Kompressionstherapie im Überblick - Sigvaris

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Kompressionstherapie im Überblick - Sigvaris

Kompressionstherapie

im Überblick


Vorwort

Die Kompressionstherapie gilt als Basistherapie bei Venenleiden und Ödemen verschiedener

Genese. Im Rahmen der Verordnung des geeigneten Strumpfes für einen

Patienten stellt sich dem behandelnden Arzt nach der Diagnose die Frage nach

der Wahl der geeigneten Kompressionsklasse, der Dauer der Behandlung und dem

für den Patienten geeigneten Strumpfmodell.

Wir verweisen auf die SIGVARIS Broschüre «Venenkrankheiten», in der interessierten

Ärzten kurz und praxisorientiert der aktuelle Stand der Phlebologie aufgezeigt wird.

Diese ergänzend gedachte Broschüre fokussiert auf praktischen Fragestellungen im

Rahmen der Verschreibung medizinischer Kompressionsstrümpfe. Sie gibt einen

Überblick zu anerkannten Indikationen, die eine Kompressionstherapie erfordern,

stellt zusammenfassend ausgewählte Studien vor und gibt Antworten auf oben

aufgeworfene Fragen – kurzum, sie möchte den Einsatz von Kompressionstherapie

auf einen Blick praxisnah darstellen.

Alle Angaben sind als Empfehlungen und nicht als Richtlinie zu verstehen. Sie dienen

als Hilfestellung für die Therapieentscheidung, basierend auf der aktuellen Studien -

lage und Erfahrungswerten aus der Praxis.

Die Entscheidung für die Wahl der Kompressionsklasse, das Strumpfmodell und die

Behandlungsdauer liegt in der Verantwortung des Arztes. Sie wird für jeden Patienten

unter Berücksichtigung der klinischen Situation und seiner persönlichen Bedürfnisse

individuell getroffen.

Unser besonderer Dank gilt Frau Dr. Erika Mendoza, Venenpraxis Wunstorf, für die

Durchsicht des Manuskriptes und die wertvollen fachlichen Anregungen.

Dr. Monika Hübner

Medical Marketing

SIGVARIS AG

3


Inhalt

Klassifikation nach CEAP 5

Wahl der Kompressionsklasse 6

Indikationen und Dauer der Kompressionsbehandlung 7

Wahl des geeigneten Modells 10

Offener oder geschlossener Fuss 11

Relative und absolute Kontraindikationen

für Kompressionstherapie 12

Studien 13

4


Klassifikation nach CEAP

Um eine Systematik zu erhalten, die eine differenzierte Klassifi kation der Venen -

erkrankungen ermöglicht, wurde 1996 die so genannte CEAP-Klassifikation eingeführt.

Sie hat sich seither in der einschlägigen Literatur etabliert und ist inzwischen

weit verbreitet. Insbesondere findet sie im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen

Anwendung. Jeder Buchstabe der CEAP-Klassifikation steht für eine Komponente

der Venenerkrankung:

C (clinical condition) = Klinik: klinische Zeichen (Punktwert von 0 – 6),

a = asymptomatisch, s = symptomatisch

E (etiology) = Ätiologie: ätiologische Einteilung in kongenital, primär

und sekundär

A (anatomic location) = Anatomie: betroffene Venensegmente, oberflächliche

Venen, tiefe Venen, Perforansvenen

P (pathophysiology) = Pathophysiologie: pathophysiologische

Funktionsstörung, Reflux, Obstruktion, Reflux und

Obstruktion

Clinic C0–C6 Definition Kommentare

C0

C1

C2

C3

C4

C5

C6

Keine Erscheinung

Besenreiser und

retikuläre Varizen

Varizen

Ödem

Hautveränderungen

Abgeheiltes Ulkus

Offenes Ulkus

Besenreiser:

Intradermale Venulen < 1 mm

Retikuläre Varizen,

subdermal < 3 mm

subcutan > 3 mm

Flüssigkeitsretention

C4a: Pigmentierung, Purpura,

Ekzem

C4b: Hypodermitis,

Lipodermatosklerose

Atrophie blanche

5


Wahl der Kompressionsklasse

CCL 1 – schwere, müde Beine mit Schwellungsneigung

18–21 mmHg – Prophylaxe von Thrombosen und Embolien für immobilisierte

Patienten

– Prophylaxe der Reisethrombose

– geringgradige Varikose ohne Beinödeme

– geringgradige Varikose während der Schwangerschaft

CCL 2 – Varikose mit leichter Ödemneigung

23–32 mmHg – nach Varizenbehandlung (operative Verfahren, Sklerosierung,

Laser, Radiofrequenz) zur Aufrechterhaltung des Therapieerfolges

– bei tiefer Beinvenenthrombose

– postthrombotisches Syndrom

– oberflächliche aseptische Thrombophlebitis

– nach Abheilung venöser Ulcera bei chronischer venöser Insuffizienz

– ausgeprägte Varikose während der Schwangerschaft

CCL 3 – aktives Ulcus cruris venosum

34–46 mmHg – rezidivierendes Ulcus cruris venosum

– Ausprägungen fortgeschrittener CVI wie Lipodermatosklerose

– reversibles Lymphödem, Lipödem

– posttraumatisches Syndrom

– Angiodysplasie

CCL 4

min 49 mmHg

– irreversibles Lymphödem

– ausgeprägtes postthrombotisches Syndrom

Strumpfversorgung der Indikationen für Klasse 3 und 4 sollte

Fachärzten vorbehalten sein.

Praxistipp

Es ist nicht möglich, jeder Diagnose eine einzige Kompressionsklasse starr

zuzuordnen, das Stadium der jeweiligen Erkrankung sollte mit in Betracht

gezogen werden. Der mit Abstand am häufigsten verordnete Strumpf hat

die Kompressionsklasse 2.

Auch die Compliance der Patienten hat einen Einfluss auf die Wahl der

Kompressionsklasse. Hat ein Patient Schwierigkeiten mit dem Handling eines

Strumpfes der Klasse 2, kann es sinnvoll sein, einen Strumpf der Klasse 1,

der zuverlässig getragen werden wird, in Erwägung zu ziehen.

Vorrangiges Ziel der Therapie ist die Besserung der klinischen Befunde.

6


Indikationen und Dauer der Kompressionsbehandlung

Indikationen

Dauer der Kompressionstherapie

(Erfahrungswerte aus der Praxis)

Beinbeschwerden

Funktionelle Störungen wie Schweregefühl und

Müdigkeit in den Beinen mit Schwellungsneigung

immer bei längerem Sitzen oder Stehen, empfohlen auch für

entsprechende berufliche Tätigkeiten

Varikose

Leichte Varizen mit subjektiven Manifestationen

(geringfügige variköse Dilatation der kutanen Venen,

retikuläre Varizen) (C1, C2)*

Fortgeschrittene primäre Varikose mit Ödem

(Stamm- oder Seitenastvarizen) (C2, C3)*

solange die Symptome anhalten und gegebenenfalls

prophylaktisch in bekannten Belastungssituationen

solange temporäre oder permanente Gegenanzeigen für eine

Sklerotherapie oder einen chirurgischen Eingriff bestehen

oder diese Therapien in der Abwägung gegen Kompression

noch nicht indiziert oder vom Patienten nicht gewünscht sind

Zur Optimierung des Therapieerfolges:

je nach Befund und Behandlungsmethode Wochen

a) nach ambulanter selektiver Varizenoperation bis zu einigen Monaten

b) nach einem Stripping

c) nach Sklerotherapie

d) nach endoluminalen Verfahren

Nach Abschluss einer Varizentherapie

Zur Rezidivprophylaxe möglicherweise sinnvoll

(dies wird vermutet, ist bis dato nicht durch Studien bestätigt)

Hautveränderungen in Folge einer chronischen venösen Insuffizienz

Ekzem, Erythem, Hypodermitits (C4)*

Dermatosklerose, Dermite ocre, Atrophie blanche (C4)*

ausgeheiltes Ulcus cruris (C5)*

aktives Ulcus cruris** (C6)*

nach Abschluss der Basistherapie in der Regel lebenslange

Kompression

in der Regel lebenslange Kompression

mehrmonatige bis lebenslange Kompression,

je nach anfänglicher Ursache

mehrmonatige bis lebenslange Kompression,

je nach anfänglicher Ursache

Fortsetzung auf Seite 8

7


Indikationen und Dauer der Kompressionsbehandlung

Indikationen

Dauer der Kompressionstherapie

(Erfahrungswerte aus der Praxis)

Thrombosen, Thrombophlebitiden, Embolien

Prophylaxe von Thrombosen / Embolien

Thrombophlebitis oder Varikothrombose

(oberflächliche Thrombose)

Tiefe Beinvenenthrombose

Postthrombotisches Syndrom

temporär, solange das Risiko besteht;

permanent im Falle eines anhaltenden Risikos

kurz- oder langfristig, je nach Befund, mindestens bis zur

Rückbildung der tastbaren Verhärtungen

drei Monate bis zwei Jahre, im Falle bleibender

funktioneller Ausfälle lebenslang

lebenslange Kompression

Nicht venöse Ödeme

Postoperative Ödeme

Posttraumatische Ödeme nach Abschluss der Basistherapie

Zyklisch-idiopathisches Ödem

Reversibles Lymphödem nach komplexer physikalischer

Entstauungstherapie

Irreversibles Lymphödem mit ausgeprägter Induration

nach komplexer physikalischer Entstauungstherapie

Lipödem Grad II und höher

bis zum Abklingen des Ödems

bis zum Abklingen des Ödems

kurzfristig, solange das Ödem vorliegt

lebenslange Kompression

lebenslange Kompression

lebenslange Kompression

Schwangerschaft

Varikose während der Schwangerschaft, mit oder

ohne Ödembildung (C2, C3)*

Ödeme während der Schwangerschaft

Thromboserisiko während der Schwangerschaft

und / oder post partum

bis zu einem Monat nach der Geburt, optimal bis Ende

des Stillens

bis zu einem Monat nach der Geburt, optimal bis Ende

des Stillens

während der Schwangerschaft und bis zu sechs Wochen

nach der Geburt

8


Indikationen

Dauer der Kompressionstherapie

(Erfahrungswerte aus der Praxis)

Venöse Durchblutungsstörungen anderer Genese

Durch Übergewicht verursachte Abflussverzögerung

(Druck auf die tiefen Beinvenen im Leisten-Bauchbereich)

Durch Gelenkversteifung verursachte Ödeme und

Hautveränderungen: arthrogenes Stauungssyndrom

Durch Immobilität verursachte Ödeme:

Parese und partielle Parese der Extremitäten

solange das Ödem vorliegt, bzw. die Ursache fortbesteht

lebenslang oder solange die Ursache fortbesteht

lebenslang oder solange die Ursache fortbesteht, wenn

Lagerung nicht ausreicht

CAVE! Risiko-Nutzen Abwägung auf Grund

der Sensibilitätsstörung, die eine Kontraindikation darstellt

Angiodysplasie

in der Regel lebenslange Kompression

* Gemäss CEAP-Klassifikation, ** siehe Studie Seite 17, Therapie des Ulcus cruris mit einem Strumpfsystem vs. Bandagen

Praxistipp

Das umfangreiche Sortiment der SIGVARIS ermöglicht für die Mehrzahl der

Patienten das Anpassen eines Serienstrumpfes. Die Beine werden vermessen

und aus einem vielfältigen Größensystem wird die geeignete Größe ermittelt.

Decken sich die vorliegende Masse nicht mit einem Serienstrumpf, so wird

eine individuelle Massanfertigung hergestellt.

9


Wahl des geeigneten Modells

A–D

Wadenstrumpf

In vielen Fällen venöser Durchblutungsstörung erreicht ein

Wadenstrumpf eine klinische Besserung. (s. Praxistipp)

In der Schwangerschaft prophylaktisch ausreichend, bei

Vorliegen von Oberschenkelvarizen: AG oder AT

A–G

Schenkelstrumpf

Varikose im Bereich des Oberschenkels mit Crosseninsuffizienz /

venösem Reflux / und oder Beinbeschwerden

Tiefe Beinvenenthrombose im Bereich des Oberschenkels

Oberflächliche Thrombophlebitiden am Oberschenkel

Bei Oberschenkelvarizen in der Schwangerschaft

Postoperativ nach Varizenbehandlung im Bereich des

Oberschenkels (auch nach Crossektomie)

Lipödem oder Lymphödem im Bereich des Oberschenkels

A–G

Schenkelstrumpf

mit Halterung

Alternative zur Panty für alle Patienten mit Indikation für AG,

die keinen Haftrand tragen können / möchten

Für ältere Menschen, da einfacher im Handling als eine Panty

Für Herren

A–T

Panty*

Alle Patienten mit Indikation für AG, die keinen Haftrand

tragen können oder wollen.

(z.B. weiches Bindegewebe, schlechter Sitz des Haftrandes,

starke Körberbehaarung)

Patientinnen und Patienten mit inguinalen Varizen

A–T / U

Panty Materna*

Schwangerschaft

Alternative zur Panty für Patientinnen / Patienten mit grösserem

Bauchumfang

*Panty und Panty Materna sind so gearbeitet, dass im Leibteil

kein Kompressionsdruck ausgeübt wird

Praxistipp

Die Komplikationen der Varikose spielen sich meist an der Wade ab (Ödeme,

Hautveränderungen). Daher stellt der Kompressionskniestrumpf die Grund -

ver sorgung dar. Liegen Krampfadern am Oberschenkel vor, kann der Kniestrumpf

die Beschwerden am Oberschenkel verstärken. Die optimale Versorgung

schließt den obersten Insuffizienzpunkt mit ein, der am häufigsten in der Leiste

zu finden ist (Schenkelstrümpfe, Panty).

10


Offener oder geschlossener Fuss

geschlossener Fuss

(dargestellt am Beispiel eines A–D Strumpfes)

Aus medizinischen Gründen dann erforderlich, wenn im

Zehenbereich ein Kompressionsdruck benötigt wird, z.B.

bei Ödemen im Fussbereich.

Aus orthopädischen Gründen bei einem stärker ausgeprägten

Hallux (Der Strumpfabschluss beim Strumpf mit offenem Fuss

kann am Hallux Druck erzeugen).

offener Fuss

(dargestellt am Beispiel eines A–G Strumpfes)

Für alle Patienten geeignet, die keinen geschlossenen Fuss

benötigen

Bei warmen Temperaturen angenehmer zu tragen.

Wird wegen des leichteren Anlegens gerne von älteren

Patienten gewählt.

Kann am Bündchen einschnüren (daher nicht so sehr

für Hallux geeignet).

Erlaubt das Beobachten der Färbung der Zehen.

Die Entscheidung wird oft individuell vom Patienten getroffen, wobei verschiedene Faktoren wie Gewohnheit, Schuhwerk und

Compliance eine Rolle spielen.

Praxistipp

Speziell für Kompressionsstrümpfe angefertigte Gummihandschuhe erleichtern

wesentlich das korrekte An- und Ausziehen von medizinischen Kompressionsstrümpfen

und Kompressionsstrumpfhosen.

Wird der Patient insbesondere bei der erstmaligen Versorgung mit einem

Kompressionsstrumpf in das korrekte Handling intensiv eingewiesen, hat dies

einen entscheidenden Einfluss auf die Compliance und damit das konsequente

tägliche Tragen der Strümpfe.

Um die Kompressionseigenschaften des Strumpfes zu erhalten, ist ein tägliches

Waschen erforderlich. Dies kann in einem Wäschesack im normalen Waschgang

oder durch eine Handwäsche erfolgen. Weichspüler dürfen nicht eingesetzt

werden.

11


Relative und absolute Kontraindikationen

Relative Kontraindikationen – und Lösungsvorschläge

Relative Kontraindikation

ausgeprägte nässende Dermatosen

Unverträglichkeit auf Kompressionsstrumpfmaterial

schwere Sensibilitätsstörungen der Extremität

fortgeschrittene periphere Neuropathie

(z.B. Diabetes mellitus)

Geringgradige periphere Neuropathie

primär chronische Polyarthritis

Lösungsvorschlag

Zunächst durch entstauende Massnahmen mit Bandagen

reduzieren, dann Kompression meist möglich

Wahl anderer Materialien, wie z.B. Naturkautschuk

oder baumwollumhüllte Kompressionsfäden

Kompressionsbehandlung nur unter regelmässiger Kontrolle

durch ärztliches oder pflegerisches Personal

Kompressionsbehandlung nur unter regelmässiger Kontrolle

durch ärztliches oder pflegerisches Personal

Geringere Kompressionsklasse einsetzen, Symptomkontrolle

Entscheidung für Kompressionstherapie nach Risiko-

Nutzenabwägung durch den behandelnden Arzt

Absolute Kontraindikationen – mit Kommentaren

Kontraindikation

fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit

Septische Phlebitis

Kommentar

Mit Hautverfärbungen bzw. Nekrosen einhergehend.

Im Zweifelsfall beim Angiologogen vorstellen

Mit nachgewiesen erhöhtem CRP-Wert.

Von der sept. Phlebitis zu unterscheiden sind Thrombophlebitiden,

die in der Regel keine Infektion darstellen.

Sie sind eine klassische Indikation für Kompressionsbehandlung

(s. Seite 8)

Phlegmasia coerula dolens

Dekompensierte Herzinsuffizienz

Praxistipp

Medizinische Kompressionsstrümpfe können bei unsachgemäßer Handhabung

Hautnekrosen und Druckschäden auf periphere Nerven verursachen.

Regelmässige Kontrolluntersuchungen durch den Arzt oder Pflegedienst,

insbesondere nach Erstversorgung sind dringend zu empfehlen.

12


Ausgewählte Studien

Einschlägige Untersuchungen zu medizinischen Kompressionsstrümpfen

Anwendung von medizinischen

Kompressions strümpfen in der Durchschnittsbevölkerung

– Ergebnisse der Bonner

Venenstudie

Ziel

Ziel dieser Untersuchung war es, die Prävalenz der Anwendung medizinischer

Kompressionsstrümpfe (MKS) in der erwachsenen Durchschnittsbevölkerung

in Deutschland zu beurteilen und die Indikationen, für die eine Therapie mit MKS

beschrieben wurde, sowie die Erfahrungen der Patienten mit dieser Therapie

zu erörtern.

Rabe E, Pannier-Fischer F, Bromen K,

Schuldt K, Stang A, Poncar Ch,

Wittenhorst M, Bock E, Jöckel KH

Bonn Vein Study of the German Society

of Phlebology. Epidemiological study

to investigate the prevalence and severity

of chronic venous disorders in the urban

and rural residential populations.

Phlebologie 2003; 32: 1–14.

Methodik

Die Population der Bonner Venenstudie I wurde von November 2000 bis März 2002

mittels einer Zufallsstichprobe aus den Einwohnermelderegistern der Stadt Bonn

und zweier ländlicher Gemeinden in der Umgebung rekrutiert. Insgesamt nahmen

3072 Männer und Frauen an der Studie teil. Neben der klinischen und duplex -

sonographischen Untersuchung wurden die Patienten gefragt, ob wegen der

Beinbeschwerden oder Beinerkrankungen in der Vergangenheit eine phlebologische

Behandlung stattgefunden hatte. Wenn in der Vergangenheit MKS getragen

wurden, wurde zusätzlich nach Einzelheiten wie der Kompressionsklasse, der Länge

des Kompressionsstrumpfes, der Tragedauer, der Wirksamkeit und der Wieder -

erkennung gefragt. In der Bonner Venenstudie II wurden 861 Männer und 1109

Frauen aus der Bonner Venenstudie I nach 6,6 Jahren nachuntersucht. Das

Ansprechen im Rahmen der Nachuntersuchung lag bei 85,6%.

Ergebnisse

Insgesamt gaben 22,9% der Befragten in der BVS I (12,7% der Männer, 31% der

Frauen) an, in der Vergangenheit eine spezielle phlebologische Behandlung erhalten

zu haben. Die häufigste Therapieform waren medizinische Kompressionsstrümpfe

mit 14,6% in der Durchschnittsbevölkerung (7,5% der Männer, 20,3% der Frauen).

Das mediane Alter bei der Erstverordnung betrug 45,5 Jahre (SA 14,3 Jahre). In

Abhängigkeit von der klinischen Klassifikation gemäss CEAP kommt es mit

steigender C-Klasse auch zu einer deutlichen Zunahme der Verordnungshäufigkeit

von MKS (1% bei C0-Patienten bis 82% bei C5- / C6-Patienten). Von 450 Probanden,

die in der Vergangenheit MKS angewendet hatten, trugen zum Zeitpunkt der

Befragung 309 (68,6%) keine Kompressionsstrümpfe. Die Verbleibenden trugen ihre

MKS in der Regel fünf und mehr Tage pro Woche (73%) und acht und mehr

Stunden am Tag (89,4%). Im Mittel gaben 71,3% der Studienteilnehmer an, dass

sich unter der MKS-Therapie die zugrunde liegenden Erkrankungen gebessert

hätten. Die Besserungen bestanden in einem Rückgang des Gefühls von Schwellung

(84,2%), des Gefühls von Schwere (89,4%), der Beinschmerzen nach längerem

Stehen (60,9%) und des Spannungsgefühls in den Beinen (78,9%).

Im Rahmen der Follow-up-Befragung gaben 16% an, zu irgendeinem Zeitpunkt

medizinische Kompressionsstrümpfe getragen zu haben. Nicht alle dieser Befragten

13


Ausgewählte Studien

hatten eine Dauerindikation für diese Art der Behandlung. Gründe für eine zeitlich

begrenzte Verordnung der Kompressionstherapie waren Varizenoperationen, Sklero -

therapie oder Schwangerschaft. Bei 40,1% der Patienten, die eine Kompressions -

therapie erhielten, lag eine derartige nicht permanente Indikation vor. Unter den

Teilnehmern mit permanenter Indikation trugen 45,8% ihre MKS regelmässig, auch

zum Zeitpunkt der Untersuchung. Die Gründe für eine Non-Compliance waren sehr

unterschiedlich. In 7,5% der Fälle wurden die MKS vom Arzt einfach nicht mehr

länger verschrieben. In 75,8% der Fälle wurden die MKS gut vertragen und 76,1%

waren mit den Behandlungsergebnissen zufrieden oder sehr zufrieden.

Fazit

Unter Berücksichtigung der nicht permanenten Indikationen für die Kompressionstherapie

lag die Therapietreue (Compliance) bei fast 50%. Medizinische

Kompressionsstrümpfe wurden sehr gut vertragen und die Patienten waren mit

dem Therapie ergebnis zufrieden.

Eine vollständige Beschreibung dieser Untersuchungen und weitere Informationen

sind unter www.stemmerlibrary.com zu finden.

14


Mittelstarke Kompressionsstrümpfe sind bei

der Behandlung therapieresistenter venöser

Geschwüre mehrschichtigen Kompressions -

verbänden nicht unterlegen

Brizzio E, Amsler F, Lun B, Blättler W

Comparison of low-strength compression stockings

with bandages for the treatment of recalcitrant

venous ulcers. Journal of Vascular Surgery 2009,

Vol. 51, Issue 2, Pages 410–416.

Grundlagen

Die Kompression ist die tragende Säule in der Therapie chronischer, venös bedingter

Beinulzera. Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) eignen sich für die Therapie

von kleineren Geschwüren und die Vermeidung von Rezidiven. Die Rolle, die

medizinischen Kompressionsstrümpfen mit niedriger Kompressionsstärke im Rahmen

der Behandlung therapieresistenter Geschwüre zukommt, ist noch unklar.

Methodik

Es wurde eine randomisierte, unverblindete Einzenterstudie an 60 Beinen von 56

konsekutiven Patienten durchgeführt, die keine vorherige Kompressionstherapie

erhalten hatten. Die Prototyp-Kompressionsstrümpfe der Firma SIGVARIS mit einem

Andruck von 20,7 mmHg (±5,5) am Fussgelenk (ohne exzentrische Kompression

gemessen) wurden mit mehrschichtigen Kompressionsverbänden verglichen. Bei

allen Patienten wurde eine exzentrische Polsterung verwendet. Die Wundbehandlung

wurde individuell an den Patienten angepasst. Die Kompression wurde rund um

die Uhr beibehalten und wöchentlich gewechselt, bis die Heilung abgeschlossen

war. Endpunkte waren Ausheilung innerhalb von 90 bzw. 180 Tagen. Die Zeit bis zur

Ausheilung und die Lebensqualität wurden innerhalb dieses Zeitraums monatlich mit

Hilfe des Fragebogens für Patienten mit chronisch-venöser Insuffizienz (CIVIQ)

ermittelt.

Ergebnisse

Vier Patienten (fünf Beine) brachen die Studie ab, zwei davon (drei Beine) aus der

MKS-Gruppe und zwei aus der Gruppe mit Kompressionsverbänden. Ursachen für

den Abbruch waren die Verschlimmerung des Geschwürs (2), systemische Infektionen

(2) und ein Todesfall, der nicht mit der Venenerkrankung in Zusammenhang

stand (1). Die Merkmale der Patienten und der Geschwüre waren gleich verteilt. Der

durch die medizinischen Kompressionsstrümpfe ausgeübte Druck war deutlich

niedriger als der Druck der Kompressionsverbände. Die Elastizität des Gewebes

stimmte in beiden Gruppen überein. Hinsichtlich des Heilungsverhältnisses und der

Heilungsrate gab es zwischen der MKS- und der Kompressionsverbandgruppe keine

wesentlichen Unterschiede, und auch die Lebensqualität war in beiden Gruppen

vergleichbar. Insgesamt bestanden folgende Risikofaktoren für eine nicht erfolgreiche

Heilung: fortgeschrittenes Lebensalter des Patienten (64,8 Jahre vs. 57,6 Jahre,

p = 0,021), ein niedriger BMI (30,2 kg / m 2 vs. 34,1 kg / m 2 , p = 0,028), längeres

Vorhandensein der Geschwüre (36,3 Monate vs. 13,4 Monate, p = 0,025) und ein

grösseres Areal des Geschwürs zu Beginn (17,9 cm 2 vs. 5,5 cm 2 , p = 0,001). Rezidive

eines Geschwürs und Reflux in den tiefen Venen hatten keine Auswirkungen auf die

Heilung. Die Grösse von Geschwüren, die nicht innerhalb von 90 Tagen abgeheilt

waren, verringerte sich von 17,9 cm 2 auf 8,7 cm 2 (p < 0,001).

15


Ausgewählte Studien

Fazit

Die Studie zeigt, dass Kompressionsverbände bei der Behandlung therapie -

resistenter venöser Geschwüre keine Vorteile gegenüber medizinischen

Kompressionsstrümpfen bieten. Der optionale Einsatz von MKS macht die

langfristige Pflege deutlich einfacher und bietet noch zahlreiche weitere

Vorteile. Die seit Beginn dieser Studie erhobenen Daten deuten darauf hin,

dass eine Kompressionsbehandlung mit zwei übereinander getragenen

Strümpfen wahrscheinlich die sinnvollste Therapieoption darstellt (siehe

Seite 17). Der erste Strumpf, der den Verband fixiert und einen Andruck von

etwa 16 mmHg erzeugt, wird Tag und Nacht getragen (feste Anwendung),

während der zweite Strumpf einen zusätzlichen Andruck von 20 – 30 mmHg

bietet und nur tagsüber getragen wird (orthostatische Anwendung).

16


Die Behandlung venöser Beingeschwüre

mit einem speziellen Kompressionsstrumpf-Kit.

Ein Vergleich mit Bandagen

Mariani F, Mattaliano V, Mosti G, Gasbarro V,

Bucalossi M, Blättler W, Amsler F, Mancini St

The treatment of venous leg ulcers with

a specifically designed compression stocking

kit – Comparison with bandaging.

Phlebologie 2008; 37: 191–197.

Zusammenfassung

Traditionell werden venöse Beingeschwüre mit straffen, nicht elastischen Verbänden

behandelt. Medizinische Kompressionsstrümpfe sind nicht erste Wahl, obwohl einige

vergleichende Studien eine mit Verbänden vergleichbare oder höhere Wirksamkeit

ergeben haben.

Patienten, Methoden

Die vorliegende Arbeit betrifft eine offene, multizentrische, randomisierte Studie mit

60 Patienten, die entweder mit mehrlagigen Kompressionsverbänden oder einem

System aus zwei übereinander getragenen Strümpfen (SIGVARIS ® Ulcer X ® Kit)

behandelt wurden. Drei Patienten wurden aus der Studie ausgeschlossen, weil die

Beweglichkeit ihres Fussgelenkes in einem solchen Masse eingeschränkt war, dass

sie die Strümpfe nicht anziehen konnten. Ein Patient zog seine Einwilligungserklärung

zurück. Die Merkmale der Patienten und der Geschwüre waren gleich verteilt.

Der Anteil der Geschwüre, die innerhalb von vier Monaten abheilten, und die Zeit

bis zur Ausheilung wurden protokolliert. Die subjektive Einschätzung wurde anhand

eines validierten Fragebogens beurteilt.

Ergebnisse

Eine vollständige Wundheilung wurde mit Verbänden bei 70% (21 von 30) und mit

dem Ulcer X ® Kit bei 96,2% (25 von 26) der Patienten erreicht (p = 0,011). Ulzera

mit einem Durchmesser bis etwa 4 cm heilten mit dem Ulcer X ® Kit doppelt so

schnell, grössere gleich schnell wie mit Verbänden.

Die Summe der Probleme war mit Verbänden wesentlich grösser als mit dem

Strumpfsystem (p < 0,0001). Schmerzen in der Nacht und am Morgen fehlten in der

Strumpfgruppe gänzlich, während sie in der Gruppe mit Verbänden von 40% bzw.

20% angegeben wurden. Die wichtigsten prädiktiven Faktoren für verzögerte

Heilung waren Ulkusgrösse und Schmerz.

Fazit

Gewöhnliche venöse Ulzera können mit dem Ulcer X ® Kit einfach und sicher

behandelt werden, vorausgesetzt, die Beweglichkeit des Fussgelenkes erlaubt

ein schmerzfreies Anlegen. Verbände, auch wenn sie von erfahrenem Personal

angelegt werden, sind weniger wirksam und verursachen mehr Probleme.

17


Ausgewählte Studien

Blazek C, Amsler F, Blaettler W, Keo HH,

Baumgartner I, Willenberg T

Compression hosiery for occupational leg

symptoms and leg volume: a randomized crossover

trial in a cohort of hairdressers. Phlebology 2012;

Mar 26. [Epub ahead of print].

Behandlung von berufsbedingten

Symptomen und Ödemen mittels

Unterschenkelkompression

Grundlagen

Diese von SIGVARIS unterstützte klinische Erhebung und kontrollierte Studie betraf

das Spektrum und die Prävalenz beinbezogener Symptome und die Auswirkungen

der Anwendung von Kompressionsstrümpfen im Vergleich zur Nichtanwendung im

Rahmen einer randomisierten Cross-Over-Studie.

Die Studie wurde zwischen September 2009 und März 2010 im Schweizer Herzund

Gefässzentrum, Abteilung Angiologie, am Universitätsspital Bern durchgeführt.

Methode

Die Studie wurde mit einer Kohorte von 108 männlichen und weiblichen Friseuren in

Voll- und Teilzeitbeschäftigung durchgeführt. Die Tätigkeit in diesem Beruf, der fast

vollständig im Stehen ausgeübt wird, könnte mit einem erhöhten Risiko für

Beinsymptome verbunden sein.

Ausschlusskriterien für die Teilnahme: Alter unter 18, Schwangerschaft, Unfähigkeit,

normal zu stehen und zu gehen, Vorliegen anhaltender Ödeme bekannter oder

unbekannter Ursache, Lymphödem, oberflächliche Phlebitis, tiefe Venenthrombose

sowie arterielle Verschlusskrankheit.

Alle Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie und im weiteren Verlauf ausführlich

untersucht:

– Halbstrukturiertes Interview: Hintergrund, personenbezogene Daten,

medizinische Anamnese

– Klinische Untersuchung der Beine (Duplexsonographie und Messung

des Beinvolumens)

– Beurteilung der Symptome und der Lebensqualität auf der Grundlage

eines selbst auszufüllenden Fragebogens mit 62 Fragen

Zu Beginn der Studie wiesen 83% der Teilnehmer keine erkennbare Venenerkrankung

auf.

Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt

(randomisiert).

– Während der ersten drei Wochen trug Gruppe A von morgens bis abends

Kompressionsstrümpfe mit abgestuftem Druckverlauf und einem Andruck von

max. 21 mmHg oberhalb des Fussgelenks.

– In der Freizeit wurden diese Strümpfe nicht getragen. Gruppe B trug während

dieses Zeitraums keine Kompressionsstrümpfe.

– Nach drei Wochen wurde die Behandlung verändert: Nun trug Gruppe B

die Kompressionsstrümpfe über einen Zeitraum von drei Wochen, während

Gruppe A keine Kompressionsstrümpfe erhielt.

18


Ergebnisse

Die ausführliche persönliche, schriftliche und klinische Untersuchung des tatsächlichen

Zustands der Studienteilnehmer zu Beginn der Studie stellt die Ausgangssituation

(«Baseline») für die Beurteilung von Veränderungen während und am Ende der

Studie dar. Zu Beginn der Studie wurde festgestellt, dass

– 80% der Teilnehmer unangenehme Gefühle in den Beinen angaben.

– 84% über müde Beine klagten.

– Die Psyche und der Einfluss der Lebensqualität spielten eine wichtige Rolle:

In 80% der Fälle wurden auch neuromuskuläre Symptome, Schlafstörungen

und die Überzeugung, unattraktive Beine zu besitzen, sowie ein Gefühl

von Nervosität / Unruhe, emotionaler Belastung und Niedergeschlagenheit

als Gesamtsymptomkomplex genannt.

Fazit

Die Studie unterstreicht die Hypothese, dass Personen, deren Beruf sie zu

regelmässigem oder langem Stehen zwingt, unter Beinsymptomen und dem

Gefühl angeschwollener oder schwerer Beine leiden. Diese Symptome treten

auch bei Personen mit normalen Beinvenen auf und wirken sich auf deren

emotionale Gesundheit aus. Das Tragen von Kompressionsstrümpfen mit

einem Andruck von max. 21 mmHg am Fussgelenk führt zu einer deutlichen

Besserung dieser Symptome.

Effekt des Tragens von

Kompressionsstrümpfen

Schmerzen und Schwellungen gingen

erheblich zurück.

Symptome wie Schlafstörungen, die

Überzeugung, unattraktive Beine zu

besitzen, und Niedergeschlagenheit, die

im Allgemeinen mit den Schmerzen und

Schwellungen einhergehen, besserten

sich.

Positive Wirkungen auf die Schwellungen

wurden insbesondere bei Teilnehmern

mit Beschwerden in beiden Beinen

erzielt.

Die Besserung der neuromuskulären

Symptome, der Ruhelosigkeit und der

emotionalen Belastung zeigte sich

besonders deutlich bei jüngeren

Teilnehmern.

Unangenehme Gefühle in den Beinen

besserten sich insbesondere in Fällen, in

denen sie mit Schmerzen verbunden

waren, beide Beine betrafen und sich an

mehreren Stellen gleichzeitig bemerkbar

machten.

Das Volumen des Unterschenkels war

insbesondere bei älteren Teilnehmern

deutlich vermindert.

Schmerzen und Schwellungen klangen

weitgehend parallel ab. Hinweise auf

einen kausalen Zusammenhang lagen

nicht vor.

Der Zusammenhang zwischen physiologischen

und psychologischen Beschwerden

ist deutlich. Die Psyche und die

Lebensqualität werden von Beinsymptomen

erheblich beeinträchtigt.

19


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