woyzeck - Schauspiel Stuttgart

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woyzeck - Schauspiel Stuttgart

Woyzeck

° Georg Büchner

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bill: Warum hast du es mir nicht gesagt?

Braut: Ich weiss nicht.

Vielleicht weil ich ein

schlechter Mensch bin.

Bill: Du bist kein schlechter Mensch.

du bist ein wunderbarer Mensch.

du bist mein Lieblingsmensch.

Wie sehe ich aus?

Braut: Du bist soweit.

>> Quentin Tarantino, Kill Bill 2

67 Woyzeck


weiter, die Auto-industrie macht

weiter, die Rock´n´Roll-Sänger

weiter, das Papier macht weiter,

tag und Nacht macht weiter, der

die Augen gehen auf, die Türen

man spricht, man macht Zeichen,

zeichen auf der Strasse, Zeichen

Den, Bewegungen in den Zimmern,

mand auSSer einem selbst da ist,

über einen leeren grauen Park-

wachsen in den liegengelassenen

in der Innenstadt, ein Bauzaun

bauzaun ist ein Schild genagelt,

Plakate, Bauzäune und Verbote

machen weiter, die Häuserwände

macht weiter, die Vorstädte

»Die Geschichtenerzähler machen

weiter, die Arbeiter machen

machen weiter, die Preise machen

Tiere und Bäume machen weiter,

Mond geht auf, die Sonne geht auf,

gehen auf, der Mund geht auf,

Zeichen an den Häuserwänden,

in den Maschinen, die bewegt werdurch

eine Wohnung, wenn nie-

Wind weht altes Zeitungspapier

platz, wilde Gebüsche und Gras

Trümmer-grundstücken, mitten

ist blau gestrichen, an den blauen

Plakate ankleben verboten, die

machen weiter, die Fahrstühle

machen weiter, die Innenstadt

machen weiter.«

>> Rolf Dieter Brinkmann


WOYZECK

> nach Georg Büchner <

eine kooperation mit der filmakademie baden-württemberg

Premiere am 3.Mai 2009 im Kammertheater

Spieldauer ca. 90 Minuten

Keine Pause

www.staatstheater-stuttgart.de


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woyzeck

Besetzung (Film)

Besetzung (Theater)

woyzeck

marie

hauptmann

andres tambour

doktor

margreth

belader

nachbar

nachbarin

regie

szenen- und kostümbild

maske

dramaturgie

kamera

schnitt

sounddesign

oberbeleuchter

assistenz

beleuchter Film

hospitanz

Bijan Zamani

Nadja Stübiger

Peter Loth

Sebastian Röhrle

Rainer Philippi

Stephanie Schönfeld

Jonas Fürstenau

Bernhard Baier

Gabriele Hintermaier

Michael Baumann

Matthias Koch

Anett Weber

Frederik Zeugke

Leonhard Lehmann

Kilian Schmid

Christian Späth

Anselm Belser

Brighid Möller (Regie), Mari-Liis

Tigasson (Szenenbild), Ulé

Barcelos (Kostüm), Alexander

Bloom, Albrecht von Grünhagen,

Kilian Schmid (Kamera), Christian

Wiechers (Ton)

Adrian Groß, Matthias Allner,

Robert Braunschweiger

Peter Wedig (Regie), Robert Sievert

(Szenenbild), Ramona Wunderlich

(Kostüm)

woyzeck Bijan Zamani

marie Nadja Stübiger

hauptmann Peter Loth

andres tambour Sebastian Röhrle

doktor Rainer Philippi

regie eike Hannemann

Bühne & Kostüme Matthias Koch

dramaturgie Frederik Zeugke

assistenz evelyn Becker (Regie), Sally Reck

(Bühnenbild), Ulé Barcelos (Kostüm)

Inspizienz Bernd Lindner

Souffleuse Dorothea von Dechend

hospitanz robert Sievert (Regie), Ramona

Wunderlich (Kostüm), Sophie

rintelmann (Dramaturgie)

Technische Direktion: Karl-Heinz Mittelstädt // Technische Direktion

Schauspiel: Andreas Zechner // Technische Einrichtung: Matthias Hennig //

Licht: Reinhard Schaible // Video: Rainer Schwarz // Ton: Herbert Schnarr,

Markus Götze // Requisite: Dieter Bauche // Leitung Dekora tions werkstätten:

Bernhard Leykauf // Technische Produktions betreu ung: Karin von Kries //

Malsaal: Maik Sinz // Bildhauerei: Michael Glemser // Dekorationsabteilung:

Donald Pohl // Schreinerei: Frank Schauss // Schlosserei: Patrick Knopke //

Leitung Maske: Heinz Schary // Maske: Anne Bartusch, Sabrina Maier,

Stefan Jankov // Kostümdirektion: Werner Pick // Produktionsleitung

Kostüme: Sabine Wagner // Gewandmeis te rin nen: Renate Jeschke (Damen),

Anna Volk (Herren) // Färberei: Martina Lutz // Rüstmeisterei: Rolf Otto //

Schuhmacherei: Alfred Budenz, Verena Bähr // Modisterei: Eike Schnatmann

// Kunstgewerbe: Heidemarie Roos-Erdle, Daniel Strobel

Herzlichen Dank an Thomas Schadt, Guido Lukoschek, Thomas Lechner (Filmakademie

Ludwigsburg), Flynn Baumann, Ingeborg Baur, Familie Burgstaller, Lisa Feustel, Maria

Sattelmayer, Artur Hofmann, Gerhard u. Marie-Luise Teichmann, Elke Twiesselmann u.v.a.

s: 5 ˚


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»eIn guter Mord, …

… ein echter Mord, ein schöner Mord. So schön, als man ihn nur

verlangen tun kann. Wir haben schon lange so keinen gehabt.«

Diese Zeilen des Polizisten am Ende des Woyzeckdramas zeigen

die Verweigerung der Tragödie nach der Tragödie. Das ist

der Lauf der Dinge: Der gewaltsame Todesfall, der als Tragödie

an sich genommen werden müsste, wird schnellstmöglich nach

der Tat verglichen, eingeordnet, bewertet – und so seiner ganz

individuellen tragischen Größe beraubt. Der Täter wird im

Stück nicht dem Gesetz des Landes überantwortet, das spielt

keine zentrale Rolle für die Öffentlichkeit. Vielmehr wird die

Tat (noch im Stück!) ausgesprochener Weise dem Gesetz der

Unterhaltung unterworfen: Der Polizist kann sich dem ebenso

wenig entziehen wie die Kinder auf der Straße, die sich noch

etwas erhoffen, wenn sie bei Büchner zum Tatort eilen.

Der Todesfall ist ein Ereignis, die Bluttat faszinierend. Das Gefühl,

dem Geschehen so nah gewesen zu sein – und es un beschadet

überlebt zu haben, gibt Sicherheit, steigert den Er leb nis wert

und das Überlebensglücks.

Woyzeck arbeitet in mehreren Jobs, um Marie Geld zu bringen.

Marie aber hat nie darum gebeten. Sie braucht das Geld viel

weniger als dessen Überbringer, der sich ihr arbeitend entzieht.

Hätte sie Geld nötig, wäre sie deswegen nicht auf einen Mann,

nicht auf einen Woyzeck zugegangen.

Marie und Woyzeck hatten ein Kind. Es ist heute nicht mehr.

Wer Schuld daran trägt, bleibt unausgesprochen. Reden nützt

nichts. Die Zeit würde es jedenfalls nicht zurückdrehen, den

Verlust nicht ungeschehen machen.

Was Marie und Woyzeck zusammenhält, ist die Erinnerung an

bessere Zeiten, der keine wirklich neuen Gemeinsamkeiten

nachfolgen. Ihre aktuelle Beziehung ist ausgezehrt, hohl geworden

und verhärtet – eine leere Form.

Mit dem Ritual nachgespielter Zitate aus ihren früheren Lieblingsfilmen

klammern sie sich an eine vergangene Zeit. Ihre

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Spiele vertreiben die Leere kurzfristig, können sie aber nicht

füllen. Im Alltag flüchtet Woyzeck sich in die Rolle des Ver sorgers

und kommt aus seinen Arbeitswelten immer seltener zu ­

rück ins Leben. Marie entgleitet ihm noch weiter, sie beginnt

ihre eigenen Wege zu gehen.

Woyzecks einziger Vertrauter, Andres, hört nicht jene dunklen

Stimmen, sieht nicht wie Woyzeck Tod oder Verschwörung an

jeder Ecke heraufziehen. Andres kann und will dessen Schwarz-­

seherei nicht folgen – und kommt auf diese Weise Marie näher

als Woyzeck selbst.

In Büchners Text lässt Marie sich auf ein ‚Abenteuer‘ mit einem

Tambourmajor ein, der mehr Geld, mehr erotische Anziehungskraft

und höheres soziales Ansehen bietet. In dieser Inszenierung

driftet Marie nicht ab zu potenteren Vertretern der Macht.

Wenn sie hier mit dessen Freund Andres Zeit verbringt und ge ­

nießt, dann mit einem Woyzeck sozial ebenbürtigen, aber eben

offeneren, lebensbejahenden Mann. Kurz: Marie ist nicht käuflich.

Geld ist nicht gleich Glück. Das weiss sie, besser als Woyzeck.

Woyzecks Lohntüten können als ein Ablasshandel nicht die be ­

lastete Beziehung beider aufwiegen. Andres signalisiert ihr, dass

ein Entkommen aus dem bisherigen Alltag auch ohne besonderes

Einkommen möglich ist.

In Büchners woyzeck-Handschrift stellt ein betrunkener Handwerksbursche

die Frage: »Warum ist der Mensch? Warum ist

der Mensch? – Aber wahrlich ich sage Euch, von was hätte der

Landmann, der Weißbinder, der Schuster, der Arzt leben sollen,

wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte? Von was hätte

der Schneider leben sollen, wenn er dem Menschen nicht die

Empfindung der Scham eingepflanzt, von was der Soldat, wenn

er ihn nicht mit dem Bedürfnis sich totzuschlagen ausgerüstet

hätte. Darum zweifelt nicht, ja ja, es ist lieblich u. fein, aber Alles

Irdische ist eitel, selbst das Geld geht in Verwesung über.«

Der Betrunkene kommt bei der Schöpfungsfrage arg ins Schleu ­

dern. Wobei Büchner zum einen geradezu hellsichtig die erst

Jahrzehnte nach seinem Tod aufkommende Debatte um Darwins

entstehung der arten (1859) aufs Korn nimmt und die tele­

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ologischen Theorien vom Tisch wischt. Zum anderen wird hier

‚Gottes Schöpfung‘ ausschließlich in der Arbeitswelt verortet,

als wolle er den Calvinismus karikieren: Der Mensch ist nur

Mensch durch seine Arbeit, auch noch, wenn das irdische Wer ­

tesystem „in Verwesung“ übergeht.

»Warum ist der Mensch?« – auch Woyzeck kann sich seine Existenz

nur über Arbeit definieren. So gesehen ist er nicht wahnsinniger

oder unsensibler als viele andere vor und nach ihm.

Die Ursache seiner Verzweiflungstat ist nicht der aktuelle Verfall

des Geldes oder eine tatsächliche materielle Not, sondern

seine Erkenntnis, dass er ein Leben mit Marie durch die Arbeit

nicht ermöglicht, sondern zerstört hat.

Mit Marie tötet er nicht nur seine Geliebte, sondern jene Frau,

die sich von dem Mühlrad der Arbeitswelt nicht erdrücken lassen,

sondern ‚frei‘ sein wollte.

frederik zeugke

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: Die Liebe lebt 2.000 Kilometer unter dem

Meer. Hin und wieder steigen Blasen auf.

>> peter licht

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: Sing doch mal was.

: ich singe doch.

: Sing doch mal ein richtiges Lied.

: Ich habe aLLe Lieder vergessen.

: Brauchst du neue Lieder?

: Lieder? Ich brauch

Höchstens ein neues Leben.

>> rolf dieter brinkmann

Woyzeck: Weisst du auch

wie lang es jetzt ist, Marie.

Marie: Um Pfingsten 2 Jahr.

Woyzeck: Weisst du auch wie

Lang es noch sein wird?

>> georg büchner

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: Die Natur! Hab’ ich nicht nachgewiesen,

dass der musculus

constrictor vesicae dem WiLLen

unterworfen ist? Die Natur!

Woyzeck, der Mensch ist frei, in

dem Menschen verKLärt sich die

Individualität zur Freiheit.

>> georg büchner, Doktor in Woyzeck

: (...) 10. Jede Abweichung vom optimalen Verhalten, Betragen oder ver- nünftigen Denken beim Patienten ist engrammatisch; erlauben Sie sich ebenso

wenig »Nachsicht mit der menscHLichen Natur«, wie Sie als Mathematiker Nach-

sicht mit einer Rechenma schine hät ten, die fal sche Ergebnis se her vorbringt.

Sexualängste, Verdrängungen und Rechtfertigungen sind nicht

‚natürlich‘, wie in der Vergangenheit vermutet wurde. 11. Machen Sie

sich über die Aberrationen des Patienten keine Sorgen. Arbeiten Sie darauf

Hin, mit Engrammen Kontakt aufzunehmen, diese zu reduzieren und zu

tilgen. Bei jedem Patienten werden Sie genügend Aberrationen finden, um

ein Wörterbuch zu füLLe. 12. Ärgern Sie sich nicht, wenn Ihr Patient nicht

an einem Abend oder in einem Monat zum Geklärten wird. Arbeiten Sie ein- fach weiter (...)

s: 16 ˚ s: 17 ˚

>> L. Ron Hubbard, Dianetik


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: Und ein ordentlicher Mensch hat sein Leben

lieb, und ein Mensch, der sein Leben lieb hat,

hat kein Courage, ein tugenDHafter Mensch

hat keine Courage! Wer Courage hat ist ei

Hundsfott.

>> georg büchner, Hauptmann in Woyzeck

: Man muss nicht den Teufel bemühen,

um das Böse zu verstehen.

Das Böse gehört zum Drama der menscHLichen

Freiheit. Es ist der Preis der Freiheit.

Der Mensch geht nicht in der Natur auf,

er ist das ,nicht festgestellte Tier‘, wie

Nietzsche einmal sagte. Das Bewusstsein

lässt den Menschen in die Zeit stürzen:

in eine Vergangenheit, die ihn bedrängt, in

eine Gegenwart, die sich entzieht, in eine

Zukunft, die zur DroHKulisse werden kann und

die Sorge wachruft. Es wäre aLLes einfacher,

wenn das Bewusstsein nur bewusstes Sein wäre.

Aber es reisst sich los, wird frei

für einen Horizont von MöglicHKeiten.

>> Rüdiger safranski

s: 18 ˚ s: 19 ˚


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: Wintereinbruch im Sommer

Es scHLiesst sich die offene Pore

des Sommers sie verengt sich durch

ein nach innen gerichtetes Ziehen

Das Ziel ist, die Wärme zu halten

Die Asphaltwärme unserer Liebe,

in deren Luftzug unsere Flimmer-härchen

flimmern Im stiLLen Licht des Erinnerns

bewegen sich Menschen an Orten und

treffen auf andere. Oder stehn da vor

Wänden in Wiesen sitzen auf Steinen Die

Bilder, die in mir aufgingen, die ich

behielt Die BiLDer aus denen wir

bestehen. Allen ist gleich: irgendeine

Form von Liebe.

: Meine Zukunft ist so problematisch,

dass sie mich selbst zu interessieren

anfängt, was viel heissen wiLL.

>> peter licht >> georg büchner, Brief an Karl Gutzkow

s: 20 ˚

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: Es war eimal ein arm Kind und hat kein Vater u. kei Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. aLLes tot, und es ist hingangen und hat

gerrt Tag u. Nacht. U. wie auf der Erd Niemand mehr war, woLLt’s in Himmel

gehn, und der Mond guckt es so freunDLich an und wie’s enDLich zum Mond

kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s

zur Sonn kam war’s ein verweLKt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam,

wa rs K Lei goLDe Mück e die wa rn a nge s teck t w ie d. Neun-töter sie auf

Die ScHLehe steckt u. wies wieder auf die Erd woLLt, war die Erd ein umgestürzter

Hafen u. war ganz aLLein u. da hat sich’s hingesetzt u. gerrt u. da

sitzt es noch u. ist ganz aLLein.

s: 22 ˚ s: 23 ˚

>> georg büchner, Großmutter in woyzeck


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: Glücklich

: Wie wir

: Einmal waren

: Früher

: Mit aLLem, was wir hatten

: Oder nicht.

: Jetzt sind es

: Vor aLLem

: Diese Dinge

: In sich widersprüchlich

: Und wichtig genug

: Sie zu verändern?

: Ich liebe

: Dich, sagst du.

: Früher warst du

: Einmal anders, sagst du.

: Ich habe doch

: Nur dich aLLein, sagst

: Du. Du könntest das

: Beschwören, ich wiLL dir

: Das einmal

: Glauben, heute

: Noch nicht. Wenn wir

: Gestorben sind, denkst du.

: Wie recht sie immer hat, sagt

: Er sich. Dann könnte er

: Es auch glauben,

ohne Schwierigkeit.

>> rolf dieter brinkmann

s: 24 ˚ s: 25 ˚


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: Die Jahre vergingen in der UngeduLD des einen Tages, der sich immer wiederholte. Mal flammte eine Variation auf an den Rändern. Wir

zogen weiter und konnten uns nicht halten; woLLten es nicht, weil

sichs nicht ergab. Es wäre woHL ewig so gegangen. Doch natürlich

war das die Wahrheit nicht: Nicht der eine Tag kam und ging, sondern

Deren viele – Tausende. Sie gingen vorüber und wir lagen dazwischen

in der UngeduLD unserer Träume. In der UngeduLD unserer lichten

bLicke. (Wenn wir den Lauf der Dinge sahen, dann von hinten.)

s: 26 ˚ s: 27 ˚

>> peter licht


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woyzeck

: Jedes GefüHL kontroLLiert

jedes Gefühl.

Das ist doch nur furchtbar.

Wirre Nächte Wirre Tage, Tage mit

Verstümmelungen an der Seele,

am GefüHL , immer wieder.

Immer wieder die Erfahrungen,

dass die Situationen zerfaLLen.

Die Situationen zerfaLLen noch

während man in ihnen ist.

>> rolf dieter brinkmann

ohl, hörst du? Alles hohl da unten

s: 28 ˚ s: 29 ˚

>> georg büchner, woyzeck


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: Das Leben wird weitergehen, die Ereignisse werden sich entwickeln, Die geistigen Konflikte sich lösen, und ich werde daran nicht teilhaben.

Ich habe nichts zu erwarten, weder in körperlicher noch in

geistiger Richtung. Für mich gibt es den fortwährenden Schmerz

und den Schatten, die Nacht der Seele, und ich habe keine Stimme

zum Schreien.

s: 30 ˚

s: 31 ˚ >> Antonin Artaud, Fragmente eines HöLLentagebuchs


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: Es ist das Wasser, es ruft,

schon lang ist Niemand ertrunken.

Fort, s’ ist nicht gut, es zu hören.

: Uu jetzt wieder. Wie ein Mensch der stirbt.

: Es ist unheimlich, so duftig —

halb Nebel, grau und das Summen

d. Käfer wie gesprungne Glocke.

Fort!

>> georg büchner ‚Waldweg am Teich‘ in Woyzeck

: Wer ausflippt hat Recht.

Hat vorübergehend Recht.

s: 32 ˚ s: 33 ˚

>> peter licht


impressum

textnachweis

Umschlaginnenseiten: Rolf Dieter Brinkmann: ‚Westwärts 1&2 – Gedichte‘, Rowohlt

Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1999 // 10 /11: Georg Büchner: ‚Werke und

Briefe‘, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1995 (Brief aus Gießen, um den 9. – 12.

März 1834) // 12/13: Peter Licht: ‚Wir werden Siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus‘,

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008 // 14/15: Rolf Dieter Brinkmann:

‚Wörter Sex Schnitt Original tonaufnahmen 1973‘, intermedium records, München, 2005 //

16/17: Angesichts der menschenverachtenden Haltung des Doktors im Stück sei hier ein Zitat

aus dem zentralen Buch der Scientology-Bewegung erlaubt: L. Ron Hubbard: ‚Dianetik. Die

moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Das Handbuch der dianetischen Verfahren‘,

New Era Puplications ApS, Kopenhagen, 1981 // 18/19: Rüdiger Safranski: ‚Das Böse oder

Das Drama der Freiheit‘, Frankfurt am Main, 1999 // 20/21: Peter Licht: ‚Wintereinbruch im

Sommer‘ aus: s. S. 12 // 24/25: Rolf Dieter Brinkmann: ‚Ohne Schwierigkeit‘ aus ‚Künstliches

Licht‘, Reclam Stuttgart, 1994 // 26/27: Peter Licht, s. S. 12f // 28/29: Rolf Dieter Brinkmann

‚Wörter Sex Schnitt Ori gi nal tonaufnahmen 1973‘, aus: ‚Meine Lippen sind trocken‘, intermedium

records, München, 2005 // 30/31: Antonin Artaud: ‚Fragmente eines Höllentagebuchs‘ aus

‚Frühe Schriften‘, Matthes & Seitz Verlag, München, 1983 // 32/33: Peter Licht, s. S. 12f

bildnachweis

Alle Bilder stammen aus dem Film woyzeck, der für diese Kooperation hergestellt wurde.

Kamera: Leonhard Lehmann

herausgeber

Schauspiel Stuttgart / Staatstheater Stuttgart

intendant

Hasko Weber

redaktion

Frederik Zeugke

gestaltung

Strichpunkt, Stuttgart / www.strichpunkt-design.de

druck

Engelhardt und Bauer

s: 34 ˚

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