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Das Erdbeben in Chili - Joachimschmid.ch

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He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> von Kleist<br />

(1777-1811)<br />

<strong>Das</strong> <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

[1806]<br />

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In St. Jago, der Hauptstadt des Königrei<strong>ch</strong>s <strong>Chili</strong>1, stand gerade <strong>in</strong><br />

dem Augenblicke der großen Erders<strong>ch</strong>ütterung2 vom Jahre 1647, bei<br />

wel<strong>ch</strong>er viele tausend Mens<strong>ch</strong>en ihren Untergang fanden, e<strong>in</strong> junger,<br />

auf e<strong>in</strong> Verbre<strong>ch</strong>en angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an<br />

e<strong>in</strong>em Pfeiler des Gefängnisses, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>es man ihn e<strong>in</strong>gesperrt hatte,<br />

und wollte si<strong>ch</strong> erhenken. Don Henrico Asteron, e<strong>in</strong>er der rei<strong>ch</strong>sten<br />

Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefähr e<strong>in</strong> Jahr zuvor aus se<strong>in</strong>em<br />

Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er si<strong>ch</strong> mit<br />

Donna Josephe, se<strong>in</strong>er e<strong>in</strong>zigen To<strong>ch</strong>ter, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em zärtli<strong>ch</strong>en E<strong>in</strong>verständnis<br />

befunden hatte. E<strong>in</strong>e geheime Bestellung3, die dem alten<br />

Don, na<strong>ch</strong>dem er die To<strong>ch</strong>ter na<strong>ch</strong>drückli<strong>ch</strong> gewarnt hatte, dur<strong>ch</strong><br />

die hämis<strong>ch</strong>e Aufmerksamkeit se<strong>in</strong>es stolzen Sohnes verraten worden<br />

war, entrüstete ihn dergestalt, dass er sie <strong>in</strong> dem Karmeliterkloster4<br />

unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbra<strong>ch</strong>te.<br />

Dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>en glückli<strong>ch</strong>en Zufall hatte Jeronimo hier die Verb<strong>in</strong>dung<br />

von neuem anzuknüpfen gewusst, und <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er vers<strong>ch</strong>wiegenen<br />

Na<strong>ch</strong>t den Klostergarten zum S<strong>ch</strong>auplatze se<strong>in</strong>es vollen Glückes gema<strong>ch</strong>t.<br />

Es war am Fronlei<strong>ch</strong>namsfeste5, und die feierli<strong>ch</strong>e Prozession<br />

1 St. Jago... Königrei<strong>ch</strong>s <strong>Chili</strong>: Santiago de Chile; Chile war von der Mitte<br />

des 16. Jhds. bis zum Beg<strong>in</strong>n des 19. Jhds. spanis<strong>ch</strong>e Kolonie. Die Bezei<strong>ch</strong>nung<br />

›Königrei<strong>ch</strong>‹ war übli<strong>ch</strong>, obwohl Chile nur von e<strong>in</strong>em Statthalter<br />

regiert wurde, der dem Vizekönig von Peru unterstand.<br />

2 Erders<strong>ch</strong>ütterung: Chile wurde am 13. Mai 1647 von e<strong>in</strong>em <strong>Erdbeben</strong><br />

heimgesu<strong>ch</strong>t. Für Kleists Leser stand die Er<strong>in</strong>nerung an das <strong>Erdbeben</strong><br />

<strong>in</strong> Lissabon im Vordergrund, das an Allerheiligen (1. Nov.) 1755 die<br />

Stadt zerstörte und dem zahlrei<strong>ch</strong>e <strong>in</strong> den Kir<strong>ch</strong>en Betende zum Opfer<br />

fielen.<br />

3 Bestellung: hier: Verabredung.<br />

4 Karmeliter: mittelalterl. Frauenbettelorden, der si<strong>ch</strong> vor allem der Seelsorge<br />

widmete und den Marienkult pflegte.<br />

5 Fronlei<strong>ch</strong>nam: (mhd. fron: Herr / li<strong>ch</strong>nam: Leib): Fest am 2. Donnerstag<br />

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der Nonnen, wel<strong>ch</strong>en die Novizen6 folgten, nahm eben ihren Anfang,<br />

als die unglückli<strong>ch</strong>e Josephe, bei dem Anklange der Glocken, <strong>in</strong><br />

Mutterwehen auf den Stufen der Kathedrale niedersank.<br />

Dieser Vorfall ma<strong>ch</strong>te außerordentli<strong>ch</strong>es Aufsehn; man bra<strong>ch</strong>te<br />

die junge Sünder<strong>in</strong>, ohne Rücksi<strong>ch</strong>t auf ihren Zustand, soglei<strong>ch</strong> <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong> Gefängnis, und kaum war sie aus den Wo<strong>ch</strong>en erstanden, als ihr<br />

s<strong>ch</strong>on, auf Befehl des Erzbis<strong>ch</strong>ofs, der ges<strong>ch</strong>ärfteste7 Prozess gema<strong>ch</strong>t<br />

ward. Man spra<strong>ch</strong> <strong>in</strong> der Stadt mit e<strong>in</strong>er so großen Erbitterung von<br />

diesem Skandal, und die Zungen fielen so s<strong>ch</strong>arf über das ganze Kloster<br />

her, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em er si<strong>ch</strong> zugetragen hatte, dass weder die Fürbitte<br />

der Familie Asteron, no<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> der Wuns<strong>ch</strong> der Äbtiss<strong>in</strong> selbst, wel<strong>ch</strong>e<br />

das junge Mäd<strong>ch</strong>en wegen ihres sonst untadelhaften Betragens<br />

liebgewonnen hatte, die Strenge, mit wel<strong>ch</strong>er das klösterli<strong>ch</strong>e Gesetz<br />

sie bedrohte, mildern konnte. Alles, was ges<strong>ch</strong>ehen konnte, war, dass<br />

der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde, zur großen Entrüstung der<br />

Matronen8 und Jungfrauen von St. Jago, dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>en Ma<strong>ch</strong>tspru<strong>ch</strong><br />

des Vizekönigs, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Enthauptung verwandelt ward.<br />

Man vermietete <strong>in</strong> den Straßen, dur<strong>ch</strong> wel<strong>ch</strong>e der H<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tungszug<br />

gehen sollte, die Fenster, man trug die Dä<strong>ch</strong>er der Häuser ab,<br />

und die frommen Tö<strong>ch</strong>ter der Stadt luden ihre Freund<strong>in</strong>nen e<strong>in</strong>, um<br />

dem S<strong>ch</strong>auspiele, das der göttli<strong>ch</strong>en Ra<strong>ch</strong>e gegeben wurde, an ihrer<br />

s<strong>ch</strong>westerli<strong>ch</strong>en Seite beizuwohnen.<br />

Jeronimo, der <strong>in</strong>zwis<strong>ch</strong>en au<strong>ch</strong> <strong>in</strong> e<strong>in</strong> Gefängnis gesetzt worden<br />

war, wollte die Bes<strong>in</strong>nung verlieren, als er diese ungeheure Wendung<br />

na<strong>ch</strong> Pf<strong>in</strong>gsten, das der Umwandlung von Brot und We<strong>in</strong> <strong>in</strong> Leib und<br />

Blut Christi gewidmet ist und mit e<strong>in</strong>er Prozession gefeiert wird.<br />

6 Novize: (lat. novicius: Neul<strong>in</strong>g) Zukünftige Ordensangehörige, die si<strong>ch</strong><br />

auf die Ablegung der Gelübde vorbereiten.<br />

7 der ges<strong>ch</strong>ärfteste Prozess: D. h. mit Anwendung der Folter.<br />

8 Matrone: (lat. matrona) Ältere, würdevolle verheiratete oder verwitwete<br />

Frau.<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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der D<strong>in</strong>ge erfuhr. Vergebens sann er auf Rettung: überall, woh<strong>in</strong> ihn<br />

au<strong>ch</strong> der Fittig der vermessensten Gedanken trug, stieß er auf Riegel<br />

und Mauern, und e<strong>in</strong> Versu<strong>ch</strong>, die Gitterfenster zu dur<strong>ch</strong>feilen, zog<br />

ihm, da er entdeckt ward, e<strong>in</strong>e nur no<strong>ch</strong> engere E<strong>in</strong>sperrung zu. Er<br />

warf si<strong>ch</strong> vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder, und<br />

betete mit unendli<strong>ch</strong>er Inbrunst zu ihr, als der e<strong>in</strong>zigen, von der ihm<br />

jetzt no<strong>ch</strong> Rettung kommen könnte.<br />

Do<strong>ch</strong> der gefür<strong>ch</strong>tete Tag ers<strong>ch</strong>ien, und mit ihm <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Brust<br />

die Überzeugung von der völligen Hoffnungslosigkeit se<strong>in</strong>er Lage.<br />

Die Glocken, wel<strong>ch</strong>e Josephen zum Ri<strong>ch</strong>tplatz begleiteten, ertönten,<br />

und Verzweiflung bemä<strong>ch</strong>tigte si<strong>ch</strong> se<strong>in</strong>er Seele. <strong>Das</strong> Leben s<strong>ch</strong>ien<br />

ihm verhasst, und er bes<strong>ch</strong>loss, si<strong>ch</strong> dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>en Strick, den ihm der<br />

Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Eben stand er, wie s<strong>ch</strong>on<br />

gesagt, an e<strong>in</strong>em Wandpfeiler und befestigen den Strick, der ihn dieser<br />

jammervollen Welt entreißen sollte, an e<strong>in</strong>e Eisenklammer, die an<br />

dem Gesimse derselben e<strong>in</strong>gefugt war; als plötzli<strong>ch</strong> der größte Teil<br />

der Stadt, mit e<strong>in</strong>em Gekra<strong>ch</strong>e, als ob das Firmament e<strong>in</strong>stürzte, versank,<br />

und alles, was Leben atmete, unter se<strong>in</strong>en Trümmern begrub.<br />

Jeronimo Rugera war starr vor Entsetzen; und glei<strong>ch</strong> als ob se<strong>in</strong> ganzes<br />

Bewusstse<strong>in</strong> zers<strong>ch</strong>mettert worden wäre, hielt er si<strong>ch</strong> jetzt an dem<br />

Pfeiler, an wel<strong>ch</strong>em er hatte sterben wollen, um ni<strong>ch</strong>t umzufallen.<br />

Der Boden wankte unter se<strong>in</strong>en Füßen, alle Wände des Gefängnisses<br />

rissen, der ganze Bau neigte si<strong>ch</strong>, na<strong>ch</strong> der Straße zu e<strong>in</strong>zustürzen,<br />

und nur der, se<strong>in</strong>em langsamen Fall begegnende, Fall des gegenüberstehenden<br />

Gebäudes verh<strong>in</strong>derte, dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e zufällige Wölbung, die<br />

gänzli<strong>ch</strong>e Zubodenstreckung desselben. Zitternd, mit sträubenden<br />

Haaren, und Knien, die unter ihm bre<strong>ch</strong>en wollten, glitt Jeronimo<br />

über den s<strong>ch</strong>iefgesenkten Fußboden h<strong>in</strong>weg, der Öffnung zu, die der<br />

Zusammens<strong>ch</strong>lag beider Häuser <strong>in</strong> die vordere Wand des Gefängnisses<br />

e<strong>in</strong>gerissen hatte.<br />

Kaum befand er si<strong>ch</strong> im Freien, als die ganze, s<strong>ch</strong>on ers<strong>ch</strong>ütterte<br />

Straße auf e<strong>in</strong>e zweite Bewegung der Erde völlig zusammenfiel. Bes<strong>in</strong>nungslos,<br />

wie er si<strong>ch</strong> aus diesem allgeme<strong>in</strong>en Verderben retten<br />

würde, eilte er, über S<strong>ch</strong>utt und Gebälk h<strong>in</strong>weg, <strong>in</strong>dessen der Tod<br />

von allen Seiten Angriffe auf ihn ma<strong>ch</strong>te, na<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>em der nä<strong>ch</strong>sten<br />

Tore der Stadt. Hier stürzte no<strong>ch</strong> e<strong>in</strong> Haus zusammen, und jagte ihn,<br />

die Trümmer weit umhers<strong>ch</strong>leudernd, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Nebenstraße; hier leckte<br />

die Flamme s<strong>ch</strong>on, <strong>in</strong> Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln,<br />

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und trieb ihn s<strong>ch</strong>reckenvoll <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e andere; hier wälzte si<strong>ch</strong>, aus se<strong>in</strong>em<br />

Gestade gehoben, der Mapo<strong>ch</strong>ofluß auf ihn heran, und riss ihn<br />

brüllend <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e dritte. Hier lag e<strong>in</strong> Haufen Ers<strong>ch</strong>lagener, hier ä<strong>ch</strong>zte<br />

no<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e Stimme unter dem S<strong>ch</strong>utte, hier s<strong>ch</strong>rieen Leute von brennenden<br />

Dä<strong>ch</strong>ern herab, hier kämpften Mens<strong>ch</strong>en und Tiere mit den<br />

Wellen, hier war e<strong>in</strong> mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand e<strong>in</strong><br />

anderer, blei<strong>ch</strong> wie der Tod, und streckte spra<strong>ch</strong>los zitternde Hände<br />

zum Himmel. Als Jeronimo das Tor errei<strong>ch</strong>t, und e<strong>in</strong>en Hügel jenseits<br />

desselben bestiegen hatte, sank er ohnmä<strong>ch</strong>tig auf demselben<br />

nieder.<br />

Er mo<strong>ch</strong>te wohl e<strong>in</strong>e Viertelstunde <strong>in</strong> der tiefsten Bewusstlosigkeit<br />

gelegen haben, als er endli<strong>ch</strong> wieder erwa<strong>ch</strong>te, und si<strong>ch</strong>, mit na<strong>ch</strong><br />

der Stadt gekehrtem Rücken, halb auf dem Erdboden erhob. Er befühlte<br />

si<strong>ch</strong> Stirn und Brust, unwissend, was er aus se<strong>in</strong>em Zustande<br />

ma<strong>ch</strong>en sollte, und e<strong>in</strong> unsägli<strong>ch</strong>es Wonnegefühl ergriff ihn, als e<strong>in</strong><br />

Westw<strong>in</strong>d, vom Meere her, se<strong>in</strong> wiederkehrendes Leben anwehte,<br />

und se<strong>in</strong> Auge si<strong>ch</strong> na<strong>ch</strong> allen Ri<strong>ch</strong>tungen über die blühende Gegend<br />

von St. Jago h<strong>in</strong>wandte. Nur die verstörten Mens<strong>ch</strong>enhaufen, die<br />

si<strong>ch</strong> überall blicken ließen, beklemmten se<strong>in</strong> Herz; er begriff ni<strong>ch</strong>t,<br />

was ihn und sie hiehergeführt haben konnte, und erst, da er si<strong>ch</strong> umkehrte,<br />

und die Stadt h<strong>in</strong>ter si<strong>ch</strong> versunken sah, er<strong>in</strong>nerte er si<strong>ch</strong> des<br />

s<strong>ch</strong>reckli<strong>ch</strong>en Augenblicks, den er erlebt hatte. Er senkte si<strong>ch</strong> so tief,<br />

dass se<strong>in</strong>e Stirn den Boden berührte, Gott für se<strong>in</strong>e wunderbare Errettung<br />

zu danken; und glei<strong>ch</strong>, als ob der e<strong>in</strong>e entsetzli<strong>ch</strong>e E<strong>in</strong>druck,<br />

der si<strong>ch</strong> se<strong>in</strong>em Gemüt e<strong>in</strong>geprägt hatte, alle früheren daraus verdrängt<br />

hätte, we<strong>in</strong>te er vor Lust, dass er si<strong>ch</strong> des liebli<strong>ch</strong>en Lebens,<br />

voll bunter Ers<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>ungen, no<strong>ch</strong> erfreue.<br />

Drauf, als er e<strong>in</strong>es R<strong>in</strong>ges an se<strong>in</strong>er Hand gewahrte, er<strong>in</strong>nerte er<br />

si<strong>ch</strong> plötzli<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> Josephens, und mit ihr se<strong>in</strong>es Gefängnisses, der<br />

Glocken, die er dort gehört hatte, und des Augenblicks, der dem E<strong>in</strong>sturze<br />

desselben vorangegangen war. Tiefe S<strong>ch</strong>wermut erfüllte wieder<br />

se<strong>in</strong>e Brust; se<strong>in</strong> Gebet f<strong>in</strong>g ihn zu reuen an, und für<strong>ch</strong>terli<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>ien<br />

ihm das Wesen, das über den Wolken waltet. Er mis<strong>ch</strong>te si<strong>ch</strong> unter<br />

das Volk, das überall, mit Rettung des Eigentums bes<strong>ch</strong>äftigt, aus<br />

den Toren stürzte, und wagte s<strong>ch</strong>ü<strong>ch</strong>tern na<strong>ch</strong> der To<strong>ch</strong>ter Asterons,<br />

und ob die H<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tung an ihr vollzogen worden sei, zu fragen; do<strong>ch</strong><br />

niemand war, der ihm umständli<strong>ch</strong>e Auskunft gab. E<strong>in</strong>e Frau, die auf<br />

e<strong>in</strong>em fast zur Erde gedrückten Nacken e<strong>in</strong>e ungeheure Last von Ge-<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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räts<strong>ch</strong>aften und zwei K<strong>in</strong>der, an der Brust hängend, trug, sagte im<br />

Vorbeigehen, als ob sie es selbst angesehen hätte: dass sie enthauptet<br />

worden sei. Jeronimo kehrte si<strong>ch</strong> um; und da er, wenn er die Zeit bere<strong>ch</strong>nete,<br />

selbst an ihrer Vollendung ni<strong>ch</strong>t zweifeln konnte, so setzte<br />

er si<strong>ch</strong> <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em e<strong>in</strong>samen Walde nieder, und überließ si<strong>ch</strong> se<strong>in</strong>em<br />

vollen S<strong>ch</strong>merz. Er wüns<strong>ch</strong>te, dass die zerstörende Gewalt der Natur<br />

von neuem über ihn e<strong>in</strong>bre<strong>ch</strong>en mö<strong>ch</strong>te. Er begriff ni<strong>ch</strong>t, warum er<br />

dem Tode, den se<strong>in</strong>e jammervolle Seele so su<strong>ch</strong>te, <strong>in</strong> jenen Augenblicken,<br />

da er ihm freiwillig von allen Seiten rettend ers<strong>ch</strong>ien, entflohen<br />

sei. Er nahm si<strong>ch</strong> fest vor, ni<strong>ch</strong>t zu wanken, wenn au<strong>ch</strong> jetzt die Ei<strong>ch</strong>en<br />

entwurzelt werden, und ihre Wipfel über ihn zusammenstürzen<br />

sollten. Darauf nun, da er si<strong>ch</strong> ausgewe<strong>in</strong>t hatte, und ihm, mitten<br />

unter den heißesten Tränen, die Hoffnung wieder ers<strong>ch</strong>ienen war,<br />

stand er auf, und dur<strong>ch</strong>streifte na<strong>ch</strong> allen Ri<strong>ch</strong>tungen das Feld. Jeden<br />

Berggipfel, auf dem si<strong>ch</strong> die Mens<strong>ch</strong>en versammelt hatten, besu<strong>ch</strong>te<br />

er; auf allen Wegen, wo si<strong>ch</strong> der Strom der Flu<strong>ch</strong>t no<strong>ch</strong> bewegte, begegnete<br />

er ihnen; wo nur irgend e<strong>in</strong> weibli<strong>ch</strong>es Gewand im W<strong>in</strong>de<br />

flatterte, da trug ihn se<strong>in</strong> zitternder Fuß h<strong>in</strong>: do<strong>ch</strong> ke<strong>in</strong>es deckte die<br />

geliebte To<strong>ch</strong>ter Asterons. Die Sonne neigte si<strong>ch</strong>, und mit ihr se<strong>in</strong>e<br />

Hoffnung s<strong>ch</strong>on wieder zum Untergange, als er den Rand e<strong>in</strong>es Felsens<br />

betrat, und si<strong>ch</strong> ihm die Aussi<strong>ch</strong>t <strong>in</strong> e<strong>in</strong> weites, nur von wenig<br />

Mens<strong>ch</strong>en besu<strong>ch</strong>tes Tal eröffnete. Er dur<strong>ch</strong>lief, uns<strong>ch</strong>lüssig, was er<br />

tun sollte, die e<strong>in</strong>zelnen Gruppen derselben, und wollte si<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>on<br />

wieder wenden, als er plötzli<strong>ch</strong> an e<strong>in</strong>er Quelle, die die S<strong>ch</strong>lu<strong>ch</strong>t bewässerte,<br />

e<strong>in</strong> junges Weib erblickte, bes<strong>ch</strong>äftigt, e<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />

Fluten zu re<strong>in</strong>igen. Und das Herz hüpfte ihm bei diesem Anblick: er<br />

sprang voll Ahndung über die Geste<strong>in</strong>e herab, und rief: O Mutter<br />

Gottes, du Heilige! und erkannte Josephen, als sie si<strong>ch</strong> bei dem Geräus<strong>ch</strong>e<br />

s<strong>ch</strong>ü<strong>ch</strong>tern umsah. Mit wel<strong>ch</strong>er Seligkeit umarmten sie si<strong>ch</strong>,<br />

die Unglückli<strong>ch</strong>en, die e<strong>in</strong> Wunder des Himmels gerettet hatte!<br />

Josephe war, auf ihrem Gang zum Tode, dem Ri<strong>ch</strong>tplatze s<strong>ch</strong>on<br />

ganz nahe gewesen, als dur<strong>ch</strong> den kra<strong>ch</strong>enden E<strong>in</strong>sturz der Gebäude<br />

plötzli<strong>ch</strong> der ganze H<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tungszug ause<strong>in</strong>ander gesprengt ward. Ihre<br />

ersten entsetzensvollen S<strong>ch</strong>ritte trugen sie hierauf dem nä<strong>ch</strong>sten<br />

Tore zu; do<strong>ch</strong> die Bes<strong>in</strong>nung kehrte ihr bald wieder, und sie wandte<br />

si<strong>ch</strong>, um na<strong>ch</strong> dem Kloster zu eilen, wo ihr kle<strong>in</strong>er, hülfloser Knabe<br />

zurückgeblieben war. Sie fand das ganze Kloster s<strong>ch</strong>on <strong>in</strong> Flammen,<br />

und die Äbtiss<strong>in</strong>, die ihr <strong>in</strong> jenen Augenblicken, die ihre letzten se<strong>in</strong><br />

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sollten, Sorge für den Säugl<strong>in</strong>g angelobt hatte, s<strong>ch</strong>rie eben, vor den<br />

Pforten stehend, na<strong>ch</strong> Hülfe, um ihn zu retten. Josephe stürzte si<strong>ch</strong>,<br />

uners<strong>ch</strong>rocken dur<strong>ch</strong> den Dampf, der ihr entgegenqualmte, <strong>in</strong> das<br />

von allen Seiten s<strong>ch</strong>on zusammenfallende Gebäude, und glei<strong>ch</strong>, als<br />

ob alle Engel des Himmels sie ums<strong>ch</strong>irmten, trat sie mit ihm unbes<strong>ch</strong>ädigt<br />

wieder aus dem Portal hervor. Sie wollte der Äbtiss<strong>in</strong>, wel<strong>ch</strong>e<br />

die Hände über ihr Haupt zusammens<strong>ch</strong>lug, eben <strong>in</strong> die Arme<br />

s<strong>in</strong>ken, als diese, mit fast allen ihren Klosterfrauen, von e<strong>in</strong>em herabfallenden<br />

Giebel des Hauses, auf e<strong>in</strong>e s<strong>ch</strong>mähli<strong>ch</strong>e Art ers<strong>ch</strong>lagen<br />

ward. Josephe bebte bei diesem entsetzli<strong>ch</strong>en Anblicke zurück; sie<br />

drückte der Äbtiss<strong>in</strong> flü<strong>ch</strong>tig die Augen zu, und floh, ganz von S<strong>ch</strong>recken<br />

erfüllt, den teuern Knaben, den ihr der Himmel wieder ges<strong>ch</strong>enkt<br />

hatte, dem Verderben zu entreißen.<br />

Sie hatte no<strong>ch</strong> wenig S<strong>ch</strong>ritte getan, als ihr au<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>on die Lei<strong>ch</strong>e<br />

des Erzbis<strong>ch</strong>ofs begegnete, die man soeben zers<strong>ch</strong>mettert aus dem<br />

S<strong>ch</strong>utt der Kathedrale hervorgezogen hatte. Der Palast des Vizekönigs<br />

war versunken, der Geri<strong>ch</strong>tshof, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em ihr das Urteil gespro<strong>ch</strong>en<br />

worden war, stand <strong>in</strong> Flammen, und an die Stelle, wo si<strong>ch</strong><br />

ihr väterli<strong>ch</strong>es Haus befunden hatte, war e<strong>in</strong> See getreten, und ko<strong>ch</strong>te<br />

rötli<strong>ch</strong>e Dämpfe aus. Josephe raffte alle ihre Kräfte zusammen, si<strong>ch</strong><br />

zu halten. Sie s<strong>ch</strong>ritt, den Jammer von ihrer Brust entfernend, mutig<br />

mit ihrer Beute von Straße zu Straße, und war s<strong>ch</strong>on dem Tore nah,<br />

als sie au<strong>ch</strong> das Gefängnis, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em Jeronimo geseufzt hatte, <strong>in</strong><br />

Trümmern sah. Bei diesem Anblicke wankte sie, und wollte bes<strong>in</strong>nungslos<br />

an e<strong>in</strong>er Ecke nieders<strong>in</strong>ken; do<strong>ch</strong> <strong>in</strong> demselben Augenblick<br />

jagte sie der Sturz e<strong>in</strong>es Gebäudes h<strong>in</strong>ter ihr, das die Ers<strong>ch</strong>ütterungen<br />

s<strong>ch</strong>on ganz aufgelöst hatten, dur<strong>ch</strong> das Entsetzen gestärkt, wieder auf;<br />

sie küsste das K<strong>in</strong>d, drückte si<strong>ch</strong> die Tränen aus den Augen, und errei<strong>ch</strong>te,<br />

ni<strong>ch</strong>t mehr auf die Gräuel, die sie umr<strong>in</strong>gten, a<strong>ch</strong>tend, das<br />

Tor. Als sie si<strong>ch</strong> im Freien sah, s<strong>ch</strong>loss sie bald, dass ni<strong>ch</strong>t jeder, der<br />

e<strong>in</strong> zertrümmertes Gebäude bewohnt hatte, unter ihm notwendig<br />

müsse zers<strong>ch</strong>mettert worden se<strong>in</strong>.<br />

An dem nä<strong>ch</strong>sten S<strong>ch</strong>eidewege stand sie still, und harrte, ob ni<strong>ch</strong>t<br />

e<strong>in</strong>er, der ihr, na<strong>ch</strong> dem kle<strong>in</strong>en Philipp, der liebste auf der Welt war,<br />

no<strong>ch</strong> ers<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>en würde. Sie g<strong>in</strong>g, weil niemand kam, und das Gewühl<br />

der Mens<strong>ch</strong>en anwu<strong>ch</strong>s, weiter, und kehrte si<strong>ch</strong> wieder um,<br />

und harrte wieder; und s<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>, viel Tränen vergießend, <strong>in</strong> e<strong>in</strong> dunkles,<br />

von P<strong>in</strong>ien bes<strong>ch</strong>attetes Tal, um se<strong>in</strong>er Seele, die sie entflohen<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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glaubte, na<strong>ch</strong>zubeten; und fand ihn hier, diesen Geliebten, im Tale,<br />

und Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wäre.<br />

Dies alles erzählte sie jetzt voll Rührung dem Jeronimo, und<br />

rei<strong>ch</strong>te ihm, da sie vollendet hatte, den Knaben zum Küssen dar. –<br />

Jeronimo nahm ihn, und häts<strong>ch</strong>elte ihn <strong>in</strong> unsägli<strong>ch</strong>er Vaterfreude,<br />

und vers<strong>ch</strong>loss ihm, da er das fremde Antlitz anwe<strong>in</strong>te, mit Liebkosungen<br />

ohne Ende den Mund. Indessen war die s<strong>ch</strong>önste Na<strong>ch</strong>t herabgestiegen,<br />

voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still,<br />

wie nur e<strong>in</strong> Di<strong>ch</strong>ter davon träumen mag. Überall, längs der Talquelle,<br />

hatten si<strong>ch</strong>, im S<strong>ch</strong>immer des Monds<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>s, Mens<strong>ch</strong>en niedergelassen,<br />

und bereiteten si<strong>ch</strong> sanfte Lager von Moos und Laub, um von<br />

e<strong>in</strong>em so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil die Armen immer<br />

no<strong>ch</strong> jammerten; dieser, dass er se<strong>in</strong> Haus, jener, dass er Weib und<br />

K<strong>in</strong>d, und der dritte, dass er alles verloren habe: so s<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Jeronimo<br />

und Josephe <strong>in</strong> e<strong>in</strong> di<strong>ch</strong>teres Gebüs<strong>ch</strong>, um dur<strong>ch</strong> das heimli<strong>ch</strong>e<br />

Gejau<strong>ch</strong>z ihrer Seelen niemand zu betrüben. Sie fanden e<strong>in</strong>en pra<strong>ch</strong>tvollen<br />

Granatapfelbaum9, der se<strong>in</strong>e Zweige, voll duftender Frü<strong>ch</strong>te,<br />

weit ausbreitete; und die Na<strong>ch</strong>tigall flötete im Wipfel ihr wollüstiges<br />

Lied. Hier ließ si<strong>ch</strong> Jeronimo am Stamme nieder, und Josephe <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em,<br />

Philipp <strong>in</strong> Josephens S<strong>ch</strong>oß, saßen sie, von se<strong>in</strong>em Mantel bedeckt,<br />

und ruhten. Der Baums<strong>ch</strong>atten zog, mit se<strong>in</strong>en verstreuten<br />

Li<strong>ch</strong>tern, über sie h<strong>in</strong>weg, und der Mond erblasste s<strong>ch</strong>on wieder vor<br />

der Morgenröte, ehe sie e<strong>in</strong>s<strong>ch</strong>liefen. Denn Unendli<strong>ch</strong>es hatten sie zu<br />

s<strong>ch</strong>watzen vom Klostergarten und den Gefängnissen, und was sie um<br />

e<strong>in</strong>ander gelitten hätten; und waren sehr gerührt, wenn sie da<strong>ch</strong>ten,<br />

wie viel Elend über die Welt kommen musste, damit sie glückli<strong>ch</strong><br />

würden!<br />

Sie bes<strong>ch</strong>lossen, sobald die Erders<strong>ch</strong>ütterungen aufgehört haben<br />

würden, na<strong>ch</strong> La Conception10 zu gehen, wo Josephe e<strong>in</strong>e vertraute<br />

Freund<strong>in</strong> hatte, si<strong>ch</strong> mit e<strong>in</strong>em kle<strong>in</strong>en Vors<strong>ch</strong>uss, den sie von ihr zu<br />

erhalten hoffte, von dort na<strong>ch</strong> Spanien e<strong>in</strong>zus<strong>ch</strong>iffen, wo Jeronimos<br />

mütterli<strong>ch</strong>e Verwandten wohnten, und daselbst ihr glückli<strong>ch</strong>es Leben<br />

9 Granatapfel: In der Antike e<strong>in</strong> Symbol der Fru<strong>ch</strong>tbarkeit (wegen der<br />

zahlrei<strong>ch</strong>en Kerne) und der Liebe (wegen des <strong>in</strong>tensiv roten Safts), im<br />

Christentum e<strong>in</strong> Mariensymbol und e<strong>in</strong> Symbol des Märtyrertums.<br />

10 La Conception: (span.: Empfängnis) Der Name der <strong>ch</strong>ilen. Stadt bezieht<br />

si<strong>ch</strong> auf die unbefleckte Empfängnis Marias dur<strong>ch</strong> ihre Mutter Anna.<br />

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zu bes<strong>ch</strong>ließen. Hierauf, unter vielen Küssen, s<strong>ch</strong>liefen sie e<strong>in</strong>.<br />

Als sie erwa<strong>ch</strong>ten, stand die Sonne s<strong>ch</strong>on ho<strong>ch</strong> am Himmel, und<br />

sie bemerkten <strong>in</strong> ihrer Nähe mehrere Familien, bes<strong>ch</strong>äftigt, si<strong>ch</strong> am<br />

Feuer e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Morgenbrot zu bereiten. Jeronimo da<strong>ch</strong>te eben<br />

au<strong>ch</strong>, wie er Nahrung für die Se<strong>in</strong>igen herbeis<strong>ch</strong>affen sollte, als e<strong>in</strong><br />

junger wohlgekleideter Mann, mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>de auf dem Arm, zu Josephen<br />

trat, und sie mit Bes<strong>ch</strong>eidenheit fragte: ob sie diesem armen<br />

Wurme, dessen Mutter dort unter den Bäumen bes<strong>ch</strong>ädigt liege,<br />

ni<strong>ch</strong>t auf kurze Zeit ihre Brust rei<strong>ch</strong>en wolle? Josephe war e<strong>in</strong> wenig<br />

verwirrt, als sie <strong>in</strong> ihm e<strong>in</strong>en Bekannten erblickte; do<strong>ch</strong> da er, <strong>in</strong>dem<br />

er ihre Verwirrung fals<strong>ch</strong> deutete, fortfuhr: es ist nur auf wenige Augenblicke,<br />

Donna Josephe, und dieses K<strong>in</strong>d hat, seit jener Stunde, die<br />

uns alle unglückli<strong>ch</strong> gema<strong>ch</strong>t hat, ni<strong>ch</strong>ts genossen; so sagte sie: »i<strong>ch</strong><br />

s<strong>ch</strong>wieg – aus e<strong>in</strong>em andern Grunde, Don Fernando; <strong>in</strong> diesen<br />

s<strong>ch</strong>reckli<strong>ch</strong>en Zeiten weigert si<strong>ch</strong> niemand, von dem, was er besitzen<br />

mag, mitzuteilen«: und nahm den kle<strong>in</strong>en Fremdl<strong>in</strong>g, <strong>in</strong>dem sie ihr<br />

eigenes K<strong>in</strong>d dem Vater gab, und legte ihn an ihre Brust. Don Fernando<br />

war sehr dankbar für diese Güte, und fragte: ob sie si<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t<br />

mit ihm zu jener Gesells<strong>ch</strong>aft verfügen wollten, wo eben jetzt beim<br />

Feuer e<strong>in</strong> kle<strong>in</strong>es Frühstück bereitet werde? Josephe antwortete, dass<br />

sie dies Anerbieten mit Vergnügen annehmen würde, und folgte ihm,<br />

da au<strong>ch</strong> Jeronimo ni<strong>ch</strong>ts e<strong>in</strong>zuwenden hatte, zu se<strong>in</strong>er Familie, wo sie<br />

auf das <strong>in</strong>nigste und zärtli<strong>ch</strong>ste von Don Fernandos beiden S<strong>ch</strong>wäger<strong>in</strong>nen,<br />

die sie als sehr würdige junge Damen kannte, empfangen<br />

ward.<br />

Donna Elvire, Don Fernandos Gemahl<strong>in</strong>, wel<strong>ch</strong>e s<strong>ch</strong>wer an den<br />

Füßen verwundet auf der Erde lag, zog Josephen, da sie ihren abgehärmten<br />

Knaben an der Brust derselben sah, mit vieler Freundli<strong>ch</strong>keit<br />

zu si<strong>ch</strong> nieder. Au<strong>ch</strong> Don Pedro, se<strong>in</strong> S<strong>ch</strong>wiegervater, der an der<br />

S<strong>ch</strong>ulter verwundet war, nickte ihr liebrei<strong>ch</strong> mit dem Haupte zu. –<br />

In Jeronimos und Josephens Brust regten si<strong>ch</strong> Gedanken von seltsamer<br />

Art. Wenn sie si<strong>ch</strong> mit so vieler Vertrauli<strong>ch</strong>keit und Güte behandelt<br />

sahen, so wussten sie ni<strong>ch</strong>t, was sie von der Vergangenheit<br />

denken sollten, vom Ri<strong>ch</strong>tplatze, von dem Gefängnisse, und der Glo-<br />

cke; und ob sie bloß davon geträumt hätten? Es war, als ob die Gemüter,<br />

seit dem für<strong>ch</strong>terli<strong>ch</strong>en S<strong>ch</strong>lage, der sie dur<strong>ch</strong>dröhnt hatte,<br />

alle versöhnt wären. Sie konnten <strong>in</strong> der Er<strong>in</strong>nerung gar ni<strong>ch</strong>t weiter,<br />

als bis auf ihn, zurückgehen. Nur Donna Elisabeth, wel<strong>ch</strong>e bei e<strong>in</strong>er<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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Freund<strong>in</strong>, auf das S<strong>ch</strong>auspiel des gestrigen Morgens, e<strong>in</strong>geladen worden<br />

war, die E<strong>in</strong>ladung aber ni<strong>ch</strong>t angenommen hatte, ruhte zuweilen<br />

mit träumeris<strong>ch</strong>em Blicke auf Josephen; do<strong>ch</strong> der Beri<strong>ch</strong>t, der<br />

über irgend e<strong>in</strong> neues grässli<strong>ch</strong>es Unglück erstattet ward, riss ihre, der<br />

Gegenwart kaum entflohene Seele s<strong>ch</strong>on wieder <strong>in</strong> dieselbe zurück.<br />

Man erzählte, wie die Stadt glei<strong>ch</strong> na<strong>ch</strong> der ersten Haupters<strong>ch</strong>ütterung<br />

von Weibern ganz voll gewesen, die vor den Augen aller Männer<br />

niedergekommen seien; wie die Mön<strong>ch</strong>e dar<strong>in</strong>, mit dem Kruzifix<br />

<strong>in</strong> der Hand, umhergelaufen wären, und ges<strong>ch</strong>rieen hätten: das Ende<br />

der Welt sei da! wie man e<strong>in</strong>er Wa<strong>ch</strong>e, die auf Befehl des Vizekönigs<br />

verlangte, e<strong>in</strong>e Kir<strong>ch</strong>e zu räumen, geantwortet hätte: es gäbe ke<strong>in</strong>en<br />

Vizekönig von <strong>Chili</strong> mehr! wie der Vizekönig <strong>in</strong> den s<strong>ch</strong>reckli<strong>ch</strong>sten<br />

Augenblicken hätte müssen Galgen aufri<strong>ch</strong>ten lassen, um der Dieberei<br />

E<strong>in</strong>halt zu tun; und wie e<strong>in</strong> Uns<strong>ch</strong>uldiger, der si<strong>ch</strong> von h<strong>in</strong>ten<br />

dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong> brennendes Haus gerettet, von dem Besitzer aus Übereilung<br />

ergriffen, und soglei<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> aufgeknöpft worden wäre.<br />

Donna Elvire, bei deren Verletzungen Josephe viel bes<strong>ch</strong>äftigt<br />

war, hatte <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Augenblick, da gerade die Erzählungen si<strong>ch</strong> am<br />

lebhaftesten kreuzten, Gelegenheit genommen, sie zu fragen: wie es<br />

denn ihr an diesem für<strong>ch</strong>terli<strong>ch</strong>en Tag ergangen sei? Und da Josephe<br />

ihr, mit beklemmtem Herzen, e<strong>in</strong>ige Hauptzüge davon angab, so<br />

ward ihr die Wollust, Tränen <strong>in</strong> die Augen dieser Dame treten zu sehen;<br />

Donna Elvire ergriff ihre Hand, und drückte sie, und w<strong>in</strong>kte<br />

ihr, zu s<strong>ch</strong>weigen. Josephe dünkte si<strong>ch</strong> unter den Seligen. E<strong>in</strong> Gefühl,<br />

das sie ni<strong>ch</strong>t unterdrücken konnte, nannte den verflossnen Tag,<br />

so viel Elend er au<strong>ch</strong> über die Welt gebra<strong>ch</strong>t hatte, e<strong>in</strong>e Wohltat, wie<br />

der Himmel no<strong>ch</strong> ke<strong>in</strong>e über sie verhängt hatte. Und <strong>in</strong> der Tat<br />

s<strong>ch</strong>ien, mitten <strong>in</strong> diesen grässli<strong>ch</strong>en Augenblicken, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>en alle<br />

irdis<strong>ch</strong>en Güter der Mens<strong>ch</strong>en zu Grunde g<strong>in</strong>gen, und die ganze Natur<br />

vers<strong>ch</strong>üttet zu werden drohte, der mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e Geist selbst, wie<br />

e<strong>in</strong>e s<strong>ch</strong>öne Blume, aufzugehn. Auf den Feldern, so weit das Auge<br />

rei<strong>ch</strong>te, sah man Mens<strong>ch</strong>en von allen Ständen dur<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>ander liegen,<br />

Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuer<strong>in</strong>nen, Staatsbeamte und<br />

Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: e<strong>in</strong>ander bemitleiden,<br />

si<strong>ch</strong> we<strong>ch</strong>selseitig Hülfe rei<strong>ch</strong>en, von dem, was sie zur Erhaltung ihres<br />

Lebens gerettet haben mo<strong>ch</strong>ten, freudig mitteilen, als ob das allgeme<strong>in</strong>e<br />

Unglück alles, was ihm entronnen war, zu e<strong>in</strong>er Familie gema<strong>ch</strong>t<br />

hätte.<br />

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Statt der ni<strong>ch</strong>tssagenden Unterhaltungen, zu wel<strong>ch</strong>en sonst die<br />

Welt an den Teetis<strong>ch</strong>en den Stoff hergegeben hatte, erzählte man<br />

jetzt Beispiele von ungeheuern Taten: Mens<strong>ch</strong>en, die man sonst <strong>in</strong><br />

der Gesells<strong>ch</strong>aft wenig gea<strong>ch</strong>tet hatte, hatten Römergröße gezeigt;<br />

Beispiele zu Haufen von Uners<strong>ch</strong>rockenheit, von freudiger Vera<strong>ch</strong>tung<br />

der Gefahr, von Selbstverleugnung und der göttli<strong>ch</strong>en Aufopferung,<br />

von ungesäumter Wegwerfung des Lebens, als ob es, dem<br />

ni<strong>ch</strong>tswürdigsten Gute glei<strong>ch</strong>, auf dem nä<strong>ch</strong>sten S<strong>ch</strong>ritte s<strong>ch</strong>on wiedergefunden<br />

würde. Ja, da ni<strong>ch</strong>t e<strong>in</strong>er war, für den ni<strong>ch</strong>t an diesem<br />

Tage etwas Rührendes ges<strong>ch</strong>ehen wäre, oder der ni<strong>ch</strong>t selbst etwas<br />

Großmütiges getan hätte, so war der S<strong>ch</strong>merz <strong>in</strong> jeder Mens<strong>ch</strong>enbrust<br />

mit so viel süßer Lust vermis<strong>ch</strong>t, dass si<strong>ch</strong>, wie sie me<strong>in</strong>te, gar<br />

ni<strong>ch</strong>t angeben ließ, ob die Summe des allgeme<strong>in</strong>en Wohlse<strong>in</strong>s ni<strong>ch</strong>t<br />

von der e<strong>in</strong>en Seite um ebenso viel gewa<strong>ch</strong>sen war, als sie von der<br />

anderen abgenommen hatte.<br />

Jeronimo nahm Josephen, na<strong>ch</strong>dem si<strong>ch</strong> beide <strong>in</strong> diesen Betra<strong>ch</strong>tungen<br />

stills<strong>ch</strong>weigend ers<strong>ch</strong>öpft hatten, beim Arm, und führte sie<br />

mit unausspre<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>er Heiterkeit unter den s<strong>ch</strong>attigen Lauben des<br />

Granatwaldes auf und nieder. Er sagte ihr, dass er, bei dieser Stimmung<br />

der Gemüter und dem Umsturz aller Verhältnisse, se<strong>in</strong>en Ents<strong>ch</strong>luss,<br />

si<strong>ch</strong> na<strong>ch</strong> Europa e<strong>in</strong>zus<strong>ch</strong>iffen, aufgebe; dass er vor dem Vizekönig,<br />

der si<strong>ch</strong> se<strong>in</strong>er Sa<strong>ch</strong>e immer günstig gezeigt, falls er no<strong>ch</strong> am<br />

Leben sei, e<strong>in</strong>en Fußfall wagen würde; und dass er Hoffnung habe<br />

(wobei er ihr e<strong>in</strong>en Kuss aufdrückte), mit ihr <strong>in</strong> <strong>Chili</strong> zurückzubleiben.<br />

Josephe antwortete, dass ähnli<strong>ch</strong>e Gedanken <strong>in</strong> ihr aufgestiegen<br />

wären; dass au<strong>ch</strong> sie ni<strong>ch</strong>t mehr, falls ihr Vater nur no<strong>ch</strong> am Leben<br />

sei, ihn zu versöhnen zweifle; dass sie aber statt des Fußfalles lieber<br />

na<strong>ch</strong> La Conception zu gehen, und von dort aus s<strong>ch</strong>riftli<strong>ch</strong> das Ver-<br />

söhnungsges<strong>ch</strong>äft mit dem Vizekönig zu betreiben rate, wo man auf<br />

jeden Fall <strong>in</strong> der Nähe des Hafens wäre, und für den besten, wenn<br />

das Ges<strong>ch</strong>äft die erwüns<strong>ch</strong>te Wendung nähme, ja lei<strong>ch</strong>t wieder na<strong>ch</strong><br />

St. Jago zurückkehren könnte. Na<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>er kurzen Überlegung gab<br />

Jeronimo der Klugheit dieser Maßregel se<strong>in</strong>en Beifall, führte sie no<strong>ch</strong><br />

e<strong>in</strong> wenig, die heitern Momente der Zukunft überfliegend, <strong>in</strong> den<br />

Gängen umher, und kehrte mit ihr zur Gesells<strong>ch</strong>aft zurück.<br />

Inzwis<strong>ch</strong>en war der Na<strong>ch</strong>mittag herangekommen, und die Gemüter<br />

der herums<strong>ch</strong>wärmenden Flü<strong>ch</strong>tl<strong>in</strong>ge hatten si<strong>ch</strong>, da die Erdstöße<br />

na<strong>ch</strong>ließen, nur kaum wieder e<strong>in</strong> wenig beruhigt, als si<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>on die<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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Na<strong>ch</strong>ri<strong>ch</strong>t verbreitete, dass <strong>in</strong> der Dom<strong>in</strong>ikanerkir<strong>ch</strong>e11, der e<strong>in</strong>zigen,<br />

wel<strong>ch</strong>e das <strong>Erdbeben</strong> vers<strong>ch</strong>ont hatte, e<strong>in</strong>e feierli<strong>ch</strong>e Messe von dem<br />

Prälaten des Klosters selbst gelesen werden würde, den Himmel um<br />

Verhütung ferneren Unglücks anzuflehen.<br />

<strong>Das</strong> Volk bra<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>on aus allen Gegenden auf, und eilte <strong>in</strong> Strömen<br />

zur Stadt. In Don Fernandos Gesells<strong>ch</strong>aft ward die Frage aufgeworfen,<br />

ob man ni<strong>ch</strong>t au<strong>ch</strong> an dieser Feierli<strong>ch</strong>keit Teil nehmen, und<br />

si<strong>ch</strong> dem allgeme<strong>in</strong>en Zuge ans<strong>ch</strong>ließen solle? Donna Elisabeth er<strong>in</strong>nerte,<br />

mit e<strong>in</strong>iger Beklemmung, was für e<strong>in</strong> Unheil gestern <strong>in</strong> der<br />

Kir<strong>ch</strong>e vorgefallen sei; dass sol<strong>ch</strong>e Dankfeste ja wiederholt werden<br />

würden, und dass man si<strong>ch</strong> der Empf<strong>in</strong>dung alsdann, weil die Gefahr<br />

s<strong>ch</strong>on mehr vorüber wäre, mit desto größerer Heiterkeit und Ruhe<br />

überlassen könnte. Josephe äußerte, <strong>in</strong>dem sie mit e<strong>in</strong>iger Begeisterung<br />

soglei<strong>ch</strong> aufstand, dass sie den Drang, ihr Antlitz vor dem<br />

S<strong>ch</strong>öpfer <strong>in</strong> den Staub zu legen, niemals lebhafter empfunden habe,<br />

als eben jetzt, wo er se<strong>in</strong>e unbegreifli<strong>ch</strong>e und erhabene Ma<strong>ch</strong>t so entwickle.<br />

Donna Elvire erklärte si<strong>ch</strong> mit Lebhaftigkeit für Josephens<br />

Me<strong>in</strong>ung. Sie bestand darauf, dass man die Messe hören sollte, und<br />

rief Don Fernando auf, die Gesells<strong>ch</strong>aft zu führen, worauf si<strong>ch</strong> alles,<br />

Donna Elisabeth au<strong>ch</strong>, von den Sitzen erhob. Da man jedo<strong>ch</strong> letztere,<br />

mit heftig arbeitender Brust, die kle<strong>in</strong>en Anstalten zum Aufbru<strong>ch</strong>e<br />

zaudernd betreiben sah, und sie, auf die Frage: was ihr fehle? antwortete:<br />

sie wisse ni<strong>ch</strong>t, wel<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e unglückli<strong>ch</strong>e Ahndung <strong>in</strong> ihr sei? so<br />

beruhigte sie Donna Elvire, und forderte sie auf, bei ihr und ihrem<br />

kranken Vater zurückzubleiben. Josephe sagte: so werden Sie mir<br />

wohl, Donna Elisabeth, diesen kle<strong>in</strong>en Liebl<strong>in</strong>g abnehmen, der si<strong>ch</strong><br />

s<strong>ch</strong>on wieder, wie Sie sehen, bei mir e<strong>in</strong>gefunden hat. Sehr gern,<br />

antwortete Donna Elisabeth, und ma<strong>ch</strong>te Anstalten ihn zu ergreifen;<br />

do<strong>ch</strong> da dieser über das Unre<strong>ch</strong>t, das ihm ges<strong>ch</strong>ah, klägli<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>rie,<br />

und auf ke<strong>in</strong>e Art dare<strong>in</strong> willigte, so sagte Josephe lä<strong>ch</strong>elnd, dass sie<br />

ihn nur behalten wolle, und küsste ihn wieder still. Hierauf bot Don<br />

Fernando, dem die ganze Würdigkeit und Anmut ihres Betragens<br />

sehr gefiel, ihr den Arm; Jeronimo, wel<strong>ch</strong>er den kle<strong>in</strong>en Philipp trug,<br />

führte Donna Constanzen; die übrigen Mitglieder, die si<strong>ch</strong> bei der<br />

Gesells<strong>ch</strong>aft e<strong>in</strong>gefunden hatten, folgten; und <strong>in</strong> dieser Ordnung g<strong>in</strong>g<br />

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der Zug na<strong>ch</strong> der Stadt.<br />

Sie waren kaum fünfzig S<strong>ch</strong>ritte gegangen, als man Donna Elisabeth<br />

wel<strong>ch</strong>e <strong>in</strong>zwis<strong>ch</strong>en heftig und heimli<strong>ch</strong> mit Donna Elvire gespro<strong>ch</strong>en<br />

hatte. Don Fernando! rufen hörte, und dem Zuge mit unruhigen<br />

Tritten na<strong>ch</strong>eilen sah. Don Fernando hielt, und kehrte si<strong>ch</strong><br />

um; harrte ihrer, ohne Josephen loszulassen, und fragte, da sie, glei<strong>ch</strong><br />

als ob sie auf se<strong>in</strong> Entgegenkommen wartete, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>iger Ferne stehen<br />

blieb: was sie wolle? Donna Elisabeth näherte si<strong>ch</strong> ihm hierauf, obs<strong>ch</strong>on,<br />

wie es s<strong>ch</strong>ien, mit Widerwillen, und raunte ihm, do<strong>ch</strong> so, dass<br />

Josephe es ni<strong>ch</strong>t hören konnte, e<strong>in</strong>ige Worte <strong>in</strong>s Ohr. Nun? fragte<br />

Don Fernando: und das Unglück, das daraus entstehen kann? Donna<br />

Elisabeth fuhr fort, ihm mit verstörtem Gesi<strong>ch</strong>t <strong>in</strong>s Ohr zu zis<strong>ch</strong>eln.<br />

Don Fernando stieg e<strong>in</strong>e Röte des Unwillens <strong>in</strong>s Gesi<strong>ch</strong>t; er antwortete:<br />

es wäre gut! Donna Elvire mö<strong>ch</strong>te si<strong>ch</strong> beruhigen; und führte<br />

se<strong>in</strong>e Dame weiter. –<br />

Als sie <strong>in</strong> der Kir<strong>ch</strong>e der Dom<strong>in</strong>ikaner ankamen, ließ si<strong>ch</strong> die Orgel<br />

s<strong>ch</strong>on mit musikalis<strong>ch</strong>er Pra<strong>ch</strong>t hören, und e<strong>in</strong>e unermessli<strong>ch</strong>e<br />

Mens<strong>ch</strong>enmenge wogte dar<strong>in</strong>. <strong>Das</strong> Gedränge erstreckte si<strong>ch</strong> bis weit<br />

vor den Portalen auf den Vorplatz der Kir<strong>ch</strong>e h<strong>in</strong>aus, und an den<br />

Wänden ho<strong>ch</strong>, <strong>in</strong> den Rahmen der Gemälde, h<strong>in</strong>gen Knaben, und<br />

hielten mit erwartungsvollen Blicken ihre Mützen <strong>in</strong> der Hand. Von<br />

allen Kronleu<strong>ch</strong>tern strahlte es herab, die Pfeiler warfen, bei der e<strong>in</strong>bre<strong>ch</strong>enden<br />

Dämmerung, geheimnisvolle S<strong>ch</strong>atten, die große von gefärbtem<br />

Glas gearbeitete Rose <strong>in</strong> der Kir<strong>ch</strong>e äußerstem H<strong>in</strong>tergrunde<br />

glühte, wie die Abendsonne selbst, die sie erleu<strong>ch</strong>tete, und Stille<br />

herrs<strong>ch</strong>te, da die Orgel jetzt s<strong>ch</strong>wieg, <strong>in</strong> der ganzen Versammlung, als<br />

hätte ke<strong>in</strong>er e<strong>in</strong>en Laut <strong>in</strong> der Brust. Niemals s<strong>ch</strong>lug aus e<strong>in</strong>em<br />

<strong>ch</strong>ristli<strong>ch</strong>en Dom e<strong>in</strong>e sol<strong>ch</strong>e Flamme der Inbrunst gen Himmel, wie<br />

heute aus dem Dom<strong>in</strong>ikanerdom zu St. Jago; und ke<strong>in</strong>e mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e<br />

Brust gab wärmere Glut dazu her, als Jeronimos und Josephens!<br />

Die Feierli<strong>ch</strong>keit f<strong>in</strong>g mit e<strong>in</strong>er Predigt an, die der ältesten Chorherren12<br />

e<strong>in</strong>er, mit dem Fests<strong>ch</strong>muck angetan, von der Kanzel hielt.<br />

Er begann glei<strong>ch</strong> mit Lob, Preis und Dank, se<strong>in</strong>e zitternden, vom<br />

Chorhemde weit umflossenen Hände ho<strong>ch</strong> gen Himmel erhebend,<br />

dass no<strong>ch</strong> Mens<strong>ch</strong>en seien, auf diesem, <strong>in</strong> Trümmer zerfallenden Tei-<br />

11 Dom<strong>in</strong>ikaner: Im Mittelalter gegründeter Orden, der si<strong>ch</strong> v. a. um die<br />

Re<strong>in</strong>erhaltung der kath. Lehre bemühte und die Inquisition vorantrieb.<br />

12 Chorherr: Mitglied e<strong>in</strong>er na<strong>ch</strong> der august<strong>in</strong>is<strong>ch</strong>en Regel lebenden Priestergeme<strong>in</strong>s<strong>ch</strong>aft.<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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le der Welt, fähig, zu Gott empor zu stammeln. Er s<strong>ch</strong>ilderte, was auf<br />

den W<strong>in</strong>k des Allmä<strong>ch</strong>tigen ges<strong>ch</strong>ehen war; das Weltgeri<strong>ch</strong>t kann<br />

ni<strong>ch</strong>t entsetzli<strong>ch</strong>er se<strong>in</strong>; und als er das gestrige <strong>Erdbeben</strong> glei<strong>ch</strong>wohl,<br />

auf e<strong>in</strong>en Riss, den der Dom erhalten hatte, h<strong>in</strong>zeigend, e<strong>in</strong>en bloßen<br />

Vorboten davon nannte, lief e<strong>in</strong> S<strong>ch</strong>auder über die ganze Versammlung.<br />

Hierauf kam er, im Flusse priesterli<strong>ch</strong>er Beredsamkeit, auf das<br />

Sittenverderbnis der Stadt; Gräuel, wie Sodom und Gomorrha13 sie<br />

ni<strong>ch</strong>t sahen, straft’ er an ihr; und nur der unendli<strong>ch</strong>en Langmut Gottes<br />

s<strong>ch</strong>rieb er es zu, dass sie no<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t gänzli<strong>ch</strong> vom Erdboden vertilgt<br />

worden sei.<br />

Aber wie dem Dol<strong>ch</strong>e glei<strong>ch</strong> fuhr es dur<strong>ch</strong> die von dieser Predigt<br />

s<strong>ch</strong>on ganz zerrissenen Herzen unserer beiden Unglückli<strong>ch</strong>en, als der<br />

Chorherr bei dieser Gelegenheit umständli<strong>ch</strong> des Frevels erwähnte,<br />

der <strong>in</strong> dem Klostergarten der Karmeliter<strong>in</strong>nen verübt worden war;<br />

die S<strong>ch</strong>onung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos nannte,<br />

und <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er von Verwüns<strong>ch</strong>ungen erfüllten Seitenwendung, die Seelen<br />

der Täter, wörtli<strong>ch</strong> genannt, allen Fürsten der Hölle übergab!<br />

Donna Constanze rief, <strong>in</strong>dem sie an Jeronimos Armen zuckte: Don<br />

Fernando! Do<strong>ch</strong> dieser antwortete so na<strong>ch</strong>drückli<strong>ch</strong> und do<strong>ch</strong> so<br />

heimli<strong>ch</strong>, wie si<strong>ch</strong> beides verb<strong>in</strong>den ließ: »Sie s<strong>ch</strong>weigen, Donna, Sie<br />

rühren au<strong>ch</strong> den Augapfel ni<strong>ch</strong>t, und tun, als ob Sie <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Ohnma<strong>ch</strong>t<br />

versunken; worauf wir die Kir<strong>ch</strong>e verlassen.« Do<strong>ch</strong>, ehe Donna<br />

Constanze diese s<strong>in</strong>nrei<strong>ch</strong>e zur Rettung erfundene Maßregel no<strong>ch</strong><br />

ausgeführt hatte, rief s<strong>ch</strong>on e<strong>in</strong>e Stimme, des Chorherrn Predigt laut<br />

unterbre<strong>ch</strong>end, aus: Wei<strong>ch</strong>et fern h<strong>in</strong>weg, ihr Bürger von St. Jago,<br />

hier stehen diese gottlosen Mens<strong>ch</strong>en! Und als e<strong>in</strong>e andere Stimme<br />

s<strong>ch</strong>reckenvoll, <strong>in</strong>dessen si<strong>ch</strong> e<strong>in</strong> weiter Kreis des Entsetzens um sie<br />

bildete, fragte: wo? hier! versetzte e<strong>in</strong> Dritter, und zog, heiliger Ru<strong>ch</strong>losigkeit<br />

voll, Josephen bei den Haaren nieder, dass sie mit Don<br />

Fernandos Sohne zu Boden getaumelt wäre, wenn dieser sie ni<strong>ch</strong>t gehalten<br />

hätte. »Seid ihr wahns<strong>in</strong>nig?« rief der Jüngl<strong>in</strong>g, und s<strong>ch</strong>lug den<br />

Arm um Josephen: »i<strong>ch</strong> b<strong>in</strong> Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten<br />

der Stadt, den ihr alle kennt.« Don Fernando Ormez?<br />

rief, di<strong>ch</strong>t vor ihn h<strong>in</strong>gestellt, e<strong>in</strong> S<strong>ch</strong>uhflicker, der für Josephen gearbeitet<br />

hatte, und diese wenigstens so genau kannte, als ihre kle<strong>in</strong>en<br />

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Füße. Wer ist der Vater zu diesem K<strong>in</strong>de? wandte er si<strong>ch</strong> mit fre<strong>ch</strong>em<br />

Trotz zur To<strong>ch</strong>ter Asterons. Don Fernando erblasste bei dieser Frage.<br />

Er sah bald den Jeronimo s<strong>ch</strong>ü<strong>ch</strong>tern an, bald überflog er die Versammlung,<br />

ob ni<strong>ch</strong>t e<strong>in</strong>er sei, der ihn kenne? Josephe rief, von entsetzli<strong>ch</strong>en<br />

Verhältnissen gedrängt: dies ist ni<strong>ch</strong>t me<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d, Meister<br />

Pedrillo, wie Er glaubt; <strong>in</strong>dem sie, <strong>in</strong> unendli<strong>ch</strong>er Angst der Seele, auf<br />

Don Fernando blickte: dieser junge Herr ist Don Fernando Ormez,<br />

Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt! Der S<strong>ch</strong>uster<br />

fragte: wer von eu<strong>ch</strong>, ihr Bürger, kennt diesen jungen Mann? Und<br />

mehrere der Umstehenden wiederholten: wer kennt den Jeronimo<br />

Rugera? Der trete vor! Nun traf es si<strong>ch</strong>, dass <strong>in</strong> demselben Augenblicke<br />

der kle<strong>in</strong>e Juan, dur<strong>ch</strong> den Tumult ers<strong>ch</strong>reckt, von Josephens<br />

Brust weg Don Fernando <strong>in</strong> die Arme strebte. Hierauf: Er ist der Vater!<br />

s<strong>ch</strong>rie e<strong>in</strong>e Stimme; und: er ist Jeronimo Rugera! e<strong>in</strong>e andere;<br />

und: sie s<strong>in</strong>d die gotteslästerli<strong>ch</strong>en Mens<strong>ch</strong>en! e<strong>in</strong>e dritte; und: ste<strong>in</strong>igt<br />

sie! ste<strong>in</strong>igt sie! die ganze im Tempel Jesu versammelte Christenheit!<br />

Drauf jetzt Jeronimo: Halt! Ihr Unmens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en! Wenn ihr den<br />

Jeronimo Rugera su<strong>ch</strong>t: hier ist er! Befreit jenen Mann, wel<strong>ch</strong>er uns<strong>ch</strong>uldig<br />

ist! –<br />

Der wütende Haufen, dur<strong>ch</strong> die Äußerung Jeronimos verwirrt,<br />

stutzte; mehrere Hände ließen Don Fernando los; und da <strong>in</strong> demselben<br />

Augenblick e<strong>in</strong> Mar<strong>in</strong>e-Offizier von bedeutendem Rang herbeieilte,<br />

und, <strong>in</strong>dem er si<strong>ch</strong> dur<strong>ch</strong> den Tumult drängte, fragte: Don Fernando<br />

Ormez! Was ist Eu<strong>ch</strong> widerfahren? so antwortete dieser, nun<br />

völlig befreit, mit wahrer heldenmütiger Besonnenheit: »Ja, sehen<br />

Sie, Don Alonzo, die Mordkne<strong>ch</strong>te! I<strong>ch</strong> wäre verloren gewesen, wenn<br />

dieser würdige Mann si<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t, die rasende Menge zu beruhigen, für<br />

Jeronimo Rugera ausgegeben hätte. Verhaften Sie ihn, wenn Sie die<br />

Güte haben wollen, nebst dieser jungen Dame, zu ihrer beiderseitigen<br />

Si<strong>ch</strong>erheit; und diesen Ni<strong>ch</strong>tswürdigen«, <strong>in</strong>dem er Meister<br />

Pedrillo ergriff, »der den ganzen Aufruhr angezettelt hat!« Der S<strong>ch</strong>uster<br />

rief: Don Alonzo Onoreja14, i<strong>ch</strong> frage Eu<strong>ch</strong> auf Euer Gewissen, ist<br />

dieses Mäd<strong>ch</strong>en ni<strong>ch</strong>t Josephe Asteron? Da nun Don Alonzo, wel<strong>ch</strong>er<br />

Josephen sehr genau kannte, mit der Antwort zauderte, und mehrere<br />

Stimmen, dadur<strong>ch</strong> von neuem zur Wut entflammt, riefen: sie ists, sie<br />

13 Sodom / Gomorrha: Bibl. Städte, die von Gott als Strafe für ihre Unmoral<br />

zerstört werden (Gen. 18.16-19.29).<br />

14 Onoreja: Im Namen kl<strong>in</strong>gt das span. honor (Ehre) an.<br />

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Kleist · <strong>Erdbeben</strong> <strong>in</strong> <strong>Chili</strong><br />

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ists! und: br<strong>in</strong>gt sie zu Tode! so setzte Josephe den kle<strong>in</strong>en Philipp,<br />

den Jeronimo bisher getragen hatte, samt dem kle<strong>in</strong>en Juan, auf Don<br />

Fernandos Arm, und spra<strong>ch</strong>: gehn Sie, Don Fernando, retten Sie Ihre<br />

beiden K<strong>in</strong>der, und überlassen Sie uns unserm S<strong>ch</strong>icksale!<br />

Don Fernando nahm die beiden K<strong>in</strong>der und sagte: er wolle eher<br />

umkommen, als zugeben, dass se<strong>in</strong>er Gesells<strong>ch</strong>aft etwas zu Leide ges<strong>ch</strong>ehe.<br />

Er bot Josephen, na<strong>ch</strong>dem er si<strong>ch</strong> den Degen des Mar<strong>in</strong>e-<br />

Offiziers ausgebeten hatte, den Arm, und forderte das h<strong>in</strong>tere Paar<br />

auf, ihm zu folgen. Sie kamen au<strong>ch</strong> wirkli<strong>ch</strong>, <strong>in</strong>dem man ihnen, bei<br />

sol<strong>ch</strong>en Anstalten, mit h<strong>in</strong>längli<strong>ch</strong>er Ehrerbietigkeit Platz ma<strong>ch</strong>te,<br />

aus der Kir<strong>ch</strong>e heraus, und glaubten si<strong>ch</strong> gerettet. Do<strong>ch</strong> kaum waren<br />

sie auf den von Mens<strong>ch</strong>en glei<strong>ch</strong>falls erfüllten Vorplatz derselben getreten,<br />

als e<strong>in</strong>e Stimme aus dem rasenden Haufen, der sie verfolgt<br />

hatte, rief: dies ist Jeronimo Rugera, ihr Bürger, denn i<strong>ch</strong> b<strong>in</strong> se<strong>in</strong><br />

eigner Vater! und ihn an Donna Constanzens Seite mit e<strong>in</strong>em ungeheuren<br />

Keulens<strong>ch</strong>lage zu Boden streckte. Jesus Maria! rief Donna<br />

Constanze, und floh zu ihrem S<strong>ch</strong>wager; do<strong>ch</strong>: Klostermetze15! ers<strong>ch</strong>oll<br />

es s<strong>ch</strong>on, mit e<strong>in</strong>em zweiten Keulens<strong>ch</strong>lage, von e<strong>in</strong>er andern<br />

Seite, der sie leblos neben Jeronimo niederwarf. Ungeheuer! rief e<strong>in</strong><br />

Unbekannter: dies war Donna Constanze Xares! Warum belogen sie<br />

uns! antwortete der S<strong>ch</strong>uster; su<strong>ch</strong>t die re<strong>ch</strong>te auf, und br<strong>in</strong>gt sie um!<br />

Don Fernando, als er Constanzens Lei<strong>ch</strong>nam erblickte, glühte vor<br />

Zorn; er zog und s<strong>ch</strong>wang das S<strong>ch</strong>wert, und hieb, dass er ihn gespalten<br />

hätte, den fanatis<strong>ch</strong>en Mordkne<strong>ch</strong>t, der diese Gräuel veranlasste,<br />

wenn derselbe ni<strong>ch</strong>t, dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e Wendung, dem wütenden S<strong>ch</strong>lag<br />

entwi<strong>ch</strong>en wäre. Do<strong>ch</strong> da er die Menge, die auf ihn e<strong>in</strong>drang, ni<strong>ch</strong>t<br />

überwältigen konnte: leben Sie wohl, Don Fernando mit den K<strong>in</strong>dern!<br />

rief Josephe – und: hier mordet mi<strong>ch</strong>, ihr blutdürstenden Tiger!<br />

und stürzte si<strong>ch</strong> freiwillig unter sie, um dem Kampf e<strong>in</strong> Ende zu ma<strong>ch</strong>en.<br />

Meister Pedrillo s<strong>ch</strong>lug sie mit der Keule nieder. Darauf ganz<br />

mit ihrem Blute besprützt: s<strong>ch</strong>ickt ihr den Bastard16 zur Hölle na<strong>ch</strong>!<br />

rief er, und drang, mit no<strong>ch</strong> ungesättigter Mordlust, von neuem vor.<br />

Don Fernando, dieser göttli<strong>ch</strong>e Held, stand jetzt, den Rücken an<br />

die Kir<strong>ch</strong>e gelehnt; <strong>in</strong> der L<strong>in</strong>ken hielt er die K<strong>in</strong>der, <strong>in</strong> der Re<strong>ch</strong>ten<br />

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525<br />

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das S<strong>ch</strong>wert. Mit jedem Hiebe wetterstrahlte17 er e<strong>in</strong>en zu Boden; e<strong>in</strong><br />

Löwe wehrt si<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t besser. Sieben Bluthunde lagen tot vor ihm,<br />

der Fürst der satanis<strong>ch</strong>en Rotte selbst war verwundet. Do<strong>ch</strong> Meister<br />

Pedrillo ruhte ni<strong>ch</strong>t eher, als bis er der K<strong>in</strong>der e<strong>in</strong>es bei den Be<strong>in</strong>en<br />

von se<strong>in</strong>er Brust gerissen, und, ho<strong>ch</strong>her im Kreise ges<strong>ch</strong>wungen, an<br />

e<strong>in</strong>es Kir<strong>ch</strong>pfeilers Ecke zers<strong>ch</strong>mettert hatte. Hierauf ward es still,<br />

und alles entfernte si<strong>ch</strong>. Don Fernando, als er se<strong>in</strong>en kle<strong>in</strong>en Juan vor<br />

si<strong>ch</strong> liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll<br />

namenlosen S<strong>ch</strong>merzes, se<strong>in</strong>e Augen gen Himmel.<br />

Der Mar<strong>in</strong>e-Offizier fand si<strong>ch</strong> wieder bei ihm e<strong>in</strong>, su<strong>ch</strong>te ihn zu<br />

trösten, und versi<strong>ch</strong>erte ihn, dass se<strong>in</strong>e Untätigkeit bei diesem Unglück,<br />

obs<strong>ch</strong>on dur<strong>ch</strong> mehrere Umstände gere<strong>ch</strong>tfertigt, ihn reue;<br />

do<strong>ch</strong> Don Fernando sagte, dass ihm ni<strong>ch</strong>ts vorzuwerfen sei, und bat<br />

ihn nur, die Lei<strong>ch</strong>name jetzt forts<strong>ch</strong>affen zu helfen. Man trug sie alle,<br />

bei der F<strong>in</strong>sternis der e<strong>in</strong>bre<strong>ch</strong>enden Na<strong>ch</strong>t, <strong>in</strong> Don Alonzos Wohnung,<br />

woh<strong>in</strong> Don Fernando ihnen, viel über das Antlitz des kle<strong>in</strong>en<br />

Philipp we<strong>in</strong>end, folgte. Er überna<strong>ch</strong>tete au<strong>ch</strong> bei Don Alonzo, und<br />

säumte lange, unter fals<strong>ch</strong>en Vorspiegelungen, se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong> von<br />

dem ganzen Umfang des Unglücks zu unterri<strong>ch</strong>ten; e<strong>in</strong>mal, weil sie<br />

krank war, und dann, weil er au<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t wusste, wie sie se<strong>in</strong> Verhalten<br />

bei dieser Begebenheit beurteilen würde; do<strong>ch</strong> kurze Zeit na<strong>ch</strong>her,<br />

dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>en Besu<strong>ch</strong> zufällig von allem, was ges<strong>ch</strong>ehen war, bena<strong>ch</strong>ri<strong>ch</strong>tigt,<br />

we<strong>in</strong>te diese treffli<strong>ch</strong>e Dame im Stillen ihren mütterli<strong>ch</strong>en<br />

S<strong>ch</strong>merz aus, und fiel ihm mit dem Rest e<strong>in</strong>er erglänzenden<br />

Träne e<strong>in</strong>es Morgens um den Hals und küsste ihn. Don Fernando<br />

und Donna Elvire nahmen hierauf den kle<strong>in</strong>en Fremdl<strong>in</strong>g zum Pflegesohn<br />

an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan vergli<strong>ch</strong>,<br />

und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müsst er si<strong>ch</strong><br />

freuen.<br />

15 Metze: (†) Prostituierte, Dirne.<br />

16 Bastard: Uneheli<strong>ch</strong>es K<strong>in</strong>d.<br />

17 Wetterstrahl: Blitz.<br />

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