Newsletter März 2004 - Onesimo

onesimo.ch

Newsletter März 2004 - Onesimo

SERVANTS

Nr. 41 / Mai 2004

NEWS

to Asia's Urban Poor

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Philippinen vor den Wahlen

Servants-Prinzipien: Ganzheitlichkeit

Fussballprofis im Slum


Philippinen

Qualen der Wahlen

Die Wartenden

verpflegen sich am rollenden

Verkaufswagen

Ich darf mich als Schweizer

Vorbild fühlen. Denn ich fülle regelmässig

meinen Stimmzettel aus und schicke

ihn rechtzeitig in die Schweiz. Neulich

war den Abstimmungsunterlagen eine

kreativ gestaltete Broschüre beigelegt. Sie

informierte über die Stimmbeteiligung

und warb für eine aktivere Teilnahme.

Ich fand dieses illustrierte Heft sehr

unterhaltsam und staunte über die

Schweizer Bemühungen, um die Bürger

bei Laune und an der Urne zu halten.

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Im Mai werden auf den Philippinen

die Präsidentin oder der Präsident

und der Senat gewählt. Mein Nachbar

Rolan will an den Wahlen teilnehmen.

Bedingung ist eine vorgängige Registrierung,

um welche sich Millionen von Bürgern

bemühen. An einem Samstagnachmittag

verabschiedete sich Rolan früher

von der Arbeit als sonst. Er fuhr zur

Stadtkanzlei mit der Absicht, sich registrieren

zu lassen. Dort traf er auf eine

Warteschlange, wo sich Menschen über

viele Dutzend Meter einreihten. Weil

viele Bürger nur am Wochenende Zeit für

die Registrierung haben, war er darauf

vorbereitet. Er kam allein, andere hatten

kleine Kinder dabei, weil sie offenbar

nicht für den ganzen Tag einen Babysitter

fanden. Die Schlange bewegte sich bis

zum Abend nur sehr langsam vorwärts.

Die ganze Nacht in der Warteschlange, nur um

zu wählen

Gegen neunzehn Uhr wurde Rolan klar,

dass er nicht mehr vor Schalterschluss

ans Ziel kommen konnte. Egal, wie viele

Leute noch warten, um zwanzig Uhr wird

geschlossen. Erbarmungslos. Rolan wollte

heimgehen, erkundigte sich aber noch,

um welche Zeit er morgen wieder kommen

sollte. Von den Umstehenden erfuhr

er, dass um drei Uhr früh bereits wieder

sehr viele Leute kämen. Viele verbringen

die ganze Nacht dort, um in der Schlange

weiter vorne zu sein, wenn der Schalter

um acht Uhr wieder öffnet. Auch Rolan

entschied sich, in dieser Reihe zu übernachten.

Sogar zahlreiche Eltern blieben

mit ihren Kindern da.

Auf Schubkarren wurden einfache

Speisen gekocht und dann verkauft.

Die Wartenden hatten nun stundenlang

Zeit, um miteinander zu plaudern, auf die

Kinder zu achten oder zu versuchen, zwischendurch

einzunicken. Tatsächlich trafen

um drei Uhr früh wieder neue Menschen

ein, die ganz hinten anstehen mussten.

Vermutlich rechneten sie damit, die

Ersten zu sein um diese Zeit.

Der Schalter öffnete am Sonntagmorgen

punkt acht Uhr. Rolan kam

um elf Uhr dran. Die Bearbeitung und

Abgabe der Unterlagen brauchte dann

auch noch eine Zeitlang. Um dreizehn

Uhr war er zurück zu Hause, wo er für den

Rest des Wochenendes noch etwas ausruhen

konnte. Endlich.

Regula Hauser


Philippinen

Herausforderungen

der neuen Regierung

Wieder sind vier Jahre vorbei.

Wahlen stehen vor der Tür. Wieder setzen

viele ihre Hoffnung auf einen neuen

Präsidenten. Die Herausforderungen sind

allerdings überwältigend:

● Bevölkerung

Zu den 84 Millionen Einwohnern kommt

jährlich ein Geburtenüberschuss von

gegen 2 Millionen.

● Armut

Über ein Drittel ist arm. 40% der Kinder

unter 6 Jahren leiden an Fehl- oder

Mangelernährung. Untergewicht ver

langsamt die geistige Entwicklung und

beeinträchtigt später die Produktivität.

● Bildung

Zu den 17 Mio. Schulkindern kommen

über 10 Mio. Kinder ohne Schule. Die

Regierung hat zu wenig Geld für Lehrer

und Schulhäuser.

● Löhne

Der obligatorische Mindestlohn beträgt

in Manila sFr. 6.50. Das Leben einer Familie

mit vier Kindern kostet aber das

Doppelte! Ausserdem erhalten wohl

viele Tagelöhner nicht einmal den

Mindestlohn.

● Prostitution

In den Philippinen arbeiten gegen eine

halbe Million Prostituierte. Viele Frauen

sind mangels Alternativen dazu gezwungen.

● Krieg

Seit 1972 sind im Bürgerkrieg

42 000 Filipinos umgekommen. Die

Armee kämpft gegen Guerillas in den

Bergen und Wäldern. Ein neuer Krieg

gegen eine moslemische Minderheit im

Süden kostet täglich über 4 Mio. sFr.

● Verschuldung

Die Regierung bezahlt jährlich rund

12 Mia. Schuldzinsen. Das ist mehr als

die Hälfte der Staatsausgaben.

● Korruption

Laut einer Studie der Weltbank hat der

philippinische Staat während zwei

Jahrzehnten 48 Mia. US-Dollars durch

Korruption verloren.

Wahlplakate dominieren

auch die Armenviertel

Am falschen Ort parkiert.

Auswüchse der Korruption

Christian Schneider

Zahlen aus der Zeitung „Inquirer“,

15. Februar 2004

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Servants

Servants-Prinzipien

Teil III: Ganzheitlichkeit

Wenn wir die

Slumbewohner zu einem

guten Essen einladen,

werden ihre Mägen endlich

wieder mal so richtig gut

gefüllt

4

In dieser Reihe schreiben Praktiker

vor Ort über die fünf Prinzipien von Servants.

Nach diesen Prinzipien leben und arbeiten

alle Servants-Mitarbeiter.

Bei „Ganzheitlichkeit“ denke ich

zuerst an „ganzheitliche Medizin“: Medizin

und Pflege für den ganzen Menschen,

in seinen physischen und psychischen

Nöten. Und genau so ganz soll auch unsere

Mission sein, ein Dienst für den ganzen

Menschen.

Vor einigen Jahren besuchte ich

Servants in Manila. Ein paar Mitarbeiter

nahmen mich mit zu dem grossen und

stinkenden Abfallberg. Ich war zu Tränen

schockiert, als ich das Elend sah, in dem

die Menschen dort leben.

Da wurde mir bewusst,

dass Worte nicht

reichen, um den Menschen

in den Slums zu

helfen. Es reicht nicht,

ihnen zu sagen, dass sie

von ihren sündigen Wegen

umkehren müssen,

weil sie sonst in die

Hölle kommen. Diese

Menschen, genauso wie

eine Milliarde Menschen

weltweit, leben hier und

jetzt in der Hölle. Das

Leben, wie Gott es sich

vorstellt, sieht nicht so

aus, dass ein Sechstel

der Menschheit in unwürdigen

Umständen auf Abfallbergen

und in Slums leben muss. Darum kam er

vor 2000 Jahren auf unsere Welt und verkündete

ein ganzheitliches Evangelium.

Die gute Nachricht, die Jesus gebracht

hat, will alle Bereiche des Lebens positiv

verändern: die Beziehung zu Gott, die Beziehung

zu meinen Mitmenschen und zu

mir selbst, die Beziehung zur Schöpfung.

Und nicht nur einzelne Menschen sollen

verändert werden, sondern auch Gesell-

schaften inklusive ihrer sozialen und

wirtschaftlichen Strukturen. Was für eine

Nachricht, für uns und für die Armen!

Jesus sagt: "Mit mir ist der Geist

des Herrn, weil er mich berufen hat. Er

hat mich beauftragt, den Armen die frohe

Botschaft zu bringen. Den Gefangenen

soll ich die Freiheit verkünden, den Blinden

sagen, dass sie sehen werden, und

den Unterdrückten, dass sie bald von

jeder Gewalt befreit sein sollen. Jetzt

erlässt Gott alle Schuld." Als Christen ist

Jesu Auftrag auch unser Auftrag. Jesus

möchte, dass alle Menschen in den

Genuss seiner frohen, frei machenden,

ganzheitlichen Botschaft kommen.

Wir versuchen, unseren Nachbarn

und Freunden im Slum ganzheitlich

zu dienen. Das ist leichter gesagt als getan.

An besonderen Anlässen können wir

sie zu einem guten Essen einladen. Dann

werden ihre Mägen wieder mal so richtig

gut gefüllt. 220 Menschen aus unserer

Nachbarschaft kamen am letzten Weihnachtsfest

in den Genuss eines solchen

Essens. Wir boten ihnen gebratene Hühnchenstückchen

an. Das können sie sich

normalerweise nur einmal im Monat leisten.

Das stillte ihren Hunger für einen

Tag; vielleicht musste es auch für zwei,

drei Tage reichen. Aber wie soll es danach

weitergehen? Dann sind sie wieder auf

sich alleine gestellt. Dann gibt es wieder

nur Reis und Linsen, nicht ausgewogen

genug, um gesund zu bleiben. Wir können

nicht Tausende von Nachbarn gesund

ernähren. Wir wollen auch nicht

Menschen von uns und unserer Hilfe

abhängig machen. Und wir wollen auch

keine Ungleichheiten schaffen: Wenn wir

nicht allen helfen, gibt es immer Benachteiligte

– und Eifersucht. Hier im Slum leben

die Menschen sehr dicht beieinander.

Da weiss immer jeder, was der andere

besitzt, sogar, was im Kochtopf der Nachbarn

vor sich hin brät.

Die Hütten unserer Nachbarn

fallen fast auseinander. Wir könnten

ihnen helfen, sie zu renovieren; Geld

spenden, damit Material gekauft werden

kann. Aber früher oder später wird unsere

ganze Slumnachbarschaft entlang der

Bahnlinie vertrieben. Warnungen gab es

schon viele, und manchmal sind ganze


s e r v a n t s

Diener sein

Ganzheitlichkeit

Gemeinschaft

Teil werden

prinzipien

● Wir wollen, dass das gesamte Evangelium

in Wort, Tat und Kraft zum

Ausdruck kommt.

● Wir sind dazu berufen,die Botschaft

von Jesus zu verkünden, Menschen

zu Jüngern Jesu zu berufen, Gemeinden

zu gründen, mitzuleiden, Zerstörerischem

entgegenzutreten, mitzuwirken,

dass ganze Armenviertel

sich zum Guten verändern, und in

der Vollmacht des Geistes zu leben

und zu arbeiten.

● Wir sind uns bewusst: Ein Dienst

unter den Armen bewirkt kaum etwas,

es sei denn, das ganze Evangelium

wird auf alle Bedürfnisse der

Armen angewendet.

● Wir versuchen, Ungerechtigkeit aufzudecken

und zerstörerischen Strukturen

entgegenzutreten – jedoch

ohne dabei irgendeine Form von

Gewalt anzuwenden. Jesus liess keinen

Zweifel an seinem ganzheitlichen

Auftrag:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir;

denn der Herr hat mich gesalbt. Er

hat mich gesandt, damit ich den

Armen eine gute Nachricht bringe;

damit ich den Gefangenen die Entlassung

verkünde und den Blinden

das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen

in Freiheit setze und ein

Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Lukas 4, 18 - 19

Polizeieinheiten aufgetaucht, um die

Slumbewohner fortzuschicken. Das oberste

Gericht hat entschieden, dass die Hütten

der illegalen Bewohner auf dem Land der

Eisenbahn durch Bulldozer niedergewalzt

werden. Warum sollen da die Menschen

viel investieren? Unsere Nachbarn flicken

die Löcher in den Wänden mit Karton,

Plastik und Stoffstücken. Während der

Regenzeit wird einfach noch ein Stück

Plastik auf dem Dach festgemacht. Jedes

Jahr wieder. Renoviert wird nicht. Verständlicherweise.

Ja, warum verdienen diese Menschen

nicht einfach mehr? Dann wären

Nahrung und Wohnung weniger ein

Problem. Aber regelmässige Arbeit, faire

Löhne, gute Arbeitsbedingungen und

eine sinnvolle Tätigkeit, die ihnen Würde

und mehr Selbstvertrauen gibt – das alles

ist für die Armen ein Fremdwort: Sie werden

ausgenutzt, schlecht behandelt und

noch schlechter bezahlt. Eine Frau aus

der Mittelklasse wollte unsere Nachbarin

im Slum für 3.50 SFr. im Monat als Haushaltshilfe

anstellen. Das

ist sogar für lokale Verhältnisse

eine Zumutung.

Offen gesagt,

lässt die Arbeitsmotivation

unter den Armen

auch oft zu wünschen

übrig. Manche nehmen

es mit dem Arbeiten

wirklich nicht so ernst.

Aber neben den faulen

gibt es auch sehr harte

Arbeiter. Nur: Die verdienen

auch nicht viel

mehr. Die schlechte Arbeitseinstellung

liegt oft

daran, dass die Menschen

gar keine Hoffnung

mehr haben, dass sich in ihrem

Leben überhaupt etwas positiv verändern

kann.

Viele Hilfeleistungen können

materielle Not lindern. Aber wir erleben,

dass die emotionalen Nöte grösser sind

und schlimmer. Wie also können wir

ihnen ganzheitlich helfen? Wir glauben,

dass es unser Auftrag ist, ihnen emotional

eine Stütze zu sein, ihnen Freude weiterzugeben.

Freude am Leben, Freude am

Kleinen, Freude an den guten Seiten des

Tages, sogar wenn ihre Lebensbedingungen

ausweglos scheinen. Wir versuchen,

sie oft in ihren Hütten zu besuchen, mit

ihnen Zeit zu verbringen, mit ihnen

zusammenzusitzen und ihnen zuzuhören.

Sie fühlen sich geehrt, wenn sie uns

süssen Tee und einen Snack anbieten

können. Wir lernen ihre Freuden, ihre

Nöte und ihre Lebenskraft kennen und

werden Freunde. (Es ist für sie ein Privileg,

Ausländer bei sich zu Besuch zu haben.

Sie vergessen unseren Besuch ihr Leben

Servants

Das Evangelium gibt Trost,

Mut, Orientierung und mehr;

Brot und Wasser für die Seele

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Servants

Ganzheitlichkeit schliesst

auch das Geld mit ein

Bild: © Friedel Ammann

6

lang nicht.) In unserer

Arbeit mit jungen Frauen

aus den Slums erleben

wir das innere Vakuum

des fehlenden

Selbstwertes immer wieder

sehr stark. Als Frau

ist man in diesem Land

nicht viel wert. Eine

Frau ist bereits ein Fluch,

wenn sie geboren wird;

wenn sie überhaupt geboren

wird, da sehr viele

weibliche Föten gleich

abgetrieben werden. Das

Sparen für die Mitgift bei ihrer Heirat

beginnt sofort nach der Geburt und belastet

eine Familie, bis sie ihre Tochter

„los“ ist; das heisst, bis die Familie einen

Ehemann für sie „gekauft“ hat. Frauen

haben immer einen Mann, der über sie

bestimmt: zuerst der Vater, dann der

Ehemann, später der Sohn. Frauen sind

in diesem Land dazu bestimmt, ein

Leben lang ihre Mannschaft zu bedienen.

Die meisten Frauen im Slum haben

Teilzeitjobs als Haushaltshilfen oder müssen

zuhause bleiben und das Haus hüten.

Schulbildung wird ihnen nur etwa bis

zur vierten Klasse zugestanden, danach

werden sie zuhause oder in einem

Mittelklassehaushalt als Hilfe angestellt.

Wir arbeiten mit jungen Frauen, die in

diesen Umständen aufgewachsen sind

und leben.

Sie erhalten eine sechsmonatige

Ausbildung im Nähen und in der Herstellung

von Papierprodukten, in Englisch

und in christlichen Werten. Danach

arbeiten sie an Bestellungen und werden

pro Stück bezahlt. Unzählige Male am

Tag müssen wir sie ermutigen und ihnen

Bestätigung geben. Sie brauchen es, immer

wieder ein „Du schaffst es!“ zu hören.

Sie haben sehr wenig Selbstvertrauen.

Viele haben bisher ständig gesagt

bekommen, dass sie zu nichts zu gebrau-

chen sind! Oft erzählen sie aus ihrem

Leben, von schwierigen Umständen,

schlimmen Erlebnissen. Wir versuchen,

ihnen emotionale, psychische Unterstützung

zu geben. Aber wir kommen oft

an unsere Grenzen. Wie gut, dass wir einen

Gott haben, der an unseren Grenzen

erst so richtig loslegt.

Bildung und Unterweisung sind

bestimmt wichtig für diese Frauen. Aber

in diesem Land regiert das Kastensystem.

Und weil sie arm sind, werden diese

Frauen ihr Leben lang in eine Kaste eingeteilt.

Aus der zu entkommen, scheint unmöglich.

Nur durch Jesus kann da Befreiung

geschehen: Vor ihm ist die ärmste

Haushaltshilfe dem reichsten Hausherrn

gleichgestellt! Bei Jesus ist jeder Mensch

gleich wichtig. Das ist die beste Nachricht

für die Armen. Wir glauben, dass diese

Nachricht der Kern aller ganzheitlichen

Hilfe für die Slumbewohner ist. Der Glaube

an Jesus Christus ist eine Kraft, die den

Menschen komplett verändert. Diese Kraft

ist die Antwort auf psychische, physische,

emotionale und vor allem geistliche Not!

Ganzheitliche Hilfe verstehen wir kurz

gesagt so: Menschen zu einem Leben mit

Jesus einladen und ermutigen – und uns

gleichzeitig für Bedingungen einsetzen,

in denen dieses neue Leben blühen und

gedeihen kann. Denn Gott möchte das

Herz, das Denken, die Arbeitseinstellung,

die ganze Lebens- und Zukunftsperspektive

eines Menschen verändern! Und veränderte

Menschen können ihre Nachbarschaft,

ihre Stadt, ihr Land verändern.

M. & K.


Philippinen

Mädchen rettet

den kleinen Bruder

Gefängniszelle von Nikas

Mutter

Nika sieht aus wie ein Geist. Gesicht,

Bauch, Beine und Arme des siebenjährigen

Mädchens sind mit einer dicken

Schicht Zahnpaste eingestrichen, um seine

Verbrennungen ein wenig zu kühlen.

Für ein besseres Mittel fehlt den Leuten

hier in Quiapo/Manila das Geld.

Vom Feuer entstellt

Als eine Dose im Müll explodiert

ist, hat Nika ihren zweijährigen Bruder

Joshua mit ihrem eigenen Körper vor dem

Feuer geschützt. Die Flammen haben ihr

Gesicht entstellt und ihre Haare angesengt.

Ihr Körper ist voll von schmerzhaften

Brandblasen. Am Unfallstag kommt

auch ein Team von Onesimo mit Daniel

Wartenweiler nach Quiapo. Als sie ankommen,

stürzt eine Kinderschar auf sie

zu: „Kommt schnell, Nika hat sich verbrannt!“

Zuerst braucht Nika viel zu Trinken

und dann müssen ihre Wunden gereinigt

werden. Schliesslich setzen sich

die Helfer von Onesimo mit den Kindern

um Nika herum und beten, dass sie wieder

gesund wird. Mehr lässt sich an diesem

Abend nicht tun.

Nikas Eltern konsumieren Drogen

und sind zur Zeit wegen Diebstahl im

Gefängnis. Die Mutter ist mit zwanzig anderen

Frauen in eine kleine vergitterte

Zelle eingepfercht. Nun ist Nika allein für

den kleinen Joshua verantwortlich. Ein

weiterer Bruder ist vier Jahre alt und seit

einem Jahr verschollen. Jetzt gehen sie

täglich zusammen auf die Strasse, um zu

betteln.

Spital ohne Krankenschwestern

Nika hat auch eine Tante, die aber

kaum für ihre eigenen acht Kinder aufkommen

kann und ihr Geld jeweils rasch

verspielt. Dennoch verspricht sie, Nika am

nächsten Tag zum Arzt zu bringen. Das

Onesimo-Team fährt wieder nach Hause.

Daniel Wartenweiler schaut an den folgenden

Tagen wieder vorbei. Nika ist

immer noch dort und die Schmerzen quälen

sie. Eine saubere Wundreinigung ist

im Strassenschmutz kaum möglich. Als

eine zwanzig Zentimeter grosse Brandblase

aufplatzt, fährt Daniel mit ihr ins

Spital, begleitet von zwei Teenagermädchen.

Joshua bleibt bei der Tante zurück.

Das Spital will sie zuerst abweisen. Die

Hartnäckigkeit und die weisse Hautfarbe

von Daniel verhelfen nach stundenlangem

Warten zu einer Behandlung.

Nika hat Angst vor der Infusion

und will zurück zu ihrem Bruder. Mit der

Zeit werden auch die beiden Teenies ungeduldig

und einige Überredungskunst

ist nötig, um ihnen klar zu machen, dass

sie nun gebraucht werden, um auf Nika

aufzupassen und sie zu verpflegen. Das ist

hier Sache der Angehörigen, Krankenschwestern

gibt es keine. Um einer Infektion

vorzubeugen, muss Nika drei Tage

im Spital bleiben. Aber was kommt nachher,

zurück auf der Strasse? Steht für diese

Situation eine Hilfsorganisation bereit?

Kindliches Gottvertrauen

Nach ihrer Entlassung wohnt

Nika einige Tage bei Onesimo, zusammen

mit ihrem Bruder. Die Wunden verheilen

nur langsam. Unzählige Telefonate sind

nötig, bis das Hilfswerk CMC Help International

die beiden Geschwister provisorisch

aufnimmt. In der Zwischenzeit haben

sie sich dort gut eingelebt und haben

auch die Zusage, bei CMC bleiben zu dürfen.

Später darf Nika einmal das neue Teamzentrum

von Onesimo besuchen. Ihr kindliches

Gebet vor dem Essen ist von tiefem

Gottvertrauen geprägt, gewachsen in jenen

schmerzhaften Tagen im Spital.

Nika und ihr kleiner

Bruder Joshua

Die siebenjährige Nika ist nun allein für ihren

kleinen Bruder verantwortlich.

Nika nach vier Tagen

Spitalaufenthalt

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Philippinen

Daniel Wartenweiler und

sein Team im neuen Zentrum

Neu: Onesimo Kids

Vor einem Jahr habe ich begonnen,

Kinder auf der Strasse zu besuchen.

Damals träumte ich davon, dass andere

Leute die Leidenschaft für diese Kids mit

mir teilen. Nun staune ich, was seither

alles entstanden ist. Heute sind wir ein

Team von sechs Leuten, vor allem aus den

Onesimo-Gemeinschaften. Junge Menschen

aus zerbrochenen Familien, ehemals

Süchtige und Kriminelle kümmern

sich nun um vernachlässigte Strassenkinder.

Im Herbst konnten wir ein erstes

Lager mit 23 Strassenkindern zwischen

vier und zwölf Jahren im Camp Rock

durchführen. Die grosse Herausforderung

hat mir die beiden Dimensionen unserer

Arbeit bewusst gemacht: die jungen Mitarbeiter

und die Kinder. Seit letztem

Sommer verbringen wir zwei Abende in

der Woche als Outreach auf den Strassen

von Quiapo in Manila. Dort treffen wir

die Kinder, die im Camp Rock dabei

waren. Die Freundschaften haben sich

über die Kinder auch auf die Eltern und

Nachbarn der Strassenfamilien ausgedehnt.

Im Februar haben wir unser

Teamzentrum im Slumgebiet San Roque

eröffnet, wo ich seit

anderthalb Jahren lebe.

Das Zusammenleben inspiriert

uns für die Arbeit

und unsere Beziehungen

können sich

vertiefen.

Daniel

Wartenweiler

Mitarbeiter von

Onesimo Kids berichten

„Ich darf in einem ganz neuen

Dienst von Onesimo unter kleineren

Strassenkindern mitarbeiten. Die Kinder

kommen aus verschiedenen Orten, gehen

nicht mehr zur Schule und ihnen fehlt

die Liebe der Eltern. Heute war Outreach

und wir haben die Kinder wieder gesehen.

Wir haben einander vermisst. Die

meisten Kinder haben viele Wunden,

sind schmutzig und riechen übel. Aber

viel wichtiger ist unsere Beziehung zu

ihnen und zur Nachbarschaft. Wir haben

miteinander gespielt und nachher auf der

Strasse etwas gegessen. Wenn ich mit

ihnen zusammen bin, fühle ich mich

glücklich und leicht. Ein Mädchen hat

mir gesagt: ‚Ich bin nur glücklich, wenn

ihr hier seid. Sonst habe ich niemanden

zum Reden.’ So habe ich ihr etwas Zeit

geschenkt und danke Gott für diese unvergesslichen

Erfahrungen. Ich bin glücklich,

hier helfen zu dürfen und glaube,

dass sich auch Gott darüber freut. Im

Dezember durfte ich an einem Leiterkurs

meine Begabung zur Leiterin entdecken.

Das Gelernte kann ich in einem Sommercamp

anwenden. Ich habe viel gelernt für

mein Leben als Christin und bin stärker

geworden für die Probleme, die noch auf

mich zukommen werden.“

Cherry Mae

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Cherry Mae entfremdete sich

von ihrer Familie, weil sie missbraucht

wurde, und ging dann auch nicht mehr

zur Schule. Vor zwei Jahren ist sie in die

Mädchengemeinschaft von Onesimo eingetreten.


Philippinen

Cherry Mae engagiert sich

für Strassenkinder

Cherry Mae (zweite von

rechts) freut sich, dass sie

gebraucht wird

„Am letzten Outreach vergass

ich beim Spielen die Zeit. Wir spielten

mit den Kindern Ballspiele, Seilziehen

und Seilspringen. Das war lustig und die

Kinder waren begeistert. Später sangen

wir gemeinsam und Daniel verarztete die

Wunden. Nach dem Zvieri gingen wir

heim und vergassen, mit den Kindern zu

beten. Aber Gott versteht das und segnet

uns trotzdem.“

Boy

Daniel Wartenweiler mit

Onesimo-Strassenkindern

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Servants CH

Dieser abgrundhässliche Kasten

Regenzeit im Slum 1996:

Christine Schneider mit

Töchterchen Isabel

Familie Schneider,

März 2004

10

Dienstag, den 13. Januar 2004.

Ein wenig aufgeregt machen wir uns auf

den Weg zum Fernsehstudio, um in der

Sendung "Fenster zum Sonntag" ein Interview

zu geben.

Während wir auf das Schminken

warten, setzt sich der Begleiter eines anderen

Studiogastes zu uns, und wir kommen

ins Gespräch. Als wir seine Fragen

nach unserem Leben mit den Armen beantworten,

werden seine Augen gross und

entsetzt-ungläubig fragt er nach: "Wie

bitte, ihr habt in einem Slum gelebt? Habe

ich euch recht verstanden?"

Im Aufnahmeraum werden

ein paar Szenen aus Manila

eingeblendet, die den Blick freigeben

in unsere Hütte, am Rand

des Abfallbergs in Payatas. Man

sieht unser WC auf grauem Zementboden

ohne eingebaute

Spülung, dafür steht eine rostige

Wassertonne mit Schöpfbecher

daneben. Die anwesenden Redaktoren

und Techniker reagieren

fassungslos: "Unglaublich,

dass man als Schweizer so leben

kann!"

Ich versuche, mich in

dieses Hüttenleben zurückzuversetzen.

War es wirklich so schlimm? Zugegeben:

Dieses WC entsprach nicht meinen Vorstellungen

von Ästhetik. Aber viele Familien

in Slums haben gar kein eigenes

WC. Ich erinnere mich an das erfrischende

Duschen nach heissen Tagen. Aus einem

grossen Becher giesst man einfach

Wasser über sich aus. Die rote Färbung

und der Geschmack durch die rostigen

Leitungen spielten keine grosse Rolle.

Kühles Wasser auf der verschwitzen Haut

wurde oft zum unendlich erlösenden Höhepunkt

des Tages.

Ich durfte noch viele andere solche

Höhepunkte erleben: So sitze ich

nach einer mehrstündigen Fahrt durch

den verrückten Stadtverkehr im Schatten

und trinke ein Glas eisgekühltes Wasser.

Bei einem Ausflug in den Stadtpark

nehme ich die wohltuende Aussicht

auf Bäume, Blumen und grüne Wiesen in

mich auf und vergesse dabei für einen

Moment den alltäglichen Blick auf Abwasserkanäle,

rohen Zement und herumliegenden

Abfall.

Nach einer strapaziösen Heimreise

aus Mindoro finden wir unsere

Hütte aufgeräumt und sauber. Im Kühlschrank

steht ein Krug mit gekühltem,

gefiltertem Trinkwasser. Meine Freundin

und Nachbarin, Jessica, hat die Staubund

Russschicht, die sich in Manila jeden

Tag auf alles legt, weggeputzt und mir damit

eine grosse Freude bereitet.

Yieng, eine andere Nachbarsfrau,

bringt uns die Kleider zurück, die sie für

uns gewaschen hat. Der frische Duft des

Waschmittels vertreibt für einen Moment

die vielen unangenehmen Gerüche des

Slums. Ein kurzer Schwatz mit Yieng bei

einem Glas kaltem Eistee macht mich

glücklich und ich bin ihr dankbar, dass

sie diese grosse Arbeit für mich erledigt.

Nun sind wir wieder zurück in

Basel. Täglich treffen neue Briefe und Unterlagen

ein, für die wir ein gutes Ablagesystem

brauchen. In unserem Keller steht

ein grosser grauer Registerschrank – ideal,

um unsere Papierberge darin abzulegen.

Aber: Er ist abgrundhässlich, stört mein

Ästhetikgefühl und passt einfach nicht in

unser Haus. Ausserdem stört das unangenehme

Metallgeräusch der Schubladen.

Wochenlang ringe ich mit mir und

komme zum Schluss, dass ich mit diesem

wüsten Kasten leben kann und will. Chris

ist erleichtert. Von den Armen in Manila


Servants CH

habe ich gelernt, dass Glück und Zufriedenheit

nicht davon abhängen, wie schön

die Wohnung aussieht, wie angenehm

oder wie beschwerlich das Leben ist und

ob sich alle Probleme lösen lassen. Im

Gegenteil: Auch nach bald einem Jahr

angenehmem Leben in der Schweiz denken

wir gerne an die vielen glücklichen

Momente in Manila zurück, die trotz

allen Widrigkeiten auch zu unserem Leben

dort gehörten.

Die Bibel ermutigt uns, dankbar

und froh durchs Leben zu gehen:

"Freut euch immerzu, weil ihr mit Jesus verbunden

seid. Und noch einmal sage ich euch:

Freut euch! ... Macht euch keine Sorgen, sondern

wendet euch in jeder Lage an Gott und

bringt eure Bitten vor ihn.Tut es mit Dank

für das Gute, das er euch schon erwiesen hat"

(Philipper 4, 4+6).

Christine Schneider

Stabwechsel beim Newsletter

Begeistert haben sie den

Newsletter geprägt: Monika

Thiel und Markus Reist

Mit dem Newsletter 40 vom Dezember

2003 haben sich Monika Thiel

und Markus Reist aus dem Redaktionsteam

verabschiedet. Markus Reist hat

sechs und Monika Thiel sogar ganze zehn

Jahre den Newsletter gestaltet! Sie haben

dafür gesorgt, dass mehr als tausend Servants-Freunde

in der Schweiz und in

Deutschland regelmässig Anteil nehmen

konnten am Leben mit den Armen und

an dem, was Gott bei ihnen in Bewegung

setzt.

„1994 habe ich den Newsletter

von Christine Schneider übernommen“,

erinnert sich Monika Thiel. „Das war

noch die Zeit ohne Computer. Da wurden

die Texte getippt und dann mit den

Bildern zusammengeklebt. Eine Freundin

hat mir dann beigebracht, wie das mit

dem Computer funktioniert. Eine Zeit

lang habe ich das Layout sogar selber am

Computer gemacht, mit viel Hilfe von

Stephan, meinem Mann. Das war die Zeit,

in der ich fitter wurde am PC (das ist

mittlerweile lang her...). Und dann kam

Markus dazu. Er hat das Layout übernommen

und die strukturelle Verantwortung.“

Markus Reist war von Mai bis August 1998

auf der Müllhalde in Payatas in den „Ferien“

gewesen. Wieder daheim, stiess er

zum Newsletter dazu.

Danke für all das, was ihr an

Zeit, Herz, Ideen und Festplattenspeicher

in den Newsletter gesteckt habt!

Ein herzliches Dankeschön auch

an Judith Baier und das Ehepaar Tanner,

die jahrelang den Versand des Newsletters

organisiert haben. Ohne euch wäre

die Arbeit von Monika und Markus umsonst

gewesen.

Den Newsletter wird es weiterhin

geben: Herzlich willkommen, Markus

Siegenthaler und Rita Binkert, im Redaktionsteam!

Und für den Versand ist auch

gesorgt: den haben zwei Jugendgruppen

übernommen. Herzlichen Dank!

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Indien

Brasilianische Fussballprofis

trainieren indische Slumjungs

Näherinnen von

ConneXions arbeiten an

ihrer Selbstständigkeit

Der letzte Newsletter hat über

ConneXions berichtet, einer Arbeit unter

indischen Frauen. Mitarbeiter von Servants

haben dieses Zentrum gegründet,

wo junge Frauen aus den Slums eine

Ausbildung und Arbeit finden. Das Ziel

ist die berufliche Selbstständigkeit, damit

sie sich und ihren Familien selber helfen

können.

Junge Frauen aus den Slums finden eine Arbeit.

Junge Fussballer mit ihren

neuen Tricots

Slumjungs mit ihren

brasilianischen Trainern

Über dreissigtausend Menschen

leben in diesem Slum, das sich fünf

Kilometer der Bahnlinie entlangzieht.

Eine brasilianische Partnermission hat

dort im Februar ein Fussballtraining

gestartet und konnte zwei professionelle

brasilianische Trainer dafür gewinnen.

Zweimal wöchentlich trainieren sie nun

vierzig Jungs in zwei Altersgruppen. Das

Training findet ganz in der Nähe der

Slumhütten in einem Park auf der anderen

Seite der Bahnlinie statt. Die Jungs

sind sehr stolz darauf, dass erfolgreiche

Sportler Zeit für sie investieren. Um sie

kümmert sich sonst keiner freiwillig.

Zur Eröffnungsfeier im März reisten

noch zwei weitere brasilianische

Fussballprofis an. Sie motivierten die

Jungs und gaben den Ankick zum ersten

offiziellen Spiel. Die Slumgemeinschaft

empfing die Brasilianer herzlich und

hilfsbereit. In ihrer Vorfreude bauten die

Jungs eine Bühne auf und dekorierten sie

mit vielen farbigen Flaggen. Ein Lautsprecher

verstärkte die Reden der Ehrengäste.

Der Match wurde für die vielen Zuschauer

zu einem freudigen Ereignis.

Besonders freuen konnten sich

auch die jungen Frauen von Conne-

Xions, die fünfzig Fussballshirts herstellen

konnten. Die gelb und grün leuchtenden

Tricots markierten die Teams und

erfüllten auch die Frauen mit Stolz, dass

ihre Arbeit gebraucht wird. Nun hoffen

sie auf viele grosse und kleine Aufträge,

auch von der eigenen Slumgemeinschaft.

K. & M.


Philippinen

Vor der Ausreise

Ende Juni wird Simon Fankhauser

nach Manila ausreisen und das Servants-Team

verstärken. Hier stellt er sich

vor:

Ich bin 28 Jahre alt (oder jung)

und in Langnau im Emmental aufgewachsen.

Nach meiner Schulzeit entschied

ich mich für eine kaufmännische Lehre

in der Versicherungsbranche. Die Lehrzeit

waren stürmische Jahre in meinem

Leben: Ich war orientierungslos und suchte

verzweifelt nach einem sinnvollen

Leben. In dieser Lebensphase fand ich

zum Glauben an Jesus Christus.

An meinem Beruf fand ich keine

bleibende Freude. Unmittelbar nach der

Ausbildung orientierte ich mich neu.

Nach der Rekrutenschule und verschiedenen

Berufspraktika nahm ich ein halbes

Jahr lang an einer Jüngerschaftsschule bei

Jugend mit einer Mission in England teil.

Dazu gehörte auch ein Einsatz in Amsterdam/Holland.

Da habe ich das erste

Mal „Missionsluft“ geschnuppert: Ich lernte

Menschen aus anderen Kulturen kennen

und schätzen. Wir halfen mit bei

Projekten für obdachlose und drogenabhängige

Menschen im Rotlichtviertel.

Dort realisierte ich: Mein Herz schlägt für

Menschen in Not und am Rand der Gesellschaft.

In mir wuchs der Wunsch, mein

Leben für solche Menschen zu investieren

und gleichzeitig das Leben in einer

anderen Kultur hautnah kennen zu lernen.

Wieder zu Hause angekommen,

hörte ich von der theologischen Ausbildung

beim Institut für Gemeindebau und

Weltmission (IGW). Das war die Chance,

mich auf dieses Ziel vorzubereiten. Im

ersten Kurs über Mission referierte Christian

Schneider. Ich hörte zum ersten Mal

von Servants und den Projekten in Manila.

Die Bilder und Erzählungen von

Chris und die Grundsätze dieser Organisation

haben mich tief beeindruckt

und berührt. Diese Eindrücke liessen

mich auch in den folgenden Jahren nicht

los: Ich beschloss, für einen Monat nach

Manila zu gehen, um Servants und das

Leben dort näher kennen zu lernen.

Was ich in dieser Zeit erlebt habe,

gab mir den Anstoss, mich definitiv

als Mitarbeiter zu bewerben. Zu meiner

Freude habe ich Grünes Licht erhalten.

Während der Zeit bei IGW unterrichtete

ich in der reformierten Landeskirche

in Mühleberg teilzeitlich kirchliche

Unterweisung. Dabei entdeckte ich meine

Freude und Gabe am Unterrichten von

Kindern und Jugendlichen. Darum beschloss

ich nach meinem Abschluss bei

IGW, eine einjährige Weiterbildung in Erziehung

und Schulung bei Jugend mit einer

Mission in Texas, USA, zu absolvieren.

Seit Sommer 2003 bin ich wieder

in der Schweiz und habe in diesem Gebiet

gearbeitet. Ich könnte mir gut vorstellen,

mich auch in Manila auf diese Art und

Weise zu engagieren. Aber ich will mich

jetzt noch nicht festlegen. Erst mal gehe

ich hin und werde einfach mit den

Menschen leben, ihre Sprache lernen,

neue Freundschaften aufbauen – und

dann herausfinden, wo mein Platz sein

könnte.

Ich freue mich auf die kommende

Zeit, bin angefüllt mit guten Erwartungen.

Gleichzeitig weiss ich, dass es

bestimmt nicht nur einfach sein wird.

Aber ich bin überzeugt von diesem ersten

Schritt und bete, dass Jesus mir den weiteren

Weg zeigt, damit ich den Menschen

dort ein Segen sein kann – und sie mir.

Simon Fankhauser wird

Ende Juni nach Manila ausreisen

und das Servants-Team

verstärken

13


International

Dorothy Mathieson (links)

beim Nachmittag mit schweizerischen

und deutschen

Servants-Freunden

14

Kekse, Limonade

und Inspirationen

Dorothy Mathieson ist die internationale

Koordinatorin von Servants:

Sie besucht und begleitet die Teams in

Asien und in den Heimatländern der

Missionare (sog. Homeends, dt. Heimatbasis).

Vom 24. bis 28. März war sie zu

Gast beim Schweizer Homeend

in Basel. Einen Samstag Nachmittag

lang nahm sie sich Zeit,

um sich bei Limo und Keksen

mit Servants-Freunden und Interessierten

auszutauschen.

Das Treffen sollte ursprünglich

in Thiels Wohnzimmer

stattfinden. Zu unserer Freude

meldeten sich täglich mehr

Gäste an, und das Treffen wurde

spontan in die Thomas-Kirche

verlegt. Dorothy weitete unser

Blickfeld für die Arbeit von Servants

in ganz Asien. Wir staunten

darüber, wie weit die Arbeit

des fünfköpfigen Servants-Teams

in Kambodscha Kreise zieht.

Zusammen mit dreissig einheimischen Mitarbeitern

und zahlreichen Freiwilligen

begleiten sie AIDS-Kranke und ihre Familien

(siehe Artikel S. 20). AIDS-Waisen

werden nicht in Heimen untergebracht.

Stattdessen sucht und unterstützt das

Halo-Projekt Familien aus ihrem eigenen

Slum, die bereit sind, diese Kinder bei sich

aufzunehmen. Diese Arbeit wurde von

Unicef im vergangenen Jahr ausgezeichnet

und wird dieses Jahr ganz in einheimische

Hände übergeben. In Nachbarländern

soll es als Modell für ähnliche Projekte

anderer Organisationen dienen.

Sehr ermutigt hat uns, von siebzehn

neuen Bewerbern zu hören. Einige

reisen bereits in diesem Jahr aus; zwei der

neuen Servants-Mitarbeiter liessen uns

teilhaben an ihrem bisherigen Weg, ihrer

Entscheidung für Servants und dem, was

sie in der Zeit von Abschied und Vorbereitungen

bewegt. Simon Fankhauser ist

einer der neuen Mitarbeiter. In diesem

Newsletter stellt er sich vor.

Aufgerüttelt hat uns Dorothys

Bericht über den Umbruch, der dabei ist,

das Gesicht der weltweiten Kirche zu verändern:

So, wie wir sie kennen, wird es

sie in Zukunft nicht mehr geben. Die

Mehrheit der Kirche des 21. Jahrhunderts

kommt nicht aus dem Westen, sondern

aus armen Ländern. Das wird sich auf

dem Missionsfeld widerspiegeln. Die Zahl

der westlichen Missionare nimmt stetig

ab – in armen Ländern entstehen hingegen

ganze Missionsbewegungen. Die chinesischen

Hauskirchen beispielsweise haben

die Vision, in den kommenden Jahren

200 000 Missionare in die westlichen

Nachbarländer zu entsenden.

Diesen grundlegenden Veränderungen

will Servants begegnen. Einige

der Herausforderungen sind bereits zu erkennen:

Ein philippinisches Pastorenehepaar

aus einem Slum in Manila möchte

als Servants-Mitarbeiter in ein buddhistisches

Land ausreisen. Die Mitglieder

ihrer Slumgemeinde werden sie finanziell

nicht zu hundert Prozent unterstützen

können. Ihr Einkommen reicht

oft kaum für ihre eigene Familie. Wie

können asiatische Servants-Missionare

unterstützt werden, ohne sie von reichen

Geldgebern abhängig zu machen?

Servants sieht Möglichkeiten, entstehende

Missionsbewegungen unter Armen

in Asien beratend und unterstützend

zu begleiten. Wie lassen sich Partnerschaften

aufbauen, auch in den Ländern,

in denen bisher keine Servants-

Teams arbeiten?

Im Oktober 2004 treffen sich alle

Servants-Mitarbeiter in Manila zu einem

Forum und Leitertreffen (ILT). Auch dort

werden diese Fragen weiter bewegt.

Wir sind inspiriert von Dorothys

Begeisterung für Jesu Weg mit seiner weltweiten

Gemeinde und dankbar für ihr

Vertrauen, die offenen Fragen innerhalb

von Servants mit uns zu teilen. Es tat gut,

für diese überwältigenden Veränderungen

miteinander um Gottes Sicht und

Weisheit zu bitten und staunend danke

zu sagen, für das, was er gerade in Bewegung

setzt.

Vor ihrem Besuch in der Schweiz

war Dorothy übrigens in Deutschland. Zu


International

Servants gehören eine deutsche Familie

und ein Ehepaar, zwei junge Frauen aus

Deutschland stossen diesen Sommer dazu.

Es besteht der Wunsch, auch für sie eine

Heimatbasis zu schaffen.

Dorothy betonte, wie wichtig

eine Heimatbasis für die Missionare vor

Ort ist. Sie dankte den Schweizer Servants-Freunden

für ihre wertvolle Unterstützung,

die sich auf die internationale

Arbeit sichtbar auswirkt.

Im Anschluss an die Schweiz

reist Dorothy weiter nach England, den

USA und Neuseeland, bevor es zurückgeht

nach Australien. Dort wird sie bereits

erwartet von ihrem Mann George,

der sie auf ihren Reisen für Servants normalerweise

begleitet.

Philippinische

Slumbewohner studieren die

Bibel und nehmen den

Missionsauftrag wahr.

Melanie Wilhelm

und Daniel Böhm

Impressum

Servants Switzerland

Hegenheimerstrasse 193

CH-4055 Basel

Telefon +41 61 381 55 46

E-Mail switzerland@servantsasia.org

Bank: PC 40-4614-0, UBS Basel,

Konto 907846.40J-233,

Servants Switzerland

Auflage: 1400 Exemplare

Redaktion: Markus Siegenthaler,

Melanie Wilhelm

Layout: Rita Binkert

Links

www.servantsasia.org

www.onesimo-foundation.org

www.kamay-krafts.org

www.bornpoor.com

Servants Kambodscha

G.P.O. Box 538

Phnom Penh

Cambodia

Telefon/Fax +855 23 425 045

E-Mail cambodia@servantsasia.org

Servants Philippinen

P.O. Box AC-569

1109 Quezon City

Metromanila, Philippines

Telefon +632 926 76 88

E-Mail philippines@servantsasia.org

15


Philippinen

Das Leben geht unter der

Plastikplane weiter

Trümmer des abgebrannten

San Roque

16

Feuer in San Roque

Der Feueralarm erreicht uns am

1. Mai 2004 nach dem Abendessen. In

wenigen Sekunden verwandelt sich unser

dicht bevölkertes Slumgebiet in einen

Ameisenhaufen, die engen Gassen sind sofort

verstopft. Ich renne der Feuersäule

auf der andern Seite des Slumgebiets entgegen

– ganz in der Nähe, wo ich früher

gewohnt habe. Kinder rennen. Menschen

weinen. Sie tragen Fernseher, vollgestopfte

Säcke, Kochherde, Pfannen. Die

Löschfahrzeuge können das Feuer nicht

erreichen. Die Häuser aus Sperrholz und

Wellblech brennen in der trockenen

Sommerhitze wie Zunder. Wir

helfen, Wertgegenstände auf den

Basketballplatz zu tragen, während

die Bewohner Wasserkessel

um Wasserkessel schleppen. Es

scheint ein Tropfen auf den heissen

Stein zu sein. Das Feuer

kommt auch unserem Haus

immer näher und ist nur noch

etwa hundert Meter entfernt. Die

Feuerwehr dringt bis zum

Basketballplatz vor und verstopft

die einzige Strasse, die in den

Slum führt. Hunderttausend Menschen

haben ihre Häuser geräumt

und füllen mit ihrem Hab und Gut die

anderen Strassen. Um zwei Uhr morgens

haben auch wir alles hinausgeräumt, als

das Feuer endlich gelöscht werden kann.

In wenigen Stunden sind die Häuser von

über 1300 Familien abgebrannt. Sie haben

kein Bankkonto, keine Versicherung und

kein Geld. Das Feuer hat San Roque in

zwei Welten geteilt: Die einen hatten

Glück wie wir und die anderen hatten

Pech.

Und doch staune ich über die

unglaubliche Lebenskraft meiner Freunde,

die immer noch lachen, auch in Ruinen

und unter Plastikblachen. Sie machen

weiter, bauen wieder auf, fangen wieder

von vorne an und hoffen auf eine bessere

Zukunft. Wir versuchen zu helfen. Am

ersten Abend verteile ich meine Kleider,

Seife, Wasser, Medizin. Ich besuche Menschen

im Brandgebiet und höre mir ihre

Geschichten an. Ausser Nahrung ist noch

keine Hilfe angekommen und die Leute

zweifeln, dass die Regierung etwas tut.

Sie sind wütig und fühlen sich im Stich

gelassen. Ich möchte mit Leitern der Gemeinschaft

und der Kirche ein Hilfskomitee

gründen, um die grösste Not zu

erfassen und gezielte Hilfe anzubieten.

Mit 25 sFr. kann man einer Familie in der

ersten Not helfen. Ich hoffe auf 20 000 sFr.,

für die Bedürftigsten. Alle Spenden werden

ohne Abzug nach Manila überwiesen.

Herzlichen Dank!

Daniel Wartenweiler

Spendenkonto: PC 40-38079-9, Servants

Switzerland, CH-4055 Basel

Vermerk: Manila Fire San Roque


Philippinen

Die „Faith in Jesus Christ

Church“ ist völlig ausgebrannt,

die Pastorenfamilie

haust nun unter dem

Zeltdach

Hier wohnte Daniel

Wartenweiler früher im oberen

Stockwerk – gebaut aus

Pavatex, Holz und Blech

17


Philippinen

Die Freude dieser Filipinos

steckt an

Abschlussfeier mit Liedern

und Theater

18

Neue Lebensfreude

für Strassenkinder

Im Februar war ich für einen kurzen

Besuch in Manila. Viele negative Berichte

über Schwierigkeiten und Misserfolge

prägten meine Erwartung. Umso

mehr freute ich mich dann aber, als ich

dort auf die treu engagierten Mitarbeiter

von Onesimo traf. Nach unserem Wegzug

in die Schweiz konnte sich eine ernsthafte

Identitätskrise ausbreiten. Nun aber

sind alle fest entschlossen, die Arbeitszweige

zu stabilisieren und sie arbeiten

am weiteren Wachstum.

Gründliche Arbeit

Ich freue mich über die fünfzehn

neuen Kinder, die vor einem halben Jahr

das wilde Strassenleben hinter sich gelassen

haben. An einer Feier erscheinen etwa

zweihundert Freunde und hören die persönlichen

Berichte aus den fünf Onesimo-Gemeinschaften.

Mit Tanz, Theater

und Liedern zeigen die ehemaligen jungen

Müllsammler ihre neue Lebensfreude.

Im Vorstand engagieren sich

ehrenamtliche Filipinos aus der Mittelschicht.

An einer Sitzung treffen sie auf

die Leiter aus verschiedenen Bereichen,

aus Camparbeit, Schule und Mitarbeiterschulung.

Mich beeindruckt, wie sie sich

volle fünf Stunden durch all die Berichte

und Fragen durcharbeiten. Regula Hauser,

die Leiterin von Servants Manila, bestätigt

mir, dass diese Leute immer so gründlich

arbeiten, auch wenn ich nicht da bin.

Licht in dunkle Gassen

Besonders freut micht der neue

Arbeitszweig unter vier- bis zwölfjährigen

Strassenkindern des Schweizers Daniel

Wartenweiler. Ich begleite einen nächtlichen

Einsatz im Herzen der Grossstadt.

Absolventen des Onesimo-Programms

kümmern sich um die körperlichen und

seelischen Wunden dieser kleinen Vergessenen.

Mit Wundpflaster, Liedern, Spielen

und mit viel zärtlicher Berührung bringen

sie ihre Liebe in die dunklen Gassen.

Onesimo steht auch vor einigen

aktuellen Herausforderungen. Der Gesamtleiter,

Noel Gabaldon, tritt zurück,

steht aber weiter als Jugendpastor zur Verfügung.

Für die Nachfolge hoffen wir, dass

sich eine geeignete Filipina oder ein Filipino

rechtzeitig dieser Verantwortung

stellen wird.

Im April und Mai finden wieder

sieben Freizeiten im Camp Rock statt.

Gegen fünfhundert Jugendliche aus den

Armenvierteln werden erwartet. Wir glauben,

dass aus diesen Ferienwochen viel

Lebensfreude und Neuorientierung in die

Slums einkehren wird.

Neues Ausbildungszentrum

geplant

Seit drei Jahren unterstützt Onesimo

Jugendliche und ehemalige Strassenkinder

bei der Alphabetisierung und

hilft Späteinsteigern, sich auf staatliche

Schulexamen vorzubereiten. Die Infrastrukturen

der Slums sind für eine Schulung

völlig ungenügend und die Raummiete

ausserhalb ist teuer. Darum will

Onesimo ein eigenes Ausbildungszentrum

errichten und benötigt dazu ein

geeignetes Grundstück. Auch die Selbsthilfeprojekte

für den Erwerbseinstieg waren

bisher nur beschränkt möglich. Das

neue Zentrum soll mehr jungen Menschen

einen Berufskurs oder eine Anlehre

ermöglichen. Dazu ist auch eine

Autowerkstatt geplant. Das Bauland soll

durch einen Sponsorenlauf des Basler

CVJM finanziert werden. Noch nicht gedeckt

sind die Baukosten. Die OJC Offensive

Junger Christen in Deutschland hat

ihre Unterstützung zugesagt.

Christian Schneider


Servants CH

Für Ausbildungszentrum Onesimo

Sponsorenlauf „Domino 2004

Samstagnachmittag

28. August 2003

Gartenbad Bachgraben, Basel

Der Basler CVJM/F unterstützt das geplante

Ausbildungszentrum von Onesimo

mit seinem diesjährigen Sponsorenlauf.

Die Teilnehmer messen sich im Laufen,

Inlineskaten und Schwimmen und suchen

persönliche Sponsoren, die sie je

nach Leistung mit einem Beitrag für

Onesimo honorieren. Weitere Attraktionen

sind Konzerte und ein Openairkino.

Samstag, 28. August 2004

14.00 Uhr Beginn

14.30 Uhr Start Laufen

16.15 Uhr Start Inlineskating

19.30 Uhr Start Schwimmen: kurz + lang

Rahmenprogramm

14.30 - 21.30 Uhr

● Movimento: Jazztanz + Hip-Hop

● Support: Folkrockgospeljazz

● Chris2Sticks: Diaboloshow

● Well … : on stage

● Lollipop: Rock-’n’-Roll-Show

● Openairkino

● Spiele

● Verkaufsstände

Laufen gegen die Zeit

und für einen guten Zweck

Sonntag, 29. A ugust 2004

17.00 Uhr Gottesdienst Thomaskirche

Infos und Anmeldung

Domino 2004, Jungstrasse 27, 4056 Basel

www.domino-basel.ch

Konto

Basler Kantonalbank

PC-Konto 40-61-4

zu Gunsten von 16 569.057.73.770,

CVJM/F-Regionalverband, 4000 Basel

19


Kambodscha

Briefe aus dem Slum

Teil l

Die Gesichter spiegeln

die Hoffnung wider, welcher

Sarah Aulie dort begegnete,

wo sie es am wenigsten

erwartete

20

Sarah Aulie studiert Fotografie an

der Wheaton Universität in den Vereinigten

Staaten. Ende letzten Jahres besuchte

sie Servants in Kambodscha: ein Monat,

der ihr Leben veränderte. In dieser Zeit

schickte sie Fotos und Briefe nach Hause.

Sie spiegeln die Hoffnung wider, der sie

gerade dort begegnete, wo sie es am wenigsten

erwartet hätte: in den Gesichtern

von Menschen, die an AIDS erkrankt sind

und im Sterben liegen.

Die Hoffnung

Liebe Mama, lieber Papa,

heute Morgen habe ich Soreem

bei ihren Hausbesuchen begleitet. Soreem

ist eine liebenswerte Krankenschwester

ungefähr in meinem Alter. Sie arbeitet für

Servants und besucht in den Slums Menschen,

die AIDS haben.

Letzte Woche habe ich mich so

erschöpft gefühlt, wie ich es gar nicht

von mir kenne. Vielleicht wegen der Hitze

hier. Aber diesen Morgen spürte ich, wie

meine Energie zurückkam. Ich habe Hoffnung

gesehen. Mein erster Lichtblick seitdem

ich hier bin.

Soreem kam mit einem ganzen

Koffer voller Medikamente und eine

andere Khmer-Frau kam mit ihrer Bibel.

Eine Patientin konnte nicht mehr atmen.

Ich dachte, sie würde sterben. Soreem gab

ihr eine Tablette, die ihre Lungen ausdehnte.

Da wurde ihre Atmung wieder

normaler. Dann schlug die Khmer-Frau

ihre Bibel auf und fing an, der Frau daraus

vorzulesen. Wir drei legten ihr die

Hände auf und beteten für sie. Ich konnte

sehen, wie Jesus die Angst von ihrem

Gesicht wegnahm und die Linien um

ihren Mund herum glatt strich. Es gibt

Hoffnung! Und diese Hoffnung heisst

Jesus, und sonst nichts.

Die ganzen Ärzte, Krankenschwestern

und Sozialarbeiter kämpfen gegen

die Zeit. Ich schaue ihnen zu, wie sie

Päckchen mit Medikamenten verteilen

oder Schälchen mit einer heissen Suppe

drin. Aber all das hält die Menschen nur

kurze Zeit über Wasser. Es gibt ihnen

keine Hoffnung. Es verschafft ihnen ein

bisschen mehr Zeit. Momentan fliesst

jede Menge ausländischer Hilfe nach Kambodscha.

Aber irgendwann wird dieser

Geldstrom vertrocknen; die Missionsärzte

werden heimgehen. Und was dann? Die

letzten Tage ging mir ständig durch den

Kopf: „Wozu das Ganze? Diese Menschen

werden doch sowieso sterben.“

Aber genau darum geht es. Diese

Menschen werden sterben. Jeder einzelne

Kranke, den wir heute Morgen besucht

haben, und jeder Kranke, den wir heute

Nachmittag besuchen, wird sterben. Und

genau deshalb müssen wir sie besuchen!

Denn wir bringen wirklich ein Heilmittel

mit. Das Gesicht dieser Frau entspannte

sich, als für sie gebetet wurde. Das lässt

mich daran glauben, dass es ein Mittel

gibt gegen AIDS.

Ich war mir sicher, die Besuche

bei den AIDS-Patienten würde ich abstossend

finden: Es muss deprimierend sein,

den ganzen Tag Leute zu besuchen, die

im Sterben liegen – und nichts dagegen

tun zu können. Aber genau diese Besuche

haben mir wieder Hoffnung gegeben. Ich

habe keine medizinische Ausbildung. Ich

habe keine Ahnung von der Kultur der

Khmer. Ich bin ein einfältiges Mädchen,

das mal in Kambodscha vorbeischauen

wollte, um „kulturelle Erfahrung“ zu sammeln

– du meine Güte, wie sich das schön

anhört. Aber heute Morgen wurde ich

Zeuge, dass es Hoffnung gibt in den Slums.

Gott war für mich weit weg. Ich

hatte den Eindruck, dass er diesen Ort

vielleicht ganz vergessen hatte. Aber dieser

Morgen lässt mich glauben, dass er vielleicht

schon die ganze Zeit hier.

Sarah Aulie

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