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SCHRIFTEN des Vereins für Geschichte und ... - Baarverein.de

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<strong>SCHRIFTEN</strong><br />

<strong><strong>de</strong>s</strong><br />

<strong>Vereins</strong> <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong><br />

<strong>und</strong> Naturgeschichte <strong>de</strong>r Baar<br />

in Donaueschingen<br />

41. Band - \998<br />

Schriftleitung: Günther Reichelt<br />

Die Autoren sind <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Inhalt ihrer Arbeit selbst verantwortlich<br />

Zitiervorschlag: Schriften <strong>de</strong>r Baar, Bd. 41 , 1998<br />

Selbstverlag <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> aturgeschichte <strong>de</strong>r Baar<br />

78166 Donaueschingen 1998


Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Übersetzung. achdruck. Ve rvielfaltigung auf<br />

fotomechani schem o<strong>de</strong>r ähnlichem Wege sowie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen<br />

- auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung <strong><strong>de</strong>s</strong> Herausgebers.<br />

© Vere in <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> Naturgeschi chte <strong>de</strong>r Baar e. Y.<br />

Hal<strong>de</strong>nstr. 3, D-78 166 Donaueschingen<br />

ISS 0340-4765<br />

atz: too much <strong><strong>de</strong>s</strong>ign. Freiburg<br />

Druck: Moog-Druck. Hüfingen<br />

I 00 ~ ch lorfrei gebleichtes Papier


5<br />

Inhalt<br />

Seite<br />

Vorwort<br />

G AßRIELE BRUGGER:<br />

Schlichte B aarkin<strong>de</strong>r<br />

Lucian Reichs Wirklichkeiten<br />

W OLF - [NGO SEfDELMAI N:<br />

Die Eisenerze <strong>de</strong>r Baar im Rahmen <strong><strong>de</strong>s</strong> Vierjahresplans von 1936<br />

WOLFGAI G HILPERT:<br />

Carl Bon'omäus Fickler<br />

GÜl\'THER REICHELT:<br />

Z um Eiszeitgeschehen im Mittelschwarzwald (3)<br />

ALEX DER SIEGM ND:<br />

Die Temperaturentw icklung auf <strong>de</strong>r B aar<br />

seit Beginn kontinuierlicher Klimaaufzeichnungen<br />

HELMUT GEHRING:<br />

Z ur Situation <strong><strong>de</strong>s</strong> Weiß torchs auf <strong>de</strong>r Baal'<br />

M Al'lFRED W ARTH:<br />

Die A bdrücke von Heilpflanzen auf <strong>de</strong>r Tross inger Glocke von 1650<br />

CHRISTA <strong>und</strong> ROßERT W AGNER:<br />

Die ehemalige Mogernmühle bei Fützen<br />

GERH RD B RONNER:<br />

Heckentran plantation o<strong>de</strong>r Neupflanzung?<br />

ÜTTO SCHEIß:<br />

Die Situati on <strong>de</strong>r Balmherzigen Schwestem vom HL Kreuz<br />

von Ingenbohl in D onaueschingen 1864 - 1994<br />

FRITL VöGELE:<br />

Chuneg<strong>und</strong>is Schilling, Ä btiss in <strong><strong>de</strong>s</strong> Benediktinerinnen-Klosters<br />

Sr. Sebasti an zu Amtenhausen in <strong>de</strong>r badischen Baar 1796 - 1808<br />

M ICHAEL J.H. ZIMMERMAl'l :<br />

"Fest <strong>und</strong> ent 'chlossen in dieser bösen Z eit" - Glaubenstreu im Dritten Reich:<br />

Schwenningens ernste Bibel forscher in Bedrängnis <strong>und</strong> B ewährung<br />

6<br />

7<br />

44<br />

84<br />

95<br />

126<br />

146<br />

154<br />

161<br />

169<br />

175<br />

181<br />

185<br />

JOHA ', ES W ERNER:<br />

'Father Oschwald' o<strong>de</strong>r:<br />

Ein Hirt <strong>und</strong> seine Her<strong>de</strong> ziehen in die<br />

eues Schrifttum <strong>de</strong>r Baar<br />

<strong>Vereins</strong>chronik<br />

K arl Z immennann zum Ge<strong>de</strong>nken<br />

eue Welt<br />

192<br />

198<br />

202<br />

205<br />

Tauschpartner <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>r Baar Donaueschingen <strong>und</strong> ihre Schriften<br />

Anschriften <strong>de</strong>r Velfasser<br />

aturgeschichte<br />

207<br />

2 11


6<br />

Vorwort<br />

Mit großer Freu<strong>de</strong> können wir unseren Lesern <strong>de</strong>n neuen Band 41 <strong>de</strong>r "Schriften <strong>de</strong>r Baar"<br />

übergeben. Er fol gt seinem Vorgänger wie<strong>de</strong>rum im Abstand nur e ines Jahres <strong>und</strong> steht ihm<br />

in <strong>de</strong> r Fülle <strong>und</strong> Spannweite <strong>de</strong>r The men ke inesfall s nach. Auch wenn nicht zu erwarten ist,<br />

daß je<strong>de</strong>r Leser je<strong>de</strong>m Beitrag die gleiche Aufmerksamkeit schenkt trägt doch je<strong>de</strong>r Aufsatz<br />

ein we iteres interessantes Detail zur Kenntnis von "Land <strong>und</strong> Leuten" <strong>de</strong>r Baar <strong>und</strong> ihrer ang<br />

renzen<strong>de</strong>n Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>te ile bei. Beachtenswert auch, daß diesmal beson<strong>de</strong>rs vie le Beiträge <strong>de</strong>r<br />

Fe<strong>de</strong>r von Verein mitg lie<strong>de</strong>rn entstammen.<br />

Je<strong>de</strong>nfa ll s ist <strong>de</strong>n Autore n herzli ch da<strong>für</strong> zu danken, daß sie ihre Forschung arbeiten <strong>de</strong>n<br />

"Schri ften <strong>de</strong>r Baar" anvertraut haben. ohne da<strong>für</strong> in klingen<strong>de</strong>r Münze entlohnt zu wer<strong>de</strong>n.<br />

Wir haben als Gegenleistung im Rahmen unserer fi nanzie ll en Möglichke iten versucht, ihre<br />

Beiträge sorgfälti g <strong>und</strong> angemessen au zustatten <strong>und</strong> ke ine Mühe gescheut, diesbezüg lichen<br />

Wünschen gerecht zu wer<strong>de</strong>n - ni cht nur bei <strong>de</strong>r Zahl. son<strong>de</strong>rn auch <strong>de</strong>r Qualität <strong>de</strong>r Abbildungen.<br />

Der kunstgeschichtlich Intere 'sierte wird die farbige Wie<strong>de</strong>rgabe vieler Bil<strong>de</strong>r ebenso<br />

begrü ßen wie <strong>de</strong>r mehr naturwissenschaftli ch ausgerichtete Leser. Außer<strong>de</strong>m sind wir zu<br />

einer schwereren Papier orte übergegangen <strong>und</strong> haben uns dazu durchgerungen, statt <strong>de</strong>r e it<br />

1976 verwen<strong>de</strong>ten Klebebindung zur bewährten Fa<strong>de</strong>nbindung zurückzukehren. Dies auch<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>halb, weil wir wissen. daß unsere "Schriften" in vie len Fachbibliotheken stehen <strong>und</strong> von<br />

zahl reichen Lesern benutzt wer<strong>de</strong>n.<br />

In diesem Zusammenhang sei darauf aufmerksam gemacht, daß wi r m it über h<strong>und</strong>ert Vereini<br />

gungen <strong>und</strong> Institutionen - <strong>de</strong>utschen <strong>und</strong> ausländischen - einen Schriftenaustausch pflegen.<br />

Wir haben sie in diesem Band einmal aufge li stet. Sie be legen di e überregiona le Beachtung<br />

unserer Veröffentlichungen, weit über <strong>de</strong>n Kreis unserer Mitglie<strong>de</strong>r hinaus. Das spiegeln auch<br />

die häufi gen Z itate unserer "Schriften" in wissenschaftli chen Publikationen wi<strong>de</strong> r.<br />

Hingewie en ei noch darauf. daß die Vorträge während <strong>de</strong>r im September 1997 vom Alemannischen<br />

Institut Freiburg <strong>und</strong> <strong>de</strong>m <strong>Baarverein</strong> veranstalteten wissenschaftli chen Tagung "Die Baar<br />

als vor- <strong>und</strong> frühgeschichtlicher Siedlung raum <strong>und</strong> ihre heutigen Entwicklungsprobleme" (s.<br />

Vere inschronik) <strong>de</strong>mnächst in einem Son<strong>de</strong>rband <strong><strong>de</strong>s</strong> Alemannischen In tituts veröffentlicht<br />

wer<strong>de</strong>n.<br />

Schließlich dürfen wir auch die mal - <strong>und</strong> das trotz <strong>de</strong>r fa t allenthalben knapper wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n<br />

Geldmirtel - einigen Spen<strong>de</strong>rn <strong>für</strong> Zuschüsse zu <strong>de</strong>n Druckkosten herzlich danken. Es sind dies:<br />

S.O. Joachim Fürst zu Für tenberg<br />

Stadt Donaueschingen<br />

Sparkasse Donaueschingen<br />

LandkJeis Schwarzwald-Baar<br />

Ein ungenanntes <strong>Vereins</strong>mitglied<br />

Der Schriftleiter:<br />

G. Reichelt


7<br />

Schlichte Baarkin<strong>de</strong>r<br />

Lucian Reichs Wirklichkeiten<br />

von Gabriele Brugger<br />

In <strong>de</strong>n Fußstapfen von Hans "<strong>de</strong>m Gelehrten" von Schellenberg, auf <strong>de</strong>m Pfad vielseitig<br />

interessierter Beobachter, <strong>de</strong>ren ganze Aufmerksamkeit <strong>und</strong> Liebe ihrem Lebensraum <strong>und</strong><br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>sen Bewohnern gilt, kommt Lucian Reich daher, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen To<strong><strong>de</strong>s</strong>tag sich zur lahrtausendwen<strong>de</strong><br />

zum einh<strong>und</strong>ertsten Mal jährt. Auf <strong>de</strong>mselben Pfad, in enger Verb<strong>und</strong>enheit zum<br />

Städtchen Hüfingen <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Landschaft <strong>de</strong>r Baar, ist später Gottfried Schatbuch gegangen,<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>sen h<strong>und</strong>el1ster Geburtstag 1998 gefeiert wird. Alle drei verbin<strong>de</strong>t das Interesse an ihrer<br />

Heimat <strong>und</strong> die Motivation, das Wissen vorhergehen<strong>de</strong>r Generationen zu erhalten, zu vermehren<br />

<strong>und</strong> weiterzugeben. Di es macht ie zu Persönlichkeiten, di e an ihrem Platz zu ihrer<br />

Zeit einen wichtigen Beitrag zur Konstituierung <strong>und</strong> Entwicklung von Kultur geleistet haben.<br />

Das Bestreben, <strong>de</strong>n rechten Ausgleich zwischen Bewahren <strong>und</strong> Ellleuern zu fin<strong>de</strong>n, war Antrieb<br />

<strong>für</strong> Lucian Reich, <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n Übergang von <strong>de</strong>r bäuerlichen Feudalgesell chaft zur bürgerlichen<br />

lndu triegesellschaft mü aufmerksamem Blick begleitete. Die Hinwendung zum unmittelbar<br />

Erlebten <strong>und</strong> das Bemühen um die schöpferische, kreative Umsetzung seiner Erkenntnisse in<br />

Schriften <strong>und</strong> Bil<strong>de</strong>r machen Lucian Reich Werk zu einer wertvollen Que lle, <strong>und</strong> eine<br />

genauere Betrachtung einer Lebenszeit <strong>und</strong> seiner Arbeit kann Aspekte beleuchten, die in<br />

<strong>de</strong>r heuti gen Auseinan<strong>de</strong>rsetzung um kulturelle I<strong>de</strong>ntität unserer Region hilfreich sind.<br />

Lucian Reich <strong>und</strong> <strong>de</strong>r <strong>Baarverein</strong><br />

Der Hüfi nger Maler <strong>und</strong> Schriftsteller Lucian Reich , <strong>de</strong>r <strong>de</strong>m Verein <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong><br />

aturgeschichte <strong>de</strong>r Baar zu <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Neukonstitujerung 1870 sein Manuskript "Die Schicksale<br />

<strong>de</strong>r letzten Herren von Schellenberg" übergab <strong>und</strong> 1896 seine "Blätter aus meinem Denkbuch"<br />

in <strong>de</strong>n Schriften <strong>de</strong> <strong>Vereins</strong> veröffentli chte, war bis zu seinem Tod Mitglied <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>für</strong><br />

<strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> Naturgeschichte <strong>de</strong>r Baar. Unter J 34 Mitglie<strong>de</strong>rn, die im ersten Heft 1870<br />

aufgezählt wer<strong>de</strong>n. <strong>und</strong> auch in <strong>de</strong>n drei fo lgen<strong>de</strong>n Heften bi 1888, ist er <strong>de</strong>r Einzige, <strong>de</strong>r<br />

sich nicht mit Titeln <strong>und</strong> Berufsbezeichnungen näher erklärt, son<strong>de</strong>rn schlicht mit "Lucian<br />

Reich in Rastatt" als korrespondieren<strong><strong>de</strong>s</strong> Mitg lied geführt wird. Dieser Umstand wirft ein<br />

charakteristi sches Licht auf Lucian Reich, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen überzeugendste bi Idnerische Arbeiten jene<br />

"schlichten Baarkin<strong>de</strong>r" sind , die er mit Bleistift, Fe<strong>de</strong>r o<strong>de</strong>r Ölfarbe auf kleinen Formaten,<br />

fri eh, frei <strong>und</strong> überraschend sicher, festgehalten hat. In <strong>de</strong>n autobiographischen "B lättern<br />

aus meinem Denkbuch" schreibt er: "Ich hatte verschie<strong>de</strong>ne Zeichnungen von daheim<br />

mitgehracht: eine figurenreiche Fas{nachtsscene mit äpfelauswe,fen<strong>de</strong>n Hanseln, plau<strong>de</strong>rn<strong>de</strong><br />

Nachharn auf<strong>de</strong>m Hausbänklein ,<strong>und</strong> was sich mir sonst in <strong>de</strong>r Wirklichkeit ::eigen<br />

wollte. In <strong>de</strong>r jet::igen Umgebung" (Frankfurt, Stä<strong>de</strong>lsches lnstitut, 1835/36) "hörte ich<br />

aber l'on Originalität <strong>de</strong>r Komposition, neuen Gedanken <strong>und</strong> Motiven. Wie hällen gegen<br />

all das meine schlichten Baarkil/<strong>de</strong>r aufkommen können' Also griff auch ich ::ur Kohle<br />

lind komponierte <strong>und</strong> fixierte Zeichnungen höhern Stils" (L. REICH: Bl ätter aus meinem<br />

Denkbuch, in Schriften <strong>de</strong>r Baar 9, 1896). Man hört, daß <strong>de</strong>r über Siebzigjährige, als er dies<br />

schreibt, sehr wohl <strong>de</strong>r Meinung ist, daß seine "schlichten Baarkin<strong>de</strong>r" aufkommen <strong>und</strong> bestehen<br />

gegen die mit leiser Iron ie bedachten "Zeichnungen höhern Stils" .


8<br />

Lucian Reich in seiner Zeit<br />

Lucian Reich wur<strong>de</strong> 1817 in Hüfingen geboren, lebte hier<br />

bis 1855, als er als Zeichenlehrer nach Rastatt ging, <strong>und</strong><br />

wie<strong>de</strong>r ab 1890 bi s zu seinem To<strong>de</strong> 1900. Studien- <strong>und</strong><br />

Arbeitsaufe nthalte in Frankfurt, München <strong>und</strong> Karlsruhe<br />

zwischen 1835/36 <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Umzug nach Rastatt erweiterten<br />

seinen Horizont <strong>und</strong> ließen ihn di e Umbruchsituation, die<br />

aus <strong>de</strong>r sprunghaften Entwicklung <strong>de</strong>r Produktionsmitte l,<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Verkehrs- <strong>und</strong> TranspoJ1wesens, sowie <strong><strong>de</strong>s</strong> achrichtenwesens<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>r Medien resultierte, hautnah erleben.<br />

Abb. I : Llician Reich. Lithografie von J .. Heinemann<br />

Während schon Lucian Reichs Vater Luzian Reich d.Ä., <strong>de</strong>r als Industriepionier in Hüfingen<br />

eine Dunggipsmühle e'Tichtet hatte, ein Zementwerk, eine Schwarzkalkfabrikation, eine Woll ­<br />

spinne rei <strong>und</strong> e ine Ziegelhütte betrieb, gehörte doch noch zu fast je<strong>de</strong>m Haus ein Stall <strong>und</strong><br />

die Mehrzahl <strong>de</strong>r Einwohner betrieb als Selbstversorger eine kl e ine Landwirtschaft. "Der<br />

Vater machte j et:t wenig Gehrallch mehr l'on seiner Kunsthegahllng. Der Schlüssel :ur<br />

Werkstall hing oftwochen-. monatelallg IInherührt am agel; lind wenn ich ihn je einmal<br />

:ur Hand nahm <strong>und</strong> hinab ging, schauten mich Cicero. Adonis, HerkIlIes, Bacchus et<br />

Camp. - Bildhauer Brtlnner'schen Ange<strong>de</strong>nkens - die ich l'or meinem Abgang nach<br />

Fran/..jurl so schön auf Tonpapier ge:eichnet - l'on ihren hestaubten Schäften herah<br />

wehmiitig lind verlassen an, - Kam <strong>de</strong>r einst so kllnsteifrige Besif:er aus <strong>de</strong>r Schule heim .<br />

so nahmen ihn schon wie<strong>de</strong>r an<strong>de</strong>re SO/gen lind Mühen außer Hause in Anspmch. Er<br />

halle ein Gipslager al({ <strong>de</strong>r Gemarkung ent<strong>de</strong>ckt <strong>und</strong> an <strong>de</strong>r Breg eine Dunggipsmiihle,<br />

<strong>und</strong> in Verbindung mit seinem tätigen Schwager Naher am "Kännerbach" eine Wollespinnerei<br />

errichtet, wozu später noch ((n <strong>de</strong>r Breg Cement- lind Schl1'ar:kalk-Fahrikation kam.<br />

Abb. 2: Ziegelhlilte in Hlifingen, Lithografi e


9<br />

Die Stan<strong><strong>de</strong>s</strong>herrschaft wie auch <strong>de</strong>r damalige Gemein<strong>de</strong>rat waren <strong>de</strong>n Unternehmungen<br />

im wohIverstan<strong>de</strong>nen Interesse <strong>de</strong>r Allgemeinheitför<strong>de</strong>rnd entgegengekommen. Des Vaters<br />

Werkbank in <strong>de</strong>r Wohnstube glich jetzt einer bunt durcheinan<strong>de</strong>r aewÜlfelten Mineraliensammlung,<br />

:u welcher die ganze Umgegend Beiträge geliefert hatte. Im Umgang mit Hofrat<br />

W. Rehmann <strong>und</strong> Obelforstinspektor Gebhard, sowie als aktives Mitglied <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>für</strong><br />

<strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> Naturgeschichte in Donaueschingen, hatte er sich geognostische Kenntnisse<br />

erworben, um welche ihn , wie Professor Fickler sich ausdrückte, mancher Professor<br />

hälle benei<strong>de</strong>n können. Nicht gleichen Schritt mit seinem Unternehmungseijer hielten aber<br />

die pekuniären Dfolge; das fortwähren<strong>de</strong> Verbessern <strong>und</strong> Än<strong>de</strong>rn <strong>de</strong>r Werke nahm die<br />

beschränkten Mittel all:usehr in Anspruch; dazu kam noch <strong>de</strong>r Betrieb durch ji·em<strong>de</strong>.<br />

nicht immer ganz :uverlässige Leute. - Und somit floß jet:t das Leben im elterlichen Hause<br />

nicht mehr in ruhigem geregeltem Gang dahin wie früher" (Blätter aus meinem Denkbuch).<br />

Während die Terrakottaarbeiten seines Bru<strong>de</strong>rs, <strong>de</strong> Bildhauers Franz Xaver Reich , unter<br />

an<strong>de</strong>rem lebensgroße Bildnisse <strong>für</strong> die Fassa<strong>de</strong>nausstattung <strong><strong>de</strong>s</strong> 1851-53 erbauten Karlsruher<br />

Hoftheaters, mit<strong>de</strong>m Pfer<strong>de</strong>wagen von Hüfingen durch <strong>de</strong>n damals noch wil<strong>de</strong>n Schwarzwald<br />

transpoltiert wur<strong>de</strong>n, fuhr im Oben'heingraben zwischen Freiburg <strong>und</strong> Hei<strong>de</strong>lberg schon die<br />

vor 1845 eröffnete Eisenbahn.<br />

Während man in Hüfingen noch abends beim Öllicht zusammensaß Ge chichten erzählte,<br />

zeichnete, spann <strong>und</strong> sich auf an<strong>de</strong>re einfache Weise unterhi e lt, waren mit <strong>de</strong>n technischen<br />

Erfindungen, <strong>de</strong>m Aufkommen <strong>de</strong>r Farblithografie im zweiten Jahrzehnt <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jahrh<strong>und</strong>elts,<br />

mit <strong>de</strong>r Erfindung <strong>de</strong>r Fotografie<br />

1838 <strong>und</strong> mit <strong>de</strong>r Entwicklung<br />

<strong>de</strong>r Karikatur als Bildmedium<br />

die Gr<strong>und</strong>lagen <strong>für</strong> die<br />

billige Produktion <strong>de</strong>r heutigen<br />

Überfülle von Bil<strong>de</strong>rn in <strong>de</strong>n<br />

mo<strong>de</strong>men Plintmedien <strong>und</strong> <strong>de</strong>n<br />

Einzug von elekuischem Licht<br />

in je<strong><strong>de</strong>s</strong> Haus gelegt.<br />

A bb. 3: Titelbi Id "Wan<strong>de</strong>rblühten ",<br />

Lithografie von RudolfGleichauf<br />

Als aufmerksamer Beobachter seinerZeit, hat Lucian Reich empf<strong>und</strong>en, wie weitgehend <strong>und</strong><br />

tiefgreifend die Umbruchsituation <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jahrh<strong>und</strong>erts <strong>für</strong> das gesellschaftliche Leben <strong>de</strong>r<br />

Menschen, auch <strong>für</strong> ihre kulturelle I<strong>de</strong>ntität, sein wür<strong>de</strong>; hier war einer <strong>de</strong>r Antriebe <strong>für</strong> seine<br />

Tätigkeit als Maler <strong>und</strong> Schriftsteller. "Aber auch die Amtsstadt zeigte die ehemalige Physiognomie<br />

nicht mehr so ganz. Der Zeitgeist hatte so manchen Zug bereits verwischt o<strong>de</strong>r<br />

l'erdrängt - wenn auch nicht in <strong>de</strong>r Weise , wie <strong>de</strong>r hinken<strong>de</strong> "Hafnerkaspar"fin<strong>de</strong>n wollte:<br />

es habe kein Bürger mehr <strong>de</strong>n richtigen bürgerlichen Gang, - ja wenn er Rock gesagt<br />

hätte, <strong>de</strong>n dunkelblauen langen TlI chrock (\'on Spöttern Zehenklopfer genannt) mit<br />

umgelegtem Kragen <strong>und</strong> Knöpfen statt Hafren. wodurch sich <strong>de</strong>r Handwerksmann vom<br />

Bauer ullterschied .. .. Gleich wie die Lan<strong><strong>de</strong>s</strong> fl'a chten mehr <strong>und</strong> mehr verschwin<strong>de</strong>n, so<br />

wird vom alten Herkommen, Sitten <strong>und</strong> Bräuchen, bald nicht mehr viel übrig sein. Hat<br />

doch selbst Frau Fastnacht ihr eigenartiges Gewand Zltm Teil schon abgelegt, in<strong>de</strong>m sie<br />

in Stadt <strong>und</strong> DOIf in Gestalt von allen möglichen Trauer-, Schau- <strong>und</strong> Lustspielen programmgemäß<br />

über die Bretter gehl" (Blätter aus meinem Denkbuch).


10<br />

Hüfingen war um 1744 Oberamt stadt <strong>de</strong>r <strong>für</strong>stlichen Verwaltung gewor<strong>de</strong>n <strong>und</strong> seit 1806<br />

Großherzoglieh Badi ches Bezirk amt. Die Anwesenheit <strong>de</strong>r herr chaft lichen Beamten, die<br />

in großer Zahl mit ihren Familien in Hüfingen lebten, führte zu e iner kulturellen Blüteze it<br />

<strong>de</strong>r kleinen Stadt. eben <strong>de</strong>r schon erwähnten Mal- <strong>und</strong> Zeichen chule gab es im 18. - 19.<br />

Jahrh<strong>und</strong>e I1 in Hüfingen eine Primarschule, e ine weibliche Industri eschule, Musikunterricht<br />

in Gesang <strong>und</strong> Instrumenten, Unterricht in <strong>de</strong>r Herstellung feiner Putzarbeiten, Französisch<strong>und</strong><br />

TtaljenjschuntelTicht, es gab <strong>de</strong>n HofgaI1en mit Kegelbahnen sowie eine gute Bielwirtschaft<br />

im Schloß. Im Schloß waren auch die Fürstlichen naturk<strong>und</strong>lichen <strong>und</strong> Kunstsammlungen<br />

untergebracht. "Von nicht :u unterschö/:en<strong>de</strong>r Be<strong>de</strong>utung fiir die kleine Stadt war das<br />

jiirstliche Schloß mit seinem schönen Garten lind <strong>de</strong>n Kunst- <strong>und</strong> Naturmerbvürdigkeiten<br />

im "Kahinell". Was es da :u betrachten <strong>und</strong> zu bew<strong>und</strong>ern gab, machte auf mich einen<br />

lebendigeren lind nachhaltigeren Eindruck. als das, was wir hald nachher \'on Sammlungell.<br />

wissenschaftlich geordnet, klassifi:ienllnd katalogisiert, :u sehen bekamen. Und<br />

dasselbe möchte ich auch VOll an<strong>de</strong>ren ll/gen<strong>de</strong>rinnerungen sagen, : .8. von <strong>de</strong>n Schlittenfahnen,<br />

welche die Herrscha.fien oji an schönen Wintertagen hierher machten. in <strong>de</strong>n<br />

phantastisch gestalteten Schlillen aus <strong>de</strong>r Zeil <strong><strong>de</strong>s</strong> Rokoko: Diana mit <strong>de</strong>m Hirsch, Neptun,<br />

das Walroß lenkend. Löwen I/nd an<strong>de</strong>res Gehil<strong>de</strong> :eigend. Ahends sahen wir das Schloß<br />

dann erlel/chtet, im Saale gegen <strong>de</strong>n Hof:u ertönte Musik :u improvisierten Tänzen, <strong>und</strong><br />

die hei Fa<strong>de</strong>lsehein bewerkslelligte Rückfahrt ließ uns <strong>de</strong>n Zug erst recht im romantisch<br />

märchenhafien Lichte erscheinen" (Blätter aus meinem Denkbuch). So leuchtete <strong>de</strong>r Glanz<br />

höfischen Lebens nach Hüfingen hine in <strong>und</strong> hatte sicher seinen Anteil an Luc ians Wunsch<br />

Künstler zu wer<strong>de</strong>n.<br />

Bedingungen <strong>für</strong> ein Leben als Künstler in <strong>de</strong>r Mitte <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jahrh<strong>und</strong>erts am<br />

Beispiel von Franz Xaver Reich, Johann Nepomuk Heinemann <strong>und</strong> Lucian Reich<br />

Die materielle Situation eine Künstlers dieser Zeit, die sich verän<strong>de</strong>m<strong>de</strong>n Möglichkeiten, als<br />

Künstl er im Zeitalter <strong>de</strong>r poli ti schen. gesell schaftli chen <strong>und</strong> materi ell en Umbrüche zu<br />

überleben. läßt s ich am Beispiel <strong>de</strong>r drei Hüfinger Luc ian Rei ch, Franz Xaver Re ich <strong>und</strong><br />

Johann Nepomuk Heinemann sehr gut beleuchten. A lle drei waren Schüler von Luzian Reich<br />

d.Ä. in <strong>de</strong>r von diesem gegrün<strong>de</strong>ten <strong>und</strong> geführten Mal- <strong>und</strong> Zeichen T hule.<br />

Franz Xaver Reich. <strong>de</strong>r Bildhauer, 18 15 geboren, kommt <strong>de</strong>r klassischen Rolle e ines vom<br />

a<strong>de</strong>li gen Mäzen unterhaltenen Künstlers am nächsten. Er hat die Protektion <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten Karl<br />

Egon von Fürstenberg. Ein Stipendium <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten, das er zu e inem zweijährigen Italienaufenthalt<br />

1842/43 nutzt, för<strong>de</strong>rt seine künstleri che, wie<br />

auch 'ei ne Entwicklung zur weltgewandten Persönlichkeit.<br />

Er bekommt be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong> Aufträge zur Fassa<strong>de</strong>ngestaltung<br />

<strong>de</strong>r <strong>für</strong>st li chen Bauvorhaben in Donaueschingen. Franz<br />

Xaver Reichs TelTakottaarbeiten schmücken das Gebäu<strong>de</strong><br />

<strong>de</strong>r F.F. Sammlungen, Gewehrkammer, Orangerie <strong>und</strong><br />

Reithalle. Auch die künstl erische Ü bersetzung <strong>de</strong>r<br />

"Do nauque lle" in ei ne freistehen<strong>de</strong> Plastik, heute am<br />

ZusammenOuß von Brigach <strong>und</strong> Breg, ist eine Arbeit Franz<br />

Xaver Reichs im Auftrag <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten, <strong>de</strong>r <strong>de</strong>m Bildhauer<br />

im Hüfinger Schloß ein Atel ie r zur Verfügung ste llte.<br />

Abb.4:<br />

Franz Xaver Reich. Fe<strong>de</strong>rzeichnung von Joseph Hcinemann


11<br />

Weitere Arbeiten, wie die Brunnengestalrung in Schloß Heili genberg mit Statuen von Fürst<br />

Kar! Egon JI <strong>und</strong> Landgraf Joachim, wer<strong>de</strong>n vom Donaueschinger Fürstenhaus honoriert.<br />

Aufträge <strong>für</strong> die Außengesralrung von Kirchenbauwerken <strong>und</strong> Statuen kommen aus <strong>de</strong>r<br />

Region.<br />

Doch auch <strong>und</strong> vor al lem an <strong>de</strong>r regen Bautäti gkeit, die in Karl sruhe <strong>und</strong> Ba<strong>de</strong>n-Ba<strong>de</strong>n im<br />

Auftrag <strong><strong>de</strong>s</strong> Großherzogs mit <strong>de</strong>m Architekten Heinrich Hübsch einen Gestalter gef<strong>und</strong>en<br />

hatte, war Franz Xaver Reich beteiligt, wie auch, mehr o<strong>de</strong>r weniger umfangreich, die an<strong>de</strong>ren<br />

Hüfinger, Lucian Reich Johann epomuk Heinemann <strong>und</strong> RudolfGleichauf. Das Giebelfeld<br />

<strong>de</strong>r Trinkhalle Ba<strong>de</strong>n-Ba<strong>de</strong>n <strong>und</strong> die gesamte Bauplastik <strong>de</strong>r Kun thalle stammt von Franz<br />

Xaver Reich. Den Fassa<strong>de</strong>nschmuck <strong>de</strong>r Orangerie <strong>und</strong>, als größtes Projekt, <strong>de</strong>n gesamten<br />

pla tischen Schmuck <strong><strong>de</strong>s</strong> lei<strong>de</strong>r zer tÖl1en Karlsruher Hoftheaters hat Franz Xaver Reich<br />

gestaltet <strong>und</strong> auch produziert. Er harte die<br />

Ziegelei seines Vaters übernommen. sie zu<br />

einer TelTakottabrennerei umgestaltet <strong>und</strong><br />

fertigte die Arbeiten <strong>für</strong> Karlsruhe in<br />

Hüfingen.<br />

Donaueschingen , J 5. F ebrt/GI: Seit mehreren<br />

Wochen sah man die hiesigen<br />

Fre<strong>und</strong>e <strong>de</strong>r Kunst in das nahe Städtchen<br />

Hiijingen wan<strong>de</strong>rn , um im ji"irstlichen<br />

Schlosse in <strong>de</strong>m Atelier <strong><strong>de</strong>s</strong> Bildhauers X.<br />

Reich das 11///1 bis :um Brennen <strong><strong>de</strong>s</strong> Thones<br />

l'ol/en<strong>de</strong>te Giebelfeld :u sehen. welches<br />

bestimmt ist, <strong>de</strong>n Vorbau <strong><strong>de</strong>s</strong> neuen Theaters<br />

in Karlsruhe :u schmücken. Wir glauben<br />

dasselbe sowohl in <strong>de</strong>r Elfindllng, als<br />

ill <strong>de</strong>r Ausführung ein l'O//kommen gelungenes<br />

nennen :11 dÜIj'en. Die durch die bekanl1le<br />

Giebelform<strong>für</strong> die Komposition so<br />

sehr erschwerte Aufgabe wur<strong>de</strong> auf eine<br />

Weise gelöst, als wäre <strong>de</strong>m Genius <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Künstlers die freie Be: wingung seiner<br />

Schwingen :ur Velj'ügung gestan<strong>de</strong>n.<br />

Möge nUll <strong>de</strong>m Künstler bei <strong>de</strong>m Brennen<br />

dieser seiner größten Arbeit das Glück so<br />

günstig sein, als es seine ZU1'ersicht erwartet.<br />

Die geringste Ungleichheit im Trocklien<br />

wür<strong>de</strong> bei diesen Dimensionen ein<br />

Springen <strong>de</strong>r Masse veranlassen <strong>und</strong> so<br />

das Produktl'on langen Monaten <strong>und</strong> unermiidlichem<br />

Fleiß vernichten" (Donau- Abb. 5:<br />

eschinger Wochenblatt, r. 15 vom Franz Xaver Reich, Fotografi e von J . . Heinemann<br />

22.2.1853).<br />

Betrachtet man Porträts <strong>de</strong>r Künstlerpersönlichkeit Franz Xaver Reich, Fotografien <strong>und</strong><br />

Lithografien hauptsächlich von Schwager Heinemann gemacht, sieht man einen selbstbewußt<br />

bis tolz posieren<strong>de</strong>n, immerernsten Mann, von <strong>de</strong>m man in Hüfingen heute sagt, daß erein<br />

wenig über seine Verhältnisse gelebt hat, wozu ihn <strong>de</strong>r Umgang mit sei nen Auftraggebern<br />

sowohl nötigte, als auch verfüh l1e.


l2<br />

Abb. 6: SelbslbildnisJohann<br />

epomuk Heinemann. Lithografie<br />

Den Gegenpol <strong><strong>de</strong>s</strong> Künstlers, <strong>de</strong>r ohne a<strong>de</strong>l ige För<strong>de</strong>rung<br />

auskommen muß, bil<strong>de</strong>t Johann epomuk Heinemann,<br />

"f!,1eich mir im teuren Jahr 17 geboren". Er orientierte sich<br />

eher handwerklich. "A nfänglich wollte er Schildmaler wer<strong>de</strong>n<br />

hei Dilger in Neustadt, einer <strong>de</strong>r Werkstäflen, in<br />

welchen sich im Laufe <strong>de</strong>r Zeit eine fixe Technik ausgebil<strong>de</strong>t<br />

hafle. die vollständig genügt häfle. <strong>de</strong>n ebenso<br />

praktischen wie charakteristischen, hell lackierteIl <strong>und</strong><br />

bemalten "Schild" <strong>de</strong>r Schwar:walduhr artistisch weiter<br />

aus:llbil<strong>de</strong>n. - ach <strong><strong>de</strong>s</strong> Meisters baldigem To<strong>de</strong> hafle<br />

sich Heinemal1n bei Keller in Donalleschingen <strong>de</strong>l71lithographischen<br />

Fache :ugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen<br />

wohnend <strong>und</strong> je<strong>de</strong>n Tag <strong>de</strong>n Weg hin lind her machend<br />

lind ausschließlich mit schnjilichen Arbeiten, Tabellellllnd Impressen beschäftigt,<br />

war es ihl1lnur injreien Stlln<strong>de</strong>n \'ergönnt. Porträts nach <strong>de</strong>r Natur:1I zeichnen - <strong>und</strong> wie<br />

Fiele <strong>und</strong> treff7iche hat er auf Stein ge:eichnet, lIn1er Gn<strong>de</strong>m eins von W. Rehmann <strong>und</strong> ein<br />

frühestes Fon Scheffel als Lyceist . ... .. .. Heillemann beabsichtigte, sich in Hiijingen, damals<br />

noch Oheramtsort, nie<strong>de</strong>r:lllassen. Doch sollte ihm dies nicht so leicht gemacht wer<strong>de</strong>n.<br />

Das Gesuch um die KOII:ession :/lr Errichtllllf? ein er eigenen Druckerei wllr<strong>de</strong> \'on <strong>de</strong>r<br />

Kreisregientng ahschlägig heschie<strong>de</strong>nllnd erst au/klarstellen<strong>de</strong> Winke \'on Donaueschingen<br />

alls genehmigt" (L. R EICH: un veröffentlichte Autobiografie. 0.1., Stadtarchiv Villingen­<br />

Schwenningen).<br />

Schon früh wandte er sich auch <strong>de</strong>r neuen Technik <strong>de</strong>r Fotografie zu. Er w ur<strong>de</strong> einer <strong>de</strong>r<br />

ersten Fotografen im Lan<strong>de</strong>. Mit di esen Produktionstechniken zielte Heinemann, <strong>de</strong>r als Sohn<br />

eines Nagelschmie<strong><strong>de</strong>s</strong> ohne a<strong>de</strong>lige Protektion geblieben war, auf einen ganz an<strong>de</strong>ren Auftraggeberkreis<br />

al s <strong>de</strong>r Bildhauer, obwohl auch vom Fürstenhaus eine Dienste als Fotograf<br />

geschätzt wur<strong>de</strong>n. Mit seinen lithografierten Porträts,<br />

vor allem aber mit seinen Fotografien kam<br />

er<strong>de</strong>m Bedarf nach Bildnissen zu günstigen Preisen.<br />

<strong>de</strong>r zunehmend auch aus einfacheren Kreisen<br />

<strong>de</strong>r Gesel L chaft entwickelt wur<strong>de</strong>, entgegen.<br />

Bei <strong>de</strong>n Projekten, die er mit Lucian Reich gemeinsam<br />

bearbeitete, die Mustel1l1appe <strong>für</strong> Uhrschildmaler<br />

<strong>und</strong> die Bücher, weiter unten genauer<br />

beschrieben, han<strong>de</strong>lte es sich um Kunst­<br />

(gewerbliche)produktion <strong>für</strong> einen anonymen<br />

Abnehmerkreis. Johann epomuk Heinemann<br />

fand immer sein Auskommen in Hüfingen<strong>und</strong><br />

an se inem Lebensabend konnte er sich. wohlversorgt<br />

von seiner Schwester, einer Liebhaberei,<br />

<strong>de</strong>m Holzschnitzen widmen. Seine achkommen<br />

leben noch heute in <strong>de</strong>m mit sei nen<br />

Schnitzereien ausgestatteten schönen Häuschen.<br />

Abb. 7: Prinzessin Amelie von Flirstenberg ( 1848 -<br />

191 8) Fotografie von J. N. Heinemunn


13<br />

Lucian Reich nimmt zwischen diesen bei<strong>de</strong>n eine Mittelposition e in, was die materi e llen<br />

Bedingungen betrifft. Ein Staats tipendium aus <strong>de</strong>m Fonds <strong>für</strong> Künste <strong>und</strong> Wissenschaft erlaubt<br />

es ihm, seinem Bru<strong>de</strong>r Xaver 1840 nach München zu folgen, von Italien dagegen kann er nur<br />

träumen. Am Bau <strong>de</strong>r Kunsthall e in Karl sruhe ist er mit Wandma lereien unter Moritz von<br />

Schwindts Anleitung beteili gt, doch eigene Aufträge aus <strong>de</strong>n A<strong>de</strong>lshäusern bleiben au .<br />

Dagegen kann er zu verschie<strong>de</strong>nen Publikationen u. a. BADERS "Ba<strong>de</strong>nia" 1843/44 <strong>und</strong> 1845<br />

zum von Helmann KURZ <strong>und</strong> Bertold AUERBACH herausgegebenen "Deutschen Familienbuch<br />

zur Belehrung <strong>und</strong> Unterhaltung" Illustrationen beisteuern. Der 1850 erfolgte Aufruf <strong>de</strong>r<br />

Direktion <strong>de</strong>r Uhrmacherschule Furtwangen Künstler mögen Musterblätter <strong>für</strong> die, unter<br />

Schweizer Konkurrenz lei<strong>de</strong>n<strong>de</strong>. Schwarzwäl<strong>de</strong>r Uhrenproduktion beisteuern, fiel bei ihm<br />

auf fruchtbaren Bo<strong>de</strong>n. Später, nach<strong>de</strong>m er auch zum Schreiben gef<strong>und</strong>en hatte, ergreift er<br />

die Initiative, eine eigene Buchproduktion mit Fre<strong>und</strong> <strong>und</strong> Schwager Heinemann ins Leben<br />

zu rufen.<br />

Produktion von Büchern als Weg, Bil<strong>de</strong>r <strong>und</strong> Texte zu verkaufen<br />

Mit <strong>de</strong>m Buch "Hieronymus, Lebensbi l<strong>de</strong>r aus <strong>de</strong>r Baal' <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Schwarzwal<strong>de</strong>" startet da<br />

Team REICH/HElNEMA 'N auf <strong>de</strong>n Weg in ein sicherlich sehr arbeitsinten ive , aber elbstbestimmtes<br />

Unternehmertum. Lucian Reich schrieb <strong>de</strong>n Text <strong>und</strong> lieferte die Entwürfe <strong>für</strong><br />

die Lithografien, die von Hei nemann auf <strong>de</strong>n Stein übertragen <strong>und</strong> gedruckt wur<strong>de</strong>n. Vom<br />

Für ten earl Egon II zu Fürstenberg erhielt Reich ein zinsloses Darlehen zur Finanzierung<br />

<strong>de</strong>r Druckko ten. 1852 er cheinen<br />

die allerer ten Exemplare, noch im<br />

Selbstverlag. in Hüfingen in 1. e­<br />

pomuk Heinemanns Steindruckerei<br />

<strong>und</strong> in Karl sruhe in <strong>de</strong>r Buchdruckerei<br />

von MaJsch <strong>und</strong> Vogel<br />

gedruckt. 1853 wird dann mit <strong>de</strong>r<br />

Her<strong>de</strong> rschen Buchhandlung, A.<br />

Geßner, ein Verlag fü r das Buch<br />

gewonnen <strong>und</strong> mit <strong>de</strong>r FornlUlierung<br />

<strong>de</strong>r Widmung durch Lucian<br />

Reich beginnt etwa, das wir heute<br />

mit <strong>de</strong>m Wort Sponsorenarbeit umschreiben<br />

wür<strong>de</strong>n. "Seiner, <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Herren Carl EgoII. Fürsten :u<br />

Fürstenberg . Landgrafen in <strong>de</strong>r<br />

Baal' LW. Hoch<strong>für</strong>stlichen Durchlaucht,<br />

<strong>de</strong>m hochher:igen Beför<strong>de</strong>rer<br />

<strong>und</strong> Beschüt:er vaterländischer<br />

KlinSE <strong>und</strong> Wissenschaft,<br />

widmet dieses Werk in tiefster<br />

Eh/furcht <strong>de</strong>r Ve/fasser" (Hieronymus,<br />

1852).<br />

Abb. 8: Überarbei tete Lithogra fi e aus<br />

"Hieronymus"


14<br />


15<br />

lichkeit trat. geruhten Eure Königliche Hoheit allergnädigst, die Mittel zur Anschaffung<br />

einer größ eren Anzahl Exemplare zu bewilligen, um durch Vermilllung <strong>de</strong>r Direktion <strong>de</strong>r<br />

Großherzoglichen Uhrenmacher-Schule zu Furtwangen <strong>de</strong>n weniger wohlhaben<strong>de</strong>n<br />

Familien <strong><strong>de</strong>s</strong> Schwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> die Anschaffung <strong><strong>de</strong>s</strong> Buches zu ermög lichen. Eine also huldvolle<br />

Würdigung seiner geringen Leistungen konnte wohl nicht an<strong>de</strong>rs, als <strong>de</strong>n Verfasser<br />

ermUlhigen, die einmal beschrillene Bahn weiter zu velfolgen. Und in<strong>de</strong>m ich nun im<br />

Begriffe stehe, das vorliegen<strong>de</strong> neue Werklein im Sinne <strong><strong>de</strong>s</strong> ersten herauszugeben, wird<br />

mir im Vorraus schon <strong>de</strong>r schönste Lohn durch die gnädigste Vergünstigung, Eurer Königlichen<br />

Hoheit die kleine Gabe zueignen zu dÜlfen. Wenn <strong>de</strong>mnach durch <strong>de</strong>n all verehrten<br />

Namen meines durchlauchtigsten Herrn <strong>und</strong> angestammten Lan<strong><strong>de</strong>s</strong><strong>für</strong>sten <strong>de</strong>m Werklein<br />

die be<strong>de</strong>utsamste aller Zier<strong>de</strong>n gewor<strong>de</strong>n, so müssen nothwendig auch die Anfor<strong>de</strong>rungen<br />

an <strong>de</strong>n Werth <strong>und</strong> Gehalt <strong><strong>de</strong>s</strong>selben in gesteigertem Maße stattfin<strong>de</strong>n, wobei allerdings,<br />

wie ich <strong>für</strong>chte, das Urtheilleichl zu meinen Ungunsten ausfallen dÜlf te. Doch gebe ich<br />

mich <strong>de</strong>r tröstlichen Hoffnung hin, es möge in <strong>de</strong>m Streben <strong>und</strong> Fleiße, womit die Arbeit<br />

nach besten Kräften geschaffen wor<strong>de</strong>n, Einiges liegen, was als Ersatz höherer Eigenschaften<br />

zu meinen Gunsten spreche. Ist es ja nicht ausschließlich die Be<strong>de</strong>utsamkeit <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Stoffes <strong>und</strong> die großartige Ausfiihrung. wonach ein Bild geschäzt <strong>und</strong> beurtheilt zu wer<strong>de</strong>n<br />

pflegt; auch in kleinerem Rahmen vermag treufleißige Liebe zum min<strong>de</strong>r be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>n<br />

Gegenstan<strong>de</strong> etwas zu bieten, was<br />

Interesse <strong>und</strong> Theilnahme gewinnt,<br />

um so mehr, wenn in <strong>de</strong>m Gegebenen<br />

manches, was <strong>de</strong>r Erinnerung<br />

werth ist. festgehalten <strong>und</strong> Ve r­<br />

wandtes, Heimathliches ::ur Anschauung<br />

gebracht wird. Möchte<br />

nun in ähnlicher Weise die l'orliegen<strong>de</strong><br />

Arbeit nicht gan: unwürdig<br />

erscheinen, <strong>de</strong>m durchlauchtigsten,<br />

ritterlichen Fiirsten <strong>und</strong> Herrn,<br />

welchem die Vorsehung die Leitung<br />

<strong>de</strong> r Geschicke <strong><strong>de</strong>s</strong> Lan<strong><strong>de</strong>s</strong> Ba<strong>de</strong>n<br />

al11'ertraut hat, als einen unl'erwelklichen<br />

Kran:: IInl1'an<strong>de</strong>lbarerTreue.<br />

unbegren::ter Verehl'llng <strong>und</strong> Dankbarkeit<br />

dargebracht ::u wer<strong>de</strong>n. In<br />

diesen Gesinnungen <strong>und</strong> Gefühlen<br />

tief~ter EIl/furcht l'erharret Eurer<br />

Königlichen Hoheit, Hiifingen, im<br />

Of..10ber 1854 unterthänigst treugehorsamster<br />

Lucial/ Reich" (Wan<strong>de</strong>rblühten,<br />

1855).<br />

Abb. ll:<br />

Lithografie aus "Wan<strong>de</strong>rblühten"<br />

Dieser "offene Brief' an <strong>de</strong>n Prinz-Regenten, 7 Jahre nach <strong>de</strong>r bürgerlichen 48er Revolution,<br />

ist, wenn man die Schnörkel in <strong>de</strong>r Sprache wegläßt - die uns heute eher schmunzeln machen<br />

über die auch semantische Prachtentfaltung <strong><strong>de</strong>s</strong> A<strong>de</strong>ls - ein recht mutiges Unternehmen Lucian<br />

Reichs. Er enthält sein Bekenntnis zur Schlichtheit, zum Motiv <strong>de</strong>r einfachen Leute, zum<br />

"min<strong>de</strong>r be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>n Gegenstan<strong>de</strong>", <strong>und</strong> zielt darauf, einen Geldgeber <strong>für</strong> e in neues Projekt<br />

zu gewinnen.


16<br />

Abb. 12: Titelblatt: "Die Insel Mainau <strong>und</strong> <strong>de</strong>r badische<br />

Bo<strong>de</strong>nsee"<br />

1856 erscheint dann auch "Im Allerhöchsten Auftrage<br />

seiner Königlichen Hoheit <strong><strong>de</strong>s</strong> Regemen Friedrich \'on<br />

Ba<strong>de</strong>n" das Buch "Die In sel Mainau <strong>und</strong> <strong>de</strong>r badische<br />

Bo<strong>de</strong>nsee" ,ein noch besser ausgestattetes Werk, <strong>de</strong>m man<br />

ansieht, daß es als Auftragsarbeit mit finanzieller Absicherung<br />

entstan<strong>de</strong>n ist. Auch im Vorwort zu diesem Buch<br />

kommt Lucian Re ichs Motivation, sein Antrieb <strong>für</strong> die<br />

künstleri che Arbeit zum Ausdruck. "Gelingt mir solches,<br />

so wird diese Arheit sicherlich ihren weiteren<br />

Zweck erreichen, <strong>de</strong>m Einheimischen das Eigene, Gute<br />

<strong>und</strong> Erhaltungswenhe auf I'aterländischem Bo<strong>de</strong>n<br />

/IIlfer passen<strong>de</strong>m Rahmen <strong>und</strong> Gesichtspunkte vor­<br />

: ujiih ren , <strong>de</strong>m ft'em<strong>de</strong>n Touristen aber, bei einem Besuche<br />

<strong>de</strong>r schÖllen, /leuester Zeit:u höherer Be<strong>de</strong>utung<br />

gelangten Insel Mainau <strong>und</strong> <strong>de</strong>r übrigen Seegesw<strong>de</strong>.<br />

eill unterhalten<strong>de</strong>r <strong>und</strong> willfähriger Begleiter zu sein."<br />

Daß dieses in Rastatt, zu Ostern 1856 geschrieben ist. gibt auch Aufschluß darüber, daß<br />

Lucian Reich, er ist inzwischen Vater gewor<strong>de</strong>n, aus <strong>de</strong>r materie llen Ri sikosituation in e in<br />

festes Angestelltenverhältnis als Zeichenlehrer nach Rastatt übergewechselt ist. eben dieser<br />

Gr<strong>und</strong>absicherung hat er in seinem Atelier im Rastatter Schloß die Möglichke it, vor allem<br />

kirchliche Aufträge, wie die Aus tattung <strong>de</strong>r Iffezheimer Pfarrkirche, ab 1867, au zuführen.<br />

Bis zu seiner Rückkehr nach Hü fingen 1890 publiziert e r daneben auch verschie<strong>de</strong>ne Texte<br />

in Zeitungen <strong>und</strong> Zeit. chriften.<br />

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- .<br />

-----"<br />

---<br />

Abb. 13: Der Hafen von Constanz. Entwurfvon Lucian Re ich <strong>für</strong>die Lithografie in "Die Insel Mainau<br />

lind <strong>de</strong>r badische Bo<strong>de</strong>nsee" .


Abb. 14: Kleines Mädchenporträt, 0.1 .. Öl auf Holz, StadtJl1useuJl1 Hüfingen<br />

17


18<br />

Abb. 15' . Der Turm III . Hüfingen, o .. J , Tusc hel Buntsti ft/ Papier, . Stadtmuseum Hüfingen


19<br />

Abb. 16: Trachtenpaar aus <strong>de</strong>m östlichen<br />

Schwarzwald , o.J., Tusche/ Buntstift/ Papier,<br />

Stadtmuseum Hüfingen<br />

Abb. 17: Mutter an <strong>de</strong>r Wiege, o.J., Tusche/<br />

Buntsti ft/Papier, Stadtmuseum Hüfingen


20<br />

Abb. 18:<br />

Schwarzwäl<strong>de</strong> r Trachtenmädchen. 0.J .. Buntsti Ftl Temperal Tuschel Papier. Stadtmuseum Hüfingen


2J<br />

Abb. 19: Auf <strong>de</strong>r Baar, 0.1., Tusche/ Aquarell fa rbe/Papier, Stadtmuseum Hüfingen<br />

Abb. 20: Mutter an <strong>de</strong>r<br />

Wiege ihres Kin<strong><strong>de</strong>s</strong>, um<br />

1888, Tusche/ Papier, Augustiner-Museum<br />

Fre iburg


22<br />

A bb. 2 1: Bauernmädchen mit HUL oJ .,<br />

Ölsk izze. Bad. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>mus. K arl sruhe<br />

Abb. 22: M ädchen von <strong>de</strong>r Wutach, 1845 , Öiskizze.<br />

Badisches Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>mu seum Karl sruh e<br />

Abb. 23: Mädchen aus<br />

Kirchen (-Hausen), 1836.<br />

Ölskizze, Badisches Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>museum<br />

Karlsruh e


Abb. 24: Wirtstochter im Prechtal, 0.1 ., Öiskizze, Bad. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>museum Karisruhe<br />

23


24<br />

Abb. 25: Innungsmei ler <strong>de</strong>r Salpelerer. 0.J.. Öiskizze, Badische Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>museum Kar! ruhe


Abb. 26: Mädchen lind Kind VOIll K inzigtal, 1860, Ölskizze, Badisches Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>lllllselllll Karl snlhe<br />

25


26<br />

Abb. 27: AIlbaarischer Bauer, 1850.<br />

Öl kizze. Bad. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>mus. Karlsru he<br />

Abb. 28: Mädchen aus <strong>de</strong>m Kirchlal. 1836, Ölskizze.<br />

Badi che Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>museum Karl sruhe<br />

bb. 29: Slrohtlechlen<strong>de</strong><br />

Mädchen bei Hammereisenbach,<br />

1847, Öl ki zze, Bad.<br />

Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>illuseuill Karl sruhe


Abb. 30: Frau in braunem Kleid , 1897, Öiskizze, Stadtmuseum Rastatt<br />

27


28<br />

Abb. 31 : Bauernhau im Schwarzwald. 0.J .. Öl! Pappe. Stadtmuseum Hlifingen<br />

Abb. 32: Landschaft mit Kuhhine <strong>und</strong> Wan<strong>de</strong>re r, 0.1 .. ÖI/ Pappe, Stadtmuseul1l Rastatt


Abb. 33: Hase, 0.1., Öl! Pappe, Stadtlllu eUIll Hüfingen<br />

29


30<br />

Abb. 34: Hinenknabe mit Ziege, 0.1 ., Öl/Pappe. Fürstlich Fürstenbergische Sammlungen Donaueschingen<br />

Abb. 35: Hinenknabe mit Kühen, 0.1., Öl/Pappe, Fürst!. Fürstenbergi cheSal11mlungen Donaueschingen


Abb. 36: Hüfingerin , 1835, Öi sk izze, Badisches Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>museum Karlsruhe<br />

3 1


32<br />

Abb. 37: Junge Frau in BaarelllerTrachl. 0 .1 .. Öl! Papier, Sladlilluseuill Hüfingen


33<br />

Lucian Reich zwischen Romantik <strong>und</strong> Realismus<br />

D ie Tatsache, daß Lucian Reichs Werk keinen geschlossenen Charakter aufweist, son<strong>de</strong>rn<br />

eine große, auch stil istische, Vielfalt zeigt, resultiert aus <strong>de</strong>r Anpassung an seine materiellen<br />

Möglichkeiten. Je nach<strong>de</strong>m, ob es sich um Auftragsarbeiten o<strong>de</strong>r aus freiem Interesse gef<strong>und</strong>ene<br />

Bildi<strong>de</strong>en, um Kirchenmalerei o<strong>de</strong>r BuchiUustrationen han<strong>de</strong>lt, kommen ganz unterschiedliche<br />

Bil<strong>de</strong>r zustan<strong>de</strong>.<br />

Trotz<strong>de</strong>m läßt sich sagen, daß Ausgangspunkt <strong>und</strong> Ziel in Lucian Reichs Werk, die "schlichten<br />

Baarkin<strong>de</strong>r" sind. Diese Entscheidung <strong>für</strong>s Sujet resultiert zum einen aus seinem Anspruch,<br />

sei ne eigene Lebenswirklichkeit umzusetzen, wahrhaftig zu sein. zum an<strong>de</strong>ren aus <strong>de</strong>m "poljtischen"<br />

Anspruch, mit seiner Kunst zu belehren, Ei nfluß zu nehmen auf da gesellschaftliche<br />

Leben. In <strong>de</strong>n oben zitierten Vorworten zu seinen Büchern kommt dies ebenso zum Ausdruck<br />

wie im Folgen<strong>de</strong>n aus <strong>de</strong>m Vorwort zum Hieronymus. "Und in<strong>de</strong>m ich hierzu das Leben <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Hieronymus wählte. hatte ich <strong>de</strong>n Vorteil, meist speziell Wah res <strong>und</strong> persönlich Erlebtes<br />

<strong>de</strong>m Leser vOI!ühren 2U können". Die Hinwendung zum einfachen Volk als Gegenstand <strong>de</strong>r<br />

Kunst, das Bemühen um Wahrhaftigkeit, <strong>de</strong>r gesellschaftspolitische Anspruch aber auch das<br />

Selb tbewußtsein, mit <strong>de</strong>m die Wahl <strong><strong>de</strong>s</strong> "min<strong>de</strong>r be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong>n Gegenstan<strong><strong>de</strong>s</strong>" postuliert wird,<br />

rückt Lucian Reich in die ähe <strong>de</strong>r ReaJjsten. Die in <strong>de</strong>r M itte <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jahrh<strong>und</strong>erts in<br />

diesem Sinn entstan<strong>de</strong>nen Werke, FLAUBERTS "Madame Bovary", George SANDS "Dorfgeschichten",<br />

COURBETS "Begräbnis in Ornans" o<strong>de</strong>r seine "Steinklopfer", MILLETs "Kornleserinnen",<br />

zeigen das Bemühen, die zeitgenössische Wirklichkeit ungeschönt wie<strong>de</strong>rzugeben.<br />

Diese Künstler <strong>und</strong> ihre Werke stehen, wie auch die impressioni sti chen Maler im Gegensatz<br />

zur aka<strong>de</strong>mischen Auffassung von Kunst im 19. Jah rh<strong>und</strong>ert, die nur die i<strong>de</strong>ale, erhabene<br />

Seite <strong><strong>de</strong>s</strong> Lebens als darstellenswert erachtet <strong>und</strong> diese in inszenierten, i<strong>de</strong>ali tisch überhöhten<br />

Kunstwerken umsetzt. Über die eingeschränkte Momentwie<strong>de</strong>rgabe <strong><strong>de</strong>s</strong> Impressionismus<br />

hinaus, will <strong>de</strong>r Realismus mit einem individuellen Zeugnis <strong>de</strong>r Künstlerin/<strong><strong>de</strong>s</strong> Künstlers<br />

seiner Zeit gerecht wer<strong>de</strong>n. "Ich halte auch da<strong>für</strong>, daß die Malerei ihrem Wesen nach eine<br />

konkrete Kunst ist <strong>und</strong> nur aus <strong>de</strong>r Darstellung <strong>de</strong>r wirklichen <strong>und</strong> vorhan<strong>de</strong>nen Sachen<br />

bestehen kann. Sie ist eine vollkommen physische Sprache, die anstelle von Worten aus<br />

allen sichtbareIl Dingen besteht; ein abstrakles Ding, das man nicht sieht, das nicht<br />

\'orhan<strong>de</strong>n ist, gehört nicht in <strong>de</strong>n Bereich <strong>de</strong>r Malerei. Die Einbildungskraft in <strong>de</strong>r Kunst<br />

besteht in <strong>de</strong>m Vermögen, <strong>de</strong>n vollständigen Ausdruck einer vorhan<strong>de</strong>nen Sache zujin<strong>de</strong>n,<br />

aber niemals darin. diese Sache selbst zu setzen o<strong>de</strong>r zu erschaffen" (COVRBET, Brief an<br />

meine Schüler, 25. I 2.1861).<br />

In Lucian Reichs Bild "Mutter an <strong>de</strong>r Wiege" ( 11 ) in <strong>de</strong>n "Wan<strong>de</strong>rblühten" <strong>und</strong> mehr noch in<br />

<strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n Zeichnungen zum sei ben Motiv ( 17) <strong>und</strong> (20) ist <strong>de</strong>r von Courbet gefor<strong>de</strong>rte<br />

"voll ständige Ausdruck einer vorhan<strong>de</strong>nen Sache" gelungen. Vielleicht hat auch Hernlann<br />

K RZ, ein mit Lucian Reich befre<strong>und</strong>eter Schri ftsteller, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen 1854 erschienenes Buch<br />

"Sonnenwüt, eine schwäbische Volksgeschichte" entschie<strong>de</strong>n realistische Züge aufweist, dies<br />

gesehen <strong>und</strong> vielleicht hat ihn dies bewogen, Lucian Reich aufzufor<strong>de</strong>rn, einen Text zu diesem<br />

Bild zu schreiben, womit Reichs literarische Tätigkeit ihren Anfang nahm.<br />

Der Wunsch, in <strong>de</strong>n sich rasch wan<strong>de</strong>ln<strong>de</strong>n Umbruchzeiten festzuhalten, was noch festzuhalten<br />

ist, kennzeichnet die romantische Seite Lucian Reichs. "Von <strong>de</strong>n alten Sitten <strong>und</strong> Gebräuchen,<br />

wie sie ehemals waren, ist zwar vieles schon abgekommen lind erloschen ; doch lebt noch<br />

ein Theil davon so charakteristisch im Volke fOrl , daß er wohl verdient, abgebil<strong>de</strong>t <strong>und</strong><br />

beschrieben zu wer<strong>de</strong>n - gleichsam als ein Denkmal ehrwürdiger Überreste, aus welchen<br />

wir schließen mögen, wie solid, wie reich <strong>und</strong> eigenthümlichjenes Volksleben einst gewesen"


34<br />

Abb. 38: Sitzen<strong>de</strong> Strohflechterin mit Geißen. 0.1 .. Bleisti ft/ Papier, Augustine r-Museum Freiburg<br />

... "Sie (die alten Sillen <strong>und</strong> Gebräuche) bil<strong>de</strong>ten ein ungeschriebenes Gesetzbuch, eine<br />

gol<strong>de</strong>ne Regel in geistlichen <strong>und</strong> weltlichen Dingen, in Scher: IIl/d Ernst, in Haus <strong>und</strong><br />

Feld. Sie bewahrten das Leben \'Or <strong>de</strong>r nüchternen Zeljahrenheit , die unsere Tage so<br />

auffallend be:eichnet" (Vorwort Hieronymus) . Ähnliches klingt aus KURz' "Ein Volk aber<br />

soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen " aber auch in <strong>de</strong>r Begründung <strong>für</strong> die Bewilligung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Hieronymus-Darlehen durch <strong>de</strong>n <strong>für</strong>stlichen Hofmarschall "In//nserer nivellieren<strong>de</strong>n,<br />

alles ::ersetzen<strong>de</strong>n Zeit. sagte er. wäre es doppeltl'erdienstlich, <strong>de</strong>m Volke das "Gute <strong>und</strong><br />

Schöne" , was es noch besit:e <strong>und</strong> eigen nenne, wirksam 1'0r Augen : 11 stellen, wo:u auch<br />

die alten Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>trachten :u rechnen seien." Der Rückzug aus <strong>de</strong>r Teilnahme am akruellen<br />

gesellschaftl ichen Leben <strong>und</strong> die nostalgische Verklärung <strong>de</strong>r Vergangenheit <strong>de</strong>utet sich an in<br />

<strong>de</strong>n Sätzen "Wenn ich von all Diesem so Manches noch sah <strong>und</strong> hörte, <strong>und</strong> mit <strong>de</strong>m hereinbrechen<strong>de</strong>n<br />

mo<strong>de</strong>rnen Lebel/l'erglich, so ellfstand in mir immer <strong>de</strong>r Wun sch, das Gesehene<br />

<strong>und</strong> Gehörte, als Dauer im Wechsel, nach besten Kräften in Wort lind Bild dar:lIstellen<br />

<strong>und</strong> all!:ubewahren" (Blätter au s meinem Denkbuch).


35<br />

In diesem bewahren<strong>de</strong>n lnteres e schlummert die Gefahr <strong>de</strong>r Flucht in das Idyllisch-Einfache<br />

<strong>und</strong> Friedsam-Harmonische, die, auf Kosten <strong><strong>de</strong>s</strong> realen Zeitgehaltes <strong>und</strong> <strong>de</strong>r künstlerischen<br />

Substanz, im Bie<strong>de</strong>rmeier trivialste Blüten trieb. ach <strong>de</strong>m Mißerfolg von 1848/49 zogen<br />

solche Schriften <strong>und</strong> Bil<strong>de</strong>r die bürgerlichen Neigungen erneut an, wie <strong>de</strong>r Erfolg <strong>de</strong>r sentimentalistischen<br />

Dorfgeschichten Bertold Auerbachs belegt. Die Produktion von Kunst <strong>für</strong><br />

einen anonymen Käuferkreis, die daraus folgen<strong>de</strong> Orientierung am vetmeintlichen Geschmack<br />

breiter Kreise brachte Einiges helvor, was mit kreativer Auseinan<strong>de</strong>rsetzung mit Wirklichkeit<br />

wenig bis nichts zu tun hat.<br />

Lucian Reichs Bil<strong>de</strong>r<br />

Auch Lucian Reich war nicht gefeit dagegen, das Leben <strong>de</strong> VoLkes im Rückblick im verklärten<br />

Licht <strong>de</strong>r I<strong>de</strong>e vom natürlichen <strong>und</strong> einfachen Leben erscheinen zu lassen, immer wie<strong>de</strong>r<br />

greift auch er das in romantischer Idylle verhaftete Hirtenmotiv auf. Doch aus <strong>de</strong>m Spannungsverhältnis<br />

zwischen Realismus <strong>und</strong> Romantik. zwischen größtmöglicher Wahrhaftigkeit<br />

<strong>und</strong> tiefstem Gefühl resultieren Bil<strong>de</strong>r, die durch ihre Gestaltungskraft <strong>und</strong> emotionale Sicherheit<br />

beeindrucken. Viele h<strong>und</strong>ert kleine<br />

Skizzen seiner Baaremer Mitmenschen<br />

in alltäglichen Situationen flossen aus<br />

Lucian Reichs Hand. Mit Bleistift, Buntstift<br />

<strong>und</strong> Fe<strong>de</strong>r, Tuschepinsel, Ölkrei<strong>de</strong><br />

<strong>und</strong> Ölfarbe auf kleinen bis kleinsten<br />

Formaten fing er Bil<strong>de</strong>r ein. Hier, wo Inhalt<br />

(das Leben einfacher Menschen) <strong>und</strong><br />

Form (die kleine hingeworfene Skizze)<br />

übereinstimmen mit <strong>de</strong>m Wesen <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

schlichten Lucian Reich, kommen lebendige<br />

Zustandsbeschreibungen im Sinne<br />

<strong>de</strong>r For<strong>de</strong>rung realistischer Kunst nach<br />

echtem Gefühl versus Gefühlsduselei<br />

zustan<strong>de</strong>, die in ihrer Konzentration auf<br />

<strong>de</strong>n wie<strong>de</strong>rgegebenen Moment auch<br />

heute noch von überzeugen<strong>de</strong>r künstlerischer<br />

Qual ität sind.<br />

Abb. 39: Illustration aus " ovellen <strong>und</strong><br />

Skizzen", 1897<br />

Die kleine Fe<strong>de</strong>rzeichnung "Mutter an <strong>de</strong>r Wiege" ( 17) zeigt einen Zustand von höchster<br />

atmosphärischer Dichte <strong>und</strong> archaischer Schlichtheit. Die entspannt ruhen<strong>de</strong> Mutter an <strong>de</strong>r<br />

Wiege ihres schlafen<strong>de</strong>n Säuglings ist mit lockeren Fe<strong>de</strong>rstrichen auf einem doppeltbriefmarkengroßen<br />

Stückchen Papier festgehalten <strong>und</strong> noch auf fünf Meter Entfernung ist die<br />

Frau an <strong>de</strong>r Wiege präsent. Lucian Reich schätzt solch atmosphärisch dichte Situationen als<br />

Motive <strong>und</strong> wählt sie sehr bewußt. "Weiterhin im ThaI erhlickten wir dann einesjen.er Bi/<strong>de</strong>r,<br />

die in ihrer Einfachheit <strong>und</strong> elegischen Lieblichkeit Sinn <strong>und</strong> Gemüt weit mehr ansprechen<br />

ulld fesseln als manche noch so hoch gepriesene Sehenswürdigkeit. Vor einer ärmlichen<br />

Hüfte am Wege stand eine alte Frau mit einem nackten in ein Stück grober Sackleinwand<br />

gewickelten w<strong>und</strong>erhühschen Kindlein auf <strong>de</strong>m Arm. Vom vollen Sonnenlicht getroffen,<br />

war's ein Anblick I'on überraschendster Wirkung" (Blätter aus meinem Denkbuch).


36<br />

Di e Lithografien, die das Buch "Wan<strong>de</strong>rblühten" schmücken, <strong>und</strong> die, je<strong>de</strong>nfalls zum Teil,<br />

im Fall <strong>de</strong>r Mutrer an <strong>de</strong>r Wiege ist die belegt, Ausgangspunkt <strong>für</strong> die Texte waren, zeigen<br />

e ine Re ihe solch atmosphärisch dichter Situationen. Ganz im Stile romanri eher Kunst setzt<br />

Lucian Reich hier das Licht als Transportmittel <strong>für</strong> Stimmungen e in. Be i <strong>de</strong>r "Mutter an <strong>de</strong>r<br />

Wi ege" ( 11 ) leitet ein anftes Morgenlicht <strong>de</strong>n Blick durch das kleine Fenster nach draußen,<br />

in di e Ferne. durch Personen in verschie<strong>de</strong>nen Entfernungen zum Haus, in verschie<strong>de</strong>ner<br />

Größe, gestaltet. Dieser Ausblick erhöht noch die Wirkung <strong><strong>de</strong>s</strong> kleinen Winke ls, in <strong>de</strong>m,<br />

völlig aufgehoben <strong>und</strong> behütet, da Kind in <strong>de</strong>r Wiege schlummel1. lm Fall <strong>de</strong>r Schildmalerin<br />

bei <strong>de</strong>r Arbe it ( 10) kommt ein Sonnenstrahl ins Zimmer, <strong>de</strong>r e in strahlen<strong><strong>de</strong>s</strong> Weiß auf Bluse<br />

<strong>und</strong> Schürze <strong>de</strong>r Frau hervorbringt <strong>und</strong> di e Utensi lien, am Arbeitsplatz <strong>de</strong>r He imarbe iterin<br />

säuberlich ausgebreitet, beleuchtet. Hier wirkt das Licht als Kraft, die von außen <strong>de</strong>r häuslichen<br />

Szene etwas Strahlen<strong><strong>de</strong>s</strong> gibt. in <strong>de</strong>r Umsetzung <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Druck wird die erwünschte Lichtwirkung<br />

dadurch erreicht, daß <strong>de</strong>r gelbbraune Ton <strong>de</strong>r Strichzeichnung, <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n Lithografien<br />

die heimelige, weiche Ausstrahlung verleiht, als Lasur über die ganze Bildfläche. unter Au -<br />

sparung <strong>de</strong>r Lichter, aufgebracht wur<strong>de</strong>, sodaß nur an diesen wenigen Stellen das ursprüngliche<br />

Weiß <strong><strong>de</strong>s</strong> Papiers zu sehen ist. Der zweite Ton, das Schwarz, das verdünnt ein kaltes Blaugrau<br />

ergibt, wird zur Kontra ti erung <strong>und</strong> Schattierung lasierend e ingesetzt. So kommt mit nur<br />

zwei Farbtönen im Druck e ine lebendige Frische <strong>und</strong> Tiefenwirkung zustan<strong>de</strong>, die bisher<br />

lei<strong>de</strong>r in ke inem achdruck <strong>de</strong>r Lithografien erreicht wur<strong>de</strong>. Dieser Umsetzung trug Lucian<br />

Reich oft schon in seinen Skizzen Rechnung, in<strong>de</strong>m er zum Beispiel zu seinem Tusche- o<strong>de</strong>r<br />

Fe<strong>de</strong>rstrich noch einen kalten hellblauen Buntstift hinzufügte.<br />

Lucian Reich Situation skizzen von Personen in Tracht zeigen selbstbewußte. aufrechte<br />

Menschen. in ihrem schlichten Da ein, nicht Schaufensterpuppen <strong>für</strong> Trachten. Die "Frau in<br />

Schwarzwäl<strong>de</strong>r Tracht" (48), im Profi I auf einer kleinen Fe<strong>de</strong>rzeichnung, schaut fast schon<br />

keck nach vorn. Das "Trachtenpaar aus <strong>de</strong>m östli chen Schwarzwald " ( 16), mit Fe<strong>de</strong>r <strong>und</strong><br />

Buntstift festgehalten, geht aufrecht, in fre<strong>und</strong>lichem Beisammensein durch die Frühlingslandschaft.<br />

die sich im Blumensträußlein in <strong>de</strong>r Hand <strong>de</strong>r Frau mitteilt. Auf die bei<strong>de</strong>n Trachtenmädchen<br />

"Auf <strong>de</strong>r Baar" (19) scheint di e Sommersonne ihre scharfen Schatten zu werfen<br />

<strong>und</strong> im "Uhrenschil<strong>de</strong>ntwurf das Ti schgebet" (40) steigt <strong>de</strong>r Duft <strong>de</strong>r ländlichen Kost aus <strong>de</strong>n<br />

Töpfen am He rd.<br />

Abb.40: Uhrschi I<strong>de</strong>ntwurf - das Tischgebet (Ausschnitt,) um 1850, Bleisti rt/ Sepia! Papier, Stadtmuseum<br />

Hüfingen


37<br />

Eher als Porträts <strong>de</strong>nn al s Trachtenbil<strong>de</strong>r erscheinen Lucian Reichs Ölskizzen. Mit wenigen<br />

groben Pinselstriehen ist im "M ädchen von <strong>de</strong>r Wutach" (22) eine Rothaarige mit <strong>de</strong>m<br />

typischen hellen, durchsichtigen Teint <strong>und</strong> <strong>de</strong>n weichen Gesichtszügen gemalt, <strong>und</strong> die Brünette<br />

mit <strong>de</strong>r kräftigen Gesichtsfarbe <strong>und</strong> <strong>de</strong>n scharfen Zügen tritt als "Bauernmädchen mit Hut"<br />

(2 1) in Erscheinung. Auch das "Mädchen aus Kirchen (Aitrachtal)" (23) - Kirchen-Hausen<br />

al so - ist, obwohl es di e schwarze Haube mit <strong>de</strong>r großen Schleife trägt, unverkennbar eine<br />

Blon<strong>de</strong>, vom Maler in gol<strong>de</strong>nes Licht getaucht. Der "Innungsmeister <strong>de</strong>r Salpeterer" (25),<br />

diese lnfonnation ist aus <strong>de</strong>n Zeilen unter <strong>de</strong>r Skizze zu entnehmen, <strong>und</strong> die neben ihm stehen<strong>de</strong><br />

Frau scheinen in ruhiger Gelassenheit f ür <strong>de</strong>n Maler zu posieren. Sie ist wohl eher seine<br />

Tochter als seine Ehefrau ; obwohl die Geste <strong>de</strong>r Hand auf <strong>de</strong>r Schulter <strong><strong>de</strong>s</strong> sitzen<strong>de</strong>n Mannes<br />

auf große Vertrautheit schließen läßt, ist doch <strong>de</strong>r itzen<strong>de</strong> Mann mü seinem weißen Bart<br />

<strong>de</strong>utlich älter als die Frau mit <strong>de</strong>m in frischen Farben leuchten<strong>de</strong>n Gesicht. Dieses Blatt ist so<br />

sicher geglie<strong>de</strong>rt, so leicht <strong>und</strong> lebendig aus Farbtupfe rn gebaut, so voller Ausdruckskraft,<br />

daß es je<strong>de</strong>m naturalisti chen Abbild überlegen ist. Ebenso gelungen <strong>und</strong> beeindruckend in<br />

seiner sinnlichen Präsenz ist das Blatt "Mädchen <strong>und</strong> Kind vom Kinzigtal" (26). Die Frau<br />

<strong>und</strong> das Kind lehnen sich nach <strong>de</strong>m Essen satt <strong>und</strong> zufrie<strong>de</strong>n zurück. Stirn <strong>und</strong> Augen <strong>de</strong>r<br />

Frau wer<strong>de</strong>n von <strong>de</strong>r Krempe eines Hutes es ist <strong>de</strong>r berühmte Bollenhut, wie von einem<br />

hellen Schleier beschattet, doch darunter bricht sich ein Sonnenstrahl <strong>de</strong>n Weg auf Wange<br />

<strong>und</strong> ase. Das Kind schaut vergnügt aus seinem r<strong>und</strong>en Gesicht unter kupferblon<strong>de</strong>m Haar.<br />

Die weißen, bauschigen Ännel <strong>de</strong>r Blusen leuchten umso mehr, als sie von dunklem Braun in<br />

Hintergr<strong>und</strong> <strong>und</strong> Kleidung gefaßt wer<strong>de</strong>n, während das Kupferblond <strong><strong>de</strong>s</strong> Kin<strong>de</strong>rkopfes im<br />

goldgelben Farbton <strong><strong>de</strong>s</strong> Hintergrun<strong><strong>de</strong>s</strong> aufgeht. Dieses Bild scheint sei ne schöne, lichte Farbigkeit<br />

aus <strong>de</strong>r ommerlichen Landschaft entnommen zu haben, da ist das Blau <strong><strong>de</strong>s</strong> Himmels,<br />

das Gelb <strong>de</strong>r Kornfe l<strong>de</strong>r <strong>und</strong> das Braun <strong>und</strong> Rot <strong>de</strong>r Er<strong>de</strong> <strong>und</strong> ihrer Früchte, <strong>und</strong> über das<br />

Lebendige <strong>de</strong>r Situati on hinaus atmet es archaische, ewige Gültigkeit.<br />

Was bleibt<br />

Lucian Reichs "schlichte Baarkin<strong>de</strong>r" sind ei nfach ge ehen <strong>und</strong> fri sch <strong>und</strong> frei festgehalten.<br />

Die Ölskizzen vor allem bestechen durch die maleri sche Herangehensweise <strong>und</strong> die schöne<br />

lichte Farbigkeit. Die Lösung von <strong>de</strong>r Kontur, <strong>de</strong>r maleri sche Aufbau <strong>de</strong>r Fonn aus <strong>de</strong>r Farbe<br />

mit zum Teil pastosem Farbauftrag zeigen, daß Lucian Reich sich hi er, wo er sich noch ohne<br />

Verwertungsinteresse die Wirklichkeit aneignet, <strong>de</strong>rselben Mittel bedient, wie seine "großen"<br />

realistischen <strong>und</strong> impressionisti ehen Zeitgenossen. Die große Authenzität, die diesem Bereich<br />

aus Lucian Reichs bildnerischem Werk eigen ist, vennag <strong>de</strong>n Betrachter heute noch zu überzeugen.<br />

Da sind kleine geniale Stücke, lebendige Zustandsbeschreibungen, die in ihrer sinnlichen<br />

Präsenz überraschen, da sind echtes Gefühl <strong>und</strong> Wahrhaftigkeit, die über je<strong>de</strong> Zuordnung<br />

zu einer Stilrichtung Bestand haben.<br />

Persönliche Nachbemerkung<br />

leh bin in Blumberg aufgewachsen, dort zur Realschule <strong>und</strong> in Villingen ins Wirtschaftsgymnasium<br />

gegangen, dazwischen lag Donaueschingen mit seinem schönen Park <strong>und</strong> mit<br />

<strong>de</strong>r Hofbibli othek, einer Insel <strong><strong>de</strong>s</strong> Wi ssens, di e sich damals, in <strong>de</strong>n späten 60iger Jahren <strong>de</strong>r<br />

Schül erin <strong>und</strong> heute genauso fre<strong>und</strong>lich <strong>und</strong> völlig ko tenlos, <strong>de</strong>r Autorin dieses Textes<br />

erschließt. Ein Dank an diese Institution <strong>und</strong> <strong>de</strong>n Menschen, die sie möglich machen .


38<br />

Abb. 4 1: Trachtenbild eines kleinen M ädchens au s Gutach, um 1860, Ölskizze, Badi sches L an<strong><strong>de</strong>s</strong>mu<br />

eum K arlsruhe


39<br />

Abb. 42 (oben):<br />

Zwei Frauen in Tracht, um<br />

1850, Tusche/Wasserfarbe/<br />

Papier, Stadtmuseum<br />

Hüfingen<br />

Abb. 43: Skizze, 0 .1. ,<br />

Tusche/ Bleistift/ Papier,<br />

Stadtmuseum Hüfingen


40<br />

Abb. 44: Entwurf zu "Hieronymus" , vor 1853, Tusche/ Papier. Stadtmuseum Ras tal!


41<br />

Abb. 45: Skizze, o.J., Tusche/ Bleistift/ Papier, Stadtmuseum Hüfingen<br />

Abb. 46: Oberhalb Eisenbach, 0.1., Tusche/ Bleistifr/ Papier, Sradtmuseum Hüfingen


42<br />

bb. 47: Illustration zu "Hieronymus". 0.1.. überarbeitete Lithografie, Stadtmuseum Rastatt


Abb. 48: Frau in Schwarzwäl<strong>de</strong>r Tracht. um 1850, Tusche/ Papier, Stadtl11useul11<br />

Hüfingen<br />

43


44<br />

Die Eisenerze <strong>de</strong>r Baar im Rahmen<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Vierjahresplans von 1936*<br />

von Wolf- fngo Sei<strong>de</strong>lmann<br />

Im Sommer 1936 war die Weltwirt chaftskri se in Deutschland überw<strong>und</strong>en, Arbeitsbeschaffung<br />

<strong>und</strong> Aufrüstung hatten zur Vollbeschäftigung gefühlt. Allerdings hinkte die Exportnachfrage<br />

<strong>de</strong>rart weit hinter <strong>de</strong>r wie<strong>de</strong>r anziehen<strong>de</strong>n Binnenkonjunktur her, daß die <strong>de</strong>utsche<br />

fndustrie seit 1934 zu wenig Devi en verdiente, um <strong>de</strong>n Import <strong>de</strong>r benötigten Rohstoffe zu<br />

bezahlen. Das Deutsche Reich mußte sich <strong><strong>de</strong>s</strong>halb mit einer chronisch passiven Zahlungsbilanz,<br />

rapi<strong>de</strong> chwin<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n Devisenreserven <strong>und</strong> abnehmen<strong>de</strong>n Rohstoffvorräten auseinan<strong>de</strong>rsetzen.<br />

Um wenigsten die wichtig ten Güter ungehin<strong>de</strong>rt importieren zu können, hatte das Regime<br />

im September 1934 eine voll ständige Devisenbewirtschaftung <strong>und</strong> Einfuhrbeschränkungen<br />

nach staatli ch festgesetzten Dringlichkeits. tufen eingeführt. Di e e ingeleiteten Maßnahmen<br />

konnten jedoch ni cht verhin<strong>de</strong>rn, daß sich die Devisen- <strong>und</strong> Rohstoffl age in <strong>de</strong>n folgen<strong>de</strong>n<br />

Jahren weiter verschärfte.<br />

Di ese Entwicklung brachte Probleme <strong>für</strong> einen Sektor mit sich, <strong>de</strong>r eine Schlüsselrolle in<br />

Hitlers Rüstungsplänen spielte: die Schwerindustrie. Sie war extrem importabhängig, bezog<br />

sie doch r<strong>und</strong> zwei Drittel ihrer Eisenerze aus <strong>de</strong>m Ausland . Das kostete nicht nur knappe<br />

Devisen, son<strong>de</strong>rn barg auch empfindliche Ri siken <strong>für</strong> die Zukunft: Sollte jemal ein neuer<br />

Krieg ausbrechen, dann mußte man in Berlin damit rechnen, daß <strong>de</strong>r Gegner die Erzzufuhr<br />

militärisch unterband <strong>und</strong> 0 die <strong>de</strong>utsche Rüstungswirtschaft in die Knie zwang. Um dies zu<br />

verhin<strong>de</strong>rn, hatte Hitler im ovember 1934 seinen Wirtschaftsbeauftragten Keppler mit <strong>de</strong>r<br />

Aufgabe betraut, nach Wegen zu suchen, wie unliebsame Auslandsimporte durch <strong>de</strong>utsche<br />

Rohstoffe zu ersetzen waren - ganz gleich zu welchen Kosten. Keppler bedrängte daraufhin<br />

die <strong>de</strong>utsche Montanindustrie. <strong>de</strong>n Abbau <strong>und</strong> die Verhüttung <strong>de</strong>utscher Eisenerze massiv zu<br />

forcieren. 1m August 1935 verlangte sein Mitarbeiter Paul Pleiger dann von <strong>de</strong>n Hüttenwerken,<br />

d ie Inl andsför<strong>de</strong>rung von Eisenerz bis En<strong>de</strong> 1936 auf 10 Mio.t pro Jahr zu erhöhen.<br />

Der ehrgeizige Plan war jedoch am heftigen Wi<strong>de</strong>rstand <strong>de</strong>r rheinisch-westfälischen<br />

Montanindustrie <strong>und</strong> <strong>de</strong> Reich wi rtschaftsministers gescheitert. Zwar hi elt auch Hjalmar<br />

Schacht eine stärkere Verhüttung von Inlandserzen wegen <strong><strong>de</strong>s</strong> drücken<strong>de</strong>n Devi enmangels<br />

<strong>für</strong> unumgänglich - jedoch in viel engeren Grenzen als Paul Pleiger. Diese Jagen dort, wo<br />

überhöhte Roheisengestehungskosten die Exportmöglichkeiten <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschen Industrie<br />

behin<strong>de</strong>rten. Schacht hielt es fü r besser, das Aufrüstungstempo zu drosseln, als die internationale<br />

Wettbewerbsfähi gke it <strong>de</strong>r gesamten Volkswirtschaft zu gefähr<strong>de</strong>n. Ganz in diesem<br />

Sinne erließ di e Bergbauabteilung <strong><strong>de</strong>s</strong> Reichswirtschaftsmini steriums am 24. Januar 1936<br />

einen eigenen, sehr gemäßigten För<strong>de</strong>rplan (Schlattmann-Plan), <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n rheinisch-westf


45<br />

ein "Ei senhunger" in Deutschland, <strong>de</strong>r an Umfang <strong>und</strong> Intensität noch zunehmen sollte. Zwar<br />

steigerten auch die Hüttenwerke ihre Produktion, doch führte dies zu weiteren Problemen:<br />

Da die Eisenerzeugung stärker stieg aI <strong>de</strong>r Impoll <strong>und</strong> die InJandsför<strong>de</strong>rung von Erzen, schmolzen<br />

die Eisenerzvorräte an <strong>de</strong>n Hochöfen auf ein beängstigen<strong><strong>de</strong>s</strong> Maß zu anlmen: 1m Sommer<br />

1936 reichten sie gera<strong>de</strong> noch <strong>für</strong> etwa 30 bis 45 Produktionstage. Aber auch in an<strong>de</strong>ren<br />

kriegswichtigen Sektoren, etwa bei <strong>de</strong>r Treib tofferzeugung, sah die Lage alarmierend aus.<br />

Adolf Hitler reagierte darauf im August 1936 mit einer Denkschrift, in <strong>de</strong>r er eine radikale<br />

Verschärfung <strong><strong>de</strong>s</strong> Autarkiekurses ankündigte. Um Volumen <strong>und</strong> Tempo <strong>de</strong>r Aufrüstung beibehalten<br />

zu können, verlangte er die vollständige Selbstversorgung Deutschlands "mit eisemer<br />

Entschlossenheit" auf all jenen Gebieten herzustell en, wo dies technisch überhaupt möglich<br />

war. Hjrler befahl , die "<strong>de</strong>utsche Eisenproduktion auf das außeror<strong>de</strong>ntlichste zu steigem" <strong>und</strong><br />

wischte alle Kostenargumente beiseite: "Man hat nun Ze it genug gehabt, in vier Jahren festzustellen,<br />

was wir nicht können. Es ist jetzt notwendig, auszu führen, das, was wir können. Ich<br />

stelle damit folgen<strong>de</strong> Aufgabe: I. Die <strong>de</strong>utsche Armee muß in vi er Jahren e in satzfähig sein.<br />

II. Die <strong>de</strong>utsche Wirtschaft muß in vier Jahren kriegsfähi g sein"I). Damit waren Schachts<br />

wirtschaftspolitische Ziele vom Tisch, <strong>de</strong>r Schl attmann-Plan hatte sich in Makulatur verwan<strong>de</strong>lt.<br />

Hitler kündigte im September 1936 an, einen Vierjahresplan aufzustellen <strong>und</strong> emannte Hermann<br />

Göring zum Beauftragten <strong>für</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Durchführung. Der preußische Ministerpräs i<strong>de</strong>nt<br />

schuf im Oktober das Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe , das unter <strong>de</strong>r Le itung von<br />

Oberst Löb die Kompetenz <strong><strong>de</strong>s</strong> Reichswirtschaftsministeriums rasch aushöhlte. Pleiger, <strong>de</strong>r<br />

wegen Schachts Wi<strong>de</strong>rstand gegen e inen allzu radikalen Autarkiekurs seit En<strong>de</strong> 1935 hatte<br />

kurztreten müssen, fand sich darin als Hauptreferatsle iter <strong>für</strong> Metalle wie<strong>de</strong> r. Er nutzte die<br />

zurückgewonnene Handlung freiheit, in<strong>de</strong>m er die <strong>de</strong>utsche Montanindustrie abelmals mi t<br />

<strong>de</strong>r For<strong>de</strong>rung konfrontielle, di e Verhüttung <strong>de</strong>utscher Eisenerze massiv zu steigem .<br />

Fast alle <strong>de</strong>utschen Hüttendirektoren mußten die Verkündung <strong><strong>de</strong>s</strong> Vieljahrespl ans als Schlag<br />

ins Gesicht empfin<strong>de</strong>n. ur einer begriff sie als Chance: Hermann Röchling. Der Saarindustrie<br />

lle hatte sich bereits 1934 mit <strong>de</strong>n Neunkircher Eisenwerken zusammengetan, um die<br />

Doggererzvorkommen in <strong>de</strong>r Baar auszubeuten. Hauptmoti v war die Furcht gewesen, im<br />

Spannungs- o<strong>de</strong>r KriegsfalJ von <strong>de</strong>r Belieferung mi t französischer Minette abgeschnitten zu<br />

wer<strong>de</strong>n, die <strong>de</strong>n jährlichen Erzbedarf <strong>de</strong>r Saari ndustrie zu r<strong>und</strong> 85 % <strong>de</strong>ckte. Allerdings hatten<br />

es die bei <strong>de</strong>n Montanbetriebe bislang noch nicht geschafft, eine regelmäßi ge För<strong>de</strong>rung in<br />

<strong>de</strong>r Baar aufzunehmen. Immerhin aber war von ihnen im M ai 1936 die Doggererz-Bergbau<br />

GmbH (DBG) gegrün<strong>de</strong>t wor<strong>de</strong>n, an <strong>de</strong>r sich - nach erheblichem Druck <strong><strong>de</strong>s</strong> Reichswirtschaftsministeriums<br />

- auch die an<strong>de</strong>ren drei Saarwerke betei ligen wollten. Da man aber immer<br />

noch im Begriff stand, bei Blumberg die notwendigen Bergbau- <strong>und</strong> Aufbere itungsanl agen<br />

zu erstellen, rechnete niemand damit, daß <strong>de</strong>r Betrieb vor <strong>de</strong>m Frühjahr 1937 in Gang kam.<br />

Sinnvoll wäre dies schon gewesen. Als im Oktober 1936 die französische Regierung ankündigte,<br />

sie wer<strong>de</strong> die Eisenerzausfuhr nach Deutschland auf <strong>de</strong>n Stand <strong><strong>de</strong>s</strong> Vorjahre festschreiben,<br />

schi enen die schlimmsten Be<strong>für</strong>chtungen <strong>de</strong>r Saarindustri e e inzutreffen. Zwar sorgten<br />

die Berliner Behör<strong>de</strong>n da<strong>für</strong>, daß r<strong>und</strong> eine Mio.t Minette, die bi slang zu <strong>de</strong>n Ruhrwerken<br />

gegangen waren, künftig in die Hochöfen <strong>de</strong>r Saar gelangten, doch verschärfte diese Maßnal1me<br />

<strong>de</strong>n Erzmangel an an<strong>de</strong>rer Stelle. Die Lage spitzte sich <strong>de</strong>mlaßen zu, daß Göring im ovember<br />

1936 anordnen mußte, die Produktion <strong>de</strong>r eisenschaffen<strong>de</strong>n Industrie auf 85 % ihrer Kapazität<br />

zu beschränken, obwohl die gestiegene Eisennachfrage eine VolJ ausla tung <strong>de</strong>r bestehen<strong>de</strong>n<br />

Anlagen erstmals seit 1929 wie<strong>de</strong>r gestattet hätte. Und so blieben neun von 70 <strong>de</strong>utschen<br />

Thomas-Hochöfen auch weiterhin gedämpft <strong>und</strong> r<strong>und</strong> 1,5 Mio.t Rohe isen ungeschmolzen 2 ).


46<br />

Hennann Röchling nutzte die Gunst <strong>de</strong>r St<strong>und</strong>e. Am27. Oktober 1936 verfaßte er eine Denkschrift,<br />

in <strong>de</strong>r er die Zukunft <strong>de</strong>r <strong>de</strong>u tschen Eisenerzversorgung in <strong>de</strong>n düstersten Farben<br />

malte. Abhilfe schaffen könne nur <strong>de</strong>r forcierte Abbau <strong>und</strong> die Verhüttung großer Mengen<br />

von badischem Doggererz. Röchl ing ah <strong>de</strong>n "bestgeeigneten Weg darin, in <strong>de</strong>r Gegend von<br />

Donaueschingen. also bei Zollhaus-B lumberg <strong>und</strong> etwa im Donautal bei Gutmadingen, ein<br />

o<strong>de</strong>r zwei große H ochofenwerke mit ansch ließen<strong>de</strong>r Kokerei, Thomasstahlwerk <strong>und</strong> Walzwerken<br />

zu en·ich ten, die in <strong>de</strong>r Größenordnung von je 600.000 bis 700.000 t Roheisen im<br />

Jahr diese in Thomasstahl <strong>und</strong> fel1ige Walzprodukte verwan<strong>de</strong>ln"3). Notwendige Voraussetzung<br />

<strong>für</strong> Kohlenzufuhr <strong>und</strong> StahlabtranspoJ1 sei aber die Kanalisierung <strong><strong>de</strong>s</strong> Rheins von Basel<br />

bis nach Waldshut <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Bau einer Sei l för<strong>de</strong>rbahn von <strong>de</strong>n Hüttenwerken zum Wald huter<br />

Hafen. Um <strong>de</strong>r Luftgefahr aus <strong>de</strong>m 70 km entfernten Frankreich zu begegnen, schlug Röchling<br />

vor. die wichti gsten Teile <strong>de</strong>r Anlagen in <strong>de</strong>n Berg zu verlegen.<br />

Natürlich dachte <strong>de</strong>r Völklinger Kommerzienrat nicht ganz uneigennützig. Zwar schob er<br />

rüstungs- <strong>und</strong> <strong>de</strong>visenpolitische Argumente gern in <strong>de</strong>n Vor<strong>de</strong>rgr<strong>und</strong>, doch ging es ihm zuerst<br />

um die Stärkung <strong>de</strong>r eigenen, während <strong>de</strong>r vergangenen 18 Jahre recht schwach gewor<strong>de</strong>nen<br />

Marktposition: H atten vor 19 18 das Saargebier. Lothringen <strong>und</strong> Luxemburg noch einen gemeinsamen<br />

Montanbezirk gebil<strong>de</strong>t, <strong>de</strong>r mit über 40 % einen fas t ebenso großen Anteil an <strong>de</strong>r<br />

<strong>de</strong>utschen Roheisenproduktion hielt wie Rheinland-Westfalen, so sah sich die Saar nach Kriegsen<strong>de</strong><br />

geographisch <strong>und</strong> w irtschal"tl ich an <strong>de</strong>n Rand gedrängt. Vor allem die neue Grenze zu<br />

Frankreich <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Verlust <strong><strong>de</strong>s</strong> Minetteerzes reduzierten <strong>de</strong>n ak tuellen Beitrag <strong><strong>de</strong>s</strong> einstigen<br />

Montanschwerpunktes im Westen aufklägliche 14, 1% <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschen Rohei enproduktion 4 ).<br />

Dieser Be<strong>de</strong>utungsverlu t betraf auch Röchling ganz persön lich: Unter <strong>de</strong>n 14 Montankonzernen,<br />

die 1936 in Deutschland existierten, nahmen seine Eisen- <strong>und</strong> Stahlwerke <strong>de</strong>n<br />

letzten Platz ein. was Be<strong>de</strong>utung. Größe <strong>und</strong> internationale Verflechtung anbetraf. M it<br />

500.000 t betrug <strong>de</strong>ren Jahresproduktion an Roh tahl ganze 8 % <strong>de</strong>r Erzeugung <strong><strong>de</strong>s</strong> Marktführers,<br />

<strong>de</strong>r Vereinigten Stahlwerke AG in Düsseldorf. Erschwerend <strong>für</strong> die Völklinger Stahlkocher<br />

kam noch hinzu. daß die Ruhrindustrie ihre Wenbewerbsfähigkeit in <strong>de</strong>n Zwanziger<br />

Jahren durch Konzentration <strong>und</strong> Rati onal isierung kontinuierlich gesteigert hatte, an <strong>de</strong>n Saarwerken<br />

die e Entwicklungjedoch spu rlos vorübergegangen war.<br />

Der Völklinger Kommerzienrat halle al 0 gute Grün<strong>de</strong>, sich um mo<strong>de</strong>rnere Anlagen <strong>und</strong> um<br />

die Ausweitung sei ner Produktion zu bemühen. Lei<strong>de</strong>r tan<strong>de</strong>n <strong>de</strong>m zwei gewichtige Tatsachen<br />

entgegen: Zum einen fehlte Röchling da Geld <strong>für</strong> größere Inve titionen, zum an<strong>de</strong>ren waren<br />

die Prod uktionsq uoten <strong>de</strong>r einze lnen Werke im Rahmen <strong><strong>de</strong>s</strong> 1925 gegrün<strong>de</strong>ten Stahlkal1ells<br />

bi zum Jahre 1940 festgeschrieben. Danach aber mußten die Hüttenwerke über ihre Anteile<br />

an <strong>de</strong>r Deutschen Roh tahlgemeinschaft neu verhan<strong>de</strong>ln. Diese Aussichten bestimmten fortan<br />

die Gedanken Röchlings: Konnte er das Reich dazu veranlassen die Ausweitung seiner Produktionskapazität<br />

in <strong>de</strong>r Baar zu finanzieren, dann wür<strong>de</strong>n die vollen<strong>de</strong>ten Tatsachen im<br />

Jahre 1940 schon da<strong>für</strong> sorgen, daß <strong>de</strong>r Röchling-Konzern die benötigte Quotenerhöhung im<br />

Stahlkartell auch bekam. Notfalls mußte das Reich eben Druck auf die an<strong>de</strong>ren Werke ausüben,<br />

wenn e verhin<strong>de</strong>rn wollte, daß se ine Subventionen vergeblich ge fl o sen waren. In diesem<br />

Sinne packte Röchling besagte Denkschrift ins Reisegepäck <strong>und</strong> begab ich En<strong>de</strong> Oktober<br />

1936 nach Berlin, um Werbung <strong>für</strong> sei n Hüttenprojekt zu betreiben. Als Gesprächspartner<br />

stan<strong>de</strong>n ihm Oberstleutnant Löb, <strong>de</strong>r L eiter <strong><strong>de</strong>s</strong> Amts <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werk toffe,<br />

Reichsfinanzminister Sch werin von K rosigk <strong>und</strong> auch Hjalmar Schacht zur Verfügung. Zwar<br />

blieb vor allem <strong>de</strong>r Reichswirtschaftsminister sehr reserviert. doch erzielte Röchling bei Löb<br />

die erhoffte Wirkung. Die er zeigte sich sehr interess iert <strong>und</strong> <strong>de</strong>utete an, "<strong>de</strong>n Vorschlag in<br />

sein Programm aufzunehmen"5). Der Saarindustrielle schien einen großen Schritt vorwärts<br />

gekommen.


47<br />

Röchling war aus gutem Gr<strong>und</strong> allein nach Berlin gefahren. Bei aller Gemeinsamkeit, die<br />

ihn mit seinem eunkircher Kollegen Tgahrt sonst verband, so trennte sie doch ein<br />

f<strong>und</strong>amentaler Dissens. Er bestand in <strong>de</strong>r Frage, wie die Erze <strong>de</strong>r Baar aufzubereiten <strong>und</strong><br />

nie<strong>de</strong>rzuschmelzen waren: Röchlings Hüttenbaupläne basierten auf einer völlig neuen<br />

Technologie, <strong>de</strong>m sauren Schmelzen. Der Völklinger Industrielle wollte die Erze <strong>de</strong>r Baar<br />

zunächst rösten <strong>und</strong> sie ansch ließend ohne <strong>de</strong>n bislang üblichen Kalksteinzuschlag verhütten.<br />

Das Verfahren besaß allerdings <strong>de</strong>n unschönen achte i I, daß es viel Hochofenraum benötigte.<br />

Tgahrt etzte <strong><strong>de</strong>s</strong>halb lieber auf die basisch geführte Verhüttung von Erzkonzentrat, die weniger<br />

Raum beanspruchte als das saure Schmelzen. Für eunkirchen brachte das <strong>de</strong>n unschätzbaren<br />

Vorteil ein, daß man auf <strong>de</strong>n teuren Hüttenbau in <strong>de</strong>r Baar völlig verzichten konnte. Voraussetzung<br />

da<strong>für</strong> aber war, daß das Frankfurter Unternehmen Lurgi in Blumberg eine 1,6 Mio.<br />

RM teure Aufbereitungsanlage baute, die nach <strong>de</strong>m Prinzip <strong>de</strong>r magnetischen Anreicherung<br />

arbeitete. Genau hier lag das Problem: Zwar hatten sich die fünf Saarwerke schon am 2. September<br />

1936 entschie<strong>de</strong>n, vier Röstöfen in Blumberg zu bauen, doch war ein Beschluß zugunsten<br />

<strong>de</strong>r LUI'gi-Anlage mehrfach am allgemeinen Unwillen gescheitert, sich noch mehr<br />

Lasten aufzubür<strong>de</strong>n. Röchling konnte sich freuen .<br />

Es war <strong>de</strong>r Neunkireher Generaldirektor Tgahrt, <strong>de</strong>r jetzt die Initiative ergriff. Zusammen<br />

mit zwei Angestellten <strong>de</strong>r Lurgi fuhr er am 5. ovember 1936 nach Berlin, suchte Hjalmar<br />

Schacht auf <strong>und</strong> warb <strong>für</strong> das Verfahren <strong><strong>de</strong>s</strong> Frankfurter Unternehmens. In einem waren sich<br />

die Gesprächsprutner schnell einig: "Die Anregung <strong><strong>de</strong>s</strong> Heml Röchling, <strong>de</strong>n Bau von Hochöfen,<br />

Stahl- <strong>und</strong> Walzwerken bei Donaueschingen bzw. Waldshut vorzusehen, wur<strong>de</strong> als abwegig<br />

angesprochen"6l. Tgahrt gewann zwar <strong>de</strong>n Eindruck, daß Schacht nicht völlig abgeneigt war,<br />

<strong>de</strong>n Bau <strong>de</strong>r LUI'gi-Anlage finanziell zu för<strong>de</strong>rn, doch zeitigte dies keinerlei konkrete Folgen.<br />

Der ehe<strong>de</strong>m so mächtige Wirtschaftsminister hatte längst seinen Einfluß auf die Berliner<br />

Eisenerzpolitik verloren.<br />

Im Zentrum <strong>de</strong>r Ent cheidungen stand fortan ein Angestellter <strong><strong>de</strong>s</strong> Amts <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh<strong>und</strong><br />

Werkstoffe: Paul Pleiger. Um Klarheit über <strong>de</strong>n Stand <strong>de</strong>r Aufbereirungstechnik zu gewinnen,<br />

sandte <strong>de</strong>r Hauptreferatsleiter <strong>für</strong> Metalle seine Mitarbeiter Gabel <strong>und</strong> Eilig am<br />

3. Dezember 1936 nach Gutmadingen, wo ihnen Paul Reusch, <strong>de</strong>r Generaldirektor <strong>de</strong>r Gutehoffnungshütte<br />

(GHH), das unternehmenseigene Bergwerk Kar! Egon zeigte. Darin waren<br />

etwa 150 Mitarbeiter beschäftigt, die r<strong>und</strong> 7.800 t Erz pro Monat zutage för<strong>de</strong>rten <strong>und</strong> dieses<br />

in einer nahegelegenen Aufbereitungsanlage zu Konzentrat verarbeiteten. Gabel <strong>und</strong> Lillig<br />

bedrängten Reusch, ma siv zu investieren <strong>und</strong> seinen Betrieb in <strong>de</strong>r Baar auszuweiten. Dieser<br />

wehrte sich dagegen, in<strong>de</strong>m er auf die üblen Erfahrungen mit <strong>de</strong>r Erzaufbereitung in Gutmadingen<br />

verwies. Die 1931 von <strong>de</strong>r Studiengesellschaft fü r Doggererze erbaute <strong>und</strong> 1935 erweiterte<br />

Anlage li eferte zwar technisch befriedigen<strong>de</strong> Ergebnisse, erwies sich aber in wirtschaftlicher<br />

Hinsicht als Fehlschlag. Reusch konnte <strong><strong>de</strong>s</strong>halb nachvollziehbar begrün<strong>de</strong>n, daß<br />

"größere Aufschlußarbeiten solange zwecklos si nd , wie die Aufbereitungsfragen nicht ei n­<br />

wandfrei geklärt wer<strong>de</strong>n können"7).<br />

Mehr Erfolg hatten Gabel <strong>und</strong> Lillig bei ihrem nächsten Gespräch, das sie am folgen<strong>de</strong>n Tag<br />

mit <strong>de</strong>m eunkircher Generaldirektor Tgahrt in Donaueschingen führten. Was die bei<strong>de</strong>n<br />

dort zu hören bekamen, diente sicher auch <strong>de</strong>m Ziel, Röchlings einseitige Propaganda zu<br />

neutralisieren. Da man diesen nicht zu <strong>de</strong>m Gespräch eingela<strong>de</strong>n hatte, konnte <strong>de</strong>r Nellnkircher<br />

Hüttendirektor Gö<strong>de</strong>llIngehin<strong>de</strong>rt darauf eingehen, welche Probleme das Völklinger Röstverfahren<br />

<strong>de</strong>rzeit noch aufwarf. Demgegenüber schil<strong>de</strong>rte Lurgi-Mitarbeiter Debuch die Vorzüge<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> finneneigenen Drehofens in <strong>de</strong>n wännsten Farben 8l . Tgahrt gelangte mühelos ans<br />

Ziel: Bei Pleiger <strong>und</strong> seinen Mitarbeitem begann sich Skepsis auszubreiten, was <strong>de</strong>n Erfolg


48<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> sauren Schmelzens anbetraf. Am 17. Dezember 1936 berief das Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Rohlind<br />

Werkstoffe sämtliche Saarhüttennach Berlin <strong>und</strong> teilte ihnen mit, man lege "vollen Wel1<br />

darauf. daß die von <strong>de</strong>n eunkircher Ei enwerken vorgeschlagene Autbereitungsanlage nach<br />

Lurgi erstellt wird. Über di e näheren Bedingungen, finanziell <strong>und</strong> <strong>de</strong>rgleichen, können sich<br />

die Saarhütten mit <strong>de</strong>m Büro Pleiger auseinan<strong>de</strong>rsetzen"9>. Das be<strong>de</strong>utete zwar keine Absage<br />

an Röchling, wohl aber <strong>de</strong>n Verzicht auf eine frühzeiti ge Festlegung zugunsten seines Röstvelfahrens.<br />

Trotz dieses ein<strong>de</strong>utigen Votums weigerten sich die übrigen vier Werke aber auch weiterhin,<br />

eine Kostenbeteiligung an <strong>de</strong>r Lurgi-Anlage einzugehen. Tgahrt begab sich <strong><strong>de</strong>s</strong>halb am<br />

7. Januar 1937 nach Berlin <strong>und</strong> bat Pleiger um einen Reichszuschuß. Zwar kam er damit<br />

keinen Schritt weiter, doch half ihm <strong>de</strong>r Hauptreferatsleiter wohl auf an<strong>de</strong>re Weise. Ob er nun<br />

Druck auf die wi<strong>de</strong>rspen tigen Werke ausübte o<strong>de</strong>r nicht, ist schwer zu beweisen. Tatsache<br />

blei bt jedoch, daß sich <strong>de</strong>ren Meinung bald än<strong>de</strong>rte : Am 22. Februar 1937 beschlossen sie<br />

ein stimmig. 1,6 Mio.RM zu investieren <strong>und</strong> einen Drehrohrofen mit Magnetschei<strong>de</strong>r bei <strong>de</strong>r<br />

Frankfurter Lurgi zu bestellen. Die 'e kam i.hren Auftraggebern weit entgegen <strong>und</strong> steuerte<br />

zur Finanzierung <strong>de</strong>r Anlage ein langfristi ges Darlehen in Höhe von 200.000 RM bei. Die<br />

restliche Summe von J,4 Mio.RM teilte n die fünf Saal'hütten unter sich auf, als Schlüssel<br />

dazu dienten ihre Quote n am Eigenkapi tal <strong>de</strong>r DBG'o>. Daß sich die Werke nur w i<strong>de</strong>rwillig<br />

zu diesem Entschluß hatten durchringen können, belegt die nachfolgen<strong>de</strong> Klimaver chlechterung<br />

zwi chen Röchling <strong>und</strong> Tgahrt. Ihre Auseinan<strong>de</strong>rsetzung gewann bald <strong>de</strong>rart an Schfufe,<br />

daß ich <strong>de</strong>r Lurgi-Ingenieur earl Debuch an Paul Pleiger wandte <strong>und</strong> wortreich beklagte, "<br />

daß Herr Kommerzienrat Röchling mit allen ihm zur Velfügung stehen<strong>de</strong>n Mitteln versucht,<br />

<strong>de</strong>n Bau <strong>de</strong>r Autbereitungsanlage nach <strong>de</strong>m Lurgi-Ve rfahren unmöglich zu machen"" ). Die<br />

Lage schien <strong>de</strong>m Beamten <strong>de</strong>rart brisant, daß er die Vertreter <strong>de</strong>r fünf Saarhütten am 20. Mai<br />

1937 nach Berlin kommen <strong>und</strong> sich schriftlich versichern ließ. je<strong>de</strong>r wer<strong>de</strong> seinen Finanzanteil<br />

an <strong>de</strong>r Lurgi-Anlage wi<strong>de</strong>rspruch los tnlgen I2 ).<br />

Pleiger wandte <strong>de</strong>n ungelösten Fragen <strong>de</strong>r Erzaufbereitung nicht ohne Gr<strong>und</strong> seine beson<strong>de</strong>re<br />

Aufmerksamkeit zu. Ihre Existenz hatte schließlich jahrelang verhin<strong>de</strong>rt, daß die Doggererzlager<br />

<strong>de</strong> süd<strong>de</strong>utschen] uras ei nen angemessenen Beitrag zur Entlastung <strong>de</strong>r Zahlungsbi lanz<br />

leisten konnten. Gelang aber endlich ein Durchbruch bei <strong>de</strong>r Autbereitungstechnik, dann<br />

stan<strong>de</strong>n <strong>de</strong>n Hütten die wohl größten För<strong>de</strong>n'eserven <strong><strong>de</strong>s</strong> Inlands zur Verfügung: eine Mrd.t<br />

Erz l.1J mit einem Eisengehalt von r<strong>und</strong> 235 Mio.t Fe. Allerdings waren die Vorkommen auf<br />

drei regionale Schwerpunkte verteilt. Mit vermuteten 130 Mio.t Fe lagerte <strong>de</strong>r Löwenantei l<br />

in <strong>de</strong>r Baar, wo GHH <strong>und</strong> DBG <strong>de</strong>rzeit nur einen beschei<strong>de</strong>nen Abbau trieben. Der zweite<br />

be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong> Schwerpunkt lag auf <strong>de</strong>r Fränkischen Alb, im Raum Lichtenfels, Pegnitz <strong>und</strong><br />

Hohenstadt-Von'a, wo r<strong>und</strong> 85 Mio.t Fe auf ihren Abbau warteten. Zwar existierten in Franken<br />

schon seit langem zwei kleinere Montanbetriebe, die Ro enberger Maximilianshütte <strong>und</strong> die<br />

<strong>de</strong>m bayerischen Staat gehören<strong>de</strong> Luitpoldhütte in Amberg, doch verarbeiteten die bei<strong>de</strong>n<br />

Werke fast ausschließlich <strong>de</strong>n örtlichen Vorrat an Brauneisenstein. Doggererz wur<strong>de</strong> bislang<br />

nur in Pegnitz geSChürft, wo die Gewerkschaft "Kl einer Johannes" im Jahre J 936 ganze<br />

160.000 tErz gewann <strong>und</strong> in einer kleinen Aufbereitungsanlage zu Konzentrat <strong>für</strong> die Ruhrhülten<br />

verarbeitete. Den dritten süd<strong>de</strong>utschen Doggererzbezirk bil<strong>de</strong>te die Schwäbische Alb.<br />

Hi er lagerten zwar nur 20 Mio.t Fe, doch besaßen die Erze <strong>de</strong>r bei Geislingen gelegenen<br />

Grube Kar! eine herausragen<strong>de</strong> Qualität: Sie konnten unaufbereitet in <strong>de</strong>n Hochöfen <strong>de</strong>r<br />

Ruhrhütten nie<strong>de</strong>rgeschmolzen wer<strong>de</strong>n.<br />

Auf diese drei Vorkommen richtete sich Pl eigers ganze Hoffnung, als er En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres<br />

1936 daran ging. die vorläufigen För<strong>de</strong>rziele <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Vierjahresplan aufzu te ilen. Am 10.


49<br />

Janu ar 1937 stan<strong>de</strong>n sie fest l41 : Von <strong>de</strong>rzeit r<strong>und</strong> 2 Mio.t Fe sollte <strong>de</strong>r Abbau inl ändischer<br />

Eisenerze bis 194 1 um 3,7 Mio.t Fe wachsen. Revolutionär daran waren nicht nur die Zahlen,<br />

son<strong>de</strong>lll auch <strong>de</strong>r Umstand. daß Pleiger di e regionalen För<strong>de</strong>rschwerpunkte vom Siegerl and<br />

zu <strong>de</strong>n süd<strong>de</strong>utschen Doggererzrevieren verlagerte: Die e sollten nicht weniger als 51 % <strong>de</strong>r<br />

bi s 1941 geplanten För<strong>de</strong>rsteigerung erblingen. Vor allem die Baar gedachte <strong>de</strong>r Hauptreferatsle<br />

iter zum größten Eisenerzli eferanten <strong><strong>de</strong>s</strong> Deutschen Reichs auszubauen. 1941 sollten hier<br />

r<strong>und</strong> 1,05 Mio.t Fe geför<strong>de</strong>rt <strong>und</strong> zu Konzentrat o<strong>de</strong>r Rösterz verarbeitet wer<strong>de</strong>n. Voraussetzung<br />

da<strong>für</strong> aber war, daß DBG <strong>und</strong> GHH bi s 1941 r<strong>und</strong> 115 Mio.RM ausgaben, um ihre bei<strong>de</strong>n<br />

Gruben auszubauen <strong>und</strong> die not wendigen Aufbereitungsanlagen zu erstellen. Genau hier lag<br />

das Problem.<br />

Pleiger hatte nämlich bereits am 9. Dezember 1936 e inen Brief nach Blumberg gesandt <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>r DBG offiziell auferl egt, ihre Erzfö r<strong>de</strong>rung endlich in Gang zu bringen <strong>und</strong> bi s 1940 auf<br />

3,6 Mio.t l51 zu erhöhen. Die Saarhütten beriefen am 19. Dezember e ine Gesellschafterversammlung<br />

e in <strong>und</strong> fO llllulierten ihre Antwort. Sie erklärten sich zwar "zu tatkräftiger Mitarbeit<br />

zur Erreichung <strong>de</strong>r Ziele <strong><strong>de</strong>s</strong> VieJjahresplan bereit", wünschten aber "maßgeben<strong>de</strong> H ilfe"16l<br />

vom Reich. Die lnvestitionskosten von etwa 25 Mio. RM <strong>für</strong> die notwendigen För<strong>de</strong>ranlagen<br />

wollte man je<strong>de</strong>nfalls nicht a llein tragen. Trotz<strong>de</strong>m kamen die SaaJwerke nicht umhin, auf<br />

ihrer nächsten Gesell schafterversammlung vom 12. März 1937 einen vorläufi gen Au bauplan<br />

zu beschließen <strong>und</strong> diesen am gleichen Tag nach Berlin zu sen<strong>de</strong>n. Die daJin aufgefühJ1en<br />

Vorbehalte - BergaJ'beitennangel, Eisenknappheit, Aufbereirungsprobleme, Klärung <strong>de</strong>r Finanzierungsfrage<br />

- ließen nur allzu <strong>de</strong>utlich erkennen, daß man weitreichen<strong>de</strong> Unterstützung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Re ichs erwartete.<br />

Vor all em e in Problem mußte rasch gelöst wer<strong>de</strong>n. Wenn man 1940 mit einer Belegschaft<br />

von r<strong>und</strong> 1.600 Mann arbeiten wollte, dann mußten bereit jetzt die ersten Wohnungen <strong>für</strong> sie<br />

entstehen. Darüber waren zwar schon En<strong>de</strong> 1935 erste Gespräche zwischen Behör<strong>de</strong>n <strong>und</strong><br />

Erzabbaubetrieben geführt wor<strong>de</strong>n, doch bli eben diese damals erfolglos, weil es GHH <strong>und</strong><br />

Saarhütten strikt abgelehnt hatten, sich an <strong>de</strong>n Baukosten <strong>für</strong> die Unterkünfte zu beteiligen.<br />

Wohl um die Dinge etwas zu beschleuni gen, verkün<strong>de</strong>te Paul Pleiger am 28. Januar 1937 171 ,<br />

das Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe wer<strong>de</strong> di e Siedlungsfrage künftig in e igener VerantwoJt<br />

ung lösen. Ein Zuschuß <strong>de</strong>r Hüttenwerke sei nicht mehr erfor<strong>de</strong>rlich. Wenige Wochen<br />

später mußte <strong>de</strong>r Hauptreferatsleiter eine peinliche Kehrtwen<strong>de</strong> voll ziehen <strong>und</strong> <strong>de</strong>n wi<strong>de</strong>rstreben<strong>de</strong>n<br />

Montanbetri eben eben diese Zahlungen abverlangen.<br />

Immerhin hatte das Berl iner Rohstoffamt bere its im Dezember 1936 da<strong>für</strong> ge orgt, daß die<br />

Badische Heimstätte GmbH mit Sitz in Karl sruhe gegrün<strong>de</strong>t wur<strong>de</strong>. Das auf 2 Mio.RM<br />

lauten<strong>de</strong> Gr<strong>und</strong>kapital übelllahmen je zur Hälfte das Deutsche Reich <strong>und</strong> fünf badische<br />

Körperschaften <strong><strong>de</strong>s</strong> öffentlichen Rechts, allen voran die Badische Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>kreditanstalt <strong>für</strong><br />

Wohnungsbau. Damit <strong>de</strong>r neu entstan<strong>de</strong>ne Bauträger seine Aufgabe wirklich erfüllen konnte,<br />

mußte frei lich geklärt wer<strong>de</strong>n, an welcher Stelle jene 400 Wohnungen entstehen sollten, <strong>de</strong>ren<br />

FeJ1igstellung das Rohstoffamt zum Jahresen<strong>de</strong> 1937 for<strong>de</strong>rte. Am30. Apri l 1937 trafen sich<br />

etwa 30 Behör<strong>de</strong>nveJ1reter in Blumberg <strong>und</strong> diskutierten intensiv über zwei unterschiedliche<br />

Ansiedlungsmo<strong>de</strong>lle: Demnach konnten die eubauten entwe<strong>de</strong>r auf die benachbaJ1en Orte<br />

Blumberg, Fützen, Ewattingen, Riedböhringen. Hondingen, Riedöschingen, Le ipferdingen,<br />

Aulfingen <strong>und</strong> Kirchen-Hausen gleichmäßig vel1eilt wer<strong>de</strong>n - o<strong>de</strong>r man konzentrierte sie im<br />

grubennahen Blumberg. Es war Kreisbauernführer Albicker, <strong>de</strong>r sich nachdrücklich <strong>für</strong> die<br />

zweite Variante ein setzte. Ange ichts unüberbrückbarer Mentalitätsunterschie<strong>de</strong> zwischen<br />

<strong>de</strong>n ernsten Bauern <strong>de</strong>r Baar <strong>und</strong> <strong>de</strong>n lebensfrohen Bergarbeitern hi e lt er e ine Vernlischung<br />

<strong>de</strong>r bei<strong>de</strong>n Gruppen <strong>für</strong> wenig sinnvoll. Darüber hinaus könne e ine kompakte Siedlungsweise


50<br />

<strong>de</strong>n unvel111eidlichen Verlust wertvollen Ackerbo<strong>de</strong>ns verringern <strong>und</strong> einer breiten Abwan<strong>de</strong>rung<br />

landwirtschaftlicher Arbeitskräfte in <strong>de</strong>n Bergbau entgegenw irken. Aber auch DBG­<br />

Geschäftsführer Gärtner, <strong>de</strong>m an einem langfristigen Verbleib <strong>de</strong>r zugereisten Kumpels sehr<br />

gelegen war, sprach "sich <strong>für</strong> eine geschlos ene Siedlung aus. Man könne <strong>de</strong>n Leuten mehr<br />

bieten, 0 daß sie sich leichter in die neuen Verhältnisse schicken"'8) <strong>und</strong> wie<strong>de</strong>r ein Heimatgefühl<br />

entwickeln wür<strong>de</strong>n. Da weitere Argumente, wie zum Beispiel geringere Verkehrsprobleme,<br />

<strong>für</strong> einen grubennahen Siedlungsbau sprachen, fand sich am En<strong>de</strong> ein breiter Konsen us<br />

<strong>für</strong> diese Lösung.<br />

Abb. I: Die ersten 32 Siedlungshäuser wur<strong>de</strong>n noch von einheimischen Handwerkem erstellt. ihre<br />

Qual ität war meist gut. Dies än<strong>de</strong>rte sich. als größere Firmen von auswärts hinzukamen. Im ovember<br />

1937 arbeiteten 1.200 Bauarbe iter auf <strong>de</strong>n Blumberger Bauste llen, die meisten davon im Siedlungsball.<br />

Recht s im Bild BiirgermeisterTheo Schmid.<br />

Und so verständigten sich alle Beteiligten darauf, im Rahmen einer ersten B austufe bis zum<br />

Juli 193732 Häuser in Blumberg zu errichten <strong>und</strong> sämtliche Erdgeschoßwohnungen mit<br />

600 m 2 Gruten auszustatten. In <strong>de</strong>n Obergeschossen planten die Archüekten kleinere Einliegerwohnungen<br />

<strong>für</strong> jüngere Ehepaare ein , die keine Kin<strong>de</strong>rzimmer benötigten. Als Baukosten<br />

pro Wohnung errechneten sie einen Betrag von r<strong>und</strong> 4.500 RM, <strong>de</strong>r über einen reichsverbürgten<br />

Hypothekenkred it <strong>de</strong>r Bezirkssparkasse Donauesc hingen ( 1.666 RM), über Darlehen <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Reichs ( 1.800 RM) <strong>und</strong> <strong>de</strong>r DBG (750 RM). sowie über einen verlorenen Zuschuß <strong><strong>de</strong>s</strong> Lan<strong><strong>de</strong>s</strong><br />

(384 RM) aufgebracht wer<strong>de</strong>n sollten. Um Verwaltungskosten, Darlehenszin en <strong>und</strong> 1 %<br />

jährliche Tilgung zu erwiltschaften, hielt man eine Monatsmiete von 21 RM <strong>für</strong> elfor<strong>de</strong>rl ich.<br />

Angesichts eines Durchschnittsverdienstes von 120 RM erachtete man diese Belastung <strong>für</strong><br />

einen Bergarbeiter <strong>de</strong>r DBG als durchaus tragbar. Natürlich reichten diese im April 1937<br />

eingeleiteten M aßnahmen nicht aus, um <strong>de</strong>n steigen<strong>de</strong>n Bedarf an Unterkünften zu <strong>de</strong>cken.<br />

Man entschied sich <strong><strong>de</strong>s</strong>halb bereit. vier Wochen später, im Rahmen einer zweiten Baustufe


51<br />

weitere 336 Wohnungen in Blumberg zu errichten <strong>und</strong> bis En<strong>de</strong> 1937 fertigzustellen. Deren<br />

Bauträger war all erdings nicht mehr die Badische Heimstätte, son<strong>de</strong>rn ein eigens <strong>für</strong> di ese<br />

Zwecke gegrün<strong>de</strong>tes Tochteruntemehmen, die Siedlung gesell schaft <strong>für</strong> das Doggererzgebiet<br />

Oberba<strong>de</strong>n GmbH l9 l . Die mittlerweile auf 5.000 RM pro Wohnung gesti egenen Baukosten<br />

sollten zwar ähnlich finanziert wer<strong>de</strong>n wie beim ersten Bauabschnitt, Pleiger verlangte aber<br />

höhere Finanzbeiträge von <strong>de</strong>r DBG, die sich zum Ausgleich über einen Zwischenkredit bei<br />

<strong>de</strong>r Deutschen Arbeitsfront refinanziere n durfte. atürlich wehrte sich die DBG vehement<br />

gegen diese Zumutung, stimmte aber nach längerem Sträuben doch zu. Auf dieser Finanzierungsbasis<br />

kaLkul ierte man dann kosten<strong>de</strong>cken<strong>de</strong> Wohnungsmieten von 28 RM <strong>für</strong> die untere<br />

<strong>und</strong> 19,75 RM <strong>für</strong> die obere Wohnung ein . Di e notwendigen Gr<strong>und</strong>stücke verschaffte sich<br />

<strong>de</strong>r Bauträger von <strong>de</strong>n Blumberger Bauern , di e ihr Gelän<strong>de</strong> gegen einen Preis von 60 bis 75<br />

Pfennige je m 2 abzugeben hatten. Sie taten dies nur selten leichten Herzens.<br />

In <strong>de</strong>r Realität nahm das 2,3 Mio.RM teure Wohnungsbauprogramm einen völlig unbefriedigen<strong>de</strong>n<br />

Verl auf. Am 13. September 1937 stellten die Saarhütten erhebliche Verzögerungen<br />

fe t <strong>und</strong> konstatierten, die Errichtung <strong>de</strong>r Siedlungen habe "zeitlich voll kommen versagt"20):<br />

Statt im Juli wür<strong>de</strong>n die ersten 64 Wohnungen nicht vor Dezember 1937 bezugsfertig. Verspätungen<br />

ergaben sich auch bei <strong>de</strong>r Reali sierung <strong><strong>de</strong>s</strong> nachfo lgen<strong>de</strong>n Bauabschnitts: Wegen<br />

<strong>de</strong>r lange umstrittenen Finanzierung erst im August 1937 begonnen, konnten die letzten <strong>de</strong>r<br />

336 Wohnungen nicht vor September 1938 bezogen wer<strong>de</strong>n. Deren Mieter hatten allerdings<br />

wenig Gr<strong>und</strong> zur Freu<strong>de</strong>, <strong>de</strong>nn die Aufteilung <strong>de</strong>r Häuser in dreiräumige Erdgeschoß- <strong>und</strong><br />

zwei räumige Ein liegerwohnungen im Obergeschoß erwies sich als nicht bedarfsgerecht. Letztere<br />

stan<strong>de</strong> n meist leer, weil es zu wenig kin<strong>de</strong>rlose Ehepaare in Blumberg gab <strong>und</strong> we il die<br />

größeren Fam il ien <strong>de</strong>r unteren Wohnung schon aus finanziell en Grün<strong>de</strong>n kaum in <strong>de</strong>r Lage<br />

waren , die oberen Räume mitanzumieten. Die daraus resu lti eren<strong>de</strong>n Mietausfälle rissen<br />

beachtliche Löcher in das Budget <strong>de</strong>r DBG, die <strong>de</strong>m Bauträger gegenüber eine Mietgarantie<br />

abgegeben hatte. An<strong>de</strong>re Lasten trug da Erzabbauunternehmen offenbar li eber: Um seinen<br />

wichtigsten Angestellten eine stan<strong><strong>de</strong>s</strong>gemäße Unterkunft anbieten zu können, baute es auf<br />

eigene Kosten weitere 12 Häuser in Blumberg.<br />

Eine schwierige Frage war die Auswahl <strong>de</strong>r Mieter. Am 17. Dezember 1937 stellte die Badische<br />

Heimstätte in einem Brief an das Karlsruher Innenministerium fest: " ach Angabe <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Bürgermeisters trifft es zu, daß ein großer Te il <strong>de</strong>r bisher in <strong>de</strong>n Baracken <strong><strong>de</strong>s</strong> Werks in<br />

Blumberg untergebrachten Bergarbeite r vorbestraft ist. Zeitweilig waren von <strong>de</strong>n Insassen<br />

bis zu 70 % vorbe traft. Zurzeit ist <strong>de</strong>r Prozentsatz <strong>de</strong>r Vorbestraften sehr stark zurückgegangen<br />

<strong>und</strong> zwar auf 20 %. Auf die Auswahl <strong>de</strong>r nach Blumberg zuziehen<strong>de</strong>n Arbeiter haben wi r<br />

naturgemäß keinerlei Einfluß. Soweit wir wissen, ist auch bisher eine Prüfung <strong>de</strong>r von auswärts<br />

hinzugezogenen Arbeiter auf ihre politische Zuverlässigkeit von kei ner Ste lle erfolgt. Bei<br />

<strong>de</strong>m gegenwärtigen Stand <strong>de</strong>r Arbeiternachfrage in allen Reichstei len ist ja auch kaum damit<br />

zu rechnen, daß die Arbeitsämter im Saargebiet <strong>und</strong> im Hunsrück die besten <strong>und</strong> zuverlässigsten<br />

Arbeiter nach Blumberg entsen<strong>de</strong>n wer<strong>de</strong>n. Wir selbst haben natürl ich als Hauseigentümer<br />

<strong>und</strong> Veml.ieter das größte Lnteresse, eine in je<strong>de</strong>r Hinsicht möglichst e inwandfreie Mieterschaft<br />

zu bekommen, aber in Anbetracht <strong>de</strong>r Verhältnisse wer<strong>de</strong>n unsere Wünsche ja wohl nicht<br />

erfüllt wer<strong>de</strong>n können. Immerhin wird bei <strong>de</strong>r Auswahl <strong>de</strong>r Wohnungsmieter, die aus <strong>de</strong>n<br />

Baracken.insassen entnommen wer<strong>de</strong>n, möglichst vorsichti g vorgegangen. Da wir selbst<br />

naturgemäß keinen von <strong>de</strong>n in Betracht kommen<strong>de</strong>n Mietanwärtern kennen, sind wir auf die<br />

Vorschläge, die uns vom Werk gemacht wer<strong>de</strong>n, angewiesen. Die Mieter, welche fü r die bereits<br />

fertiggestellten 64 Wohnungen ausgewählt wor<strong>de</strong>n sind, sind ausgesucht wor<strong>de</strong>n von <strong>de</strong>r<br />

Werksleitung in Zusammenarbeit mit <strong>de</strong>m Kreisobmann <strong>de</strong>r Deutschen Arbeitsfront. <strong>de</strong>m


52<br />

Ortsgruppen leiter <strong>de</strong>r I SDAP, <strong>de</strong>m Bürgermeister <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Betriebsobmann <strong><strong>de</strong>s</strong> Werkes.<br />

Nach Angaben <strong>de</strong> Bürgernl ei ·ters sind die <strong>für</strong> <strong>de</strong>n I. Abschnill ausgesuchten Mieter sämtlich<br />

un vorbe traft. Ob ie pol itsch einwandfrei sind. konnte nicht festgestellt wer<strong>de</strong>n. Auch bei<br />

<strong>de</strong>r Auswahl <strong>de</strong>r Mieter <strong>für</strong> <strong>de</strong>n im Bau befindlichen 11. Abschnitt so ll nac h <strong>de</strong>r gleichen<br />

Weise vorgegangen wer<strong>de</strong>n"! ".<br />

Die Umzüge von ihren Heimatorten nach Blumberg erw iesen sich fü r einige <strong>de</strong>r Bergarbeiterfamilien<br />

als wahrer Hin<strong>de</strong>rni slauf durch die Mühlen <strong>de</strong>r Bürokratie. Da sie nicht selten<br />

mittellos waren. trug da A rbeitsamt zwar die entstehen<strong>de</strong>n Umzugskosten. bestand aber aus<br />

Preisgrün<strong>de</strong>n oft darauf, die M öbel mit <strong>de</strong>r Bahn zu versen<strong>de</strong>n. Lei<strong>de</strong>r beanspruchte dieser<br />

Tran port zwischen sechs <strong>und</strong> acht Tagen Zeit. Die Fami lien Hoffmann <strong>und</strong> Gaspar aus <strong>de</strong>m<br />

saarl ändischen Brebach traf es allerdings noch ärger. Si e mu ßten weitere zwei Wochen auf<br />

die Herausgabe ihrer M öbel wanen, weil sich <strong>de</strong>r Blumberger Bahnhof weigerte, <strong>de</strong>n vom<br />

A rbeit am t Saarbrücken ausgestellten Frachtkostengut. chein anzuerkennen. Erst nach einem<br />

grotesken Disput über Fragen <strong>de</strong>r Zuständigkeit, an <strong>de</strong>m sich zwei Arbeitsämter, eine Reich -<br />

bahndirektion, zwei Bahnhöfe <strong>und</strong> die Geschäftsleitung <strong>de</strong>r DBG zu beteiligen hatten, gelangten<br />

die obdachlosen Familien nach insgesa mt drei Wochen Wartezeit w ie<strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n Bes itz<br />

ihres spärlichen Hausrats. Der nachfolgen<strong>de</strong> Streit darüber, wer die ent. tan<strong>de</strong>nen Kosten <strong>für</strong><br />

Verdienstausfall. Unterbringung <strong>und</strong> Waggonslandgeld letztlich ZLItragen hatte. beschäftigte<br />

die Beteiligten frei lich noch einige Zeit. Immerhin harten die Ereignisse wenigstens zur Folge,<br />

daß weitere M öbeltransporte nur noch per LKW vor sich gingen.<br />

Abb. 2: Die Blumberger Erzgruben bcnötigtcn qualifizierles ntenage- Personal, das vorOrt nicht zur<br />

Verfügung stand. Aus allen l-limmelsrichlUngcn kamen ab 1937 die Bergarbeiter in die eilends erstellten<br />

euballviertel von Billmberg. Die I-Iällserblieben allcrdings<strong>de</strong>n Ehepaaren vorbehalten . Ledigemllßten<br />

mit. einem Sch lafplatz in <strong>de</strong>r Baracke orliebnehmen.<br />

War <strong>de</strong>r mzug end I ich überstan<strong>de</strong>n, kamen weitere Probleme all f d ie Mieter <strong>de</strong>r BI umberger<br />

Siedlung zu: In einer Zeit zunehmen<strong>de</strong>n M ateri almangels hasti g <strong>und</strong> lieblos von Architekten<br />

<strong>und</strong> Handwerkern ZLIsammengeschustel1 , die keinerlei Interesse <strong>für</strong> die Belange <strong>de</strong>r künftigen


53<br />

Mieter <strong>und</strong> <strong>für</strong> die beson<strong>de</strong>ren klimatischen Verhältn isse <strong>de</strong>r Baar aufbrachten, erwiesen sich<br />

viele Häuser bereits wenige Jahre nach ihrer Vollendung als Sanierungsfall. Als im ovember<br />

1940 ein Architekt namens WunTI die mittlerweile auf etwa 950 Wohneinheiten angewachsene<br />

Bergarbeiter-Siedlung in Blumberg inspizierte, konnte er e inen wahren Horrorkatalog von<br />

Baumängeln aufstellen: Feuchte, schl echt isolierte <strong>und</strong> zu dünne Außenwän<strong>de</strong>; extrem<br />

frostgefähr<strong>de</strong>te Wasserl eitungen. fehl en<strong>de</strong> Drainage; <strong>und</strong>ichte Abortgruben, durch <strong>de</strong>ren<br />

Wän<strong>de</strong> Fäkalienwasser in die Häuser drang; mangelhafte Lüftungsmöglichkeiten, chronisch<br />

verstopfte Sanüäranlagen als Folge unterdimensionierter Rohrdurchmesser; bei fie<strong>de</strong>rschlag<br />

auftreten<strong>de</strong> Wassereinbrüche in <strong>de</strong>n Kellem, schlecht schließen<strong>de</strong> Türen, Fenster <strong>und</strong> Lä<strong>de</strong>n;<br />

von oben zudrin gen<strong><strong>de</strong>s</strong> Regenwasser <strong>und</strong> starke Setzrisse an vielen Kaminen waren be ileibe<br />

keine Einzelerschei nungen. WUll11 notierte betroffen die Folgen <strong>de</strong>r allgegenwärtigen Feuchtigkeit:<br />

"In <strong>de</strong>n ungeheizten bzw. nicht heizbaren Räumen hängen die Tapeten von <strong>de</strong>n Wän<strong>de</strong>n.<br />

Letztere sind fe ucht <strong>und</strong> schimmeli g. An Möbelstücken sind Schubla<strong>de</strong>n ni cht zu bewegen<br />

<strong>und</strong> durch Werfen von Schranktüren entstehen erhebliche Schä<strong>de</strong>n"221. Die Wohnungen <strong>de</strong>r<br />

Hal<strong>de</strong>nstraße 5 <strong>und</strong> 19 befan<strong>de</strong>n sich in einem <strong>de</strong>rart ges<strong>und</strong>heitsgefähr<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n Zustand, daß<br />

<strong>de</strong>r Landrat von Donaueschingen nicht umhinkam, am 22. April 194 1 ihre Räumung anzuordnen.<br />

Der Siedlungsbau stellte auch die Gemein<strong>de</strong> Blumberg auf eine harte Probe. Ein Dorf von<br />

lediglich 166 Haushaltungen, das 1936 über einen Jahresetat von gera<strong>de</strong> einmal 2 1.725 RM<br />

verfügen konnte, mußte nun seine Infrastruktur innerhalb kürzester Frist gewalti g erweitern .<br />

Das badische Innenministerium erlegte <strong>de</strong>m kleinen Ort im Frühjahr 1937 unbalmherzig die<br />

Pflicht auf, schleunigst neue Straßen <strong>und</strong> Wasserleitungen zu bauen, Abwasserkanäle zu<br />

graben <strong>und</strong> Stromleitungen in die eubaugebi ete zu verlegen. Die Reali sierung war mit erheblichen<br />

finanziellen Folgen verknüpft: Schon <strong>für</strong> die ersten 32 Häuser <strong>de</strong>r Baustufe I fielen<br />

Erschli eßungskosten in Höhe von 22.580 RM an, die zwischen März <strong>und</strong> Juni 1937 von <strong>de</strong>r<br />

Gemein<strong>de</strong>kasse zu begleichen waren. Da außer einem Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>zuschuß von 3.000 RM zunäch t<br />

keinerlei Zahlungen in Blumberg e ingingen, mußte man bereits am 22. Juni 1937 feststellen,<br />

daß "die Gemein<strong>de</strong> zur Zeit nicht mehr in <strong>de</strong>r Lage ist. ihren laufen<strong>de</strong>n Verpflichtungen nachzukommen<br />

" 23 1.<br />

Dieser Z u tand sollte auch weiterhin anhalten. Das badische Inne nministerium hatte <strong>de</strong>m<br />

Blumberger Bürgermeister Schmid zwar schon im M ärz 1937 e ine Kostenrückerstattung<br />

prinzipie ll zugesichert, doch blieb in <strong>de</strong>n fo lgen<strong>de</strong>n Monaten sehr umstritten, von wem sie zu<br />

erfolgen habe. Reich <strong>und</strong> Land schoben <strong>de</strong>n Schwarzen Peter je<strong>de</strong>nfa ll s kTäftig hin <strong>und</strong> he r.<br />

Sicher war' zunächst nur eine : Die Erschließungskosten <strong>de</strong>r Stufen I <strong>und</strong> Il wür<strong>de</strong>n zusammen<br />

etwa 500.000 RM betragen <strong>und</strong> konnten von <strong>de</strong>r Gemein<strong>de</strong> we<strong>de</strong>r vorfinanziert noch zu<br />

ei nem späteren Zeitpunkt auf Hauseigentümero<strong>de</strong>r Mieter umgelegt wer<strong>de</strong>n. Letztere bezogen<br />

ja viel zu geringe Löhne, um <strong>de</strong>rartige Belastungen tragen zu können. Im August 1937 <strong>de</strong>utete<br />

sich dann e ine Lösung an, über die man all erdings auch noch im Frühjahr 1938 heftig diskutierte.<br />

Ihr zufolge erhi elt die Gemein<strong>de</strong> Blumberg eine Reichsbe ihilfe von 330.000 RM , die<br />

jedoch zunächst nur <strong>de</strong>n Charakter eines zinslosen, bis zum 31. März 194 1 befri steten Darlehens<br />

trug. Weitere Summen flossen als verlorene Zu chüsse <strong>de</strong> Lan<strong><strong>de</strong>s</strong> (50.000 RM), <strong>de</strong>r<br />

Badischen Heimstätte (40.000 RM) <strong>und</strong> <strong>de</strong>r DBG (80.000 DM) in die Blumberger Gemein<strong>de</strong>kasse.<br />

Dort verwandte man das Geld dazu, die Gr<strong>und</strong>stücke <strong>de</strong>r insgesamt 400 Berarbe iterwohnungen<br />

infrastrukture ll zu erschließen N1 . Da das Wasser- <strong>und</strong> Straßenbauamt Donaueschingen<br />

völlig überlastet war, mußte zur Erstellung <strong>de</strong>r notwendigen Bauentwürfe ein<br />

privater Anbieter gesucht wer<strong>de</strong>n. Man fand ihn im Freiburger Diplom-Ingenieur Albert Lehr,<br />

<strong>de</strong>r ni cht nur di e Pl äne <strong>für</strong> das neue Ortsstraßennetz <strong>und</strong> die Abwas erkanäle ausarbe itete,


54<br />

son<strong>de</strong>l1l auch di e Ausschreibung <strong>de</strong>r Bauarbeiten vorbere itete. Am 25. August 1937 erhie lt<br />

das Bauunternehmen Geiges aus Bühlertal <strong>de</strong>n Zuschl ag zur Ausführung <strong>de</strong>r Straßen- <strong>und</strong><br />

Kanali sationsarbeiten. Die Bauleitung übernahm Albert Lehr.<br />

Damit waren freilich noch längst ni cht all e Probl eme gelöst. Von e inem Dorf mit etwa 800<br />

Einwohnern sollte Blumberg bi s 1938 zu e iner Klein tadt mit fast 5.000 Bürgel1l anwachsen.<br />

18.000 kalku li erte Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>pl aner Feldmann auf lange Sicht e in . Für ihre Kin<strong>de</strong>r benöti gte<br />

man e ine neue Schule, samt Lehrern <strong>und</strong> <strong>de</strong>ren Wohnungen, Sportplatz, Turnhall e, Kin<strong>de</strong>rgrut<br />

en <strong>und</strong> öffentliche Ba<strong>de</strong>rulstalt mu ßten neu gebaut, Friedhof <strong>und</strong> Rathaus dringend erweitert<br />

wer<strong>de</strong>n. [m Ort bestan<strong>de</strong>n 1936 lediglich eine Metzgerei, zwei Bäckere ien <strong>und</strong> zwei Lebensmittelgeschäfte.<br />

Um weitere Kaufl eute rulZ ul ocken. mußte endlich eine Geschäftsstraße mit<br />

städtischem Flair angelegt wer<strong>de</strong>n. Reichsstatthalter Wagner orgte sich vor allem darum,<br />

daß Blumberg e in Zentrum e rhielt , das "Ausdruck nati onalsozialisti schen Gesta ltungswil ­<br />

lens"25\ sei. Dazu brauchte man e rheblic he Mittel, die Theo Schmid am 4. August 1937 auf<br />

1,88 Mio. RM bezifferte 261 • Aufzutreiben waren diese Summen offenbar nirgends. Je<strong>de</strong>nfall s<br />

kämpfte <strong>de</strong>r Blumberger Bürgermeister noch im Oktobe r 1937 darum , daß ihm da Re ich<br />

wenigste ns 300.000 RM fü r <strong>de</strong>n notwendigen eubau <strong>de</strong>r örtlichen Schule zur Verfügung<br />

stellte. Aber auch Post <strong>und</strong> Bezirkssparkasse Donaueschingen zeigten anfrulgs wenig eigung,<br />

<strong>de</strong>r Einladung Schmid zu fol gen <strong>und</strong> Zweigstellen in B lumberg zu errichten.<br />

Etwas schne ll er kam die DBG mit <strong>de</strong>m Ausbau ihrer Gruben voran. ach monate langer<br />

Bauzeit konnten am 15. Apri l 1937 endlich zwei Anlagen e ingeweiht wer<strong>de</strong>n, die man zur<br />

Aufnahme eines geregelten Bergbaubetriebs dringend benötigte: Sowohl <strong>de</strong>r Grubenbahnhof<br />

als auch eine 1.640 m lange Kettenbahn, di e das Erz vom Stollenm<strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Stoberg zu <strong>de</strong>n<br />

weiter südlich gelegenen Reichsbahngleisen transportieren sollte, waren jetzt betriebsbere it.<br />

Die DBG nahm un verzüg lich e ine kontinuierliche Eisenerzför<strong>de</strong>rung auf, allerdings blie b<br />

die Tagesleistung <strong>de</strong>r Blumberger Grube mit 200 bi s 300 t zunächst sehr beschei<strong>de</strong>n. Ein<br />

Gr<strong>und</strong> da<strong>für</strong> war <strong>de</strong>r akute Mangel an Fachkräften: Zwar gab es einen zuverlä sigen Stamm<br />

saarländischer Bergleute, die Gau leiter Bürckel schon 1935 wegen ihres Abstimmverhaltens<br />

<strong>de</strong>r Heimat verwiesen hatre, doch schlugen weitere Anwerbeversuche oft feh l. Von 170 Mrulll,<br />

die ihre Arbeit im ersten Ha lbjahr 1937 neu aufnahmen, verschwan<strong>de</strong>n 130 bald wie<strong>de</strong>r,<br />

davon 80 praktisch über acht. iedrige Löhne, schlechte Unterkün fte <strong>und</strong> das ungewohnt<br />

rauhe Klima auf über 700 m Höhe boten nur wenig Anreiz zum Verble ib. Vor all em <strong><strong>de</strong>s</strong>halb<br />

stieg die Zahl <strong>de</strong>r DBG-Mitarbeiter während <strong><strong>de</strong>s</strong> ersten Halbjahrs 1937 nur sehr mo<strong>de</strong>rat von<br />

2 14 auf 342 Mann.<br />

Auch die Aufbereitung anl agen entstan<strong>de</strong>n nur langsam. War es bi zum Apri l 1937 die<br />

kalte Witterung gewesen, die <strong>de</strong>n Baubeginn hinausgezögert harte, so behin<strong>de</strong>rte danach <strong>de</strong>r<br />

grav ieren<strong>de</strong> Eisenmangel <strong>de</strong>n Fortgang <strong>de</strong>r Arbeiten. Infolge<strong><strong>de</strong>s</strong>sen nahm <strong>de</strong>r erste <strong>de</strong>r vier<br />

Röstöfen nicht im Juli, son<strong>de</strong>l1l im Oktober 1937 seinen Betrieb auf. Die Fertigstellung <strong>de</strong>r<br />

Lurg i-Anl age verzögerte sich gar bis zum Januar <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres 1938. Als Ursachen da<strong>für</strong> machten<br />

die Projekt le iter <strong>de</strong>r Frankfurter Lurgi GmbH allerdings nicht nur externe Einflüsse aus. Sie<br />

führten die aufgetretenen Verspätungen vie lmehr darauf zurück, daß ihre Bauarbe iten von<br />

<strong>de</strong>n Geschäftsführel1l <strong>de</strong>r DBG vorsätzlich behin<strong>de</strong>rt wür<strong>de</strong>n, um Röchlings vier Röstöfen<br />

einen ungerechtfertigten Tel1l1invorteil zu verschaffen. Frei lich kamen die Dinge in Blumberg<br />

auch ohne jegliche Obstruktionspolitik nur noch zäh voran. Obwohl die Ge e il schaf te l' <strong>de</strong>r<br />

DBG bereits am 10. Mai 1937 beschl ossen hatten, endlich eine mo<strong>de</strong>rne Waschkaue <strong>für</strong> d ie<br />

Kumpels von Sto- <strong>und</strong> Eichberg zu bauen, so dauerte es doch bis zum Februar 1938, bis das<br />

ste inellle Gebäu<strong>de</strong> samt Holzdach endlich fertiggestellt war. Langsam voran chritt auch <strong>de</strong>r<br />

Bau e iner För<strong>de</strong>rbrücke. die man am 12. März 1937 zu errichten beschloß. Di e 130.000 RM


te ure Eisenkonstruktion zur Verbindung <strong>de</strong>r Stollenmün<strong>de</strong>r von Sto- <strong>und</strong> Eichberg war auch<br />

im Frühjahr 1938 noch ein unvollen<strong>de</strong>ter Torso.<br />

Nicht viel an<strong>de</strong>rs entwickelten sich die Dinge in Gutmadingen. Wie die übrigen Werke so<br />

war auch die GHH am 18. Februar 1937 von Oberst Löb ermahnt wor<strong>de</strong>n, "die För<strong>de</strong>rung<br />

auf je<strong>de</strong>r ein zelnen <strong>de</strong>r von Ihnen betriebenen Gruben sofort so zu steigern , wie es för<strong>de</strong>rtechnisch<br />

möglich ist"27). Das Oberhausener Unternehmen akzeptierte dies zwar <strong>für</strong> sein WÜlttembergisches<br />

Bergwerk Karl , machte aber keinerlei Anstalten, <strong>de</strong>n Betrieb in Gutmadingen<br />

auszu<strong>de</strong>hnen. Hermann Reusch, <strong>de</strong>r Sohn <strong><strong>de</strong>s</strong> Vorstandsvorsitzen<strong>de</strong>n Paul , wehrte sich zu<strong>de</strong>m<br />

mit aller Kraft dagegen, daß die GHH - ganz im Wi<strong>de</strong>rspruch zu Pleigers Zusicherung vom<br />

28. Januar - doch noch einen Beitrag zum Bau von Arbeiterunterkünften in Gutmadingen<br />

leisten sollte. Er begrün<strong>de</strong>te seine Weigerung damit, daß je<strong>de</strong>rzeit mit <strong>de</strong>r Stillegung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Abbaubetriebs zu rechnen <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong>halb jeglicher Wohnungsbau überflüssig sei.<br />

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Abb. 3: Das Jahr 1937 brachte <strong>für</strong> die Doggererz-Bergbau GmbH endlich <strong>de</strong>n "take off': Zwischen<br />

Januar <strong>und</strong> Dezember wuchs die Zahl <strong>de</strong>r Arbeiter um 230 Prozent.<br />

Reuschs Ankündigung war <strong>für</strong> Pleiger ein wi llkommener AnJaß, das GHH-Vorstandsmügljed<br />

Hermann Ke ll ermann am 14. März 1937 nach Berlin zu rufen <strong>und</strong> ihm vorzuwerfen, "er<br />

habe <strong>de</strong>n Eindruck, daß man bei Gutmadingen nichts mehr machen wolle, was untragbar sei,<br />

schon mit Rücksicht auf das energische Vorgehen von Röchling bzw. <strong>de</strong>r Saar, die Zollhaus­<br />

Blumberg <strong>für</strong> 3,6 Mio.t ausbauen wollten". Mochte Ke lle J111ann auch noch 0 oft darauf<br />

verweisen, daß sein Gesprächspartner sechs Wochen zuvor das Gegenteil verkün<strong>de</strong>t hatte,<br />

Pleiger beharrte unnachgiebig darauf, "daß er eine Bezuschussung im Rahmen <strong>de</strong>r Leistungen<br />

<strong>de</strong>r Saarerwatt e. Lehnten die Ruhrwerke das ab, wer<strong>de</strong> er selbstverständlich die Siedlungsfrage<br />

allein regeln, die Folgen hätten wir uns dann selbst zuzuschreiben"28). Die Enteignungsdrohung<br />

tat ihre Wirkung: Mitte 1937 erhielt die Badi sche Heim tätte <strong>de</strong>n Auftrag zum Bau von 12<br />

Arbeiterwohnungen in Gutmadingen, zu <strong>de</strong>nen die GHH einen Zuschu ß von 1.000 RM je<br />

Einheit leisten wollte. Die Unterkünfte wur<strong>de</strong>n erst im November 1938 fertiggestellt 29 ).


56<br />

Pleiger mußte die Hüttenwerke unter stärkeren Druck setzen, wenn er verhin<strong>de</strong>rn wollte, daß<br />

<strong>de</strong>r allgegenwärtige Stahl mangel die A ufrü stung weiter behin<strong>de</strong>rt e. Den Gesprächen, die<br />

Göring <strong>und</strong> se in eigener Vorgesetzter Löb fLir <strong>de</strong>n 16. <strong>und</strong> 17. März 1937 in Berlin anberaumten.<br />

lag <strong>de</strong>r Gedanke zugr<strong>und</strong>e, die <strong>de</strong>utsche Rohstahl- <strong>und</strong> Gußerzeugung von <strong>de</strong>rzeit<br />

2 1.5 Mio. t auf 27,6 Mio.t bis zum Jahre 1940 zu erhöhen. Da Auslandserze da<strong>für</strong> nicht<br />

eingesetzt wer<strong>de</strong>n konnten. mußte eben die Verhünung inländischer Eisenerze kräftig steigen<br />

- von bi slang 7 Mio.t auf24,6 Mio. t. Die Vertreter <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>de</strong>utscher Eisenhüttenleute<br />

w iesen bei <strong>de</strong>n Gesprächen auf ein un gelöstes Problem hin: Weil höhere A nteile <strong>de</strong>utscher<br />

Erze am M öller zu höherem Koksverbrauch <strong>und</strong> vermin<strong>de</strong>rter Hochofenleistung führten, war<br />

<strong>de</strong>r Neubau von min<strong>de</strong> tens 12 Hochöfen <strong>und</strong> 15 Kokereien unumgänglich. Göring <strong>und</strong> L öb<br />

erhielten <strong>de</strong> halb <strong>de</strong>n Rat. das Produktionsziel <strong>für</strong> Roh tahl<strong>und</strong> Guß auf24,3 Mio. t im Jahre<br />

1940 zu beschränken 30I .<br />

Natürlich wußte auch L öbs Mitarbeiter Pl eiger. daß neue A nl agen gebaut wer<strong>de</strong>n mußten.<br />

Warum sonst hätte er im Febru ar 1937 prüfen lassen. w ie hoc h die In estition kosten <strong>für</strong><br />

integrierte HÜllenwerke mit einer Prod uktion zwischen 500.000 t <strong>und</strong> einer Mio. t Rohstahl<br />

waren?3!1 Frei lich dachte er nicht an K apazitätserweiterun gen bestehen<strong>de</strong>r Betriebe. die j a<br />

allesamt auf <strong>de</strong>n grenznahen Kohleba sen stan<strong>de</strong>n. son<strong>de</strong>rn an neue A nlagen direkt auf <strong>de</strong>n<br />

Erzfel<strong>de</strong>rn im Binnenland . eben militäri schen Grün<strong>de</strong>n sprach auch die Transportökonomie<br />

<strong>für</strong> eine so lche L ösung: m eine Tonne Roheisen zu erzeugen, war e v iel billiger, ein bis<br />

zwei Tonnen Kohle zu r Erzbasis zu beför<strong>de</strong>rn , als fün f Tonnen metallarme Eisenerz zu <strong>de</strong>n<br />

K ohlerevieren. A ls Standorte boten sich die badischen <strong>und</strong> fränkischen Doggererzgebiete an.<br />

Obwohl Pleiger seine Be<strong>de</strong>nken gegen das saure Schmelzen immer noch nicht abgelegt hatte,<br />

gri ff er die Pläne Röchling sch ließlich auf. Sein eigener Mitarbeiter Lillig. <strong>de</strong>r noch 15 M onate<br />

zuvor A ngestellter <strong>de</strong>r Saarhütten gewesen war, fel1igte <strong>für</strong> die Besprechung mit Göring am<br />

17. M ärz 1937 <strong>de</strong>n "Aktenvernlerk r. 7: Gr<strong>und</strong>l agen <strong>für</strong> die Planung eines Hüttenwerks bei<br />

Zollhaus-Blumberg"31) an . Darin skizzierte er ein etwa 30 Mio. RM teures Proj ekt, das j ährlich<br />

500.000 t sog. Vorschmelze isen <strong>für</strong> die Saar produzieren sollte. Ein weiterer Vermerk Lilligs,<br />

<strong>de</strong>r die 1 ummer 4 trug, 'chlug die" A nlage eines Hüttenwerks auf <strong>de</strong>r fränkischen Doggererzbasis"33!<br />

vor. Wenige Tage später wur<strong>de</strong> auch Röchling aktiv. Um Pleiger Vorbehalte gegen<br />

das sa ure Schmelzen auszuräumen, übelTe<strong>de</strong>te er diesen zu einem gemein samen Flug nach<br />

England . Dort machte ihn <strong>de</strong>r V ölklinger Industrielle nicht nur mit <strong>de</strong>m amerikanischen<br />

Hüttenbauer Hermann A. Brassen bekannt , son<strong>de</strong>rn auch mit <strong><strong>de</strong>s</strong>sen neuestem Werk: <strong>de</strong>r<br />

Hütte von Corby. Von Bra ert zwischen 1933 <strong>und</strong> 1935 erbaut. arbeiteten dort seit M onaten<br />

mehrere Hochöfen problemlos nach <strong>de</strong>m sauren Schmelzve rfahren. Pleiger war begeisten 34 ).<br />

Röchling sah sich nun kurz vor <strong>de</strong>m Z iel <strong>und</strong> sc hrieb am 27. M ärz 1937 einen langen Brief<br />

an Hermann GÖring. Darin regte er an. in <strong>de</strong>r Baar kün ftig 8,5 Mio.t Eisenerz pro Jahr zu<br />

för<strong>de</strong>rn <strong>und</strong> die Hälf te davon direkt vor Ol1nie<strong>de</strong>rzuschmelzen: "Zwei HochofenanJ agen von<br />

j e vier Hochöfen von j e 500 Tonnen Leistung in 24 St<strong>und</strong>en wären zu errichten. Je zwei<br />

Hochöfen (also vier) könnten bis En<strong>de</strong> nächsten Jahres ferti ggestellt wer<strong>de</strong>n, sodaß bereits im<br />

Jahre 1939 eine halbe Million Tonnen Roheisen aus dieser Quelle fließen wür<strong>de</strong>; im Jahre<br />

1940 könnten eine Million Tonnen erreicht sein ... Ich wür<strong>de</strong> eine Anlage mit vier H ochöfen<br />

mit <strong>de</strong>r nötigen Staatshilfe erstellen, wozu auch <strong>de</strong>r nötige Rückhalt hinsichtlich <strong>de</strong>r Verfügung<br />

über die Erzlagerstänen gehören müßte. Die zweite Anlage müßte von einer an<strong>de</strong>ren Finna<br />

erbaut wer<strong>de</strong>n"35!, womit die GHH gemeint war.<br />

Röchling war vollkommen bewußt. daß die an<strong>de</strong>ren Saarindustriellen seine hochfliegen<strong>de</strong>n<br />

Hünenpläne nicht unterstüt zten. Er empfand 'eine Partner j etzt als hin<strong>de</strong>rlichen Klotz am<br />

Bein, weil sie die Tragweite seiner I<strong>de</strong>en nicht begriffen <strong>und</strong> sich <strong><strong>de</strong>s</strong>halb querlegten. An<strong>de</strong>-


57<br />

rerseits aber mußte auch <strong>de</strong>r von ihm unternommene Versuch, "sich von <strong>de</strong>n übrigen Hüttenwerken<br />

an <strong>de</strong>r Saar abzuson<strong>de</strong>rn"361, diese mit äußerstem Befrem<strong>de</strong>n erfüllen. Im Ergebnis<br />

bil<strong>de</strong>te sich eine von gegenseitigem Mißtrauen getragene Atmosphäre heraus. in <strong>de</strong>r es zu<br />

gelegentlichen Explo ionen kam. Einen <strong>de</strong>ral1igen Höhepunkt stellte die Gese ll chafterversammlung<br />

<strong>de</strong>r DBG vom 12. M ärz 1937 dar. auf <strong>de</strong>r Röchling <strong>und</strong> T gahrt coram publico die<br />

Klingen kreuzten. Der Wortwechsel en<strong>de</strong>te damit. daß <strong>de</strong>r Völklinger Industrielle seinem<br />

Kontrahenten zu verstehen gab, daß er gut auf ihn verzichten könne 37 ).<br />

atürlich war Röchling gar nicht in <strong>de</strong>r L age, seine Visionen ohne frem<strong>de</strong> Hilfe zu verwirklichen:<br />

eben Geld brauchte er vor allem eine gesicherte Erzbasis <strong>für</strong> das Hüttenwerk. Da<br />

man in Berlin seiner For<strong>de</strong>rung bislang nicht nachgekommen war, die besten Fel<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r G HH<br />

zu enteignen <strong>und</strong> ihm zu übertragen. mußte er eben auf an<strong>de</strong>re Weise versuchen, sich die en<br />

B es itz zu verschaffen. Zwischen März <strong>und</strong> Mai 1937 führte er mehrere Gespräche mit Paul<br />

Reusch. <strong>de</strong>m Generaldirektor <strong>de</strong>r GHH, <strong>und</strong> bedrängte diesen, ihm endlich eiJlen Teil <strong>de</strong>r<br />

untemehmen eigenen Fel<strong>de</strong>r bei Gutmadingen zu verkaufen. Reu ch lehnte die Bitte jedoch<br />

ebenso ab wie <strong>de</strong>n Vorschlag Röchlings, "gemeinsam mit ihm auf <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>lage <strong>de</strong> Erzbesitzes<br />

<strong>de</strong>r GHH ein Hochofenwerk zu eITichten"38,. Der Vorstandsvorsitzen<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Oberhausener<br />

Konzern s sicherte se inem Ge. präehspartner lediglich zu . er wer<strong>de</strong> ihn zum Selbstkostenpreis<br />

mit Gutmad inger Eisenerz beliefern .<br />

Röchling hatte das Ge präch mit Reusch sicher auch in <strong>de</strong>r Absicht gefühl1, bei <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Scheitem<br />

noch einmal mit allem I achdruck darauf verweisen zu können. daß ohne die Enteignung <strong>de</strong>r<br />

GHH keinerlei Aussicht auf einen Hüttenbau in <strong>de</strong>r Baa l' bestand. Das wur<strong>de</strong> zwar auch im<br />

Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe so gesehen, doch blieben die elwarteten Konsequenzen<br />

einfach aus. Für Röchling muß dies völlig unver tändlich gewesen se in, hatte er doch Pleiger<br />

schon im März 1937 zeigen können, daß das von ihm favorisierte saure Schmelzen kein<br />

Hirngespinst. son<strong>de</strong>rn die real ex istieren<strong>de</strong> Gr<strong>und</strong>lage eine funktion fähigen englischen<br />

Hüttenwerks war. Röchling faßte <strong><strong>de</strong>s</strong>halb noch einmal nach: Am 2 1. Mai 1937 'andte er<strong>de</strong>m<br />

Pressereferenten <strong><strong>de</strong>s</strong> Amts <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe einen Artikel über seine Pläne<br />

zu , <strong>de</strong>n dieserjedoch nicht veröffentlichte, son<strong>de</strong>rn als "oberflächlich <strong>und</strong> flüchtig" 3 ~ ) abtat.<br />

Das Manuskript wan<strong>de</strong>rte in die Ablage.<br />

Am 16. Juni 1937 aber schien die Saat <strong><strong>de</strong>s</strong> Unermüdlichen endlich aufzugehen. Göring ließ<br />

auf einer Routine-S itzung mit <strong>de</strong>n Vertretern <strong>de</strong>r Montanindustrie erstmals einen Hinweis<br />

darauf fallen. daß er mehrere Eisen- <strong>und</strong> Stahlwerke auf <strong>de</strong>n <strong>de</strong>utschen Erzbasen zu errichten<br />

gedachte. FürGHrI-Vorstandsmitglied K ellellnann waren diese An<strong>de</strong>utungen <strong>de</strong>r letzte Beweis<br />

da<strong>für</strong>, daß "Göring daran <strong>de</strong>nkt, <strong>de</strong>n Röchling'schen Pl an bei Donaueschingen zu verwirklichen"-IOJ.<br />

Den Letztgenannten trafen die Ankündigungen allerdings ebenso unvorbereitet wie<br />

seine Kollegen von <strong>de</strong>r Ruhr. Er entwruf <strong><strong>de</strong>s</strong>halb in aller Eile einen BrieFI) an <strong>de</strong>n preußischen<br />

Ministerpräsi<strong>de</strong>nten, in <strong>de</strong>m er - anknüpfend an sein Schreiben vom 27. März - nochmals alle<br />

Bedingungen aufzählte, unter <strong>de</strong>nen er zur EIl'ichtung eines Hüttenwerks in <strong>de</strong>r Baar bereit war.<br />

Röchling unterließ es allerdings, <strong>de</strong>n Brief abzusen<strong>de</strong>n. Genutzt hätte es ohnehin nicht viel.<br />

In Pleigers Kopf waren längst an<strong>de</strong>re Pl äne entstan<strong>de</strong>n. Das Gutachten eines Erzsachverständigen<br />

hatte ihm bereits im Januar 1937 zu <strong>de</strong>r unerwal1eten Erkenntnis verholfen, daß er<br />

die wertvollsten Lagerstätten <strong><strong>de</strong>s</strong> lnlands bislang unterschätzt hatte. Es han<strong>de</strong>lte sich dabei<br />

um die kieselsäurehaitigen Erze von Salzgitter, <strong>de</strong>ren Verhüttung ähn liche Schwierigkeiten<br />

bereitete wie das Doggererz. aturgemäß verspürten die Eigentümer <strong>de</strong>r Salzgitterfel<strong>de</strong>r,<br />

allen voran die Vereinigten Stahlwerke, wenig eigung zu einem geregelten Abbau ihrer<br />

problematischen Bo<strong>de</strong>n chätze. Als Pleiger nun die Hochöfen von Corby <strong>und</strong> das dort<br />

praktizierte saure Schmelzen vor Augen hatte, erkannte er sofort, daß mit diesem Verfahren<br />

auch die Verhüttung <strong>de</strong>r Salzgittererze zu rea lisieren war.


58<br />

Abb. 4: Im Frühjahr 1937 ließ Röchling mehrere Pläne <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Bau eines Eisen- <strong>und</strong> Stahlwerks in <strong>de</strong>r<br />

Baar anfertigen. Planvari ante I sah einen Standort südwestlich von Aulfingen vor. Die Pl äne sind<br />

archiviert im Bun<strong><strong>de</strong>s</strong>archiv Berlin. R 3 112 r. 182.<br />

Abb. 5: Völlig zugebaut wor<strong>de</strong>n wäre das enge Aitrachtal nördlich von Riedöschingen, wenn Röch ling<br />

die von seinen Ingenieuren 1937 entworfene Planvariante 11 zum Bau eines Eisen- <strong>und</strong> Stah lwerks in<br />

<strong>de</strong>r Baal' verwirkl icht hätte.


59<br />

Abb.6: ördlich von Riedösehingen bestimmte Röchling <strong>de</strong>n Standort <strong>für</strong> Planvariante ill. Alle Varianten<br />

umfaßten vier Hochöfen. Im November 1937 legte Röchling seinem Aufsicht rat Berechnungen <strong>für</strong> ein<br />

Projekt vor, das zunächst umfaßte: eine Röstanlage mit 5.200 t, zwei Hochöfen 11 500 t Rohe isen, ein<br />

Stahl werk mit 1.000 t,ein Walzwerk mit 800 t, sowie Kraft werk <strong>und</strong> Kokerei. Investitionskosten: 55, 1<br />

Mio.RM. Die Kapazität <strong>de</strong> r gesamten Anlagen sollte dann im Laufe <strong>de</strong>r Zeit verd oppelt we r<strong>de</strong>n.<br />

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Abb. 11: Die überbaute Fl äche <strong><strong>de</strong>s</strong> kle inen Orts Blumberg wuchs durch da in mehreren Stufe n<br />

realisierte Siedlungsbauprogramm um ein Mehrfac hes. Der Pl an von 1940 zeigt unter an<strong>de</strong>rem, auf<br />

welchen Umfang <strong>de</strong>r Tagebaubetrieb ausge<strong>de</strong>hnt wer<strong>de</strong>n sollte.


60<br />

Pleigel' nahm noch im April 1937 vertraulichen Kon takt zum amelikan ischen Hüttenbauer<br />

HeIlllann A. Brassert auf <strong>und</strong> befragte ihn. ob er <strong>de</strong>rartige Werke auch in Deutschland bauen<br />

könne. Gleichzeitig überzeugte <strong>de</strong>r Hauptreferatsleiter <strong>de</strong>n preußischen Ministerpräsi<strong>de</strong>nten<br />

von <strong>de</strong>r I<strong>de</strong>e. staatseigene Hüttenwerke auf <strong>de</strong>n ergiebigsten Erzfel<strong>de</strong>Ill <strong><strong>de</strong>s</strong> Inlands zu errichten.<br />

Am 15. Juli 1937 elfolgle die zunächst geheim gehaltene Gründung <strong>de</strong>r Reichswerke Hemlann<br />

GÖring. <strong>de</strong>ren alleiniger Vorstand Pau l Pl eiger wur<strong>de</strong>. ur zwe i Tage später chloß dieser<br />

einen Vertrag mit Brassert über <strong>de</strong>n Bau von drei Hüttenwerken. Das größte davon war mit<br />

einer Produktionskapazitä! von vier Mio.t Roheisen auf <strong>de</strong>n Erzvorkommen von Sal zgitter<br />

geplant. Zwei kleinere "Hüttenwerke in Bayern <strong>und</strong> Ba<strong>de</strong>n sollen eine Anfangsleistung von<br />

j e 250.000 t jährlich in Roheise n haben <strong>und</strong> eine Erweiterungsmöglichkeit bis zu I Mio.t<br />

j ä hrli c h " ~~ ) . Das süd<strong>de</strong>utsche D oggererz hatte se ine Schlüsse lrolle in <strong>de</strong>r <strong>de</strong>ut ehen Autarkiepolitik<br />

damit w ie<strong>de</strong>r eingebüßt.<br />

Am 23. Juli 1937 infonnierte Göring dann auch die private Hütlenindustrie darüber, was auf<br />

sie zukam. Diese vernahm nun mit gelin<strong>de</strong>m Entsetzen , daß sie nicht nur ihre wichtigsten<br />

Erzfel<strong>de</strong>r an das staatliche Konkurrenzunternehmen abzutreten hatte, son<strong>de</strong>rn auch noch finanzielle<br />

Beiträge zu <strong><strong>de</strong>s</strong> en Aufbau leisten sollte. Es half nichts: Binnen weniger Wochen<br />

gingen die Sal zg inererze von ihrem bi 'herigen Haupteigenti.imer, <strong>de</strong>n Vereinigten Stahlwerken.<br />

auf die HeIlllann Göring Werke über. Selbst die GHH verlor dort ihre Fel<strong>de</strong>r. Bitter schmeckte<br />

auch eine an<strong>de</strong>re Maßnahme, mit <strong>de</strong>r Pleiger <strong>de</strong>n Bau seiner Werke zu beschleunigen geclachle:<br />

m bei <strong>de</strong>m zunehmen<strong>de</strong>n Material - <strong>und</strong> A rbeitskräftemangel nicht von KonkUlTenzvorhaben<br />

beh in<strong>de</strong>rt zu wer<strong>de</strong>n. erließ das Reich am 16. September 1937. 1 » eine Anordnung, nach <strong>de</strong>r<br />

die Errichtung von Hochöfen <strong>und</strong> K okereien. von Stahl- <strong>und</strong> Walzwerken, von Hammer- <strong>und</strong><br />

Preßwerken, sowie von Gießereien bis zu m 3 1. Dezember 1939 einer Genehmigungspflicht<br />

unterlag. Fak tisch kam das einem Investitionsverbot <strong>für</strong> die private Montanindustrie gleich.<br />

Pleiger besaß eine klare Vorstellung darüber, w ie er <strong>de</strong>n Bau <strong>de</strong>r bei<strong>de</strong>n kleineren Hütten in<br />

Süd<strong>de</strong>u tschland angehen sollte. Im Hinbl ick auf das in Franken geplante Werk war er bereits<br />

am 19. Mai 1937 mit <strong>de</strong>r Bayerischen Berg-, Hütten- <strong>und</strong> Salinen AG einig gewor<strong>de</strong>n. Danach<br />

verpflichtete sich das in bayeri scher Staatshand befindliche U nteIllehmen, "<strong>de</strong>n Ausbau <strong>de</strong>r<br />

fränkischen Doggererzvorkommen in einer gemeinschaftlichen Fonn mit <strong>de</strong>m Reich vorzunehmen"<br />

4~ 1 . Im Ergebn is be<strong>de</strong>utete dies. daß die Berg-, Hütlen- <strong>und</strong> Salinen AG ihren<br />

Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>besitz zur Verfügung stellte, damit in Franken eine Hütte <strong>de</strong>r Hermann Göring Werke<br />

entstand. Eine ähnliche Opferrolle hatte Pleiger <strong>de</strong>r G H H zugedacht, <strong>de</strong>ren Fel<strong>de</strong>r er in Beschlag<br />

nehmen <strong>und</strong> zur Erzgr<strong>und</strong>lage <strong>für</strong> die eigenen Hochöfen machen wollte. Der frischgebackene<br />

Hüttenwerksvorstand bedrängte einen GI-f1-I-K ollegen K ellelmann <strong><strong>de</strong>s</strong>halb am<br />

24. August 1937, <strong>de</strong>n Gutmadinger Besi tz <strong><strong>de</strong>s</strong> ntemehmens in eine Min<strong>de</strong>rheitsbeteiligung<br />

an <strong>de</strong>n Hermann Göring Werken einzubringen <strong>und</strong> mit die 'en zusammen eine Eisenhütte<br />

sa mt Stahlwerk in <strong>de</strong>r Baal' zu bauen. Pl eiger drohte un verhohlen damit, er wer<strong>de</strong> die von<br />

ihm begehl1en Fel<strong>de</strong>r enteignen lassen, wenn die GHH nicht freiwillig auf sie verzichte. KeIlermann<br />

<strong>und</strong> Reusch warfen Pleigel' daraufhin chriftlich vor, es se i "bitter, ungerecht <strong>und</strong> tiefverletzend<br />

"4',. ausgerechnet <strong>de</strong>mjenigen Werk sc hwere Opfer abzuverlangen, das seit 1922<br />

"als erstes planmäßig ohne Rücksicht auf die bestehen<strong>de</strong>n Ko. ten die ut zbannachung <strong>de</strong>r<br />

süd badischen Doggererze betrieben habe, während man an<strong>de</strong>ren Unternehmungen, die ihre<br />

Erzgr<strong>und</strong>lage unsererjahrelangen intensiven A rbeit verdanken, nicht antastet". Damit waren<br />

die Saarhütten gemeint. <strong>de</strong>ren Fel<strong>de</strong>r tatsäch lich von allen Zwangsmaßnahmen ver chont bleiben<br />

sollten. Räch I i ngs Kooperat ions freu<strong>de</strong> dürfte <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong> <strong>für</strong> die e noble Geste gewesen sein.<br />

Trotz<strong>de</strong>m wa r auch <strong>de</strong>r V ölklinger K ommerzienrat darüber sehr enttäuscht, daß se in<br />

Engagement keine größeren Früchte getragen hatte. Am23. A ugust 1937 beschwelte er sich


6 1<br />

bei L illig, daß man "im 3. Reich , .. <strong>und</strong>ankbar"461 sei, weil er nicht. w ie von Pl eiger offenbar<br />

versprochen, die badischen Fel<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r GHH erhielt. Die 'e brauchte <strong>de</strong>r Vorstand <strong><strong>de</strong>s</strong> neu<br />

gegrün<strong>de</strong>ten Staat konzerns j a nun selbst <strong>für</strong> seine eigenen Hüttenpläne in <strong>de</strong>r Baar. Röchling<br />

gab seine Ziele j edoch nicht auf, hatte er <strong>de</strong>m A ufs ichtsrat <strong>de</strong>r V ölklinger Hütte doch schon<br />

am 9. Juli 1937 verkün<strong>de</strong>t, er halte es " <strong>für</strong> erfor<strong>de</strong>rlich, daß w ir auf die Dauer zu einem<br />

Hochofenwerk auf <strong>de</strong>r Erzbasis in Südba<strong>de</strong>n kommen. <strong>de</strong>m sich dann Stahl-<strong>und</strong> Walzwerke<br />

anschließen müssen"47 1 . Wenige Wochen später bedachte er die HelTen mit einem weiteren<br />

Papier, das die Investitionskosten <strong><strong>de</strong>s</strong> Projekt auf 55 , I Mio.RM bezi fferte <strong>und</strong> einen Jahresgewinn<br />

prognosti ziel1e, <strong>de</strong>r zwischen 1,3 Mio. <strong>und</strong> 7,7 Mio.RM lag. Freilich dürfte auch <strong>de</strong>m<br />

Saarindustriellen sehr bewußt gewesen sein. daß eine zügige Rea lisierung <strong><strong>de</strong>s</strong> Vorhabens<br />

kaum möglich war, weil die 'oeben verh ängte Genehmigungspflicht <strong>für</strong> hüttentechni che<br />

Anlagen auch vor ihm nicht Halt machte.<br />

Die GHH wehrte sich hartn äckig gegen <strong>de</strong>n Verlust ihrer süd<strong>de</strong>ut chen Vorkommen <strong>und</strong><br />

hatte Glück, Da Pl eiger die Salzgittererze ohnehin <strong>für</strong> die w ichtigeren hielt <strong>und</strong> er mit <strong>de</strong>m<br />

Hüttenbau in <strong>de</strong>r B aa r erst später beg innen wollte, beließ er <strong>de</strong>r GHH vorerst ihren Gutmadinger<br />

Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>bes itz. Offenbar machte das Oberhausener Unternehmen da<strong>für</strong> eine Reihe<br />

von Konzes 'ionen, was <strong>de</strong>n Abbau <strong>und</strong> die Verhüttung <strong>de</strong>r badischen Erze anbetraf. Je<strong>de</strong>nfalls<br />

erklärte Paul Rheinlän<strong>de</strong>r im M ai 1938, "daß sich Herr Reusch mit Herrn Pleiger geeinigt<br />

hätte über ein weiteres Arbeits- <strong>und</strong> Versuchsprogramm bezüglich Gutmadingen, daß er aber<br />

noch nicht freigelas en sei. Es sei so, daß <strong>de</strong>r PfandungsbeschJuß gewissermaßen in <strong>de</strong>n Hän<strong>de</strong>n<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Gericht vollziehers sei, <strong>de</strong>r ihn aber nicht zustelle"48), Mit an<strong>de</strong>ren Worten: Das D amoklesschwert<br />

<strong>de</strong>r Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>enreignung schwebte immer noch über Reusch <strong>und</strong> K ellermann.<br />

Konnte die GHH ihren Be itz in Gutmadingen zunächst auch retten. wirtschaftliche Vorteile<br />

brachte er ihr keine ein. Da sich die A ufberei tung <strong><strong>de</strong>s</strong> Doggererzes als unwirtschaftlich erwiesen<br />

hatte, legte das IHernehmen <strong>de</strong>n Schwerpunkt seiner Forschung au f hüttentechni che Versuche.<br />

Im Sommer 1937 begann man in Oberh ausen damit, monatlich 30.000 t Doggererz<br />

gleichmäßig auf die drei vorhan<strong>de</strong>nen Thomashochöfen zu verteilen <strong>und</strong> im basisch geführten<br />

Schmelzprozeß mitzuverhütten. Ein Drittel <strong>de</strong>r sauren Erze stammte aus Gutmadingen. Da<br />

Ergebnis war nie<strong>de</strong>r chmetternd: Ein Doggererzanreil von 11 ,5 % am M öller erhöhte <strong>de</strong>n<br />

K oksverbrauch um fas t 10 % <strong>und</strong> red uzierte gleichze itig die Hochofenlei tung um nahezu<br />

ein Fünftel. B a isch geführte Schmelzversuche mit reinem Doggererz erbrachten gar das<br />

Ergebnis. daß man <strong>de</strong>n doppelten Hochofenraum benötigte, um ein Roheisen zu gewinnen.<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>sen K osten m it 90,63 RM pro Tonne um 70 % über <strong>de</strong>n Gestehungskosten <strong>für</strong> Roheisen<br />

aus [mporterzen lagen. Ln Oberhausen resümierte man bedriid .'t . es bedürfe "keiner Erörtemng,<br />

daß eine <strong>de</strong>rartige K ostensteigerung nicht tragbar ist <strong>und</strong> es müssen Wege gef<strong>und</strong>en wer<strong>de</strong>n,<br />

die Roheisenerzeugung aus [nlandserzen weitestgehend zu verbilligen" 49 1.<br />

Die GHH bestückte <strong><strong>de</strong>s</strong>halb am 25. September 1937 in Oberh ausen erstmals einen <strong>de</strong>r drei<br />

Hochöfen zu 100 % mit geröstetem Doggererz <strong>und</strong> schmolz es nach <strong>de</strong>m sauren Verfahren<br />

nie<strong>de</strong>r. Das Ergebnis be tand in einer <strong>de</strong>utlichen "H erabmin<strong>de</strong>rung <strong><strong>de</strong>s</strong> phantastisch hohen<br />

Kohlenverbrauchs"501. Die Selbstkosten j e Tonne D ogger-Roheisen fielen daraufhin von über<br />

90 RM auf etwa 75 RM, Freilich waren das immer noch 40 % mehr als beim Einsatz von<br />

[mporterzen. D er Druck <strong><strong>de</strong>s</strong> Berliner Roh toffamts ließ <strong>de</strong>r GHH j edoch keine Wahl: Das<br />

nternehmen begann sich darauf einzurichten, bald zum sauren Schmelzen von geröstetem<br />

Doggererz überzugehen. [m Januar 1938 ging <strong>de</strong> halb eine Gruppe von GHH-Ingenieuren<br />

auf Rei en <strong>und</strong> sah ich mehrere Röstanlagen an die von verschie<strong>de</strong>nen Hüttenwerksgesellschaften<br />

in Deutschland, Östen'eich <strong>und</strong> in <strong>de</strong>r Tschechoslowakei erbaut wor<strong>de</strong>n waren. Auch<br />

Röchlings Blumberger Öfen zählten zu <strong>de</strong>n Objekten, <strong>de</strong>ren Bes ichtigung wel1volle Erkennt-


62<br />

nisse lieferte. Am 26. M ärz 1938 konnte dann <strong>de</strong>r Betriebsleiter <strong><strong>de</strong>s</strong> Oberhau sener Eisenwerks,<br />

Dr. A. Wilhelmi, <strong>de</strong>m GHH-Vorstand das Ergebnis seiner Forschungsreisen prä entieren.<br />

Es bestand in <strong>de</strong>m Vorschlag, auch in Gutmadingen einen Röstofen zu errichten. Die mit<br />

Streufeuer beheizte Anlage sollte einen Tagesdurchsatz von 350 t Roherz haben <strong>und</strong> 500.000<br />

RM kosten. Paul Reu ch genehmigte das Projekt in <strong>de</strong>r Erwartung daß es bis zum Herbst <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Jahres 1938 realisiert wer<strong>de</strong> 511 .<br />

Was <strong>de</strong>n Bau <strong>de</strong>r Röstanlage dann am En<strong>de</strong> doch verhin<strong>de</strong>lle, kann hier nur vermutet wer<strong>de</strong>n.<br />

Wahrscheinlich war es <strong>de</strong>r Umstand , daß die Be<strong>de</strong>utung <strong>de</strong>r süd<strong>de</strong>utschen Doggererze im<br />

M ärz 1938 noch einmal kräfti g abnahm. als ÖsteiTeich <strong>und</strong> <strong>de</strong>r steirische Erzberg in <strong>de</strong>utsche<br />

Hand gelangten. Pleiger sicherte sich auch diese ergiebigen L agerstätten <strong>und</strong> beauftragte<br />

Bras eil mit <strong>de</strong>m Bau eines weiteren Hüttenwerks im nahegelegenen Linz. Als Konsequenz<br />

gab er das bislang betriebene Hüttenprojekt in Franken völlig auf <strong>und</strong> stellte seine Pl äne <strong>für</strong><br />

die Baar erst einmal zurück. Die G HH konnte es sich unter die en mstän<strong>de</strong>n eher lei ten,<br />

ihr Engagement im badischen Erzbergbau zurückzunehmen. A llerdings ließen ihr die äußeren<br />

Umstän<strong>de</strong> nur allzu oft gar keine an<strong>de</strong>re Wahl. Am 28. Oktober 1938 noti erte H ermann<br />

Reusch, die GHH habe bei ihren "Doggererzgruben einen unge<strong>de</strong>ckten Sofortbedarf von 200<br />

Bergarbeirem ... Die Befriedigung scheitert daran, daß die M ehrzahl <strong>de</strong>r zur Velfügung stehen<strong>de</strong>n<br />

Arbeiter <strong>de</strong>m Pleigerschen Erzbergbau"521 bei Salzgitter zugeführt werd e. icht zuletzt<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>halb 'ank die Z ahl <strong>de</strong>r Beschäftigten in Gutmadingen von \88 im Jahre 1937 auf 146 in<br />

<strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n Folgej ahren ab. A uch die För<strong>de</strong>rmengen stagnierten bis 194 1 bei etwa 120.000 t<br />

pro Jahr.<br />

Am 8. August 1937 unternahm ein dritter Interessent <strong>de</strong>n Versuch, in <strong>de</strong>r Baar Fuß zu fassen.<br />

A uf <strong>de</strong>r Suche nach Ersatz <strong>für</strong> ihre verlorenen Salzgitterfel<strong>de</strong>r folgten die Vereinigten<br />

Stahl werke einer Empfehlung von Ministeri alrat L andschütz. <strong>de</strong>m achfolger aumanns im<br />

badischen Finanz- <strong>und</strong> Wiltschaftsministerium (künftig abgek. Finanzministerium). Da Unteillehmen<br />

b k<strong>und</strong>ete <strong>de</strong>m Fürsten zu Fürstenberg schriftlich sein [ntere se an <strong>de</strong>r Pachtung<br />

von Eisenerzgruben<strong>und</strong> erhielt kurz darauf vier FI 'ichen angeboten, die noch keinen an<strong>de</strong>ren<br />

A bnehmer gef<strong>und</strong>en hatte. Da rasch Zweifel auftauchten, ob die Vorräte auf <strong>de</strong>n A rea len<br />

Goldbach. Für tenberg, Huchenegg <strong>und</strong> M ettenberg <strong>für</strong>einen w irtschaftlichen Abbau ausreichten,<br />

baten die Verei nigten Stahl werke im September 1937 auch um die Überlassung <strong>de</strong>r<br />

Fel<strong>de</strong>r Fürstin Irma <strong>und</strong> Berchen. Diese hätte <strong>de</strong>r Fürst sehr gern verpachtet. wenn er nur<br />

gekonnt hätte. Zu einem Leidwesen hatten auch die Saarhülten ein A uge darauf gewOlfen.<br />

Das Verh ältnis zwischen jenen <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Fürstlichen Haus war damals stark unterkühlt.<br />

nbekümmert darum , daß die im M ai 1934 getroffene Vereinbarung nur <strong>de</strong>n Probeabbau<br />

von 50 t Eisenerz gestattet hatte, för<strong>de</strong>rten die Saarhütten bis Mitte 1937 mehr als 100.000 t<br />

M ateri al zutage. Dabei zeigten sie wenig Neigung, einen akzeptablen Pachtvertrag mit j ener<br />

BGB-Gesellschaft abzuschließen. die badi scher Staat <strong>und</strong> Fürstliches H aus am 7. September<br />

1934 gegrün<strong>de</strong>t hatten, um ihre Bergbaurechte in <strong>de</strong>r Baar gemeinsam zu velmarkten. A llerdings<br />

waren auch vom Karlsruher Finanzministerium, das die Geschäfte <strong>de</strong>r BGB-Ge ellschaft<br />

führte. lange Zeit keinerlei konkrete Schritte eingeleitet wor<strong>de</strong>n, um die Saarhütten zu Verhandlungen<br />

zu drängen. Der Gr<strong>und</strong> bestand darin, daß man im Begri f stand, auch mit <strong>de</strong>r<br />

GHH einen neuen Pacht- <strong>und</strong> Konzess ionsvenrag abzuschließen, <strong>de</strong>r die komplizielten Regelungen<br />

aus früherer Zeit ablösen sollte. Dessen Bestimmungen wollten die Ministerialbeanlten<br />

gern als Muster <strong>für</strong> die noch ausstehen<strong>de</strong> " bereinkunft mit <strong>de</strong>n Saarhütten heranziehen, um<br />

bessere rgumente <strong>für</strong> die Vereinbarung konkreter Pacht- <strong>und</strong> Konzessionsabgaben zu besitzen.<br />

Z u einem <strong>de</strong>rart vorsichtigen <strong>und</strong> taktisch k lugen Verhalten be tand aller Anlaß, hatte doch<br />

schon Eri ch Naumann festgestellt, daß "j e<strong>de</strong>r, <strong>de</strong>r Röchling kennt, weiß. daß dieser am liebsten


63<br />

gar nicht zahlen möchte"53). Der Völklinger Industrielle <strong>und</strong> seine Mitstre iter hatten Glück.<br />

Da die Verhandlungen mit <strong>de</strong>r GHH nur sehr langsam vorankamen, blieben auch die Saarhütten<br />

von unliebsamen For<strong>de</strong>rungen vorerst verschont.<br />

Am 17. Juni 1936 ergriffen sie dann aber selbst die Initiative. Würtz <strong>und</strong> Gärtner, die bei<strong>de</strong>n<br />

Geschäf1sführer <strong>de</strong>r DBG, kündigten <strong>de</strong>m badischen Finanzministerium die baldige Aufnahme<br />

einer regelmäßigen Eisenerzför<strong>de</strong>rung in Blumberg an <strong>und</strong> fragten dann 0 ganz nebenbei ,<br />

wie weit <strong>de</strong>nn die notwendige "Klärung <strong>de</strong>r Gerechtsamsverhältnisse"54) inzwischen gediehen<br />

sei. Ministerialrat Landschütz for<strong>de</strong>l1e das Untemehmen in seiner Antwol1 auf, zunächst einmal<br />

sämtliche Fl ächen zu benennen, an <strong>de</strong>nen e rnsthaftes Int.eres e be tün<strong>de</strong>. Dies geschah am<br />

29. Juli , als WÜI1Z <strong>und</strong> Gällner um die Bereitstellung von 12 Arealen 55 ) <strong><strong>de</strong>s</strong> Hauses Fürstenberg<br />

baten, die einen Flächeninhalt von 2. 180 ha umfaßten. Darüber hinaus wünschte man staatliche<br />

Bergbaukonzessionen <strong>für</strong> weitere Gebi ete, die vorwiegend im Raum Ran<strong>de</strong>n-Kommingen<br />

lagen <strong>und</strong> eine Größe von insgesamt 3.034 ha aufwiesen.<br />

Das Finanzministerium hatte all erdings selbst ein Problem: We il die am 7. September 1934<br />

gegrün<strong>de</strong>te BGB-Gesell schaft auf eine Le bensdauer von zwei Jahren angelegt war, liefen<br />

seine Verhandlungsvollmachten <strong>für</strong> die Fürstl ichen Fel<strong>de</strong>r bald aus. Der badische Ministerialrat<br />

Mühe konnte das Haus Fürstenberg zwar dazu bewegen, e iner Vertragsverl ängerun g um<br />

weitere 12 Monate zuzustimmen, in Donaueschingen ließ man all erdings keinerlei Zweifel<br />

darüber aufkommen, daß e ine zweite Bitte dieser Art ni cht mehr erfüllt wer<strong>de</strong>. Den Herbst<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres 1936 verbrachten die bei <strong>de</strong>n Partner dann mit <strong>de</strong>r Abstimmung ihres Angebots,<br />

das ie <strong>de</strong>n Saarhütten am 14. Dezember 1936 über ·andten 56l • Der Pachtvertragsentwurf über<br />

die Für tlichen Ei senerzfel<strong>de</strong>r sah vor, daß die DBG eine feste jährliche Fl ächenabgabe in<br />

Höhe von 4.000 RM zahlte. Darüber hinaus sollte sie eine vari able För<strong>de</strong>rprämie leisten, die<br />

einen Pfennig pro abgebauter Tonne Eisenerz betrug <strong>und</strong> eine Min<strong><strong>de</strong>s</strong>tsumme von 2.000 RM<br />

pro Jahr ni cht unterschreiten durfte. Der staatliche Konzessionsvertragsentwurf legte die an<br />

<strong>de</strong>n Fi kus zu zahlen<strong>de</strong> För<strong>de</strong>rprämi e auf gleicher Höhe fest, begnügte sich aber mit einer Fläehen<br />

abgabe von 1.000 RM . Bei<strong>de</strong> Angebote ahen eine Vertrag laufzeit von 30 Jahren vor.<br />

Obwohl di e e For<strong>de</strong>rungen sehr mo<strong>de</strong>rat waren, lö ten sie doch ke ine rlei Freu<strong>de</strong> bei <strong>de</strong>n<br />

Saal'hütten aus. Am 4. Januar 1937 schri eb <strong>de</strong>r eunkircher Generaldirektor Tgahn nach<br />

Blumberg: "Da nach menschli chem Erme sen <strong>de</strong>r Betrieb <strong>de</strong>r DBG immer ein Verlustgeschäft<br />

sein wird, so ist ni cht einzusehen, daß eine För<strong>de</strong>rabgabe, wenn auch nur in Höhe von einem<br />

Pfennig pro Tonne, erhoben wer<strong>de</strong>n oll . Wir sind <strong><strong>de</strong>s</strong>halb <strong>de</strong>r Meinung, daß man versuchen<br />

müßte, beim badischen Staat ohne je<strong>de</strong> Abgabe durchzukommen, <strong>und</strong> daß die Fürstlich Fürtenbergischen<br />

Rechte durch eine einmalige Zahlung von 10-1 5.000 RM abzulösen sein<br />

sollten"57). Tgahrt tand mit se iner Meinung nicht allein da. Am 14. Januar 1937 verständigten<br />

sich die Gesell schafter <strong>de</strong>r DBG darauf, das Angebot <strong>de</strong>r Gegenseite auszuschlagen. In ihrer<br />

Antwort an das Finanzministerium verwiesen sie darauf, daß <strong>de</strong>r verlustbringen<strong>de</strong> Doggererzbergbau<br />

von <strong>de</strong>n Saal'hütten nur aus volkswirtschaftlicher Verantwonung betrieben wer<strong>de</strong>.<br />

Da die Areale in <strong>de</strong>r Baar "prakti sch welllos"58) seien könne man auch keine Abgaben <strong>für</strong> sie<br />

entrichten. Der staatliche Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>besitz müsse <strong><strong>de</strong>s</strong>halb kostenlos an die DBG abgegeben <strong>und</strong><br />

die Konzessionsdauer von 30 auf99 Jahre <strong>de</strong>utli ch angehoben wer<strong>de</strong>n. Im übrigen habe man<br />

keinerlei Interesse an einem Pachtvertrag mit <strong>de</strong>m Fürsten, son<strong>de</strong>rn verl ange die eigentumsrechtliche<br />

.. bernagung seiner Fel<strong>de</strong>r auf die Saarhütten, <strong>de</strong>ren Gegenleistung aber nur<br />

im Er atz von nachgewiesenen Kosten bestehen könne.<br />

In Donaueschingen wertete man di ese Antwort als heftigen Affront <strong>und</strong> kommentierte sie<br />

entsprechend. Am 25. Februar 1937 schrieb Asse sor Maurer einen langen Brief an das Finanzministerium<br />

<strong>und</strong> stellte darin fest, daß sich die Stellungnahme <strong>de</strong>r DBG "gegen <strong>de</strong>n badischen


64<br />

Staat <strong>und</strong> die Fürstliche Kammer in ihrer Eigenschaft als Gerechtsame- Bes itze r" richte. D ie<br />

von <strong>de</strong>n Saa rhütlen erh obenen Prote te gegen eine Pac ht for<strong>de</strong>rungen w ischte M aurer als<br />

unbegrün<strong>de</strong>t beise ite <strong>und</strong> rief <strong>de</strong>n badischen Staat dazu auf, "daß er ich gegen <strong>de</strong>n Vorwurf<br />

<strong>de</strong>r kapitalistischen Eigensucht <strong>für</strong> seinen M andanten energisch zur Wehr etzt. Solange <strong>de</strong>r<br />

Gr<strong>und</strong>. atz von <strong>de</strong>r Unantastbarkeit <strong><strong>de</strong>s</strong> Privateigentums gilt, w ird es auch <strong>de</strong>r Fürstlichen<br />

Verwa ltung ge tattet sein müssen, ihre Bergwerksfel<strong>de</strong>r in angemessenem Rahmen au wel1en<br />

zu dürfen"59'.<br />

Die Verärgerung <strong>de</strong>r Fürstlichen Kammer war zweifellos groß. Sie erklärte sich aber trotz<strong>de</strong>m<br />

zu mündlichen Verhandlungen mit <strong>de</strong>r DBG bereit, die dann am23. M ärz 1937 im Karl sruher<br />

Finanzministerium stattfan<strong>de</strong>n. Wesentliche Fortschritte wur<strong>de</strong>n dabei j edoch nicht erzielt.<br />

Obwohl <strong>de</strong>r badi che Staat in <strong>de</strong>n folgen<strong>de</strong>n Wochen eine Reihe von Zugeständnissen machen<br />

<strong>und</strong> auf die Erhebung einer Fl ächenabgabe völlig verzichten wollte, blieben auch die bilateraJen<br />

Ge präche zwischen DBG <strong>und</strong> Finanzministerium vom 3. M ai 1937 ohne j eg lichen Erfolg.<br />

Dabei ging es im Kern um einen lächerlichen Betrag. Landschütz rec hnete seinem Verhandlung<br />

partner Röchling damal vor, daß die Saarhüllen ganze 36.000 RM an Jahresa bgaben<br />

zu tragen hatten, wenn sie ihre Ei. enerzför<strong>de</strong>rung bis 1940 auf 3,6 Mio.t erhöhen wür<strong>de</strong>n.<br />

Trotz<strong>de</strong>m blieben die Werke unnachgiebig. Angesichts <strong>de</strong>r enormen Dringlichkeit, die man<br />

in Berlin <strong>de</strong>m Abbau heimischer Eisenerze beimaß, spekuliel1en sie wohl aufhöheren Beistand.<br />

Je<strong>de</strong>nfalls notierte sich Röchling am 5. Mai 1937: "Wir wer<strong>de</strong>n uns al 0 auf die Dauer <strong>de</strong>r<br />

Hilfe <strong><strong>de</strong>s</strong> Herrn Pleiger bed ienen müssen, wenn w ir zurechtkommen wollen"(0). Diese Hoffnung<br />

erwies sich als Trug chluß. Der Hauptreferatsleiter im Berliner Rohstofamt schmie<strong>de</strong>te<br />

längst eigene Hüttenbaupläne <strong>und</strong> maß <strong>de</strong>n Problemen Röchlings keine zentrale Be<strong>de</strong>utung<br />

mehr bei.<br />

So stan<strong>de</strong>n die Dinge immer noch, als sich die Vereinigten Stahlwerke im September 1937<br />

beim Fürstlichen Hause mel<strong>de</strong>ten <strong>und</strong> um die Pachtung von Fel<strong>de</strong>rn ersuchten, an <strong>de</strong>nen die<br />

DBG bereits zu einem früheren Zeitpunkt Interesse bek<strong>und</strong>et hatte. Trotz dieser Tatsache<br />

war<strong>de</strong>r Wunsch <strong><strong>de</strong>s</strong> Ruhrkonzerns durchaus nicht unelfüllbar: Es ex istierte näm lich keinerlei<br />

Vertrag mit <strong>de</strong>n Saarwerken. <strong>de</strong>r es <strong>de</strong>m Fürsten verwehrt hätte, die umstrittenen Areale an<strong>de</strong>rweitig<br />

zu vergeben. Günstig schien auch <strong>de</strong>r Umstand, daß man in Donaueschingen gera<strong>de</strong><br />

jetzt über die eigenen Flächen wie<strong>de</strong>r voll velt-ügen konnte, wei I jener Vertrag von 1934 endlich<br />

ausgelaufen war. <strong>de</strong>r das Finanzministerium zum alleinigen Verhandlungsführer bestimmt<br />

hatte. Trotz dieser klaren Rechtslage fragte die Fürstliche K ammer vorsicht halber am 0 I.<br />

Oktober 1937 bei <strong>de</strong>r DBG an, ob sie Einwän<strong>de</strong> gegen eine Verpachtung <strong>de</strong>r Areale Berchen<br />

<strong>und</strong> Fürstin Inna an die Vereinigten Stahlwerke erhebe. Offenbar war M aurer sehr optimisti sch<br />

gestimmt, <strong>de</strong>nn er for<strong>de</strong>rte das Blumberger Unternehmen ein wenig sc ha<strong>de</strong>nfroh auf. "zur<br />

Vermeidung weiterer Gebietsverkürzungen"611 endlich Verhandlungsbereitschaft zu zeigen.<br />

Tatsächlich befan<strong>de</strong>n sich die Saarhütten j etzt in einer schwieri geren Verhandlungsposition<br />

als noch . echs M onate zuvor. Hatten sie bislang darauf vertrauen dürfen. daß L andschütz<br />

sämtliche Gespräche führen <strong>und</strong> <strong>für</strong> mo<strong>de</strong>rate For<strong>de</strong>rungen <strong><strong>de</strong>s</strong> Hauses Fürstenberg sorgen<br />

konnte, so war das künftig nicht mehr möglich. Die Folgen bekamen die Werke bereits in <strong>de</strong>r<br />

ersten Besprechung zu spüren, die sie nach halbjähriger Pause mit Finanzministerium <strong>und</strong><br />

Fürstl icher Verwaltung am 15. Oktober 1937 in Karlsruhe aufnahmen. Maurer kündigte<br />

ihnen dabei eine <strong>de</strong>utlich höhere For<strong>de</strong>rung an als noch im Dezember 1936: Statt einem<br />

sollte die För<strong>de</strong>rabgabe nunmehr fünf Pfen nige pro geför<strong>de</strong>rter Tonne Eisenerz ausmachen.<br />

Der badische Staat blieb zwar bei se iner alten Offerte von einem Pfennig, setzte aber die<br />

DBG auf an<strong>de</strong>re Weise unter Druck. Das Unternehmen war nämlich immer noch nicht in das<br />

Han<strong>de</strong>lsregister eingetragen wor<strong>de</strong>n <strong>und</strong> be<strong>für</strong>chtete <strong><strong>de</strong>s</strong>halb von <strong>de</strong>n Hern1ann Göring Werken


65<br />

vereinnahmt o<strong>de</strong>r doch zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t um seine Fel<strong>de</strong>r gebracht zu wer<strong>de</strong>n. Landschütz erkläl1e<br />

nun, er wer<strong>de</strong> <strong>de</strong>n Eintrag 0 lange blockieren, bis <strong>de</strong>r Konzessionsveltrag mit <strong>de</strong>m badischen<br />

Fiskus zustan<strong>de</strong>gekommen sei. Den Saarhütten blieb daraufhin nichts an<strong>de</strong>res übrig als nachzugeben<br />

<strong>und</strong> eine För<strong>de</strong>rabgabe von einem Pfenni g endlich zu akzeptieren. So kam <strong>de</strong>nn am<br />

6. Dezember 1937 ein Konzession vertrag 62 ) zustan<strong>de</strong>, in <strong>de</strong>m das Land Ba<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r DBG das<br />

Recht einräumte, auf einer 2.560 ha großen Fl äche im Raum Riedöschingen-Talheim-Kommingen-Ran<strong>de</strong>n<br />

Eisenerz abzubauen. Zehn Tage später erfolgte die Eintragung <strong>de</strong>r DBG in<br />

das Han<strong>de</strong>lsregister <strong><strong>de</strong>s</strong> Amtsgerichts Donaueschingen.<br />

Abb. 7: Insgesamt 12 Fel<strong>de</strong>r<br />

aus Fürstenbergischem Be-sitz<br />

beanspruchten die Saarhütten.<br />

An <strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n nördlich gelegenen<br />

Arealen Fürstin Irma<br />

<strong>und</strong> Berchen mel<strong>de</strong>ten auch<br />

die Vereinigten Stahlwerke Interesse<br />

an. Das<strong>de</strong>r Doggererz­<br />

Bergbau GmbH am 6.12.37<br />

vom badischen Staat zur Verfügung<br />

gestellte 2.560 ha große<br />

Konzessionsgebiet im Raum<br />

Ri e dösch ingen-Ta l he i m ­<br />

Kommingen-Ran<strong>de</strong>n lag östlich<br />

<strong>de</strong>r Fürstenbergischen<br />

Bergwerke Zollhaus, Wol fental<br />

<strong>und</strong> Bohl kopf.<br />

Unverän<strong>de</strong>rt schwierig gestalteten sich die Verhandlungen über die Fürstenbergischen Fel<strong>de</strong>r.<br />

Zwar hatten die Saarhütten jegliche Hoffnung auf eine Enteignung <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten mittlerweile<br />

aufgeben müssen, doch waren sie trotz<strong>de</strong>m nicht bereit, <strong>de</strong>n als horrend empf<strong>und</strong>enen 5 Pfennig­<br />

Satz zu akzeptieren. D ie Werke stellten sich vielmehr auf <strong>de</strong>n Standpunkt, <strong>de</strong>r Fürst habe<br />

ihnen im Dezember 1936 ein bin<strong>de</strong>n<strong><strong>de</strong>s</strong> Pachtangebot unterbreitet, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen günstige Bedingungen<br />

sie immer noch annehmen konnten. Da man dies in Donaueschingen vehement bestritt,<br />

sahen sich Röchling <strong>und</strong> seine Ko llegen nach einem geeigneten Druckmittel um. Sie fan<strong>de</strong>n<br />

es ausgerechnet in jenen bei<strong>de</strong>n Fel<strong>de</strong>rn, an <strong>de</strong>nen die Vereini gten Stahl werke am 8. August<br />

1937 Interesse bek<strong>und</strong>et hatten.


66<br />

Eine in diesem Sinne günstige Gelegenheit ergab sich am 10. ovember 1937, als dieGesellschafter<br />

<strong>de</strong>r DBG über da . seit mehreren Wochen vorliegen<strong>de</strong> Ge uch <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürstlichen Hauses<br />

berieten, eine Freigabeerklärung <strong>für</strong> die Areale Berchen <strong>und</strong> Fürstin Irma zu leisten. Die<br />

Saarhütten trafen eine takti ch orientierte Entscheidung: Obwohl sie auf die fraglichen Erzvorräte<br />

getrost verzichten konnten, gaben sie die erbetene Verlautbarung nicht ab, son<strong>de</strong>rn<br />

hüllten sich auch weiterhin in Schweigen. In einem Rechtsstaat wäre dies ohne jeglichen<br />

Belang gewesen, im Dritten Reich aber durften die Eisenhütten darauf vertrauen, daß es <strong>de</strong>r<br />

Fürst nicht wagen wür<strong>de</strong>, ihnen die bei<strong>de</strong>n umstrittenen Fel<strong>de</strong>r ohne <strong>de</strong>n Segen <strong><strong>de</strong>s</strong> Amts <strong>für</strong><br />

<strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe zu entziehen. Jenem aber hofften die Werke erklären zu können,<br />

daß sie die hohen Pachtfor<strong>de</strong>rungen aus Donaueschingen nicht tragen konnten <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong>ha lb<br />

unter allen mstän<strong>de</strong>n ei nes verhin<strong>de</strong>rn mußten: <strong>de</strong>n Abschluß eines Pachtvertrag zwischen<br />

Fürst <strong>und</strong> Vereinigten Stahlwerken, <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n verpönten 5 Pfennig-Satz womöglich enthalten<br />

<strong>und</strong> al Präze<strong>de</strong>nzfall gegen die Saarhütten dienen mochte.<br />

Natürlich uchte man auch in Donaueschingen <strong>de</strong>n Beistand <strong>de</strong> Roh toffamts <strong>und</strong> informierte<br />

es am 9. ovember 1937 über die Gespräche mit <strong>de</strong>n Vereinigten Stahlwerken. Da die<br />

Fürstliche Verwaltung keinerlei Entgegenkommen von <strong>de</strong>n Saarhütten erwartete, for<strong>de</strong>rte sie<br />

die Berliner Behör<strong>de</strong> dazu auf, bald "eine <strong>de</strong>m dortigen Standpunkt entsprechen<strong>de</strong> Entscheidung"6JI<br />

über die Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>verteilung zu treffen. Sie wur<strong>de</strong> in dieser Hoffnung ebenso enttäuscht<br />

wie die Rohstoffbetriebe <strong>de</strong>r Vereinigten Stahl werke. Deren Leiter. Dr. Bretz, hatte<br />

ich am 3. ovember 1937 an das mt gewandt <strong>und</strong> ebenfalls um Unterstützung gebeten.<br />

Drei Wochen später teilte ihm Bergrat Dr. Gabel mit, er habe m it Röchling Kontakt aufgenommen<br />

<strong>und</strong> von diesem erfahren können, daß er "gr<strong>und</strong>sätzlich nichts dagegen einzuwen<strong>de</strong>n<br />

hätte, wenn Sie die Fel<strong>de</strong>r zum Aufschluß bekämen. Er möchte Sie aber bitten, erst seine<br />

Verhandlungen mit <strong>de</strong>m Fürsten zu Fürstenberg abzuwarten, die bis spätestens En<strong>de</strong> dieses<br />

Jahres been<strong>de</strong>t sein wür<strong>de</strong>n"641. Obwohl Gabeis Briefkeinerlei eigene Empfehlung enth ielt.<br />

konnte er doch als Signal aufgefaßt wer<strong>de</strong>n, daß das Berliner Rohstoffamt nicht beabsichtigte,<br />

eine Entscheidung gegen die Saarhütten zu treffen.<br />

Die Vereinigten Stahlwerke begannen die Fürstliche Verwaltung nun zu bedrängen, ihnen die<br />

bei<strong>de</strong>n umstrittenen Fel<strong>de</strong>r auch ohne eine Zustimmung aus Berlin zu übergeben. Am 8.<br />

ovember 1937 schrieben sie nach Donaueschingen: "Sie sollten doch nicht die Gefahr auf<br />

sich nehmen, daß die Doggererz-Bergbau GmbH die besten Tei le herausnimmt <strong>und</strong> es Ihnen<br />

dann nicht mehr möglich ist. <strong>für</strong> <strong>de</strong>n verbleiben<strong>de</strong>n Rest einen Interessenten zu fin<strong>de</strong>n. Das<br />

läuft auch <strong>de</strong>m allgemeinen Interesse entgegen, daß eine große För<strong>de</strong>rung möglichst bald<br />

erzielt wird"651. Obwohl diese Diagnose vollkommen zutreffend war, verleitete sie das Fürstliche<br />

Hau doch zu keiner unüberlegten Handlung. Maurer versuchte es statt<strong><strong>de</strong>s</strong>sen mit weiteren<br />

Vorstößen, die er En<strong>de</strong> Dezember 1937 gemeinsam mit <strong>de</strong>n Vereinigten Stahlwerken in Berlin<br />

<strong>und</strong> Karlsruhe unternahm. Seinen Interventionen blieb <strong>de</strong>r Erfolg jedoch versagt, weil das<br />

Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe <strong>de</strong>n Saarhütten mehr Gehör schenk1:e. Letztere beklagten<br />

sich am 30. Dezember 1937 bei Gabel über die Fürstlichen Pachtfor<strong>de</strong>rungen <strong>und</strong> kündigten<br />

ihm unverhohlen an, daß ie die umstrittenen Fel<strong>de</strong>r al s Faustpfand zu nehmen <strong>und</strong> niedrigere<br />

Abgaben durchzusetzen gedachten. Offenbar wollte ihnen Gabel dabei behilflich sein. Je<strong>de</strong>nfalls<br />

teilte er<strong>de</strong>m Fürsten am 18. Januar 1938 offiziell mit, das Rohstoffamt habe zwar keinerlei<br />

Be<strong>de</strong>nken gegen eine Untersuchung <strong>de</strong>r betreffen<strong>de</strong>n Areale, doch halte er e "nicht <strong>für</strong> unbedingt<br />

notwendig, daß <strong>de</strong>n Vereinigten Stahlwerken die Fel<strong>de</strong>r bereit · jetzt abgetreten wer<strong>de</strong>n"66I.<br />

In Donaueschingen empfand man diesen Bescheid nicht zu Unrecht als herben Rückchlag<br />

<strong>für</strong> die eigenen Interessen.<br />

Das Fürstliche Haus mußte also weiterhin versuchen, die Saarhütt.en zum freiwilligen Verzicht<br />

auf die umstrittenen Flächen zu bewegen. In dieser Hoffnung hatte Maurer am 29. Dezember


67<br />

1937 einen Pachtvertragsentwurf an die DBG abgesandt, <strong>de</strong>r nur noch 10 Fel<strong>de</strong>r umfaßte<br />

<strong>und</strong> die bei<strong>de</strong>n Areale Berchen <strong>und</strong> Fürstin trma außer acht ließ. Es war nicht nur dieser<br />

Umstand, <strong>de</strong>r die Saarhütten zu wüten<strong>de</strong>n Protesten veranlaßte, son<strong>de</strong>rn vor allem die fast<br />

unverän<strong>de</strong>rt gebliebenen Pachtfor<strong>de</strong>rungen <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten. Ihnen zufolge sollte die DBG nun<br />

einen Pauschalbetrag von 15.000 RM zahlen, um alle Verpflichtungen abzugelten, die ihr<br />

Erzabbau zwischen <strong>de</strong>m 1. Januar 1935 <strong>und</strong> <strong>de</strong>m 3 1. Dezember 1937 verursacht hatte. Für<br />

die folgen<strong>de</strong>n 24 Monate verlangte die Fürstliche Verwaltung eine variable För<strong>de</strong>rprämie<br />

von <strong>de</strong>n Saarhütten, die einen Pfennig pro abgebauter Tonne Eisenerz betrug <strong>und</strong> eine Min<strong><strong>de</strong>s</strong>tsumme<br />

von 15.000 RM im Jahr nicht unterschreiten durfte. Ab 1. Januar 1940 sollte <strong>de</strong>r<br />

Tonnensatz dann auf 5 Pfennige <strong>und</strong> die Min<strong><strong>de</strong>s</strong>tabgabe auf 30.000 RM6?) steigen. Darüber<br />

hinaus erwartete man die Einräumung eines Ausschankmonopols <strong>für</strong> Fürstenbergisches Bier<br />

in <strong>de</strong>n Werkskantinen <strong>de</strong>r DBG.<br />

Maurers Pachtangebot löste einen hitzigen otenwechsel zwischen <strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n Verhandlungspartnern<br />

aus. Am 15. Januar 1938 wiesen die Saarhütten sämtliche For<strong>de</strong>rungen zurück<br />

<strong>und</strong> warfen <strong>de</strong>m Fürsten unverhohlene Habgier vor: Dereinst fast kostenlos in <strong>de</strong>n Besitz von<br />

Bo<strong>de</strong>nschätzen gelangt, die er ja doch nie habe ausbeuten wollen, nutze er jetzt die Zwangslage<br />

<strong>de</strong>r Saarhütten aus, die <strong>de</strong>n unrentablen Doggererzabbau nur aus nationaler Verantwortung<br />

betrieben. Die Fürstliche Verwaltung blieb <strong>de</strong>r DBG nichts schuldig <strong>und</strong> antwortete am 29.<br />

Januar mit einer scharfen Generalabrechnung. Darin warf sie ihr vor, <strong>de</strong>n Abschluß eines<br />

Pachtvertrags seit mehr als drei Jahren bewußt zu verschleppen <strong>und</strong> auf eine Enteignung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Fürsten hinzuwirken. Trotz allem aber brach die Fürstliche Verwaltung <strong>de</strong>n Kontakt zur DBG<br />

nicht einfach ab, son<strong>de</strong>rn legte ihr eindringlich nahe, doch bald "die <strong>für</strong> das Zustan<strong>de</strong>kommen<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Vertrags erfor<strong>de</strong>rliche Objektivität in <strong>de</strong>r Beurteilung <strong>de</strong>r gegenseitigen Belange auch<br />

Ihrerseits walten zu lassen, damit eine gerechte Ausgleichung <strong>und</strong> ein auf Dauer befriedigen<strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Ergebnis recht bald erzielt wird"6l!).<br />

Fünf Wochen später gerieten die starren Fronten endlich in Bewegung. Am 3. März 1938<br />

trafen sich die Spitzenvertreter <strong>de</strong>r bei<strong>de</strong>n Parteien <strong>und</strong> schlossen in Donaueschingen ei ne<br />

erste Übereinkunft ab. Danach durfte die DBG ein Gegenangebot unterbreiten, das zwei Alternativen<br />

umfassen sol lte: zum einen <strong>de</strong>n Kauf <strong>und</strong> zum an<strong>de</strong>ren die Pachtung <strong>de</strong>r Fürstlichen<br />

Eisenerzfel<strong>de</strong>r. Als bemerkenswert registrierten die Saarhütten dabei <strong>de</strong>n Umstand, daß ihr<br />

Gegenüber erstmals eine gewisse Konzessionsbereitschaft anzu<strong>de</strong>uten schien. Je<strong>de</strong>nfalls notierten<br />

sich Gärtner <strong>und</strong> Heyer. die bei<strong>de</strong>n Geschäftsführer <strong>de</strong>r DBG: "Da Prinz Max mehrmals<br />

erwähnte, daß er <strong>de</strong>n Nachkommen <strong><strong>de</strong>s</strong> Hauses Fürsten berg gegenüber zu einer Lösung verpflichtet<br />

sei , die ihm späterhin keine Vorwürfe erbringen könne, ist es erfor<strong>de</strong>rlich, die Angebote<br />

gut zu begrün<strong>de</strong>n"6Y). Genau dies taten die Saarhütten, als sie am 25. März 1938 ihren eigenen<br />

Vorschlag?O) nach Donaueschingen sandten. Darin erklärten sie sich durchaus bereit, einen<br />

PachtveJ1rag mit <strong>de</strong>m Fürstlichen Haus abzuschließen, doch wollten sie auch weiterhin keinerlei<br />

För<strong>de</strong>rabgabe akzeptieren, die über <strong>de</strong>n Satz von einem Pfennig pro Tonne hinausging.<br />

Ebenso mager fie l das Kaufangebot aus. Ganze 150.000 RM gedachte die DBG zu zahlen,<br />

um sich das bergrechtliche Eigentum an <strong>de</strong>n Fürstenbergischen Fel<strong>de</strong>rn zu verschaffen. In<br />

Donaueschingen hielt man diese Offerte <strong>für</strong> völlig inakzeptabel <strong>und</strong> antwortete am 1. April<br />

1938 mit einem eigenen Pachtangebot. das die Halbierung <strong><strong>de</strong>s</strong> bislang gefor<strong>de</strong>rten Abgabesatzes<br />

auf2,5 Pfennige vorsah?I). Für <strong>de</strong>n Fall <strong><strong>de</strong>s</strong> Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>verkaufs bestand man auf einem<br />

Preis, <strong>de</strong>r zwischen 200.000 RM <strong>und</strong> 337.000 RM liegen sollte.<br />

In <strong>de</strong>n folgen<strong>de</strong>n Wochen feilschten d ie bei <strong>de</strong>n Verhandlungspartner wie orientalische Kameltreiber<br />

über <strong>de</strong>n Kaufpreis <strong>de</strong>r Areale. Am 14. Mai 1938 hoben die Saarhütten ihr Angebot<br />

auf 165.000 RM an, während Prinz Max seine For<strong>de</strong>rung von 265.000 RM in mehreren


68<br />

Schritten au f200.000 RM zurückn ahm 72 ). Vier Wochen später schien man sich endlich han<strong>de</strong>lseinig<br />

zu wer<strong>de</strong>n. Die gemeinsam entwickelten Vorstellungen liefen darauf hinaus, daß<br />

<strong>de</strong>r Fürst insgesamt elf Grubenfe l<strong>de</strong>r an die Saarhütten abtrat <strong>und</strong> einen Kaufpreis von 175.000<br />

RM da<strong>für</strong> erhielt. Weitere 25.000 RM wur<strong>de</strong>n fällig, wenn <strong>de</strong>r - sehr unwahrschei nliche­<br />

Fall eintreten sollte, daß die gewonnenen Erze einen E isengehalt von mehr als 25 % aufwiesen<br />

7 )). Darüber hinaus hatte sich die DBG in einem geson<strong>de</strong>rten Vertrag zu verpflichten, die<br />

Erzeugni sse <strong>de</strong>r Fürstlichen Brauerei in <strong>de</strong>n werkseigenen Kantinen auszu chenken <strong>und</strong> auf<br />

<strong>de</strong>n Speisekarten an oberster Stell e aufzuführen. Kurz vor Unterzeichnung <strong>de</strong>r Dokumente<br />

mußte man in Donaueschingen jedoch erfa hren, daß es gute Grün<strong>de</strong> gab, nochmals mit <strong>de</strong>n<br />

Saarhütten zu sprechen.<br />

Die aufgetretenen Probleme waren ent sorgungstechnischer Natur: Wenn die Saarhütten tatsächli<br />

ch bald größere Mengen an Eisenerz för<strong>de</strong> rn wollten, dann fielen beim Aufbereirungsprozeß<br />

in <strong>de</strong>r Lurgi-Anlage bi zu 2,6 Mio.t Schl acke pro l ahr an. Glückli cherweise eignete<br />

sich das hartgebrannte Material sehr gut dazu, als Schotter im Eisenbahn-, Straßen- o<strong>de</strong>r<br />

Wasserbau eingesetzt zu wer<strong>de</strong>n. Um <strong>de</strong>n Verkauf dieser sog. Lurgi-Berge einzuleiten, hatte<br />

die DBG bereits im Frühsommer 1938 erste Kontakte zur Reichsbahn <strong>und</strong> zu <strong>de</strong>n staatlichen<br />

Baubehör<strong>de</strong>n aufgenommen. Das Bergbauu nterne hmen begann damit in einen regionalen<br />

Schottemlarkt einzudlingen, <strong>de</strong>r bisher von <strong>de</strong>n Süd<strong>de</strong>utschen Basaltwerken mit Sitz in Immendingen<br />

beherrscht wur<strong>de</strong>. Und diese gehörten <strong>de</strong>m Fürsten. Als seine Verwaltung von <strong>de</strong>n<br />

Plänen <strong>de</strong>r Saarhütten elf uhr, blockierte sie <strong>de</strong>n Absch luß sämtlicher Vereinbarungen mit <strong>de</strong>r<br />

DBG <strong>und</strong> legte ihr ei ne n weiteren Vertragsentwurfvor 74 ). Dari n soll te sich das B lumberger<br />

Untemehmen verpfl ichten, seine LUI'gi-Berge unter keinen Umsrän<strong>de</strong>n fü r <strong>de</strong>n Eisenbahn-,<br />

Straßen- o<strong>de</strong>r Wasserbau zu verkaufen. Bei Zuwi<strong>de</strong>rhandlung sahen die Bestimmungen e ine<br />

empfindli che Konventionalstrafe vor. Im übrigen verlangte man von <strong>de</strong>r DBG die rechtsverbindliche<br />

Zusage, ihre Preisli sten <strong>für</strong> die Lurgi-Berge mit <strong>de</strong>n Süd<strong>de</strong>utschen Basaltwerken<br />

abzustimmen.<br />

In B lumberg akzeptierte man diesen Wunsch <strong>und</strong> signalisierte Zustimmung zu sämtli chen<br />

Punkten. Damit war <strong>für</strong> die Fürstliche Verwaltung alle gekläJ1: Maurer bat <strong>de</strong>n Fürsten Max<br />

Egon am 31. August 1938 offiziell um die Erlaubnis zum Verkauf von elf Arealen, die dieser<br />

umgehend erteilte. Auch bei <strong>de</strong>r DBG hegte man keinerlei Zweifel am Verhandlungselfolg.<br />

Am 5. September 1938 unterschrieben ihre bei<strong>de</strong>n Geschäftsführer <strong>de</strong>n Kaufvertrag <strong>für</strong> die<br />

elf Ei senerzfel <strong>de</strong>r <strong>und</strong> sandten ihn tags d,u'au f nach Donaueschingen. G leichzeitig überwiesen<br />

sie 175.000 RM auf das Konto <strong><strong>de</strong>s</strong> Fürsten. Was Heyer <strong>und</strong> Dr. Bornitzjedoch nicht unterzeichneten,<br />

waren die bei<strong>de</strong>n eben verträge zum Thema Bier <strong>und</strong> Basalt. Den Saarhütten<br />

waren nämlich in letzter Sek<strong>und</strong>e Be<strong>de</strong>nken gegen die bereits ausgehan<strong>de</strong>lren Vereinbarungen<br />

über <strong>de</strong>n Verkauf <strong>de</strong>r LUI'g i-Berge gekommen. Sie verlangten <strong><strong>de</strong>s</strong>halb weitere Gespräche, die<br />

zwar sofort in Gang kamen, aber schon im Januar 1939 ergebnislos en<strong>de</strong>ten. Damit scheiterte<br />

auch <strong>de</strong>r geplante Fel<strong><strong>de</strong>s</strong>verkauf, <strong>de</strong>nn die Fürstliche Verwaltung weigerte sich nun ihrerseits,<br />

<strong>de</strong>n von <strong>de</strong>r DBG bereits unterzeichneten Hauptvertrag zu unterschreiben.<br />

Die monatelangen Gespräche zeigten wenigstens ein Resultat. Da die Saarwerke nach Görings<br />

Beschluß zum Bau <strong>de</strong>r Hütte in Linz kaum noch damit rechnen konnten, daß eine weitere<br />

Anl age in <strong>de</strong>r Baar entstand, zeigten sie sich im Frühsommer 1938 sehr konzessionsbereit,<br />

was die Anzahl <strong>de</strong>r beanspruchten Flächen anbetraf: Anstatt zwölf verlangte die DBG jetzt<br />

nur noch elf Areale vom Fürsten. Sie verzichteten freiwill ig auf Fürstin Irma <strong>und</strong> gedachten<br />

sich auch beim zweiten umstrittenen Feld Berchen mit <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Südhälfte zu begnügen. Der<br />

Fürstlichen Kammer brachte dies <strong>de</strong>n angenehmen Vortei I, daß sie <strong>de</strong>n Vere injgten Stahlwerken<br />

endlich jene Flächen anbieten konnte. die nördl ich <strong>de</strong>r Linie Eschach-Hondingen lagen. Dazu


zählten nicht nur Fürstin Irma <strong>und</strong> <strong>de</strong>r ordteil von Berchen, son<strong>de</strong>rn auch die Areale Goldbach,<br />

Huchenegg <strong>und</strong> Fürstenberg. Maurer erlebte jedoch eine herbe Enttäu chung, al er Dr.<br />

Teike vom Geologischen Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>amt am 6. Oktober 1938 bat, <strong>de</strong>n Kontakt mit <strong>de</strong>n Vereinigten<br />

Stahlwerken wie<strong>de</strong>r anzuknüpfen. Letztere hatten sämtliche Pläne in <strong>de</strong>r Baar längst aufgegeben<br />

<strong>und</strong> konzentrierten sich ganz auf ihre bei<strong>de</strong>n Bergwerke im ObelTheintal. Von <strong>de</strong>r<br />

badischen Regierung Mitte 1937 konzessionieI1 15 >, waren dort mit <strong>de</strong>n Gruben Kahlenberg<br />

<strong>und</strong> Schönberg in kürze ter Frist recht ausge<strong>de</strong>hnte Abbaubetriebe entstan<strong>de</strong>n, die es schon<br />

1938 auf beachtliche För<strong>de</strong>rleistungen brachten.<br />

Längst nicht so rasch kläl1e sich da angespannte Verhältnis zwischen <strong>de</strong>m Hause Fürstenberg<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>n Saarhütten. Es sollte noch mehrere Jahre dauern, bis sich die PaI1eien über <strong>de</strong>n Kauf<br />

<strong>de</strong>r Eisenerzfel<strong>de</strong>r einigen konnten. Der eigentumsrechtliche Schwebezustand hin<strong>de</strong>rte die<br />

DBG freilich nicht daran, ihren Erzabbau weiter voranzutreiben. Von 2.500 t im April 1937<br />

stieg die monat liche För<strong>de</strong>rung bi s zum Jahresen<strong>de</strong> auf über 24.000 t. Gleichze itig verdrei-<br />

69<br />

8e/egscl7oj'fsbewegung<br />

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ZOflOQ ~<br />

Abb. 8: Zwischen 1937 <strong>und</strong> I 939 erhöhten sich die Beschäftigten- <strong>und</strong> Abbauzahlen bei <strong>de</strong>r Doggererz­<br />

Bergbau GmbH drastisch. Die Inbetriebnahme von Röstanlage (Oktober 1937) <strong>und</strong> Lurgi-Autbereitungsanlage<br />

(Januar 1938) ließ <strong>de</strong>n Anteil <strong>de</strong>r Roherze am Gesamtversand stetig zurückgehen.


70<br />

fachte sich die Be legschaft bi Dezember 1937 von 268 auf724 Mann . Die DBG beschl oß<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>halb am 13. September 1937. ihr Verwaltungsgebäu<strong>de</strong> umzubauen <strong>und</strong> di e techni chen<br />

Büros erheblich zu vergrößem. Sechs Monate später stan<strong>de</strong>n die neuen Räume zur Verfügung.<br />

Gle ic hzeitig erweite rte man auch d ie Kapazität <strong>de</strong>r seit September 1937 betriebenen<br />

Rö tanl age: Am 17. Februar 1938 ging <strong>de</strong>r zweite von insgesamt vier geplanten Schachtröstöfen<br />

in Betrieb. Die zügige Untemehmensexpansion zeigte sich jetzt auch <strong>de</strong>utlich in <strong>de</strong>n<br />

Jahresabschlüssen. Verfügte di e DBG am I. Februar 1936 noch über e in Anlagevermögen<br />

von knapp einer Mi o.RM, so waren es am 3 1. Dezember 1937 nicht weni ger al s 6,8 Mio.RM ,<br />

3.8 Mio.RM davon entfielen auf die all gemeinen Bergwerksanlagen, 1,7 Mio. RM auf Röchlings<br />

Röstöfen <strong>und</strong> 1.3 Mi o.RM auf di e Lurgi-Anl age 761 •<br />

Obwohl <strong>de</strong>r Ausbau <strong><strong>de</strong>s</strong> Unternehmens nun rascher voranschritt, gab e doch immer wie<strong>de</strong>r<br />

Rückschläge zu verkraften. So gingen di e För<strong>de</strong>rzahlen im Frühjahr 1938 stark zurück, weil<br />

Tauwetter zu schweren Wassereinbrüchen im Bergwerk geführt hane. Auch die Lurgi-Anlage<br />

bereitete anfangs Probleme: Am 5. Janu ar 1938 in Betrieb genommen, mußte sie bereits eine<br />

Woche später wi e<strong>de</strong>r abgeschaltet we r<strong>de</strong>n, um notwendige Än<strong>de</strong>rungen vorzunehmen. Erst<br />

nach <strong>de</strong>ren Abschluß konnte sie am 2 1. März 1938 em eut mit <strong>de</strong>r Arbe it beginnen. Dabe i<br />

zeigte sich bald , daß die Leistungsfähi gkeit <strong>de</strong>r gesamten Magnetschei<strong>de</strong>anlage immer noch<br />

viel zu gering war. Ein Roherzdurchsatz von ledi g lich 600 t am Tag <strong>und</strong> <strong>de</strong>r viel zu hohe<br />

Kohleverbrauch beeinträchtigten die Rentabilität <strong><strong>de</strong>s</strong> gesamten Aufbereitungsvelfahren schwer.<br />

Deshalb gelangte am 20. Mai 1938 eine Kommission <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>de</strong>utscher Ei sen-hüttenleute<br />

zu <strong>de</strong>m une rfreulichen Ergebni , daß di e Erzeugung einer Tonne Rohe isen aus Lurgi-Konzentrat<br />

r<strong>und</strong> 19 % teurer wer<strong>de</strong>n wür<strong>de</strong> als di e VerhÜllung von geröstetem Doggererz 77l . Die<br />

DBG beschl oß unter diesen weni g erbaulichen mstän<strong>de</strong>n, ihre Lurgi-Anlage am I. Juni<br />

1938 abennals stillzulegen <strong>und</strong> fün f Monate lang aufwendi g umzurüsten. Tatsächlich zeiti gten<br />

di e ergri ffenen Maßnahmen Erfolg: AI <strong>de</strong>r Drehrohrofen im November 1938 seine Arbeit<br />

endlich wi e<strong>de</strong>r aufnehmen konnte, besaß er e ine um 30 % angestiegene Le istungsfähigkei t<br />

<strong>und</strong> e inen stark vemlin<strong>de</strong>rten Energieverbrauch. Fre ili ch bereitete <strong>de</strong>r hohe Staubanfall <strong>und</strong><br />

die damit verb<strong>und</strong>enen Erzverluste immer noch Probleme, die man im Juni 1939 mit <strong>de</strong>r<br />

Konstruktion von Staubrückgewinnungs- <strong>und</strong> -brikettieranl agen zu lösen gedachte.<br />

Sämtliche abgebauten <strong>und</strong> aufbereiteten Erze gingen per Bahn zu <strong>de</strong>n Saarhütten, die sich im<br />

Gesell schaftsvertrag <strong>de</strong>r DBG dazu verpflichtet hatten, da Blumberger Material entsprechend<br />

ihrer Quote an <strong>de</strong>r saarl ändischen Roheisenproduktion abzu nehmen. Waren es 1937 noch<br />

164.000 t. die fast ausnahmslo als Roherz ihre Empfa nger erre ichten, so stieg die För<strong>de</strong>rung<br />

während <strong>de</strong> folgen<strong>de</strong>n Jahres auf 440.000 t an. Da di e Aufbere itung anl agen 1938 ihren<br />

Betri eb bere its aufgenommen hatten, g ing <strong>de</strong>r Ante il <strong><strong>de</strong>s</strong> versandten Roherzes auf ledig lich<br />

29 % zurück. Die Hütten bezogen jetzt vor allem geröstetes Material, die Werke in eunkirchen<br />

<strong>und</strong> Burbach darüber hinaus auch Lurgi-Konzentrat. Verän<strong>de</strong>rungen gab es auch beim leiten<strong>de</strong>n<br />

Personal <strong>de</strong>r DBG: Bereits im Sommer 1937 schi ed Dr. Würtz, <strong>de</strong>r erst im Februar<br />

1936 zusammen mit Gärtner die ach folge Lilligs angeu'eten hatte. aus <strong>de</strong>r Geschäftsführung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Unternehmens wie<strong>de</strong>r aus. Se ine Ste lle al kaufmännischer Di rektor nahm <strong>de</strong>r bi sherige<br />

Prokurist Heyer e in. Im Februar 1938 beschlos en die Saarhütten dann, <strong>de</strong>n 42jährigen Bergingenieur<br />

Dr. Hans Bornitz als technischen Direktor e in zustellen. We itgehend unverän<strong>de</strong>rt<br />

blieb dagegen die zweite Ebene <strong>de</strong>r Hierarchie: Den Grubenbetrieb leitete nach wie vor Bergin<br />

pektor Karl Breiing. <strong>de</strong>r im Frühjahr 1935 als Revierste iger nach Blumberg gekommen<br />

<strong>und</strong> 15 Monate später zum Techni schen Betriebsführe r aufgestiegen war. Die Aufbere i­<br />

tungsanlage unterstand <strong>de</strong>m östen'eichi schen Diplom-Ingenieur Grabl owitz, <strong>de</strong>r kurz nach<br />

Bre iing seine Tätigkeit fü r die DBG aufge nommen hatte. Diesen bei <strong>de</strong>n maß Theo Schmid<br />

ke inen guten Einfluß auf die Arbe itsmoral <strong>de</strong>r Belegschaft zu. Am 4 . Februar 1938 noti erte


71<br />

<strong>de</strong>r Blumberger Bürgemleister: "Im Betrieb selbst ist immer noch keine richtige Ruhe eingekehrt.<br />

Es ist klar, daß bei <strong>de</strong>r Werdung eines <strong>de</strong>rartig großen Werkes gewaltige Schwierigkeiten<br />

zu überwin<strong>de</strong>n sind, die erstens darauf zurückzuführen sind, daß hier in <strong>de</strong>r Hauptsache Leute<br />

eingesetzt wer<strong>de</strong>n, die jallrelang ar'beitslos waren <strong>und</strong> sich hier erst wie<strong>de</strong>r an ein regelmäßiges<br />

Arbeiten gewöhnen müssen. Zweitens trägt meines Erachtens auch eine große Schuld <strong>de</strong>r<br />

Betriebsführer, Herr Breiing, <strong>de</strong>r zu <strong>de</strong>n Leuten <strong>de</strong>n richtigen Kontakt nicht fin<strong>de</strong>t, sie barsch<br />

behan<strong>de</strong>lt, wenn auch nicht alle, so doch viele. Es ist im Allgemeinen zu sagen, daß im ganzen<br />

Betrieb die Führung, mit Ausnahme <strong><strong>de</strong>s</strong> Kommerzienrat Röchling, noch viel zu sehr im alten<br />

Geiste <strong>de</strong>r Industrie<strong>für</strong>sten verwurzelt ist"7 I.<br />

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Abb. 9: Beschränkte Leistungsfähigkeit. hohe Eisenerzverluste <strong>und</strong> gewaltiger Brennstoffverbrauch<br />

stellten die Hauptprobleme <strong>de</strong>r Lurgi-Drehofen- <strong>und</strong> -Konzentratanlage dar. Im Bild ihre Eisenstoffbilanz.<br />

Diese Haltung spiegelte sich auch in <strong>de</strong>n unzureichen<strong>de</strong>n Wohnverhältnissen <strong>de</strong>r Bergarbeiter<br />

wi<strong>de</strong>r. Zwar hatte die DBG bereits im Herbst 1935 ei ne Wohn- <strong>und</strong> eine Wirtschaftsbar'acke<br />

<strong>für</strong> etwa 100 Mann erstellt. doch fehlte es immer noch am Primitivsten. So schrieb etwa <strong>de</strong>r<br />

erboste Theo Schmid am 8. Dezember 1936 an die Direkti on <strong>de</strong>r DBG: "Es ist durch die unzulänglichen<br />

Abortverhältnisse ein Zustand entstan<strong>de</strong>n, da wohl ein Großteil <strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n Baracken<br />

wohnen<strong>de</strong>n Arbeiter ihr otdurft im Freien verrichtet, daß ein Begehen <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>stücke<br />

<strong>und</strong> auch zum Teil <strong><strong>de</strong>s</strong> Waldran<strong><strong>de</strong>s</strong> in <strong>de</strong>r Nähe <strong>de</strong>r Baracken ohne schmierige Schuhe zu<br />

bekommen fast nicht mehr möglich ist"791. Die Drohung <strong>de</strong> Blumberger Bürgermeisters, das<br />

Ges<strong>und</strong>heitsamt einzuschalten, wenn nicht unverzügl ich Abhi Ife geschaffen wer<strong>de</strong>, tat ihre<br />

Wirkung. Zwei Tage später kündigte die DBG <strong>de</strong>n Bau ei ner Toilertenanlage an. Darüber<br />

hinaus erweiterte sie nun auch zügig <strong>de</strong>n Bestand an Sammelunterkünften. Im Dezember<br />

1936 erwarb das Unternehmen <strong>für</strong> 17.500 RM eine von <strong>de</strong>r Stadt Hei<strong>de</strong>lberg bereits 1935


72<br />

erri chtete Baracke 80l <strong>und</strong> te ilte im Frühjahr 1937 zwei weite re Bauten <strong>für</strong> 19.600 RM auf.<br />

Di e vorhan<strong>de</strong>nen Schl afpl ätze re ichten allerdings bald ni cht mehr aus, um die sprunghaft<br />

anste igen<strong>de</strong> Zahl von Bergarbeitern aufzunehmen. Das Berliner Amt <strong>für</strong> Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe<br />

investierte <strong><strong>de</strong>s</strong>halb im November 1937 r<strong>und</strong> 175.000 RM <strong>und</strong> errichtete am Blumberger<br />

Bahnhof ein Lager <strong>für</strong> 386 Mann, das aus acht Unterkunfts-, sowie je einer Wirtschafts-,<br />

Wasch- <strong>und</strong> Abortbaracke bestand. War es <strong>de</strong>r DBG zunächst gestattet, die Anlagen kostenlos<br />

zu nutzen, so mußte sie ab I. Juli 1938 eine Monatsmiete von 1.1 56 RM an das Reich abführen.<br />

Das nternehmen hielt sich an <strong>de</strong>n e igenen Arbeitelll schadlos <strong>und</strong> berechnete ihnen eine<br />

RM pro Tag als Kostenersatz <strong>für</strong> nterkun fl, He izung <strong>und</strong> Verpflegung.<br />

Abb. 10: Trostloser Anblick: [m ovember 1937 errichtete das Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe<br />

nahe <strong>de</strong>m Bahnhof von Zollhau ein Barackenlager fü r 386 Mann. Damit stieg die Zahl <strong>de</strong>r Schlafplätze<br />

fü r ledi ge Bergarbe iter auf insgesamt etwa 650 an.<br />

Die unerfreulichen Wohn- <strong>und</strong> Arbe itsbedingungen boten <strong>de</strong>n Betroffenen nur wenig Anreiz<br />

zum Verbleib. Als Konsequenz verschärfte sich <strong>de</strong>r ohnehin drücken<strong>de</strong> Arbeitskräftemangel<br />

<strong>de</strong>rart. daß di e DBG <strong>de</strong>m badi ehen Gaule iter Wagner am 19. Mai 1938 e ingestehen mußte,<br />

sie könne ihr tägliches Produktionssoll von 4.300 t nicht einmal annähellld e inhalten, son<strong>de</strong>rn<br />

bestenfa ll s 1.200 t Eisenerz för<strong>de</strong>rn. Der Gr<strong>und</strong> be tand darin, "daß gegenüber einer Soll­<br />

Belegung in <strong>de</strong>r Grube von 873 Mann ledi g li ch 526 vorhan<strong>de</strong>n sind, da heißt 347 Mann<br />

zuwenig"81). Als rsache da<strong>für</strong> gab das Unternehmen einen "außergewöhnlich starken Mannschaft<br />

swechsel " an, <strong>de</strong>r zwischen Februar <strong>und</strong> April 1938 zwar 3 16 eue inste llungen, aber<br />

auch 208 Kündigungen mit ich gebracht habe. Als e inzige Maßnahme fiel <strong>de</strong>r DBG jedoch<br />

nur e in , Theo Schmid um diskrete Hilfe zu binen. Am 15. Juli 1938 te ilte sie ihm mit, daß<br />

binnen zweier Wochen "wie<strong>de</strong>r 35 Mann gekündigt haben. Di e Grün<strong>de</strong> sind w ie<strong>de</strong>r sehr<br />

<strong>und</strong>urchsichtig. <strong>und</strong> wir bitten Sie, die e inzelnen Leute dahingehend zu bearbe iten, daß dieselben<br />

unseren Betrieb nicht verlassen"X2). Ob <strong>und</strong> mit welchem Erfolg <strong>de</strong>r Blumberger Bürgernle<br />

ister di eser Anmutung nachkam, ble ibt unbekannt.


73<br />

Theo Schmid <strong>und</strong> <strong>de</strong>n badischen Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>behör<strong>de</strong>n war vollkommen bewußt, daß nur eine<br />

<strong>de</strong>utliche Verbesserung <strong>de</strong>r Wohn- <strong>und</strong> Lebensverhältnisse die Menschen am Fonzug hin<strong>de</strong>m<br />

konnte. Deshalb feillten die Verantwonlichen am 2. Oktober 1937 <strong>de</strong>n Entschluß, im Rahmen<br />

eines dritten Bauabschnitts weitere 250 Wohnungen zu bauen, davon 239 in Blumberg <strong>und</strong><br />

elf in Riedböhringen. Dabei än<strong>de</strong>ne man die Entwürfe gegenüber <strong>de</strong>n ersten bei<strong>de</strong>n Baustufen<br />

merklich ab. An die Stelle <strong>de</strong> bislang vorhemcllen<strong>de</strong>n Haustyps B, <strong>de</strong>r eine größere Erdgeschoß-<br />

<strong>und</strong> eine kleine Einliegerwohnung im Obergeschoß aufwies, traten nun fast ausschließlich<br />

Einfamilienhäuser, die teils als Doppel-. teils als Reihenhäuser ausgefühl1 wur<strong>de</strong>n. Den<br />

betroffenen Familien brachte diese Än<strong>de</strong>rung nicht nur Vorteile: Zwar hatten sie jetzt <strong>de</strong>utlich<br />

mehr Platz als in <strong>de</strong>n kleineren Erdgeschoßwohnungen <strong><strong>de</strong>s</strong> Typs B, da<strong>für</strong> stieg aber auch die<br />

Miete von 27,60 RM auf 32,40 RM an (Typ C). Füreinen Bergmann , <strong>de</strong>r bei <strong>de</strong>r DBG nicht<br />

mehr als 120 RM im Monat verdiente, waren die Belastungsgrenzen damit längst überschritten.<br />

Realisiert wur<strong>de</strong> das 1,55 Mio.RM teure Projekt <strong>de</strong>r Baustufe III zwischen Mai 1938 <strong>und</strong><br />

September 1939. Zur Finanzierung stan<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r Siedlungsgesellschaft Hypothekenkredite,<br />

sowie Reich - <strong>und</strong> Werkdarlehen <strong>de</strong>r 0 BG zur Verfügung. Für die Gemein<strong>de</strong> B lumberg brachte<br />

das Vorhaben abermals beachtliche Lasten mit sich. Beträge von mehr als 200.000 RM waren<br />

aufzubringen. um die öffentliche Infrastruktur im neuen Siedlungsgebiet zu en-ichten. Nach<br />

längeren Verhandlungen gelang es schließlich, die Kosten auf Reich, Land <strong>und</strong> Badische<br />

Heimstätte GmbH abzuwälzen. Die Pläne zur Erweiterung <strong>de</strong>r Ortsstraßen <strong>und</strong> Abwasserkanäle<br />

er teilte in bewährter Wei e Diplom-Ingenieur Albel1 Lehr aus Freiburg, <strong>de</strong>r auch die<br />

Ausführung <strong>de</strong>r Arbeiten überwachte. Lehr mußte gleich im Anschluß daran auch die Infrastruktur<br />

<strong>für</strong> <strong>de</strong>n IV. Bauabschnitt planen, <strong>de</strong>r 204 Reihen- <strong>und</strong> Doppelhäuser umfaßte. Im<br />

September 1938 begonnen, konnten etwa 40 <strong>de</strong>r insgesamt 366 Wohnungen bis zum Beginn<br />

<strong>de</strong> Zweiten Weltkrieges bezogen wer<strong>de</strong>n. Auch hier hatte es wie<strong>de</strong>r Än<strong>de</strong>rungen im Konzept<br />

gegeben: Um niedrigere Mieten kalkulieren zu können, war die Siedlungsgesellschaft mittlerweile<br />

auf eine mehrstöckige Bauweise übergegangen.<br />

Das vehemente Wachstum von Blumberg brauchte dringend eine ordnen<strong>de</strong> Hand: Der<br />

Stadtkern mußte neu ge chaffen <strong>und</strong> zur Ansiedlung von Einzelhan<strong>de</strong>lsge chäften vorbereitet<br />

wer<strong>de</strong>n. Reichsstatthalter Wagner for<strong>de</strong>ne zu<strong>de</strong>m <strong>de</strong>n Bau von repräsentati ven Paneigebäu<strong>de</strong>n,<br />

<strong>und</strong> schließlich war auch die Expansion <strong>de</strong>r einzelnen Siedlungsteile zu koordinieren. Auf<br />

ausdrücklichen Wunsch Wagners beauftragte das badische Innenministerium im Oktober 1937<br />

<strong>de</strong>n Freiburger Architekten Albert Wolf mit <strong>de</strong>r Ausarbeitung e ines Gesamtsiedlungsplans<br />

<strong>für</strong> Blumberg. Daneben hatte <strong>de</strong>r Regierungsbaumeister die Teilbebauungspläne <strong>für</strong> <strong>de</strong>n 1Il.<br />

<strong>und</strong> IV. Abschnitt, sowie die Planung <strong>für</strong> eine Geschäfts traße mit 10 bis 15 Einzelhan<strong>de</strong>l lä<strong>de</strong>n<br />

fenigzustellen.<br />

Ungelöst war zunächst die Frage, welche Einwohnerzahl <strong>de</strong>n Planungen zugr<strong>und</strong>egelegt<br />

wer<strong>de</strong>n sollte. Eine Besprechung brachte am 22. Juni 1938 endlich Kl arheit: Wenn die DBG<br />

ab <strong>de</strong>m Jahre 1940 r<strong>und</strong> 3,6 Mio.t Eisenerz för<strong>de</strong>m wollte, dann benötigte sie 3.000 Arbeiter<br />

da<strong>für</strong>. Da r<strong>und</strong> 60 % <strong>de</strong>r Belegschaft verheiratet war <strong>und</strong> e ine vierköpfige Familie unterhielt,<br />

mußte man mit etwa 7.200 Menschen rechnen. Hinzu kamen 1.200 ledige Arbeiter <strong>und</strong> die<br />

800 alteingese senen B1umberger Bürger. Zusanwen mit <strong>de</strong>n neu hinzukommen<strong>de</strong>n Geschäftsleuten<br />

ergab das eine Zahl von r<strong>und</strong> 10.000 Einwohnem. Die auf <strong>de</strong>r Besprechung anwesen<strong>de</strong>n<br />

Behör<strong>de</strong>n- <strong>und</strong> Werksvertreter beschlossen <strong><strong>de</strong>s</strong>halb, über die bereits geplanten 1.016 Wohnungen<br />

<strong>de</strong>r Baustufen I bis IV hinaus weitere 1.100 Einheiten zu bauen. Zunächst sollten im<br />

Rahmen <strong>de</strong>r Stufe V bis En<strong>de</strong> 1939 etwa 600 Wohnungen entstehen, <strong>de</strong>nen dann im Jahre<br />

1940 weitere 500 Unterkünfte zu folgen hatten (S tufe VI). Reali siert wur<strong>de</strong> das Programm<br />

jedoch nicht mehr.


74<br />

Für die rasch anwachsen<strong>de</strong> Bevölkerung B lumbergs mußten dringend neue Einkaufsmöglichkeiten<br />

geschaffen wer<strong>de</strong>n. Am 27. Mai 1938 schrieb Theo Schmid an <strong>de</strong>n badischen<br />

Innenminister, daß ich die 4.000 Bürger <strong>de</strong>r Stadt zur Zeit aus folgen<strong>de</strong>n Lä<strong>de</strong>n versorgen<br />

könnten: " I Metzgerei. 2 Bäckereien, 3 Kolonialwarengeschäfte <strong>und</strong> 4 WiItschaften. Im Bau<br />

<strong>und</strong> zur Eröffnung genehmigt sind I Kolonialwarengeschiift, I Bäckerei, I Kaffee <strong>und</strong> Konditorei,<br />

I Metzgerei. Diese Zahl ist bei weitem zu nie<strong>de</strong>r. Es muß die Möglichkeit ge chaffen<br />

wer<strong>de</strong>n, daß von allen Geschäftszweigen Geschäfte in genügen<strong>de</strong>r Zahl im Laufe dieses Sommers<br />

gebaut <strong>und</strong> bis zum Spätjahr eröffnet wer<strong>de</strong>n"831. Da <strong>de</strong>r Einzelhan<strong>de</strong>l damals noch<br />

genehmigungspflichtig war, hatte die Freiburger Indusllie- <strong>und</strong> Han<strong>de</strong>lskammer diesen Plänen<br />

zuzu timmen. Sie tat es im August 1938 <strong>und</strong> ließ insgesamt 19 Geschiiftsneueröffnungen <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Facheinzelhan<strong>de</strong>ls in Blumberg zu. Dabei machte sie <strong>de</strong>m Bezirksamt Donaueschingen klar,<br />

daß "<strong>de</strong>r Au wahl <strong>de</strong>r Gesuchsteller größte Aufmerksamkeit zu schenken (sei). Bei <strong>de</strong>rZusammensetzung<br />

<strong>de</strong>r Arbeiter chaft <strong><strong>de</strong>s</strong> Bergwerks muß <strong>de</strong>r Mittelstand Blumbergs politisch <strong>und</strong><br />

moralisch absolut zuverlässig sein. Da gleiche gilt in finanzieller Hinsicht" 84 I.<br />

Mochten die etwa 40 interessiel1en Händler auch sämtliche Bedingungen erfüllen, ihre Pläne<br />

konnten sie trotz<strong>de</strong>m nur selten verwirklichen. Am 16. Februar 1939 stellte <strong>de</strong>r verärgerte<br />

Theo Schmid fe t: "Die Hauptursache, weshalb die Geschäfte nicht errichtet wer<strong>de</strong>n konnten<br />

<strong>und</strong> auch heute noch keine Möglichkeit besteht, mit <strong>de</strong>m Bau <strong>de</strong>r Geschäftshäuser zu beginnen,<br />

besteht darin. daß die Straßen, an <strong>de</strong>nen die Geschäftshäuser erstellt wer<strong>de</strong>n sollen, nicht<br />

geschaffen sind. ja sogar in ihrer Linienführung noch nicht endgültig feststehen" 851. Viele<br />

Investoren gaben ihre Pläne <strong><strong>de</strong>s</strong>halb wie<strong>de</strong>r auf.<br />

Ähnlich unerfreulich entwickelten sich auch an<strong>de</strong>re Vorhaben zur Verbesserung <strong>de</strong>r Blumberger<br />

Infrastruktur. So hatte das Land Ba<strong>de</strong>n bereits im Herb t 1937 r<strong>und</strong> 300.000 RM als Beitrag<br />

zum Bau einer neuen Schule in Aussicht gestellt, doch konnte man wegen <strong><strong>de</strong>s</strong> drücken<strong>de</strong>n<br />

Material- <strong>und</strong> Arbeitskräftemangels erst im Herbst 1939 mit <strong>de</strong>r Ausführung beginnen. Da<br />

das alte Schulhaus nur eine Kapazität <strong>für</strong> 150 Schüler besaß, im Herbst 1938 aber schon<br />

mehr als 600 Kin<strong>de</strong>r zu untelTichten waren, überwies das Land Ba<strong>de</strong>n knapp 30.000 RM an<br />

die Gemein<strong>de</strong>kasse <strong>und</strong> finanziel1e auf diese Wei se <strong>de</strong>n Bau von vier hölzernen Schulbaracken.<br />

In <strong>de</strong>r folgen<strong>de</strong>n Zeit kamen weitere Behelfsbauten hinzu.<br />

Konnte man die anstehen<strong>de</strong>n Bildungsprobleme wenigstens provisori ch lösen, so gelang dies<br />

bei an<strong>de</strong>ren wichtigen Vorhaben nicht mehr. Vergeblich drang Theo Schmid am 27. Mai<br />

1938 darauf. ein Krankenhaus in Blumberg zu bauen, das verletzte Bergarbeiter sofort behan<strong>de</strong>ln<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>n risikoreichen Transport ins 15 km entfernte Donaue chingen überflü sig<br />

machen konnte. Angesichts <strong>de</strong>r häufigen Grubenunfälle sah das badische Innenministerium<br />

die Dringlichkeit <strong><strong>de</strong>s</strong> Vorhabens zwar ohne weiteres ein, doch sche iterte es am En<strong>de</strong> daran,<br />

daß sich we<strong>de</strong>r Reichsknappschafr. noch Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>ver icherungsanstalt o<strong>de</strong>r Reichsversicherung<br />

zur Finanzierung bereitfan<strong>de</strong>n. Schmid hätte gern auch etwas <strong>für</strong> die Hygiene <strong>de</strong>r Bergarbeite<br />

rfamilien getan, die ausnahmslos Häuser ohne Bad bewohnten. Der von ihm gefor<strong>de</strong>rte<br />

Bau ei ner öffentlichen Ba<strong>de</strong>anstalt ließ sich jedoch ebenso wenig reali sieren wie die Erweiterung<br />

<strong>de</strong>r bestehen<strong>de</strong>n Kläranlage. Auch das r<strong>und</strong> 25.000 RM teure Schlachthausprojekt wur<strong>de</strong><br />

nicht verwirklicht, obwohl Diplom-Ingenieur Alfred Wolfbis En<strong>de</strong> 1941 mehrere Entwürfe<br />

anfertigte. Als Konsequenz davon fan<strong>de</strong>n sämtlich Schlachtungen <strong>für</strong> die Blumberger Konsumenten<br />

auch weiterhin in einer Autogarage statt. Diese <strong>und</strong> zahlreiche an<strong>de</strong>re ungelöste Probleme<br />

veranlaßten die Geschäftsführung <strong>de</strong>r DBG am 31. Oktober 1939 schließlich dazu,<br />

e ine umfangreiche Denkschrift H61 in Karlsruhe vorzulegen. Geän<strong>de</strong>rt hat das freilich nichts.<br />

Sorgte die verschlechtene Lebensqualität bei manchen alteingesessenen Blumbergern ohnehin<br />

schon da<strong>für</strong>, daß sich die Sympathi e <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Eisenerzbergbau in Grenzen hielt, so stieß das


75<br />

rü<strong>de</strong> Verhalten <strong>de</strong>r DBG zahlreiche Landwirte unnötig vor <strong>de</strong>n Kopf. Ohne <strong>de</strong>ren Eigentümer<br />

auch nur zu fragen, lagel1e das Untell1ehmen seinen Grubenaushub auf frem<strong>de</strong>n Gr<strong>und</strong> tücken<br />

ab o<strong>de</strong>r errichtete dOl1 Wohn baracken <strong>für</strong> eine Arbeiter. Für eigene Bauvorhaben unterbrach<br />

es kurzerhand bestehen<strong>de</strong> Wege <strong>und</strong> verhin<strong>de</strong>rte damit über Monate hinweg, daß manche<br />

Bauell1 zu ihren Fel<strong>de</strong>ll1 gelangen <strong>und</strong> diese düngen o<strong>de</strong>r bestellen konnten. Entschädigungszahlungen<br />

mochte die Geschäftsführung entwe<strong>de</strong>r gar nicht, o<strong>de</strong>r - weml diese nach jahrelangem<br />

Disput doch nicht mehr abzuwen<strong>de</strong>n waren - nur in absolut unzureichen<strong>de</strong>r Höhe leisten.<br />

Theo Schmid teilte <strong>de</strong>r DBG <strong><strong>de</strong>s</strong>halb am 18. Januar 1937 verärgel1 mit: "Durch dieses Gebaren<br />

<strong>de</strong>r Doggererzbergbau GmbH ist die Erregung <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>stückseigentümer <strong>de</strong>rart, daß mit<br />

einem gewaltsamen Vorgehen gegen die Doggererzbergbau GmbH in Bäl<strong>de</strong> zu rechnen ist,<br />

wenn nicht alsbald eine Entschädigung bezahlt wird"87). Schmid han<strong>de</strong>lte sich mit seiner Beschwer<strong>de</strong><br />

frei lich nur eine spöttische Reaktion ein.<br />

Die Landwirte reagierten nicht ohne Gr<strong>und</strong> 0 erbost. Weil sie als Folge von Siedlungsbau<br />

<strong>und</strong> Werkserweiterung große Teile ihrer Fel<strong>de</strong>r verlieren mußten, fühlten sie sich in ihrer<br />

Existenz ell1sthaft bedroht. Aus Sorge um ihre Zukunft <strong>und</strong> um die Höhe <strong>de</strong>r Entschädigungseinkünfte<br />

taten sich die Blumberger Bauell1 schließlich am 7. ovember 1937 zusammen<br />

<strong>und</strong> appellierten gemeinsam an Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>- <strong>und</strong> Kreisbauell1führer, "eine Entscheidung zu<br />

treffen, daß die Siedlungen nicht in <strong>de</strong>m Ausmaß erstellt wer<strong>de</strong>n, wie dieses geplant ist, son<strong>de</strong>ll1<br />

in kleinerem Rahmen <strong>und</strong> auch auf weniger gutem landwirt chaftlichen Gelän<strong>de</strong>"8 '). Die Resolution<br />

hatte in dieser Hinsicht zwar keinen Erfolg, doch erhielten die Bauern von <strong>de</strong>r Siedlungsgesellschaft<br />

wenigstens ei nen Preis von 60 bis 75 Pfennigen je m 2 Acker. Die DBG<br />

dagegen än<strong>de</strong>rte ihre kompromißlose Haltung nicht <strong>und</strong> durfte sich noch im Herbst 1940<br />

vom Donaueschinger Landrat bescheinigen lassen, ihr Verhalten gegenüber <strong>de</strong>n Gr<strong>und</strong>stückseigentümern<br />

sei nach wie vor "rechtswidrig <strong>und</strong> unzulässig"89). Konkrete Folgen zeitigte <strong>de</strong>r<br />

Brief jedoch keine.<br />

Sicher verhielten sich Saarhülten <strong>und</strong> DBG gegenüber ihren Geschäftspartnern we<strong>de</strong>r<br />

großzügig noch korrekt. Auf <strong>de</strong>r an<strong>de</strong>ren Seite aber bleibt festzuhalten, daß auch die Initiatoren<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Blumberger Erzabbaus in handfesten Schwierigkeiten steckten: Obwohl seit 1934 mehrere<br />

Millionen RM in Gruben <strong>und</strong> Aufbereitungsanlagen investiert wor<strong>de</strong>n waren, zeichnete sich<br />

noch immer kein durchschlagen<strong>de</strong>r Erfolg <strong>für</strong> die Saarhütten ab. Hatten Röchling <strong>und</strong> Tgahrt<br />

ursprünglich auf Abbaukosten gesetzt, die zwischen 1,20 <strong>und</strong> 2 RM pro Tonne lagen, so<br />

stellten sich nun Werte von etwa 7 RM ein. Dieser Umstand <strong>und</strong> die unerwartet hohen Kosten<br />

<strong>für</strong> Röstung <strong>und</strong> magnetische Aufbereitung führten zu völlig an<strong>de</strong>ren Ergebnissen als von<br />

Röchling vorausgesagt: Statt 40 RM, wie von ihm noch im August 1935 öffentlich verkün<strong>de</strong>t 90 ),<br />

sollte es 110 RM kosten, um eine einzige Tonne Roheisen aus geröstetem Doggererz zu erzeugen<br />

91 ). Auch <strong>de</strong>r Neunkircher Generaldirektor TgahJ1 hatte mit <strong>de</strong>m von ihm favorisierten<br />

Schmelz- <strong>und</strong> Aufbereitungsverfahren keinerlei Gr<strong>und</strong> zur Freu<strong>de</strong>: Bestand <strong>de</strong>r Möller nämlich<br />

aus reinem Lurgi-Konzentrat, dann fielen sogar 121 RM an. Angesichts <strong><strong>de</strong>s</strong> Umstands, daß<br />

die Verhüttung französischer Minette gera<strong>de</strong> einmal 52,42 RM pro erzeugter Tonne Roheisen<br />

kostete, waren das nie<strong>de</strong>rschmettern<strong>de</strong> Werte. Aus diesem Gr<strong>und</strong> - <strong>und</strong> nicht nur <strong><strong>de</strong>s</strong>halb,<br />

weil Bergarbeiter fehlten - hielten sich die Saarhütten auch 1938 mit <strong>de</strong>r Blumberger För<strong>de</strong>rung<br />

ganz bewußt zurück. So lange ihre Hochöfen lediglich drei Prozent Doggererz enthielten,<br />

blieben schließlich auch die Gesamtkostensteigerungen im Rahmen. Trotz<strong>de</strong>m - so rechneten<br />

die Werke im Oktober 1938 aus - trugen sie bereits jetzt ganz beachtliche Lasten. Waren in<br />

Blumberg seit 1934 etwa 250.000 t Doggererz geför<strong>de</strong>rt wor<strong>de</strong>n, dann hatten die Saarhütten<br />

daraus etwa 50.000 t Roheisen erzeugen können. Unterstellte man, daß je<strong>de</strong> Tonne davon<br />

min<strong><strong>de</strong>s</strong>tens 50 RM höhere Gestehungskosten verursachte als die sonst übliche Minetteverarbeitung,<br />

daml betrug <strong>de</strong>r zwischen FrÜhjahr 1934 <strong>und</strong> Juli 1938 aufgelaufene Gesanltverlust


76<br />

to lze 2,5 Mio.RM. Lei<strong>de</strong> r war das noch nicht e inma l a ll es: Hinzu kamen Aufwendungen<br />

von mehr a ls 10 Mio.RM, die währe nd <strong><strong>de</strong>s</strong> g leiche n Zeitraums in das Blumbe rger Werk investiert<br />

wor<strong>de</strong>n waren, davon 5, I Mio.RM in <strong>de</strong>n Be rg w e rksbetrieb <strong>und</strong> 3 ,9 Mio.RM in die<br />

Aufbereitung anlagen. Es war <strong><strong>de</strong>s</strong>halb nur a ll zu verständlic h. wenn die Werke <strong>de</strong>n weitere n<br />

Ausbau ihre r Anlagen in <strong>de</strong>r Baal' nicht mit volle r Kra ft vorantrie be n.<br />

Verwandte Abkürzungen<br />

DBG<br />

Fe<br />

G HH<br />

Doggererz-Be rgbau GmbH<br />

Fen'um (Eisen)<br />

GUlehoffnungshüue-Konzern<br />

Anmerkungen<br />

I) Z itate au M. RI EDEL. Ei en <strong>und</strong> Kohle <strong>für</strong> das Drille Reich. GÖllingen 1973, S. 90 f. <strong>und</strong> W.<br />

FISCIIER, Deutsche Wirtschaftspol itik 19 18- 1945, Opla<strong>de</strong>n 1968. S. 76.<br />

2) 1936 waren in Deut chl and 6 1 Thomas-Hochöfen mit einem Koksdurchsatz von 9,38 Mio.t<br />

in Betrieb. Re erven bil<strong>de</strong>te n neun gedämpfte. zum Anblasen fertige Öfe n mit einem Koksdurchsatz<br />

von 1,55 Mio.t. Berichtüberdie Verarbeitung <strong>de</strong>utscherErze vom Juni 1937, Haniel­<br />

Archiv Duisburg (künftig abgek. HA) 400 101 46/4.<br />

3) Denkschri ft "Wieweit können wir uns von <strong>de</strong>r Auslandslieferung an Eisenerzen un abhängig<br />

machen?" vom 27.1 0.1936. Registratur<strong>de</strong>rSaarstahl AG Werk Völklingen (k ünftig abgek. VK)<br />

2 185/9.<br />

4) Zu <strong>de</strong>n Zahlen vgl. G . MOLLIN, Montankonzerne <strong>und</strong> Drilles Reich, GÖllingen 1988, S. 372.<br />

Anhang 12.<br />

5) Aktennotiz Röchling vom 3 1. 10.1936, VK 2526/2. Denkschrift <strong>und</strong> Reise nach Berlindürften<br />

die Folgeeines vergeblichen Vorstoßes gewesen sein,<strong>de</strong>n Röchlingeine Woche zuvor gemacht<br />

halle. Anläßlich<strong>de</strong>r letzten SiLZung,eliedas Reichswi rtschaftsministerium zum Thema Ei enerze<br />

noch veranstaltete. hatte eier Kommerzienrat seinen Vo rschlag zum Hüttenbau in <strong>de</strong>r Baar<br />

eingebracht. war jedoch auf <strong>de</strong>n erbitte rten Wi<strong>de</strong>r tand seines eunkircher Kollegen Tgahn<br />

gestoßen. Da auch Oberberghauptmann Schlallmann wenig Interesse zeigte. hielte Röchling<br />

wohl <strong>für</strong>sinnvoll. seinen Vorschlag höhe ren Orts vorzubringen. Vg l. Nie<strong>de</strong>rschrift<strong>de</strong>rBesprechung<br />

vom 2 1.1 0.1936. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>bergamt Freiburg (künftig abgek. LBA) 13A/150.<br />

6) Aktenvermerk Tgahn vom 7.11.1936. Stadtarchi v eunkirchen, Depositum Saarstahl AG.<br />

unverzeichneter Bestand (künfti g abgek. IK).<br />

7) Vernlerk vom 6.12. 1936, HA 400 101 304/5.<br />

8) Protokoll <strong>de</strong>r Sitzung im Donaue chinger Hotel Schützen am 4. 12. 1936, NK.<br />

9) ie<strong>de</strong>rschrift über die Besprechung am 17. 12. 1936. NK.<br />

10) Je 27 % übern ahmen die Eisenwerke in eunkirchen, Burbach <strong>und</strong> Völklingen, 12,5 % entfiel<br />

au f Dillingen, während die Halberger Hütte nur 6.5 ')t übernahm. Vorbereiten<strong>de</strong> Beschlüsse<br />

wur<strong>de</strong>n bereits in <strong>de</strong>r Sitzung vom 23. 1.1937 gefaßt. Hoffnungen, dal~ sich die Ruhrwerke mit<br />

200.000 RM an <strong>de</strong> r Anlage beteiligen wür<strong>de</strong>n. zerschlugen sich bald.<br />

11 ) earl Paul Debuch an Paul Pleiger vom 11.5.1 937, BA R 25/1 84. Symptomatisch <strong>für</strong> das<br />

gestörte Verh ältni s zwischen Röchling <strong>und</strong> Tgahrt ist fo lgen<strong>de</strong> r Protokollauszug: "Tgahn ...<br />

fragt Heml Röchling, warum er beson<strong>de</strong>re Wege gehen wolle. Röchling: Eine gemeinsame<br />

Linie habe ich noch nicht gesehen. Er verwahrt sich gegen <strong>de</strong>n Vorwurf, daß man ihm e ine<br />

Störung <strong>de</strong>r Gemeinschaft vorwerfe: er sei <strong>de</strong>r einzige Betreiben<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Doggererz- Bergbaus<br />

gewesen. Tgahn verwahrt sich gegen die UJ1Ierstellung. er habe Herrn Röchling Störung eier<br />

Gemeinschaftvorgeworfen: 'Wir kamen freiwillig zur Doggererz-Bergbau GmbH'. Röchling:<br />

"Ich wäre I ieberallein gegangen". Reisebericht Dr. StrickrodtüberelieGesellschafterversmnmlung<br />

<strong>de</strong>r DBG vom 12.3. 1937 in eunkirchen, BA R 25/184.<br />

12) Anlage zum Protokoll <strong>de</strong>r Besprechung vom 20.5. 1937, BA R 25/184.


13) ach folgen<strong>de</strong> Zahlen aus <strong>de</strong>m Vermerk "Süd<strong>de</strong>utsche saure Eisenerzvorkommen" vom<br />

11.5.1937, BA R 25/182.<br />

14) Vierjahresplan in <strong>de</strong>r Fassung vom 10.1 .1937, Bun<strong><strong>de</strong>s</strong>archiv-Militärarchiv Freiburg Wi I F 5<br />

Bü 2363.<br />

15) Die För<strong>de</strong>rung von 3,6 Mio.t Erz entspricht exakt <strong>de</strong>m im Vierjahresplan genannten Abbauwert<br />

von 775.000t reinem Eisen (Fe) <strong>für</strong>das1ahr 1940. Die von Pleigerim Plan <strong>für</strong> 1941 angesetzte<br />

För<strong>de</strong>rziffervon 1,05 Mio.t Fe (ca. 4,8 Mio.t Eisenerz) wur<strong>de</strong> <strong>de</strong>r DBGjedoch nicht mitgeteilt.<br />

16) Doggererz-Bergbau GmbH an Göring vom 7. 1.1937. BA R 25/184.<br />

17) ie<strong>de</strong>rschrift überdie Besprechung Pleigers mit einigen <strong>de</strong>ut chen Hüttenwerken am28.1.1937,<br />

S. 2. BA R 25/183.<br />

18) Protoko ll <strong>de</strong>r Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>planungsgemeinschaft vom 30.4.1937, Gemein<strong>de</strong>registratur Blumberg<br />

(künftig abgek. Blu).<br />

19) Am Gesamlkapital von 251.000 RM beteiligte sich das Reich mit 150.000 RM,je50.000 RM<br />

übernahmen DBG <strong>und</strong> (lan<strong><strong>de</strong>s</strong>eigene) Badische Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>kreditanstalt. Den Rest von 1.000 RM<br />

hie lt die Badische Heimstätte.<br />

20) Protokoll <strong>de</strong>rGesell schafterversammlung<strong>de</strong>r DBG am 13.9.1937, K. Die Kostenangabe von<br />

2,3 Mio.RM bezieht sich auf die Bauab chnine J <strong>und</strong> 11 in Blumberg (zusammen 400 Wohnungen),<br />

ohne die Werkswohnungen <strong>de</strong>r DBG <strong>und</strong> ohnedie im Mai 1937 geplanten 10 Einheiten<br />

in Gutmadingen. Kostenvoranschlag <strong>für</strong> letztere: 57.500 RM.<br />

21) Bad. Heimstättean bad. Innenmini terium vom 17.1 2. 1937, Blu. Die Ausführungen hören sich<br />

vergleich weise hannlos an. Wie weit die Behör<strong>de</strong>n tatsächlich im Privatleben <strong>de</strong>r Antragsteller<br />

herumschnüffeln konnten, zeigt ein Kriminalbiologische Gutachten, da Schmid zu Beginn<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> 1ahres 1937 bei <strong>de</strong>r Kriminalbiologischen Sammelstelle in München anfor<strong>de</strong>rte. Darin erfuhr<br />

<strong>de</strong>r B lumberger Bürgernleister nicht nurzahlreiche Detai Is aus <strong>de</strong>m Leben eines Antragsteller<br />

("schwach begabt, lügenhaft. Anlagezur Heuchelei. sehrwillensschwach, schon als 14jähriger<br />

Knabe kriminell <strong>und</strong> sittlich verwahrlo t"). son<strong>de</strong>rn auch von Gerüchten überdie "anomale Veranlagung<br />

<strong>de</strong>r Mutter <strong>und</strong> das Trinkertum, sowie die Tobsuchtsanfälle" <strong><strong>de</strong>s</strong> Bru<strong>de</strong>rs.<br />

22) Gutachten Wurnl vom22.11.1940, Blu. Den Au wirkungen <strong><strong>de</strong>s</strong> Doggererzabbaus aufdie Gemein<strong>de</strong><br />

Blumberg <strong>und</strong> ihre Einwohner kann hier nur in beschränktem Umfang nachgegangen<br />

wer<strong>de</strong>n. V gl. dazu auch J. STL; RM (Hrsg.), Die <strong>Geschichte</strong> <strong>de</strong>r Stadt Blumberg. hier insbes. die<br />

Beiträge von Th. MIETZNER (S. 20 I ff.) <strong>und</strong> A. Walz (S . 350 Ff.).<br />

23) Bürgermeisteramt Blumberg an Bezirk amt Donaueschingen vom 22.6. 1937. Blu.<br />

24) An Er chließungskosten <strong>für</strong> die Bauabschnirte I <strong>und</strong> 1I fielen an: Straßenbau 173.000 RM ,<br />

Kanalisation 145.000 RM. Wasserversorgung 150.000 RM <strong>und</strong> Strom leitungen 60.000 RM.<br />

Von <strong>de</strong>r Gesamt. umme in Höhe von 528.000 RM konnten 28.000 RM auf die Wohnungsbaukosten<br />

überwälzt wer<strong>de</strong>n. Die Restsumme von knapp einer halben Mio.RM wur<strong>de</strong>n über<br />

Reich beihilfen (330.000 RM). sowie verlorene Zuschüsse von Land (50.000 RM), Badische<br />

Heimstätte (40.000 RM) <strong>und</strong> DBG (80.000 RM) finanziert.<br />

25) Protokoll <strong>de</strong>r Besprechung vom 5.1 0.1937 mit <strong>de</strong>r Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>planung gemeinschaft Ba<strong>de</strong>n. LBA<br />

9 A/98.<br />

26) Bürgernleisteramt Blumberg an Bezirksamt Donaueschingen vom 4.8.1937. Blu. Die angegebenen<br />

1,88 Mio.RM beinhalteten auch die Erschließungskosten <strong>für</strong> die 400 Häuser <strong>de</strong>r<br />

Bauab chnitte I <strong>und</strong> rr.<br />

27) Oberst Löb an GHH vom 18.2.1 937. BA R 25/183.<br />

28) Aktennotiz Kellennann über seine Besprechung mit Pleiger am 14.3.1937, HA 400 10 I 304/5.<br />

29) G. ALßIEZ, Eisenerzbergbau in GUlmadingen. S. 19 behauptet, das GHH-Wohnbau projekt von<br />

1937 sei nicht realisiert wor<strong>de</strong>n. Die Bauakten <strong>de</strong>rGemein<strong>de</strong>Gutmadingen belegen in<strong><strong>de</strong>s</strong>sen.<br />

daß im Herbst 1938 drei Häusermit 12 Wohnungen <strong>für</strong> die Belegschaft<strong>de</strong>rGHH fertiggestellt<br />

wur<strong>de</strong>n.<br />

30) HA 400 101 46/2 sowie Vermerk Tgahrt vom 18.3.1937, K.<br />

3 I ) Sowohl die Vereinigten Stahlwerke, als auch die Mittel<strong>de</strong>utschen Stahlwerke mußten <strong>de</strong>m Amt <strong>für</strong><br />

<strong>de</strong>utsche Roh-<strong>und</strong> Werk toffe in<strong>de</strong>rZeit zwischen <strong>de</strong>m 6. <strong>und</strong> 9. Februar 1937 eine Kosten- <strong>und</strong><br />

Materialaufstellung <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Bau eines Hüttenwerks samt Kokerei ausarbeiten. BA R 25/185.<br />

77


78<br />

32) B R 25/184.<br />

33) Aktenvennerk 4: "Vorsch läge <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Ausbau e iner frä nki schen Eisenhüttenindustrie" vom<br />

17.3. 1937. BA R 25/184.<br />

34) RI EDEL. Eisen <strong>und</strong> Kohle <strong>für</strong> da Dritte Re ich, Göltingen 1973. S. 137.<br />

35) T.R. EM EssE ,Aus Görings Schreibtisch. Berlin 1947, S. 73 Ff.<br />

36) Aktennotiz Tgahrt über sein Telefonge präch mit Paul Reusch vom 5.6.1937, K.<br />

37) Siehe Anm. 11 .<br />

38) Wie Anm. 36.<br />

39) BA R 25/187.<br />

40) Ke llennann an Reuseh über die S itzung vom 16.6. 1937. HA 404 101 303/0.<br />

4 1) Undatierter Entwurf Röchlings. VK 2 184.<br />

42) Vertrag vom 16.7. 1937. § 2, Depositum Salzgitter AG, Hannover im Bun<strong><strong>de</strong>s</strong>archiv 12/272/ 1.<br />

43) Anordnung zur Sicherstellung <strong><strong>de</strong>s</strong> planmäßigen Ausbaus <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschen Eiseninduslrie vom<br />

16.9.1937, Deut eher Reichsanzeiger r. 2 16 vom 18.9.1937. S. I f.<br />

44) Pleiger an Bayerische Berg-, HÜllen- <strong>und</strong> Salinen AG vom 2 1.5 . 1937, BA R 25/181.<br />

45) Reusch an Pleiger vom 30.8. 1937. LBA 13A/147.<br />

46) Aktennotiz Röchling vom 23.8.1937, VK 2 185/5.<br />

47) VK. E- K 65/286 <strong>und</strong> 2 184.<br />

48) Aktennoti z Röchl ing vom4.5. 1938 überein Gespräch mitRheinlän<strong>de</strong>r, VK 2 185. Rheinlän<strong>de</strong>r<br />

war Referent im Aml <strong>für</strong> <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe.<br />

49) Bericht Lennings vom Augu t 1938, HA 400 101 304/7.<br />

50) Bericht Wilhelmi vom August 1937, HA 400 101 304/7.<br />

51) Protokoll <strong>de</strong>r Silzung vom 26.2.1 938. HA 400 10 1 304/7.<br />

52) Vennerk vom 28. 10.1938, HA 400 10 1 303/4b.<br />

53) Vennerk au mann über sein Gespräch mit Herm ann Reusch am 23. 11.1 935, LBA 13 A/l50.<br />

54) DBG an bad. Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftsministerium vom 17.6. 1936. LBA 9 A/98.<br />

55) DBG an bad. Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftsmini. terium vom 29.7. 1936, LBA 9 A/98. Es han<strong>de</strong>lte<br />

sich um die Areale: Berchen. Fürstin Irma. Dorotheengrube, Dorolheengruben 11 <strong>und</strong> 11, Max<br />

Egon. G roßer <strong>und</strong> Kleiner Buchberg. Zollhaus, Wolfental , Bohlkopf <strong>und</strong> Ran<strong>de</strong>nkopf.<br />

56) Bad. Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaft sministerium an DBG vom 14. 12.1936, Staatsarchiv Freiburg, unverz.<br />

Be land Doggererz AG (künftig abgek. StF). Die Vertragsentwürfe befin<strong>de</strong>n sich im<br />

Fürst!. Fürstenbergischen Archiv, Generalia Bergbau. Das Lin sen-Eisenerzvorkommen bei<br />

Gutilladingen <strong>und</strong> Blumberg, 1925- 1936, Vol. 2. Fasz. 3.<br />

57) eunkircher Eisenwerk an DBG vom 4. 1.1 937, StF.<br />

58) DBG an bad. Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaflsmini steriulll vom 2 1.1. 1937, LBA 9 A/98.<br />

59) Fürstlich Fürstenbergische (kü nfti g abgek. FF) Kammer an bad. Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftsministeri<br />

ulll vom 25.2.1937. LBA 9 A/98.<br />

60) Aktennotiz Röchling vom 5.5.1937. StF.<br />

61) FF-Kammeran DBG VOIll 1.1 0. 1937, LB A 9 A/96.<br />

62) Vertrag zwischen <strong>de</strong>m Land Ba<strong>de</strong>n <strong>und</strong> <strong>de</strong>r DBG vom 24.1 1./6. 12. 1937. LBA 9 A/98. Das<br />

Land verzichtete auf eineFlächenabgabe <strong>und</strong> stelzte eine För<strong>de</strong>rabgabe von einem Pfennig pro<br />

Tonne gewonnen Erzes durch. Die Laufzeit <strong>de</strong>r Vereinbarung betrug 30 Jahre <strong>und</strong> bei nhaltete<br />

eine Verl ängerung option Ulll zweilllal 30 Jahre.<br />

63) FF-Kammer an Amt fü r <strong>de</strong>utsche Roh- <strong>und</strong> Werkstoffe vom 9. 11.1 937, LBA 9 A/96.<br />

64) Gabel an Dr. Bretz.<strong>de</strong>n Leiter<strong>de</strong>r Rohstoftbetriebe<strong>de</strong>r Vereinigten Stahlwerke, vom22. 11 .1937,<br />

LBA 9 A/96.<br />

65) Vereinigte Stahlwerke ,m FF-Kamiller VOIll 8. 11 . 1937, LBA 9 A/96.<br />

66) Amt <strong>für</strong> <strong>de</strong> ut sche Roh- <strong>und</strong> Werksloffe an FF-Kammer VOIll 18. 1. 1938, LBA 9 A/96.<br />

67) FF-Kammer an DBG VOIll 29. 12.1937, LBA 9 A/96. Der Vertragslext befin<strong>de</strong>t sich im FF­<br />

Archi v, Generalia Bergbau, Das Eisenerzvorkoillmen bei GUlllladingen <strong>und</strong> Blumberg 1937-<br />

194 1, Vol Nr. 2, Fasz. 4.<br />

68) FF-Kaillmer an DBG VOIll 29. 1. 1938, LBA 9 A/96.<br />

69) Besprechungsprotokoll VOIll 3.3. 1938. StF.<br />

70) DBG an FF-Kammer vom 25.3 .1 938. LBA 9 A/96.


71) FF-Kammer an DBG vom 1.4.1938, FF-Archiv wie Anm. 67. Danach reduzierte die FF­<br />

Kammer <strong>de</strong>n verlangten För<strong>de</strong>rsatz von bislang 5 Pfennigen auf <strong>de</strong>utlich geringere Werte. die<br />

von einem Pfennig ( 1935-1945) stufenweise auf2,5 Pfennige (ab 200 I) pro Tonne ansteigen<br />

sollten.<br />

72) Nie<strong>de</strong>rschrift über die Besprechung (<strong>de</strong>r DBG) mit <strong>de</strong>r FF-Kammer in Donaueschingen am<br />

14.5.1938, StF.<br />

73) Dervon DBG<strong>und</strong> FF-Verwaltung gemeinsam entwickelte Kaufvertrag entwurf vom 8./5.9. 1938<br />

sah exakt diese Bestimmungen vor. Das Dokument <strong>und</strong> <strong>de</strong>r im folgen<strong>de</strong>n genannte Brauereivertragsentwurf<br />

wird verwahrt im FF-Archiv wie Anm. 67.<br />

74) Basaltvertragsentwurf, FF-Archiv. wie Anm. 67.<br />

75) vgl. G.ALBJ EZ, Ei enerzgrube Kahlenberg, in: Zeitschrift Fürdie Ortenau, 1979, S. 137 ff. <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>rs., Eisenerz-Bergbau am Schönberg, Badische Heimat. 1978, S. 283 ff.<br />

76) Eröffnungsbilanz <strong>de</strong>r DBG vom 1.2. 1936. K. owie Jahresbilanz 1937, Blatt 8, StF.<br />

77) Bericht r. 305 Sa. übertechnischen Zustand <strong>und</strong> Wirtschaftlichkeit<strong>de</strong>rErzaufbereitung anlagen<br />

<strong>de</strong>r Doggererz GmbH vom 20.5.1938 <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>de</strong>utscher Ei enhüllenleute. TK.<br />

78) Aktennotiz Schmid vom 4.2.1938, Bill.<br />

79) Schmid an DBG vom 8.12.1936. Blu.<br />

80) vgl. w.-1. SEIDELMANN, Schriften <strong>de</strong>r Baar. Bd. 40 ( 1997). S. 72.<br />

81) DBG an Gauleiter Wagner vom 19.5.1938, Blu.<br />

82) DBG an Theo Schmid vom 15.7.1938, Blu.<br />

83) Theo Schmid an bad. Tnnenmini ter vom 27.5.1938, Blu.<br />

84) THK Freiburg an Bezirksamt Donaueschingen vom August 1938. Blu.<br />

85) Aktenvennerk Theo Schmid vom 16.2. 1939. Blu.<br />

86) DBG-Denkschrift "Schwierigkeiten.die<strong>de</strong>m Ausbau von Werk <strong>und</strong> Stadt Blumbergentgegenstehen"<br />

vom Oktober 1939. LBA 10 Aj109.<br />

87) Theo Schmid an DBG vom 18. 1.1937, Blu.<br />

88) Resolution an Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>- <strong>und</strong> Kreisbauemführer vom 7.11.1937, Blu.<br />

89) Donaueschinger Landrat an Doggererz AG vom 24.9. J 940, Blu.<br />

90) Bericht Brackeisberg über die Besichtigung <strong>de</strong>r Völklinger Hüne am 24.8.1935. HA 40 126/23.<br />

91) "Denkschrift (<strong>de</strong>r DBG) über die bisherigen <strong>und</strong> zukünftigen Aufwendungen <strong>de</strong>r Saarhürten<br />

<strong>für</strong> die Gewinnung <strong>und</strong> Verwertung <strong>de</strong>r südbadischen Doggererze au Zollhaus-Blumberg"<br />

vom Oktober 1938, K.<br />

79


80<br />

Nach<strong>de</strong>m Göring <strong>de</strong>n Schwerpunkt <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utschen Eisenerzför<strong>de</strong>rung auf da Salzginergebiet<br />

verlagert hatte, w ur<strong>de</strong>n die Pl anziffern <strong>für</strong> <strong>de</strong>n badischen Doggererzabbau im Verlaufe <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Jahres 1937 <strong>de</strong>utlich nach unten kOiTigiel1 (vgl. die bei <strong>de</strong>n Plan fassungen). Trotz<strong>de</strong>m konnten<br />

sie niemal in die Realität umgesetzt wer<strong>de</strong>n.<br />

Tab. I: Ziele <strong><strong>de</strong>s</strong> Vierjahresplans <strong>für</strong> die Eisenerzför<strong>de</strong>rung in <strong>de</strong>r Baal' - <strong>und</strong> ihre Erfüllung (Angaben<br />

in 1.000t)<br />

lahr I. Plan fass . 4. Planfass. För<strong>de</strong>rg. För<strong>de</strong>rg. Oesamt- Planerv.IO.1.37<br />

v.31.12.37 in Out- in Blum- för<strong>de</strong>rg. füllung ' )<br />

madingen berg Baar<br />

Fe Roherz 21 Fe Roherz Roherz<br />

1936 - - - - 79 19 98 -<br />

1937 47 252 57 306 100 165 265 86 %<br />

1938 263 1.200 197 1.000 126 440 566 57 %<br />

1939 615 2.900 394 2.000 105 920 1.025 51 %<br />

1940 775 3.600 628 3.000 31 126 953 1.079 36 %<br />

194 1 1.040 4.800 - - 125 918 1.043 -<br />

1942 - - - - 5 79 84 -<br />

I) gemes en an <strong>de</strong>n Zi ffern <strong>de</strong>r 4. Planfassung<br />

2) Dic Vierjahrespläne geben die Ziele in <strong>de</strong>r Regel nur in Reineisenei nheiten (Fe) an. L ed iglich<br />

in zwei Fällen liegen exakte Roherzzahlen vor. Die übrigen wur<strong>de</strong>n vom Verfasser berechnet.<br />

3) Das För<strong>de</strong>rziel wur<strong>de</strong> in einer späteren Pl anfassung wie<strong>de</strong>r aur3,6 Mio.t Roherz erhöht.<br />

Tab. 4: Or<strong>und</strong>daten ausgewählter Haustypen im Blumberger Siedlungsprogramm<br />

Haus- Zahl <strong>de</strong>r Raumaufteilung Fläche Miete in RM<br />

typ Wohnungen in m 1 bei Baube- ab<br />

pro Haus ginnkalk. 1.7.41 1.7.44<br />

A 2 EO: Küche + 2 Zimmer 41.90 27.60 24,00 27,50<br />

00: Küche + I Zimmer 33,91 17,65 13,00 15,00<br />

B 2 EO: Küche + 2 Zimmer 43,6 1 27,00 22,70 26.70<br />

00: Küche + I Zimmer 26,75 16,80 14,50 16.60<br />

C I unbekannt 52.15 32.40 29,70 32.80<br />

Weitere Haustypen wur<strong>de</strong>n mit D. F. O. H benannt. Mit Ausnahme von Typ H besaßen keine von ihnen<br />

die Einliegerwohnungen <strong>de</strong>rerSlen Häusergeneralion (Typ A <strong>und</strong> B). Zum Vergleich: Der ettoverdiensl<br />

eines Blumberger Bergmanns betrug im Jahre 1939 r<strong>und</strong> 120 RM im Monat. Die durchschnittlichen<br />

ettolöhne rur Unter-<strong>und</strong> Übertage-Per. onal <strong>de</strong>r DoggererzAO lagen 1940 bei genau 143,92 RM pro<br />

Monat.


81<br />

Tab. 2: Gr<strong>und</strong>daten <strong><strong>de</strong>s</strong> Blumberger Siedlungsprogramms<br />

Baustufe J TI m IV<br />

Häuserzahl 32 168 203 204<br />

Wohnungszahl 64 336 239') 366 2 )<br />

Haustypen B A,B B. C, D, F, G C, B,H<br />

Baubeginn Apri l 37 Aug.37 Juni 38 Sept. 38<br />

Bauen<strong>de</strong> Dez. 37 Sept. 38 Sept. 39 1940<br />

Baukosten 285.540 RM 1.1713.600 RM 1.554.000 RM ?<br />

I) weitere 1I Bergarbeiterwohnungen wur<strong>de</strong>n in Riedböhringen gebaut.<br />

2) davon wur<strong>de</strong>n 68 wie<strong>de</strong>rstillgelegr.<br />

Tab. 3: Die Erschließungskosten <strong><strong>de</strong>s</strong> BlumbergerSiedlungsbaus <strong>und</strong> ihre Verteilung (Angaben in RM)<br />

Baustufen I <strong>und</strong> I1 m IV Gesamt<br />

Straßenbau 173.000 97.200 ? ?<br />

Kanalisation 145 .000 84.000 ? ?<br />

Wasselversorgung 150.000 32.000 ? ?<br />

Stromversorgung 60.000 15.000 ? ?<br />

Gesamtkosten 528.000 228.200 180.000 936.200<br />

Ko tenübemahme durch<br />

Hauseigentümer 28.000 21.700 17.000 66.700<br />

Reichsbeihilfe 330.000 139.000 11 1.700 580.700<br />

Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>zuschuß 50.000 26.900 15 .300 92.200<br />

ZuschußBad.Heimstätte 40.000 40.600 36.000 116.600<br />

Zuschuß DBG 80.000 - - 80.000<br />

Weite, nicht exakt quantifizierbare Summen hatte die Gemein<strong>de</strong> Blumberg zu tragen.<br />

Tab. 6: Gesamtübersicht über die Lastenverteilung<br />

Reich<br />

Land Ba<strong>de</strong>n direkt<br />

Bad. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>kreditanstalt<br />

Landkreis Donaueschingen<br />

Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>versicherungsanstalt<br />

Reichsknappschaft<br />

Summe<br />

4.311.220 RM<br />

470.000 RM<br />

392.000 R M<br />

18.000 RM<br />

J .627.000 RM<br />

914.000 RM<br />

7.732.220 RM<br />

Da nichtsämtliche Projekte verwirklicht wur<strong>de</strong>n, flossen auch nichtalle genannten Summen tatsächli ch<br />

nach Blumberg.


82<br />

Tab. 5: Übersicht über die von <strong>de</strong>r öffentlichen Hand zum Ausbau Blumbergs bi s zum 15.5. 1940<br />

bereitgestellten Minel, Que lle: BA R7/590<br />

I. Reich<br />

Wohnungsdarlehen (Absehn. I-IV) zu I % Zins:<br />

Reichsbürgschaften (Absehn . I-IV) <strong>für</strong> I b- Hypotheken<br />

Finanzierungshilfen <strong>für</strong> Erschließungskosten <strong>de</strong>r Abschnitte I bis V<br />

Finanzierungshilfe <strong>für</strong> Schulhau bau <strong>und</strong> Lehrerwohnungen ( I. Teilbetrag)<br />

Finanzierungshilfe <strong>für</strong> Kläranlage<br />

Finanzierungshilfe fü r Großwasserve rsorgung ( I. Teilbetrag)<br />

Finanzierungshilfe <strong>für</strong> Ausbau <strong>de</strong>r Land. traße 11. Ordnung bei Blumberg<br />

Beteiligung an <strong>de</strong>r S iedlungsgesell schaft <strong>für</strong> das Doggererzgebiet Oberba<strong>de</strong>n<br />

Darlehen an die Doggererz AG zur Refinanzierung <strong>de</strong>r Werksdarlehen,<br />

unverzinslich<br />

Summe <strong>de</strong>r Reichsbeilräge<br />

1.715.000 RM<br />

1.000.520 RM<br />

680.700 RM<br />

200.000 RM<br />

4 1.000 RM<br />

164.000 RM<br />

30.000 RM<br />

150.000 RM<br />

330.000 RM<br />

4.3 1 I .220 RM<br />

IT.<br />

Land Ba<strong>de</strong>n<br />

a) direkt Beiträge<br />

Zuschüsse zu <strong>de</strong>n Erschließungskosten <strong>de</strong>r Abschnitte I bis V<br />

Zuschuß <strong>für</strong> Schulhausbau<br />

Zuschuß <strong>für</strong> Schulbaracken<br />

Zuschuß <strong>für</strong> Lehrerheim<br />

Summe <strong>de</strong>r direkten Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>beiträge<br />

120.000 RM<br />

300.000 RM<br />

39.000 RM<br />

ll.OOO RM<br />

470.000 RM<br />

b) indirekle Beiträge (durch Bad. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>kreditanstalt <strong>für</strong> Wohnungsbau)<br />

Darlehen <strong>für</strong> Gr<strong>und</strong> tückserwerb<br />

Zuschu ß zur EITichtung eines gemeindlichen Bauamts<br />

Zuschuß zu Pl an ungsarbeiten<br />

Darlehen <strong>für</strong> die Enichtung eines Schlach thauses (verzins!. mit 3 %)<br />

Baudarlehen zu 4 % Zins<br />

erststellige Hypotheken zu 4 ,5 % Zins<br />

Zuschuß <strong>für</strong> die Beschaffung von Mustermöbeln<br />

Beteili gung an <strong>de</strong>r Siedlungsgesellschaft <strong>für</strong>das Doggererzgebiet Oberba<strong>de</strong>n<br />

Zuschuß zum Einbau von Zimme rn <strong>für</strong> Hüttenarbeiter<br />

Summe <strong>de</strong>r indi rekten Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>beiträge<br />

100.000 RM<br />

37.500 RM<br />

3.500 RM<br />

40.000 RM<br />

43.000 RM<br />

102.000 RM<br />

6.000 RM<br />

50.000 RM<br />

10.000 RM<br />

392.000 RM<br />

TU . Landkreis Donaueschingen<br />

Zuschuß zum Ausbau <strong>de</strong>r Landstraße 11. Ordnung bei Donaueschingen<br />

18.000 RM<br />

IV. Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>versicherungsanstalt Ba<strong>de</strong>n<br />

1- <strong>und</strong> Ib-Hypotheken fü r Bauabschnitte I bis llT zu 4.5 0/, Zin<br />

1.627.000 RM<br />

V. Reichsknappschaft<br />

1- <strong>und</strong> Jb-Hypotheken (IV. Abschnitt) zu 4,5 % Zins<br />

Zuschuß zu Sanitätsbaracke<br />

Bei hjl fezur Erweiterung <strong><strong>de</strong>s</strong> Krankenhauses Donaueschingen<br />

SummeReichsknappschaftsleistungen<br />

804.000 RM<br />

10.000 RM<br />

100.000 RM<br />

9 14.000 RM


83<br />

Tab. 7: Bezugskosten <strong>de</strong>r Saarwerke <strong>für</strong> Blumberger Rösterz, Lurgi-Konzentrat <strong>und</strong> französ ische<br />

Minette je t (1938)<br />

Erzart geröstetes Doggererz Lurgi-Konzentrat 1) franzö . Minerte<br />

19,5 % Fe 43,2 % Fe 29,0 % Fe<br />

För<strong>de</strong>rkosten 7,00 RM 7,00 RM 21<br />

39,40 RM<br />

Röstkosten<br />

5,00 RM<br />

-<br />

Verla<strong>de</strong>kosten 0,16 RM 0,20 RM -<br />

Frachtkoslen zur Saar 1,48 RM 1,85 RM -<br />

Entla<strong>de</strong>kosten 0,16 RM O, IORM O,IORM<br />

Brechen - - 0, 15 RM<br />

Sintern 0.53 RM 2,00 RM 0,67 RM<br />

Bezugskosten je l 14,33 RM 43,55 RM 7,92 RM<br />

I) bezogen auf eine t Lurgi-Konzentrat<br />

2) Die Lieferung <strong>de</strong>r Minette erfolgte <strong>für</strong> 7 RM frei Hütte.<br />

Tab. 8: Technische Gr<strong>und</strong>daten zur Verhüttung von Blumberger Rösterz, Lurgi-Konzenlrat <strong>und</strong><br />

französischer Minerte<br />

Erzart<br />

Rösterz<br />

Lurgi-Konz.<br />

Minette<br />

Erzbedarf je t Roheisen<br />

Koksbed. je t Roheisen<br />

5,2 t<br />

1.1. 85 kg<br />

2,2 t<br />

850 kg<br />

3,3 1 t<br />

1.000 kg<br />

Tab. 9: Vergleich <strong>de</strong>r Roheisengestehungskosten aus Blumberger Rösterz, Lurgi-Konzentrat <strong>und</strong><br />

französischer Minette (je t Roheisen) im Jahre 1938<br />

Erzart Rösterz Lurgi-Konz. Minette<br />

Erzkosten 74,5 1 RM 96,68 RM 26,22 RM<br />

Kokskosten 2 1,30 RM 15,30 RM 18,00 RM<br />

Verarbeitung 9,70 RM 6,97 RM 8,20 RM<br />

Fackelverlu t gegenüber<br />

M inettebetrieb 1,05 RM - -<br />

Entschwefel ung (Soda) 2.70 RM 1,00 RM -<br />

Schlackenabfuhr 0,60 RM - -<br />

Phosphorzugabe - 1,50 RM -<br />

Kosten je t Roheisen 109,86 RM 121,45 RM 52,42 RM


84<br />

earl Borromäus Fickler*<br />

von Wolfgang Hilpert<br />

4. Wissenschaft <strong>und</strong> Wie<strong>de</strong>rerweckung <strong>de</strong>r" Gesellschaft" von 1805<br />

Pädagogisches Talent <strong>und</strong> ausgeprägte eigung zur Wissenschaft waren beim hochbegabten<br />

C.B.A. Fickler in glücklicher Weise gepaart. Ohne Zweifel ist er seinen beruflichen Pflichten<br />

korrekt <strong>und</strong> mit Veranrwortungsgefühl nachgekommen. nd doch spürt man aus zahlreichen<br />

Äußerungen, daß ihn <strong>de</strong>r gewählte Beruf nicht voll befri ed igte, daß er ihn als eine lästige<br />

otwendigkeit zur Existenzsicherung ansah, aber nicht unbed ingt al. seine wahre Beruf ung.<br />

So fin<strong>de</strong>n w ir Fickler während seiner gesamten Dienstzeit, ob in Donaueschingen in Rastatt<br />

o<strong>de</strong>r in M annheim, immer auch als fleißigen Wi senschaftier. Er steht insofern <strong>für</strong> <strong>de</strong>n im<br />

19. Jahrh<strong>und</strong>ert nicht eben seltenen Typus <strong><strong>de</strong>s</strong> auch w i sensehaftlieh tätigen Gymnasiallehrers.<br />

An<strong>de</strong>rerse its sprengt er <strong>de</strong>n normalen Rahmen durch die staunenswerte Fülle seiner wissenschaftlichen<br />

Aktivitäten.<br />

Verfolgt man Fick lers Publikationen in chronologischer Reihenfolge, so ist erkennbar, daß er<br />

ich zunächst mit Themen <strong>de</strong>r eigenen Schule <strong>und</strong> aus <strong>de</strong>m Bereich <strong>de</strong>r klassischen Phi lologie<br />

beschäftigte. 18 ) Dabei fehlt es nicht an Bezügen zum direkten Umfeld (<strong>Geschichte</strong> <strong>de</strong>r Schule,<br />

Donauquelle) o<strong>de</strong>r zur Po litik. Beispielhaft sei dies am Vorwort zu <strong>de</strong>r Arbeit "Einige über<br />

die griechischen Frauen im hi tori ehen Zeitalter", Schu I programm 1848, aufgezeigt. Fickler<br />

chreibt dort:<br />

"Von einer mehrjährigen Gewohnheit. <strong>de</strong>m Herbstprogramme eine Abhandlung aus <strong>de</strong>m Kreis <strong>de</strong>r<br />

vaterländischen <strong>Geschichte</strong> beizugeben, bin ich zu einer Zeit abgegangen. da man kaum ohne Schmerz<br />

<strong>de</strong>n amen <strong><strong>de</strong>s</strong> Vaterlan<strong><strong>de</strong>s</strong> aussprechen konnte. Ich wäh lte meinen Stoff aus <strong>de</strong>r c1assischen Zeit <strong>de</strong>r<br />

Griechen, welche <strong>de</strong>r Gegenwart so weit entrück t i t. daß die Furchen <strong>de</strong>r Lei<strong>de</strong>nschaft, von <strong>de</strong>nen<br />

freilich auch jene verunstaltet war, <strong>de</strong>m Blick en tschw in<strong>de</strong>n. dass ihr bru<strong>de</strong>rmör<strong>de</strong>risches Blut edler<br />

Rost <strong><strong>de</strong>s</strong> A lterthums be<strong>de</strong>cket. "<br />

Ein zweiter Themenkreis könnte mit "Fürstenbergica" umschrieben wer<strong>de</strong>n. 19) Hier<strong>für</strong> kamen<br />

FickJer seine guten Verbindungen zum Hof<strong>und</strong> se inen Räten, zu EEArchiv <strong>und</strong> Hofbibliothek<br />

sehr zustatten.<br />

Weitere Arbeiten mit Bezug zu Fürstenberg sind in späteren Jahren erschienen, als Fickler<br />

läng t von Donaueschingen weggezogen war, beruhen aber zumei t auf Vorstudien, die in die<br />

Donaue chinger Zeit zurückreichen. 20 )<br />

In <strong>de</strong>n Mannheimer Jahren dagegen veröffentlichte er Studien zu recht untersch iedlichen<br />

Themen. 2 i)<br />

War Fickler im ersten Jahrzehnt seines Dorl':\ueschinger Wirkens noch weitgehend wissenschaftlicher<br />

Einzelkämpfer, so konnte er seine Forschungen ab 1842 auf einen organisatorischen<br />

Rahmen stützen, <strong>de</strong>r ihm neue Verbindungen erschloß. Zu Beginn <strong>de</strong>r I 840er Jahre<br />

stieß er auf die Spuren <strong>de</strong>r "Gesellschaft <strong>de</strong>r Fre<strong>und</strong>e vaterländischer <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> aturge<br />

chichte an <strong>de</strong>n Quellen <strong>de</strong>r Donau", die 1805 auf Betreiben <strong><strong>de</strong>s</strong> Immendinger Reichsfreiheml<br />

Friedrich Roth von Schreckenstein gegrün<strong>de</strong>t wor<strong>de</strong>n war, aber nach vielversprechen<strong>de</strong>n<br />

Anfängen durch eine Vielzahl ungünstiger Zeitumstän<strong>de</strong> in Agonie verfallen <strong>und</strong> seit 181 8<br />

überhaupt nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten war. m<br />

* Fortsetzung <strong><strong>de</strong>s</strong> in <strong>de</strong>n Schri ften <strong>de</strong>r Baar, Bd. 40 ( 1997) S. 11 ff. abgedruckten Aufsatzes<br />

vom gleichen Verfasser


85<br />

Zusammen mit seinem Gymnasiumskollegen Laubis <strong>und</strong> <strong>de</strong>m <strong>für</strong>stlichen Leibarzt Emil<br />

Rehmann gelang Fickler am 30. Oktober 1842 eine Wie<strong>de</strong>rgründung unter <strong>de</strong>m leicht verän<strong>de</strong>rten<br />

Namen "Verein <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> Naturgeschichte an <strong>de</strong>n Quellen <strong>de</strong>r Donau" . Der<br />

neue "Verein" übemahm von <strong>de</strong>r alten "Gesellschaft .. weitgehend die elitäre Zusammen etzung.<br />

Eine gründliche Verschiebung ergab sich jedoch unter <strong>de</strong>m "<strong>Vereins</strong>sekretär" Fickler bei <strong>de</strong>r<br />

fachlichen Gewichtung. Hatten in <strong>de</strong>r alten Gesellschaft die naturwissenschaft lichen Disziplinen<br />

absoluten Vorrang gehabt, so rückte jetzt die <strong>Geschichte</strong> in <strong>de</strong>n Vor<strong>de</strong>rgr<strong>und</strong>. Fickler<br />

bot sich nun eine Fülle von Möglichkeiten, seinen Interessengebieten, speziell <strong>de</strong>r Archäologie,<br />

zu frönen. Er leitete Au grabungen, vermaß <strong>und</strong> beschrieb eigene <strong>und</strong> frem<strong>de</strong> Grabungen,<br />

hielt Vorträge <strong>und</strong> beriet Behör<strong>de</strong>n. In kurzer Zeit war er ein gefragter Gutachter <strong>für</strong> die<br />

Staatsinstanzen, wenn es um Fragen <strong>de</strong>r Erhaltungswürdigkeit von Bo<strong>de</strong>n<strong>de</strong>nkmälern ging.<br />

Wenn auch Ficklers Zeichnungen von archäologischen F<strong>und</strong>situationen einen wenig professionellen<br />

Eindruck machen mögen, so wirken sie aber doch allein schon durch ihre Akkuratesse<br />

sympathi sch (Abb. 5 sowie Abb. 3,4 in Teil I <strong><strong>de</strong>s</strong> Aufsatzes); die zugehörigen Texte hingegen<br />

zeugen von größter Genauigkeit <strong>und</strong> Sorgfal1. 23 ) 1846 gelang Fickler die Verwirklichung<br />

eines seit Jahren gehegten Wunsches: er fand eine kostengün tige Lösung <strong>für</strong> die Publikation<br />

<strong>de</strong>r historischen Arbeiten in<strong>de</strong>m er die<br />

geschichtliche Abteilung <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> als<br />

Filialverein <strong>de</strong>m Altertumsverein <strong>für</strong> das<br />

Großherzogturn Ba<strong>de</strong>n anschloß. Tatsächlich<br />

er chien bis 1848 eine ganze Reihe von<br />

Donaueschinger historischen Beiträgen in<br />

<strong>de</strong>r Schriftenreihe <strong><strong>de</strong>s</strong> Altertumsvereins.<br />

J 848 en<strong>de</strong>te das Wirken Ficklers in Donaueschingen<br />

<strong>und</strong> im Verein durch seine Versetzung<br />

nach Rastatt. Mit Befriedigung<br />

blickte er in seinem Rechenschaftsbericht<br />

am 5. Juli 1848 auf das Geleistete zurück.<br />

Es seien mehr historische als naturwissen- ,<br />


86<br />

seine mit <strong>de</strong>r conservati ven Politik unserer Tage allerdings nicht hamlOnieren<strong>de</strong> Überzeugung<br />

... in nicht geeigneter Tischgesellschaft laut wer<strong>de</strong>n" lasse 25 ). Seit 1846 spitzte sich in Donaueschingen<br />

die Auseinan<strong>de</strong>rsetzung zwischen liberalen Kl einbürgern <strong>und</strong> konservati ver<br />

Hofpartei merklich zu. Fi ckl er strebte daher eine n Ortswechsel an. In seiner Schuljahres­<br />

Schlußre<strong>de</strong> 1847 brachte er <strong>de</strong>utlich zum Ausdruck. daß dies seine letzte Schulre<strong>de</strong> in Donaueschingen<br />

sein wer<strong>de</strong>. Doch er wur<strong>de</strong> wi<strong>de</strong>r Erwarten nicht versetzt <strong>und</strong> erlebte nun hautnah<br />

mit, wie sich die politische Ause inan<strong>de</strong>rsetzung verschärfte: Auf <strong>de</strong>r einen Seite die immer<br />

radikaler wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong>n For<strong>de</strong>rungen <strong>de</strong>r zahlreichen liberalen <strong>und</strong> <strong>de</strong>mokrati schen Kleinbürger<br />

di e ationalstaat <strong>und</strong> garantierte Verfassungsrechte anstrebten <strong>und</strong> <strong>de</strong>nen insbeson<strong>de</strong>re die<br />

noch verbliebenen feudalen Reservatrechte <strong>de</strong>r <strong>für</strong> tenbergi chen Stan<strong><strong>de</strong>s</strong>herrschaft ein Dom<br />

im Auge waren, auf <strong>de</strong>r an<strong>de</strong>ren Seite die strikt an <strong>de</strong>n lehensrechtlich-hierarchisch-autoritären<br />

Strukturen fes th alten<strong>de</strong>n Hofbeamten <strong>und</strong> di e konservati v ausgerichteten Bildungsbürger.<br />

Al s bereit im März die revolutionären Wogen von Frankreich kommend auch nach Donaue<br />

chingen überschwappten, kam ein kon ervati v <strong>de</strong>nken<strong>de</strong>r <strong>und</strong> prinzipientreuer Mann wie<br />

Fickler bald ins Gedränge. Es war durchau konsequent, daß <strong>de</strong>r gestrenge Professor, <strong>de</strong>r auf<br />

Leistung, Disziplin <strong>und</strong> Kirchentreue achtete <strong>und</strong> Rauchen o<strong>de</strong>r Wirtshausbesuche von<br />

Schülern mit Karzer bestrafte, nicht als Heroe <strong><strong>de</strong>s</strong> Freiheitsgedankens gelten mochte. Folgerichti<br />

g versuchte nun die revolutionäre Stadtregierung unte r Bürgermeister Raus, die konservati<br />

ve n o<strong>de</strong>r <strong>für</strong> antirevolutionär gelten<strong>de</strong>n Exponenten wie Fi ckl er <strong>und</strong> auch Stadtpfarrer<br />

Krebs zum Rücktrin zu bewegen. 1m fo lgen<strong>de</strong>n wird die von Fi ckler persönlich in die Schulakten<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Gymna iums eingetragene Kopie <strong><strong>de</strong>s</strong> städtischen Schreibens wie<strong>de</strong>rgegeben, das<br />

Fickler "Verfahren d. revolutionären Junta dahier gegen Dir. Fi ckler" nennt:<br />

" Donaueschingen 26 M ärz 1848.<br />

Gemein<strong>de</strong> Ralh <strong>de</strong>r Stadt Donaueschingen an Gymna . Director Fick ler dah ier.<br />

Es wur<strong>de</strong> <strong>de</strong>m Gemein<strong>de</strong>rath eine von einer grössern A nzahl hiesiger Bürger unterzeichnete<br />

Be chwer<strong><strong>de</strong>s</strong>chrift überreicht, wori n Ihre augenblikliche Ent fernung von hiesiger Lehranstalt verlangt<br />

wird, in<strong>de</strong>m Sie durch Ihre bi sher an <strong>de</strong>n Tag gelegte volksfeindliche <strong>und</strong>jesuitlische (sic) Richtung,<br />

al Lehrer <strong>de</strong>r Jugend das allgemeine Vertrauen gänzlich verwirkt haben.<br />

Wir sezen sie hiennit von diesem Verl angen auf offi ziellem Wege in Kenntni s um Ihre weitem, Ihnen<br />

bel iebigen M assregeln hiernach richten zu können, <strong>und</strong> verbin<strong>de</strong>n damit die weitere Bemerkung dass<br />

es uns bei die er wirklichen Volkssri mmung unmöglich sein wü r<strong>de</strong>, Ihnen bei längernl Verwei len <strong>de</strong>n<br />

nöthigen öffentlichen Schutz zu gewähren .<br />

Raus. Heizmann, Kleiser. M ayer, Allllle<strong>de</strong>r, J.B.Baur. "26l<br />

Fickler reagierte nach einem Gespräch mit <strong>de</strong>m Ephorus Dilger mit einem Brief an <strong>de</strong>n<br />

Gemein<strong>de</strong>rat, in <strong>de</strong>m er eine Abschrift <strong>de</strong>r Beschwer<strong><strong>de</strong>s</strong>chri ft for<strong>de</strong>rt, im übrigen aber erklärt,<br />

sich selbst vor etwaigen brutalen Angri ffen schützen zu können. Im übrigen habe er kein<br />

schlechtes Gewi ssen <strong>und</strong> habe außer<strong>de</strong>m von sich aus eine Wegversetzung schon vor längerer<br />

Zeit beantragt. ach erneuter Drohung eies Bürgerm eisters. daß Fickl er die Anstalt binnen<br />

acht Tagen verlassen müsse <strong>und</strong> im Weigerungsfalle mit "etwaigem Spectakel" rechnen müsse.<br />

erkl ärt Fi ckl er, er wer<strong>de</strong> die von seine r Schulbehör<strong>de</strong> angesetzten Prü fungen abhalten <strong>und</strong><br />

dann weiter sehen. un wur<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Ephorus Dilger ängstlich <strong>und</strong> bekniete Fi ckJer, sich von<br />

Donaueschingen zu entfernen. was Fickler aber kategori sch ablehnte. - Die Großherzogliche<br />

Regierung belobigte ihn später <strong>für</strong> seine Standhafti gkeit.<br />

Al s sich im weiteren Verl auf <strong>de</strong>r Ereignisse auch die noch in Donaueschingen verbliebenen<br />

Hofchargen in zwei Lager teilten. saß Fickler zwischen allen Stühlen. bis württembergische<br />

Truppen am 15. April in Donaueschingen einrückten, was Fickler mit Genugtuung registrierte.<br />

Jahre später beschrieb er seine Situation 0:


87<br />

"Ich halle im Jahre 1848 in meinem frühem Wohnorte unter angedrohter Lebensgefahr meinen Posten<br />

behauptet, bis durch wün embergische Bajonette Erlösung kam, obwohl vielleicht mancher Wohlgesinnte<br />

mich über alle Berge wünschte, weil e in Angriff auf mich auch ihm die Ungelegenheit einer Katzenmusik<br />

o<strong>de</strong>r zerbrochener Fensterscheiben machen konnte. " 27)<br />

6. Vom Regen in die Traufe - Fickler in Rastatt<br />

En<strong>de</strong> September 1848 hatte Fickler das Ziel seiner Versetzung erreicht, er wur<strong>de</strong> an da<br />

Lyceum nach Rastatt versetzt, wo er dann bis En<strong>de</strong> 185 1 als Professor wirkte. Der vermeintl iche<br />

Abstieg vom Direktor <strong><strong>de</strong>s</strong> Gymnasiums zum Professor am Lyceum war <strong>für</strong> ihn eigentlich<br />

eine Verbesserung, <strong>de</strong>nn die Lyceen waren, wie früher dargelegt 28l , seit 1836 das, was heute<br />

einem Vollgymnasium entspricht. Im übrigen war die Tätigkeit eines Direktors am Gymnasium<br />

zu jener Zeit kaum mit irgen<strong>de</strong>iner selbständigen Gestaltungsfreiheit verb<strong>und</strong>en, wie ja auch<br />

<strong>de</strong>r gesamte behördliche Schriftverkehr immer über <strong>de</strong>n Ephorus zu laufen hatte. Ficklers<br />

Intentionen kam die Profes orenstelle am Lyceum je<strong>de</strong>nfalls entgegen, zumal ihm ausdrückJjch<br />

das bisherige Jahresgehalt von 1400 Gul<strong>de</strong>n garantiert wur<strong>de</strong>.<br />

Fickler hätte jetzt mehr Zeit <strong>für</strong> seine übrigen Studien gehabt, jedoch kam er in eine Stadt, die<br />

Bun<strong><strong>de</strong>s</strong>festung war. Daher spielten hier di e militärischen Erfor<strong>de</strong>rnisse in einer Krisenzeit<br />

ei ne größere Ro lle als die zivilen. Das bekam Fickler vor allem 1849 zu spüren, als die<br />

Paul skirche endgültig gescheitert war, die alten Kräfte wie<strong>de</strong>r im Sattel aßen aber noch ein<br />

letzter Ver uch zur Rettung <strong>de</strong>r I<strong>de</strong>e von Einheit <strong>und</strong> Verfassung durch einen Volksaufstand<br />

versucht wur<strong>de</strong>. Die Rastatter Bun<strong><strong>de</strong>s</strong>festung, zum Teil mit regulären badischen Truppen<br />

besetzt, die aber auf die Seite <strong>de</strong>r Revolution übergewechselt waren, war das letzte Bollwerk<br />

<strong>de</strong>r Demokraten. Nun mußten nicht nur di e Soldaten dienen , son<strong>de</strong>rn auch die Bürger <strong>de</strong>r<br />

Stadt, auch die Professoren <strong><strong>de</strong>s</strong> Lyceums, ja sogar die Schüler <strong>de</strong>r oberen Kla sen. Fickler<br />

fand jedoch, wie er in seinem außeror<strong>de</strong>ntlich lesenswerten Buch "ln Rastatt 1849" beschreibt,<br />

Wege sich vom Waffendienst freizukaufen <strong>und</strong> <strong>de</strong>rwe il seine Studien weiterzuführen <strong>und</strong><br />

auch einmal seinen auf <strong>de</strong>m Hohenasperg bei Stuttgart gefangenen Bru<strong>de</strong>r, <strong>de</strong>n an <strong>de</strong>r<br />

revolutionären Spitze agieren<strong>de</strong>n Joseph Fickler zu besuchen.<br />

ach <strong>de</strong>r Einnahme Rastatts durch preußi sche Truppen hatte Fickler eine reine Weste <strong>und</strong><br />

genoß an<strong>de</strong>rerseits offensichtlich auf a llen Seiten wegen seiner Sachkenntnis <strong>und</strong> seiner<br />

Sachl ichkeit Respekt. Die preußischen Sieger setzten ihn daher als offiziellen Verteidiger bei<br />

etwa 100 Kriegsgerichtsverfahren gegen Revolutionäre ein. Von <strong>de</strong>n von ihm Verteidigten<br />

wur<strong>de</strong> keiner zum Tod verurteilt.<br />

7. In ruhigerem Fahrwasser - die Mannheimer Jahre<br />

En<strong>de</strong> l85 l war Fickler nach Mannheim umgezogen <strong>und</strong> unterrichtete von Januar 1852 an<br />

am dortigen Lyceum hauptsächlich das Fach <strong>Geschichte</strong>. Er hatte nun eine reine Staatsste lle<br />

inne, wodurch er von geistlichen Verpflichtungen bzw. finanzieller Abgeltung <strong>für</strong> e inen Vertreter<br />

frei war. FickJer fiel auch in Mannheim rasch als äußer t kompetenter, vielseitig interessierter,<br />

energiegela<strong>de</strong>ner, zugleich aber umgäng licher Mann auf. Seine Bekanntheit in <strong>de</strong>r<br />

Fachwelt <strong>und</strong> seine Geschichtsprofes ur am Lyceum ließen ihn als geeigneten Kandidaten<br />

<strong>für</strong> das 1855 frei gewor<strong>de</strong>ne Amt eines Custos am Antiquarium erscheinen. Dies war eine<br />

be<strong>de</strong>uten<strong>de</strong> archäologische Sammlung im Besitz <strong><strong>de</strong>s</strong> Großherzogs, die aber öffentlich zugänglich<br />

war <strong>und</strong> zugleich auch als Lehrsammlung <strong>für</strong> das Lyceum diente. 29l<br />

AI Fickler nach einigem hin <strong>und</strong> her das Custo<strong>de</strong>n-Amt übertragen wor<strong>de</strong>n war, betrachtete<br />

er es von Anfang an al sein Hauptanl iegen, das Antiquarium e iner vollständigen Revision zu<br />

unterziehen. Viele bisher unrichtig gelesene Inschriften, fe hlen<strong>de</strong> o<strong>de</strong>r feh lerhafte Beschrif-


88<br />

tungen <strong>und</strong> ein Katalog, <strong>de</strong>r wissenschaftl ichen Ansprüchen nicht genügte, spornten ihn zum<br />

Han<strong>de</strong>ln an. Durch zahlreiche Verän<strong>de</strong>rungen <strong>und</strong> - mo<strong>de</strong>rn ausgedrückt - geschickte PR­<br />

Aktionen gelang es ihm, die Aufmerksamkeit breiterer Kreise auf die Schätze <strong><strong>de</strong>s</strong> Antiquariums<br />

zu lenken <strong>und</strong> viele Besucher anzulocken.<br />

In Mannheim bekam Fickler auch Verbindung zu <strong>de</strong>m aus Amerika gebürtigen PrivatgelehJten<br />

l acob August Lorent. <strong>de</strong>r sich mit <strong>de</strong>r Foto-Dokumentation von Bau<strong>de</strong>nkmälern einen amen<br />

gemacht hatte. Durch ihn kam FickleI' mit <strong>de</strong>m noch gan z jungen Medium Fotografie in<br />

Verbindung. Bereits 1861 ließ er die wertvollsten Stücke <strong><strong>de</strong>s</strong> Antiquariums von Lorent aufnehmen.<br />

30 ) Kopien dieser Aufnahmen nahm Ficklerdann auf eine archäologische Studienreise<br />

nach Berlin , Dres<strong>de</strong>n, Prag, Wien <strong>und</strong> München al Gastgeschenke mit, wa ihm wie<strong>de</strong>r<br />

Vorteile <strong>für</strong> sein eigenes Institut brachte.<br />

Mit Lorent zusammen unternahm Fickler 1863/64 eine längere Studienreise in <strong>de</strong>n Vor<strong>de</strong>ren<br />

Orient <strong>und</strong> nach Ägypten. Die Reise hatte, wie wir aus seiner Selbstbiographie erfahren, das<br />

Ziel, "in <strong>de</strong>n verlaßenen Christenstädten zwi chen Antiochia <strong>und</strong> Aleppo photographische<br />

Aufnahmen u. Abschriften <strong>de</strong>r zahlreichen Inschriften zu veranstalten" . 3 1) Vor allem wegen<br />

ungünsti ger Wetterverhältnisse cheint die Reise nicht ganz pl anmäßig verlaufen zu sein ,<br />

wird aber von Fickler in seiner Selbstbi ographie als "gleichwol erregend <strong>und</strong> unterrichtend"<br />

bewettet.<br />

Neben <strong>de</strong>r Betreuung <strong><strong>de</strong>s</strong> Antiquarium reizten Fickle I' im außerschulischen Bereich auch<br />

noch weitere Aufgaben. So war er im Mannhe imer Kunstverei n rege tätig, <strong>de</strong>n er später sogar<br />

leitete. ebenso im Literarisch-Geselligen Verein - wohl mit <strong>de</strong>r Donaueschinger Museumsgesell<br />

schaft zu vergleichen - <strong>und</strong> in <strong>de</strong>r Hannonie-Gesellschaft. 1859 war er e iner <strong>de</strong>r Hauptorganisatoren<br />

<strong>de</strong>r Schillerfeier. Eine beson<strong>de</strong>re Ehre war <strong>für</strong> ihn die Mitglied chaft im wissenschaftlichen<br />

Stab <strong><strong>de</strong>s</strong> Germanischen ationalmuseums in ürnberg; Fickler war <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Beauftragter<br />

<strong>für</strong> <strong>de</strong>n badi sche n Raum; bei einem<br />

seiner ürnberg-Aufenthalte ist auch das Foto<br />

(Abb. 6) entstan<strong>de</strong>n, das Fickler um 1860<br />

dcu·stellt. 32 )<br />

Zu erwähnen ist we iterhin sein Engagement <strong>für</strong><br />

die Mannheimer Stadtgeschichte: seit 1862 bis<br />

ei nschließlich 1870 verfaßte e r die l ahreschroniken<br />

<strong>de</strong>r Stadt. Den Plan einer umfassen<strong>de</strong>n<br />

<strong>Geschichte</strong> Mannheims konnte er a llerding<br />

nicht mehr verwirklichen.<br />

In diesem Zusammenhang muß Ficklers Wirken<br />

im Mannhei mer Altertumsverein erwähnt<br />

wer<strong>de</strong>n, bot sich ihm hier doch so etwas wie<br />

e in Ersatz <strong>für</strong> die frühere <strong>Vereins</strong>tätigkeit in<br />

Donaueschingen.<br />

Abb. 6: C.B.A. Fickler um 1860. Foto von Johann<br />

Jakob Eberhardt, ürnberg. Aus Privatbesitz. Die<br />

Reproduktion wur<strong>de</strong> mir fre<strong>und</strong>licherweise von P.<br />

G ALLI , Stutlgart, zur Ve rfügung gestellt.


89<br />

Abb. 7: C.B.A. Ficklerin<strong>de</strong>n spälen<br />

1860er Jahren. Aus: F. W ALTER,<br />

<strong>Geschichte</strong> Mannheims, Bd. 1I,<br />

1907, S. 553.<br />

Der Mannheimer Altertumsverein<br />

war 1859 entstan<strong>de</strong>n <strong>und</strong><br />

verfolgte zunächst nur das Ziel,<br />

die archäologischen Zeugnisse<br />

aus <strong>de</strong>m regionalen Umfeld zu<br />

sammeln <strong>und</strong> zu sichem. 33 ) Bald<br />

aber wur<strong>de</strong> <strong>de</strong>utlich, daß eine<br />

wi sensehaftliehe Aufarbeitung<br />

<strong>de</strong>r Grabungsf<strong>und</strong>e (etwa von<br />

La<strong>de</strong>nburg-Lopodunum) wünschenswert<br />

war. In Fickler sah<br />

man <strong>de</strong>n i<strong>de</strong>alen Partner, <strong>de</strong>r<br />

fachlich beste Voraussetzungen<br />

mitbrachte <strong>und</strong> über exzellente<br />

Verbindungen zu führen<strong>de</strong>n<br />

Vertretem <strong>de</strong>r Wissenschaft verfügte.<br />

34 ) Fickler konnte <strong>für</strong> <strong>de</strong>n<br />

jungen Verein gewonnen wer<strong>de</strong>n<br />

<strong>und</strong> erwies sich alsbald als<br />

ein hervorragen<strong>de</strong>r Promotor<br />

<strong>de</strong>r archäologischen Forschung.<br />

Er i<strong>de</strong>ntifizierte, be chrieb <strong>und</strong><br />

katalogisierte zahlreiche F<strong>und</strong>e<br />

<strong>und</strong> sorgte darüber hinaus durch<br />

Vorträge <strong>und</strong> Veröffentlichungen in Fachzeit chriften <strong>für</strong> das Bekanntwer<strong>de</strong>n. Mit seinem<br />

Sinn <strong>für</strong> kluge Organi sation <strong>und</strong> prakti sche Lösungen schaffte Fickler 1870 schließlich ei n<br />

integrales Sammlungskonzept. Es sah die räumliche Zusammenlegung <strong>und</strong> gemeinsame Betreuung<br />

von Antiquarium, Sammlung <strong>de</strong> Mannheimer Altertumsvereins <strong>und</strong> <strong>de</strong>r neuen Öffentlichen<br />

Bibliothek vor. in die wie<strong>de</strong>rum die Restbestän<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Hofbibliothek inkorporiert wur<strong>de</strong>n.<br />

A llerdings verzögerte sich die Velwirklichung durch die vorübergehen<strong>de</strong> kriegsbedingte (1870/<br />

7 1) Umwidmung <strong><strong>de</strong>s</strong> Schlosses wie durch Ficklers gleichzeitig hohe Berufsbelastung: er hatte<br />

zu dieser Zeit die Direktionsgeschäfte <strong>für</strong> das Mannheimer Lyceum zu besorgen, worüber er<br />

sich auch in einem Brief an ei nen Donaueschinger Fre<strong>und</strong> ausläßL 35 ) och bevor dann <strong>de</strong>r<br />

Plan <strong>de</strong>r großen Lösung in die Tat umgesetzt wer<strong>de</strong>n konnte, erkrankte er <strong>und</strong> starb bald<br />

darauf. Durch seinen Tod wur<strong>de</strong> die Umsetzung dieser Konzeption um viele Jahre<br />

hinausgezögert. 36 )<br />

8. Die alten Fre<strong>und</strong>schaften leben noch - Briefkultur vom Feinsten<br />

Aus Ficklers Mannheimer Zeit haben wir nur wenige Zeugnisse <strong>für</strong> Kontakte zu seinem<br />

früheren Wirkungskrei Donaueschingen, sie sind allesamt seinen letzten Lebensjahren<br />

zuzurechnen. Doch darf aus Ficklers fami li ärem Umgangston in <strong>de</strong>n wenigen erhaltenen<br />

Briefen geschlossen wer<strong>de</strong>n. daß fre<strong>und</strong>schaftliche Kontakte auch über die Jahrzehnte nie<br />

ganz abgeri ssen waren.


90<br />

Erneuerte K ontakte nach Donaueschingen wer<strong>de</strong>n greifbar im Zusammenhang mit <strong>de</strong>m<br />

Wie<strong>de</strong>raufleben <strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>Vereins</strong> <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> Naturgeschichte, <strong>de</strong>r nach Ficklers Abgang<br />

1848 so gut wie nicht mehr ex istent war. Als 1868/69 Pläne, die verstreut gelagerten <strong>für</strong>stlichen<br />

Sammlungen in einem mo<strong>de</strong>rnen Sammlungsgebäu<strong>de</strong> in Donauesch ingen zusammenzufas<br />

en, konkrete Gestalt annahmen 37 ), besann man sich im Kreise ehemaliger Mitglie<strong>de</strong>r<br />

auf die unterbrochene Tradition <strong>und</strong> auch darauf, daß ganze Teile <strong>de</strong>r <strong>für</strong>stlichen Sammlungen<br />

ihre Existenz <strong>de</strong>m Eifer <strong>de</strong>r <strong>Vereins</strong>vorfahren verdankten. 381<br />

Rückenwind kam auch von <strong>de</strong>r allgemeinen Zunahme <strong><strong>de</strong>s</strong> Geschichtsinteresses <strong>und</strong> vom<br />

Ausbau von FFArchiv <strong>und</strong> FFHofbibliothek zu wissenschaftlichen Instituten von Rang.<br />

ln bewußter Anknüpfung an das Gründungsdatum <strong>de</strong>r ehemaligen "Gesellschaft <strong>de</strong>r Fre<strong>und</strong>e<br />

vaterländischer <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> aturgeschichte an <strong>de</strong>n Quellen <strong>de</strong>r Donau" ( 19.01.1805)<br />

wur<strong>de</strong> am 19.01. 1870 eine Wie<strong>de</strong>rgründung vollzogen, jetzt unter <strong>de</strong>m Namen "Verein <strong>für</strong><br />

<strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> aturgeschichte <strong>de</strong>r Baar <strong>und</strong> angrenzen<strong>de</strong>n Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>teile in Donaue chingen".<br />

Fi ckler wur<strong>de</strong> alsbald die Ehrenmitgliedschaft angetragen, die er mit Freu<strong>de</strong>n annahm, zumal<br />

se in Fre<strong>und</strong> Emil Rehmann das Amt <strong><strong>de</strong>s</strong> " Vorstan<strong><strong>de</strong>s</strong>" beklei<strong>de</strong>n durfte, während die bei<strong>de</strong>n<br />

Fachrichtungen nur durch "Schri ftführer" veI1reten waren.<br />

Hier sei <strong>de</strong>m Verfasser gestartet, einmal von eigenen Kommentaren Abstand zu nehm en <strong>und</strong><br />

nur drei Briefe Ficklers - wohl alle an Rehmann gerichtet - sprechen zu lassen. 39l Die Kultiviertheit.<br />

Feinfühligkeit, Höflichkeit <strong>und</strong> Bildung, aber auch die Wortgewandtheit <strong>und</strong> humorig-witzige<br />

Art Ficklers spricht ganz unmittelbar aus <strong>de</strong>n originalen Texten <strong>und</strong> bedarf<br />

daher keiner Vermittlerrolle.<br />

Brief vom 23. Januar 1870:<br />

Be ter. verehrter Fre<strong>und</strong>!<br />

Schon seit einigen Tagen zehre ich an <strong>de</strong>r Freu<strong>de</strong>. daß wa wir vor rast dreiss ig Jahren zu sammen<br />

ge säet <strong>und</strong> nach Kräften gepnegt hanen nun plözlich wie<strong>de</strong>r aus langjährigem Winterschlafe erwacht<br />

unter Deiner pnege auf eue keime <strong>und</strong> aufblühe, <strong>de</strong>r Verein. an <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Spi ze Du unter gü nstigen<br />

Au picien getreten bis\.<br />

Daß meine besten Wünsche <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Verein, mein guter Wille, <strong>de</strong>mselben mit meinem geringen<br />

Aufgebote von Wi sen <strong>und</strong> freier Zeit dienstbar zu sein, daß meine Bereitwilligkeit, <strong>de</strong>nselben aur je<strong>de</strong><br />

mir mögliche Weise zu för<strong>de</strong>rn , <strong>de</strong>m neu begrün<strong>de</strong>ten zu vollkommen freier Verfügung stehen, wirst<br />

Du auch ohne meine Versichenmg mit Recht vorausgesezt haben.<br />

Daß Du die Absicht äußertest. mich auch als Ehrenmitgl ied mit <strong>de</strong>mselben verknüpft zu halten, ist mir<br />

eh rend <strong>und</strong> erfreulich.<br />

Zwar wer<strong>de</strong> ich. rerne von <strong>de</strong>n Quellen spec iell geschichtlicher Forschung Eueres Bezirkes <strong>de</strong>m Vereine<br />

nicht so viele Beiträge liefern können. als ich wünsche. <strong>de</strong>nnoch habe ich in meinem ExcerptenKasten<br />

vielleicht noch M anches, was Euch för<strong>de</strong>rlich sein dürfte.<br />

Für mich aber wird dieser Anknüprungspunkt auch um <strong><strong>de</strong>s</strong>willen doppelt erwünscht sein, weil er mir<br />

ein igen Ersaz <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Verlust so anregen<strong>de</strong>n Verkehrs mit bewährten Fre<strong>und</strong>en bieten wird.<br />

Du erinnerst Dich noch an <strong>de</strong>n Tag nach Deiner erfreulichen Wie<strong>de</strong>rgenesung, da wir eine <strong>de</strong>r lezten<br />

Sizungen auf Deiner Bu<strong>de</strong> hielten <strong>und</strong> ich nach ei nem Vortrage über das mittelalterliche Öfingen <strong>und</strong><br />

nach Abschluß <strong><strong>de</strong>s</strong> Protokolls noch einmal ansti eß <strong>und</strong> agte "Jezt aber schreibe mir 'was auf, <strong>de</strong>nn ich<br />

wer<strong>de</strong> recht krank". Es war jene Krankheit, in welcher Du mich aus <strong>de</strong>m häßlichen Phantasiren, daß<br />

<strong>de</strong>r würdige Pastor von Öfingen, <strong>de</strong>r alte Wachs, in meinem Belle liege <strong>und</strong> daß einer meiner Schenkel<br />

eigentl ich ihm gehöre, durch Absud von Leontodon Taraxacummich so wacker kurirlest, daß meine<br />

Auferstehung gleich durch eine chlittenfahrt nach Blumberg inaugurirt wur<strong>de</strong>.<br />

Dergleichen St<strong>und</strong>en anregendster Art in Freu<strong>de</strong> <strong>und</strong> Leid wer<strong>de</strong>n mir gewiß zur Genüge an die<br />

Obernäche <strong>de</strong>r Erinnerung auftauchen. wenn ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit <strong>und</strong> Veranla ung<br />

fin<strong>de</strong>. bei Euern Versammlungen persönlich o<strong>de</strong>r schrirtlich mich einzufin<strong>de</strong>n.


91<br />

Daß ich aber auch an <strong>de</strong>n kleinen Lasten <strong><strong>de</strong>s</strong> Vere ins me inen The il zu tragen gerne bereit bin, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen<br />

zu einer wahren Urk<strong>und</strong>e habe ich die beigelegte Erklärung unterschriebe n.<br />

An Dr. Barrack habe ich meinen Aufsaz über Tannheim eingesandt, <strong>de</strong>r ja zu <strong>de</strong>n Akten <strong><strong>de</strong>s</strong> Vere ins<br />

gehört.<br />

Mit meinen besten Wün ehen <strong>für</strong> das freudige Ge<strong>de</strong>ihen <strong>de</strong>r neuen Stiftu ng begrü se ich in e rste r<br />

Reihe jene <strong>Vereins</strong>mitg lie<strong>de</strong>r, die ich persönlich kenne; vorab aber Dich <strong>und</strong> die zwar ausserhalb <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Vere ins stehen<strong>de</strong>, <strong>de</strong>mselben aber als treue Gartin gewiß geneigte werthe Hausfrau.<br />

In alten Treuen<br />

Dein<br />

CBA Fickler<br />

Brief vom 14. Oktobe r 1870:<br />

Lieber Fre<strong>und</strong>!<br />

Tch muß von hier noch <strong>de</strong>n Spätling e iner Entschu ldigung nachholen, daß ic h Deiner Frau, welche r<br />

ich meinen Respect hiermit zu His en lege, nicht nach me inem Vorsaz meine persönlichen Grüsse<br />

w idmen konnte.<br />

Allein drei St<strong>und</strong>en Schlafe in <strong>de</strong>r vorhe rgehen<strong>de</strong>n acht <strong>und</strong> die Aussicht auf Schlaflosigkeit <strong>de</strong>r<br />

fo lgen<strong>de</strong>n bannten mich vor <strong>und</strong> nac h Ti sch au f das Lotterbett bis es überhaupt zu spät war noch<br />

e ine n Besuch zu machen.<br />

Die Strafe <strong>für</strong> diese Versäumniß hast Du in<strong><strong>de</strong>s</strong>sen noch <strong><strong>de</strong>s</strong>selben Abends mir durch die Prophezeiung<br />

me iner Nachtfahrt re ichlich ertheilt; scha<strong>de</strong> nur, daß sie be<strong>de</strong>utend an Ungenauigkeit litt, wie folgen<strong>de</strong><br />

Darstellung zeigen wird.<br />

In Villingen hattest Du mir 5/4 St<strong>und</strong>en Aufe nthalte geweissagt; da <strong>de</strong>r Zug aber mit 3/4 Ver pätung<br />

von Donaueschingen abgieng verkürzte sich <strong>de</strong>r Aufenthalt auf eine halbe St<strong>und</strong>e, die ich vo llauf<br />

brauchte, um mit phi losophischem Scharfsinn an <strong>de</strong>m Gr<strong>und</strong>e herum zu rathen, warum, da we it <strong>und</strong><br />

breit ke in Zug mehr ankam, <strong>de</strong>r leere Postwagen seine I 1/2 St<strong>und</strong>en auf die Ankunft <strong><strong>de</strong>s</strong> Gespannes<br />

warten müsse. Endlich aber kamen halbträumend die Pfer<strong>de</strong> herbei <strong>und</strong> fort giengs durch mir unbekannte<br />

Stra sen zum Posthause, wo ich erst recht meine Klugheit bew<strong>und</strong>ern lernte, m ittels Drahtbe richts<br />

meinen Plaz im Coupe bestellt zu haben.<br />

Denn da wur<strong>de</strong>n wir richtig zu Dreien e ingepackt. <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Kenner eine liebe Aussicht auf eine achtfahrt,<br />

<strong>und</strong> fort sezte sich die Maschine in Bewegung. Daß in St. Georgen, daß an <strong>de</strong>r Kreuzbrücke die Herrn<br />

Secretäre <strong>und</strong> Hausknechte geweckt wer<strong>de</strong>n mu ßten war gera<strong>de</strong> nicht ungewöhnlich, machte auch an<br />

keinem Orte mehr als e ine halbe St<strong>und</strong>e Aufenthalt. Be<strong>de</strong>nkliche r freilich sah die Sache in Hornberg<br />

au , wo wir <strong>de</strong>n Beiwagen gera<strong>de</strong>zu verl oren hatten. Zwar betheuerte <strong>de</strong>r wackere Conducteur o<strong>de</strong>r<br />

Schaffner, daß e r <strong>de</strong>m PostilIon einen gewissen Körperthe il ein chlagen wolle, <strong>de</strong>n er "Kriz" nannte;<br />

aber wir kamen damit doch nicht vorwärts son<strong>de</strong>m <strong>de</strong>liberirten ohne äussere Wirkung in <strong>de</strong>m achtnebel<br />

herum. Selbst <strong>de</strong>r würdige Posthalte r gab seine Hypothese zum Besten, daß "<strong>de</strong>mm Kerl " gewiß was<br />

passi rt sei.<br />

Endlich nach einer St<strong>und</strong>e etwa kam ein keuchen<strong>de</strong>r Passagier <strong><strong>de</strong>s</strong> Beiwagens zu Fuß an <strong>und</strong> mel<strong>de</strong>te.<br />

daß <strong><strong>de</strong>s</strong> en Pfer<strong>de</strong> bei ie<strong>de</strong>rwasser das System <strong>de</strong> pas iven Wi<strong>de</strong>rstan<strong><strong>de</strong>s</strong> in ausgiebigstem Maaße<br />

eingeschlagen hätten, d.h. die Köpfe über die Deichsel legten <strong>und</strong> bei ausgiebiger Bearbeitung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

entgenge ezten Körperthe il s nur rü ckwärts <strong>de</strong>n Wagen gegen die Strebemauer <strong>de</strong>r Gutach drängten.<br />

Obgleich <strong>de</strong>r Schaffner jezt auch noch <strong>de</strong>n Hirn chä<strong>de</strong>l <strong><strong>de</strong>s</strong> unglücklichen PostilIons mit Vernichtung<br />

bedrohte, kamen talt <strong><strong>de</strong>s</strong> Wagens eben nur wie<strong>de</strong>r einige schi ffb rüchige Passagiere, <strong>de</strong>ren Rest sodann<br />

unser ne uer Beiwagen von <strong>de</strong>r Unglücksstätte herbeibrachte. So wur<strong>de</strong>n wir gera<strong>de</strong> um 5 Uhr fl ott<br />

<strong>und</strong> langten in Hausach glück licherweise so spät an. daß uns anstatt <strong><strong>de</strong>s</strong> an<strong>de</strong>rthalb tündigen Wartens<br />

gera<strong>de</strong> eben 10 Minuten blieben, um eine Tasse mehr als zweifelhafte n Kaffee's hinunter zu würgen.<br />

Nach einem etwas räthselhaften Au fe nthalte in Gengenbach langten wir in Offenburg an. während <strong>de</strong>r<br />

Bahnzug, <strong>de</strong>r mich früh 10 hr hierhe r bringen sollte, an Ba<strong>de</strong>n <strong>und</strong> Rastatt vorü ber fuhr. Dort aber<br />

fa nd ich nicht nur Mus e. <strong>de</strong>n Kreisrath Göhringer zu begrüssen, son<strong>de</strong>rn auch einen langen. langen<br />

Zug pre ussischen achsehub <strong>für</strong> eubreisach <strong>und</strong> Epinal mi r zwei St<strong>und</strong>en lang zu betrachten.<br />

Doch auch dieses gieng vorüber <strong>und</strong> nach e inem sehr mässigen Mahle in Carlsruhe kam endl ich <strong>de</strong>r<br />

lezte Theil me iner Fahrt, um Abends 5 Uhr, 20 St<strong>und</strong>en nach meinem Abgange, <strong>de</strong>m theoreti schen


92<br />

weni g tens. von Euerer DonauRes i<strong>de</strong>nz an meiner Wohnung zu lan<strong>de</strong>n. "Sic me servavit Apollo!"<br />

imm diese Erzählung meiner Vergnügungsfahrt als <strong>de</strong>n Beichtze<strong>de</strong>l<strong>und</strong> Zeugniß an, daß ich meine<br />

Busse red lich ausgehalten habe.<br />

Und nun grüsse mir Deine Frau von Herzen <strong>und</strong> wünsche mit mir daß Euer tapferer Junge bei <strong>de</strong>r<br />

Feuertaufe von ompatelize nicht dabei gewesen. o<strong>de</strong>r doch Nichts dabei abgekriegt habe, als Lorbem,<br />

die ersten unseres badischen Heeres, zu welchen ich freudigst grarulire. Die AbendSchüzengesellschaft<br />

grü se ich eben fa 11 fre<strong>und</strong>lich <strong>und</strong> wünsche daß <strong>de</strong>r "Leichte" von Herrn Bury ihnen fortwäh rend<br />

m<strong>und</strong>en möge. Den armen Provence habe ich mit se inem Enkel auf <strong>de</strong>r Eisenbahn getroffen <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Dilgers Toni bei <strong>de</strong>rselben zu A chern gegrüßt!<br />

Adieu!<br />

Dein in alten Treuen<br />

CBA Fickler<br />

Brief vom 9. Juli 1871 :<br />

Lieber Doctor!<br />

Deine Ernennung zum Riuer<strong><strong>de</strong>s</strong> Zäringer Löwen, zu welcher ich Dir von Herzen gratulire, hat in mir<br />

<strong>de</strong>n Zweifel erregt, ob ich Dir überhaupt schon die achri cht gegeben habe von einer höchst unangenehmen<br />

Erkrankung, die <strong>de</strong>n lezten Winter über mich gekommen war. ohne daß ich sie auch nur<br />

bemerkte. eine chronische Pleuritis. mit we lcher ich noch fortwährend auf <strong>de</strong>m Handwerk arbeitete,<br />

in<strong>de</strong>m ich die 91 Pulsschläge pr Minute als eine zwar nicht angenehme Zugabe zu einer schon länger<br />

andauern<strong>de</strong>n Appetitlosigkeit betrachtete, aber nicht al öthigung meinen Fre<strong>und</strong>, <strong>de</strong>n M edicinalrath<br />

Frei früher herbei zu rufen. al die Zahl 93 <strong>und</strong> damit ein or<strong>de</strong>ntlich febriler Zustand erreicht war. un<br />

halle ich zwar allerding ustrill von Wa. ser in die Bru t ebenfalls verspürt, glaubte aber, daß es sich<br />

wie<strong>de</strong>r von selbst hinaus pissen lassen wer<strong>de</strong>. Dieses aber war freilich so wenig <strong>de</strong>r Fall, daß nach acht<br />

Tagen ich meinem A e cu lap <strong>de</strong>n Vorschlag machte, seine Tränke von Wachhol<strong>de</strong>r in meinen Koffer<br />

zu schütten, wo sie, ohne mein Unbehagen beim Einnehmen zu vermehren, wol eben so viel nüzen<br />

wer<strong>de</strong>n als in meinem M agen.<br />

un aber machte er mir <strong>de</strong>n Vorschlag einer Parencetese, die Brust zu entleeren. Ich nahm ihn an <strong>und</strong><br />

nach 24 St<strong>und</strong>en fand ich mich von 7 Schoppen Wasser erleichtert <strong>und</strong> halle nur noch <strong>de</strong>n Verdruß<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> A usgeheverbots zu überstehen, welches ich in<strong><strong>de</strong>s</strong>sen nach 14 weitem Tagen überwand <strong>und</strong> so<br />

einen ganz schönen Fall in 3 Wochen 3 Tagen abgelhan haue.<br />

Des Leibes Schlankheit hatte zwar unbedingt zugenommen, auch von Zeit zu Zeit eine gewisse Müdigkeil.<br />

diese ließ mich immer nur ruckweise arbeiten. aber an <strong>de</strong>r Staatscarosse gieng die Arbeit noch<br />

immer fort .<br />

nd nun halle ich kaum die Gelegenheit gehabt, <strong>de</strong>m Aesculap einen Hahn zu opfern, da erhielt ich<br />

Euere Vereines erstes Heft, we lche. mich zu beiliegen<strong>de</strong>m Dankesschreiben an <strong>de</strong>nselben verpflichtet.<br />

E. i t in <strong>de</strong>r That die Arbeit über die Herrn <strong>und</strong> Grafen von Lupfen das Erschöpfendste, was über ein<br />

Dynastenhaus von so dunkeln Anfangen geschrieben wer<strong>de</strong>n kann. leh wer<strong>de</strong> sobald ich wie<strong>de</strong>r etwas<br />

aufrechter bin, das Heft in <strong>de</strong>n Hei<strong>de</strong>lberger Jahrbüchern anzeigen <strong>und</strong> diese meine Überzeugung<br />

aussprechen.<br />

nd nun noch mein herzliches Beda uern zum Ableben Deines Bru<strong>de</strong>rs <strong>und</strong> <strong>de</strong>rmal einstigen Lebensretters.<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong>sen To<strong><strong>de</strong>s</strong>nachricht mich gera<strong>de</strong> in einer Zei t [raf, da ich selbst be<strong>für</strong>chtete, in die Grube<br />

fahren zu müssen.<br />

Was macht Dein junger Zögling <strong><strong>de</strong>s</strong> Kriegsgottes? Ist er heil wie<strong>de</strong>rgekehrt <strong>und</strong> weilt w ie<strong>de</strong>r bei <strong>de</strong>n<br />

heimischen Laren, o<strong>de</strong>r will er die<br />

horrentia Martis<br />

an11a ... noch llinger tragen?<br />

Dei ne Frau, welche ich aufs Beste grü se. w ird gewiß das erstere <strong>de</strong>m !eztern vorziehen, aber was<br />

mögen eben Wünsche gegen fes tes Wollen?<br />

nd nun lebe wol, ei mir von Herzen gegrüßt;<br />

ich bin mittreuer Seele<br />

Dei n alter<br />

CBA Fickler


93<br />

Dies ist die letzte Mitteilung Ficklers nach<br />

Donaueschingen. Sein Ges<strong>und</strong>heitszustand<br />

verschlechterte sich weiter. ach kurzem Krankenlager<br />

starb FickJer am 18. Dezember 1871<br />

in Mannheim. Eine Fülle von ehren<strong>de</strong>n achrufen<br />

in <strong>de</strong>n wichtigsten Presseorganen <strong>und</strong><br />

auch <strong>de</strong>r Nachruf Rehmanns im Kreis <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

"<strong>Baarverein</strong>s"40> belegen die außeror<strong>de</strong>ntliche<br />

Wertschätzung. die dieser Mann genossen hat.<br />

1874 wur<strong>de</strong> sein Grab mit einer von E.<br />

Schwantaler geschaffenen Büste geziert<br />

(Abb. 8)41 ) die später ins Mannheimer Museum<br />

gelangte, heute aber nicht mehr auffindbar<br />

ist. Vermutlich wur<strong>de</strong> sie bei <strong>de</strong>n Luftangriffen<br />

1943 mit <strong>de</strong>m Schloß zerstört. 42 )<br />

Abb. 8: C. B.A. Fickler, Büste von E. Schwantaler<br />

1874. Au : P. REVELLIO. Die Fürstenbergischen<br />

Sammlungen in Donaueschingen, Schriften <strong>de</strong>r<br />

Baar, Bd. 22, 1950.<br />

6:. 'B.~. ~i(fIer<br />

1809-1871<br />

Anmerkungen<br />

18) Schulprogramme von 1836 (Kurze <strong>Geschichte</strong> <strong>de</strong>r Anstalt), j 839 (Oe Theseo .. . ). 1840 (Die<br />

Donauquelle <strong>und</strong> das Abnoba-Gebirge <strong>de</strong>r Alten), 1841 (Phaeno <strong>und</strong> Phaena). 1848 (Einiges<br />

über die griechi schen Frauen im historischen Zeitalter). - Alle in F.F. Hofbibliothek, Donaueschingen.<br />

19) Kurze <strong>Geschichte</strong> <strong>de</strong>r Häuser Fürstenberg, Geroldseck <strong>und</strong> von <strong>de</strong>r Leyen ( 1844); Eli sabeth<br />

von Fürstenberg ( 1844); Anni versarien-Buch <strong><strong>de</strong>s</strong> Kl osters Maria-Hof bei eidingen ( 1845/<br />

46); Die Zerstörung <strong>de</strong>r Burg Lützelhard ( 1846); Fort setzung <strong>de</strong>r '<strong>Geschichte</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Hauses <strong>und</strong><br />

Lan<strong><strong>de</strong>s</strong> Fürstenberg' von Münch ( 1847).<br />

20) Das Schloß Heil igenberg in Schwaben ( 1853); Berthold <strong>de</strong>r Bärtige, erster Herzog von Zäh ringen<br />

( 1856).<br />

2 1) Davon seien genannt: Odalrich Il. Graf von Dill ingen-Kieburg ( 1856); Quellen <strong>und</strong> Forschungen<br />

zur <strong>Geschichte</strong> Schwabens <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Ostschweiz ( 1859); Führer durch die Stadt Konstanz <strong>und</strong><br />

die Alterthumshalle im Kaufhause ( 1864); Römische Alterrümer aus <strong>de</strong>r Umgebung von<br />

Hei<strong>de</strong>lberg <strong>und</strong> Mannheim (1865). - Weniger wissenschafllich ausgerichtet sind ein Schwarzwaldführer<br />

<strong>und</strong> ein Führer durch Hei<strong>de</strong>lberg <strong>und</strong> Umgebung.<br />

Eine vollständige Auflistung aller Publikationen Ficklers ist nahezu unmöglich <strong>und</strong> war auch<br />

ni cht Ziel dieser Arbeit.<br />

22) Zur "Gesellschaft" von 1805 sind verschie<strong>de</strong>ne, z.T. ältere Arbeiten erschienen, zumeist in <strong>de</strong>n<br />

Schri ften <strong>de</strong>r Baar (Näheres siehe dort). Der letzte Stand <strong>de</strong>r Forschung fin<strong>de</strong>t sich bei W.<br />

HI LPERT, Der Verein <strong>für</strong> <strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> aturgeschichte <strong>de</strong>r Baar, in : Die Fürstenberger, 800<br />

Jahre Herr chaft <strong>und</strong> Kultur in Mitteleuropa(Katalogband zur Nie<strong>de</strong>rösterreichischen Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>aussteIlung<br />

in Weitra 1994), S. 104 ff.<br />

23) Ficklers handschriftliche Au fzeichnungen bei <strong>de</strong>n Akten <strong><strong>de</strong>s</strong> "<strong>Vereins</strong> <strong>für</strong> Ge chichte <strong>und</strong><br />

arurgeschichte <strong>de</strong>r Baar", FFArchi v.


94<br />

24) Akten <strong><strong>de</strong>s</strong> "<strong>Vereins</strong> ... " (wie Anm. 23), Protokolle 1842- 1848.<br />

25) Akte Fickler, Fürstenberg-Gymnasium, mit <strong>de</strong>r Bezeichnung " Diener. Professor FickJer,Jahrgang<br />

182 1-, Fach IV, Fasc. 24a".<br />

26) Akte Fickler, Fürstenberg-Gymnasium (wie Anm. 25).<br />

27) C.B.A.FlcKLER, [n Rastall 1849, Rastall 1853, Vorwon. S. VIII.<br />

28) Anm. 4, Teil I <strong><strong>de</strong>s</strong> Beitrags.<br />

29) Große Teile<strong>de</strong>r Ailliquariumsbestän<strong>de</strong> waren bereits in <strong>de</strong>r kur<strong>für</strong>stlichen Zeit zusammengetragen<br />

wor<strong>de</strong>n. Zur wissenschaftlichen Betreuung <strong>und</strong> Erweilerun g <strong>de</strong>r Sammlungen hatte Kur<strong>für</strong>st<br />

Carl Theodor 1763 die Kurpfä lzische Aka<strong>de</strong>mie <strong>de</strong>r Wis 'enschaflen gegrün<strong>de</strong>t, unter <strong>de</strong>ren<br />

Ägi<strong>de</strong>die Bestän<strong>de</strong>erheblich anwuchsen. Als<strong>de</strong>r Kurpfälzische Hof 1778 nach München verlagen<br />

wur<strong>de</strong>, gingen auch Teile <strong>de</strong>r Sammlungen donhin. Der größere Restbe tand verblieb im<br />

Mannheimer Sch loß <strong>und</strong> wur<strong>de</strong> nach <strong>de</strong>m Übergang <strong>de</strong>r rechtsrheinischen Pfalz an Ba<strong>de</strong>n<br />

1805 vom bayrischen Kur<strong>für</strong> ten <strong>de</strong>r Stadt M annheim geschenk t. Die Stadt sah sichjedoch aus<br />

winschaftlichen Grün<strong>de</strong>n nicht in <strong>de</strong>r Lage, das Antiquarium aufDauerzu unterhalten <strong>und</strong> bot<br />

es daher 1806 <strong>de</strong>m neuen Großherzog Carl Friedrich von Ba<strong>de</strong>n als Geschenk an, j edoch mit<br />

<strong>de</strong>r Bedingung, daß die Sammlung in ihrer Gänze in M annheim verbleiben <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Öffent ­<br />

lichkeit zugänglich se in müsse. 1809 akzeptierte <strong>de</strong>r Großherzog das Geschenk samt <strong>de</strong>r von<br />

Mannheim gewünschten Rege lung <strong>und</strong> überrruggleichzeitig die Betreuung <strong><strong>de</strong>s</strong>Antiquariums<br />

einem Professor<strong>de</strong> neugegrün<strong>de</strong>ten Lyceums. Ficklerwur<strong>de</strong><strong>de</strong>rdritteCustos. - DieEinzeiheilen<br />

zur <strong>Geschichte</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Mannheimer Antiquariums fußen auf <strong>de</strong>m Aufsatz von Peter GALLI, Für<br />

Publikum <strong>und</strong> Wissenschaft, DasGroßherzog liche Antiquarium in M annheim unter <strong>de</strong>r Leitung<br />

von C.B.A.Fickler ( 1855- 187 1), <strong>de</strong>r in Kürze in <strong>de</strong>n M annheimer Geschieht blättern. Bd. 4,<br />

1997. ged ru ckt vorliegen wird. Die Arbeit wur<strong>de</strong> mir fre<strong>und</strong>licherweise vom Autor vorab zur<br />

Verfügung gestellt.<br />

30) V gl. hierzu GALLI, op.cit.. Anm. 66-7 1.<br />

31) Zur Selbstbiographie vgl. Teil I meines Aufsatzes in: Schriften <strong>de</strong>r Baar. Bd. 40, 1997, S. 19.<br />

Anm. I.<br />

32) ähere Angaben bei GALLI , Anm. 16.<br />

33) Vgl. GAU_I. Dort auch weiterführen<strong>de</strong> Literawrangaben.<br />

34) So z. B. mit Theodor M ommsen, <strong>de</strong>m Berliner Althistoriker <strong>und</strong> damals besten Kenner <strong>de</strong>r<br />

klassischen Antike. - Vgl. GALl.I im Abschnitt "Wissenschaftliche Kontakte ... ".<br />

35) Briefvom 26.06 .1 870. wohl an Rehmann: "... Ich bin nemlich bi s die unwillkommene Last<strong>de</strong>r<br />

Directionsführung, die jezl nahezu zwei l ah reaufmeinen Schultern lastet. o<strong>de</strong>r bis ich, wie das<br />

unwillige Kamel <strong>de</strong>r Wüste. sie in passivem Wi<strong>de</strong>rstand abgeschüllelt o<strong>de</strong>r mich mit ihr in <strong>de</strong>n<br />

Sand geworfen habe von nöthigen o<strong>de</strong>r unnüzen,je<strong>de</strong>nfaJls aber zeitrauben<strong>de</strong>n Arbeiten so in<br />

Anspruch genommen, daß ich nicht nuran literarischen arbeiten ein lucrum cessan (Einbuße)<br />

von mehr als 200 Gul<strong>de</strong>n jährlich aufweisen kann. on<strong>de</strong>rn auch mit <strong>de</strong>r Correspon<strong>de</strong>nz in<br />

\ i sensehaftlichen o<strong>de</strong>r fre<strong>und</strong>schaftlichen Angelegenheiten so im Rückstan<strong>de</strong>, daß ich 0<br />

recht eigentlich einem literarischen Bankrott entgegen treibe ...." - Akten <strong><strong>de</strong>s</strong> "<strong>Vereins</strong> <strong>für</strong><br />

<strong>Geschichte</strong> <strong>und</strong> alUrgeschichte <strong>de</strong>r Baar", F.F.Archiv.<br />

36) Die archäologischen Beslän<strong>de</strong><strong><strong>de</strong>s</strong> AnLiquariums <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Mannheimer A lterrumsverei ns bil<strong>de</strong>n,<br />

sowei t sie die Kriegszerslörungen überd auert haben, <strong>de</strong>n Kernbestand <strong><strong>de</strong>s</strong> M annheimer Reiss­<br />

Museum . MancheSammlungsteile,die Ficklerviel be<strong>de</strong>utet hallen, so die etruskischen A schenumen<br />

aus Vollerra, fielen. da sie nicht ausgelagert waren, <strong>de</strong>r Bombard ierung Mannheims 1943<br />

zum Opfer. - Vgl. GALU , op.cit.<br />

37) Vgl. hierzu R. K ÜPPERS-FIEIlIG. Die naturwissenschaftlichen Abteilungen <strong>de</strong>r Fürslenberg­<br />

Sammlungen. Ent stehung <strong>und</strong> gesch icht liche Entwicklung, in: Schriften <strong>de</strong>r B aar, Bd. 38 ,<br />

1995. S. 155 Fr.<br />

38) Vgl. K UPPERS-FIEIlIG. a.a.O.<br />

39) Alle Originale bei <strong>de</strong>n Akten <strong><strong>de</strong>s</strong> "Verein<br />

40) Akten <strong>de</strong> "<strong>Vereins</strong> ... ".<br />

41) Die Abbildung i t <strong>de</strong>m Aufsatz von P. REvELLlo, Die Fürstcnbergischen Sammlungen in Donaueschingen.<br />

in: Schriften <strong>de</strong>r Baar. Bd. 22. 1950, S. I rr., entnommen.<br />

42) Für diese Infonnation danke ich Frau Dr. G. AR'ISCIIEIDT. Mannhcim.


95<br />

Zum Eiszeitgeschehen im MiUelschwarzwald (3)<br />

Ergebnisse <strong>und</strong> Probleme <strong>de</strong>r bisherigen Untersuchungen<br />

von Günther Reichelt<br />

1. Einführung in die Problematik<br />

In <strong>de</strong>n vorausgegangenen Beiträgen I ( 1996) <strong>und</strong> 2 (1997) wur<strong>de</strong>n da obere Bregtal <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>r Schellen berg sozusagen exemplarisch <strong>für</strong> das Eiszeitgeschehen im Mittleren Schwarzwald<br />

herausgegri ffen. Dabei gi ng es einmal um die Frage, wie die Verebnungen an <strong>de</strong>n Hängen <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Bregtals entstan<strong>de</strong>n si nd <strong>und</strong> welche Be<strong>de</strong>utung ie <strong>für</strong> die Rekonstruktion <strong>de</strong>r Landschaftsgechichte<br />

haben. Es wur<strong>de</strong> dargelegt, daß ie als ei bürtige Formen, als Reste von Trog chultern<br />

ehemals vergletscherter Täler aufzufassen seien <strong>und</strong> versucht, sie zur Bestimmung <strong>de</strong>r Eisbzw.<br />

Firnmächtigkeiten <strong>und</strong> zur Rekonstruktion <strong>de</strong>r Vergletscherungsphasen heranzuziehen.<br />

War dieses ein B lick ins ährgebiet <strong>de</strong>r Vergletscherung, so rückte die zweite Studie das<br />

Zehrgebiet am Schellen berg in <strong>de</strong>n Mittelpunkt. Es wur<strong>de</strong> beglün<strong>de</strong>t, daß <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Hänge ebenfalls<br />

vom Gletschereis <strong>de</strong>r vorletzten o<strong>de</strong>r früherer Kaltzeiten überfahren wur<strong>de</strong>n; auch konnte<br />

eine Erklärung <strong>für</strong> die merkwürdigen Verläufe <strong>de</strong>r Tälchen eines Südhanges gegeben wer<strong>de</strong>n.<br />

Inzwischen erschien die - lei<strong>de</strong>r letzte - Arbeit von Willi PA L über die glaziomorphologische<br />

Son<strong>de</strong>rstellung <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittleren Schwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> im Jungpleistozän (PA L U. SCHI KE 1997). Sie<br />

kommt meinen früher getroffenen Aussagen (REICHELT 1994, 1996) weitgehend entgegen,<br />

vornehmlich in folgen<strong>de</strong>n wichtigen Punkten: I. Die Verebnungen sind eisbürtig <strong>und</strong> als Trogschultern<br />

aufzufa sen. 2. Die angenommenen maximalen Eis- bzw. Firnmächtigkeiten <strong>de</strong>r<br />

vorletzten "Großen Eiszeit" (Ri ßglazial o<strong>de</strong>r früher) stimmen weitgehend überein. 3. Die in<br />

<strong>de</strong>r letzten Kaltzei t (Würmglazial) gebi l<strong>de</strong>ten Schutt- <strong>und</strong> Schottermas. en liegen noch heute<br />

größtenteils <strong>de</strong>n Hochflächen <strong>und</strong> Hängen <strong><strong>de</strong>s</strong> östlichen Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> auf <strong>und</strong> gelangten<br />

mit Ausnahme leicht transportierbarer San<strong>de</strong> <strong>und</strong> Lehme entgegen an<strong>de</strong>rer Ansicht nicht<br />

in s Donaueschinger Ri ed. Sie drangen höchstens schuttfächerartig in die Haupttäler vor.<br />

Bisher erfuhr <strong>de</strong>r Mittlere Schwarzwald keine flächen<strong>de</strong>cken<strong>de</strong> Bearbeitung durch Kaltierung<br />

seiner Fonnelemente <strong>und</strong> Ablagerungen, die es erl auben wür<strong>de</strong>, über großzügige Skizzen<br />

o<strong>de</strong>r Einzelzüge hinaus ein zu ammenhängen<strong><strong>de</strong>s</strong>, zugleich <strong>de</strong>tai lliertes <strong>und</strong> hinreichend belegtes<br />

Bild über <strong>de</strong>n räumlichen <strong>und</strong> zeitlichen Verlauf <strong>de</strong>r Kaltzeiten zu entwickeln. Trotz intensiver<br />

Begehungen <strong>und</strong> Unter uchungen kann diese Lücke auch mit <strong>de</strong>m fo lgen<strong>de</strong>n Beitrag<br />

ni cht ganz geschl ossen wer<strong>de</strong>n. Zahlreiche Fragen bleiben noch offen. Immerhin ermögli ­<br />

chen die neuen Bef<strong>und</strong>e eine gesichertere Zusammenschau, als es bislang <strong>de</strong>r Fall war. Sie<br />

soll hier zur Diskussion gestellt wer<strong>de</strong>n.<br />

2. Methodisches Vorgehen<br />

Die geomorphologische Kartierung <strong>de</strong>r wesentlichen Forn1elemente galt <strong>de</strong>n Talfonnen, insbeson<strong>de</strong>re<br />

<strong>de</strong>r Gestaltung <strong>de</strong>r Hänge <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Talschlüsse. Neben <strong>de</strong>r relativen Hanghöhe <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>r Hangneigung, wur<strong>de</strong>n Felsbildungen, isolierte, vom Hang abgesetzte Buckel, Blockansammlungen,<br />

Gefallestufen <strong>und</strong> Hängemündungen von Nebentälern krutiert. Gr<strong>und</strong>lage waren<br />

vergrößerte Kopien <strong>de</strong>r Topographischen Krutel:25.ooo <strong>de</strong>r Meßtischblätter Titisee- eustadt<br />

(8015), Furtwangen (7915), Villingen-Schwenningen-West (79 16) <strong>und</strong> Donaueschingen<br />

(80 16). Damit wur<strong>de</strong> das gesamte Einzugsgebiet <strong>de</strong>r Breg zwischen Brend <strong>und</strong> Steinbühl im<br />

Westen <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Muschelkalkplane von Grüningen bis zur Gauchach im Osten <strong>und</strong> Sü<strong>de</strong>n<br />

erfaßt. Ihre Wie<strong>de</strong>rgabe hätte nur in stark verkleinerter Form geschehen können, wobei die


96<br />

oft ohnehin kleinen Formen nicht mehr erkennbar wären. Stall <strong><strong>de</strong>s</strong>sen wur<strong>de</strong> einer auszugsweisen<br />

Darstellung in wenigen Beispielen <strong>de</strong>r Vorzug gegeben.<br />

Es teilte sich lei<strong>de</strong>r bald herau. daß die Höhenlinien <strong>de</strong>r amtlichen Karten in unserem Raum<br />

erhebliche Fehler e nthalten. So können ganze Täler o<strong>de</strong>r Erhebungen von mehr a ls 15 m<br />

Höhenunter chied <strong>und</strong> einer Längenerstreckung von mehreren h<strong>und</strong>ert Metern <strong>de</strong>r Darstellung<br />

ganz entgehen. Das be<strong>de</strong>utete schon in <strong>de</strong>n Wäl<strong>de</strong>rn <strong><strong>de</strong>s</strong> Schellen berges zwischen Bräunlingen<br />

<strong>und</strong> Grüningen <strong>und</strong> erst recht im Baarschwarzwald bei<strong>de</strong>rseits <strong>de</strong>r Breg erhebliche Erschwerungen<br />

<strong>de</strong>r Kartierarbeit.<br />

eben <strong>de</strong>n Talformen galt <strong>de</strong>n Verwillerungs<strong>de</strong>cken <strong>und</strong> transportierten Lockermassen, die<br />

<strong>de</strong>n anstehen<strong>de</strong>n Untergr<strong>und</strong> sowohl an <strong>de</strong>n Hängen als auch auf <strong>de</strong>n Verebnungen <strong>und</strong><br />

Hochflächen noch vielfach be<strong>de</strong>cken, beson<strong>de</strong>re Aufmerksamkeit. lhre petrographische<br />

Zusammensetzung, die Form ihrer Steine <strong>und</strong> die Einregelung von <strong>de</strong>ren längsten Achsen<br />

sowie ihr Verwinerungsgrad li efern wichti ge Daten zur Rekonstruktion <strong>de</strong>r Landschaftsgeschichte.<br />

Sie zu elfassen, machte Schotteranalysen nötig. Da diese zeitaufwendig <strong>und</strong> teilweise<br />

nur im Labor mi t <strong>de</strong>m nöti gen Genauigkeitsgrad durchzuführen sind, konnte nicht je<strong>de</strong>r<br />

Aufschluß durch eine vollständige Analyse dokumentiert wer<strong>de</strong>n. Da hätte die Entnahme<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>n Transport von jeweils zwischen 8 <strong>und</strong> 10 kg Ste inen be<strong>de</strong>utet. lmmerhin konnten<br />

über 60 Analysen erhoben wer<strong>de</strong>n (s. Abb. I ), die min<strong><strong>de</strong>s</strong>tens die Petrographie, <strong>de</strong>n<br />

R<strong>und</strong>ungsgrad, nach Möglichkeit auch die Einregelung <strong>de</strong>r Schotterach en, oft auch <strong>de</strong>n<br />

Verwitterungsgrad erfassen. Die wichtigsten Daten hi erzu enthält Tab. I.<br />

Die Analy. en um faßten jewei Is 100 direkt benachbarte Ste ine eines Aufschlusses zwischen 2<br />

<strong>und</strong> über 20 cm Durchmesser. Die So rti erung wur<strong>de</strong> photographisch sowie durch Ko rngrößenanaly<br />

e erfaßt <strong>und</strong> an an<strong>de</strong>rer Ste ll e (REICHELT 1995) ausgewertet. Die Einregelung<br />

<strong>de</strong>r längsten Schotterachsen wur<strong>de</strong> nach POSER U.HÖVERMA N ( 1951 ) vereinfacht gemessen,<br />

wobei bei Steinen (mit Verhältnis <strong>de</strong>r Hauptach en min<strong><strong>de</strong>s</strong>tens 2: I) nur die Richtungen "längs",<br />

"quer" <strong>und</strong> "an<strong>de</strong>rs". also auf ihre vermutliche Transportrichtung bezogen, unterschie<strong>de</strong>n<br />

wer<strong>de</strong>n; im Zweifel wur<strong>de</strong> die Lage zur Kompaßrose angegeben. Der R<strong>und</strong>ungsgrad wur<strong>de</strong><br />

nach <strong>de</strong>r allgemein als e ingeführt gelten<strong>de</strong>n Metho<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Velfassers (REICHELT 1955, 1961 ,<br />

SCH REI 'ER 1992) bestimmt, unterschie<strong>de</strong>n nach <strong>de</strong>n <strong>de</strong>finierten Kategorien "kantig" (kt),<br />

"kantenger<strong>und</strong>et" (kg). "ger<strong>und</strong>et" (gr) <strong>und</strong> "stark ger<strong>und</strong>et" (sg). Der Verwitterungsgrad<br />

wur<strong>de</strong> nach <strong>de</strong>n Kategorien "fri sch" (f = ohne Velwitterungsrin<strong>de</strong>), "angegriffen" (a = verfärbte<br />

Rin<strong>de</strong> 1-5 mm) <strong>und</strong> "verwittert" (v = auch im Kern velfärbt o<strong>de</strong>r mürb) als "Verwitterungsin<strong>de</strong>x<br />

" bestimmt. <strong>de</strong>r das Zahlenverhältnis <strong>de</strong>r verwittel1en zu <strong>de</strong>n frischen Steinen (Iv = vif x<br />

100) angibt. Zur Lage <strong>de</strong>r Entnahmeorte s. Abb.l.<br />

3. Ergebnisse <strong>und</strong> Diskussion<br />

3.1. Die Lockermassen, Genese <strong>und</strong> Datierung<br />

3. 1.1 Hangschutt<br />

Wie einleitend bemerkt, sind die Hochflächen <strong>und</strong> Hänge <strong>de</strong>r Ostabdachung <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittleren<br />

Schwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> von Verwitterungs<strong>de</strong>cken überzogen. PAUL U.SCHI KE ( 1997) weisen darauf<br />

hin, daß gera<strong>de</strong> dieser mstand e ine gegenüber achbargebieten intensive Landwirtschaft<br />

ermöglicht. Selbst an stei leren Hängen können ie sehr tiefgründig sein . So lagern etwa am<br />

Südhang hinter <strong>de</strong>m "Sägenhof' unterhalb <strong>de</strong>r Kalten Herberge gut 5 m mächtige Lockermassen<br />

<strong>de</strong>m anstehen<strong>de</strong>n Gneis auf (Abb. 2). Hi er wechseln feinerdige <strong>und</strong> grusige Lagen<br />

mit Bän<strong>de</strong>rn o<strong>de</strong>r Linsen dichter Steinpackung einan<strong>de</strong>r ab <strong>und</strong> zeigen an, daß Sortierungen<br />

infolge von Schutt bewegungen stattgef<strong>und</strong>en haben.


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98<br />

Abb. 2: Aufschlußam Sägenhof/Urachlal (960 m<br />

ü.M ). Der Südhang ist von einer über 5 m mächtigen<br />

Decke au lehmigem Hangschutt be<strong>de</strong>ckt.<br />

Sleinlinsen <strong>und</strong> Hori zonte mit wechseln<strong>de</strong>n Slein­<br />

/Lehmanteilen sind M erkmale intensiver Soli fluktion<br />

während <strong>de</strong>r K altzeil<strong>und</strong> belegen <strong>de</strong>ren zeitweise<br />

peri glaziales K lima (Maßstab = 0,8 m).<br />

A bb. 3: A ufsc hluß bei Bruggen (705 m ü.M.). In <strong>und</strong> unter I -2 m zähem Ton liegen kantenger<strong>und</strong>ete<br />

<strong>und</strong> ger<strong>und</strong>ete Steine, darunter Blöcke von über 50 cm K antenlänge. R<strong>und</strong>ungsgrad <strong>und</strong> L agerung<br />

sprechen <strong>für</strong> M oräne (vgl. bb. 5) <strong>und</strong> nicht <strong>für</strong> Flußschotter <strong>de</strong>r Breg (M aßstab = 30 cm).


99<br />

Abb. 4: Baugrube in Donaueschingen "aufStaig" (725 m ü.M.). Schlecht sortierte, überwiegend kantenger<strong>und</strong>eteSteine<br />

in lehmig/toniger,z.T. auch grusigem Bin<strong>de</strong>mittel. Diequarzitischen Buntsandsteine<br />

sind gut erhalten, die Gneise <strong>und</strong> Granite fast zelfallen. Wahrscheinlich Moräne <strong>de</strong>r Min<strong>de</strong>l-Kaltzeit (?).<br />

Abb. 5: Aufschluß von Flußschottern in <strong>de</strong>r Bregtalsohle am Tierstein (735 m ü.M.). Die Schüttung<br />

erfolgte von rechts. Die Sortierung lind dachziegelige Lagerung <strong>de</strong>r Steine ist gut zu erkennen.


100<br />

Für diese Vorgänge ind Frosrwechselvorgänge während <strong>de</strong>r Kaltzei ten verantwortlich, die<br />

einerseit al " Kryoturbation" auch auf ebenen Bö<strong>de</strong>n zur Trennung von Feiner<strong>de</strong> <strong>und</strong> Skelett<br />

sowie zur vertikalen Verstellung <strong>de</strong>r Steine führte. An<strong>de</strong>rersei ts gerieten die Decken während <strong>de</strong>r<br />

kurzen ommerlichen Auftauperio<strong>de</strong>n chon an Hängen von etwa 2° eigung ins Kriechen o<strong>de</strong>r<br />

Fließen, wobei durch diese "Solifluktion" bo<strong>de</strong>nparalJeleSOItierungen erfolgten, sodaßofr chichtartige<br />

Bän<strong>de</strong>rstrukturen entstan<strong>de</strong>n. Die Achsen <strong>de</strong>r längl ichen Gesteinstrümmer wur<strong>de</strong>n neu<br />

eingeregelr <strong>und</strong> benachbalte Steine so bestoßen, daß ihre Kanten abger<strong>und</strong>et sein können.<br />

Im Untersuchungsgebiet w ur<strong>de</strong>n II solcher Aufschlü se von Hangschutt untersucht. Das<br />

Ergebnis zeigt Tab. I ("Hangschutt/Solifluktion"). Danach haben innerh alb geringer Grenzen<br />

die meisten Steine ihre kantige Trümmerfolm behalten (8 1 %, S = 12 %) <strong>und</strong> <strong>de</strong>r größte Teil<br />

länglicher Steine ist hangpara llel ei ngeregelt (75 %, s = 6 %). Das entspricht ntersuchungen<br />

im ordschwarzwald, wo FEZER et al. ( 1962, S. 67) im Hangschutt 8 1 ~ kantige <strong>und</strong> 64 % (s<br />

= 10) längseingeregelte Steine ermittelten. Demgegenüber erscheint <strong>de</strong>r Verwinerungsgrad<br />

seh r uneinheitlich. Probe r. 122 (Josenhof/Schollach; -Hang, ca. 2 m mächtige sandig/<br />

lehmige M atrix, liegend Grus <strong>und</strong> Auflockerung zone <strong><strong>de</strong>s</strong> verwittern<strong>de</strong>n Granits; Entnahme<br />

1,5 111 unter Flur, vorwiegend Granit, einige Stücke Gneis <strong>und</strong> Aplit) zeigt einen Verwitterungsin<strong>de</strong>x<br />

von 650, Probe r. 136 (Oberbränd; S-Hang, ca I m grusig/sandiger Lehm mit<br />

Steinlinsen über anstehen<strong>de</strong>m Eisenbach-Granit, vorwiegend Granit, einige Stücke Buntsandstein)<br />

hingegen von Iv = 43. Auch ohne Probe r. 122 sind die Schwankungen sehr hoch.<br />

Diskussion: W ährend R<strong>und</strong>ungsgrad <strong>und</strong> Einregelung <strong>de</strong>n aus an<strong>de</strong>ren Gebieten bekannten<br />

Welten <strong>für</strong> Solifluktionsschutt entsprechen. for<strong>de</strong>l1 <strong>de</strong>r stark unterschiedliche Verwitterungsgrad<br />

zur Disk uss ion heraus. Generell ist <strong>de</strong>r Verw itterun gsgrad ein M aß <strong>für</strong> das Alter einer<br />

Ablagerung. un zeigen Analysen bei Proben vergleichbarer petrographischer Zusammensetzung<br />

im Hotzenwald. daß jungkaltzeitliche Ablagerungen ei nen Verwinerungsgrad von Jv<br />

= < 100, in <strong>de</strong>r Rege l sogar unter 50 aufweisen. Hingegen haben rißzeitliche einen Iv von<br />

200-600 (RElcHELT 1960, S. 11 3). Demnach sprächen die stark schwanken<strong>de</strong>n Werte in MitteIschwarzwäl<strong>de</strong>r<br />

Schutt<strong>de</strong>cken <strong>für</strong> <strong>de</strong>ren unterschiedliches Alter bzw. ihr Ent tehen aus Schutt<strong>de</strong>cken<br />

unterschied lichen Alters. Das nehmen auch PAUL u.S HI KE ( 1997. S. 206 f) an. Sie<br />

ve rweisen darauf. daß die mächtigen Mittelschwarzwäl<strong>de</strong>r Decken nicht nur ei ner K altzeit<br />

entstam men können, son<strong>de</strong>rn einen Bo<strong>de</strong>n darstellen, "<strong>de</strong>r im Würnl aus <strong>de</strong>m Gr<strong>und</strong>moränenschutt<br />

älterer Kaltzeiten periglaziär gebil<strong>de</strong>t wur<strong>de</strong>". Hingegen olltenScHREIJ ER ( 1996, S. 28)<br />

zu fo lge wünnzeitliche Schutt<strong>de</strong>cken <strong>de</strong> Mittel chwarzwal<strong>de</strong> während <strong>de</strong>r "in Mitteleuropa<br />

verbreiteten würnlkaltzei tlichen Auf. chüttungs- <strong>und</strong> Erosionsvorgänge" dort abgetragen sein<br />

<strong>und</strong> in dieser "letzten großen wünnkaltzeitlichen Akkumulationsphase" z. B. das Donaueschinger<br />

Ried aufgefüllt haben. Die vorgelegten Bef<strong>und</strong>e besagen an<strong>de</strong>res. Auch die K ernbohrungen<br />

<strong>de</strong>r Geologischen L an<strong>de</strong> anstalt in Tälern <strong>de</strong>r Schollach, rach <strong>und</strong> Breg anläß lich früher<br />

geplanter Tal sperren zeigen, daß die Hänge durchweg sandig/lehmige Schutt<strong>de</strong>cken in einer<br />

M äc htigkeit von 1111 - 3.4 m tragen, welche w ie<strong>de</strong>rholt ältere ortsfrem<strong>de</strong> Gesteinsbrocken<br />

aufweisen.<br />

Nimmt man die Kenntnisse über die zeitlichen <strong>und</strong> klimati schen Bed ingungen <strong>de</strong>r Bo<strong>de</strong>nbildung<br />

hinzu, so darf insgesamt die eingangs vertretene, nunmehr besser belegte Auffa sung<br />

beibehalten wer<strong>de</strong>n. daß die heute anzutreffen<strong>de</strong>n Schutt<strong>de</strong>cken <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> im<br />

we entlichen au <strong>de</strong>r Würmkaltzeit stammen <strong>und</strong> Reste älterer Schotter enthalten.<br />

3. 1.2. Moränen<br />

M oränen sind Ablagerungen, die durch Glet eher transportiert wur<strong>de</strong>n, wenngleich auch<br />

Schmelzwasser dabei erheblich mitwirken kann, insbe on<strong>de</strong>re bei Endmoränen <strong>und</strong> an <strong>de</strong>r


101<br />

jeweiligen Gletscherstirn. Dabei wer<strong>de</strong>n die Gesteinstrümmer weitaus stärker geschoben als<br />

gerollt, so daß die Zur<strong>und</strong>ungsklassen einen beson<strong>de</strong>ren Verteilungstyp bil<strong>de</strong>n. <strong>de</strong>r sich in <strong>de</strong>r<br />

Regel wesentlich sowohl einer eits von Solifluktionsschutt als auch an<strong>de</strong>rerseits von Ablagerungen<br />

fließen<strong>de</strong>r Gewässer unterschei<strong>de</strong>t.<br />

So wur<strong>de</strong>n bei 21 Gr<strong>und</strong>- <strong>und</strong> Endmoränen <strong><strong>de</strong>s</strong> Südschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Vogesen durchschnittlich<br />

18 % kantige, 59 % kantenger<strong>und</strong>ete, 20 % ger<strong>und</strong>ete <strong>und</strong> etwa 3 % stark ger<strong>und</strong>ete<br />

Geschiebe ermittelt bei Standardabwe ichungen um s = 10 %. Auch alpine Moränen fügen<br />

sich diesem Typus gut e in (RElc HELT 1961 , S. 22). Im ordschwarzwald wie en 26 Gr<strong>und</strong><strong>und</strong><br />

Endmoränen durchschnittlich 59 % ( = 8) kantenger<strong>und</strong>ete Steine auf (FEZER et a!.<br />

1961. S. 69). Der Typus ist also auf breiter Basis gesichert <strong>und</strong> umfaßt owohl die verschi<br />

e<strong>de</strong>nsten kristallinen Silikatgeste ine (wie Gneise, Granite, Porphyre) als auch Buntsand­<br />

. tein <strong>und</strong> Kalkgeste ine.<br />

Die Einregelung <strong>de</strong>r Schonerachsen ist uneinheitlich. Bei Endmoränen <strong>und</strong> Rückzugs chottem<br />

kann die Einregelung quer zur Transportrichtung unter <strong>de</strong>m Einfluß <strong>de</strong> Schmelzwa sers<br />

le icht vorhelTschen, doch liegen die Richtungen <strong>de</strong>r Geschiebeachsen durchschnittlich dicht<br />

beie inan<strong>de</strong> r. Bei Moränen <strong><strong>de</strong>s</strong> Nordschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> fan<strong>de</strong>n FEZER et a!. (ebd.) fo lgen<strong>de</strong> Einregelung:<br />

längs 34 % (s = 12), quer 34 % (s = 6), an<strong>de</strong>rs 32 % (s = 7). Danach ist die Einregelung<br />

ein weiteres Abgrenzungskriterium gegenüber Solifluktionsschutt einerseits <strong>und</strong> fluvialen<br />

Ablagerungen an<strong>de</strong>rerseits.<br />

Wie aus Tab. I ("Moränen") hervorgeht. weichen die im Mitte lschwarzwald untersuchten<br />

Proben hinsichtlich <strong><strong>de</strong>s</strong> R<strong>und</strong>ung gra<strong><strong>de</strong>s</strong> nur wenig vom Typus ab <strong>und</strong> liegen in <strong>de</strong>r <strong>de</strong>n<br />

Typus bestimmen<strong>de</strong>n R<strong>und</strong>ungsklasse "kantenger<strong>und</strong>et" mit 62 % bzw. 56 % innerhalb <strong>de</strong>r<br />

Standardabweichung.<br />

Die nach ihrer Höhenlage geordneten Moränen wur<strong>de</strong>n in zwei Gruppen geteilt. Da<strong>für</strong> war<br />

neben <strong>de</strong>r Höhenlage <strong>de</strong>r Verwitterungsgrad entschei<strong>de</strong>nd. Er wur<strong>de</strong> zwar nicht durchweg<br />

exakt ermittelt, doch re ichen die erhobenen Daten aus, um die Trennung statistisch zu begrün<strong>de</strong>n.<br />

Die über 940 m+ angetroffenen Moränen weisen trotz großer Streuung mit Iv =<br />

35 einen signifLkanten Unterschied im Verwitterungsgrad zu <strong>de</strong>njenigen tieferer Lage (mit Iv<br />

= 522) aus.<br />

Diskussion: Bei <strong>de</strong>r Einheitlichkeit <strong>de</strong>r R<strong>und</strong>ungsgradspektren bei<strong>de</strong>r Gruppen <strong>und</strong> angesichts<br />

<strong>de</strong>r großen Datenmengen auch aus benachbal1en Bereichen dürfen die aufgeführten Ablagerungen<br />

als Moränen gelten. Zwar wur<strong>de</strong>n in <strong>de</strong>r zweiten Gruppe zufällig keine Einregelungsmessungen<br />

vorgenommen. Doch läßt <strong>de</strong>r R<strong>und</strong>ungsgrad ohnehin eine sichere Abgrenzung<br />

gegenüber Solifluktions chutt zu. Auch gegenüber fluvialen Schottem sind a lle als Moränen<br />

eingestufte Proben dadurch abgegrenzt daß außer <strong>de</strong>m Maximum in <strong>de</strong>r Kategorie "kantenger<strong>und</strong>et"<br />

di e Summe <strong>de</strong>r ger<strong>und</strong>eten <strong>und</strong> stark ger<strong>und</strong>eten Steine unter 50 % liegt. Darüber<br />

hinaus ergeben sich aus weiteren, hier nicht im Einzelnen aufgelisteten Merkmalen wie fehlen<strong>de</strong>r<br />

SOl1ierung <strong>und</strong> Schichtung, gute Unterscheidungskriterien.<br />

Einwän<strong>de</strong> könnten vielleicht gegenüber <strong>de</strong>n Proben 54 <strong>und</strong> 51 bei Bruggen erhoben wer<strong>de</strong>n<br />

weil sie e inerseits einen <strong>für</strong> Moränen extrem niedrigen Anteil kantiger Steine, an<strong>de</strong>rerseits<br />

e inen recht hohen Anteil stark ger<strong>und</strong>eter Geschiebe aufweisen. Diesbezüglich kommen sie<br />

fluvialen Ablagerungen immerhin nahe. Doch zeigen gera<strong>de</strong> diese Proben wegen ihrer schlechten<br />

Sortierung, Probe 51 auch wegen ihrer dominieren<strong>de</strong>n /S-Achseneinregelung, daß sie<br />

keine Bregschoner sind; sie müßten sonst - wie die Flußschotter-Probe 27 bei Bruggen - quer<br />

zur Flußrichtung, also W /0 orientiert sein. Außer<strong>de</strong>m hat die Breg we<strong>de</strong>r einerseits große


102<br />

Tab. I: R<strong>und</strong>ungsgrad, Verwitterungsin<strong>de</strong>x (Iv)<strong>und</strong> Einregelung <strong>de</strong>rScholterachsen bei Ablagerungen<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong>de</strong> <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Baar<br />

Nr. Entnahmeort Höhe R<strong>und</strong>ungsgrad in % Einregelu ng<br />

m + kt kg gr sg V Ig qu and<br />

1. HangschuU/Solifluktion<br />

11 3 Brend/Ladstan 1020 68 32 0 0 43 vorw.lg.<br />

136 Oberbränd/Spitzwald 1005 7 1 29 0 0 26/43 vorw. lg.<br />

30 Furtwangen eueck 990 96 4 0 0 n.b. n.b.<br />

12 1 Schollach/Wen<strong>de</strong>lshäusle 96 1 84 16 0 0 n.b. 72 16 2<br />

29 Urachtal/Sägenhof 950 9 1 9 0 0 n.b. 85 6 9<br />

122 Schollach/Jo enhof 9 10 76 24 0 0 650 68 14 18<br />

4 1 oberes Forbental 880 80 20 0 0 n.b. 73 7 20<br />

14 1 Furtwangen/Lochmühle 850 84 16 0 0 24 n.b.<br />

143 oberer Roßdobelhang 8 10 96 4 0 0 n.b. 75 15 10<br />

133 Hammereisenbach 755 9 1 9 0 0 75 n.b.<br />

134 H'eisenbach/Schunnicher 760 58 40 2 0 45 n.b.<br />

Mittelwerte 8 1 19 0,2 129 75 12 12<br />

Standardabweichung (s) 12 12 0,6 230 6 5 7<br />

2. Morä ne<br />

2. I . letztes Glazial:<br />

36 Brend/Josenbach 1070 22 62 16 0 3 n.b.<br />

33 He llewan<strong>de</strong>r Kar 1055 36 62 2 0 29 n.b.<br />

33b Hellewand/Großhof 1028 43 52 5 0 n.b. n.b.<br />

32 SchollachjTreibenman 990 40 56 4 0 100 52 40 8<br />

34 Furt wangen/Sägemannshof 965 11 73 16 0 n.b. 35 28 37<br />

39 H'eisenb./Sauerbrunnen 955 29 64 7 0 n.b. n.b.<br />

35 Neuki rch/Wolfloch 940 30 62 8 0 7 30 62 8<br />

3 1 Scho llach/Laulishof 940 8 66 24 2 n.b. 40 40 20<br />

Mittelwerte 27 62 10 0,3 35 39 43 18<br />

Standardabweichung (s) 13 6 8 0,8 45 9 14 14<br />

2.2. rrühere Glaziale:<br />

40 Herzg. wei ler/FischerSlr. 905 25 54 2 1 0 ( 1300) n.b.<br />

06 Un terbränd euwald 840 24 64 12 0 hoch n.b.<br />

44 Wolterdingen/Hallenberg 795 29 59 12 0 333 n.b.<br />

45 Wollerdingen/Hallenberg 793 29 62 9 0 (600) n.b.<br />

38 Volkertsweiler/Eichwäldle 780 6 66 27 I n.b. n.b.<br />

42 Zin<strong>de</strong>lstein/Schmelztobel 775 35 6 1 4 0 n.b. n.b.<br />

34 Pfaffenwei ler/Wiesel bach 765 30 57 10 3 n.b. n.b.<br />

09 Waldhausen/Brändbach 775 35 53 12 0 hoch n.b.<br />

25 Bruggen/Hal<strong>de</strong> 735 36 50 8 6 hoch n.b.<br />

08 Waldhausen/pulz 722 22 42 28 8 n.b. n.b.<br />

54 Bruggen/Öschweg 708 5 47 38 10 633 n.b.<br />

5 1 Bruggen/Süd 705 3 59 3 1 7 600 dom. /S<br />

Mittelwerte 23 56 18 3 522<br />

Standardabweichung (s) 12 7 11 4 165


\ 03<br />

3. Flußschotter<br />

18 Schollach/Laulishof 945 8 45 45 2 n.b. 26 68 6<br />

19 Rohrbach(Lenzenhof 860 nicht bestimmt n.b. 39 59 2<br />

2 1 Woltloch/Bach 937 2 30 54 14 L33 qu.dachz.<br />

07 Brändbach/U'bränd 764 6 28 54 12 n.b. qu .dachz.<br />

17 Breg ob. Linachmündung 770 6 3 1 53 10 250 35 56 9<br />

16 Breg/Pegel H'eisenbach 737 2 32 48 18 n.b. 39 53 8<br />

15 BregfTierstein 735 0 44 36 20 200 36 54 LO<br />

14 Breg/Wolterdingen 7 15 2 40 49 9 hoch 30 54 16<br />

27 Breg/Bruggen 699 I 33 54 12 200 28 56 16<br />

16 Breg/Hüfingen-Seemühle 686 2 30 54 14 250 34 54 12<br />

I1 Brigach/Donaueschingen 676 I 52 33 14 11 0 32 56 12<br />

10 Donau/pfohren 673 2 45 40 13 2 10 36 56 8<br />

( 6 1 Kiesgrube Hü fingen 680 0 34 54 12 400 37 47 16)<br />

Mittelwerte 3 37 47 12 193 34 57 10<br />

Standardabweichung (s) 3 8 8 6 54 >4 >4 >4<br />

4. zu klären<strong>de</strong> Ablagerungen<br />

4.1. <strong>de</strong>n Vergleichswerten zufolge Moräne<br />

53 Donaueschingen/Staig 727 6 56 26 12 1250 unsortiert<br />

52(A) Donaueschingen/Staig 714 14 51 32 3 hoch 6 1 13 26<br />

52(B) Donaueschingen/Staig 715 5 50 14 0 hoch 50 24 26<br />

55 Hüfingen/Stettenbuck 705 9 66 22 3 330 n.b.<br />

56 Hüfingen/Schleewie en 700 I1 69 17 3 233 n.b.<br />

57 Hüfingen/Hohen 693 10 62 22 6 300 n.b.<br />

60 Donaueschingen/aufLeimen 692 14 53 20 13 283 n.b.<br />

58 Pfohren/Stonzfeld 680 13 56 25 6 250 n.b.<br />

64 Donaueschingen/Ried 675 4 54 35 7 n.b. n.b.<br />

65 Pfohren/Grenzgraben 675 3 66 25 6 420 (46 44 10)<br />

Mittelwerte 9 58 24 6 *303 52 27 2 1<br />

Standardabweichung (s) >4 7 >6 4 67 8 16 9<br />

* Mittelwert ohne r.53<br />

4.2. <strong>de</strong>n Vergleichswerten zufo lge Glazitluvial/FluvioglaziaJ<br />

47 Villingen/Hammerhal<strong>de</strong> 750 24 38 30 8 n.b. n.b.<br />

49 Villingen/Lorenokap. 748 22 42 23 13 hoch n.b.<br />

48 Vi II ingen/Laible 745 4 58 30 8 hoch 8 *44 48<br />

62 Kiesgrube PFohren (a,b) 675,6 0 60 36 4 388 46 44 10<br />

Mittelwerte 13 50 30 8<br />

Standardabweichung (s) 12 11 5 4<br />

* hier: qu = N/S-Richtung (± 23°)<br />

Anmerkungen:<br />

R<strong>und</strong>ungsgrad (in %): kt = kantig, kg = kan tenger<strong>und</strong>et, gr = ger<strong>und</strong>et, g = stark ger<strong>und</strong>et (Defin . s.<br />

REICHELT 1955, 196 1, SCHREINER 1992)<br />

Verwitterungsin<strong>de</strong>x Iv: n verwitterte/n frische Steine x 100<br />

Einregelung (in %): Lage <strong>de</strong>r längsten Achse <strong>de</strong>r Steine zur Transportrichtung (im Zweifel<br />

Himmelsrichtung) Ig = längs, qu = quer, ancl = an<strong>de</strong>rs<br />

Die Analysen-Nummern entsprechen <strong>de</strong>r Karte (A bb. I).


104<br />

teine <strong>und</strong> gar Blöcke bi I m Länge transportieren. noch an<strong>de</strong>rerse its '0 umfangreiche Tonlager<br />

von über I m M ächtigkeit bil<strong>de</strong>n können (Abb. 3).<br />

Die aus Grün<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r Höhenlage <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Verwitterungsgra<strong><strong>de</strong>s</strong> vorgenommene Zweiteilung<br />

<strong>de</strong>r Gruppe "Moränen" führt zwangsläufig zu <strong>de</strong>r Deutung. daß es sich hier um Moränen min<strong><strong>de</strong>s</strong>ten<br />

zweier Glaziale han<strong>de</strong>lt. Wie schon bei m Solifluktionsschutt ausgeführt. entsprechen<br />

Verwilterungsgra<strong>de</strong> von I = < I 00 Ablagerungen <strong>de</strong>r WümlZeit, während so lche mit Wel1en<br />

um <strong>und</strong> über 300 entwe<strong>de</strong>r <strong>de</strong>m Ri ßglazial o<strong>de</strong>r noch früheren K altzeiten zuzuordnen sind.<br />

Dem scheint bei oberflächlicher Betrac htung die Tatsache entgegenzustehen, daß die noch<br />

heute in Bewegung befindlichen " rezenten" Flußschotter<strong>de</strong>r Breg <strong>und</strong> Brigach (Tab. 1,3)<br />

tei lwe ise Verwi tterungswerte von über 100 o<strong>de</strong>r gar bis 250 aufweisen. Dieser Wi<strong>de</strong>rspruch<br />

ist nur scheinbar. Vielmehr tragen die Flüsse auch die "A ltlast" von Schonem früherer Glaziale.<br />

nd da, wie ausgeführt w ur<strong>de</strong>. Schutt <strong><strong>de</strong>s</strong> letzten Glazials kaum in die Vorfluter gelangt ist.<br />

entstammt die Hauptmasse ihrer Schotter noch <strong>de</strong>m vorletzten Glazial. fhre Verwitterungspuren<br />

wer<strong>de</strong>n auch bei Zerkleinerung durch <strong>de</strong>n Transport nicht ganz beseitigt. So gesehen, liefem<br />

die rezenten Flußschotter (das "Alluvium" <strong>de</strong>r geologischen Kal1en) ein weiteres Indiz da<strong>für</strong>,<br />

daß die wünnzeitlichen Schuttmassen zum großen Teil noch auf <strong>de</strong>n Höhen <strong>und</strong> Hängen <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

östlichen Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> liegen.<br />

Zu diskutieren bleiben die in Tabelle I al s "zu k lären<strong>de</strong> Ablagerungen" ausgeschie<strong>de</strong>nen<br />

Proben. Sie liegen bereit außerhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong>de</strong> <strong>und</strong> sind mit ihrem hohen Anteil<br />

an Buntsandstein o<strong>de</strong>r kristallinen Silikatgesteinen "Erratika" auf <strong>de</strong>n Schichten <strong><strong>de</strong>s</strong> Muschelkalks<br />

o<strong>de</strong>r Keupers. Dennoch könnten sie durch höher am Berg fließen<strong>de</strong> Vorläufer <strong>de</strong>r Breg.<br />

also durch fluviatilen Transport, an ihre heutige Lage rstätte gelangt ein. Zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t <strong>für</strong> die<br />

Schotter vom Hüfinger Stettenbuck ( r. 55) bis zum Donaueschinger Ried ( r. 58, 64, 65)<br />

wä re das zu erwarten, <strong>für</strong> die übrigen nicht von vornherein auszuschließen.<br />

Tatsäc hlich zeigt <strong>de</strong>r Verwitterung grad , daß es sich durchweg um Schotter han<strong>de</strong>lt, welche<br />

vor <strong>de</strong>m letzten Glazial, mit hoher Wahrscheinlichkeit im Ri ß o<strong>de</strong>r früher (Probe 53 "Auf<br />

Staig", Abb. 4) abgesetzt wur<strong>de</strong>n.<br />

Allerding fügen sich die Schortel' allesamt <strong>de</strong>m R<strong>und</strong>ungsgrad-Typus " Moränen" sehr gut<br />

ein. Auch konnte bei r. 60 "auf Leimen" sogar ein geschrammter Quarzit geborgen wer<strong>de</strong>n,<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> en "Kritzen" direkt aufGletschertransport hin<strong>de</strong>uten. Außer<strong>de</strong>m wi<strong>de</strong>rspricht die Einregelung<br />

<strong>de</strong>r Schotterach en, oweit ie bestimmt wur<strong>de</strong>. <strong>de</strong>r Annahme fluviati len Transports.<br />

Fluß chotter zeigen nänllich (Tab. I ) innerhalb sehrenger statisti scher Grenzen eine absolute<br />

Mehrheitquer zur Fließrichtung eingeregelter Gerölle sowie dachziegelige Lagerung (Abb. 5).<br />

Dem entspricht die Kiesgrube Binzen/HUfingen ( r. 61) frei lich nicht ganz. Hier gibt e au -<br />

ge<strong>de</strong>hnte Schrägschichtungen ("Deltaablagerungen") <strong>und</strong> Partien mit chlechter Sortierung<br />

(Abb. 6), die eher auf fluvioglaziale Bedingungen durch Schmelzwasser vor <strong>de</strong>r Gletscherstirn<br />

hinwei, 'en, so daß ie eher <strong>de</strong>r letzten, noch zu disk utieren<strong>de</strong>n Schonergruppe zuzuordnen wäre.<br />

Einwän<strong>de</strong> gegen die Moränennatur <strong>de</strong>r Proben 52 A , B (Donaueschingen/Staig) könnten<br />

sich wegen <strong>de</strong>ren <strong>für</strong> M oränen untypischen Einregelung mit Bevorzugung längs eingestellter<br />

Ge 'chiebeach en ergeben. Sie entspricht eher solifluidalern Transport. Tatsächlich entstammen<br />

diese Proben einem Aufschluß am überhang, <strong>de</strong>r zweifellos sowohl <strong>de</strong>r Tiefe <strong>de</strong>r betreffen<strong>de</strong>n<br />

Horizonte wegen als auch nach usweis <strong><strong>de</strong>s</strong> Verwitterung gra<strong>de</strong> einer alten periglazialen,<br />

wenn auch nur kurzstreck igen Sol i fluktion unterlag. Diese konnte aber die Moränenherkunft<br />

nicht verw ischen. Zwar war <strong>de</strong>r Anteil zerbrochener Steine mit 17 % <strong>und</strong> 27 % sehr hoch -<br />

wie oft bei alten, in wechsel n<strong>de</strong>n M edien tran sportierten Schottern - , doch wur<strong>de</strong> nur <strong>de</strong>r<br />

erkennbare ursprüngliche Zustand (a lso ohne Berücksichtigung <strong>de</strong>r Bruchkanten) bewertet.


105<br />

Zusammenfassend sind fo lg li ch die Schotter dieser Gruppe zu glaziären Ablagerungen <strong>de</strong>r<br />

vorl etzten o<strong>de</strong>r früheren Ka ltzeiten zu stellen. Das ist umso berechtigter, als sich nunmehr<br />

auch ihr räuml icher Zusammenhang mit <strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong>n Ablagerungen im ährgebiet<br />

<strong>de</strong>r Vergletscherung <strong>de</strong>utlicher abzeichnet.<br />

Abb. 6: Die Schorter<strong>de</strong>r Kiesgrube "Bi nzen" bei Hüfingen (680 m ü.M .) sind chlechtsortiert bei stark<br />

wechseln<strong>de</strong>n Lageru ngsverhällnissen (vgI.Abb. 5). Häufig kommen Schrägschichtungen (" Deltaschich­<br />

Illng") vor. Z usammen mit <strong>de</strong>m R<strong>und</strong>ungsgrad <strong>de</strong>utet das auf Ablagerung vor einem Gletscher hin.<br />

3. 1.3 Wahrschein I ich fl uvioglaziale Abl agerungen<br />

Flu vioglaziale o<strong>de</strong>r glazifl uv iale Schotter ("San<strong>de</strong>r") treten vor <strong>de</strong>r Gletscherstirn be im<br />

Vorrücken o<strong>de</strong>r Rückschmelzen von Gletschern auf <strong>und</strong> sind durch stark wechseln<strong>de</strong> Sorti e­<br />

rung, Schichtung, R<strong>und</strong>ungsgra<strong>de</strong> <strong>und</strong> Einregelung gekennzeichnet. W. PAUL ( 1979) hat zuletzt<br />

die Schotter <strong><strong>de</strong>s</strong> Schellenberggipfels als San<strong>de</strong>r einer vielleicht pliozänen Kaltzeit ge<strong>de</strong>utet.<br />

Daß auch die Schotter <strong><strong>de</strong>s</strong> Donaueschinger Rieds zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t te il weise a ls San<strong>de</strong>r eines rißzeitlichen<br />

Gletschers aufzufassen sind, veltrat <strong>de</strong>r Verfasser (REICHELT 1994, 1997a) gegenüber<br />

SCHREINER (1996), <strong>de</strong>r sie - wie erwähnt - <strong>für</strong> würmzeitliche Flußschotter hält. Nach <strong>de</strong>n oben<br />

di skutierten Bef<strong>und</strong>en besteht kein Gr<strong>und</strong> zur Revi ion me iner Zuordnung.<br />

Zu klären bl eiben die Villinger Schotter <strong>de</strong>r Hammerhal<strong>de</strong> ( r. 47), <strong>de</strong>r Lorettokapell e (Nr.<br />

49) <strong>und</strong> vom La ible ( r. 48). Die petrographische Geschi ebegeme inschaft von Nr. 47 <strong>und</strong><br />

r. 49 wird übereinstimmend durch verschi e<strong>de</strong>ne Bunt andstein varietäten, Quarzite <strong>und</strong><br />

Quarzknauer dom iniert, doch enthalten sie auch 4-8 % Gneise <strong>und</strong> Granite. 10- 19 % <strong>de</strong>r<br />

Geschi ebe sind zerbrochen. Sie sind in steife, toni g/lehmige Matri x gebettet aber nicht verbacken.<br />

Der große Anteil schwer verwitterbarer Quarze <strong>und</strong> Quarzite läßt einen Vergleich<br />

mit <strong>de</strong>m Verwinerungsgrad an<strong>de</strong>rer Schotter nicht zu. Die weni gen Metamorphite <strong>und</strong> di e<br />

Buntsandsteine sind angewittert, aber ni cht durchweg mürb. Eine Sortierung ist nicht zu er-


»<br />

CJ<br />


107<br />

kennen. Der <strong>für</strong> Moränen recht hohe Antei l ger<strong>und</strong>eter <strong>und</strong> stark ger<strong>und</strong>eter Geschiebe ist<br />

auf die schon ursprüngli ch stark ger<strong>und</strong>eten kl einen Quarzite aus <strong>de</strong>m Buntsandstein zurückzuführen.<br />

Dem steht e in hoher Anteil kantiger Buntsandsteine <strong>und</strong> Quarze gegenüber.<br />

Die Einregelung ist infolge von Kryoturbation njcht mehr ursprünglich, trägt also zur KJ ärung<br />

<strong>de</strong>r Genese nicht be i. PAUL ( 1963, S . 572) hat die Ablagerungen bei <strong>de</strong>r Lorettokape lle mit<br />

Vorbehalt als "rißzeitliche Schottermoräne" ge<strong>de</strong>utet. Das entspricht auch <strong>de</strong>r hier vertretenen<br />

Auffassung. Die Schotter in diesem Gebiet dürften e inem rißzeitlichen San<strong>de</strong>r angehören.<br />

Wenige km südlich tiegt über <strong>de</strong>m Wieselsbach bei Pfaffenweiler Gr<strong>und</strong>moräne ( r. 34,<br />

A bb. 12), die vie lle icht eher zu e inem vom Bregtal herüberdringen<strong>de</strong>n Eiskörper gehört,<br />

während besagter San<strong>de</strong>r vermutl ich einem Brigachgletscher zuzuordnen wäre.<br />

Die Schotter am Gipfel vom Laible bil<strong>de</strong>n e in lehmig verbackenes Pflaster aus 65 % Buntsandstein,<br />

23 % Quarzknauem <strong>und</strong> etwa 10 % Quarziten (darunter Zuckerkornquarzit). Etwa<br />

20 % <strong>de</strong>r Steine sind zerbrochen <strong>und</strong> teil weise erneut zuger<strong>und</strong>et. Metamorphite fehlen am<br />

Gipfel gänzlich <strong>und</strong> treten erst etwa 10 - 20 m unterhalb in dichter Streu auf <strong>de</strong>n Fel<strong>de</strong>rn<br />

zutage, womit sie noch zum rißzeitlichen San<strong>de</strong>r gehören dürften. Der hohe Anteil "an<strong>de</strong>rs",<br />

nämlich aufrecht verstellter Schotter am Gipfel belegt intensive Kryoturbation; aber 46 %<br />

<strong>de</strong>r länglichen Steine liegen in /S-Richtung, was bei Annahme eines Transportes von Westen<br />

einer f1uvialen Einregelung nahekommt. Zumin<strong>de</strong> t im erschlossenen Bereich (etwa 100 cm)<br />

ist keine Schichtung erkennbar; R<strong>und</strong>ungsgrad <strong>und</strong> Einregelung zusammen sprechen <strong>für</strong><br />

f1uvioglazialen Transport. Große kanten ger<strong>und</strong>ete Buntsandste inblöcke ringsum lassen an<br />

die Schotter <strong><strong>de</strong>s</strong> Schellenberggipfels <strong>de</strong>nken. Die Schotter am Laiblegipfel sind offensichtlich<br />

älter als die seines Südhangs <strong>und</strong> jene bei <strong>de</strong>r Hammerhal<strong>de</strong> <strong>und</strong> Lorettokapelle. P AUL (1963,<br />

S. 572) vermutete <strong>für</strong> die Gipfelschotter altpleistozänes bis pliozänes Alter. Welcher Kaltzeit<br />

<strong>de</strong>r San<strong>de</strong>r zuzuordnen ist - noch Rißkomplex, Min<strong>de</strong>l o<strong>de</strong>r älter? - kann noch nicht entschie<strong>de</strong>n<br />

wer<strong>de</strong>n, wie auch am Schellen berg bei Grüningen (Fronholz, Schlechte) noch manches offen ist.<br />

3.2. Die Talformen <strong>und</strong> ihre Entstehung<br />

3.2. 1 Typen <strong>de</strong>rTaIschlüsse<br />

A uf <strong>de</strong>r Ostabdachung <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> sind solche Talschlüsse am häufigsten, die<br />

über einem geräumigen Talbo<strong>de</strong>n halbkreisförmig von ste ilen Wän<strong>de</strong>n umrahmt sind, zuweilen<br />

fel sd u rchsetzt o<strong>de</strong>r mi t au ffallen<strong>de</strong>r A nsam ml u ng grober Blöcke. Der fI ache Ta I bo<strong>de</strong>n geh t<br />

meist mit steiler Stufe, also hängend, in einen tiefer gelegenen Talbo<strong>de</strong>n über, <strong>de</strong>r durch <strong>de</strong>n<br />

heutigen Bach zerschnitten sein kann. Vermoorungen <strong><strong>de</strong>s</strong> obersten o<strong>de</strong>r weiter unterhalb gelegenen<br />

Bo<strong>de</strong>ns sind nicht selten. E in Beispiel ist die Hellewan<strong>de</strong>r Wanne (vgl. Abb. 7). Ein<br />

zweiter Typus beginnt in relativ flachen Mul<strong>de</strong>n mit höchstens e iner versteilten westlichen<br />

F lanke, geht aber abwäJ1s nicht SofOl1 in ein Kerbtal über, son<strong>de</strong>rn gleicht mit seinem breiten,<br />

erst vom heutigen Bach zerkerbten Tal bo<strong>de</strong>n <strong>de</strong>m oben beschriebenen Typ. Bubenbach <strong>und</strong><br />

Schmelzdobel (unteres Bregtal) sind Beispiele hier<strong>für</strong>. Wie<strong>de</strong>r an<strong>de</strong>re haben nur eine auffällig<br />

verste ilte Westwand aber keine r<strong>und</strong>liche Umrahmung, sind also im Querschnitt stark asymmetrisch.<br />

Bei piele sind die Täler am Südhang über Mittelschollach.<br />

J. Typus: "Schneegrube". Da W. PAUL (1963) als erster die tief e ingesenkten, zirkusartigen<br />

Talschlüsse <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> (Abb. 7) als "Schneegruben" bezeichnet <strong>und</strong> damit<br />

sowohl ihre Bedingung als auch ihre Funktion ange<strong>de</strong>utet hat, sei dieser Begriff be ibehalten.<br />

Er entspricht <strong>de</strong>n "Nivati onsni schen" an<strong>de</strong>rer Autoren. PAUL erkannte auch, daß es sich um<br />

die - gesteinsbedi.ngt modifizierten - Äqui valente <strong>de</strong>r im (Buntsandstein-) ordschwarzwald<br />

<strong>und</strong> (höheren) Südschwarzwald häufigen Kare han<strong>de</strong>lt. Sie erreichen selten mehr als die<br />

Deutlichkeitsgruppe 6 (von 10) nachZIEf','ERT (1967).


108<br />

Tab.2: "Schneegruben" nach Tälern <strong>und</strong> Meereshöhe<br />

Talffalschluß Expos. Höhe ü. N größte Talbo<strong>de</strong>n mit<br />

Rand I.Bo<strong>de</strong>n 2.Bo<strong>de</strong>n Wandhöhe Moor Moräne<br />

Bre!!tal<br />

Schnabel hof N 1050 960 940 110m +<br />

Sonnenwinsgr<strong>und</strong> 1040 900 860 180<br />

Sommerberg 1030 860 170 +<br />

Ursbach 1030 910 860 170 +<br />

Wanne S 1030 920 110<br />

Öst!. Wintergr<strong>und</strong> E 1020 850 170<br />

Rößlegr<strong>und</strong> N 1020 885 135<br />

West!. Wintergr<strong>und</strong> N E 10 10 850 160<br />

Angelsbach E 1005 890 845 160<br />

Hofgr<strong>und</strong> N E 990 890 100<br />

Rauhbühldobel E 990 940 50 + +<br />

örd!. Rauhbühl ESE 990 935 55<br />

Sauerbrunnen NW 975 945 30<br />

Süd!. Klausdobel E 950 8 5 65<br />

Schin<strong>de</strong>idobei SE 940 860 80<br />

Breitbrunnen W 930 880 50<br />

Forbental S 925 885 40<br />

Wilddobel E 895 865 30<br />

UnI. Fischerhöhe SSE 895 870 25 +<br />

G chwand E 860 825 35<br />

Roßdobel E 850 800 50<br />

Lambensdobel E 830 780 50<br />

Schwarzbubenbach S 830 800 30<br />

Linachlal<br />

Kesselbach 1090 1000 950 140<br />

Kohlwasendobel W 1080 1000 80<br />

Langgru nd ESE 1080 980 100 +<br />

Berghäu ledobel E 1050 950 100<br />

Schmiedsgr<strong>und</strong> SE 1040 950 900 140<br />

Hermeshof SE 1030 950 905 125<br />

Roßtobel E 980 920 60<br />

rachtal<br />

ROlUrach 11 20 1040 1020 100 + +<br />

Streichen bach ESE 1100 1030 1000 100<br />

Fallersloch 1080 940 140<br />

Fahlenbach 1080 975 105<br />

Schwarzenbach 1070 970 100<br />

E chengr<strong>und</strong> 1070 995 75<br />

Schollachtal<br />

Treibenman E 11 00 10 15 980 120 + +<br />

Engenbach E 11 00 1060 1020 80<br />

Rengental ESE 1080 10 10 975 105 +<br />

Eisenbach-LEelsenlal<br />

Hellewand E 11 20 1050 1000 120 + +<br />

Ebenen moos E 1080 1030 10 15 65 +<br />

Wiesbach E 1080 10 10 980 100 +<br />

K ohldobel ESE 1040 935 105<br />

Bles inghof NW 1000 940 900 100<br />

Höllhal<strong>de</strong>ndobel E 970 900 70


109<br />

Die Beziehung zum Klima zeigt sich klar darin, daß von über 50 untersuchten Schneegruben<br />

<strong>de</strong>r Täler von Breg, Linach, rach, Schollach <strong>und</strong> Eisenbach über 80 o/t in <strong>de</strong>n Expositionen<br />

, E, E bis SE, also auf Schattenhängen o<strong>de</strong>r im Lee <strong>de</strong>r ie<strong>de</strong>rschläge vorkommen obwohl<br />

fast ebensoviele Talschlüsse in südlicher bis westlicher Position liegen. Weitere Hinwe ise<br />

liefert Tabelle 2, in welcher. nach Tälern <strong>und</strong> Höhenlage geordnet, ei nige Merkmale zusammengefaßt<br />

wer<strong>de</strong>n.<br />

Daraus geht auch hervor, daß die Wand höhe <strong>de</strong>r Schneegruben zwischen 800 <strong>und</strong> 1000 m+<br />

stark zunimmt, außer<strong>de</strong>m in <strong>de</strong>r Regel in Leelage größer ist als in südlicher bis westlicher<br />

Au lage. Die Kubatur verän<strong>de</strong>rt sich entsprechend. Schneegruben über 1000 m+ si nd<br />

zwei- bis dr.eifach größer als darunter gelegene. Auch ge taffelte Bö<strong>de</strong>n kommen erst oberhalb<br />

von 1000 m +NN vor.<br />

Demgegenüber ist die Vollständigkeit <strong>de</strong>r Karforn1 offenbar nicht durchweg von <strong>de</strong>r Höhenlage<br />

abhängig. So si nd die Schneegruben im unteren Bregtal zwar kleiner, zeigen aber alle Typus­<br />

Merkmale. Gegenüber echten Karen fehlt ihnen eigentlich nur die Kar chwelle am Ausgang<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>r Karriegel, während in je<strong>de</strong>m Fall die hängen<strong>de</strong> Mündung in <strong>de</strong>n nächsrunteren Talabschnitt<br />

vorhan<strong>de</strong>n ist. Auch sind vern100rte Bö<strong>de</strong>n <strong>und</strong> felsige Wandpartien min<strong><strong>de</strong>s</strong>tens so<br />

häufig wie in <strong>de</strong>n höher gelegenen Ta lschlüssen. Die Wurzeln <strong><strong>de</strong>s</strong> Krumpendobels, aber auch<br />

die ischen unter <strong>de</strong>r Fischerhöhe si nd Beispi ele da<strong>für</strong>. Da ie sämtlich im Buntsandste in<br />

o<strong>de</strong>r Granilliegen, haben sie ihre FOlm selbst in tiefer Lage besser bewahren können als viele<br />

höher gelegene im Gneisgebiet an <strong>de</strong>r oberen Breg, Linach <strong>und</strong> Urach. Das wird beson<strong>de</strong>rs<br />

<strong>de</strong>utlich an <strong>de</strong>n nur 250 m voneinan<strong>de</strong>r entfernten Zwillingen bei <strong>de</strong>r Lambertshütte über <strong>de</strong>r<br />

unteren Breg am Hallenberg. Bei<strong>de</strong> beginnen mit stei len Wän<strong>de</strong>n im Minieren Buntsandste in.<br />

Während <strong>de</strong>r Lambertsdobel noch an sei ner Westseite eine Felswand aus Granit <strong>und</strong> vom<br />

Bo<strong>de</strong>n im östlich an tehen<strong>de</strong>n Gneis eine An<strong>de</strong>utung bewahren konnte, ist <strong>de</strong>r östliche Zwilling<br />

im liegen<strong>de</strong>n Gneis vollends schluchtartig e ingeri ssen.<br />

Schneegruben gehen von isoliel1en Schneeflecken etwas unter <strong>de</strong>r Schneegrenze aus, welche<br />

verfirnen. Ihre Weiterentwicklung wird unterbrochen, wenn ihr Firn o<strong>de</strong>r Eis bei Sinken <strong>de</strong>r<br />

Schneegrenze in Niveau <strong>de</strong>r all gemeinen Verfirnung gerät (LIEHL 1980,S. 25). Das be<strong>de</strong>utet,<br />

daß Kare die unmittelbare Nähe eines zeitweiligen Gletscherstillstan<strong><strong>de</strong>s</strong> anzeigen. Sie liegen<br />

mit ihren Bö<strong>de</strong>n etwa 50-100m unter <strong>de</strong>r jeweiligen orographischen Schneegrenze, in südlicher<br />

Exposition al 0 höher als in NE- <strong>und</strong> E-Exposition. Trotz<strong>de</strong>m sind Zuweisungen zu bestimmten<br />

längerdauern<strong>de</strong>n Schneegrenzen schwierig. immerhin lassen sich aus Tab. 2 etwa drei Stockwerke<br />

herauslesen, <strong>de</strong>ren oberstes durchschnittlich bei 1020 m (s = 19). <strong>de</strong>ren minleres bei<br />

940 m ( = 25) <strong>und</strong> <strong>de</strong>ren unter te bei 850 m+NN (s = 33) liegt. Da Schneegruben im Gebiet<br />

au h außerhalb <strong>de</strong> Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> mit Bö<strong>de</strong>n bis etwa 700 m + vorkommen<br />

(REICHELT 1994, 1996), wäre auch dort noch ei n Stockwerk anzusetzen (vgl. Abb. 17).<br />

Verglichen mit <strong>de</strong>n eindrucksvollen wÜlmzeitlichen Voll karen im Süd-<strong>und</strong> ordschwarzwald<br />

dürften die weniger ausgeprägten <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> frü her - wahrscheinlich während<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Ri ßkomplexes - entschei<strong>de</strong>nd ausgeformt wor<strong>de</strong>n sein' in<strong><strong>de</strong>s</strong>sen nicht während <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Höchststan<strong><strong>de</strong>s</strong>, son<strong>de</strong>rn im Verlaufe einer verschie<strong>de</strong>nen Vorstoß- <strong>und</strong> Rückzugsphasen. Doch<br />

bargen viele Schneegruben im Würm nochmals übersommern<strong>de</strong> Schneemassen o<strong>de</strong>r - in<br />

höheren Lagen - sogar Firnpolster <strong>und</strong> kleine Gletscher. Offen ichtlich junge Moränen in <strong>de</strong>n<br />

Karbö<strong>de</strong>n (Tab. I u. 2) o<strong>de</strong>r sogar einige h<strong>und</strong>ert Meter talab sprechen da<strong>für</strong>. Auch Überformungen<br />

<strong>de</strong>r alten, schon etwas verstürzten <strong>und</strong> verflachten Kare, nämlich mehrfache Karbö<strong>de</strong>n<br />

<strong>und</strong> kleine frische Wandnischen sowie die noch zu diskutieren<strong>de</strong>n ver tei lten Schanenhänge,<br />

sind in diesem Sinne zu <strong>de</strong>uten. Im ordschwarzwald kommen wünnzeitliche Vollkare sogar<br />

noch bis etwa 600 m +NN herab vor (z. B. ZIENERT 1967, Tab. 3).


110<br />

Abb. 7: Hellewan<strong>de</strong>rSchneegru be. Von teilen Wän<strong>de</strong>n halbkreisföllllig umschlossen, breitet ich unten<br />

( 1040 m ü.M) ein r<strong>und</strong>licher, vermoorter, fast ebener Talbo<strong>de</strong>n, <strong>de</strong>r miteinerStufe in <strong>de</strong>n näch ren<br />

Talabschnill übergeht.<br />

Abb. 9: L inachtal am Fuchsloch (950 m li.M.). Im Vor<strong>de</strong>rgr<strong>und</strong> eine a ymmetrische Mul<strong>de</strong> mit stark<br />

verstei ltem Schallenhang: die Vercbnung liber<strong>de</strong>mt iefen, trogförmigen Linachtal i tals Trogschulter<br />

aufzufassen.


I I I<br />

Beson<strong>de</strong>rs <strong>de</strong>utliche Beispiele <strong>für</strong> diese Erscheinungen bietet das SchoUacher Tal (A bb. 8),<br />

das Kar unter <strong>de</strong>r Hellewand, aber auch <strong>de</strong>r wesentlich tiefer gelegene Roßdobel (800 m+ N)<br />

<strong>und</strong> die kleinen Seitenkare in <strong>de</strong>r Wurzel <strong><strong>de</strong>s</strong> Krumpendobels (Rauhbühl, Raubühldobel)<br />

über <strong>de</strong>r unteren Breg. Diese kleinen Formen hätten ein erosionsintensives Interglazial <strong>und</strong><br />

eine weitere Kaltzeit unter periglazialen Bedingungen nicht in dieser Frische überlebt.<br />

2. Typus: Stark versteilte Schattenhänge. Asymmetrische Tälchen mit ste ilerem Schattenhang<br />

kommen im gesamten Untersuchungsgebiet bis etwa 700 m +NN herab vor. Beispiele wur<strong>de</strong>n<br />

am Schellen berg (s. REICHELT 1997, S. 2 13) beschrieben. Sie sind erklärbar aus <strong>de</strong>r Wirkung<br />

übersommern<strong>de</strong>r Schneewächten etwa 100-150 m unterhalb <strong>de</strong>r allgemeinen (rißzeitlichen)<br />

Schneegrenze. Beson<strong>de</strong>r <strong>de</strong>utlich treten sie aber im Mittelschwarzwald auf <strong>und</strong> erreichen in<br />

<strong>de</strong>n Tälern <strong>de</strong>r Breg, Linach, Urach <strong>und</strong> Scholl ach Hangneigungen mit über 45° <strong>und</strong> relative<br />

Höhen von mehr als 30 m (Abb. 9). Damit kommen sie <strong>de</strong>r Höhe <strong>und</strong> Steilheit von Schneegrubenwän<strong>de</strong>n<br />

nahe, so daß sie als <strong>de</strong>ren Son<strong>de</strong>rform mit <strong>de</strong>r gleichen Funktion, wenn auch<br />

schwächerer Leistung, anzusehen si nd, wo<strong>für</strong> auch ihr häufigeres Vorkommen an Sommerhängen<br />

spricht. Das gilt etwa <strong>für</strong> das Tal unter <strong>de</strong>m Hochberg in Hinterschollach <strong>und</strong> die<br />

Wannen, welche in Mittelschollach zwischen GfeHhof<strong>und</strong> Schwörershofvom Wen<strong>de</strong>lsbühl/<br />

Bärwald herabziehen. Doch auch die Tälchen am Sommerhang <strong><strong>de</strong>s</strong> Urachtals zwischen Rufenhof<br />

<strong>und</strong> Davi<strong>de</strong>nhäusle oberhalb <strong>de</strong>r Uracher Kirche o<strong>de</strong>r <strong>de</strong>r Sommergr<strong>und</strong> im Bregtal gehören<br />

dazu. Im Linachtal sind die Täler über <strong>de</strong>m Weißershof <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Lorenzenhof zu nennen.<br />

Teilweise han<strong>de</strong>lt es sich bei ihnen um später überarbeitete ältere Schneegruben. Wegen <strong>de</strong>r<br />

Größenordnung, vor allem wegen <strong>de</strong>r Frische <strong>und</strong> Deutlichkeit dürfte es berechtigt sein , sie<br />

dann <strong>de</strong>r Wirkung würmzeillicher langzeitig übersommern<strong>de</strong>r Schneewächten zuzuschreiben,<br />

wie es P AUL U. SCHI KE (1997, S. 206) <strong>für</strong> die versteilten Schattenhänge <strong>de</strong> oberen Bregtals<br />

noch in 800 m +NN annehmen. Wie erwähnt, kommen im ordschwarzwald sogar im Wüml<br />

aktive Vollkare in noch tieferer Lage vor.<br />

3. Typus: Flachwannen. Bei talwärts ähnlicher Fornl <strong>und</strong> ebenfall s im Verbreitungsgebiet<br />

<strong>de</strong>r "Schneegrubentäler" beginnen einige Bäche in flachen Mul<strong>de</strong>n o<strong>de</strong>r Wannen mit höchstens<br />

einer versteilten westlichen Flanke. Bubenbach, Brändbach, Bru<strong>de</strong>rbächle, Reichenbach,<br />

Forbental <strong>und</strong> Schmelzdobel sind Beispiele da<strong>für</strong>.<br />

F<strong>und</strong>e von Gr<strong>und</strong>moräne bei Bubenbach (970 m), beim Brändbach am Hang südlich <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Kimbergsees (795 m) <strong>und</strong> oberhalb <strong>de</strong>r "Fischerstraße" (900 m) beim Schmelzdobel erweisen,<br />

daß diese Täler zeitweise einen Gletscher beherbergt haben müssen. P A L U . SCHLNKE ( 1997,<br />

S. 206 f) zeigen ein analoges Beispiel im Taischluß <strong><strong>de</strong>s</strong> Sommergrun<strong><strong>de</strong>s</strong> zwischen Furtwangen<br />

<strong>und</strong> Vöhrenbach auf. Sie erklären die nur flache "Einsattelung" seines Talschlusse als "Überlaufregion<br />

eines zeitweilig im Rohrbachtal angesie<strong>de</strong>lten Eiskörpers" .<br />

Entsprechend liegen Bubenbach <strong>und</strong> Brändbach, aber auch Bru<strong>de</strong>rbächle <strong>und</strong> Reichenbächle<br />

in <strong>de</strong>r Überlaufregion eines fl achen Firnschil<strong><strong>de</strong>s</strong>, <strong>de</strong>r sich vom Steinbühl (1148 m) über <strong>de</strong>n<br />

Höchstberg (1101 m) <strong>und</strong> Höch t ( 1050 m) bis ostwärts hinüber zur Höhe über <strong>de</strong>m Kohlwald<br />

( 102 1 m) erstreckte. We<strong>de</strong>r gab es auf dieser fl achen Abdachung außer <strong>de</strong>m Bregtal <strong>und</strong><br />

viell eicht <strong>de</strong>m Krumpendobel wesentliche Taleinschnitte noch ragten außer Steinbühl <strong>und</strong><br />

Höch tberg eisfreie Nunatakker heraus, an <strong>de</strong>nen sich Kare hätten bil<strong>de</strong>n können. Große<br />

Geschwindigkeitsdifferenzen in <strong>de</strong>r Abflußrichtung <strong><strong>de</strong>s</strong> Firns <strong>und</strong> Eises zum obersten Bubenbach,<br />

Brändbach, Bru<strong>de</strong>rbach <strong>und</strong> Reichenbächl e traten ni cht auf. Darum entwickelte sich<br />

kein Spaltensystem, an <strong><strong>de</strong>s</strong>sen oberster Querspalte, <strong>de</strong>m Berg chr<strong>und</strong>, eine Schwarz-weiß­<br />

Grenze hätte entstehen können. An ihr setzt die Bildung von Karwän<strong>de</strong>n.durch Spaltenfrost<br />

im Fels an, unterstützt durch sommerliches Schmelzwasser, <strong>und</strong> bewirkt die Rückverlegung<br />

<strong>und</strong> Versteilung <strong>de</strong>r Felswän<strong>de</strong>, während <strong>de</strong>r Schutt <strong>de</strong>m Karbo<strong>de</strong>n zugeführt wird.


1 12<br />

Abb. 11 : Trogschuller über <strong>de</strong>m ROlUrachlal


I 13<br />

Abb. 16: Ein Seitenbach mün<strong>de</strong>t beim Unterroturacher Hof( I 0 10 m ü.M.) hängend in <strong>de</strong>n Taltrog <strong>de</strong>r<br />

Roturach. Talabwärts ze igt <strong>de</strong>r geschlossene Wald e ine Talenge mit Gefiillestu fe an.<br />

Abb. 18: Kleiner Wall einer Endmoräne <strong>de</strong>r letzten Ka ltze it im oberen Schollachtal (vgl. Tab. I. r.<br />

12 1) am Laulishof (950 m ü.M.).


114<br />

Forbental <strong>und</strong> Schmelzdobel nördlich <strong>de</strong>r Breg zwischen Hammereisenbach <strong>und</strong> Zin<strong>de</strong>lstein<br />

wur<strong>de</strong>n hingegen durch die obersten, beweglichen Eis- <strong>und</strong> Firnmassen überlaufen, die sich<br />

über Hammereisenbach bil<strong>de</strong>ten. Wie PA L U.SCl-1I KE ( 1997, S. 2 10) darlegten , wur<strong>de</strong> dort<br />

näm lich <strong>de</strong>r nach Südosten gerichtete Bregglet cher vom nordostwärts vordringen<strong>de</strong>n,<br />

mächtigeren Scholl ach/ Eisenbachgletscher gestoppt. Über die im Taltrog schwer bewegliche<br />

Eismasse hinweg scherte <strong>de</strong>r darüber gleiten<strong>de</strong>, von Firnzuwachs durch ie<strong>de</strong>rschläge gesteuerte<br />

obere Schild <strong><strong>de</strong>s</strong> Gletschers aus <strong>und</strong> schob sich ostwärts über die Höhen gegen Tannheim<br />

<strong>und</strong> Wolterdingen vor (REICHELT 1996, S. 187 f). Ein Teil seiner Eisströme floß unter<br />

Benutzung <strong>de</strong>r dort vorgegebenen Bac hkerben von Forbental <strong>und</strong> Schmelzdobel , v ielleicht<br />

auch <strong><strong>de</strong>s</strong> Schwarzbubendobels, wie<strong>de</strong>r in Richtung Breg, verborgen unter <strong>de</strong>r noch im ährgebiet<br />

liegen<strong>de</strong>n Firn<strong>de</strong>cke. Das Forbental ist mit se inem von Gefällstufen begleiteten mehrmaligen<br />

Wechsel von Weiten <strong>und</strong> Engen, seinem U-förmigen Querprofil mit felsigem westlichen<br />

Hang gera<strong>de</strong>zu ein klas isches Beispiel <strong>für</strong> ein Gletschel1al. Ein an<strong>de</strong>rer Teil überformte<br />

das Wieselsbach- <strong>und</strong> Wolfbachtal bi über Pfaffenweiler hinau s <strong>und</strong> schuf, über Wolfbach<br />

<strong>und</strong> Glasbach nach Südosten vordringend, die Depression <strong>de</strong> Plattenmooses. Zusammen mit<br />

weiteren Fingern dieses Ei sstromes stießen sie südlich davon im Rautobel vor <strong>und</strong> präparierten<br />

<strong>de</strong>n gera<strong>de</strong>zu fremdartig schroff aufragen<strong>de</strong>n Felsklotz unter <strong>de</strong>m Tannheimer Sportplatz<br />

heraus. Noch auf <strong>de</strong>m Gegenhang <strong>de</strong> Muschelkalks über <strong>de</strong>m Wolterdinger Weiher zeugen<br />

die schon vonScHALcH ( 1901 / 1904) kartiel1en Geschiebe bis 760 m + von ihrem Vorstoß,<br />

nun freilich noch verstärkt durch <strong>de</strong>n im unteren Bregtal vereinigten Gletscher <strong>und</strong> <strong>de</strong>n<br />

Firnnachschub au Krumpendobel<strong>und</strong> Reichenbächle.<br />

3.2.2 Verebnungen als Trogschultern<br />

Gletschertäler sind durch ihre Trogform mit <strong>de</strong>n sich öffnen<strong>de</strong>n. verebneten Trogschultern<br />

darüber <strong>und</strong> <strong>de</strong>n Wechsel von beckenartigen Übertiefungen mit felsigen Engen sowie ihr<br />

Stufenprofil gekennzeichnet. ln ihrer Begleitung treten weitere Beson<strong>de</strong>rheiten auf. So mün<strong>de</strong>n<br />

viele Seitentäler "hängend " über <strong>de</strong>m Haupttal. mit nur geringer Eintiefung in <strong><strong>de</strong>s</strong> en Hänge.<br />

Ferner markieren fast <strong>de</strong>m Haupttal parallele "Flankentäler" frühere Eisstän<strong>de</strong>. Und schließlich<br />

kommen eisübelfahrene iso lierte Buckel ("R<strong>und</strong>höcker") entwe<strong>de</strong>r an <strong>de</strong>n Talhängen, auf<br />

<strong>de</strong>r Talsohle o<strong>de</strong>r im Mündungszwickel zweier Täler ("Wächterberge") vor (Abb. 8, 13).<br />

Daß die Talhänge <strong><strong>de</strong>s</strong> östlichen Mittelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> von einem mehrgliedrigen System von<br />

Verebnungen umgül1et wer<strong>de</strong>n, wur<strong>de</strong> früher bereits <strong>für</strong> da obere Bregtal dargetan (REICHELT<br />

1996). Sie wur<strong>de</strong>n als Trogschultern ehemaliger Gletscher erklärt, eine Deutung, die auch<br />

PA L U . SCHINKE (1997) unabhängig davon teilen.<br />

Die Mechanik ihrer Entstehung har neuerdings HABBE ( 1996) verständlich gemacht. Wenn ­<br />

gleich die Erkenntnisse an alpinen <strong>und</strong> isländischen Gletschern bzw. Tal formen gewonnen<br />

wur<strong>de</strong>n. dürften sie auch <strong>für</strong> ehemals vergletschel1e Mittelgebirge gr<strong>und</strong>Sätzlich zutreffen.<br />

Danach ind die spezifischen Formen nur bei Gletschern mit überwiegend positiver M assenbilanz<br />

- al so wie<strong>de</strong>rholt vorstoßen<strong>de</strong>n Eiskörpern - entstan<strong>de</strong>n. D as geschah in<strong><strong>de</strong>s</strong>sen nicht so<br />

sehr durch die schleifen<strong>de</strong> <strong>und</strong> ausheben<strong>de</strong> Arbeit <strong><strong>de</strong>s</strong> Eises (Detersion <strong>und</strong> Detraktion). Vielmehr<br />

wird die entschei<strong>de</strong>n<strong>de</strong> Formung <strong>de</strong>r Talwän<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> Troges <strong>und</strong> se iner Übertiefungen<br />

einerseits <strong>und</strong> die Ausbildung <strong>de</strong>r Trogschu lterflächen an<strong>de</strong>rersei ts durch Schmelzwasser<br />

geleistet, welches unter hydrostatischem Druck sowohl zwi chen Eis <strong>und</strong> Fels als auch an <strong>de</strong>r<br />

Scherfläche zwischen schwer beweglichem "stagnant-ice" <strong>und</strong> <strong>de</strong>m darüber "schwimmen<strong>de</strong>n"<br />

Eisschild wirkt. Demzufolge bil<strong>de</strong>n 'ich Trogschultern während <strong>de</strong>r j eweiligen Höchststän<strong>de</strong><br />

aus. Die Tröge selbst wer<strong>de</strong>n bei Vorsrößen <strong>und</strong> Schwankungen kleinerer Ta lgletscher verbreitert<br />

<strong>und</strong> vertieft. Die Ü bertiefungen <strong>de</strong>r Trogsohle entstehen nahe <strong>de</strong>r j eweiligen Gletscherstirn<br />

bei kleineren Vorstößen (Abb. 10). Eine solche Übertiefung besteht z.B. bei <strong>de</strong>r<br />

Breg unterhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> Fischerhofs mit Felsschwelle beim Tierstein .


1 15<br />

Zur ntste'IJn9 e_r Formen<br />

ty~isch~r GI~tsc~.rt!ler<br />

Abb. 10: Blockdiagramm zum Verständnis <strong>de</strong>r Eiserosion <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> begleiten<strong>de</strong>n Formenschatzes am<br />

Beispiel alpiner Vergletscherung. Erklärung im Text.<br />

Je<strong>de</strong>nfall s sind die Mittelschwarzwäl<strong>de</strong>rTrogschultem mit Berechtigung als Anhaltspunkte<br />

<strong>für</strong> di e Höchststän<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Vergletscherung <strong>und</strong> evtl. zum Versuch <strong>de</strong>r Rekonstruktion von<br />

Vergletscherungsphasen heranzuziehen, wie das fü r das obere Bregtal bereits versucht wur<strong>de</strong><br />

(RElcHELT 1996). Auch im Eisenbach, be.i Linach, Urach <strong>und</strong> im unteren Bregtal zeichnen<br />

sich mehrere Verebnungsstockwerke ab.<br />

Eisenbach <strong>und</strong> Schollach: In <strong>de</strong>r Wurzel <strong><strong>de</strong>s</strong> Eisenbachs fehlen <strong>de</strong>utliche Verebnungen unter<br />

<strong>de</strong>m zwischen 1150 <strong>und</strong> 1050 m + ausge<strong>de</strong>hnten ehemaligen Fimfeld, zu <strong>de</strong>m auch die<br />

Annlehnen von Hellewan<strong>de</strong>r Kar <strong>und</strong> Ebenemoos-Kar gehören dürften. Über <strong>de</strong>m Zusammenfluß<br />

von Eisenbach <strong>und</strong> Höchstbach beginnen die Verebnungen bei 1020 m+N . Sie sind im<br />

weiteren Verl auf bis zum Gr<strong>und</strong>berg über <strong>de</strong>r Scholl ach zu verfolgen, könnten dort aber im<br />

Zusammenhang mit <strong>de</strong>r Eisenbach-Langenbach-Velwerfung stehen.<br />

Im Hinteren Scho ll achtal fällt eine sehr breite Verebnung zwischen <strong>de</strong>m Hochberg <strong>und</strong> <strong>de</strong>r<br />

Süßenbacher Höhe bei 1030-1040 m + I auf, die sich nordöstlich davon im Wald <strong>de</strong>r "Höhe"<br />

wie<strong>de</strong>rholt. Die in gleicher Höhe liegen<strong>de</strong> Verebnung über <strong>de</strong>m Mündungszwickel zum Eisenbach<br />

am Gr<strong>und</strong>berg (1030- 1040 m) liegt allerdings im Bereich einer zum Kesselberg ziehen<strong>de</strong>n<br />

Verwerfung. An<strong>de</strong>utungsweise treten auch auf <strong>de</strong>r Mittelschollacher Sommerseite unterhalb<br />

vom Wen<strong>de</strong>lsbühl Verebnungen bei 10 I 0-1 030 m + auf, die - auf <strong>de</strong>r Sonnenseite etwas<br />

tiefer - vie ll eicht mit <strong>de</strong>n vorigen <strong>und</strong> <strong>de</strong>m "Kapf' zwischen Eisenbach <strong>und</strong> Bubenbach als<br />

Reste <strong>de</strong>r Trogschultem <strong><strong>de</strong>s</strong> Höchststan<strong><strong>de</strong>s</strong> angesehen wer<strong>de</strong>n können. Da<strong>für</strong> spricht die <strong>de</strong>utli<br />

che Verebnung über <strong>de</strong>m Felsental am Sommerberg in 1030-1050 m +NN; doch läßt sich<br />

ein Zusammenhang mit <strong>de</strong>r Ei enbach-Langenbach-Verwerfung nicht ausschließen. Trotz<br />

<strong>de</strong>r möglichen Einschränkungen am Gr<strong>und</strong>berg <strong>und</strong> Sommerberg dürften die genannten Verebnungen<br />

die Reste <strong>de</strong>r höchsten Trogschulter repräsentieren, sodaß <strong>de</strong>r gemei nsame Eiskörper<br />

alle Täler bis zu dieser Höhe aufgefüllt hätte, verborgen unter einer, die Eisströme ver<strong>de</strong>cken<strong>de</strong>n<br />

Fimkappe. Da auf <strong>de</strong>r östlichen Seite <strong><strong>de</strong>s</strong> Eisenbach. entsprechen<strong>de</strong> Höhen fehlen, diese zwi-<br />

Rt. '"


I 16<br />

schen Höchst, Langacker <strong>und</strong> Vor<strong>de</strong>rberg mit Höhen zwischen 1020 <strong>und</strong> 1030 m +NN je<strong>de</strong>nfalls<br />

noch im ährgebiet lagen, muß auch dieses in <strong>de</strong>n Schild <strong><strong>de</strong>s</strong> Firnfel<strong><strong>de</strong>s</strong> einbezogen<br />

gewesen sein.<br />

Zu ammenhängen<strong>de</strong> hangbeg leiten<strong>de</strong> Verebnungsbän<strong>de</strong>r folgen auf <strong>de</strong>r Mittelschollacher<br />

Winterse ite zwischen 990 <strong>und</strong> 1000 m + 1 <strong>und</strong> talabwärts leicht sinkend . an<strong>de</strong>utungsweise<br />

auch auf <strong>de</strong>r Sommerseite oberhalb vom Wen<strong>de</strong>lshof <strong>und</strong> Gfellhof. Sie lasse n sich mit <strong>de</strong>n<br />

ziemlich in gleicher Höhe bei<strong>de</strong>rseits von Eisenbach <strong>und</strong> Bubenbach auszumachen<strong>de</strong>n Verebnungen<br />

korrelieren. Auch über <strong>de</strong>m Felsental sind sie. aber nunmehr <strong>de</strong>utlich tiefer. unter<br />

<strong>de</strong>m " Langacker" (960-980 m) <strong>und</strong> am " Wachtbühl" (950-940 m) über <strong>de</strong>r Mündung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

rachtales. erkennbar, letzterer jedoch im Bereich <strong>de</strong>r Eisenbach-Langenbach-Verwerfung.<br />

Die höchsten Trogschultern ind <strong>de</strong>mnach vor <strong>de</strong>r Mündung <strong>de</strong>r rac h mit 180-200 m über<br />

<strong>de</strong>m heutigen Talbo<strong>de</strong>n <strong>de</strong> Eisenbach anzunehmen.<br />

Ein tieferes Verebnungsstockwerk beginnt auf <strong>de</strong>r Westseite <strong><strong>de</strong>s</strong> Eisenbachs südlich <strong>de</strong>r Wiesbachmündung<br />

mit 950 m+ . ach 940 m+ südlich Farrenberg folgen 970 m über <strong>de</strong>r<br />

Schollachmündung <strong>und</strong> 945 m über <strong>de</strong>r <strong><strong>de</strong>s</strong> Bubenbac hs. Talab gehört die Verebnung südlich<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Kohldobels in 920 m+NN dazu. Eine ase über <strong>de</strong>r rachmündung in 860 m<strong>und</strong><br />

eine Schulter südlich über Hammereisenbach bei 830 m darf einbezogen wer<strong>de</strong>n. Gegenüber<br />

dürfte das Felsplateau von eu-Fürsten berg bei etwas über 790 m+NN dazugehören. Dieses<br />

Verebnungsniveau läßt sich unterhalb von Hammereisenbach weiterverfolgen (vgl. Abb. 14).<br />

Urachtal: Hier beg innen die höchsten alten Trogschultern mit Verebnungen bei 1040 m<br />

(Abb. 11 ) <strong>und</strong> sinken bei<strong>de</strong>rseits <strong>de</strong>r rach bis zur "Streiche" zwischen Urach <strong>und</strong> Linach auf<br />

r<strong>und</strong> 1000 m, sodaß die Schultern im oberen Tal r<strong>und</strong> 120 m. vor <strong>de</strong>r Mündung in <strong>de</strong>n<br />

Eisenbach ogar bi 190 m über <strong>de</strong>m heu ti gen Talbo<strong>de</strong>n liegen.<br />

Ein tieferes Verebnungsniveau zeichnet sich auf <strong>de</strong>r ordseite mit 950-960 m+ zwischen<br />

Streichen bach tal <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Säge ab. liegt auf <strong>de</strong>r Winterhal<strong>de</strong> bei 970-990 m, <strong>de</strong>utet sich 1,5<br />

km unterhalb bei 900 m+ an, erreicht über <strong>de</strong>r Tal enge unterhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> Bruggershofes 850<br />

m <strong>und</strong> setzt sich an <strong>de</strong>r Fahlenbachmündung mit breiter Verebnung. in welche die " R<strong>und</strong>höcker"<br />

am Dilgershof (Abb. 13) einbezogen si nd, bei 820-830 m+ zum Eisenbach fort.<br />

Linachtal: Dort sind <strong>de</strong>utliche "Armlehnen" (PAuL) bei<strong>de</strong>rseits <strong><strong>de</strong>s</strong> Schmiedsgrun<strong><strong>de</strong>s</strong> in 101 0-<br />

1030 m ausgebil<strong>de</strong>t, ebenso westlich <strong><strong>de</strong>s</strong> Schwanenbachdobels in 990- 1000 m Höhe, während<br />

die Verebnung <strong><strong>de</strong>s</strong> Dürrebergs (1000- 1020 m) zum obersten Firnfeld gehört <strong>und</strong> die unterhalb<br />

davon sehr auffällige Verebnung zwischen Breg <strong>und</strong> Linach in 920-930 m + wie<strong>de</strong>r im<br />

Bereich einer Verwerfung liegt. In <strong>de</strong>r Höhe <strong><strong>de</strong>s</strong> Schmiedsgrun<strong><strong>de</strong>s</strong> dürfte die höchste Trogkante<br />

im Linachtal <strong>de</strong>mnach r<strong>und</strong> 120 m über <strong>de</strong>m heutigen Talbo<strong>de</strong>n gelegen haben.<br />

Ein tieferes Verebnungsniveau ist gut belegt. Mit 900-920 m+ N beginnend bei <strong>de</strong>r Linacher<br />

Mühle. tritt es über <strong>de</strong>m Fuchsloch bei 920-930 m auf (Abb. 9), über <strong>de</strong>m Stausee bei 890-<br />

900 m, wo auch die typischen Hängetäler vom Holzschlag <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Ren i tobel ausstreichen.<br />

Am Winterberg liegt es bei 880 m <strong>und</strong> erreicht schließlich süd lich über <strong>de</strong>r Mündung zur<br />

Breg noch 820-830 m+ . knapp 70 m über <strong>de</strong>m Talbo<strong>de</strong>n.<br />

Oberes Bregtal: Die von PA L U. SCHI. KE ( 1997) ebenfalls als Trogschultern ge<strong>de</strong>uteten<br />

Verebnungen <strong>de</strong> Bregtals sind mehrgliedrig. Wie bereits früher (REICHEt.:T 1996) beschrieben,<br />

liegen die höchsten Verebnungen unterhalb <strong>de</strong>r Gipfel zwischen 1030 <strong>und</strong> 1000 m +N . am<br />

Mühleberg über V öhrenbach bei 980-995 m + <strong>und</strong> am Hang gegenüber "auf <strong>de</strong>r Burg"<br />

bei 970-980 m+ N. Folglich si nd die höchsten Trogschultern bei Vöhrenbach mit 180 m<br />

über <strong>de</strong>r heutigen Tal sohle anzusetzen.


I 1 7<br />

Wenn, wie erwähnt, die Trogschultern bzw. die Schulterflächen etwa die Höhe <strong>de</strong>r Scherfläche<br />

zwischen <strong>de</strong>m stagnieren<strong>de</strong>n Eis im Taltrog <strong>und</strong> <strong>de</strong>m wesentli ch beweglicheren oberen Eiskörper<br />

bezeichneten, wären sie nicht etwa mit <strong>de</strong>r Eishöhe insgesamt gleichzusetzen. In alpinen<br />

Gier chertälern ist über <strong>de</strong>n Trogschultern noch mit wenigsten 1/4- 113 <strong>de</strong>r Eismächtigkeit<br />

im Taltrog elbst zu rechnen. Das wären vor ihren Zusammenflüssen im Eisenbachtal <strong>und</strong><br />

rachtal min<strong><strong>de</strong>s</strong>tens 45 m, im Linachtal 30 m <strong>und</strong> im Bregtal bei Vöhrenbach 45 m. Selbst<br />

wenn geringere Beträge veranschlagt wür<strong>de</strong>n, be<strong>de</strong>utete das <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Eishöchststand zwangsläufig,<br />

sowohl bei <strong>de</strong>n östlichen Hängen über Vöhrenbach als auch im Bereich <strong><strong>de</strong>s</strong> Talknotens<br />

von Hammereisenbach, großflächi ges Ausscheren <strong><strong>de</strong>s</strong> bewegl ichen oberen Eiskörpers aus<br />

<strong>de</strong>n Taltrögen: bei Vöhrenbach über die Buntsandsteinabdachung hinweg in Richtung Villingen.<br />

beim Talknoten von Hammereisenbach ebenfalls über das Buntsandsteinplateau bei<strong>de</strong>rseits<br />

<strong>de</strong>r unteren Breg hinweg.<br />

nterhalb von Vöhrenbach treten Reste <strong><strong>de</strong>s</strong> höchsten Verebnung ni veau auf <strong>de</strong>r West eite<br />

bei 930-950 m auf. um bis zur Linachmündung Höhen zwischen 910 <strong>und</strong> 930 m+l 1 zu<br />

elTeichen. Das sind r<strong>und</strong> 150 m über <strong>de</strong>m Talgr<strong>und</strong>.<br />

Tiefer gelegene Verebnungen sind oberhalb von Vöhrenbach bei etwa 890 m+ N ausgebil<strong>de</strong>t.<br />

Talabwärts setzen sie sich auf <strong>de</strong>r Westseite am "Hohen Steg" mit 840-860 m, unterhalb<br />

gegenüber beim Fohrenschachen, wie<strong>de</strong>r westlich bei 820-830 m+ N, ebenso am "Kalten<br />

Brunnen", dann unter <strong>de</strong>m Dün'eberg <strong>und</strong> schi ießlich mit 820-830 m+ direkt an <strong>de</strong>r Linachmündung<br />

fort; sie liegen dort r<strong>und</strong> 70 m über <strong>de</strong>m Talgr<strong>und</strong>.<br />

"Eisstau" bei Hammereisenbach? PAUL u.ScH rNKE (1997, S. 210) führen aus, daß bei Hammereisenbach<br />

<strong>de</strong>r Eisenbachgletscher <strong>de</strong>n Breggletscher gestaut habe, wobei sich die Ei massen<br />

bei<strong>de</strong>r aufeinan<strong>de</strong>rgeschoben hätten. Sicher ist, daß die Breg hängend mün<strong>de</strong>te. wa durch<br />

einen <strong>de</strong>utlichen Gefalleknick von oberhalb 6.8 %0 zu 9,5 %0 unterhalb <strong>de</strong>r Linachmündung<br />

belegt wird, <strong>de</strong>r jedoch auch als Konfluenzstufe nach Vereinigung mit <strong>de</strong>m Linachgletscher<br />

ge<strong>de</strong>utet wer<strong>de</strong>n könnte. Trotz <strong>de</strong>r Schwächung <strong><strong>de</strong>s</strong> Breggletschers wegen <strong><strong>de</strong>s</strong> Übertritts<br />

seines oberen Eisschil<strong><strong>de</strong>s</strong> über Vöhrenbach hinweg, liegen seine Schultern unterhalb davon<br />

<strong>und</strong> diejenigen <strong><strong>de</strong>s</strong> stärkeren vereinigten Eisenbach/Urach-Gletscher westlich Hammereisenbach<br />

in gleicher Meereshöhe. Dazu trägt einmal <strong>de</strong>r Zuwachs durch <strong>de</strong>n Linachgletscher bei.<br />

Da aber <strong>de</strong>r Breggletscher r<strong>und</strong> 20 m über <strong>de</strong>m Talbo<strong>de</strong>n <strong><strong>de</strong>s</strong> Eisenbachl rach-Gletschers<br />

hängend mün<strong>de</strong>t, wäre dieser Betrag <strong><strong>de</strong>s</strong> letzteren Eismächtigkeit zu addieren. Insgesamt<br />

wird zwar eine Verlang amung, ei n Stau <strong><strong>de</strong>s</strong> Breg/Linach-Gletscher erfolgt sein. Ein Aufeinan<strong>de</strong>rschieben<br />

<strong>de</strong>r Eisrnassen ist an hand morphologischer Merkmale nicht nachzuweisen.<br />

Doch ist <strong>de</strong>r Eisenbachgletscher wegen seiner größeren Reliefenergi e <strong>und</strong> - seit seiner Vereinigung<br />

mit <strong>de</strong>m Urachgletscher - mit <strong>de</strong>r günstigeren Stoßrichrungje<strong>de</strong>nfalls <strong>für</strong> die Ausformung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Troges ab Hamlllerei senbach stärker verantwortli ch als <strong>de</strong>r Breggletscher.<br />

Breg ab Hammereisenbach: Wahrscheinlich gehören die Felsen alll "Vor<strong>de</strong>rberg" über Hammereisenbach<br />

mit auffallen<strong>de</strong>n Blockansamllllungen zum alten Schliffbord <strong><strong>de</strong>s</strong> Eisenbachl<br />

rachgletschers über <strong>de</strong>r Trogschulter. Deren (erodierter) Rest liegt am Hammerköpfle in<br />

903 m+ , kon'espondierend mit <strong>de</strong>r Verebnung in 910-935 m östlich <strong>de</strong>r Kerbe <strong><strong>de</strong>s</strong> Übertals,<br />

bereit über <strong>de</strong>m Bregtal.<br />

ber<strong>de</strong>lll Mündungszwickel von Eisenbach/Urach <strong>und</strong> Breg fallen entsprechen<strong>de</strong> Verebnungen<br />

in 900-930 m Höhe auf, sowie gegenüber, zwischen Breg <strong>und</strong> Forbental <strong>de</strong>r verebnete<br />

Sporn bei "Gschwand" <strong>und</strong> nördlich vom Forbenhäusle in gleicher Höhenl age bei<strong>de</strong>rseits <strong>de</strong>r<br />

Breg. Die höchsten Schultern liegen dort also r<strong>und</strong> 150-170 m über <strong>de</strong>m heutigen Talbo<strong>de</strong>n


I 18<br />

<strong>und</strong> dürften ungefahr die Scherfl äche <strong>für</strong> <strong>de</strong>n ostwärts driften<strong>de</strong>n oberen Eisschild markieren.<br />

Folglich müßten dort ihre vereinjgten Eiskörper oberhalb <strong>de</strong>r höch ten Trogschulter mffi<strong><strong>de</strong>s</strong>tens<br />

bis 960 m+ hinaufgereicht <strong>und</strong> sich bei<strong>de</strong>rseits mit Stoßrichtung nach Osten bis ordosten<br />

bewegt haben. Dabei bleibt unberücksichtigt. daß dieses Gebiet selbst noch ährgebiet gewesen<br />

sein muß. Darum sollte nicht verw<strong>und</strong>ern, daß ein fl acher, fi mbe<strong>de</strong>ckter Eiskuchen, <strong>de</strong>r sanften<br />

Abdachung <strong><strong>de</strong>s</strong> Buntsandstein fo lgend , in breiter Front bis zur Muschelkalkstufe in 6- 10 km<br />

Entfernung <strong>und</strong> einer Höhe von r<strong>und</strong> 760 m +NN vorgestoßen ist. Das entspräche einem<br />

Gefalle <strong>de</strong>r Gletscheroberfl äche von ru nd 2-3 %.<br />

Errati sche Geschiebe sind dabei eher selten zu erwarten; doch fehlen sie nicht : eben verschie<strong>de</strong>nen<br />

Buntsandstein-Varietäten sind inzwischen kantenger<strong>und</strong>ete Gneise in <strong>de</strong>n Wäl<strong>de</strong>rn<br />

beim Eichwäldlebach üdlich Volkertsweiler ( r. 38), am Oberhang <strong><strong>de</strong>s</strong> Wi eselbachtals ( r.<br />

34, Abb. 12), nördlich <strong>de</strong>r Fi cherhöhe (905 m, r. 40), Granit <strong>und</strong> Amphibolit im Gewann<br />

"Wolfsjagen" westlich Tannheim, Granit über <strong>de</strong>m Schmelztobel ( r. 42) <strong>und</strong> am Hallenberg<br />

(Nr. 44, 45) gef<strong>und</strong>en wor<strong>de</strong>n.<br />

Abb. 12: Onsfrem<strong>de</strong> Geschiebe, vorwiegend BUlllsandstein, seltener Paragneis, auf Unterem Muschelkalk<br />

bei Pfaffenweiler (775 m ü. M.). Der Ru ndungsgrad (vgl. Tab. I. r. 34) verweist auf Moräne.<br />

Die Verebnllngen über <strong>de</strong>r Breg setzen sich am Schaltenhang mit <strong>de</strong>m Plateau <strong><strong>de</strong>s</strong> Krllmpenschlos<br />

es in 900 m+NN fort. Gegenüber, zwischen Fi cherhof <strong>und</strong> Schmelzdobel, liegen<br />

zwei zerrie<strong>de</strong>lte <strong>und</strong> daher etwas tiefer liegen<strong>de</strong> Verebnungen im Granü bei 840-860 m, noch<br />

120 m über <strong>de</strong>r heutigen Talsohle. Die großen Ebenheiten im Buntsandstein <strong>de</strong>r Fischerhöhe<br />

darüber entsprechen eher <strong>de</strong>n Schichtgrenzen <strong><strong>de</strong>s</strong> Mittleren <strong>und</strong> Oberen Buntsandsteins, was<br />

ihre glaziäre Überfornlung nicht au schließt. Weiter talabwärts ist südlich <strong>de</strong>r Breg über <strong>de</strong>r<br />

Granit(trog)wand <strong><strong>de</strong>s</strong> Tiersteins die TrogschllIter in 830-840 m gut ausgebil<strong>de</strong>t. Unter <strong>de</strong>r<br />

Felsenkame <strong><strong>de</strong>s</strong> Ha llenberges, zunächst im Granit, dann im Gneis, senkt sich ein Verebnllngsband<br />

wech ein<strong>de</strong>r Breite über mehr als 1000 m vom Lambertsdobel bei 800 m+<br />

auf 780 m+ bei <strong>de</strong>r Weggabelung <strong><strong>de</strong>s</strong> unteren <strong>und</strong> oberen Ha llenbergweges; immerhin


1 19<br />

noch knapp 90 m über <strong>de</strong>m Talbo<strong>de</strong>n. Es trägt bl ockschuttreiche Moräne, vie lleicht Seitenmoräne<br />

( r. 44, 45, Tab. I). Talab gegenü ber ist die Ebenheit oberhalb <strong>de</strong>r Ruine Zin<strong>de</strong>lstein<br />

in r<strong>und</strong> 780 m+ als Gegenstück <strong>de</strong>r Hallenberger Schulter anzusehen. 500 m südostwärt<br />

<strong>de</strong>r erwähnten Weggabelung <strong><strong>de</strong>s</strong> Hallenbergweges folgt zwischen Reichenbach <strong>und</strong> Keßlerbach<br />

die Ebenheit "Rimsen" in 750-770 m Höhe. Don <strong>und</strong> auf"Göhren" bei Hubertshofen kartierte<br />

schon SCHALCH (190 1) "verstreute Geschiebe" im Wald über Bunt andstein bis 775 m+<br />

noch r<strong>und</strong> 70 m über <strong>de</strong>r Bregsohl e.<br />

Gegenüber erhebt sich die Muschelkalk -Stirn <strong><strong>de</strong>s</strong> Schellen berges. Dort hängt über einer<br />

Ste il stufe von mehr als 50° di e "Bruggener Hal<strong>de</strong>" als leicht gestufte Verebnung in 730-<br />

745 m+N . Auf <strong>de</strong>ren Fel<strong>de</strong>rn , aber auch im Wald, liegen neben Buntsandsteinblöcken,<br />

Schoner, di e als Moräne einzustufe n sind ( r. 25, Tab. I). Damit ist <strong>de</strong>r Anschluß an die<br />

vorangegangene Studie über <strong>de</strong>n Sche llen berg (REICHELT 1997) herge teilt.<br />

Tiefere Verebnungen: Bei <strong>de</strong>n einzelnen Tälern wur<strong>de</strong> dargelegt, daß ein tieferes Verebnungsni<br />

veau sich owohl beim Eisenbach als auch bei Urach, Linach <strong>und</strong> Breg nachweisen läßt.<br />

Sie erreichen in Hammereisenbach ziemlich übereinstimmend ein Niveau von 790-830 m<br />

+ . Demnach hat offenbar ein weiteres Stadial bestan<strong>de</strong>n, welches bei niedrigerem Eisstand<br />

noch zur Ausformung einer weiteren Trogschulter imstan<strong>de</strong> war. Die R<strong>und</strong>höcker beim Dilgershof<br />

<strong>und</strong> das Felspl ateau von eu-Fürstenberg dürften die em Stadial zugehören. Tm<br />

Hammereisenbacher Talknoten müssen also noch die Gletscher von Breg/Linach <strong>und</strong> Eisenbach/Urach<br />

zusammengefl ossen sein. Die Eismächtigkeit dieses Stadi als wäre hier <strong>de</strong>mnach<br />

etwa mit 100- 11 0 m zu veranschl agen. Es besteht eine gewisse Wahr cheinlichkeit da<strong>für</strong>,<br />

daß erst in diesem Stadium die von PA L U.SCHl KE (1997) berichtete Hängemündung <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Breggletschers angelegt, zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t aber aktualisiert wur<strong>de</strong>.<br />

Bregabwärts tritt westlich <strong><strong>de</strong>s</strong> Fischerhofs eine Verebnung bei 800 m auf, zu <strong>de</strong>r auch <strong>de</strong>r<br />

felsige pl attierte "Totenkopf' am Ausgang <strong><strong>de</strong>s</strong> Schmelztobels in 790 m Höhe gehören könnte.<br />

Unterhalb davon folgt das Felspl ateau um Ruine Zin<strong>de</strong>lstein in 750-760 m Höhe. Schließlich<br />

<strong>de</strong>uten die Köpfe <strong><strong>de</strong>s</strong> Felsenban<strong><strong>de</strong>s</strong> aus Gneisen <strong>und</strong> Amphiboliten in 740-730 m+NN über<br />

<strong>de</strong>r Straße die Trogkante an. Sie läge nur 25-30 m über <strong>de</strong>m Talbo<strong>de</strong>n <strong>de</strong>r Breg <strong>und</strong> wür<strong>de</strong><br />

dann <strong>für</strong> eine Glet cherhöhe von höchstens 30-40 m sprechen. Doch beträgt die Entfernung<br />

zum vermutlichen Gletscheren<strong>de</strong> di eses Stadials bei Bruggen in 705-7 10 m nur noch 3 km,<br />

<strong>und</strong> die vern1utli che Rückzug terra se liegt südlich vom Kesslerbächle mit ihrer Obe rkante<br />

in 710 m+NN nur 2 kn1 entfernt. Das entspricht einem geschätzten Ei oberflächengefälle von<br />

1-2 % bei einem Talgefall e, wechselnd zwischen 3,6 <strong>und</strong> 5 %0 (vgl. Abb. 14).<br />

3.2.3 Unterschi edliche Deutlichke it <strong>de</strong>r Trogforn1en<br />

PA L U. SCHI TKE (1997, S. 2 12) machen darauf aufmerksam, daß <strong>de</strong>r Trogtalcharakter <strong>de</strong>r<br />

oberen Breg <strong>und</strong> im Urachtal nur dadurch etwas versch leiert sei, we il nach <strong>de</strong>m Schwin<strong>de</strong>n<br />

<strong>de</strong>r Eismassen herabgebrochene Schuttmassen als "Rutschpolster" <strong>de</strong>n Hangfuß verhüllen,<br />

so daß er konvex erschiene. Das trifft zweifellos an vielen Stell en zu. Beson<strong>de</strong>rs dort, wo<br />

kleine, heute nicht mehr ständig von einem Bach durchflossene Tälchen in ein größeres Tal<br />

mün<strong>de</strong>n. Dort entstehen regelrechte Schuttfächer, wie bei Hammereisenbach südlich <strong>de</strong>r Bregbrücke.<br />

Die Steine sind etwas stärker zuger<strong>und</strong>et als nonnaler Solifluktionsschutt am Hang<br />

(vgl. r. 134). Beson<strong>de</strong>rs auffallen<strong>de</strong> Schuttfacher liegen z.B.im oberen Ei enbach zwi chen<br />

<strong>de</strong>m Großhof <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Hintermühle, ferner im Schollachtal beim Gfellhof sowie im KrumpendobeI,<br />

einem Seitental <strong>de</strong>r unteren Breg. Aber das ist nicht überall so. So zeigt ein vom Geologischen<br />

Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>amt mittels Kernbohrungen im August 1976 erschlossenes Querprofil durch<br />

das untere Bregtal bei Wolterdingen, daß die mächtigsten Schuttmäntel keineswegs am


120<br />

Hangfuß auftreten. Zwar wie die Talsohle (7 18. 1 m) eine Füllung von 2,9 m Kies, Sand <strong>und</strong><br />

(hangend) Schluff auf, doch trugen die Unterhänge auf <strong>de</strong>r Nordseite (Südhang) nur 1.5 m<br />

<strong>und</strong> auf <strong>de</strong>r Südseite (Nordhang) 2,2 m lehmigen Hangschutt. Hingegen erreichten die MitteI<strong>und</strong><br />

überhänge auf <strong>de</strong>r ordseite durchschnittlich 2,4 m, auf <strong>de</strong>r Südseite sogar 3,3 m Schuttmächtigkeit.<br />

berhaupt ist bemerkenswert, daß, abgesehen vom Felsental , im ganzen Einzug gebiet <strong>de</strong>r<br />

Breg nirgends so viele Fel 'en <strong>und</strong> Felswän<strong>de</strong> das Tal begren zen wie im Tal <strong>de</strong>r Breg unterhalb<br />

von Hammereisenbach. Zwar neigt <strong>de</strong>r zwischen oberer Breg <strong>und</strong> Schollach vorherrschen<strong>de</strong><br />

Gneis zu schnellerer Abflachung ursprünglich schroffer Formen als Granit <strong>und</strong> Buntsandstein.<br />

So ist das ganz in Granit eingeschnittene Bregtalunterhalb von Vöhrenbach wohl merklich<br />

tei Ihängiger als oberhalb davon. Trotz<strong>de</strong>m kommt dort die Trogfol111 weniger zum Ausdruck<br />

als ab Hammereisenbach, wo sie bei breitem Talbo<strong>de</strong>n gleichzeitig durch Felsen <strong>und</strong> Felswän<strong>de</strong><br />

eindrucksvoll unterstrichen wird. Das wird beson<strong>de</strong>rs <strong>de</strong>utlich zwischen Totenkopf <strong>und</strong> Tierstein.<br />

wo die Talsoh le sich nicht etwa klusenartig verengt. son<strong>de</strong>rn in voller Breite erh alten<br />

bleibt. D as i ·t auch weiter unterhalb '0, wo zwi chen Ruine Z in<strong>de</strong>lstein <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Hallenberg<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> letzteren Gneishänge am überhang über 50° steil wer<strong>de</strong>n <strong>und</strong> teilweise felsgekrönt sind.<br />

Hier kommt das Bregtal <strong>de</strong>r -Form <strong><strong>de</strong>s</strong> Talquerschnitts näher. als es die Höhenlinien <strong>de</strong>r<br />

K arte erkennen la sen.<br />

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Abb.14: Stark überhöhte Profile <strong>de</strong>r Breg-Tal sohlc <strong>und</strong> <strong>de</strong>r darüber liegen<strong>de</strong>n Verebnungen. Drei<br />

iveaus sind zu erkennen. Sie lassen auf 3 Vergletscherungspha en (o<strong>de</strong>r Glaziale) schließen. <strong>de</strong>ren<br />

untere zum Rißkomplex gehören dürften, das oberste vielleicht ZlIl11noch älteren Min<strong>de</strong>lglazial.<br />

Das wird verständ lich, wenn man HABBE ( 1996, S. 11 3) darin folgt. daß die Ta I tröge durch<br />

Vorstöße späterer, kleinerer Talgletscher geschaffen wer<strong>de</strong>n. welche Ilicht mehr über die frühere<br />

Trogkante hinaufreichen. Wie beschrieben , ist ein spä teres Stadial <strong>de</strong>r großen Kaltzeit im<br />

unteren Bregtal nochmals etwa bis Wolterdingen <strong>und</strong> Bruggen vorgestoßen, nach<strong>de</strong>m <strong>de</strong>r


121<br />

Gletscher während <strong><strong>de</strong>s</strong> Höchststan<strong><strong>de</strong>s</strong> weit über die höhergelegenen Trogschultem ausgegriffen<br />

<strong>und</strong> bis ins Donaueschinger Ried gereicht haben muß. Sein späterer, wahrscheinlich vom<br />

Breggletscher nochmals unterstützter Vorstoß aus <strong>de</strong>m Eisenbachtal, weit weniger mächtig<br />

<strong>und</strong> sicher mehreren Schwankungen ausgesetzt, konnte sich nur innerhalb seines früheren<br />

Taltroges bewegen. Sein Werk ist die Mo<strong>de</strong>li ierung <strong>de</strong>r Steilwän<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> unteren Bregtales<br />

durch sei tliche <strong>und</strong> subglaziale Schmelzwassererorion.<br />

Es gibt sogar e in Beispiel <strong>für</strong> die Wirkung von Schmelzwässern, das allerdings ein frühere<br />

Stadial, mög li cherweise die Scherfläche <strong><strong>de</strong>s</strong> Höchststan<strong><strong>de</strong>s</strong> bezeugt. ördli ch <strong>de</strong>r Enge an<br />

<strong>de</strong>r Mündung <strong>de</strong>r Urach in <strong>de</strong>n Eisenbach sind im oberen, verebneten Bereich einer Granitrippe<br />

bei knapp 900 m+N mehrere r<strong>und</strong>e, glattwändige "pot-holes" in die Granitblöcke eingesenkt.<br />

Sie si nd als Stru<strong>de</strong>llöcher aufzufassen, verursacht durch eitliches Schmelzwasser. das zwischen<br />

Ei <strong>und</strong> Fe!. nahe <strong>de</strong>r Trogkanle geflossen sein muß (Abb. 15).<br />

Abb.15: Oberhalb von Hammereisenbach fin<strong>de</strong>t sich eine Gruppe von "pot-holes" aufz.T. von Kernsprüngen<br />

gespaltenem Granitfels (r<strong>und</strong> 900 m ü.M). Sie sind als Stru<strong>de</strong>llöcher am Ran<strong>de</strong><strong>de</strong>rTrogschulter,<br />

erzeugt durch Schmelzwasser zwischen Fel s <strong>und</strong> Eis, zu <strong>de</strong>uten.<br />

Eine junge Trogbildung kleinsten Maßstabes ist im obersten Urachtalunter <strong>de</strong>r "Kalten Herberge"<br />

zu sehen , wo ein kleiner wünnkaltzeitlicher Gletscher eine etwa bis zu seiner Moräne<br />

am Sägenhof reichen<strong>de</strong> schmale Wanne in das geräumigere. rißzeitliche G letschertal hinein<br />

mo<strong>de</strong>lliert haI.<br />

3.2.4 Hängetäler<br />

Für Gletschertäler ist typi eh, daß viele ebentäler mit einer <strong>de</strong>utlichen Stufe - in <strong>de</strong>n Alpen<br />

häufig mit stäuben<strong>de</strong>n Wa serfällen - über die Trogschulterkante ins Haupttal mün<strong>de</strong>n. Man<br />

bezeichnet sie als "Hängetäler". Durch nachkaltzeiliche Erosionsphasen ist freilich die Mündung<br />

meist tiefer <strong>und</strong> zurückverlegt wor<strong>de</strong>n (vgl. Abb. 10). PA L U. SCHt 'KE ( 1997, S. 209 f)<br />

nennen die Mündung <strong>de</strong>r Breg in da vom Eisenbach gebil<strong>de</strong>te Ha upttal als Beispiel.


122<br />

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.I tl lere tl angnel gung uber 15·<br />

Isolierte Du ci,,!!<br />

Dolinen. De pre ssionen<br />

W.llf Or.lgf OloCk .n s il llllllung<br />


123<br />

Es gibt aber an<strong>de</strong>re, <strong>de</strong>utlichere Beispiele (Abb. 16). Im Linachtal mün<strong>de</strong>n auf <strong>de</strong>m Winterhang<br />

das Bächle unter <strong>de</strong>m "Holzschlag" , Reni stobel <strong>und</strong> Roßtobel mehrere Zehnelmeter über<br />

<strong>de</strong>m Haupttal. Im Urachtal sind Schwarzen bach <strong>und</strong> Rufentobel typische Hängetäler. Bei<br />

Hammereisenbach mün<strong>de</strong>n das "Übertal" <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong>sen kleinerer östlicher Zwilling <strong>de</strong>utlich<br />

etwa 20 m über <strong>de</strong>m Eisenbach/Bregtal. Beim Krumpendobel <strong>und</strong> Wilddobel weiter talabwärt<br />

besteht ebenfalls eine Stufenmündung, doch ist sie (bei ca. 800 m+NN) weit zurückverlegt.<br />

Deutlicher hängen Roßdobel <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Dobel an <strong>de</strong>r Lambertshütte, letzterer mehr al 20 m,<br />

über <strong>de</strong>m Bregtal. Auch die Täler auf <strong>de</strong>r Nordseite <strong>de</strong>r Breg besitzen au geprägte Mündungs<br />

tufen, so das Forbental, <strong>de</strong>r kleine, tiefe Dobel westlich vom "Totenkopf', <strong>de</strong>r Schmelzdobel<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>r Schwarzbubendobel. Schmelzdobel, "Totenkopf'-Dobel <strong>und</strong> Übertal haben<br />

die fel sige Trogwand durchsägt, letzteres in ei ner klammartigen MündungsschJucht.<br />

Schließlich seien die Täler zwi chen Waldhau en <strong>und</strong> Hüfingen genannt, <strong>de</strong>ren TaJbö<strong>de</strong>n<br />

beim Hesital, Bräunlinger ''Tal'' <strong>und</strong> Schosental r<strong>und</strong> 20 m über <strong>de</strong>m Bo<strong>de</strong>n <strong><strong>de</strong>s</strong> Haupuales<br />

ausstreichen (vgl. Abb. 17).<br />

4. Zusammenfassen<strong>de</strong>r Überblick<br />

Die Kartierung <strong>de</strong>r Fornlen <strong>und</strong> die Untersuchungen an Ablagerungen zusammen betrachtet,<br />

lassen keinen Zweifel mehr daran bestehen, daß <strong>de</strong>r Mittlere Schwarzwald mehrfach vergletschert<br />

war. Schwieriger ist es, die Aus<strong>de</strong>hnung einzelner Phasen <strong>und</strong> ihre zeitliche E inordnung<br />

vorzunehmen.<br />

Es zeichnet sich folgen<strong><strong>de</strong>s</strong> Bild ab: Während <strong>de</strong>r größten Aus<strong>de</strong>hnung hat ein Eisstromnetz<br />

unter einer geschlossenen Firn<strong>de</strong>cke bestan<strong>de</strong>n, aus <strong>de</strong>r nur einzelne Gipfel wie Brend, Stöcklewaid,<br />

Widiwan<strong>de</strong>r Höhe, Kohlwasen, Bossenbühl <strong>und</strong> Steinbühl teilweise als Nunatakker<br />

hervon·agren. Als Hauptsammler <strong>de</strong>r Eiskörper fungierten das obere Bregtal <strong>und</strong> das Tal <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Eisenbachs mit einen Zubringern. Hier bil<strong>de</strong>ten sich tiefe Trogtäler. Über <strong>de</strong>n schwer bewegli<br />

chen Eisrnassen in <strong>de</strong>n Trögen flossen leichter bewegliche Eis chil<strong>de</strong>, die von .ie<strong>de</strong>rschlagsschwankungen<br />

gesteuert, auch über die TaJschei<strong>de</strong>n hinweg ausgriffen. Sie schoben<br />

sich über Vöhrenbach weiter nach Osten über <strong>de</strong>n Buntsand tein hinweg bis zur Linie Villingen­<br />

Pfaffenweiler-Tannheim vor <strong>und</strong> schürften das Plattenmoo aus. Auch über <strong>de</strong>m Talknoten<br />

von Hammereisenbach schoben sich die Eisschil<strong>de</strong> von Linach, Urach <strong>und</strong> Eisenbach unabhängig<br />

von ihren Talgletschern darunter nach Osten bi Südosten vor, äußerli ch nahtlos an<br />

<strong>de</strong>n Vöhrenbacher Eisschild an chließend. Verstärkt durch die vom Höchst!Kohlwald/Glattacker-Plateau<br />

auf <strong>de</strong>r Buntsandsteinabdachung nach Ost bis ordost drängen<strong>de</strong>n Pl ateaugletscher<br />

gelangten die Eismassen über <strong>de</strong>n eigentli chen Breggletscher hinweg bis zur Höhe<br />

<strong>de</strong>r Muschelkalkstufe im Raum nordöstlich von Wolterdingen <strong>und</strong> lappten bei 755 m+<br />

in Beckhofener Tal hjnein. Auch Bru<strong>de</strong>rbach <strong>und</strong> Brändbach beherbergten unter diesem<br />

Eisschild eigene Trogkörper, die sich zusammen mit Firnmassen aus Schneegruben <strong><strong>de</strong>s</strong> Gebietes<br />

südlich Waldhausen <strong>und</strong> Bräunlingen im Waldhauser Kessel sammelten <strong>und</strong> <strong>de</strong>n am<br />

westlichen Schellenberg bis 750 m hinaufreichen<strong>de</strong>n Ei körpern nochmals Zuwachs brachten.<br />

(A bb. 17). So konnte <strong>de</strong>r südliche Schellenberg unter schne ll abnehmen<strong>de</strong>r Höhe überfahren<br />

wer<strong>de</strong>n <strong>und</strong> die Ausfornlung <strong>de</strong>r Steilhänge südlich <strong>de</strong>r Breg erfolgen. Der Gletscher en<strong>de</strong>te<br />

zwischen Pfohren <strong>und</strong> eudingen bei ca. 670 m+NN.<br />

Die allgemeine Schneegrenze dieser Zeit muß nahe 800 m+NN gelegen haben, örtlich auch<br />

bei 750 m+ (vgl. hierzu Abb. 6 in Teil 2, 1997).<br />

Wegen <strong>de</strong>r als Trogschultern anzusehen<strong>de</strong>n Verebnungen an <strong>de</strong>n Hängen hat nicht lange danach<br />

ei ne zweite, weniger tarke Vorstoßphase <strong>de</strong>r Gletscher bestan<strong>de</strong>n, die aber noch im HammereisenbacherTalknoten<br />

aus Breg, Linac h, Urach <strong>und</strong> Eisenbach zusammenliefen. Sie haben,


124<br />

nunmehr zu einem etwa 100- 110 m mächtigen Talgletscher vereinigt, nochmals da untere<br />

Bregtal bi s Bruggen überfol11lt: er hat dort Moränen <strong>und</strong> Rückzugsschotter hinterla sen bei<br />

7 10 m+ . Wahrscheinlich ist auch ein Brändbachfirn nochmals bi s zum Kirnbergsee vorgestoßen,<br />

wo Gr<strong>und</strong>moräne am Hang südöstlich über <strong>de</strong>m See bi 790 m+ liegt.<br />

Zieht man die Lage <strong>de</strong>r Schneegruben heran. so könnten <strong>de</strong>ren bei 850 m+ gehäuft vorkommen<strong>de</strong><br />

Bö<strong>de</strong>n auf eine diesem Gletscherstand entsprechen<strong>de</strong> Schneegrenze bei etwa 900-<br />

950 m+NN hinweisen.<br />

ach <strong>de</strong>m Verwinerungsgrad <strong>de</strong>r Schotter gehören diese bei<strong>de</strong>n Verglet 'cherungsphasen nicht<br />

mehr <strong>de</strong>r letzten Kaltzeit an. Sie müssen <strong>de</strong>m vorletzten Glazial , <strong>de</strong>m Riß. zugeordnet wer<strong>de</strong>n.<br />

De en Glie<strong>de</strong>rung ist noch nicht ein<strong>de</strong>Ulig geklärt. doch sind 3 Stadiale (SCHREINER 1992. S.<br />

199 f) o<strong>de</strong>r sogar Glaziale (BIß S u.KösEL 1996. S. 85 f) inzwischen sehr wahrscheinlich. Es<br />

gibt aber auch Hinweise au f eine noch ältere Kaltzeit (Min<strong>de</strong>l?) etwa gleicher o<strong>de</strong>r wenig<br />

größerer Aus<strong>de</strong>hnung als beim hier angenommenen Riß-Höchststand: ihre Schotter liegen<br />

vielleicht bei Villingen (L aible) <strong>und</strong> bei Donaueschingen (auf Staig) bei 750 bzw. 730 m+N .<br />

Im letzten Glazial, <strong>de</strong>m Würm. das etwa vor 10.000 Jahren en<strong>de</strong>te, können nur die höchsten<br />

Höhen <strong><strong>de</strong>s</strong> Minelschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> firnbe<strong>de</strong>c kt gewesen sein. Darüber hinaus gab es allerdings<br />

viele Schneegruben mit übersommern<strong>de</strong>n Schneepolstern o<strong>de</strong>r gar Firnen. Endmoränen dieser<br />

Zeit im Wolfloch unter <strong>de</strong>r Kalten Herberge, oberhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> Sägenhofes im Urachtal, im Schol­<br />

Iachtal (Abb. 18) <strong>und</strong> im obersten Eisenbach beze ugen w inzige Talgletsc her, während sonst<br />

öfter M oränen von K arglet chern (vgl. Ta b. 2 u. Abb. 8) vorkommen. ach <strong>de</strong>r Lage <strong>de</strong>r<br />

M oränen. vor allem aber wegen <strong>de</strong>r Lage <strong>de</strong>r j üngeren Bö<strong>de</strong>n in <strong>de</strong>n Schneegruben bei durchschnittlich<br />

950 m+ hat die allgemeine Schneegrenze <strong><strong>de</strong>s</strong> WünllS im Mittelschwarzwald<br />

eher bei 1000- 1050 m+ gelegen, in günstigen Expositionen auch 100 m ti efer.<br />

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126<br />

Die Temperaturentwicklung auf <strong>de</strong>r Baar seit Beginn<br />

kontinuierlicher Klimaaufzeichnungen<br />

von Alexan<strong>de</strong>r Siegm<strong>und</strong><br />

1. Einleitung<br />

In <strong>de</strong>n vergangenen Jahren rückte die Diskuss ion um einen sich abzeichnen<strong>de</strong>n globalen<br />

Klimawan<strong>de</strong>l zunehmend in <strong>de</strong>n Mittelpunkt <strong><strong>de</strong>s</strong> öffentlichen Interes es. Die projizierten<br />

Folgen stehen dabei in einem engen Zusammenhang zu einer möglichen anthropogenen Vertärkung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> natürlichen Treibhauseffekts durch <strong>de</strong>n zunehmen<strong>de</strong>n Eintrag klimarelevanter<br />

Spurengase wie etwa Kohlendioxid , Methan, Flourchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) <strong>und</strong><br />

Distick toffoxid in die Atmosphäre. Damit geht unmittelbar ein Anstieg <strong>de</strong>r bo<strong>de</strong>nnahen Lufttemperatur<br />

einher. Auf <strong>de</strong>r Basis komplexer Klimamo<strong>de</strong>llrechnungen ist bei einer weiteren<br />

Zunahme <strong>de</strong>r Spurengasemissionen wie bi sher im weltweiten Mittel mit einer Erwämlung<br />

von etwa 0,3 °C pro Jahrzehnt (Fehlergrenze +/- 0, 1 °C), bei einer Verdopplung <strong>de</strong>r K onzentration<br />

dieser Gase in <strong>de</strong>r A tmosphäre gegenüber <strong>de</strong>m vorindustriellen iveau mit einer Erhöhung<br />

von 1,3 - 3,8 oe zu rechnen (vgl. u.a. HOUGHTO et al. 1996 <strong>und</strong> SCHÖ WIESE 1996).<br />

Die durch <strong>de</strong>n Temperaturanstieg induzierten indirekten Folgen <strong><strong>de</strong>s</strong> zusätzl ichen Treibhauseffekts<br />

ind wesentlich umfangreicher. Sie reichen von globalen Verän<strong>de</strong>rungen <strong>de</strong>r ie<strong>de</strong>rschlagsmengen,<br />

einer Verstärkung <strong>de</strong>r Westwindzirkulation in <strong>de</strong>n Mittleren Breiten <strong>und</strong><br />

einer möglichen Zunahme tropischer Wirbelstümle bis zu einem Anstieg <strong>de</strong>r Meeresspiegel<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>r damit verb<strong>und</strong>enen ökologischen <strong>und</strong> ökonomischen Folgen (vgl. FRA TKENBERG ,<br />

SIEGMU, D 1997).<br />

Die regionalen Folgen dieser globalen Klimaverän<strong>de</strong>rungen ind zumeist sehr heterogen. So<br />

fällt etwa <strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n letzten h<strong>und</strong>ert Jahren im weltweiten Mittel zu beobachten<strong>de</strong> Temperaturan<br />

tieg von 0,6 - 0,7 oe in ver chie<strong>de</strong>nen Reg ionen Miueleuropas räumlich <strong>und</strong> j ahreszeitlich<br />

zum Teil ehr unterschiedlich aus. In einigen Gebieten bzw. Jahreszeiten ist mitunter<br />

sogar eine leichte Abkühlung zu verzeichnen gewesen (vgl. FRA 'KE 'BERG, SI EGM ND 1997,<br />

S. 33 ff.). Gera<strong>de</strong> auf <strong>de</strong>r Baar können sich diese Temperaturverän<strong>de</strong>rungen durch ihre charakteri<br />

ti schen klimatischen Gegebenheiten, die insbeson<strong>de</strong>re durch ei ne ausgeprägte tllemlische<br />

Kontinentalität gekennze ichnet sind, sehr di fferenziert darstellen. Aus diesem Gr<strong>und</strong> soll die<br />

TemperaLUrentwicklung <strong>de</strong>r Reg ion auf <strong>de</strong>r Basis entsprechen<strong>de</strong>r M eßreihen genauer untersucht<br />

wer<strong>de</strong>n. Dadurch lassen sich nicht zuletzt mög liche Parallelen <strong>und</strong> Unterschie<strong>de</strong> zu<br />

an<strong>de</strong>ren Regionen erkennen, die u.a. Rückschli.i sse auf die Folgen <strong>de</strong>r zu erwarten<strong>de</strong>n zukünftigen<br />

Klimaverän<strong>de</strong>rungen <strong>für</strong> die Baar zulassen.<br />

2. Datengr<strong>und</strong>lage<br />

D as Klima <strong>de</strong>r Baar war bereits recht früh Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.<br />

Dazu trugen nicht nur die beson<strong>de</strong>ren klimatischen Gegebenheiten bei, die sich von <strong>de</strong>nen<br />

be nachbarter Regionen zum Teil erheblich unterschei<strong>de</strong>n. Es war vor allem das mfeld <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Fürstenhauses von Fürstenberg mit Stammsitz in Donaueschingen. das diese ersten Klimaunters<br />

uchungen för<strong>de</strong>rte. Der mit <strong>de</strong>m Fürstenhaus verb<strong>und</strong>ene Hofstaat bil<strong>de</strong>te das personelle<br />

<strong>und</strong> intellektuelle Potential <strong>für</strong> ein naturk<strong>und</strong>liche ' <strong>und</strong> w issenschaftliches lnteresse.<br />

Darüber hinaus för<strong>de</strong>rten die Fürsten die Wetter- <strong>und</strong> Klimabeobachtungen durch finanzielle<br />

nterstützungen beim K aufvon Meßgeräten zum Teil auch direkt. So reichen die älte ten<br />

bekannten Klimaaufzeichnungen auf <strong>de</strong>r Baar bis zum Anfang <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh. zurück. Der damalige<br />

Hofarchi vm' Johannes Baptist M " LLER führte ab 1802 in Donaueschingen erste regelmäßige


127<br />

tägliche Wetterbeobachtungen <strong>und</strong> -messungen durch. Er erfaßte dabei unter an<strong>de</strong>rem dreimal<br />

am Tag zu <strong>de</strong>n sogenannten "Mannhe ime r St<strong>und</strong>en" (7, 14 <strong>und</strong> 21 Uhr) die Lufttemperatur<br />

sowie <strong>de</strong>ren tägliche Maxima <strong>und</strong> Minima. Die Temperaturangaben zeigen dabe i jedoch in<br />

e inigen Monaten vor allem be i <strong>de</strong>n abendlichen M essungen zum Te il größere Lücken. Die<br />

Aufzeichnungen vonM "LLER reichen in <strong>de</strong>r dargestellten Form bis zum März 1814 <strong>und</strong> wur<strong>de</strong>n<br />

bis zu ihrem endgültigen Abschluß 1820 nur noch in Form verbaler Witterungsberichte weitergeführt,<br />

die lediglich vereinze lt konkrete Temperarurangaben enthalten.<br />

Im Jahr 1828 nahm <strong>de</strong>r damalige Hofgärtner Peter M ARSTRAl'JD wie<strong>de</strong>r regelmäßige Wetterbeobachtungen<br />

<strong>und</strong> -mes ungen in Donaue chingen auf. In seinen Monatstabellen hi elt er<br />

neben e iner Reihe weiterer Klimaelemente die tägli chen Mes ungen <strong>de</strong>r Lufttemperatur zu<br />

<strong>de</strong>n "Mannheimer St<strong>und</strong>en" fe 1. Die Aufzeichnungen en<strong>de</strong>n jedoch bere its im l ahr 1830.<br />

Durch <strong>de</strong>n nur dreijährigen Beobachtungszeitraum lassen sich daher aus <strong>de</strong>n Daten von<br />

MARSTRAND kaum signifikante Aussagen über die klimati schen Verhältnisse <strong><strong>de</strong>s</strong> zugr<strong>und</strong>eliegen<strong>de</strong>n<br />

Ze itraums ableiten. Ähnliches gilt trotz <strong>de</strong>r mit zwö lf Jahren <strong>de</strong>utlich längeren<br />

Meßre ihe auch <strong>für</strong> die Temperaturaufzeichnungen von M " LLER. Hinzu kommen unterschiedli<br />

che Meßbedingungen <strong>und</strong> eine im Verg le ich zu heutigen ormen (wahr cheinlich) unzureichen<strong>de</strong><br />

Genauigkeit <strong>und</strong> Eichung <strong>de</strong>r Geräte. Dennoch liefern diese Messungen zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t<br />

e inige Hinweise auf di e Temperaturverhältnisse in <strong>de</strong>r ersten Hälfte <strong><strong>de</strong>s</strong> vergangenen Jahrh<strong>und</strong>erts.<br />

auf di e noch näher eingegangen wird.<br />

Nach <strong>de</strong>m Abschluß <strong>de</strong>r Wett.erbeobachtungen durch M ARsTRAND im Jahr 1830 sind im<br />

weiteren Verl auf <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh. zunächst keine an<strong>de</strong>ren Klimameßre ihen im Raum um Donaueschingen<br />

<strong>und</strong> an<strong>de</strong>ren Te ilen <strong>de</strong>r Baal' bekannt. HOPFGARTI ER berichtet zwar 1872 von<br />

Wetteraufzeichnungen e ines Forstinspektors G EB HARD, die vor seinen, im Jahr 1871 aufgenommenen<br />

Beobachtungen durchgeführt wor<strong>de</strong>n sein müssen. Er geht auf diese jedoch in<br />

seinem Aufsatz nicht näher e in <strong>und</strong> mi ßt ihnen unter an<strong>de</strong>rem aufg r<strong>und</strong> un vollständiger<br />

Angaben übe r di e genauen Meßbedingungen im Stati on. umfe ld keinen großen klimato<br />

logischen Wert bei (HOPFGART ER 1872, S. 188). Auch im Fürstlich Fürstenberg ischen<br />

Hofarchi v in Donaueschingen, in <strong>de</strong> m sehr umfangre iche naturwissenschaftli che <strong>und</strong><br />

ge chi chtliche Dokumente <strong>de</strong>r Region aufbewahrt sind, fin<strong>de</strong>n sich we<strong>de</strong>r e ntsprechen<strong>de</strong><br />

Veröffentlichungen noch Orig inalaufzeichnungen. HOPFGART ER selbst, seines Ze ichens<br />

Fürstl ich Für tenbergischer Domänenrat, führte zwischen 187 1 <strong>und</strong> 1883 in Donaueschingen<br />

<strong>de</strong>taillierte <strong>und</strong> fachli ch f<strong>und</strong>ierte Wetterbeobachtungen durch, d ie unter an<strong>de</strong>rem tägliche<br />

TemperarUlmessungen zu <strong>de</strong>n "Mannheimer St<strong>und</strong>en" umfaßten. Se ine Veröffentlichung aus<br />

<strong>de</strong>m Jahr 1895, in <strong>de</strong>r HOPFGARTNER die Ergebnisse sei ner dreizehnjährigen Beobachtungsreihe<br />

analysiert <strong>und</strong> umfangreiches Datenmateri al zu <strong>de</strong>n von ihm gemessenen <strong>und</strong> beobachteten<br />

Klimaelementen zusammenstellt, kann als erste wissenschaftliche Abhandlung zum Klima<br />

<strong>de</strong>r Baar im e igentlichen Sinne gelten (vgl. HOPFGART ER 1885). Auf di e entsprechen<strong>de</strong>n<br />

Temperaturmeßwel1e wi rd im weiteren Verl auf <strong>de</strong>r Untersuchungen trotz <strong><strong>de</strong>s</strong> vergleichsweise<br />

kurzen, dreizehnjährigen Beobachtungszeitraums noch zu rückgegriffen.<br />

Bereits am En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> vergangenen Jahrh<strong>und</strong>erts wur<strong>de</strong>n auf <strong>de</strong>r Baar - zumei t initiiert durch<br />

die Bad ische Lan<strong><strong>de</strong>s</strong>wetterwarte in Karl sruhe - die ersten amtlichen Klima tationen eingeri<br />

chtet. So nahm die Stati on Donaueschingen 1869 ihre Messungen auf, die, von kle ineren<br />

Unterbrechungen während <strong><strong>de</strong>s</strong> 2. Weltkriegs abgesehen, d urchgehend bi s heute besteht.<br />

A llerdings än<strong>de</strong>rte sich im Laufe <strong>de</strong>r Zeit ihr Standort innerhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> Stadtgebiets mehrfach.<br />

In Villingen wur<strong>de</strong> ebenfa lls En<strong>de</strong> 1869 di e erste amtliche Klimastation e ingerichtet. Von<br />

be i<strong>de</strong>n Stati onen li egen die Daten jedoch erst ab 188 1 vor. In <strong>de</strong>n darauffolgen<strong>de</strong>n Jahren<br />

wur<strong>de</strong>n in <strong>de</strong>r Region weitere Stationen aufgebaut, so etwa in DUn'heim (zu die er Zeit noch


128<br />

nicht "Bad"). K önigs feld. Ronwe il <strong>und</strong> Tuttlingen, <strong>de</strong>ren Zeitreihen zwar zum Teil ebenfalls<br />

bis zum En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh . zurLickreichen. j edoch mitunter erhebliche M eßlücken aufweisen.<br />

Eine durchgehen<strong>de</strong> Temperatl11ll1 eßreihe liegt in<strong>de</strong> von <strong>de</strong>r Station Klippeneck vor. die j edoch<br />

erst im Jahr 1928 beginnt.<br />

3. Analyse von Temperaturzeitreihen<br />

Bei <strong>de</strong>r ntersuchung <strong>de</strong>r Temperaturentw icklung au f <strong>de</strong>r Baar kommt vor allem <strong>de</strong>n Stationen<br />

Donaueschingen <strong>und</strong> Villingen eine beson<strong>de</strong>re Be<strong>de</strong>utung zu . Von bei<strong>de</strong>n Orten stehen<br />

standardisierte <strong>und</strong> homogenisierte Temperaturzeitreihen zur VerfLigung, die j eweils bi s ins<br />

Jahr 188 1 zurückreichen. Einige DatenlLicken <strong>de</strong>r Station Donaueschingen in <strong>de</strong>n Krieg -<br />

<strong>und</strong> l achkriegsj ahren 194 1 - 1947 <strong>und</strong> 1951 / 1952 konnten hierbei durch entsprechen<strong>de</strong><br />

Angaben von Vi 11 ingen gesch lossen wer<strong>de</strong>n. Dadurch läßt sich <strong>de</strong>r Temperaturverlauf in <strong>de</strong>n<br />

sLidlichen (Donaueschingen) <strong>und</strong> nördlichen Bereichen <strong>de</strong>r Baal' ( Villingen) sei t <strong>de</strong>m<br />

ausgehen<strong>de</strong>n 19. Jh . durchgehend nachvollziehen. Die Ostbaar wird durch die, wenn auch<br />

nur vergleichsweise kurze Datenreihe <strong>de</strong>r Station Klippeneck repräsentiert. Auf <strong>de</strong>r Bas is<br />

dieser <strong>und</strong> an<strong>de</strong>rer. teilweise weniger langer Klimazeitreihen, läßt sich die Entwicklungsgeschichte<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Klimas auf <strong>de</strong>r Baar fLir die letzten 100 Jahre recht <strong>de</strong>tailliert rekonstruieren.<br />

nter Berücksichtigung gewisser Einschränkungen in bezug auf die Reprä entanz einiger<br />

kLirzerer M eßreihen läßt sich sogar ein Zeitraum von fast 200 Jahren Liberblicken.<br />

3.1. Verlauf <strong>de</strong>r jährlichen Durchsc hn ittstemperaturen<br />

Die Abb. I ze igt <strong>de</strong>n Verl auf <strong>de</strong>r j ährlichen Durch chnitt temperaturen <strong>de</strong>r Klimastationen<br />

Donaueschingen. Villingen <strong>und</strong> Klippenec k. DarLiber hinau s ist j eweils eine 10- <strong>und</strong> 30-<br />

jährige Gauß'sche Tiefpaßfilterung. durch die verschie<strong>de</strong>ne WanTI- <strong>und</strong> K altphasen beson<strong>de</strong>rs<br />

hervorgehoben wer<strong>de</strong>n, 'owie eine lineare <strong>und</strong> quadratische Regress ionskurve eingezeichnet.<br />

Die Di fferenz <strong>de</strong>r 30-j ährigen Tiefpaßfi lterung gegenLiber <strong>de</strong>m langjährigen Mittelwert, <strong>de</strong>r<br />

als waagrec hte Linie ebenfalls dargestellt ist. w ird zu sätzlich durch eine Schraffur hervorgehoben.<br />

Dadurch heben sich kältere <strong>und</strong> wärmere Peri o<strong>de</strong>n <strong>de</strong>utlich voneinan<strong>de</strong>r ab.<br />

Au <strong>de</strong>m Verlauf <strong>de</strong>r linearen Regress ionsgera<strong>de</strong>n geht hervor, daß alle drei Stationen einen<br />

positiven Temperaturtrend ze igen. Das A u maß dieser Erwärmung <strong>und</strong> <strong>de</strong>ren zeitlich differenzierte<br />

Ent wicklung in <strong>de</strong>r Vergangenheit zeigt an <strong>de</strong>n Stationen Donaueschingen, Villingen<br />

<strong>und</strong> Klippeneckjedoch im Detail einige nterschie<strong>de</strong>. An <strong>de</strong>r Klima tati on Donaueschingen<br />

wur<strong>de</strong> <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Zeitraum zwischen 188 1 <strong>und</strong> 1990 eine Temperaturzunahme von r<strong>und</strong> 1,0 oe<br />

ellllittelt (vgl. Abb. I a). Dieser lineare Trend vollzog sich dabei nicht kontinuierlich, son<strong>de</strong>lll<br />

piegelt eine wech elhafte Klimageschichte w i<strong>de</strong>r, in <strong>de</strong>r wänTIere <strong>und</strong> kältere Perio<strong>de</strong>n<br />

einan<strong>de</strong>r abl östen. Die I O-jährige <strong>und</strong> 30-j ährige Gauß'sche Tiefpaßfilterung machen diese<br />

Phasen <strong>de</strong>utlich. Das En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh. war in Donaue chingen <strong>de</strong>mnach durch eine beson<strong>de</strong>rs<br />

kalte Klimaepoche gepräg t. Die Temperaturen erreichten im Minel die ti efsten Werte <strong>de</strong>r<br />

gesamten Zeitreihe, <strong>und</strong> 1887 wur<strong>de</strong> mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 5,0 oe<br />

da absolute Minimum <strong>de</strong>r zugr<strong>und</strong>e liegen<strong>de</strong>n 110 Jahre erreicht. ach einem vorübergehen<strong>de</strong>n<br />

Temperaturanstieg bis kurz vor <strong>de</strong>r Jahrh<strong>und</strong>ertwen<strong>de</strong> gingen die Temperaturen bi s<br />

etwa 1908 ellleut zurLick, ohne j edoch das iveau um 1890 zu erreichen.<br />

ach diesem Zeitpunkt stellte sich eine allmähliche Erwärmung ein, die, von kleineren<br />

nterbrechungen um 19 18, 1930 <strong>und</strong> 1940 abgesehen, bis in die Mitte <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahrh<strong>und</strong>erts<br />

anhielt. In diesem Zeitraum erreichten die Temperaturen in Donaue 'chingen im Mittel die<br />

höchsten Werte <strong>de</strong>r dargestellten 11 0 Jahre, was sowohl aus <strong>de</strong>m Verlauf <strong>de</strong>r I O-j ährigen als<br />

auch <strong>de</strong>r 30-j ährigen Gauß'schen Tiefpaßfilterung <strong>de</strong>utlich hervorgeht. Bis zum Anfang <strong>de</strong>r<br />

siebziger Jahre setzte ein rückläufiger Temperarurtrend ein, <strong>de</strong>r von sek<strong>und</strong>ären Fluktuationen


129<br />

überl agert war. Seit die em Zeitpunkt ist eine neuerliche Erwärmung zu beobachten, di e am<br />

En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r achtziger Jahre ihren bi sheri gen Höhepunkt fand. So war das Jahr 1988 mit einer<br />

Jahresdurchschnittstemperatur von 8.0 oe das wärmste <strong>de</strong>r II O-jährigen Ze itre ihe an <strong>de</strong>r<br />

Station Donaue chingen. Seither wur<strong>de</strong> jedoch 1992 mit 8,0 oe nochmals <strong>de</strong>r gleiche Wert.<br />

1994 mit 9,0 oe sogar e in noch <strong>de</strong>utlich höhere Temperarumiveau erreicht. Insgesamt ergibt<br />

sich <strong>für</strong> die Temperaturzeitre ihe zwischen 188 1 <strong>und</strong> 1990 ein Mitte lwel1 von 6,5 oe.<br />

20 ~----------------------------------------------------------------~<br />

15 ~------------------------------~~~~~~~----------------------~<br />

10~--------------------~~~~------------------~~--------------4<br />

Jan. Feb. Mrz Ap


130<br />

peraturen bis etwa 1908 erneut leicht zurück. Erst danach i t bi s zur Mitte dieses Jalu'h<strong>und</strong>erts<br />

eine nachh altige Erwärmung zu verzeichnen, die allerdings um 19 14, 1930 <strong>und</strong> 1940 durch<br />

kürzere kältere Perio<strong>de</strong>n unterbrochen w ird. Die Temperaturzunahme w ird j edoch zusätzlich<br />

durch eine Stationsverlegung im Jahr 192 1 verstärkt. die im Rahmen <strong>de</strong>r Homogenisierung<br />

<strong>de</strong>r Datenreihe in Erscheinung trat.<br />

Grad C<br />

8.0<br />

7.5<br />

7.0<br />

6.5<br />

6.0<br />

55<br />

50<br />

4 .5<br />

1900<br />

,<br />

1920 1940 1960 1980<br />

--Jahresmittel<br />

10-jähr. Gauß·s.<br />

Tiefpaßfilterung<br />

30-jähr. Gauß's. __ linearer/quadr. Trend<br />

-- Tiefpaßfilterung<br />

Abb. 1 b: Verlauf<strong>de</strong>rjährlichen Durchschnitlstemperaturen,<strong>de</strong>r Werte <strong>de</strong>r 10- <strong>und</strong> 30-jährigen Gauß' chen<br />

Tiefpaßfilterung sowie <strong><strong>de</strong>s</strong> linearen Lind quadrati schen Trends an <strong>de</strong>r Klimastation Villingen von 188 1<br />

- 1990 (Que lle: Eigener Entwurf. Datengr<strong>und</strong>lage: Deutscher Wellerd ienst)<br />

Um 1950 erreichen die j ährlichen Durchschnillstemperaruren im Mittel ihre höchsten Werte<br />

innerhalb <strong><strong>de</strong>s</strong> I1 O-jährigen Untersuchungszeitraums. Ab diesem Zeitpunkt verzeichnen die Temperaruren<br />

einen leicht rückläufigen Trend, <strong>de</strong>r in Villingen etwas an<strong>de</strong>rs als in Donaueschingen,<br />

bereits um 1960 seinen Tiefstpunkt en·eicht. Von da an zeichnet sich bi in die Mitte <strong>de</strong>r siebziger<br />

Jahre eine erneute leichte Erwärmung ab. Zwischen 1975 <strong>und</strong> 1985 ist ein erneuter<br />

Temperaturrückgang zu beobacht en, <strong>de</strong>r jedoch durch drei aufeinan<strong>de</strong>rfolgen<strong>de</strong>, außergewöhnl<br />

ich mi I<strong>de</strong> Jahre am En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Datenreihe <strong>de</strong>utl ich unterbrochen w ird. Die Jahre 1989<br />

<strong>und</strong> 1990 weisen mit einer jährlichen Durchschnitlstemperatur von j eweils 7,7 oe dadurch<br />

auch das absolute M ax imum <strong><strong>de</strong>s</strong> gesamten Beobachtungszeitraums auf. Der Mittelwert aller<br />

11 0 Jahre liegt in Villingen bei 6,3 ° <strong>und</strong> damit um 0,2 oe unter <strong>de</strong>m von Donaueschingen.<br />

Insgesamt zeichnet sich <strong>für</strong> die Station Vi 11 ingen zwi chen 188 1 <strong>und</strong> 1990 auf <strong>de</strong>r Basi einer<br />

linearen Regress ion eine Zunahme <strong>de</strong>r Jahresdurchschnitt temperaturen von etwa 1,5 oe ab.<br />

Bei einer Standardabweichung <strong>de</strong>r Temperatur von 0,75 oe ergibt sich darau ein Trend­<br />

Rau ch- Verhältnis von 2,0. Dies entspricht einem Signifikanznivea u von 95 % - ein recht<br />

hoher Wert. <strong>de</strong>r auf eine vergleichsweise große Signifikanz <strong>de</strong>r Temperaturerhöhung hin<strong>de</strong>utet.


131<br />

Ähnliche zeigt auch <strong>de</strong>r Korrelationskoeffizient zwischen <strong>de</strong>r jährlichen Durchschnitt temperatur<br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>r Jahreszahl mit 0,59 an (vgl. Tab. 1). Bei <strong>de</strong>r Interpretation dieses Ergebnisse<br />

gilt es jedoch die Stationsverlegung im Jahr 1921 zu berücksichtigen. Diese hat in <strong>de</strong>n Folgejahren<br />

zu ei ner zusätzlichen Temperaturerhöhung beigetragen - eine größere Spanne zwischen<br />

<strong>de</strong>n kältesten Pel;o<strong>de</strong>n am Anfang <strong>de</strong>r Meßreihe <strong>und</strong> <strong>de</strong>n wrumeren nach 1921 ist die Folge.<br />

Dadurch ist zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t e in Teil <strong><strong>de</strong>s</strong> positiven Temperaturtrend <strong>und</strong> <strong>de</strong>r damit verb<strong>und</strong>enen<br />

relativ hohen Signjfikanz <strong><strong>de</strong>s</strong> Temperatursignals auf Verän<strong>de</strong>rungen im unmittelbaren Umfeld<br />

<strong>de</strong>r Station zurückzuführen.<br />

Grad C<br />

8.0<br />

7.5<br />

7.0<br />

6.5<br />

6.0<br />

5 .5<br />

5.0<br />

4 .5<br />

--Jahresmittel<br />

1900<br />

1920 1940 1960 1980<br />

10-jahr. Gauß's. 30-jahr. Gauß's.<br />

--Tiefpaßfilterung --Tiefpaßfilterung -- linearer/quadr. Trend<br />

Abb. I c: Verlauf <strong>de</strong>r jährl ichen Durch chninstemperalUren,<strong>de</strong>r Werte <strong>de</strong>r 10- <strong>und</strong> 3D-jährigen Gauß'schen<br />

Tiefpaßfillerungsowie<strong><strong>de</strong>s</strong> linearen <strong>und</strong> quadratischen Trends an<strong>de</strong>r Klimastation Klippeneck von 1928<br />

- 1990 (Quelle: Eigener Entwurf, Datengr<strong>und</strong>lage: Deutscher Wetterdienst)<br />

Die Temperaturzeitreihe <strong>de</strong>r Station Klippeneck reicht nur bis 1928 zurück (vgl. Abb. I c).<br />

Auf <strong>de</strong>n ersten Blick ergeben sich eini ge Unterschie<strong>de</strong> zur Klimaentwicklung von Donaueschingen<br />

<strong>und</strong> Villingen. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, daß die e vor a ll em auf <strong>de</strong>n<br />

wesentli ch kürzeren Beobachtung zeitraum <strong>und</strong> damit verb<strong>und</strong>en, auf eine an<strong>de</strong>re Datenbasis<br />

zurückzuführen si nd . Dadurch beruht das Temperaturmittel <strong>de</strong>r Statjon auf <strong>de</strong>n Jahres werten<br />

jener Jah.rzehnte die in Donaueschingen <strong>und</strong> VilJingen durch positive Temperaturtrends geprägt<br />

sind. Di es hat einen vergleichsweise hohen Durchschnittswert zur Folge, <strong>de</strong>r in <strong>de</strong>r Abb. I c<br />

durch eine entsprechen<strong>de</strong> Achse kältere <strong>und</strong> wärmere Perio<strong>de</strong>n voneinan<strong>de</strong>r trennt. Somit<br />

erscheinen einige Zeitabschnitte, die im Mittel seit <strong>de</strong>m En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> letzten Jahrh<strong>und</strong>erts eigentlich<br />

als überdurchschnittlich warm eingestuft wür<strong>de</strong>n. auf <strong>de</strong>m Klippeneck als zu kalt.


132<br />

nter Berücksichtigung dieses Sachverhalt5 zeigt die Temperaturkurve <strong>de</strong>r Station Klippeneck<br />

einen weitgehend ähnlichen Verlaufwie in Donauesc hingen <strong>und</strong> Villingen. Um 1950 stellt<br />

ich auch dort das bisherige Temperaturmaximum <strong>de</strong>r Zeitreihe ein, die sowohl aus <strong>de</strong>r 10-<br />

jährigen als auch au. <strong>de</strong>r 30-jährigen Gauß'schen Tiefpaßfilterung <strong>de</strong>utlich hervorgeht. Anschließend<br />

setzt bis Anfang <strong>de</strong>r siebziger Jahre eine negati ve Temperaturenrwicklung ein, die<br />

von diesem Zeitpunkt an bis 1990 in ei ne allmähliche Erwärmung übergeht. Damit ist <strong>de</strong>r<br />

Kurvenverlauf <strong><strong>de</strong>s</strong> Klippenecks sehr gut mit <strong>de</strong>m von Donaueschingen vergleichbar, während<br />

Villingen seit etwa 1975 eher wie<strong>de</strong>r einen leicht rückläufigen TemperatUltrend zu verzeichnen<br />

hat. Mit 4.6 oe fällt das Minimum <strong>de</strong>r Zeitreihe auf das Jahr 1956, das Maximum mit 7.7 oe<br />

auf 1989. Insge amt ergibt sich <strong>für</strong> die Station <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Zeitraum von 1928 - 1990 bei einem<br />

durchschnittlichen Jahresmittel von 6,3 oe eine lineare Temperaturzunahme von ca. 0.1 oe.<br />

Mit ei ner Standardabweichung von 0.72 oe läßt sich hieraus ein Trend-Rau ch-Verhältnis<br />

von 0, 14 <strong>und</strong> damit ein statisti sch völlig unzureichen<strong><strong>de</strong>s</strong> Signifikanzniveau von nur 10 %<br />

ableiten. Auf ähnliche <strong>de</strong>utet auch <strong>de</strong>r Korrelat ionskoeffizient zwisc hen jährlicher Durchsc<br />

hnitt tem peratur <strong>und</strong> Jahreszahl von 0,05 hin (vgl. Tab. I).<br />

1990<br />

1980<br />

1970<br />

1960<br />

1950<br />

1940<br />

1930 16<br />

1920<br />

1910<br />

1900<br />

1890<br />

Jan. Feb. Mrz. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez.<br />

Abb. 2: Darstellung <strong>de</strong>r jahreszeitlich diffcrcnzierten Temperalllrcnlwicklung an <strong>de</strong>r Klimastalion<br />

Donaucschingen von 18 I - 1990 (Quclle: Eigencr Entwurf, Dalengr<strong>und</strong>lagc: Dcutscher Wetterdienst)


133<br />

3.2. Ja hreszeitliche Unterschie<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Temperaturentwicklung<br />

Bei einer genaueren jahreszeitlichen Analyse <strong>de</strong>r Temperaturverän<strong>de</strong>rungen auf <strong>de</strong>r Baar<br />

wird <strong>de</strong>utlich, daß sich die bei <strong>de</strong>n Jahresmitteln zu beobachten<strong>de</strong> allgemeine leichte Erwärmung<br />

nicht in allen Monaten gleicherm aßen wi<strong>de</strong>rspiegelt. Di e Abb. 2 zeigt dies <strong>für</strong> die<br />

Station Donaueschingen im Zeitraum von 188 1 - 1990 durch e ine in dieser Form neu entwickelte<br />

Darstellung einer Temperaturzeitreihe, aus <strong>de</strong>r gleichzeitig die entsprechen<strong>de</strong> jahreszeitliche<br />

Differenzierung hervorgeht. Die Grafik wur<strong>de</strong> mit Hi lfe <strong><strong>de</strong>s</strong> Programms SURFER<br />

generiert, mit <strong>de</strong>m vor all em räumliche Interpolationen <strong>für</strong> digitale Gelän<strong>de</strong>mo<strong>de</strong>lle durchgefü<br />

hrt wer<strong>de</strong>n können. Ein entsprechen<strong>de</strong>r Aufbau liegt auch <strong>de</strong>m Entwurf <strong>de</strong>r Abb. 2 zugr<strong>und</strong>e.<br />

Die Darstellung basiert auf <strong>de</strong>n einzelnen monatlichen Durchschnitt werten <strong>de</strong>r TempeTatur<br />

all er BeobachlUngsjahre <strong>de</strong>r Zeitreihe. Sie wur<strong>de</strong>n, ähnlich wie be i <strong>de</strong>n Höhenkoten eines<br />

Gelän<strong>de</strong>mo<strong>de</strong> ll s, in einer <strong>für</strong> das Programm SURFER lesbaren FOlln aufgebaut. Daraus lassen<br />

sich die Temperaturwerte <strong>für</strong> ein dichtes, fl ächen<strong>de</strong>cken<strong><strong>de</strong>s</strong> Gitternetz berechnen, das aus<br />

110 Zeilen (= Anzahl <strong>de</strong>rJahre) <strong>und</strong> 120 Spalten (= Anzahl <strong>de</strong>r Monatex 10) aufgebaut ist.<br />

Auf dieser Gr<strong>und</strong>lage können mit <strong>de</strong>m Programm entsprechen<strong>de</strong> fsolinien berechnet wer<strong>de</strong>n.<br />

Dabei kam bei <strong>de</strong>r Interpolation das sogenannte Kriging-Verfahren zur Anwendung, <strong><strong>de</strong>s</strong>sen<br />

Ergebnisse durch eine zusätzliche Gl ättung <strong>de</strong>r Linien ("smooth" -Funktion) optimiert wur<strong>de</strong>n.<br />

Die Darstellung zeigt die kontinuierli che Zunahme <strong>de</strong>r Temperaturen im Winter, die durch<br />

eine rückläufige Häufigkeit von Werten unter -2 oe am linken <strong>und</strong> rechten Bi ldrand zum<br />

Ausdruck kommt. In <strong>de</strong>n letzten 10 bi s 20 Jahren wird diese Ten<strong>de</strong>nz beson<strong>de</strong>rs <strong>de</strong>utlich,<br />

treten doch zwischen Dezember <strong>und</strong> Januar selbst Durchschnittstemperaturen unter 0 oe immer<br />

seltener auf. Gleichzeitig wi rd eine lei chte Erwällllung im Somme r <strong>und</strong> Frühherbst <strong>de</strong>utlich,<br />

die vor allem im August <strong>und</strong> September zu beobachten i t - <strong>de</strong>r Temperarurbe reich über<br />

10 oe schel1 im Verlauf <strong>de</strong>r Zeitreihe immer mehr nach rechts aus. Im Frühjahr <strong>und</strong> Spätherbst<br />

macht sich hingegen e ine weitgehen<strong>de</strong> Konstanz <strong><strong>de</strong>s</strong> Temperatullliveaus zwischen 1881 <strong>und</strong><br />

1990 bemerkbar. Sie kommt durch <strong>de</strong>n fast parallelen <strong>und</strong> im Durchschnitt senkrechten Verlauf<br />

<strong>de</strong>r Isothermen zum Ausdruck, die nur kurzzeiti gen Schwankungen unterl iegen.<br />

Auch bei ei ner genaueren statisti schen Analyse zeigt sich di e 'e jahreszeitlich differenziel1e<br />

Klimaentwicklung an <strong>de</strong>r Station Donaueschingen, die vor a llem in <strong>de</strong>n Wintellllonaten durch<br />

eine vergleichsweise starke Temperaturzunahme gekennzeichnet ist. So erre icht <strong>de</strong>r lineare<br />

Trend im Januar innerhalb <strong>de</strong> betrachteten lI O-jährigen Zeitraums mit 1,9 oe sein Maxi mum,<br />

gefolgt vom Oktober mit 1,8 oe. Tab. I gibt die entsprechen<strong>de</strong>n Werte <strong>für</strong> die e inze lnen<br />

Monate wie<strong>de</strong>r. Zwischen Apri I <strong>und</strong> August ist ein <strong>de</strong>utl ich geringerer positiver Temperarurtrend<br />

zu beobachten. Im Juni e lTeicht er sogar mit -0, I oe einen negativen Wert - die Temperaturen<br />

verzeichneten in diesem Monat zwischen 188 I <strong>und</strong> 1990 e inen rückläufigen Trend.<br />

ach einer etwas stärkeren Temperaturzunahme in <strong>de</strong>n Monaten September <strong>und</strong> Oktober<br />

geht <strong>de</strong>r lineare Trend im November noch einmal auf e inen Wert von 0,6 oe zurück, bevor er<br />

zu seinem winterli chen Maximum ansteigt.<br />

Trotz <strong>de</strong>r mitunter sehr <strong>de</strong>utlichen Temperamrzunahme in einigen Monaten fällt die Signifikanz<br />

<strong>de</strong>r einzelnen Trends zumeist sehr gering aus <strong>und</strong> liegt durchweg unter einem kritischen Signifikanzniveau<br />

von 90 % (vgl. Tab. I). Dies ist vor allem auf die vergleichsweise hohen Standardabweichungen<br />

<strong>de</strong>r Temperatur zurückzuführen, die sich in <strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong>n Trend-Rausch­<br />

Verhältnissen negativ auf das Signifikanzniveau nie<strong>de</strong>rschlagen. Das höchste Trend-Rausch­<br />

Verhältnis zeigt mit 1,22 <strong>de</strong>r Monat Oktobe r. Daraus läßt sich e in Signifikanzniveau von<br />

78 % ableiten. Ln allen an<strong>de</strong>ren Monaten liegen die entsprechen<strong>de</strong>n Werte zum Teil <strong>de</strong>utlich<br />

unter 1,0 bzw. 68 % <strong>und</strong> weisen daher auf eine recht geringe Signiflkanz <strong><strong>de</strong>s</strong> Temperatursignals


134<br />

hin. Dabei sind die Trend-Rausch-Verhältnisse im Winterhalbjahr trotz <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utlich größeren<br />

Standardabweichungen <strong>de</strong>r Temperatur zumeist noch etwas höher als im Sommer. Tab. I<br />

gibt einen Überblick einiger wichtiger stati sti scher K enngrößen.<br />

Die unterschiedlich starken interannualen Schwankungen <strong>de</strong>r monatlichen Durchschni ttstemperaturen,<br />

die sich in <strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong>n Standardabweichungen wi<strong>de</strong>rspiege ln, gehen<br />

auch aus <strong>de</strong>m Temperaturverlauf <strong>de</strong>r ein zelnen Monate <strong>de</strong>utlich hervor. Während die Schwankungsbreite<br />

zwischen <strong>de</strong>n einzelnen Jahren in <strong>de</strong>n Wintermonaten zum Teil über 15 oe beträgt<br />

(Februar), geht sie im Sommer auf knapp 6 oe (August) zurück (vgl. Tab. I ). Die Abb. 2<br />

ver<strong>de</strong>utlicht dies. So stellt sich <strong>de</strong>r Verlauf <strong>de</strong>r Durchschnittstemperaturen im Winter zumeist<br />

wesentlich "unruhiger" dar als in <strong>de</strong>n Sommermonaten, zu erkennen an <strong>de</strong>n zah lreichen Aus<strong>und</strong><br />

Einbuchtungen <strong>de</strong>r Isolinien am linken (J anuar <strong>und</strong> Februar) <strong>und</strong> rechten Bildrand (Dezember).<br />

Die dabei zu beobachten<strong>de</strong>n kühleren <strong>und</strong> wäJmeren Phasen treten in <strong>de</strong>n einzel.nen<br />

Monaten nicht in <strong>de</strong>nselben Zeiträumen <strong>de</strong>r M eßreihe auf. Mitunter teilen sich die Trends<br />

sogar völlig gegensätzlich dar. So ist etwa <strong>de</strong>r <strong>de</strong>utliche Rückgang <strong>de</strong>r Wer1e im November<br />

am Anfang dieses Jahrh<strong>und</strong>erts im Dezember mitunter durch einen Anstieg <strong>de</strong>r Temperaturen<br />

gekennzeichnet. Ab <strong>de</strong>n zwanziger Jahren kehren sich die Verhältnisse zum Teil genau um.<br />

Ähnliche Entwicklungsmuster lassen sich auch beim Vergleich an<strong>de</strong>rer M onate erkennen.<br />

Mitunter sind die Verläufe dabei j edoch nicht unbedingt gegenläufig son<strong>de</strong>rn lediglich<br />

verschoben, d.h. wärmere <strong>und</strong> kältere Epochen beginnen o<strong>de</strong>r en<strong>de</strong>n in <strong>de</strong>n jeweiligen Monaten<br />

j ewei Is früher o<strong>de</strong>r später.<br />

Tab. I: Stati sti che Kenngrößen <strong>de</strong>r Temperaturentwicklung in oe bei <strong>de</strong>n l ahresmitteln an <strong>de</strong>n<br />

Klimastationen Donaue chinge n ( 188 1 - 1990). Villingen ( 188 1 - 1990) <strong>und</strong> Klippeneck ( 1928<br />

- 1990) sowie <strong>für</strong>die einze lnen Monate in Donaueschingen (Mittel = Mittel <strong>de</strong>rZeitreihe, Max.<br />

= Maxi mum <strong>de</strong>rZeitreihe. Min. = Minimum <strong>de</strong>r Zeitreihe, Ampl. = Diffe renz zwischen <strong>de</strong>m<br />

Maximum <strong>und</strong> <strong>de</strong>m Minimum <strong>de</strong>r Zeitreihe. Stab. = Standardabweichung, Lin. Tr. = linearer<br />

Trend, T./R. = Trend-Rausch-Verhältni s. Sig.n. = Signifikanzniveau, Korr. = Korrelati onskoeffizient<br />

zwi schen <strong>de</strong>n einzelnen l ahresmitteln <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Jahreszahl) (Quelle: Eigene Berechnungen.<br />

Datengr<strong>und</strong>lage: Deutscher Wetterdienst)<br />

Temperatur Zeitraum Minel Max. Min. Ampl. Stab Lin . T T.(R. Sig.n. Korr.<br />

Klippeneck Jahr 1928- 1990 6.3 7,7 4,6 3, 1 0,72 0.1 0. 14 10 0,05<br />

Vi I lingen Jahr 188 1- 1990 6.3 7,7 4.4 3.3 0,75 1,5 2,00 95 0,59<br />

Donauesch. Jahr 1881 - 1990 6.5 8.0 5,0 3,0 0,63 1,0 1,55 88 0,45<br />

Jan. 188 1- 1990 -2,7 2,3 -9.0 11 ,3 2,69 1.9 0.7 1 52 0,20<br />

Feb. 188 1- 1990 - 1.5 4. 1 11,4 15,5 2.89 1,5 0,50 38 0, 15<br />

Mrz 188 1- 1990 1,9 6, 1 -2,4 8.5 1,90 1,4 0,75 54 0,22<br />

Apr. 188 1- 1990 6,0 9,6 2,8 6,8 1,48 0,3 0,23 17 0,Q7<br />

Mai 188 1- 1990 10,7 14,4 7,0 7,4 1,43 0, 1 0,08 5 0,02<br />

Jun. 188 1- 1990 14,1 16,9 10,6 6,3 1,27 -0, I 0,09 6 -0,02<br />

lul. 1881 - 1990 15,9 19,9 12,7 7,2 1,33 0,5 0,37 28 0, 11<br />

Aug. 188 1- 1990 14,9 17,8 12.0 5,8 1,07 0,7 0,69 5 1 0,20<br />

Sep. 1881- 1990 11 ,7 15,6 6,9 8,7 1,46 1.4 0,93 65 0,27<br />

Okt. 188 1- 1990 6,8 10. 1 1,9 8,2 1,51 1,8 1.22 78 0,3 5<br />

OV. 188 1- 1990 2,0 5,8 - 1,7 7.5 1,45 0,6 0,40 3 1 0, 12<br />

Dez. 188 1- 1990 - 1,5 2,8 -7,6 10.4 2, 12 1.6 0.76 55 0,22


135<br />

Die Abb. 3 ver<strong>de</strong>utlicht die Entwicklung <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahresgangs <strong>de</strong>r monatlichen Durchschnittstemperaturen<br />

an <strong>de</strong>r Klima tati on Donaueschingen auf <strong>de</strong>r Basis <strong>de</strong>r Mitte lwerte verschie<strong>de</strong>ner<br />

Zeiträume. Dabe i konnten trotz <strong>de</strong>r mitunter nicht ganz voll ständigen Temperaturangaben<br />

aus <strong>de</strong>n Jahrgängen zwischen 1802 <strong>und</strong> 18 13 bereit <strong>für</strong> einen Ze itraum am Anfang <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

19. 1h. monatliche Durchschnittswerte gebil<strong>de</strong>t wer<strong>de</strong>n. Ähnliches gilt <strong>für</strong> die, wenn auch<br />

nur sehr kurze <strong>und</strong> daher weniger repräsentative Beobachtungsperio<strong>de</strong> von 1828 - 1830.<br />

Tage, an <strong>de</strong>nen in die en Zeiträumen die Temperarurangaben fehlten, gingen nicht in die<br />

Mittelbildung ein. Bei<strong>de</strong> Perio<strong>de</strong>n liegen in einer klimageschichtlichen Epoche, die in weiten<br />

Teil en Mitteleuropas durch einen zum Te il markanten Temperatun'ückgang gekennzeichnet<br />

war <strong>und</strong> sind daher <strong>für</strong> Vergleiche mit <strong>de</strong>n heutigen Verhältnis en von beson<strong>de</strong>rem Interesse<br />

(vgl. u.a. FRENZEL, FURRER U. LA ER 1989, M " LLER-WESTERMEIER 1992). Daneben enthält die<br />

Abb. 3 die mittleren Monatsdurchschnittstemperaturen <strong>de</strong>r Zeiträume 187 1 - 1883 (vgl. H OPF­<br />

GART ER 1885) <strong>und</strong> 188 1 - 1900 sowie die <strong>de</strong>r klimatologi ehen Standardperio<strong>de</strong>n von 190 I<br />

- 1930, 193 1 - 1960 <strong>und</strong> 196 I - 1990. In Tab. 2 sind die entsprechen<strong>de</strong>n Mittelwerte <strong>de</strong>r einzelnen<br />

Zeiträume zu ammengefaßt.<br />

Grad C<br />

8.0<br />

7 .5<br />

7.0<br />

6 . 5i=th==~<br />

6.0<br />

5.5<br />

5.0<br />

4 .5<br />

1900 1920 1940 1960 1980<br />

-- Jahresmittel<br />

10-jähr. Gauß's. __ 30-jähr. Gauß's. __ linearer/quadr. Trend<br />

- - Tiefpaßfilterung Tiefpaßfilterung<br />

Abb. 3: Minlerer Jahresgang <strong>de</strong>r monatlichen Durchschnitrstemperaturen an <strong>de</strong>r Klimastation<br />

Donaue chi ngen in verschie<strong>de</strong>nen Zeiträumen (Que lle: Eigener Entwurf, Datengr<strong>und</strong>lage: Fürstlich<br />

Fürstenbergisches Hofarchi v Donaueschingen, HOPFGART ER 1885, Deutscher Wetterdienst)<br />

Trotz <strong>de</strong>r zum Teil unterschiedlichen Länge <strong>de</strong>r dargeste llten Beobachtungsreihen läßt sich<br />

erkennen, daß sich das Klima am Anfang <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh. auf <strong>de</strong>r Baar insgesamt wesentlich<br />

kühler zeigte als heute. So betrug das Jahresmittel zwischen 1802 <strong>und</strong> 18 13 5,9 oe, zwischen<br />

1828 <strong>und</strong> 1830 sogar nur 4,9 oe, während sich das aktuelle langjährige Mitte l <strong>de</strong>r Station


136<br />

Donaueschingen ( 196 1 - 1990) auf 6.8 oe beläuft. A uffällig sind dabei die im Vergleich zu<br />

<strong>de</strong>n heutigen Verhältnissen tiefen Durchsc hnittstemperaturen im ommer <strong>und</strong> in einigen<br />

Herb tmonaten. während ie insbeson<strong>de</strong>re im Frühling weitestgehend <strong>de</strong>m aktuellen iveau<br />

entsprechen. A m <strong>de</strong>utlichsten wird <strong>de</strong>r Temperaturzuwachs im Juli. Das entsprechen<strong>de</strong> M o­<br />

natsmiltel betrug am Anfang <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh . ( 1802 - 18 13) in Donaueschingen noch 13, 1 oe, in<br />

<strong>de</strong>r jüngsten Perio<strong>de</strong> ( 1961 - 1990) wur<strong>de</strong>n hingegen 16. 1 oe erreicht. och gr ößere Temperaturunterschie<strong>de</strong><br />

ergeben ich zum Teil zwischen <strong>de</strong>r aktuellen St andardperio<strong>de</strong> <strong>und</strong> <strong>de</strong>m<br />

Zeitraum von 182 - 1830, die mit 4, I oe im August ihr Maximum verzeichnen (vgl. Tab. 2).<br />

Bereits am En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> 19. Jh . en'eichten die Durchschnittstemperaturen im Sommer <strong>und</strong> Herb, t<br />

in etwa das rezente Niveau. Seither traten die größten Verän<strong>de</strong>rungen vor allem während <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Willlers auf. In <strong>de</strong>n M onaten Dezember, Janu ar <strong>und</strong> Februar lagen die Temperaturen um die<br />

Jahrh<strong>und</strong>ertwen<strong>de</strong> zum Teil <strong>de</strong>utlich tiefer als heute. So verzeichnete <strong>de</strong>r Januar im Zeitraum<br />

188 1 - 1900 in Donaueschingen ein Temperaturmittel von -3,8 oe gegenüber -2,2 oe in <strong>de</strong>r<br />

Perio<strong>de</strong> 196 1 - 1990. Mit einer Durchschnitlstemperatur von -3,2 oe im Zeitraum 1871 -<br />

I 83 gegenüber - I , I oe in <strong>de</strong>r aktuellen St andard peri o<strong>de</strong> ergibt ich j edoch im Dezember<br />

mit einer Di fferenz von 2, I oe <strong>de</strong>r größte Temperaturzuwachs zwischen <strong>de</strong>m En<strong>de</strong> <strong>de</strong> letzten<br />

Jahrh<strong>und</strong>erts <strong>und</strong> <strong>de</strong>n rezenten Werten. Ähnliche Ergebnisse ze igen auch an<strong>de</strong>re Untersuchungen<br />

zur Temperaturentwicklung auf <strong>de</strong>r Baar (vgl. RElcHELT 1995 , S. 37ff.). Bei einem<br />

Vergleich jüngerer Zeiträume wird selbst bei <strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong>n Mitlelwerten <strong>de</strong>utlich, daß<br />

sich die Temperarurelllw icklung in <strong>de</strong>r Vergangenheit nicht kontinuierlich vollzog. Als Beispiel<br />

hier<strong>für</strong> läßt sich u.a. <strong>de</strong>r vorübergehen<strong>de</strong> Rückgang <strong>de</strong>r Durch 'chniuswerte im Janu ar <strong>und</strong><br />

Dezember zwischen <strong>de</strong>n Zeiträumen 190 I - 1930 <strong>und</strong> 193 1 - 1960 nennen. Ln einigen SommenTIonaten<br />

nahmen die Temperaturen im Laufe dieses Jahrh<strong>und</strong>erts im Minel <strong>de</strong>r einzelnen<br />

Standard perio<strong>de</strong>n sogar bi zum Zeitraum 196 1 - 1990 ab. Im M ärz. April, M ai <strong>und</strong> Juni<br />

\ ird die ' beson<strong>de</strong>rs <strong>de</strong>utlich (vgl. Tab. 2).<br />

Insgesamt stellt sich die jüngste Peri o<strong>de</strong> 196 1 - 1990 nur in sechs Monaten <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahre als die<br />

wänTI ste <strong>de</strong>r verschie<strong>de</strong>nen dargestellten Zeiträume dar. Dabei han<strong>de</strong>lt es sich um <strong>de</strong>n Januar,<br />

Juli. Augu t. September. Oktober <strong>und</strong> Dezember. Im Sommer <strong>und</strong> Frühherbst sowie im Winter<br />

war die Erwärmung in <strong>de</strong>n vergangenen fast 200 Jahren auf <strong>de</strong>r Baar <strong>de</strong>mnach am stärksten.<br />

Mit 2.7 oe, 3,0 oe <strong>und</strong> 2.1 oe ist <strong>de</strong>r Temperaturzuwachs in <strong>de</strong>n M onaten Juni , Juli <strong>und</strong><br />

A ugust zwischen <strong>de</strong>m nfang <strong>de</strong> 19. Jh. ( 1802 - 18 13) <strong>und</strong> <strong>de</strong>r jüng ten tandardperio<strong>de</strong><br />

dabei am stärksten. Im Vergleich zu <strong>de</strong>n Mittelwerten <strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraums 1828 - 1830 sind die<br />

Differenzen zum Teil sogar noch größe r. In <strong>de</strong>n an<strong>de</strong>ren M onaten <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres, die sich neben<br />

<strong>de</strong>m Februar <strong>und</strong> ovember vor allem auf das Frühjahr <strong>und</strong> <strong>de</strong>n Frühsommer konzentrieren,<br />

verze ichnet die Peri o<strong>de</strong> 190 I - 1930, zu meist aber <strong>de</strong>r Zeitraum 193 1 - 1960 die höchsten<br />

Durch chnittstemperaturen (vgl. Abb. 3 <strong>und</strong> Tab. 2). Die e Entwicklung ging bereits aus<br />

<strong>de</strong>m Verl auf <strong>de</strong>r 10-j ährigen <strong>und</strong> 30-j ährigen Gauß'sc hen Tiefpaßfilterun g an <strong>de</strong>r Station<br />

Donaueschingen bei <strong>de</strong>n Jahresmitteln in Abb. I a <strong>und</strong> bei <strong>de</strong>r j ahreszeitlich differenziel1en<br />

Dar teilung in Abb. 2 <strong>für</strong> die einze lnen M onate hervor, die in <strong>de</strong>r Mitte dieses Jahrh<strong>und</strong>erts<br />

zumeist ebenfa lls die höchsten Temperaturwel1e im langjährigen Durchschnitt aufwiesen.<br />

Die Abb. 2 <strong>und</strong> Abb. 3 ver<strong>de</strong>utlichen darüber hinaus <strong>de</strong>n durchsc hnittlichen j ahreszeitlichen<br />

Gang <strong>de</strong>r Temperaturen an <strong>de</strong>r Klimastation Donaueschingen. Der Juli hebt ich in allen<br />

betrachteten Teilperio<strong>de</strong>n als wärm ster M onat <strong>de</strong> Jahre hervor. Im Januar sind die Temperaturen<br />

mit Ausnahme <strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraums 187 1 - 1883 j eweils am geringsten <strong>und</strong> liegen <strong>de</strong>utlich<br />

unter <strong>de</strong>m Gefrierpunkt. Auch die M onate Februar <strong>und</strong> Dezember sind durch negative Durchchnit1stemperaturen<br />

gekennzeichnet. Das frühe Erreichen <strong><strong>de</strong>s</strong> winterlichen TemperatunninimUl11<br />

s bereits im Januar <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> sommerlichen M ax imums im Ju li ver<strong>de</strong>utlicht die starke


137<br />

thermische Kontinentalität, durch die das Klima auf <strong>de</strong>r Baar gekennzeichnet ist. Hi erauf<br />

weist auch die verg leichsweise große Temperaturspanne zwischen diesen bei<strong>de</strong>n Monaten<br />

von bi s zu 19,6 oe ( 188 1 - 1900) hin. Im Mitte l <strong>de</strong>r aktue ll en Standardperio<strong>de</strong> von 1961 -<br />

1990 beträgt sie 18,3 oe (vgl. Tab. 2).<br />

Tab. 2: Mittlere monatliche Durchschniltstemperaturen [0C] an <strong>de</strong>r Klimastation Donaueschingen in<br />

verschie<strong>de</strong>nen Zeiträumen (Quelle: Eigene Berechn ungen, Datengr<strong>und</strong>l age: Fürstl ich Fürstenbergisches<br />

Hofarchiv Donaueschingen, HOPFGARTNER 1885. Deutscher Wetterdienst)<br />

Zeitraum Jan. Feb. Mrz Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez. Jahr<br />

1803- 18 13 -2,9 -0,1 2,0 5,2 10. 1 11.6 13, 1 13,0 10.8 7.1 2.0 -1 ,2 5,9<br />

1828-1830 -4,8 -2.5 2,3 6.2 9.6 10,9 12.8 11.0 8.9 5,0 2.0 -2,6 4.9<br />

187 1-1883 -3, I - 1,0 1,7 5.8 9.4 13,9 15,9 14,9 11.4 6,2 1,3 -3,2 6. 1<br />

1881- 1900 -3 ,8 -2.0 1,2 5.9 10.3 14.2 15.8 147 11 ,4 6,2 2.3 -2,4 6.2<br />

1901- 1930 -2,5 -2. 1 1,7 5.7 11 , 1 14,0 1-,8 14,7 11,2 6.5 1,5 -1 ,3 6,4<br />

?~<br />

193 1- 1960 -2,9 - 1,3 2,4 6.3 10,7 14.3 16.1 15,0 12, 1 6,7 _,.J -1,4 6.7<br />

196 1- 1990 -2,2 -0.9 2,2 6,0 10.5 13,9 16. 1 15,1 12.2 7,6 2,2 - 1.1 6,8<br />

Mittel -3, I - 1,4 1,9 5,9 10,3 13.2 15, 1 14,0 11 , 1 6,5 1,9 - 1,9 6. 1<br />

Maximum -2,2 -0. 1 2,4 6.3 11,1 14,3 16, 1 15, 1 12,2 7,6 2,3 - 1, 1 6,8<br />

Minimum -4,8 -2,5 1,2 5,2 9.4 10,9 12.8 11,0 8,9 5,0 1,3 -3,2 4,9<br />

Ampliru<strong>de</strong> 2,6 2,3 1.2 1,1' 1,8 3,5 3,3 4, 1 3,3 2,7 1,0 2, 1 1,9<br />

Sta.abw. 0.80 0.75 0,39 0,34 0,58 1.30 1,36 1,39 1,02 0,78 0,36 0,77 0,59<br />

4, Überregionaler Vergleich <strong>de</strong>r Temperaturentwicklung<br />

Die Klimastationen Donaueschingen, Vi ll ingen <strong>und</strong> Klippeneck zeigen trotz gewisser Differenzen<br />

im Bereich <strong>de</strong>r interannualen <strong>und</strong> kurzfristigen Temperaturschwankungen im langjährigen<br />

Mittel ( I O-jährige <strong>und</strong> vor allem 30-jährige Gauß'sche Tiefpaßfilterung) einen weitgehend<br />

ähnlichen Kurvenverl auf. Di es wird vor allem be i einem Vergleich <strong>de</strong>r jeweils bis<br />

1881 zurückre ichen<strong>de</strong>n Datenre ihen <strong>de</strong>r Stationen Donaueschingen <strong>und</strong> Villingen <strong>de</strong>utlich.<br />

Wie e in überregionaler Vergle ich zeigt, fügen sich die Stationen dabe i in e inen all gemeinen<br />

Trend ein , <strong>de</strong>r auch bei einer Vielzahl an<strong>de</strong>rer Orte zu beobachten ist. So zeigen etwa entsprechen<strong>de</strong><br />

Ze itreihenanalysen von Karlsruhe zahlreiche Parallelen zu <strong>de</strong>n Stationen auf <strong>de</strong>r Baar<br />

(vgl. MÜLLER-W ESTERMEIER 1992). Auch dort hebt sich am En<strong>de</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> vergangenen Jahrh<strong>und</strong>elt<br />

eine markante Kälteperio<strong>de</strong> hervor, von <strong>de</strong>ren Tiefpunkt um 1890 die Temperaturen ansteigen.<br />

Das erste Maximum dieser Erwärmung wird in Karl sruhe bere its um 1935 erreicht, e inem<br />

Zeitpunk1:, zu <strong>de</strong>m sich auf <strong>de</strong>r Baal' ebenfa ll s ein erster, wenn auch nur sek<strong>und</strong>ärer Höhepunkt<br />

<strong>de</strong>r Temperaturen eiJ1stellt. Das eigentliche Temperat1l11l1aximum <strong>de</strong>r Stationen Donaueschingen.<br />

Villingen <strong>und</strong> Klippeneck um 1950 stellt in Karl sruhe hingegen nur e ine sek<strong>und</strong>äre<br />

Fluktuation dar. Dort erreichen die jährl ichen Durchschnittstemperaturen nach e iner vorübergehen<strong>de</strong>n<br />

AbkühJung bis etwa 1940 erst am En<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Beobachtungsreihe 1990 ihre bisherigen<br />

Höchstwerte - sicherlich auch Ausdruck e ines zunehmen<strong>de</strong>n Stadteffekts (M üLLER-W ESTER­<br />

MEIER 1992, S. 162 ff.).<br />

Genauere KOITelationsanalysen verschie<strong>de</strong>ner <strong>de</strong>utscher Stationen, bei <strong>de</strong>nen neben Karlsruhe<br />

auch Berlin, Bremen, Hohenpeißenberg <strong>und</strong> München Berücksichtigung fan<strong>de</strong>n, zeigen mit-


138<br />

unter recht <strong>de</strong>utliche Zusammenhänge zwischen <strong>de</strong>n ein zelnen Temperaturzeitre ihen. Di e<br />

Korrelationskoeffizienten betragen zwischen 0,86 (Karlsruhe / Hohenpeißenberg) <strong>und</strong> 0,57<br />

(Berlin / München). Aus <strong>de</strong>n Ergebnissen <strong>de</strong>r einzelnen Stationspaare geht hervor, daß insbeon<strong>de</strong>re<br />

die süd- <strong>und</strong> west<strong>de</strong>utschen Stati onen eine recht ähnliche Temperarurentwicklung<br />

aufzeigen. Nur Berlin weist eine vergleichsweise geli nge Korrelation mit <strong>de</strong>n an<strong>de</strong>ren Stationen<br />

auf (M üLLER-WESTERMEIER 1992 S. 16 1 f.) . Aus <strong>de</strong>n Ergebnissen dieser Untersuchungen läßt<br />

sich ableiten. daß di e K limastationen <strong>de</strong>r Baar im zu gr<strong>und</strong>e liegen<strong>de</strong>n Ze itraum e ine recht<br />

ähnliche Temperaturentwicklung zeigen, wie die meisten an<strong>de</strong>ren Stationen insbeson<strong>de</strong>re Süd<strong>und</strong><br />

West<strong>de</strong>utsch lands. Größere Unterschie<strong>de</strong> ergeben sich zumeist nur auf <strong>de</strong>r Basis <strong>de</strong>r<br />

einzelnen Jahreswerte <strong>und</strong> <strong>de</strong>r I O-jährigen Gauß'schen Tiefpaßfilterung, während sich sowohl<br />

die linearen Trends (unter Berücksichtigung jeweil s gleicher Zeiträume) als auch die Verl äufe<br />

<strong>de</strong>r 30-jähri gen Gauß'schen Tiefpaßfilterung weitgehend analog verhalten.<br />

o 10 20 30<br />

, I<br />

,<br />

I<br />

km<br />

Höhenstufen (m)<br />

D 0 - 200 ~ 200-500 ~ 500 - 700 ~ 700-1000 > 1000<br />

Abb. 4: Topographische Übersichtskarte von Ba<strong>de</strong>n-Württemberg mit <strong>de</strong>r in <strong>de</strong>n Temperaturkarten <strong>de</strong>r<br />

Zeiträume 193 1-1960 <strong>und</strong> 196 1- 1990 dargestellten Region (Que lle: Eigener Ent wurf, Kartographie:<br />

Mitlehner, Karlengr<strong>und</strong>lage: List, Großer Weltatlas 1975, S. 3)<br />

Durch die Analyse von Temperarurzeitreihen verschie<strong>de</strong>ner KJimastationen lassen sich letztlich<br />

jedoch nur die spezifischen klimageschichtl ichen Gegebenhe iten einzelner Orte miteinan<strong>de</strong>r<br />

vergleichen. Trotz <strong>de</strong>r damit verb<strong>und</strong>enen <strong>de</strong>taillierten zeitlichen Dokumentation von Klimaverän<strong>de</strong>rungen,<br />

lassen sich hieraus fl ächen<strong>de</strong>cken<strong>de</strong> überregionale räumliche Unterschie<strong>de</strong>


139<br />

njcht unmittelbar ableiten. Erst durch <strong>de</strong>n Entwurf von Klimakru1en <strong>für</strong> verschie<strong>de</strong>ne Zeiträume<br />

ist eine genauere Analyse <strong>de</strong>r Variationen <strong><strong>de</strong>s</strong> räumlichen Vel1eilungsmusters einzelner Klimaelemente<br />

möglich. Aus diesem Gr<strong>und</strong> wur<strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong> Temperaturkarten <strong>für</strong> die bei<strong>de</strong>n<br />

klimatologischen Standardperio<strong>de</strong>n 193 1 - 1960 <strong>und</strong> 1961 - 1990 entworfen. Die Karten basieren<br />

auf ei nem mehr o<strong>de</strong>r weni ger flächen<strong>de</strong>cken<strong>de</strong>n Stationsnetz, das in Deutschland<br />

zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t seit <strong>de</strong>n dreißi ger Jahren eine ausreichen<strong>de</strong> Dichte aufweist. Die dargestellten<br />

Klimakarten (vgl. Abb. 5 - 7) basieren dabei nicht auf einer einfachen Interpolation von<br />

Isolinien auf <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>lage dieses Stationsnetzes, son<strong>de</strong>rn auf einem computergestützten,<br />

numerischen Mo<strong>de</strong>ll.<br />

Die es Mo<strong>de</strong>ll beruht auf einer räumlich variablen, linearen Höhenregression <strong>de</strong>r Jahresmittel<br />

<strong>de</strong>r Lufttemperatur <strong>für</strong> di e angegebenen 30-jährigen Standardperio<strong>de</strong>n. Das Gr<strong>und</strong>prinzip<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Ansatze geht davon aus, daß die Temperaturen im langjährigen Mittel eine Abhängigkeit<br />

von <strong>de</strong>r Höhe zeigen. Sie las en sich daher als Funktion <strong>de</strong>r Höhenlage darstellen, wobei<br />

vereinfachend ein linearer funktionaler Zu ammenhang zwischen <strong>de</strong>r Höhe <strong>und</strong> <strong>de</strong>n Jahresdurchschnirtstemperaturen<br />

angenommen wi rd . Darüber hinaus üben jedoch auch Parameter<br />

wie die Hangneigung <strong>und</strong> die Landnutzung bzw. unterschiedliche Vegetationstypen einen<br />

regionalen Einfluß auf das Klima aus. Sie fin<strong>de</strong>n aufgr<strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> relativ kleinen Maßstabes <strong>de</strong>r<br />

Kru1en jedoch keine Berücksichtigung.<br />

Auf dieser Gr<strong>und</strong>lage wur<strong>de</strong>n mit Hilfe <strong><strong>de</strong>s</strong> vorhan<strong>de</strong>nen Stationsnetze <strong>für</strong> ganz Deutschland<br />

räumlich variable lineare Regressionsfunktionen <strong>für</strong> die bei <strong>de</strong>n Standardperio<strong>de</strong>n 193 1 - 1960<br />

<strong>und</strong> 1961 - 1990 ermittelt. Dabei fand eine Einteilung in 12 thermisch weitgehend homogene<br />

Teilgebiete statt. Die berechneten Regressionsfunktionen wur<strong>de</strong>n anschließend einer räumlichen<br />

Interpolati on unterzogen. Auf dieser Basi ließen sich die langjährigen Durchschnittstemperaturen<br />

<strong>de</strong>r verschie<strong>de</strong>nen Stationen unter Berücksichtigung ihrer Höhenlage auf ein<br />

einheitliches Bezugsniveau umrechnen. Diese reduzie l1en Werte wur<strong>de</strong>n räumlich interpoliert.<br />

Schließlich konnten mit Hilfe eine r topographischen Höhendatei mit einem I km-Raster <strong>und</strong><br />

<strong>de</strong>n räumlich variablen, interpolierten Regressionsfunktionen die langjährigen Mittelwerte<br />

im tatsächlichen Höhenniveau tlächen<strong>de</strong>ckend berechnet wer<strong>de</strong>n (MÜLLER-WESTERMEIER 1995).<br />

Auf <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>lage die er computergestützten Interpolation mit räumlich variabler Höhenregression<br />

wur<strong>de</strong>n jeweils <strong>für</strong> die Standardperio<strong>de</strong>n 193 1 - 1960 <strong>und</strong>.! 961 - 1990 entsprechen<strong>de</strong><br />

Temperaturkarten generiert. Die Abb. 5 - 7 geben jeweils die mittlere Temperaturverteilung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres. <strong><strong>de</strong>s</strong> hydrologi chen Winterhalbjahres ( ovember - April) <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong> hydrologischen<br />

Sommerhalbjahres (Mai - Oktober) <strong>für</strong> diese bei<strong>de</strong>n Zeiträume wie<strong>de</strong>r. Die Kru1en<br />

im Originalmaßstab I : 1.000.000 zeigen ei nen Ausschnitt von .100 km in West-Ost- <strong>und</strong><br />

75 km in ord-Süd-Au <strong>de</strong>hnung, in <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Zentrum die Baar liegt. Die Abb. 4 stellt <strong>de</strong>n<br />

entsprechen<strong>de</strong>n Kartenausschnitt in einer topographischen Übersichtskarte von Ba<strong>de</strong>n-Württemberg<br />

zur besseren Orientierung dar. Der Ausschnitt reicht <strong>de</strong>mnach in etwa von Freiburg<br />

im Westen bis nach Meßkirch im Osten <strong>und</strong> von <strong>de</strong>r Schweizer Grenze im Sü<strong>de</strong>n - die weißen<br />

Flächen stellen die sogenannte "Schaffhauser Insel" dar, die weit in <strong>de</strong>utsches Hoheitsgebiet<br />

hineinreicht - bis nach Balingen im or<strong>de</strong>n. Im äußersten Nordwesten wird die französi ehe<br />

Grenze berührt. im Südosten fast Konstanz.<br />

Die Karten <strong>de</strong>r jährlichen Temperaturverteilung in Abb. 5a <strong>und</strong> Abb. 5b zeichnen recht<strong>de</strong>ut.lich<br />

die Topographie <strong><strong>de</strong>s</strong> betreffen<strong>de</strong>n Raumes nach. Sowohl im Zeitraum von 1931 - 1960 als<br />

auch 1961 - 1990 hebt sich <strong>de</strong>r östliche Rand <strong><strong>de</strong>s</strong> Oberrheingrabens mit jährlichen Durchchnittstemperaturen<br />

von bis zu 1I oe von <strong>de</strong>n kühleren Mittelgebirgslagen <strong><strong>de</strong>s</strong> Südschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong><br />

ab, wo die Temperaturen in <strong>de</strong>n Gipfellagen im Jahresmittel zum Teil bis auf 3 oe<br />

zurückgehen. Zur Baar hin ist eine leichte Temperaturzunahme zu verzei.chnen. Die Jahres-


140<br />

durchschnirtstemperaturen erreichen dort etwa 6 - 8 oe, in einigen höher gelegenen Regionen<br />

auch etwas darunter, um im Bereich <strong>de</strong>r Höhenlagen <strong>de</strong>r Schwäbi schen Alb weiter östl ich auf<br />

etwa 5 - 6 oe zu sinken. ach Südosten hebt sich die <strong>de</strong>utliche Temperaturzunahme im Einflußbereich<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Bo<strong>de</strong>n ees ab. Dort wer<strong>de</strong>n Werte von 7 - 10 oe erreicht. Aber auch kleinräumigere<br />

Strukturen <strong>de</strong>r Temperaturverteilung lassen sich in <strong>de</strong>n Karten erkennen. So zeichnet<br />

sich durch entsprechend höhere Durchschnittslemperaturen <strong>de</strong>r Verlauf einze lner Schwarzwaldtäler.<br />

die von <strong>de</strong>r oberrheinischen Tiefebene in <strong>de</strong>n Schwarzwald vorstoßen, ebenso ab,<br />

wie etwa das Donau- <strong>und</strong> eckartal.<br />

. ~<br />

•<br />

.""- ......,.. Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres<br />

(1931 - 1960)<br />

Temperaturen In "C<br />

~<br />

~<br />

• > 13.0<br />

12,1 - 13,0<br />

'Ion.~MiK,,'V<br />

... • . 40"""""'_ 11 ,1 -12,0<br />

.-- 6,1<br />

.<br />

10,1 - 11 .0<br />

9,1 - 10,0<br />

8,1 - 9,0<br />

7,1 - 8,0<br />

- 7,0<br />

5,1 - 6,0<br />

4,1 - 5,0<br />

3,1 - 4,0<br />

'" •<br />

.---<br />

~ •<br />

A<br />

."""- •<br />

•<br />

< 1,1<br />

N<br />

2,1 - 3,0<br />

1,1 - 2,0<br />

20 km<br />

Abb. 5a: Jährliche Durch chn itt stemperature n <strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraums 193 1 - 1960 (Que lle: Eigener Entwurf,<br />

Deutscher Wetterdi enst, Datengr<strong>und</strong>lage: Deutscher Wetterdienst)<br />

.'- .. '<br />

.,<br />

...... . v..,..<br />

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• t ... pt<br />

. ......<br />

~<br />

"<br />

i<br />

~<br />

Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur <strong><strong>de</strong>s</strong> Jahres<br />

(1961 - 1990)<br />

Temperaturen In · C<br />

• > 13,0<br />

12, 1 -1 3,0<br />

•<br />

11 ,1 - 12,0<br />

10,1 - 11 ,0<br />

9,1 - 10,0<br />

8. 1 - 9,0<br />

7,1 - 8,0<br />

6,1 - 7,0<br />

5,1 - 6,0<br />

4,1 - 5,0<br />

3, 1 - 4.0<br />

2. 1 - 3.0<br />

1.1- 2.0<br />

•<br />

•<br />

< 1.1<br />

N<br />

A<br />

----------<br />

20 km<br />

( ......-..t_.._s..oon_<br />

Abb. 5b: Jährliche Durchschnittstemperaturen <strong><strong>de</strong>s</strong> Zei traums 196 1 - 1990 (Que lle: Eigener Entwurf,<br />

Deutscher Wette rdienst, Datengr<strong>und</strong>lage: Deutscher Wellerdienst )


141<br />

Ein Verg leich <strong><strong>de</strong>s</strong> räumlichen Vel1eilungsmusters <strong>de</strong>r jährlichen Durchschnitt temperaturen<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraums 1931 - 1960 <strong>und</strong> 196 1 - 1990 zeigt auf <strong>de</strong>n ersten Blick kaum Unterschi e<strong>de</strong>.<br />

Bei e iner genaueren Analyse lassen sich jedoch einige Verän<strong>de</strong>rungen erkennen, die zum Tei I<br />

auf recht unter chiedliche Temperatunrends in verschie<strong>de</strong>nen Regionen <strong><strong>de</strong>s</strong> Kal1enaus chnin<br />

hin<strong>de</strong>ut en. So ist im Bereich <strong>de</strong> Oberrheingraben <strong>und</strong> <strong><strong>de</strong>s</strong>sen Vorbergzone insgesamt e ine<br />

leichte Temperaturzunahme zwischen <strong>de</strong>n be i<strong>de</strong>n Perio<strong>de</strong>n auszumachen. 1m Bere ich <strong><strong>de</strong>s</strong><br />

744 m hohen Hünerse<strong>de</strong>ls nordöstlich von Emmendingen wird dies beson<strong>de</strong>rs <strong>de</strong>utlich. Die<br />

grün gekenn zeichneten Temperaturbereiche (6 - 8 0c) nehmen don zwischen <strong>de</strong>n Zeiträumen<br />

193 1 - 1960 <strong>und</strong> 1961 - 1990 zugunsten höher te mperien er gelber Flächen (8 - 10 Oe) ab.<br />

An<strong>de</strong>rs stellen sich die Verhältnisse im restlichen Kartenausschnitt dar. [m Südschwarzwald.<br />

auf <strong>de</strong>r Baar <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Schwäbi schen Alb sowie im Bo<strong>de</strong>nseegebiet ist zwischen bei <strong>de</strong>n Zeiträumen<br />

in <strong>de</strong>r Regel ein leichter Temperaturrückgang zu verzeichnen. So fällt insbeson<strong>de</strong>re<br />

nörd lich <strong>de</strong>r Baar ein Rückgang <strong><strong>de</strong>s</strong> Temperaturbereichs von 7 - 8 oe (grüngelb) zugunsten<br />

jährlichen Durch chnittstemperaturen von 6 - 7 oe (hellgrün) auf. [m Bereich <strong>de</strong>r Höhenlagen<br />

<strong>de</strong>r Südbaar <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Schwäbi schen Alb nimmt <strong>de</strong>r Ante il <strong><strong>de</strong>s</strong> kühleren Temperaturbereichs<br />

von 5 - 6 oe (grün) zu. Ähnliches läßt sich auch in <strong>de</strong>n Höhenlagen <strong><strong>de</strong>s</strong> Südschwarzwal<strong>de</strong><br />

<strong>und</strong> <strong>de</strong>m Bo<strong>de</strong>nseeraum beobachten.<br />

Eine genauere Analyse <strong><strong>de</strong>s</strong> jahreszeitlichen Temperaturverh altens gibt näheren Aufschluß<br />

über <strong>de</strong>n im dargestellten Raum im Jahresminel insgesamt zu beobachten<strong>de</strong>n leicht rückläufigen<br />

Trend <strong>de</strong>r Durchschnittstemperaturen. Hierzu wer<strong>de</strong>n da hydrologische Winrerhalbjahr<br />

( ovember - April) <strong>und</strong> das hydrologische Sommerhalbjahr (Mai - Oktober) <strong>für</strong> die be i<strong>de</strong>n<br />

Standardperio<strong>de</strong>n 193 I - 1960 <strong>und</strong> 196 1 - 1990 geson<strong>de</strong>rt dargeste llt. Di e Abb. 6a <strong>und</strong><br />

Abb. 6b zeigen die ent prechen<strong>de</strong>n Kanenausschnitte <strong>für</strong> da Winterhalbjahr. Daraus geht im<br />

Einflußbereich <strong><strong>de</strong>s</strong> ObelTheingraben eine leichte Temperaturzunahme hervor. Diese tritt vor<br />

allem im Umfeld <strong><strong>de</strong>s</strong> Hünerse<strong>de</strong>ls nordöstlich von Emmendingen <strong>und</strong> in e inigen Schwarzwaldtälern<br />

wie <strong>de</strong>m Elz- <strong>und</strong> Kinzigtal durch einen Übergang von <strong>de</strong>m he llblau markierten<br />

Temperaturbereich (2 - 3 0c) zum wärmeren dunkelgrünen Skalenbereich (3 - 4 Oe) in Erscheinung.<br />

In gesamt reicht die winterli che Temperaturspanne in <strong>de</strong>n tiefen Lagen <strong>de</strong><br />

Oberrheingrabens von 3 - 6 oe.<br />

[n <strong>de</strong>n Höhenlagen <strong><strong>de</strong>s</strong> Südschwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> lassen ich zwischen <strong>de</strong>n betrachteten Zeiträumen<br />

kaum thermische Unterschie<strong>de</strong> erkennen. In einigen Bereichen <strong>de</strong>utet sich a llenfalls eine geringfügige<br />

Abkühlung an, wie etwa im Gebiet um <strong>de</strong>n Belchen ( 14 14 m) südlich von Freiburg.<br />

Die Temperaturen elTeichenjeweils Wene zwi chen -2 oe <strong>und</strong> 0 oe. Wei ter nach Osten zeigt<br />

sich eine recht heterogene Temperaturentwicklung. So ist die östliche Schwarzwaldabdachung<br />

bi zur Baar zum Teil durch eine leichte Temperaturzunahme von einer Skaleneinheit gekennzeichnet.<br />

Mitunter sind die Verän<strong>de</strong>rungen jedoch sehr gering. Im Mittel weist <strong>de</strong>r Kat1enausschnitt<br />

<strong>für</strong> das hydrologische Winterhalbj ahr auf <strong>de</strong>r Baar <strong>für</strong> bei<strong>de</strong> Zeiträume Durchschnittstemperaturen<br />

zwischen 0 oe <strong>und</strong> 2 oe aus. Die Baaralb, die Hegaualb <strong>und</strong> die Höhenlagen<br />

<strong>de</strong>r Schwäbischen Alb zeigen in<strong><strong>de</strong>s</strong> in weiten Tei len ei nen recht <strong>de</strong>utlichen Temperaturrückgang,<br />

<strong>de</strong>r durch eine Zunahme <strong>de</strong>r dunkelbl au dargestellten Temperaturbereiche<br />

« I 0c) hervorgeht. Zwischen 1961 <strong>und</strong> 1990 betrug dort das wi nterliche Temperaturmittel<br />

zwischen - I oe <strong>und</strong> I oe.<br />

Bei einem Vergleich <strong>de</strong>r Durchschnittstemperaturen <strong><strong>de</strong>s</strong> hydrologischen Sommerhalbjahres<br />

<strong>de</strong>r bei<strong>de</strong>n Zeiträume 193 1 - 1960 <strong>und</strong> 1961 - 1990 in Abb. 7a <strong>und</strong> Abb. 7b lassen sich im<br />

Kanenau 'schnitt im wesentlichen ähnliche Trends erkennen wie im Winterhalbjahr. Die Regionen<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> ObelTheingraben sind auch im Sommerhalbjahr durch ei ne Temperaturzunahme


142<br />

Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur (1931 - 1960)<br />

hydrol. Winterhalbjahr<br />

Temperatur In ·C<br />

•<br />

•<br />

N<br />

> 10,0<br />

9,1 -10,0<br />

8,1 - 9,0<br />

7,1 - 8,0<br />

6.1 - 7,0<br />

5,1 - 6,0<br />

4,1 - 5,0<br />

3,1 - 4,0<br />

2,1 - 3,0<br />

1,1 - 2,0<br />

0.1 - 1.0<br />

- 0,9 - 0.0<br />

-1 ,9 - -1,0<br />

< -1 .9<br />

A<br />

20 km<br />

e_url Al •• ...,<strong>de</strong>, S .. gmulM!<br />

Abb. 6a: Durchschnittstemperaturen im hydrologischen Winlerhalbjahr (November - April) <strong><strong>de</strong>s</strong> Ze itraum<br />

193 1 - 1960 (Quelle: Eigener Eillwurf, De ulsche r Wenerdien t, Dalengr<strong>und</strong>lage: Deutscher<br />

Wetterdienst)<br />

Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur (1961 - 1990)<br />

hydrol. Winterhalbjahr<br />

Temperatur In ·C<br />

> 10,0<br />

9, 1 - 10,0<br />

8,1 - 9,0<br />

7,1 - 8,0<br />

• 6,1- 7 ,0<br />

• 5,1 - 6.0<br />

• 4 ,1- 5,0<br />

• 3,1 - 4,0<br />

• 2. 1- 3.0<br />

• 1,1 0. 1 -<br />

2.0<br />

1.0<br />

• - 0.9 - 0,0<br />

• -1,9- -1.0<br />

• 16 °C) nehmen <strong>de</strong>utlich<br />

zu , wie etwa im äußersten ordwesten <strong><strong>de</strong>s</strong> Au schnitts. Die Vorbergzone um <strong>de</strong>n Hünerse<strong>de</strong>l<br />

<strong>und</strong> die westlichen Ausläufer einiger Schwarzwald tä ler zeigen ebenfalls eine Erwärmung.<br />

Zwischen 196 1 <strong>und</strong> 1990 liegen die sommerlichen Durchschnittstemperaturen in <strong>de</strong>n tieferen<br />

L agen <strong><strong>de</strong>s</strong> Oberrheingrabens dabei durchweg über 14 oe.


143<br />

Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur (1931 - 1960)<br />

hydrol. Sommerhalbjahr<br />

Temperatur in ·C<br />

• >16,0<br />

• 15,1-16,0<br />

• 14,1 - 15,0<br />

• 13,1-14,0<br />

• 12,1-13,0<br />

11 ,1 - 12,0<br />

10,1 -11 ,0<br />

9,1 -10,0<br />

8,1 - 9,0<br />

• 7,1- 8,0<br />

• 6,1- 7,0<br />

• 5,1- 6,0<br />

4,1- 5,0<br />

• < 4,1<br />

N<br />

A<br />

----------<br />

20 km<br />

bb. 7a: Durchschnittstemperaturen im hydrologischen Sommerhalbjahr (Mai - Oktober) <strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraum<br />

193 1 - 1960 (Quelle: Eigener Entwurf, Deutscher Wetterdienst, Datengr<strong>und</strong>l age: Deutscher<br />

Wetterdienst)<br />

-, Mittleres Tagesmittel <strong>de</strong>r<br />

Lufttemperatur (1961 - 1990)<br />

hydrol. Sommerhalbjahr<br />

Temperalur in · C<br />

•<br />

•<br />

> 16,0<br />

15,1 -16,0<br />

14 .1 - 15,0<br />

13, 1 -14,0<br />

12,1 - 13,0<br />

11 ,1 - 12,0<br />

10,1 -11 ,0<br />

9,1 -10,0<br />

8, 1 - 9,0<br />

7,1 - 8,0<br />

6,1 - 7,0<br />

5,1 - 6,0<br />

4,1 - 5,0<br />

< 4,1<br />

N<br />

A<br />

----...-_----<br />

20 km<br />

bb. 7b: Durchschnirtstemperaturen im hydrologischen Sommerhalbjahr (Mai - Oktober) <strong><strong>de</strong>s</strong> Zeitraum<br />

1961 - 1990 (Quelle: Eigener Entwurf, Deutscher Wetterdienst, Datengr<strong>und</strong>lage: Deut eher<br />

Wetterdienst)<br />

In allen an<strong>de</strong>ren Regionen zeigt sich zwischen <strong>de</strong>n zwei Standardperio<strong>de</strong>n zumei st eine Abkühlungsten<strong>de</strong>nz.<br />

Diese ist vor allem in einigen Teilen <strong>de</strong>r Baar, <strong>de</strong>m Donau- <strong>und</strong> Neckartal<br />

owie im Bo<strong>de</strong>nseegebiet zu erkennen. So nimmt etwa im Bereich <strong>de</strong>r nördlichen Baar <strong>und</strong><br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> eckartales <strong>de</strong>r Anteil <strong><strong>de</strong>s</strong> kühleren Temperaturbereichs von 12 - 13 oe (orange) zu<br />

Lasten <strong><strong>de</strong>s</strong> Bereichs von 13 - 14 oe zu. Ähnliches gilt auch <strong>für</strong> das Donautal. Die höheren


144<br />

Lagen <strong>de</strong>r Süd- <strong>und</strong> Ostbaar sind zwi 'chen 193 I - 1960 <strong>und</strong> 1961 - 1990 durch eine Zunahme<br />

<strong>de</strong>r kühler temperi erten Bereiche von II - 12 oe (hellere orange) gekennzeichnet. Insgesamt<br />

erreicht da ' Temperatumiveau im hydrologischen Sommerhalbjahr im Zeitraum 1961 - 1990<br />

in <strong>de</strong>n Höhenlagen <strong><strong>de</strong>s</strong> Schwarzwal<strong><strong>de</strong>s</strong> etwa 8 - 10 oe <strong>und</strong> auf <strong>de</strong>r Baar zumeist zwischen<br />

II oe <strong>und</strong> 13 oe. [m Bo<strong>de</strong>nseegebiet wer<strong>de</strong>n im Millel bis zu 15 oe verzeichnet.<br />

D er zwischen <strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n Standardperio<strong>de</strong>n 193 I - 1960 <strong>und</strong> 1961 - 1990 im B ereich <strong>de</strong>r<br />

Baar <strong>und</strong> ihrer angrenzen<strong>de</strong>n Regionen im lahres mittel zu beobachten<strong>de</strong> leichte Temperaturrückgang<br />

ist <strong>de</strong>mnach vor allem auf Abkühlungsten<strong>de</strong>nzen während <strong>de</strong>r Monate Mai<br />

- Oktober (hydrologisches Sommerhalbjahr) zurückzuführen. Im hydrologischen Winterhalbjahr<br />

macht sich, wenn überhaupt, nur vereinze lt ein geringfügiger Rückgang <strong>de</strong>r Temperaturen<br />

bemerkbar. Insgesamt erreicht die negative Temperaturentw ick lung aber owohl<br />

im lahresmittel als auch in <strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n hydrologi chen Halbjahren max imal ein Ausmaß von<br />

I oe. In weiten Tei len lassen ich auf <strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong>lage <strong><strong>de</strong>s</strong> K artenausschnittes jedoch kaum<br />

Verän<strong>de</strong>rungen ausmachen.<br />

5. Z usammenfassung <strong>und</strong> Schlußfolgerungen<br />

Die Untersuchungen haben gezei gt, daß in <strong>de</strong>n vergangenen 100 bis 200 Jahren auf <strong>de</strong>r Baar<br />

ein zum Teil <strong>de</strong>utlicher Anstieg <strong>de</strong>r Durchschnittstemperaturen zu beobachten war, <strong>de</strong>r sich<br />

bei <strong>de</strong>n l ahresmitteln seit 188 1 auf etw a 1.0 - 1.5 oe beläuft. In <strong>de</strong>n Wintermonaten ist die<br />

ErwänTIung dabei in beson<strong>de</strong>re seit <strong>de</strong>m En<strong>de</strong> <strong>de</strong> vergangenen Jahrh<strong>und</strong>erts wesentlich stärker<br />

al im Sommer. Dennoch sind die I inea ren Trends an <strong>de</strong>n untersuchten Stationen Donaueschingen.<br />

Villingen <strong>und</strong> Klippeneck we<strong>de</strong>r im Jahresdurchschnitt noch in <strong>de</strong>n einzelnen Monaten<br />

statisti ch hinreichend abgesichert o<strong>de</strong>r wer<strong>de</strong>n durch Inhomogenitäten <strong>de</strong>r Meßreihen<br />

verstärkt (Vill ingen). Die Temperaturentwicklung auf <strong>de</strong>r Baar zeigt dabei zahlreiche Parallelen<br />

zu <strong>de</strong>n entsprechen<strong>de</strong>n Verän<strong>de</strong>rungen an an<strong>de</strong>ren <strong>de</strong>utschen <strong>und</strong> mitteleuropäi ehen Stationen.<br />

Dies ver<strong>de</strong>utlicht auch eine j ahreszeitlich differenzielte Gegenüberstellung <strong>de</strong>r überregionalen<br />

Temperaturvert eilung in Südwest<strong>de</strong>utschland <strong>für</strong> die Mittel <strong>de</strong>r Zeiträume 193 1 -<br />

1960 <strong>und</strong> 196 1 - 1990. Aus <strong>de</strong>n auf <strong>de</strong>r Bas is numerischer Klimamo<strong>de</strong>lle abgeleiteten Karten<br />

kommt dabei jedoch aufgnmd <strong>de</strong>r L änge <strong>und</strong> zeitl ichen Lage <strong>de</strong>r bei<strong>de</strong>n Beobachnmgsperio<strong>de</strong>n<br />

zumeist sogar eine leichte A bkühlung zwischen <strong>de</strong>n bei<strong>de</strong>n Zeiträumen hervor, die sich auch<br />

durch die entsprechen<strong>de</strong>n Mittelwerte <strong>und</strong> <strong>de</strong>n Verlauf <strong>de</strong>r Temperaturkurven an <strong>de</strong>r Station<br />

Donaueschingen nachvollziehen läßt.<br />

T rotz ihrer spezifischen klimatischen Gegebenheiten. die sich zum Teil erheblich von <strong>de</strong>r<br />

ihrer<br />

achbarreg ionen unterschei<strong>de</strong>n. lassen sich auf <strong>de</strong>r Bmu' damit in gesamt ähnliche Temperaturverän<strong>de</strong>rungen<br />

beobachten w ie in weiten Teilen Mineleuropas. So i t auch bei einer<br />

möglichen weiteren Verstärkung <strong><strong>de</strong>s</strong> anthropogenen Treibhauseffekts vor allem in <strong>de</strong>n Wintelmonaten<br />

mit einem weiteren Ansti eg <strong><strong>de</strong>s</strong> Temperatumiveaus zu rechnen - Folge einer tärke<br />

ren Westw indzirkulation <strong>und</strong> <strong>de</strong>r damit verb<strong>und</strong>enen größeren Zahl dynamischer Tiefdruckgebiete.<br />

Mit <strong>de</strong>n Tiefdruck w irbeln geht eine stärkere w interliche Zufuhr relativ mil<strong>de</strong>r<br />

atlantischer Luftmassen einher. Im Frühjahr <strong>und</strong> Sommer führt dieser Effekt hingegen durch<br />

die stärkere Erwtilmung <strong>de</strong>r L andmassen gegenüber <strong>de</strong>m M eer eher zu einem leichten Rückgang<br />

<strong>de</strong>r Temperaturen in Mineleuropa. Dabei ist nicht mit einem linearen Ablauf dieser<br />

Proze se im Sinne eine kontinuierlichen A nstiegs <strong>de</strong>r Durchschnittstemperaturen zu rechnen.<br />

Vielmehr ist eine zunehmen<strong>de</strong> M eridional isierung <strong>de</strong>r Wetterlagen zu erwarten, durch die<br />

außergewöhnlich warme <strong>und</strong> sehr kalte Witterungsphasen häufiger auftreten als bisher <strong>und</strong><br />

dadurch zu stärkeren Temperaturkontrasten führen (vgl. FRA:-IK E:-I BERG U. SIEGMU. D 1996,<br />

S. 35 ff.). A uch wenn die Intensität <strong>und</strong> Anzahl positiver Temperarturanomalien erwaJtungs-


145<br />

gemäß größer se in wird als die <strong>de</strong>r negativen, wird daher die starke Frostgefährdung, durch<br />

die insbeson<strong>de</strong>re die tiefer gelegenen Regionen <strong>de</strong>r Baar gekennzeichnet sind trotz einer<br />

allgemeinen Abschwächung <strong>de</strong>rthennischen Kontinentalität, auch in Zukunft erhalten bleiben.<br />

Schrifttum<br />

BAHRENBERG. G. , GIESE, E. , IPPER, J. (3 1990): Stati stische M eth o<strong>de</strong>n in <strong>de</strong>r Geographie. Bd. I ,<br />

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146<br />

Zur Situation <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs auf <strong>de</strong>r Baar<br />

von HelmutGehring<br />

Einleitung<br />

Der dramatische Bestandsrückgang beim Weißstorch hat sich abgeschwächt <strong>und</strong> ist in vielen<br />

L än<strong>de</strong>rn sogar in eine Bestandszunahme übergegangen. So lautet das Fazit <strong>de</strong>r "Internationalen<br />

Weißstorchtagung 1996" in Hamburg. Der Weltbrutbestand hat sich in <strong>de</strong>n letzten<br />

10 Jahren um 23% erhöht. In Westeuropa, hier vor allem in Spanien, hat ich die Zahl <strong>de</strong>r<br />

Brutpaare mehr als verdoppelt. Ein entschei<strong>de</strong>n<strong>de</strong>r Gr<strong>und</strong> hier<strong>für</strong> liegt wohl in <strong>de</strong>n westafrikanischen<br />

Winterqu artieren, wo Mitte <strong>de</strong>r 80er Jahre eine lange Dürreperio<strong>de</strong> zu En<strong>de</strong><br />

ging <strong>und</strong> ich die Bedingungen <strong>für</strong> die überwintelll<strong>de</strong>n Weißstörche <strong>de</strong>utlich verbessert haben.<br />

Auch in Osteuropa weisen die Zahlen auf eine Stabili ierung <strong>de</strong>r Be tandsentwicklung hin.<br />

Hier könnten die im Zusammenhang mit <strong>de</strong>n politischen Verhältnissen geän<strong>de</strong>rten landwirtschaftl<br />

ichen Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Die etwa 4300 Brutpaare in<br />

Deutschland 1996 wei en auf eine Erholung <strong>de</strong>r Weißstorchpopulation auch in Mitteleuropa<br />

hin (SCH LZ 1997, K AATZ 1997). Wie sieht es anges icht dieser positiven Trends mit <strong>de</strong>n<br />

Weißstörchen auf <strong>de</strong>r Baar aus?<br />

Bestandsentwicklung <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs in Ba<strong>de</strong>n-Württemberg <strong>und</strong> auf <strong>de</strong>r Baal'<br />

Um 1975 gab es in Ba<strong>de</strong>n-WÜf1temberg noch 15 Brutpaare <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs. Aber selbst zur<br />

Zeit die es niedrigsten Brutbestan<strong><strong>de</strong>s</strong> brütete regelmäß ig ein Storchenpaareffolgreich in Pfohren<br />

an <strong>de</strong>r Donau. Daß die ba<strong>de</strong>n-württembergische Weißstorchpopulati on damals nicht ganz<br />

zusammenbrach, ist woh l <strong>de</strong>m Zuzug von freigelassenen Zuchtstörchen aus chweizeri 'chen<br />

<strong>und</strong> elsässischen Gehegen zu verdanken. 1979 wur<strong>de</strong> auch in Ba<strong>de</strong>n-Wül1temberg ein Zucht<strong>und</strong><br />

Auswil<strong>de</strong>rungsprojekt zur Bestandstützung <strong>und</strong> Wie<strong>de</strong>ransied lung <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs ins<br />

Leben gerufen. Wohl <strong><strong>de</strong>s</strong>halb erholte sich ab Mitte <strong>de</strong>r 80er Jahre <strong>de</strong>r Weißstorchbestand<br />

kontinuierlich in Ba<strong>de</strong>n-WÜl1temberg. 10 Jahre später w irkte sich dies auch auf die Zah l <strong>de</strong>r<br />

brüten<strong>de</strong>n Störche auf <strong>de</strong>r Baar aus. 1996 brüteten Weißstörche in Pfohren (2 Paare),<br />

eudingen <strong>und</strong> A ldingen. Die Entwicklung <strong>de</strong>r Brutbestän<strong>de</strong> <strong>für</strong> Ba<strong>de</strong>n-Würnemberg <strong>und</strong><br />

die Baar zeigen die Abbi ldungen I <strong>und</strong> 2 (M AI-ILER U . W EI K 1994, ZINKE U . REICHELT 1976).<br />

Zusammen etzung <strong>de</strong>r Brutpopulation auf <strong>de</strong>r Baar<br />

Seit 1994 kon trollieren Mitarbeiter <strong><strong>de</strong>s</strong> aturschutzbun<strong><strong>de</strong>s</strong> Deutsc hland (hier vor allem HefT<br />

F. WIDYl Ai':N aus eudingen) die Beringung <strong>de</strong>r Störche auf <strong>de</strong>r Baar. Dies ermöglicht es. <strong>für</strong><br />

die letzten 4 Jahre Aussagen über die Herkunft <strong>de</strong>r Brutstörche <strong>und</strong> die Zusammensetzung<br />

<strong>de</strong>r Brutpopulation zu machen. Die Ergebnisse zeigt Tabelle I.<br />

Die als Projektstörche bezeichneten Störche entstammen Auswi l<strong>de</strong>rungsprojekten in <strong>de</strong>r<br />

Schweiz <strong>und</strong> in Ba<strong>de</strong>n-Würnemberg. Sie zeichnen sich u.a. dadurch aus, daß sie kein Zugverh<br />

alten mehr zeigen. Ihre Überwinterung in M itteleuropa ist nur durch die Zufütterung<br />

durch <strong>de</strong>n M enschen während <strong><strong>de</strong>s</strong> Winters möglich. Bei <strong>de</strong>n unberingten Störchen <strong>und</strong> <strong>de</strong>m<br />

Storch aus Ost<strong>de</strong>utsch land (Beringung durch die Vogelwarte Hid<strong>de</strong>nsee) han<strong>de</strong>lt es sich wohl<br />

um Wildstörche, die das <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Weißstorch typische Zugverhalten zeigen.<br />

ach diesen Ergebnissen ist anzunehmen, daß auf <strong>de</strong>r Baar <strong>de</strong>rzeit eine Mischpopulation aus<br />

Projektstörchen <strong>und</strong> Wildstörchen brütet, wobei bei<strong>de</strong> Gruppen etwa mit gleichem Anteil<br />

beteiligt sind. Es gibt zu r Zeit allerdings keinen Hinweis darauf. daß Angehörige einer süd<strong>de</strong>utschen<br />

Wildpopulation auf <strong>de</strong>r Baar brüten. Die Brutpopulation hier setzt sich aus Projektstörchen<br />

<strong>und</strong> "zugezogenen" Wildstörchen zu sammen.


147<br />

[n diesem Zusammenhang ist allerdings von großer Be<strong>de</strong>utung, daß auch die Jungen von<br />

Projektstörchen im Spätsommer ihre Brutheimat verlassen <strong>und</strong> offensichtlich "wegziehen".<br />

Für in <strong>de</strong>r Schweiz brüten<strong>de</strong> Projektstörche ist nachgewiesen, daß <strong>de</strong>ren Jungvögel über<br />

Frankreich nach Spanien fliegen <strong>und</strong> zumin<strong><strong>de</strong>s</strong>t zum Teil in Westafrika überwintern (SCHOOP<br />

u. PONZIO 1995). Ein ähnliches Zugverhalten kann wohl <strong>für</strong> die Jungstörche <strong>de</strong>r B aaremer<br />

Brutpopulation auch angenommen wer<strong>de</strong>n. Dies ist eine wichtige Vorau setzling <strong>für</strong> das<br />

Bestreben, in Süd<strong>de</strong>utsch land wie<strong>de</strong>r eine selbständig lebensfahige Weißstorchpopulation zu<br />

entwickeln.<br />

Tab. I: Beringung, Herku nFt <strong>und</strong> Verh altenstyp <strong>de</strong>r brüten<strong>de</strong>n Weißstörche im Bereich <strong>de</strong>r Baar.<br />

Ring <strong>de</strong>r Herkunft Verhaltenstyp<br />

Vogelwarte<br />

Jahr 1994<br />

PFoh ren alte Schule Hid<strong>de</strong>nsee, D Müritz, Ost<strong>de</strong>utschl and (W)<br />

J ahr 1995<br />

unberingt unbekannt (W)<br />

PFohren alte Schule Hid<strong>de</strong> nsee, D Müritz, Ost<strong>de</strong>utschland (W)<br />

Jahr 1996<br />

un beringt unbekannt (W)<br />

Pfohren alte Schul e Sempach, e H Oberwil , Schweiz (P)<br />

Radol fze ll , D Oberschwaben (P)<br />

PFohren Kirche Sempach, e H Brittnau, Schweiz (P)<br />

unberingt unbekannt (W)<br />

Neudingen RadolFzell , D Saulgau, Oberschwaben (P?)<br />

un beri ngt unbekannt (W)<br />

Aldingen unberingr unbekannt (W)<br />

unberingr unbekannt (W)<br />

Jahr 1997<br />

Pfohren Kirche Sempach, e H Briltnau. Schweiz (P)<br />

Sempach, e H Schweiz (P)<br />

eudingen Radolfzell , D Saulgau.Oberschwaben (P?)<br />

un beringl unbekannt (W)<br />

(W): Wildstorch . zeigt Zugverh alten<br />

(P): Projektstorch, überwintert<br />

Zum Bruterfolg<br />

L ei<strong>de</strong>r ist die erfreuliche Zunahme bei <strong>de</strong>r A nzahl brüten<strong>de</strong>r Storchenpaare nicht mit einer<br />

entsprechen<strong>de</strong>n Zunahme <strong>de</strong>r Zahl flügge wer<strong>de</strong>n<strong>de</strong>r Jungvögel verb<strong>und</strong>en. Abb. 3 <strong>und</strong> Tab. 2<br />

ze igen dies <strong>de</strong>utlich. Der durchschnittliche Bruterfolg von 0,9 flüggen Jungstörchen pro Brut<br />

während <strong>de</strong>r letzten sieben Jahre reicht wohl nicht aus f ür eine sich selbst reproduzieren<strong>de</strong><br />

Weißstorchpopulation, zumal die Werte <strong>für</strong> ganz Ba<strong>de</strong>n-Württem berg ähnlich sind.


148<br />

160<br />

140 I<br />

(I)<br />

....<br />

VI<br />

... 120<br />

0<br />

:I:<br />

... 100<br />

(I)<br />

....<br />

!j SO<br />

Q)<br />

VI<br />

Q)<br />

..0 60<br />

:c<br />

40<br />

co<br />

N<br />

c:<br />


14 9<br />

Tab. 2: Brutorte <strong>und</strong> Bruterfo lg <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs auf <strong>de</strong>r Baar se it 1990<br />

Jahr<br />

Anzahl n üggegewor<strong>de</strong>ner Jungstörche<br />

Pfohren Neudingen Aldingen<br />

Summe<br />

Durchschnitt<br />

1990<br />

1,0<br />

1991<br />

2<br />

2<br />

2,0<br />

1992<br />

4<br />

4<br />

4,0<br />

1993<br />

0<br />

0<br />

0<br />

1994<br />

2<br />

2<br />

2,0<br />

1995<br />

0 0 0<br />

0<br />

0<br />

1996<br />

o <strong>und</strong> 0 2 0<br />

2<br />

0,5<br />

1997<br />

0 2<br />

2<br />

1,0<br />

durchschninlicher Bruterfolg <strong>de</strong>r letzten 8 Jahre<br />

0,9 Jungstörche pro Brut<br />

0<br />

be<strong>de</strong>utet: keine Brut<br />

be<strong>de</strong>utet: keine flü gge jungvögel<br />

4 . ..<br />

, ,<br />

, ,<br />

3 ' - , - -- ---_a----\---.<br />

I-paare<br />

L~ . J ungvög~<br />

o<br />

, , , ,<br />

1990 ' 91 '92 '93 '94 ' 95 '96 ' 97<br />

Jahr<br />

Abb. 3: Zahl <strong>de</strong>r Brutpaare <strong>und</strong> Jungstörche 1990 - 1997


150<br />

Abb.4: 1996 sie<strong>de</strong>lte sich zusätzlich zum Paar auf <strong>de</strong>r alten Schule cin neues SlOrchpaar in Pfohren<br />

ei n. Es balile sein Nest selbst auf <strong>de</strong>m PFohrcncr Kirchturnl .<br />

Abb. 5: Überwintern<strong>de</strong> Störche bei Pfohren: durch Zuflillerung mit Eintagsküken können Störche auch<br />

bei uns überwintern. Februar 1996.


151<br />

A bb. 6: Die Vogelwarte Sempach (Schwe iz) beringt die Störche "oben" , die Vogelwarte Radolfzell<br />

"unten" .<br />

A bb. 7: Vier flügge Jungstörche in einem Horst gab es auf <strong>de</strong>r Baar zum letzten M al 1992.


15 2<br />

Abb. 8: Das eudinger Storchen paar mit seinen bei<strong>de</strong>n flügge gewor<strong>de</strong>nen Jungen 1996.<br />

Abb. 9: Weißstorch bei <strong>de</strong>r ahrungssliche. Es ist mittlerweile schw ierig <strong>für</strong> ihn, genügend N ahrung<br />

<strong>für</strong> seine Jungen zu fin<strong>de</strong>n. eudingen 1996.


15 3<br />

Folgerung <strong>und</strong> Ausblick<br />

Es gilt festzuhalten, daß in Ba<strong>de</strong>n- Württemberg <strong>und</strong> auf <strong>de</strong>r Baar die Zahl <strong>de</strong>r brüten<strong>de</strong>n<br />

Störche etwa die Größe <strong>de</strong>r 50er Jahre wie<strong>de</strong>r elTeicht hat. Di e Zahlen zu Beginn un eres<br />

Jahrh<strong>und</strong>erts lagen allerding <strong>de</strong>utlich höher. Die <strong>de</strong>rzeit fe tzustellen<strong>de</strong> Be tandszunahme<br />

ist bei uns wohl auf Erfolge <strong>de</strong>r Aufz uchts- <strong>und</strong> Wie<strong>de</strong>ransiedlungsprojekte <strong>und</strong> die Zuwan<strong>de</strong>rung<br />

aus benachbarten Län<strong>de</strong>rn zurückzuführen, <strong>de</strong>nn <strong>de</strong>r <strong>für</strong> eine selbständige Erhaltung<br />

<strong><strong>de</strong>s</strong> Bestan<strong><strong>de</strong>s</strong> elfor<strong>de</strong>rliche Bruterfolg von etwa 2 Jungen pro Brut wird lei<strong>de</strong>r noch nicht<br />

elTeicht. Maßnahmen zur Sicherung <strong>de</strong> Weißstorchbestan<strong><strong>de</strong>s</strong> bei uns müssen also vor allem<br />

darauf abzielen, <strong>de</strong>n Bruterfolg zu erhöhen. Hier ist sicher von Be<strong>de</strong>utung, daß ein unzureichen<strong><strong>de</strong>s</strong><br />

Nahrungsangebot zu Problemen bei <strong>de</strong>r Jungenaufzucht führen kann. Wie<strong>de</strong>rholt<br />

starben Jungstörche bei uns aufgr<strong>und</strong> von ahrungsmangel schon im Horst. Die Erhaltung<br />

<strong>und</strong> Schaffung von kleintierreichen Feuchtwiesen auf <strong>de</strong>r Baar, hier vor allem im Bereich <strong>de</strong>r<br />

Riedbaar, <strong>und</strong> an<strong>de</strong>re Maßnahmen, wie z. B. die Anlage von Kleingewässern , wären also ein<br />

wichti ger Beitrag zur Erhaltung <strong><strong>de</strong>s</strong> Weißstorchs als Brutvogel auf <strong>de</strong>r Baar. Di e bereits<br />

eingeleiteten Exten ivierungsprojekte bei <strong>de</strong>r landwirtschaftlichen utzung mit ent prechen<strong>de</strong>r<br />

Entschädi gung <strong>de</strong>r betroffenen Land wirte sind hier sicher <strong>de</strong>r ri chtige Weg, <strong>de</strong>nn die<br />

Bewirtschaftungsfol1l1 <strong>de</strong>r Wiesen <strong>de</strong>r Baar ist maßgeblich <strong>für</strong> di e biologische Vielfalt <strong>und</strong><br />

damit auch fi.ir das ahrungsangebot <strong>für</strong> <strong>de</strong>n Wei ßstorch.<br />

Schrifttum<br />

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<strong>de</strong>r Baar, 3 1, S. 15-52.


154<br />

Die Abdrücke von Heilpflanzen<br />

auf <strong>de</strong>r Trossinger Glocke von 1650<br />

von M anfred Warth<br />

Wird <strong>de</strong>r Glocke die M acht <strong><strong>de</strong>s</strong> Buchstabens<br />

mitgeteilt, so kann ihr auch die Heilkraft<br />

<strong>de</strong>r PO anze mitgeteilt wer<strong>de</strong>n. in <strong>de</strong>m eier<br />

Abdruck ihres Blalles mitge