Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

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Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

Einleitung 7

fes zwischen den Demokratien und den Faschismen. Der Konflikt, der zwischen

dem Herbst 1938 bis zum Kriegsausbruch 1939 (und noch darüber

hinaus) die Befürworter von den Gegnern der Appeasementpolitik Englands

und Frankreichs trennt, die munichois von den anti-munichois, war auch ein

die Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts prägender Konflikt. Er

findet seinen Ausdruck in allen publizistischen Medien, also in Reden, Zeitungsartikeln

und Zeitschriftenbeiträgen, in Tagebüchern, Essays und auch

in den großen literarischen Gattungen wie dem Roman. Der Fall Paul Nizans

ist deshalb besonders signifikant, weil er auch die medialen Differenzen

zwischen den Formen, in denen die Krise geschrieben wurde, sichtbar

macht. Nizan Reaktionen sind gleichzeitig symptomatisch für ein tiefes Krisenbewußtsein

bei jenen französischen Intellektuellen, die geschockt auf die

Nichtinterventionspolitik Frankreichs und Englands gegenüber Hitler reagierten

und intensiv über die Aufgaben und über das Scheitern Europas und

seiner Werte nachdachten. Zu ihnen gehörte Michel Leiris, der in der Retrospektive

schrieb: „A Nîmes, durant la crise internationale qui précéda

l’accord de Munich, tout ce sur quoi j’avais vécu jusqu’alors me semblait

s’écrouler comme un château de cartes […].“ 3 Im Ergebnis ist ‚München’,

das die von Leiris angesprochene Phase dogmatischer Orientierungslosigkeit

mit sich brachte, in der französischen Öffentlichkeit noch heute das

paradigmatische historische Beispiel für eine Situation, in der es den Demokratien

an Wehrhaftigkeit mangelt.

Was das deutsch-französische Verhältnis angeht, war es nicht die bloße

Präsenz deutscher Emigranten in Frankreich, die auf eine Vernetzung

deutsch-französischer Positionen auch auf ästhetischem Feld hinwirkte. Erst

die im Laufe des Jahres 1938 greifbar werdende militärische Bedrohung

Frankreichs durch Nazideutschland führte zu einer interkulturellen Dynamik,

die zwar die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bestehenden Hoffnungen

auf ein friedliches Verhältnis beider Länder mehr und mehr als

utopisch erscheinen ließ, dennoch aber, auch im Zeichen der offiziellen Appeasementpolitik

der späteren antifaschistischen Kriegskoalition und des

Internationalismus-Gedankens in kommunistischen Zirkeln, deutsch-französische

Wahrnehmungsmuster aktivierte und veränderte, was gerade auch

im literarischen Bereich feststellbar ist. Heinrich Manns monumentales Romanwerk

über Heinrich IV., Walter Benjamins Passagenwerk oder die Berichte,

die Benjamin über das literarische Leben in Paris für das im New

Yorker Exil arbeitende Frankfurter Institut für Sozialforschung schrieb, tragen

ebenso den Index interkulturellen Austauschs wie Hanns Erich Kaminskis

in französischer Sprache verfaßtes Pamphlet Céline en chemise brune, das

als eines der ersten Werke den Antisemitismus des späteren Kollaborateurs

und populären französischen Literaten Louis-Ferdinand Céline themati-

3

Michel Leiris: La règle du jeu, éd. par Denis Hollier, Paris: Gallimard (Pléiade) 2003,

S. 355. [Dt.: In Nîmes, während der internationalen Krise, die dem Münchener Abkommen

voranging, schien all das wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen, worauf ich bis

dahin gelebt hatte ].

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