VORWORT VOn HAns-GERT PöTTERInG MäRZ 2004

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VORWORT VOn HAns-GERT PöTTERInG MäRZ 2004

Verfasser:

Pascal FONTAINE, Stellvertretender Generalsekretär

der EVP-ED-Fraktion im Europäisches Parlament

OR: FR

Adresse:

Dienststelle Wissenschaft - Dokumentation - Publikationen

EVP-ED-Fraktion im Europäisches Parlament

47 - 53, rue Wiertz

B-1047 Brüssel

Internet:

htttp:// www. epp-ed.org

März 2004

März 2004

fraktion der europäischen volkspartei

(christdemokraten) und europäischer demokraten

im europäischen parlament

Vorwort von Hans-Gert Pöttering

Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament


Jean Monnet

verstarb am 16. März 1979

im Alter von 91 Jahren

in seinem Haus in

Houjarray nahe Paris.

Fünfundzwanzig Jahre später legt die

EVP-ED-Fraktion im Europäischen

Parlament zum Gedenken an ihn,

den der Europäische Rat am

2. April 1976 zum Ehrenbürger

Europas ernannte, diese Broschüre vor.

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

1J

Europäische Kommission ©


Jean

Monnet

Seiner Botschaft wohnt die Kraft einfacher Ideen inne. Anstatt sich auf der Suche

vorwort

nach den Verantwortlichkeiten für eine grauenvolle Auseinandersetzung

aufzureiben, müssen die Staaten ihre Kräfte vereinigen, um Europa zu einem freien

und prosperierenden Gebilde zu machen. Das Erfordernis der heutigen Zeit ist die

Zusammenführung der Volkswirtschaften, die Fusion der Interessen und die

Anpassung der Produktionskräfte in einer von Wettbewerb und Fortschritt

beherrschten Welt. Die Botschaft Jean Monnets geht jedoch noch sehr viel weiter:

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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von Hans-Gert Pöttering,

Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament

Das europäische Aufbauwerk ist ein beispielloses Unterfangen, dessen Ziel es ist,

einen friedlichen Handlungsrahmen für Menschen zu bilden, die über lange Zeit

durch Vorurteile, welche rasch zu einem Konfliktfaktor wurden, getrennt waren.

Heute hat die Suche nach dem gemeinsamen Interesse Argwohn oder Rivalität in

den Hintergrund gedrängt. Seit mehr als fünfzig Jahren leben die Europäer in

Frieden, und dank eines sehr schnellen Wirtschaftswachstums konnten sie ihre

durch den Krieg zerstörten Länder wieder aufbauen und einen

Modernisierungsprozess in Gang setzen. Der Beitrag Jean Monnets während dieser

Phase der Wiedererstehung unseres Kontinents war entscheidend. Er hat seine

Erfahrung als Mann der Tat und Organisator ohne jegliche Diskriminierung in den

Dienst der siegreichen und der besiegten Staaten gestellt. Er hat sie davon

überzeugt, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu setzen, um Europa auf

Sie ist politischer Natur, denn sie geht gegen den Kern der nationalen

Hoheitsgewalten an. Diese, so der Tenor seiner Ausführungen, seien überholt, wenn

sie es den europäischen Völkern in der Ära der Großmächte nicht mehr

ermöglichten, im Rhythmus ihrer Zeit zu leben. Angesichts der Herausforderungen

der Globalisierung bliebe den Ländern des alten Kontinents nur noch die Wahl

zwischen der Marginalisierung oder dem Zusammenschluss.

Die Union, so behauptete er kaum fünf Jahre nach Kriegsende, könne nur aus einer

neuen Entscheidung dahingehend entstehen, die gemeinsamen Interessen durch

demokratische und effiziente Institutionen verwalten zu lassen. Diese Institutionen

dürften nicht miteinander konkurrieren oder die nationalen Institutionen ersetzen,

sondern sie müssten zu diesen komplementäre Beziehungen herstellen und in

Bereichen tätig werden, in denen nationales Handeln sich als unangemessen und

vergeblich erweist, wie z.B. beim Welthandel, bei der Währung, der Sicherheit, der

Rolle und dem Einfluss Europas in einer sich tiefgreifend verändernden Welt.

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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einer neuen Grundlage voranzubringen.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, haben diese Grundsätze nichts von ihrer


Lasst uns unsere Anstrengungen bündeln,

stellen wir uns auf die neue Situation der Welt ein”

Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil, ihre Gültigkeit erscheint offenkundig, da gerade

die Entwicklung der Welt die Europäer veranlassen müsste, den Weg der Einheit zu

wählen, um die neuen Herausforderungen anzunehmen: neue Technologien,

Währungsinstabilität, Bevölkerungsexplosion in den Ländern der Dritten Welt,

internationaler Terrorismus und Umweltschutz. Die Anforderungen, denen sich die

Europäer unmittelbar nach dem Krieg gegenüber sahen, und diejenigen, welche die

jungen Generationen heutzutage erwarten, sind sicherlich nicht vergleichbar.


Jean

Monnet

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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Unsere Länder haben Frieden und leben täglich Demokratie. Sie sind zeitgemäß und

wohlhabend, auch wenn die Arbeitslosigkeit und die neue Armut immer noch große

Teile der Bevölkerung betreffen. Dank der Gründerväter wie Robert Schuman,

Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Jean Monnet hat die Europäische

Gemeinschaft wesentliche Fortschritte erreicht: Der Binnenmarkt wird gerade

vollendet, der Euro existiert, eine Außen- und Verteidigungspolitik ist auf den Weg

gebracht, und die innere Sicherheit wird zusehends verstärkt.

Am 1. Mai 2004 treten zehn neue Länder der Europäischen Union bei und festigen

so die Wiedervereinigung des Kontinents. Weitere europäische Länder bereiten sich

auf den Beitritt zur Union vor. Zur selben Zeit bemühen sich die 25 Staaten und die

europäischen Institutionen, gestützt auf die Arbeiten des Konvents, um eine

Einigung über eine europäische Verfassung.

Vom 10. bis zum 13. Juni 2004 wählen die 25 Staaten demokratisch ihre

Europaabgeordneten für ein Europäisches Parlament, dessen Kontroll- und

Gesetzgebungsbefugnisse verstärkt wurden.

Die europäische Einheit – ein ethisches Unterfangen

Zweifelsohne stellen sich heute anders geartete Probleme in der von Jean Monnet

gezeichneten europäischen Landschaft.

Welchen Zivilisationstypus möchten wir fördern? Welche Werte verkörpern die

Europäer in einer Welt, in der Gewalt und Willkür oftmals stärker sind als

Aussöhnung und Recht? Das Wiederaufflammen von Nationalismus und

Fremdenfeindlichkeit in bestimmten Bereichen der europäischen Öffentlichkeit ist

ein Indikator für die Besorgnisse der einen im Hinblick auf die anhaltende

Wirtschaftskrise und ihre Folgen. Bei anderen wiederum kennzeichnen die

extremistischen Verlockungen bzw. die Ausgrenzungsreaktionen eine

Abschwächung des Konsenses über die gemeinsamen Spielregeln, die unsere

politischen Systeme regeln. Die Bestimmung und die Förderung der Kriterien der

europäischen Identität stellen eine der Hauptaufgaben der Regierenden in Europa

dar. Das wirtschaftliche und das politische Europa entwickeln sich gemeinsam mit

derselben Dynamik, mit der die Europäische Union geleitet werden soll. Das

kulturelle Europa, das Europa des täglichen Lebens, das der Menschen und Bürger,

wird gleichzeitig deren Vollendung und Antrieb sein, denn der institutionelle Aufbau

kann nur mit der Unterstützung der Völker und der Zustimmung der sozialen

Kräften nachhaltig und dauerhaft sein. Nun aber war Jean Monnet einer der ersten,

der verstanden hat und zu verstehen gab, dass der Grundsatz der europäischen

Einigung im Wesentlichen aus den Bemühungen um einen neuen Humanismus

hervorgeht. Jahrhundertelang hat der Geist der Herrschaft und der Überlegenheit

den Kontinent mit Krieg überzogen. Die Kriege folgten aufeinander, als seien sie

einem unabwendbaren Zyklus unterworfen, bei dem der Sieg der einen das Sinnen

auf Rache der anderen heraufbeschwört. Das Bestreben Jean Monnets war es,

diesen Teufelskreis zu durchbrechen, zwischen den europäischen Staaten dieselben,

auf Gleichheit und Schlichtung gegründeten Beziehungen herzustellen, die das

Miteinander der Menschen in demokratischen Gesellschaften regeln. Geleitet von

diesem Geist wurde der Gründervater Europas zum Initiator einer neuen Ethik und

hat auf den Menschen und dessen Fähigkeit, Fortschritte zu erreichen, indem er die

Lehren aus den schmerzlichsten Erfahrungen zieht, gebaut.

„Wir vereinigen keine Staaten, sondern Menschen“, so lautet der Untertitel, den

Jean Monnet seinen Memoiren gegeben hat, um daran zu erinnern, dass das

gemeinschaftliche Aufbauwerk keine technokratische Unternehmung ist, sondern

sich vor allem an die Menschen richtet und sowohl an ihr Herz als auch an ihren

Verstand appelliert.

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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Jean

Monnet

Kapitel I

Ein ganz und gar nicht gewöhnliches Schicksal

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

Sein Werk ist dauerhaft. Es hat die Beziehungen zwischen den europäischen

Staaten, die über lange Zeit von Konflikten zerrissen waren, tiefgreifend verändert

und beeinflusst das Leben all ihrer Bürger. Es ist zukunftsträchtig für unsere Völker

und sogar noch darüber hinaus. „Wenn ein Gedanke dem Erfordernis einer Epoche

entspricht, gehört er nicht mehr den Menschen, die ihn erfunden haben und er ist

stärker, als diejenigen, die mit seiner Ausführung beauftragt sind“, schrieb Monnet.

Heute erfährt diese Formel mit Gewissheit Bestätigung. Wir alle sind die Erben des

Europäers Jean Monnet, und unsere Aufgabe ist es, dieses enorme, noch

unvollendete Werk in der Geschichte unseres Kontinents zum Abschluss zu bringen.

Hans-Gert Pöttering,

Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion

im Europäischen Parlament

Eine pragmatische und weltoffene Ausbildung

Jean Monnet läßt sich in keine der üblichen Kategorien einer Biographie einordnen.

1888 in Cognac im Herzen der Charente geboren, mußte er schon sehr früh seine

heimatliche Provinz mit der großen Welt vertauschen: Im Auftrag seines Vaters, der

Spirituosenhändler war, hatte er die Kunden zu besuchen, häufig weit von Frankreich

weg. Nach Abschluß der höheren Schule hält der junge Monnet sich zum

Sprachstudium in London auf, wo er die Dynamik der City entdeckt; danach führt ihn

das Weinbrandgeschäft in die Welt hinaus, wo er Bankiers, Rechtsgelehrten und

Kaufleuten begegnet. Bei diesen Streifzügen durch die Welt entdeckt er

unternehmerischen Geist und das Vertrauen in das gegebene Wort. Er erlernt das

rauhe Handwerk des Verhandelns und erfährt, wie wichtig gute Arbeit ist und welche

Macht in der Kraft der Überzeugung steckt. Dieses Fehlen akademischer Ausbildung

hat ihm niemals geschadet, obgleich er stets Bewunderung für Kultur und Wissen

hegte und sich Zeit seines Lebens mit Menschen von Talent, die die berühmtesten

Universitäten absolviert hatten, umgab. Seine der Welt zugewandte Jugend erlaubte

es ihm sehr früh, das Reich der Geschäfte und der Politik mit der gebotenen Distanz

zu sehen. Ohne nationale Voreingenommenheit und unbeeinflußt vom Blendwerk

der Macht nahm er sich sehr schnell zielstrebiges Handeln zum Vorsatz und legte

eine enorme Neugier für die vielen und unterschiedlichen Persönlichkeiten, deren

Weg er kreuzte, an den Tag.

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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Koordinierung der Kriegsanstrengungen

Wie hat jener Schicksalsweg, der ihn nach der Formulierung von Präsident Kennedy

dazu führen sollte, ein "Staatsmann der Welt" zu werden, begonnen?

1914 wird der 26jährige Jean Monnet aus Gesundheitsgründen vom Militärdienst

freigestellt. Bei seinen häufigen Reisen zwischen Frankreich und Großbritannien

beobachtet er den Verkehr der französischen und britischen Schiffe, die die alliierten


Jean

Monnet

ean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

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Truppen an der Front versorgen - ohne jegliche Koordinierung für einen möglichst

rationellen Einsatz. Während Franzosen und Engländer auf dem Schlachtfeld Seite

an Seite kämpfen, organisieren zwei Verwaltungen getrennt voneinander die

Versorgung, die rasch zum Lebensnerv des Krieges werden sollte. Jean Monnet

spricht bei den höchsten Stellen beider Länder vor, um sie dazu zu bringen, diese

mit hohen Kosten verbundene Situation, die zudem die Kriegsanstrengungen der

beiden Länder schwächt, zu beenden. Seine für die damalige Zeit originelle Idee

einer Seetransportgemeinschaft wird von den beiden Regierungen akzeptiert, und

Jean Monnet wird mit der praktischen Organisation beauftragt. 1918 wird ein

interalliiertes Seetransportkomitee mit einem gemeinsamen Exekutivorgan

eingesetzt, das alle alliierten Schiffe, ihre Ladung, ihre Bewegungen, zu kontrollieren

hat. Diese Organisation des Seetransports und der Versorgung wird zum

Lebensnerv der gesamten Kriegswirtschaft. Durch sie neigt sich das Kräfteverhältnis

entscheidend zugunsten der Alliierten. Seit damals weiß Jean Monnet, daß

Organisation der Schlüssel der Macht ist und daß Kriege auch hinter der Front

gewonnen werden.

Jean Monnet als hoher Beamter und Bankier

Mit 33 Jahren zum stellvertretenden Generalsekretär des Völkerbundes ernannt,

versucht Jean Monnet, die in der Kriegszeit geschaffenen Konzertierungsmechanismen

auf die Zeit des Friedens zu übertragen. Trotz aller Bemühungen, dieser neuen

Organisation die für ihre Aufgaben erforderlichen Mittel an die Hand zu geben, muß

Jean Monnet bald feststellen, daß die souveränen Staaten nicht wirklich

entschlossen sind, eine supranationale Behörde zu schaffen. Im Gegenteil:

Frankreich schlägt gegenüber dem besiegten Deutschland, das es zur Zahlung

hoher Reparationen zwingt und in dem es das Rheinland militärisch besetzt, eine

folgenschwere Politik ein. Nach wichtigen Missionen in Österreich und

Oberschlesien legt Jean Monnet 1923 sein Amt im Völkerbund nieder, um sich

seinen Familiengeschäften in Cognac zu widmen.

1926 verläßt er Frankreich erneut und gründet und leitet zehn Jahre lang eine

internationale Geschäftsbank mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Reisen führen ihn

nach Polen, nach Schweden und nach Shanghai, wo er Chiang Kai-shek begegnet

und die chinesische Wirtschaft modernisieren hilft.

Abermals Krieg ...

Sein Sinn für die öffentlichen Interessen und sein Streben nach Frieden bringt ihn ab

1936, als ihm klar wird, daß die Erklärungen und das Verhalten von Hitler

unvermeidlich in den Krieg führen, in die internationale Politik zurück. Jean Monnet

läßt sich von der Beschwichtigungstaktik der Diktaturen nicht irreführen und ahnt,

daß der Sieg der Demokratien deren moralische und materielle Mobilisierung

voraussetzen. 1938 wird er vom französischen Ministerpräsidenten Edouard

Daladier in geheimer Mission nach den Vereinigten Staaten gesandt, wo er

Militärflugzeuge einkaufen soll, obgleich der amerikanischen Regierung durch den

Neutrality Act, der jede Waffenausfuhr nach kriegsführenden Staaten untersagt, die

Hände gebunden sind. Er führt seine schwierige Mission erfolgreich zu Ende und

begegnet Präsident Roosevelt, dessen Vertrauen er gewinnt und für den er während

der ganzen Dauer des Krieges ein wichtiger Berater bleiben wird. Mehrere hundert

amerikanische Flugzeuge konnten dank seinem Verhandlungsgeschick rechtzeitig

geliefert und von der britischen Luftwaffe in den heroischen Stunden der Schlacht

um England eingesetzt werden.

Sieg und Wiederaufbau

Von Winston Churchill mit einer Sondermission bei der amerikanischen Regierung

beauftragt, entscheidet sich Jean Monnet, den Kampf fortzusetzen, indem er zur

Wiederingangsetzung der amerikanischen Kriegswirtschaft beiträgt. Später rechnet

der Nationalökonom John Meynard Keynes vor, daß die Rüstungsanstrengungen,

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN


Jean

Monnet

Kapitel II

Monnets Wirken für Europa

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

die der Präsident der Vereinigten Staaten seiner Nation dank der richtigen

Lageeinschätzung von Jean Monnet abverlangt, dazu beigetragen haben, den Krieg

um ein Jahr zu verkürzen.

Jean Monnets Überlegungen galten dabei nicht ausschließlich den materiellen

Voraussetzungen des Sieges. Der Franzose, den es nach den Vereinigten Staaten

verschlagen hatte, machte sich auch darüber Gedanken, welches Schicksal sein

Land erwarten wird, wenn es erst einmal durch die alliierten Truppen befreit worden

ist. Wie kann gewährleistet werden, daß die Instanzen, die dann die Kontrolle über

das Land übernehmen werden, die demokratische Legitimierung besitzen? Im

Februar 1943 trifft Jean Monnet in Algier, dem Sitz der provisorischen französischen

Regierung, ein. Hier verwendet er sich mit Erfolg für die Wiederherstellung der

republikanischen Legalität und fördert eine spätere Machtübernahme durch General

de Gaulle als einzigen Vertreter des Widerstands.

Von der neuen Regierung beauftragt, die Versorgung des befreiten, aber

ausgebluteten und ausgezehrten Frankreichs in die Hände zu nehmen, stellt Jean

Monnet erneut sein organisatorisches Talent in den Dienst des Wiederaufbaus seines

Landes. 1945 wird er von de Gaulle beauftragt, auf der Grundlage einer flexiblen

Planungsmethode, bei der Staat, Unternehmen und Gewerkschaften auf paritätischer

Grundlage zusammenarbeiten, einen Modernisierungs- und Ausrüstungsplan

umzusetzen. Jean Monnet beginnt nach seiner Berufung zum Commissaire général

au Plan bereits Überlegungen anzustellen, die über die Landesgrenzen

hinausreichen. Die Errichtung der Europäischen Organisation für Wirtschaftliche

Zusammenarbeit im Jahre 1948, die in erster Linie die Marshallplanhilfe sinnvoll

verteilen soll, beschleunigt die Entstehung eines Solidaritätsgefühls zwischen den

Empfängern der Marshallplanhilfe. Sehr bald erweist sich ein auf die Landesgrenzen

beschränkter Wiederaufbau als unzureichend. Schon werden die Grenzen als

Zwangskorsett für die europäischen Volkswirtschaften empfunden. Zudem ist noch

die Frage des zukünftigen Status Deutschland ungelöst. Eine Initiative von politischer

Tragweite drängt sich auf. Eine neue Epoche für Europa dämmert herauf.

9. Mai 1950: Beginn eines großen Abenteuers

Robert Schuman, französischer Außenminister, sucht nach einer Idee. Sein

amerikanischer und sein britischer Kollege haben ihn damit betraut, für die

Bundesrepublik Deutschland eine Lösung der verschiedenen Probleme zu

entwerfen, die sich für Deutschland und dessen Partner stellen: Ruhrstatut, Umfang

der Kohleförderung und Stahlerzeugung, Gleichheit der politischen Rechte. Jean

Monnet als "Commissaire au Plan" steht in regelmäßiger Verbindung mit Schuman.

Mit seinen nahen Mitarbeitern erarbeitet er zu Beginn des Frühjahrs 1950 einen

Entwurf, der wenig später als förmlicher Vorschlag an den Außenminister geht und

dessen sofortige Zustimmung findet. Robert Schuman, ein Mann der Grenzregion,

der zwei Kriege mitgemacht hat, erkennt sofort die große politische Tragweite des

Entwurfs von Jean Monnet: eine Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu errichten, die

zunächst nur die deutsche und französische Produktion umfassen, später aber

anderen Staaten offenstehen soll und über eine unabhängige Instanz mit

übertragenen Befugnissen verfügt.

Die Initiative wird vom deutschen Bundeskanzler Adenauer begeistert

aufgenommen. Deutschland kann so aus dem Schatten des Krieges heraustreten

und sich als gleichberechtigter Partner an einem Unterfangen beteiligen, das die

europäische Solidarität, nach der sich die Völker Europas nach den vielen Jahren des

Leidens und der Erniedrigung sehnen, zu konkretisieren vermag.

Während sich in anderen Gremien die Debatte über die Frage, wie Europa am besten

zu errichten ist, im Kreise dreht, läutet dieser konkrete, in seinem Ziel begrenzte und

doch politisch so bedeutsame Vorschlag die Geburtsstunde des Europa der

Gemeinschaft ein. Er propagiert eine in den internationalen Beziehungen bis dahin

beispiellose Methode: die freiwillige Abtretung souveräner Befugnisse in

bestimmten und entscheidenden Bereichen an gemeinsame unabhängige Organe.

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN


Jean

Monnet

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

Der Vertrag von Paris, mit dem am 18. April 1951 für die Dauer von 50 Jahren die

Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl geschaffen wird, regelt die

Befugnisse der Organe, d.h. der Hohen Behörde, eines Kollegiums mit autonomen

Exekutivbefugnissen, des Rates, der die Interessen der Staaten vertritt, der

gemeinsamen Versammlung, aus der später das Europäische Parlament hervorgeht,

und des Gerichtshofes.

Im permanenten Dialog zwischen diesen Organen nimmt der Gemeinsame Markt

für Kohle und Stahl - Garant für niedrigere Preise, gesicherte und breit aufgefächerte

Versorgung und sozialen Fortschritt - zusehends Gestalt an.

Der fundamentalste Aspekt des Schuman-Plans aber ist politischer Art: Er besiegelt

die deutsch-französische Versöhnung durch Errichtung einer

Schicksalsgemeinschaft zwischen den beiden Völkern. In Ermangelung eines

Friedensvertrags zwischen den vormaligen Kriegsgegnern ist die erste Europäische

Gemeinschaft ein Akt des Vertrauens in den Willen der beiden Nationen und ihrer

Partner zur Überwindung der Fehler der Vergangenheit und zugleich ein Akt des

Glaubens an eine gemeinsame, auf Zusammenarbeit gegründete und gemeinsamen

Organen anvertraute Zukunft des Fortschritts.

Ein neuer Weg: die wirtschaftliche Integration

"Es wird keinen Frieden in Europa geben, wenn die Staaten erneut auf der Basis der

nationalen Souveränität mit allem, was dies an Prestigepolitik und wirtschaftlichem

Protektionismus beinhalte, aufgebaut werden. Die Länder Europas sind zu klein, um

ihren Völkern das Maß an Wohlergehen zu sichern, das durch die modernen

Verhältnisse möglich und folglich notwendig wird. Wohlstand und unerläßliche

soziale Entwicklung sind unmöglich, wenn sich die Staaten Europas nicht zu einer

Föderation oder einer 'europäischer Konfiguration', die aus ihnen eine

wirtschaftliche Einheit macht, zusammenschließen".

Diese Vision, in der sich schon ein künftiges Europa abzeichnet, wurde von Jean

Monnet am 5. August 1943 in Algier entworfen. Mehr als zehn Jahre sind vergangen,

und die europäische Landschaft hat sich stark verändert.. Und doch heißt es, den

vorgezeichneten Weg weiterzugehen, da die Notwendigkeit der Einigung klarer denn

je zutage tritt. Jean Monnet wendet sich dem wirtschaftlichen Feld zu. Zusammen

mit den beiden Benelux-Staatsmännern Paul-Henri Spaak und Jean Beyen bereitet er

einen neuen Ansatz vor, der sich am 3. Juni 1955 in Messina konkretisieren sollte.

Der von den sechs Staaten gewählte Weg ist insofern neu, als man beschließt, eine

spezialisierte Gemeinschaft nach dem Vorbild der EGKS auf dem

zukunftverheißenden Gebiet der zivilen Kernenergie zu schaffen: Aus diesem Projekt

geht Euratom hervor. Parallel hierzu wird der Beschluß gefaßt, die

Teilnehmerstaaten von den Handelsschranken zu befreien und einen Gemeinsamen

Markt mit freiem Verkehr der Menschen, der Waren und des Kapitals zu errichten.

Daraus entsteht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, deren

Gründungsvertrag am 25. März 1957 in Rom auf unbegrenzte Zeit unterzeichnet

wird.

Jean Monnet beteiligt sich aktiv an dieser Arbeit. Er legt sein Amt als Präsident der

Hohen Behörde der EGKS nieder, um die Hände frei zu haben. Im Wissen um die

Notwendigkeit, die politischen Kräfte und die Gewerkschaften am europäischen

Einigungswerk zu beteiligen, gründet er das Aktionskomitee für die Vereinigten

Staaten von Europa, das in den Jahren 1955 bis 1975 seinen Einfluß auf der

Gemeinschaftsszene geltend machen wird.

Bei seiner Machtübernahme in Frankreich im Jahre 1958, konnte General de Gaulle

mit der aktiven Unterstützung von Jean Monnet bei dem Streben nach einer

politischen, diplomatischen und europäischen Zusammenarbeit rechnen.

Das Komitee hat seinen Anteil an der raschen Ratifizierung der Verträge von Rom in

den Mitgliedsstaaten. Bereits 1959 werden die ersten Etappen des Gemeinsamen

Marktes geschafft. Gemeinsame Politiken im landwirtschaftlichen und im sozialen

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN


Jean

Monnet

Bereich begleiten die Liberalisierung des Warenverkehrs, die im vorgesehenen

Tempo vorankommt und am 1. Juli 1968 - 18 Monate früher als vorgesehen -

abgeschlossen wird.

Ein stetiger Kampf für ein vereintes Europa

Da er die Staats- bzw. Regierungschefs noch mehr Verantwortung für das

Funktionieren der Gemeinschaft übernehmen sehen wollte, unterstützte er 1973

aktiv die Entstehung des Europäischen Rates, jener Instanz höchster

Entscheidungen und politischer Impulse, die 1975 aus der Taufe gehoben und 1976

in ihrer Existenz durch die Einheitliche Europäische Akte bestätigt wurde.

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

Das Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten von Europa war 20 Jahre lang ein

wertvolles Instrument in den Händen von Jean Monnet. Es erlaubte ihm die

Mitsprache bei allen die Gemeinschaft angehenden wichtigen Fragen: beim Beitritt

Großbritanniens, den er 1961 und 1967 unterstützte, bei der politischen Union

Europas, bei der Wirtschafts- und Währungsunion, bei den Beziehungen zu den

Vereinigten Staaten, bei der Entwicklung der gemeinsamen Politiken und bei der

Frage der Institutionen. Nahezu alle Partei- und Gewerkschaftsführer der sechs

Gründerstaaten, denen sich später die Briten hinzugesellten, gehörten nacheinander

diesem informellen Gremium an, das als mächtige Lobby im Dienste der

europäischen Ideen agierte.

Der europäische Einigungsprozeß verlief nicht immer gradlinig. Jean Monnet kannte

die Bedeutung der Krisen, die er für unvermeidlich hielt, da sie einen Wandel

ankündigen. Er hat niemals der Entmutigung nachgegeben und verstand es

geschickt, ein Hindernis auf dem Wege zur Union dazu zu nutzen, dieser eine

andere Richtung zu geben und sie noch rascher voranzubringen.

Er hatte das Funktionieren der Gemeinschaftsorgane zu verteidigen, als diese in

ihrem ureigenen Wesen bedroht waren. Er bezog Position gegen das Vetorecht, in

dem er die Gefahr einer Lähmung der Gemeinschaftsarbeit und die Negation des

demokratischen Gesetzes sah. Er wachte über die Wahrung des Prinzips der

Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, das das Kennzeichen der Kommission -

Bürgin des gemeinsamen Interesses und Ausdruck des Integrationswillens - sein sollte.

Ein unermüdlicher Kämpfer

Jean Monnet kannte keine Rast. Sein Einfluß war beträchtlich und reichte über die

Grenzen Europas hinaus. Von den jeweiligen Präsidenten der Vereinigten Staaten

wurde er empfangen und gehört - mit der Folge, daß auch jenseits des Atlantiks das

Prinzip der gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten

Staaten, in dem Jean Monnet die einzige Bedingung für einen ausgewogenen und

fruchtbaren Dialog zwischen Europa und den USA sah, akzeptiert wurde. Bei jedem

wichtigen Ereignis im Leben der Gemeinschaft, sei es um ein Projekt

voranzubringen, eine Krise zu lösen oder den Faden zwischen zwei Hauptstädten zu

knüpfen, mobilisierte Jean Monnet seine Mitstreiter, holte seinen Pilgerstab hervor

und machte sich auf, die politischen Verantwortungsträger von dem Gebot der

Stunde zu überzeugen.

Sein Wirken war um so einflußreicher, als er nichts für sich selbst verlangte. Monnet

zitierte häufig den amerikanischen Moralisten Dright Morrow: "Es gibt zwei

Gruppen von Menschen, solche, die etwas sein wollen, und solche, die etwas tun

wollen." Jean Monnet stand mit voller Überzeugung in der Reihe der letzteren, und

seine Uneigennützigkeit mußte Vertrauen schaffen.

Dem grellen Scheinwerferlicht der öffentlichen Auftritte zog er das diskrete Wirken

im Hintergrund vor. Jean Monnet hat niemals eine politische Karriere eingeschlagen,

und niemand wußte, welcher Partei er nahestand. Er wirkte über jene, die die Macht

in der Hand hielten und die dann den Applaus für sich verbuchten. Ihm genügte die

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN


Jean

Monnet

Kapitel III

Jean Monnets heutige Botschaft

Genugtuung, daß die Dinge vorankamen, und er zog es vor, sich im Hintergrund die

Freiheit zu bewahren, die er als Politiker hätte preisgeben müssen.

Die europäische Einheit: ein Fortschritt der Zivilisation

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

Seine Erfolge verdankte er der Zielstrebigkeit seines Handelns. Keine Magie kam

ihm dabei zu Hilfe. Er räumte selbst ein, daß ihm stets alles recht schwer von der

Hand gegangen ist. Er achtete stets auf das Detail, da er wußte, daß auch das

Nebensächliche Voraussetzung für den Erfolg ist. Von seinen Mitarbeitern verlangte

er viel. Sie hingegen brachten ihm die Hingabe entgegen, die man gleichermaßen

einer großen Sache wie einem anspruchsvollen Führer schuldet. Er zögerte nicht,

seinen Gesprächspartner, die es zu überzeugen galt, sein Projekt immer wieder

vorzutragen und sich dabei über alle Hindernisse bürokratischer Starrheit

hinwegzusetzen.

Seiner bäuerlichen Verwurzelung blieb er Zeit seines Lebens treu. Überall, wo seine

Aufgaben ihn hinführten, suchte er den Kontakt zur Natur, für ihn die beste

Einstimmung für lange Stunden einsamen Nachdenkens. Bei der Arbeit vergaß er

die Zeitregeln und Riten der Gesellschaft. Es war nicht außergewöhnlich, noch spät

am Abend einen Telefonanruf von ihm zu bekommen. Er liebte kurze, klar

formulierte Vermerke, die er jedem zu zeigen pflegte, von seinem Gärtner bis zum

durchreisenden Minister. Als Feind abstrakten Rankenwerks strebte er stets dem

Kern der Sache zu und verlangte die Konzentration auf das Wesentliche. Das war der

Mann, der für ein einziges Ideal lebte und kämpfte: für das Ideal, die Verständigung

zwischen den Menschen zu fördern, die gemeinsame Aktion zu organisieren und

den Rahmen für eine zivilisiertere internationale Gesellschaft zu schaffen.

Jean Monnet war den sittlichen und menschlichen Aspekten der europäischen Idee

fest verhaftet. Mit der Verurteilung des Überlegenheitsdünkels und der

diskriminierenden Praktiken, die die Komplexe und den Groll zwischen den Völkern

nähren, hat der Schuman-Plan den Hebel an der Quelle der Konflikte angesetzt.

Damit konnte Europa einen zweifellos entscheidenden und irreversiblen Schritt zur

Organisation eines Friedens tun, den man unerreichbar wähnte, so sehr hatte man

vor der Fatalität des Krieges resigniert. Das, was Jean Monnet vorgemacht hat,

berührt die politische Philosophie und basiert auf einer Feststellung:

"In unserem nationalen Leben wurden die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und

Demokratie deshalb akzeptiert und praktiziert, weil sich die Menschen nach

Jahrhunderten des Kampfes zusammengetan haben, um diesen Grundsätzen

konkrete institutionelle Formen zu geben: Wahlen, Parlamente, Gerichte, Zugang

zur Bildung für jeden, Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Information.

Innerhalb der einzelstaatlichen Grenzen haben die Menschen seit langem zivilisierte

Formen der Regelung von Interessenkonflikten gefunden und kultiviert. Die

Menschen brauchen sich nicht mehr durch Gewalt zu verteidigen. Regeln und

Institutionen haben eine Gleichheit des Rechts geschaffen. Die Armen und die

Schwachen haben sich zusammengetan, um größeren Einfluß auszuüben. Die

Mächtigen und die Schwachen haben ihr gemeinsames Interesse erkannt. Nicht die

menschliche Natur, sondern das Verhalten der Menschen hat sich durch das Wirken

gemeinsamer Institutionen unter Bedingungen, die zumindest ein für alle

Gesellschaften wesentliches Minimum an Wohlergehen sichern, geändert.

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

Aber jenseits der Grenzen verhalten sich die Nationen noch so, wie es die Individuen

täten, wenn es weder Gesetz noch Institutionen gäbe. Letztlich hält jede strikt an der

nationalen Souveränität fest, und jede behält sich das Recht vor, Richter in eigener

Sache zu sein. In Europa haben wir am eigenen Leibe die Folgen dieser Haltung zu

spüren bekommen. Durch die Jahrhunderte hindurch haben alle großen


Jean

Monnet

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Jean Monnet / MENSCHEN VEREINIGEN

europäischen Nationen eine nach der anderen versucht, die andere zu beherrschen.

Jeder glaubte an die eigene Überlegenheit, jeder bewegte sich eine Zeitlang in der

Illusion, daß die Überlegenheit durch Gewalt behauptet und erhalten werden kann,

und jeder wurde selbst wiederum bezwungen und stand nach dem Konflikt

geschwächt da. Versuche, diesem Teufelskreis zu entgegen und nur auf das

Gleichgewicht der Kräfte zu vertrauen, scheiterten immer wieder daran, daß sie auf

der Stärke und auf der unbegrenzten nationalen Souveränität beruhten."

Dieser Anachronismus im Verhalten zwischen den Nationen muß einer neuen Form

der Beziehung Platz machen, die sich nicht mehr auf eine simple Zusammenarbeit,

die gefährlichen Änderungen unterworfen und ausschließlich auf das Streben nach

einseitigem Interesse ausgerichtet ist, sondern auf einen Gemeinschaftsgeist

gründet, der das gemeinsame Interesse in den Vordergrund stellt und die

Wahrnehmung dieses gemeinsamen Interesses starken Institutionen anvertraut.

Jean Monnet schließt eine Wette über den Fortschritt der Menschheit ab: "Zwar

haben die Menschen die Natur zu beherrschen begonnen, doch haben sie, was die

Kontrolle über ihre politischen Beziehungen angeht, keine Fortschritte gemacht, die

im Verhältnis zu diesen Risiken stünden. Während sich die Menschen nach und

nach von den äußeren Zwängen befreien, lernen sie, daß ihr Hauptproblem jetzt

darin besteht, sich selbst zu kontrollieren. "

Jean Monnet, ein Mann der Reformen? Nicht wenige sahen etwas Revolutionäres in

einer Konzeption, die der europäischen Einheit als Ziel vorgibt, die Beziehungen

zwischen den Nationen und zwischen den Menschen nachhaltig zu ändern. Der

Erfinder der Gemeinschaft aber wollte auf diesem Wege so weit wie möglich gehen.

Für ihn ist das heutige Geschehen "nur eine Etappe auf dem Wege zu den

Organisationsformen der Welt von morgen". Auf der Suche nach Einheit erprobt

Europa eine Methode. Sie ist das Experimentierfeld einer Vision des Menschen, die

Anspruch auf Universalität erheben kann.

Der Glaube an die Institutionen

Die Rolle der Institutionen ist ein Schlüsselthema im Denken von Jean Monnet. Die

Anwendung der innerhalb der Demokratien geltenden Grundsätze von Gleichheit,

Interessenausgleich und Schlichtung auf die zwischenstaatlichen Beziehungen ist

zweifellos ein Zivilisationsfortschritt, der aber nur möglich ist, wenn er sich auf die

Legitimität und auf die Dauer, die die demokratischen Institutionen den

menschlichen Unternehmungen verleihen, stützen kann. Jean Monnet las wenig

Bücher und mißtraute einer Gelehrsamkeit, die Überzeugungen entlieh, die selber

hätten wachsen müssen. Er ließ jedoch eine Ausnahme für den Schweizer

Philosophen Amiel zu, von dem er gern folgenden Satz zitierte: "Die Erfahrung jedes

Menschen wiederholt sich immer von neuem. Nur die Institutionen gewinnen an

Weisheit: Sie sammeln die kollektive Erfahrung, und aus dieser Erfahrung und dieser

Weisheit heraus wird sich bei den Menschen, die den gleichen Regeln unterworfen

sind, zwar nicht ihr Wesen, aber doch ihr Verhalten schrittweise ändern".

Dieser Glaube an die Institutionen, vor allem soweit sie über echte Befugnisse

verfügen, hat Jean Monnet veranlaßt, sich vom Völkerbund abzuwenden, der schon

bei seiner Geburt unter Machtlosigkeit litt. Eingedenk dieser Lehre wachte er

beharrlich darüber, der Hohen Behörde der EGKS die Mittel an die Hand zu geben,

um Beschlüsse fassen und diese ausführen zu können. Wie aber kann

supranationalen Instanzen zu Legitimität und Autorität verholfen werden, die es ihr

gestatten, zu handeln und die Unterstützung derer zu finden, an die sie sich

wenden? Nach den Vorstellungen von Jean Monnet sollte die Europäische

Gemeinschaft der Ort für die Fusion von Souveränitätsparzellen sein, deren

Zusammenhang zwecks gemeinsamer Souveränitätsausübung eine bessere

Verteilung der nationalen Ressourcen und eine Erweiterung der Einflußsphäre der

Staaten erlaubt.

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Hat er die Zurückhaltung der Nationalstaaten angesichts dessen, was nicht als Verlust,

sondern als Quelle der Bereicherung erscheinen sollte, unterschätzt? Er räumt ein, daß

es "noch lange Zeit des Nachweises bedürfen wird, daß die Souveränität zugrunde geht,

wenn sie in Formen der Vergangenheit eingegossen wird. Damit sie lebendig bleibt,

muß sie mit wachsendem Handlungsrahmen in einen größeren Raum übergehen, wo

sie mit anderen, der gleichen Entwicklung verschriebenen Souveränitäten verschmilzt.

Keine Souveränität geht dabei verloren, alle finden sich im Gegenteil gestärkt wieder."

Diese Botschaft beginnt sich heute in den verschiedenen Bewußtseinsniveaus der

europäischen Führer und der europäischen Öffentlichkeit zu verwurzeln. Sie ist der

Leitfaden des europäischen Einigungsprozesses und wird den Verantwortlichen für

die Geschicke Europas nach und nach zum Dogma.

Resolution der in Luxemburg am 1. und 2. April 1976 zum

Europäischen Rat versammelten Staats- bzw. Regierungschefs

Die Idee eines gemeinschaftlichen Europa, inzwischen mehr als 25 Jahre alt, ist heute zu

einem beträchtlichen Teil verwirklicht, während die Hoffnungen auf Vertiefung der

Perspektiven einer europäischen Einheit sich präzisieren.

Die positive Bilanz, die man am Ende dieser ersten Etappe und am Vorabend neuer

Fortschritte zu einer politischen Einigung ziehen kann, verdanken wir größtenteils der

Kühnheit und Weitsichtigkeit einer Handvoll Männer. Unter ihnen hat Jean Monnet eine

Hauptrolle gespielt, sei es als Inspirator des Schumanplans, als erster Präsident der

Hohen Behörde oder als Begründer des Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von

Europa. In diesen verschiedenen Positionen hat Jean Monnet stets gegen die Trägheit der

politischen und ökonomischen Strukturen Europas gekämpft, um ein neuartiges

Verhältnis zwischen den europäischen Staaten zu schaffen, die faktisch vorhandenen

zwischenstaatlichen Solidaritäten hervorzuheben und institutionell zu verankern.

Als Realist, der er war, ging Monnet stets von den ökonomischen Interessen aus, ohne

dabei aber jemals sein visionäres Ziel einer weitergespannten, alle Bereiche umfassenden

Verständigung unter den Menschen und Völkern Europas aus den Augen zu verlieren.

Mag dieses Ziel im wechselhaften Verlauf des europäischen Aufbaus zuweilen auch außer

Sicht geraten sein, es wurde gleichwohl nie widerrufen. Heute mehr denn je müßte es uns

als Anleitung dienen, um uns über unsere alltäglichen Regierungsaufgaben zu erheben,

so daß diese ihr wahres Profil und ihren Zusammenhang erhalten.

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Jean Monnet hat sich vor kurzem erst aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen.

Nachdem er den besten Teil seiner Kraft der europäischen Sache gewidmet hat, verdient

er es, daß Europa ihm eine besondere Geste der Dankbarkeit und Bewunderung zollt.

Darum haben die in Luxemburg zum Europäischen Rat versammelten Staats- bzw.

Regierungschefs der Gemeinschaft beschlossen, ihm den Titel "Ehrenbürger Europas"

zu verleihen.


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Europäische Kommission ©


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DER VÖLKERBUND

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Genf, stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes / um 1920

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Jean Monnet mit General de Gaulle, Winston Churchill, Harold Macmillan und Anthony Eden / Algier 1943

In China mit seiner Ehefrau Silvia / um 1930


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Jean Monnet au Plan / 1950

Europäische Kommission © Jean Monnet mit Robert Schuman / 1950

Europäische Kommission ©


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Konferenz des Schumanplans. Von links nach rechts: Walter Hallstein, Konrad Adenauer,

Jean Monnet, Robert Schuman, Bernard Clappier / 12. April 1951

Agip Paris ©

Jean Monnet mit Joseph Bech und dem Prinzen Felix von Luxemburg / 10. August 1952, Luxemburg

Théo Mey ©


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Jean Monnet mit Konrad Adenauer / 1952

Bundeskanzler Adenauer Hans Rhöndorf ©

Jean Monnet zeigt den ersten europäischen Stahlblock / 30. April 1953, Esch-sur-Alzette

Europäische Kommission ©


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Jean Monnet bei der Gemeinsamen Versammlung der EGKS / 16. Juni 1953

Mediathek des Europäischen Parlaments © Jean Monnet mit Walter Hallstein /

Europäische Kommission © Jean Monnet mit Paul-Henri Spaak /

Europäische Kommission ©


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Familie Eisenhower bei einem Besuch in Houjarray

Jean Monnet mit John F. Kennedy / 26. März 1962, Weiße Haus, Washington

AFP ©


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Jean Monnet mit Pierre Pflimlin und Maurice Faure / 21. Januar 1963

Life ©

Geburtstag von Ludwig Erhard. Von links nach rechts: Rainer Barzel, Ludwig Erhard

und Jean Monnet / Februar 1972, Bonn

Jos. A. Slomirski Bonn ©


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Jean Monnet und Harold Macmillan,

im Senate House, am 8. Juni 1961 in Cambridge

© Selwyn College, Cambridge

Jean Monnets Portrait bei einer Kundgebung

am 16. Juni 1955 in Brüssel

© Europäische Kommission, Brüssel

Jean Monnet mit Valéry Giscard d´Estaing / 22. März 1977, Palais de l'Elysée

Présidence de la Prébublique française ©


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Titelbild: collection Stone - Jack Ambrose

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