Figuren der Referenz - Narr

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Figuren der Referenz - Narr

Christiane Krusenbaum-Verheugen

Figuren der Referenz

Untersuchungen zu Überlieferung und Komposition

der ‚Gottesfreundliteratur‘ in der Straßburger

Johanniterkomturei zum ‚Grünen Wörth‘

Bibliotheca Germanica

A. Francke Verlag Tübingen und Basel


Bibliotheca Germanica

HANDBÜCHER, TEXTE UND MONOGRAPHIEN

AUS DEM GEBIETE DER GERMANISCHEN PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN VON

HUBERT HERKOMMER, SUSANNE KÖBELE

UND URSULA PETERS

58


Christiane Krusenbaum-Verheugen

Figuren der Referenz

Untersuchungen zu Überlieferung und Komposition

der ‚Gottesfreundliteratur‘ in der Straßburger

Johanniterkomturei zum ‚Grünen Wörth‘

A. FRANCKE VERLAG TÜBINGEN

UND BASEL


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter

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© 2013 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

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Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.

Internet: www.francke.de

E-Mail: info@francke.de

Satz: Christiane Krusenbaum-Verheugen

Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen

Printed in Germany

ISSN 0067-7477

ISBN 978-3-7720-8476-8


Inhalt

Vorwort ................................................................................................................................. IX

1. Figuren der Referenz: Einleitung ............................................................... 1

1.1 Auto(r)biographie: Positionen der Forschung ........................................ 1

1.2 Textgeschichte(n): Ziele und Methoden der Studie .......................... 29

2. Zimelien der Hausliteratur und Handbücher

religiöser Gebrauchsliteratur: Die Überlieferung

der ‚Gottesfreundliteratur‘.............................................................................. 41

2.1 Methodische Vorüberlegungen................................................................... 41

2.1.1 Zur Anlage der Handschriftenbeschreibungen ................................... 41

2.1.2 Zur Einrichtung der Zitate...................................................................... 42

2.2 Memoriale: Die Überlieferung in der Straßburger Johanniterkomturei

zum ‚Grünen Wörth‘ ................................................................... 45

2.2.1 Handschriftenbeschreibungen ................................................................ 45

‚Großes deutsches Memorial‘ (A) .......................................................... 45

‚Briefbuch‘ (B) ........................................................................................... 75

‚Zweites übriggebliebenes Lateinbuch‘ (C)........................................ 129

‚Pflegermemorial‘ (d).............................................................................. 140

‚Pflegermemorial‘ (D; Abschrift d. 15. Jh.) ........................................ 153

‚Erweitertes Pflegermemorial‘ (E; Abschrift d. 18. Jh.) ................... 159

‚Erweitertes Pflegermemorial‘ (F; Abschrift d. 16. Jh.).................... 164

‚Erstes übriggebliebenes Lateinbuch‘ (G; Abschrift d. 18. Jh.) ...... 172

Das ‚Autograph‘ des ‚bch von den zwey menschen‘ (H).............. 200

Das ‚Autograph‘ des ‚bch von den nún veilsen‘ (J)........................ 209

2.2.2 Die ‚Gottesfreundliteratur‘ im Archiv der Eigengeschichte:

Handschriften als Medien institutioneller Identitätsbildung ........... 217

2.3 Textkompendien: Die Überlieferung außerhalb der

Straßburger Johanniterkomturei zum ‚Grünen Wörth‘ ................. 231

2.3.1 Die Überlieferung der Traktate des

‚Großen deutschen Memorials‘ (A)..................................................... 231

2.3.1.1 ‚Bch von dem geuangen ritter‘ ......................................... 231

2.3.1.2 ‚Bch von einre heiligen Closenerin, hies Vrsula‘ .......... 236

2.3.1.3 ‚Bch von einem egenwilligen, weltwisen manne‘ ......... 240

2.3.2 Die Überlieferung des ‚bch von den zwey menschen‘ ................... 240

2.3.3 Die Überlieferung des ‚bch von den fúnf mannen‘........................ 248

2.3.4 Die Überlieferung des ‚bch von den nún veilsen‘ .......................... 257

2.3.4.1 Volkssprachliche Fassungen .............................................. 257


VI

Inhalt

2.3.4.1.1 Die Fassung Rulman Merswins .......................................... 257

Die längere Fassung .............................................................. 257

Kurzredaktionen der Fassung Rulman Merswins ........... 267

Die Bearbeitung des Adam Walasser ................................. 272

2.3.4.1.2 Die Kurzfassung .................................................................... 274

2.3.4.2 Lateinische Fassungen .......................................................... 291

2.3.4.2.1 Übertragungen der Fassung Rulman Merswins ............... 291

2.3.4.2.2 Übertragungen der Kurzfassung......................................... 293

2.3.5 Die ‚Gottesfreundliteratur‘ im Textuniversum der Exempel:

Handschriften als Medien individueller informatio ............................. 294

2.3.5.1 Für Gottesfreunde im oberlant und niderlant:

Geographische Verbreitung und Chronologie

der Überlieferung außerhalb der Johanniterkomturei .. 294

2.3.5.2 Laikale Klosterliteratur:

Rezipientenkreise und Gebrauchsformen der

Überlieferung außerhalb der Johanniterkomturei .......... 308

2.3.5.2.1 Exempla der Reform:

Die ‚Gottesfreundliteratur‘ im Straßburger

Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in undis ............... 308

2.3.5.2.2 Anleitung zur laikalen Meditation:

Das ‚bch von den nún veilsen‘ in der

Kultur der Devotio moderna ............................................... 318

3. Textreliquien vs. Textspeicher:

Konzepte der Textualität auf dem ‚Grünen Wörth‘ ................ 323

3.1 Methodische Vorüberlegungen: Zur Anlange der

überlieferungsgeschichtlichen Untersuchung ..................................... 323

3.2 Die Tradierung der ‚Gründungsgeschichte‘........................................ 330

3.3 Die Tradierung des ‚bch von den vier ioren‘ ................................... 343

3.4 Die Tradierung des ‚bch von den fúnf mannen‘ ............................ 371

3.5 Auto(hagio)graphie und Schriftkontinuum:

Textgeschichte als Institutionengeschichte ......................................... 411

4. Ûslesen und ûsschriben: Verfahren der

Textkomposition auf dem ‚Grünen Wörth‘ ................................... 421

4.1 Methodische Vorüberlegungen: Zu literaturwissenschaftlichen

Differenzierungsversuchen von Fakten,

Fiktionen und Fälschungen ........................................................................ 421

4.2 Das ‚bch von den nún veilsen‘ – Poetik der contemplatio ............. 433

4.2.1 Überblick über die Fassungen des ‚Neunfelsenbuches‘................... 433


Inhalt

VII

4.2.2 Erweiterung und Reduktion als Mittel der Komposition:

Die volkssprachlichen Fassungen des ‚bch von

den nún veilsen‘ ....................................................................................... 438

4.2.2.1 Didaxe vs. Meditation:

Ein Vergleich der volkssprachlichen Kurz- und

Langfassung des ‚bch von den nún veilsen‘ .................. 440

4.2.2.2 Textaneigung:

Die Tradierung der Fassung Rulman Merswins ............. 463

4.3 Das ‚bch von dem meister‘ – Poetik der compilatio ........................ 486

4.4 Das ‚bch von den zwey menschen‘ –

Von der ars amicitia zur Poetik der confessio ........................................... 518

4.4.1 Phänomenologie der visio –

Artifizielles vs. authentisches Erleben ................................................ 518

4.4.2 Personalisierung und Didaktisierung –

Kopierpraxen des ‚bch von den zwey menschen‘ .......................... 531

4.4.2.1 Zeugnis der amicitia spiritualis –

Das ‚bch von den zwey menschen‘ in der

Johanniterkomturei zum ‚Grünen Wörth‘ ....................... 533

4.4.2.2 exempel der nach volgung –

Die Tradierung des ‚bch von den zwey menschen‘

in der dominikanischen Ordensreform

des 15. Jahrhunderts ............................................................ 547

4.5. Figuren der Referenz:

Das literarische Potential der ‚Gottesfreundliteratur‘..................... 567

4.5.1 Die exemplarisch-spirituelle Lektüre:

Erfahrung durch topische Referenz .................................................... 567

4.5.1.1 Ambiguität der Textsignale ................................................ 567

4.5.1.1.1 Dementi der Faktizität ......................................................... 569

4.5.1.1.2. Figuren der Referenz ............................................................ 579

4.5.1.2 Die literarische Tradition: Exempla des Erlebens

und Repräsentationen eines Heiligkeitskonzepts ........... 582

4.5.2 Die pragmatisch-historische Lektüre:

Sinnstiftung durch imaginäre Referenz............................................... 588

4.5.2.1 Das Fundament der historisch-pragmatischen

Lektüre: Das ‚Gottesfreundcorpus‘ als

Dokument einer heimelich frúntschaft .................................... 589

4.5.2.2 Sinn-Stifter .............................................................................. 594

4.5.2.3 Doppelcodierungen ............................................................... 600

4.5.2.4 Fehllektüren: Von der referenzlosen

Poetik zur referentialisierenden Lektüre ........................... 602

5. Bibliographie .......................................................................................................... 617

5.1 Quellen ................................................................................................................. 617

5.1.1 Handschriften .......................................................................................... 617

5.1.2 Inkunabeln und frühe Drucke .............................................................. 618


VIII

Inhalt

5.1.3 Textausgaben ........................................................................................... 619

5.1.3.1 Texte der ‚Gottesfreundliteratur‘........................................ 619

5.1.3.2 Weitere Texte ......................................................................... 622

5.2 Forschungsliteratur ......................................................................................... 623

6. Register ......................................................................................................................... 663

7. Bildteil ........................................................................................................................... 683

7.1 Abbildungsverzeichnis ..................................................................................... 683

7.2 Abbildungen ............................................................................................................. 1*


Vorwort

Mediävisten ist es selten vergönnt, die Welt der von ihnen untersuchten literarischen

Imaginationen am ‚eigenen Leib‘ zu erfahren; die vorliegende Studie jedoch wurde

durch eine geradezu körperliche Erkenntnis angeregt: Als die Kölner Altgermanistik

auf einer ihrer Exkursionen die Suche nach der Johanniterkomturei zum ‚Grünen

Wörth‘ – vom Straßburger Dauerregen durchnässt – ergebnislos abbrach, wurde ich

auf ein Textcorpus aufmerksam, dessen Spezifikum eben darin begründet liegt, daß

es sich auf das Erleben und Schreiben eines Autors beruft, der nie existiert hat.

Trotz der Faszination, die das literarische Rätsel ‚Gottesfreund aus dem Oberland‘

von diesem Moment an auf mich ausübte, hätte diese Arbeit ohne die Unterstützung

und Mitwirkung vieler nicht zum Abschluß gebracht werden können.

Mein größter Dank gilt Professor Hans-Joachim Ziegeler, der das Projekt von

Anfang an mit großem Wohlwollen und kritischem Rat begleitet und gefördert hat

und es verstand, mich mit seinem Vertrauen und seiner freundschaftlichen Unterstützung

gerade in den kritischen Phasen zu ermutigen. Professor Ursula Peters gab

nicht nur die entscheidende Anregung für das Thema, sondern betreute die Arbeit

auch als Korreferentin. Die für eigene Fragestellungen offene, diese konstruktiv

begleitende und allseits unterstützende Arbeitsatmosphäre, die sie über viele Jahre

zusammen mit Professor Ziegeler in der Kölner Altgermanistik erschaffen hat, war

eine unschätzbare Hilfe. Professor Wilhelm Voßkamp möchte ich herzlich danken

für das große Interesse, mit dem er und die Mitglieder seines Doktorandenkolloquiums

sich den spezifischen Problemen vormoderner geistlicher Literatur gewidmet

haben. Die intensiven Gespräche und wichtigen Anregungen aus neugermanistischer

Perspektive haben die Untersuchung sehr bereichert.

Ganz besonders verpflichtet bin ich der Bibliothèque Nationale et Universitaire

de Strasbourg, den Archives départementales du Bas-Rhin, den Archives de la Ville

et de la Communauté urbaine de Strasbourg sowie der Staatsbibliothek Berlin –

Preußischer Kulturbesitz. Ihre großzügige Genehmigung ermöglichte es mir, ihre

Handschriften einzusehen und zu untersuchen sowie sie in zahlreichen Abbildungen

in diesem Band vorzustellen. All die Bibliotheken, die mir Quellen und Materialien

aus ihren jeweiligen Beständen zukommen ließen oder mir hilfreiche Auskünfte

gaben, sowie die Fachleute, denen ich wertvolle Hinweise in interdisziplinären Fragen

verdanke, angemessen zu würdigen, ist hier leider nicht möglich. Ihr maßgebliches

Verdienst an dieser Untersuchung wird auf vielen Seiten dieser Arbeit deutlich.

Einige dürfen jedoch nicht ungenannt bleiben. Neben den Teilnehmerinnen

und Teilnehmern der Tagungen ‚Friends of God – Religious elites in the Rhineland

and the Low Countries and their literature‘ in Freiburg und Leiden sind dies: Doktor

Karin Schneider, München; Marika Ceunen, Leuven; Professor Udo Kindermann,

Köln; Doktor Christoph Mackert, Leipzig; die Universitätsbibliotheken Augsburg,

Freiburg i.Br. und Leipzig sowie die Stiftsbibliothek in St. Gallen. Der Herzog August

Bibliothek in Wolfenbüttel sei überdies für die Reproduktionserlaubnis gedankt.

Überaus dankbar bin ich den Herausgebern der Bibliotheca Germanica, Professor

Huber Herkommer, Professor Susanne Köbele und Professor Ursula Peters, für


X

Vorwort

die Aufnahme in die Reihe und den Mitarbeitern des A. Francke Verlags für die gute

Zusammenarbeit.

Mein herzlicher Dank richtet sich auch an Doktor Christian Seebald für die jahrelange

freundschaftliche Zusammenarbeit und zahlreiche anregende und aufmunternde

Gespräche. Die unschätzbaren Mühen des Korrekturlesens haben Reinhold

Katers und Susanne Borgards auf sich genommen.

Ohne den vielfältigen Beistand meiner Familie schließlich hätte dieses Buch nicht

entstehen können: Mein Mann Sven und zuletzt auch unsere Tochter Anne-Sophie

schenkten mir Geduld; bei meinen Eltern fand ich jederzeit Verständnis, Aufmunterung

und bedingungslose Unterstützung – so viel mehr, als hier zu sagen ist. Ihnen

sei diese Arbeit gewidmet.

Die Untersuchung wurde im Wintersemester 2009 von der Philosophischen

Fakultät der Universität zu Köln als Dissertation angenommen. Sie wurde für den

Druck gekürzt und überarbeitet, die Literaturaufnahme war jedoch 2009 abgeschlossen

und später erschienene Titel konnten leider nur noch punktuell in die Studie

einbezogen werden.

Köln, im September 2012

C.K.


1. Figuren der Referenz: Einleitung

1.1 Auto(r)biographie: Positionen der Forschung

Die sog. ‚Gottesfreundliteratur‘, 1 die in der Straßburger Johanniterkomturei zum

‚Grünen Wörth‘ zwischen 1352 und 1402 entstand, 2 gilt in der mediävistischen Forschung

gemeinhin als eines der „außergewöhnlichsten, wenn auch nicht literarisch

bedeutsamsten Phänomene im Umfeld der deutschen Mystik“, 3 da sich die 23 Texte

der Sammlung nicht durch ihre „literarische Eigenständigkeit“ oder „spirituelle Originalität“

auszeichneten, 4 sondern allein durch ihre spezifische Autorkonzeption:

Der Gottesfreund aus dem Oberland, welcher in den zehn tradierten Handschriften

der Johanniter nicht nur als einer der Stifter der Komturei, sondern auch als Autor

der Mehrzahl der Traktate, Viten und Mirakelerzählungen benannt und z.T. als ihr

Protagonist figuriert wird, müsse aufgrund der widersprüchlichen Angaben zu seiner

Vita als „Erfindung und Mystifikation“ 5 bewertet werden; bei den „namhaftesten

Werken“ des Corpus handele es sich folglich um nicht mehr als „Redigierungen und

Neugestaltungen fremder und zur Hauptsache anonymer mystischer Texte“, 6 deren

„Bedeutsamkeit“ 7 für die Literaturgeschichtsschreibung sich in der Kuriosität einer

literarischen Fälschung – der Suche nach ihrem Urheber sowie der Identifikation ihrer

Funktion – erschöpfe. Diese Bewertung als ‚Sonderfall‘, welcher „abstrus und

zugleich einfältig“ anmuten mag, 8 ist dabei doppelt – durch Charakteristika des

1

Der Begriff ‚Gottesfreundliteratur‘ wird im Anschluß an die von Strauch vorgenommenen Editionen

der „Schriften aus der Gottesfreund-Literatur“ ausschließlich auf die in der Straßburger Komturei

überlieferten Texte bezogen, jedoch gleichermaßen auf jene Werke, die in den Handschriften Rulman

Merswin zugeschrieben werden, als auch auf die Schriften, deren postulierter Autor der Gottesfreund

aus dem Oberland ist. Texte anderer Provenienz, in denen die aus der aristotelisch-thomistischen

Tradition hervorgegangene Idee der Gottesfreundschaft ebenfalls diskutiert wird, werden in die folgende

Analyse nur am Rand einbezogen, da Egenter nachweisen konnte: „Daß die Idee der Gottesfreundschaft

Grundlage und Motiv der deutschen Gottesfreunde gewesen sei, wird man rundweg

verneinen müssen“ (Richard Egenter, Die Idee der Gottesfreundschaft im vierzehnten Jahrhundert,

in: Albert Lang, Joseph Lechner und Michael Schmaus [Hgg.], Aus der Geisteswelt des Mittelalters:

Studien und Texte. Martin Grabmann zur Vollendung des 60. Lebensjahres von Freunden und Schülern

gewidmet, 2 Bde, Münster 1935 [Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des

Mittelalters, Supplement 3], Bd. 2, S. 1021–1036, hier S. 1031f.; vgl. auch: ders., Gottesfreundschaft.

Die Lehre von der Gottesfreundschaft in der Scholastik und Mystik im 12. und 13. Jahrhundert,

Augsburg 1928).

2

Vgl. den z.Z. übersichtlichsten Zugang zum Komplex der Straßburger ‚Gottesfreundliteratur‘: Georg

Steer, Merswin, Rulman, in: 2 VL Bd. 6 (1987), Sp. 420–442, sowie Johannes Janota, Straßburger Gottesfreunde,

in: ders., Vom späten Mittelalter zum Beginn der Neuzeit. Teil 1: Orientierung durch

volkssprachliche Schriftlichkeit (1280/90–1380/90), Tübingen 2004 (Geschichte der deutschen Literatur

von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, hg. von Joachim Heinzle, Bd. III, 1), S. 129–

140.

3

Ulla Williams, Merswin, Rulman, in: Walther Killy (Hg.), Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher

Sprache Bd. 8 (1990), S. 124f., hier S. 124.

4

Georg Steer, Merswin, Rulman, Sp. 438.

5

Ibid., Sp. 437.

6

Ibid., Sp. 438.

7

Ibid.

8

Johannes Janota, Straßburger Gottesfreunde, S. 140.


2

Figuren der Referenz: Einleitung

Textcorpus selbst sowie durch die an ihm erprobte literaturwissenschaftliche Praxis

– motiviert. Zunächst verschließen sich die überlieferten Texte einem einfachen interpretatorischen

Zugriff, da ihr Status als ‚Hausliteratur‘, 9 die für den ‚Grünen

Wörth‘ geschaffen wurde und zumeist auch dort verblieb, einen verläßlichen Überblick

über die Überlieferungslage erschwert: Die Schriften sind in einer Reihe von

‚Memorialen‘ tradiert, deren Funktion es war, die memoria an die Geschichte der

Komturei, an ihren vom Stifter durchgesetzten rechtlichen Status sowie an ihre spirituellen

Grundlagen für die verschiedenen laikalen und klerikalen Gruppen in der

Gemeinschaft des ‚Grünen Wörth‘ festzuhalten. Aus dieser nach Rezipientengruppen

differenzierten Anlage der Handschriften resultieren zahlreiche Rück- und

Querverweise sowie Überschneidungen im Textbestand der Codices, durch welche

die Überlieferungssituation – trotz ihrer lokalen Konzentration – nur schwer zu

durchschauen und die gegenseitige Abhängigkeit der Handschriften allein mit Hilfe

der in ihnen gegebenen Informationen erschlossen werden kann. Die in den Manuskripten

postulierte Textgeschichte, welche die enge Beziehung der Exempla, Traktate

und Briefe zur Straßburger Institution ausweist, wird jedoch durch erste textkritische

Untersuchungen ‚unter Verdacht‘ gestellt, d.h. als nachträgliche Vereinnahmung

anonymer Vorlagen, als Fälschung bewertet; die in den Codices gegebene Textgeschichte

kann daher nicht als zuverlässiger Wegweiser durch den Überlieferungskomplex

dienen. Über die Behinderung eines zuverlässigen Überlieferungsbefundes

hinaus trägt der problematische Status der paratextuellen Rahmen zwischen Fälschung

und Fiktion maßgeblich zu der in der neueren Forschung stets betonten Einzigartigkeit

des Textcorpus bei: Die in Neben- und Haupttext der Handschriften gegebenen,

ausführlichen Beschreibungen der Genese der ‚Gottesfreundliteratur‘ präsentieren

nicht allein den historisch verbürgten Patrizier, reichen Kaufmann und

Stifter der Johanniterkomturei Rulman Merswin (wahrscheinlich 1307–1382) als Autor

von sechs Texten der Sammlung; 17 Schriften werden darüber hinaus dem Gottesfreund

aus dem Oberland zugeschrieben, der sich trotz seiner detaillierten Figuration

einer Identifikation entzog und somit als eine Mystifikation bewertet werden

mußte, die entweder von Rulman Merswin selbst oder seinem Vertrauten, dem

Priester, Redaktor und Schreiber einer Reihe von Handschriften, Nikolaus von Löwen,

geschaffen wurde. Diesen überlieferungsgeschichtlichen wie produktionsästhetischen

Spezifika des Corpus – einer durch ein beziehungsreiches Kopier- und Verweissystem

bedingten, undurchsichtigen Überlieferungslage und einer diffizilen, nach

modernen Maßstäben ‚falsifikatorischen‘ Autorkonzeption – sucht die germanistische

Philologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aus der nahezu die gesamte

Forschungsliteratur zu Rulman Merswin und dem Gottesfreund aus dem Oberland

stammt, mit ihrer paradigmatischen Leseanweisung zu begegnen und reduziert hierdurch

die Textsammlung auf eine eindimensionale Fragestellung: Der biographischen

Lektüre verpflichtet, setzt die Forschung zur ‚Gottesfreundliteratur‘ die Historizität

der Texte voraus und sieht ihre Aufgabe in einem Sammeln von Informationen

anhand der „hermeneutischen Suchregel“ Autor, d.h., sie untersucht jeden Text

9

Georg Steer, Merswin, Rulman, Sp. 438.


Auto(r)biographie: Positionen der Forschung 3

auf seinen „biographen Belegcharakter“ 10 hin und integriert jedes Textelement in

eine nachträglich zu rekonstruierende Autorvita. Auf der Basis unzureichender, da

die Überlieferung nur begrenzt beachtender Editionen beschränkt sich die Forschung

so entweder darauf, den Gottesfreund aus dem Oberland zu identifizieren,

oder Rulman Merswin bzw. Nikolaus von Löwen als den ‚betrügerischen‘ Erfinder

dieses Gottesfreundes aufzuzeigen.

Aufgrund des skizzierten engen Bezugs zwischen den bisher an den Komplex

der ‚Gottesfreundliteratur‘ herangetragenen Fragestellungen und der spezifischen

Problematik dieses Textcorpus erscheint es angebracht, die intensiven, mittlerweile

150 Jahre andauernden Bemühungen der Forschung um diese Schriften am Anfang

dieser Arbeit zu skizzieren. Trotz aller Meriten der Forschungsbeiträge, ohne deren

Vorarbeiten die in mancher Hinsicht einzigartige Stellung der für den ‚Grünen

Wörth‘ geschriebenen Literatur kaum erkannt wäre, gelingt es ihnen nicht, den äußerst

vielschichtigen Überlieferungskomplex durchsichtig zu machen. Der im folgenden

gegebene Forschungsüberblick zielt daher nicht auf eine detaillierte Wiedergabe

jeder einzelnen Forschungsposition in ihrem engen diskursiven Bezug zu anderen

Beiträgen, sondern will zum einen die bisherigen Erkenntnisse über den Gegenstand

der Arbeit und die ihm inhärenten Schwierigkeiten vorstellen, zum anderen

den Grund für das weithin ungenügende Textverständnis der Forschung analysieren,

um den eigenen methodischen Ansatz zu gewinnen.

Die chronologisch erste, 11 die Forschung Jahrzehnte dominierende Auseinandersetzung

mit dem Corpus erfolgt in zahlreichen Studien von Charles/Karl Schmidt,

welcher die Texte als historische Dokumente begreift, deren z.T. anonyme Figuren

identifiziert und historisch kontextualisiert werden müßten. Durch die Vermutung,

Rulman Merswin sei der Verfasser des ‚bch von den nún veilsen‘, 12 auf die Gottesfreundbewegung

aufmerksam geworden, entwirft Schmidt 1841 mit „patriotische[r]

Verehrung fr Tauler“ 13 die Lebensgeschichte des Predigers und überträgt die im

‚bch von dem meister‘ dargestellte Bekehrung eines Priesters durch einen Laien auf

die Biographie des Dominikaners, da die „in der historia enthaltenen Predigten“

zahlreiche, wenn auch von Schmidt nicht näher benannte Parallelen zu den „als cht

anerkannten“ Predigten Taulers aufwiesen. 14 Aufgrund der Lokalisierung der Handlung

glaubt Schmidt auch die zweite Hauptfigur des ‚Meisterbuchs‘ – den nicht genauer

bezeichneten Laien – historisch verifizieren zu können: Da die Bekehrung

10

Jost Hermand, Geschichte der Germanistik, Hamburg 1994, S. 67.

11

Vor Schmidts Arbeiten werden die Gottesfreunde lediglich in Bezug auf die Geschichte des „religiösen

Volkslebens“ im Mittelalter in den Blick genommen (vgl. Timotheus Wilhelm Röhrich, Die Gottesfreunde

und die Winkeler am Oberrhein. Ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen Volkslebens in

dem Mittelalter, in: Zeitschrift für die historische Theologie 10 [1840], S. 118–161).

12

Carl Schmidt, Ueber den wahren Verfasser des dem Mystiker Suso zugeschriebenen Buches von den

neun Felsen, in: Zeitschrift für die historische Theologie 9 (1839), S. 61–66. Obwohl Schmidt „den

wahren Verfasser mit völliger Gewissheit anzugeben“ verspricht (S. 62), bleibt sein einziger Nachweis

für die These, Rulman Merswin sei der Autor des ‚bch von den nún veilsen‘, die redaktionelle Zuschreibung,

die in den ‚Erweiterten Pflegermemorialen‘ vorgenommen wird (vgl. ibid., S. 64).

13

Carl Schmidt, Johannes Tauler von Straßburg. Beitrag zur Geschichte der Mystik und des religiösen

Lebens im vierzehnten Jahrhundert, Hamburg 1841 [Unveränderter Neudruck Aalen 1972], S. VIII.

14

Ibid., S. 25, Anm. 8 [S. 27].


4

Figuren der Referenz: Einleitung

nicht wie bislang angenommen in Köln, sondern in Straßburg stattgefunden habe,

handele es sich bei dem im ‚Meisterbuch‘ im Unbestimmten gelassenen, „30 Meilen

(Stunden)“ entfernten Wohnort des Laien um Basel, 15 wodurch der Gottesfreund

aus dem Oberland als Nicolaus von Basel identifiziert werden könne, „welcher gegen

Ende des vierzehnten Jahrhunderts in Frankreich [recte in Wien] als Ketzer verbrannt

worden ist“. 16 Da Schmidt auch in der im Anhang gegebenen ‚Lebensgeschichte‘

des Gottesfreundes aus dem Oberland 17 – nichts anderes als eine Kompilation

aus „verschiedene[n] noch unbenutzte[n] Documenten“, 18 genauer den in der

Johanniterkomturei tradierten ‚Viten‘ des Gottesfreundes und der ‚Sentenz gegen

Martin von Mainz‘, den ‚Jünger‘ des Nicolaus von Basel 19 – keine Begründung für

diese Gleichsetzung gibt, beruht sein Identifikationsvorschlag ausschließlich auf

„Combinationen und Suppositionen“: 20 Während Schmidt die Konkretisierung des

Laien als Gottesfreund aus dem Oberland der Straßburger Überlieferung entnehmen

kann, stützt er die Charakterisierung als waldensischen Häretiker allein auf die Lokalisierung

der Handlung des ‚Meisterbuchs‘ in Straßburg und Basel, wozu er wiederum

gelangt war, weil er Tauler und Nicolaus von Basel als die Hauptfiguren des

Textes ausmachte. 21 Schmidts Identifikation beruht folglich auf einer Petitio principii;

dennoch leistet seine Untersuchung eine „Fixierung des großen Gottesfreundes

im Oberland“, 22 die er in ‚Die Gottesfreunde im vierzehnten Jahrhundert‘ (1854)

und ‚Nicolaus von Basel und die Gottesfreunde‘ (1856), 23 welche nur in Nuancen

voneinander abweichen, ohne eine ausführlichere Erklärung wiederholt. Obwohl die

Monographie zu den Gottesfreunden durch eine „unlängst wieder aufgefundene

Handschrift“, 24 das ‚Briefbuch‘, motiviert ist und Schmidt diesen „merkwürdigen

Codex“ nutzen will, um „das früher über die Gottesfreunde Gesagte theils zu ver-

15

Ibid.

16

Ibid., S. 28; vgl. ebenso: Charles Schmidt, Plaintes d’un Laïque allemand du quatorzième siècle sur la

Décadence de la Chrétienté, opuscule publié pour la première fois à l’occasion du quatrième anniversaire

de l’invention de l’imprimerie d’après un manuscrit de la bibliothèque de la ville de Strasbourg,

Straßburg 1840, Notice (o.S.). Schmidts Vermutung, Nicolaus von Basel sei in Vienne in der Diözese

Poitiers von der Inquisition verurteilt worden, beruht auf einem Fehler in dem Schmidt zunächst ausschließlich

vorliegenden Druck von Niders ‚Formicarius‘. Dort heißt es: Wiennae in pictaviensi diocesi.

Mit Hilfe der Handschriften in Göttweig, Melk und Straßburg konnte Denifle jedoch in pataniensi

korrigieren (Heinrich Seuse Denifle, Das Leben der Margaretha von Kentzingen. Ein Beitrag zur Geschichte

des Gottesfreundes im Oberland, in: ZfdA 19 [1875], S. 478–491, hier S. 490, Anm. 1).

17

Carl Schmidt, Johannes Tauler von Straßburg, S. 191–208.

18

Ibid., S. VI.

19

Ibid., S. 237–240.

20

Carl Schmidt, Johannes Tauler von Straßburg, S. VII.

21

Vgl. auch: John Bernhard Dalgairns, The German mystics of the fourteenth century, London 1858

(wieder in: Dublin Review 44 [1858]), S. 17.

22

Gottfried Fischer, Geschichte der Entdeckung der deutschen Mystiker Eckhart, Tauler und Seuse im

XIX. Jahrhundert, Freiburg/Schw. 1931, S. 66.

23

Carl Schmidt, Die Gottesfreunde im vierzehnten Jahrhundert. Historische Nachrichten und Urkunden,

Jena 1854 (Beiträge zu den theologischen Wissenschaften 5); Karl Schmidt, Nicolaus von Basel

und die Gottesfreunde, in: Basel im XIV. Jahrhundert. Geschichtliche Darstellungen zur

5. Säcularfeier des Erdbebens am S. Lucastage 1356, hg. von der Basler historischen Gesellschaft, Basel

1856, S. 253–302.

24

Carl Schmidt, Die Gottesfreunde im vierzehnten Jahrhundert, S. 3.


Auto(r)biographie: Positionen der Forschung 5

vollständigen theils zu berichtigen“, 25 modifiziert er seine erste Veröffentlichung

nicht im Grundsatz, sondern verzichtet – angeregt durch Gieselers Kritik 26 – allein

auf die Differenzierung zwischen den „kirchlichen“ Gottesfreunden um Tauler und

Merswin und jenen (von Nicolaus von Basel geführten) „waldensischen“ Amici Dei. 27

Der Gewinn der neuen Studien Schmidts lag somit ausschließlich in den Textbeilagen,

die Auszüge aus den Handschriften des ‚Grünen Wörth‘ zum ersten Mal

kenntlich machten. Leider geben sie den Textverlauf teilweise ungenau wieder und

isolieren die Texte durch ein „gelegentliches, dilettantisches Herausgreifen aus einer

beliebig [...] zu verwendenden Handschriftenmasse“ 28 aus dem Überlieferungszusammenhang

der ‚Hausliteratur‘, so daß die Editionen „wissenschaftlich-kritisch[en]“

Maßstäben nicht genügen. 29

Erst mit der Wiederentdeckung des ‚Großen deutschen Memorials‘ 30 wird die

Zuordnung des anonymen Gottesfreundes aus dem Oberland an eine historisch verifizierte

Person in ‚Nicolaus von Basel. Leben und ausgewählte Schriften‘ (1866)

differenzierter begründet und durch die Präsentation im Genre der Biographie, das

dem Postulat der Historizität unterliegt, diskursintern etabliert. Schmidt sucht seine

„vollständigere und treuere Darstellung von des Nicolaus Leben und Treiben“ 31

durch drei Argumente zu plausibilisieren. Ausgangspunkt der zu beweisenden Identität

des Gottesfreundes mit Nicolaus ist ein übereinstimmendes Element in ihrer spirituellen

Lehre. Ein Grundgedanke der ‚Gottesfreundliteratur‘, die Unterwerfung des

eigenen Willens unter die Führung des Gottesfreundes, könne auch in der ‚Sentenz

gegen Martin von Mainz‘ – der einzigen Quelle, in der Nicolaus von Basel namentlich

erwähnt wird – nachgewiesen werden: Der Hauptvorwurf, den die Kölner Inquisition

1393 gegen den Benediktiner erhob, bestand darin, er habe sich dem Laien

an Gottes Statt unterworfen (funditus te submisisti ). 32 In dieser übereinstimmenden

Abweichung von traditionellen Glaubensinhalten erkennt Schmidt einen Beleg für

die Identität der „Personen“ 33 und kann postulieren: „Aus der Biographie des

Nicolaus wird man ersehn, dass auch die meisten übrigen, dem Benediktiner vorgeworfenen

Sätze zu den Ansichten der Gottesfreunde gehören.“ 34 Die aufgrund der

inhaltlichen Übereinstimmung erschlossene Identität des Protagonisten der ‚Gottesfreundliteratur‘

erlaubt es Schmidt in einem zweiten Schritt, die Texte, die in der Johanniterkomturei

entstanden, als „Hauptquellen“ 35 für seine Biographie des

Nicolaus von Basel zu nutzen: Auch wenn „des Gottesfreundes Name [...] weder in

seinen eigenen Schriften, noch in den Urkundenbüchern des Grünen Wörths, noch

25

Ibid.

26

Johann Carl Ludwig Gieseler, Lehrbuch der Kirchengeschichte. 4., neu durchgearbeitete Auflage,

6 Bde, Bonn 1844–1855, Bd. 2, T. 2 (1848), S. 251.

27

Carl Schmidt, Die Gottesfreunde im vierzehnten Jahrhundert, S. 7.

28

Gottfried Fischer, Geschichte der Entdeckung der deutschen Mystiker, S. 77.

29

Ibid., S. 67, Anm. 7.

30

Karl Schmidt, Nicolaus von Basel. Leben und ausgewählte Schriften, Wien 1866, S. VIIf.

31

Ibid., S. VI.

32

Ibid., S. XIV.

33

Ibid.

34

Ibid.

35

Ibid., S. VI.


6

Figuren der Referenz: Einleitung

in den Tractaten Rulmann Merswins jemals genannt“ werde, 36 weise das einheitliche

Werkniveau Nicolaus von Basel nicht nur als den Verfasser jener Texte aus, in denen

die Idee einer vollständigen Unterwerfung unter einen spirituellen Führer artikuliert

werde, vielmehr erlaubten es die stilistischen Übereinstimmungen zwischen den

Texten, alle Traktate „als Quellen der Geschichte des Nicolaus“ 37 zu nutzen. Mit

Hilfe dieser (lediglich durch ein wiederholtes Motiv des mystischen Diskurses verbundenen)

breiteren Textbasis verfaßt Schmidt unter Ausnutzung seiner „Monopolstellung“

38 im Zugang zu den Handschriften eine ausführliche Biographie des

Nicolaus von Basel, „die er aus der – eigentlich erst zu beweisenden – Identität [...

mit dem] Gottesfreund[ ] aus dem Schrifttum der Johanniter [...] konstruiert“, 39 d.h.,

er selektiert alle relevanten Informationen mit Hilfe der Regel der Kohärenz und

verbindet sie „romanhaft[ ]“ 40 – dem Erzählmuster der Biographie entsprechend –

zu einer Lebensgeschichte. 41 Alle Elemente, die dieser narrativen Struktur nicht entsprechen,

werden entweder auf die ideologisch gefärbten, da inquisitorischen Quellen

42 oder auf die Zeit, „wo die Herrschaft der Phantasie so mächtig war, und wo

man den Glauben an Wunder [...] überall so zu sagen mit der Luft einathmete“, 43 zurückgeführt,

als nicht authentisch erklärt und folglich nicht berücksichtigt.

Der durch die Suggestionskraft der Biographie plausibilisierte Identifikationsvorschlag

wird zuletzt mit Hilfe einer Einordnung in die Kirchengeschichte festgeschrieben:

Indem Schmidt auf eine Notiz in Johannes Niders ‚Formicarius‘ verweist,

die davon berichtet, ein Laie namens Nicolaus sei kurz vor dem Konzil in Pisa aufgrund

der Verbreitung der Lehre der Begharden als Ketzer verbrannt worden, 44 rubriziert

er das Textcorpus als kirchenpolitisch brisantes Dokument einer antiinstitutionellen

Laienfrömmigkeit und kanonisiert somit das historisch-biographische

Deutungsmuster der ‚Gottesfreundliteratur‘.

Die Reaktion der Forschung auf diese Fixierung verläuft in zwei Schritten. Im

ersten wird die These Schmidts, meist ohne weitere Untersuchung, 45 weitgehend

übernommen und einer sekundären, konfessionellen Interpretation unterzogen. Die

Untersuchungen der ‚Gottesfreundliteratur‘, die eine konfessionelle Kategorisierung

der Lehren des Gottesfreundes anstreben, sind maßgeblich durch das vorherr-

36

Ibid., S. XIV.

37

Ibid., S. VI.

38

Gottfried Fischer, Geschichte der Entdeckung der deutschen Mystiker, S. 77.

39

Markus Baumann, Das ‚Meisterbuch‘ des Rulman Merswin. Textgeschichte und Teiledition, Diss.

[masch.] Eichstätt 1992 [Mikrofiche-Ausg. ca. 1996], S. 40.

40

Gottfried Fischer, Geschichte der Entdeckung der deutschen Mystiker, S. 64.

41

Karl Schmidt, Nicolaus von Basel. Leben und ausgewählte Schriften, S. 3–57; ders., Die Gottesfreunde

im vierzehnten Jahrhundert, S. 17–32.

42

Die Inquisition hat die Lehre des Nicolaus „theils falsch verstanden, theils absichtlich verfälscht“

(Karl Schmidt, Nicolaus von Basel und die Gottesfreunde, S. 207).

43

Ibid., S. XIII.

44

Ibid.

45

Gottfried Fischer, Geschichte der Entdeckung der deutschen Mystiker, S. 19. So z.B. bei:

U. G. Rudelbach, Christliche Biographie. Lebensbeschreibungen der Zeugen der christlichen Kirche

als Bruchstücke zur Geschichte derselben, Leipzig 1850, S. 203–209; Joseph Bach, Meister Eckhart,

der Vater der deutschen Speculation. Als Beitrag zu einer Geschichte der deutschen Theologie und

Philosophie der mittleren Zeit, Wien 1864, S. 155–158.


Auto(r)biographie: Positionen der Forschung 7

schende interpretatorische Paradigma der G e i s t e s wissenschaft im 19. Jahrhundert

zu erklären: Im „heiligen protestantischen Reich deutscher Nation“ 46 dient die

Beschäftigung mit dem Spätmittelalter der Konstruktion einer organischen Entwicklung

des deutschen Volksgeistes, die den Bruch zwischen Mittelalter und Renaissance

aufzuheben versucht: „Die Wurzeln des (deutschen) 16. Jahrhunderts sind danach

nicht in Italien und der Antike, sondern im deutschen Spätmittelalter zu suchen.“

47 Dies gelingt, indem die Antike nicht als historische Epoche verstanden,

sondern als eine Geisteshaltung definiert wird, die durch eine harmonische Verbindung

von Freiheit und Gesetz geprägt sei. Insofern der Protestantismus als „ein

Evangelium der Freiheit, die mit dem Gesetz zusammenstimmt“, charakterisiert

werden könne, manifestiere sich diese Idee auch in der Reformation, die so als

„deutsche Klassik“ gedeutet wird. 48 Aufgrund der prominenten Position der Reformation

in der literaturwissenschaftlichen Forschung versuchen Untersuchungen

mystischer Texte, diese in die Tradition der Reformation einzubinden. So zielen viele

der nach Schmidts Interpretation vorgelegten Studien darauf, die Gottesfreunde als

„Reformatoren vor der Reformation“ 49 zu erweisen. Die Verfolgung des Nicolaus

von Basel durch die Inquisition wird in diesem Zusammenhang zum maßgeblichen

Argument: „Die hauptsächlichsten Aeusserungen nun dieses reformatorischen Lebensprincipes,

die nachdrücklichsten Protestationen noch vor dem Protestantismus

treten uns entgegen in dem zahlreichen buntgemischten Heere der ketzerischen Secten

des Mittelalters.“ 50 Obwohl die Gottesfreunde die „Kirche nicht verläugnen[ ]

und nicht von der Kirche verstossen[ ]“ 51 würden, träten sie in die Nähe „reformatorischer

Ketzerei“, 52 deren Anliegen – die „Wiederherstellung des Urchristenthums

46

Karl Kupisch, Zwischen Idealismus und Massendemokratie. Eine Geschichte der evangelischen Kirche

in Deutschland von 1815–1945, Berlin 1955, S. 85.

47

Thomas Cramer, Geistesgeschichte und Spätmittelalter, in: Christoph König und Eberhard Lämmert

(Hgg.), Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925, Frankfurt/M. 1993, S. 58–72, hier

S. 60.

48

Ibid., S. 61.

49

Karl Ullmann, Reformatoren vor der Reformation, vornehmlich in Deutschland und den Niederlanden,

2 Bde, Bd. II: Die positiven Grundlagen der Reformation auf dem populären und wissenschaftlichen

Gebiete. Johannes Wessel, der Hauptrepräsentant reformatorischer Theologie im 15ten Jahrhundert;

nebst den Brüdern vom gemeinsamen Leben, namentlich: Gerhard Groot, Florentius Radewins,

Gerhard Zerbolt und Thomas von Kempen; und den deutschen Mystikern: Ruysbroek, Suso,

Tauler, dem Verfasser der deutschen Theologie und Staupitz in ihrer Beziehung zur Reformation,

Gotha 2 1866.

50

Wilhelm Wackernagel, Die Gottesfreunde in Basel. Oeffentlicher Vortrag, gehalten am 1. Merz 1842,

in: Beiträge zur vaterländischen Geschichte 2 (1843), S. 111–163, wieder in: ders., Kleinere Schriften,

3 Bde, Leipzig 1872–1874, Bd. 2: Abhandlungen zur deutschen Literaturgeschichte, Leipzig 1873,

S. 146–188, hier S. 146.

51

Ibid., S. 161; Wackernagel wiederholt diese Einschätzung der Gottesfreunde in: ders., Geschichte der

deutschen Litteratur. Ein Handbuch, Basel 1848 (Deutsches Lesebuch, 4. Theil: Handbuch der Litteraturgeschichte),

S. 334f.; Altdeutsche Predigten und Gebete aus Handschriften gesammelt und zur

Herausgabe vorbereitet von Wilhelm Wackernagel. Mit Abhandlungen und einem Anhang, Basel

1876, S. 381–383.

52

Wilhelm Wackernagel, Die Gottesfreunde in Basel, S. 161.


Die Studie widmet sich mit der Straßburger ‚Gottesfreund -

literatur‘ einem Komplex spätmittelalterlicher geistlicher

Schriften, dessen literarhistorische Bedeutung von der mediävistischen

Forschung auf die Kuriosität der ‚Fälschung‘

der Autorfigur ‚Gottesfreund aus dem Oberland‘ reduziert

wurde. Im Gegensatz zur bislang praktizierten Suche nach

dem Urheber der Mystifikation fragt die Arbeit grundlegend

danach, inwiefern die Kategorie der ‚Fälschung‘ dem zeitgenössischen

Verständnis des Textcorpus entspricht, d.h.,

welches Konzept von Autorschaft, Original und Authentizität

für die ‚Gottesfreundliteratur‘ konstitutiv ist. Als

Schlüssel zu den diskursiven Grundlagen der Texte dient

deren Überlieferung: Neben der detaillierten Beschreibung

der Codices des ‚Grünen Wörth‘ sowie einem Überblick

über die Tradierung außerhalb der Johanniterkomturei wird

eine textkritische Untersuchung und literaturwissenschaftliche

Analyse der Kompositionsverfahren zentraler Texte der

Sammlung vorgenommen, welche im vormodernen Status

von Textualität und in der Geltung von Literatur in einer

Institution die Konstituierungsbedingungen für die differentia

specifica der ‚Gottesfreundliteratur‘, das Oszillieren zwischen

Faktizität und Fiktionalität, rekonstruieren kann.

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