnlichem Maß hypochondrischen Stimmungen unterworfen war. Auch ohne Boissen':es Zureden wäre wohl die Entfernung der allzu scharfen Spottverse aus dem Divan erfolgt. Endlich sei noch ein Hinweis gegeben, welche Bedeutung das Wort Abraxas ,in unserem Gedicht hat. Das Kreuz wird darin als "Abraxas" bezeichnet, aber auf eine solche Art, daß "Abraxas" hier fast den Sinn von "Talisman" bekommt. Und nun kommst du, hast ein Zeichen Dran gehängt, das, unter allen Den Abraxas seines gleichen Mir am schlechtsten will gefallen. 14) Kapitel "Künftiger Divan". WA I 7, S. 139. Abraxas und Talisman 149 Lesen wir genau: es ist die Rede von allem, was man üblicherweise an eine Halskette als "Zeichen", als Symbol "dranzuhängen" pflegt. Normalerweise wären das Talismane, Amulette. Alles zusammen wird hier aber als Abraxas bezeichnet. "Unter allen den Abraxas" gefällt dem Dichter das Kreuz "am schlechtsten". Am Ende des Gedichts wird der Abraxas tatsächlich zu einem Talisman: Denn ein Vit:d iputzli würde Tali sman an Deinem Herzen. Abraxas und T alisman rücken also in dem Gedicht seltsam nah zusammen. Wie ist das zu erkliiren? Li egt darin nur eine Läßlichkeit des Dichters? Ein Spielen mit ernsten Begri llcn, wie man es eher bei Heine als bei Goethe kennt? N äher '8 JJ ·trachten führt uns zu einer anderen Deutung. Wir müssen uns hier an etwas cri nn et:ll, das .in den Divan-Kommentaren immer übersehen wird. Lctztcr' b 'schrii nken sich gewöhnlich darauf, Mitteilungen über di e H '(ku nft dcs Wortes Abraxas zu machen, die zahlenmystische Bedeutung, die es bei dem Gnostiker Basilides hat etc. Wichtiger für das V rsüindnis des Wortes im Divan ist jedoch, daß man sich folgendes kllll"lllllcht: ein Abraxas-Stein ist nichts anderes als ein Talisman, er hat di e gleiche Funktion, nur daß eben "Abraxas" eingeschnittcn ist: nbcntcuerliche Bilder, Figuren, Symbole - "absurde Dinge" jedenfa ll s, mit Goethe zu reden. Von Abraxas ist im Divan noch ein zweites Mal die Rede. In dem Gedicht "Segenspfäncler" lautet die vinte Strophe: D och A b r a x a s bring' ich selten! Hier soll meist das Fratzenhafte, Das ei n d üstrer Wahnsinn schaffte, Für das Allerhöchste gelten. Sag' ich euch absurde Dinge, D enkt, daß ich Abraxas bringe.


150 "Süßes Kind, die Perlenreihen" In diesen Versen wird von Abraxas mit stark negativem Akzent gesprochen. Gemeint ist aber auch hier das Aussehen der Figuren oder Symbole auf dem Abraxas-Stein, das "Fratzenhafte" daran. Etwas ganz anderes ist seine Funktion. Bezüglich dieser steht er auf derselben Stufe wie der Talisman, auch er wird als glückbringendes Symbol getragen. Die angeführte Strophe über Abraxas steht denn auch innerhalb des Divan-Gedichts, zu dem sie gehört, zusammen mit vier anderen, in denen ausschließlich positive, glückbringende Gegenstände erscheinen: Talismane, Amulette, Inschriften, Siegel. Bedenkenlos setzte Goethe über das ganze Gedicht den Titel "Segenspfänder" : offenkundig rechnete er doch auch Abraxas, wie immer er beschaffen sein mochte, zu den "Segenspfändern". Ähnlich wie in "Süßes Kind, die Perlenreihen" besteht auch hier zwischen Abraxas und Talisman kein eigentlicher, grundsätzlicher Gegensatz. Im Falle des Gedichts "Segenspfänder" lassen sich noch besondere Ursachen erkennen, die Goethe zu dieser Auffassung und Darstellung führten. Sie lagen - das wurde bisher übersehen - in der Quelle. "Segenspfänder" wurde gedichtet, wie man an sich weiß, nach einem Aufsatz J. v. Hammers im 4. Band der Fundgruben des Orients: "Über die Talismane der Moslimen". Innerhalb dieses Aufsatzes finden sich die Beschreibungen von Talismanen, Amuletten etc., die Goethe inspiriert haben. Dabei ist aber das Bemerkenswerte: Abraxas wird in diesem Zusammenhang von Hammer seiner Wirkung und Eigenschaft nach schlechtweg den Talismanen und Amuletten gleichgestellt. Der ganze Aufsatz handelt ausschließlich von glückbringenden Symbolen, Abraxas ist hier nur eines neben andern, eigentlich nur ein anderer N ame für die gleiche Sache. Ein einziger Satz drückt dies bei Hammer kurz und bündig aus: "Bei den Gnostikern hießen die Talismane AßpCl~Cl C; ." 15) Mehr wird über Abraxas überhaupt nicht gesagt. Hieraus ist nun ganz klar ersichtlich, warum Goethe bedenkenlos Abraxas neben Talismane und Amulette stellt, warum in seinem Ge- 15) Fundgruben Bd. 4, S. 155 f. Abraxas und Talisman 151 dicht Abraxas auch zu den "Segenspfändern" zählt - er lehnt sich hier, wie überhaupt in dem ganzen Gedicht, an die Vorlage an, er steht ganz unter deren Eindruck. Diese Erkenntnis ist auch aus einem anderen Grund nicht ganz unwichtig. Burdach nämlich sprach die Meinung aus, daß die Strophe über Abraxas mit dem Titel "Segenspfänder" in unbedingtem Widerspruch stehe. Hieraus leitete er weiter die Überzeugung ab, der Titel "Segenspfänder" sei von Goethe versehentlich auf das Gedicht über die Talismane, Amulette, etc. gesetzt worden. Eigentlich und rechtens gehöre er auf das jetzt "Talismane" benannte Gedicht ("Gottes ist der Orient" etc.).16) Diese ganze Argumentation geht fehl. Die aufgezeigte Übereinstimmung mit der Quelle macht es deutlich, daß Abraxas für Goethe im jetzigen Zusammenhang die gleiche funktionelle Bedeutung hatte wie Talismane und Amulette. Auch Abraxas war ein "Segenspfand". Er konnte wirklich "für das Allerhöchste gelten" - diese Wendung (V. 27) wird uns gerade im Hinblick auf die Quelle in besonderer Weise verständlich. Der Gebrauch des Wortes Abraxas in "Süßes Kind, die Perlenreihen" hat nach alle dem gleichfalls seine Erklärung gefunden. Goethe verwendet Wort und Begriff auch hier in ganz ähnlicher Weise wie 111 "Segenspfänder". Auch Abraxas gehört in diesem Sinne zu den H;) V gl. Burdach, Akademievorträge S. 58. Ein Versehen ist Goethe n~r nachzuweisen bei der überschrift des Gedichts "T alismane" ("Gottes ist der Orient" etc.). Hierüber setzt er in der Handschrift nus nicht erklärbarer Ursache - vermutlich einfach F lüchti gke it - den Titel: "Tnlismnne, Amulete, Abraxas, Inschriften und Siegel" - der inhnltlich nur mi t Segenspfänder in Verbindung zu bringen ist. D er Titel "Segenspfii nel er" steht nndererseits klar und deutlich in der Handschr\~t des Gedi chrs "Tn li sman in Carneol". Goethe hat ihn nie zurückgenommen. Zum überAu ß findet sich in der Handschrift noch eine weitere Bestätigung : elurch di e links ohen angcbrnchtc Ziffer ,,4" ist auf Nr. 4 des Wiesbadener Registers hin gewiesen, lind dort steht unter Nr. 4 wieder eindeutig der Titel: "Segenspfänder". D ie hcim Abdruck der Gedichte des Wiesbadener Registers durch E. GnJlll:lch vorgenomm ene Umstellung der Gedichte Nr. 4 und 5 (Burdach, Akadcmi evortriige S. IIO f.) ist ebenso weni g gerechtfertigt wie Burdachs Argumentation. Vgl. oben S. 133 m. Anm. 33 b; S. 134 Anm. 34.


152 "Süßes Kind, die Perlenreihen" Talismanen, er ist gleichsam ein Talisman mit anderem Vorzeichen. Die Verwandlung des Abraxas in einen Talisman am Schluß des Gedichts bedeutet zwar ein Spielen mit witziger Pointierung, sie ist aber durchaus nicht so unseriös, wie es auf den ersten Blick erscheint. Eine festumrissene Ansicht vom Wesen des Abraxas steht dahinter, wie Goethe sie aus Hammers Aufsatz soeben gewonnen hatte. Denn als "Süßes Kind, die Perlenreihen" geschrieben wurde, stand er noch frisch unter dem Eindruck jenes Aufsatzes - die Entstehung des Gedichts liegt zeitlich nicht fern von derjenigen der "Segenspfänder" . Heide stammen ja aus derselben Epoche des Fundgruben-Studiums im Frühjahr 1815. N ACHWORT Anlaß zu den vorli egenden Untersuchungen gaben die Arbeiten am Divan-Band der "Entstehung vo n Goethes Werken" in D okumenten".!) Auf diesen in Vorbereitung befindlichen Band, der Entstehungszeugn isse und Q ucl lentcxte zum West-östlichen Divan vereint, sei hiermit verwiesen. Bereits frü her sind erschienen die Kapitel "Herr! laß dir gefallen" - in "Euphorion" Bd. 5 (1961) Heft 3 - und "Abraxas" in "For·· sch ungen und Fortschritte" Jg. 36 (1962) Heft 5. Ich danke den Verlegern und Herausgebern für die Genehmigung zum Wiederabdruck. D as Goethe- und Schiller-Archiv zu Weimar (GSA) gab freundlicherweise die Erlaubnis zur Veröffentlichung von handschriftlichem Material. Für Auskünfte danke ich Herrn Professor Hans Albert Maier (Storrs, Connecticut) und Frl. Dr. Johanna Salomon (Jena). I) Momme Mommsen, unter Mitwirkung von Katharina Mommsen: Die Entstehung von Goethes Werken in Dokumenten. Bisher erschienen Band 1 und 2 . Berlin 19)8.

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