Vom “Sturm und Drang” zur Romantik 13 - Heinrich Detering

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Vom “Sturm und Drang” zur Romantik 13 - Heinrich Detering

Vorlesung Sommersemester 2013:

Vom „Sturm und Drang“ bis zur Romantik

13. Die Götter Griechenlands,

Brot und Wein:

Schiller und Hölderlin


Schillers Dramen der Autonomie – und der Politik

nach den Dramen im Gefolge des Sturm und Drang

(Die Räuber 1781, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

1783, Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel 1784)

die ‚klassischen‘ Dramen:

Dom Karlos, Infant von Spanien (später: Don Carlos) 1787

Wallensteins Lager/ Die Piccolomini/ Wallensteins Tod 1800

Maria Stuart 1801

Die Jungfrau von Orléans 1801

Die Braut von Messina (frei erfundene Handlung!) 1803

Wilhelm Tell 1804

• Wallensteins friedliche europäische Zukunftordnung vs. alte Ordnung

des Kaisers, in dessen Dienst er steht;

• von der Diplomatie des wohlverstandenen Eigeninteresses zum Hochverrat

in der Kollaboration mit den Schweden;

• Lüge gegenüber dem Kaiser, gegenüber den eigenen Soldaten,

gegenüber seiner Familie – und gegenüber sich selbst.


Friedrich Schiller: Die Sänger der Vorwelt (1795)

Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find ich die Sänger,

Die mit dem lebenden Wort horchende Völker entzückt,

Die vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen gesungen,

Und getragen den Geist hoch auf den Flügeln des Lieds?

Ach, noch leben die Sänger, nur fehlen die Taten, die Lyra

Freudig zu wecken, es fehlt ach! ein empfangendes Ohr.

Glückliche Dichter der glücklichen Welt! Von Munde zu Munde

Flog, von Geschlecht zu Geschlecht euer empfundenes Wort.

Wie man die Götter empfängt, so begrüßte jeder mit Andacht,

Was der Genius ihm, redend und bildend, erschuf.

An der Glut des Gesangs entflammten des Hörers Gefühle,

An des Hörers Gefühl nährte der Sänger die Glut.

Nährt’ und reinigte sie! Der Glückliche, dem in des Volkes

Stimme noch hell zurück tönte die Seele des Lieds.

Dem noch von außen erschien, im Leben, die himmlische Gottheit,

Die der Neuere kaum, kaum noch im Herzen vernimmt.


Konsequenter Klassizismus auf dem Theater:

Friedrich Schiller, Die Braut von Messina oder

Die feindlichen Brüder.

Ein Trauerspiel mit Chören. Weimar 1803.

• Psychologisch gesteigertes „Schicksals“-

Konzept: unbewusster Inzest (Sohn will

Schwester heiraten) steigert die Todfeindschaft

zwischen den beiden in dieselbe Frau verliebten

Brüdern, die im Brudermord (Don Manuels

durch Don Cesar) und Selbstmord (Don Cesars)

kulminiert und den geweissagten Untergang des

Geschlechts bewirkt.

• Motivation durch Begehren, Tabuisierung,

Verdrängung, Wiederkehr des Verdrängten (im

Traum, in Aggression und Selbstaggression).

• Anti-Iphigenie: Durchsetzung des fatum gegen

alle Versuche einer Aufklärung und Sittigung.


• Analytisches Drama nach dem Vorbild des Sophokles und Aischylos,

• „nach der strengen griechischen Form“ (Schiller an Körner 1801),

• begünstigt durch Schillers Bühnenfassung von Goethes Iphigenie 1802

und Goethes Inszenierung von Aug. Wilh. Schlegels Ion 1802,

• verbunden jedoch mit Shakespeares ‚synthetischem‘ Drama (Folge

aller erzählten Vorgeschichten sind Mord und Selbstmord) – also der…

• Versuch einer Synthese aus Antike und ‚Moderne‘: durch

die Wahl des Schauplatzes und der Zeit (Sizilien als antiker und

christlicher Schauplatz, in einem stilisierten Mittelalter)

• die metrische Form: Blankverse und jambische Trimeter, chorische

Oden und Hymnen,

• die Einführung des Chores (Vorwort der Buchausgabe: Über den

Gebrauch des Chors in der Tragödie) als Repräsentation des Volkes,

politischer Öffentlichkeit,

• durch die Verbindung von antikem fatum-Modell und moderner

Psychologie: Das Grundthema von Heteronomie und Autonomie wird

zum Strukturprinzip des Dramas.


Vorwort: Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie

„Es ist nicht wahr, … daß das Publikum die Kunst herabzieht; der

Künstler zieht das Publikum herab … Das Publikum braucht nichts als

Empfänglichkeit, und diese besitzt es. Es tritt vor den Vorhang mit einem

unbestimmten Verlangen, mit einem vielseitigen Vermögen. Zu dem

Höchsten bringt es eine Fähigkeit mit; es erfreut sich an dem Verständigen

und Rechten, und wenn es damit angefangen hat, sich mit dem

Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das

Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat. … Indem

man das Theater ernsthafter behandelt, will man das Vergnügen des

Zuschauers nicht aufheben, sondern veredeln. Alle Kunst ist der Freude

gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als

die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den

höchsten Genuß verschafft. Der höchste Genuß aber ist die Freiheit des

Gemütes in dem lebendigen Spiel aller seiner Kräfte. … hier hatte man

lange und hat noch jetzt mit dem gemeinen Begriff des Natürlichen zu

kämpfen, welcher alle Poesie und Kunst geradezu aufhebt und vernichtet.


Der bildenden Kunst gibt man zwar notdürftig, doch mehr aus konventionellen

als aus innern Gründen, eine gewisse Idealität zu; aber von der

Poesie und von der dramatischen insbesondere verlangt man Illusion, die,

wenn sie auch wirklich zu leisten wäre, immer nur ein armseliger Gauklerbetrug

sein würde. Alles Äußere bei einer dramatischen Vorstellung

steht diesem Begriff entgegen – Alles ist nur ein Symbol des Wirklichen.

Der Tag selbst auf dem Theater ist nur ein künstlicher, die Architektur ist

nur eine symbolische, die metrische Sprache selbst ist ideal; aber die

Handlung soll nun einmal real sein und der Teil das Ganze zerstören. So

haben die Franzosen, die den Geist der Alten zuerst ganz mißverstanden,

eine Einheit des Ortes und der Zeit nach dem gemeinsten empirischen

Sinn auf der Schaubühne eingeführt, als ob her ein anderer Ort wäre, als

der bloß ideale Raum, und eine andere Zeit, als bloß die stetige Folge der

Handlung. Durch Einführung einer metrischen Sprache ist man indes der

poetischen Tragödie schon um einen großen Schritt näher gekommen. Die

Einführung des Chors wäre der letzte, der entscheidende Schritt – und

wenn derselbe auch nur dazu diente, dem Naturalism in der Kunst offen

und ehrlich den Krieg zu erklären …


Der Chor … folgte [in der alten Tragödie] schon aus der poetischen

Gestalt des wirklichen Lebens. In der neuen Tragödie wird er zu einem

Kunstorgan; er hilft die Poesie hervorbringen. Der neuere Dichter findet

den Chor nicht mehr in der Natur, er muß ihn poetisch erschaffen und

einführen …

Der Palast der Könige ist jetzt geschlossen, die Gerichte haben sich von

den Toren der Städte in das Innere der Häuser zurückgezogen, die

Schrift hat das lebendige Wort verdrängt, das Volk selbst, die sinnlich

lebendige Masse, ist, wo sie nicht als rohe Gewalt wirkt, zum Staat,

folglich zu einem abgezogenen Begriff geworden, die Götter sind in die

Brust des Menschen zurückgekehrt. Der Dichter muß die Paläste wieder

auftun, er muß die Gerichte unter freien Himmel hinausführen, er muß

die Götter wieder aufstellen,

er muß alles Unmittelbare, das durch die künstliche Einrichtung des

wirklichen Lebens aufgehoben ist, wieder herstellen …


Der Chor verläßt den engen Kreis der Handlung, …um die großen

Resultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszusprechen.

Aber er tut dies mit der vollen Macht der Phantasie, mit einer

kühnen lyrischen Freiheit, welche auf den hohen Gipfeln der menschlichen

Dinge, wie mit Schritten der Götter, einhergeht – und er tut es,

von der ganzen sinnlichen Macht des Rhythmus und der Musik in

Tönen und Bewegungen begleitet.“


1. Akt, 1. Auftritt. Die Scene ist eine geräumige Säulenhalle, auf beiden

Seiten sind Eingänge, eine große Flügelthüre in der Tiefe führt zu einer

Kapelle. Donna Isabella in tiefer Trauer, die Aeltesten von Messina stehen

um sie her. Isabella: Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb,

Tret‘ ich, ihr greisen Häupter dieser Stadt,

Heraus zu euch aus den verschwiegenen

Gemächern meines Frauensaals, das Antlitz

Vor euren Männerblicken zu entschleiern.

Denn es geziemt der Witwe, die den Gatten

Verloren, ihres Lebens Licht und Ruhm,

Die schwarz umflorte Nachtgestalt dem Aug

Der Welt in stillen Mauern zu verbergen …

Beginn des Schlussakts, Don Cesar:

Das Recht des Herrschers üb‘ ich aus zum letzten Mal,

Dem Grab zu übergeben diesen theuren Leib,

Denn dieses ist der Todten letzte Herrlichkeit.

Vernehmt denn meines Willens ernstlichen Beschluß,

Und wie ich's euch gebiete, also übt es aus …


Erster Akt, dritter Auftritt:

Chor tritt auf. Er besteht aus zwei Halbchören …

Erster Chor:

Dich begrüß‘ ich in Ehrfurcht,

Prangende Halle,

Dich, meiner Herrscher

Fürstliche Wiege,

Säulengetragenes herrliches Dach.

Tief in der Scheide

Ruhe das Schwert,

Vor den Thoren gefesselt

Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal. …

Zweiter Chor:

Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,

Zu dem Kampf ist die Faust geballt,

Denn ich sehe das Haupt der Medusen,

Meines Feindes verhaßte Gestalt.

Kaum gebiet‘ ich dem kochenden Blute. …


Erster Chor:

Weisere Fassung

Ziemet dem Alter,

Ich, der Vernünftige, grüße zuerst.

(Zu dem zweiten Chor.)

Sei mir willkommen,

Der du mit mir

Gleiche Gefühle

Brüderlich teilend,

Dieses Palastes

Schützende Götter

Fürchtend verehrst! …

Der ganze Chor:

Aber treff ich dich draußen im Freien,

Da mag der blutige Kampf sich erneuen,

Da erprobe das Eisen den Muth.


Gereimte Stichomythie der Chöre im ersten Auftritt des dritten Akts:

Erster Chor: Du würdest wohl tun, diesen Platz zu leeren.

Zweiter Chor: Ich will‘s, wenn bessre Männer es begehren.

Erster Chor: Du könntest merken, dass du lästig bist.

Zweiter Chor: Deswegen bleib‘ ich, weil es dich verdrießt.

Erster Chor: Hier ist mein Platz. Wer darf zurück mich halten?

Zweiter Chor: Ich darf es tun, ich habe hier zu walten.

Erster Chor: Mein Herrscher sendet mich, Don Manuel!

Zweiter Chor: Ich stehe hier auf meines Herrn Befehl.

Erster Chor: Dem ältern Bruder muss der jüngre weichen.

Zweiter Chor: Dem Erstbesitzenden gehört die Welt.

Erster Chor: Verhasster, geh und räume mir das Feld. [Und so weiter!]

„Ich habe den Chor zwar in zwei Teile getrennt und im Streit mit sich

selbst dargestellt; aber dies ist nur dann der Fall, wo er als wirkliche

Person und als blinde Menge mithandelt. Als Chor und als ideale Person

ist er immer eins mit sich selbst.“ ( – ? )

Das Drama der Versöhnung von Antike und Moderne als Dokument

‚modernen‘ Scheiterns: ein klassizistischer Abschied vom Klassizismus.


Schillers poetische Reflexion über Antike und Moderne:

Die Götter Griechenlands

zuerst 1788 in Wielands Zeitschrift

Der Teutsche Merkur, 25 Strophen,

hier die gekürzte zweite Fassung in Schillers

Ausgabe seiner gesammelten

Gedichte, 16 Strophen,

Leipzig 1800 / 1804


Die Götter Griechenlands

Da ihr noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband [Schiller, An die Freude, 1785]

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia! [Venus-Aphrodite als Göttin der Schönheit]

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand –

Durch die Schöpfung floss da Lebensfülle,

Und was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.


Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,

Seelenlos ein Feuerball sich dreht,

Lenkte damals seinen gold‘nen Wagen

Helios [der Sonnengott] in stiller Majestät.

Diese Höhen füllten Oreaden, [Berg-Nymphen]

Eine Dryas [Baum-Nymphe] lebt‘ in jenem Baum,

Aus den Urnen lieblicher Najaden [Wasser-Nymphen]

Sprang der Ströme Silberschaum.

Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,

Tantals Tochter [Niobe, die Versteinerte] schweigt in diesem Stein,

Syrinx‘ [Fluss-Nymphe, in Schilf verwandelt] Klage tönt' aus jenem Schilfe,

Philomelens [in Nachtigall verwandelte Prinzessin] Schmerz in diesem Hain.

Jener Bach empfing Demeters [Fruchtbarkeitsgöttin] Zähre,

Die sie um Persephonen geweint, [ihre in die Unterwelt entführte Tochter]

Und von diesem Hügel rief Cythere [Venus, Aphrodite]

Ach umsonst! den schönen Freund. [Adonis, Leidensgenosse Persephones]


Zu Deukalions Geschlechte stiegen [König von Thessalien, ‚Noah‘]

Damals noch die Himmlischen herab,

Pyrrhas [seiner Frau] schöne Töchter zu besiegen,

Nahm der Leto Sohn [Apoll] den Hirtenstab.

Zwischen Menschen, Göttern und Heroen

Knüpfte Amor einen schönen Bund.

Sterbliche mit Göttern und Heroen

Huldigten in Amathunt [Kultort der Venus-Aphrodite].

Finstrer Ernst und trauriges Entsagen

War aus eurem heitern Dienst verbannt,

Glücklich sollten alle Herzen schlagen,

Denn euch war der glückliche verwandt.

Damals war nichts heilig als das Schöne,

Keiner Freude schämte sich der Gott,

Wo die keusch errötende Kamöne [Quellen-Nymphe, Muse],

Wo die Grazie gebot. [Grazien / Chariten: Göttinnen der Anmut]


Eure Tempel lachen gleich Palästen,

Euch verherrlichte das Heldenspiel

An des Isthmus kronenreichen Festen,

Und die Wagen donnerten zum Ziel.

Schön geschlungne seelenvolle Tänze

Kreis‘ten um den prangenden Altar,

Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,

Kronen euer duftend Haar.

Das Evoe muntrer Thyrsusschwinger [der Ruf der Dionysos-Nachfolger]

Und der Panther prächtiges Gespann

Meldeten den großen Freudebringer, [den Dionysos]

Faun und Satyr taumeln ihm voran,

Um ihn springen rasende Mänaden,

Ihre Tänze loben seinen Wein,

Und des Wirtes braune Wangen laden

Lustig zu dem Becher ein.


Damals trat kein grässliches Gerippe

Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuss

Nahm das letzte Leben von der Lippe,

Still und traurig senkt‘ ein Genius

Seine Fackel. Schöne lichte Bilder [Lessing: Wie die Alten den Tod gebildet]

Scherzten auch um die Notwendigkeit,

Und das ernste Schicksal blickte milder

Durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.

Seine Freuden traf der frohe Schatten

In Elysiens Hainen wieder an;

Treue Liebe fand den treuen Gatten

Und der Wagenlenker seine Bahn;

Orpheus‘ Spiel tönt die gewohnten Lieder

In Alcestens Arme sinkt Admet,

[Alkestis geht für ihren Mann in den Tod, Herakles bringt sie zu ihm zurück]

Seinen Freund erkennt Orestes wieder, [Orest und Pylades]

Seine Waffen Philoktet. [der verwundet von Odyseus ausgesetzt worden ist

und geholt werden muss, weil seine Wunderwaffen gebraucht werden]


Damals trat kein grässliches Gerippe

Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuss

Nahm das letzte Leben von der Lippe,

Still und traurig senkt‘ ein Genius

Seine Fackel. Schöne lichte Bilder [Lessing: Wie die Alten den Tod gebildet]

Scherzten auch um die Notwendigkeit,

Und das ernste Schicksal blickte milder

Durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.

Seine Freuden traf der frohe Schatten

In Elysiens Hainen wieder an;

Treue Liebe fand den treuen Gatten

Und der Wagenlenker seine Bahn;

Orpheus‘ Spiel tönt die gewohnten Lieder

In Alcestens Arme sinkt Admet,

[Alkestis geht für ihren Mann in den Tod, Herakles bringt sie zu ihm zurück]

Seinen Freund erkennt Orestes wieder, [Orest und Pylades]

Seine Waffen Philoktet. [der verwundet von Odyseus ausgesetzt worden ist

und geholt werden muss, weil seine Wunderwaffen gebraucht werden]


Höh‘re Preise stärkten da den Ringer

Auf der Tugend arbeitvoller Bahn:

Großer Taten herrliche Vollbringer

Klimmten zu den Seligen hinan;

Vor dem Wiederforderer der Toten [Herakles holt die Alcestis zurück]

Neigte sich der Götter stille Schar.

Durch die Fluten leuchtet dem Piloten

Vom Olymp das Zwillingspaar. [Castor und Pollux, Schützer der Seefahrer –

Herakles, Castor und Pollux als vergöttlichte Menschen]

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,

Holdes Blütenalter der Natur! [das Goldene Zeitalter: das Paradies]

Ach! nur in dem Feenland der Lieder

Lebt noch deine goldne Spur.

Ausgestorben trauert das Gefilde,

Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,

Ach! von jenem lebenwarmen Bilde

Blieb nur das Gerippe mir zurück.


Alle jene Blüten sind gefallen

von des Nordes winterlichem Wehn.

Einen zu bereichern, unter allen,

Musste diese Götterwelt vergehn.

Traurig such ich an dem Sternenbogen,

Dich, Selene [Mondgöttin], find ich dort nicht mehr;

Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen,

Ach! sie wiederhallen leer!

Unbewusst der Freuden, die sie schenket,

Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit,

Nie gewahr des Armes, der sie lenket,

Reicher nie durch meine Dankbarkeit,

Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,

Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,

Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere [Newtons Gravitationsgesetz]

Die entgötterte Natur!


Morgen wieder neu sich zu entbinden,

Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,

Und an ewig gleicher Spindel winden

Sich von selbst die Monde auf und ab.

Müßig kehrten zu dem Dichterlande

Heim die Götter, unnütz einer Welt

Die, entwachsen ihrem Gängelbande,

Sich durch eignes Schweben hält.

Ja, sie kehren heim und alles Schöne

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn, [Gebirge zwischen Epirus und Thessalien]

Was unsterblich im Gesang soll leben

Muss im Leben untergehn.


Aus der frühen Fassung (in Wielands Zs. Teutscher Merkur, 1788):

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen,

Keiner Göttin, keiner Ird‘schen Sohn,

Herrscht ein Andrer in des Äthers Reichen

Auf Saturnus umgestürztem Thron.

Selig, eh sich Wesen um ihn freuten,

Selig im entvölkerten Gefild,

Sieht er in dem langen Strom der Zeiten

Ewig nur – sein eignes Bild.

Bürger des Olymps konnt‘ ich erreichen,

Jenem Gotte, den sein Marmor preist,

Konnte einst der hohe Bildner gleichen;

Was ist neben Dir der höchste Geist

Derer, welche Sterbliche geboren?

Nur der Würmer Erster, Edelster.

Da die Götter menschlicher noch waren,

Waren Menschen göttlicher.


Schiller: Christus oder Dionysos

Das Evoe muntrer Thyrsusschwinger

Und der Panther prächtiges Gespann

Meldeten den großen Freudebringer,

Faun und Satyr taumeln ihm voran,

Um ihn springen rasende Mänaden,

Ihre Tänze loben seinen Wein,

Und des Wirtes braune Wangen laden

Lustig zu dem Becher ein. …

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen,

Keiner Göttin, keiner Ird‘schen Sohn,

Herrscht ein Andrer in des Äthers Reichen

Auf Saturnus umgestürztem Thron.

Selig, eh sich Wesen um ihn freuten,

Selig im entvölkerten Gefild,

Sieht er in dem langen Strom der Zeiten

Ewig nur – sein eignes Bild.


Friedrich Hölderlin:

Brot und Wein. An Heinse. (1800)

Erste Strophe separat u. d. T. Die Nacht 1807,

vollständiger Druck erst 1884:

9 Strophen mit jeweils 9 Distichen.

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