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Manuskript / Serviceblatt - WDR 5

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Leonardo – Wissenschaft und mehr

Sendedatum: 02. Juli 2007

Schwerpunkt: Von Dopingsündern und Dopingfahndern

Wettlauf hinter den Kulissen sportlicher Großereignisse

von Frank Eckardt

Autor: Es ist der 13. Juli 1967, ein schwarzer Tag in der Geschichte der Tour de

France. Vor den Fahrern liegt der schwere Aufstieg zum Mont Ventoux in der

Provence.

O-Ton Reportage:

„Und schon, meine Damen und Herren, beginnt der Kampf beim Aufstieg

zum Mont Ventoux. Von 300 Metern Höhe geht es hinauf auf 1900 Meter.

1600 Meter Höhenunterschied auf dieser 22 Kilometer Distanz, und hier

trennt sich bei brennender Sonne die Spreu vom Weizen. Wenn der Begriff

Tour de France, Tour der Leiden irgendwo seine Gültigkeit hat, dann hier im

Fegefeuer des Mont Ventoux. Es ist unmenschlich, was hier von den Fahrern

verlangt wird. Anderthalb Kilometer vor dem Gipfel sahen wir rechts an der

Straße den ehemaligen Weltmeister Tom Simpson aus England völlig

zusammengebrochen liegen. Er erhielt eine Sauerstoffdusche. Mehr brauche

ich dazu nicht zu sagen.“

Autor: Tom Simpson starb noch an der Unglücksstelle – ein Schock für das

Publikum. Im Blut hatte er eine Überdosis mehrerer Aufputschmittel.

Sprecherin: Aufputschmittel wie Amphetamine und Ephedrin sind die Klassiker unter

den Dopingmitteln. Im Körper wirken diese chemischen Substanzen ähnlich wie

Adrenalin. Sie putschen auf, treiben den Blutdruck in die Höhe, machen aggressiv.

Der Körper stellt zusätzliche Energie bereit. Dabei kann das vegetative

Nervensystem außer Kontrolle geraten und der Körper zu viel Wasser verlieren, sagt

Professor Wilhelm Schänzer. Er leitet das Doping-Labor an der Deutschen

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2007

Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder

vervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


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Sporthochschule in Köln.

O-Ton Schänzer:

„Es kann zu einem ganz extremen Wärmestau kommen. Letzten Endes

werden so genannte geschützte Mechanismen außer Kraft gesetzt, das

vegetative System ist nicht mehr unter Kontrolle. Es hat also Infarkte

gegeben, Herzinfarkte bis hin zur Todesfolge. Das waren also die

dramatischen Veränderungen.“

Sprecherin: Aufputschmittel lassen sich schon lange mit Urinproben gut nachweisen.

Dennoch wird auch heute noch kräftig mit ihnen gedopt.

O-Ton Schänzer:

„Man weiß, dass das klar eindeutig Leistungsförderer sind, dann will man

nicht ganz drauf verzichten. Man spekuliert vielleicht, dass man nicht in die

Kontrolle kommt. Wenn Sie ein Radrennen nehmen, wie bei der Tour de

France, dann kommt der erste in die Kontrolle, eventuell der zweite, und

dann werden von den 200 Fahrern vier ausgewählt. Also die

Wahrscheinlichkeit, dass man nicht in die Kontrolle kommen kann, ist

sicherlich hoch.“

Autor 3: 20. Juli 1975, die große Zieleinfahrt der Tour auf den Champs Elysées in

Paris. Der gefeierte Sieger steht bereits fest: Es ist der Franzose Bernard Thévenet.

O-Ton Reportage:

„Fast eine Million Zuschauer stehen hier an den Straßenrändern und

beobachten das Feld, beobachten das Peloton. Und jetzt kommt das

Peloton. Zwei, drei Fahrer versuchen sich hier abzusetzen. Ich erkenne

Lucien van Impe, Weltmeister Eddy Merckx. Und an seinem Hinterrad klebt

der 27-jährige Bauernsohn Bernard Thévenet. Bernard Thévenet ist jetzt

schon genauso populär wie Raimond Poulidor, den man ja Poupou rief. Und

jetzt ist also Poupou abgelöst worden durch Nanar. Nanar, also Bernard

Thévenet ist heute der Star nicht nur von Paris, von der Tour de France,

sondern von der ganzen Nation.“

Autor: Ein Star, der drei Jahre später bekannte, dass er sich jahrelang mit Cortison

gedopt hatte.

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2007

Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen

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Sprecherin: In den siebziger Jahren fing man bei der Tour de France an, Cortison zu

verwenden – ein körpereigenes Hormon, nach dem damals noch nicht gefahndet

wurde. Cortison senkt den Energiebedarf der Muskeln und kann die letzten Reserven

mobilisieren. Wenn es dauerhaft verwendet wird, schwächt es unter Umständen

Knochen und Muskeln und hat auch noch einige andere Nebenwirkungen.

Dopingexperte Wilhelm Schänzer.

O-Ton Schänzer:

„Großer Nachteil ist natürlich, das haben auch viele bekannte Radfahrer

gesagt, dass sie mit der Zeit natürlich das Immunsystem extrem schwächen

und dadurch natürlich die Athleten viel anfälliger gegen Infektionskrankheiten

werden.“

Sprecherin: Cortison ist ein wirksames Medikament, hilft z.B. gegen Asthma und

Entzündungen. Deshalb dürfen auch Leistungssportler, die beispielsweise unter

Asthma leiden, Cortison mit einer Ausnahmegenehmigung einnehmen.

O-Ton Schänzer:

„Dazu müssen sie vom Arzt natürlich ein Attest haben, und das ist aus

unserer Sicht oft zu einfach. Das ist im Augenblick ein Problembereich,

würde ich sagen, nicht gelöst, dass hier die Substanzen unter dem

Deckmantel einer therapeutischen Ausnahmeregelung eventuell auch

missbraucht werden können.

Sprecherin: Noch stärker als Cortison und verwandte Stoffe wird eine andere Gruppe

von Hormonen zum Doping benutzt: die so genannten Anabolika. Zu ihnen zählt vor

allem Testosteron. Das männliche Sexualhormon und seine künstlich hergestellten

Abkömmlinge, die anabolen Steroide, bauen Muskeln auf und sorgen in

Wettkämpfen dafür, dass sich der Körper schneller erholt.

O-Ton Schänzer:

„Diese Substanzen sind wirklich effektive wirksame Leistungsverbesserer

und ich denke, dass diese Gruppe weltweit führend sind. Bei den letzten

Olympischen Spielen zum Beispiel, in Athen, sind von 23 positiven Befunden

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2007

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ja 17 auf anabole Steroide zurückzuführen.“

Sprecherin: Anabolika zu nehmen ist allerdings sehr riskant.

O-Ton Schänzer:

„Es ist bekannt, dass diese Substanzen, wenn sie über einen längeren

Zeitraum eingesetzt werden, extreme Schäden an der Leber bewirken

können. Das kann hingehen bis zum Leber-Untergang, also Absterben von

Lebergewebe. Sie haben Veränderungen am Herzen. Viele Infarkte, auch

Herzinfarkte sind in der Literatur beschrieben bei entsprechenden Sportlern

in Verbindung mit der Einnahme von Anabolika.“

Sprecherin: Zugeführtes Testosteron und viele andere anabole Substanzen kann

man zwar im Prinzip gut nachweisen, aber die Athleten entwickeln immer raffiniertere

Methoden, um die Einnahme zu verschleiern.

O-Ton Schänzer:

„Es gibt sicherlich hier auch Gruppen, die genau wissen, wie man das

dosieren muss, damit man wahrscheinlich bei den Kontrollen nicht auffällt.“

Sprecherin 8: Auch beim Test selber – einem Urintest – wird getrickst. Offenbar

haben sich einige Sportler in ihre zuvor entleerte Blase Urin einer anderen ‚sauberen’

Person einspritzen lassen. Beim Pinkeltest sah es dann so aus, als wären sie selber

‚sauber’ – obwohl ihr Körper faktisch mit Hormonen vollgepumpt war.

Autor: 1998 erschütterte die bis dahin größte Dopingaffäre der Sportgeschichte die

Tour de France: die „Festina-Affäre“. Bei Willy Voet, einem Betreuer der Mannschaft

Festina, hatte man große Mengen unerlaubter Mittel gefunden. Die

Staatsanwaltschaft ermittelte und stellte fest, dass bei Festina systematisch gedopt

worden war. Jean Marie Leblanc, Direktor der Tour, schloss daraufhin die

Mannschaft vom Rennen aus.

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2007

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O-Ton :

« Nous avons pris la décision d’exclure l’équipe Festina du Tour de

France... »

Übersetung: „Wir haben uns entschlossen, die Mannschaft Festina von der

laufenden Tour de France auszuschließen. Es war eine sehr, sehr schwierige

Entscheidung. Sie fiel erst nach längeren Beratungen. Das Verhalten der

Fahrer der Mannschaft Festina ist nicht zu vereinbaren mit den Regeln der

Tour de France und mit den Regeln des Radsports.“

« …et pour le cyclisme. »

Autor: Bei den verbotenen Substanzen handelte es sich hauptsächlich um

Erythropoietin, kurz EPO, ein Hormon, das den Sauerstofftransport im Blut verstärkt.

Bis dahin war kein Festina-Fahrer bei Dopingkontrollen aufgefallen.

Sprecherin : Ende der achtziger Jahre tauchte ein neues Dopingmittel auf: EPO, ein

körpereigenes Hormon, das von der Niere gebildet wird, aber auch synthetisch

hergestellt werden kann. EPO regt im Knochenmark die Produktion von roten

Blutkörperchen an. Das sind feste Blutbestandteile, die Sauerstoff binden und zu den

Muskelfasern bringen. Wilhelm Schänzer.

O-Ton Schänzer:

„Je mehr rote Blutkörperchen man hat, umso mehr Sauerstoff können diese

roten Blutkörperchen transportieren und mehr Sauerstofftransport bedeutet

im Grunde im Ausdauerbereich eine bessere Leistung, weil die maximale

Sauerstoffaufnahme ein so genannter Leistungs-limitierender Faktor ist.“

Sprecherin: EPO steigert spürbar die Leistung. Radrennfahrer beschreiben das

Gefühl so, als hätten sie plötzlich einen Gasgriff am Fahrrad. Aber: Auch EPO ist

riskant.

O-Ton Schänzer:

„Der Hämatokritwert, also der Anteil dieser roten Blutzellen zum Gesamt-

Blutvolumen, steigt an. Das Blut wird zähfließender, also viskoser. Und es

kann unter Umständen auch zu Thrombosen kommen. Man hat immer

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wieder über Fälle berichtet, Anfang der neunziger Jahre, wo in Belgien,

Holland es mehrere Todesfälle im Radsport gegeben haben soll, die

wahrscheinlich mit EPO im Zusammenhang gestanden haben.“

Sprecherin: In den neunziger Jahren konnten die Doping-Kontrolleure noch nicht

zwischen körpereigenem und von außen zugeführtem EPO unterscheiden. Seit

2000/2001 ist das möglich, allerdings nur drei bis vier Tage nach der letzten

Einnahme. Deshalb setzen die Sportler EPO normalerweise rechtzeitig vor den

Wettkämpfen ab – oder steigen auf eine andere Dopingmethode um.

Autor: Im Mai 2006 durchsuchte die spanische Polizei ein Labor des Arztes

Eufemiano Fuentes in Madrid. Man fand 200 Blutkonserven, mutmaßlich von

Leistungssportlern. Der dringende Verdacht: Blutdoping. Auch Mitglieder des

deutschen Teams Telekom wurden verdächtigt. Am 30. Juni gab Team-Sprecher

Christian Frommert den Ausschluss von zwei prominenten Fahrern bekannt.

O-Ton Frommert:

„Uns liegen seit einigen Minuten neue Erkenntnisse vor, die uns zu dem

Schritt zwingen, die Fahrer Jan Ullrich, Oscar Sevilla und den sportlichen

Leiter Rudy Pevenage bis auf Weiteres zu suspendieren.“

Autor: Radrennfahrer Jan Ullrich zeigte sich überrascht und geschockt und beteuerte

seine Unschuld.

O-Ton Ullrich:

„Das ist das Schlimmste, was mir in meiner Karriere bisher passiert ist. Bin

absolut unter Schock, und werde ein paar Tage für mich brauchen. Und

werde dann versuchen, mit meinem Anwalt, meine Unschuld zu beweisen.“

Autor: 2007 stellte sich nach einem DNA-Abgleich heraus, dass einige der

Blutkonserven eindeutig von Jan Ullrich stammten.

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Sprecherin: Auch das eigene Blut kann ein verbotenes Dopingmittel sein, sagt

Wilhelm Schänzer.

O-Ton Schänzer:

„Diese Blutbeutel letzten Endes, die man da gefunden hat, die haben nur

einen einzigen Zweck gehabt: nämlich dass sie irgendwann mal vom

Athleten wieder verwendet werden, um zusätzlich zu dem Blut, was er hat,

Erythrozyten aufzunehmen.“

Sprecherin: Beim Blutdoping geht es wie bei EPO darum, die Zahl der roten

Blutkörperchen, also der Erythrozyten, zu steigern. Beim Eigenblutdoping wird dem

Sportler lange vor einem Wettkampf etwa ein bis anderthalb Liter Blut abgenommen.

Dessen Körper gleicht den Verlust aus und produziert neues Blut und neue

Erythrozyten.

O-Ton Schänzer:

„Wenn dann nachher wieder der normale Bestand an Erythrozyten erreicht

ist, dann kann man dieses Blut, was man vorher abgenommen hat, wieder

zuführen. Dann hat man auch wieder diese – von mir aus – 10 bis 20 Prozent

mehr an roten Blutkörperchen, die dann die Leistung verbessern.“

Sprecherin: Mehr rote Blutkörperchen bringen nämlich mehr Sauerstoff zu den

Muskeln. Auch mit fremdem Blut kann man die Leistung verbessern, aber es lässt

sich bei Dopingkontrollen relativ leicht nachweisen. Nicht so beim Eigenblutdoping.

O-Ton Schänzer:

„ Eigenblutdoping im Augenblick kann man nicht nachweisen mit einem

Verfahren, das dann gerichtsfest ist. Die einzige Möglichkeit, darauf

aufmerksam zu werden, ist, wenn man Athleten regelmäßig über

Blutkontrollen überprüft. Anhand dieser Parameter kann man schon sehen,

ob hier Manipulationen vorgenommen worden sind.“

Sprecherin: Dopingkontrolleure wie Wilhelm Schänzer fordern deshalb seit Jahren,

dass für Spitzenathleten Blutprofile angelegt werden, die von einer unabhängigen

Organisation ständig kontrolliert werden.

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Autor: Juli 2015. Bei der Tour de France ist der bislang kaum bekannte Pierre

Picardie auf den ersten Etappen durch unglaubliche Leistungen aufgefallen.

Sprecher (wie Radioreporter): Einer neuer Stern am Radsporthimmel: Der erst 19-

jährige Franzose Pierre Picardie ist die Überraschung der diesjährigen Tour de

France. Nach drei Etappensiegen und phänomenalen Ergebnissen beim Zeitfahren

hat er sich heute an die Spitze der Gesamtwertung gesetzt. Was für eine Leistung,

was für ein Talent!

Autor: Doch Talent spielt nicht die entscheidende Rolle. Vor der siebten Etappe stellt

sich heraus: Der junge Picardie hat die Möglichkeiten des Gendopings genutzt.

Sprecherin: Gendoping – so heißt das neue Schlagwort, wenn es um die Zukunft des

Dopings geht. Dabei gibt es zwei Ansätze. Bei dem einen geht es darum, dass man

vorhandene Gene an- oder ausschaltet – zum Beispiel das so genannte Myostatin-

Gen. Es bremst bei Säugetieren und Menschen das Wachstum von Muskeln. Ist das

Gen ausgeschaltet, schwellen dementsprechend die Muskelfasern an. So ist es bei

Rindern der Rasse Belgian Blue, die aussehen, als hätten sie Bodybuilding

betrieben. Auch Sportler könnten wahrscheinlich mehr Muskeln bekommen, würde

man ihr Myostation-Gen ausschalten. Mit welchen Substanzen das geht, das haben

die Kölner Dopingforscher bereits herausgefunden.

O-Ton Schänzer:

„Die werden im Augenblick identifiziert, so dass dann, wenn diese

Substanzen bekannt sind und wenn das auch auf den Markt kommen sollte

als medizinische Produkte, man die effektiv nachweisen kann. Ich denke,

dass in der nächsten Zeit die Welt-Anti-Doping-Agentur auch diese Art der

Manipulation, nämlich Beeinflussung des Myostatingens, als

Dopingmaßnahme verbieten wird.“

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Sprecherin: Gene lassen sich durch bestimmte Substanzen aktivieren oder

abschalten – das ist jetzt schon möglich. Die andere Form von Gendoping könnte

darin bestehen, dass man von außen Gene in körpereigene Zellen einschleust. Eine

britische Firma hat ein solches Verfahren entwickelt, um Blutarmut zu behandeln.

Dabei wird eine Substanz namens Repoxygen in die Muskeln hineingespritzt.

Repoxygen sorgt dafür, dass das EPO-produzierende Gen in die Muskelzellen

eingebaut wird. Diese Zellen sind dann selbst in der Lage, EPO zu produzieren.

Versuche mit Labormäusen waren zwar viel versprechend, doch eine Marktanalyse

ergab, dass die Gentherapie sich wirtschaftlich nicht rentieren würde. Die Firma

verfolgte das Verfahren nicht weiter.

O-Ton Schänzer:

„Nun könnte man natürlich meinen, okay, die haben das entwickelt, das kann

natürlich auch in Hände gelangen von Athleten, die dann vielleicht sich damit

dopen wollen. Aber dazu muss man sagen, es ist für Mäuse entwickelt

worden und auf keinen Fall für Menschen. Ob das dann überhaupt wirkt bei

Menschen, da muss man ein großes Fragezeichen machen. Also, ich glaube

eher nicht. Das müsste angepasst werden, optimiert werden. 250 Man hat

sicherlich den Hinweis gehabt, dass so was im Tierversuch möglich ist, aber

anwenden wird man das sicherlich noch nicht.“

Sprecherin: Nicht alle Dopingexperten sind dieser Auffassung. Der amerikanische

Dopingexperte Larry Bowers hält Repoxygen für eine „ernsthafte Bedrohung". Und

der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke glaubt sogar, dass Gendoping

bereits praktiziert wird. Wilhelm Schänzer dagegen hält ein Gendoping, bei dem

fremde Gene in den menschlichen Organismus eingeschleust werden, in den

nächsten Jahren nicht für realistisch.

O-Ton Schänzer:

„In den nächsten fünf Jahren sehe ich nicht, dass es schon ein Problem wird.

Die Verfahren, die im Augenblick in der Entwicklung sind, würde ich im

Augenblick nicht als interessant sehen für jemand, der dopen will. Aber wie

gesagt, das ist meine Einschätzung. Das kann sich auch eventuell ganz

schnell ändern.“

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Sprecherin: Wie schnell sich das ändert, das werden die nächsten Jahre zeigen. Eins

aber ist jetzt schon klar: Solange der Leistungssport ein hochbezahltes Geschäft ist,

solange das Publikum nach immer neuen Rekorden giert, solange wird es auch

Doping geben – allen Kontrollen zum Trotz.

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