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2006 Ostern - Nikolaus - Cusanus - Haus

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2006 Ostern - Nikolaus - Cusanus - Haus

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Nikolaus-

Cusanus-Haus

Freies Altenheim e.V.

Lebensgemeinschaft im Alter

Hauszeitung



6 Jahre

“Wohnzimmer”

Frost-Kristallisation

Ostern 2006


2

Hauszeitung

INHALT:

Seite

Aktuelles in Kürze aus dem NCH ................................................................. 5

Grundkurs „Anthroposophische Pflege“ .................................................. 7

Sechs Jahre „Wohnzimmer“ ............................................................................ 10

Das Heilige Blut ..................................................................................................... 14

Fortbildung für Mitarbeiter in der Altenpflege ... ............................... 18

Spuren im Schnee ... ............................................................................................ 21

Veranstaltungen ..................................................................................................... 22

„Echo“ aus unserem Kulturleben ................................................................. 24

Leben kristallisiert zu Bildern ....................................................................... 34

Der Markt kann sich nicht aussprechen ................................................... 38

Jeder Kauf eine Bestellung .............................................................................. 41

Wie Birkach zu seiner Kirche kam ............................................................. 44

Neue Bücher in unserer Bibliothek ............................................................. 46

Die Sache .................................................................................................................. 48

Herausgeber: NIKOLAUS-CUSANUS-HAUS,

Freies Altenheim e.V., Lebensgemeinschaft im Alter,

Törlesäckerstraße 9, 70599 Stuttgart-Birkach

Telefon 0711 / 45 83 - 0

Auflage Nr. 43: 820

Redaktion: Stefanie Heckle, Annedore Hennig, Andrea Nickel,

Ursula Schütt, Heinz Bollinger, Sören Hirning,

Eckehard Rauch

Für die Beiträge unserer Bewohnerinnen und Bewohner

danken wir herzlich.

Spendenkonto: Nr. 100 555 004 Volksbank Esslingen (BLZ 61190110)


Ostern 2006

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O S T E R N

Das Mysterium zu Ephesus

Weltentsprossenes Wesen, du in Lichtgestalt,

Von der Sonne erkraftet in der Mondgewalt,

Dich beschenket des Mars erschaffendes Klingen

Und Merkurs gliedbewegende Schwingen,

Dich erleuchtet Jupiters erstrahlende Weisheit

Und der Venus liebetragende Schönheit –

Daß Saturns weltenalte Geist-Innigkeit

Dich dem Raumessein und Zeitenwerden weihe!

Rudolf Steiner


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Hauszeitung

Sehr verehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

viel ist in den vergangenen Monaten über die sogenannte Föderalismusreform gesprochen

worden. Nach jahrelangen Verhandlungen haben sich Bund und Länder im

Februar nunmehr auf die größte Verfassungsreform seit 1949 verständigt, die - bei

zügiger Beratung - im Bundestag und im Bundesrat noch vor der Sommerpause verabschiedet

werden könnte. Ziel und damit Kern der Reform ist, dass die Länder Zustimmungsrechte

im Bundesrat abgeben, im Gegenzug aber mehr eigene Zuständigkeiten

erhalten. Damit soll die Gesetzgebung künftig erheblich beschleunigt und

gegenseitige Blockaden von Bundestag und Bundesrat ausgeschlossen werden.

So weit, so gut, könnte man sagen, wenn mehr Zuständigkeiten für die Länder teilweise

nicht höchst problematisch wären. So ist beispielsweise die Verlagerung von

Bildungskompetenzen ebenso umstritten wie die geplante Föderalisierung des Heimgesetzes.

Völlig zu Recht gibt es im gesamten Bereich der Medizin keinerlei gesetzliche

Bestimmungen, die nur landesweit Gültigkeit haben. Für Pflege und Betreuung

muss auch weiterhin dasselbe gelten. Sowohl das Heimgesetz wie das SGB XI (Pflegeversicherungsgesetz)

enthält Vorgaben für die Qualität der Betreuung und Pflege

in Einrichtungen. Es ist schwer vorstellbar, wie sich ein Auseinanderreißen der Zuständigkeiten

und eine Verteilung auf Bund und Länder auf die Qualität auswirken

sollen. Welche Standards sollen dann gelten? Die des Bundes oder die der Länder?

Übrigens werden bereits heute auf Länderebene zunehmend seitens der Sozialhilfeträger

bisher gesicherte Qualitätsstandards infrage gestellt. Es besteht somit die

Gefahr, dass es künftig zu einer Standarddefinition unter dem alleinigen Gesichtspunkt

der jeweiligen Finanzlage und damit zu einem Qualitätsdumping kommt.

Ganz abgesehen davon, dass eine Zersplitterung des Heimrechts bei unterschiedlicher

Heimgesetzgebung von 16 Bundesländern zu erheblich mehr Bürokratie führen

würde, sind die vorrangigen Interessen der HeimbewohnerInnen bisher überhaupt

nicht angesprochen und erfragt worden. Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge

spricht leider viel dafür, dass sich ihre Position in Zukunft verschlechtern wird. So

bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass bei Bund und Ländern mit dem Frühling auch

die Einsicht wächst, dass ein „verfassungspolitischer Kompromiss zu Lasten Dritter“

ein falsches Signal ist.

Allen unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir ein frohes Osterfest.

Heinz Bollinger

Ursula Schütt


Ostern 2006

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Aktuelles in Kürze

aus dem Nikolaus-Cusanus-Haus

Immer wieder gab es in den letzten Jahren seitens der Landeshauptstadt Stuttgart

Bestrebungen, das unmittelbar benachbarte Birkacher Feld zumindest teilweise zu

bebauen. Genauso oft formierte sich in Birkach Widerstand, getragen unter anderem

von örtlichen Vereinen. In einer Klausursitzung des Gemeinderates (Wirtschaftsausschuss

und Ausschuss für Umwelt und Technik) am 10.02.2006 wurde nun doch

kein Antrag auf Wiederaufnahme der Planungen gestellt und die Neubauflächendiskussion

damit vorerst beendet. Somit wird uns das Birkacher Feld auch in den

nächsten Jahren wie gewohnt, das heißt unbebaut, erhalten bleiben.

Bewohner, Angehörige, Besucher und Mitarbeiter beklagen in regelmäßigen Abständen

die Parkplatznot im unmittelbaren Umkreis des Nikolaus-Cusanus-Hauses.

Ärgerlich, dass die uns zur Verfügung stehenden Flächen trotz entsprechender Ausschilderung

auch von Autofahrern genutzt werden, die offensichtlich in der Nachbarschaft

wohnen und dort keinen Abstellplatz finden. Noch ärgerlicher ist die Tatsache,

dass es in den letzten Monaten wiederholt zu teilweise massiven Beschädigungen

an abgestellten Fahrzeugen gekommen ist. Bisher unbekannte Täter schlugen

Scheiben ein oder schlitzten Reifen auf. Der Vandalismus scheint von der Stuttgarter

City zunehmend auch auf die Außenbezirke überzuspringen.

Die künstlerische Werkstatt/Kunsttherapie ist seit dem 13. März 2006 vom Aufenthaltsraum

Ebene 3 in den Malraum auf Ebene 2 umgezogen. Dort wird wie seither

das künstlerische Schaffen der pflegebedürftigen BewohnerInnen stattfinden. Des

Weiteren wird der Malraum künftig jeweils Montag und Donnerstag von 15.00 Uhr

bis 17.00 Uhr geöffnet sein, erstmals ab dem 22. März. Wir laden Sie ganz herzlich

dazu ein. In dieser Zeit können interessierte Bewohner bereits entstandene Arbeiten

anschauen, sich Anregungen und Tipps für eigene Arbeiten holen oder angeregte

Gespräche führen.

Ca. 220 Besucher verzeichneten wir als Mitveranstalter der Podiumsdiskussion zur

Landtagswahl am 14.02.2006. Die Veranstaltung fand ein überraschend breites

Echo in der Presse, die Kandidaten auf dem Podium waren von dem regen Besuch

sichtlich angetan.

Traditionell närrisches Treiben unserer BewohnerInnen verzeichneten wir dieses

Jahr am Rosenmontag. Erneut waren es MitarbeiterInnen aus Hauswirtschaft, Pflege


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Hauszeitung

und Küche, die für das „seelische und leibliche Wohl“ sorgten. Faschingsmuffel

(wie der Berichterstatter) versuchten, sich - mehr oder weniger erfolgreich zwischen

„Marina“ und „Rosamunde“ - auf die gewohnten Aufgaben und Tätigkeiten zu konzentrieren,

freuten sich aber trotzdem über ein erneut ausgezeichnet mundendes

Fasnetsküchle.

Seit einigen Monaten findet sich mehrmals wöchentlich in den Stuttgarter Nachrichten

und in der Stuttgarter Zeitung unter dem Titel „Blick vom Fernsehturm“

eine mehrseitige, lokalbezogene und sehr informative Sonderbeilage. Zu unserer

großen Freude enthält sie regelmäßig Hinweise auf die in unserem Festsaal stattfindenden

Veranstaltungen sowie teilweise ausführliche Nachbesprechungen und

Kritiken, oft mit Fotos.

Nach gut vierzehnjähriger Betriebszeit nehmen unsere laufenden Reparaturen und

Instandhaltungsaufwendungen tendenziell weiter zu. Obwohl es sich dabei um

einen völlig normalen Vorgang handelt, der keineswegs überraschend kommt,

belastet er doch unseren Haushalt in nicht unerheblichem Umfang. Schwerpunkte

der Renovierungsarbeiten bilden dieses Jahr erneut der Austausch von Bodenbelägen

in Fluren und Appartements sowie neue Anstriche bzw. Lasuren in verschiedenen

Allgemeinräumen des Hauses. Auch die kostenintensive Umrüstung von

defekten Rollladenantrieben in den Bewohnerappartements auf Elektroantrieb

werden wir fortsetzen.

Auch der Investitionsbedarf nimmt weiter zu. Immer mehr werden Geräte und

Maschinen, die noch aus der Erstausstattung stammen, reparaturanfällig und müssen

teilweise ausgetauscht werden. Schnell kommen dabei hohe Beträge zusammen,

allein eine neue Spülmaschine und ein neuer 60-Liter-Kochkessel für unsere Küche

werden ca. 23.000 Euro an Kosten verursachen.

Trotzdem steht unser Gesamthaushalt für 2006 auf relativ sicheren Beinen. Unsere

mittelfristige Finanzplanung bis 2010 macht allerdings deutlich, dass wir in Zukunft

verstärkt auf außerordentliche Erträge, also Spenden, angewiesen sein werden, um

vertretbare Jahresabschlüsse erzielen zu können. Die geplante Mehrwertsteuererhöhung

sowie steigende Sach- und Mitarbeiterkosten können nicht mehr über die

Einnahmenseite ausgeglichen werden, weil sich die Kostenträger nun schon seit

Jahren (und wohl auch künftig) weigern, sogenannten „Allgemeinen Erhöhungen“

der Pflegesätze zuzustimmen.

Um wenigstens die deutlich gestiegenen Energiepreise teilweise ausgleichen zu

können, mussten Heimleitung und Vorstand - unter Mitwirkung des Heimbeirates -

die Betriebs- und Verwaltungskosten (Nebenkosten) im Wohnheimbereich einer


Ostern 2006

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weiteren Anpassung unterziehen. Ab Mai 2006 erhöht sich dadurch die monatliche

Belastung beispielsweise für ein Einzimmerappartement mit 35,14 m² Wohnfläche

um ca. Euro 10,00.

Nachdem das Nikolaus-Cusanus-Haus nahezu ausschließlich mit Gas beheizt wird,

stehen wir den ständigen Preiserhöhungen machtlos gegenüber. Diese völlig unbefriedigende

Situation wollen wir zum Anlass nehmen, den Versuch zu starten,

zusammen mit Fachleuten ein alternatives Energiekonzept für die Zukunft zu

entwickeln.

Heinz Bollinger

Grundkurs „Anthroposophische Pflege“

Im März 2005 haben wir den letzten Grundkurs „Anthroposophische Pflege“

abgeschlossen. Nachdem nun im letzten Jahr in puncto Fortbildung der Schwerpunkt

auf der Pflegedokumentation lag, haben wir uns entschlossen, in diesem Jahr erneut

die „Anthroposophische Pflege“ in den Mittelpunkt zu stellen. Neben externen

Fortbildungen gibt es nun im Hause alle zwei Monate ein Seminar über zwei Tage

mit abgeschlossenen Themen.

Die erste Veranstaltung dieser Art fand am 14. und 15. März statt. Thematisch haben

wir uns mit der Geschichte der „Anthroposophischen Pflege“, den vier Elementen in

der Natur, den vier Wesensgliedern und den Temperamenten beschäftigt.

Die Teilnehmer waren hauptsächlich Mitarbeiter, welche erst seit kurzem im Hause

sind. Im Rückblick auf die zwei Tage teilten alle mit, dass es eine wichtige und

interessante Fortbildung gewesen sei und sie nun in der Lage seien, die Hintergründe

unseres Konzeptes besser zu verstehen. Sie könnten jetzt auch endlich etwas

sagen über ihre „etwas andere Arbeitsstelle“. Außerdem habe eine solche Fortbildung

auch etwas Gemeinschaftsbildendes.


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Hauszeitung

1. Reihe (von links): Hedwig Stirmlinger, Linda Zabar, Elisabeth Unglert,

Stefanie Oelmann, Eva Blomen

2. Reihe (von links): Patricia Schilling, Margit Kees-Baumann, Valentin Kober

Im Mai findet das Seminar eine Fortsetzung mit dem Thema: „Rhythmische

Einreibungen nach Wegman/Hauschka“ und deren Anwendung in der Altenpflege.

Dieses Seminar ist zunächst für Anfänger, im Herbst wird es eine Folgeveranstaltung

geben für Mitarbeiter mit Erfahrung in den Rhythmischen Einreibungen.

Thematisch wird der Kurs fortgesetzt mit: Die zwölf Sinne, Die funktionelle Dreigliederung,

Biografik, Wickel & Auflagen mit Heilpflanzenkunde und den pflegerischen

Gesten von Rolf Heine.

Damit wir die Teilnehmerzahl noch etwas steigern können, und auch um die

Gemeinschaftsbildung innerhalb des Nikodemus-Werkes zu fördern, werden wir

einzelne Seminare den befreundeten Einrichtungen anbieten und hoffen auf einen

regen Austausch.

Margit Kees-Baumann

Kursleitung


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Hauszeitung

Nachfolgend ein Bericht zur Geburtstagsfeier im „Wohnzimmer“. Wir gratulieren

zum Jubiläum!

Ein Besuch ist sehr zu empfehlen, nicht nur wegen den leckeren „Versucherle“.

e .r.

Sechs Jahre „Wohnzimmer“

Am 15. März konnten wir auf 6 Jahre „Wohnzimmer“ der Ebene 4 zurückschauen.

Anfänglich waren es ca. 17 BewohnerInnen, die an zwei Vormittagen ins Wohnzimmer

kamen oder gebracht wurden, um mit anderen sinnvoll und gesellig den Tag

zu gestalten.

Schnell wurde deutlich, dass, was Kopf und Herz geplant hatten, nicht für jede Hand

und jeden Fuß geeignet war, sodass sich nach und nach – fern aller Lehrbücher –

unser eigener rhythmischer Tagesablauf entwickelte und die geeigneten Tätigkeiten

entdeckt wurden.

Nach 1 ½ Jahren erweiterten wir unser Angebot auf drei Vormittage: Montag –

Mittwoch – Donnerstag. Im Laufe dieser sechs Jahre haben insgesamt 61 Bewoh-


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Ostern 2006

nerInnen für kürzere oder längere Zeit an unseren Aktivitäten im Wohnzimmer

teilgenommen. Zur Zeit sind es zwanzig Menschen, die das Wohnzimmer regelmäßig

besuchen, fünf weitere kommen gelegentlich.

Verlockende Düfte aus unserer Küche oder fröhlicher Gesang lassen auch so manchen

Besucher bei uns vorbeischauen, worüber wir uns immer sehr freuen, können

wir doch dann unsere selbstgefertigten Schätze herzeigen oder ein “Versucherle“

anbieten – oder man kann uns ganz einfach bei unserem Tun wahrnehmen!

Seit vier Jahren beteiligen wir uns am jährlichen Martinimarkt, der in unserem Haus

stattfindet. Mit besonderer Vorfreude und Stolz arbeiten wir darauf zu. Vielleicht

haben auch Sie unseren Stand dort schon wahrgenommen. Vieles, was im Laufe des

Jahres bei uns entstanden ist, können wir dort verkaufen: zum Beispiel gefilzte

Sachen, Marmelade, Konfekt, verschiedenste Ketten, Serviettenringe, marmorierte

Karten, Kräuteröle, Kräutersalz, Salben, Tee und vieles mehr – unser Angebot

variiert von Jahr zu Jahr.


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Hauszeitung

Besuchen Sie uns doch einmal im Wohnzimmer, schauen Sie uns zu – oder vielleicht

brauchen Sie gerade ein kleines Geschenk? Seit kurzem stehen in unserem

Wohnzimmer zwei schöne Glasvitrinen, darin stellen wir ständig einige unserer

„Schätze“ aus.

Für einen kleinen Obolus können Sie hier das ganze Jahr über schöne Dinge

erhalten!

Christiane Grosse


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Hauszeitung

Das Heilige Blut

Als das heilige Blut zur Erde floss, erblühten die Pflanzen wie noch nie. Das unscheinbarste

Blümlein prangte gleich einer Königin, und die stolzesten Blumen

bekamen zu ihrer Pracht den Reiz der Demut hinzu. Ein Blühen und Wachsen und

Duften und Neigen war unter ihnen, wie es sich gar nicht sagen lässt. Alljährlich am

Karfreitag blühen sie seither so.

Und das Blüh’n drang zu den Tieren, und die Tiere neigten sich in Dankbarkeit.

„Was können wir für euch tun?“ sagten die Tiere.

„Und wir für euch?“ antworteten die Pflanzen.

Keine Grenze mehr gab es zwischen ihren Seelen, so sehr fühlten sie sich eins.

Das heilige Blut aber floss weiter, bis zu den Steinen und Kristallen hin, und nahm

auf seinem Weg die Blumen und die Tiere mit. Tief färbte sich die Erde in Dankbarkeit.

Jedes kleinste Staubkorn eilte herbei, auf dass es durchtränkt werde von dem

Segensstrom. Die ganze Erde begann vor Glück zu tönen.

„Was kann ich für euch tun?“ sagte sie zu Blumen und Tieren.

„Und wir für dich?“ jubelten die anderen zurück.

Keine Grenze mehr gab es zwischen ihren Seelen, so sehr fühlten sie sich eins.

Und in ihrer neuen Kraft drängten sie zum Menschenreich. Aber das heilige Blut

nahm einen anderen Lauf. Und in seinem Leuchten verstanden Tiere, Blumen und

Kristalle, dass die Menschen aus eigenem Willen das neue Glück der Erde erkennen

sollten. „Wir wollen auf unsere Menschenbrüder warten“, sagten sie. „Sie werden

bald sehen, wie anders die Erde samt ihrer Kreatur geworden ist.“ Und so warteten

sie. Und warten.

Das heilige Blut aber floss weiter, bis zu den Toten, die auf Christus harrten. Und

die Toten streckten ihm die Arme entgegen und priesen Gott und wurden von dem

Segensstrom hinaufgetragen in die Himmel.

Das heilige Blut aber blieb auf der Erde. So wurde sie des Heilands Leib.

Strahlend, leuchtend war sie anzusehen, so dass alle Sterne ahnungsvoll erstaunten.

„Nun ist die Erde Sonne!“ sagten sie.

Elisabeth Dank


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Hauszeitung

Fortbildung für Mitarbeiter in der Altenpflege

vom 15. bis 18. Februar 2006 in Kassel

Veranstalter: Verband der Sozialwerke der Christengemeinschaft

Thema: Herz und Kreislauf – Gesetzmäßigkeiten – Pathologie – Heilmittel

Den Hauptkurs zum Thema hielt Frau Dr. Tress aus Hamburg. Sie sprach in ihrer

erfrischend klaren Art über Herz und Kreislauf. – Frau Dorothea von Heynitz aus

Kassel ergänzte ihre Ausführungen aus der Perspektive der Pflege.

Am eindrücklichsten war für mich, zu hören, dass das Herz nicht – wie allgemein

angenommen und verstanden wird – „Pumpe“ für unseren Blutkreislauf ist. Schon in

der Embryonalentwicklung kann man beobachten, dass der Blutkreislauf bereits in

einem frühen Stadium funktioniert, bevor das Herz als Organ gebildet wird.

Frau Dr. Tress hat das Herz beschrieben als:

– Stauorgan

– Sinnesorgan physisch

– Ausgleichsorgan

zwischen oberem und unterem Menschen

Ätherisch hat es mit Wärmung und Kältung zu tun.

Im Astralleib hat das Herz die Aufgabe des Lauschens und Wahrnehmens. Es ist das

Organ, wo wir unser Gewissen spüren. Ein Ausgleichsorgan zwischen Innen- und

Außenwelt, zwischen Einatmung und Ausatmung.

Auf geistiger Ebene – im Ich – wirkt das Herz als „Unruhe im Geistigen“. – Begeisterung

spüren wir im Herzen.


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Ostern 2006

Nun gibt es verschiedene Pathologien wie Tobsucht, Größenwahn, Manie, Ängste,

mangelndes Selbstvertrauen. – Diese werden stark im Herzen erlebt. Sie sind aber

keine Herzkrankheiten. Das Herz an sich kann nicht erkranken!

Sogenannte „Herzkrankheiten“ sind immer die Folge von Ungleichgewicht. So kann

ein Mangel an innerer und äußerer Bewegung zu koronarer Herzkrankheit und

sklerotischen Herz- und Gefäßleiden führen. – In diesem Zusammenhang sagte Frau

Dr. Tress auch, dass ein gesundes Herz „tanzt“, während ein krankes „marschiert“…

Es gab auch zwei Vorträge zum Tagungsthema:

Frau Bauer (Stuttgart) widmete sich dem Leben und Werk von Antoine de Saint-

Exupéry, und im Besonderen dem „Kleinen Prinz“. – Aus dieser Schrift mit all ihren

Weisheiten hob sie, dem Thema entsprechend, den Satz: „Man sieht nur mit dem

Herzen gut“ hervor.

Der Vortrag von Herrn Hussong aus Hamburg hatte den Titel: „Handeln aus der

Mitte des Herzens“.

Außerdem nahm jeder Teilnehmer an einer künstlerischen Gruppe teil (Loheland-

Gymnastik oder Eurythmie, Malen, Singen oder Plastizieren).

Es wurde auch in verschiedenen Arbeitsgruppen gearbeitet, die entweder direkt mit

dem Thema der Tagung zu tun hatten oder aber andere Gebiete der Altenpflege umfassten.

Insgesamt war es eine sehr gelungene Tagung, die nicht nur Wissen vermittelt hat,

sondern auch stärkend und erbauend für jeden Teilnehmer war durch die gute

Mischung von Kopfarbeit und künstlerischem Tun.

Roland Reck

* * * * *


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Hauszeitung

Gespannt, Neues zu erfahren, haben wir am 15. Februar unsere Reise nach Kassel

angetreten.

Nach der Begrüßung ging es gleich weiter mit den künstlerischen Gruppen. – Ich

habe an der Eurythmie teilgenommen, es war ein erquickender Ausgleich zum Alltag,

obwohl es im Miteinander doch ganz schön anstrengend war, in „der Form“ zu

bleiben.

– Vertiefung des Hauptkurses – war der Überbegriff der Arbeitsgruppe, für die ich

mich entschieden hatte.

Es ist immer wieder aufs Neue interessant, wie facettenreich in der anthroposophischen

Medizin Krankheiten angeschaut werden, wie vielerlei dahinter steckt,

und wie jedes Symptom den einzelnen Wesensgliedern zugeordnet werden kann.

Zur Therapie und Heilung die Frage zugrunde zu legen, welcher Ebene des menschlichen

Wesens mit besonderer Sorgfalt begegnet werden sollte, und die dementsprechende

Art der Behandlung hat mich nachhaltig beeindruckt.

Die Teilnehmer waren aufgefordert, aus ihrem Berufsalltag zu berichten. Diese

Ausführungen aus der Praxis wurden von Frau Dr. Tress auf den oben beschriebenen

Ebenen nachgefragt und uns eine ganz neue Sichtweise der einzelnen Probleme

aufgezeigt. Sie hat uns Mut gemacht, diese Fragen auch zu haben, wenn jeder an

seinem Arbeitsplatz wieder auf sich alleine gestellt ist, doch so ganz einfach ist das

nun wirklich nicht ...

Im letzten Vortrag befasste sich Frau Dr. Tress mit den Heilmitteln fürs Herz. Wie

viele Male haben wir nicht schon das altbewährte, wohlbekannte „Cardiodoron“ in

der Hand gehabt und verabreicht, ohne eigentlich so ganz genau zu wissen, was

drinsteckt . Doron = Gabe, also die Gabe fürs Herz. Die Primel, das Bilsenkraut und

die Eselsdistel, zusammen im Cardiodoron enthalten, sollen dem Herzen unter

anderem das Plastisch-Regulierende „geben“.

Die tägliche Menschenweihehandlung und der kurze kultische Abschluss am Abend

gaben der Tagung einen würdigen Rahmen, ein Stück Innehalten und Besinnen.

Gerlinde Benesch


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Ostern 2006

Spuren im Schnee ...

Im Nikolaus-Cusanus-Haus ist tagsüber sehr viel los, das wissen wir, und das ist

nichts Neues für uns. Dass sich aber auch zur dunklen Nachtzeit regelmäßig viel tut

– und dazu noch auf dem Nikolaus-Cusanus-Haus, das hat uns doch in Erstaunen

versetzt. Aber der lange Winter mit dem vielen Schnee brachte es ans Licht. Jeder

neue Schneefall zauberte Spuren auf unser Dach.

Natürlich rätselten wir, zu welchem Tier wohl diese Fußspuren passen? Die Meinungen

gingen auseinander. Für Katzen waren die Abdrücke zu groß. Der Waschbär

wurde genannt, aber wir kennen ihn nur vom Hörensagen. Der Kemnater Bär

ist leider schon lange ausgestorben, sodass er auch nicht in Frage kam. Schließlich

erklärte ein befragter Jäger, dem wir die Fotos zeigten, dies seien eindeutig die

Fußspuren eines Steinmarders.

So hat nun auch das Nikolaus-Cusanus-Haus ein Haustier – sehr zum Leidwesen

unserer Haustechnik, die derartigen Nachtspaziergängern auf unserem Dache

wenig Sympathie entgegenbringt!

e. r.


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Hauszeitung

Veranstaltungen

Ostern bis Johanni 2006

Mittwoch 26.04.2006 16.30 Uhr Redentiner Osterspiel

Spielkreis der Christengemeinschaft

Regie: Gerald Friese

Samstag 29.04.2006 19.00 Uhr Stuttgart Concort

Virtuoses Blechbläser-Ensemble

von Bach bis Jazz

Bürger- und Kulturverein Birkach

Kulturreihe Birkach 2006

Sonntag 07.05.2006 17.00 Uhr Chorkonzert

des Sängerkranzes Birkach

Mittwoch 10.05.2006 17.00 Uhr Gesprächskonzert

mit Jasmin Kolberg, Marimbaphon

mit Werken von J. S. Bach, C. A. Debussy,

A. Piazzolla u. a.

Sonntag 14.05.2006 17.00 Uhr Eurythmie-Aufführung

zu Motiven aus der „Göttlichen Komödie“

von Dante

mit Sprache, Musik und Gesang

Künstlerische Leitung:

Elisabeth Brinkmann / Marion Schroth

Samstag 20.05.2006 17.00 Uhr Streichquintett

Fionn Bockemühl, Violoncello

Irina Bockemühl, Viola

Stefan Knote, Gesa Jenne-

Dönneweg, Violine

Janis Lielbardis, Viola

mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart


Ostern 2006

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Sonntag 04.06.2006 17.00 Uhr Pfingstfeier

Dienstag 06.06.2006 17.00 Uhr „An der Schwelle hast Du wohl

gestanden …“

Zum Leben und Werk des Dichters

Gottfried Benn (1886 – 1956)

Vortrag von Herrn Johannes Lauten

Samstag 17.06.2006 17.00 Uhr „Arsen und Spitzenhäubchen“

von Joseph Kesselring

Theatergruppe der Uni Hohenheim

Regie: Jürgen von Bülow

Mittwoch 21.06.2006 17.00 Uhr Liederabend

Margit Beukmann, Sopran

Elena Chonova, Klavier

mit Werken von Scarlatti, Marcello,

Mozart, Bizet u. a.

Sonntag 25.06.2006 17.00 Uhr Johannifeier

- Änderungen vorbehalten -


24

Hauszeitung

„Echo“ aus unserem Kulturleben

Aschermittwoch, 01. März 2006, meteorologischer

Frühlingsbeginn. Ich sitze

vor dem – bei allen Schreibenden, Malenden

und Prüflingen gefürchteten –

leeren, weißen Blatt Papier. Trotz

großer Kälte und einem zarten Schneeschleier

über den braunen Schollen des

Birkacher Felds zwitschern die Vögel

schon munterer. Auch sitzt die Amsel

mit dem weißen Fleck auf dem Köpfchen

nicht mehr, auf Futter wartend,

im kahlen Geäst der Birke vor meinem

Fenster. Ich beobachte sie wegen dieser

Abnormität seit über zwei Jahren.

Amseln sind für Laien schwierig zu

unterscheiden. So konnte ich wegen

des weißen Flecks eine, zwar einseitige,

Beziehung zu dem Vogel aufbauen.

Sie erschöpft sich in der Feststellung:

„Aha – sie ist noch da!“ Wie lange

wird sie noch leben? Eines Tages werde

ich sie vermissen. Ach ja, Vergänglichkeit

macht sich überall bemerkbar.

Doch die Natur lässt nicht nur vergehen,

sie schenkt uns auch einen neuen

Frühling und neues Leben.

Zuerst will ich mit meinen Berichten in

die Weihnachtszeit zurückschauen.

Wie jedes Jahr stand das Adventsgärtlein

am Anfang. Seiner feierlichen

Stimmung, dem Gang mit dem Apfelkerzchen

zur wachsenden Lichterschlange,

erfreuen sich Jung und Alt. –

Dann ging es (salopp gesagt) Schlag

auf Schlag.

Der Posaunenchor Birkach blies auf

blitzendem Blech Weihnachtslieder,

dass es einem ganz warm ums Herz

wurde.

Eine Mineralien-Ausstellung mit wunderschönen

Kristallen und glatten, geschliffenen

Steinen, auch Schmuckstücken,

wurde eröffnet.

Das „Trio Opus 8“, dessen Auftreten

wir unserer vor einem Jahr verstorbenen

Hedwig Kuch verdanken, spielte

Werke von Joseph Haydn.

Gemeinsames Kaffeetrinken im Advent

ist so beliebt, dass zwei Termine

angesetzt wurden.

Flötenkinder und Erwachsene aus beschützenden

Werkstätten in Steinenbronn

und Bonlanden zeigten ihr Können,

flöteten und fiedelten weihnachtliche

Musik.

Arnica Esterl erzählte Wintermärchen,

und der „belcanto Chor“ sang wieder.

Doch der Höhepunkt der Adventszeit

sind allemal die „Oberuferer Weihnachtsspiele“.

Ohne sie kann es nicht

Weihnachten werden. Ausschließlich

Mitarbeiter bilden die Kumpaneien des

Nikolaus-Cusanus-Hauses. Es ist zu

bewundern, dass sie nach Beendigung

ihrer anstrengenden Arbeit noch Kraft

und Lust zum Proben haben. Beim

Weggang eines Mitarbeiters kann auch

mal eine Lücke in der Besetzung der

Spiele entstehen. Gerade das ist reizvoll.

Um- und/oder Neubesetzungen


Ostern 2006

25

sickern nicht durch. „Wer spielt wen?“

– bleibt geheim.

Wenige Tage vor Heiligabend waren

die Aufführungen. Das Paradeisspiel

zuerst. Eine neue Eva wurde dem

schon bewährten Blondschopf Adam

vom riesigen, majestätischen Gottvater

zugesellt. Ein quirliger Teufel, der unerkannt

blieb, sprang um das sündige

Paar herum, umschlang es mit Ketten

und trieb es aus dem Paradies hinaus.

Das Christgeburtspiel. Im Halbdunkel

zog die Kumpanei ein. „Unsern Eingang

segne Gott, unsern Ausgang gleichermaßen

... und mach uns zu Himmelserben.“

Noch tagelang gingen mir

Text und Melodie der einfachen, berührenden

Weise durch den Kopf.

Handlung und die schönen Gesänge

sind vor langer Zeit von tief gläubigen

Bergbauern erdacht worden.

Maria und Joseph sangen wieder an

der Krippe. Die lustigen Hirten erzählten

sich ihren wundersamen Traum

vom Engel Gabriel. Sie tanzten voller

Freude. Die Verkündigung des Engels

Gabriel war dieses Jahr eine kleine

Sensation. Wunderschön anzusehen,

sang das Mädchen mit glockenreiner,

geschulter Stimme die frohe Botschaft.

Von den schlichten Spielen geht ein

Zauber aus, der schwer zu beschreiben

ist.

Weihnachtsfeier, danach festliches,

vorzügliches Essen – Silvesterfeier und

ein liebevoll angerichtetes, üppiges

kaltes Buffet führten, wie jedes Jahr,

die Bewohner zusammen.

Und die Anthroposophische Gesellschaft

lud wieder vom 25.12. bis

06.01. zu Lesungen aus den Werken

von Rudolf Steiner in festlichem Rahmen

ein.

Als auf Ebene 4 in der weitläufig angelegten

Krippenlandschaft Maria und

Joseph mit dem Kind und ihrem

Eselein auf der Flucht waren und die

Heiligen Drei Könige sich mit dem

Kamel auf den Heimweg machten ...,

als dann noch über Nacht die kleine

Wunderwelt verschwand, da war die

beinahe sechs Wochen andauernde, mit

Ereignissen prall gefüllte Weihnachtszeit

endgültig vorbei. (Schön war’s –

nun ist’s genug.)

Die Eröffnung der Fotoausstellung

„Reisebilder, Kulturlandschaften am

Mittelmeer“ von Peter Griesbach am

15.01.2006 war ein guter Beginn

unseres Kulturlebens im noch jungen

Jahr. Es war die 70. Ausstellung und

die erste Fotoausstellung im Nikolaus-

Cusanus-Haus.

Das stellte Gundolf Bockemühl bei der

Einführung des Künstlers fest. Was er

dann noch sagte, ist ein interessantes

Gedankenspiel: „Die Erfindung der

Fotografie brachte für alle Künstler ein

Stück Freiheit. Sie waren nicht mehr

verpflichtet, naturgenau abzubilden,

um damit Dinge, Personen und Situationen

für die Nachwelt festzuhalten.

Dazu taugt die Fotografie besser. Sie

konnten nun mit Farben, Licht und


26

Hauszeitung

Form ihren Fantasien größeren Spielraum

geben.“

Nach Gundolf Bockemühl erzählte

Peter Griesbach aus seinem bewegten

Leben. Bewegt ist wörtlich zu nehmen,

da er als Elektromeister auf Frachtund

Passagierschiffen sieben Jahre

lang keinen festen Boden unter den

Füßen hatte. Von seiner ersten Heuer

kaufte er sich einen guten Fotoapparat.

Peter Griesbach ist „Hobby-Fotograf“

– jedoch meilenweit entfernt vom

knipsenden Touristen.

Wer nach der Eröffnung seine Führung

mitmachte, der erkannte rasch, dass

Liebe zur Natur und die Kenntnis alter

Geschichte ihn bei den Aufnahmen

leiteten. Fernab belebter Straßen hielt

er wunderbare, knorrige Olivenbäume

und farbenprächtige Wiesen in Apulien

im Bild fest.

Peter Grießbach spürt verborgene

Ruinen und Heiligtümer auf. Seine

Aufnahmen sind zum Teil 30 Jahre alt.

So wäre das Bild seiner Frau, nur fünf

Meter entfernt vom Kohlendioxid ausstoßenden

Hauptkrater des Ätna, heute

unmöglich. Er ist gesperrt.

Fotografieren ist immer nur das Festhalten

eines Augenblicks in der Geschichte

einer Landschaft, eines Bauwerks,

einer Pflanze und eines Tiers –

und letztendlich von Menschen.

Fotografieren kann zur Kunst werden,

wenn spürbar wird, dass der Fotograf –

genau wie ein Maler – eine Beziehung

zu seinem Motiv und das sichere Gefühl

für Bildwahl und Ausschnitt hat.

Die Fotoausstellung ist ein erfreuliches

Debüt im Nikolaus-Cusanus-Haus.

Abgerundet wurde die Ausstellungseröffnung

von „unserem“ Barockensemble.

Seit vielen Jahren kommt Johannes

Lenz mit seinen Vorträgen zum Religionsverständnis

ins Nikolaus-Cusanus-

Haus. Ich erinnere nur an Titel wie

„Das Vaterunser“ oder „Die Bergpredigt“.

Auch von seinen Erlebnissen im

Zweiten Weltkrieg erzählte er fesselnd.

Nun ist er mit seiner Frau in ein großes

Seniorenstift in Berlin-Kladow umgezogen.

Berlin-Stuttgart dauert eine Flugstunde.

Das ist auch einem älteren Herrn

zuzumuten.

So konnnte er am 17. und 18.01.2006

seine Vortragsreihe fortsetzen mit der

Frage: „Gibt es einen offenen Himmel?“

Titel des 1. Vortrags war:

„Jesus Christus und der Anfang der

Christenheit“, der Titel des 2. Vortrags

lautete: „Übersinnliche Erlebnisse als

Quellgrund des Christentums“.

Er behandelte das nicht ganz einfache

Thema aus dem Fundus seines reichen

Wissens – mitunter mit überflüssigen

kleinen Seitenhieben an die Adresse

der beiden großen christlichen Kirchen.

Fazit: „Den Himmel hält Jesus für alle

Menschen offen.“

Wer kennt ihn nicht, den Song aus Bert

Brechts Dreigroschenoper: „Und der

Haifisch der hat Zähne …“?

Am 21.01.2006 rezitierte Staatsschauspieler

Professor Wolfgang Höper in

einer Lesung zum 50. Todestag aus


Ostern 2006

27

Werken des „Stückeschreibers“, wie

Brecht sich selbst nannte.

Sein Werk durchzieht Melancholie.

Vergänglichkeit prägt seine Gedichte.

Wolfgang Höper, der älteren Zuhörern

– sofern sie in Stuttgart lebten – in

unterschiedlichen Rollen und aus Lesungen

in den Jahren nach dem Zweiten

Weltkrieg in guter Erinnerung geblieben

ist, hat noch immer die ihn auszeichnende

biegsame, schöne Stimme.

Er hat sich mit drei Musikern zusammengefunden,

dem „Philharmonischen

Trio Stuttgart“. Auf Fagott, Klarinette

und Flöte spielten die Künstler moderne

heitere, aber auch traurige Musik.

Sie begleiteten Wolfgang Höper zu

einem Gesang aus der Dreigroschenoper.

Brecht, der immer auf der Flucht war,

hat sich keinen Illusionen über den

„Lauf der Welt“ im Allgemeinen und

über die Menschen im Besonderen hingegeben.

Ein Abend, der berührte. Schade, dass

der Besuch spärlich war.

Es war die 70. Veranstaltung des

Bürger- und Kulturvereins innerhalb

der letzten 10 Jahre.

Eigentlich schreibe ich meine Berichte

erst einige Tage nach der Veranstaltung.

Ich zögere manchmal. Das „Für

und Wider“ muss sorgfältig abgewogen

werden; die Begeisterung darf

nicht mit mir durchgehen und ...

Verletzungen sind strikt zu vermeiden.

Diese guten Vorsätze haben vier junge

Künstler des Ferrara-Cello-Quartetts

aus Italien (Francesco Dillon, Marianna

Finarelli, Valentina Migliozzi

und Elena Giardini) mit ihrem Spiel

am 29.01.2006 einfach hinweggefegt.

Ich war hell begeistert und musste es

sofort niederschreiben. Es war ein

Benefiz-Konzert zu Gunsten des Nikolaus-Cusanus-Hauses.

Vier Celli, ein

seltenes Erlebnis. Vier Celli, was für

ein Klang! Mal seidig zart in den

Höhen, mal kraftvoll strömend in den

tiefen Lagen, an eine Orgel erinnernd.

Die Musiker brachten Stücke zur Aufführung,

die vorwiegend im ausgehenden

19. Jahrhundert komponiert wurden

– schöne, heitere Musik.

Frau Helga Drews hat eine Stiftung ins

Leben gerufen.

Sie betreut die jungen Künstler, hat sie

zu drei Konzerten eingeladen. Frau

Drews kommt seit vielen Jahren ins

Haus. Immer wenn Patrick Strub mit

seinem „Arcata Kammerorchester“ im

Nikolaus-Cusanus-Haus musizierte,

traf ich sie, sprach mit ihr – ohne

Kenntnis von einer „Helga-Drews-

Stiftung“.

Das wunderbare Konzert zu Gunsten

der Kultur in unserem Haus erhielt

lebhaften Beifall.

Es ist ein schönes Gefühl, dass sich in

unserer „geldgeilen“ Welt Menschen

finden, die selbstlos ihre materielle und

körperliche Kraft zur Förderung junger

Künstler einsetzen.

Kann das gut gehen? 70 Musiker spielen

die 7. Sinfonie von Anton Bruckner


28

Hauszeitung

auf der Bühne des Nikolaus-Cusanus-

Hauses.

Es konnte. Der Einzug des Akademischen

Orchesters der Eberhard-Karls-

Universität Tübingen unter der Leitung

von Tobias Hiller am 11.02.2006 war

beeindruckend. Eine nicht enden wollende

Schlange von Studenten, Doktoranden,

Assistenten und – ganz unauffällig

– dem Rektor der Uni mit seiner

Bratsche wand sich zur kleinen Bühne

hinauf. Dort fand jeder seinen zuvor

minutiös bestimmten Stuhl und einen

Notenständer.

Ja – es war laut. Ein Schwall von

Klängen brandete durch den Saal und

gegen unsere Ohren, bis an die

Schmerzgrenze. Wer Vorurteile gegen

Bruckner sowie die zu erwartende

Lautfülle beiseite schob und das Konzert

besuchte, der wurde belohnt. Er

konnte im 2. Satz (Adagio), der Totenklage,

und im 3. Satz, dem Scherzo,

leisere Passagen von großer Schönheit

entdecken.

Tobias Hiller, geboren 1968, wurde

nach mehreren Jahren freiberuflicher

Lehrtätigkeit, auch an der Musikhochschule

Freiburg, 1999 zum Universitäts-Musik-Direktor

nach Tübingen berufen.

Mit seinem Orchester folgte er zahlreichen

Einladungen im In- und Ausland,

im März 2004 in die USA. In

Neuengland wurden Beethovens 5. und

Brahms 4. Sinfonie aufgeführt, zuletzt

in der berühmten Fanewil Hall in

Boston.

Immer wieder kommt Rudolf Brinkmann

mit seinen Dia-Vorträgen ins

Nikolaus-Cusanus-Haus.

Am 21.02.2006 erzählte er unter dem

Titel „Die Erde lebt alle unsere Taten“

vom mineralischen Aufbau der Erde,

der Auswirkung von Druck und Wärme.

Er sprach über die neuesten Forschungsergebnisse

der Geowissenschaften,

die eine Korrektur des Begriffs

„Plattentektonik“ nötig machten.

Konvektions-Tektonik lässt die Kontinente

seit Millionen von Jahren auseinander

driften. Das heißt, aus unterseeischen

Rissen der Erdhaut fließt ständig

Magma, erstarrt, hebt den Meeresboden,

der sich dann zu Gebirgen, wie

den Himalaja oder die Anden, auffaltet.

Rudolf Brinkmann nimmt an geophysikalischen

Expeditionen teil. Sie

führten ihn vorzugsweise in den afrikanischen

Grabenbruch, nach Äthiopien.

Dort beobachtete er schon 2001

Bohrungen zur Erkundung des Erdinnern.

Er zeigte uns in einem interessanten

Film einen Schild-Vulkan im Nordosten

von Äthiopien, in dessen Krater

ein Magmasee brodelt, periodisch

überläuft und die Landschaft immer

neu gestaltet.

Die Erde „atmet“. In Intervallen von

53 Minuten pulsiert sie. Durch den

Einfluss der Konvektion flüssiger Mineralien

verändert sich ihre Gestalt.

Rudolf Brinkmann las auch einige

Passagen aus Rudolf Steiners Werken

zu diesem Themenkreis.


Ostern 2006

29

Einmal im Jahr können wir eine andere,

selten gezeigte Seite der Eurythmie

kennenlernen: die Nähe zur Pantomime.

Am 25.02.2006 kam zu uns das „Else-

Klink-Ensemble“ des Eurythmeum

Stuttgart, Leitung Michael Leber.

Unter dem Motto: „Nun leben Sie

recht wohl, ich küsse Sie zehntausend

Mal“ tanzte ein junger Mozart mit

weißer Zopfperücke, Brokatrock und

Schnallenschuhen zu seiner Klaviermusik,

endete mit einem formvollendeten

„Kratzfuß“, einer anmutigen Verbeugung.

Dazu wurde aus den skurrilen

„Bäsle-Briefen“ gelesen.

Die Heiterkeit und Lust an der Verwandlung

der Eurythmisten/innen steigerte

sich von einem Auftritt zum

nächsten. „Zwei Esel“, „Der Schaukelstuhl“,

„Die Hängematte“ und andere

Episoden waren zur Umsetzung in

tänzerische Bewegung gut geeignet.

Schöne Gewänder und das Farbenspiel

der Beleuchtung erhöhten noch den

Genuss am Zuschauen.

Der Höhepunkt des Nachmittags war

der getanzte Sketch: „Der Tannenbaum

nadelt“. Bei ihm entfaltete das Ensemble

seine Begabung zur Komik. –

Der schönste Lohn für die Tänzer,

Musiker und ausgezeichneten Sprecher

waren der Beifall und das Lachen des

Publikums.

Die „Kulturreihe Birkach“ konnte das

„SLAWIA Internationales Tanzensemble“

für Samstag, 04.03.2006 verpflichten.

Leider war ich nur bis zur

Pause dabei.

Große Tänze hat Dagmar von Garnier

entdeckt. Sie führte locker und charmant

durch den Abend, vermittelte uns

zu den Tänzen ihre Kenntnisse über

die Ursprungsländer.

Hinreißend, ausgefeilt bis zur Perfektion

tanzte das Ensemble Tänze, vorwiegend

aus Osteuropa. In rasanten

Schrittfolgen wirbelten die jungen

Frauen und Männer über die Bühne.

Das Auge konnte kaum folgen.

Die originalen, alten Kostüme hat Dagmar

von Garnier zum Teil selbst zusammengetragen,

ist dazu in die Dörfer

gefahren. Moderne israelische Designer

haben für ihre Tänzer wunderschöne

Kostüme entworfen.

Dass die Musik aus der „Konserve“

kam, war bei den verschiedenen Herkunftsländern

der einzelnen Tänze

nicht zu vermeiden. Sie war zu laut.

Mein Vorschlag: der Kulturkreis des

Nikolaus-Cusanus-Hauses sollte das

einmalig gute „SLAWIA Tanzensemble

verpflichten – vielleicht fürs Sommerfest

– oder einen anderen Termin.

Im Jahr 2005 war die Abert-Gesellschaft

mit einer musikalisch umrahmten

Lesung aus Johann Joseph Aberts

Aufzeichnungen im Nikolaus-Cusanus-

Haus. Wir konnten seinen Aufstieg

vom Schlossergesellen zum Hofkapellmeister

und die Lebensverhältnisse

im 19. Jahrhundert miterleben.

Nun kam die Abert-Gesellschaft am

11.03.2006 wieder, mit einem Konzert

unter dem Motto: „Johann Joseph

Abert und seine Kollegen. Lieder und

Opernarien.“


30

Hauszeitung

In diesem Kreis war er der einzige, der

sowohl die Stelle des Dirigenten einer

Hofkapelle ausfüllte als auch verschiedene

große Opern und Orchesterwerke

komponierte.

Die Abert-Gesellschaft hatte für das

Konzert die Sopranistin Miriam-

Alexandra Müller und den Musikwissenschaftler

und Pianisten Joachim

Draheim verpflichtet. Er kam schon

zwei Mal mit der Abert-Gesellschaft

zu uns und versteht es ganz ausgezeichnet,

Moderation und musikalische

Darbietung zu verbinden.

Ein Programmheft mit allen Liedertexten

und den Berufswegen von

Miriam-Alexandra Müller und Joachim

Draheim führte durch den abwechslungsreichen

Abend.

Mit erst 25 Jahren kann die Sopranistin

Miriam-Alexandra Müller auf schöne

Erfolge zurückblicken. Sie erhielt einige

Stipendien und verfolgt rege solistische

Konzertätigkeit. Mit ihrer

mädchenhaften Erscheinung und dem

kraftvollen Koloratursopran ist sie gut

vorstellbar als „Ännchen“ (Freischütz),

„Papagena“ (Zauberflöte) und „Barbarina“

(Figaro). Ganz sicher wird sie mit

zunehmender Reife ihrer Stimme die

Höhen müheloser „erklimmen“.

Zu Beginn sang sie drei Mozartarien,

und Joachim Draheim begleitete die

Lieder und Arien am Klavier.

Das Konzert entrückte uns in die weit

zurückliegende Zeit der Romantik, in

der es noch Träume von Elfen, Mondesglanz,

fernen Liebsten und still

wehenden Nächten gab.

20.03.2006 – Frühlingsanfang. – Er hat

sich sehr verspätet. Der Boden ist noch

gefroren. Das schöne alte Frühjahrslied

„Im Märzen der Bauer die Rösslein

einspannt ...“ macht noch keinen Sinn.

Krokusse und Märzenveilchen wird es

erst im April geben.

Und die Zugvögel? Sie wurden immer

sehnlichst erwartet und freudig begrüßt.

Mit dem Ausbruch der Vogelgrippe hat

Furcht Einzug gehalten. Zugvögel können

Überträger des Virus H5N1 sein.

Somit werden die Heimkehrer mit

gemischten Gefühlen empfangen.

Alle freilebenden Hühner, Enten, Gänse,

Puten, sogar Brieftauben, werden in

ihre Ställe verbannt. Aus ist’s mit

lustvollem Scharren unter blühenden

Apfelbäumen, auf unbestimmte Zeit –

zur Freude der Regenwürmer.

Elsbet Stübler


34

Hauszeitung

Leben kristallisiert zu Bildern

Peter Prausnitz, Jahrgang 1914 und schon seit über zehn Jahren Bewohner im

NIKOLAUS-CUSANUS-HAUS, eröffnete dem Autor kürzlich eine geheime Leidenschaft:

seine Idee der Kristallisation, die er schon seit etwa 20 Jahren verfolgt. Im

Folgenden soll diese Idee in ihrem Kontext dargestellt werden.

Rudolf Steiner wies in seinen Schriften

und Vorträgen immer wieder darauf

hin, dass an die irdisch-physische

Welt die ätherische Welt anschließt

und jene durchdringt. Die physische

Substanz der Pflanzen, Tiere und des

Menschen ist wie ein Abdruck des

wirksamen Ätherischen. Er unterscheidet

dabei den chemischen Äther, den

Wärmeäther, den Lichtäther und den

Lebensäther. Die herrschende Naturwissenschaft

hingegen sucht die Urgründe

des Lebens in Atomen und Molekülen

selbst, vermag mit ihren Methoden

jedoch nur die physikalischen

Kräfte zu erforschen. Rudolf Steiner

und viele seiner Schüler versuchten

daher, eine lebendige Naturwissenschaft

zu begründen. Um die Ätherkräfte,

die auch Bildekräfte oder Lebenskräfte

genannt werden, zu erforschen,

gab Rudolf Steiner unter anderem

Hinweise, wie diese Kräfte sichtbar

gemacht werden können - es entstanden

die bildschaffenden Methoden.

Als Pioniere auf dem Gebiet der bildschaffenden

Methoden gelten Lili Kolisko,

Ehrenfried Pfeiffer und auch

Theodor Schwenk.

Im Einzelnen können folgende Methoden,

die im Bereich der Medizin, der

Landwirtschaft und der Lebensmitteltechnologie

verbreitet sind, unterschieden

werden:

Kupferchloridkristallisation

Ein wässriger Extrakt aus dem Untersuchungsgut

wird mit einer Kupferchloridlösung

und Wasser vermischt.

Davon wird eine standardisierte Menge

in eine Schale gegeben und erschütterungsfrei

in eine Klimakammer gestellt.

Die Lösung kristallisiert langsam

aus, und es entsteht ein Kristallbild.

Das Blutkristallisationsbild eines Patienten mit einer Entzündung

des linken Dickdarms. Charakteristisch für Entzündungen sind

sprühende Sternformen (Pfeil).


Ostern 2006

35

Diese Methode wird überwiegend zur

Blutuntersuchung kranker Menschen,

ergänzend zu anderen diagnostischen

Methoden, angewandt. Jahrelange experimentelle

Untersuchungen haben

gezeigt, dass die morphologischen

Merkmale der Kristallisation nicht nur

Ausdruck von klinisch manifesten

Krankheiten, sondern auch von Krankheitstendenzen

sind.

Steigbilder, Rundbilder

Hier wird ein wässriger Extrakt einer

Probe in einem Chromatografiepapier

zum Steigen gebracht. Nach einer Zwischentrocknungszeit

steigt eine Silbernitratlösung

nach, und es erfolgt nach

einer weiteren Trocknungszeit eine

dritte Steigstufe mit Eisensulfat. Im Papier

befindet sich nun eine spezifische

Bildgestalt.

Rundbild von Birnen

Tropfbildmethode

Die Tropfbildmethode, von Theodor

Schwenk entwickelt, dient der qualitativen

Untersuchung von Wässern. In

das Zentrum einer dünnen Schicht

einer mit Glycerin angedickten Wasserprobe

fallen in gleichmäßigen kurzen

Abständen Wassertropfen unter definierten

Laborbedingungen. Die Strömungsbewegungen

werden sichtbar

gemacht und fotografiert.

Steigbilder von Blei vor, während und nach einer Konjunktion von

Mars und Saturn

Ähnlich ist die Rundbild-Methode, die

von Ehrenfried Pfeiffer zur Untersuchung

von Böden und Komposten ausgearbeitet

worden ist. Hier breitet sich

eine Lösung kreisförmig aus. Es entstehen

charakteristische zirkulare Fließformen.

Tropfbild von frischem Quellwasser

Außerhalb anthroposophischer Kreise

haben diese Methoden kaum größere

Resonanz gefunden. Zugleich wächst

jedoch das Bedürfnis nach umfassenden,

ganzheitlichen Aussagen. Für die

Anerkennung in akademischen Kreisen

wird es wichtig werden, die Frage zu


36

Hauszeitung

beantworten, wie man vom Bild zum

Urteil kommt. Interpretationen sind

große Fehlerquellen, die Gedankenbildung

kann sich zu schnell und zu

weit von der Wahrnehmung lösen und

in ein Assoziieren umschlagen. Auch

ist deutlich geworden, dass sich zum

Beispiel Pestizidrückstände in den Bildern

nicht unbedingt niederschlagen,

die Methoden also wichtige Qualitätsmerkmale

nicht erfassen.

Wie kam es nun zu der von Peter

Prausnitz erfundenen Frost-Kristallisation?

Wie vieles beginnt es mit einem

Gespräch, und zwar einem Gespräch

zwischen Peter Prausnitz und dem Studenten

Jörg Hermann Schröder beim

Bau des Waldorfkindergartens in Gladbeck

vor 25 Jahren. Peter Prausnitz,

der Maschinenbau-Ingenieur in seinem

Berufsleben war, dachte über eine bildschaffende

Methode nach, die schnell

zu einem Ergebnis kommen kann, ähnlich

wie ein Röntgenbild schon nach

wenigen Minuten zur Verfügung steht.

Die beiden dachten nun über Eiskristalle

an den winterlichen Fenstern

nach. Nach ersten Versuchen mit

einem alten Kühlschrank, was jedoch

nicht zu Bildungen von Eisblumen

führte, war es Jörg Hermann Schröder,

der sich an eine Physikvorlesung erinnerte,

wo Spannungen in Glas und

Plastik mit Hilfe von Polarisationsfolien

sichtbar gemacht wurden. Nun

entstand im Rahmen der Diplomarbeit

von Jörg Hermann Schröder eine spezifischere

Apparatur, die in Glasschalen

durch elektrische Kälteerzeugung

positive Ergebnisse brachte.

Einfache Apparatur zur Erzeugung von Frostbildern

Die Methode wurde nun verschiedenen

anthroposophischen Forschern

und Instituten vorgestellt, die erwartete

umfangreichere finanzielle Unterstützung

blieb jedoch aus. So finanzierte

sich diese Forschung aus Mitteln von

Peter Prausnitz, Jörg Hermann Schröder

und dem Fonds des Vereins für

Bewegungsforschung, Herrischried.

Von den vielen verschiedenen Forschungen

und Gedanken, die sich in

der Diplomarbeit von 1989 befinden,

kann an dieser Stelle nicht ausführlich

berichtet werden. Es kam zwar zu ersten

Beschreibungen von beobachtbaren

Gesetzmäßigkeiten der Eiskristalle, jedoch

nicht zu einer abschließenden Begriffsbildung

anhand der Phänomene.

Dies wird weiteren Forschern, die diese

Möglichkeit eventuell aufgreifen,

vorbehalten sein.


Ostern 2006

37

Durch die Polarisation sind die Fotografien

der Kristalle farbig außerordentlich

vielgestaltig, was in den folgenden

Schwarzweiß-Bildern nicht

sichtbar ist. Darum werden die Farbbilder

in der Zeit vom 24. April bis

7. Mai auf einer Tafel im Eingangsbereich

des NIKOLAUS-CUSANUS-

HAUSES ausgestellt. Interessierte können

sich gerne auch mit Peter

Prausnitz, Telefon 432, in Verbindung

setzen.

Sören Hirning

Frostbild „Marienquelle“

Peter Prausnitz

Frostbild „DEMETER-Kopfsalat“

Frostbild „Entmineralisiertes Wasser“

Frostbild „Kopfsalat konventioneller Anbau“


38

Hauszeitung

Der Markt kann sich nicht aussprechen

Rückfragen an Nikolai Fuchs

über den Verbraucher als Schnäppchenjäger

In seiner mit Karin Huber erstellten Studie bescheinigt Nikolai Fuchs dem

Verbraucher . Der Leiter der Landwirtschaftlichen

Abteilung am Goetheanum erklärt, welche Faktoren beim Preis eine Rolle spielen

und für die eigene Haushaltskasse berücksichtigt werden sollten.

Nehmen wir ein Kilo biologisch-dynamisch produziertes Mehl. Bei der

Drogeriemarktkette in Deutschland kostet es rund einen Euro, in der Schweiz

beispielsweise als -Mehl mit über fünf Franken rund das Dreifache.

Warum sollte ich als grenznah wohnender Verbraucher den dreifachen Betrag für

dieselbe Qualität bezahlen?

Preisvergleiche zwischen der Schweiz und Deutschland hinken in der Regel etwas,

da die Schweiz an sich ein anderes Preisniveau hat, die Menschen verdienen hier

mehr, und die Versicherungskosten und Steuern sind anders berechnet etc. Das ist

ein in sich weitgehend geschlossenes System, was sich gegenseitig stützt. Die

Schweizer – und damit regionale – Landwirtschaft zu unterstützen kann ebenfalls

ein Kaufmotiv für Produkte aus der Schweiz sein.

Hinzu kommt aber auch, dass Produkte, die prominent die -Marke tragen,

diesen Namen bekannt machen und damit den gesellschaftlichen Einfluss, z. B. in

der politischen Vertretung von gegenüber der Gentechnik, helfen zu

stärken.

Zunächst ist zwischen und einem -

Produkt zu unterscheiden. Letzteres kann als Rohprodukt von der Qualität her

äußerlich das gleiche sein; mit im Preis inbegriffen sind aber Leistungen wie eine

garantierte Verarbeitungsqualität, Ausbildung, Beratung und zum Beispiel politische

Vertretung des -Verbands, die auf längere Sicht die Produktion qualitativ

verbessern, während es sich bei eher um einen

handelt.


Ostern 2006

39

Statt Einzelpreise Warenkörbe vergleichen

Daneben hat man im Fachhandel, wo in der Schweiz das -Mehl

angeboten wird, gegenüber dem Supermarkt alle Bioprodukte nah beieinander,

gegebenenfalls Beratung, und man unterstützt mit dem Kauf die regionale

Infrastruktur, die ja bekanntlich ihre Vorteile, wie Erreichbarkeit zu Fuß oder mit

dem Fahrrad, hat.

Denn auch, wenn man grenznah wohnt: Man muß ins Auto, über die Grenze, und

den Kilometer ehrlicherweise mit 50 Rappen rechnen, da kommen schnell 30

Franken zusammen, neben der Umweltbelastung, die ich ja eigentlich mit dem Kauf

ökologischer Produkte mindern will. Insbesondere muß ich mich aber fragen:

Wieviel Kilo Mehl kaufe ich zum Beispiel im Monat? Macht das dann den

Unterschied?

Dennoch, trotz all der oben aufgeführten Gründe: Mehl ist tatsächlich ein gutes

Beispiel für eine nicht austarierte Preispolitik. Fünf Franken finde selbst ich, im

Verhältnis zum Beispiel zu dem, was der Bauer für ein Kilo Getreide bekommt

(unter einem Franken), zu teuer. Mein Gefühl sagt mir, 3 bis 3,50 Franken wären in

Ordnung.

Wer als Student oder mit einem geringen Einkommen – womöglich noch mit Familie

– wirtschaften muß, kann sich in der Regel nicht leisten, 6,20 Franken für 200g

-Butter auszugeben, selbst wenn er es wollte.

Auch hier kann man sich fragen, wieviel Stücke Butter ich pro Woche brauche, und

was macht das übers Jahr? 6,20 Franken kostet handgemachte Butter, vom Hof

direkt in den Laden geliefert. Molkereibutter müßte um die 4,50 Franken liegen.

Insgesamt, glaube ich, muß man vom Einzelproduktvergleich wegkommen. Man

muß Warenkörbe vergleichen. Sprich: Was kaufe ich bei alles ein, weil es

gerade im Angebot und dergleichen ist, gegenüber dem Einkauf im Bioladen? Ich

behaupte – und Studien stützen meine These –, daß in Bezug auf den Warenkorb das

biologische und auch das -Essen in der Summe nur wenig teurer sind.

Dabei ist der Normalverdiener die Bezugsgröße; daß Studenten mal anders

kalkulieren müssen, ist klar.

Eigentlich müßten ja die Preise umweltverträglich erzeugter Bio-Produkte sogar

tiefer als jene konventioneller Produkte sein, die Umwelt und Gesundheit belasten.


40

Hauszeitung

Genau. Daran arbeiten wir auch im Lobbying. Zum Beispiel hat die

Verbraucherorganisation gerade eine Schnitzelstudie vorgestellt, nach

der jedes konventionelle Schnitzel 50 europäische Cent nicht eingerechnete

Umweltkosten in sich birgt. Das ist ja das Gemeine: Konventioneller Landbau wird

mit Steuermitteln stärker gefördert als ökologischer Landbau, obwohl er

Folgekosten für die Gesellschaft verursacht. Der ökologische Landbau steht im

unlauteren Wettbewerb, dadurch kann er sich schwieriger entfalten, braucht hohe

Transportkosten und anderes.

Mit jedem Kauf eines konventionellen Schnitzels verursacht man versteckte Kosten

und stärkt die Lobby, die uns in Brüssel, Berlin und Bern gutbetucht gegenübersitzt.

Bei der Politik geht es ja nicht um Einsicht und gute Ideen, sondern um Standortargumente

und Mehrheiten. Die Billigkäufer sind die willigen Heerscharen der

Industrie, die diese unterstützen (und mit dem Nichtkauf eines -Produktes

das Lobby-Geld nicht geben) – so einfach ist das auch. Das klingt

moralisch, und das ist moralisch.

Der Kunde bestimmt den Preis

Wie entsteht denn überhaupt ein Preis, beispielsweise für -Lebensmittel?

Normalerweise nimmt man ja an, daß der Preis durch die aufaddierten Kosten

entsteht, die die Erzeugung des Produktes und dessen Vertrieb verursachen, zum

Beispiel das Pflügen, Säen und Ernten, dazu die Lagerung, der Handel und der

Laden. Aber so ist es gar nicht. Der Preis bildet sich genau umgekehrt: Der Kunde

greift im Laden zu bestimmten – möglicherweise zu den billigen – Produkten und

bestellt diese dadurch automatisch nach. Der Ladner signalisiert dem Händler durch

sein Nachfrageverhalten, was er gern nachgeliefert bekommen würde. Der Händler

schickt dann seinen Einkäufer zu den Erzeugern, um genau dieses Produkt zu dem

Preis zu holen. Der Erzeuger, der Bauer, kann sich dann entscheiden, ob er zu dem

Preis liefert oder nicht. Da er meist keine andere Wahl hat – da die Ernte sonst

verdirbt –, verkauft er sie zu dem vorgegebenen Preis. Ist dieser niedrig, versucht er

ihn nach aufzufangen, indem er Lohnarbeitskräfte aus dem Ausland

einstellt, Maschinen einsetzt, die Fruchtfolge verengt, die Tiere abschafft, seine Frau

und sich ausbeutet und dergleichen mehr. Das heißt: Der Preis wird eigentlich vom

Kunden gemacht.

Etwas verheerend wirkt sich heute dazu aus, daß der Handel, statt reiner Dienstleister

und Vermittler zu sein, heute selbst häufig in die Preisgestaltung eingreift. So

glaubt der Handel heute häufig, daß nur gutgeht, und stellt alles darauf ein.


Ostern 2006

41

Das geht aber häufig an Verbraucher und Erzeuger vorbei. So gibt es zum Beispiel

in der Schweiz und Deutschland eine Nachfrage nach -Produkten. Die

Waren stehen auch in Sizilien bereit, aber der Handel nimmt sie nicht, weil er

glaubt, sie seien ein paar Cent zu teuer. Das ist ein echtes Problem heute. Der Markt

selbst kann sich nicht aussprechen. Von daher sollte man als Kunde soviel wie

möglich seine Bedürfnisse offensiv im Laden kommunizieren, das schafft

Realitäten. Geht es über den Produktkauf nicht, kann man Höfen ja auch auf andere

Arten helfen, wie mit Beteiligungen, Spenden und anderem.

Die Fragen stellte S. J. am 2. Juni 2004.

In: Das Goetheanum, Wochenschrift

für Anthroposophie Nr. 25 / 20. Juni 2004,

leicht verändert (bei Frage 1)

Jeder Kauf eine Bestellung

Wie die Konsumenten der -Bewegung helfen

können

Neben dem Herstellungsverbot biologisch-dynamischer Präparate in der EU gibt es

noch eine andere Gefährdung für -Erzeugnisse: fehlende Umsätze. Der

Konsumentenvertreter im Schweizerischen -Verband Marc C. Theurillat

fordert die Verbraucher auf, zu kaufen, wenn sie diese Qualität für die

Zukunft erhalten wollen.

Bei der Arbeit im Schweizerischen -Verband erlebe ich deutlich: Die

-Produkte – und das nicht nur in der Schweiz – sind in ihrer Existenz

bedroht. Viele ihrer Verarbeiter und Händler kämpfen ums Überleben. Die Betriebe

der -Bewegung können viel zu wenig in Verbesserungen für die Zukunft

investieren. Es besteht die Gefahr, daß viele -Produkte an manchen Orten

noch teurer und weniger attraktiv werden. Es ist deshalb wichtig, über die

Problematik zu sprechen.

Im Jahr 2002 wurden zum Beispiel rund 60 Prozent der schweizerischen -

Kartoffeln nicht als , sondern als verkauft. Wenn nun der Handel


42

Hauszeitung

nicht mehr abnehmen kann, so werden die Landwirte ihre biologisch-dynamisch

angebauten Produkte noch mehr als heute schon als Bio-Produkte verkaufen

müssen. Damit werden diese für uns nicht mehr als erkennbar sein.

Bewußtsein fürs Lebendige

Der biologisch-dynamische Anbau ist nicht nur für die Natur und als zukünftige

Lebensgrundlage wichtig; nein, er ist auch für uns als Konsumenten wichtig. Dies,

weil die Art und Qualität unser Wohlbefinden und auch unsere spirituelle

Sensibilität beeinflußt. Bekanntlich bilden und stärken wir unseren Körper an der

Überwindung der zu uns genommenen Nahrungsmittel. Da ist es von Bedeutung, ob

und wie diese von kosmischen Kräften geprägt sind. -Produkte sind dazu

schmackhaft und bekömmlich. Das hat auch einmal mehr die

deutlich genug gezeigt ( Nr. 31–32/2003).

Nun ist es so, daß wir in einer Wirtschaft leben; und das ist

gut so. In dieser reagieren Handel und Herstellung äußerst sensibel auf das

Käuferverhalten. Produkte, die nicht genügend gekauft werden, verschwinden aus

den Regalen. Da zeigt sich das der Wirtschaft immanente Prinzip der

. Alle produzieren wir für die anderen – und das, was diese

brauchen und kaufen.

Die einzelnen Kaufmotive sind ihrer Natur nach sehr individuell. Sie sind aber nicht

nur sehr verschieden, sie sind zudem den Käuferinnen und Käufern auch sehr

unterschiedlich bewußt. Die Spanne der Art der Kaufmotive reicht von über verschiedenste Zwischenstufen bis zu . Modernes Marketing versucht, der anvisierten Käuferschaft

möglichst so zu entsprechen, daß diese viel und gut einkauft.

Es gehört ganz besonders zum gegenwärtigen Zeitalter der Ausbildung der

Bewußtseinsseele, die eigenen Handlungen sorgfältig zu reflektieren. Was sind

meine mich tatsächlich treibenden Motive? Welche Gedanken, Stimmungen und

Gewohnheiten bestimmen zum Beispiel mein Einkaufen? Auch in der

Ernährungsfrage sind die Widersachermächte wirksam: Wer die Bedeutung der

Qualität von Nahrungsmittel und Verarbeitung negiert, droht, sich von den geistigen

Zusammenhängen zu lösen; wird der stimulierende Genuß allein bestimmend, gerät

man selbst zu stark in den Mittelpunkt. Gelingt es mir, in freier Art den mir

entsprechenden Mittelweg zu finden?


Ostern 2006

43

Diese Fragestellung und die Vielfalt der Art, wie in der anthroposophischen

Bewegung damit umgegangen wird, kann man gut am Beispiel erleben. Dabei richte ich den Blick auf die Erwartungen und

Ansprüche der Gäste und der für die Verpflegung verantwortlichen

Tagungsorganisatoren. Günstige Schnellimbißstätte mit beliebiger Produkte-Qualität

oder gehobenes -Vollwertrestaurant? Ich wünsche mir ein , das beispielhaft zeigt, wie wohltuend eine einfache, schön

präsentierte -Vollwertkost sein kann.

Verbraucher prägen das Angebot mit

Manche denken, wir als Konsumenten können da doch gar nichts bewirken. Wenn

sie hören, so verbinden sie damit Banken, Fabriken und

Handelsketten. Das ist aber nur ein Teil; , das sind nicht die

anderen, nein, wir alle sind als Konsumenten ein Teil davon, und zwar der

wichtigste, der eigentliche Zweck . Gehen genügend einzelne

Kundenentscheidungen in die gleiche Richtung, so wirkt das bestimmend, besonders

in einem so kleinen Marktsegment wie dem der -Produkte. Jeder Kauf

wirkt als Bestellung, dieses Produkt wieder herzustellen! Und wenn man vom

Angebot nicht restlos überzeugt ist, so gibt es die Möglichkeit zum Gespräch, sei es

direkt, sei es über die in der Schweiz aktiven -Konsumentenvereine.

Engagierte Konsumentinnen und Konsumenten prägen das zukünftige Angebot mit!

Betrachtet man die -Bewegung genauer, so zeigt sich also eine zu kleine

und zu wenig konstante Nachfrage. Das führt – nicht allein, aber ganz wesentlich –

dazu, daß die Produkte an manchen Orten teuer, nicht täglich verfügbar und

gelegentlich nicht frisch sind. Ist das die Konsequenz von bewußten Entscheidungen

gegen Produkte aus biologisch-dynamischem Anbau oder Ausdruck von

Unachtsamkeit? Nur wenn die Konsumenten jetzt mehr kaufen, können

in Zukunft die Verarbeiter und Händler die Preise senken und das Angebot

verbessern.

Zusammenfassend sei festgehalten: Der -Bewegung geht es nicht gut; sie

ist mittelfristig in ihrer Existenz gefährdet. Das liegt nicht nur, aber auch an uns, den

Konsumentinnen und Konsumenten. Wenn wir den biologisch-dynamischen Anbau

unserer Gesundheit und Naturverbundenheit zuliebe wollen, dann müssen wir unser

Verhalten ändern. Wir müssen uns bewußt sein, daß jeder Kauf von einem Nicht-

-Produkt der -Bewegung fehlt. Und Erich Kästner hatte ganz

recht: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Marc C. Theurillat

In: Das Goetheanum, Wochenschrift

für Anthroposophie Nr. 25 / 20. Juni 2004


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Hauszeitung

Wie Birkach zu seiner Kirche kam

Die Birgicher send ebbes Bsonders ond hoißet au heut no „Herzogskender“. Ond

scho 1732, 1738 ond 1739 hat dr Schultes ond dr Gmeinderat „unterthänigst und

gehorsamst“ an den „Durchleuchtigsten Hertzog, Gnädigsten Fürsten und Herrn“

gschriebe om dui Erlaubnis, „eine aigene Kirch und Gottes-Acker erbauen und

anrichten zu dörffen“. Jedes Mal hend se a Abfuhr kriegt von der Bürokratie, für des

häb mr koi Geld, ond se sollet no weiter nach Pleanenge en dui Martinskirch gange.

1768 hend se’s wieder probiert ond verzählt, dass der arme Flecke sei ganz Gerstle

zammekratze dät für a oigene Kirch. Aber au des Schreibe isch en dene Amtsstuebe

en Stuegert verstaubt. Ond dr Pleanenger Pfarrer isch au drgege gwä, weil ja no dui

Birgicher Kirchesteuer abzoge worde wär. Ond er schreibt über seine Filialpfarrkender

„im Sommer habe ich sie schon selber an ein und anderem Sonn und Feyertag

angetroffen, daß sie wie die Schaafe nur vor den Häußern oder auf dem Felde

hauffenweis da gelegen“.

Die Birgicher gebet net uff

1772 hend se „unter Umgehung des Amtsweges“ direkt dem Herzog a Briefle

gschriebe, ond au des hat koin Wert ghet, denn die staatlich ausghaltene Brüeder mit

ihre Ärmelschoner hend des Schreibe ewig romliege lasse ond dene Birgicher ond

ihrem Landesvatter weisgmacht, des mit dere neue Kirch sei „1. theils unmöglich, 2.

theils nicht nötig, 3. theils nicht räthlich.“ Aber die Birgicher gebet emmer no net

uff, ond machet 1778 den siebte Alauf ond bittet den hochwohlgeborene, leutselige

Nachbar en Hohenheim nomol höchstpersönlich om dui Kirch. Ond trotzdem dass

seine hochbezahlte Bedenketräger emmer no schwer drgege send, „haben Seine

Herzogliche Durchlaucht und die Frau Reichs Gräfin von Hohenheim Sich

entschloßen, zur Ehre Gottes und dem Wohl dieser Unterthanen, die Kirche ganz auf

Ihre Kosten bauen zu laßen“. Ond des Abendmahlsgerät samt Taufkanne krieget se

au no gstiftet, ond den Pfarrer zahlt dr Herzog au aus seiner oigene Tasch.

Ond des isch der Magister Friedrich Wilhelm Kohler (1754-1810), dr Jonge vom

Mesner an dr Leonhardskirch, den hat dr „Carl Herzich“ ond sei „hertzallerliebstes

Franzele“ oigehändig rausgsuecht, ond der wird a Sege für Birgich ond richtet dort

dui ällererste „Industrieschule“ en Wirteberg ei ond fördert mit dem Vatter Schiller

den Obstbau ond isch au no dr Großvatter von dem genialische Dichter Wilhelm

Waiblinger (1804-1830) en Rom. Ond am 1. Juni 1779 wird feierlich der Grondstoi

glegt ond en sechzehn Monat baut der „Hauptmann und Architecte“ ond


Ostern 2006

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Hofbaumeister Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer (1746-1813), a ledigs Kend

vom Herzog, dui Kirch fertig.

Ser schene Ceremonie

Zur Feier des Tages schreibt dui Franziska von Hohenheim en ihr Tagebuch:

„Samstag am glieckliche Carlstag d. 4. Nov. 1780. Ich wachde mit wenschen vor

Ihro Durchleicht auf; um halb 9. uhr herten der Herzog Meß, in dem Kammen der

Prentz Louis u. die Berufene, die zu der Einweihung von der Kirch gehörten, alstan

geng es dan das aller Erste mahl in Birgach in die Kirch, u. Gott Erhöre die Wönsche,

die bey diesser Einweihung vor Ihro Durchleicht den Besten Herzog gedan

wurten, er gebe seinen gnätigen Seegen zu diessem Seinem haus. Die Ceremonie

wahr ser schen, alle Pfarrer von der Diotzes wahren da bey Benebst alle geheimderadt

u. welche von dem Consisdorio; ein Kend hebden der Herzog u. der Prentz

Selbsten, auch ich, aus der Tauf; zwei wurden copulierdt, auch der neihe Pfarrer

installierdt, um 12 uhr geng es aus der Kirch, Ihro Durchleicht ließen die gantze

Bürger schaft im hof speisen, gengen zu Ihnen u. sprachen auf das gnädigste mit

Ihnen. Nach der Tafel fengen die Leide an zu dantzen, die von allen filderorden da

wahren, man sahe Ihnen zu; die Pfarrers wahren auch alle nach der Tafel da, der

Prentz wurden auch in das schlößle u. auf den Frucht u. Hey boden gefierdt u. nach

diessem gengen Sie benebst den anderen anwesenden baldt henweck, u. Ihro Durchleicht

liesen, noch in Ihrer gegen wardt die fier Hanen ausdantzen, damit wahr es

nacht, u. es geng alles nach haus.“

Wer des ganz genau nachlese will, wie der kadolische Herzog für sei effangelische

Mätress ond seine „Birgicher Herzogskender“ dui Kirch samt Pfarrhaus en dui Alte

Dorfstraß nagstellt hat, der soll sich des Buech „Arbeit ist ein großer Segen“ vom

Gustav Rottacker kaufe. Des gibt’s aber bloß no en dere (jeden Tag offene!)

„Franziskakirche“ für 10 Euro. Besuch selbiger samt Lektüre wird empfohlen sowie

Spende zur Sanierung des 225 Jahre alten Kirchendaches erbeten.

Gerhard Raff

aus StZ Nr. 254 vom 3.11.05


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Hauszeitung

Neue Bücher in unserer Bibliothek (eine Auswahl)

Literatur / Romane

Hilde Domin

Juri Rytcheu

Ernst Jünger

Jurij Brezan

Scholem Alejchem

Halldor Laxness

Johannes Urzidil

Andrej Belyj

Hermann Schulz

Eric-Emmanuel Schmitt

Jürgen Lodemann

Pascal Mercier

Bernard von Brentano

Alexis Kivi

José Saramago

Jakov Lind

Ingeborg Bachmann

Hugo von Hofmannsthal

Von der Natur nicht vorgesehen

Unter dem Sternbild der Trauer

Eumeswil

Bild des Vaters

Tewje der Milchmann

Das Fischkonzert

Das Elefantenblatt

Die silberne Taube

Auf dem Strom (Großdruck)

Das Evangelium nach Pilatus

Siegfried und Krimhild

Nachtzug nach Lissabon

Theodor Chindler

Die sieben Brüder

Das Memorial

Eine Seele aus Holz

Malina

Gedichte und Prosa

Biographien

Ingrid Bergmann

Mein Leben

Jelena Kusmina

Anna Achmatowa

Helène Grimaud

Wolfssonate

Heiko Oberman

Luther

Dietrich Bonhoeffer - Maria von Wedemeyer Brautbriefe

Friedrich Dönhoff

Mister Helmuts Schule


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Ostern 2006

Helmut Thielicke

Sabine Kuegler

Ruth von Wedemeyer

Zu Gast auf einem schönen Stern

Dschungelkind

In des Teufels Gasthaus

Anthroposophie

Christoph Rau

Günter Kollert

Johannes Kiersch

Wolfgang Zumdick

Rudolf Steiner

Michael Lipson

Peter Selg

Florian Roder

Georg Kühlewind

Elisabeth Steffen

Albert Steffen

Albert Steffen

Mit dem Feuergeist des Löwen

Die Apokalypse des Denkens

Zur Entwicklung der Freien Hochschule

für Geisteswissenschaft

Rudolf Steiner und die Künstler

Fachwissenschaften und Anthroposophie

Finde dich neu

Rudolf Steiner und das Fünfte Evangelium

Der Mondknoten im Lebenslauf

Der sanfte Wille

Selbstgewähltes Schicksal I/II

Reisetagebuch

Krisis, Katharsis, Therapie

Verschiedenes

M. J. ben Gurion Die Sagen der Juden

Arsenij Gulyga

Schelling – Leben und Werk

Canaletto

Dresden

Gerhard Wehr

Louis Claude de Saint Martin

P. J. Knörrich Dem Alter souverän begegnen

Sebastian Haffner Die deutsche Revolution 1918/19

Wladimir Solowjew

Leben in Briefen und Gedichten

Joachim Fernau

Disteln für Hagen

Marc Chagall

„Ich bin mit dir“


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Hauszeitung

Die Sache

Ein alter Araber wohnt seit mehr als 40 Jahren in Chicago. Sein Sohn studiert seit

einiger Zeit in Paris. Der Alte würde gerne in seinem Garten Kartoffeln pflanzen,

aber er ist allein und alt und schwach.

Er schreibt eine E-mail an seinen Sohn und erklärt das Problem. „Lieber Ahmed, ich

bin sehr traurig, weil ich in meinem Garten keine Kartoffeln pflanzen kann. Ich bin

sicher, wenn Du hier wärest, würdest Du mir helfen und meinen Garten umgraben.

Dein Vater.“

Am folgenden Tag erhält der alte Mann eine E-mail: „Lieber Vater, bitte berühre

den Garten nicht. Dort habe ich die Sache versteckt. Ich liebe Dich. Ahmed.“

Um 4 Uhr morgens kommt das FBI, der CIA und eine Abordnung vom „Heimatschutz“

zu dem Haus des alten Mannes. Sie suchen überall, nehmen den ganzen

Garten auseinander, suchen jeden Millimeter ab, aber finden gar nichts. Enttäuscht

gehen sie weg.

Am folgenden Tag erhält der alte Mann wieder eine E-mail vom Sohn: „Lieber

Vater, sicherlich ist jetzt der Garten voll umgegraben und Du kannst die Kartoffeln

pflanzen. Mehr konnte ich nicht für Dich tun. Ich liebe Dich. Ahmed.“

Gefunden von Frau Schelcher


„Wasser,

du hast weder Geschmack noch Farbe,

noch Aroma.

Man kann dich nicht beschreiben.

Man schmeckt dich, ohne dich zu kennen.

Es ist nicht so, dass man dich zum Leben braucht;

du selber bist das Leben!

Du durchdringst uns als Labsal,

dessen Köstlichkeit keiner unserer Sinne

auszudrücken fähig ist.

Durch dich kehren uns alle Kräfte zurück,

die wir schon verloren gaben.

Dank deiner Segnung fließen in uns wieder

alle bereits versiegten Quellen der Seele.

Du bist der köstlichste Besitz dieser Erde.“

Antoine de Saint-Exupéry

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