Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

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Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

Martine Boyer-Weinmann

Frank Estelmann / Olaf Müller (Hrsg.)

Das Münchener Abkommen

und die Intellektuellen

Literatur und Exil in Frankreich

zwischen Krise und Krieg

Gunter Narr Verlag Tübingen

edition lendemains 5


Das Münchener Abkommen und die Intellektuellen


edition lendemains 5

herausgegeben von

Wolfgang Asholt (Osnabrück) und Hans Manfred Bock (Kassel)


Martine Boyer-Weinmann

Frank Estelmann /Olaf Müller (Hrsg.)

Das Münchener Abkommen

und die Intellektuellen

Literatur und Exil in Frankreich

zwischen Krise und Krieg

Gunter Narr Verlag Tübingen


Titelbild: Titelbild: Eva Herrmann: Umschlagentwurf f. Lion Feuchtwanger: Exil (Detail).

In: Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933–1945, Frankfurt am Main

© VG Bild Kunst, Bonn 2008

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung durch: die Deutsch-Französische Hochschule,

Saarbrücken

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2008 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb

der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig

und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen

und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.

Internet: http://www.narr.de

E-Mail: info@narr.de

Printed in Germany

ISSN 1861-3934

ISBN 978-3-8233-6382-8


Inhalt

Einleitung .............................................. 5

‚MÜNCHEN‘ UND DANACH

ALBRECHT BETZ:

Zwischen Krise und Krieg .................................. 13

MARIE-LUISE RECKER:

„La paix à tout prix?“ Frankreichs Haltung gegenüber dem

nationalsozialistischen Deutschland 1938–1939................... 29

LITERATUR DER KRISE:

KONTEXTE UND POSITIONEN

JEAN-PIERRE MARTIN:

Betrachtungen über das ‚München’ der französischen Schriftsteller ... 45

HÉLÈNE BATY-DELALANDE:

Eine große stille Stimme? Pazifismus und umgelenkte Diskurse bei

Roger Martin du Gard, von ‚München’ bis zu Épilogue (1940) ........ 63

DOMINIQUE PERRIN:

Eine „dämonische Version“ des Parzifal. 1939: Geburt und Ausbildung

von Julien Gracq ......................................... 83

ANDREAS NIEDERBERGER:

Maurice Blanchot zwischen Literatur der Krise und Krise der

Literatur ............................................... 103

OLAF MÜLLER:

Ignazio Silone und Siegfried Kracauer: Faschismusanalyse im

transnationalen Exildialog .................................. 119

Anhang: Brief von Siegfried Kracauer an Ignazio Silone, Paris,

16. Januar 1939 ........................................ 138

PHILIPPE OLIVERA:

Die französische Verlagslandschaft und die Krisen der Jahre

1938–1940. Grundlagen für einen Vergleich mit dem Beginn des

Ersten Weltkriegs......................................... 141


ECHOS DER KRISE IN

LITERATUR, PUBLIZISTIK UND WISSENSCHAFT

FRANK ESTELMANN:

Der Münchener „Teufelspakt“ und seine Rezeption: Von der

Publizistik zur Romanliteratur des Exils ........................ 159

MARTINE BOYER-WEINMANN:

Von La Conspiration zur Chronique de septembre: Schreibweisen der

Krise bei Paul Nizan ...................................... 185

BRITA ECKERT:

„Toten-Messe“: Zu Joseph Roths publizistischem und erzählerischem

Spätwerk ............................................... 203

WOLFGANG SCHOPF:

Pariser Echo der Krise: Das Münchener Abkommen in der Publizistik

des Exils ............................................... 217

JEAN-YVES DEBREUILLE:

Tanz auf dem Vulkan. Die Nouvelle Revue française vom September

1938 bis zum Juni 1940 ..................................... 227

FRIEDRICH WOLFZETTEL:

Kulturelle Krise und mythisches Schreiben bei Denis de

Rougemont ............................................. 243

MARTIN STRICKMANN:

Die französischen Atomphysiker Frédéric und Irène Joliot-Curie als

politische Intellektuelle am Ende der 1930er Jahre ................ 257

„ICH REDE MIT JEDEM PATIENTEN ANDERS“: Ein Gespräch mit dem Autor

und Psychoanalytiker Hans Keilson über sein Exil nach 1936 ........ 267

Zeittafel, Januar 1938 bis September 1940 ....................... 283

Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern ......................... 307

Zu den Übersetzungen..................................... 313

Personenregister ......................................... 315


Einleitung

„Ich habe, wie alle Welt, schlimme Wochen hinter mir. Ich fürchte den Krieg

und diesen Frieden, verabscheue dieses neue Europa und hänge am alten

Erdteil, möchte fliehen und habe weder Papier noch Geld. Kurz, man kennt

die alte Leier.“ 1 Die schlimmen Wochen, von denen Hermann Kesten Ende

Oktober 1938 aus dem Pariser Exil an den Mitexilanten René Schickele

schrieb, waren die Wochen um das Münchener Abkommen vom September

desselben Jahres. Die deutschen Exilanten in Frankreich empfanden diese

Wochen als bedrückend und furchterregend, „wie alle Welt“, aber gleichzeitig

waren solche Empfindungen für sie seit 1933 eben auch bereits „die

alte Leier“, für die Österreicher unter den Exilanten spätestens seit dem

März 1938. Die internationale Krise des Sommers 1938, die in der Münchener

Konferenz ihren vorläufigen Endpunkt erreicht hatte, änderte jedoch in

vielfacher Hinsicht noch einmal das politische und intellektuelle Klima, in

dem die Exilanten ihr Auskommen zu suchen hatten. Auf „diesen Frieden“,

wie Kesten das Resultat von München abschätzig und mit einer Formulierung

bezeichnete, die auch Thomas Mann für den Titel eines Essays über das

Abkommen wählen sollte, auf diesen Frieden reagierten Teile der französischen

Bevölkerung in einer Weise, die vielen der Exilanten, die „weder

Papier noch Geld“ besaßen, das Leben zusätzlich erschwerten. Eine verbreitete

xenophobe Meinung hielt die vor Hitler nach Frankreich geflüchteten

Deutschen für potentielle Unruhestifter, die den teuer erkauften Kompromiß

von München wieder gefährden könnten. Die daraus resultierende Stimmung

beschrieb Kesten ebenfalls Ende Oktober in einem Brief an Fritz

Landshoff: „Nun bin ich also im schönen Paris, wo die Emigranten betreten

und gespenstisch wandeln, mitten in der neusten antisemitischen Bewegung

Frankreichs (auch in der douce France sind die Juden schuld, und die Ausländer)“.

2

Während die deutsche Besatzung Frankreichs und die französische collaboration

mit den deutschen Besatzern nach 1940 gerade in den vergangenen

beiden Jahrzehnten diesseits und jenseits des Rheins vielfach untersucht

worden sind, fehlen für den präzisen (literar-)historischen Bezugsrahmen

zwischen dem Münchener Abkommen im September 1938 und dem deutschen

Einmarsch in Frankreich komparatistisch und interkulturalistisch

angelegte Forschungsarbeiten, die die zeitgeschichtlichen Aspekte der Kultur-,

inbesondere der Literaturproduktion, in den Vordergrund stellen. Dies

darf verwundern, spielten doch in dieser Zeit eine Reihe der inzwischen

1

Hermann Kesten an René Schickele, Paris, 30. Oktober 1938, in: Deutsche Literatur im

Exil. Briefe europäischer Autoren 1933–1949, hg. von Hermann Kesten, Frankfurt am

Main: Fischer 1973, S. 62.

2 Brief vom 31. Oktober 1938, in: ebd., S. 63.


6 Das Münchener Abkommen und die Intellektuellen

kanonisch gewordenen französischen und deutschen Künstler der klassischen

Moderne eine bemerkenswerte Rolle, wie Jean-Paul Sartre, Paul Valéry

oder Louis Aragon auf französischer und Heinrich Mann, Walter Benjamin

oder Alfred Döblin auf deutscher Seite. Sie und eine ganze Reihe weiterer

Autoren aus den französischen Künstlerkreisen und den Exilgruppen

der deutschsprachigen Intellektuellen in Paris waren in der politischen Öffentlichkeit

Frankreichs in dieser Zeit nicht nur deutlich vernehmbar. Auch

hat das umstrittene Münchener Abkommen gerade bei den vor allem in

Paris ansässigen Protagonisten des kulturellen Lebens der Vorkriegszeit eine

spezifische gesellschaftliche Dynamisierung ihrer ästhetischen Praxis in

Gang gesetzt, die von den sich weiterhin überschlagenden Ereignissen auf

der weltpolitischen Bühne weiter politisiert wurde und erst mit der sogenannten

„drôle de guerre“ und nach dem Juni 1940 konkrete Formen der

Kollaboration, der inneren Emigration oder des Widerstands annahm.

War die Literatur der Zwischenkriegszeit allgemein von avantgardistischen

Positionen gekennzeichnet, deren allmähliche Revision die intellektuellen

Biographien der bekannten französischen Surrealisten wie Aragon seit

dem Anfang der 1930er Jahre charakterisiert, so waren es doch vor allem die

Krisen dieses Jahrzehnts, die allmählich ein gesellschaftliches und ästhetisch

vermitteltes Krisenbewußtsein schärften, das sich ab 1936 mit dem Putsch

Francos in Spanien und dem spanischen Bürgerkrieg, dem Scheitern der

Front populaire-Regierung in Frankreich und den großen Streikbewegungen

sowie den nunmehr etablierten faschistischen Regimes in Deutschland und

Italien zum beinahe übermächtigen Bedrohungsszenario steigerte. Am Ende

des Jahres 1938 waren selbst grundsätzlich der Autonomieästhetik verpflichtete

Künstler wie Paul Valéry oder der Maler Henri Matisse politisiert

worden. Bei vielen Autoren führte das allgemein geteilte, aber oft diffuse

Krisenbewußtsein zu neuen ästhetischen Positionen, wie etwa bei Michel

Leiris, dessen großes autobiographisches Projekt in dieser Zeit seinen Anfang

nahm, oder bei Jean-Paul Sartre, der den Roman als ästhetisches Medium

politischen Engagements neu entdeckte und in La nausée das Porträt

einer reaktionären Dritten Republik in Frankreich entwarf, das in seinen

gesellschaftsanalytischen Dimensionen den Romanwerken Aragons oder

Feuchtwangers zur Seite gestellt werden kann.

In bezug auf den spezifischen zeitgeschichtlichen Rahmen ähneln sich

die exildeutsche und französische künstlerische Produktion dieser Zeit, auch

wenn sie sich in den Inhalten und Formen des dabei entwickelten Krisenbewußtseins

deutlich unterscheiden. Diese Besonderheit läßt einen genauen

Blick auf die Zeit zwischen 1938 und 1940, die gerade in Frankreich durch

eine bemerkenswerte publizistische Tätigkeit geprägt war – wovon die Zeittafel

im Anhang ein umfassendes Bild vermittelt –, als Desiderat der literatur-

und kulturwissenschaftlichen Forschung erscheinen. Dieses Desiderat

gilt auch für die deutschsprachige Exilforschung, die in den vergangenen

Jahren vermehrt kleinere zeitliche Einheiten als die umfassende Referenzperiode

zwischen 1933 und 1945 in den Blick genommen hat. Dies scheint nicht

nur hilfreich zu sein für die Historiographie Europas im Zeichen des Kamp-


Einleitung 7

fes zwischen den Demokratien und den Faschismen. Der Konflikt, der zwischen

dem Herbst 1938 bis zum Kriegsausbruch 1939 (und noch darüber

hinaus) die Befürworter von den Gegnern der Appeasementpolitik Englands

und Frankreichs trennt, die munichois von den anti-munichois, war auch ein

die Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts prägender Konflikt. Er

findet seinen Ausdruck in allen publizistischen Medien, also in Reden, Zeitungsartikeln

und Zeitschriftenbeiträgen, in Tagebüchern, Essays und auch

in den großen literarischen Gattungen wie dem Roman. Der Fall Paul Nizans

ist deshalb besonders signifikant, weil er auch die medialen Differenzen

zwischen den Formen, in denen die Krise geschrieben wurde, sichtbar

macht. Nizan Reaktionen sind gleichzeitig symptomatisch für ein tiefes Krisenbewußtsein

bei jenen französischen Intellektuellen, die geschockt auf die

Nichtinterventionspolitik Frankreichs und Englands gegenüber Hitler reagierten

und intensiv über die Aufgaben und über das Scheitern Europas und

seiner Werte nachdachten. Zu ihnen gehörte Michel Leiris, der in der Retrospektive

schrieb: „A Nîmes, durant la crise internationale qui précéda

l’accord de Munich, tout ce sur quoi j’avais vécu jusqu’alors me semblait

s’écrouler comme un château de cartes […].“ 3 Im Ergebnis ist ‚München’,

das die von Leiris angesprochene Phase dogmatischer Orientierungslosigkeit

mit sich brachte, in der französischen Öffentlichkeit noch heute das

paradigmatische historische Beispiel für eine Situation, in der es den Demokratien

an Wehrhaftigkeit mangelt.

Was das deutsch-französische Verhältnis angeht, war es nicht die bloße

Präsenz deutscher Emigranten in Frankreich, die auf eine Vernetzung

deutsch-französischer Positionen auch auf ästhetischem Feld hinwirkte. Erst

die im Laufe des Jahres 1938 greifbar werdende militärische Bedrohung

Frankreichs durch Nazideutschland führte zu einer interkulturellen Dynamik,

die zwar die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bestehenden Hoffnungen

auf ein friedliches Verhältnis beider Länder mehr und mehr als

utopisch erscheinen ließ, dennoch aber, auch im Zeichen der offiziellen Appeasementpolitik

der späteren antifaschistischen Kriegskoalition und des

Internationalismus-Gedankens in kommunistischen Zirkeln, deutsch-französische

Wahrnehmungsmuster aktivierte und veränderte, was gerade auch

im literarischen Bereich feststellbar ist. Heinrich Manns monumentales Romanwerk

über Heinrich IV., Walter Benjamins Passagenwerk oder die Berichte,

die Benjamin über das literarische Leben in Paris für das im New

Yorker Exil arbeitende Frankfurter Institut für Sozialforschung schrieb, tragen

ebenso den Index interkulturellen Austauschs wie Hanns Erich Kaminskis

in französischer Sprache verfaßtes Pamphlet Céline en chemise brune, das

als eines der ersten Werke den Antisemitismus des späteren Kollaborateurs

und populären französischen Literaten Louis-Ferdinand Céline themati-

3

Michel Leiris: La règle du jeu, éd. par Denis Hollier, Paris: Gallimard (Pléiade) 2003,

S. 355. [Dt.: In Nîmes, während der internationalen Krise, die dem Münchener Abkommen

voranging, schien all das wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen, worauf ich bis

dahin gelebt hatte ].


8 Das Münchener Abkommen und die Intellektuellen

sierte. Die Mitglieder des Collège de sociologie um Georges Bataille, Roger

Caillois oder Denis de Rougemont bemühten sich zur selben Zeit um eine

philosophisch und soziologisch informierte politische Krisenbewältigung,

unter anderem durch eine neue Rezeption der idealistischen Philosophie

Hegels oder eine aktualisierende Lektüre der Politik der deutschen Romantiker.

An diesem Collège waren deutsche Intellektuelle im Pariser Exil wie

Walter Benjamin oder Hans Mayer beteiligt. Rougemont, einer der Mitbegründer

des Collège, war als Französisch-Lektor Mitte der 1930er Jahre in

Frankfurt am Main gewesen und ließ in seinen Beiträgen, die die Entwicklung

der literarischen Ästhetik und die Geschichte der Kriegstechniken in

europäischer Perspektive zusammenzudenken versuchen, seine Deutschlanderfahrungen

mit in das Programm des Collège einfließen. Dennoch dominiert

auch in diesem Bereich der Krisengedanke: die Zeit um und nach

‚München’ war – die Internierungen zahlreicher deutscher Exilanten in den

Lagern der französischen Republik sind nur ein sichtbares Zeichen davon –

auch vom Scheitern der großen internationalistischen Versöhnungsprojekte

zwischen Intellektuellen verschiedener nationaler Herkunft geprägt. Heinrich

Manns Versuch, im Herbst 1938 noch einmal den Volksfrontgedanken

aufleben zu lassen, scheiterte.

Angesichts der Fülle der möglichen Themen, an denen sich die für den

vorliegenden Band zentralen Fragen verfolgen ließen, können die Beiträge

nicht mehr als exemplarische Analysen bieten, die jedoch alle dadurch systematisch

verbunden sind, daß sie den Folgen ‚Münchens’ für die kulturelle

Produktion deutscher und französischer Intellektueller in Frankreich im

Zeitraum zwischen September 1938 und Juni 1940 nachgehen. Der Zugang

ist dabei prinzipiell interdisziplinär, allerdings mit einem Schwerpunkt auf

literatur- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen. Ziel sollte es nicht

allein sein, die ideologischen und diskursiven Differenzen der einzelnen

Gruppierungen herauszuarbeiten, die in dieser Zeit auf die französische

Öffentlichkeit Einfluß nahmen, sondern die ästhetische Praxis verschiedener

Autoren – wenn auch notgedrungen nur schlaglichtartig – miteinander in

eine kultur- und mentalitätsgeschichtliche Beziehung zu setzen und in der

politischen Geschichte der späten 1930er Jahre zu situieren. Diese Auseinandersetzung

mit der ‚historischen Semantik’ scheint uns in den vorliegenden,

zum größten Teil monographisch angelegten und vielfach aufeinander Bezug

nehmenden Beiträgen gerade im Blick auf das deutsch-französische

Verhältnis gelungen zu sein, und wir hoffen, damit vielseitige Anregungen

für weitere transnational ausgerichtete Arbeiten zu bieten. Eine ausführliche

Einleitung kann an dieser Stelle entfallen, da die beiden am Anfang stehenden

Beiträge von Albrecht Betz und Marie-Luise Recker ausdrücklich einleitenden

Charakter haben.

Die Herausgeber möchten insbesondere der Johann Wolfgang Goethe-Universität

Frankfurt am Main und der Université Lumière Lyon 2 danken,

deren Universitätspartnerschaft den Impuls für den vorliegenden Band

gegeben hat. Einzeln danken möchten wir Frau Professorin Julia Zernack


Einleitung 9

und Herrn Dr. Eberhard Fahlke für das Dekanat des Fachbereichs Neuere

Philologien der Universität Frankfurt, Herrn Professor Werner Hamacher

für die Universitätspartnerschaft und Herrn Professor Roland Spiller für das

Institut für Romanische Sprachen und Literaturen. Organisatorische Unterstützung

für die Frankfurter Tagung im März 2006, auf die dieser Band zurückgeht,

erhielten wir auch vom Vizepräsidenten der Universität Frankfurt

am Main, Professor Jürgen Bereiter-Hahn, und vom International Office, in

Person von John-Andrew Skillen und Almuth Rhode.

Hervorgehoben seien auch die Kooperationspartner des Projekts, namentlich

das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Frankfurt am Main, dem wir, in Person seiner Leiterin Frau Dr. Brita

Eckert, für die erfreuliche und ertragreiche Zusammenarbeit danken, und

der S. Fischer Verlag, besonders Roland Spahr, der das Gespräch mit Hans

Keilson ermöglichte, dessen Transkription wir in den vorliegenden Band

aufgenommen haben. Der Abdruck des Briefes von Siegfried Kracauer an

Ignazio Silone vom 16. Januar 1939 erfolgte mit freundlicher Genehmigung

des Suhrkamp Verlages.

Neben den Universitäten Frankfurt am Main und Lyon 2 danken wir

weiteren Förderern und Stiftern. Dazu gehört an erster Stelle die Stiftung zur

Förderung der internationalen wissenschaftlichen Beziehungen der Universität

Frankfurt. Genannt sei auch die Vereinigung von Freunden und Förderern

der Universität Frankfurt. Der unbürokratische Zuspruch und die

Unterstützung beider waren uns eine enorme Hilfe. Dann danken wir auch

der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken für ihr großes Engagement.

Wir sind froh darüber, uns über die DFH auch institutionell in

die deutsch-französischen Wissenschaftsbeziehungen einbringen zu dürfen.

Die Herausgeber danken Denise Lorenz und Agnès Schachermayer für

ihre Hilfe bei den Übersetzungen. Bei der Drucklegung des Bandes war

Maike Erdmann beteiligt, die das Projekt in allen wichtigen Etappen mitbetreut

hat. Unterstützung bekamen wir auch von Christine Meixner, Volker

Schneider, Philipp Stadelmaier und Zsófia Török. In gestalterischen Fragen

sind wir von Katja Hoffmann (Büro 48, Frankfurt am Main) hervorragend

betreut worden. In allen weiteren Fragen standen uns Francesca Fabbri,

Peter Weinmann und Ramona Lenz zur Seite.

Schließlich sei Wolfgang Asholt und Hans Manfred Bock für die Aufnahme

dieses Bandes in die von ihnen herausgegebene Reihe „editions lendemains“

gedankt, und Jürgen Freudl vom Narr-Verlag für seine kompetente,

geduldige und freundliche Unterstützung.

Die Herausgeber, Frankfurt am Main/Lyon im April 2008


‚München’ und danach


Albrecht Betz

Zwischen Krise und Krieg

Angst laste auf Europa, notiert André Gide 1938 in sein Tagebuch und fügt

seine Trauer – und sein Entsetzen – hinzu über die Massaker, die aus dem

Spanischen Bürgerkrieg gemeldet werden. 1 Dessen Ausbruch jährte sich im

Sommer 2006 zum 70. Mal. Von luziden Zeitgenossen wurde er als Vorspiel,

als Probelauf gleichsam für den kommenden, größeren Krieg gesehen, und

sein Verlauf verhieß nichts Gutes. Die kurzlebige Spanische Republik – noch

einmal Gide – ‚agonisiere’. Aber für die langlebige, nämlich 70jährige III. Republik

Frankreichs galt das ebenso. Die eigene ‚Dekadenz’ avancierte zum

zentralen Thema.

Gibt es Ähnlichkeiten mit dem an Breite gewinnenden aktuellen Modethema

des déclin, des Niedergangs Frankreichs dem Le Monde im Februar

2006 erneut mehrere Seiten widmete? Marcel Gauchet, Chefredakteur der

bei Gallimard erscheinenden Zeitschrift Le Débat faßte Ähnlichkeiten und

Unterschiede so zusammen: natürlich gebe es keine äußere oder auch ideologische

Bedrohung, wie in den 1930er Jahren, wofür Namen wie Hitler,

Mussolini, Franco und Stalin standen; und eine Arbeitslosigkeit von zehn

Prozent habe für die Betroffenen heute nicht die gleichen Folgen wie vor

dem Krieg. Aber die profunde Krise der Eliten und der öffentlichen Institutionen

– Armee, Schule, Justiz und Sicherheitssysteme – sei nicht zu übersehen.

Hinzu trete der Eindruck, in einem Land zu leben, daß von der Geschichte

verurteilt sei, dessen Bedeutung in Europa schrumpfe. Wenn man

heute von déclin statt von décadence spreche, dann darum, weil es keine

wirkliche Sehnsucht nach verschwundenen Werten gebe. Jeder habe in seinem

Privatleben eine außerordentliche Freiheit gewonnen, das einzige, was

wirklich mobilisiere, sei die Verteidigung des Erreichten. Stanley Hoffmann

prägte bereits vor Jahrzehnten den Ausdruck „société bloquée“ (blockierte

Gesellschaft), eine, in der die Gruppen sich mißtrauisch wechselseitig in

Schach halten und so den status quo verhärten. 2

Damit ist man zugleich nah und weit entfernt von jener Atmosphäre äußerster

Aggressivität, von unüberwindlich scheinenden politischen und

gesellschaftlichen Gegensätzen einer wie im Windkanal sich zuspitzenden

Krise wie in den späten 1930er Jahren; weit entfernt freilich auch von einer

1

André Gide: Journal, Bd. 2: 1926–1950, éd. par Martine Sagaert, Paris: Gallimard

(Pléiade) 1997, S. 621.

2

Vgl. Stanley Hoffmann: Essais sur la France. Déclin ou renouveau? Paris: Seuil 1974, S. 10.

Im Diskussionszusammenhang mit Michel Crozier war dessen Buch: La société bloquée,

Paris: Seuil 1970, entstanden.


14

Albrecht Betz

Phase äußerster künstlerischer Produktivität – vor allem im Bereich der

Literaturdie jene Epoche auszeichnet.

*

Jean-Paul Sartre, dem 1938 mit La Nausée (Der Ekel) ein früher Durchbruch

gelingt, wird diese Phase im Rückblick so zusammenfassen:

A partir de 1930, la crise mondiale, l’avènement du nazisme, les événements de

Chine, la guerre d’Espagne, nous ouvrirent les yeux; il nous parut que le sol allait

manquer sous nos pas […]: ces premières années de la grande Paix mondiale, il

fallait les envisager soudain comme les dernières de l’entre-deux-guerres; […]. Du

coup, nous nous sentîmes brusquement situés: le survol qu’aimaient tant pratiquer

nos prédécesseurs était devenu impossible […]. 3

Fast wirkt dieser Passus wie ein Echo auf einen Essay von Julien Benda aus

dem Jahr 1938 über den „Konflikt der Generationen in Frankreich“. Dort

hatte Benda, zehn Jahre nach seinem berühmten Buch über La trahison des

clercs (Der Verrat der Intellektuellen), unterschieden zwischen jenen Autoren,

die ihre Sozialisation vor und jenen, die sie nach dem Ersten Weltkrieg

erfahren hatten. Die ältere Generation, so Benda in seinem Text – den übrigens

Leopold Schwarzschild für sein Neues Tage-Buch, die bekannteste Pariser

Exil-Zeitschrift, übersetzen ließ – habe ein anderes Verhältnis zum individuellen

Glück besessen, sei nicht in beständiger „Angst vorm Kriege“

aufgewachsen, habe in der „persönlichen Freiheit“ – auch der literarischen

Ungebundenheit – etwas geradezu Heiliges gesehen. 4 Die Absolutheitsansprüche

von Geist und Moral seien ihr selbstverständlich gewesen.

Demgegenüber fröne die junge Generation einem Kultus von Energie

und Aufopferung, fordere gesellschaftliche Veränderungen, sie „glaube,

weniger denken als vielmehr handeln zu müssen“. Im Prinzip verwerfe sie

das derzeitige „demokratische Regime, das ihr im wesentlichen als eine

bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform erscheint“. Demokratie werde

von ihr mit Plutokratie identifiziert. „Der Nimbus der fascistischen Regierungsformen

– auch des Sowjetismus –“, fährt Benda fort, „ergibt sich teilweise

aus dem jugendlichen Glauben, die ‚totalitären‘ Systeme seien in

hohem Grade freigeworden von der Macht des Geldes“.

3 Jean-Paul Sartre: Qu’est-ce que la littérature?, Paris: Gallimard 1948, S. 212–213. [Dt. nach

der Ausgabe Was ist Literatur?, hg. und übersetzt von Traugott König, Reinbek bei

Hamburg 1981, S. 164–165: „1930 öffneten uns die Weltkrise, das Aufkommen des

Nazismus, die Ereignisse in China und der Spanienkrieg die Augen; der Boden schien

unter unseren Füßen zu wanken : jene ersten Jahre des großen Weltfriedens mußte

man plötzlich als die letzten der Zwischenkriegszeit betrachten. Damit fühlen wir

uns plötzlich situiert: das Überfliegen, das unsere Vorläufer so gerne praktizierten, war

unmöglich geworden “].

4

Julien Benda: „Der Konflikt der Generationen in Frankreich“, in: Das Neue Tage-Buch,

6. Jg., 15.10.1938, S. 1001–1009.


Zwischen Krise und Krieg 15

Risiken einzugehen beim eigenen, möglichst radikalen Engagement – in

Frontstellung zu einer sich mehr und mehr in ihren Widersprüchen verkrampfenden

Gesellschaft – sei an der Tagesordnung. „Ich glaube“, resümiert

Benda, „die ganze jüngere Generation (und sie bekennt sich ja, rechts

wie links, fast ausnahmslos zu Nietzsches Gedankenwelt: von Thierry-

Maulnier über Guéhenno bis zu André Malraux) würde sich solidarisch

erklären mit dem Wort aus der Götzendämmerung: ‚Den freien Mann ekelt es

vor jenem erbärmlichen Behagen, das ein Traum ist der Krämer, der Christen,

der Kühe, Weiber, Engländer und sämtlicher Demokraten‘.“ 5

Für die jungen mit dem Faschismus sympathisierenden Intellektuellen

erwähnt Benda, außer Thierry-Maulnier, Robert Brasillach; er hätte auch

Lucien Rebatet und Bertrand de Jouvenel nennen können sowie die wenig

älteren Céline und Drieu La Rochelle, die sich zu Stars der Collaboration

mausern werden. Für die jungen Linken erwähnt er Jean Guéhenno: er hätte

Aragon sowie Sartres Freund Paul Nizan hinzufügen können, der soeben für

seinen marxistisch inspirierten Roman La Conspiration (Die Verschwörung)

mit dem Prix Interallié ausgezeichnet worden war.

Für die Vorkriegsgeneration, die inzwischen über 60jährigen, nennt

Benda stellvertretend Romain Rolland und Giraudoux; er hätte ebenso

Valéry, Gide und Claudel anführen können; und dann jene (aber sie hätten

in seine Gegenüberstellung nicht gepaßt), die sich bei den jüngeren außerhalb

seiner Kategorien bewegten: angefangen bei den Sürrealisten um Breton,

dann den Gründern des Collège de Sociologie wie Roger Caillois und

Georges Bataille, den jungen ‚Personalisten‘ um Emmanuel Mounier und

Denis de Rougemont und die Zeitschrift Esprit.

Fast scheint es, als hätte die politisch fiebrige Vorkriegsatmosphäre,

einem giftigen Aphrodisiakum gleich, die literarische Produktivität gesteigert

die natürlich jene selbst in Frankreich seltene Akkumulation von Talenten

voraussetzte, von Benda beschrieben als Gleichzeitigkeit der ungleichzeitigen

Generationen. Die literarisch keinesfalls arme Periode der

Okkupation, in die hinein diese Phase sich verlängert, kann vielleicht ebenso

sehr unter dem Aspekt der Kontinuität wie dem des Bruchs gesehen werden.

*

„Alle Gedankengänge“, schreibt Alfred Kantorowicz in seinen Erinnerungen

Exil in Frankreich, „führten zurück zu jenem Tiefpunkt der Geschichte am

30. September 1938, als von Chamberlain und Daladier im Namen Großbritanniens

und Frankreichs in München die Tschechoslowakei ausgeliefert

wurde“ 6 . Und er zitiert aus Thomas Manns damals entstandenem Essay

5

Ebd., S. 1006.

6

Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich. Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten, Bremen:

C. Schünemann 1971, S. 26–27.


16

Albrecht Betz

Dieser Friede: „Die Geschichte des Verrates der europäischen Demokratie an

der tschechoslowakischen Republik, die Darbringung dieses […] Staates an

den Faschismus, um […] ihn dauernd zu befestigen und sich seiner als eines

Landsknechtes gegen Rußland und den Sozialismus zu bedienen […]“; dieser

schlimme Höhepunkt der westlichen Appeasementpolitik, die Kapitulation

aus bürgerlicher Furcht vor dem Kommunismus, habe „die Deutschen

der inneren und äußeren Emigration“ schmerzlich gewahr werden lassen,

daß wir „Europa, zu dem wir uns bekannt hatten und das wir moralisch

hinter uns zu haben glaubten, in Wirklichkeit nicht hinter uns hatten; daß

dieses Europa den mehrmals so nahe gerückten Sturz der

nationalsozialistischen Diktatur garnicht wollte“ 7 .

In der Oktobernummer von Esprit nimmt Emmanuel Mounier in einem

„Lendemains d’une trahison“ (Nach dem Verrat) betitelten Artikel zur Krise

von München Stellung; über seine publizistischen Kollegen in Gringoire und

anderen Rechtsblättern schreibt er: „‚Plutôt Hitler que Blum‘.“ 8 Die faschistischen

Staaten als „assurance contre Moscou“ (Versicherung gegen Moskau):

so klingt der konservative Tenor in den Ohren der Linken; sie ist sich sicher,

daß es der Kapitalfraktion wichtiger sei, die sozialen Errungenschaften der

Volksfront im Innern rückgängig zu machen, als sich gegen die äußere Gefahr

– den befürchteten Revanchekrieg Hitlerdeutschlands – zu wappnen. 9

Es gibt noch ein anderes Motiv für die Parole ‚Lieber Hitler als Blum’ – und

darum findet sie sich auch in Célines berüchtigtem Pamphlet Bagatelles pour

un massacre –: das antisemitische. Wenn man von Zeitgeist-Literatur – als

nicht-fiktionaler – sprechen will, dann sei angemerkt, daß es in der zweiten

Hälfte der dreißiger Jahre in Frankreich an antisemitischen Ausfällen dort

nicht mangelt: sie finden sich keineswegs nur bei der nationalistischen

Rechten, wo man sie ohnehin seit Drumont erwartet, sondern auch bei Autoren

wie Jouhandeau, Giraudoux und dem jungen Maurice Blanchot. Der

immer wiederkehrende Refrain lautet, Frankreich befinde sich im Zustand

der „décomposition“ (Zersetzung): wegen des parlamentarischen Regimes,

wegen der Volksfront (sie dauerte nicht einmal zwei Jahre) und wegen der

Überschwemmung durch emigrierte Juden. 10

Welches außenpolitische Kraftfeld umgibt die Widersprüche dieser

Jahre, in denen es von ideologischen Diskursen wimmelt? Versuchen wir

eine Reduktion jener Komplexität.

7 Zitiert nach: ebd., S. 26–27.

8 Emmanuel Mounier: „Lendemains d’une trahison“, in: Esprit (Oktober 1938), S. 1–15.

[Im Zusammenhang lautet das Zitat ins Deutsche übersetzt: Ohne Zweifel täuschen sie

sich radikal über den Sinn der Faschismen, die die bourgeoise Macht nur als Drehscheibe

benutzen . Man versteht nichts vom Verhalten dieser Fraktion der französischen

Bourgeoisie, wenn man nicht hört wie sie mit halber Stimme murmelt: ‚Lieber Hitler als

Blum‘; Übers. A.B.].

9

Zitiert nach: Journal de la France et des Français. Chronologie, Paris: Gallimard 2001,

S. 2049–2050.

10

Michel Winock: „L’esprit de Munich“, in: ders.: Les années trente. De la crise à la guerre,

Paris: Seuil 1990, S. 121.


Zwischen Krise und Krieg 17

Sehr vereinfacht gilt für die Periode von 1933–1939 in Europa, daß wesentlich

drei Kräfte mit dem Anspruch auftreten, stellvertretend für den Kontinent

zu sprechen:

die liberalen Demokratien, vor allem Frankreich und Großbritannien;

die faschistischen Staaten unter Führung von Italien und dem Deutschen

Reich;

die Sowjetunion, als einziges Land, in dem der Kommunismus an der

Macht ist, auf das sich jedoch zahlreiche kommunistische Parteien in der

Mehrheit der europäischen Länder stützen.

Diese drei politischen Kräfte operieren mit einer ähnlichen Strategie hinsichtlich

ihrer Selbstdarstellung und ihrer Propaganda: bei dem mehr oder

weniger affirmierten Ziel, ihre Hegemonie auf ganz Europa auszudehnen,

suchen sie sich der Loyalität der je eigenen Bevölkerung zu versichern, indem

sie ein negatives Amalgam der je anderen beiden Kräfte präsentieren.

Aus Sicht der bürgerlichen Demokratie sind Faschismus und Kommunismus

beide Erscheinungsformen des Totalitarismus: die rote Diktatur und

die braune gleichen sich. Die eine wie die andere wetteifern im Kult um den

charismatischen Führer (Mussolini, Stalin, Hitler), die Macht liegt bei einer

staatlichen Einheitspartei; die Politik der Beeinflussung, so wie sie die

Machtzentrale definiert, ist feindlich gegenüber jedem Pluralismus und

führt zu Kollektivismus und Militarisierung der Gesellschaft.

Aus faschistischer und nationalsozialistischer Perspektive sind Liberalismus

und Marxismus Zwillingsbrüder, auch wenn sie in unterschiedlichen

historischen Epochen in die Welt traten. Gemeinsam ist ihnen der abstrakte

Materialismus (das Geld, die Massen). Die Quelle allen Übels sind die Ideen

von 1789 und ihre unheilvollen Folgen: die Emanzipation der Juden, der

Frauen und der Arbeiter.

Die Juden spielen folgerichtig die entscheidende Rolle in beiden Lagern

(Plutokratie, Bolschewismus), die einander korrespondieren. Die organische

Einheit, das harmonische Wachstum, Blut und Boden, Volk und Nation stehen

unter der Bedrohung unmittelbarer Entartung, geraten sie unter ihren

Einfluß.

Von marxistischer Warte aus erscheint der Faschismus als extreme und

äußerste Form des Liberalismus, der in seine Endkrise geraten ist und sich

zuvor nur pseudodemokratisch verhüllt hatte. Beide Ideologien sind der

Arbeiterklasse und dem Volk feindlich. Sie verteidigen das Privateigentum,

einen Überrest der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts, eine Welt, von

der man weiß, daß sie – zumindest seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 –

zum Untergang verurteilt ist. Der Faschismus wird (laut Dimitrow 1935)

definiert „als offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten

chauvinistischen, am meisten imperialistischten Elemente des Finanzkapitals“

11 .

11 Sachwörterbuch der Geschichte Deutschlands, Berlin: Dietz 1969, S. 978.

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