Wolfram Cosmus: In Iserlohn lebt meine Fantasie

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Wolfram Cosmus: In Iserlohn lebt meine Fantasie

Wolfram Cosmus: In Iserlohn lebt meine Fantasie

Neulich war ich in der Stadt, also in der City. Ich hatte was zu besorgen. Es war

aber nicht so wichtig, wenn ich mich recht besinne. Ich schlenderte also

verträumt, vom alten Rathausplatz kommend, in die Wermingser. Ein Blick zur

Uhr zeigte mir, dass es gerade Punkt zwölf war.

Da geschah plötzlich etwas sehr Merkwürdiges: Mir war, als legte sich ein

weißes Licht wie ein Schleier über alles. Unwillkürlich blieb ich stehen, schloss

die Augen und wartete ab. Als ich sie nach einer Weile wieder öffnete, sah ich,

dass alles um mich herum langsamer wurde. Als ginge einer Musikaufnahme

der Saft aus. Die Menschen um mich herum wurden immer langsamer, bis sie

schließlich stehenblieben.

Vorsichtig versuchte ich, ob ich mich denn noch bewegen konnte – und siehe

da: ich konnte! Das Licht, schien mir, war noch da, allerdings schwächer. Und

während ich mich noch wunderte und die Ereignisse nicht fassen konnte, hörte

ich Schritte hinter mir. Irgendwie metallisch. Ich drehte mich um und traute

meinen Augen nicht – da kam Elena dahergestöckelt auf ihren High-Heels. Klack

klack klack. Wie jetzt? Elena? Die Bronzefigur vom alten Stadtbad? Tatsächlich.

Wie schön sie war, nur bekleidet mit Hut und Schuhen. Ungerührt ging sie an

mir vorbei, ihr Hund trottete hinterher. Dann bog sie in die von-Scheibler-

Straße ein, und ich ging schnurstracks hinterher. Das musste ich sehen. Ich

wollte dabei sein, was auch immer sich hier tat.

Sie überquerte den Marktplatz und gesellte sich zu den Figuren „Bauer und

Bäuerin“. Sie heißen ja eigentlich tanzendes Paar mit Hund, aber für mich sind

es eben Bauer und Bäuerin. Diese saßen auf einer Bank am Kinderspielplatz.

Der Mann hinten angelehnt und die Beine von sich gestreckt, die Frau

kerzengerade, ihr Hund zu ihren Füßen.

„Hallo, Ihr Beiden“, hörte ich Elena sagen, „noch keiner da?“

„Nee“, sagte der Bauer und erhob sich, um Elena zu begrüßen.

Ich war fasziniert, schlich mich langsam näher, um alles ganz genau zu

beobachten. „Du hast wenig an“, meinte der Bauer, und ließ seine Blicke

wandern.

„Das ist Kunst“, erwiderte Elena, „davon verstehst du nichts, du Banause.“ Die

Hunde beschnupperten einander, sie kannten sich offensichtlich.


„Was macht dein Arm?“, fragte Elena die Bäuerin. „Geht wieder“, antwortete

diese und zeigte den Arm her.

Ich fasste mehr Mut und stellte mich fast neben die zum Leben erwachten

Figuren. Sie nahmen keinerlei Notiz von mir, sahen mich womöglich gar nicht?

„Ihr habt Euch gesetzt, wie ich sehe“, meinte Elena.

„Ja“, erklärte die Bäuerin, „immer dieses blöde Rumstehen. Da tun einem ja die

Füße weh.“

„Na, mir geht’s ja auch nicht viel besser“, warf Elena ein. „Ich immer mit den

Ellenbogen auf diesem bescheuerten Tischchen. Davon kriegt man eine

Hornhaut“, und strich sich über die Arme.

Wieder hörte ich Schritte. Ich schaute in Richtung Schillerplatz und sah den

Zeitungsleser kommen. Schlaksig sah er aus, der lange Kerl, seine Zeitung in der

Linken. Ehe er etwas sagen konnte, rief ihm der Bauer entgegen: “ Na, was

gibt’s Neues?“, und wies auf die Zeitung.

„Blödmann“, knurrte der Zeitungsleser, „du weißt doch genau, dass ich immer

dieselbe Seite aufgeschlagen habe, was soll’s da Neues geben? Was soll’s da

Neues geben?“

„Und deine Bank?“, fragte der Bauer und grinste, „wer bewacht jetzt die Bank,

wenn du nicht da bist?“

Der Zeitungsleser ignorierte den Scherz und schaute intensiv auf Elena. „Wenig

an, was?“

„Ich hab’s grad schon mal gesagt, das ist Kunst. Und du verstehst genau so

wenig davon, wie du deine Zeitung nicht lesen kannst ohne deine Brille.“

Der Zeitungsleser schnaufte: „Erinnere mich nicht daran. Meine schöne Brille,

einfach geklaut, einfach geklaut.“ Er kratzte sich am Kopf. „Und du?“, fragte er

Elena, „was steht in deinem Buch, in das du ständig starrst?“

Elena lachte: „Da geht es mir ähnlich wie dir, immer dieselbe Seite. Langweilig.“


Wieder waren Schritte zu hören. Wieder aus Richtung Schillerplatz. Es war die

ruhende Sappho, wie sie offiziell heißt und die an der Apotheke in der

Laarstraße ihr Domizil hat.

„Na? Wie steht‘s?“, fragte sie und blickte in die Runde.

Ich stand inzwischen so dicht an der Gruppe, dass mir unwillkürlich ein „muss

ja“ herausrutschte, aber sie nahmen es nicht wahr und antworteten ihrerseits:

„Muss ja“.

„Die kann wenigstens sitzen“, maulte die Bäuerin, „da tun ihr die Füße nicht

weh.“ Aber keiner reagierte auf das ständige Nörgeln.

„Was ist denn mit der Truppe vom Brunnen?“, wollte Elena wissen.

„Ach die“, winkte Sappho ab. Sie blickte in Richtung Brunnen, der aber von hier

kaum zu sehen war. „Der Hornist müsste noch üben, meint er, und die Anderen

tanzen lieber.“

„Alles Quatsch“, warf der Zeitungsleser ein, „alles Ausreden, alles Ausreden.

Die haben Minderwertigkeitskomplexe, weil sie so klein sind. Das isses, das

isses!“

Die Bäuerin nahm ihren Mann ein wenig zur Seite und flüsterte: „Wer war jetzt

diese Sappho gleich wieder? Ich kann mir das einfach nicht merken.“

Der Alte verkniff die Augen und murmelte: „Irgendwas mit Dichterin, oder so.“

„Dichterin?“, fragte die Bäuerin nach.

„Ja, was Griechisches, glaub‘ ich.“

„Wie kommst du denn mit deinem neuen Standort zurecht? Oder soll ich

Sitzort sagen?“, fragte Sappho lachend den Zeitungsleser, der vor einer Weile

umgezogen war.

„Och ja“, meinte der, „is‘ ruhiger da, nicht so viel Trubel, nicht so viel Trubel.“

„Apropos Standort“, warf Elena in die Runde. „Ich muss immer so weit laufen.

Könnten wir uns nicht mal woanders treffen?“


„Und wo?“, fragte die Bäuerin, „weit laufen ist ja auch nicht mein Ding.“

Es trat eine kleine betretene Pause ein. Klar, die Vier mussten quasi nur

umfallen, dann waren sie auf dem Marktplatz, während Elena einen weiten

Weg hatte. Dann redeten sie ein wenig über dies und das.

„Ja, ich geh‘ denn mal wieder“, meinte Elena schließlich und rief ihren Hund zu

sich. „Muss mich da am Poth wieder hinstellen. Wir sehen uns spätestens,

wenn der da“, und plötzlich zeigte sie mit dem Daumen über ihre Schulter auf

mich, „wieder träumend durch die Wermingser schleicht“, und ging. Die

Anderen schielten zu mir rüber und die Sappoh meinte: „Kann ja nicht lange

dauern.“

Sehr verstört machte ich mich davon, nicht zufällig schlug ich die gleiche

Richtung wie Elena ein. Ein bisschen wollte ich sie schon noch angucken, die

Schöne. Und dann war sie plötzlich weg und das Weiß auch und die Leute liefen

wieder völlig normal durch die Straßen.

Wie war das mit der Überschrift? In Iserlohn lebt meine Fantasie – mit

Betonung auf … lebt.

Wolfram Cosmus

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