Text (pdf) - von Katharina Mommsen

katharinamommsen.org

Text (pdf) - von Katharina Mommsen

Sonderdruck aus

6ERMl\NISCH=ROMl\NISCHE

MONl\TSSCH RI FT

BEGRONDET VON HEINRICH SCHRöDER

IN VERBINDUNG MIT '

HEINZ OTTO BURGER . EDUARD VON JAN . ERICH KöHLER

LEVIN L. SCHOCKING

HERAUSGEGEBEN VON

FRANZ ROLF SCHRODER

NEUE FOLGE· BAND XIII· HEFT 3· JULI 1963

XLIV. Band der Gesamtreihe

CJ\RL WINTER' UNIVERSITJ\TSVERLJ\G . HEIDELßERG


KATHARINA MOMMSEN . BERLIN

TREUE UND UNTREUE IN HOFMANNSTHALS FRüHWERKl

,Jeder Dichter gestaltet unaufhörlich

das ein e Grunderlebnis seines Lebens."

Hofmannsthal 2

1.

Jeder, der mit Hofmannsthais Dichtung vertraut ist, wird sich daran erinnern,

welch außerordentliche Rolle in seinen Werken das Thema der Treue

spielt. Die überwiegende Mehrheit seiner dramatischen und epischen Werke

ist diesem Thema gewidmet. Dabei treten in der Behandlung die allerverschiedensten

Aspekte zutage, sodaß man den Eindruck gewinnt, es gäbe keinen

Gesichtspunkt, unter dem Hofmannsthai das Problem der Treue nicht zur

Darstellung gebracht hätte. Treue in der Liebe, der Ehe, der Freundschaft,

Treue gegenüber sich selbst, Treue aber auch gegenüber einer Aufgabe, einer

1 Erweiterte Fassung der öffentlichen Antrittsvorlesung vom 5. Dez. 1962, gehalten

an der Freien Universität Berlin.

2 Hugo von Hofmannsthai, Gesammelte Werke. Prosa I. Frankfurt a. M. 1950. S.

Fischer Verlag. S.273. Im Folgenden wird immer nach dieser Ausgabe zitiert,

jedoch nur die betreffende Abteilung genannt.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 307

Sendung, einer höheren Verpflichtung - all das wurde Gegenstand seines

Dichtens.

Bei der ausgeprägten Vorliebe HofmannsthaIs für jenes Thema konnte es

nicht ausbleiben, daß auch in der Hofmannsthal-Forschung recht oft von dem

Problem der Treue die Rede ist. Dennoch würde man bis heute vergeblich die

Frage stellen, wie denn nun eigentlich das Verhältnis des Dichters zu dem ihn

so brennend interessierenden Problem im Ganzen beschaffen sei. Hierüber

fehlen klare Vorstellungen, und damit fehlt offensichtlich ein wichtiger Bestandteil

unseres Hofmannsthal-Bilds.

Dies hat nun freilich seine guten Gründe. Es erscheint recht schwierig, in

HofmannsthaIs Behandlung des Treue-Themas eine klare Linie zu erkennen.

Im Bereich seines vielfachen Variierens wechselt auch - wie man sich erinnern

wird - der ethische Standpunkt beträchtlich. Keineswegs ist HofmannsthaI

stets ein Verherrlicher der Treue. Zwar gab er einmal eine der großartigsten

Darstellungen der Treue überhaupt, auf der Ebene des Heroischen - in seiner

"Elektra". Und der Dichter war mit Recht stolz hierauf. Aber das war ein

Einzelfall. Dem steht gegenüber, daß von seinen großen Dichtungen nur zwei

oder drei die Treue als solche behandeln. Bei allen übrigen Werken, die hier

in Frage kommen - es sind über zwanzig - ist eigentlicher Gegenstand der

Darstellung das Phänomen der Untreue! Wirklich charakteristisch für Hofmannsthals

Schaffen ist ja die Vielzahl der Abenteurer, Verführer und Sünderinnen,

die der Dichter oft mit besonderer Nachsicht und Liebe behandelt.

Im Frühwerk denken wir etwa an die "Idylle", die "Frau im Fenster", die

"Hochzeit der Sobeide", im späteren Schaffen an die Komödien. In diesem

Bereich gibt es aber schließlich auch jene vieldiskutierten Fälle, wo HofmannsthaI

anscheinend die Untreue in ähnlicher Weise glorifiziert wie in der

"Elektra" die Treue: vor allem "Der Abenteurer und die Sängerin" und

"Cristinas Heimreise" 3.

Obgleich nun in all jenen Dichtungen von Treulosen die herrlichsten Aussprüche

über den Wert der Treue anzutreffen sind, so erscheint doch insgesamt

die Behandlung des Treue-Themas bei HofmannsthaI in einem seltsamen

Zwielicht. Hieraus erklärt sich die Scheu und Zurückhaltung, welche die

Hofmannsthal-Forschung auf diesem Gebiet an den Tag legt. Im Grunde

stand man vor folgendem Dilemma: wo ein Dichter zu einem bestimmten

Thema eine so starke Hinneigung zeigt, wie hier HofmannsthaI zu dem der

Treue und Untreue, da beruht dies ganz gewiß auf entsprechenden Zügen

3 Wesentliches über das Thema Treue oder Untreue findet sich besonders in folgenden

Werken: "Gestern" (1891), "Der Tor und der Tod" (1893), "Idylle" (1893),

"Alkestis" (1894), "Das Märchen der 672. Nacht" (1895), "Der weiße Fächer"

(1897), "Der Kaiser und die Hexe" (1897), "Das Kleine Welttheater" (1897), "Die

Frau im Fenster" (1897), "Der Abenteurer und die Sängerin" (1898), "Die Hochzeit

der Sobeide" (1899), "Das Bergwerk zu Falun" (1899), "Elektra" (1903), "Das

gerettete Venedig" (1904), "Odipus und die Sphinx" (1905), "Silvia im Stern"

(1907), "Cristinas Heimreise" (1909), "Der Rosenkavalier" (1910), "Ariadne auf

Naxos" (1912), "Der Schwierige" (1918), "Die Frau ohne Schatten" (1919), "Danae"

(1920), "Die Ägyptische Helena" (1926), "Der Unbestechliche".


308 Katharina Mommsen

des Charakters und Lebens. Man glaubte nun, dem Dichter zu nahe zu treten,

wenn man allzuviel von dem, was etwa in seinen Verherrlichungen der Unbeständigen

und Treulosen ausgesprochen war, mit seiner Persönlichkeit, seinem

Leben in Verbindung brachte. Ängstlich betonte beispielsweise Karl

Naef, man dürfe die Gestalten des Andrea, der Helena, des Florindo "keineswegs

auf das Leben zurückbeziehen ", wo dann "die Gesetzesparagraphen

zur Anwendung kämen". Sie seien vielmehr Symbole für überirdische Zustände

u. s. w. 4 •

Ganz unnötigerweise hat man sich hier in eine Sackgasse begeben. Allgemein

stand ja die Hofmannsthal-Forschung der letzten Jahrzehnte im Zeichen

des Bemühens, die moralische Grundhaltung, den "sittlichen Ernst" des Dichters

in all seinen Werken und Schaffensperioden nachzuweisen. Dies mag

nötig gewesen sein, nachdem HofmannsthaI in früherer Zeit allzulange verkannt

worden war als reiner Formalist und Ästhet. Inzwischen wurde aber

dieser Irrtum so gründlich korrigiert, daß wir heute der Sorge überhoben

sein sollten, noch weiterhin für HofmannsthaIs Ethos Beweise erbringen zu

müssen. Der "sittliche Ernst" dieses DiclJ.ters steht fest. So möchte es an der

Zeit sein, gerade seine Behandlung des Treue-Themas mit etwas mehr Freizügigkeit

zu betrachten, als das bisher geschah. Man sollte den Mut haben,

Fragen wie diese zu stellen: hingen die vielen Auseinandersetzungen mit Erscheinungen

der Treulosigkeit in HofmannsthaIs Werk nicht doch zusammen

mit bestimmten Eigenschaften, vielleicht auch Schwächen des Dichters? Muß

die Erkenntnis eines solchen Zusammenhangs seinem Gesamtbild wirklich abträglich

sein? Kann nicht in der Art, wie ein großer Dichter eigene Schwächen

betrachtet, u. U. sich eine besondere Großartigkeit des Charakters manifestieren?

Entschließt man sich, solche Fragen als erlaubt gelten zu lassen, so gibt uns

schon HofmannsthaI selbst eine gute Wegweisung zu ihrer Beantwortung.

Zu sprechen ist hier von dem sogenannten Ariadnebrief von 1911 und 12.

In ihm besitzen wir zur Klärung unserer Frage ein wichtiges und wirklich

aufschlußreiches Dokument.

Über den ideellen Gehalt von "Ariadne auf Naxos" schrieb HofmannsthaI

1911 an Richard Strauss 5 : "Es handelt sich um ein simples und ungeheueres

Lebensproblem: das der Treue. An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren,

bis an den Tod - oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln,

die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung

sich bewahren, ein Mensch bleiben, nicht zum gedächtnislosen Tier herabsinken.

Es ist das Grundthema der ,Elektra', die Stimme der Elektra gegen die

Stimme der Chrysothemis, die heroische Stimme gegen die menschliche."

Soweit HofmannsthaI zu Richard Strauss. Das Entscheidende ist hier, wie

der Dichter über das Phänomen der Verwandlung spricht. Dies lehrt uns, eine

4 Karl J. Naef, Hugo von Hofmannsthais Wesen und Werk. Zürich u. Leipzig 1938.

S. 50.

5 Richard Strauss - Hugo von HofmannsthaI. Briefwechsel. Gesamtausgabe hsg. von

Franz und Alice Strauss, bearb. von Willi Schuh. Zürich 1952. S. 130.


Treue und Untreue in Hofmannsthals Frühwerk 309

große Zahl von Fällen der Treulosigkeit in seinem Werk besser verstehen.

Sehr oft deutet da Treulosigkeit auf solche Verwandlung, oder doch etwas

dem nahe Verwandtes. Genauer gibt Hofmannsthal nochmals Aufschluß darüber,

was er in diesem Sinne unter Verwandlung versteht, in der 1912 veröffentlichten

Fassung des Briefes an Richard Strauss. Hier heißt es 6 : "Verwandlung

ist Leben des Lebens, ist das eigentliche Mysterium der schöpfenden

Natur; Beharren ist Erstarren und Tod. Wer leben will, der muß über

sich selber hinwegkommen, muß sich verwandeln: er muß vergessen. Und

dennoch ist ans Beharren, ans Nichtvergessen, an die Treue alle menschliche

Würde geknüpft. Dies ist einer von den abgrundtiefen Widersprüchen, über

denen das Dasein aufgeba~t ist wie der delphische Tempel über seinem bodenlosen

Erdspalt. Man hat mir nachgewiesen, daß ich mein ganzes Leben

lang über das ewige Geheimnis dieses Widerspruches mich zu erstaunen

nicht aufhöre."

Diese Sätze lassen gar keinen Zweifel mehr zu, daß Hofmannsthals Dichten

von der Treue, aber auch von der Untreue, etwas mit dem Leben zu tun hat,

und zwar auch mit dem Leben des Dichters selbst. Offenbar hat Hofmannsthai

mehr als irgend ein anderer die Notwendigkeit der " Verwandlung" als

problematisch empfunden, insofern sie Untreue bedeutet. Bekannt ist, wie

ganz anders z. B. Goethe mit dem Problem fertig wurde, das auch ihm von

Grund auf vertraut war. Zu heftigen Krisen führte es ihn nur in der Jugend,

vor allem im Falle des Friederike-Erlebnisses. In späteren Jahren war es ihm

etwas Selbstverständliches, daß man bei innerem Fortschreiten auch im

Äußeren wechselt, sich wandelt. Er sprach dann feierlich vom "Stirb und

Werde" oder ironisch von den zurückgelassenen "Schlangenhäuten" - aber

Verwandlungen dieser Art waren ihm nicht mehr Gegenstand des Selbstvorwurfs.

Anders Hofmannsthai, für den zeitlebens - wie wir hörten - hier ein

delphisches Geheimnis lag, das er "anzustaunen nicht aufhörte". Sein dichterisches

Schaffen bezeugt uns, daß ihn ganz offensichtlich die Gewissensnot

immer wieder auf dies Problem zurückführte. Daraufhin sollten alle Dichtungen

von Treue und Untreue untersucht werden - dies wäre die Aufgabe.

Wenn sie durchgeführt ist, wird Hofmannsthai - man kann das mit Sicherheit

voraussagen - nicht weniger liebens- und achtenswert erscheinen. Es würden

sich vielmehr gerade seine eigensten Vorzüge besser erkennen lassen.

Wenn ich in meinen folgenden Ausführungen einige der frühesten Dichtungen

des jungen Hofmannsthal etwas näher betrachte, so geschieht das im

Rahmen jener gekennzeichneten Aufgabe 7 • Bereits im Frühwerk Hofmannsthais

zeigen sich ja schon alle Formen, in denen er später das Treue- und

Untreue-Problem zu behandeln liebte, mindestens im Keime angelegt. Das

Frühwerk hat weiter den Vorzug, daß hier die Kühnheit der Jugend den Dichter

vieles noch offener aussprechen läßt, was er später mehr zu umschreiben,

8 Prosa III (1952) , S. 138.

7 Eine vollständigere Behandlung gedenke ich in einer größeren Publikation vorzulegen.


310 Katharina Mommsen

zu verhüllen liebt. Besonders aber lassen sich in der Jugend des Dichters die

Zusammenhänge zwischen Werk und Leben noch genauer erkennen, weil wir

hier besser informiert sind, als über seine späteren Jahre.

2.

Ganz im Mittelpunkt steht das Problem der Treue bereits in dem genialen

Erstlingswerk HofmannsthaIs, der dramatischen Studie "Gestern". Bezeichnend

genug ist es das Problem der T r e u los i g k e i t , das der Dichter hier

schon in frühester Jugend zu behandeln sich gedrängt fühlt. Treulos ist zunächst

in "Gestern" Arlette. Sie hat Andrea, den Helden, in der jüngstvergangenen

Nacht betrogen. Dies Motiv gibt die Grundlage ab für den dramatischen

Bau. Treulos ist ferner der beste Freund des Andrea, denn er war es,

mit dem Arlette ihren Liebhaber betrog. Treulos ist aber vor allem auch Andrea

selbst - und zwar dieser aus Prinzip, aus Weltanschauung. Deutlich

spricht er es als Devise aus:

Oder an anderer Stelle:

Wer darf verlangen, wer versprechen Treue?

Ist nicht gemengt in unserm Lebenssaft

So Menschentum wie Tier, zentaurenhaft?

Es ist manchmal so gut, Verrat zu üben!

Treue nennt Andrea das, "was nur Schwäche ist". Diese Auffassung von der

Treue resultiert aus dem gesamten Charakter des Andrea: er ist ja der ewig

Wechselnde, Unbeständige - daher seine Philosophie des Gestern, die ich hier

nicht vollständig darzulegen brauche. Treulosigkeit ist die wesentlichste praktische

Auswirkung seines Verlangens nach totaler Ungebundenheit, wIe es

sich in bezeichnender Formulierung ausdrückt:

Das Gestern lügt und nur das Heut ist wahr!

Laß dich von jedem Augenbli


Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk 311

In der Philosophie des Andrea liegt etwas provokativ Amoralisches. Nun

wird dem Helden zwar durch die Treulosigkeit Arlettes eine schmerzliche

Belehrung zuteil, und man hat die Meinung vertreten, dadurch seien all jene

Brüskierungen der moralischen Norm kompensiert 9 • Ob dies in vollem Umfang

gelten kann, scheint mir aber zweifelhaft, allein im Hinblick auf das

Ende des Stücks. Tritt doch hier das provokative Element nochmals stärkstens

hervor in der Schlußrede des Andrea, die nichts anderes enthält als eine

Rechtfertigung der Treulosigkeit Arlettes:

Idt kann so gut verstehen die ungetreuen Frauen ...

So gut, mir ist, als könnt idt in ihre Seelen sdtauen.

Idt seh in ihren Augen die Lust, sidt aufzugeben,

Im Niegenossenen, Verbotenen zu beben . ..

Die Lust am Spiel, die Lust, sidt selber einzusetzen,

Die Lust am Sieg und Rausdt, am Trügen und Verletzen ...

Idt seh ihr Lädteln und - die töridtten, die Tränen,

Das rätselhafte Sudten, das ruhelose Sehnen ...

Idt fühle, wie sies drängt zu töridtten Entsdtlüssen,

Wie sie die Augen sdtließen und wie sie quälen müssen,

Wie sie ein jedes Gestern für jedes Heut begraben,

Und wie sie nidtt verstehen, wenn sie getötet haben.

Diese Verse schrieb HofmannsthaI nochmals etwas erweitert und verändert

nieder in Form eines Sonetts 10 • Mag diese Niederschrift nun vor, nach oder

während der Arbeit an "Gestern" erfolgt sein - in jedem Falle würde sie dafür

zeugen, daß das darin Gesagte für den Dichter im Vordergrund des Interesses

stand. Als Sonett tragen die Verse den Titel "Erfahrung", was doch

auf persönliches Erleben hinzuweisen scheint. Diesem allen zufolge verdient

es umso mehr beachtet zu werden, daß eine solche Apologie der Treulosigkeit

am Schlusse von "Gestern" steht.

HofmannsthaI war sich des provokativen Charakters von "Gestern" sehr

wohl bewußt. Er selbst hat betont - was von den Interpreten zu wenig beachtet

wurde -, daß in dem Stück kein in sich geschlossenes und abgerundetes Ethos

vorgetragen würde. Das autobiographische Fragment "Ad me ipsum" spricht

Renaissance-Italiens. Audt den Andre des Musset betrügt seine Frau mit seinem

besten Freund; das ereignet sidt gleidtfalls "gestern", d. h. in der Nadtt, die unmittelbar

vor dem Handlungsgesdtehen liegt. Bei Musset ringt sidt Andrea del

Sarto ebenfalls durdt zu einer Haltung milden Verstehens, was dann ähnlidt wie

bei Hofmannsthai den Ausgang des Stückes bestimmt, allerdings hier mit tragisdter

Wendung. Die übereinstimmung in den Namen beider Helden ist demnadt

nidtt Zufall. Bemerkenswerterweise heißt die Frau des Andre: Lucretia del Fe d e !

Wenn HofmannsthaI in "Gestern" einen Didtter namens Fantasio auftreten läßt,

so mag dies übrigens nodt angeregt sein durdt den Titel eines anderen Mussetsdten

Stückes; "Fantasio". (Mus sets Fantasio ist Bohemien, der Gesinnung nadt betont

ungebunden ähnlidt wie Andrea in "Gestern", dabei voller phantastisdter Einfälle

- insofern trägt audt er einen spredtenden Namen.) Im übrigen ist die ehelidte

Untreue ein Thema, das Musset auf Grund eigenen Erlebens immer wieder

gestaltete.

9 Vgl. R. Alewyn a. a. O. S. 58f.

10 Gedidtte und lyrisdte Dramen (1952) S. 497.


.312 Katharina Mommsen

dies klar genug aus ll : "In ,Gestern' redet eigentlich: ,the imp of the perverse'

[Poe.] Eine frühe Stimme, welche jenes andere: ,Tor und Tod' herausfordern

will." Diese Worte beziehen sich offensichtlich auf das Verletzen der herkömmlichen

moralischen Normen, das in "Gestern" bewußt durchgeführt ist.

In diesem Sinne forderte das Stück eine Ergänzung heraus, gewissermaßen

eine Palinodie, die dann das nächstfolgende dramatische Werk HofmannsthaIs

brachte, "Der Tor und der Tod" von 1893, wo das Problem der Treue

nochmals in den Mittelpunkt gerückt und auf eine positivere Weise behandelt

wurde.

Folgen wir "Ad me ipsum", so erscheint "Gestern" im Grunde als ein jugendliches

Skandalon, das mit der gleichen Absichtlichkeit "herausfordern"

wollte, wie so viele Jugendwerke großer Dichter. Interessieren muß uns jetzt

noch die andere Frage, der man bisher nie ernstlich nachgegangen ist: sollte

nicht der provokative Charakter des Stückes damit zusammenhängen, daß der

junge HofmannsthaI hierin eine Konfession ablegte, eine Beichte? Deutet die

Treulosigkeit des Andrea nicht vielleicht auf eine bestimmte problematische

Veranlagung, derer HofmannsthaI sich in seinem Erstlingswerk selbst bezichtigt

hätte?

Was wir über Leben und Person des jungen HofmannsthaI wissen, ist nicht

ganz wenig, und es gibt hier doch einige Zeugnisse, die uns in dieser Richtung

wichtige Aufschlüsse vermitteln. Ein Brief des Dichters aus dem Jahre 1890

zum Beispiel spricht in bezeichnender Weise davon, was dem Serozehnjährigen,

bei anscheinend reichlicher Erfahrung, Liebe bedeutet. Hier schreibt

er folgendes an einen Freund 12 : "Liebe wollen Sie aus meiner Gedankendämmerung

herausgelesen haben? Li e b e? Das Wort ist zu stark, zu alt, zu

deutsch. Auch das ,Hangen und Bangen', das Sie mir als Stimmungsleitmotiv

zuschreiben, finde ich zu elegisch, zu sehr vieux jeu. Mit dem Zustand mögen

Sie aber nicht so unrecht haben. Aber es ist ein Verhältnis, wie von Paul

Bourget oder Ola Hansson geträumt; so feingestimmt, in Schwingungen und

Schattierungen, so eigentümlich auf der Schneide zwischen Kopf und Herz,

aus tausend Motiven kombiniert, eine Gegenwartsblume wie die Sensitiva

amorosa: Sie wissen ja mein Steckenpferd: künstlerisch. Die Liebe nämlich,

die Dame aber ist natürlich keine Künstlerin, rien que femme. ,Gefährlich?'

meinen Sie warnend. Ach nein, das verrauscht, verschwingt, verschwimmt,

klingt aus ... TeIle est la vie fin-de-siecle ... ".

Die Sätze muten an wie eine Vorstudie zu "Gestern". Wie Andrea gefällt

sich hier der junge HofmannsthaI in schwebend unverbindlichen Halbgefühlen,

im Abweisen jeglichen Engagements. Züge wie diese könnten doch sehr

wohl auf eine gewisse Veranlagung zur Unbeständigkeit, vielleicht sogar

Treulosigkeit schließen lassen. In einem weiteren Brief von 1891, aus der

Zeit, als "Gestern"entstand, begegnen nochmals Wendungen, die an die

11 Aufzeichnungen (1959) S. 223.

12 An Gustav Schwarzkopf, 31. August 1890. Hugo von HofmannsthaI, Briefe 1890

bis 1901. Berlin 1935. [Im Folgenden zitiert als: Briefe 1.] S. 1lf.


Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk 313

Andrea-Gestalt erinnern. Hier schreibt Hofmannsthai dem Freunde Arthur

Schnitzler von seiner Stimmung während der Arbeit l3 : "Um mich und in mir

waren neue Dinge, Gleiten, Plätschern, Rieseln, Auflösung, vages Verschwimmen

... Ich gleite, ich treibe." Auch hier tritt eine Gemütsverfassung wenigstens

als Möglichkeit bei dem Menschen Hofmannsthai hervor, wie sie Andrea

"der Wechselnde" im Kunstwerk auf outrierte Weise zeigt.

Von größerer Wichtigkeit als die eben zitierten Zeugnisse ist aber ein Brief

des Dichters aus späterer Zeit, in welchem er rückschauend gerade bezüglich

seiner Jugendjahre gewisse selbstkritische Bekenntnisse ablegt. Diese Jahre

standen tatsächlich durchaus im Zeichen einer problematischen Charaktereigenschaft

- nämlich der Treulosigkeit. Das betreffende Schreiben ist 1907 an

einen Jugendfreund, seinen früheren Mitschüler Stephan Gruss gerichtet, dem

Hofmannsthai seine seelische Verfassung in der Jugend schildert1 4 • Hier nun

spricht er von der "sonderbaren, fast unheimlichen seelischen Beschaffenheit,

dieser scheinbar alles durchdringenden Lieblosigkeit und Treulosigkeit", die

ihn selbst "manchmal so sehr geängstigt", die aber auch den Freund an ihm

"sehr befremdet" habe. Seitdem er "über Dreißig" sei, so fügt Hofmannsthai

hinzu, habe er jene damalige Treulosigkeit besser "verstehen gelernt". Er

wisse nun, daß sie "nichts anderes" sei, als "die Verfassung des Dichters unter

den Dingen und Menschen". Inzwischen habe ihn ein Brief von Keats in dieser

Hinsicht, wie er sagt, "sehr entlastet", in welchem "merkwürdige Klagen

über das Chamäleondasein des Dichters" enthalten seien. Und Hofmannsthai

zitiert nun aus dem Brief von Keats folgende auf das Wesen des Dichters

bezügliche Sätze: "He has no identity: he is continually in for, and filIing,

some other body. - It is a wretched thing to confess, but it is a very fact, that

not one word lever utter can be taken for granted as an opinion growing out

of my identical nature. How can it, when I have no nature I5 ?"

Mit diesen Gedankengängen sind wir aber zweifellos wieder auf der Ebene

des nur wenige Jahre später geschriebenen Ariadnebriefs angelangt. Was dort

vom Wesen der "Verwandlung" gesagt wird, entspricht weitgehend den Sätzen

von Keats über das "Chamäleondasein des Dichters". Der Ariadnebrief

faßt Verwandlung mehr im Sinne von innerer Entwicklung auf. Hier handelt

es sich mehr um das unbeständige Wechseln als solches. Aber beides

steht - wie man nun sieht - einander sehr nahe. Hofmannsthai zieht hier keine

entschiedene Trennungslinie.

Wieweit die Worte von Keats Allgemeingültiges über das Wesen des Dichtertums

aussprechen, bleibe dahingestellt. Gewiß eignet etwas von jener

Chamäleonnatur jedem Dichter, ja jedem produktiven Künstler. Doch nicht

jeder würde so weit gehen, von sich sagen zu wollen: "I have no nature." Hofmannsthai

konnte u. U. so weit gehen. Bezüglich seines Dichterturns konstatiert

er selbst, daß es auf eine besonders extreme Weise mit Verwandlung,

13 Briefe I. S. 23.

14 Hugo von HofmannsthaI, Briefe 1900-1909. Wien 1937. S. 253f.

15 John Keats an Richard Woodhouse, 27.0kt. 1818. (The poetica1 works. Vol. 3.

London 1883. S. 233f.)

21 GRM HI.3


314 Katharina Mommsen

Wechsel, Unbeständigkeit Hand in Hand ging. Hierauf deuten die besprochenen

Zeugnisse, wie auch manches andere Wort des Dichters, beispielsweise

in "Ad me ipsum".

Dem Brief an Stephan Gruss dürfen wir die eindeutige Bestätigung entnehmen:

es gab beim jungen Hofmannsthai tatsächlich stark ausgeprägte Züge

der Treulosigkeit, Züge die ihn quälten, gewiß auch entsprechende Handlungen

- so wurde z. B. Stephan Gruss selbst damals von ihm verletzt. übrigens

berichtet auch Jakob Wassermann gelegentlich über die Jugendzeit des Dichters:

es habe Hofmannsthai damals "ein Ruf von Treulosigkeit umgeben"16.

Richten wir uns ern Blick zurück auf "Gestern", so kann es jetzt nicht mehr

zweifelhaft sein: das Stück nimmt Bezug auf jene "Lieblosigkeit und Treulosigkeit"

der Jünglingsjahre; es stellt eine Auseinandersetzung des Dichters

mit ganz persönlichen, von ihm lebhaft empfundenen Schwächen dar. Daher

erklärt sich noch viel von dem provokatorischen Charakter des Stücks. Die

Vorstellung ist uns vertraut, daß Hofmannsthai überhaupt die Tendenz hatte,

als Dichter seine Schwächen zu bekennen und sich dadurch als Mensch zu steigern.

Hier zeigt es sich nun, daß schon das Erstlingswerk "Gestern" aus solchen

Impulsen heraus geschrieben wurde. Damit erscheint auch der Zusammenhang

dieses Werks mit späteren Darstellungen der Treulosigkeit in

neuem Licht. Viele der Hofmannsthalschen Treulosen, unter ihnen gerade die

extremsten Gestalten, weisen ja - wiederholt deutet der Dichter selbst darauf

hin 17 - spürbare Verwandtschaft mit dem Andrea in "Gestern" auf. Offenbar

haben sie alle noch etwas zu tun mit jenen menschlichen Problemen, die in

"Gestern" Gegenstand der Selbstanklage wurden.

3.

Ein interessantes Beispiel für derartige Zusammenhänge zwischen "Gestern"

und einem späteren Werk findet sich in den Skizzen zu Hofmannsthais

Romanfragment "Andreas". Hier bemerkt der Dichter einmal, das

Grundproblem des Andreas-Romans sei das gleiche wie das von "Gestern",

nämlich: "Treue, Beharren und Wechsel "18. Es lohnt sich, bei dieser Formulierung

zu verweilen, denn in ihr liegt auch ein bisher unverstandenes

Problem des "Andreas"-Romans beschlossen. Was mit den Worten "Treue,

Be h a r ren und We c h seI" gemeint ist, erklärt sich zunächst aus einigen

Parallel äußerungen Hofmannsthais über "Gestern". So sagt Hofmannsthai

einmal in einer Tagebuchaufzeichnung von 1915: in "Gestern" handele es

sich um das "Problem des Seins und Werdens"19. Es sei darin "das Sein als

Beharrendes dem Wechsel entgegengestellt". Nun ist damit natürlich

16 Vgl. H. A. Fiechtner, Hugo von HofmannsthaI. Die Gestalt des Dichters im Spiegel

der Freunde. Wien 1949. S. 101.

17 Vgl. Aufzeichnungen (1959) S.173, 216, 221, 223. - Erzählungen (1953) S.207.

18 Erzählungen (1953) S. 207.

19 Aufzeichnungen (1959) S. 173.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 315

auf den Charakter des Andrea hingedeutet. Dessen ganze Philosophie bezieht

sich ja auf das Verhältnis zwischen Sein und Werden, Beharren und

Wechse!. Andrea vermag diese Antinomien des Daseins in seinem Denken

und Handeln nicht so zu vereinen, wie es das Leben verlangt 20 . Er schlägt

sich ganz auf die eine Seite, wird damit ein Unbeständiger, ein ewig Wechselnder

und Treuloser. Hierauf deutet wiederum eine Stelle in "Ad me ipsum",

wo Hofmannsthai den Helden von "Gestern" ausdrücklich bezeichnet

als "Andrea den Wechselnden" und ihn in dieser Hinsicht vergleicht mit dem

Harlekin aus "Ariadne auf Naxos" sowie mit dem Abenteurer aus "Der

Abenteurer und die Sängerin"21.

Wenn wir also in den Skizzen zum "Andreas"-Roman lesen, das Grundproblern

von "Gestern" bestehe in "Treue, Beharren und Wechsel", so sehen

wir, daß auch hiermit gezielt ist auf den problematischen Charakter des

Andrea, auf "Andrea den Wechselnden ". Interessant ist jedoch folgendes. In

den Romanskizzen steht jene Erwähnung von "Gestern" im Zusammenhang

mit der Schilderung des Doppelwesens Maria/Mariquita, der Frau mit der Persönlichkeitsspaltung.

Genau an dieser Stelle wird nun gesagt, daß Maria

und Mariquita, die bis auf ihren Körper nichts gemeinsam haben, nicht

einmal die Wohnung, doch durch eins verbunden werden - nämlich durch

ein Hündchen, einen Zwergspaniei, der ihnen beiden gehört. Der Name

dieses Hündchens aber lautet: Fidele! Man hat bisher mit diesem merkwürdigen

Detail- dem Hündchen Fidele - nichts anzufangen gewußt. Daß es sich

dabei um nichts ganz Belangloses handeln kann, scheint doch die Tatsache

zu beweisen, daß Hofmannsthai sich zeitweilig mit dem Gedanken trug, den

ganzen Roman zu nennen: "Die Dame mit dem Hündchen "22. Richard

Alewyn dagegen betrachtet in seiner Interpretation des "Andreas"-Frag­

ments diesen Titel lediglich als eine Koketterie und bemerkt in Bezug auf das

Hündchen Fidele: "Die Bedeutung dieses scheinbar spielerischen Requisits"

sei "nicht abzusehen"22. Ich möchte glauben, daß das Rätsel sich löst, wenn

man jenen Zug des Romans zusammen sieht mit Hofmannsthais gesamter

Behandlung des Treue-Problems, namentlich aber mit seiner Behandlung

in "Gestern".

Lesen wir den betreffenden Passus aus den "Andreas"-Skizzen nochmals

im Zusammenhang 23 : "Durch einen kleinen kurzatmigen King Charles-Hund,

namens Fidele .. . hängen Maria und Mariquita zusammen (es ist wiederum

das Grundproblem von ,Gestern': Treue, Beharren und Wechsel) - Dunkel

ahnt Maria ... das was sie mit Mariquita gemein hat. So haben sie das

Hündchen gemein."

Folgende Deutung scheint sich mir notwendig zu ergeben: was die eine

Gestalt des Andrea in "Gestern" verkörperte, innere Zerrissenheit, resul-

20 Vgl. "Ad me ipsum" (Aufzeichnungen S. 216) : "Variiertes Grundthema: das Ich

als Sein und das Ich als Werden. Das Thema in ,Gestern' frevelhaft gebracht."

21 Aufzeichnungen (1959) S. 223.

22 R. Alewyn a. a. O. S. 117.

23 Erzählungen (1953) S. 207 .

21 "


316 Katharina Mommsen

tierend aus der Nichtbewältigung von Beharren und Wechsel, das fühlte

Hofmannsthai sich gedrängt, nochmals zur Darstellung zu bringen in dem

Doppelwesen Maria/ Mariquita. Maria als die Religiöse, Edle, Vornehme

ist die Zuverlässige, Be ha r ren d e; Mariquita andererseits, die gottlose,

hexenhafte Erotikerin ist mit ihrer Kokottennatur die notorisch We c h sei n -

d e. Beharren und Wechsel stehen sich also wiederum unvereinbar gegenüber.

Doch führt diese Problematik hier nicht zu einer amoralischen Philosophie

wie im Falle des Andrea, sondern zur Persönlichkeitsspaltung. Ist diese Darstellung

auch härter, so deutet Hofmannsthai doch im "Andreas"-Roman von

vornherein eine Lösung an. Maria, die Beharrende und Mariquita, die Wechselnde

"hängen zusammen", durch das Hündchen Fidele - d. h. wie der

sprechende Name doch wohl klar genug andeutet - durch das Sinnbild der

Treue. Das symbolische Tier verbindet sie noch in der Trennung. Offenbar

ist damit der Weg angezeigt, wie es im Laufe des Romans zur Wiedervereinigung

der beiden Persönlichkeitshälften kommen kann. Hier sollte

jedenfalls die T r e u e eine ausschlaggebende Rolle spielen. Die Symbolsprache

scheint mir in diesem Fall besonders leicht entzifferbar. Der Hund

ist das treue Tier kat' exochen. Noch in Goethes "Siebenschläfern" lesen wir

von dem Hündlein, dem treuen, das seine Herren ins Paradies begleiten

darf.

Die Form des Titels "Die Dame mit dem Hündchen" ist somit im Grunde

nicht weniger seriösen Charakters als die Benennung: "Andreas oder die

Vereinigten". In beiden Titeln wird auf die innersten Zusammenhänge, auf

den Handlungsablauf des Romans hingedeutet 24 • So bestätigt es sich hier,

daß für Hofmannsthai offensichtlich in seiner kühnen Behandlung des Treue­

Themas in "Gestern" ein Problem lag, das ihn noch lange und nachhaltig

verfolgte. Aus der Art, wie er noch Jahrzehnte später, im "Andreas"-Roman,

darauf zurückgriff, darf man schließen: es handelte sich dabei für ihn - um

ein Lebensproblem.

24 Professor Dr. Valentin Kiparski (Berlin) weist mich darauf hin, daß es von Anton

P. Tschechoweine Erzählung des Titels "Die Dame mit dem Hündchen" gibt, und

daß HofmannsthaI möglicherweise hierdurch veranlaßt wurde, seinerseits diesen

Titel aufzugeben. Tschechows Novelle erschien 1899', eine erste übersetzung 1915.

Erzählt wird hier von der Liaison zweier Verheirateter, welme zur Folge hat, daß

diese innerlich und äußerlich ein Doppelleben führen. Hinsimtlich des letzteren

könnte von einer gewissen Verwandtschaft mit der Maria/Mariquita im,Andreas'­

Fragment gesprochen werden. Das Hündchen (ein Spitz) bei Tsmechow kann insofern

mit dem Hofmannsthalschen verglichen werden, als es die Bekanntschaft der

heiden Partner vermitteln hilft, also aum hier die Verbindung zwischen zwei Persönlichkeiten

herstellt. Vergleichbar wäre allenfalls noch das Blumenrnotiv, wie es

in Tschechows Novelle zu Beginn des 2. Abschnitts auftaucht (bei HofmannsthaI:

Erzählungen S. 208) . Das "Die Dame mit dem Hündchen" betitelte Konvolut der

,Andreas'-Handschriften entstand vermutlich 1912; noch im selben Jahr wurde der

Titel jedoch aufgegeben. (Vgl. R. Alewyn a. a. 0., S. 108f. Das Hündchen-Motiv

als solches findet sich aber schon in dem früheren Konvolut: "Das venezianische

Erlebnis des Herrn von N. ").


Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk 317

4.

"Gestern" forderte nach des Dichters Worten, die wir vorhin gehört

haben, eine Ergänzung heraus. "Der Tor und der Tod", der in diesem Zusammenhang

genannt ward, ist nur eine dieser Ergänzungen, allerdings eine

besonders wichtige. Der "Tor" Claudio zeigt in vieler Hinsicht noch Verwandtschaft

mit Andrea, dem Helden von "Gestern". Auch ihm wird ausdrücklich

der Vorwurf der Treulosigkeit gemacht: "Aus Untreu macht kein

guter Wille Treu" - so klagt das "junge Mädchen", die von Claudio verlassene

Geliebte. Er habe sie vergessen, "achtlos grausam fortgeworfen".

Ähnliche Beschuldigungen der Untreue, Unzuverlässigkeit erhebt auch der

ehemalige Freund des Claudio. Aber in "Tor und Tod" werden die moralischen

Akzente positiver als in "Gestern" gesetzt. Es kommt nicht mehr zu

einem provozierenden Herausstreichen des Fragwürdigen wie in dem Erstlingswerk.

So tritt in der Gestalt des Freundes mit seinen Eigenschaften:

Festigkeit, Selbsttreue und Opfermut, eine positiv gezeichnete Gegenfigur auf,

wie es sie in "Gestern" nicht gab. Auch diese Gestalt trägt wie Claudio Hofmannsthalsche

Züge - der Dichter liebt es von jetzt an, sein Eigenstes in

kontrapostartig entgegengesetzten Gestalten auszudrücken.

Eigentlich entscheidend ist aber noch etwas anderes. In "Tor und Tod"

wird das von zentraler Bedeutung, was schon in "Gestern" eine so große

Rolle spielte: die Frage nach dem Verhältnis des Ich zum Du, nach der Beziehung

zum Mitmenschen. Und für diese Frage wird nun hier eine befriedigende

Lösung gefunden. Andrea bestritt fast jede echte Möglichkeit

einer Beziehung und Bindung:

Und wenn sich jemals zwei ins Auge sehn,

So sieht ein jeder sich nur in dem andern.

Aus dieser Gesinnung resultiert letztlich Andreas grundsätzliche Treulosigkeit.

Claudio, der Held von "Tor und Tod", hat ganz ähnliche Gesinnungen:

Da hast du dieses ganze Liebesleben,

Daraus nur ich und ich nur widertönte.

Anders als Andrea sucht aber Claudio diese Gesinnung in sich zu bekämpfen

- als Schwäche. Das Du soll nicht länger nur Spiegel des Ich sein, sondern

wahrhaft erreicht und gefunden werden:

Ich werde Menschen auf dem Wege finden,

Nicht länger stumm im Nehmen und im Geben,

Gebunden werden - ja! - und kräftig binden.

In diesem Zusammenhang fällt nun auch das so entscheidend wichtige

Wort:

Ich will die Treue lernen, die der Halt

Von allem Leben ist..

Die Worte kennzeichnen aufs genaueste den Unterschied zwischen Claudio

und Andrea. Andrea verharrt bei seiner Philosophie der Treulosigkeit,

Claudio dagegen faßt den Entschluß zur seelischen Wandlung. Zwar zu


318 Katharina Mommsen

spät, angesichts des Todes, aber dennoch - er entschließt sich, "die Treue zu

lernen". Damit ist der wesentliche Schritt über "Gestern" hinaus getan.

In diesem Zug vor allem liegt die geforderte moralische Ergänzung zu dem

Erstlingswerk, von der Hofmannsthal sprach.

5.

In den beiden Werken, die wir uns bisher in Erinnerung brachten, findet

man schon so ziemlich alle Gesichtspunkte angedeutet, unter denen Hofmannsthal

später das Thema von der Treue und Untreue behandelt hat.

Allgemein läßt sich sagen: soweit es sich um Darstellungen der Treue handelt,

gehen sie auf "Tor und Tod" zurück. So hat es der Dichter selbst gesehen.

Werke wie "Alkestis", "Elektra", "Odipus" basieren - "Ad me ipsum"

zufolge - letzten Endes auf den Worten Claudios: "Ich will die Treue

lernen, die der Halt von allem Leben ist"25.

Für eine wichtige Abwandlung des Treue-Themas allerdings, nämlich das

Sich-selbst-treu-bleiben, findet sich schon der Keim in "Gestern". Wenn

Andrea dort postulierte, man solle sich "von jedem Augenblicke treiben"

lassen, das sei der "Weg, sich selber treu zu bleiben" (wir zitierten die Verse

oben), so hat Hofmannsthal auch diese herausfordernde Formulierung des

Erstlingswerks später sehr ernstlich widerrufen. Kernstellen für das positiv gewendete

Thema der Selbsttreue bilden die Worte des Kaisers in "Der Kaiser

und die Hexe" von 189726 :

Bist du außen nicht wie innen,

Zwingst dich nicht, dir treu zu sein,

So kommt Gift in deine Sinnen ...

Wer sich selber

Furchtbar treu war, der ist jenseits

Der gemeinen Anfechtungen.

Mit diesem letzen Ausspruch besinnt sich der Kaiser "auf sein ungeheures

Amt". Seine seelische Wandlung ist damit im entscheidenden Stadium

gekennzeichnet. "Sich selber furchtbar treu" sind später vor allem Elis im

"Bergwerk zu Falun" und die Titelheidin in der "Hochzeit der Sobeide"27.

Doch weisen auch manche andere Hofmannsthalsche Gestalten diesen Zug

auf.

Was andererseits die Darstellungen der Untreue betrifft, so läßt sich bei

ihnen durchweg ein Zusammenhang mit "Gestern" nicht verkennen. Da ist

25 V gl. "Ad me ipsum": "Das Alkestis- und Odipus-Thema sublimiert in der ,Elektra'

... Das Entscheidende liegt nicht in der Tat sondern in der Treue ... Zugrunde

liegt dieser Vers aus ,Tor und Tod': ,Ich will die Treue lernen die der

Halt von allem Leben ist.' Das Motiv der Treue ironisch im ,weißen Fächer' . .. "

(Aufzeichnungen S. 217; vgl. S. 221,226, 228.) Siehe auch unten Anm. 47.

26 Gedichte und lyrische Dramen (1952) S. 265, 274.

27 Auch der Kaufmann in der "Hochzeit der Sobeide" ist "im tiefsten sich selber

treu". Dramen I (1953) S. 89.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 319

zunächst die so charakteristische Verbindung des Untreue-Themas mit dem

Motiv der Verwandlung. Wir sahen, wie Andrea als der "Wechselnde"

hier bereits die Möglichkeiten für weitere Gestalten in sich schloß, so für den

Abenteurer, den Harlekin, aber auch z. B. den Wahnsinnigen im "Kleinen

Welttheater", der - wie man richtig gesehen hat - Züge des Dichters selbst

trägt.

überhaupt erinnert aber die -charakteristische Freiheit, mit der Hofmannsthai

auch späterhin das Thema Untreue behandelt, immer wieder an das

Frühwerk "Gestern". So scheute er durchaus nicht davor zurück, realistisch

zu bekennen, daß die Treulosen im Leben u. U. die größten Glücksbringer

sind. Darum erscheinen so oft Verführer-Gestalten bei ihm in besonderem

Glanz, zum al jene, die der Welt Casanovas entstammen, der Abenteurer

und Florindo. Teils sind diese Verführer geniale Naturen, begnadet mit der

Gunst des Augenblicks, teils sind es Halbgötter und Götter, wie der Zentaur

in der "Idylle", die "Ägyptische Helena" oder Jupiter in "Leda und der

Schwan" und in "Danae". All diese Gestalten gehen letztlich auf Andrea in

"Gestern" als auf das frühste Urbild zurück.

Bereits erwähnt war, daß der Hang zum Vergessen bei Hofmannsthai ein

stehendes Merkmal seiner Treulosen ist, und daß auch dieser Zug schon bei

Andrea und Claudia anzutreffen war. Späterhin sind durch ihr Vergessen gekennzeichnet

so typische Treulose wie Chrysothemis, Zerbinetta, Mariquita,

der Abenteurer oder Florindo. Wieder aber zeigt sich Hofmannsthai auch

hier, wenn es darauf ankommt, realistisch und liberal. Er weiß: Vergessenkönnen

gehört mit zu den Vorbedingungen des Glücks. "Nachdenken ist der

Tod: im Nichtbedenken liegt das Glück!" heißt es in diesem Sinne einmal in

"Arabella"; "Vergessend leben wir!" ruft noch der heldische Odipus im

Überschwang jubelnden Triumphs 28 •

Andererseits sind die großen Treuen und Zuverlässigen bei Hofmannsthai

gekennzeichnet durch ihr unerbittliches Gedächtnis. So Alkestis 29 , Elektra,

Ariadne 30 oder auch der Kapitän in "Cristinas Heimreise" und Theodor

im "Unbestechlichen". Dieses Gedächtnis, das Nicht-Vergessenkönnen ist

auch die Voraussetzung für die Treue gegenüber einer Aufgabe, Sendung,

Verpflichtung. In "Gestern" begegneten wir bereits dem Phänomen, daß den

Andrea seine Gedächtnislosigkeit unfähig macht, die in der Jugend eingegangenen

Bundesverpflichtungen zu erfüllen. Später schuf Hofmannsthai

immer wieder Gestaltenpaare, die kontrapostartig beides zeigen: Vermögen

und Unvermögen, an einer Aufgabe festzuhalten, für sie Opfer zu bringen.

So Pierre und Jaffier, Elektra und Chrysothemis, Odipus und Kreon. Paradigmatisch

tritt dabei in der "Elektra" das Gedächtnis als ausschlaggebende

Charaktereigenschaft zutage. Während Chrysothemis, die Schwache, gekenn-

28 Vgl. Lustspiele IV (1956) S. 28; Dramen II (1954) S. 415.

29 In der "Alkestis" beweist auch Admet seine Treue durch Nicht-Vergessenwollen:

"Ich will nicht, daß sie mich vergessen lehren!" Dramen 1(1953) S.25.

30 "Ariadne ist die eine unter Millionen, sie ist die Frau, die nicht ver gißt. " Lustspiele

III (1956) S. 29.


320 Katharina Mommsen

zeichnet ist durch die Frage: "Kannst du nicht vergessen? ... Ich kann von

heut auf morgen nichts behalten", ist für Elektra marakteristisch die hierauf

erteilte Antwort: "Ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen!"31

Aus des Dichters Tagebuch von 1915 wird deutlich, wie in den erwähnten

Gestaltenpaaren nur weiterentwickelt wurde, was im Frühwerk schon angelegt

war: "Das Problem des Seins und Werdens. In ,Gestern', ,Tor und

Tod' das Sein als Beharrendes dem Wechsel entgegengestellt. Wendung des

Problems in der ,Elektra': Treue = Hingabe. - Antithese: Kreon-Oedipus -

wer ist fähig zur Hingabe32." Lehrreich für uns ist besonders, daß hier Treue

schlechtweg mit "Hingabe" gleichgesetzt wird.

In "Tor und Tod" begegneten wir endlich auch einer der wichtigsten Versionen

des Treue-Themas. Hier wurde die Beziehung zum Du, die Anteilnahme

am Menschen, das Binden und Gebundenwerden mit dem Begriff der

Treue in engsten Zusammenhang gebracht. Auch dafür gibt es viele Fortsetzungen

in späteren Werken - so im "Weißen Fächer"33, in "Der Kaiser und die

Hexe", in "Der Abenteurer und die Sängerin", der "Frau ohne Schatten", im

"Andreas"-Fragment und noch in manchen anderen Werken.

6.

Dieser Aspekt unseres Themas: Treue gesehen als erhöhte, intensivierte

Anteilnahme am Menschen, soll uns jetzt noch ausgiebiger beschäftigen. Es

ist nämlich bisher von der Forschung übersehen worden, daß eins der schönsten

Frühwerke Hofmannsthais von Treue dieser Art berichtet und sie

ganz ins Zentrum rückt. Es handelt sich um das Werk, das auch zeitlich sehr

bald auf "Der Tor und der Tod" folgt - das "Märchen der 672. Nacht" von

1895. Der Kaufmannssohn, von dem das Märchen erzählt, ist kein Erotiker

und kein Verführer. Er besitzt aber etwas, das den früheren Hofmannsthalschen

Helden - Andrea und Claudio - fehlte: liebende Teilnahme an Menschen,

und - hervorgehend aus dieser Anteilnahme - eine seltsam intensive,

ihm selbst zum Verhängnis werdende Treue. Allerdings - indem wir dies

aussprechen, befinden wir uns in beträchtlichem Gegensatz zu den bisherigen

Deutungen des Werks. Man hat den eigentlichen Gehalt des "Märchens"

gerade darin finden wollen, daß hier ein totales Fehlen jeglicher Beziehungen

zum Mitmenschen bestraft, vom Leben gerächt wird. So konnte auch - wenn

wir den Deutungen des Werks folgen, die neuestens von Alewyn und Hederer

gegeben wurden -, von Treue bei dem Kaufmannssohn nicht die Rede

sein. Diese Interpretation läßt jedoch wesentliche, von Hofmannsthai sogar

sehr stark unterstrichene Züge an der Charakteristik des Helden außer acht.

Es wird sich verlohnen, das wichtige Werk daraufhin etwas näher anzusehen.

31 Die Sperrung so bei Hofmannsthal. Dramen II (1954) S. 20f.

32 Aufzeichnungen (1959) S. 173.

33 V gl. unten Abschnitt 7.


Treue und Untreue in Hofmannsthals Frühwerk 321

"Ein junger Kaufmannssohn ", so beginnt das "Märchen", "der sehr schön

war und weder Vater noch Mutter hatte, wurde bald nach seinem fünfundzwanzigsten

Jahre der Geselligkeit und des gastlichen Lebens überdrüssig.«

Ihm ist an Freunden nichts gelegen, so lesen wir weiter, aber auch keine

einzige Frau vermag ihn durch ihre Schönheit so zu fesseln, daß er sie immer

um sich zu haben wünschte. So beginnt er ein Leben, wie es "anscheinend

seiner Gemütsart am meisten entsprach", ein Leben einsam und zurückgezogen.

Das Wort "anscheinend" ist hier schon wichtig. Denn im Laufe der

Erzählung wird sich herausstellen, daß auch die Einsamkeit der "Gemütsart"

des Kaufmannssohns nicht entspricht, weil diese, ihm noch unbewußt,

eine viel zu intensive Menschenliebe einschließt. Darauf deutet auch hier

schon der Text. Der nächste Satz lautet nämlich: "Er war aber keineswegs

menschenscheu, vielmehr ging er gerne in den Straßen oder öffentlichen

Gärten spazieren und betrachtete die Gesichter der Menschen."

Von großer Bedeutung werden ihm jetzt die kostbaren Kunstgegenstände

in seinem Haus, Geräte, Gefäße, Teppiche, Edelsteine, vor allem aber auch

die Verse der Dichter. Er lebt ganz in der Welt der Kunst - darin ist er ein

Verwandter des Claudio in "Tor und Tod". Von Claudio unterscheidet ihn

jedoch etwas sehr wichtiges. Er ist nkht wie dieser bar jeglicher Beziehung zu

den Menschen. Starke Bande eines durch Selbstlosigkeit und Treue gekennzeichneten

Gefühls verknüpfen ihn nämlich mit den vier Dienern, die er in

seinem Hause hat. Es ist dies Verhältnis des Kaufmannssohns zu seinen Dienern,

das seitens der Interpreten nicht in dem Maße bewertet wurde, wie es

m. E. der Text verlangt. Man läßt völlig außer acht, mit welcher Intensität

der Kaufmannssohn an seinen Dienern hängt, man stellt aber auch die Tatsache

zu wenig (oder gar nicht) in Rechnung, daß es die starke Verbundenheit

mit diesen Dienern ist, die den Helden in sein Verderben führt.

Betrachten wir das "Märchen" hieraufhin genauer. Ganz allgemein heißt

es da zunächst mit Bezug auf die vier Diener, daß deren "Anhänglichkeit

und ganzes Wesen ihm lieb war 34 ." Weiterhin wird mit großer Eindringlkhkeit

geschildert, wie das Interesse des Kaufmannssohns für ihre Persönlichkeiten

ganz und gar ungewöhnliche Dimensionen annimmt. Seine Teilnahme,

sein Mitgefühl mit ihnen übersteigt jedes vernünftige Maß, und das,

obgleich keiner von diesen vier Menschen Eigenschaften hat, die ein solches

Interesse wirklich verdienen. Da ist zunächst eine alte Frau, die als kühl

und still geschildert wird. "Aber er hatte sie gern", so heißt es, weil sie die

"Erinnerung" an die "eigene Mutter" wachrief (9). Solches Gedächtnis,

solches Vermögen des Erinnerns ist bei Hofmannsthai stets ein bevorzugtes

Charakteristikum der Treuen, Liebevollen. Schon das wäre zu beachten. Da

ist ferner ein fünfzehnjähriges Mädchen, hart, verschlossen, in ihrem Benehmen

gegenüber dem Kaufmannssohn geradezu feindlich. Dennoch kümmert

er sich teilnehmend um sie, wenn sie krank ist. Der dritte ist ein ältlicher

Diener mit düsterem Antlitz, aber gutem Benehmen. Der Kaufmanns-

34 Erzählungen (1953) S. 7.


322 Katharina Mommsen

sohn hat ihn in sein Haus genommen auf Grund einer besonderen spontanen

Sympathieaufwallung und in der Folge faßt er - wie es heißt - "eine immer

größere Zuneigung für ihn" (11). Schließlich gibt es noch ein achtzehnjähriges

Mädchen, das nur bei genauerem Zusehen für schön gelten kann. Aber

der Kaufmannssohn entdeckt ihre Schönheit und bereitwillig vergrößert

seine Phantasie ihre Reize um Züge, die im Grunde gar nicht vorhanden

sind.

Hofmannsthais Erzählkunst bemüht sich nun, mit aller Eindringlichkeit

zu schildern, wie diese vier Menschen, von denen keiner ein eigentliches Gewicht

hat, für den Kaufmannssohn von wirklich märchenhafter Wichtigkeit

werden. In seiner Phatasie ist er völlig mit ihnen verwachsen. "Er fühlte sie

leben" - so heißt es - , "stärker, eindringlicher, als er sich selbst leben fühlte"

(12). Aus ihren Bewegungen empfängt er "eine unaufhörliche, gleichsam

körperliche Mitempfindung ihres Lebens" (14). So durchdringen sie sein

ganzes Denken, beanspruchen auf eine verzehrende Weise sein Mitgefühl. Er

leidet mit, was gar nicht nötig wäre mitzuleiden, weil die Betreffenden selbst

nimt darüber klagen. Das Altwerden der Frau und des Dieners empfindet er

- nicht sie - mit einem "Alpdruck" der Trauer. Das Leben der beiden Mädchen

erscheint ihm - nicht ihnen - als "öde" und "gleichsam luftlos" . Wie ein

"furchtbarer Traum", so lesen wir ferner, "lag ihm die Schwere ihres Lebens,

von der sie selber nichts wußten, in den Gliedern" (12).

Ein innerer Zwa!1g treibt den Kaufmannssohn also, sich mit seinen Dienern

zu beschäftigen, bis zu gänzlicher Täuschung über die Wirklichkeit. Ein

ähnlicher innerer Zwang führt ihn aber auch zu der irrigen Annahme, jene

beschäftigten sich ebenso intensiv mit ihm, hätten auch ihrerseits tiefe Einblicke

in seine Nöte und Schwächen. So fühlt er in jedem Moment ihre Blicke

auf sich gerichtet, aum wenn sie gar nicht gegenwärtig sind. Er glaubt sich

von ihnen durchschaut, zur Rechenschaft gezogen - "sie sahen sein ganzes

Leben an", so heißt es, "sein tiefstes Wesen, seine geheimnisvolle menschliche

Unzulänglichkeit" (13). Daß alI dies weitgehend Illusion ist, wird ihm

bewußt, sobald er mit seinen Dienern wirklich zusammen ist, wenn sie ihm

vor Augen stehen. Dann nämlich ist er befreit von jenen Zwangsvorstellungen

(14). Nun ist aber eine solche Illusionsfähigkeit, von der hier die Rede

ist, daran müssen wir uns erinnern, doch typisches Merkmal für eine bestimmte

Menschenart: für die von Natur aus zur Liebe Geborenen. Ohne

solches Täuschungsvermögen, solchen Täuschungszwang gibt es keine Liebesfähigkeit

großen Ausmaßes. Ein wesentliches Mißverständnis der bisherigen

Interpreten besteht m. E. darin, daß das Wesen des Kaufmannssohns in

dieser Hinsicht nicht richtig gedeutet wurde.

Die ganze erste Hälfte des zweiteiligen "Märchens" ist der Schilderung

des Verhältnisses zwischen dem Kaufmannssohn und seinen Dienern gewidmet.

Und zwar zielt diese Schilderung darauf, daß hier an dem Helden

eher ein Zuviel als ein Zuwenig an menschlicher Teilnahme sichtbar wird.

Dasselbe erweist sich bei Betrachtung der zweiten Hälfte, wo die eigentliche

Handlung beginnt. Durch einen anonymen Brief wird der Kaufmannssohn


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 323

vor seinem alten Diener gewarnt; dieser habe früher einmal ein Verbrechen

begangen. Schon die heftige Reaktion des Kaufmannssohns ist bezeichnend.

Er gerät in größte Erregung bei dem bloßen Gedanken, er könne ~eines

dieser Wesen verlieren, mit denen er durch die Gewohnheit und andere

geheime Mächte völlig zusammengewachsen war" (16). ~Es war ihm" - so

heißt es weiter -, ~als wenn man seinen innersten Besitz beleidigt und bedroht

hätte und ihn zwingen wollte, aus sich selber zu fliehen und zu verleugnen,

was ihm lieb war 35 ."

An diesem Punkt setzt die Handlung des ~Märchens" ein. Der Kaufmannssohn

beschließt, das was er seinen ~innersten Besitz" nennt, zu verteidigen.

Er geht also in die Stadt, er will Erkundigungen über den Diener einziehen.

Dieser Weg führt ihn nun, Stufe um Stufe, hinab ins Verhängnis. Dabei

ist das Ausschlaggebende - jede Etappe dieses Weges wird nur darum beschritten,

weil der Kaufmannssohn einem seiner Diener etwas Gutes antun

möchte. Auch wenn er von diesen entfernt ist, das ist das charakteristisch

Seltsame, denkt er in dauernder Treue an sie und sucht diese Treue durch

Handlungen zu betätigen. Zunächst bemüht er sich in der Sache des alten

Dieners, trifft aber in dem Haus, wo er Erkundigungen einziehen wollte,

niemand an. Hierdurch ist er genötigt, sich für die Nacht eine Unterkunft

zu suchen. Umherirrend in den Labyrinthen einer orientalischen Stadt trifft

er auf einen Juwelierladen. Im Schaufenster sieht er einen Schmuck, der ihn

"irgendwie an die alte Frau" - seine Dienerin - "erinnerte" (18) . Wieder

tritt hier, wie auch im Folgenden, das Motiv des Erinnerns in bezeichnender

Weise auf. Nur weil er den unwiderstehlichen Wunsch verspürt, den Schmuck

zu erstehen, um der alten Dienerin damit eine Freude, ein Geschenk zu

machen, betritt er das Juweliergeschäft, das für ihn sonst ganz ohne Reiz

erscheint. Nachdem der Kauf getätigt ist, wird er durch ein anderes Schmuckstück

abermals an einen seiner Diener erinnert, und zwar an das achtzehnjährige

Mädchen. Nun möchte er auch für diese eine Halskette als Geschenk

erwerben. Der Juwelier veranlaßt ihn daraufhin, ein Hinterzimmer

zu betreten, wo solche Ketten zu besichtigen seien. Auch dieser Kauf kommt

zustande. Für sich selber etwas zu erstehen, lehnt er dagegen ab, - ein gleichfalls

bezeichnendes Verhalten: es geht ihm nur darum, seine Diener zu beschenken.

Jenes Hinterzimmer, in dem der Kaufmannssohn sich jetzt befindet, hat

aber ein Fenster. Ein Blick durch dieses Fenster zeigt ihm einen Garten mit

Gewächshäusern. Er möchte nun diesen Garten betrachten und erhält auch

die Erlaubnis. Da sieht er in dem einen Gewächshaus ein Kind, das ihm

wiederum Erinnerungen weckt, diesmal an die fünfzehnjährige Dienerin zuhaus.

Hierdurch wird er veranlaßt, in das Gewächshaus einzutreten. Von

jetzt ab nimmt das Geschehen einen traumhaft beängstigenden Verlauf. Nur

mühsam gelingt es dem Kaufmannssohn, aus dem Gewächshaus wieder heraus-

35 Erzählungen (1953) S. 16. Auf die letzten Worte wird am Schluß des "Märchens"

nochmals angespielt. V gl. unten Anm. 36.


324 Katharina Mommsen

zukommen. Das Kind hat mit tückischer Absicht die Tür verschlossen, obwohl

der Kaufmannssohn auch ihm sofort ein Geschenk machte. Es geht nun durch

gefahrvolle Gänge, Brücken, labyrinthartige Straßen. Die Flucht erschöpft

seine Kräfte und Nerven. Er begegnet endlich einer Gruppe von häßlichen

Soldaten. Einer aus dieser Gruppe erweckt durch sein todestrauriges Gesicht

ein überwältigendes Mitleid. Er möchte den Soldaten durch ein Geldgeschenk

aufheitern. Bei der Annäherung wird er veranlaßt sich zu bücken. Dabei aber

schlägt ihn das Pferd des Soldaten mit dem Huf - so verhängnisvoll, daß der

Kaufmannssohn bald darauf stirbt. Angesichts des Todes, so heißt es, starrt

er "mit großer Bitterkeit in sein Leben zurück" (28).

Dies ist in kurzen Zügen die Handlung des "Märchens". Sie ist von einer

bei HofmannsthaI selten anzutreffenden unerbittli.chen Tragik. Fragen wir

uns, worin das Wesen dieser Tragik besteht, so wird die Antwort lauten

müssen: der Held dieser Geschichte wird zerstört durch seine allerbesten

Regungen - seine Teilnahme an Menschen. Diese Teilnahme steigert sich zu

so tiefgehender Verbundenheit, daß sie einer völligen Identifikation mit den

anderen gleichkommt. Es ist eine ausgesprochen altruistische Liebe, die kein

Begehren kennt. Auch das achtzehnjährige Mädchen weckt in dem Kaufmannssohn

kein Verlangen. Das Altruistische drückt sich in einer Vielzahl

von Handlungen der Treue aus, - in dem steten Gedenken an seine Diener,

in dem Wunsch ihnen zu helfen, sie zu beschenken. Gerade diese Handlungen

aber führen zum Untergang des Helden.

Auf dies letztere, darauf nämlich, daß die treue Verbundenheit des Kaufmannssohns

mit seinen Dienern, seine Geschenkkäufe usw., den tragischen

Ablauf etappenweise herbeiführen, hat HofmannsthaI selbst am Ende des

"Märchens" in überdeutlicher Weise hingewiesen. Hier wird nämlich von

dem sterbenden Kaufmannssohn gesagt: "Er ... verfluchte seine Diener, die

ihn in den Tod getrieben hatten; der eine in die Stadt, die Alte in den

Juwelierladen, das Mädchen in das Hinterzimmer und das Kind durch sein

tückisches Ebenbild in das Glashaus, von wo er sich dann über grauenhafte

Stiegen und Brücken bis unter den Huf des Pferdes taumeln sah" (28). Der

Kerngehalt der Handlung ist in diesen Worten ausgedrückt. Die Anhänglichkeit

an seine Diener führte den Kaufmannssohn in seinen Tod. Nicht zufällig

hatte HofmannsthaI dem "Märchen" ursprünglich noch den Untertitel

gegeben: "Geschichte des Kaufmannssohnes und seiner vier Diener"

(376). Erst angesichts des Todes erlischt die Anhänglichkeit des Kaufmannssohns.

Jetzt verflucht er seine Diener, jetzt - so heißt es wörtlich - "verleugnete

er alles, was ihm lieb gewesen war"36. Nur die Verzweiflung, die Em-

36 Erzählungen (1953) S.28. Die Worte spielen an auf einen Satz, der früher (zu

Beginn des 2. Teils) das Erschrecken des Kaufmannssohns über den Drohbrief gegen

den alten Diener zum Ausdruck brachte (vgl. oben Anm. 35). Durch die Wiederholung

wird angedeutet: wenn der Kaufmannssohn sich schließlich doch von

seinen Dienern innerlich entfernt, so war es nur das äußere schlimme Geschehen,

das ihn hierzu trieb, nicht Haltlosigkeit und Schwäche. Seinem eigentlichen Wesen

nach neigt er zu Liebe, Treue, Teilnahme. Das aber wird zunichte gemacht durch

die" Unentrinnbarkeit des Lebens" (vgl. unten).


Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk 325

pörung gegen das Schicksal führt diese Verleugnung herbei. Doch ähnelt der

Ausgang des Hofmannsthalschen "Märchens" damit dem Ende so mancher

griechischen Tragödie, wo die Helden sich gegen ihr Schicksal auflehnen und

dann auch die liebsten Götter und Freunde anklagen.

Dieser ganze entscheidende Zusammenhang, diese echt tragische Verknüpfung

von Tugend und Schicksal in HofmannsthaIs "Märchen", ist von den

bisherigen Interpreten vollständig unbeachtet geblieben. Nach ihnen wäre

in dieser Dichtung lediglich dargestellt das zwangsläufige Ende eines selbstischen

Ästheten. Wenn wir Hederer folgen, so wäre der Kaufmannssohn

"im Kreise der Selbstliebe des Ästheten herumgetrieben", "bindungslos, vom

Schicksal verwöhnt, schicksallos, nichts haltend, von nichts gehalten "37. Unberücksichtigt

bleiben alle Stellen, in denen die intensive Verbundenheit

des Kaufmannssohns mit den ihn umgebenden Menschen zum Ausdruck

kommt. Verschwiegen wird, daß die auf dieser Verbundenheit basierenden

Treue-Handlungen den Tod des Helden herbeiführen. Hofmannsthais überdeutlicher

Hinweis auf diese Zusammenhänge - er bleibt unerwähnt.

übergangen wird aber auch, daß eine sehr aufschlußreiche Bemerkung

Hofmannsthais aus viel späterer Zeit nochmals auf die enge Verbundenheit

des Kaufmannssohns mit seinen Dienern hinweist als auf den eigentlichen

Kerngehalt des "Märchens". In den Skizzen zum "Andreas"-Roman wird

eine charakteristische Eigenschaft des Andreas gerade darin gesehn, daß er

"von den anderen Menschen so beeinflußbar" sei, daß "der anderen Leben"

in ihm besonders "rein und stark vorhanden" sei. Darin gleiche er - dem

Kaufmannssohn im "Märchen der 672. Nacht". So gelte für Andreas wie den

Kaufmannssohn das gleiche: sie seien geradezu "der geometrische Ort fremder

Geschicke"38 Hier findet sich die gültige Bestätigung: nicht seine freiwillige

Isoliertheit ist das Wesentliche an der Gestalt des Kaufmannssohns,

sondern seine unfreiwillige, ganz besonders starke Verbundenheit mit Menschen

und ihren Geschicken. Aus seiner Isoliertheit wird nur deutlich: er kann

den Folgen dieser seiner speziellsten Veranlagung nicht entfliehen, auch wenn er

sich von dem üblichen geselligen Leben zurückzieht. Seine Menschenliebe

wird ihm gerade dann zum Verhängnis. Hierin besteht auch der Sinn des

viel diskutierten Satzes von der "Unentrinnbarkeit des Lebens", vor der es

dem Kaufmannssohn graut 39 . Er bedeutet eigentlich: der Kaufmannssohn

kann seinem Schicksal nicht entfliehen. In dem Satz liegt ein Orientalisieren

Hofmannsthais beschlossen. Gerade in 1001 Nacht wird die Unentrinnbarkeit

des Lebens, des Schicksals, - eine der Hauptlehren des Islam - in berühmten

Geschichten zur Darstellung gebracht. An den Typus dieser Geschichten lehnt

Hofmannsthais Märchen sich an.

übereinstimmendes mit HofmannsthaIs "Märchen" bietet in 1001 Nacht besonders

die Geschichte des dritten Bettelmönchs 40 • Hier wird erzählt: Sterndeuter haben einem

37 Edgar Hederer, Hugo von HofmannsthaI. Frankfurt a. M. 1960. S. 162f.

38 Erzählungen (1953) S. 243. 39 Erzählungen (1953) S. 13.

40 Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten. Insel-Ausgabe. Bd. I. Wiesbaden

1953. S. 162ff.


326 Katharina Mommsen

Juwelenhändler prophezeit, sein Sohn werde im Alter von fünfzehn Jahren den Tod

finden durch die Hand eines Fürsten namens Adschib. Um das Verhängnis abzuwenden,

versteckt der Juwelier seinen Sohn, als dieser fünfzehn Jahre alt geworden

ist, vor allen Menschen. In einem abgelegenen unterirdischen Gemach verbringt der

Juwelierssohn nun sein Leben ganz allein. (Motiv der Zurückgezogenheit wie bei

HofmannsthaIs Kaufmannssohn.) Aber auch hier ist das Schicksal unentrinnbar. Eines

Tages findet der Königssohn Adschib durch Zufall den Juwelierssohn in seinem

Versteck. Nachdem er dessen Geschichte erfahren hat, bleibt er bei ihm - und zwar

als sei n Die n er! Im stillen gelobt sich Adschib, dem Jüngling nichts zu tun. Dennoch

verursacht er, ohne es zu wollen, seinen Tod. Als er dem Juwelierssohn gerade

einen Dienst erweisen will, stolpert er und durchbohrt jenen unversehens mit einem

Messer, das er gerade zur Hand hat. (Der Unfall ähnelt dem des Kaufmannssohns,

der von dem Pferd tödlich geschlagen wird, als er sich unter dieses bückt.)

Wie dem Kaufmannssohn bei HofmannsthaI nützt es also auch hier dem J uwelierssohn

nichts, daß er von den Menschen entfernt lebt. Was ihm bestimmt ist, geschieht.

Und es ist sein Diener, der als einziger Gesellschafter bei ihm bleibt, durch den sein

Schicksal sich erfüllt. "Das Schicksal führte mich zu dir", sagt Adschib, als er den

Jüngling in seinem Versteck findet. Er bietet dann seine Dienste an mit den Worten:

"Ich will bei dir bleiben und dir ein Diener sein." Auffälligerweise wird bei HofmannsthaI

auch gerade bezüglich des alten Dieners - der hauptsächlich des Kaufmannssohns

Unglück verursacht - ausführlich berichtet, wie dieser durch seltsame

Fügungen ins Haus kommt. Auch er bietet eines Tages dem Kaufmannssohn geradezu

seine Dienste an.

Eine Parallele mag man ferner noch darin sehen: wie der Juwelierssohn in 1001

Nacht auf Grund des Sterndeuterspruches bereits mit fünfzehn Jahren genötigt ist,

an seinen Tod zu denken, so beschäftigt sich auch HofmannsthaIs Kaufmannssohn -

trotz seiner Jugend - dauernd in Gedanken mit seinem Tode (8f.). Er liebt es z. B.,

sich Sprichwörter herzusagen wie: "Wo du sterben sollst, dahin tragen dich deine

Füße" oder " Wenn das H aus fertig ist, kommt der Tod".

Der Dichter schätzte es übrigens als einen besonderen Vorzug an den

1001-Nacht-Erzählungen, daß in ihnen das Thema der Liebestreue so häufig

und auf so schöne Weise behandelt ward 41 • Hiermit stimmt es völlig zusammen,

daß er selbst, wo er mit 1001 Nacht in Wettstreit trat, gleichfalls

Liebestreue, wenn auch in einer besonderen Form, zur Darstellung brachte.

Welche Inkonsequenz darin bestände, hätte er ausgerechnet hier Lieblosigkeit

zum Hauptthema gemacht, wie man es ihm unterstellen wollte, liegt auf

der Hand.

Die Behandlung des Treue-Themas in dem "Märchen der 672. Nacht" ist

darum von größter Bedeutsamkeit, weil Hofmannsthai darin nochmals sein

Verhältnis zu den Menschen dichterisch versinnbildlicht. Wenn "Gestern"

von einer gewissen Treulosigkeit seines Wesens Kunde gab, so bildet das

"Märchen" hierzu die eigentlich wichtigste Ergänzung, wichtiger noch als

"Tor und Tod". Es lag auch in des Dichters Natur eine grundsätzliche und

offenbar gefährliche Neigung zu übergroßer Teilnahme an Menschen. Er

konnte sich an andere verschwenden in einem Maße, daß es ihn zu zerstören

drohte. Allzu viele vermochten ihn zu fesseln, seine Freigebigkeit zu wecken,

und oft solche, die es nicht wert waren. über diese Seite seines Wesens, von

der auch viele Freunde zu berichten wußten, äußert Hofmannsthai selbst

41 Prosa II (1959) S. 275.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 327

sich einmal in einer Tagebuchaufzeichnung von 1906. Hier spricht er über

sein Verhältnis zu den Menschen und sagt 42 : "Das Gefährliche und Verwirrende

meiner Jugend war, daß zu viele solche Verhältnisse da waren,

zu subtile, und ihre Objekte zum Teil Menschen, die irrationale Brüche

waren. Meine Phantasie und mein Gemüt waren in Gefahr, sich an den

fremden Existenzen, mit denen sie sich beladen hatten, zu überheben, wie

Fohlen, wenn sie zu früh vor den Pflug gespannt werden."

Es ist genau die Bedrohung, von der Hofmannsthai hier spricht, die das

Märchen vom Kaufmannssohn und den vier Dienern in Bild und Fabel

bringt. Wie dem Kaufmannssohn drohte auch Hofmannsthai ständig die

Gefahr, zum "geometrischen Ort fremder Geschicke" zu werden und an übergroßer

Treue zugrunde zu gehen4s.

Nachdem wir hierüber Klarheit gewonnen haben, werden wir auch endlich

besser verstehen, was es mit jener Treulosigkeit auf sidt hat, die das Gewissen

des Dichters so sehr beschäftigte. Zum guten und wohl überwiegenden

Teil bedeutete diese Treulosigkeit auch ganz einfach: eine Schutzmaßnahme,

eine Zuflucht. Hofmannsthai mußte sidt oft den Menschen entziehen, weil

ihre Existenzen, ihr Geschick ihm zu nahe gingen, ihn belasteten44. Seine

eigene Gewissenhaftigkeit nannte dieses Sichentziehen - Treulosigkeit. Hierin

liegt die Großartigkeit seiner dichterischen Selbstanklage. Er empfand andererseits

jenes Zuviel an Liebe und Teilnahme, das ihn gefährdete, als eine

übermäßige Schwere seines Wesens. Auch dies suchte er zu bekämpfen, zu

balanzieren. In seiner Dichtung spiegelt sich das wieder in der Vorliebe für

die Leichten, die Treulosen, die Casanova-Naturen. »Was ihn an Casanova

interessiere", sagte Hofmannsthai einmal, sei "ein Mensch, der leidtt

weiter geht - wie über einen Sumpf - wo jeder andere einsinkt"45. Man

weiß wie Hofmannsthais Komödiendichtung diese Art Leichtigkeit verherr-

42 Aufzeichnungen (1959) S. 152.

43 Die Tagebuchaufzeichnung von 1906 ermöglicht es auch, eine sonst schwer verständliche

Charakteristik des "Märchens" in "Ad me ipsum" zu erklären. Hier heißt es

in der verklausulierten Sprache, die den autobiographischen Skizzen so oft eignet:

"Eros/Welt! die Welt als Dunkles Drohendes Verschlungenes empfunden. Märchen

vom Kaufmannssohn ... Das Leben als Verwirrendes (Märchen) ." Aufzeichnungen

(1959) S.220. "Verwirrend" und "drohend" am Leben sind für den Kaufmanns

sohn genau wie für den jungen Hofmannsthai, ausweislich der Tagebuchaufzeichnung,

welche die gleichen Worte gebraucht -: die Menschen, die "fremden

Existenzen". Denn die Gefahr "droht", sich an ihnen zu "überheben". Durch sein

Ausweichen vor Freunden und Frauen ("Eros") sucht der Kaufmannssohn diese

Gefahr zu bannen. Es mißlingt, weil das Leben "unentrinnbar" ist. Nunmehr

droht ihm die nämliche Gefahr in anderer Form von seiten seiner Diener. Die

seelischen Bande, die ihn mit diesen verknüpfen, lassen ihn wiederum die" Welt

als Verschlungenes empfinden".

44 Auf dieses Sich-Entziehen deutet folgender Passus in "Ad me ipsum": "Das: Verbirg

dein Leben. Autobiographisches überall: ,Kaiser und Hexe', Märchen [I],

,Schwierige', ,Turm'." Aufzeichnung (1959) S. 242. Die Berufung auf Epikurs

Maxime (Aa~E ßtwt1a~) verrät, daß Hofmannsthai die Zurückgezogenheit - im

Leben oder im Werk - keineswegs unter negativem Aspekt sah.

45 Fiechtner a. a. O. S. 193.


328 Katharina Mommsen

licht. Aber man sollte sich auch daran erinnern, daß all dies Preisen des

Leichten begleitet wird von der Scheu vor einer gefährlich schwerblütigen

Menschenliebe, wie sie der Kaufmannssohn des "Märchens" charakteristisch

zeigt. Er, der Kaufmannssohn, ist ja der Prototyp eines Liebenden, der aus

Mangel an Leichtigkeit im "Sumpf einsinkt". Noch die berühmten Worte der

Marschallin im "Rosenkavalier" über die Notwendigkeit, leicht zu sein, werden

erst in rechter Weise verständlich, denkt man als Hintergrund dazu das

Schicksal des Kaufmannssohns im "Märchen der 672. Nacht":

Leicht muß man sein:

mit leichtem Herz und leichten Händen,

halten und nehmen, halten und lassen ...

Die nicht so sind, die straft das Leben und

Gott erbarmt sich ihrer nicht 46 •

Isoliert gesehen könnten diese Worte möglicherweise so verstanden werden,

als stünden sie den provokativen Formulierungen von "Gestern" nahe.

Eine derartige Auffassung verbietet sich jedoch angesichts des "Märchens".

Hier schilderte Hofmannsthai, wie und warum das Leben denjenigen straft,

dem es an Leichtigkeit gebricht. So überliefern die Worte der Marschallin -

mehr als man bisher wahrgenommen hat - ein Hauptresultat Hofmannsthalscher

Lebenserfahrung.

7.

Unsere Betrachtungen ermöglichen es uns endlich, noch gewisse innere Zusammenhänge

zwischen dem "Märchen" und zwei weiteren Frühwerken

Hofmannsthais zu erkennen. Hinzuweisen ist hier zunächst auf einige Stellen

des Zwischenspiels "Der weiße Fächer" von 1897. Im Ganzen behandelt dieses

Stück - nach einer Äußerung Hofmannsthais in "Ad me ipsum" - das

Motiv der Treue "ironisch"47. Nachdem wir uns aber klarmachen konnten,

daß in dem Verhältnis des Kaufmannssohns zu seinen vier Dienern als Entscheidendes

dargestellt war: erhöhte Anteilnahme an Menschen, werden wir

schon in dem Expositionsgespräch des "Weißen Fächers" einige Verse geradezu

lesen müssen wie eine Rückdeutung auf das nur wenige Jahre zurückliegende

"Märchen". Hier wird Fortunio von seinem Freunde Livio zur

Rede gestellt: nach dem Tode seiner Frau "verwühle er sein Selbst" in den

Schmerz um die Verstorbene. Er finde sich nicht ins Leben zurück. Die Vorwürfe

des Freundes gipfeln in dem bezeichnenden Satz 48 :

46 Lustspiele I (1959) S. 30Sf.

Doch du verachtest nun die Anteilnahme

Am Menschlichen, und dies ist doch der Anfang

Und Weg zu allem Tun ...

47 Vgl. "Ad me ipsum" (Aufzeichnungen S.221): "Die Auseinandersetzung mit Daimon-Tyche

und Ananke ... schon in ,Gestern' ... im ,Abenteurer' ... in der

,Elektra' zum Äußersten entwickelt als Motiv der Treue (Treue bis über den Tod

hinaus im ,Weißen Fäch.er' aber ironisch behandelt)." Siehe auch oben Anm. 25.

48 Gedichte und lyrische Dramen (1952) S. 223.



Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk

329

Worauf Fortunio entgegnet:

So tu ich nicht!

Veracht ich meine Diener? Bin ich nicht ...

Ein guter Herr? Frag meine weißen Diener,

Die Farbigen auf meinen Gütern frag ...

Die Übereinstimmung mit dem "Märchen" ist auffällig. Wieder handelt

es sich um einen in freiwilliger Zurückgezogenheit Lebenden, und wieder

rechtfertigt der Dichter ihn durch das Motiv der Liebe zu den Dienern. Hierdurch

wird dem Fortunio ganz ähnlich wie dem Kaufmannssohn bestätigt,

daß ihm auch in der Isolation die "Anteilnahme am Menschlichen" verblieben

sei.

Miranda, die weibliche Hauptgestalt im "Weißen Fächer", ist in der gleichen

Situation wie Fortunio. "Übermäßige Traurigkeit" erfüllt sie (245)

wegen ihres verstorbenen Gatten. Darum lebt sie in "übermäßiger Einsamkeit"

(233). Aber auch sie nimmt noch freundschaftlich teil an ihren - weißen

und farbigen - Dienerinnen. So tröstet sie die eine, als sie über die Untreue

ihres Liebsten weint. Da also die beiden Einsamen, Fortunio und Miranda, im

Grunde liebende Naturen sind - dies ist die innere Begründung des Stücks -

können sie im Nu zueinander finden, sich verlieben auf dem Friedhof am

Grabe ihrer Gatten, denen sie damit untreu werden. Aber: "Was hat Jugend

mit Treue zu tun?" (250) - dies Problem, dem die unglückliche Dienerin

gegenübersteht, ist zugleich das der beiden Hauptfiguren. Wie bei ihnen

das Problem aufgelöst wird, darin liegt die "ironische" Wendung des Treue­

Motivs im "Weißen Fächer".

Ein weiteres Detail verdient unsere Aufmerksamkeit. Fortunio macht Miranda

die gleichen Vorwürfe wegen übermäßiger Trauer, die er von seinem

Freund Livio zu Anfang des Stücks zu hören bekam. Dabei bedient er sich

geradezu einer Wendung Livios, die wir oben anführten, und hier heißt es

nun:

"Aber es gibt hochmütige, eigensinnige Seelen, die ... in ihr Erlebtes sich verbeißen

und verwühlen wie die Hunde in die Eingeweide des Hirsches. Und an diesen rächt

sich das Dasein, so wie es sich immer rächt: Zahn um Zahn, Auge um Auge" (244) .

Unmittelbar erinnert das an die ganz ähnlichen Worte der Marschallin

im "Rosenkavalier" , die wir betrachteten, damit aber zugleich auch an den

Kaufmannssohn des "Märchens ". Wo es an Leichtigkeit fehlt, droht die

Rache des Lebens - diese Lehre spricht Hofmannsthai also wiederholt und

in den verschiedensten Formen aus 49 •

Von Bedeutung ist endlich noch ein innerer Zusammenhang zwischen dem

"Märchen" und dem "Kleinen Welttheater". Führen wir uns nochmals vor

Augen, welches die Haupteigenschaften waren, die an der Gestalt des Kaufmannssohns

hervortraten: 1. die freiwillige Isolierung, der Trieb, sich den

Banden eigentlicher Freundschaft und Frauenliebe zu entziehen; 2. seine eingeborene

Menschenliebe und Treue, die sich sinnbildlich manifestiert in

49 "Das Festhalten-Wollen ist unerlaubt ... das Sich-Festkrampeln an das, was sich

nicht halten läßt", sagt Kari Bühl im "Schwierigen". Lustspiele II (1954) S. 243.

22 GRM 44/3


330 Katharina Mommsen

jenem Bedürfnis, Menschen durch Geschenke zu erfreuen, seine Diener, dann

aber auch die auf seinen Wegen ihm Begegnenden: das Kind, den häßlichen

Soldaten ... Wir haben hier noch der Tatsache zu gedenken, daß diese beiden

Eigenschaften des Kaufmannssohns in ihrer ungewöhnlichen Verkoppelung

nochmals an einer Gestalt des Hofmannsthalschen Frühwerks zutagetreten,

nur viel deutlicher und leichter faßlich: nämlich an dem Wahnsinnigen des

"Kleinen Welttheaters" , das nur zwei Jahre nach dem "Märchen" geschrieben

wurde (1897). Die Verwandtschaft der beiden Gestalten ist frappierend.

Auch der Wahnsinnige liebt einerseits die Distanzierung von den Menschen,

die freiwillige Isolation, andererseits treibt ihn ebenfalls eine im Grunde

liebevolle Natur dazu, die Menschen zu beschenken in ganz ähnlicher Weise,

wie wir das bei dem Kaufmannssohn sahen.

Es wird sich verlohnen, wenigstens einiger Partien des "Kleinen Welttheaters"

zu gedenken, die auf diese beiden entgegengesetzten Eigenschaften

des Wahnsinnigen hinweisen. Auf die Charakterisierung des Ausweichens,

des Fliehens vor menschlichen Bindungen sind so viele Verse bezüglich, daß

wir nur die wichtigsten zitieren können:

... Wie er mit den Füßen viele Länder,

Mit dem Sinn die Freundschaft vieler Menschen

Und unendliches Gespräch hindurchfliegt

Und der vielen Frauen Liebesnetze

Lächelnd kaum berührt und weiterrauscht.

Auf dem Wege blieben wie die Schalen,

Leere Schalen von genoßnen Früchten,

Herrliche Gesichter schöner Frauen,

Lockig, mit Geheimnissen beladen,

Purpurmäntel, die um seine Schultern

Kühnerworbne Freunde ihm geschlagen.

Alles dieses ließ er hinter sich!

... Sie umklammern seine Handgelenke,

Wenn er gehen will, und wie die Rehe

Schauen sie voll Angst, warum er forteilt.

Doch er lächelt ...

Und er treibt sein Pferd schon vorwärts wieder ...

Und er bleibt uns nicht an einem Orte ...

Der Wahnsinnige entzieht sich also den Bindungen durch Freundschaft

und Liebe gen au so wie das bei dem Kaufmannssohn zu Beginn des "Märchens"

berichtet wird. Er ist im übrigen aber dem Kaufmannssohn auch darin

ähnlich, daß er gleichfalls ein Leben in äußerster Zurückgezogenheit wählt.

Er "nistet sich ein", so heißt es, in dem "einsamsten von den Kastellen",

läßt "das ganze Leben draußen" und beschäftigt sich mit "zaubermächtigen

Geräten" und "geheimnisvollen Büchern".

Demgegenüber steht die andere Eigenschaft des Wahnsinnigen: das verschwenderische

Austeilen von Geschenken, das auf seine eigentlich liebende,

ja wie es ausdrücklich heißt, "liebesblinde" Natur hinweist 50 . Auch davon

berichten viele Verse, von denen wir nur herausgreifen:

50 Gedichte und lyrisme Dramen (1952) S. 310.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk

331

Von den Händen flossen ihm die Schätze ...

Und so wirft er denn aus seinem Fenster

Seines Vaters Gold mit beiden Händen:

Wenn das Gold nicht reicht, die goldnen Schüsseln,

Edle Steine, Waffen, Prunkgewebe,

Was ihr wollt!

Offensichtlich erinnert dies verschwenderische Schenken wiederum an den

entsprechenden Zug bei dem Kaufmannssohn. Noch in den Geschenkobjekten

drückt sich die Verwandtschaft der beiden Gestalten aus. Teils Geld, teils

Schmuck wird dahingegeben, und es ist der Besitz des Vaters, der jeweilig

verschenkt wird.

Die Frage stellt sich von selbst: was mag Hofmannsthai bewogen haben,

sich derart zu wiederholen, so bald nach dem Kaufmannssohn eine Gestalt

zu schaffen, die nochmals die gleiche, sehr besondere Doppeleigenschaft des

Charakters aufweist? Äußere und innere Gründe mögen bestimmend gewesen

sein. Das "Märchen der 672. Nacht" war nicht leicht verständlich. Will

man das eigentliille Wesen des Kaufmannssohns erkennen, so muß man der

Fabel mit Aufmerksamkeit folgen und Hofmannsthais Text sorgfältig lesen.

Für ein derartiges Lesen mag aber eine Zeit wenig bereit gewesen sein, die

gewohnt war, künstlerische Eindrücke mit der Deutlichkeit des Operntheaters

oder der naturalistischen Dichtung vermittelt zu bekommen. Eigene Erfahrungen

dürften Hofmannsthai in dieser Hinsicht an der Verständlichkeit

der Kaufmannssohn-Gestalt haben zweifeln lassen. Wir wissen, wie er es

schon bei seinem Vater erlebte, daß diesem das "Märchen" nicht eingehen

wollte. "Lies es doch als eine ,G'schicht'" - so lautete der Rat, den der Dichter

daraufhin erteilte 5 !. Das war ein Wink, daß das Geheimnis des Werks

aus dem Fabulieren, dem Ablauf der Handlung erschlossen werden sollte.

Aber gerade dies bereitete Schwierigkeiten, die Hofmannsthai schließlich

erkannt haben mag. Schon aus solchen Gründen wird - so ist zu vermuten -

der Wunsch rege geworden sein, sich über das Gleiche nochmals verständlicher

auszudrücken. Was im "Märchen" durch das Gewand der Fabel vielleicht

allzu verklausuliert dargestellt ward, davon künden nun die prachtvollen

Verse des "Kleinen Welttheaters" mit unmittelbarer, nicht mehr mißverständlicher

Direktheit.

Dem mehr äußeren gesellte sich ein innerer Grund - gewiß sprach sich in

dem, was Hofmannsthai nun in Selbstwiederholung darstellte, ein besonderes

persönliches Anliegen aus. Wir versuchten zu zeigen, wie der Doppelcharakter

des Kaufmannssohns auf bestimmte Eigenarten und Nöte des Dichters

selbst hinwies. Das hierüber Gesagte würde ebenso für die Gestalt des

Wahnsinnigen gelten dürfen. Aber von dieser Gestalt sagte Hofmannsthai

selbst, daß sie biographische Hintergründe habe! Die betreffende Äußerung

ist in unserem Zusammenhang von Interesse, weil sie auch für das Verständnis

des Kaufmannssohns im "Märchen" weitere Ausblicke eröffnet. In den

51 Hofmannsthai an seinen Vater, 1.3. August 1895. Briefe I, S. 168.

22*


332 Katharina Mommsen

Aufzeichnungen von "Ad me ipsum" findet sich der folgende Satz 52 : "Das

Biographische des ceuvre: der Verschwender-Typus - der Wahnsinnige - der

Abenteurer - der Schwierige -." Vollkommen deutlich wird hier, welche

Wichtigkeit für HofmannsthaI jener Zug des verschwenderischen Austeilens

von Geschenken bei dem Wahnsinnigen des "Kleinen Welttheaters" hat. Er

ist so belangvoll, daß ihm zu folge der Wahnsinnige einen entsprechenden

"Typus" vertritt, dem nun auch andere Gestalten des HofmannsthaIsehen

Werks beigeordnet werden. Zieht man in Betracht, daß gerade dieser Zug

des Wahnsinnigen bereits früher vorgeformt war in dem Kaufmannssohn

des "Märchens", so wird es nochmals offenbar, wieviel "Biographisches" auch

die letztgenannte Gestalt schon in sich schließt.

Andererseits läßt sich über die "Ad me ipsum" -Äußerung kommentierend

sagen, daß mit dem "Verschwender-Typus", wie er besonders durch das

Geschenkausteilen gekennzeichnet wird, auf eine ebenso bedeutende wie

schöne Seite des Hofmannsthalschen Wesens gedeutet ist: auf die Neigung

zu schenkender Liebe, zu überschwenglicher Teilnahme an Menschen.

So ist denn eigentlich der Kaufmannssohn, nicht der Wahnsinnige der

früheste Vertreter des "Verschwender-Typus". Er fehlt in der angeführten

Aufzeichnung, er hätte an erster Stelle genannt werden können. Wie oft,

wenn in "Ad me ipsum" Werke nach einem bestimmten Gesichtspunkt aufgezählt

werden, ist auch hier auf genaue Vollständigkeit nicht geachtet. Es

fehlt beispielsweise auch der Name Florindos, des Helden aus "Cristinas

Heimreise", der sicherlich in diese Reihe gehörte und nach dem Abenteurer

anzuführen gewesen wäre. Beide Gestalten, der Abenteurer wie Florindo,

sind als "Verschwender-Typus" vor allem wiede~ durch die Vorliebe, Geschenke

zu verteilen gekennzeichnet. Bei dem Abenteurer, der zeitlich dem

Kaufmannssohn und dem Wahnsinnigen näher steht, sind die Geschenkobjekte

bezeichnenderweise die gleichen wie bei dem letztgenannten: Geld und

Schmuck 53 . Florindo ist freigebig mit Geld 54 •

HofmannsthaI plante - daran sei hier noch erinnert - im Jahre 1908 ein

Bühnenstück "Der Verschwender". So anziehend war ihm also das Motiv.

In einer Tagebuchaufzeichnung heißt es mit Bezug auf den Helden des

projektierten Stücks 55 : "Im I. Aufzug eine Art Gastmahl des Timon von

Athen. Man erkennt, daß er zuviel von seiner Kraft hergibt." Wie auch hier

wieder das Verschwender-Thema "Biographisches" darstellen sollte, wird

deutlich, besonders wenn wir an die Verschwender-Züge bei dem Kaufmannssohn

des "Mär.chens" denken. Auch dieser gab "zuviel von seiner Kraft".

52 Aufzeichnungen (1959) S. 237.

53 Der Abenteurer gibt Schmudt oder ähnliches: der Redegonda (Dramen I, S. 195),

dem Venier (204), dem Cesarino (268); er gibt Geld: dem Salaino (I77), der Mutter

Marfisas (181), dem "älteren Mann" (189), dem Cesarino (259).

54 Florindo teilt Geld aus an Pedro (Lustspiele I, S. 99), den Barkenführer (125; vgl.

132: "freigebig und großmütig"), an Romeo (150, 426), die Musiker (172), den

Hausknecht (189). Entscheidende Bedeutung hat seine spontane Freigebigkeit in

"Florindo und die Unbekannte" - er nimmt durch sie die Frau für sich ein (50ff.).

55 Aufzeichnungen (1959) S. 159.


Treue und Untreue in Hofmannsthais Frühwerk 333

Hiermit stimmt ebenfalls der Hinweis auf Shakespeares "Timon von Athen"

zusammen. Timon verschwendet aus übergroßer Menschenliebe "zuviel", und

zwar sind es Geld und Juwelen, die man ihn im übermaß austeilen sieht.

Hier werden wir daran erinnert, daß dieser für die Hofmannsthalschen

Verschwender so typische Zug natürlich seine Vorbilder in der Weltliteratur

hatte, die dem Dichter durchaus gegenwärtig waren.

Wir sprachen davon, wie die "verschwenderische" Menschenliebe Hofmannsthals,

auf die all die genannten Werke und Pläne letztlich hindeuten,

den Dichter zugleich gefährdete, was ihn vielfach in die Haltung des Sichentziehenden,

"Treulosen" hineintrieb. Von den in "Ad me ipsum" genannten

" Verschwendern" weisen die ersten beiden durchweg auf diesen

Zug hin, ähnliches mag von Florindo gesagt werden. Im "Schwierigen" ist

der Zug nur noch angedeutet, es folgt dann eine harmonisierende Auflösung,

wie sie HofmannsthaI in seinem Spätwerk öfter liebte 56 • Engstens verbunden

sind auch in dieser Hinsicht das "Märchen" und das "Kleine Welttheater".

Der Kaufmannssohn zeigt die Katastrophe dessen, der zugrunde geht, weil er

sich nicht zu entziehen versteht. Der Wahnsinnige hat gelernt, sich so radikal

von allen Banden freizuhalten, daß er noch im Augenblick des Selbstmordversuches

denen, die ihn halten wollen, "mit leisem Spott" zuruft - damit

endet das Stück -:

Bacchus, Bacchus, auch dich fing einer ein

Und band dich fest, doch nicht für lange!

Es gibt eine briefliche Äußerung HofmannsthaIs, in der er, anschließend

an eine Erwähnung des "Märchens", eindringlich darauf hinweist, wie notwendig

es ihm erschien, beides zu vereinen: Engagement und Sichentziehen.

Nochmals fällt damit ein Licht auf den Gehalt dieser Dichtung, zugleich ist

schon die thematische Weiterführung im "Kleinen Welttheater" zu ahnen.

Hofmannsthai bringt hier sein "Märchen" in Zusammenhang mit Leopold

Andrians "Garten der Erkenntnis" und sagt 57 : "Ein Reich haben wie Alexander,

geradeso groß und so voll Ereignis, daß es das ganze Denken erfüllt,

und mit dem Tod fällt es nichtig auseinander, denn es war nur ein Reich für

diesen einen König. So sieht das Wünschenswerte von der einen Seite aus.

Auf der andern aber steht eindringlich unser gemeinsames: il faut glisser la

viel Und wer bei des versteht, kann es vereinen. Nur eins, glaub' ich, muß

man bis zu einem dämonischen Grad lernen: sich um unendlich viel Angelegenheiten

und Dinge nicht zu bekümmern."

58 Als Sich-Entziehender wird Kari Bühl des öfteren charakterisiert. "Du fixierst nicht,

weil du nicht genug Herz hast", sagt Stani, der damit aber fehlinterpretiert (Lustspiele

II, S.181). Richtiger sieht Helene: "Wer sich einfallen ließe, Sie fixieren

zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer glaubt, daß Sie ihm für immer adieu

gesagt haben, dem könnte passieren, daß Sie ihm wieder guten Tag sagen" (259).

Kari Bühl selbst gesteht gegenüber Helene: "Ich bin so unstet, nichts kann mich

fesseln" (300). Auch das stimmt nicht ganz, denn er handelt schließlich dem entgegen

- damit allein schon ist die Problematik heiter aufgelöst.

57 An Richard Beer-Hofmann, 15. Mai 1895 (Briefe I, S. 131).


334 Katharina Mommsen . Treue und Untreue in HofmannsthaIs Frühwerk

Der Kaufmannssohn hat sich ein derartiges Alexander-Reich, gerade auf

ihn und sein "Denken" zugemessen, erschaffen. Als sein "innerster Besitz"

füllte es sein Denken ganz aus. Aber gerade dies letztere - zuviel Engagement,

Verantwortung, Menschenliebe - wurde ihm zum Verhängnis. Er

"bekümmerte sich" um zuviel "Angelegenheiten und Dinge". Der Wahnsinnige

im "Kleinen Welttheater" ist wiederum ein "König". Er ist "von den

Mächtigen der Letzte", "dünkt sich ein Prinz und braucht Gefolge" . Aber

dem Wahnsinnigen gab Hofmannsthai nun die zweite Eigenschaft dazu,

die dem Kaufmannssohn fehlte: er versteht sich auf das "il faut glisser la

vie". So "vereinigt" er Königtum mit Leichtigkeit. Das Wort "vereinigt"

kommt in genau diesem Sinne im "Kleinen Welttheater" vor. Der Wahnsinnige

"vereinigt" das sich engagierende "Vergeuden" für "ein Geliebtes"

mit "königlicher Einsamkeit", dem Vermögen, sich auch wieder ganz zu entziehen,

sich auf sich selbst zurückzuziehen; und -

Beides kennend, überfliegt er beides 58 •

Nochmals zeigt uns die eben betrachtete Briefstelle, wie die gesamte Treue­

Problematik auf eigene Erlebnisse Hofmannsthais zurückgeht, und zwar auf

Erlebnisse, die schon in die Frühzeit des Dichters fallen. Es waren vergleichsweise

differenzierte Gedankengänge, zu denen der junge Hofmannsthai

dadurch geführt wurde, und entsprechend differenziert ist die Behandlung

des Treue-Themas in seinem Schaffen. Das Verhältnis zu Treue oder

Untreue wurde in einem vielfachen Sinn zu einem Gradmesser für das Ethos

seiner Gestalten. Das ist für uns wichtig, gerade wenn wir heute Hofmannsthai

als moralischen Dichter betrachten lernten 59 • Schon das Frühwerk enthält

- auch dies wurde uns deutlich - über das Thema der Treue alles

Wesentliche, was dann später weiter entwickelt wurde. "Die Dichter" - so

lesen wir in einem Aufsatz von Loris-Hofmannsthal 60 - "die Dichter verarbeiten

meist ihr Leben lang die Erlebnisse einer gewissen Epoche ihrer

Entwicklung, wo ihr Fühlen intensiv war und dagegen das meiste Spätere

als eine matte Wiederholung erscheint; in allen ihren tiefsten Werken pflegen

sich Anklänge an diese eine Phase zu finden, die ihnen das Leben kat'

exochen gewesen ist . " sie werden den Bann gewisser Erinnerungen nicht

los, und gewisse Formen des Menschenlebens behalten für sie einen unsäglichen,

traumhaften Reiz."

58 Gedichte und Kleine Dramen (1952) S. 310.

59 V gl. hierüber R. Alewyn a. a. 0., besonders S. 59, 80.

60 Prosa I (1950) S. 186.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine