GL 5/2004 - der Lorber-Gesellschaft eV

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GL 5/2004 - der Lorber-Gesellschaft eV

INHALT

Margarete Fishback Spuren im Sand S. 2

Klaus W. Kardelke Editorial S. 5

Jakob Lorber Von der tätigen Nächstenliebe S. 5

Hans-Gerd Fischer Heilung durch Vergebung S. 8

Die Wolke des Nichtwissens S. 20

Madame Guyon Vom inneren Gebet S. 27

Jan van Ruysbroeck Jubilatio S. 28

Sundar Singh Das Gebet S. 29

Otto Hillig Heimweh S. 31

Edith Steinhoff Petrus, ein Apostel des Herrn S. 32

Schrifttexterklärungen Gleichnis vom reichen Kornbauern S. 46

Vater unser im Himmel… Ja? S. 48

Wie geht man mit Verletzungen um? S. 52

Dr. Bovet Lass dir helfen! S. 53

Weisheitsgeschichten Von Gesetz und Liebe S. 54

Don Camillo spricht mit Jesus S. 55

Weit gereist S. 56

Das kleine Lob S. 57

Blick in die Zeit Beten voll im Trend S. 58

Der Glaube an Gott macht gesund S. 59

Veranstaltungen S. 63

Buch-Neuerscheinung S. 64

Mit Namen des Verfassers versehene Beiträge müssen nicht mit der Auffassung der

Schriftleitung übereinstimmen.

Die Zeitschrift erscheint zweimonatlich auf freiwilliger Spendenbasis.

Beiträge richten Sie bitte an die Schriftleitung.

IMPRESSUM

Herausgeber:

Lorber-Gesellschaft e.V.

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83731 Hausham / Deutschland

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Klaus W. Kardelke

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Hans-Gerd Fischer, Angelika Penkin,

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- Zeitschrift im Geiste christlicher Mystik -

Jahrgang 24 2004 Heft 5

„Wahrlich Ich sage euch: Was ihr getan habt einem

unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr

Mir getan.“ (Mt. 25,40)

„Seid darum stets und allzeit barmherzig, und ihr

werdet dann auch bei Mir eben allzeit Barmherzigkeit

finden! Wie ihr euch verhalten werdet gegen die

armen Brüder und Schwestern, also werde auch Ich

Mich verhalten gegen euch.“ [GEJ.04_097,08]


2 Spuren im Sand GL 5/2004

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.

Vor dem dunklen Nachthimmel

erstrahlten, Streiflichtern gleich,

Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,

meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen

vorübergezogen war, blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte,

dass an vielen Stellen meines Lebensweges

nur eine Spur zu sehen war.

Und das waren gerade die schwersten

Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:

„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,

da hast du mir versprochen,

auf allen Wegen bei mir zu sein.

Aber jetzt entdecke ich,

dass in den schwersten Zeiten meines Lebens

nur eine Spur im Sand zu sehen ist.

Warum hast du mich allein gelassen,

als ich dich am meisten brauchte?“

Da antwortete er: „Mein liebes Kind,

ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,

erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.

Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,

da habe ich dich getragen.“

Margaret Fishback Powers


GL 5/2004 Editorial 3

Editorial

Gott gab den Menschen das Gebot der Nächstenliebe, damit diese

aufeinander zugehen und sich gegenseitig in Liebe und Freundlichkeit

dienen sollen. Denn „alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun

sollen, das tuet ihr ihnen zuvor,“ (Mt. 7,12) und alles, was euch die

Menschen getan haben, dass habt ihr ihnen zuvor in irgendeiner Art und

Weise angetan.

Somit sind Glück und Unglück, Liebe und Leid letztendlich durch

unsere eigene Denk- und Handlungsweise in unser Leben getreten.

Dies wird bestätigt durch das Gesetz von Saat und Ernte „was der

Mensch sät, das wird er ernten.“ (Gal.6,7). Geben bzw. säen wir Liebe,

Toleranz, Anerkennung, Freundlichkeit, so werden wir auch diese von den

Menschen zurückerhalten. Doch immer sollen wir die Gebenden sein,

sollen den ersten Schritt in Liebe tun, denn dann tun wir, wie Jesus uns tat.

Dann wird es nicht mehr heißen: ‚Wie du mir, so ich dir‘; sondern wie

Jesus mir tat, so tue ich dir. Wie Jesus mich liebt, so will ich dich lieben.

Allezeit empfangen wir immer nur das, was wir gegeben haben, denn

es heißt: „gebt, so wird euch gegeben“ (Lk. 6,38). Der Barmherzige wird

Barmherzigkeit empfangen, denn „selig sind die Barmherzigen; denn sie

werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Mt. 5,7) „Vergebt, so wird euch

vergeben.“ (Lk. 6,37) Lieben wir, so werden wir geliebt. Wie die Saat so

die Ernte. „Sammelt man auch Trauben von Dornen, oder Feigen von

Disteln?“ (Mt. 7,16)

So werden wir auch allzeit nach dem beurteilt, wir wir andere

beurteilen, denn „mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen

werden.“ (Mt. 7,2). Denn richten wir, so werden wir gerichtet, urteilen wir,

so werden auch wir verurteilt. Das was wir anderen antun, tun wir uns

letztendlich selber an, sei es Liebes oder Leids.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel wie im Rätsel,“ (1.Kor. 13,12) sagt

Paulus. Und im Spiegel der Welt erkennen wir uns selbst.

Unsere Herzensgesinnung kommt uns allezeit wieder entgegen. Denn so

wie das Herz eines Menschen sich gestaltet, so gestaltet sich für ihn auch

seine Welt, denn wir sehen durch unsere Herzensgesinnung, durch unser

Gemüt nach aussen.

„Sei versichert, die Welt ist stets die gleiche, ein liebendes Gemüt sieht

nur Liebe, wo ein erbittertes Hass und Zwietracht findet!“ (Lgh S. 251)

„Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist


4 Editorial GL 5/2004

nichts rein, sondern unrein ist ihr Sinn sowohl als ihr Gewissen.“ (Tit.

1,15) Der Liebende sieht und begegnet immer nur der Liebe, während der

Mürrische und Unzufriedene selbst im Glücke unzufrieden bleibt.

Wir begegnen uns in den Ereignissen des Tages immer nur selbst, ohne

uns dessen bewusst zu sein.

„Bist du rein in deinem Herzen, so wird für dich alles rein sein, d.h.,

du wirst da alles in der Wahrheit erschauen; ist dein Herz aber unlauter,

so wird auch alles also sein vor dir, wie da ist dein Herz.“ (HGt II 248,13)

Alles ist so, wie unser Herz beschaffen ist. Der Depressive sieht nur

trübe Tage, mag die Sonne ihm auch scheinen. So sieht der Verliebte alles

hell erleuchtet, da sein Inneres voller Liebe und Licht ist.

So ist und bleibt der Mensch allzeit seines Schicksals Schmied und

gestaltet dieses nach seinem innern Wesen.

„Der Mensch ist und bleibt der Selbstschöpfer seiner zeitlichen und

seiner ewigen Schicksale.“ [GEJ.08_052,1-3]

Auch unsere Beziehung zu Gott beruht auf Gegenseitigkeit, so wie

jede Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. „Gott kümmert sich um euch

gerade also, wie ihr euch um Ihn kümmert.“ [GEJ.10_120,8]

„Wer an Mir Freude hat und Mich liebt, an dem habe auch Ich

Freude und liebe ihn.“ [GEJ.08._103,9]

Der Mensch soll auch hierbei den ersten Schritt hin zum Herrn tun.

Zeigt er doch dadurch seinen Willen Ihm näher zu kommen und sich

führen zu lassen. „Nahet euch zu Gott, so naht er sich zu euch.“ (Jak. 4,8)

Doch ist die Gottesliebe mit der Nächstenliebe wie eins miteinander

verbunden und das eine ohne das andere nicht denkbar, ja ohne die Liebe

zum Nächsten ist die Liebe zu Gott gar nicht möglich.

„Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben,

den er nicht sieht!“ (1.Joh. 4,20)

Erst in dieser Liebe erkennen wir uns als Gottes Kinder und als eins mit

Ihm und daraus auch mit unseren Nächsten, gemäß dem Wunsche Jesu:

„Auf daß sie alle eins seien.“ (Joh. 17,21)

Ihr Klaus. W. Kardelke


GL 5/2004 Von der tätigen Nächstenliebe 5

Von der tätigen Nächstenliebe

Der Herr: „Wahrlich sage Ich euch: Niemand wird zu Mir kommen, so

ihn nicht der Vater zu Mir hinziehen wird! Ihr müsset alle vom Vater, also

von der ewigen Liebe in Gott gelehret sein, so ihr zu Mir kommen wollt!

Ihr alle müsst also vollkommen sein, wie der Vater im Himmel

vollkommen ist! Aber das viele Wissen, wie auch die reichlichste

Erfahrung wird euch nicht dahin bringen, sondern allein die lebendige

Liebe zu Gott und im gleichen Maße zum Nächsten; darin liegt das große

Geheimnis der Wiedergeburt eures Geistes aus Gott und in Gott.

Jeder aber wird zuvor mit Mir durch die enge Pforte der vollsten

Selbstverleugnung ziehen müssen, bis er wird, wie Ich bin. Ein jeder

muss aufhören, für sich etwas zu sein, um in Mir alles werden zu

können.

Gott über alles lieben, heißt: in Gott ganz auf- und eingehen, – und den

Nächsten lieben, heißt ebenfalls: in den Nächsten ganz eingehen, ansonst

man ihn nie ganz lieben kann; eine halbe Liebe aber nützt weder dem, der

liebt, noch dem, der geliebt wird.

Wenn du von einem hohen Berge die volle Aussicht nach allen Seiten

hin haben willst, so musst du in jedem Falle dessen höchste Spitze

erklimmen; denn von einem unteren Höhenpunkte wird dir von der

Ganzaussicht stets ein guter Teil verdeckt bleiben. Also muss denn auch

in der Liebe alles und das Äußerste aus dem Innersten heraus geschehen,

damit ihre Früchte an euch offenbar werden.

Euer Herz ist ein Acker, und die tätige Liebe ist das lebendige

Samenkorn; die armen Brüder aber sind der Dünger für den Acker. Wer

aus euch in den wohlgedüngten Acker viel der Samenkörner legen wird,

der wird auch eine Vollernte machen. Mit je mehr Armen ihr den Acker

düngen werdet, desto kräftiger wird er sein; und je mehr der guten

Samenkörner ihr hineinlegen werdet, desto reicher wird die Ernte

ausfallen. Wer da reichlich säen wird, der wird auch reichlich ernten; wer

aber sparsam säen wird, der wird auch sparsam ernten.

Darin aber liegt die höchste Weisheit, dass ihr weise werdet durch die

lebendigste Liebe. Alles Wissen aber ist ohne die Liebe nichts nütze!

Darum bekümmert euch nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern dass

ihr viel liebet, so wird euch die Liebe geben, was euch kein Wissen je

geben kann! Es ist ganz gut, dass ihr die Zeit zur vielfachen Bereicherung

eures Wissens und eurer Erfahrungen alleremsigst verwendet; aber alles

das würde für sich eurer Seele wenig nützen. So ihr aber in der Folge die

Zeit also emsig der Liebe zum Nächsten opfern werdet, so wird euch ein


6 Von der tätigen Nächstenliebe GL 5/2004

Tag schon von größerem Nutzen für eure Seelen sein!

Was nützete es euch vor Mir, so ihr euch nahe auflösen möchtet vor

Verwunderung über Meine Macht, Größe und nie ergründbare

Herrlichkeit, außerhalb eures Hauses aber weineten arme Brüder und

Schwestern vor Hunger, Durst und Kälte? Wie elend und zu gar nichts

nütze wäre ein lautes Jubel- und Lobgeschrei zur Ehre und zum Ruhme

Gottes, über dem man das Elend des armen Bruders überhörete! Was

nützen all die reichen und prunkvollsten Opfer im Tempel, wenn vor

dessen Tür ein armer Bruder vor Hunger verschmachtet?

Darum sei euer Forschen vor allem nach dem Elend eurer armen Brüder

und Schwestern gerichtet; denen bringet Hilfe und Trost! Da werdet ihr in

einem Bruder, dem ihr geholfen habt, mehr finden, als so ihr alle Sterne

bereist hättet und Mich gepriesen mit Zungen der Seraphim!

Wahrlich, Ich sage es euch, alle Engel, alle Himmel und alle Welten mit

all ihrer Weisheit können euch nicht geben in Ewigkeit, was ihr erreichen

könnet, so ihr einem Bruder, der im Elende war, wahrhaft geholfen habt

nach aller eurer Kraft und nach allen euren Mitteln! Nichts stehet höher

und näher bei Mir denn allein nur die wahre, tätige Liebe!“

[GEJ.04_01,04-12]

„Seid darum stets und allzeit barmherzig, und ihr werdet dann auch bei

Mir eben allzeit Barmherzigkeit finden! Wie ihr euch verhalten werdet

gegen die armen Brüder und Schwestern, also werde auch Ich Mich

verhalten gegen euch. Ich sage und rate es euch allen: Seid voll

Dienstfertigkeit untereinander, überbietet euch im Wohltun, liebet euch

wahrhaft untereinander, also wie auch Ich euch liebe, so werdet ihr aller

Welt zeigen, dass ihr wahrhaft Meine Jünger und in eurem Geiste vollends

Meine wahren Kinder seid.“

„Dies ist die Bestimmung aller Meiner Kinder, dass sie sich hier auf

dieser Erde gleichfort üben sollen im einstigen großen Geschäfte in

Meinen Himmeln; denn dort wird alles und allein nur die Liebe zu tun

haben, und jede Weisheit, die nicht dem Flammenlichte der Liebe

entstammt, wird in Meinen Himmeln für immer und ewig nie eine

Aufnahme finden und ebenalso auch nichts zu tun bekommen!“

[GEJ.04_097,08-09]

„Wer da schon seinen Not leidenden Nächsten nicht liebt, den er doch

sieht, wie wird er dann Gott über alles lieben, den er nicht sieht?

Gottesliebe von Seiten des Menschen ist bedingt durch die Liebe zum

Nächsten. Wer da sagt, dass es zur Seligkeit genüge, nur Gott allein über

alles zu lieben, dabei aber vor seinem armen Nächsten Herz und Tür


GL 5/2004 Von der tätigen Nächstenliebe 7

verschließt, der ist in größter Irre! Denn die Liebe zu Gott ist ohne die

Liebe zum Nächsten ewig nicht denkbar und auch nicht möglich.

Darum liebet eure Nächsten, weil sie, gleich wie ihr, Gottes Kinder sind,

und ihr werdet dadurch auch Gott über alles lieben!“ [GEJ.10_140,04]

„Wie aber kann der Mensch in sich erfahren, dass er in der reinen Liebe

nach der göttlichen Ordnung sich ganz getreulich befindet?

Der Mensch prüfe sich, so er einen armen Bruder oder eine arme

Schwester sieht oder diese gar zu ihm um einen Beistand kommen, ob es

ihn in seinem Herzen ganz offenliebig zum Geben freudigst und maßlos,

seiner selbst ganz vergessend drängt! Verspürt er solches in sich, und das

natürlich ganz vollkommen ernstlich und lebendig, so ist er als ein wahres

Gotteskind schon reif und fertig, und die gemachten Verheißungen, die

ein sogestaltig fertiges Gotteskind zu gewärtigen hat, beginnen da in die

volle Realität zu treten und sich als wunderbar in Rede und Tat zu zeigen,

und ihr werdet dadurch gerechtfertigt als Lehrer vor euren Jüngern

erscheinen.

Jene Jünger aber, bei denen die Verheißungen nicht offenbar werden,

werden sich danach zu richten und es sich selbst zuzuschreiben haben, so

bei ihnen die gemachten Verheißungen noch immer nicht zur Sicht

gekommen sind; denn sie haben ihr Herz noch nicht völlig geöffnet der

armen Nächstenmenschheit.

Die Liebe zu Gott und die freiwillige Befolgung Seines erkannten

Willens sind das eigentliche Element der Himmel im Menschenherzen.

Es ist das die Kammer und die Wohnstube des göttlichen Geistes in

einem jeden Menschenherzen; die Nächstenliebe aber ist das Tor in

diese heilige Wohnstube.

Dieses Tor muss ganz geöffnet sein, damit Gottes Lebensfülle in solche

Stube einziehen kann, und die Demut, Sanftmut und Geduld sind die drei

weit geöffneten Fenster, durch die vom mächtigsten Lichte aus den

Himmeln die heilige Wohnstube Gottes im Menschenherzen allerhellst

erleuchtet und mit aller Lebensfülle aus den Himmeln durchwärmt wird.

Alles liegt demnach an der freien und freudigst offensten Nächstenliebe;

die höchstmögliche Selbstverleugnung ist die Offenbarung der

Verheißungen selbst. – Da habt ihr nun die rechte Antwort auf die

allerwichtigste Lebensfrage. Überdenket sie und tut danach, so werdet ihr

gerechtfertigt vor euch selbst, vor euren Brüdern und vor Gott dastehen!

Denn was nun der Herr Selbst tut, das werden auch die Menschen tun

müssen, um Ihm ähnlich und also Seine Kinder zu werden.“

[GEJ.03_241,05-10]


8 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

Heilung durch Vergebung

Hans-Gerd Fischer

Auf der Lorbertagung in Hohenwart wurde ausführlich über das

Thema „Heilen durch Vergebung“ gesprochen. Alle Informationen in

diesem Artikel unterzubringen, würde den Rahmen dieses Heftes

sprengen. Aus diesem Grunde haben wir im GL Heft Nr. 2 Seite 58

„Vergebung kann erlernt werden“ mit diesem sehr wichtigen Thema

begonnen, und es im GL Heft Nr. 3 Seite 55 „Neuer Forschungszweig -

Verzeihen als Wunderheilmittel“ fortgesetzt.

Heute ist Verzeihen und Heilung durch Vergebung nicht mehr so

unbekannt wie vor 15 Jahren, als ich auf diesen Heilungsansatz gestoßen

wurde.

Wollen wir zunächst mit Texten aus der Bibel beginnen. Laut

Konkordanz finden sich zu diesem Thema im Neuen Testament 51 und im

Alten Testament 57 Stellenangaben.

Im Matth. 18.21 finden wir folgende wichtige Passage:

„Da trat Petrus herzu und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder

vergeben, welcher gegen mich sündigt? Bis siebenmal?

Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, nicht bis siebenmal, sondern bis

siebzigmalsiebenmal!

Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen

Knechten rechnen wollte. Und als er anfing zu rechnen, ward einer vor ihn

gebracht, der war zehntausend Talente schuldig. Da er aber nicht bezahlen

konnte, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles,

was er hatte, zu verkaufen und also zu bezahlen. Da warf sich der Knecht

vor ihm nieder und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles

bezahlen! Da erbarmte sich der Herr dieses Knechtes und gab ihn frei und

erließ ihm die Schuld.

Als aber dieser Knecht hinausging, fand er einen Mitknecht, der war

ihm hundert Dinare schuldig; den ergriff er, würgte ihn und sprach:

Bezahle, was du schuldig bist! Da warf sich sein Mitknecht nieder, bat ihn

und sprach: Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen! Er aber

wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt

hätte, was er schuldig war.

Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr

betrübt, kamen und berichteten ihrem Herrn die ganze Geschichte. Da ließ

sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 9

Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest; solltest denn nicht auch

du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt

habe? Und voll Zorn übergab ihn sein Herr den Peinigern, bis er alles

bezahlt hätte, was er schuldig war.

Also wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr

nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen die Fehler vergebet.“

In Mark. 11.25 lesen wir: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebet,

wenn ihr etwas wider jemand habt, damit auch euer Vater im Himmel

euch eure Fehler vergebe. Wenn ihr aber nicht vergebet, so wird auch

euer Vater im Himmel eure Fehler nicht vergeben.“

Wem sind die wichtigen Bibeltext nicht in sein Herz geschrieben:

Vergebt, damit euch vergeben wird, tuet Gutes denen die euch

hassen, segnet die euch fluchen.

Na klar, wird jeder denken, Vergebung ist wichtig und wie gut ist es,

dass ich vergeben habe, bete ich doch schließlich jeden Tag im

Vaterunser: ,,Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben

unseren Schuldigern.“

So dachte auch ich, las ich doch mit großem Eifer das Lorberwerk,

hatte eine schöne und gesegnete Praxis, pflegte meine sieben

Viertelstunden usw. Aber was Vergebung wirklich bedeutet, dass musste

ich erst bitter erfahren.

Es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mitten in einer

Periode intensiven Schaffens brach mein Rücken einfach durch, ich hatte

wenigstens das Gefühl durchzubrechen. In einem Eheberatungsgespräch

bekam ich solche rasenden Schmerzen, dass ich im wahrsten Sinne des

Wortes zu Boden ging. Irritiert schaute mich das Paar an und nach, als ich

auf allen Vieren aus der Praxis kroch. Die 10 Meter bis zur Haustüre und

die 15 Treppenstufen bis ins Bett war eine unendliche Qual. Das Paar kam

übrigens nicht mehr wieder.

Da lag ich nun zum zweiten Male innerhalb eines Jahres mit wirklich

rasenden Schmerzen im Bett. Beim ersten Mal bekam ich diese

Schmerzen einen Tag nach dem mir eine Patientin im Beisein ihres

Mannes heftigste Vorwürfe machte und mir die Schuld für Ihre schwere

Erkrankung gab. Ich befand mich im freien Fall, sah ich doch meine

schöne, erfolgreiche Praxis zusammenbrechen. Sollte meine Mutter doch

Recht bekommen mit der Prognose: Aus dir wird nie etwas, du landest

sowieso im Knast.

Ich kam nicht in den Knast und hatte mich trotzdem das ganze Jahr

nicht von der ersten Schmerzattacke erholt, mühsam konnte ich meine


10 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

Arbeit aufrechterhalten. Schmerzmittel traute ich mich nicht zu nehmen,

beim ersten „Hexenschuss“ ließ zwar nach einer Aspirin der Schmerz

nach, aber mein Bein wurde total taub. Nun schleppte ich mich durch den

Druck der Familie nach 10 Tagen strengem Liegen zur Untersuchung und

kam, wie sich jeder denken kann, mit der Diagnose ‚Bandscheibenvorfall‘

wieder nach Hause. Die Bandscheibe war tropfenförmig in den

Nervenkanal gedrückt. Entgegen eindringlicher Empfehlungen ließ ich

mich nicht operieren, kroch wieder frustriert in mein Bett und blieb noch

zwei Wochen liegen. In meiner Praxis war mittlerweile das totale Chaos

ausgebrochen. Nach insgesamt vier Wochen Bettruhe begann ich wieder

mit der Praxisarbeit.

Viele Patienten hatte ich in den davor liegenden 10 Jahren selbst mit

Rückenschmerzen aller Art behandelt. Überlastung, sich ein Bein

ausreißen, nicht nein sagen können, nicht das Lustgefühl leben etc., waren

ja auch meine Argumente für Rückenschmerzen.

Ich will es euch ersparen aufzuzeigen, was ich alles unternommen

hatte, um von diesen Schmerzen loszukommen, u. a. hatte ich meine

Praxis halbiert und wirklich gute Therapeuten aufgesucht. Leider hatte es

auf mein Wohlbefinden keinen Einfluss. Es war total enttäuschend

festzustellen, dass nichts, wirklich nichts half. Mittlerweile waren drei

Jahre vergangen und der Schmerz hatte mir nicht nur mein

Selbstbewusstsein geraubt, sondern mich auch total zermürbt und ich hatte

das Gefühl, obwohl erst 46, ein alter Mann geworden zu sein.

Abend für Abend lag ich im Bett und betete zu Jesus - Er möge mir

doch die wahre Ursache für den Schmerz aufzeigen - fühlte ich, dass nicht

der Bandscheibenvorfall die Ursache für die Schmerzen war, sondern das

was ganz anderes hinter diesem Schmerz steckte. Die Hilfe des Himmels

kam eines Nachts durch einen Traum. In diesem Traum sah ich mich als

76-jährigen Mann, der tief gebeugt, herzkrank, voll Gicht und depressiv

war. Ein Mann klärte mich über meinen Zustand auf und sagte: ,,Hans-

Gerd, du führst wirklich ein gläubiges Leben und Jesus ist deine Mitte,

aber du vergibst nicht den Menschen, die dich verletzt haben. Lerne

Vergebung und deine Schmerzen lösen sich langsam auf. Merke es dir,

jeder Schmerz im Rücken und Bewegungsapparat ist eine nicht

vergebene Lebenssituation, nicht nur bei dir sondern bei jedem

Menschen.“

Ich erwachte und war wie vom Donner gerührt. Da standen sie alle vor

mir, die ich tief im Herzen ausgrenzte, die mich verletzt, gekränkt oder

gedemütigt hatten. In dieser Nacht begriff ich, dass ich was ganz


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 11

entscheidendes in meinem Leben und auch in meiner Praxis übersehen

hatte. Vergebung und Versöhnung, dass war mir als Hilfe und

Auflösung von Krankheiten, insbesondere von Schmerzen wirklich neu.

Wie es der „Zufall“ will, am nächsten Morgen kam eine Patientin zu

mir mit einem chronischen Schulterschmerz. Ganz erfüllt und selig von

meinem Traum gingen wir noch einmal die Anfänge ihres

Schulterschmerzes durch und sie erklärte, dass sie diesen Schmerz schon

als junges Mädchen erlebte, als sie bei ihren Großeltern stricken musste,

dafür habe sie u.a. die Großeltern gehasst und tue dies noch immer,

obwohl sie schon lange tot sind. Ich erklärte ihr den Zusammenhang

zwischen Schmerzen und Vergebung, riet ihr, einen Blumenstrauß zu

kaufen, den Friedhof aufzusuchen und ihren Großeltern zu vergeben. Die

Dame zeigte mir den Vogel und rauschte süß-säuerlich aus meiner Praxis

und kam nie wieder.

In der Offenbarung Jesus durch Jakob Lorber finden wir viele

Hinweise auf dieses wirklich wichtige Thema, z.B. schauen wir uns die

Eingangstexte zum Robert Blum an.

Wie wir wissen wurde Robert Blum erschossen und kam völlig

unvorbereitet im Jenseits an. Erinnern wir uns an seine ihn einhüllende

Dunkelheit, sein freies Schweben im Raum sowie an seine langen

unsinnigen Selbstgespräche.

Im Kap.7 fühlt er einen warmen Zug zu Jesus und alle die diese Bücher

gelesen haben wissen, dass so er den Namen Jesus aussprach, ein heller

Blitz durch die Dunkelheit zuckte. Im Kap. 8 bemerkt er:

„Es ist überhaupt merkwürdig, dass ich nun meinen doch gerechtesten

Zorn und mein Rachegefühl nicht halten kann! Es wandelt sich manchmal

ganz in eine Art großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert. Aber

wenn ich die Sache recht fasse, ist das doch eigentlich wieder echt

deutsch! Nur der Deutsche kann vergeben. Und das ist eine herrliche

Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist!

Wer kann zu seinem Mörder sagen: ,Freund, du hast Übles an mir

getan, aber ich vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!‘ Das kann

Robert! Ja, Robert kann es nicht nur, er tut es auch! – Bruder Alfred, der

du mich hast schändlich ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an

dir ewig keine Rache nehmen, und könnte ich es auch tausendfach tun! –

Ja, höre es ganz Deutschland: Robert Blum hat seinem und also auch

deinem Feinde die Untat vergeben!

Ah, nun ist mir auf einmal leichter! Hm, ich bewundere selbst meine

Größe, das ist ein großes Labsal für mich! Zwar sagt die Mythe das


12 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

ebenso von dem großen Völkerlehrer, der auch am Kreuz seinen Feinden

alle ihre Untaten vergab. Aber in ihm war sicher auch eine echt deutsche

Seele zu Hause, sonst wäre er solcher Charaktergröße kaum fähig

gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl nie zu eigen

gewesen. Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein

Deutscher!“ [RB.01.008.05-07]

Wieder dieser starke Blitz und langsam dämmert es ihm, dass er

gestorben ist, wobei die ganze Hohlheit seiner Philosophie ihm immer

bewusster wird.

Als Robert nun da fest vor Jesus steht, betrachtet er Jesus vom Kopfe

bis zu den Zehenspitzen und findet in Ihm richtig und ganz unverkennbar

den Jesus, den er da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen

Anzug und auch mit den Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in

seiner Phantasie ausgemalt hatte. [s. RB.01_014,01]

Nachdem er Jesus eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm

Tränen aus seinen Augen zu rollen. Wie sehr liebte er Jesus wegen dessen

Armseligkeit, tiefstes Mitleid erfasste sein Herz, als er von der

Kreuzigung Jesus sprach und von dessen Vergebung an seinen

Widersachern. [s. RB.01_014,02]

Jesus reicht Robert die Hand „Sei Mir vielmals gegrüßt, Mein lieber,

teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei froh, dass du Mich gefunden hast

und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, dass du Mich

liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und weisesten

Menschen hältst. Alles andere lasse von nun an ganz Mir über. Ich gebe

dir die heiligste Versicherung, dass am Ende alles, mögen uns was immer

für Begebnisse noch entgegenkommen, gewiss überaus gut ausgehen

wird.“ [RB.01_014,09]

Jesus spricht Robert auf seinen Tod an und sagt: „Aber so viel Mir

bekannt, bist du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten

Zweckes von deinen Feinden ergriffen und bald darauf hingerichtet

worden. Dass dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes

zornsprühend muss ergriffen und mit einer billigen Rachegier dein Herz

erfüllt haben, finde Ich so natürlich, dass sich darob gar nichts einwenden

lässt! Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich selbst

zum Tod verurteilte, unter deine nun schon mächtig gewordenen Hände

bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer, sage Mir ganz

getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?“

Spricht Robert: „Edelster Freund! Dass ich im Augenblick, als dieser

aller Menschenliebe ledige Wüterich mich dem abgefeimtesten


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 13

Verbrecher gleich behandelte, in größte Zorn- und Rachewut geriet – das,

glaube ich, muss ein jeder billig denkende Geist gerecht finden. Aber nun

ist bei mir Verzeihung schon lange eingetreten. Ich wünsche daher für

diesen Blinden wahrlich nichts anderes, als dass er sehend würde und

erkennen möchte, ob er an mir recht oder unrecht gehandelt hat.

[RB.01_015,01]

„Konntest du, mein edelster Freund, sogar mit voller Empfindung aller

Marterschmerzen deinen Peinigern vergeben, um wie viel mehr ich, der

ich doch im Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen

Marterschmerz bezeichnen könnte.“ [RB.01_015,03]

„Daher könnte mein irdischer Großfeind nun auch vor mir erscheinen,

und ich würde zu ihm nichts sagen, als was du bei deiner Gefangennahme

im Garten Gethsemane zu Petrus sagtest, als er dem Knechte Malchus ein

Ohr abhieb.“ [RB.01_015,04]

Ist es nicht schön zu sehen, dass Robert sich erst in seinen Herzen

bewegt, als er einen warmen Zug zu Jesus in sich verspürt. Da kann er aus

sich heraus mit der Vergebung beginnen. Der herrliche Dialog mit Jesus

und die Hinführung zur Vergebung sind für Robert der Auftakt zu seiner

Vollendung durch die tiefe Liebe zu Jesus.

Vergib, damit dir vergeben wird!

Nun sind weitere 10 Jahre vergangen, Heilung durch Vergebung und

Versöhnung ist zum Zentrum meiner Arbeit innerhalb der sich daraus

entwickelten ‚Seelischen Balance‘ geworden. Tag für Tag suche ich mit

meinen Patienten ihre tiefen seelischen Einschläge auf und erarbeite mit

Ihnen einen Lösungsansatz, der letztlich in der Vergebung mündet. Eine

zwar anstrengende aber sehr befriedigende Arbeit. Meine Schmerzen

haben sich, nachdem ich u.a. meinem Vater und meiner Mutter (was die

dickste Hürde war) vergab, ohne weitere Therapie langsam in

Wohlgefallen aufgelöst.

Wer nun glaubt, dass sein Tennisarm vom Tennisspielen, sein

Rückenschmerz vom Verheben, sein Knieschmerz von Überanstrengung,

sein Schulterschmerz vom Verrenken etc. kommt, der glaubt auch, dass

ein Zitronenfalter Zitronen faltet. Natürlich sind es vordergründige

Auslöser, aber es sind nicht die wirklichen Ursachen. Der Rückenschmerz

ist in Deutschland mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden, und

wenn man genau hinschaut, so erlebt man oft Kränkung, Verbitterung,

Demütigung, Hass etc., die dahinter stecken.

Viele glauben, dass die Zeit die Wunden heilt. Das dachte auch die

84jährige Dame mit ihrer schrecklichen schmerzhaften Gürtelrose. Als ich


14 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

ihr nach einem langen Gespräch als Schmerzlinderung den Rat gab, ihrem

Schwiegersohn zu vergeben, der sie vor langer Zeit tief gekränkt hatte,

sprang sie auf und rief: „niemals, lieber sterbe ich“, was sie dann auch tat,

vier Wochen später, verbittert und unversöhnt

Wer nicht zu verzeihen versteht, zerstört die Brücke, die er selbst zu

passieren haben wird.

Die Bereitschaft zu vergeben ist der Einstieg für den Ausstieg aus

Kränkung, Verbitterung, Zorn und Hass.

Hassen, das tat auch ein Mann, im Endstadium Krebs, seine Frau, die

ihn vor 25 Jahren hoch verschuldet verlassen hatte. Heftigste Schmerzen

peinigten ihn, sein Leberkrebs war überall hin metastasiert, schwerste

Schmerzmittel halfen kaum. 25 Jahre hatte er seine geschiedene Frau

nicht mehr gesehen. Auf meine Frage, was er machen würde, wenn er ihr

im dunkeln begegnen würde, antwortete er spontan: „Ich würde sie sofort

kaltmachen.“ In einem längeren Gespräch konnte ich ihm den

Zusammenhang zwischen Schmerzen und Nichtvergebung klarmachen.

Nachdem er seiner früheren Frau in einem Brief, den er mir gab, vergeben

hatte, ließen die Schmerzen dramatisch nach. Er ist dann relativ friedlich

gestorben.

Eine Frau, die von ihrem Vater schwer missbraucht wurde, antwortete

auf meine Frage: „Was würden sie am Ufer stehend tun, wenn ihr Vater

am Ertrinken ist?“ Antwort: „Salzsäure reinschütten.“ Ihre Krankengeschichte

will ich euch ersparen.

Ein 19-jähriges Mädchen kam mit einem ätzenden, ihre Hemden

zerfressenden, stark stinkendem Schweiß in die Praxis. Ihr Hass auf ihren

Vater, der sie als Kleinkind verlassen hatte, war so groß, dass sie ihm den

Tod wünschte.

Hass zersetzt wie Salzsäure alles im Menschen. Man muss also nicht

immer Schmerzen haben, um auf die Vergebung hingewiesen zu werden.

Glaubt nicht, dass dies Einzelfälle sind. Jeder ist aufgerufen sich

genau zu prüfen, wo er noch nicht vergeben oder um Vergebung gebeten

hat. Im Sinne einer Tellermine können auch ganz alte Nichtvergebungen

hochkommen.

Ich male den Menschen, die mich aufsuchen immer ein Dreieck auf

und erkläre es ihnen genau.

Immer läuft Vergebung innerhalb dieses Dreiecks ab. Wenn wir z.B.

das Thema Abtreibung genau betrachten, so ergibt sich ein ganz

dramatisches Bild. Ich habe bisher ausgesprochen viele Frauen und

wenige Männer mit diesem schweren Leid begleitet. Es ist immer wieder


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 15

Jesus

Selbst

Gekränkter

ein Erlebnis, wenn sie ihren abgetriebenen Kindern einen Brief schreiben,

sich Gott zuwenden und Ihn um Vergebung bitten und dann trotzdem

nicht heil werden. Sie haben sich vergessen oder trauen sich nicht, sich zu

vergeben. Aber wenn auch dieser Schritt vollzogen ist, kann man die

erstaunlichsten Heilungen erleben.

Oft ist es ein langer Weg bis zur Vergebung, z.B. bei einer

Vergewaltigung, einem Missbrauch oder einer Abtreibung. Ein

Heilungshindernis ist ,dass viele sich ihren Groll auf Gott nicht

eingestehen wollen, z.B. wenn ein kleines Kind aus dem Leben der

Familie gerissen wurde. Am allerschwierigsten ist, nachdem man

vergeben hat, sich selbst zu vergeben

Stolz, nicht die tiefe der Verletzung selbst, ist das einzige wirkliche

Hindernis nicht an die Vergebung zu gelangen. Wir wissen durch das

Lorberwerk, dass nur die Eigenliebe in uns verletzt wird, dies ernüchtert

auch mich immer wieder und lässt mich zu den Wurzeln der Gottesliebe,

die der Eigenliebe gegenübersteht, eilen.

Schauen wir uns noch einmal einen sehr nachdenkenswerten Text aus

der „Geistigen Sonne“ Band 2 an.

Im letzten Drittel der Geistigen Sonne führt uns der liebe Bruder

Johannes in das jenseitige Kinderreich, wo wir hautnah die Erziehung der

Kinder erleben dürfen. Nach den 10 Hauptgeboten und den zwei

Liebesgeboten bekommen sie tiefe Einblicke in himmlische und höllische

Zustände, u.a. lesen wir:

Daher heißt es auch in der Schrift, dass sich ein jeder gar wohl prüfen

soll, und: es ist nichts so verborgen und so Geheimes im Menschen, dass

es dereinst nicht laut von den Dächern der Häuser verkündet würde. Das

will sagen: Der Mensch hat nichts so vollkommen Allerinwendigstes in

sich, dass es sich im absolut geistigen Zustande nicht äußerlich

erschaulich beurkundet. Aus diesem Grunde ist einem jeden Menschen

nachdrücklich zu raten, alle freundlichen und feindlichen

Verhältnisse, in denen er sich je befunden hat, genauest zu prüfen,

welche Wirkung sie auf sein Gemüt ausüben würden, so er in diese

zurückversetzt würde. Denn darauf muss sich ein jeder hier auf der Erde


16 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

lebende Mensch gefasst machen, dass er jenseits im absolut geistigen

Zustande in alle jene verhängnisvollen Zustände lebendigst versetzt wird,

welche ihm hier als die größten Steine des Anstoßes galten; – denn der

Herr Selbst ist mit diesem Beispiele vorangegangen. [GS.02_116,05]

Zuerst wurde Er auf der Welt von Seinen Feinden gerichtet und

inmitten von Missetätern gekreuzigt, dann stieg Seine wesenhafte Seele

nicht sogleich auf in den Himmel, sondern hinab zur Hölle, wo Seine

größten Feinde Seiner harrten, wennschon auch manche alten Freunde wie

die alten Väter und gar viele Propheten und Lehrer. –

Wenn jemand auf dieser Welt nicht den letzten Heller zurückbezahlt

hat, wird er nicht vermögen, in das Himmelreich einzugehen. Darum

heißt es hier fleißig alle diese alten Schuldbücher durchgehen und

besonders diejenigen, welche das Wort Liebe als Aufschrift führen.

Liebeschulden sind für das Jenseits die hartnäckigsten. Ein Millionenraub

wird leichter aus der geistigen Gedächtniskammer vertilgt als eine

Liebeschuld. Warum? Weil ein Millionenraub nur eine äußere, den Geist

nichts angehende, große Verschuldung ist; aber die Liebeschuld betrifft

zumeist den ganzen Geist, weil alles, was Liebe ist, das eigentliche Wesen

des Geistes ausmacht. Aus diesem Grunde ist für den Menschen auf dieser

Welt nichts so gefährlich, wie das so genannte „Verliebtwerden“; denn

dieser Zustand nimmt den ganzen Geist in Anspruch. [GS.02_116,06-07]

Nun brauchen wir nicht zu warten bis wir im Jenseits angekommen

sind, sondern wir können schon hier diese grundsätzliche Arbeit leisten.

Es lohnt sich, in einer Art Bilanz sein Leben zu betrachten und einmal

genau seine Wunden aufzuschreiben.

1. Wunden, die uns geschlagen wurden

2. Wunden, die wir anderen schlagen

3. Wunden, die wir uns selbst schlagen

1. Wunden, die uns geschlagen wurden

Hierzu gehören zunächst die Lasten aus den Generationen, die sich in

Form von Schuld und Sünden bis in das 4 oder 7 Glied vererben. Weiter

fallen hierunter alle seelischen Verletzungen, die ab der Zeugung

beginnen, wie z.B. Ablehnung des Kindes bis hin zum Abtreibungsversuch,

Verlust des Zwillings, Trennungen der Eltern etc.,

Geburtstraumen, Isolationserlebnisse durch Brutkasten, Säuglingsstationen,

Trennung, Adoption. Weiterhin schwere seelische Verletzungen

in den ersten Jahren. Die späteren seelischen Wunden sind ja meistens nur


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 17

Wiederholungen frühkindlicher Traumen.

2. Wunden, die wir anderen schlagen

Hierzu gehört die gesamte Palette des zwischenmenschlichen Mülls,

wie wir sie auch im Galaterbrief 5.20.ff. finden können: Feindschaften,

Zank, Eifersucht, Gehässigkeiten, Hetzereien, Spaltungen, Entzweiungen,

Missgünstigkeiten sowie Ehebruch, Ehreabschneidung, Verleumdung etc.

In Gal. 5,15 sagt Paulus: „Wenn ihr aber einander beißt und zu fressen

sucht, dann gebet acht, das ihr voneinander nicht vollends verschlungen

werdet.“ Sicher ist hier jedem klar, was er sät, das erntet er auch.

3. Wunden, die wir uns selbst schlagen

Hierunter fallen alle Leidenschaften und Begierden, die uns selbst

betreffen und dann erst indirekt den Nächsten, z.B. Fraß, Völlerei,

Trinkerei, Unzucht, Götzendienst, Habgier, Zorn und geistige Trägheit,

Geiz, Neid, Lüge, Hochmut.

Wie verhalten wir uns in der Regel? Wir verstecken diese

Hauptwunden hinter unserer Maske und verschließen sie im Herzen.

Sichtbar werden für uns nur die Folgen als das sind; je nach Hauptwunde

z.B. Schuld, Gewissensbisse, Ängste, Abhängigkeiten, Leid, Krankheit

oder Verletzung, die zu Ärger, Kränkung, Verbitterung, Verachtung und

Hass führen. Welch ein Stress damit zu arbeiten, seine Familie zu

versorgen und in der Gesellschaft zu leben.

Nun lesen wir im Werk „Robert Blum“, dass es Jesu große Sehnsucht

ist, die verwundeten Herzen der Menschen zu heilen:

„Die Gerichte des Herrn sind ein Balsam zur Heilung aller Wunden,

die je einer Seele geschlagen worden sind!“ [RB.02_275,09],

An einer anderen Stelle spricht Jesus: ,,Ich bin der Weg, die Wahrheit

und das Leben. Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich

will euch erquicken.“

Keine wirkliche Heilung der „Inneren Wunden“ geschieht ohne Jesus,

wie die Therapie auch heißen mag. Anders formuliert, ohne Jesus läuft

hier wirklich gar nichts.

Ich suche mit meinen Patienten diese inneren Wunden auf und lass sie

u.a. ihre Kränkung oder seelische Verletzung erkennen. Die Erkenntnis

verletzt worden zu sein oder verletzt zu haben, ist der erste Schritt zur

Vergebung. Wir müssen aber nicht ständig zu irgendwelchen Therapeuten

laufen, sondern wir können dies auch mit einem guten Freund, einem

Vertrauten bewältigen. Meiner Erfahrung nach ist das stille Kämmerlein,


18 Heilung durch Vergebung GL 5/2004

wo ich es nur mit Jesus „ausmache“, eher ein kneifen. Wir müssen uns

schon vor der Welt demütigen, wie peinlich uns das auch sein mag.

In einem Brief formulieren sie Zuhause noch einmal die seelische

Verletzung und zum Schluss reichen sie im Herzen demjenigen, der sie

verletzt hat, die Hand. Manchmal wird der Brief abgeschickt, vergraben,

verbrannt oder zum Friedhof gebracht.

Warum einen Brief schreiben, werdet ihr vielleicht denken. Meiner

Erfahrung nach ist ein Brief ein wirklich gutes Werkzeug, weil die

Gedanken kanalisiert werden und nach außen austreten können.

Der große Heilungsansatz: „Vergib, damit dir vergeben wird“,

ebenfalls durch Jesus uns gegeben, wird leider landauf landab übersehen

oder nur unvollständig angewandt. Wie die Krankheit auch heißen mag,

insbesondere wenn sie mit Schmerzen verbunden ist, deren Ursache sind

„Nichtvergebungen“. Nichtvergebungen stellen Heilungshindernisse

ersten Grades dar.

Wie genial weist Jesus u.a. in der Bergpredigt den Weg dazu: „Wenn

ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird auch euer Vater eure

Verfehlungen nicht vergeben.“

Vergebung ist der Schlüssel zur Heilung aller möglichen Gebrechen,

die mit Kränkung, Verbitterung, Verachtung und Hass verbunden sind.

Zum Beispiel der Scheidungskrieg und seine Folgen. Wie oben schon

erwähnt sind „Liebesschulden“, die Schulden, die uns am

hartnäckigsten verfolgen. Zu diesem Komplex gehört auch die

Aussöhnung mit den Eltern.

Zu diesem Thema hier noch ein Text von Franz Jalis: Unsere tiefsten

Verletzungen stammen aus unserer Kindheit und sind mit unseren Eltern

verbunden.

Fehlende Wärme in frühester Kindheit, Autoritätskonflikte,

Abwesenheit der Eltern bedingt durch Arbeit, Scheidung oder Tod lassen

tiefe Wunden zurück, die wir nicht leicht verdauen, verarbeiten oder gar

verzeihen können.

Versöhnung ist aber möglich und lebensnotwendig. Die Versöhnung

mit unseren Eltern hängt von uns ab. Die Verletzungen, die uns betreffen,

liegen nicht in ihnen, sondern in uns. Auch wenn es hart klingen mag, es

kommt in erster Linie nicht darauf an, dass die Eltern sich ändern. Das

Problem befindet sich in uns, in unseren Herzen.

Der größte Schmerz ist nie die Verletzung selbst, die in uns eingraviert

ist. Der bitterste Schmerz ist, dass wir denjenigen, der uns Leid zugefügt

hat, nicht mehr richtig lieben können.


GL 5/2004 Heilung durch Vergebung 19

Oft hört man, dass Jugendliche oder junge Erwachsene aus Groll gegen

ihre Eltern verkünden, dass sie aus ihrer Kindheit gelernt haben und mit

ihren eigenen Kindern nicht dieselben Fehler begehen werden. Es ist eine

alte Erfahrung, dass gerade diese Menschen die Fehler ihrer Eltern

wiederholen. Solange man seinen Eltern nicht vergeben hat, bleibt

dasselbe Handlungsmuster bestehen, ob man will oder nicht.

In vielen Jahren Praxis, habe ich die schönsten Heilungen erlebt, wo

Vergebung der Schlüssel war. Dabei fiel mir auf, je „frommer“ um so

verbitterter.

Zum Schluss möchte ich euch ein kleines Erlebnis erzählen, welches

ich selbst erlebt habe.

Mein Freund und ich wandelten in Israel auf den Spuren Jesu.

Irgendwann kamen wir auf Nichtvergebung und seine dramatischen

Folgen zu sprechen und er erzählte mir von einer Begebenheit aus seiner

Jugend, wo er vor der Klasse für eine Tat geradestehen sollte, die er auch

wirklich begangen hat. Auf Jehova schwörend hat er seinen Freund

bezichtigt, diese Tat begangen zu haben. Die Freundschaft zerbrach und

durch einen Schulwechsel hat er bis heute jeden Kontakt mit ihm verloren.

Wir haben uns dann auf die Suche gemacht, doch leider war dieser

junge Mann im Sechs-Tage-Krieg als Pilot ums Leben gekommen. In der

Negev-Wüste angekommen, schrieb mein Freund einen Brief an den

Verstorbenen und bat ihn um Vergebung. Auf einen Aussichtturm zeriß er

den Brief in kleine Teile und ließ sie vom Wind, der stark ging,

wegtragen.

Stellt euch vor, gegen den Wind kam ein kleiner Papierschnitzel

zurück und flog vor unsere Füße, auf ihm stand das Wort „Vergebung“.

Ich wünsche dir im Namen Jesu: „Vergib, damit dir vergeben

wird.“

„Wer einen Fehler in sich als solchen erkennt und ihn ablegt,

dem ist er auch schon vergeben für immer, und wer sich darauf

zu Mir kehrt, dem ist jeder doppelt vergeben!

Wer aber seinen Fehler wohl erkennt, ihn aber behält in seiner

Natur, dem ist er nicht vergeben, und käme er auch hundert

Male zu Mir!“ [GEJ.03_165,05-06]


20 Die Wolke des Nichtwissens GL 5/2004

Die Wolke des Nichtwissens

Es ist jene Wolke, in der der Mensch eins wird mit Gott.

Ein Buch über die kontemplative Meditation von einem

unbekannten englischen Mystiker des 14. Jahrhunderts

Die Stufen christlichen Lebens

Die vier Stufen christlichen Lebens,

auf denen Gott den Menschen ruft voranzuschreiten.

Lieber Freund, wenn ich das christliche Leben betrachte, scheint es

sich mir in vier Stufen zu entfalten. Ich nenne sie die Stufe des

gewöhnlichen Lebens, des besonderen Lebens, des außergewöhnlichen

Lebens und des vollkommenen Lebens. Die drei ersten Stufen können in

diesem Leben angestrebt und auch erreicht werden. Die vierte Stufe

dagegen kann zwar in diesem Leben begonnen werden, kommt aber in

Ewigkeit an kein Ende. Fällt dir auf, dass diese Stufen eine bestimmte

Reihenfolge haben? Ich glaube, unser Herr ruft dich, auf diesem

vierstufigen Weg voranzuschreiten. In deiner tiefen Sehnsucht nach ihm

erkenne ich seinen Ruf an dich.

Zusammen mit deinen Freunden hast du bisher ein ganz gewöhnliches

christliches Leben geführt. Mir aber ist deutlich geworden, dass die

unendliche Liebe Gottes, die dich einst aus dem Nichts erschuf und dich

dann durch das Blut Christi von Adams Schuld befreite, es nicht mehr

ertragen konnte, dich weiterhin so weit von ihm entfernt leben zu lassen.

Darum weckte seine grenzenlose Zuneigung in dir die Sehnsucht nach

ihm. Er band dich mit liebendem Verlangen an sich, zog dich näher zu

sich heran und rief dich in die besondere Lebensweise. Er wählte dich

zum Freund, und zusammen mit seinen Freunden lernst du, den inneren

Weg entschlossener zu gehen, als das im gewöhnlichen Leben für dich

möglich war.

Doch er tat noch mehr für dich. Von Anfang an war seine Liebe zu dir

so groß, dass er sich auch damit nicht begnügte. Und was tat er? Spürtest

du nicht, wie liebevoll und behutsam er dich auf die dritte Stufe emporhob

und dich zum außergewöhnlichen Leben berief? Nun lebst du in der

innersten Einsamkeit deines Seins und richtest deine ganze Sehnsucht auf

die letzte und höchste Stufe, die ich die vollkommene genannt habe.


GL 5/2004 Die Wolke des Nichtwissens 21

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Mahnung zu rechter Selbsteinschätzung,

zur Demut und Ermutigung zum kontemplativen Weg.

Bist du auch nur ein schwacher, sterblicher Mensch, fasse Mut und

mache dich auf. Versuche, dich selbst zu erkennen. Glaubst du, du bist

etwas Besonderes und habest die Zuneigung des Herrn verdient? Wie

kann dein Herz nur so schwerfällig und schläfrig sein, dass eine so große

Liebe und ein solcher Anruf es nicht wachrufen und an sich ziehen kann?

Ruhe dich nicht auf dem bisher Erreichten aus. Satan wird dir das

einzureden versuchen. Hüte dich vor seiner Hinterlist. Mache dir selbst

nichts vor und halte dich nicht für besser und vollkommener als andere

wegen deiner hohen Berufung, oder wegen der außergewöhnlichen Stufe

christlichen Lebens, die du erreicht hast. Wenn du mit Gottes Hilfe und

seiner Führung nicht alles tust, was in deiner Macht steht, um dieser

Berufung entsprechend auch zu leben, bist du der armseligste und

undankbarste Mensch. Bilde dir nichts ein, sondern sei Gott gegenüber um

so bescheidener, je mehr du bedenkst, dass er sich so tief herabgelassen

hat, dich zu rufen, er, der Allmächtige, der König der Könige, der Herr der

Herren. Aus Liebe wählte er dich aus allen anderen zu seinem Freund. Er

hat dich auf saftige Weiden geführt, dich mit seiner Liebe genährt und dir

Kraft verliehen voranzuschreiten, um dein Erbe in seinem Reich in Besitz

zu nehmen.

Lass dich vom einmal eingeschlagenen Weg nicht abbringen. Schau

voraus, kümmere dich nicht um gestern, nicht um das, was du bisher

erreicht hast. Schau nur auf das, was vor dir liegt, so wirst du auf dem

rechten Weg bleiben. Eines ist jetzt entscheidend: Willst du

vorankommen, musst du eine ganze tiefe Sehnsucht nach Gott in dir

nähren. Diese Sehnsucht ist zwar letztlich mein Geschenk an dich, doch

an dir liegt es, sie zu vertiefen. Eines möchte ich dir sagen: Seine Liebe ist

eifersüchtig. Er wirkt in dir und duldet niemand neben sich. Er sucht

einzig dich und deine ganze ungeteilte Liebe und will, dass du ihn voll

gewähren lässt. Schließe die Türen und Fenster deiner Sinne, dass nichts

Schädliches und Störendes eindringen kann. Erbitte dir dazu seine Kraft,

dann wird er dich selber vor ihnen schützen.

Mache dich also auf! Ich möchte sehen, wie es dir ergeht. Gott ist

jederzeit bereit und erwartet deine Mitarbeit. Nun wirst du mich fragen:

„Wie soll ich vorgehen und womit soll ich beginnen?“


22 Die Wolke des Nichtwissens GL 5/2004

Liebende Versunkenheit

Anleitung zur kontemplativen Übung der Liebe,

die Gott am meisten gefällt.

Im folgenden will ich dir erklären, was du zu tun hast. Tu nichts

anderes, als dein Herz voll Vertrauen und Liebe Gott hinzuhalten.

Sehne dich nach ihm und nicht nach seinen Gaben. Lass es deine

einzige Sorge sein, mit ganzem Verlangen und ganzer Aufmerksamkeit

auf ihn ausgerichtet zu sein. Versuche mit allen Kräften, alles andere zu

vergessen. Beschäftige dich weder in deinen Gedanken noch in deinen

Wünschen mit irgendeinem von Gottes Geschöpfen und dem, was sie

betrifft - weder im allgemeinen noch im besonderen. Ein solches Tun

erscheint dir vielleicht nicht richtig. Doch ich sage dir: Löse dich innerlich

von allen Geschöpfen und schenke ihnen keine Aufmerksamkeit mehr.

Ich beschreibe dir hier das kontemplative Leben der Seele. Dieses

Leben gefällt Gott am meisten. Wenn du deine Liebe einzig auf ihn

richtest und alles andere vergisst, werden die Engel und Heiligen sich

freuen und dir in jeder Weise beistehen. Der Widersacher wird toben, sich

gegen dich stellen und dich hindern, so gut er kann. Von deinem Bemühen

werden alle Menschen Gewinn haben. Du wirst allerdings nie ganz

verstehen, wie das vor sich geht. Ja, selbst das Leiden der Seelen im

Reinigungsort wird dadurch erleichtert. Durch dein Mühen um

Kontemplation gewinnt deine Seele mehr an Reinheit und Kraft als durch

alle anderen Anstrengungen zusammen. Diese Übung scheint dir das

Einfachste der Welt zu sein, wenn Gott deine Seele mit fühlbarer Freude

erfüllt. Du übst gerne. Entzieht er aber seine Hilfe, fällt die Übung dir sehr

schwer, ja, sie erscheint dir fast unmöglich. Doch lass nicht nach und übe

solange, bis sie dir wieder Freude macht. Für einen Anfänger ist es

normal, nichts wahrzunehmen als ein gewisses Dunkel, das dein

Bewusstsein umgibt, wie eine Wolke, in der man nichts erkennt. Du

scheinst weder etwas zu erkennen noch zu spüren, außer einem reinen

Verlangen nach Gott, das im tiefsten Inneren deines Seins lebendig ist.

Gleich was du tust, dieses Dunkel und diese Wolke bleiben zwischen dir

und deinem Gott. Du bist zunächst enttäuscht, denn du kannst ihn weder

mit deinem Denken erfassen, noch fühlst du dich von seiner Liebe

überströmt. Versuche, dich in diesem Dunkel zu Hause zu fühlen. Sooft

du kannst, kehre in dieses Dunkel zurück und rufe nach dem, den du

liebst. Wenn du hoffst, Gott in diesem Leben schauen und erfahren zu

können, wie er in sich selbst ist, dann wisse, dass das nur im Dunkel


GL 5/2004 Die Wolke des Nichtwissens 23

dieser Wolke möglich ist. Wenn du, wie ich dir geraten habe, bestrebt

bist, einzig Gott zu lieben, alles andere zu vergessen, und damit zum Kern

der kontemplativen Übung vordringst dann bin ich sicher, dass Gott in

seiner Güte dich zu einer tiefen Erfahrung seiner selbst führen wird.

Reine Gegenwärtigkeit

Die Übung der kontemplativen Liebe ist einfach.

Sie kann jedoch nicht durch Denken erreicht werden.

Ich habe dir eine kurze Einführung in die Übung der kontemplativen

Liebe gegeben. Damit du nichts falsch verstehst und sicher vorankommst,

will ich dir nun mehr darüber sagen, soweit mir das möglich ist.

Diese Übung der Liebe verlangt nicht viel Zeit, wie manche behaupten.

Es ist die kürzeste Übung, die es gibt. Sie vollzieht sich im Nu, im Zeit-

Nu, von dem die Philosophen sagen, es sei die kleinste Zeiteinheit. Diese

Zeiteinheit ist so winzig und unteilbar, dass wir sie uns nicht vorstellen

können, und doch ist dieser winzige Augenblick von höchster Bedeutung,

denn von ihm heißt es: „Du musst über die Zeit, die dir gegeben ist,

Rechenschaft ablegen.“ Es ist richtig, dass du zur Verantwortung gezogen

wirst, denn dein Wille, deine bedeutendste geistige Fähigkeit, braucht nur

diesen winzigen Augenblick, um sich dem Erstrebten zuzuwenden. Wärst

du mit Hilfe der Gnade so wie der Mensch vor dem Sündenfall, du wärst

Herr über alle Regungen deines Wollens. Alle würden sich dem einzigen

Gut, dem Ziel alles Suchens, nämlich Gott selbst zuwenden. Hat er uns

doch nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen. In seiner

Menschwerdung hat er sich seiner Gottheit entäußert und ist ein Mensch

geworden wie wir. Nur Gott allein kann den Hunger und das Verlangen

unserer Seele wirklich stillen. Er hat durch seine erlösende Gnade die

Seele umgewandelt und befähigt, ihn in Liebe zu erfassen. Nur Liebe kann

ihn wirklich erkennen, weder der Verstand von Engeln noch von

Menschen kann ihn begreifen. Er ist zu klein, Gott so zu erkennen, wie er

in sich selbst ist. Alle vernunftbegabten Wesen, wie Engel und Menschen,

besitzen zwei entscheidende Fähigkeiten: Erkenntniskraft und Liebeskraft.

Den unerschaffenen Gott kann niemand mit seiner Erkenntniskraft ganz

begreifen. Wenn auch auf unterschiedliche Weise, kann ihn jeder kraft der

Liebe ganz erkennen. Das ist das endlose Wunder der Liebe, dass wir Gott

in der Liebe erfassen können, ihn, der alles, was er erschaffen hat, erfüllt

und umgreift. Dieses großartige Wunder der Liebe findet kein Ende, denn

der, den wir lieben, ist ewig. Wem es gegeben ist, anzunehmen, was ich


24 Die Wolke des Nichtwissens GL 5/2004

sage, nehme es sich zu Herzen, denn die Erfahrung dieser Liebe bedeutet

endlose Freude. Die Liebe zu verlieren bedeutet endlose Qual.

Werde dir mit Gottes Hilfe des ununterbrochenen Strebens deines

Wollens bewusst, lerne es auf ihn auszurichten, dann wirst du schon in

diesem Leben etwas von der ewigen Freude verspüren und im kommenden

ihre ganze Fülle erleben. Verstehst du jetzt, warum ich dich zu diesem

Leben der Liebe ermutigt habe? Ein solches Leben der Liebe wäre

selbstverständlich, wenn der Mensch ohne Sünde geblieben wäre. Der

Mensch war ja zur Liebe erschaffen und alles andere nur dazu, ihm diese

Liebe zu ermöglichen. Durch die schweigende Hingabe der Liebe wird

der Mensch wieder ganz und heil. Doch wer sich dieser Liebe versagt,

verfällt mehr und mehr dem Bösen und entfernt sich weiter und weiter

von Gott. Wer dagegen darin lebt, entfernt sich vom Bösen und wächst

immer tiefer in die Vertrautheit mit Gott. Es gibt nichts Kostbareres als

die Zeit, vergeude sie also nicht. Bedenke, dass du in einem einzigen

Augenblick den Himmel gewinnen oder verlieren kannst. Gott, der Herr

der Zeit, vertraut uns nie die Zukunft an. Er gibt uns nur die Gegenwart,

Augenblick für Augenblick, weil das das Gesetz der Schöpfung ist, das er

selbst nicht umstößt. Die Zeit ist für den Menschen geschaffen, nicht der

Mensch für die Zeit. Nie wird Gott, der Herr des Alls, den

Entscheidungen eines Menschen vorgreifen, die im Ablauf der Zeiten

einander folgen. Am Jüngsten Tag wird sich niemand entschuldigen

können und sagen: „Du hast mich mit der Zukunft überfordert, ich konnte

aber nur in der Gegenwart leben.“

Ich sehe, du wirst mutlos und fragst dich: „Was soll ich nur machen?

Wie soll ich meine Vergangenheit rechtfertigen, wenn das, was hier

gesagt wird, stimmt? Ich bin vierundzwanzig Jahre und habe bis heute

kaum auf die Zeit geachtet. Noch schlimmer ist, dass ich die Zeit nicht

ersetzen kann, selbst wenn ich wollte. Nach deinen Worten ist das ja

weder auf natürliche noch auf übernatürliche Weise möglich. Davon

abgesehen, weiß ich nur zu genau, dass ich auch künftig aus Schwäche

oder Bequemlichkeit den jeweiligen Augenblick wahrscheinlich nicht

wichtiger nehme als bisher. Ich bin ganz mutlos und möchte dich bitten,

mir um der Liebe Jesu willen zu helfen.“

Das hast du gut gesagt: um der Liebe Jesu willen. Deine einzige Hilfe

ist seine Liebe. Liebe will alles teilen. Wenn du Jesus liebst, gehört alles,

was er hat, dir. Er ist als Gott Ursprung und Herr der Zeit. Als Mensch hat

er sie in rechter Weise genutzt. Er ist daher als Gott und Mensch der

eigentliche Richter über den Gebrauch der Zeit. Binde dich darum in


GL 5/2004 Die Wolke des Nichtwissens 25

Glaube und Liebe an Jesus. Bist du sein, wird er alles mit dir teilen, und

du gehörst zu denen, die ihn lieben, deren Leben erfüllt ist. Deine Freunde

werden sein: Maria, die in jedem Augenblick ihres Lebens erfüllt war mit

göttlichem Leben, die Engel, die niemals Zeit vergeuden können, und alle

im Himmel und auf Erden, die mit Jesu Hilfe jeden Augenblick ihres

Lebens nützen für die Liebe. Darin liegt deine Kraft! Verstehe also, was

ich dir sage, und fasse Mut! Eines aber möchte ich dir zu verstehen geben:

Niemand kann echte Gemeinschaft mit Jesus, seiner Mutter, den Engeln

und Heiligen haben, wenn er nicht alles daransetzt, die Zeit mit der ihm

gewährten Hilfe zu nützen. Jeder muss das Seine tun, und sei es noch so

wenig, um die Bindung an den Herrn zu stärken, denn durch diese wird er

ja auch selbst wieder gestärkt. Vernachlässige diese schweigende

Hingabe der Liebe nicht. Beachte ihren unsagbaren Einfluss auf deine

eigene Seele. Ist ihre Liebe echt, zeigt sie sich in einer spontanen Regung,

die Gott plötzlich wie ein Funke entgegenspringt. Es ist erstaunlich, wie

viele solcher Funken aus der Seele eines Menschen zu Gott aufglühen,

wenn er in dieser Übung fortgeschritten ist. Es kann durchaus sein, dass

nur eine einzige spontane Regung wirklich frei ist von jeglicher

Anhänglichkeit an geschaffene Dinge. Oder anders ausgedrückt: Kaum

hat sich jemand Gott in liebender Hingabe zugewandt, da zerstreuen ihn

die Gedanken an seine menschliche Schwäche durch Erinnerungen an

Dinge oder Pflichten. Das macht nichts! Er wird schnell wieder in eine

tiefe Sammlung zurückkehren.

Nun wollen wir den Unterschied herausstellen zwischen

Kontemplation und dem, was äußerlich so ähnlich aussieht, nämlich:

Träumen, Phantasieren, versunkenes Nachdenken. Diese entspringen

einem verträumten, einfallsreichen und wissbegierigen Kopf, während die

blinde Regung der Liebe einem offenen und hingegebenen Herzen

entspringt. Die Neigung zum Träumen, Phantasieren und Nachdenken

muss streng in Zucht genommen werden, wenn die kontemplative Liebe

sich voll in einem geläuterten Herzen entfalten soll. Manche hören davon

und versuchen, sie durch eigene Anstrengung zu erreichen. Sie quälen

ihren Verstand und überanstrengen ihre Phantasie. Was dabei

herauskommt, ist eine gemachte Liebe, die weder wirklich menschlich

noch göttlich ist. Es ist gefährlich, sie auf diese Weise erzwingen zu

wollen.

Ich fürchte, ein solcher Mensch wird eines Tages den Verstand

verlieren oder durch den Widersacher des Lebens seelischen Schaden

davontragen, falls nicht Gott unerwartet eingreift und ihn erkennen lässt,


26 Die Wolke des Nichtwissens GL 5/2004

wie falsch seine Bemühungen sind, und er bereit ist, verlässlichen Rat

einzuholen. Er läuft sonst Gefahr, sich für immer an Leib und Seele zu

schädigen.

Sei also um Gottes willen vorsichtig auf diesem Weg und quäle dich

nicht ab, weder mit Nachdenken noch mit Vorstellungen, denn trotz aller

Mühe wirst du damit deinem Ziel nicht näherkommen. Lass Sinne und

Verstand ruhen. Ich sprach von „Dunkel“ und „Wolke“. Glaube nicht, ich

meine damit die Wolken am Himmel oder das Dunkel bei Nacht, wenn in

deinem Haus kein Licht brennt. Wäre dem so, könntest du dir mit etwas

Phantasie eine Sommersonne vorstellen, wie sie durch die Wolken bricht,

oder ein klares Licht, das den düsteren Winter erhellt. Genau das meine

ich nicht. Vergiss diesen Unsinn! Wenn ich von Dunkel spreche, so meine

ich, dass keinerlei bewusstes Erkennen vorhanden ist. Dir erscheint doch

dann etwas dunkel, wenn du es nicht verstehst oder wieder vergessen hast,

einfach, weil du es mit deinem geistigen Auge nicht siehst. Deshalb sagte

ich nicht einfach „Wolke“, sondern „Wolke des Nichtwissens“, denn es ist

ein Dunkel des bewussten Erkennens, das zwischen dir und deinem Gott

liegt.

Lit.: Willi Massa - Kontemplative Meditation - Die Wolke des Nichtwissens

Topos Taschenbücher Bd. 30, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz

„Also muss ja notwendig ein jeder, der in das Leben seines

Geistes eingehen will, sich tagtäglich auf eine Zeitlang in die

vollkommene Ruhe seines Geistes begeben und muss in dieser

nicht etwa mit allerlei Gedanken umherschweifen, sondern er

muss einen Gedanken nur fassen und diesen als ein bestimmtes

Objekt unverwandt betrachten.

Der beste Gedanke ist hier freilich der Herr. Und wenn jemand

solches mit Eifer und aller möglichen Selbstverleugnung fort

und fort tun wird, so wird dadurch die Sehe wie das Gehör

seines Geistes stets mehr und mehr an innerer Schärfe

gewinnen, und nach einer eben nicht zu langen Zeit werden

diese beiden Sinneswerkzeuge des Geistes so sehr erhöht werden,

dass er mit der größten Leichtigkeit dort geistige Formen von der

wunderbarsten Art erblicken wird, wo er vorher nichts als eine

formlose Leere zu erschauen wähnte. Und so wird er auch mit

eben der Leichtigkeit Töne und Worte vernehmen, wo ihm

ehedem eine ewige Stille zu sein schien.“ [GS.02_044,16-17]


GL 5/2004 Vom inneren Gebet 27

Vom inneren Gebet

Madame Guyon

(1648-1717, französische Mystikerin)

„Ist man ganz in sich selbst versenkt und nach innen

gesammelt, von Gottes Gegenwart bis auf den Grund

durchdrungen, so gilt es, sich in liebevoller Ruhe und

Gelassenheit der Gegenwart Gottes hinzugeben und in

dieser unbewegt zu verharren. Nach und nach wird's

Gewohnheit, und im gleichen Maße wächst das

untrügliche Gefühl und Gewissheit Seiner Gegenwart.

In diesem Gesammeltsein sprechen wir das Vaterunser und sind uns

dabei lebendig bewusst: Gott ist in mir und will gern mein Vater und

Helfer sein! Wir überlassen alles, was uns bekümmert, Ihm und warten

alsdann, bis der Vater Seinen Willen kundtut. Wir machen uns dabei kein

Bild von Gott; die lebendige Hingabe an Seine Gegenwart und das

Bewusstsein, dass Er unser Vater, unser Arzt, Führer und Helfer ist,

genügt.

Wenn die Seele eine Zeitlang diesen Weg nach innen gegangen ist und

fühlt, dass es ihr nun leichter fällt, sich Gott im Gebet hinzugeben und

zu überlassen, kann sie vom Herzgebet zum Gebet des Schweigens

übergehen, indem sie sich ganz der Stille in Gott, dem unendlichen

Frieden Gottes anheim gibt und bewegt darin verweilt.

Diese Hingabe sei von dem Gewiss-Sein begleitet, dass alles, was uns

widerfährt, Gottes Wille und darum für uns notwendig und gut ist und

von uns willig hingenommen wird. Diese gänzliche Überlassung unserer

selbst an Gott ist der Schlüssel zur Vollendung und Einswerdung. Sie

äußert sich im Aufhören jeder Sorge um uns selbst und in dem

gelassenen Vertrauen zur göttlichen Führung. Da nur noch Gott unser

Denken beherrscht und nichts sonst, lieben und bejahen wir alles, was

von ihm kommt.

Je lebendiger man Gottes in seinem Herzen inne wird, desto stiller und

liebeerfüllter wird man. Und je mehr nach innen gekehrt, desto freier

auch von den Sinnen und allem Niederen, das einem noch anhaftet. Denn

je näher bei Gott, desto mehr Kraft empfängt die Seele von innen her und

desto leichter gelingt ihr die erneute Hinwendung zu Gott und damit

zugleich die Lösung vom Vergänglichen. Immer stärker spürt sie die

wachsende Anziehungskraft des Mittelpunktes, welcher Gott ist, und

immer rascher gelangt sie zur Einswerdung.


28 Jubilatio GL 5/2004

Nach und nach fühlt die Seele, wie Gott sich ihrer ganz bemächtigt, wie

das Stillesein in Gott und die Liebe Gottes sie beseligend erfüllt. Die Seele

tut nun nichts mehr, sondern lässt Gott in sich wirken. So ist das Größte in

der Religion zugleich auch das Leichteste.

Ist die Seele einmal bis hierher gelangt, bedarf sie keiner anderen

Vorbereitungen mehr als der Ruhe und schweigenden Selbstversenkung.

Johannes sagt uns, dass „im Himmel ein großes Stillschweigen sei“. Der

Himmel ist der Grund und Mittelpunkt unserer Seele, wo alles schweigen

muss, wenn Gottes Majestät darin erscheinen und Gottes Licht uns

erleuchten soll. Erst wenn der Lärm der Ichheit und Eigenheit verklungen

ist, wird, im Schweigen des Reiches Gottes in uns, das göttliche Wort

vernehmbar und das Licht der göttlichen Weisheit sichtbar.“

Jubilatio

Jan van Ruysbroeck

(1293-1381, größter niederländischer Mystiker)

„Ein guter und inbrünstiger Mensch, der Einkehr hält

bei sich selbst und los und ledig ist von allen irdischen

Dingen, und der sich im Herzen demütiglich hinauf zu

Gottes ewiger Güte öffnet, vor diesem schließen die

verborgenen Himmel sich auf, und aus dem Antlitz der

göttlichen Liebe fällt ein jähes Licht, als wie ein

Blitzstrahl in das offen stehende Menschenherz; und in

dem Lichte spricht der Geist unseres Herrn zu dem liebegeöffneten

Herzen: „Siehe, Ich bin dein, und du bist Mein. Ich wohne in dir, und du

lebst in Mir.“

Beim Zusammenstoße des Lichtes aber mit der inwendigen

Bereitschaft überkommt das erhobene Herz eine so große Wonne und

Wollust des Leibes und der Seele, dass der Mensch nicht weiß, wie ihm

geschieht, noch wie er es ertragen soll. Und den Zustand heißt man

Jubilus, was keiner wortbar machen, und wovon keiner wissen kann, er

habe es denn gefühlt.

Dieses begibt sich in dem liebenden Herzen, das zu Gott geöffnet ist

und abgeschlossen gegen alle irdischen Dinge. Und hieraus entsteht die

Jubilatio, was eine herzinnige Liebe und eine brennende Flamme

bedeutet, mit Demut und Lob und Dank und mit ewiger Würdigkeit

gegenüber Gott.

Der diese Süßigkeit aber fühlt und in ihr verweilt und darin sein


GL 5/2004 Das Gebet 29

Genügen sucht, ohne Gott dafür weder zu loben noch zu danken, der

betrügt am meisten sich selber. Und dieses ist die erste und die

schwächste Art, mit der Gott im schauenden Erleben sich offenbaret.

Denen, die es nicht gefühlt haben, will ich es deshalb noch mit einem

groben Vergleiche schildern.

Nehmt einen Spiegel, der hohl ist wie eine Schüssel, und legt darein

Dinge, die von trocknem Stoffe und leicht entzündlich sind, und haltet den

hohlen Spiegel gegen die Strahlen der Sonne: sogleich werden die

gedörrten Dinge Feuer fangen und brennen aus Anlass der Sonnenhitze

und wegen der Hohlheit des Spiegels.

Gleicherweise, sobald nur das Leben deines Herzens geöffnet und

andachtsvoll zu Gott erhoben ist, scheint in dein Inneres das Licht seines

göttlichen Erbarmens und reinigt das Bewusstsein deines

emporgeöffneten Herzens und verbrennt, im Feuer der göttlichen Liebe,

alle Gebrechen, die dem Menschen innehaften. Siehe, das ist die niederste

Art von schauendem Erleben; es verrichtet sich mit der Läuterung des

Herzens, mit emporgewendetem Angesichte, mit inbrünstiger Liebe, in

Dank und in Lobpreisung und mit Demut und mit Sehnsucht vor der

Allgegenwart unseres Gottes.“

Das Gebet

Sadhu Sundar Singh

(1889-1929, indischer Christus-Zeuge)

„Ihr müsst in die Stille gehen und dort allein zu

Christus beten, dann werdet ihr Seine Stimme hören,

das allein kann euch helfen. Wenn ihr jeden Tag nur

eine halbe Stunde in seinem Worte lest und zu Ihm

betet, werdet ihr die gleiche Erfahrung machen, dass

Er sich unseren Seelen offenbart. Wenn ihr nicht Zeit

zum Gebet habt, werdet ihr Ihn nicht kennen lernen.

Das Gebet allein kann euch Christum sehen lassen

und dann wird Er zu eurer Seele reden.

Das Wesen des Gebets besteht nicht darin, dass wir etwas von Gott

begehren, sondern dass wir unsere Herzen Gott öffnen, mit Ihm reden und

mit Ihm in ständigem Umgang leben. Das Gebet ist ständige Überlassung

an Gott. Beten heißt nicht Gott um verschiedene Lebensbedürfnisse bitten,

sondern Gott selbst erlangen, den Geber allen Lebens. Beten ist nicht

Bitten, sondern Einigung mit Gott. Beten ist nicht eine Anstrengung, um


30 Das Gebet GL 5/2004

von Gott die zum Leben notwendigen Dinge zu erlangen. Beten ist ein

Verlangen, Gott selbst, den Urheber alles Lebens, zu haben.

Der wahre Sinn des Gebetes besteht nicht darin, um Segnungen zu bitten,

sondern den zu empfangen, welcher der Geber des Segens ist, und im

Leben der Gemeinschaft mit ihm zu leben. Die wahren Kinder Gottes sind

nicht immer dabei, seine Gaben zu erflehen, sondern sie wünschen sich

unter seinem Schutze, in seinen Armen zu fühlen.

Ein kleines Kind geht oft zu seiner Mutter und ruft: „Mamma, Mamma“.

Das Kind begehrt dabei nicht immer etwas, aber es will seiner Mutter

nahe sein und auf Mutters Knien sitzen, ihr durch die Räume folgen, in

ihrer Nähe sein, mit ihr reden, ihre liebe Stimme hören. Da ist das Kind

glücklich. Dieses Glück besteht nicht darin, dass es alles Mögliche von

der Mutter verlangt und erhält. Da wird es ungeduldig und eigensinnig

und somit unglücklich. Nein, sein Glück besteht darin, die Liebe und

Fürsorge der Mutter zu erfahren und Freude in ihrer Mutterliebe zu

finden.

In gleicher Weise ist es mit wirklichen Gotteskindern; sie kümmern sich

nicht so viel um Segnungen Gottes. Sie wollen zu seinen Füssen sitzen, in

Gemeinschaft mit ihm sein, und wenn sie dies tun, fühlen sie, dass dies

das Allerherrlichste ist.“

„Ist denn nicht ein einziger Gedanke an Jesum hinreichend, um das

Herz für Ihn überhell aufflammen zu machen? – O Brüder und

Freunde! Könntet ihr es fassen, was dieser Name aller Namen besagt,

was er ist, und welch eine Wirkung in Ihm, ihr müsstet ja

augenblicklich in eine so mächtige Liebe zu Jesu übergehen, deren

Feuer hinreichend wäre, ein ganzes Heer von Sonnen zu entzünden,

dass sie darob noch ums Tausendfache heller flammen möchten in

ihren endlos weiten Raumgebieten, als solches bis jetzt der Fall ist.

Ich sage euch: Jesus ist etwas so ungeheuer Großes, dass, so dieser

Name ausgesprochen wird, die ganze Unendlichkeit von zu großer

Ehrfurcht erbebt.

Daher, ... genügt zur Erweckung unserer Liebe zu Jesu ja doch sicher

schon ein einziger Gedanke – nur Sein Name in unseren Herzen

ausgesprochen sollte ewig genug sein, um in aller Liebe für Ihn zu

erbrennen! Daher sprechet auch ihr in euren Herzen diesen Namen

würdig aus, und ihr werdet es selbst erschauen, in welcher Fülle das

Feuer der Liebe aus euren Herzen hervorbrechen wird, zu entzünden

das Holz des Lebens.“ [GS.02_013,01-2+16]


GL 5/2004 Heimweh 31

Heimweh

Es fasst, o Vater, mich ein heißes Sehnen,

ein Heimweh macht so tief bemerkbar sich;

wie möcht' so gern an Deine Brust ich lehnen

mein müdes Haupt und ruhen ewiglich.

Mein müder Leib will oft den Dienst versagen,

obwohl er sich aus Deiner Liebe nährt,

trotz Deines Lichts - will oft mein Herz hier zagen,

da es der Erde nicht mehr angehört.

Ich suche nichts als reine geist'ge Liebe

und doch bleibt dieses Sehnen ungestillt;

Du bist bei mir und doch wird's manchmal trübe,

da ich Dich noch nicht schaue unverhüllt!

So manche Blume ließest Du mir blühen

auf meinem Lebensweg - aus Deiner Gnad';

und doch möcht ich, o Vater, zu Dir fliehen,

weil alles zeitlich nur geblühet hat.

O Vater, habe Dank für alles Schöne

und Gute, das mir Deine Liebe gab,

doch ich mich nach Vollkommenerem sehne,

nach Dir, den ich dann auch für ewig hab‘.

O Vater, still in mir die Heimwehzähren,

mach' dadurch meine arme Seele frei,

und hilf mir in dem kindlichen Begehren;

dass ich mit Dir stets eines Sinnes sei!

Otto Hillig


32 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

Petrus, ein Apostel unseres Herrn

Jesus Christus

Edith Steinhoff

Es sind im Laufe der Jahrhunderte viele Bücher über Petrus

geschrieben worden. Besondere Hinweise geben uns auch die vier

Evangelien und die Apostelgeschichte. Er steht von Anfang an im

Mittelpunkt des Interesses. 150mal wird er in der Apostelgeschichte und

den Evangelien genannt. Der Kirchenhistoriker Euseb von Caesarea gibt

uns Informationen aus inzwischen längst verschollenen Quellen. Auch die

frühchristliche Kunstgeschichte liefert Stoff zum Nachdenken. Petrus wird

nie als ein junger Mann dargestellt. Er ist immer der gereifte, gealterte

Apostel. In den ersten Jahrhunderten erkennen wir den Hahn zu seinen

Füßen, der uns an seine schwächste Stunde erinnert. Und doch hat sich zu

dieser Zeit schon die Auffassung vom Primat des Petrus durchgesetzt. Er

überzeugt also nicht durch Insignien der Macht, sondern vielmehr durch

seine Schwäche, in dem eingestandenen und mit Tränen bereuten

Versagen, aus dem der Herr ihn herausgeführt hat zum wahren Hirten

Seiner Herde.

Wahrscheinlich wurde in den Anfängen der Kirche seine Person doch

vielschichtiger gesehen, als das heute der Fall ist. Und so erkennen wir

durch diese Sichtweise, wie nahe uns dieser Petrus ist.

Darstellungen späteren Datums zeigen ihn mit den Schlüsseln zum

Himmelreich und stellen uns den Petrus vor, wie die Menschen ihn heute

sehen.

Doch schauen wir nun auf den Apostel, wie er uns in der Neuoffenbarung

durch Jakob Lorber begegnet.

Simon Juda, so heißt Petrus, bevor er vom Herrn einen neuen Namen

bekommt. Er ist in Bethsaida geboren, einem kleinen Fischerdorf am

Galiläischen Meer nahe der Stelle, wo der Jordan den See verlässt. Er ist

auch später in dieser Gegend geblieben und hat bei Kapernaum eine

Familie gegründet. Im Evangelium hören wir von seiner Schwiegermutter,

seine Frau bleibt unerwähnt. Vielleicht ist sie früh verstorben.

Sicher hat er mehrere Kinder. Der Sohn Markus wird uns mit Namen

genannt. [GEJ.07_227]

Den alten Joseph hat er persönlich gekannt. Jesus berichtet von einer

Begebenheit in Seiner Jugend, als Joseph dem Petrus in einer Notlage

hilft. Durch eine innere Eingebung weiß er, dass dem armen Fischer ein


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 33

großes Unglück getroffen hat. Ein böser Mensch hat ihm sein ganzes

Fischereigerät gestohlen, und nun ist er nicht in der Lage, sich ein neues

anzuschaffen. Darum muss er mit seiner ganzen Familie darben. Joseph

verzichtet nach einer Arbeit auf seinen Lohn und bittet die Bürger, das

Geld dem armen Petrus zu überbringen. Und dieser kann sich wieder

vollkommen neu einrichten. Petrus bestätigt den Bericht des Herrn.

Im 1. Band des Großen Johannesevangeliums hören wir von der

Berufung des Petrus. Wir erhalten einen Einblick in sein ungestümes

Wesen, seine Begeisterung und sein Herz voll Liebe und Wärme. Sein

Bruder Andreas ist dem Herrn bei der Taufe im Jordan begegnet. Er darf

anschließend bis zum Abend bei Ihm in seiner Einsiedlerhütte in der

Wüste bleiben. Dann eilt Andreas zu seinem Bruder Simon, und es

sprudelt geradezu aus ihm hervor „Ich habe den verheißenen Messias

gefunden!“ Wie reagiert Simon? Er will sofort zu Jesus eilen. Doch sein

Bruder gibt zu bedenken, dass die Nacht schon begonnen hat und

vertröstet ihn auf den nächsten Morgen.

Doch Simon antwortet: „Bruder, da ist kein Augenblick zu verlieren.

Ich verlasse augenblicklich alles und folge Ihm bis ans Ende der Welt, so

Er es verlangt. Führe mich daher nur sogleich zu Ihm hin, denn mich

drängt es gewaltig, und ich muss Ihn heute noch sehen und sprechen. Die

Nacht ist hell, und weit ist es bis zu Dessen Hütte nicht. Daher machen

wir uns nur sogleich auf den Weg zu Ihm hin.“ [GEJ.01_042,10]

Andreas kann dem Drängen nicht widerstehen, und die beiden machen

sich auf den Weg. Doch plötzlich bleibt Simon stehen. Andreas wundert

sich, aber sein Bruder erklärt ihm seine Gefühle: „Es wird mir sonderbar

zumute! Mich ergreift ein erhaben süßes Bangen, kaum getraue ich mich

noch einen Schritt fürbass zu tun, und doch ist in mir, Ihn zu sehen, ein so

heißes Verlangen.“ [GEJ.01_042,11]

Natürlich hört der Herr die Worte der Liebe und kommt ihm entgegen.

Er gibt ihm einen neuen Namen. Er nennt ihn Kephas, das heißt „der

Fels“, übersetzt: Petrus. Ein Fels im Glauben, weil er Ihn sofort erkannt

hat als den verheißenen Messias; ja, es ist nicht der geringste Zweifel in

ihm.

Die beiden Brüder bleiben die Nacht beim Herrn, und von da an

verlassen sie Ihn nicht mehr.

Bei einem Besuch in Kana entlässt der Herr die Jünger, die ihr

Hauswesen bestellen wollen. Er fragt den Petrus, ob er auch gehen will.

Seine Antwort: „Herr, nur der Tod kann mich von Dir trennen oder ein

Gebot aus Deinem Munde!“ [GEJ.01_089,05]


34 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

Bald darauf besucht der Herr mit den Seinen die Familie des Petrus,

dessen Schwiegermutter krank daniederliegt. Jesus heilt sie, und die Frau

bedient die Gesellschaft mit Fleiß und großer Aufmerksamkeit. Um die

Vorräte in der Küche wieder aufzufüllen, begibt sich der Herr mit den

Jüngern ans Meer zum reichen Fischfang. Ein Ereignis, dem wir immer

wieder in der NO begegnen. Als Petrus die große Menge der besten

Fische sieht, ist er beklommen; ja, es wird ihm geradezu bange zu Mute.

Er ruft aus: „Herr, ich bitte Dich, verlass mich, denn ich fühle es nur zu

sehr, dass ich ein sündiger Mensch bin. Ich sehe klar ein, was und wer Du

im Grunde des Grundes bist! Mir wird es nun darob ganz ernstlich bange

vor Dir, denn Du bist –.“ [GEJ.01_100,12]

Hier gebietet ihm der Herr Einhalt, denn Er will noch nicht vor der

Welt verraten werden. Der Leser und Hörer ist vielleicht überrascht von

diesen Worten des Petrus, hatte der Apostel doch bereits bei seiner

Berufung in Jesus den Messias erkannt. Wieso wird es ihm jetzt bange

ums Herz?

Hier gibt es nur eine Erklärung. Es ist die übergroße Ehrfurcht vor dem

Gesalbten, ja vor der Gottheit selbst, vor der jeder gläubige Jude in die

Knie sinkt.

Beim anschließenden Mahl stimmt der Hausherr den Lobgesang an

und spricht dann in einem feierlichen Ton: „Meine Freunde und Brüder!

Welch ein Unterschied zwischen uns nun und dem David einst, da er dem

Volke gab diesen herrlichen Lobgesang! Als er sang, erhob er seine

Augen über die Sterne hinauf. Denn damals wohnte Jehova im

unzugänglichen Lichte über den Sternen nach menschlichen Begriffen.

Was möchte aber David nun hier tun, da Der, zu dem er seine Augen

erhob über alle Sterne hinauf -.“ [GEJ.01_001,01]

Hier unterbricht ihn der Herr zum zweiten Mal und Petrus muss

schweigen. Sein Herz ist so voll, da läuft sein Mund halt über. Während

des Völkertreffens beim Römer Markus nahe Cäsarea Philippi ist Petrus

nur stiller Beobachter. - Doch dann darf er wieder das Ruder ergreifen und

seinen Herrn und die Brüder über das Meer fahren. Er möchte nur gerne

wissen, wohin die Reise geht. Doch Jesus kleidet Seine Botschaft in

verschlüsselte Worte. Er weist auf Seinen letzten Weg nach Jerusalem hin,

auf Sein Leiden und Sterben, aber auch auf Seinen Sieg über den Tod und

Seine Auferstehung. Das Letztere hört Petrus gar nicht mehr, zu sehr ist er

erschrocken, und er spricht zum Herrn in „einem gewissen, gebieterisch

mahnenden Ton“: „Herr, das geschehe Dir ja nicht. Du bist uns und allen

Menschen gegenüber verpflichtet, Deiner zu schonen.“ [GEJ.05_170,06]


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 35

Wir kennen alle die harte Reaktion des Herrn: „Hebe dich, Satan, von

Mir. Du bist mir ärgerlich, denn du meinst nicht, was da göttlich, sondern

nur, was da ganz gemein weltmenschlich ist.“ [GEJ.05_170,07]

Diese Antwort trifft den Petrus ins Herz. „Satan“ hat der Herr zu ihm

gesagt, und er hat Ihn doch nur vor den Gefahren warnen wollen. Er fällt

vor Jesus nieder, bittet Ihn um Verzeihung und weint. Dabei erinnert er

Ihn daran, dass Er ihn einen Fels genannt hat, auf den Er Seine Kirche

bauen will, und alle Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.

Und wen rühren nicht seine abschließenden Worte: „Herr, sei doch

gnädig und barmherzig dem armseligen Fischer Petrus, der zuerst sein

Netz ins Meer warf, Weib und Kinder verließ und Dir

nachfolgte.“ [GEJ.05_170,08]

Die Schwierigkeit des Petrus, das Leiden des Herrn zu akzeptieren, ja,

es sogar als notwendig einzusehen, zieht sich wie ein roter Faden durch

das ganze Evangelium.

Im 5. Band des Großen Evangelium Johannes ist ein Kapitel

überschrieben: ‚Das Geheimnis von Golgatha’. Petrus, in seinem tiefsten

Herzen bewegt, sagt: „Da steht im Hintergrund, wie ein Ungeheuer

grinsend, die strikte und unabweisbare Notwendigkeit der dem

Menschensohn bevorstehenden Leiden, und ich getraue es mir, fest zu

behaupten, dass solch eine Notwendigkeit nie eines noch so gesunden

Menschen Vernunft ganz klar einsehen wird!“ [GEJ.05_247,01]

Und für ihn stellt sich die Frage: „Warum muss denn der Allmächtige

also von seinen Geschöpfen zugerichtet werden, um ihnen die Seligkeit

und das ewige Leben geben zu können? Genügte die pure reinste Liebe

und Sein rein nur Gott mögliches Wundertun nicht? Bessert das die

Menschen nicht, wie wird sie dann Sein Leiden und Sterben

bessern?!“ [GEJ.05_247,02]

Haben nicht zu allen Zeiten Menschen sich diese Fragen gestellt? Hat

sich Petrus hier nicht auch zu unserem Sprachrohr gemacht? Und es geht

noch weiter.

Er sagt: „Ich, als einer Deiner getreuesten Anhänger, sage es da ganz

offen: Dein Leiden wird vielen guten Menschen zum Stein des Anstoßes

werden, und sie werden wankend werden in ihrem Glauben. Darum frage

ich Dich auch jetzt schon um ein rechtes Licht darüber, auf dass wir dann

zur rechten Zeit den fragenden Menschen auch eine rechte Aufklärung zu

geben imstande sind zu ihrer Beruhigung.“ [GEJ.05_247,03]

Diese bedrängenden Fragen erkennt der Herr an, doch er weist

zugleich darauf hin, dass das Menschliche in uns dieses Geheimnis nie


36 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

begreifen wird. Erst im Lichte der Auferstehung erfassen es die

Wiedergeborenen im Geiste.

Die gefallene Materie muss gekreuzigt werden, damit der Geist frei

werden kann, das gilt für die ganze Schöpfung. So fällt es auch uns heute

schwer, diese Zusammenhänge zu begreifen; zu erkennen, dass der Herr

das Kreuz auf sich nehmen musste, um die Menschheit aus den Zwängen

der Materie zu befreien. Wir werden im Folgenden immer wieder auf die

Schwierigkeiten stoßen, die Petrus mit dem Leiden des Herrn hatte, ja

selbst an jenem Karfreitag hatte er sie noch nicht überwunden.

Weil der Herr darum weiß, nimmt Er Petrus, Jakobus und Johannes mit

auf den Berg Tabor und lässt sie Seine Verklärung schauen. „Sein

Angesicht leuchtet wie die Sonne und Seine Kleider werden so licht-weiß

wie ein von der Sonne beleuchteter frisch gefallener Schnee.“ Die Jünger

können vor lauter Staunen nichts mehr sagen bis Petrus sich ermannt:

„Herr, sind wir nun schon im Himmel oder bloß nur im Paradies? Es

kommt mir gerade also vor, als vernähme ich ganz leise Engelstimmen um

mich herum.“ [GEJ.05_234,10]

Der Herr erklärt ihnen, dass sie durch die Kraft des Wortes Gottes sowohl

im Himmel wie auch im Paradies sind. Und zum Zeichen für

diese geistige Wirklichkeit beruft Er Moses und Elias. Petrus wähnt die

Verstorbenen in aller Ruhe im Schoße der Erde aufbewahrt bis zum

Jüngsten Tag.

Doch nun wird er und seine Brüder von den Propheten belehrt über die

Verhältnisse im großen Jenseits. Die drei sind entzückt, so dass Petrus laut

ausruft: „Herr, hier ist gut sein! So Du willst, wollen wir hier drei Hütten

aufrichten. Dir eine, Moses eine und dem Elias eine.“ [GEJ.05_236,03]

Doch der Herr holt sie wieder in die irdische Wirklichkeit zurück. Auf

dem Heimweg hat Petrus viele Fragen. Ich freue mich immer, wenn er

fragt, obwohl der Herr manches Mal aufseufzend bemerkt „Wie lange soll

ich dich noch ertragen mit deinem Unverständnis!“

Seine Frage nach der Auferstehung des Fleisches ist auch für uns von

großer Bedeutung. Der Herr antwortet:

„Das Fleisch, aus dem der Leib besteht, das wird verwesen, übergehen

in Würmer und Pflanzen. Der jüngste Tag für deine Seele wird aber nach

dem nun Erklärten der Tag sein, an dem du aus deinem Leibe genommen

wirst.“ [GEJ.05_237,12]

Und Er fährt fort: „Unter der Auferstehung des Fleisches aber verstehe

du die guten Werke der reinen Nächstenliebe! Diese werden sein das

Fleisch der Seele und werden sogleich mit ihr zum ewigen Leben


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 37

auferstehen.“ [GEJ.05_238,01]

Die Werke der wahren Nächstenliebe sind der wahre bleibende Leib

der Seele. Ja, wir sollen Täter Seines Wortes sein und nicht bloß Hörer!

Im Hause des Petrus findet ein Streitgespräch über die Gewinnung des

Himmelreiches statt. Jesu Worte bei einer früheren Gelegenheit vom

Abschlagen der Hand und Ausreißen des Auges wenn es den Menschen

ärgert, haben die Jünger falsch verstanden. Petrus erregt sich und meldet

sich zu Wort:

„Mein lieber Herr und Meister! Mit dieser Lehre wird es nicht also

gehen, wie Du sie nun ausgesprochen hast. Ob aber irgendein anderer

Sinn dahintersteckt, das ist eine Frage, deren Beantwortung sicher jeden

noch so weisen Menschen sehr schwer fallen dürfte. Ich selbst, so

wertvoll auch Dein Himmelreich ist und sein kann, will dasselbe wohl

durch alle mögliche Selbstverleugnung mir verdienen, aber durch Hände

und Füße abhauen und Augen ausreißen nimmer! Stattdessen nehme man

sich lieber gleich das ganze Leben, und man ist dann ganz sicher vor

allem Ärgernis!“ [GEJ.05_244,11]

Diese Worte verraten uns viel über das Wesen des Petrus. Er redet frei

und frank wie er es versteht, auch vor seinem Herrn und Meister. Er hat

nicht das tiefe Einfühlungsvermögen und das Verständnis für

Entsprechungen, wie es dem Apostel Johannes fast in die Wiege gelegt

wurde.

Und so darf dieser Apostel auch die Erklärung geben, darf die Gemüter

beruhigen. Und der Herr ergänzt: Die Tätigkeit ist durch das Bild von der

Hand ausgedrückt, der feste Wille ist das Beil, die Füße entsprechen der

Begierde der Seele, diese kann gut oder schlecht sein. Und von den

schlechten Begierden gilt es, sich zu befreien. Das ist die Lehre, die allein

die Seele betrifft und nicht den Leib.

Die Anwesenden vernehmen einen Streit vor dem Hause des Petrus. Er

will ihn schlichten. Ein Bürger, der kein Fischrecht besitzt, hat einen

guten Fang gemacht. Die berechtigten Fischer haben ihn dabei erwischt.

Petrus sagt: „Der Mensch ist zwar ein Dieb, aber lasset ihn dennoch

gehen. Wagt er seinen Frevel noch einmal, so übergebt ihn dann erst den

Gerichten, denn ihr wisset es ja selbst, dass wir nach dem Gesetz dem

Feind zuvor sieben Male vergeben sollen.“ [GEJ.05_248,05]

Die Fischer schreien darauf erbost, dass sie ihm schon siebenmal

verziehen haben und ihn nun bestrafen wollen. Petrus entgegnet ihnen:

„Da habt ihr nun zwar das volle Recht dazu, aber tuet hier mir zuliebe das

Bessere und vergebt ihm auch dieses letzte Mal.“ [GEJ.05_248,07]


38 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

Darauf kehren die Streitenden ruhig in ihre Wohnungen zurück. So

beeindruckend ist die Autorität dieses einfachen Mannes in seinem Dorf.

Petrus fragt nun den Herrn, ob er richtig gehandelt hat. Und Jesus

überbietet die Forderung des Moses noch.

Er sagt: „Da ist die mosaische Zahl sieben zu wenig, sondern

siebzigmal siebenmal hat das zu geschehen. Denn eben darin besteht ja

das Himmelreich, dass unter den Menschen dieselbe Liebe, Eintracht und

Versöhnlichkeit herrsche, wie sie herrscht in den Himmeln.“

[GEJ.05_248,19]

Petrus ist schon auf dem Wege dahin. Er hat bereits erkannt, was das

Bessere ist.

Bei einer anderen Gelegenheit ist der Herr „gerade in der Stimmung,

alles krumm Scheinende gerade zu machen“, und Petrus darf sich aller

Fragen entledigen, die sein Herz noch bedrücken. Es fällt ihm diesmal

schwer, Einblicke in sein Inneres zu gewähren, muss er sich dadurch doch

vor den anderen Jüngern enthüllen. Er muss fürchten, vor ihnen als

begriffsstutzig zu erscheinen. Dennoch ist er bereit, in Bezug auf die

Feindesliebe, zu der der Herr ein Gleichnis gegeben hat, um eine

Erklärung zu bitten:

„Ich will von der Ohrfeige nicht reden, und es würde mir gerade nichts

ausmachen, dem, der mir bei irgendeiner Gelegenheit eine mäßige

Ohrfeige versetzt hat, am Ende, so er Lust hätte, mir noch eine zu geben,

auch die andere Backe hinzuhalten, damit dann Friede und Einigkeit

zwischen uns würde; aber was dann, so mein Gegner mich mit seiner

ersten Ohrfeige schon beinahe halbtot geschlagen hat? Soll ich in dem

Fall nicht doch lieber zu einer Gegenwehr schreiten, so mir diese in einer

Art irgend möglich wäre, als mich von solch einem zornigen Riesen

Simson ganz totschlagen zu lassen?“ [GEJ.10_215,06]

Der Herr führt ihn in Seiner Antwort wieder auf den Boden der

Realität zurück und verweist ihn auf das Recht der Selbstverteidigung und

den Rechtsschutz durch die Gerichte.

Wenn die Jünger den Herrn nach ihrem himmlischen Lohn fragen, so

mutet uns das sehr menschlich an. Petrus als Wortführer beginnt: „Ich

nehme mir hier die Freiheit im Namen unser aller Dich zu fragen, was

dereinst uns dafür wird, die wir alles verlassen haben und sind Dir treulich

gefolgt?“ [GEJ.05_259,01]

Der Herr gibt ihnen eine beglückende Antwort, indem er sie dann zu

Mitregenten in seinem Reich erklärt, aber Er versetzt ihnen auch einen

kleinen Rippenstoß, indem Er sagt: „Aber das merket euch auch: Die da


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 39

sind die Ersten, werden gar leicht dort sein die Letzten; und die da werden

sein die Letzten, werden dort auch leicht sein die Ersten.“ [GEJ.05_259,04]

Petrus ist betroffen. Was will ihnen der Herr damit sagen! Er erkennt

nicht den Hinweis auf die Demut, die da unerlässlich ist für den Eintritt in

das Reich Gottes. Und so findet er es eben nicht sehr fein, dass sie

könnten die Letzten in der Ewigkeit sein, derweil sie hier die Ersten

waren. Die Antwort des Herrn ruft bei uns ein Lächeln hervor.

„Das war auch nicht fein von dir und euch allen, so ihr euch schon hier

um den Lohn für das, was ihr nun für Mich zu tun glaubt, erkundigt habt.

Dadurch, dass Ich euch erwählt habe, habe ich euch eine größte Wohltat

geistig und leiblich erwiesen. Und ihr beginnt nach einer Belohnung zu

fragen!“ [GEJ.05_259,06]

Petrus ist beschämt, und er findet die Zurechtweisung des Herrn ob

seiner großen Dummheit als durchaus gerechtfertigt. Im weiteren Verlauf

gibt uns Petrus wieder einen Einblick in sein Wesen. Er bekennt sich zur

Wahrheit und zum Herrn in jeder Lebenslage.

„Wir wollen für die Wahrheit allzeit mit unserem Leben einstehen.

Und bevor ich falle, werden im Notfall tausend Feinde der Wahrheit und

des Lebens fallen. Denn wir sollen nicht nur Lehrer in Deinem Namen

sondern auch Helden sein und kämpfen mit Wort und Schwert gegen die

Widersacher und Feinde der Wahrheit. Mit Deinem Namen im Herzen

und im Schilde besiegen wir die ganze Welt.“ [GEJ.09_145,01]

Welch kühne Worte! Und wie sehen wir Petrus in der Nacht auf den

Karfreitag!

Der Herr sagt zu ihm: „Daher gedenke dieser Meiner Worte, dass auch

für dich noch der Fall eintreten wird, wo du Mich aus Furcht vor der Welt

völlig verleugnen wirst.“ [GEJ.10_212,02]

Petrus kann das nicht glauben und antwortet: „Herr und Meister, es ist

aber doch sonderbar von Dir, dass Du uns, die wir doch schon von Anfang

an bei Dir waren und alles Dir zuliebe verlassen haben nie etwas so recht

Gutes voraussagen kannst.“ [GEJ.10_212,03]

Der Hörer dieser Worte muss darüber nachdenken. Menschlich kann er

den Petrus so gut verstehen. Doch dieser muss durch eine harte Schule

gehen, muss geradezu im Feuer gereinigt werden, um so zu einem

brauchbaren Werkzeug Seines Herrn zu werden.

Jesus lässt sich von den Seinen hin und wieder suchen. Er will dadurch

ihre Liebe zu Ihm stärken. Petrus hat sich ganz besonders geängstigt. Er

sagt zu Ihm, wohl mit freundlicher Miene: „Aber Herr und Meister, siehe,

wir waren voll Traurigkeit, da wir nicht wussten, wohin Du Dich


40 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

gewendet hast. Wenn Du uns doch nur einen Wink gegeben hättest, wir

wären allzeit mit Dir gegangen. Wir bitten Dich darum, dass Du uns dies

in dieser uns fremden Gegend nicht mehr antun wollest. Denn siehe, wir

lieben Dich über alles und es wird uns darum bange, so wir nur einige

Augenblicke lang nicht wissen, wo Du bist und was Du tust.“

[GEJ.10_041,18]

Die Fragen über die Auferstehung und das Jüngste Gericht

beschäftigen Petrus immer wieder. Er denkt dabei besonders an die

Unwissenden, an die vielen Menschen, die von der Heilslehre des Herrn

noch nichts erfahren haben. Er drückt es so krass aus, wie er es empfindet.

„Sind diese nun bloß darum auf der Erde, damit sie durch ihre Leiber

den weiten Boden dieser Erde für ein noch besseres Menschengeschlecht

düngen?“ [GEJ.10_153,02]

Und er fährt fort: „Bald hat das Gericht das Gesicht eines einmal

kommenden allgemeinen Tages, bald wieder das Gesicht eines speziellen

Tages für jeden ins Jenseits übertretenden Menschen.

Ist das nicht ein Zwiespalt, den auch heute noch viele Christen

haben?“ [GEJ.10_153,03]

Der Herr vertröstet ihn auf die Ausgießung Seines Geistes, doch soweit

er und die Jünger es fassen können, gibt Er ihnen schon jetzt Kunde. Er

weist darauf hin, dass er nie von einem allgemeinen Gericht gesprochen

hat, vielmehr von einem speziellen Gericht am jüngsten Tage eines jeden

Menschen, und dieser Tag ist sein Todestag. Er weist auch darauf hin,

dass Er die Menschen nicht persönlich richten wird, dass vielmehr die

ewige Wahrheit, die in jedem Menschen ist, ihn richten wird. [GEJ.10_155]

Wir alle kennen die Ereignisse bei dem Sturm auf dem Meer. Vorher

hatte die Speisung der großen Volksmenge stattgefunden, und die

Menschen wollten den Herrn zum König ausrufen. Er schickt seine Jünger

aufs Meer hinaus, und entlässt selbst das Volk. Dann besteigt Er ganz

allein einen nahen Berg. - Ein Sturm ereilt die Jünger. Sie sind verstört

und Streitgespräche machen die Runde. Das Boot schaukelt gefährlich

über dem Abgrund. Petrus versucht es einfach auf der Stelle zu halten und

stellt mit Erstaunen fest, dass ihm das auch gelingt. Er befiehlt den

Knechten das Rudern einzustellen. Andreas sieht eine Gestalt auf dem

Wasser. Die Jünger halten sie für ein Gespenst und schreien angstvoll um

Hilfe. Da spricht sie der Herr an: „Seid getröstet! Ich bin es ja! Fürchtet

euch darum nicht!“ [GEJ.02_101,04]

Jetzt ist der große Augenblick für Petrus gekommen. Er ruft: „Herr, so

Du es bist, da heiße mich auf dem Wasser zu Dir zu kommen!“


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 41

Wir kennen die Antwort des Herrn: „Komm und überzeuge dich!“

[GEJ.02_101,09-10]

Nichts kann den Petrus mehr halten. Er weiß, dass hier das Meer am

tiefsten ist, aber der Herr hat ihn gerufen und er eilt ihm entgegen. Das

Wasser trägt ihn, solange der starke Glaube in ihm ist. Doch es kommt ein

stürmischer Wind auf. Angst steigt in ihm hoch, und er beginnt bis zu den

Knien zu sinken. Ein Schrei: „Herr hilf mir!“ und Jesu Hand streckt sich

ihm entgegen. Das Wasser trägt ihn wieder. Er hört seine Stimme: „Du

Kleingläubiger! Warum zweifelst du? Weist du denn nicht, dass nur der

ungezweifelte Glaube allein ein Meister aller Elemente ist?“

[GEJ.02_101,13]

Petrus bittet um Verzeihung und bezeichnet sich als einen schwachen

Menschen. Er hat alle Phasen durchlebt, wie ein jeder von uns, der

glauben will! Zuerst die Euphorie, die absolute Sicherheit, dann die Macht

des aufkommenden Zweifels, die den Menschen hinabzieht, endlich das

Vertrauen: der Herr hilft doch, ich muss ihm nur meine Hand

entgegenstrecken. Pater Perne aus Limburg bringt diese Situation in einem

Lied zum Ausdruck:

Müde fährt ein Boot ins Dunkel

gegen Wind und See.

Sturm zerreißt die leichten Segel,

dann seh'n sie Jesus dort stehn.

Refrain:

Petrus komm über das Wasser,

komm und nimm meine Hand

Schau nicht auf Wind und Wellen.

Ruhe ist bei mir bekannt.

Ein weiteres Problem von Petrus muss ich noch ansprechen: Wieso ist

sein Herr und Meister einmal der Menschensohn und dann wieder der

Vater von Ewigkeit? Und wer ist der Heilige Geist, den Er nach Seinem

Heimgang allen versprochen hat, die Ihn erkannt haben und an Ihn

glauben?

Petrus spricht mit Jesus darüber und gibt zu Bedenken: Herr, können

wir nicht nur vom Vater predigen. Menschensohn und zugleich

Gottessohn, das versteht das Volk doch nicht – ja, und wir eigentlich auch

nicht.

Doch der Herr sagt ihm darauf sehr ernst, dass das eine Verkürzung

der Wahrheit wäre und Er doch in die Welt gekommen sei, um uns die

Wahrheit zu bringen.


42 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

Bis auf den heutigen Tag müssen sich Christen und Nichtchristen mit

dieser Frage des Petrus beschäftigen. Ich erinnere mich an eine Stelle in

der Lebensbeschreibung von Edith Stein, wo ihre Mutter, eine

tiefgläubige Jüdin, voll tiefen Schmerzes ausruft: „Wenn Er sich doch

bloß nicht zu Gott gemacht hätte!“

Zebaoth selbst hat auf dem Sinai dem Volk durch Moses verkündigt:

Höre Israel, dein Gott ist ein alleiniger Gott. Petrus weist auch auf dieses

Gebot hin und fährt fort: „Und nun hätten wir nach unseren beschränkten

Begriffen drei, und wir sollen dennoch nur an einen Gott glauben.

Darüber, o Herr, täte uns allen ein helleres Licht sehr not.“

[GEJ.06_229,09]

Jesus ist kurz und bündig: „Nur an Einen Einzigen sollt ihr glauben,

weil es von Ewigkeit her nie mehrere gegeben hat und auch ewig nie

mehrere geben wird.“ [GEJ.06_229,10]

Doch der Herr ist gnädig. Er erklärt auch und vertröstet nicht nur auf

den Heiligen Geist.

„Der Vater, Ich als Sohn und der Heilige Geist sind unterscheidbar

eines und dasselbe von Ewigkeit. Der Vater in Mir ist die ewige Liebe,

Ich als der Sohn bin das Licht und die Weisheit, die hervorgeht aus der

ewigen Liebe. Ich bin das ewige Wort in Gott, durch das alles, was da ist,

gemacht worden ist -.

Damit aber das alles gemacht werden kann, dazu gehört noch der

mächtige Wille Gottes und das ist eben der Heilige Geist in Gott.

Und seht, das alles ist nun da in mir: Die Liebe, die Weisheit und alle

Macht. Und somit gibt es nur einen Gott, und der bin Ich.“

[GEJ.06_230,02-06]

Wir Menschen sind nach dem Ebenbild Gottes erschaffen, und so

haben auch wir die Dreiheit in uns und sind darum doch nur eine Person.

Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Der Herr spricht da von

Liebe, Weisheit und Wille. Die Liebe gibt die reinen Mittel, die Weisheit

ordnet sie und der Wille setzt sie ins Werk. Über jedes dieser Worte muss

der Mensch in der Meditation nachdenken, muss sie verinnerlichen, erst

dann können sie zu seinem Eigentum werden.

Auch die Jünger sind hocherfreut über diese Erklärungen und

antworten: „Wir danken Dir, o Herr, dass Du nun einmal wieder ganz

klar geredet hast, denn das ist eben nicht immer Deine Art. So bist Du

denn doch ganz vollkommen Gott, wie es uns schon zu öfteren Malen in

den Sinn gekommen ist.“ [GEJ.06_230,11]

Im 10. Band des Großen Evangelium Johannes gibt uns der Herr


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 43

Aufschluss über den Tod Petrus.

Auf einer früheren Reise nach Indien haben Matthäus und sein

Begleiter beim König von Babylon gute Aufnahme gefunden und ihn zum

Glauben bekehrt.

Jahre später kommen Petrus und sein Sohn Markus zu diesem König.

Auch sie werden freundlich empfangen und Petrus möchte gleich mit der

Missionierung des Volkes beginnen. Der König hat ihn lieb gewonnen.

Und da er weiß, von welchem Geiste seine Baalspriester beseelt sind,

beschwört er ihn, behutsam vorzugehen. Eine längere Zeit hört der

Apostel auch auf diesen Rat, zumal auch sein Sohn Markus ihm

empfiehlt: „Lass du hier dem König für unsere Sache die Waltung, und

wir werden nicht gegen den Willen des Herrn handeln, so wir den Rat des

Königs befolgen.“ [GEJ.10_161,09]

Nach einiger Zeit geht Petrus einmal allein hinaus aus der Stadt, tut

Gutes den Armen und heilt die Kranken. Die Baalspriester kommen dazu

und bitten ihn an einen anderen Ort mit noch mehr Kranken, ja, sie wollen

sogar seine Lehre annehmen. Petrus heilt alle und die Menschen loben ihn

ob dieser Großtat und verachten ihre vielen Götter. Das ergrimmt die

Baalspriester. Sie locken Petrus in einen Myrtenhain und fallen über ihn

her.

„Sie zogen ihm seine Kleider aus, erschlugen ihn und hängten ihn dann

bei den Füßen an einen dürren Myrtenbaum, an den sie zuerst einen

Querbalken befestigten und an diesen seine Hände mit Stricken

banden.“ [GEJ.10_161,15]

Der König ließ ihn in großer Sorge suchen. Erst nach zwei Tagen

fanden ihn die Boten, tot und übel zugerichtet. Er war darüber sehr

traurig, ließ Petrus mit königlichen Ehren in der königlichen Gruft

beerdigen und ließ auch den Myrtenbaum in diese Gruft bringen.

Die Priester wurden grausam bestraft und Markus konnte beinahe die

ganze Stadt und bald darauf nahe das ganze Land zur Lehre des Herrn

bekehren.

Die Christenheit wähnt das Grab des Apostels in Rom. Ja, gekreuzigt

wurde er schon, aber nicht in Rom, sondern im fernen Osten, in der Stadt

Babylon, die später den Namen Bagdad erhält.

Der Herr hat Seinen Nachfolgern empfohlen: „Seid sanft wie die

Tauben, aber klug wie die Schlangen!“ Hat sich Petrus klug verhalten?

Jesus hat ihm auf Seinen Missionsreisen ein Beispiel gegeben. Er ist

immer behutsam vorgegangen und hat seine Gegner gesänftigt.

In unserer Betrachtung rücken wir dem Leiden und Sterben unseres


44 Petrus, ein Apostel unseres Herrn GL 5/2004

Herrn, und der Rolle des Petrus während dieser Zeit, immer näher. Jesus

zieht sich mit Seinen Jüngern in eine Einöde bei einem kleinen Ort

Ephrem nahe Jerusalem zurück. Als sie sich dort eingerichtet haben,

ergeht es dem Petrus ähnlich wie auf dem Berg Tabor.

„Herr, wie gar so behaglich ruht es sich unter diesem Dach. Es ist doch

ein herrlich Ding um eine eigene, sorgenfreie Häuslichkeit! Warum tatest

Du nicht früher dergleichen. Am besten aber wäre es schon, wir blieben

von nun an immer hier.“ [GEJ.11_046,01]

Das Menschliche ist noch übermächtig in Petrus. Weiß er nicht, dass

der Herr auf Erden ganz andere Aufgaben hat als sich hier gemütlich

einzurichten! Es gilt dieser Aufenthalt alleine der Vorbereitung auf Sein

Leiden und Sterben und der letzten Ausbildung Seiner Jünger auf ihren

späteren Apostelberuf. Über die innere Ausbildung des Petrus sagt Er:

„Petrus hatte sich Meine Worte ganz besonders tief ins Herz

geschrieben, und mit der ihm eigenen Willensstärke ging er auch sofort

daran, seine Seele auszubilden, wo es ihm noch mangelte. Er zog sich

alsogleich von den übrigen zurück, um das innere Auge öffnen zu können

und blieb einige Tage für alle fast unsichtbar.“ [GEJ.11_054,01]

Dann zieht der Herr wieder nach Bethanien, von wo aus Sein

Triumphzug nach Jerusalem seinen Anfang nimmt. Petrus und Johannes

erhalten von Ihm den Auftrag für Seinen Einzug in die Stadt, das

Eselfüllen von den Fesseln zu lösen und ihm zuzuführen. Petrus und Johannes

erhalten weiter den Auftrag, den Saal vorzubereiten, in dem Er das

Abendmahl feiern wird.

Nach dem Mahl wäscht der Herr den Seinen die Füße. Der ungestüme

Petrus bietet ihm gleich seinen ganzen Leib an, um Anteil an Ihm zu

haben.

Wir gehen nun mit dem Herrn und Seinen Jüngern zum Ölberg. Im

Garten Gethsemane nimmt Er Petrus, Jakobus und Johannes ein wenig

beiseite. Er fordert sie auf: „Bleibet hier und wachet mit mir!“

In dieser Situation kann ich den mir sonst so vertrauten Petrus nicht

mehr begreifen. Der Herr findet ihn und seine Gefährten schlafend,

dreimal nacheinander findet Er sie schlafend. Hatte Petrus die Seelenlage

seines Meisters nicht erspürt? Hatte es das sooft vorausgesagte Leiden des

Herrn immer noch ausgeblendet, einfach nicht wahr haben wollen? Wo

bleibt die Bestätigung seiner kühnen Worte, dem Herrn bis in den Tod zu

folgen?

Weiter kennen wir die Situation, in der Petrus den Herrn dreimal

verleugnet hat! Ja, der Hirt ward geschlagen und die Schafe flohen.


GL 5/2004 Petrus, ein Apostel unseres Herrn 45

In der Neuoffenbarung lesen wir: „Petrus, der nach seinem Fall von

tiefster Reue erfasst worden war, folgte heimlich dem Zuge, der Mich

durch die Straßen von Jerusalem führte. Er hielt sich jedoch von allen

Brüdern fern, da er in seiner Seele das Bedürfnis des Alleinseins fühlte

und nun erst zur völligen Klarheit hinsichtlich Meines Wirkens gelangte.

Er erkannte den Zweck meines irdischen Heimganges und war auch fest

durchdrungen von dessen Notwendigkeit und von Meiner vorhergesagten

Auferstehung, auf die er fest vertraute.“ [GEJ.11_074,21]

Und die Auferstehung durfte er erleben, er durfte den verklärten Herrn

mit eigenen Augen schauen.

Am See Tiberias hatte er eine Begegnung mit Ihm ganz besonderer

Art. Wie schon sooft in den Jahren vorher ist er mit einigen Jüngern beim

Fischfang; aber die Netze bleiben leer. Die Augen des Leibes haben den

Herrn am Ufer nicht erkannt, wohl aber sein liebendes Herz. Er zieht sein

Obergewand an und stürzt sich ins Meer hin zum Ufer, hin zu Ihm.

Der Herr fragt ihn: „Petrus, liebst du Mich?“

Seine Antwort: „Ja Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe!“

Nachdem Jesus die Frage zum dritten Mal stellt, wird Petrus traurig. Er

denkt wohl an seinen dreimaligen Verrat und so antwortet er: „Herr, Du

weißt alles, Du weißt auch, dass ich Dich liebe!“

Eine Aussage, die für uns heute zu einem Gebet geworden ist. Auch

wir wissen um unser Schuldigwerden, aber wir wissen auch, dass die

Liebe eine Menge Sünden zudeckt.

Schlussgebet:

„Heiliger Petrus, wir haben dich auf den verschiedenen Stationen deines

Lebensweges begleitet. Wir haben in dein Herz geschaut, das voll

Begeisterung und Liebe zu unserm Herrn Jesus Christus erstrahlte.

Ich habe meine Fragen in deinen Fragen wiederentdeckt und ich habe

mich über jede Antwort unsers Herrn gefreut. Aber wie du, war auch ich

manchmal stutzig, habe nicht gleich begriffen, doch du batest den Meister

um eine nähere Erklärung.

Ich habe dich auch in schwachen Stunden erlebt, habe mich selbst geprüft,

wie ich mich verhalten hätte. Ich habe meine eigene Un-zulänglichkeit in

der deinen erkannt und bin mit dir demütig geworden. Dann habe ich

mich wie du, voll Vertrauen zum Herrn geflüchtet und gebetet: Herr, Du

weißt alles, Du weißt auch, dass ich Dich liebe! Amen.“


46 Schrifttexterklärungen GL 5/2004

Das Gleichnis vom reichen Kornbauern

Text des Neuen Testaments:

„Einer aus der Volksmenge aber sprach zu ihm: Lehrer, sage meinem

Bruder, dass er das Erbe mit mir teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch,

wer hat mich zu einem Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?

Er sprach aber zu ihnen: Sehet zu und hütet euch vor aller Habsucht, denn

nicht weil jemand Überfluss hat, besteht sein Leben von seiner Habe.

Er sagte aber ein Gleichnis zu ihnen und sprach: Das Land eines gewissen

reichen Menschen trug viel ein. Und er überlegte bei sich selbst und

sprach: Was soll ich tun? denn ich habe nicht, wohin ich meine Früchte

einsammeln soll. Und er sprach: Dies will ich tun: ich will meine

Scheunen niederreißen und größere bauen, und will dahin all mein

Gewächs und meine Güter einsammeln; und ich will zu meiner Seele

sagen: Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre; ruhe aus, iss,

trink, sei fröhlich. Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! in dieser Nacht wird

man deine Seele von dir fordern; was du aber bereitet hast, für wen wird

es sein?

Also ist der für sich Schätze sammelt, und ist nicht reich in Bezug auf

Gott.“ (Lk 12,13-21)

Text der Offenbarung:

„Es sorgte sich auch ein Hausherr und Besitzer größerer Gründe und

Herden einmal derart zum voraus, dass er, um seinen irdischen Reichtum

zu erhöhen und zu sichern, neue Scheunen, Stallungen und große und

feste Getreidekästen erbauen und dazu noch zur größeren Sicherung eine

starke und hohe Mauer um die Neubauten errichten ließ. Und als dann

alles fertig war, da sagte er: ,Ah, nun wird es mir leicht in meinem so

sorgenvollen Herzen; denn von nun an werde ich ohne Sorgen und

Kummer mit meiner großen Habe ganz ruhig fortleben können!‘ Aber als

er so sich tröstend noch fortredete, da ertönte eine Stimme wie ein Donner

und sagte: ,O du irdisch eitler Tor! Was rühmest du dich nun und tröstest

dich, als wärest du der Herr deiner Seele und deines Lebens? Siehe, noch

in dieser Nacht wird man deine Seele trennen von deinem Fleische, um

das du so viel zu sorgen hattest. Was werden dann der Seele alle deine

großen Sorgen, Mühen und Arbeiten wohl nützen?‘ Da erschrak der

Mensch und erkannte, dass er für seine Seele sich gar wenig noch gesorgt

hatte, und starb alsbald auf diese Kunde.

Fraget euch selbst nun, wozu dem Menschen seine viele Sorge in der Welt


GL 5/2004 Schrifttexterklärungen 47

ums Weltliche nunmehr dienlich war! Wäre es nicht klüger gewesen, so er

lieber seine Seele recht und wohl versorgt hätte und hätte in sich das

Reich Gottes gefunden?“ [GEJ.07_061,17f]

Kommentar: Beim Evangelisten Lukas finden wir das Gleichnis vom

reichen Kornbauern im Kontext einer Rede Jesu an die Volksmenge, bei

der „Tausende von Menschen zusammenströmen“ (12,1) und Jesus nach

einer kurzen Auseinandersetzung mit diesem Beispiel deutlich macht,

dass der Sinn des Lebens nicht in der Anhäufung irdischer Reichtümer

besteht. Das Gleichnis versteht sich dabei als Antwort auf gewisse

Erbstreitigkeiten, die an Ihn herangetragen werden und gegen die Er sich

deutlich zur Wehr setzt.

In der Offenbarung wird dieses Fallbeispiel von Jesus eingebettet in Seine

Erläuterungen an den Römer Markus, dem Er die Hauptaufgabe des

Menschen erklärt: Diese besteht nämlich darin, das Reich Gottes in sich

zu suchen, also für die innere und weniger für die äußerliche Entwicklung

Sorge zu tragen. Demzufolge sind Vertrauen auf Gottes Führung und

Vorsicht vor falscher und fehlgeleiteter Sorge um die natürlichen

Bedürfnisse des Weiteren die zentralen Aussagen in diesen Ausführungen

Jesu, aber auch die rechte Einstellung zu irdischer Tätigkeit, die das Reich

Gottes und damit das innere, d.h. geistige Wachstum nicht aus dem Blick

verliert. Das Gleichnis vom Kornbauern macht hier deutlich, wie wenig

Trost wirklich in der irdischen Absicherung liegt und wie leer der Mensch

bei einer solchen Einstellung tatsächlich bleibt.

„Suche ein jeder vor allem das Gottesreich, und alles andere wird ihm

nach Bedarf hinzugegeben werden!

Was er aber empfängt, das empfängt er nicht, dass er es zusammenhäufe,

sondern dass er es klug und weise benütze zum eigenen und der

anderen Besten. Du wirst finden der wahrhaft Armen die Menge; deren

Not solle erquicken dein Herz, weil dir nun die Mittel geistig und

leiblich gegeben sind, solche Not zu lindern und fröhlich zu machen das

traurige Herz des armen Bruders!

Siehe, jedes fröhliche Herz, das du erquickt hast in Meinem Namen,

wird dir dereinst zu einem neuen Himmel voll Seligkeiten ohne Maß

und Zahl werden und wird dir schon auf dieser Erde eine Labung

bereiten, die dir kein anderes Erdenglück geben kann, und wird in dir

gebären den wahren Frieden, – einen Frieden, den die Welt nicht

kennt!“ [GEJ.02_186,06-08]


48 Vater unser im Himmel… Ja? GL 5/2004

Vater unser im Himmel... Ja?

„Vater unser, der du bist im Himmel,...“ -

„Ja?“ -

„Bitte unterbrich mich nicht, - ich bete.“ -

„Aber du hast Mich angesprochen!“ -

„Ich, Dich angesprochen? Bestimmt nicht! Ich bete nur: ‘Vater unser im

Himmel“

„Da, du hast es schon wieder getan!“

„Was getan?“

„Mich angerufen. Du hast gesagt: ‘Vater unser im Himmel.‘ Und hier

bin Ich. Worum geht es?“

„Das habe ich doch gar nicht ernst gemeint. Ich habe nur mit meinem

Morgengebet begonnen. Da sage ich jedes Mal das Vaterunser auf. Und

anschließend fühle ich mich immer richtig gut. Ich habe das Gefühl, als ob

ich meine Pflicht getan hätte.“

„Also gut. Sprich weiter.“

„Geheiligt werde dein Name.“

„Einen Augenblick. Was meinst du denn damit?“

„Womit?“

„Geheiligt werde dein Name?“

„Das bedeutet, es bedeutet... Du meine Güte, ich weiß nicht, was es

bedeutet. Wie soll ich das auch wissen? Es gehört einfach zum Gebet.

Übrigens, was bedeutet es denn?“

„Geehrt, heilig, über alles gelobt, wunderbar.“

„Das klingt aber gut. Bisher habe ich noch nie darüber nachgedacht.

‘Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden’.“

„Meinst du das wirklich?“

„Sicher, warum denn nicht?“

„Und was trägst du dazu bei?“

„Dazu beitragen? Nichts, glaube ich. Ich denke vielmehr, es wäre eine

schöne Sache, wenn Du auch hier unten alles so gut in Deine Hand

nehmen könntest, wie du es da oben bei dir tust.“

„Habe ich dich denn in meiner Hand?“

„Naj a, ich gehe zur Kirche.“

„Danach habe ich dich nicht gefragt. Wie steht es um dein Temperament,

deine heftige Art, deine Ungeduld? Damit hast du doch immer wieder

Schwierigkeiten, nicht wahr? Und wie gehst du mit deinem Geld um -

brauchst du immer noch alles nur für dich? Und welche Bücher liest du?


GL 5/2004 Vater unser im Himmel… Ja? 49

Und was siehst du dir im Fernsehen an?“

„Nun hacke doch nicht auf mir herum! Ich bin genauso gut wie die anderen

Menschen in der Kirche.“

„Entschuldigung, Ich dachte, du hättest darum gebetet, dass Mein Wille

geschehe. Wenn du das wirklich so meinst, muss Ich doch darauf eingehen

und danach handeln.“

„Ja, natürlich. Ich weiß, ich habe da einige Probleme. Nachdem Du mich

darauf hingewiesen hast, fallen mir noch ein paar mehr ein.“

„Mir auch.“

„Bisher habe ich noch nicht viel darüber nachgedacht, aber ich würde gerne

so manches davon loswerden. Ehrlich gesagt, ich wäre gerne wirklich frei.“

„Gut. Nun kommen wir voran. Lass uns beide zusammenarbeiten. Wir

werden bestimmt einige Siege gewinnen. Ich bin stolz auf dich.“

„Ja, Herr, aber jetzt muss ich dieses Gebet zu Ende bringen. Heute dauert

es viel länger als normalerweise. - ‘Unser tägliches Brot gib uns heute’.“

„Für das Brot brauchst du nicht zu beten. Das wird dir helfen,

abzunehmen.“

„Also jetzt wird es ja immer schöner! Ich komme meiner religiösen Pflicht

nach, und da platzt Du plötzlich herein und erinnerst mich an alle meine

Schwächen!“

„Das Gebet ist etwas Gefährliches. Es fordert heraus. Es stellt in Frage. Du

kannst dabei ein völlig anderer Mensch werden. Um so mehr möchte ich

dir mit allem Nachdruck sagen: Halte an am Gebet! Und wie geht es jetzt

weiter?“

Pause. „Ich trau mich nicht.“

„Warum traust du dich denn nicht? Wovor hast du Angst?“

„Weil ich schon weiß, was Du wieder sagen wirst.“

„Versuch es doch erst einmal!“

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern...“

„Und was ist mit deiner Nachbarin?“

„Da siehst Du, ich hab' es geahnt. Ich wusste, dass du jetzt damit kommen

würdest! Aber sie hat doch Lügen über mich erzählt und mit anderen

Leuten über meine Familie gesprochen. Und sie hat mir auch das Geld nicht

zurückgezahlt, das sie mir schuldet. Ich habe mir geschworen, es ihr

heimzuzahlen.“

„Was soll denn dein Gebet dann bedeuten?“

„Ich habe es gar nicht ernst gemeint.“

„Wenigstens bist du jetzt ehrlich. Aber findest du es richtig, auf einen

anderen solchen Zorn zu haben?“


50 Vater unser im Himmel… Ja? GL 5/2004

„Nein, aber es geht mir bestimmt besser, wenn ich mich gerächt habe.

Übrigens habe ich mir schon etwas „Nettes“ ausgedacht. Sie wird sich

wünschen, nie in unsere Nähe gezogen zu sein.“

„Dir wird es nicht besser gehen, sondern schlechter. Rache ist nämlich

nicht süß. Überleg nur mal, wie unglücklich du jetzt schon bist. Das kann

ich aber alles ändern.“

„Wirklich? Wie denn?“

„Vergib deiner Nachbarin, dann werde Ich dir auch vergeben. Nun muss

sie mit dem Hass und der Sünde zurechtkommen. Du aber wirst frei sein

und in deinem Herzen Frieden haben.“

„Ja, Du hast recht. Du hast immer recht. Und wichtiger als meine

Rachegefühle gegen diese Frau ist mir, dass mein Verhältnis zu Dir in

Ordnung ist. Aber... (Pause)... (Seufzer)... Also gut. Ich vergebe ihr. Hilf

ihr, den richtigen Weg zu finden, Herr. Wenn ich so darüber nachdenke,

muss sie sich doch eigentlich richtig elend fühlen, wie jeder, der ständig

anderen Menschen Schlimmes antut. Bitte zeige ihr auf irgendeine Weise

den rechten Weg.“

„Na siehst du! Ist das nicht viel besser? Und wie geht es dir jetzt?“

„Na ja, eigentlich gar nicht schlecht. Ich habe sogar ein sehr gutes Gefühl.

Ich glaube, wenn ich heute Abend ins Bett gehe, werde ich zum ersten Mal

nicht mehr so schrecklich verspannt sein wie bisher. Vielleicht schlafe ich

auch besser.“

„Du hast dein Gebet aber noch nicht beendet.“

„Ach ja, richtig. ‘Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von

dem Bösen’.“

„Gut, das werde ich auch tun. Aber vermeide auch alles, was dich in

Versuchung bringen könnte.“

„Was meinst du damit?“

„Mach’ nicht den Fernseher an, ohne zu überlegen, was du da siehst.

Denke darüber nach, wie du deine Zeit einteilst, was für Freunde du hast,

worüber du mit ihnen sprichst. Mach’ dir Gedanken über das, was wirklich

Wert hat und kostbar ist in deinem Leben. Vor allem bitte ich dich, dass du

Mich nicht als Notnagel missbrauchst.“

„Den letzten Satz habe ich nicht verstanden.“

„Aber das hast du doch oft getan! Du bist irgendwo in Schwierigkeiten

geraten. Dann kamst du zu Mir gelaufen und sagtest: ‘Herr, bitte hilf mir

hier raus. Ich will es auch nie wieder tun.’ Erinnerst du dich?“

„Ja, Herr, ich schäme mich. Es tut mir sehr leid.“

„Ich habe dich immer wieder bewahrt. Aber hast du auch deine


GL 5/2004 Vater unser im Himmel… Ja? 51

Versprechen gehalten?“

„Nein, meistens nicht. Ich habe bis jetzt immer gedacht, ich könnte tun,

was ich wollte, wenn ich nur jeden Tag das ‚Vaterunser’ beten würde. So

etwas wie dieses Gespräch mit dir heute hätte ich nicht erwartet.“

„Und wie geht dein Gebet weiter?“

„Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.“

„Weißt du, was Herrlichkeit sein könnte? Worüber ich mich wirklich freuen

würde?“

„Nein, aber ich würde es gerne wissen. Ich möchte Dir Freude machen.

Mehr und mehr verstehe ich, wie schön es wäre, Dir wirklich

nachzufolgen.“

„Damit hast du deine Frage schon selbst beantwortet.“

„Wirklich?“

„Ja, es bedeutet Herrlichkeit für Mich, wenn Menschen wie du Mich

wirklich lieb haben. Und nun sehe Ich, dass diese persönliche Beziehung

zwischen uns entsteht. Nachdem wir jetzt einige von deinen Sünden

ausgeräumt haben und sie uns nicht mehr stören, wirst du staunen, was

wir noch gemeinsam erleben werden!“

„Herr, lass uns entdecken, was wir aus mir machen können, ja?“

„Du wirst es erleben!“

„Unser lieber Vater, der Du im Himmel wohnst, Dein Name

werde allzeit und ewig geheiligt! Dein Reich des Lebens, des

Lichtes und der Wahrheit komme zu uns und bleibe bei uns!

Dein allein heiliger und gerechtester Wille geschehe auf dieser

Erde unter uns Menschen also, wie in Deinen Himmeln unter

Deinen vollendeten Engeln! Auf dieser Erde aber gib uns das

tägliche Brot! Vergib uns unsere Sünden und Schwächen, wie

auch wir sie denen allzeit vergeben werden, die gegen uns

gesündigt haben! Lasse nicht Versuchungen über uns kommen,

denen wir nicht widerstehen könnten, und befreie uns also von

allem Übel, in das ein Mensch infolge einer zu mächtigen

Versuchung dieser Welt und ihres argen Geistes geraten kann;

denn Dein, o Vater im Himmel, ist alle Macht, alle Kraft, alle

Stärke und alle Herrlichkeit, und alle Himmel sind voll

derselben von Ewigkeit zu Ewigkeit!“

[GEJ.10_032,06]


52 Wie geht man mit Verletzungen um? GL 5/2004

Wie geht man mit Verletzungen um?

Zunächst Ruhe bewahren.

Jede Hektik verschlimmert die Wunde nur.

„Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!“ (Psalm 46,11).

Mit Verständnis die Wunde ansehen.

Wie kam es dazu?

War es vermeidbar?

Wie fühlt sich der andere?

Was, wenn die Rollen vertauscht wären?

Die Wunde gründlich mit Freundlichkeit auswaschen.

Dabei darauf achten, dass aller Ärger und jede Unversöhnlichkeit entfernt

werden.

Anschließend reichlich Nächstenliebe-Salbe auftragen.

Dadurch schützen Sie sich vor Groll- und Bitterkeitsinfektion.

Jetzt das Ganze mit einem Verband der Vergebung umwickeln.

Dadurch kann die Wunde in Ruhe ausheilen, ohne dass Sie sie jeden Tag

sehen müssen.

Niemals am Wundschorf kratzen (auch wenn es sehr juckt)!

Den Vorfall nicht immer weiter anrühren, weil sonst die alte Wunde

wieder aufbricht.

Selbstmitleid vermeiden!

Selbstmitleid ist auch unter dem Begriff „Entzugsschmerz“ bekannt, denn

man zieht sich dabei von den anderen, insbesondere dem Verursacher der

Wunde, zurück. Das beste Gegenmittel: Entschuldigungen annehmen.

Mehrmals täglich Wort Gottes unter Gebet einnehmen.

Das Medikament hat eine ausgeprägt heilsame und schmerzstillende

Wirkung.

Stets in engem Kontakt mit dem großen Arzt bleiben.

Er wird Ihnen während der Genesung die nötige Kraft, Freude und inneren

Frieden geben.

Die Heilung gilt als abgeschlossen, wenn der Patient wieder in voller

Gemeinschaft und Harmonie lebt, insbesondere mit dem Verursacher der

Wunde.


GL 5/2004 Lass dir helfen! 53

Lass dir helfen!

Der bekannte Züricher Nervenarzt und Schriftsteller Dr. Bovet rät in

zehn erstaunlich klaren Gebetsregeln:

1. Nimm dir täglich ein paar Minuten Zeit, um allein in der Stille zu

sein. Entspanne Leib, Verstand und Herz.

2. Sprich mit Gott einfach und natürlich und erzähle ihm alles, was

du auf dem Herzen hast. Du brauchst keine Formeln und fremde

Redensarten zu benutzen. Sprich zu ihm in deinen eigenen Worten. Er

versteht sie.

3. Übe dich im Gespräch mit Gott, wenn du bei deiner alltäglichen

Arbeit bist. Mach deine Augen ein paar Sekunden lang zu, wo immer

du bist, im Geschäft, im Bus, am Schreibtisch.

4. Berufe dich auf die Tatsache, dass Gott bei dir ist und dir hilft.

Du sollst Gott nicht immer bestürmen und um seinen Segen bitten,

sondern vielmehr von der Tatsache ausgehen, dass er dich segnen will.

5. Bete in der Überzeugung, dass deine Gebete sofort über Land und

Meer hinweg die, die du lieb hast, schützen und sie auch mit Gottes

Liebe umgeben.

6. Wenn du betest, sollst du positive und nicht negative Gedanken

haben.

7. Immer sollst du in deinem Gebet feststellen, dass du bereit bist,

Gottes Willen anzunehmen, wie er auch sein mag.

8. Lege beim Beten einfach alles in Gottes Hand. Bitte um Kraft, dein

Bestes zu können, und überlasse das übrige vertrauensvoll Gott.

9. Sprich ein Wort der Fürbitte für die, die dich nicht mögen oder

dich schlecht behandelt haben. Das wird dir außerordentlich Kraft

geben.

10. Täglich sollst du irgendwann einmal ein Gebet für dein Land

sprechen und um die Erhaltung des Friedens bitten.

Die einfachste Anweisung lautet: Rede mit Gott so, als ob er hier im

Stuhl vor dir säße, als ob er eben ins Zimmer getreten wäre und sagte:

„Was willst du, dass Ich dir tun soll?“


54 Weisheitsgeschichten GL 5/2004

Von Gesetz und Liebe

„Ein Vater hat zwei Kinder. Er hat diesen Kindern seinen Willen wie

gesetzlich bekannt gegeben. Einen Acker und Weingarten zeigte er ihnen

und sprach: Ihr seid kräftig geworden, und so verlange ich von euch, dass

ihr für mich nun den Weingarten und den Acker fleißig bearbeitet. Aus

eurem Fleiße werde ich erkennen, welcher von euch beiden mich am

meisten liebt. Nun, das ist das Gesetz, laut welchem natürlich demjenigen

Sohne, der den Vater am meisten liebt, des Vaters Herrlichkeit zuteil wird.

Was tun aber die beiden Söhne? Der eine nimmt den Spaten und sticht

den ganzen Tag fleißig die Erde um und bestellt den Acker und den

Weingarten. Der andere lässt sich bei der Arbeit mehr, wie man zu sagen

pflegt, gut geschehen. Warum? Er spricht: Wenn ich auf dem Acker oder

in dem Weingarten bin, da muss ich stets meinen lieben Vater entbehren,

zudem bin ich nicht so herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe ich nur

meinen lieben Vater, kann ich nur um Ihn sein, der meinem Herzen alles

ist, da frage ich wenig um eine oder die andere Zuteilung einer

Herrlichkeit.

Der Vater sagt diesem zweiten Sohne auch dann und wann: Aber siehe,

wie dein Bruder fleißig arbeitet und sucht sich meine Liebe zu verdienen.

Der Sohn aber spricht: O lieber Vater! Wenn ich am Felde bin, da bin ich

dir fern, und mein Herz lässt mich nicht ruhen, sondern spricht immer laut

zu mir: Die Liebe wohnt nicht in der Hand, sondern im Herzen, daher will

sie auch nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen verdient sein! Gib

Du, Vater, meinem Bruder, der so emsig arbeitet, den Acker und den

Weingarten. Ich aber bin von dir hinreichend beteilt, wenn du mir nur

erlaubst, dass ich dich nach meiner Herzenslust allezeit lieben darf, wie

ich dich lieben will und muss, weil du mein Vater, mein Alles bist.

Was wird nun da wohl der Vater sagen, und das aus dem innersten

Grunde seines Herzens? Sicher nichts anderes als:

Ja, du mein geliebtester Sohn, dein Herz hat dir das meinige enthüllt; das

Gesetz ist nur eine Prüfung. Aber mein Sohn, die Liebe steckt nicht im

Gesetze, denn jeder, der das Gesetz allein hält, hält dasselbe aus

Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft Meine Liebe und Meine

Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält, der ist noch fern

von Meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an Mir, sondern am

Lohne.

Du aber hast dich umgekehrt, hast das Gesetz zwar nicht verschmäht,

weil es dein Vater gegeben hat, aber du hast dich erhoben über das


GL 5/2004 Weisheitsgeschichten 55

Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben zu deinem Vater

zurück. Also soll denn auch dein Bruder den Acker und den Weingarten

überkommen und in meine Herrlichkeit treten; du aber, mein geliebtester

Sohn, sollst haben, was du gesucht hast, nämlich den Vater Selbst und alle

Seine Liebe!“ [GS.02_101,13-18]

Don Camillo spricht mit Jesus

Camillo: Herr, ich muss Dir etwas beichten. Ich habe Schuld auf mich

geladen. Ich habe in einem Anfall von Zorn dem jungen Cinetti weh

getan. Ich bitte um Vergebung.

Jesus: Hast du vergessen, dass deine Hände gesalbt sind?

Camillo: Nein, Herr, deshalb habe ich ihm ja auch einen Fußtritt gegeben.

Jesus: Camillo, du hast dich mal wieder nicht beherrschen können.

Camillo: Herr dieser Cinetti ist so rechthaberisch und gibt an wie ein

geölter Pfau.

Jesus: Und dein Recht, Camillo, hast du es nicht mit dem Fuß durchsetzen

wollen?

Camillo: Gewiss Herr. Versteh mich doch, dieser Lümmel muss endlich

erfahren, dass es so nicht geht.

Jesus: Camillo. Du bittest Mich um Vergebung, und dann fängst du an,

deine Tat zu rechtfertigen.

Camillo: Er hat mich vor allen Leuten gedemütigt und schlecht gemacht.

Jesus: Versetze dich in die Lage der anderen, nicht die anderen mit

Gewalt in die deine.

Camillo: Er macht mich wütend und zieht die Lacher stets auf seine Seite.

Jesus: Wenn du dein Gesicht verlierst, Camillo mach weiter. Verlierst du

aber den Kopf, hör auf! Und vergiss nicht, dass das Zusammenleben mit

dir manchmal genügen kann, sich den Himmel zu verdienen.

Camillo: Herr, ich gebe zu, dass ich hin und wieder ausraste, wenn man

mich nicht respektiert.

Jesus: Gib den Menschen deine Liebe Camillo. Warte nicht, bis die

anderen damit anfangen.

Camillo: Ich bemühe mich immer wieder darum Herr. Aber darf ich daran

erinnern, dass du einmal mit dem Strick reingefahren bist und die Händler

rausgeworfen hast?

Jesus: Du darfst Camillo. Es ist wichtig, die Ehre Gottes zu verteidigen,

nicht die eigene.


56 Weisheitsgeschichten GL 5/2004

Camillo: Zugegeben, das verwechsele ich bisweilen.

Jesus: Schön, dass du das einsiehst, Camillo. Und wenn du mir einen

Gefallen tun willst, dann übe dich in der Tugend der Selbstbeherrschung.

Camillo: Herr, ist die Sünde die mich weckt, nicht besser als die Tugend,

an der ich einschlafe?

Jesus: Gewiss, Camillo. Doch ich befürchte kaum, dass du einschlafen

wirst.

Camillo: Dasselbe befürchte ich auch, Herr.

Er wendet sich zur Seite, um wegzugehen, zögert etwas und wendet sich

erneut dem Kreuz zu: Was sage ich jetzt dem Cinetti?

Jesus: Entschuldige dich einfach! Öfter als du denkst, tun dir Menschen

das an, wozu du sie herausgefordert hast.

Camillo: Ich werde mich mehr in der Demut üben, Herr.

Jesus: Bravo Camillo, Du hast dein wirkliches Problem gut erkannt.

Camillo: Hilfst du mir dabei?

Jesus: Sicher Camillo. Wenn du klein werden willst, verachte nicht die

Größe der anderen!

Camillo: Danke für den Tipp, Herr.

Jesus: Nichts für ungut, Don Camillo.

Weit gereist

Er war ein vielgereister Mensch. Viele Sehenswürdigkeiten hatte er

gesehen, fast jedes Touristenziel hatte er besucht. Darauf war er stolz und

erzählte gerne davon.

Auf einer seiner Reisen kam er auch in ein Kloster. „Mal sehen, was die an

Schönem zu bieten haben.“

Ein Mönch begrüßte ihn und erkundigte sich, woher er käme. Er zählte

seine Reiseziel auf und beschrieb mit großartigen Worten deren

Sehenswürdigkeiten.

Der Mönch blieb unbeeindruckt.

„Hätten sie nicht auch einmal Lust fortzufahren und die Welt zu

sehen?“ fragte der Vielgereiste.

„Nein, das brauche ich nicht.“ erwiderte der Mönch, „Ich reise nur

nach innen. Dort finde ich alles Großartige dieser Welt.“


GL 5/2004 Weisheitsgeschichten 57

Das kleine Lob

Es war einmal ein kleines Lob, das größer werden wollte. Die Mutter

strich ihm über den Kopf und meinte: „Ich fürchte, du bleibst ein kleines

Lob. Vergiss nie: Ein kleines Lob ist besser als der größte Befehl!“

Auf seiner Wanderung in die weite Welt kam es zu einem Mann, der

gerade sein Auto wusch: „Kannst du mich nicht gebrauchen - zum

Loben?“ fragte das kleine Lob.

Aber der putzte weiter und sagte: „Wozu loben? Ich arbeite, damit ich

Geld verdiene. Ich putze, damit mein Auto sauber wird. Alles, was ich

tue, hat seinen Nutzen. Aber loben ist zu nichts nütze!“

Das kleine Lob schluckte und ging weiter.

Kurze Zeit später sagte es zu einem Kind: „Ich fände es schön, wenn du

mich brauchen könntest!“ Da meinte der Junge aufgebracht: „Pah, loben!

Was denn? Etwa die Schulaufgaben, die ich jetzt machen muss? Dass

mein Fahrrad einen Platten hat? Oder mein Brüderchen immerzu schreit?

Nein, alles ist eher zum Ärgern!“

Das kleine Lob schlich sich traurig davon. Will denn niemand mehr

loben? Und das kleine Lob wandte sich an eine alte Frau. „Wen soll ich

denn loben?“ sagte sie unzufrieden.

„Meine Kinder, die sich nicht um mich kümmern? Oder den Arzt, der

schon zwei Jahre an mir herumdoktert?

„Vielleicht könntest du ein kleines bisschen Gott loben und danken“,

sagte das kleine Lob vorsichtig.

„Ach du liebe Zeit“, rief die alte Frau, „heute ist doch nicht Sonntag!?“

„Vielleicht dafür“, das Lob blieb hartnäckig, „dass du noch lebst, dass du

immer zu essen hast, die Sonne und die Blumen sehen kannst …“

„Was ist das alles gegen mein Rheuma und mein Alleinsein?“ unterbrach

die alte Frau.

So wanderte das kleine Lob weiter. Es klagte: „Alle fragen nur: Warum?

Was bringt das? Ich habe es zu schwer! -

Dabei gehöre ich doch zum Lebenswichtigsten überhaupt: Leben, lieben

und loben - nur ein Buchstabe ist jeweils anders! Wenn das Leben

lebenswert ist, dann ist es auch liebenswert und dann ist es auch

lobenswert. Und soll dann nicht auch Der gelobt werden, Der das Leben

geschenkt hat?“

Und das kleine Lob kam zu dem Schluss: „Wer sich Zeit nimmt, Atem zu

holen, wer wieder richtig sehen lernt, wer die richtigen Maßstäbe setzt,

der kann danken und findet zur Freude zurück. Ja, und der muss einfach

loben!“


58 Blick in die Zeit GL 5/2004

Beten voll im Trend

Wissenschaftler der Universität Turin haben einen neuen Trend

aufgespürt: Beten ist wieder in. In den hoch technologisierten

Gesellschaften Europas und der USA findet ein Wechsel statt, den die

Forscher selbst nicht fassen können. Es galt als sicher, dass Religionen

immer weiter zurückgedrängt werden. Doch Gott erlebt ein sensationelles

Comeback.

Laut einem Bericht der „Berliner Morgenpost“

hatte 1995 die katholische Universität Mailand

in einer Studie festgestellt, dass 18,1 Prozent der

Mitteleuropäer niemals beten. Die Forscher

sagten damals voraus, dass in absehbarer Zeit die

Zahl der Menschen, die niemals beten, auf 30

Prozent ansteigen würde.

Jetzt habe die Turiner Uni das Gegenteil

bewiesen. Die Zahl der Menschen, die in

Mitteleuropa niemals beten, sank um 4,5

Prozent. Nur noch 13,6 Prozent der Befragten

gaben an, sich niemals an Gott zu wenden. Vor

allem für Frauen sei das Gebet wichtig. Insgesamt 35 Prozent der von der

Turiner Universität Befragten gaben an, täglich zu beten. Diese Gruppe

besteht zu 68 Prozent aus Frauen, die sagten, das Gebet gebe ihnen das

Gefühl, „nicht allein zu sein“, soweit der Bericht in der „Berliner

Morgenpost“.

Beten macht gesund

Dass der Trend zum Gebet zunimmt, könnte auch mit den Erfahrungen

zusammenhängen, welche beispielsweise kranke Menschen damit

gemacht haben. Studien der „Duke University of North Carolina“ haben

ergeben, dass immer mehr Menschen erfolgreich „religiöse

Stressbewältigung“ durch Gebet betreiben. So bei Krankheit, Krieg und

Tod eines nahen Angehörigen.

Auch andere Studien zeigen, dass Personen welche regelmäßig beten, eine

längere Lebenserwartung haben. Gebete stärken das Immunsystem,

besiegen Depressionen senken das Risiko für Herzinfarkt. An der

Harvard-Universität in Boston hat man ein Programm entwickelt, um der

Sache auf den Grund zu gehen. Ein herausragendes Beispiel der Studie:

Eine Patientin mit großen Herzproblemen wurde erst Schritt für Schritt

gesund, als sie regelmäßig zu beten begann.


GL 5/2004 Blick in die Zeit 59

Der US-Herz-Spezialist Prof. Dr. Byrd aus San Francisco führte mit 339

Patienten diese Untersuchung durch. Eine Hälfte der Beteiligten betete

regelmäßig, die andere nicht. Fazit des Wissenschaftlers: Bei der Gruppe

der Betenden gab es weitaus weniger Herzerkrankungen und Infektionen.

Die Menschen waren fröhlicher und zuversichtlicher. „Die heilende

Wirkung von Gebeten ist so faszinierend und interessant, dass man

unbedingt weiter forschen muss. Die bisherigen Untersuchungen zeigen,

dass das kein Zufall ist. So viele Studien können nicht irren,“ versichert

Byrd.

Erwiesen sei auch, dass das Gebet nicht nur positive Gesundheitseffekte

bei jenen auslöse, für die gebetet worden sei, sondern auch die Beter

selbst profitierten vom Gebet. Die Neigungen zu Depressionen und

Ängstlichkeit gingen auch bei Betern zurück und das Selbstwertgefühl

steige. Die Ursache dafür liege darin, dass gerade das wiederholte Gebet

den Körper entspanne. Diese Entspannung sei nach einer Untersuchung

des Harvard-Mediziners Dr. Herbert Benson „eine gute Therapie bei der

Behandlung von verschiedenen Leiden wie Bluthochdruck,

Herzrhythmusstörungen, chronischen Schmerzen, leichten bis mittleren

Depressionen und anderen Erkrankungen“. Je persönlicher eine

Gottesbeziehung sei, desto mehr Wohlbefinden stelle sich bei den Betern

ein. Wer dagegen nur über Gebetsformeln mit Gott in Kontakt trete, die

von anderen verfasst worden seien, werde nicht so tiefe Glückgefühle

erleben.

Quellen: Berliner Morgenpost/Livenet/Gesundheitsheft

Der Glaube an den lieben Gott macht gesund

Mit diesem simplen Titel fasst der Online-Dienst der norddeutschen

Illustrierten ‚Stern’ Aufsätze in der „Compact“-Ausgabe der Zeitschrift

„Psychologie heute“ zusammen. Die Zeitschrift fragt, was dem Leben

Sinn gibt, und setzt auf das Cover drei G-Wörter: „Glück, Glaube, Gott“.

Das Wort-Trio deutet an, wie das 20. Jahrhundert endete: Nach dem

Zerfall der jauchzenden Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit, mit

dem Ende der modernen Zuversicht, eine wirklich bessere Welt für (fast)

alle schaffen zu können, geht es in unseren Breitengraden vor allem

Anderen um das persönliche Glück.

Der hochtrabende Vernunftglaube, der ohne Gott auskam, ist der

Sinnsuche im postmodernen Irrgarten gewichen. Und die Wissenschaft

wird heute zunehmend daran gemessen, was sie zum Glück beitragen

kann.


60 Blick in die Zeit GL 5/2004

Glück - Glaube - Gott

Wenn - und insofern - Glaube zum Glück beiträgt, wird er der

wissenschaftlichen Erforschung durch die Psychologie für würdig

befunden. Und Gott wird - an dritter Stelle, wenn man vom Cover der

Zeitschrift ausgeht - für die Psychologen auch noch zum Thema, als hätte

es sich herumgesprochen, dass der Glaube an ihn etwas fürs Glück

abwirft.

Offenbar macht Glaube nicht krank - jedenfalls nicht im Normalfall (auch

wenn das harsche Wort von der ‚ekklesiogenen’, in der Kirche

gewordenen Neurose noch immer herumgeistert). Laut Stern zeigt „eine

wachsende Zahl von Untersuchungen in der neuesten Zeit, dass der

Glaube an einen gütigen Gott oder eine andere positive transzendente

Kraft oder auch ‚nur’ an einen tieferen Sinn des Lebens der körperlichen

und seelischen Gesundheit zuträglich ist“. - Der geneigte Leser darf sich

fragen, ob die Wissenschaft endlich alte Wahrheiten anerkennt, denen sie

ohne antireligiöse Scheuklappen schon längst hätte nachdenken können?

Der Stern zitiert aus dem Buch des Basler Psychiaters Samuel Pfeifer, der

in seinem Buch „Glaubensvergiftung - ein Mythos?“ (1993) auf die

komplexen Hintergründe ernsthafter Störungen hinwies: ungünstige

Einflüsse in Kindheit und Jugend, aktuelle Belastungen und Mühen, sie zu

bewältigen, mangelnde Unterstützung durch andere, ererbte

neurobiologische Anfälligkeit.

Sekten üben Druck aus

Allerdings sind religiöse Gemeinschaften, die das Leben ihrer Mitglieder

streng reglementieren oder auf einen unantastbaren Chef ausrichten, ein

weiterer Faktor. In der „Compact“-Ausgabe wird der Fall eines

ehemaligen Mitglieds einer Sekte geschildert. Bei der Frau wurde eine

ekklesiogene Neurose diagnostiziert. „Ich lebte unter ständigem Druck

und immer in Angst“, äußerte sie rückblickend. Besonders hatte sie unter

der Befürchtung des „Verlustes des Segens Gottes“ gelitten, wenn sie die

Forderungen der Gemeinschaft nicht erfüllte.

Welche Gottesvorstellung?

Was trägt Religiosität zum Glück bei? Der US-Psychologe und

Gesundheitsforscher Davin Larson wollte es genau wissen. Ergebnis

seiner Studie laut Stern: „Religiosität wirkt sich in 84 Prozent der Fälle

positiv aus und in 13 Prozent neutral. Nur bei 3 Prozent erwies sie sich als

abträglich. Gläubige Menschen konsumieren unter anderem weitaus

weniger Drogen und Alkohol als nichtgläubige und Selbstmord ist unter


GL 5/2004 Blick in die Zeit 61

ihnen seltener.“

Der US-Psychologieprofessor Kenneth Pargament will herausgefunden

haben, dass die Furcht vor einem Gott, der Sünden bestraft, Gläubige eher

in Depressionen, Ängste und psychosomatische Störungen abgleiten lässt.

Dagegen trage der Glaube an einen gütigen und nachsichtigen Gott zum

psychischen und körperlichen Wohlbefinden bei.

Heißt das, dass wir uns genau das Bild von Gott machen müssen, das

unserer Gesundheit, unserem Selbstwertgefühl, unserer ‚Identität’ wohl

tut? Hier kommt das zweite der Zehn Gebote der Bibel ins Spiel: „Du

sollst dir kein Bildnis von Gott machen“. Dieses Gebot wendet sich zuerst

gegen Götterbilder aus Stein, Metall und Holz, meint aber im weiteren

Sinn Vorstellungen von Gott überhaupt.

Heilig und gut: der wirkliche Gott, jenseits aller Bilder

Was hier pointiert ausgedrückt wird, zieht sich als roter Faden durch die

ganze Bibel: Der Gott, der alles geschaffen und Jesus den Menschen als

Retter gegeben hat, entzieht sich unseren Bildern und darf daher nicht in

ihnen gefasst werden - er ist vor allen Bildern, jenseits aller Vorstellungen

Gott. Sonst wäre er nicht Gott.

Aber: der Gott der Bibel bleibt nicht bei sich, nicht verborgen. Er hat sich

kundgetan, sich mit Menschen verbündet. Dabei liefert er jedoch sich nie

ihren Vorstellungen aus. Und sein scharfes Nein zum Lebensfeindlichen,

zum Zerstörerischen, zur Lüge und Sünde - das bleibt die zu fürchtende

Seite, der Zorn Gottes. Wäre er sonst heilig?

In Jesus Christus, für alle Menschen, die sich ihm anvertrauen, offenbart

sich dieser Gott als der Vater. Jesus Christus hat für die Schuld von uns

Menschen bezahlt - durch ihn gibt es Zugang zum Vater, der ewiges

Leben schenkt. Und ein reiches, sinnerfülltes Leben. Jesus sagte: „Ich bin

gekommen, dass sie das Leben und reiche Fülle haben sollen“ (Johannes

10,10). Dies hatte und hat Gott im Sinn. Sonst wäre er nicht gut.

Der Glaube, der gesund macht

Kurz: Der Glaube (nicht ein unbestimmter Glaube, sondern die

vertrauensvolle Verbindung mit diesem Gott der Bibel) bewahrt davor,

sich ein phantastisches Zerrbild zu machen, das früher oder später

zerbricht. Gott im Himmel ist kein obergütig-wohlmeinender Großpapa,

der schließlich doch Ja und Amen sagt zu allem, was Menschen auf der

Erde bauen - oder es mit dem barmherzigen Schleier der Vergebung

einfach zudeckt.


62 Blick in die Zeit GL 5/2004

Gott ist heilig und gerecht und treu. Das Leben der Menschen läuft nach

der Bibel auf einen bestimmten Tag zu. Da werden sie, wie Jesus einmal

sagte, „Rechenschaft geben müssen von jedem nichtsnutzigen Wort, das

sie geredet haben“ (Matthäus 12,36).

Was sich lohnt

Darum lohnt sich Ehrfurcht vor Gott - der Umgang mit dem Heiligen, der

die Schuldproblematik nicht ausblendet. Darum lohnt sich Vertrauen auf

den Vater, auf Jesus Christus, den Heiland der Menschen, der das Leben

wie keiner sonst gemeistert hat.

Darum empfiehlt sich das Leben mit dem Heiligen Geist Gottes, der

tröstet, Gottes Perspektive fürs Leben vermittelt und auf gute Pfade führt.

Darum empfiehlt sich ein Leben in Gemeinschaft mit anderen, die auf

dem Weg sind, und - nicht nur im Jahr der Bibel - eine regelmäßige

Lektüre dieses reichsten Buches der Menschheit.

All das gehört zum christlichen Glauben. Dieser Glaube - etwas Anderes

als das Ahnen einer letzten Instanz über mir - macht gesund, macht

tüchtig zum Leben. Der Glaube an diesen Gott macht gesund. Hier ist

Glück zu finden. Auch wenn das Leben nicht simpel einfach aufgeht.

Quelle: Zeitschrift ‚Psychologie heute’ / Livenet.ch

„Bringet her zu Mir alle, die da gebrochenen Leibes und Herzens sind,

so werde Ich sie heilen, damit sie gesunden! Die da aber gebrochenen

Verstandes sind, werden sich an Mir stoßen, und Ich werde sie nicht

heilen können; denn wer sich an Mir stößt, der ist voll Ärgers und

Hochmutes und entbehrt der Liebe, weil sie ihm unklug und hart

erscheint. Ich aber will eure Herzen heilen und durch diese eure

Seelen und Leiber; denn nur im Herzen wohnt der Glaube, und wo

dieser nicht wohnt, da herrscht Finsternis. Denn der Glaube, der da

gewachsen ist aus der Erkenntnis, ist ein Licht, welches jede

Finsternis verjagt. Also glaubet an Mich und an den Vater, damit ihr

sehet und die Finsternis von euch weiche!“ [GEJ.11_067,15]

Lorber-Tagung 2005

Die Lorber-Tagung in Hohenwart findet im nächsten Jahr

in der Zeit vom 22.05. bis 27.05 2005 statt.

Anmeldeformulare werden dem Heft Nr. 1/2005 beiliegen.


GL 5/2004 Veranstaltungen 63

Tag der Begegnung und der inneren Einkehr

zum Thema: „Heilung durch Vergebung“

am Samstag, den 6.11.2004

von 10.00 bis 17.00 Uhr

in Köln-Godorf, Immendorfer Str. 42

Elemente: Gebet und Stille, Kurzvorträge zum Thema

(von Hans-Gerd Fischer, Klaus Kardelke, Michael Nolten, Marion

Oetling), Austausch und Versöhnungsgottesdienst

Anmeldung bis zum 22.10.2004 bei:

Michael Nolten, Brühler Landstr. 425, 50997 Köln

Tel. (02232) 6 87 24 oder (02232) 96 54 38, Fax (02232) 6 87 51

eMail: Michael.Nolten@T-Online.de

Jakob-Lorber-Begegnungsstätte

Andritz Quelle

Nach umfangreichen Renovierungs- und Sanierungsarbeiten ist die

Jakob-Lorber-Begegnungsstätte ab Anfang Oktober 2004

wieder geöffnet.

Bei entsprechender Nachfrage wird sich die Öffnungszeit bis

Anfang Januar 2005 verlängern.

Für Zimmerreservierungen melden Sie sich bitte bei:

Anita Strattner, Pfarrhofstr. 7, 83132 Pittenhart

Tel.: 08624-4114

Jakob-Lorber-Begegnungsstätte, Ursprung 10,

A-8046 Graz-Stattegg

Tel.: 0043 / 316-691353 (von Deutschland aus)

Tel.: 0316-691353 (von Österreich aus)


64 Neuerscheinung GL 5/2004

Die Kraft der Liebe im Alltag neu erfahren und ausstrahlen

von Peter Forster

Es gibt viele Wege und

Möglichkeiten im Leben, um

mehr oder weniger glücklich

zu werden. Doch ohne die

Liebe fehlt in allen Erfahrungen,

die wir machen können,

die letzte Erfüllung zum

Glück. Wenn wir aber in

allem erst einmal nach der

Liebe streben, wird vieles,

was uns im Alltag begegnet,

angenehmer, freundlicher

und wir werden immer öfter

jenes Glück entdecken, das im Verborgenen,

im Schlichten und Einfachen zu finden

ist. Dieses Glück berührt uns oft in

einem Augenblick der Begegnung wie die

Strahlen der Sommersonne, die bisher von

Regenwolken verdeckt waren, die nun

durch eine erste Wolkenlücke unvermittelt

hervorbrechen, um uns mit ihrer

wohltuenden Wärme gänzlich zu überfluten.

Mit den vier Einladungen zu einer meditativen

Verinnerlichung der Liebe, die im

Begleitbuch als herausnehmbare Meditationskarten

eingelegt sind, will ich Sie

begeistern, diese Liebe in Ihrem Alltag

neu zu entdecken. Es sind vier Zugänge

zur Liebe, aus völlig unterschiedlichen

Lebensbefindlichkeiten: Aus dem ganz

normalen Leben, wie wir es tagtäglich

erfahren, aus Erschütterung durch

schwerwiegende Erkrankungen, aus der

Dunkelheit von Leid und Depression,

aber auch aus der Suche nach tieferer

spiritueller Erfahrung.

In jedem von uns ist die Sehnsucht nach

dieser Liebe verborgen, die, ist sie erst

einmal geweckt, Unmögliches möglich

macht.

Ich denke, kaum ein anderer hat es besser

auszudrücken vermocht,

was wahre Sehnsucht bewegen

kann, als Antoine de

Saint-Exupery: „Wenn du

ein Schiff bauen willst ....

fang nicht an Holz zusammenzutragen,

Bretter zu

schneiden und die Arbeit

zu verteilen .... sondern

wecke in den Menschen die

Sehnsucht nach dem großen,

weiten Meer.“

Wenn wir wichtige Dinge

tun wollen, sollten wir sie immer mit der

ganzen Sehnsucht unseres Herzens tun.

Das gilt besonders, wenn es darum geht,

unser persönliches Lebensschiff zu bauen,

das uns zum wahren Glück hintragen soll.

Erst die Sehnsucht nach dem unvorstellbar

großartigen Ozean vollkommener

Liebe wird die Ideen und Inspirationen

freisetzen, die unser Lebensschiff liebestauglich

zu gestalten vermögen.

Ich lade Sie zu einer Entdeckungsreise

jener Liebe ein, die uns auf geheimnisvolle

Weise umgibt und zugleich tief in unserem

Innersten auf uns wartet. Wie mit

einem Schiff, mit dem wir unbekannte

Weltmeere befahren wollen, müssen wir

unsere Leinen von den vertrauten Ufern

losmachen, um uns auf das große Abenteuer

der Liebe einzulassen.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen,

daß Buch und meditative Verinnerlichungen

die Sehnsucht wecken, das Wagnis

einer faszinierenden Entdeckungsreise

zum Herzzentrum der Liebe einzugehen.

Das Buch umfasst 163 Seiten inkl. vier

farbig gestalteter Meditationskarten

und ist bei Peter Forster, Postfach 1215,

90556 Cadolzburg zum Preis von 15 €

plus Porto zu beziehen.


Tief in mir sprudelt ein Quell unendlicher Liebe.

Ich sehne mich danach und will, daß sie in mir aufsteigt.

Sie erfüllt mich ganz und durchströmt alles in mir.

Sie strahlt in alle Richtungen grenzenlos,

und kehrt mit vermehrter Kraft zurück.

Ihre Fülle ist unerschöpflich.

Aus ihr liebe ich alle Menschen und sehe in ihnen das Gute.

Ich umfange sie liebevoll mit Sanftmut und Güte,

und liebe mich selbst, so wie ich bin.

Weil ich das Gefäß dieser Liebe in mir bin,

sorge ich liebevoll - auch für mich.

So erfahre ich tiefen Frieden und neue Lebensfreude.

Die Liebe durchtränkt alle Orte an denen ich wirke,

und erfüllt mich mit Dankbarkeit für das Geschenkte.

Ich genieße es in Liebe zu arbeiten,

und in Liebe mit Menschen für Menschen da zu sein.

Weil ich liebevoll an sie denke,

werden auch sie Spiegel der Liebe.

Die Liebe vergibt alles und macht mich frei.

So lebe ich ganz im Augenblick und erkenne:

Alles ist gut so wie es ist.

Ich erfahre, daß ich geliebt und getröstet bin,

daß die Liebe mit mir spricht,

und daß immer gut für mich gesorgt ist.

Ich bin geborgen in vollkommener Liebe.

Sie wirkt liebevoll für mich und durch mich,

jetzt und immerdar.

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt,

bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm (Joh 4,16).

Peter Forster


Besinnliche Texte zur Meditation

Beten heißt nicht bitten. Gebet ist die Einung

mit Gott - es ist das Gespräch mit Gott. Wie

verwandelt sich unser Leben unter dem

Einfluss eines edlen Freundes. Wie unendlich

viel mehr wird uns die Gemeinschaft mit dem

Einen, der über alle Maßen gut ist, verwandeln.

Sundar Singh (1889-1929)

Alles außer uns ist und muß uns ein Spiegel

sein von dem, was innerlich zu finden ist.

Daher kommt es, dass erleuchtete Seelen so

sehr aufs Stillesein und Einkehren dringen.

Gerhard Teersteegen (1697-1769)

Du brauchst Gott nicht zu suchen hier oder

dort, er ist nicht ferner als vor der Tür des

Herzens; da steht er und harrt und wartet,

wen er bereit finde, der ihm auftue und ihn

einlasse. Du brauchst ihn nicht weither zu

rufen, er wartet ungeduldiger als du, daß du

ihm auftuest; ihn verlangt dringender nach dir

als dich nach ihm. Dein Auftun und sein

Eingehen ist nur ein Augenblick.

Meister Eckehart (1260-1327)

Wer in sich nicht auf dem rechten Wege ist,

der ist auch in dieser Welt nirgends auf dem

rechten Wege. [GEJ.10_120,14]

Jakob Lorber (1800-1864)

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