aude sapere - Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie

aekh.at

aude sapere - Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie

Beiträge zur klassischen Homöopathie

Jahrgang: 16 | Ausgabe: 1 | Juni 2012

aude

sapere

Editorial

Dr. Klaus Payrhuber ................................................... 2

Schlaflos in Linz

Dr. Klaus Payrhuber ................................................... 3

Fragmente zur Gabenund

Potenzwahl

Dr. Klaus Payrhuber ................................................... 4

Schmwerzen als ein Versuch

den Schmerz zu ertragen

Dr. Klaus Payrhuber.................................................... 6

Quiz 1.2012

Dr. Klaus Payrhuber ................................................... 8

Die Darmnosoden (Teil2)

Dr. Bernhard Zauner ................................................ 10

Pfefferminze, Kaffee & Co –

schuldig oder unschuldig?

Dr. Bernhard Zauner ................................................ 16

Buchbesprechung

Dr. Bernhard Zauner ................................................ 24

Termine ................................................................. 27

Autoren | Impressum ....................................... 28

Foto: Wikimedia Comons

Cistus canadensis


Editorial | Praxis

Was ist Wahrheit?

Dr. Klaus Payrhuber

Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Internetpamphlet

gegen Aberglauben und Unwissenschaftlichkeit

in der Medizin, in dem ich als ÄKH-Repräsentant

zitiert wurde. Das Finale furioso des Artikels war,

wir Homöopathen würden meinen, die Naturgesetze

gälten für uns nicht. Wir glaubten also, dass

wir außerhalb der Naturgesetze, denken, arbeiten

und lehren können!

In Zeiten wie diesen ein unverzeihlicher Tabubruch, ein

Frevel, der nur die Verbannung auf die Insel der geistig

Aussätzigen nach sich ziehen darf? Oder aber hat sich,

im Kampfgetümmel unbemerkt, bei der Verwendung

des Begriffes Naturgesetz ein Irrtum eingeschlichen?

Denn wer stellt Gesetze auf in der Natur? Steigt der

regierende Waldgeist herab und verkündet die Photosynthese?

Oder kann der menschliche Geist für die

Natur Gesetze erlassen?

Naturgesetze werden vom Menschen gesetzt, sind vorläufige

Theorien, die auf die Natur projiziert werden.

Was macht also die Gesetzlichkeit von Naturvorgängen

aus? Schlicht und einfach, sie müssen messbar und experimentell

wiederholbar und überprüfbar sein, also in

einem bestimmten Rahmen funktionieren.

Ist es nicht vielmehr so, dass die Wahrheit experimentell

überprüfbarer Aussagen von der technischen Reproduzierbarkeit

der Experimentierumstände abhängt? Experimentelle

Wahrheit ist ein technisches Know-how und

wird in naturgesetzlichen Sätzen formuliert.

Foto: isignstock

Dementsprechend ist die Wahrheit von Naturgesetzen

die Wahrheit eines technischen Know-hows. Der große

Irrglaube ist die Annahme, Naturgesetze bestünden

menschenunabhängig, würden als Naturgegenstände

entdeckt und könnten nicht wahr oder falsch sein.

Der Philosoph Peter Janich formulierte das so: „Kein

Naturvorgang wird von einem Naturwissenschaftler in

einen wahren Satz und damit in ein Naturgesetz gebracht,

wenn nicht über das technische Know-how

seiner technisch kontrollierten Simulation.“ Er führt das

Beispiel des Stoffwechsels einer vom Menschen unbehelligten

Pflanze an. Deren Naturgesetze können

nur soweit bekannt sein, wie der Mensch in den technischen

Versuchen seiner Laborchemie die gleiche Vorgänge

erkennt wie in der zum Festellen dieser Gleichheit

durchaus zu behelligenden Pflanze.

Aus dem Gesagten folgt, dass Naturgesetze einem vorläufigen

Wissen und vorläufigen technischer Möglichkeiten

entsprechen, keineswegs aber in der Natur als

ewige Wahrheiten vorgefunden werden. In der Natur

gibt es zum jetzigen Zeitpunkt unzählige Vorgänge, die

weder erkannt noch experimentell reproduzierbar sind.

So bleibt es ein einfältiger Trugschluss nicht mit „Naturgesetzen“

erklärbar und irrational gleichzusetzen.

Und es stellt sich die Frage, ob es die „reine“, vom Menschen

unabhängige Wahrheit gibt, oder ob es nicht immer

in irgendeiner Form um gemeinschaftliche Lebensbewältigung

und entsprechende Handlungen geht.

Leider kann mir der vermeintliche Hüter der Wissenschaft

nicht antworten. Es kommen keine Gegenargumente.

Das Geschriebene schafft eine künstliche

Autorität. So ist es, basta! Die heilsame Unmittelbarkeit

des Weiterfragens, der Meinungsverschiedenheit

und der Berichtigung fehlen! Nur ein Austausch „viva

voce“ könnte zu einer fruchtbaren Polemik oder zu einer

Übereinstimmung führen. Das ist auch einer der

Gründe, weswegen Plato das geschriebene Wort ablehnte.

Im Widerspruch dazu schrieb er die umfangreichen

und großartigen sokratische Dialoge.

Und für die Zeitung: trauen Sie keinem publizierten

Fall, erheben Sie Einspruch, wenn etwas fragwürdig erscheint,

dann fragen Sie und vertrauen sie keinen großzügigen

Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen!

2


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Schlaflos in Linz

nur um Renditen und die Art seiner Kollegen hält er

schwer aus. Er schildert sich als sehr sensibel und leicht

verletzbar.

Herr S. fühlt sich unsicher in der Arbeit, es kommen

schnell Selbstzweifel. Er leidet unter Höhenangst. Sein

Studium und seine Prüfungen machte er perfekt, dennoch

glaubt er, dass ihm der letzte Ehrgeiz fehlt. Die

Stimmung ist konstant leicht depressiv. Das Verhältnis

zu seinen Eltern ist seit 20 Jahren sehr schlecht. Diese

lehnten seine Frau und jetzt seine Lebensgefährtin ab,

sein Lebensstil passe ihnen nicht.

Ein 42-jähriger Mann, Herr G. S., kommt mit einer

jahrelangen Schlafstörung, die sowohl das Ein- als

auch das Durchschlafen betrifft. Abends liegt er

stundenlang wach, nachts erwacht er zwischen

zwei und drei Uhr und findet kaum noch Schlaf danach.

Daher sind Konzentration und Gedächtnis erheblich

eingeschränkt. Das Denken fällt ihm schwer,

er ist meist nervös erregt und lärmempfindlich.

Herr S. erzählt spontan nur ein körperliches Problem,

das ihn sehr stört: Beim Schifahren wird ihm nach längerer

Zeit übel, extrem übel, besonders bei Schlechtwetter.

Das Auf und Ab am Rummelplatz verträgt er

nicht, es wird ihm schlecht. Schaukeln löst Übelkeit aus.

Wenn er einen Kaugummi für Reisekrankheit beim

Schifahren nimmt, geht es besser.

Herr S. bekommt leicht Pusteln am Kinn und Hals beim

Rasieren, die lange nicht verheilen.

Es wird ihm schnell warm. Bei Unsicherheit und Aufregung

schwitzt er leicht, auf der Oberlippe und unter

den Achseln.

Der Patient beschreibt sich als ruhiger Einzelgänger, der

im Kontakt abwartend ist. Er neigt zum Schlucken und

wird kaum zornig. Er arbeitet im Vermögensmanagement

einer Bank und ist dabei nicht glücklich. Es geht

Für die homöopathische Ähnlichkeitsbeziehung sticht

die Verschlimmerung durch die Abwärtsbewegung einzig

hervor. Wir wissen auch, dass das Natriumsalz Borax

sehr sensibel auf Lärm und geistig schnell erschöpft

ist, aber das sind viele Mittel. Bor gehört wie Alumina

in die dritte Gruppe des Periodensystems und hat eine

Beziehung zum ZNS wie letzteres, allerdings eigentümlich

in seiner Art, was Koordination und Schwindel betrifft.

Borax in der Q 8, drei Tropfen täglich, gefolgt von Q 10,

beseitigten die Schlafprobleme nachhaltig, eine weitere

Arzneigabe oder Steigerung der Potenz war in den

letzten beiden Jahren nicht nötig.

Dr. Klaus Payrhuber

3


Praxis

Fragmente zur Gaben- und

Potenzwahl

Heftige Schmerzen und schwere entzündliche Prozesse

benötigen ebenso heftige arzneiliche Reize.

Ebenso massive organische Veränderungen.

Gerade bei akuten Schüben schwerer chronischer

Krankheiten gibt es oft die Lehrmeinung, man solle

vorsichtig und sparsam mit hohen Potenzen umgehen.

Dieses Vorgehen führt oft zur Notwendigkeit allopathischen

Eingreifens und zur Einlieferung ins Krankenhaus.

Im November 2011 kommt ein 56-jähriger Mann wegen

eines akuten Schubes seiner Colitis ulcerosa. Diese

ist seit 1996 bekannt. Der Patient erlebte viele Komplikationen:

eine Pankreatitis nach Salofalk, eine Sepsis

vom Cava-Katheter, recid. Venenthrombosen, denen

eine Pulmonalembolie folgte. Um 1996 stabil zu werden,

benötigte er Imurek und Sandimmun gleichzeitig.

Die homöopathische Behandlung hielt ihn immer wieder

über Jahre im Gleichgewicht und frei von anderen

Medikamenten. Seine Aktivität war immer groß und

umschloss viele Bereiche: Beruf, Politik als Gemeinderat

und Parteivorsitzender, Tätigkeiten

in verschiedenen Vereinen

und Organisationen, kurz

im Sinn von Perikles kein

„idiotes“, sondern ein Mann

der „polis“.

Im Juni 2010 war eine akute

Symptomatik mit Übelkeit,

Durchfällen und Erbrechen,

Schüttelfrost und Fieber über

39° aufgetreten. Diese Fieberschübe

stellten sich jeden dritten

Tag ein und waren von

Nacken- und Kopfweh begleitet.

Er wurde ins Krankenhaus

eingeliefert und erhielt Cortison

hoch dosiert, Anaerobex, dann

Remicade-Infusionen und reagierte nur sehr langsam

auf die Behandlung. Nach der Entlassung kam er zu

mir, und ich verschrieb ihm Sulfur als Q-Potenz, im Februar

2010 auf gleiche Weise Lycopodium. Daraufhin

ging es ihm eineinhalb Jahre sehr gut.

Nun kommt er am 17.11.2011. Eine Woche davor war

er bei einer Routine-Colonoskopie, bei der Vorbereitung

traten blutige Stühle auf. Der Befund – er zeigte

mir die Fotos – ergab eine floride Entzündung im Colon

transversum, eine massiv gerötete Schleimhaut mit

ausgedehnten Blutungen.

Seit einer Woche plagen ihn häufige – 15 bis 20x pro

Tag, und davon 4 bis 5x nachts – Durchfälle, die übelriechend

sind und bräunlich schaumig und wässrig aussehen.

Er hat seither sechs kg abgenommen. Der Patient

spürt eine “wahnsinnige“ Kälte in sich, die kommt

von innen. Nachts muss er sich dick anziehen. Abends

steigt das Fieber über 39°. Erleidet unter dumpfen

Kopfschmerzen auf der Stirn, über den Augen, der

Kopf ist benommen, wie im Nebel. Gestern fühlte er

eine Enge in der Brust und hatte bei geringer Anstrengung

zu wenig Luft. Im Bauch verspürt er ein Wund-

4


Beiträge zur klassischen Homöopathie

heitsgefühl. Der Mundgeschmack ist schlecht. Er hat

keinen Durst, wenn er trinkt, will nur warme Getränke.

Die Zunge ist weißgelb belegt. Zwei Wochen davor war

ihm ein Weisheitszahn gezogen worden, danach hatte

er Antibiotika eingenommen.

Herr H. S. will auf keinen Fall ins Krankenhaus, das

letzte Mal hätte er es dort „fast nicht mehr geschafft“.

Ich gebe Herrn H. Arsenicum album 1 M, 5 Globuli

gleich, je 5 für den nächsten und den übernächsten

Tag und Reserveglobuli, falls nötig. Nach drei Tagen

berichtet er, dass es ihm viel besser gehe, mit jeder

Gabe wurde es besser. Das Fieber verschwand, die

Durchfälle gingen zurück und die Schwäche wich zusehends.

Ich ließ ihn am sechsten Tag noch eine Gabe

einnehmen, als die Durchfälle, die bereits aufgehört

hatten, wieder einsetzten. Das nächste Mal sah ich

den Patienten, als er mich im Februar 2012 wegen

eines Hustens aufsuchte.

Pulsatilla 1M und als zweite Wahl Belladonna 1M

mit nach Hause. Der Schmerz klingt etwas ab, kommt

nächsten Tag wieder, sie nimmt Schmerzmittel dazu,

sie versucht Belladonna ohne Wirkung, sie sucht den

HNO-Arzt auf und erhält einen Streifen und Schmerzmittel.

Es dauert mehrere Wochen bis die Entzündung

abklingt.

Im April steht sie mit beinahe dem gleichen Problem

in meiner Ordination. Seit vier Tagen pocht und drückt

das linke Ohr, es ist heiß und geschwollen. Sie war

bereits bei einer HNO-Ärztin, die kleine Abszesse im

Gehörgang feststellte. Den Diprogenterstreifen hat die

Patientin heute entfernt, weil sie ihn nicht mehr aushielt.

Frau B. S. erhält Pulsatilla 1M je fünf Globuli

an drei hintereinander folgenden Tagen. Die Schmerzen

klingen nach der ersten Gabe etwas ab, nach der

zweiten vermindern sie sich deutlich, nach drei Tagen

ist sie schmerzfrei und benötigte kein Schmerzmittel.

Eine andere Möglichkeit wäre

vom Patienten täglich, am besten

mehrmals, eine Rückmeldung

über den Verlauf abzuwarten

und dementsprechend

die Arznei zu wiederholen.

Das würde vor allem in der

eigenen Klinik funktionieren.

Im Falle ausbleibender Besserung

sollte man bei derartigen

Krisen natürlich immer

erreichbar sein.

––––––––––––––––––––––––––––––––––

Eine 54-jährige Frau ist seit 16 Jahren meine Patientin.

Sie kam damals wegen Asthma bronchiale

und Ekzemen. Am 19.1.12 berichtet sie über heftige

Ohrenschmerzen rechts seit zwei Tagen. Sie

hätte sich in den Ohren viel gekratzt, weil es in

beiden Gehörgängen gejuckt hätte.

Es sticht und pulsiert. Das Ohr ist heiß und „bamstig“.

Der Meatus ist völlig zugeschwollen, man darf mit dem

Otoskop kaum ankommen. Die Patientin hätte zuletzt

extrem heiße Füße gehabt und sich auf den kalten Fließen

gekühlt. Der Schmerz ist unerträglich. Ich gebe

Was ich sagen will, ist, dass ich beobachtet habe, heftige

Krankheitsverläufe brauchen viel arzneiliche Energie.

Zögern kann vom richtigen Mittel weg und hin

zum homöopathischen Scheitern führen.

Wobei jede regelhafte zeitliche Festsetzung der Wirkungsdauer

einer bestimmten Arzneigabe in bestimmter

Potenz absurd ist. Sobald die Wirkung nachlässt,

muss wiederholt werden. Bei hochakuten Störungen

kann eine häufige Wiederholung hoher Potenzen notwendig

sein, das Gleiche gilt für schwere Pathologien

und für progredient verlaufende entzündliche Prozesse.

Darüber an anderer Stelle.

Dr. Klaus Payrhuber

5


Praxis

Schmerzen als ein Versuch

den Schmerz zu ertragen

Frau I. A., 49 Jahre alt, kommt wegen chronischer

Schmerzen im Gesicht zu mir. 2008 erkrankte sie

an einer Sinusitis und man empfahl ihr eine Operation

der Nebenhöhlen. Seit zwei Jahren sind die

Schmerzen deutlich schlimmer. Es handelt sich um

ziehende Schmerzen im Ober- und Unterkieferbereich,

die median zum Hals und zu den Ohren

ausstrahlen. Wiederholt erhielt sie Antibiotika. Vor

einem halben Jahr zeigte eine MRT der Nebenhöhlen

allerdings nur minimale Veränderungen. Als Nebenbefund

beschriebene, vereinzelte, kleine whitematter

lesions supratentoriell stufte die Neurologin

als unbedeutend und nicht sicher pathognomisch

ein. Vor zwei Monaten traten drückende Schmerzen

beidseits maxillar auf. Deswegen erhielt sie

erneut ein Antibiotikum. Schnupfen hat sie nur selten,

sie macht aber täglich eine Nasenspülung. Sie

hat auch das Gefühl, sie müsse täglich Schleim, der

vom Nasenrachenraum kommt, wegschlucken, was

kaum gelingt. Kopfweh frontal und occipital begleitet

öfter den Gesichtsschmerz. Das Kopfweh ist in

geschlossenen Räumen stärker. Seit einem Monat

haben sich die Symptome deutlich verstärkt. Frau I.

nimmt täglich mehrmals Mexalen und Harmomed.

Sie meint die Entzündungen und Schmerzen wären

durch die Klimaanlage an ihrem Arbeitsplatz ausgelöst

worden und nach dem letzten Infekt hätte

man ihr einen Operationstermin angeboten.

Vor zwei Jahren wurde ihr Sohn als Fußgänger von

einem Auto niedergestoßen und tödlich verletzt. Vor

acht Jahren kam sie dazu, als ein Mann sich auf der

Schipiste tödlich verletzte und vor 20 Jahren holte sie

die Polizei nachdem sie verdächtige Geräusche gehört

hatte. Die Polizisten fanden ihre Nachbarin ermordet

vor. Immer wieder und immer dramatischer war sie mit

dem Tod in Berührung gekommen. Bis vor fünf Jahren

litt sie an Panikattacken und anorektischen Beschwerden,

wobei ihr nur chinesische Medizin half. Die Ursache

sieht sie in Schwierigkeiten mit den Schwiegerel-

tern und ihrer Zerrissenheit zwischen einem Bürojob

und der Mitarbeit im Betrieb der Gattenfamilie.

Die Patientin friert leicht und hat abends im Bett kalte

Füße. Bei Zug und Wind muss der Kopf bedeckt sein.

Phasenweise kommen Hitzewallungen nachts mit

Schwitzen im Brustbereich. Das Verlangen nach süßen

Dingen ist stark. Der Hals soll frei sein. Viele Monate

hatte sie ein Knödelgefühl im Hals. Sonne verträgt sie

wenig, sonst bekommt sie Kopfschmerzen.

Ein rheumatische Fieber mit Myocarditis war die hervorstechende

Krankheit ihrer Kindheit. Bei Aufregung

treten leicht Durchfälle auf.

Gesellschaft meidet sie und wenn Gesellschaft, dann

dürfen es nur wenige Menschen sein. Im Kontakt ist

sie abwartend und sie schluckt alles und will es jedem

recht machen. Sie litt immer unter großem Lampenfieber.

Sie ist ein mitfühlender Mensch, der zum Grübeln

neigt. Ordnung und Perfektion sind ihr sehr wichtig.

Den Tod ihres Sohnes kann sie nicht annehmen, will sie

nicht annehmen. Es tut so weh und sie spürt das auch

beim Herz. Sie weint.

Nicht, dass dieser unbeherrschbare Schmerz, dessen

Feuer unvermindert lodert, dieses Nichtannehmenkönnen

der Realität, Ignatia groß vor unserem geistigen

Auge aufleuchten lässt, ist beeindruckend und auffallend,

nein, es ist diese völlige Entkoppelung der körperlichen

Schmerzen vom seelischen Leiden. Der Gesichtsschmerz

als Sprachrohr der Seele. Und wie viele Kollegen

diesen Aufschrei nicht hörten!

Ignatia 10 M, 5 Globuli machen die Patientin bereits

am nächsten Tag schmerzfrei für sieben Wochen – bis

zu einer Gerichtsverhandlung mit dem Todeslenker,

die eine Wiederholung der Arznei erfordert – und sie

beginnt in die Realität zurückzukehren, sieht und erlebt

auch wieder die positiven Dinge des Lebens. Sie

kann beginnen ihren seelischen Trümmerhaufen aufzuräumen.

Die Arznei greift ein als jenes unsichtbare

Schwert, das die Ankettung an den fruchtlosen Kummer

durchschlägt und aus dem Stillstand befreit, unvergleichlich

sanft und schnell.

6


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Wir sehen, dass neuralgische Schmerzen im Trigeminusbereich

(entlang des Nerven – eine Rubrik von

Hoyes) Ignatia bestätigen, aber bei den Lokal- und

sonstigen Allgemeinsymptomen Ignatia nur an 20.

Stelle auftaucht. Der seelische Zustand spricht aber

eindeutig für diese Arznei. Völlig unbewusst führte

die Patientin sich selbst und ihre Ärzte auf falsche Spuren,

deren Verfolgung ihren Zustand nur prolongieren

konnten. Da nützte auch kein Harmomed, geschweige

denn hätte eine Operation geholfen. In solchen Situationen

ist die Homöopathie der überlegene Zugang.

Dr. Klaus Payrhuber

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Quiz

Das Quiz 1 - 2012

Frau E. R. leidet seit Monaten unter Halsschmerzen.

Gleichzeitig besteht ein chronischer Katarrh mit retronasalem

Sekret. Seither ist sie körperlich wenig belastbar.

Im Hals verspürt sie ein ständiges Kältegefühl.

Kalte Luft einzuatmen verschlimmert sofort, die Luft

muss warm sein. Es darf nichts Kaltes in den Mund

kommen, das betrifft die Atemluft, Essen und Getränke.

Das war im September 2008. Im Jänner 2006

hatte ich sie zum ersten Mal gesehen, damals half ihr

Sepia C 200 gegen Haarausfall und Kopfschmerzen.

Nach x hörte ich lange nichts von ihr. Im Februar 2012

kam sie mit heftigen Schmerzen im Gesicht, die sie auf

eine Sinusitis zurückführte. Seit zwei Wochen besteht

ein Schnupfen, der im Freien beim Schifahren immer

besser war. Seit vier Tagen leidet sie unter drückenden

Schmerzen über den Augen, die sich dann ins Gesicht

und zu den Oberkiefern ausdehnten. Seit gestern sticht

und drückt das ganze Gesicht, besonders die Oberkiefer.

Bücken ist unmöglich. Ihr Rotlichtversuch machte

es noch schlimmer. Die Wärme im Zimmer tut ihr nicht

gut und kühle Luft ist sehr angenehm. Das Sekret ist

dickgelb und kommt nur vorne. Ich verabreiche y 10M.

Einfaches Repertorisieren müsste x und y auflösen.

Wer die Arznei x oder/und y zuerst an unser

Sekretariat mailt, erhält einen Buchgutschein

im Wert von 60 Euro.

Dr. Klaus Payrhuber

Foto: isignstock

Die Lösungen vom letzten Mal

Quiz 1, der Insektenstich

Die richtige Arznei ist Bufo. Der Patient erhielt 5 Globuli

einer 10 M, welche die Rötung innerhalb weniger

Tage verschwinden lässt. Durch Repertorisieren ist diese

Problemstellung kaum zu lösen. Hier ist es wichtig die

Eigentümlichkeiten und die Dynamik der Arznei aus der

Materia medica zu kennen. An die Kröte, Bufo rana,

ist als erstes Mittel zu denken bei Lymphangitis, gleichgültig,

ob sie von einer Verletzung, einem Insektenstich

oder einer Nagelbettentzündung ausgeht, wenn sonst

keine charakteristischen Symptome vorliegen.

8


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Quiz 2, die Krampfanfälle

Bei der Repertorisation erscheinen Belladonna und

Nux-vomica prominent. Auch die getrennte Darstellung

der psychischen Symptome unten weist auf diese

beiden Mittel hin. Es gibt gute Gründe eine dieser beiden

Arzneien zu verschreiben. Dass Belladonna bei

Krampfanfällen von Kleinkindern viel eher angezeigt ist

und das prompte Auffiebern und die Verschlimmerng

der Anfälle nach der Impfung, sprechen mehr für Belladonna.

Nach zwei Gaben der Arznei kamen keine Anfälle

mehr.

Dr. Klaus Payrhuber

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Materia medica

Die Darmnosoden (Teil 2)

In diesem zweiten Teil soll auf die praktische Verwendung

der Darmnosoden hingewiesen werden.

Die Indikationen für die Darmnosoden sind nach

P. Sankaran 2 :

Randeria 1 schreibt, dass man aufgrund von Patientensymptomen

bis zu einem gewissen Maß die Art der

pathogenen Keime vorhersagen kann.

Bei Patienten mit ungewöhnlichen Ängsten, wie z. B.

vor Feuer, Höhe, Menschenmengen oder Verkehr

findet man fast immer Bacillus Gärtner. Stark angespannte,

sehr reizbare oder nervöse Personen mit

einem ängstlichen Gesichtsausdruck und oft starrem

Blick haben oft einen Bazillus der Proteusgruppe und

solche, die schnell Blutergüsse und Blutungen haben

und unter Angst und Vorahnungen leiden, haben im

allgemeinen einen Keim vom Typ Dysenterie.

1. Bei Symptomenähnlichkeit zwischen Patientenund

Nosodenbild.

2. Falls das offensichtlich indizierte Mittel versagt. In

diesem Fall kann die korrespondierende Nosode

verschrieben werden, z. B. Morgan (Bach) bei

Sulfur, Gärtner bei Phosphor. Für die korrespondierende

Nosode für ein jedes Mittel gibt es genaue

Auflistungen, welche noch aufgeführt werden.

3. Falls mehrere Nosoden indiziert erscheinen, keine

jedoch klar und deutlich, kann eine Nosode gewählt

werden, die zur Mehrzahl dieser Mittel paßt.

Wenn z. B. ein Patient Symptome von Sulf, Calc,

Nat-c, Sep und Nat-m zeigt, können wir ihm Morgan

(Bach) verordnen.

4. In Fällen, in denen mehrere Mittel halfen, keines jedoch

heilen konnte, können wir die Nosoden wählen,

die zur Mehrzahl der Mittel eine Beziehung

steht, auf die der Patient gut ansprach. Reagiert

der Patient beispielsweise gut auf Anac, Arg-n, Ars,

Kalm, dann kann Dysenterie-co gegeben werden.

Diese Anleitung unterscheidet sich eigentlich nicht zu

der Verwendung der klassischen Nosoden in der Homöopathie.

In der Literatur finden sich verschiedene Angaben zu

den Vergleichsmitteln.

Hier sollen einige Darmnosoden und ihre Vergleichsmittel

anhand dreier Autoren 3 verglichen werden. Die

Liste soll auch dazu dienen, die Darmnosoden nach

den Anwendungsrichtlinien P. Sankarans in der Praxis

zu verwenden:

10


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Morgan pure:

Sankaran Mettler Saxton

Alumina Alumina Alumina

Barium carbonicum Barium carbonicum Antimonium crudum

Calcium carbonicum Calcium carbonicum Barium carbonicum

Calcium sulfuricum Calcium sulfuricum Calcium carbonicum

Carbo vegetabilis Carbo vegetabilis Calcium fluoricum

Digitalis Carboneum sulfuratum Calcium silicatum

Ferrum carbonicum Diguitalis Calcium sulphuricum

Magnesium carbonicum Graphites Carbo animalis

Petroleum Kalium carbonbicuzm Carbo vegetabilis

Sepia Magnesium carbonicum Causticum

Sulfur Medorrhinum Digitalis

Medorrhinum Natrium, carbonicum Ferrum carbonicum

Psorinum Petroleum Graphites

Tuberculinum Psorinum Hamamelis

Sulfur

Tuberkulinum

Histamin

Hepar sulphuricum

Lycopodium

Magnesium carbonicum

Medorrhinum

Natrium cartbonicum

Natrium sulphuricum

Nux vomica

Petroleum

Psorinum

Rhus toxicodendron

Robinia

Sepia

Silicea

SSC

Sulphur

Thuja

Tuberculinum

11


Materia medica

Proteus:

Sankaran Mettler Saxton

Ammonium muriaticum Apis Ammonium bromatum

Aurum muriaticum Aurum muriaticum Ammonium muriaticum

Apis Barium muriaticum Apis mellifica

Barium muriaticum Borax Aurum muriaticum

Borax Conium Borax

Conium Cuprum Calcium muriaticum

Cuprum Calcium muriaticum Cholesterinum

Calcium muriaticum Ferrum muriaticum Colocynthis

Ferrum muriaticum Ignatia Conium

Ignatia Kalium muriaticum Cuprum metallicum

Kalium muriaticum Magnesium muriaticum Ferrum muriaticum

Magnesium muriaticum Muriaticum acidum Hepar sulphuris

Muriaticum acidum Natrium muriaticum Hyoscyamus

Natrium muriaticum Secale Ignatia

Secale

Kalium muriaticum

Magnesium muriaticum

Muriaticum acidum

Natrium muriaticum

Nitricum acidum

Nux vomica

Sarracenia purpurea

Secale cornutum

Sepia

Staphysagria

Faecalis:

Sankaran Mettler Saxton

Sepia Sepia Anacardium

Carcinosinum

Sepia

12


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Dysenterie co:

Sankaran Mettler Saxton

Anarcadium Anacardium Ammonium carbonicum

Argentum nitricum Argentum nitricum Anacardium

Arsenicum album Arsenicum album Abies canadensis

Cadmium metallicum Cadmium metallicum Abies nigra

Kalmia latifolia Kalmia latifolia Antimonium crudum

Veratrum album Veratrum album Argentum nitricum

Veratrum viride Veratrum viride Arnica

Arsenicum album

Arsenicum sulphuratum

Bacillinum

Cadmium metallicum

Cactus grandiflora

Carbo vegetabilis

Carcinosinum

China

Chininum arsenicosum

Cioffea cruda

Digitalis

Dulcamara

Gelsemium

Graphites

Kalium carbonicum

Kalmia latifolia

Kreosotum

Lachesis

Lathyrus sativus

Ledum

Lycopodium

Magnesium muriaticum

Natrium carbonicum

Phosphorus

Platinum

Ptelea trifoliata

Pulsatilla

Sanguinaria

Sarsaparilla

Sepia

Spongia tosta

Tuberculinum bovinum

Veratrum album

Veratrum viride

13


Materia medica

Sankaran und Mettler berufen sich zum Großteil auf

die Erfahrungen von Paterson, dessen Liste von Saxton

massiv erweitert wurde. Dieser erwähnte leider nicht,

woher diese Information stammt, zum Teil ist es eigene

Erfahrung, zum Teil die Erfahrung von Kollegen.

Neben der Symptomatologie des Patienten sollen

auch die Vergleichsmittel, entsprechend den dafür

bestehenden Listen, zur Wahl der richtigen Darmnosode

verwendet werden. Wie bereits im ersten Teil

erwähnt, gibt es keine Arzneimittelprüfungen zu diesen

Arzneien. Die Erfahrung beruht auf den Symptomensammlungen

der behandelten Patienten und den

erfolgten klinischen Erfahrungen. Inzwischen gibt es

zu den Darmnosoden auch schon ziemlich umfangreiche

Symptomensammlungen, die durchaus solchen

herkömmlicher Arzneien entsprechen. Neben den Gemütssymptomen

gibt es auch die körperlichen Symptome,

in der einschlägigen Lieratur nach dem Kopfzu-Fuß-Schema

angeordnet.

Der Hauptnutzen der Darmnosoden liegt in der Behandlung

chronischer Erkrankungen, Indikationen bei

akuten Krankheiten gibt es wenige.

Paterson unterschied zwei Gruppen von Patienten. Patienten,

welche erstmals homöopathisch behandelt

werden und solche, die bereits unter homöopathischer

Therapie stehen.

Bei neuen Patienten sollte primär das passende „normale“

Mittel verabreicht werden; ist man sich bei der

Arzneiwahl nicht sicher, kann man die Liste mit den

Vergleichsmitteln heranziehen und die passende Darmnosode

geben.

Bei bereits homöopathisch behandelten Patienten, ist

die Sache schwieriger, ein Stuhlbefund wird empfohlen,

was heute nicht so einfach ist, da es sich bei den

jeweiligen Darmnosoden um ein Gruppe von Bakterien

(„polyvalenteVakzine“) handelt. Saxton erwähnt, dass

für Gaertner Bach und Bacillus 10 kein modernes Äquivalent

vorliegt.

Für z. B. Morgan Pure führt er Morganella morganii,

Proteus mirabilis, Aeromonas salmonicida, Salmonella

subgenus IV, Edwardsiella tarda, Escherichia blattae

und Hafnia alvei an.

Wie weit einem das in der heutigen Praxis weiterhelfen

kann, wird durchaus kritisch zu betrachten sein.

Die Wahl der richtigen Darmnosode bei bereits in

homöopathischer Behandlung stehender Patienten erfolgt

wie auch sonst in der Homöopathie.

Unterschiedliche Angaben gibt es zu der Dosierung der

Darmnosoden. Die Autoren sind sich einig, dass diese

Mittel nicht zu häufig wiederholt werden sollen, was ja

heute auch bei den herkömmlichen Arzneimitteln nicht

anders ist. Darauf wurde bereits direkt von Paterson

hingewiesen, daher dürften sich die nachfolgenden

Autoren hier einig sein. Eine Wiederholung soll nicht

innerhalb von drei Monaten erfolgen.

Saxton schreibt, dass eine allgemeine Potenzempfehlung

die C 30 ist. P. Sankaran verordnet sie nach

denselben Regeln wie bei den konventionellen

Arzneien.

Paterson selbst erwähnte in seinem Vortrag am Liga-

Kongress 1949 in Lyon auch den Einsatz höherer

Potenzen, vor allem für akute Erkrankungen und

beim Vorliegen deutlicher Gemütssymptome.

Nun soll als Beispiel eine Darmnosode zusammenfassend

dargestellt werden. Grundlage für diese Zusammenfassung

sind die bereits oben angeführten Literaturquellen.

Morgan Bach:

Bacillus Morgan ist der häufigste im Stuhl gefundene

Laktose nicht vergärende Keim. Für diese Nosode gibt

es eine große Zahl an Vergleichsmitteln.

Synonym: Morgan pure

Gemüt: Größe Ängstlichkeit; im Repertorium (Complete

4.5) finden sich folgende Angst-Rubriken:

MIND; FEAR; agoraphobia (27) *

MIND; FEAR; alone, of being (80) *

MIND; FEAR; alone, of being; company,

with aversion to, yet fears to be alone (16) *

MIND; FEAR; crowd; in a (58) *

MIND; FEAR; dark (61) *

MIND; FEAR; disease, of; impending (88) *

MIND; FEAR; happen; something will (98) *

MIND; FEAR; narrow place, in, claustrophobia (44) *

MIND; FEAR; unknown, of the (5) *

14


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Daraus ersichtlich ist die interessante Kombination Abneigung

gegen Gesellschaft und Furcht vor Menschenmengen

mit der Furcht, alleine zu sein.

Die Patienten beobachten sich selbst sehr genau

(Furcht um die Gesundheit).

Aufgrund der Ängstlichkeit kann es zu nervöser Reizbarkeit

kommen.

Eine gewisse Erwartungsspannung besteht, vor neuen

Situationen und unbekannten Personen.

Traurigkeit bis zur Depression mit Selbstmordgedanken

(Herabstürzen) und Weinen.

Der körperliche Fokus liegt, wie vielleicht nicht anders

zu vermuten bei gastrointestinalen Beschwerden, im

Kopf, in der Haut und den Extremitäten. Klinische Indikationen

sind Arthritis und Rheuma, vor allem im Kniegelenk

und den Phalangealgelenken.

Die Gelenke sind geschwollen und steif; Kraftlosigkeit

in den Extremitäten. Die Schmerzen verschlimmern

sich in der Nacht, in Wärme und bei beginnender

Bewegung.

Ein sogenanntes Keynote sind kindliche Hautausschläge.

P. Sankaran meint, beinahe alle kindlichen

Ekzeme können dieses Mittel brauchen, Paterson erwähnt

Ekzeme während der Zahnung. Juckende Hautausschläge,

agg. durch Wärme, wäßrig-eitriges Sekret,

rasch entstehende Hauterscheinungen. Die Hautauschläge

können bei Kindern überall auftreten, bevorzugt

auch hinter, in und um die Ohren.

Bei den gastrointestinalen Symptomen kann man an

alle möglichen Symptome denken, auffallend der Bezug

zur Gallenblase, Pruritus ani und Hämorrhoiden,

Sodbrennen und Blähungen.

Modalitäten:

Verschlimmerung: Wärme/Hitze, Waschen, nachts,

16.00 bis 20:00, beginnende Bewegung

Besserung: Essen, fortgesetzte Bewegung.

Dr. Bernhard Zauner

1) J. P. Randeria, Die Darmnosoden, ZKH 2/2001, Bd 45, S. 60 – 63,

nach einem Vortrag am Liga Kongress 2000 in Budapest

2) P. Sankaran. „Indikationen und Anwendungen der Darmnosoden“,

ZKH 4/1968, S. 160-167

3) P. Sankaren (s.2); Wolfgang Mettler, Die Darmnosoden, Verlag

Müller & Steinicke München, unveränderter Nachdruck 2008;

John Saxton, Die Darmnosoden in der homöopathischen Praxis,

Narayana-Verlag, 2009

15


Arzneianwendung

Pfefferminze, Kaffee & Co –

schuldig oder unschuldig?

Foto: isignstock

Pfefferminzhaltige Produkte werden neben Kaffee

und Kampfer in der Homöopathie häufig als

Antidote während der homöopathischen Therapie

gesehen.

Warum diese Bedenken bestehen, ist nicht vollständig

zu klären.

Beginnen wir bei Hahnemann, wo man in verschiedenen

Schriften Hinweise findet, der jedoch nicht

ausschließlich die Minze und den Kaffee erwähnt.

Als erstes finden wir in der Anmerkung zu §260

Organon, 6. Auflage i einen Hinweis:

„Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee;

Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken

unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht,

sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete

Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade,

Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark

duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte

Zahnpulver und Zahnspiritus, Riechkißchen,

hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes

Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen,

z.B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche

Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln

und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen

Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche

Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer,

Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und

Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett

von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges

Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche

arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr

von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß,

selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie

geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze,

schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart

in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß

negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln),

übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen

(in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben,

Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung

durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei

es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in

der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter

Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames,

des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene

Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich

gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend

und dumpfige Zimmer; karges Darben, u.s.w. Alle diese

Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden,

wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich

gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer

scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich

gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig

zu erschweren, was nicht zu billigen ist.“

16


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Hier finden sich aber äußerst viele Substanzen und

auch Tätigkeiten, welche eine Arznei in ihrer Wirkung

einschränken können.

In der RAL ii finden wir unter einer Anmerkung

bei China:

Da wird immer noch ein Umschlag von sogenannten

aromatischen oder zertheilenden Kräuterchen auf die

leidendste Stelle, (gleich als wenn diese keinen Effect

durch die Geruchsnerven auf den Kranken machten,

und nicht durch die Haut als andersartige Arznei einwirkten!)

eine eingeriebne arzneiliche Salbe, oder eine

arzneikräftige Dampfbähung, oder ein arzneiliches

Gurgelwasser, oder ein Blasen- oder Senfpflaster, oder

mancherlei halbe, ganze oder Fuss- Bäder, oder Klystire

von Baldrian, Chamillen u.s.w. (gleich als wenn

das Alles nichts wäre und nicht als andersartige, mächtige

Arznei durch Haut, Mund, Mastdarm, Grimmdarm

u.s.w. auf das Befinden des Menschen wirkte!), oder

ein Thee von Münze, Chamillen, Hollunderblüthen,

sogenannten Brustkräutern u.s.w. (gleich als wäre eine

Hand voll solcher Kräuter oder Blüthen mit kochendem

Wasser ausgezogen für nichts zu rechnen!) nebenbei

anzuwenden.“

Verbote auf die Behandlung der psorischen Hauterkrankungen

beziehen, da Hahnemann in diesem Zusammenhang

auch andere Dinge wie z. B. wollene

Unterwäsche und heiße Bäder erwähnt und diese ja

bekanntlich Hautleiden negativ beeinflussen können.

Ein anderer Grund, warum Hahnemann so viele verschieden

Substanzen anführt, auf die man achten soll,

ist wieder in einer seiner Schriften v zu finden: Er beklagt

sich, dass in zeitgenössischen Fallberichten behauptet

wird, dass ein Patient nicht nur mit einer arzneilichen

Substanz behandelt wird, sondern gleich

mit mehreren, die aber als nichtarzneilich angesehen

werden. Er erwähnt einen Patienten mit Fallsucht, der

mit Baldrian geheilt worden ist, dem aber auch Oleum

tartari per deliquium, Tinctura coloynthidis und Bäder

von Calmus und Münze (gemeint ist dabei die Pfefferminze)

und andere gewürzhafte Substanzen verabreicht

wurden.

Hahnemann postulierte in seinen Schriften immer eine

Einzelmitteltherapie, aber für ihn war auch immer klar,

dass auch all die anderen verordneten Substanzen eine

arzneiliche Wirkung haben können (s. §259 und §261,

ORG6), bzw. den Patienten beeinflussen können und

natürlich auch die Wirkung der verordneten Arznei.

Im Kapitel über die Psora in den CK iii finden wir

eine ähnliche Passage:

„Aus vielen, leicht in die Augen fallenden Gründen,

doch schon um seine feinen Arznei-Gaben in ihrer

Wirkung nicht hindern zu lassen, kann der homöopathische

Arzt keinen Zwischengebrauch, obschon bisher

angewöhnter Hausmittel bei seiner antipsorischen

Kur erlauben, keine Parfümerien irgend einer Art, kein

Riechwasser, kein Riechbüchschen, keine Baldrian- oder

andere Kräuter-Thee, keine Pfeffermünzkügelchen,

keine gewürzte Konditor-leckereien oder Anies-Zucker,

oder Magen-Morsellen, oder Liqueure, keine Isländermoos-

oder gewürzte Schokolade, keine Mund-Latweregn,

Zahntinkturen, oder Zahnpulver gewöhnlichen

Schlags und wie die übrigen, ähnlichen Luxus-Artikel

alle heißen mögen.“

H. Rembges iv meint, da sich der oben zitierte Ausschnitt

im Kapitel Psora der CK befindet, sich diese

Warum Hahnemann all diese Substanzen auflistet, liegt

auch darin, dass er ein bedeutender Diätetiker war,

der sich viele Gedanken über die für den Menschen

passende Ernährung und Lebensweise machte. Viele

interessante Aspekte, die dieses Thema beleuchten,

finden wir in „Diätisches Gespräch, vorzüglich über den

Mageninstinkt“ vi (aus Freund der Gesundheit, 1792).

Daraus die folgenden Sätze: „Wie kann wohl ein Ding,

welches wir hinterschlingen können, in allen Fällen und

bei jeder Körperverfassung allgemein gesund, heilsam,

unschuldig, schädlich, giftig seyn? Jedes Ding hat

seine Zeit, spricht der weise König, und, mir deucht, er

spricht weit vernünftiger, als die meisten Diätetiker.“

Bei Bönninghausen vii finden wir noch eine passende

Stelle, zu Hahnemanns Aussagen: In diesem Artikel

findet man eine genaue Auflistung von Speisen und

Getränken, welche erlaubt sind und welche nicht empfohlen

werden.

17


Arzneianwendung

„Unter den Getränken steht der, durch seine bedeutenden,

bei weitem die meisten Arzneikräfte aufhebenden

und mächtig auf den ganzen Organismus

wirkenden Eigenschaften ausgezeichnete Kaffee als

durchaus verboten oben an, und kann fast niemals

gestattet werden. Dasselbe gilt vom Kaffee, welcher

aus Eicheln, Cichorien, oder der schwedischen

Kaffeewicke bereitet wird. Weniger nachtheilig,

aber dennoch nur selten erlaubt, ist der gewöhnliche

chinesische Thee, gleichviel ob grüner oder brauner

Thee. Nicht minder gehören die Theeaufgüsse von Fliederblüten,

Chamille, Baldrian, Ehrenpreiss, Schaafgarbe,

Melisse, Pfeffermünze, Fenchel, Anies, Quecken, Libersche

Kräuter, Brustthee Isländisches Moos usw. zu den

durchaus verbotenen Genüssen, indem sie sämmtlich

mehr oder weniger Arzneikräfte besitzen, und ebenfalls

die homöopathische Gabe in ihrer Wirkung aufheben

würden.“

In dieser Liste sind durchaus auch noch Hinweise zu

finden, welche auch heute noch eine Überlegung wert

sind; andere sind aber absolut nicht mehr zeitgemäß.

Doch läßt sich von der andern Seite ebenfalls nicht

läugnen, daß einige Homöopathen, im Vertrauen auf

die ungeheure (intensive) Wirksamkeit ihrer hoch verdünnten

Arzneien in ihrer Nachsicht wohl etwas zu

weit gegangen sind, um so mehr, da wir die eigenthümlichen

Kräfte mancher im gewöhnlichen Leben

vorkommenden Genüsse noch keineswegs in ihrem

ganzen Umfange kennen. Dagegen ist es auch sicher,

daß manche, besonders bei chronischen Leiden anwendbare

Arzneimittel gegen derartige Störungen fast

unempfindlich sind, oder wenigstens, wenn sie auch

vernichtet schienen, nach kurzer Zeit ihre Wirkungen

abermals erneuern. Aber nur der, mit der Eigenthümlichkeit

der von ihm gereichten Arznei völlig vertraute

Arzt kann dieses beurtheilen, und ihm ist die Bestimmung

darüber lediglich zu überlassen. Die gelindeste

homöopathische Diät besteht wohl darin, daß der

Kranke, außer Arzneien aller Art, (sowohl innerlicher

als äußerlicher) nur noch den Kaffee und starken

Thee, alle hitzigen Getränke, alle ausländischen

Gewürze und starken Gerüche, besonders den des

Kamphers vermeidet.

Zur Wichtigkeit der Diätetik vertraten Hahnemann

und Bönninghausen ebenfalls ganz ähnliche

Ansichten – Hahnemann schreibt in den CK viii :

„Die strenge, homöopathische Diät und Lebensweise

heilt nicht den langwierig Kranken, wie die Widersacher

vorgeben, um der Homöopathie ihr Verdienst zu

schmälern, sondern auf der arzneilichen Behandlung

beruht die Hauptsache.“

In der älteren und neueren Literatur findet man nicht

mehr sehr viel zu diesem Thema. Neben den bereits

erwähnten Artikel von Rembges in der AHZ, erschien

in der ZKH ein Artikel von H. Eppenich, „Diätet(h)ik

und Homöopathie“ x ,in dem es vorwiegend um gesundheitliche

und ethisch-politische Erwägungen der

Diätetik (und vor allem des Fleischkonsums) geht, der

aber auch noch Hinweise auf die ältere Literatur, bezüglich

der Diätetik gibt.

Und Bönninghausen‘s ix Meinung:

„Wenn es auch unbestreitbar ist, daß viele akute (in

ihrer Verlaufszeit beschränkte) Krankheiten bei angemessener

Diät gefahrloser vorüber gehen, so kann man

dies doch keine Heilung nennen, indem die Dauer derselben

dadurch verkürzt wird. … daß die Heilung von

der Diät niemals, sondern nur von der wirksamen

Arznei zu erwarten ist.“

In diesem Artikel von Bönninghausen findet man auch

eine sehr differenzierte Meinung zur Antidotierung und

Diätetik:

Ernst Stampf xi macht sich in seinem Artikel „Ueber

Diätetik im Geiste und nach den Bedürfnissen der

homöopathischen Heilkunst“ zum Thema homöopathische

Diät folgende Gedanken:

Die Diätetik unterscheidet sich von der eigentlichen

Heilkunst dadurch, daß sie die arzneilichen Stoffe,

welche jene in geeigneten Krankheitsfällen zu Heilzwecken

benutzt, von den gesunden, als krankheiterregend,

ganz, von den Kranken, in so fern

sie die vorhandene Krankheit sie die vorhandene

Krankheit in ungeeigneten Fällen nicht heilen, sondern

vielmehr verschlimmern und die zweckmäßig

18


Beiträge zur klassischen Homöopathie

dagegen angewendeten Arzneistoffe in ihrer Heilwirkung

stören oder vernichten. ... Es giebt nemlich unter

den gebräuchlichen vegetabilischen und animalischen

Nahrungsmitteln mehrere, welche neben dem reinnährenden

Prinzipe, vermöge dessen sie der Diätetik

anheim fallen, mehr oder weniger arzneiliche Bestandtheile

enthalten und daher fähig und geneigt sind, das

gesunde Befinden krankhaft zu verändern.

Auch in diesem Artikel findet man wieder Kaffee

als die Substanz, bei der man am vorsichtigsten

sein muss:

Unter den gebräuchlichsten dieser mehr arzneilichen

als diätetischen Genüsse, bemerke ich hier nur den

Kaffee, die verschiedenen Arten Liqueure, Punsch u.

dgl. die verschiedenen Ar ten Thee, mehrere Arten Gewürze,

gewisse Parfümerieen u. s. w.. Diese Stoffe sind

größtentheils geeignet, die Thätigkeit einzelner Organe

und Systeme auf eine, dem Gefühl zusagende Weise zu

erhöhen und so ein lebendigeres Lebensgefühl hervor

zu zaubern….

schändlichsten Betrügerei und den beklagenswerthesten

Ansichten von dem, was gesund und nützlich ist,

beruhet.

Eppenich erwähnt in seinem Artikel eine gewissen

Clothar Müller xii ; und schreibt:

Zwischen dem homöopathischen Heilmittel und dem

zu heilenden Krankheitsfall besteht eine besondere,

spezifische Ähnlichkeit. … große Menge von z. B. Kochsalz

oder Capsicum oder auch Coffea wirkt nur dann

(aber nicht unbedingt) heilungshindernd, wenn sie eine

spezifische Ähnlichkeitsbeziehung zu einem bereits gegebenen

homöopathischen Mittel wie z. B. Natrium

muriaticum und zu der zu heilenden Krankheitssymptomatik

hat.

Auch Stapf vertritt in diesem Artikel wiederum eine

sehr differenzierte Meinung, was die Beeinflussung der

Wirkung des Mittels durch verschiedene Nahrungsund

Genussmittel betrifft. Auch hier der Hinweis, dass

die Individualisierung von großer Wichtigkeit ist.

Sämtliche bisher zitierten Artikel zum Thema Diätetik

sind sehr amüsant zu lesen, wie bereits erwähnt nicht

immer zeitgemäß, aber mit doch manch einem Hinweis,

der für uns in der Gegenwart noch nützlich sein

kann. Als kleine Ergänzung noch Stapf´s Bemerkungen

zum Bierkonsum. Dieses hat ja Hahnemann selber

auch gerne getrunken und nicht verboten.

Wenigstens scheint es die Erfahrung zu bezeugen, daß

ein nicht gerade unmäßiger, wenn auch anhaltender

und reichlicher Genuß eines so durchaus, reinen Bieres

ohne merklichen Nachtheil auf das gesunde Befinden

bleibt. Ganz anders verhält es sich jedoch mit jenen,

durch die heftigsten Arzneistoffe, z. B. Porst, Kokelsaamen,

Koriander, Nelken, Weißnießwurzel, Chamille,

Bitterklee, Sarsaparille, Opium, Bilsenkraut usw.

in Wahrheit vergifteten Bieren ihre Bereitung auf der

Ein weiterer Autor, der sich mit Diät und Kaffee

beschäftigte war Reichenbach (nähere Angaben

zum Autor sind mir leider nicht bekannt) xiii . Er

macht sich folgende Gedanken zur Antidotierung:

z. B. das Kochsalz beim Gebrauche des Argentum

nitricum, Semmel bei dem des Jod‘s, Milch oder Eiweiss

bei dem des Mercur. corrosivus oder Tartarus stibiatus

verbieten, aus Furcht, durch diese Nahrungsstoffe die

Wirkung des Medicaments zu beeinträchtigen …., fast

täglich sehen wir, wie z. B. unsre Nux vomica oder Ipecacuanha

ganz gut wirken trotz des vom Kranken genossenen

(gerbstoffhaltigen) chinesischen oder Linden-

Foto: isignstock

19


Arzneianwendung

blüthenthee‘s, und ebenso Aconitum trotz der verbotenen

Limonade sehr oft vortrefflich hilft. ….

Wir bedürfen mithin durchaus keiner strengeren Diät

für unsre Heilungen: im Gegentheile können wir unsern

Kranken mehr Spielraum in dieser Beziehung lassen,

als – bei gleicher Gewissenhaftigkeit – unsre Collegen

älterer Schule.

Zum Thema Kaffee schreibt er:

Manche verbieten ihn ohne Unterschied allen Kranken,

Andere erlauben ihn ebenso unbedingt, die Meisten,

was wohl das Richtige ist, individualisieren. Ja

Hahnemann selbst trotz seiner sonstigen Consequenz

schwankt, indem er den Kaffee in der ersten Zeit bedingungsweise

erlaubt,…, später streng und unbedingt

allen Kranken verbietet….. Es unterliegt keinem Zweifel,

dass von Hause aus diese frühere, tolerantere Ansicht

Hahnemanns alle Aufmerksamkeit und Beachtung verdient,

und es ganz angemessen erscheint zu prüfen, in

wie weit wir ihr beipflichten können. Eine Lobrede hier

dem Kaffee zu halten, möchte überflüssig sein.

Nun noch einmal zurück zum Artikel von Rembges:

Der Grund für die vertretene Meinung, dass Pfefferminze

die Wirkung einer homöopathischen Arznei antidotiert,

könnte auch in der französischen Homöopathie

1 liegen, da dort Bedenken gegen pfefferminzhältige

Zahnpflegeprodukte vermehrt erhoben wurden.

Genau das Gegenteil wurde in einer wissenschaftlichen

Arbeit xiv belegt, wo durch UV-Bestrahlung erzeugte

Entzündungsreaktionen bei Meerschweinchen mit Apis

C7 behandelt wurden. Versuchstiere, welche vor dem

Arzneimittel einen Pfefferminzsirup bekommen haben,

zeigten kein schlechteres Behandlungsergebnis.

Diese Zahnpflegeprodukte werden auch im oben angeführten

Artikel von Stapf erwähnt:

Hierher gehört auch der Gebrauch arzneilicher Zahnpulver

und Zahntinkturen, um gesunde Zähne gesund

zu erhalten. Reines Kohlenpulver erfüllt, statt, aller andern,

alle Erfordernisse eines wohlthätigen Zahnpulvers,

da wo wirkliche Verderbniß der Zähne zu beseitigen

ist, bedarf es anderer innerlicher Mittel.

Hier sind nun die Erfahrungen von Homöopathen

mit langjähriger Erfahrung interessant:

K. S. Srinivasan xv : We in India do take much of Mint

but it is more with the meat eaters; as you know there

are a large number of Indians who are pure vegetarians,

and they do not use much ofcondiments; curry

takes lot of condiments; whether it antidotes or not

we cannot say; there are so many „antidotes“ – Coffee

(South Indians are great Coffee lovers) and if I say

„don‘t drink Coffee“ I will have no patients. So, we

do not bother much with these injunctions; we only

say do not take Coffee, Mint, or use balms containing

Camphor, Eucalyptus oil, etc. for an hour or so before

or after the hom. medicine.

Reichenbach ist somit ein früher Homöopath, der das

Thema Antidotierung sehr differenziert sieht und nicht

so streng mit Diät und Antidotierung umgeht. Auch

den Kaffee verbietet er nicht immer, er erwähnt gewisse

Krankheitszustände in denen der Kaffekonsum

nicht erlaubt ist, wie z. B.: heftige entzündliche Zustände,

Fieber und Hautentzündungen.

Anton Rohrer xvi : Ich habe eine Patientin, die ihre

Arznei mit Pfefferminztee antidotiert hat (sie hat aber

tgl. 2 Liter davon getrunken). Vithoulkas erzählte bei

seinen Kursen vor 25 Jahren, dass speziell Nat-m. sehr

auf Pfefferminze anspricht und davon antidotiert werden

kann. Mit Kaffee und Minze bin ich im Verbieten

nicht so streng, außer mit zu viel Pfefferminzkaugummi.

Ich kann nur das verbieten, was ich selber auch

20


Beiträge zur klassischen Homöopathie

an Verzicht zusammenbringe.[eigene Anmerkung: Hahnemann

selbst war ja, was das Tabakrauchen betrifft,

auch nicht streng; Tabak wird auch nicht in den Verbotslisten

aufgeführt, er rauchte ja täglich die damals

sehr weit verbreitete und beliebte Pfeife] Den Kaffee

verbiete ich nur, wo der Kaffee schadet: Sodbrennen,

Nervosität, Angststörung, etc. Aber das sehen die Patienten

auch immer ein. Pfefferminztee verbiete ich nur

bei Magenstörungen (z. B. Sodbrennen).

Will Klunkerx vii : Er erzählte, dass er Kaffee nicht verbiete,

da er auch vermute, dass sich die Homöopathen

darauf ausreden, wenn eine Arznei nicht wirkt und

der Patient Kaffee konsumiert hat. Die deutschen Homöopathen

verbieten den Espresso, die italienischen

Kollegen den Filterkaffee.

Hermann Anzenbacherx viii : Wir verlangen von unseren

Patienten, dass sie während der gesammten Behandlung

Kamille in jeder Form und Menthol in jeder

Form (Zahnpaste, Rheumasalben, Tee, …) weglassen.

Wenn die Patienten eine dieser Substanzen einnehmen,

treten sofort wieder die alten Symptome auf (z. B. ein

asthmatisches Kind, dass unmittelbar nach einem Pfefferminzeis

wieder einen Anfall bekommt und zuvor

schon beschwerdefrei war). Alle diese verbotenen Substanzen

reduzieren die Energie im Körper, so daß die

Homöopathie nicht oder nur sehr abgeschwächt wirken

kann. Ein Patient mit einer langdauernden Krankheit

oder mit einer akuten schweren Problematik ist

mit diesen Diätanweisungen immer einverstanden. Man

soll ihnen immer einen Ersatz für die verbotenen Substanzen

anbieten. Ich verordne diese Diät so lange, bis

der Energiehaushalt des Patienten wieder in Ordnung

ist, was Monate oder auch Jahre dauern kann. Vorsicht

ist auch bei der Akupunktur, Akupunktmassage und

zum Teil auch bei anderen Massagen geboten, jedoch

nicht bei Heilgymnastik. Bei schwer miasmatisch syphilitisch

belasteten Patienten sind die Anweisungen sehr

wichtig.

Dario Spinedix ix : Dr. Künzli hielt sich einerseits an die

Angaben von Gibson Miller (Arzneimittelbeziehungen),

wo die Antidote der entsprechenden Mittel stehen.

Anderseits hat er selber die Erfahrung gemacht, dass

Kaffee speziell bei gewissen Mitteln (hauptsächlich

Lycopodium) wirklich antidotiert. Campher ist bekanntlich

ein allgemeines Antidot der homöopathischen Mittel.

Pfefferminze ist weniger wichtig. In einer Tabelle

über Vitamine der Ciba-Geigy ist übrigens Kaffee ein

Antidot bei der Resorption fast aller Vitamine.

Studiert man nun Rehman‘s Handbuch der homöopathischen

Arzneibeziehungen xx im Bezug auf die Speisen

und Getränke, die man meiden sollte, dann findet man

die Pfefferminze nur bei einer Arznei, nämlich Cina 2 ,

was natürlich überrascht. Viele andere Substanzen,

natürlich der Kaffee, aber auch Milch, Gewürze, kalte

Speisen, verschiedene Tees, Alkohol (welcher auch bei

manchen Arzneien empfohlen wird!) werden da angeführt.

Im Gibson Miller xxi sind bei den feindlichen Substanzen

und Diadoten 3 meist Kampfer und Kaffee angeführt,

gefolgt von Essig, Wein, vegetabilen Säuren und Zitronensaft.

Die Pfefferminze findet überhaupt keine Erwähnung

Gerade was die Pfefferminze betrifft, ist diese Auflistung

sicher unvollständig, wie auch die Erfahrung in

der eigenen Praxis zeigt. Immer wieder kann man beobachten,

dass nach dem Konsum von Kaffee, Pfefferminze

und auch anderen Substanzen, die Wirkung der

Arznei – auch ziemlich plötzlich – aufgehoben wird.

Zwei sehr deutliche und mir gut in Erinnerung gebliebene

Fälle waren einerseits ein Aurum-Patient der

nach dem Konsum von geringen Mengen Kaffees eine

Aufhebung der Arzneiwirkung verspürte und ein Bromum-Patient

nach dem Verzehr einer Packung

After Eight.

Die physiologische Wirkung des Kaffees erklärt uns xxii ,

warum ein Heilungsverlauf verlangsamt, bzw. unterbrochen

werden kann: Anregung des Zentralnervensystems,

Erhöhung der Kontraktionskraft des Herzens,

Steigerung der Herzfrequenz, eine geringfügige Erhöhung

des Blutdrucks und Anregung der Peristaltik des

Darmes. Coffein hat zwar ein relativ breites Wirkungsspektrum,

doch ist es in geringen Dosen in erster Linie

ein Stimulans. Es wird eine anregende von einer erregenden

Wirkung des Coffeins unterschieden, wobei für

letztere eine höhere Dosis erforderlich ist. Bei niedriger

21


Arzneianwendung

Dosierung tritt fast ausschließlich die zentral anregende

Wirkung des Coffeins hervor, es werden also vor allem

psychische Grundfunktionen wie Antrieb und Stimmung

beeinflusst. Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen

werden dadurch erhöht. Mit der Beseitigung

von Ermüdungserscheinungen verringert sich das

Schlafbedürfnis. Die Stimmung kann sich bis zu leichter

Euphorie steigern.

Diese Thematik wird auch in der Kaffeekantate

(„Schweiget stille, plaudert nicht“, BWV 211) von

J. S. Bach aufgegriffen:

Herr Vater, seid doch nicht so scharf!

Wenn ich des Tages nicht dreimal

Mein Schälchen Coffee trinken darf,

So werd ich ja zu meiner Qual

Wie ein verdorrtes Ziegenbrätchen.

Dabei handelt es sich um einen Rückkopplungseffekt:

je aktiver die Nervenzellen, desto mehr Adenosin wird

gebildet und desto mehr Rezeptoren werden besetzt.

Die Nervenzellen arbeiten langsamer und das Gehirn

ist vor „Überanstrengung“ geschützt. Das Coffein ist

dem Adenosin in seiner chemischen Struktur ähnlich

und besetzt dieselben Rezeptoren, aktiviert sie jedoch

nicht. Adenosin kann nicht mehr andocken, und die

Nervenbahnen bekommen kein Signal – deshalb arbeiten

sie auch bei steigender Adenosinkonzentration

weiter.

Durch den vermehrten „Energieverbrauch“ des Organismus

wird die Lebenskraft geschwächt. Da die Patienten,

die uns aufsuchen ja eine gestörte Dynamis

aufweisen, kann es natürlich schon sein, das v. a. der

Kaffee und andere „anregende“ Substanzen den Heilungsverlauf

verlangsamen, bzw. unterbrechen. Natürlich

kann man auch argumentieren, dass dann eben

früher eine Arznei wiederholt werden muß, natürlich

nach den klaren Regeln der Verordnung homöopathischer

Arzneien. Ob man dadurch schneller oder

langsamer zum Ziel der Heilung kommt, kann von mir

nicht beurteilt werden. Für die Pfefferminze gibt es

aber meines Wissens keine solche Erklärung.

Coffein kann die Blut-Hirn-Schranke fast ungehindert

passieren und entfaltet seine anregende Wirkung

hauptsächlich im Zentralnervensystem.

Um die Wirkung des Coffeins im Zentralnervensystem

zu verstehen, muss man auch einen Blick auf das

Adenosin werfen. Eine der Aufgaben des Adenosins

besteht darin, das Gehirn vor „Überanstrengung“ zu

schützen. Es setzt sich an die Adenosinrezeptoren

vom Subtyp A2a fest. Ist Adenosin gebunden, ist das

ein Signal für die Zelle, etwas weniger zu arbeiten.

Foto: isignstock

Interessant ist nun auch das Ergebnis einer kleinen

Fragebogenumfrage, die unter den Mitgliedern

der ÄKH durchgeführt wurde 4 :

Den meisten Kollegen ist die Anmerkung zu § 260 bekannt.

Auf diese Stelle bei Hahnemann und auf ihre

Ausbildung berufen sich die meisten Kollegen. Wann,

wie lange und bei welchen Arzneien Kaffee, Pfefferminze

und Kampfer verboten werden, ist sehr unterschiedlich.

Einige sind sehr streng und verbieten alle

drei Substanzen während der gesamten homöopathischen

Behandlung, andere wiederum nur zum Zeitpunkt

der Einnahme, manche nur bei der Verabreichung

von C-Potenzen, jedoch nicht bei Q- oder LM-

Potenzen. Am strengsten wird auf den Kampfer als

Antidot hingewiesen, Kaffee und Pfefferminze folgen

gleichauf. Ganz unterschiedlich sind auch die Angaben,

welche anderen Substanzen die Wirkung der Arznei,

bzw. die Genesung des Patienten beeinflussen können.

Hier werden sämtliche koffeinhaltigen Substanzen

22


Beiträge zur klassischen Homöopathie

aufgeführt, auch Cannabis und Chinin und natürlich

auch unterdrückende Substanzen wie Cortison und

radiologische Untersuchungsmethoden.

Zusammenfassung:

Es ist nicht wirklich nachweisbar, warum gerade die

Pfefferminze - und auch der Kaffee – aus der umfangreichen

„Verbotsliste“ Hahnemanns so deutlich hervorgehoben

werden und anderen dort angeführten Substanzen

keine so große Bedeutung beigemessen wird.

Vielmehr ging es Hahnemann darum, darauf hinzuweisen,

dass die aufgelisteten Substanzen einerseits eine

arzneiliche Wirkung haben können, und anderseits deren

Meiden einen positiven Einfluß auf den Heilungsverlauf

haben kann, bzw. der vermehrte Gebrauch

dieser Substanzen den Patienten in seiner Heilung behindern

kann.

Bestimmte Arzneimittel können durch gewisse Substanzen

in ihrer Wirkung eingeschränkt werden. Wie in

allen Bereichen der Homöopathie, ist auch in diesem

Aspekt die Individualisierung notwendig.

Wie bereits oben in der Anmerkung zu § 260 ORG 6

erwähnt, schreibt Hahnemann: „Einige meiner Nachahmer

scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich

gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig

zu erschweren, was nicht zu billigen ist.“

Dr. Bernhard Zauner

1 Es wird auf L. Pommier, Dictionaire homeopathique dùrgence, 13

edition, Maloine, Paris 1985 verwiesen und auf eine schlechte französische

Übersetzung Hahnemann´s CK.

2 Bodman F., Insights into Homeopathy, 1990, Beaconsfield Publishers,

England

3 Unter dem Diadot versteht man vorzüglich flüchtige, kurzwirkende,

unpotenzierte Substanzen, die bei störenden, überstarken, chaotischen

Folgen eines unpassend gewählten Mittels, bei zu starken

Beschwerden bei Arzneimittelprüfungen, aber auch zum Abschluß

einer Arzneiprüfung überhaupt angewendet werden (aus Gibson

Miller/Will Klunker (s. o.), S. 12)

4 Durchgeführt im Herbst 2011. Leider ist das Ergebnis nicht sehr aussagekräftig,

da die Beteiligung nicht all zu groß war.

i S. Hahnemann, Organon der Heilkunst, testkritische Ausgabe v. J. M.

Schmidt, Haug Verlag, 1992, S. 207

ii S. Hahnemann, Gesamte Arzneimittellehre A-C, herausgegeben v. C.

Lucae und M. Wischner, Haug Verlag, 2007, S. 623

iii S. Hahnemann, Die chronischen Krankheiten, Band 1, 2. Auflage,

1835, Haug Verlag, 1995, S. 175 -176

iv H. Rembges , AHZ 235 (1990), S. 23-25:, „Homöopathie und Pfefferminze“

v aus S. Hahnemann, KMS, herausgegeben v. J. M. Schmidt und D.

Kaiser, S. 689 (Beleuchtung der Quellen der gewöhnlichen Materia

medica (RAL, 1817)), Haug-Verlag, 2001

vi aus S. Hahnemann, KMS, herausgegeben v. J. M. Schmidt und D.

Kaiser, S. 137 – 142, Haug-Verlag, 2001

vii C. v. Bönninghausen, Die Homöopathie, ein Lesebuch für das nichtärztliche

Publikum, Münster 1834, Coppenrathsche Buch- und

Kunsthandlung, S. 279

viii S. Hahnemann, Die chronischen Krankheiten, Band 1, 2. Auflage,

Haug Verlag, 1995, S. 132

ix C. v. Bönninghausen, Die Homöopathie, ein Lesebuch für das nichtärztliche

Publikum, Münster 1834, Coppenrathsche Buch- und

Kunsthandlung, S. 264

x H. Eppenich, Diätet(h)ik und Homöopathie, ZKH 37 (1993) 2, S. 65ff

xi Archiv für die homöopathische Heilkunst, herausgegeben von einem

Verein deutscher Ärzte; erster Band, drittes Heft; Leipzig 1822, bei

Carl Heinrich Reclam, S. 117ff

xii C. Müller, Die homöopathische Diät; Homöopathische Vierteljahrschrift,

siebter Band (1856), Leipzig 118-138

xiii Reichenbach, Die homoöpathische Diät und der Kaffee; Homöopathische

Vierteljahrschrift, herausgegeben v. C. Müller, neunter Band

(1858), Leipzig, Verlag von Otto Wigand, , S. 58 - 85

xiv M. Aubin, S. Baronnet, P. Bastide: Ann. Homeop. Franc. 20 (1978)

303-312

xv K. S. Srinivasan, Chennai, persönliche Mitteilung

xvi A. Rohrer, persönliche Mitteilung

xvii W. Klunker: persönliche Mitteilung

xviii H. Anzenbacher: persönliche Mitteilung

xix D. Spinedi: persönliche Mitteilung

xx A. Rehman, Handbuch der homöopathischen Arzneibeziehungen, dt.

Übersetzung, Haug Verlag 2000

xxi Robert Gibson Miller/Will Klunker, Arzneibeziehungen, 10. vollständig

neu bearbeitete Auflage, Haug Verlag, 1995

xxii auszugsweise übernommen und abgeändert aus Wikipedia

23


Buchbesprechung

Homöopathische Fallanalyse,

von Hahnemann bis zur

Gegenwart – die Methoden

Bleul, Gerhard (Hrsg); Stuttgart, Haug Verlag, 2012, 260 S., Hardcover, 59,99 Euro

Frei, Lang, Swoboda) bekannt sind, handelt es sich

um echte Kenner der jeweiligen dargestellten

Methode.

Die 15 dargestellten Richtungen sind chronologisch im

Buch angeordnet und in unterschiedlichem Umfang

dargestellt. Das Verhältnis zwischen – soweit man diesen

Begriff noch richtig verwenden kann – klassischen

Methoden und modernen Strömungen ist sehr ausgewogen.

Jedes Kapitel besteht aus einem theoretischen

und einem praktischen Teil, d. h. es werden Fallbeispiele

dargestellt.

Bleul geht es darum, die Unterschiede der Strömungen

herauszuarbeiten, da sich ja alle in der Homöopathie

tätigen Kollegen und Entwickler von (modernen)

Methoden auf Hahnemann berufen. Daher

auch das einleitende Kapitel, vom Herausgeber selbst

verfaßt, indem die unterschiedlichen Ansätze die bei

Hahnemann selber in seiner Entwicklung zu finden

sind und die es in den letzten gut 200 Jahren Homöopathiegeschichte

gibt, aufzuzeigen. Lediglich die dem

Kapitel am Ende hinzugefügte Tabelle ist nicht ganz

so leicht zu verstehen.

Der Herausgeber versucht mit namhaften Vertretern

der jeweiligen Methode einen Überblick über

die verschiedenen Richtungen, die derzeit in der

Homöopathie vorherrschend sind zu bieten, was

ihm auch gelingt: Zum Teil sind die Autoren des jeweiligen

Kapitels auch die Entwickler der Methode

selbst. Soweit mir die Autoren (Rohrer, Spring,

Nun sollen die einzelnen Kapitel in ein paar

Sätzen zusammengefaßt werden, um zu erfahren,

welche Methoden dargestellt werden:

Das erste Kapitel, verfasst von A. Rohrer zur genuinen

Homöopathie ist klar und deutlich dargestellt,

alle Grundlagen sind sehr gut und verständlich be-

24


Beiträge zur klassischen Homöopathie

schrieben. Trotz der zum Teil für manchen mit dieser

Methode nicht so vertrauten Kollegen komplizierter

Details, ist alles verständlich erklärt. Einzig, die kurze

Nachbeobachtung bei den dargestellten Fällen, könnte

man bemängeln.

Das nächste Kapitel schrieb R. Goldmann über die Bönninghausen

Methode. Kurz und bündig, nicht so ausführlich

wie der vorherige Abschnitt, wird dieses an

der Praxis orientierte Kapitel dargestellt. Manch kleines

Detail (z. B.: Bönninghausen legt bei der Verlaufskontrolle

des Heilungsverlaufs das Hauptaugenmerk auf

die Besserung des Hauptsymptoms, bei Kent wird der

Besserung des Hauptsymptoms nur wenig Bedeutung

beigemessen) ist für mich nicht so zu verstehen. Der

aus Bönninghausens Schriften dargestellte Fall ist sehr

schön zu lesen.

Die Methode nach Kent wird wiederum vom Herausgeber,

G. Bleul, erklärt. Auch in diesem Abschnitt ist

lediglich der kurze Beobachtungszeitraum des präsentierten

Falles zu kritisieren.

Die Boger-Methode, präsentiert von E. v. Seherr-Thohs,

gibt eine guten Überblick, der dargestellte Fall (ein

Junge mit Tourette-Syndrom) sehr beeindruckend und

die zuvor in der Theorie vorgestellte Methode, ist hier

sehr gut am praktischen Beispiel zu verstehen.

Hier ist auch zu erwähnen, dass alle Kapitel nach dem

gleichen Schema aufgebaut sind, was das Studium dieses

Buches erleichtert.

Die Polaritätsanalyse wird von deren „Erfinder“ H. Frei,

dem die wissenschaftliche Darstellung der Homöopathie

ein großes Anliegen ist, in seinem gewohnt sachlichen

Stil beschrieben. Er gibt auch einen kurzen Überblick

über die von ihm durchgeführten Studien, und

erwähnt etwas ausführlicher die KFA-Studie (Studie

zur komplexen Fallaufnahme), dessen Ergebnis sich sehen

lassen kann (86 % der behandelten Fälle erzielten

eine Besserung der Symptomatik um 91 %). Die zwei

gezeigten Fälle, je ein akuter und ein chronischer Fall,

sind absolut präzise gebracht, der Heilungserfolg auch

mit Fotos dokumentiert, übrigens, die einzigen in diesem

Buch. Einzig die häufige Mittelwiederholung von

Frei ist nicht immer ganz verständlich, aber auch hier

herrscht der „mathematische Gedanke“ vor.

Die Schule von Ortega wird von U. Fischer erklärt. Von

den Paragraphen des Organons wird auf die Theorie

Ortegas übergeleitet und vor allem der § 74 erwähnt,

welcher von Ortega als sehr wichtig angesehen

wurde. Die praktische Anwendung der Miasmenlehre

nach Ortega wird an Beispielen dargestellt, die zum

Teil auch so manch unterschiedliche Interpretation

zulassen. Fischer wirft einen sehr interessanten Blick

auf Bönninghausen und seine miasmatischen Überlegungen,

die ansonsten nicht so allgemein bekannt

sind. In den dargestellten Fällen werden die zuvor erklärten

theoretischen Grundlagen näher präzisiert, jedes

Symptom wird dem jeweiligen Miasma zugeordnet.

„In Seminaren ist immer wieder zu erleben, dass homöopathische

Ärzte von der Komplexität und den ungewohnten

sprachlichen Formulierungen des Konzeptes

von Masi-Elizalde zurückschrecken“. Dieser Satz ist

im Kapitel über die miasmatische Dynamik von Masi-

Elizalde zu finden. Diese wahrscheinlich komplizierteste

Auslegung und Erweiterung von Hahnemanns

Schriften wird von S. Preis so gut wie möglich in dem

Umfang, wie es dieses Buch zuläßt, erklärt, was nicht

ganz gelingt. Sehr schön die abschließende kritische

Bewertung des Konzeptes von Masi-Elizalde.

Die Methode nach Vithoulkas wird von einem seiner

ersten Schüler, B. Spring beschrieben. In diesem Kapitel

ist all das zusammengefaßt, was den meisten zurzeit

aktiven Kolleginnen und Kollegen aus ihrer Ausbildungszeit

bekannt ist und wieder punktuell in Erinnerung

gerufen werden kann. Der chronische Fall ist klar

nachvollziehbar und mit Selbstkritik versehen!

F. Swoboda schreibt etwas zu kurz und oberflächlich

über die bewährten Indikationen, eine etwas differenziertere

und ausführlichere Darstellung wäre (für eine

eventuelle zweite Auflage) durchaus empfehlenswert.

Die Praxis der reinen Homöopathie (Methode nach

M. Candegabe und H. Carrara) beschreibt K-F Scheible

sehr prägnant, die wichtigen Details werden gut vermittelt

und anhand der zwei vorgestellten Fallbeispiele

vertieft.

Die Sehgal-Methode wird schön von G. Lang beschrieben,

welcher mit dieser Behandlungsmethode das gefunden

hat, wonach er in seiner 30 jährigen Arbeit mit

der Homöopathie Ausschau gehalten hat. Das Erlernen

dieser Methode braucht sicher ein genaueres Studium,

was nicht so einfach sein dürfte, wie am Beispiel „Verlangen

nach Licht“ auffällt. Das Kapitel ist spannend zu

lesen, aber ohne genaue Kenntnis der Methode nicht

so leicht zu verstehen.

25


Buchbesprechung | Termine

Jan Scholtens Theorien (Gruppenanalyse, Periodensystem,

Lanthaniden, botanisches System) versucht

B. Luft zu erläutern. Im theoretischen Teil dieses Kapitels

kommt des öfteren das Wort „vorhersagen“ vor,

d. h. das Wissen über die Arzneimittel wird nicht aus

der Arzneimittelprüfung gewonnen, sondern aus seinen

Vorhersagen aus der Gruppenanalyse und dem

Periodensystem! Somit fehlt dieser Methode ein

Grundpfeiler der Homöopathie!

In seinem System gibt es immer wieder Änderungen,

er bezeichnet seine Arbeit als „work in progress“. Begonnen

hat Scholten 1985 praktisch mit der Homöopathie

zu arbeiten, bis jetzt gibt es von ihm bereits 4

verschiedene Theorien! Wie gut die Theorie über die

Lanthaniden ausgearbeitet ist, wird auch erwähnt.

In dem vorliegendem Werk von Scholten zu diesem

Thema werden 80 Fälle zu 55 Substanzen vorgelegt,

was eher dürftig ausfällt. Der Autor dieses Kapitels

erwähnt auch kritische Aspekte, er erwähnt z. B. die

„Flüchtigkeit der Darstellung der Fälle mit kurzer Nachbeobachtungszeit

als Zielpunkt sachlicher Kritik“. Der

vorgestellte Fall ist mit der zuvor beschriebenen Theorie

nicht wirklich zu verstehen.

Luft, der einzige Autor, der zwei Methoden vorstellt,

beschreibt auch die Komplexitäts-Methode nach Mangialavori

mit viel Hingabe, ein Schwerpunkt liegt auf

der Erklärung der Computerprogramme und Mangialavoris

Mitteilungen in Seminaren. Der dargestellte Fall,

gelöst schlußendlich mit Angelica archangelica – diese

Substanz ist nach Angaben des Autors nicht in seinen

zur Verfügung stehenden Repertorien und in seinem

Reference Works zu finden - wurde aber aufgrund der

möglichen „Vorhersage“ nach der Komplexitäts-Methode

und nicht aufgrund einer Arzneimittelprüfung

verordnet. Der Fall ist jedoch ausführlich beschrieben

und lange nachbeobachtet und wird vom Autor auch

kritisch betrachtet.

Die vielen Begriffe und Definitionen, die es bei der

Sankaran-Methode gibt, versucht D. Weidemann zu

erklären. Sie schreibt, dass diese Methode nicht aus

einem Buch zu erlernen ist, sondern nur anhand von

Seminaren mit Videofällen, v. a. die „Vitalempfindung“

kann man nur so verstehen. Was den Fall betrifft, fehlt

leider die im theoretischen Teil geforderte Überprüfung

der verordneten Arznei anhand des Studiums der primären

Materia medica.

Die letzte in diesem Buch zu findende Methode wird

vom Entwickler selbst, P. Gienow erklärt; es handelt

sich um eine gewagte Theorie, eher schwer zu verstehen

und mit großer Wahrscheinlichkeit das Kapitel,

was am meisten verwirrt, am weitesten von Hahnemann

entfernt ist, und am häufigsten zur kritischen

Diskussion anregt. Die Fälle sind sehr kurz dargestellt,

keine zeitlichen Angaben sind zu finden, die Mittelverordnung

anders als sonst in der Homöopathie üblich,

da immer Zwischenmittel verabreicht werden.

Dem Buch ist ein ausführliches Inhaltsverzeichnis vorangestellt,

jedes Kapitel ist mit einem genauen Literaturverzeichnis

versehen und am Ende des Buches findet

man ein gut sortiertes Sach- und Personenregister.

Druckfehler sind kaum zu finden.

Fazit:

Dem auf der Buchrückseite zu findenden Satz „Übersichtliche

Darstellung von 15 Methoden mit ihren Ursprüngen

und Entwicklungslinien“ ist absolut zuzustimmen.

Ein Buch von hoher Qualität, schön zu lesen und

interessant für alle in der Homöopathie tätigen. Nach

der Lektüre dieses Werkes ist man dazu befähigt, mit

Kollegen über die verschiedenen Methoden auf einem

hohen Niveau zu diskutieren. Es ist kein Lehrbuch, bietet

aber einen guten Überblick über die verschiedenen

Strömungen in der Homöopathie.

Vielleicht ein Versuch des Herausgebers, auf die Vertreter

der unterschiedlichen Methoden versöhnlich einzuwirken.

Dr. Bernhard Zauner

26


Beiträge zur klassischen Homöopathie

Termine • Termine • Termine

Aus- und Fortbildungen 2012 / 2013

ÄKH

29.–30.09.2012 Linz 1. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

24.–25.11.2012 Linz 2. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

19.–20.01.2013 Linz 3. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

16.–17.03.2013 Linz 4. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

20.–21.04.2013 Linz 5. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

15.–16.06.2013 Linz 6. Ausbildungswochenende (Details siehe Homepage)

29.09.2012 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

24.11.2012 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

19.01.2013 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

16.03.2013 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

20.04.2013 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

15.06.2013 Linz Theorie&Praxis der Homöopathie Dr. Peter Andersch-Hartner

29.09.2012 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

24.11.2012 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

19.01.2013 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

16.03.2013 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

20.04.2013 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

15.06.2013 Linz Lehrparxis Dr. Lisbeth Preißler

07.–08.07.2012 Salzburg Supervisionsseminar mit Henny Heudens Mast (in Zusammenarbeit mit der SIH)

09.–11.11.2012 Salzburg Supervisionsseminar mit Henny Heudens Mast (in Zusammenarbeit mit der SIH)

24.–27.01.2013 Salzburg Supervisionsseminar mit Henny Heudens Mast (in Zusammenarbeit mit der SIH)

05.–07.07.2013 Salzburg Supervisionsseminar mit Henny Heudens Mast (in Zusammenarbeit mit der SIH)

05.–07.10.2012 Wien Casemanagement Angststörungen (in Zusammenarbeit mit der SIH) Tjado Galic

26.–27.10.2012 Salzburg Polaritätsanalyse Teil 1 Dr. Heiner Frei

16.–17.11.2012 Wien Wissenschaftssymposium (in Zusammenarbeit mit der SIH und ÖGHM)

08.–10.03.2013 Salzburg Die homöopathische Krebsbehandlung Dr. Alok u. Dr. R. S. Pareek

ÖGHM

28.–29.09.2012 Kärnten ÖGHM-Jahrestagung Homöopathie in der Pädiatrie

30.11.–01.12.2012 Europahaus Homöopathie beim Psychotrauma Dr. Jutta Gnaiger-Rathmanner

und Dr. Rosemarie Mayr

23.-24.02.2013 Europahaus (SR 2) Symptomenlexikon, Teil I Michael Kohl

09.–11.05.2013 Europahaus Seminar mit Dr. Dario Spinedi

22.–23.06.2013 ÖGHM Symptomenlexikon, Teil II Michael Kohl

19.–20.10.2013 ÖGHM Symptomenlexikon, Teil III Michael Kohl

SIH

24.–25.11.2012 Wien Repertorisationskurs Dr. Michael Hajek

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AUTOREN DIESER AUSGABE

Dr. Klaus Payrhuber

Karl-Wiser Straße 6 | 4020 Linz

Dr. Bernhard Zauner

Raimundstraße 10 | 4701 Bad Schallerbach

IMPRESSUM

Herausgeber und Verleger:

ÄKH - Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie

Kirchengasse 21, 5020 Salzburg; E-Mail: office@aekah.at

Redaktion und für den Inhalt verantworlich:

Dr. Klaus Payrhuber, Dr. Bernhard Zauner

Die Beiträge entsprechen der persönlichen Meinung der Autoren.

Grafik | Layout | Herstellung:

STUDIO KAPELLER KG • Agentur für Wertemarketing • www.studio-kapeller.at

www.aekh.at

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